Kitabı oxu: «Die Schatten von Paradell»

Şrift:

Inhalt

Impressum 3

Widmung 4

Prolog 5

Kapitel 1 – Schatten im Sommer 8

Kapitel 2 – Schatten der Erinnerung 21

Kapitel 3 – Schützender Glaube 35

Kapitel 4 – Rückkehr 49

Kapitel 5 – Schutzengel 65

Kapitel 6 – Paradell 81

Kapitel 7 – Schatten der Dunkelheit 102

Kapitel 8 – Das Wiedersehen 116

Kapitel 9 – Schatten der Träume 136

Kapitel 10 – Angrowins Geschichte 154

Kapitel 11 – Schatten am Horizont 170

Kapitel 12 – Kampf den Schatten 187

Kapitel 13 – Die frohe Kunde 203

Kapitel 14 – Überstürzter Aufbruch 215

Kapitel 15 – Es wird ernst 233

Kapitel 16 – Schatten und Licht 251

Kapitel 17 – Kinder der Schatten 264

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99130-092-2

ISBN e-book: 978-3-99130-093-9

Lektorat: Tobias Keil

Umschlagfoto: Leeloomultipass, Nextmars, Amador García Sarduy, Welburnstuart | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Widmung

Für meine Frau, ohne die diese Geschichte nicht existieren würde.

Für meinen Sohn, für den diese Geschichte ein Geschenk ist.

Aber vor allem für euch, die Leser,

die ich versuche mit dieser Geschichte

für eine kurze Zeit aus dem Alltag zu entführen.

Prolog

Inmitten der bis zur Unkenntlichkeit zerstörten Überreste seines Autos schlug er seine Augen auf. Er wusste nicht, wo er war, beziehungsweise wie er dort hinkam. Es war ihm nicht klar, ob er träumte oder nicht.

Er schaute sich um und sein Blick fand einen Rettungssanitäter, der vor ihm auf den Resten seiner Motorhaube hockte. Der Sanitäter sah ihn erstaunt an. Sein Ausdruck sagte: „Huch, der lebt ja.“

In Wirklichkeit war der Helfer nicht überrascht. Er hatte seinen Patienten medikamentös aus der Bewusstlosigkeit geholt, um die Schwere der Verletzungen zu ermitteln. Sonst wäre er verblutet.

Er schaute sich die Umgebung des Patienten genauer an. Überall waren Blut, Glas und Metall. Sein Bein war in einem komischen Winkel unter dem Armaturenbrett eingeklemmt.

Da bewegte sich der Patient und versuchte aufzustehen. „Nein, bloß nicht bewegen. Bleiben Sie liegen“, ermahnte ihn der Sanitäter. „Sie hatten einen Autounfall. Keine Sorge, wir sind bei Ihnen. Wir helfen Ihnen gleich da raus.“

„Was Autounfall?“, dachte er sich. „Das ist doch Unsinn. Das hätte ich mitbekommen. Oder?“ Seine Erinnerung war verschwommen. Er war verwirrt und wusste nicht, was mit ihm los war. „Das, was der Mann da auf der Motorhaube erzählt, macht alles keinen Sinn“, dachte er weiter.

Angestrengt überlegte er und versuchte, sich zu erinnern. Er wusste, wie er morgens das Haus verlassen hatte. Quälend langsam kam die Erinnerung zurück. Er hatte mit dem winzigen Reisekoffer im Hausflur gestanden. Mit dem, den er für seine Dienstreisen über eine Nacht verwendet.

„Schatzi, ich mach mich dann los.“ Aus dem Wohnzimmer waren seine Ehefrau und hinter ihr sein dreijähriger Sohn gekommen. Er umarmte seine Familie zum Abschied. „Tschüss mein Großer. Papa ist morgen wieder da. Sei brav bis dahin. Hörst du?“

Dann wanderte seine Erinnerung weiter auf die Autobahn. Er war unterwegs. Heute war viel Verkehr, aber alles war entspannt. Er hörte Musik und fuhr die Kilometer dahin. Die Straße war für ihn Routine. Die Sonne stand tief und Feuchtigkeit auf der Fahrbahn erzeugte einen geringfügigen Nebel. Nichts, was er nicht vielerorts erlebt hatte.

Plötzlich leuchtete die ganze Welt vor ihm rot auf. Alle Bremslichter schienen gleichzeitig zu erstrahlen. Sofort war das Adrenalin da und er riss die Augen auf. Er bremste kräftig und brachte sein Auto rechtzeitig zum Stehen. Er sah sich im Bruchteil einer Sekunde um und bemerkte einen Transporter, der es deutlich schwieriger hatte, anzuhalten. Der schaffte es, zum Glück, auf den Seitenstreifen auszuweichen und kam dort sicher zum Stehen. „Puh“, hatte er gedacht. „Alles gut, das war ja knapp. Alles ist gut.“

Dann … Dunkelheit und als Nächstes … Das Aufwachen. Und der Sanitäter. „Was war dazwischen?“

Es traf ihn wie ein Schlag. Die Erinnerung brach mit aller Macht über ihn herein. Er war zurück. Im Flashback vor dem Unfall. Er hatte in den Rückspiegel geschaut. „Was ist das?“, hatte er sich in Gedanken gefragt. Ein LKW raste auf das Stauende zu. Zwei oder drei Autos schob er wie Spielzeug zur Seite und hielt unausweichlich direkt auf seinen Kofferraum zu.

„Oh Mist“, war das Letzte, was ihm aktiv durch den Kopf ging. Dann verlangsamte sich alles um ihn herum. Die Welt hüllte sich in Dunkelheit. Er wusste nicht, ob das der Schatten des LKWs war oder nicht. Doch unerwartet war da Licht. Purpurnes Leuchten. Der ganze Innenraum des Autos überzog sich langsam mit dezenten filigranen purpurnen Linien, die pulsierten.

Es krachte im Heck seines Wagens, alles geschah weiterhin in Zeitlupe. Er sah die Risse, die sich über der Heckscheibe ausbreiteten, bis sie zersprang. In diesem Moment verdeckte ein Körper aus Schatten das purpurne Licht und ergriff ihn. Er sah dünne langfingrige Hände, die seinen Kopf hielten. Sie schoben ihn zur Seite und drehten ihn nach vorn. Durch die Frontscheibe erkannte er einen weiteren LKW schräg rechts vor ihm. Er erinnerte sich nicht, dass dort einer war. Langsam schob sich sein Auto unter der hinteren Ecke des LKW-Hecks hindurch, bewegt durch die ungeheure Kraft des zweiten, der sich kontinuierlich tiefer in den Kofferraum grub. Das Dach schälte sich ab und drückte sich zwischen den beiden Kolossen wie eine Ziehharmonika zusammen.

Die ganze Zeit hielt ihn der lebendige Schatten fest und bewegte seine lebenswichtigen Körperteile hin und her, damit nichts zerquetscht oder durchbohrt werden würde. Die schemenhafte Gestalt griff nach dem Bein, erreichte es aber nicht rechtzeitig. Ein grausiges Knacken war das Resultat. „Das ist gebrochen“, hatte der Mann gedacht, ohne jeglichen Schmerz zu empfinden.

Seine Gedanken kehrten zurück in die Gegenwart. Das Blut strömte ihm über den Kopf und aus Unmengen winzigen Schnittwunden. Er hatte jedoch Glück. Außer seinem Bein schien nichts ernsthafter verletzt worden zu sein.

Er schaute in das Gesicht des Sanitäters. Das Licht war genauso verschwunden wie das Schattenwesen.

„Ein Schutzengel“, stammelte der Mann vor sich hin. „Ich habe einen Schutzengel gesehen. Es war ein Schatten. Er hat mein Leben gerettet.“

Kapitel 1 – Schatten im Sommer

– 1 –

Dieser traumhafte Tag im Sommer schien ewig anzudauern. Alles war unbeschwert und jedwede Probleme waren weit weg. Die Welt stand scheinbar still und es herrschte eine wunderbare Ruhe.

Ein paar winzige Meisen saßen auf einem Baum, zwitscherten ihr Lied, dessen Bedeutung ausschließlich ihnen bekannt war. Sie hatten erst das Nest verlassen und erkundeten die Welt mit Neugier und Erstaunen. In der Sonne genossen sie die Ruhe der Natur.

Hals über Kopf durchbrach ein Junge die Stille. Er kam aus dem Dickicht des Waldes gestürmt und vertrieb die Meisen von ihrem Ast. Er lachte beim Rennen und rief: „Oh Mann Ben, du kriegst mich doch nie. Lass es lieber sein, sonst bekommst du einen Herzinfarkt von der Anstrengung.“

Und tatsächlich kam mit gehörigem Abstand ein zweiter Junge aus demselben Gebüsch gerannt. Ben war sichtlich minder vergnügt und atmete schwer. Schweiß stand ihm auf der Stirn und er keuchte: „Hey Simon, das ist unfair. Wir wissen beide, dass du fitter bist. Gib sie mir wieder. Bitte, ist das dauernd nötig?“

„Ach ich helfe dir damit. Das verschafft dir bisweilen Bewegung und bringt Leben in deine ‚schweren Knochen‘“, antwortete Simon und stoppte, um sich vor weiterem Lachen den Bauch zu halten.

Da schimpfte eine hohe Mädchenstimme aus dem Wald hinter Ben: „Komm schon Simon, du weißt, dass das Basecap seinem Bruder gehörte und es das Einzige ist, was er zur Erinnerung behielt.“

Kurz darauf erschien die Inhaberin der Stimme aus dem Dickicht. Sie reichte Simon nur bis zur Brust und sah zu ihm auf. Sie war aber sehr aufgebracht und hatte damit eine bestimmende, eindringliche Ausstrahlung. Simon wusste, dass das bei der sonst zurückhaltenden Marie eine Ausnahme darstellte und in diesen Momenten nicht mit ihr zu spaßen war. Er dachte, dass es klüger wäre mit dem dämlichen Lachen aufzuhören.

Simon setzte demonstrativ ein reuiges Gesicht auf und warf Ben das Basecap zu. Trotz allem verkniff er es sich nicht zu sagen: „Ist es denn notwendig, dass ihn alle überall mit der Mickey Maus auf dem Kopf sehen? Ich meins nur gut. Wir sind in der 8. Klasse, da schauen die coolen Kids komisch.“

Ben sammelte seine Mütze vom Boden auf und schaute sich die fröhlich tanzende, mittlerweile ausgeblichene Maus an. „Seit wann scherst du dich um die coolen Kids? Und mir ist das klar. Dennoch, Stevie hat das Cappi auch nie abgesetzt“, murmelte Ben und stützte sich außer Atem auf den Knien ab. Er versuchte, seinen Kreislauf zu beruhigen. „Es gibt praktisch kein Bild von ihm in meiner Erinnerung, wo er sie nicht trägt.“ Umso mehr er von seinem, viel zu früh verstorbenen Bruder Steve sprach, umso mehr schlich sich die Traurigkeit in seine momentan atemlose Stimme.

Marie legte einen Arm um ihn und, wie immer, blieb ihr jegliche Sprache im Halse stecken, wenn Ben von Steve redete. Sie war gewillt, ihn zu trösten. Leider hatte sie sich mittlerweile beruhigt und ihr Adrenalin-getriebenes Selbstbewusstsein war wieder verflogen.

In dem Moment erschienen zwei weitere Jugendliche, sichtlich entspannter, aus dem Wald. Tamara und Lukas schienen sich nicht an der stürmischen Verfolgungsjagd beteiligt zu haben. Relaxt, Hand in Hand, stießen sie zu den anderen. „Müsst ihr euch immer so kindisch aufführen?“, fragte Tamara und rollte überdeutlich mit den Augen.

„Komm schon Ben, keuch nicht so übertrieben. Du bist ganz verschwitzt und dein Bauch hängt aus dem T-Shirt. Steh auf“, sagte sie, aber schaute ihn dabei nicht an. Lukas hingegen bewegte sich auf Ben zu, ergriff die Mütze aus seiner Hand und setzte sie ihm auf den Kopf. „Alles wieder in Ordnung?“, fragte er und half ihm, zusammen mit Marie, sich wiederaufzurichten.

„Ja, passt schon“, brachte Ben ohne Schnaufen heraus. Und zeigte wieder ein bescheidenes Lächeln im Gesicht. Er rückte sich seine runde Brille auf der Nase zurecht und sagte: „Wir lassen uns doch nicht diesen perfekten Sommerferientag verderben.“

Lukas’ lange dunkelblonde Haare fielen ihm ins Gesicht. Mit dem ihm typischen Schwung des Kopfes warf er sie wieder zur Seite. Er war ständig darauf bedacht, dass seine Haarpracht ordentlich saß. Dann streifte er sein Poloshirt glatt und lächelte Tamara an. Sie schien genauso darauf bedacht, nicht in die allgemein kindisch oberflächliche Art der anderen zu passen. Untypisch für einen Sommerferientag geschminkt und ein hübsches, teuer wirkendes gestreiftes Kleid am Körper, wirkte sie eher für eine städtische Shoppingtour als für den Wald vorbereitet.

Sie lächelte Lukas an und sagte zu den Anderen: „Habt ihr euch wieder eingekriegt? Können wir uns dann wieder zivilisiert weiterbewegen?“

Lukas, Marie und Ben wanderten nebeneinander los, die Arme auf den Schultern der Nachbarn und alles war wie vorher. Sie kicherten und hüpften beim Gehen wie ein klitzekleiner, unausgesprochener Seitenhieb für Tamara. „Sieh her, wie sich Kinder in deinem Alter verhalten.“

Simon hatte wieder zu seiner gewohnten Lässigkeit zurückgefunden, schlenderte neben Ben und auch er legte seinen Arm um dessen Schulter. Das Wunder der langjährigen Freundschaft von Kindern. Sie zankten ständig, aber nichts war ernst genug, dass es länger für schlechte Stimmung sorgte. Erst recht nicht bei 30 Grad im strahlenden Sonnenschein der Sommerferien.

Wie immer, wenn er mit den anderen glücklich war, stimmte Simon sein Lieblingslied an, beste Freunde von den Crimson Kings.

„… Zweifel sind für uns kein Hindernis. Wir stehen füreinander ein. Selbst Gott kann das bezeugen. Wir halten unser Wort …“

Tamara schaute zwar kurz abwertend auf diese wundersame Gruppe mit dem schief singenden Kerl. Aber, nein. Sie schaffte es nicht, sich diesem bezaubernden Freundschaftsmoment zu entziehen.

Vor allem, sie liebte Lukas mehr, als sie sich eingestand. Das, was sie beide in ihren jeweiligen Elternhäusern durchmachten, all der Hass und die Gewalt waren wie vergessen, wenn sie zusammen waren. Mit ihm hatte sie die Möglichkeit, aufrichtig darüber zu sprechen, weil er nachvollziehen konnte, was sie belastete.

Sie war erst seit kurzem Teil dieser eingeschworenen Gruppe, aber sie wusste, dass nichts diese vier Freunde zu trennen vermochte. Fünf Freunde, berichtigte sie sich in Gedanken und beeilte sich, um die anderen einzuholen, schloss zu Lukas auf und legte den Arm um seine Schulter.

„… Es war nicht immer leicht, doch wir sind der starke Fels. In der Brandung stehen wir und halten allem stand. Die Zukunft können wir deutlich sehen und sind uns sicher sie zu meistern …“

Und da stimmten alle lauthals mit ein.

„… Beste Freunde, das sind wir. Durch dick und dünn da gehen wir. Allein sind wir ein Blatt im Wind. Doch zusammen stehen wir, so fest wie Bäume in der Erde …“

Alle lachten herzlich zusammen. Simon, Ben, Marie, Lukas und Tamara, die fünf Freunde, deren Laune an diesem traumhaften Ferientag offenbar nichts zu gefährden vermochte.

– 2 –

„Herrlich, eigentlich steh ich ja so gar nicht auf die deutschsprachigen Lieder, aber diese Band rockt“, schwärmte Simon, weiter im Takt nickend, da der Song bei ihm im Kopf weiterlief.

Die Liebe für Rockmusik hatte er von seinem Vater. Es war für Simon die beste Zeit gewesen, bei ihm in der Werkstatt im Keller zu sein und ihm bei den diversen hobbymäßigen Basteleien zu helfen. Dort hatte sein Vater regelmäßig das Radio auf die höchste Stufe gedreht und seine liebsten Rockhymnen lautstark mitgesungen. Seit seine Eltern weg waren und er bei seiner Tante wohnte, fehlte ihm das immens.

„Also jetzt auf, weiter, lasst uns hochgehen, sonst kommen wir nie mehr an unserem Platz an“, sagte er und alle stimmten dem zu.

Nach fünf Minuten wichen die Bäume vom Weg zurück und gaben die Sicht frei auf eine atemberaubende Aussicht. Da lag die Stadt unter ihnen mit ihrem hektischen Treiben. All die Menschen, die sich dort tummelten, wie Ameisen hin und her laufend. Doch nach hier oben gelangte der Lärm nicht und die städtische Hektik erschien hier nahezu unwirklich.

Die Stadt breitete sich bis an den Horizont aus. Direkt vor ihnen lag ein dicht bebautes Viertel mit unzähligen, identischen Wohnblöcken. Das war die Heimat der fünf Kinder, die von oben darauf hinabblicken.

Dahinter erstreckte sich eine größere Grünfläche. Beton unterbrach sie auf dem ganzen Areal und ein halbrundes Gebäude rahmte das Gebiet ein. Das war der Stadtpark auf dem ehemaligen Flugplatz.

Die Freunde schauten weiter und undeutlich, am Horizont zeichneten sich die Hochhäuser ab.

Die Sonne prallte heiß auf die Betonwelt unter ihnen. „Erinnert ihr euch an die Lockdowns in den letzten Jahren, als alles da unten wegen des Corona-Desasters wie eine Geisterstadt wirkte?“, fragte Lukas. „Jetzt scheint das wieder wie vergessen und die Großstadt kommt wie früher nicht mal nachts zur Ruhe.“ Seine Freunde nickten bedrückt.

In dem Moment schien sich eine einsame Wolke vor die Sonne zu schieben und die Stadt in einen kühlen Schatten zu tauchen. Es erschien alles wie verschwommen. Die Details der Metropole unter ihnen hatten an Klarheit verloren und waren wie verdeckt.

„Komisch“, sagte Ben, „es wirkt fast so wie ein Déjà-vu. Die Schatten scheinen die Augen getäuscht zu haben, sodass die Menschen und Autos kurz wie verschwunden waren. Ihr wisst, was ich meine, ausgestorben wie es letztes Jahr aussah.“

„Fantasierst du wieder Ben?“, lachte Simon und Lukas stimmte mit ein. „Ja, die Sonne schien und ich dachte, in der Ferne steht Wasser auf den Straßen. Manch einer ist sich sicher, dass das eine Fata Morgana ist, aber hast du Lust zum Baden Ben?“

„Haha“, prustete Tamara, „schade, dass es nicht regnet. Bei einem Regenbogen könnten wir den Goldtopf am Ende suchen.“

„Ist ja gut Leute, es war nur eine Täuschung“, sagte Ben und fuhr mit einem Augenzwinkern fort: „Wollt ihr euch weiter über mich amüsieren, oder wollt ihr stattdessen von meinen kühlen Getränken abhaben? Ihr kennt mich, ich habe genug Durst. Ich trinke das zur Not alles allein aus.“

Er schaute zu Marie, die wieder froh war, sich nicht an den kindischen Neckereien gegen Ben beteiligt zu haben. Er hatte jederzeit gute Sachen für alle dabei. Freunde wie ihn sollte man sich warmhalten.

„Möchtest du vielleicht eine kühle Limo haben, Marie?“, fragte Ben mit einer übertriebenen Freundlichkeit. „Selbstverständlich, das wäre heeerrlich“, antwortete sie mit derselben gespielten Übertreibung. Beide stießen kichernd an und genossen die Frische, die ihre Kehlen hinabrann.

Theatralisch begab sich Simon vor Ben auf die Knie, verneigte sich und flehte: „Oh großer weiser Ben, willst du uns arme verlorene Seelen vor dem Verdursten retten? Wir Sünder haben es nicht verdient, hast du nicht ein Herz?“ Alle lachten ausgelassen über diese Blödelei und Ben verteilte Flaschen aus seinem Rucksack an die Anderen.

Sie genossen ihre Limos in der Sonne. Zusätzlich hatte er ein paar Chips. „Ben denkt grundsätzlich an alles“, freute sich Lukas nach einer Weile in Gedanken.

„Wie kommst du immer an das ganze Zeug ran?“, fragte er Ben. „Ach ihr wisst, dass mir meine Mum keinen Wunsch abschlägt. Erst recht nicht nach Stevie“, fügte Ben hinzu. „Außerdem haben wir eh immer viel zu viel im Haus. Was meint ihr denn, wo das hier herkommt?“ Lachend schlug sich Ben mehrmals auf den Bauch.

„Da hast du Recht, bring das Teufelszeug zu uns. Wir helfen dir es zu vernichten, damit du nicht selbst alles essen und trinken musst“, sagte Simon mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

„Alles klar. In dem Sinne … Habt ihr ausgetrunken?“, fragte Ben und kramt im Rucksack für die nächste Runde.

„So gut wie“, antwortete Lukas. „Aber eine Weitere geht auf jeden Fall noch.“

Ben verteilte eine zweite Runde Limos an alle und sie lagen daraufhin schweigend nebeneinander in der Sonne.

– 3 –

„Langsam Zeit umzukehren, meint ihr nicht?“, fragte Tamara. „Wir haben doch vor, nachher ins Kino zu gehen.“

„Ja stimmt“, brummte Simon. „Aber dafür müssten wir uns ja bewegen.“

„Na los“, versuchte Lukas die anderen zu motivieren, während er aufsprang. „Ein Bein vor das andere. Jetzt bloß keine Müdigkeit vorschützen.“

„Ha, einen Euro für das Phrasenschwein von Lukas“, verkündete Simon.

Die fünf Freunde kicherten und packten gemächlich ihre Sachen zusammen. Dabei ließen sie sich absichtlich Zeit, um die Sonne weiter zu genießen.

Als sie schließlich in Bewegung waren und der Weg bergab verlief, wanderten sie unbeschwert dahin.

Im Wald war die Sonne weiterhin behaglich. „Lasst uns nachher nicht wieder zu früh im Kino sein, die Werbung braucht echt keiner“, sagte Lukas.

Simon lachte: „Fehlt dir die Lust, zum tausendsten Mal den Badeinrichtungsmarkt zu sehen, der denkt, er würde unser gesamtes Leben signifikant verändern?“

„Ja“, fügte Ben hinzu, „oder der Getränkemarkt, dessen Witze so abgedroschen sind, dass es nur noch peinlich ist.“ „Ach warum ist Lokalwerbung so hölzern?“, stöhnte Tamara. „Die sollten einfach …“ Sie stockte mitten im Satz. Irgendwas Großes, aus Glas, schien zerbrochen zu sein. Es klirrte und schepperte. Plötzlich musste sich wieder eine Wolke vor die Sonne geschoben haben und die Schatten breiteten sich im Wald aus.

„Habt ihr das gehört?“, fragte Marie.

„Na das war nicht zu überhören“, antwortete Lukas.

„Ja, es war ohrenbetäubend, aber das Geräusch schien in meinem Kopf und nicht draußen geklungen zu haben“, dachte Marie laut weiter.

„Nein, da hat irgendwer einen Spiegel fallen lassen“, hörten die anderen Simon sagen.

„Warum denn einen Spiegel?“, fragte Marie.

„Ich weiß nicht, hörte sich für mich so an, frag nicht warum. Es klang halb metallisch neben dem gläsernen Klirren.“

„Was es auch war, jetzt ist es … Huch!“ Lukas blieb abrupt stehen. „Herrje, ich dachte, ich würde gegen eine Wand rennen, aber hier ist nichts. Meine Augen spielen mir anscheinend einen Streich.“

„Und dieser Schatten. Unheimlich düster für einen Sommertag mit kaum Wolken. Mich fröstelt es ein wenig“, flüsterte Tamara.

„Hey Leute, bewegt sich da hinten im Wald etwas?“, fragte Simon.

„Jetzt ist aber gut, vorhin macht ihr mich fertig, als ich Gespenster sah, und jetzt das“, beschwerte sich Ben, war aber genauso verunsichert.

So schlagartig, wie sie verschwunden gewesen war, kam die Sonne wieder und alle fingen an, sich zu entspannen.

„Okay, zurück zum Thema“, lachte Simon verlegen. „Isst einer außer mir Nachos nachher im Kino? Ich bin ein klarer Feind von diesem Popcornmonopol, was lange genug …“

Marie unterbrach ihn: „Schaut, war da nicht eine Wolke vor der Sonne. Zumindest dachte ich das, aber da ist nichts am Himmel.“

Und wieder gewannen die Schatten die Oberhand, aber am Himmel schien die Sonne weiter, wie durch einen Schleier.

„Was geht hier vor sich?“, fragte Simon. Und plötzlich hörten alle irgendwelche fremdartigen Stimmen. „Was hast du getan? Ich sagte, du darfst niemals …“, hörten die fünf Freunde bruchstückhaft eine Stimme, die einen ihr innewohnenden schönen Nachhall besaß. Kein Echo, sondern als wenn Musikinstrumente zweistimmig eine Melodie anspielen.

„Das ist doch der falsche Ort, da dachte ich, dass wir es abbrechen müssen“, sagte eine andere Person genauso wunderschön melodisch.

Die Schatten wirkten mit einem Mal nahezu plastisch. Es war nicht zu definieren. Sie waren weder solide und dreidimensional noch flach und leblos wie normale Schatten. Es glich eher tiefschwarzem Rauch, nur mit deutlich klareren Konturen. Da verschwamm es wieder und verlor die Integrität. Es schwankte, als würde es mit der darunter liegenden realen Welt kämpfen und sich beide, mal mehr, mal weniger, überlagern.

„Das Atmen fällt mir schwer“, dachte Marie und die Panik stieg unaufhaltsam in ihr auf.

„Was ist das hier? Träume ich?“, wunderte sich Simon. Ben versuchte um Hilfe zu rufen, aber seine Lunge war wie zugeschnürt. Die Bäume um ihn herum leuchteten unnatürlich rot auf, pulsierten daraufhin glänzender und verfärbten sich purpurn. Deutliche Linien waren auf ihnen zu sehen.

Eine der fremden Stimmen sagte: „Ich glaube, ich habe es. Das müsste es lösen.“

„Puuuhhh…“, entwich es mit einem Schlag aus allen der fünf gleichzeitig. Der Druck ließ nach und herrliche sauerstoffreiche Luft füllte bei jedem Atemzug wieder ihre Lungen.

„Was war das?“, kreischte Tamara. „Ich weiß nicht“, wimmerte Marie. „Aber ich habe Angst.“ Obwohl er mindestens genauso viel Schiss hatte, ergriff Ben Maries Hand zur Beruhigung. Tamara und Lukas umarmten sich zitternd.

„Das geht nicht mit rechten Dingen zu“, sagte Simon. „Und wer waren die komischen Stimmen? Hier ist niemand. Hallo? Haaaaalloooo?“, rief er immer lauter werdend. „Ist da jemand?“ Er drehte sich hektisch hin und her, entdeckte aber nichts Ungewöhnliches.

„Klirrr …“ Und da war es wieder, das Geräusch des zerberstenden Spiegels. Ohrenbetäubender als vorher. Alle fünf erfasste ein Windstoß und sie stürzten zu Boden. Da lagen sie im Dreck und der unnatürlich schmerzliche Druck auf der Brust war wieder da. Regelmäßige Wellen einer abnormalen Energie schüttelten sie durch, sodass sie aus Reflex die Augen fest zugedrückt hielten.

– 4 –

Simon war der Erste, der die Augen behutsam öffnete, und traute ihnen kaum, als er erkannte, was er da vor sich sah. Der Wald war verschwunden, sie waren drinnen. Der Raum war spärlich von diversen glühenden Steinen beleuchtet und die Wände selbst schienen ein dezentes Leuchten von sich zu geben. Sie waren über und über bedeckt mit filigranen Linien, die in einem orangenen Rotton schimmerten.

Einerseits sah es wie ein Altarraum in einer Kirche aus, andererseits war alles unnatürlich und fremd.

„Es ist wunderschön“, dachte Ben. „Diese Muster sind hypnotisch und haben eine elfenartige Eleganz.“

Direkt neben Marie standen zwei Wesen, die bisher keinem aufgefallen waren. Bis zu diesem Zeitpunkt.

„Was ist das denn?“, dachte Simon. „Menschen sind das auf jeden Fall nicht. In was für einen Film sind wir hier geraten?“

Dabei ähnelten sie anatomisch schon grundsätzlich den Menschen. Sie waren zwar außergewöhnlich hochgewachsen, aber ansonsten menschlich. Es waren eher die Details, die sie fremdartig wirken ließen. Die Augen, größer und in verschiedensten Farben schimmernd. Die Gesichtszüge vollkommen glatt und mit spitzem Kinn, sowie die hohe weise wirkende Stirn. Silbriges Haar, was je nach Licht tiefpurpurn schimmerte. Lange feingliedrige Finger und die gesamte Haut von ähnlichen Linien durchzogen wie die Wände des Raums, gleichermaßen filigran. Die Verzierungen hatten ebenso ein ihnen innewohnendes Leuchten. Mal bläulich, mal purpurn wie die Haare.

„Wie ist das möglich? Sie haben die Schattenwand durchbrochen“, wunderte sich das eine Wesen. Und die Stimme schwang wieder in ihrer mehrschichtigen Melodie. Beide waren jedoch seelenruhig. Sie zeigten weder Überraschung noch Angst, sondern betrachteten die fünf Jugendlichen, wie ein Wissenschaftler sein Forschungsobjekt.

„Aber Ligara, du hast mir erklärt, dass das unmöglich ist“, sagte das andere Wesen. „Wo ist Abbadhor? Er war doch eben noch hier. Was er wohl zu diesem Vorfall zu sagen hat?“

Die als Ligara Angesprochene sah feminin aus, auch ihre ganze Statur zeigte, dass sie eine weibliche Vertreterin dieser Spezies war. Trotz des Umstands, dass die Haut keine Falten zu haben schien, waren ihre Gesichtszüge geprägt von Erfahrung, sodass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit älter war.

Sie drehte sich, um sich im Raum umzusehen oder sich zu vergewissern, dass dieser Abbadhor nicht da war. Dabei wehte ihr ihre reich verzierte Robe um den Körper. Der Stoff wirkte unbeschwert wie eine Feder und floss um ihre Erscheinung. Rein weiß, jedoch mit umfangreichen, goldenen sowie rötlichen, filigranen Verzierungen.

Die Tür zum Raum war geschlossen. Sonst war niemand da. Nur sie beide standen an einer eigenartig glatten Wand, die nicht zu den anderen Wänden passte, die so geschwungen und reich verziert waren. Und neben ihnen am Boden lagen die fünf Jugendlichen.

Die glatte Wand besaß nicht dieses Leuchten durch die Linien. Im Gegenteil, sie schien von einem Schleier aus Schatten verdeckt. Jedoch ließen sich in den Schatten keine Details ausmachen. Es wirkte eher wie statisches Rauschen bei einem alten Fernseher ohne Empfang.

„Lass Abbadhor da mal raus, Angrowin“, beschwichtigte Ligara. „Es ist nicht nötig, dass er alles weiß. Er ist auch nur ein simples Mitglied des Rates. Du wirst schon noch lernen, wie das läuft. Gib dir Zeit und vertraue auf deine eigene innere Stärke und Überzeugung.“ Angrowin sah deutlich jünger aus und ihre weiblichen Gesichtszüge waren daher umso lieblicher anzusehen.

Ligara fuhr fort: „Aber Menschen, die ungewollt nach Paradell kommen, darum sollten wir uns kümmern. Das hat es noch nie gegeben und widerspricht dem Gleichgewicht, über das wir wachen. Das Gleichgewicht der Kräfte ist heilig und gehört um jeden Preis beschützt.“

„Zumindest dieses konkrete Vorkommnis scheint sich von selbst zu lösen“, unterbrach sie Angrowin, indem sie auf die Kinder hinabblickte. Ihre Stimmen verloren in dem Moment an Kraft.

„Oh je, was ist denn jetzt wieder?“, dachte sich Lukas, wo er die beiden immer verschwommener wahrnahm. Da zerfielen ihre Konturen zu Nebel und sie verwandelten sich zu schattenhaften Umrissen, obwohl der Raum klar und deutlich zu sehen war. Doch dann verschwammen die Linien an den Wänden zu Bäumen und deren Ästen. Der Raum verlor seine Kontur und obgleich alles von Schatten überlagert war, erhellte es sich merklich. Die Sonne schien sich ihren Weg zu suchen.

Die fremde Welt, eben noch deutlich und real, wirkte wie ein schlechter Traum. Viele Schatten waren weiterhin überall, aber zerfielen langsam zu Staub. Da kamen die Sonnenstrahlen ausgeprägter zum Vorschein und bald lagen die fünf, wie vorher, im Wald, im Dreck unter der brütenden Nachmittagssonne des Sommerferientags, der so friedlich gestartet hatte.

Es dauerte einige Minuten, bis sich einer von ihnen regte. Alle waren wie in Schockstarre verfallen. Selbst in dem Moment, wo sich die Ersten lösten, brach keiner in Panik aus. Sie waren zwar zutiefst verängstigt, aber die Erfahrung war zu unwirklich und verstörend gewesen, sodass alle zu perplex waren, um zu schreien. Zusätzlich hatten die beiden Wesen eine unheimlich beruhigende Wirkung gehabt, die sich keiner erklären konnte.

– 5 –

„Habe ich geträumt?“, fragte schließlich Ben. „War ich ohnmächtig?“

„Wenn, dann waren wir es alle, wie wir es uns hier im Dreck bequem gemacht haben“, versuchte es Simon mit einem Anflug von unsicherem Humor.

„Außerdem habe ich euch in meinem Traum gesehen“, sagte Marie. „Dementsprechend ist es möglich, dass es keine Illusion war?“

„Wenn ihr alle diese beiden Freaks wahrgenommen und mit mir in dem abgespaceten Raum gelegen habt, ist es eher unwahrscheinlich, dass es ein Traum war“, bemerkte Simon.

Wie aus fernen Gedanken gerissen empörte sich Ben: „Freaks? Die waren majestätisch und wunderschön. Wenn es angesichts des altarähnlichen Raums nicht klischeehaft wäre, würde ich sagen, sie hatten etwas Göttliches an sich.“

„Leute, hört euch doch mal zu“, schimpfte Tamara. „Ihr redet ja, als wären wir soeben in eine andere Welt gereist. Das ist unmöglich. Wir sind von dem Windstoß, woher er auch kam, umgeworfen worden und auf den Kopf gefallen“, sagte sie und verschränkte zur Verstärkung ihrer Aussage die Arme vor der Brust. Die Geste zeigte, dass sie da keine Diskussion zuließ.

„Klar, und unsere Köpfe denken sich solch eine wahnwitzige Geschichte aus und zu allem Überfluss dieselbe“, murmelte Marie kaum vernehmlich.

Alle standen langsam auf, putzten sich notdürftig ab und wirkten außerordentlich wackelig auf den Beinen. Gemächlich kamen sie in Bewegung und setzten ihren Heimweg fort, den sie gefühlt vor Stunden angetreten hatten. In Wirklichkeit waren kaum fünf Minuten vergangen.

Nach einem Augenblick des Schweigens sagte Tamara zu Lukas. „Weißt du was, ich habe echt Kopfschmerzen, geh du nachher mit den anderen ins Kino. Ich glaub, ich gehe früh zu Bett.“

„Ach nee, mir ist auch nicht nach Kino“, antwortete Lukas.

„Ja, wenn ich es mir recht überlege, habe ich nur schlechte Rezensionen von dem Film gesehen“, fügte Ben hinzu und zog sich ebenso von dem Vorhaben zurück, an dem Tag ins Kino zu wollen.

„Ich glaube, die Hitze hat uns alle geschafft. Lasst uns versuchen den Abend in Ruhe ausklingen zu lassen“, schloss sich Marie an.

Nur Simon blieb überrascht stehen. „Echt jetzt, keiner von euch will mitkommen? Soll ich jetzt etwa allein da rein? Nee, dann bin ich auch raus“, schmollte er. Es wirkte jedoch, als wäre er nicht unglücklich gewesen, heimzugehen und für den Rest des Abends dortzubleiben.

„In Sicherheit“, dachten sie alle.

Kapitel 2 – Schatten der Erinnerung

– 1 –

Nachdem sie alle daheim angekommen waren, fiel erst allmählich die eigenartige Trance von ihnen ab. Erst in dem Moment realisierten sie langsam, dass da irgendetwas mit ihnen geschehen war.

Sie schafften es kaum, an sich zu halten, und mussten sich mit den anderen austauschen. Einmal daheim angekommen, wollten sie da jedoch bleiben. Daher eskalierte es in ihrem Gruppenchat und alle tippten exzessiv auf ihre Handys ein.

@Simon> Fühlt ihr auch diese kribbelnde Energie in euch? Ich schaffe es kaum, in Ruhe zu sitzen.

@Marie> Ja, ich weiß nicht, wie ich nachher schlafen soll.

@Lukas> Da sagst du was … Schlafen … ich werde schlimme Alpträume bekommen von dem Ganzen. Da bin ich mir sicher.

Ben schien entgegen seiner sonstigen Art weiterhin keine Angst zu haben. Im Gegenteil. Er schwärmte wieder von den Wesen.

@Ben> Ich habe euch vorhin bereits gesagt, die anderen sind kein Grund für Alpträume. Ich würde mich freuen, sie im Traum wiederzusehen.

Tamara blieb bei ihrer ablehnenden Haltung.

@Tamara> Dann hau du dir mit was Schwerem auf den Kopf, damit du wieder in dieses Traumland kommst.

@Tamara> Die Energie kommt rein vom Adrenalin. Das ist klar. War wahnsinnig erschreckend vorhin.

@Marie> Diese Energie nicht, das hatte ich noch nie. Adrenalin kenne ich zu gut, wenn diese groben Idioten in der Schule wieder hinter mir her sind und Streberschelte spielen.

@Lukas> Ich glaube, wir wissen alle nichts damit anzufangen, was da mit uns passiert ist. Unwirklich genug war es auf jeden Fall, dass es schwer als Realität zu akzeptieren ist. Es ist jetzt vorbei und irgendwem davon erzählen ist unmöglich. Das glaubt uns niemand.

@Simon> Es ist das Beste, wenn wir alle schlafen. Morgen sieht das eventuell anders aus.

Alle wünschten sich lapidar eine gute Nacht und damit war die Diskussion vorerst erledigt.

Simon lag ausgestreckt in seinem zu kurzen Bett und schaute sich in dem winzigen Zimmer um. Die Wohnung seiner Tante war leider deutlich enger als die, in der er früher mit seinen Eltern gewohnt hatte. Er war ihr dennoch übermäßig dankbar, dass sie sich um ihn kümmerte, nachdem seine Eltern verschwunden waren. Er würde sich da kaum beschweren.

Er schaute an die gegenüberliegende Wand, wo ein schmales Regal hing. Das hatte er einst zusammen mit Dad in dessen Werkstatt gebaut. Heute standen darauf seine diversen Pokale von gewonnenen Handballturnieren, mittig der goldene Ball aus der letzten Landesmeisterschaft.

„Bester Spieler des Matchs, Simon Gideon“ stand auf der dahinterstehenden Urkunde und er lächelte, als er das las.

Sein Blick schweifte weiter zu dem Foto an der Wand. Es zeigte ihn zusammen mit seinen Eltern zu der Zeit ihres letzten gemeinsamen Urlaubs in London. Alle drei hatten sie, breit grinsend, vor der Tower Bridge gestanden.

Sein Blick verweilte kurz darauf, bis er sich seufzend davon losriss und zum Lichtschalter griff. Er machte die Augen zu und entgegen seiner früheren Annahme schlief er zügig ein.

– 2 –

Simon fand sich in seinem alten Zimmer wieder, in dem er aufgewachsen war. Sein Dad war bei ihm. „Wann können wir denn endlich los?“, quengelte Simon.

„Das Volksfest läuft uns nicht weg Junge“, antwortete sein Vater ungeduldig.

Zumindest hatte die Vorhersage gestimmt, dass er eine traumreiche Nacht vor sich hatte. Nur kam das Erlebnis von früher am Tag offenbar nicht vor. Er träumte wie gewohnt von seinen Eltern. Der Tag, von dem er diesmal träumte, war drei Jahre her und eine Weile nicht mehr in seinen Träumen aufgetaucht. Es handelte sich um den Volksfestbesuch, als er zwölf Jahre alt war, der sich tief in sein Gedächtnis gebrannt hatte.

Im Traum ließ er nicht locker: „Wir wollten längst unterwegs sein. Nicht dass wir nachher wieder ewig an den Achterbahnen anstehen.“

Charles Gideon, versuchte, seinen Sohn zu beschwichtigen: „Mum braucht nicht mehr lange, sie beeilt sich ja. Wenn du ein bissel geduldig bist, ist nachher ein Abstecher an den Schießstand drin und ich gewinne dir da, was immer du dir wünschst. Deal?“

Simon wusste, dass das ein guter Deal war. Sein Vater war ein wahrer Künstler an diesen Schießbuden. Er gewinnt ihm mit Sicherheit den Hauptpreis.

„Okay! Deal“, sagte Simon, grinste seinen Vater an und die beiden bewegten sich von seinem Zimmer durch die Diele zur Haustür. Sie wohnten zwar in einem von diesen langweiligen Wohnblöcken, aber ihre Wohnung im dritten Stock war mit ihren vier Zimmern schön geräumig.

Da kam endlich seine Mum zu ihnen. „Entschuldigt, dieses neue Kleid. Da waren überall die Preisschilder und Nadeln dran.“ Sie trug ihr neues Sommerkleid und lächelte Simon mit ihrem einnehmenden liebevollen Blick an, den eine Mutter ausschließlich für ihr Kind übrig hatte.

Wie immer vermochte es Simon dann nicht ihr böse zu sein.

Sie schlossen die Wohnungstür, stiegen die drei Etagen des Treppenhauses nach unten zum Auto und waren auf dem Weg.

Die ganze Fahrt war Simon übermäßig aufgedreht und saß kaum im Auto still. „Sind wir bald da?“, fragte er zum gefühlt einhundertsten Mal.

Als sie da waren, war ihnen dennoch ein Parkplatz deutlich weiter vorne, wie es Simon befürchtet hatte, vergönnt. Sie fuhren alle seine Lieblingsachterbahnen sogar zweimal, ohne lange anzustehen.

Simon war glücklich und zufrieden: „Der Tag ist nahezu perfekt. Es fehlt nur, dass du dein Versprechen einlöst Dad.“ Er grinste und zwinkerte seinem Vater zu. „Schau da, hinter dem Zuckerwattestand. Eine Schießbude. Komm schon Dad.“ Er zog ihm, ohne eine Antwort abzuwarten, am Arm und ließ nicht locker.

Nach ein wenig gespielter Gegenwehr ließ sich Charles von seinem Sohn zum Schießstand zerren und gab dem Schausteller zehn Euro für seine Schüsse.

„Ich versuche es mit den bewegten Entchen als Ziel“, kündigte Charles selbstbewusst an. Er zielte nur kurz, schoss und der Schuss streifte die erste Ente an der Ecke, sodass sie widerwillig langsam umfiel. Aber sie war unten. Das zählte. „Ah, sie zieht minimal nach links“, murmelte er für sich. Dann setzte er wieder an und die restlichen Schüsse fielen, ohne abzusetzen, in einer schwindelerregenden Schnelligkeit.

„Alle Enten sind weg“, verkündete der Schausteller überrascht den Umstehenden. „Wir haben hier einen Meisterschützen. Damit dürfen sie sich da von den kleinen Plüschtieren eines aussuchen oder aus den Kisten da vorne.“

„Hey, was ist mit den Hauptpreisen da hinten in der Ecke?“, fragte Simon. „Dad hat alle Enten erwischt, warum bekommt er dann nicht, was er will?“

Der Schausteller antwortete: „Hör zu Junge, die Hauptpreise bekommt man nicht so einfach. Die sind für die Allerbesten vorbehalten.“

„Mein Dad ist der Allerbeste“, verkündete Simon nachdrücklich mit stolzer Stimme. „Nicht wahr Mum? Dad kann niemand das Wasser reichen.“

„Na klar. Dein Vater ist ein Superheld. Der Typ in der Bude ist zu knauserig und rückt die großartigen Preise nicht raus“, bestätigte ihm seine Mutter.

Charles sagte: „Das stimmt Sophia, das ist immer eine gemeine Abzocke an diesen Buden. Aber dem zeig ich es.“ Und an Simon gewandt fügte er hinzu: „Du sollst deinen Hauptpreis bekommen. Versprochen ist versprochen.“

Er rückte dicht an den Schausteller ran und sprach flüsternd, aber unmissverständlich zu ihm. „Okay, mein Freund, ich zahle nochmal doppelt so viele Schüsse, dass ich genug für die zweite Reihe Enten habe und sie drehen die Geschwindigkeit auf Anschlag. Ich habe meinem Sohn den Hauptpreis versprochen. Wenn ich alle erwische, bekomme ich eins von denen, ohne Wenn und Aber.“

Der Schausteller willigte mürrisch in den Deal ein. Hauptsächlich, weil er sich versprach, damit mehr Interessenten an seinen Stand zu locken. Er hatte vor, die Aktion werbewirksam anzupreisen.

„Na mein Junge, schau aufmerksam hin. Such dir einen der Hauptpreise aus“, sagte Charles. Simon betrachtete die Auslage neugierig. Es gab gewaltige Plüschtiere, einen ferngesteuerten Truck sowie eine Legoburg. Ihn beeindruckte das alles nicht.

Doch da entdeckte er, was er wollte. „Da, Dad, siehst du die Rockgitarre? Wow, ist die cool. Die ist es.“ Simons Augen leuchteten. Es war zwar eine Kindergitarre, aber sie sah verdammt echt aus.

„Gut mein Sohn. Dann aufpassen und Daumen drücken“, sagte Charles, zwinkerte Simon zu und schulterte wieder das Gewehr.

„Aufgepasst, aufgepasst, kommen Sie näher Leute. Schaut euch diesen tollkühnen Schützen an“, schrie der Schausteller aus voller Kraft. „Dieser Herr wagt das Unmögliche.“ Er wedelte enthusiastisch mit den Armen und winkte die vorbeiziehenden Volksfestgäste heran. „Die schnellste Geschwindigkeitsstufe, das hat bisher keiner geschafft. Werden Sie Zeugen dieses wagemutigen Versuchs!“

Sophia küsste Charles als Glücksbringer auf die Wange: „Viel Glück Schatz.“ Er lächelte und setzte das Gewehr an.

Die Enten rasten in einer unfassbaren Geschwindigkeit hin und her. Für die meisten Zuschauer waren sie zu fix, um sie zu erkennen. Sie verschwommen vor ihren Augen.

Charles zielte minimal länger und atmete entspannt. Währenddessen wich die Sonne dem Schatten und ein zarter Windzug kam auf. Die ganze Bude schien sich zu verdunkeln. Und viele Schatten streiften langsam über die Ziele an der Wand.

„Oje, das wird knifflig“, dachte Simon und hielt den Atem an. In dem Moment ließ sein Vater seinen Atem allmählich entweichen und schoss. In herrlich gleichmäßigem Takt machte es Peng und jedes Mal hörte man direkt das beruhigende metallische Pling einer umfallenden Ente.

Die Schatten verdichteten sich mit jedem Pling der Enten; die Konturen ließen nach, aber Charles ließ sich nicht ablenken. Er machte unbeirrt weiter. Simon hielt konstant den Atem an und es schmerzte geringfügig in der Brust. Da kamen die letzten drei und peng, peng, peng sowie drei Pling, Pling, Pling.

Die letzte Ente fiel und die umstehende Menge entlud die Anspannung und brach in Jubel aus. Simon atmete in einem Stoß aus und jubelte am lautesten.

Die Sonne hatte ihren Weg wiedergefunden und alle Schatten waren weg, als wären sie niemals da gewesen. Simon war zu fokussiert, um dem Ganzen größere Aufmerksamkeit zu widmen.

Sophia umarmte Charles. „Glückwunsch, mein Revolverheld“, lachte sie. Und zum Schausteller sagte sie mit Nachdruck: „Keine Ausreden mehr. Mein Sohn erhält die Gitarre dahinten.“

„Aber selbstverständlich“, verkündete er an alle Zuschauer gewandt. „Schaut, schaut, der Meisterschütze hier hat den Hauptpreis redlich verdient. Wer vermag es ihm nachzumachen? Wer akzeptiert die Herausforderung und versucht als Nächster sein Glück? Hier gibt es Gewinne, Gewinne, Gewinne. Einer besser als der andere.“ Tatsächlich trauten sich Andere heran und es entstand eine beträchtliche Schlange an potenziellen Kunden vor der Schießbude.

Der Besitzer schritt zu den Hauptpreisen und holte die Gitarre herunter. „Hier mein Junge, die ist für dich. Dein Vater hat sie fair erkämpft. Viel Spaß damit.“ Simon bedankte sich artig und freute sich wie ein Schneekönig über seine neue Gitarre.

– 3 –

„Sophia, ich glaube, wir haben uns alle Zuckerwatte verdient. Findest du nicht?“, fragte Charles.

Sophia antwortete: „Klar, mein Revolverheld und mein kleiner Rockstar bekommen heute alles, was sie sich wünschen.“ Sie ging zum Stand nebenan und kaufte eine mächtige Portion Zuckerwatte. Alle drei zupften sich eine Zeit lang schweigend ihre Stückchen ab und genossen sie sowie die Sonne, die auf sie herunterschien.

Sophia sagte nach kurzer Zeit: „Hier Simon, halt den Rest, du darfst es aufessen, wenn du magst. Ich muss zur Toilette.“

Da schloss sich Charles an: „Gute Idee, ich komm fix mit. Simon, du wartest hier.“

„Klar, kein Problem, ich habe ja meine Zuckerwatte“, kichert er.

Als sich seine Eltern umgedreht hatten, krochen wieder die Schatten heran. Alles verdunkelte sich. Schemenhafte Silhouetten überlagerten die Welt und rangen mit der Realität.

Simon dachte: „Schade, die Sonne war so schön“, hatte aber nur Augen für seine Zuckerwatte. In dem Moment sah er einen der Schatten an seiner Zuckerwatte vorbeihuschen. Da schaute er auf und ein weiterer bewegte sich vor ihm. Die Form war kaum auszumachen. Mal schien es menschlich, mal wie unförmiger Nebel.

Eine Stimme neben ihm klang überraschend unnatürlich doppelt, sodass er dachte, er musste sich verhört haben. „Die beiden dahinten. Los. Wir haben keine Zeit zu verlieren.“

Simon schaute sich um, niemand anderem schien irgendetwas aufzufallen. Außerdem sah er niemanden, der das gesagt gehabt haben könnte. „Die Stimme hat sich melodisch angehört“, dachte Simon. „Aber sie hatte einen fiesen Unterton.“

Langsam wurde ihm ungemütlich. Eine unnatürliche Kälte schlich sich ihm in die Knochen und er hoffte, dass Mum und Dad bald wieder da wären. Er schaute in Richtung der Toiletten, sah aber kein Zeichen von ihnen.

Die Luft wurde gefühlt zunehmend dicker und es atmete sich kontinuierlich schwerer. Da hörte Simon ein Klirren von Glas, das aber auch irgendwie metallisch erschien. Gleich darauf zerfielen die Schatten zu Staub und der Druck war aus der Umgebungsluft verflogen. Auch die Sonne war wieder da.

„Was war das?“, rief Simon deutlich hörbar. „Was war das Klirren und wo sind die Schatten hin?“ Eine Frau, die neben ihm stand, schaute ihn an, als wäre er verrückt geworden.

„Was willst du Junge? Fantasierst du?“, fragte sie und nahm deutlich Abstand zu ihm ein.

Da seine Eltern immer noch nicht zurück waren, packte ihn langsam die Angst. Er dachte zwar: „Mensch Simon, du bist elf Jahre alt, das ist lächerlich Angst zu haben, weil Mummy und Daddy ein paar Minuten weg sind.“ Er drehte sich dennoch zu den Toiletten und nach kurzem Zögern flitzte er rüber und suchte seine Eltern.

Leider war nichts von ihnen zu entdecken. „Muuum, Daaad“, rief er. Keine Antwort. Dabei war das ein billiges transportables Klohäuschen, die hätten ihn da drin hören müssen. Seine Panik wuchs ständig weiter. Allen logischen Erklärungsversuchen zum Trotz schaffte er es nicht, sich dagegen zu wehren.

Im Traum rannte er zunehmend hektischer umher und rief nach seinen Eltern, während die Panik ins Unermessliche stieg.

– 4 –

Im Bett in der Gegenwart warf sich Simon wild umher und zerwühlte das ganze Bettzeug. Schweißgebadet wachte er auf.

„Muuum, Daaad!“, rief er nochmal kräftig in die Dunkelheit seines Zimmers. Seine Tante Olivia kam an die Tür, steckte den Kopf durch den Spalt und fragte: „Simon, alles in Ordnung? Ich habe dich rufen gehört.“

„Alles klar, es war nur ein Alptraum“, beruhigte Simon sie. Er selbst war alles andere als beruhigt. „Okay, dann ist alles wieder in Ordnung? Kann ich dir noch irgendetwas bringen?“, fragte seine Tante. „Nein, ist schon gut. War nur ein Traum“, bestätigte er erneut, auch um sich selbst zu vergewissern.

„Na dann schlaf gut weiter, mein Junge“, sagte Olivia mit sanfter Stimme.

Nach Schlaf war ihm nicht zu Mute. „Oh Mann, davon habe ich ja seit Ewigkeiten nicht mehr geträumt. Und wenn, dann nie so lebhaft“, dachte er sich.

„Und an die Schatten erinnere ich mich erst recht nicht“ er erschauderte und zog sich die Decke weiter bis ans Kinn. „War das mein Kopf, der die heutigen Erlebnisse im Traum mit dem Tag vor drei Jahren verbunden hat? Waren die damals wirklich da und ich habe das im Licht all der Ereignisse später vergessen?“

Er wusste nur eins, an dem Tag hatte er so lange gerufen, bis er die Aufmerksamkeit der Leute erregt hatte. Der Sicherheitsdienst des Volksfestes hatte ihn im weiteren Verlauf befragt und zu guter Letzt die Polizei gerufen. Doch auch die waren machtlos. Man hatte seine Eltern ausgerufen und die Polizisten hatten das ganze Volksfest durchsucht. Nachdem alle Gäste am Abend das Festgelände verlassen hatten und von seinen Eltern keine Spur zu finden war, hatte man sie offiziell als vermisst gemeldet und seine Tante Olivia angerufen.

Leider war das auch schon alles gewesen. Man hatte sie nie gefunden. Nicht mal irgendwelche Hinweise hat es in den folgenden Jahren gegeben.

Seither lebte Simon bei seiner Tante Olivia Gideon. Die Schwester seines Vaters hatte nach ihrer Scheidung wieder ihren Mädchennamen angenommen und wohnte seitdem in ihrer Nähe. Simon hatte bereits davor eine enge Beziehung zu seiner Tante gehabt. Danach setzte sie alles daran ihm die erste Zeit zumindest erträglicher zu gestalten, bis er sich damit abgefunden hatte, dass seine Eltern für immer weg waren.

Er grübelte, da ihm eine spezielle Frage keine Ruhe ließ. Haben die komischen Wesen, die er an dem Tag mit seinen Freunden gesehen hatte, irgendetwas mit dem Verschwinden seiner Eltern zu schaffen? Oder hatte ihm sein Gehirn einen blöden Streich gespielt. Er grübelte, bis die Müdigkeit langsam zurückkam.

Er gähnte ausgiebig und beim Einschlafen schaute er kurz auf die Gitarre in der Ecke, bevor ihm die Augen wieder zufielen. Der letzte Gedanke, der ihm durch den Kopf schwebte, war: „Mein kleiner Rockstar bekommt heute alles, was er sich wünscht …“ Er schlief mit einem Lächeln ein, aber eine einsame Träne floss ihm aus dem Augenwinkel.

– 5 –

Am nächsten Morgen waren die Schrecken der Nacht verblasst. Simon stand erst gegen halb zehn Uhr auf. Als er in die Küche kam, fand er Müsli, eine Schüssel sowie eine Packung Milch für ihn bereitgestellt. Seine Tante stand deutlich früher auf und hatte bereits gefrühstückt. Bestimmt war sie zum Markt gefahren.

Simon holte sich etwas frischen Saft aus dem Kühlschrank und setzte sich an den Küchentisch. Sein Platz wurde von der Sonne erwärmt und er träumte gelassen, ohne konkrete Gedankengänge, vor sich hin, während er frühstückte.

Als er fertig war, holte er sein Handy heraus und schrieb im Gruppenchat:

@Simon> Hey Leute, seid ihr wach?

@Simon> Wollen wir nachher in den Park? Es ist schließlich die letzte Ferienwoche, das sollten wir nutzen, oder?

Die anderen waren einverstanden und planten, sich um ein Uhr zu treffen.

Simon ging ins Bad und stand eine Weile vorm Spiegel. Er duckte sich etwas. Da er mit 1,88 deutlich größer als seine Tante war, hing der Spiegel für ihn zu tief. Er betrachtete seine zotteligen gewellten rotbraunen Haare, die nach Bettfrisur aussahen. Das war aber seine normale Frisur. Einen Kamm sahen die nur sporadisch.

Er warf sich eine Hand voll Wasser ins Gesicht, was ihn gleich mehr aufweckte. Beim Anblick seiner Haut, die am Ende der Ferien noch recht blass war, dachte er: „Na, ausreichend braun werde ich ja nie, das ist echt unfair.“

Simon war schlank und drahtig. Ganz der Sportler. Er warf sich ein zweites Mal Wasser ins Gesicht und kam langsam in die Gänge. Er putzte sich flink die Zähne und sprang unter die Dusche. Als er fertig war, suchte er sich ein weißes lässiges T-Shirt und eine dunkelblaue Jeans heraus. Die Surfer Halskette, die er immer trug, holte er sich vom Nachttisch und damit war er bereit.

Der Weg zum Park war für ihn nur zehn Minuten mit dem Fahrrad, somit wäre er zu früh dort gewesen, wenn er sofort losgefahren wäre. Aber er konnte da auf die anderen warten. Das war besser, als bei dem Wetter länger drinnen zu bleiben.

Er legte seiner Tante einen Zettel hin und machte sich auf den Weg.

Er nahm die Pfade durch die Hinterhöfe seines Wohngebiets. Das war besser, als an der Hauptstraße Fahrrad zu fahren. Zwischen den ganzen Wohnblöcken gelangte die Sonne nie komplett bis auf den Boden. Als er das Viertel verließ und zum alten innerstädtischen Flugplatz kam, der mittlerweile als Park genutzt wurde, hellte sich alles merklich auf und er dachte: „Das wird nochmal ein wunderschöner Sommerferientag.“

Er fand eine einzelne Baumgruppe auf der weiten offenen Rasenfläche und wählte diesen Platz. Mangels Fahrradständer wurde sein altes Gefährt unter den Baum gelegt und er platzierte sich daneben in den Schatten. Er schloss die Augen und genoss einen Luftzug, der sehr erfrischend war.

„Hi Simon“, riss ihn nach Kurzem eine hohe Stimme aus seinen Gedanken. Er machte die Augen wegen der Sonne langsam auf. „Ah Marie, hi, wie geht’s?“

„Gut“, antwortete Marie. „Ist sonst keiner da?“, fragte sie.

Simon antwortete mit einem verschmitzten Lächeln. „Na du bist wie immer pünktlich wie die Maurer.“ Und mit einem kurzen Blick auf die Handyuhr ergänzte er: „Dreiviertel eins, du kennst die andern. Maximal von Ben könnte man erwarten, dass er bis ein Uhr hier ist. Aber die beiden Turteltäubchen wären in einer halben Stunde noch pünktlich für ihre Verhältnisse. Ich weiß nicht, wer von den beiden länger für seine Haare braucht.“

„Ah, stimmt“, murmelte Marie und lächelte verlegen. Sie hatte eine eigene Decke dabei, die sie auf dem Boden ausbreitete und sich draufsetzte. Marie trug ein unauffälliges beigefarbenes Kleid. Es war knielang mit kurzen Ärmeln. Sie saß still auf ihrer Decke und schaute über die weite Grasfläche des Parks.

„Bist du hergelaufen?“, fragte Simon. „Ja, ich war noch in der Bibliothek und die liegt auf halbem Weg.“

„Hast du was Interessantes zum Lesen gefunden?“, fragte er weiter.

„Ach, ich habe schonmal was wegen der Schule für nächste Woche geschaut. In Geschichte kommen nach den Ferien die Napoleonischen Kriege dran“, antwortete Marie verlegen.

Simon ließ sich grinsend zurück ins Gras fallen. „Ach Mariechen, du bist unverbesserlich. Noch sind Ferien. Genieß das, solange du kannst.“

Da kam Ben um die Ecke auf die beiden zu und winkte fröhlich. „Hi Leute, da seid ihr ja. Seid ihr schon lange da?“, fragte Ben.

„Ich bin erst gekommen“, antwortete Marie. „Simon faulenzt hier schon eine Weile im Gras rum.“ Marie wirkte gleich auffällig lebendiger, seit Ben da war.

„Puh, ist das heiß heute“, stöhnte Marie und rutschte an den Rand ihrer Decke, um Platz zu machen. „Hier Ben, da ist Platz für dich, wenn du magst.“

„Danke“, antwortete Ben und setzte sich neben Marie. Er schnaufte und setzte sein Basecap ab, um sich damit Luft zuzufächeln. „Dafür habe ich auch was, um dir bei der Hitze zu helfen. Warte“, sagte Ben und kramte in seinem Rucksack. „Meine Mum hat mir die kleine Kühltasche eingepackt, mit Eis drin. Du magst doch Erdbeere oder Marie?“

„Ja super“, freute sie sich und lächelte Ben glücklich an. Er gab es ihr und nahm sich selbst ein Schokoeis.

„Und was ist mit mir?“, fragte Simon gespielt beleidigt. „Was kann ich dir bieten für ein kühles Eis? Eine Decke habe ich leider nicht und eine Frau bin ich leider auch nicht“, lachte er. Ben schaute Marie verlegen an und auch sie errötete und schaute zur Seite. Da antwortete Ben eilig: „Ach, schon gut, du bekommst auch eins. Was magst du?“

„Schoko bitte. Danke schön“, antwortete er.

Simon hatte recht gehabt, was die andern beiden Freunde anging. Sie verspäteten sich fürchterlich. Ben, Marie und er hatten längst ihr Eis aufgegessen, bis Lukas und Tamara da waren.

Als sie ankamen, sahen sie wieder aus, als ob sie schick zum Essen ausgehen wollten, anstatt Eis auf einer Wiese sitzend zu schlecken.

Simon begrüßte sie, wie üblich, ohne sich einen Seitenhieb zu verkneifen: „Na ihr zwei, die Haare sitzen gut. Hoffentlich bleibt das, bis ihr nachher zu dem Empfang kommt, oder sind die Sachen eher was für das Theater?“

„Ach Simon, du verstehst das nicht“, gab Tamara schnippisch zurück. „Nicht jeder hat das Bedürfnis, wie ein mittelloser Surferboy auszusehen.“

„Na los, setzt euch. Habt ihr eine Decke dabei?“, fragte Ben. Das hatten sie, breiteten diese neben den anderen aus und setzten sich.

Nachdem die beiden Neuankömmlinge ihr Eis von Ben erhalten hatten, unterbrach Marie nach einem Moment das Schweigen. „Mich brennt es, die ganze Zeit zu fragen. Wie habt ihr die Nacht geschlafen?“

Tamara antwortete kurz angebunden: „Ging schon. Eigentlich ganz gut.“ Marie schaute sie an und sah die übermäßige Schminke um die Augen, die nur schwer die müden Augenränder verdeckte. Aber sie sagte nichts.

Lukas hingegen gab ausweichend zu, dass es nicht so gut bei ihm gewesen war. „Mein Schlaf war eher aufgewühlt, aber ich erinnere mich an nichts Konkretes, falls ich geträumt habe.“

Ben sagte: „Ich habe leider nicht geträumt. Nicht von den anderen und auch sonst nichts.“

Darauf erwiderte Marie: „Sei froh. Ich weiß, du hättest sie gern wiedergesehen, ich hatte schlimme Alpträume. Nicht direkt von denen. Ich wurde im Traum permanent verfolgt. Ich habe nur nie gesehen, wer oder was es war. Es waren düstere Schatten und ich bin die ganze Zeit panisch geflohen. Ich kam kaum vom Fleck und die Schatten kamen dauernd näher. Bis ich letztendlich schweißgebadet aufgewacht bin.“ Sie erschauerte bei der Erinnerung. „Und bei dir Simon?“, fragte sie.

Er zögerte mit der Antwort und sagte dann: „Bei mir war es ganz eigenartig. Ihr kennt ja die Geschichte von meinen Eltern?“ Alle nickten verlegen.

„In letzter Zeit habe ich kaum damit Probleme gehabt und erst recht keine Alpträume mehr wie in der ersten Zeit. Doch gestern habe ich wieder furchtbar lebendig davon geträumt. Beinahe real hat es gewirkt. Mehr als sonst im Traum. Aber nicht nur das. Die Schatten und die komischen Stimmen kamen darin vor.“

Simon erzählte den anderen vier seinen Traum im Detail und seine Überlegungen, was das zu bedeuten gehabt haben könnte. Doch alle waren sich einig, dass das eine Kombination der Erlebnisse vom Vortag gewesen war, was ihm in der Nacht einen Streich gespielt hatte.

Simon lehnte sich wieder zurück ins Gras und hing seinen Gedanken nach. „Es ist zu verlockend für mein Unterbewusstsein, sich einzureden, Mum und Dad leben in einer anderen verrückten Parallelwelt und warten dort auf mich. Das ist klassische Verdrängung und eindeutig Unsinn.“

Kapitel 3 – Schützender Glaube

– 1 –

Gegen siebzehn Uhr an diesem Mittwoch, in der letzten Ferienwoche des Sommers, hatten die fünf Freunde endgültig genug Sonne. Bens Eis war alle und es war unerträglich heiß. Sie räumten ihr Zeug zusammen und machten sich auf den Weg. Simon schwang sich auf sein Rad und sagte: „Also dann macht’s gut, Leute. Wir sehen uns die Tage. Ein Tick Ferien haben wir ja noch.“ Lukas und Tamara putzten sich mit den Händen gründlich Reste vom Gras von den Kleidern und spazierten zum Bus.

An der Haltestelle schaute Lukas auf den Fahrplan und sagte: „Mist, knapp verpasst, aber der nächste kommt in 10 Minuten.“

Tamara antwortete: „Gut, lass uns im Schatten sitzen beim Warten.“ Als sie auf der Bank waren, fragte sie ihn: „Du hast vorhin wieder extrem geschafft ausgesehen und ich denke nicht, dass das an dem schlechten Schlaf lag, von dem du erzählt hast. Was war los daheim?“

Lukas seufzte: „Ach, Dad hat wieder Probleme auf Arbeit. Und du weißt ja, dass es speziell dann am schlimmsten mit den beiden ist.“

„Deine Mum hat sich auch wieder von ihm mitreißen lassen?“, fragte Tamara.

„Ja, in den meisten Fällen wirkt es, als ob sie selbst an dem religiösen Erlösungsgerede von Dad zweifelt. Aber sobald er loslegt, verfliegt das wie Nebel im Wind. Dad ist so überzeugt, dass ausschließlich der Herr über uns wacht und unser Schicksal in Händen hält, dass er nicht erkennt, was sein eigenes Handeln für Auswirkungen auf die Personen in seiner Umgebung hat.“

„Er ist dein Vater, verdammt. Er ist mindestens genauso verantwortlich für dein Wohlergehen wie Gott. Aber was sag ich dir das. Du weißt ja, wie es bei mir daheim aussieht.“

Lukas nahm sie in den Arm und sagte: „Ja, das weiß ich, aber so ist es ja nicht jeden Tag und wir haben uns. Die können uns mal mit ihrem Fanatismus. Du zeigst mir, wie schön das Leben sein kann.“

So saßen sie die restlichen Minuten, bis der Bus kam, Arm in Arm beisammen.

Tamara stieg zwei Haltestellen vor Lukas aus. Sie küsste ihn zum Abschied und verließ den Bus. Als dieser losfuhr, schaute Lukas ihr gedankenverloren nach.

Er wohnte mit seinen Eltern in einem Altbau, direkt an der Haltstelle. Sein Viertel war deutlich grüner und idyllischer als die seiner Freunde.

Oben an der Wohnungstür empfing ihn seine Mutter. Martha Pfeiffer war eine dürre Frau mittleren Alters mit streng nach hinten gebundenen Haaren und einem langen hochgeschlossenen Kleid. Darüber trug sie eine Schürze mit der Aufschrift „Gott schütze dieses Heim“.

Resolut schaute sie auf ihren Sohn und sagte: „Das Essen ist so gut wie fertig, wo warst du so lange?“ Dann huschte aber doch ein schmales Lächeln über ihr Gesicht. „Na los, komm rein und zieh dich flink für das Essen um. Dein Vater ist noch in seinem Büro. Rasch, ab in dein Zimmer.“

Lukas beeilte sich und war kurze Zeit später bereit am Esstisch, als die Tür zum Arbeitszimmer seines Vaters aufging.

„Was denken die sich?“, schimpfte er, als er herauskam. „Wie können die es wagen, uns ihre finanzielle Unterstützung zu entziehen? Speziell in schlechten Zeiten müssen die Kirche und der Glaube stark sein. Und wir unterstützen sie dabei rechtlich gegen all jene ketzerischen Arschlöcher, die das zerstören. Gott ist auch allzeit für uns da und unterstützt uns, egal wie die Zeiten stehen.“

Christian Pfeiffer war Partner in einer Anwaltskanzlei für Kirchenrecht. Glühend verteidigte er die Kirche vor Gericht. Leider war die wirtschaftliche Lage herausfordernd. Aus diesem Grund sprangen vermehrt die finanziellen Unterstützer ab.

„Du hast ja Recht, nichtsdestotrotz hört der Herr solche Wortwahl auch nicht gern“, sagte Martha. „Komm jetzt. Essen ist fertig. Wir warten.“

Christian brummte zustimmend und nickte. „Wenn ich mich aufrege, lasse ich mich zu deren Sprache hinreißen. Du weißt ja, die Sprache deiner komischen Freunde Lukas. Speziell dieser Simon hat ein Schandmaul. Das kommt alles von dieser verkommenen Rockmusik, die der andauernd hört“, schimpfte er weiter. „Wo wir schon dabei sind. Wo warst du den ganzen Tag? Wieder mit denen unterwegs, oder?“

„Ja Dad, aber wir haben bei dem Wetter nur im Park gesessen“, antwortete Lukas, ohne seinen Vater anzusehen. „In der Kirche ist es zu jeder Jahreszeit kühl, im Sommer wie im Winter“, konterte Christian. „Oder ihr könntet die Ferien sinnvoll nutzen und etwas für das Allgemeinwohl tun.“

Martha versuchte, das Ganze zu beruhigen, und sagte: „Na, setz dich erst mal und wir essen.“ Sie füllte die Speisen auf und Lukas wünschte: „Guten Appetit.“ Doch das reichte seinem Vater natürlich nicht. „Nichts da, sag das Tischgebet für uns Sohn.“ Lukas tat das anstandslos wie befohlen. Diskutieren brachte dabei schon nichts, wenn er gute Laune hatte.

– 2 –

In der folgenden Ruhe, während alle still ihr Essen zu sich nahmen, hörte man gedämpft das Küchenradio vom Tresen. Die Nachrichten liefen gerade. „Und nun zu den Lokalnews“, sagte der Moderator. „Leider ist es heute auf dem Rockfestival in der Arena am Flughafen zu einer Tragödie gekommen. Eine größere Metallkonstruktion am Rand der Bühne ist aus noch ungeklärter Ursache zusammengekracht und auf die Zuschauer in vorderster Reihe gestürzt. Zum Glück wurde niemand getötet, jedoch gab es drei Schwer- und sechs Leichtverletzte. Das Konzert wurde umgehend abgebrochen.“

„Na da siehst du es, Lukas. Das ist die gerechte göttliche Strafe für diese Sünder. Das ist es, was man erhält für einen ungläubigen Lebensweg, wie der von deinem Freund Simon.“

Für gewöhnlich schaffte es Lukas, es zu ignorieren und wegzuhören, wenn sein Vater sprach, aber immer, wenn er von seinen Freunden sprach, kochte es in ihm hoch. Sein Kopf lief rot an und schließlich entglitt ihm seine Beherrschung. Wider besseres Wissen widersprach er seinem Vater: „Ich dachte, Gott ist gnädig und beschützt die Menschen. Ist das nicht seine Aufgabe?“

„Seine Aufgabe?“, stieß sein Vater entsetzt hervor. „Er hat keine Aufgaben. Er ist allmächtig und er beschützt dich nur, wenn du dich an seine Regeln hältst und ehrfürchtig sowie fromm durchs Leben gehst. Bist du aber ein Sünder und führst ein verlottertes Leben, ohne dafür Buße zu tun oder zu Gott zu beten, dann bestraft er dich dafür mit all seiner Macht. Und er tut recht daran.“

Lukas antwortete kleinlaut: „Wenn jemand das Gesetz bricht und zum Beispiel jemand anderem Schaden zufügt, soll er das machen. Das verstehe ich vollkommen. Aber Tod und Verletzung dafür, dass man Rockmusik hört. Das ist in meinen Augen maßlos übertrieben.“

Da platzte seinem Vater erwartungsgemäß der Kragen. „Da haben wir es. Der Einfluss deiner Freunde ist ja schlimmer, als ich dachte. Morgen bewegst du deinen winzigen Hintern in die Kirche, mein Sohn und keinerlei Widerrede. Ich lasse es nicht zu, dass du deine Seele verdammst. Und jetzt gehst du sofort auf dein Zimmer. Kein Computer oder Fernsehen da oben. Lies lieber was Ordentliches. Nach diesen Äußerungen wäre die Bibel angebracht.“

Wortlos stand Lukas auf und verließ die Küche. Er hielt es sowieso nicht länger mit seinem Vater in einem Raum aus. Ihm war klar, wenn er weiter diskutiert hätte, hätte das wie gestern geendet und sein Vater würde sich vollständig vergessen. Da hatte er sich dafür eine Ohrfeige eingefangen, die sich gewaschen hatte, und das hatte er nun nicht erneut vor.

Lukas stürmte in sein Zimmer nach oben. Die Wohnung, in der er aufgewachsen war, war äußerst geräumig und erstreckte sich über zwei Stockwerke des gepflegten Altbaus. Die Deckenhöhe war gewaltig in allen Zimmern und reich mit Stuck verziert. Sein Zimmer war hochwertig eingerichtet, aber nicht übermäßig prunkvoll wie der Rest der Wohnung.

Sein Vater war gut als Anwalt und er hätte es sehr weit gebracht, in einer normalen Kanzlei. Aber er hatte den Weg des Dienstes an Gott gewählt und war anscheinend der Einzige in seiner Kanzlei, der das selbstlos auf sich nahm. Nie hätte er eine Entscheidung für seinen eigenen Gewinn getroffen und wenn ausnahmsweise mehr raussprang, steckte er das in ein weiteres Kirchenprojekt.

Darüber beschwerte sich Lukas nicht. Seine Familie hatte ein gutes Einkommen und es fehlte ihnen an nichts. Jedoch dieser unbändige Hass seines Vaters gegenüber allen, die er als Ungläubige ansah, war es, was ihn stets zur Verzweiflung brachte.

„Sicher erhält Gott keine Aufgaben. Von wem auch? Nennen wir es simpel Verpflichtung gegenüber seiner Schöpfung. Dieselbe, die Eltern gegenüber ‚ihrer Schöpfung‘, ihren Kinder, haben.“

– 3 –

Am nächsten Tag machte sich Lukas keine Illusionen, dass sein Vater das mit der Strafe vergessen hatte. Der Kirchenbesuch war in Christians Augen logischerweise niemals eine Strafe.

Alle drei zogen sich passend an, um zusammen in die Kirche zu gehen. Bereits bei der Kleidung fing die Gottesgefälligkeit an, wie sie Lukas’ Vater verstand. Ein ausgeleiertes T-Shirt oder gar eine Jogginghose wäre ihm niemals in den Sinn gekommen und so erzog er seinen Sohn. Lukas dachte: „Komisch, dass ich mit Tamara kleidungsmäßig auf einer Wellenlänge liege, aber aus gegensätzlichen Gründen. Ich werde nahezu gezwungen und sie trägt es aus Trotz, um sich von ihren Eltern abzusetzen, die in den meisten Belangen das krasse Gegenteil meiner Eltern sind. Bis auf den Hass auf die, die anders sind. Tamara war stets selbstbewusster als ich und widersetzt sich ihren Eltern häufiger. Leider mit dem erwartbaren Ergebnis.“

Die Kirche lag nicht weit entfernt und darum liefen sie das Stück zu Fuß. „Musst du denn heute nicht arbeiten Dad?“, fragte Lukas.

„Ich werde später arbeiten, aber das ist heute von größerer Bedeutung. Außerdem, ist es Teil meiner Arbeit, Gott und seinen Schäfchen zu helfen. Speziell wenn sie, wie du mein Sohn, vom Weg abgekommen sind.“

Christian arbeitete oftmals von zu Haus in seinem Arbeitszimmer und hatte die Möglichkeit, sich seine Zeit frei einzuteilen.

Martha war von Beruf Hausfrau. Dennoch unterstützte sie ihren Mann bei diversen Aufgaben.

Nachdem die Familie Pfeiffer ihr Haus verlassen hatte, folgten sie der kurzen Allee-artigen Straße, in der sie wohnten. Nach ein paar hundert Metern trafen sie auf die Hauptstraße und man fühlte sich direkt wie in einer anderen Welt. Keine Bäume boten Schutz vor der heißen blendenden Sommersonne und die Menschenmassen drängten sich auf dem breiten Gehweg. An der Kreuzung hupten die Autos, weil irgendwer nicht rasch genug abgebogen war oder Ähnliches. Alles und jeder wirkte übertrieben hektisch.

Ein Stück weiter ihres Weges hatte sich eine größere Menschenmenge versammelt. Zwei Männer schienen aus unbekanntem Grund in Streit geraten zu sein, was diverse Schaulustige auf den Plan rief. Natürlich dachte niemand daran, die beiden Streithähne zu trennen. Im Gegenteil, viele von ihnen hatten ihr Handy gezückt und filmten das Geschehen eifrig.

Die Ansammlung versperrte den ganzen Gehweg. Uninteressierte Passanten quetschten sich am Rand vorbei. Eine Frau mit Kinderwagen stand verzweifelt daneben und wusste nicht, wie sie weiterkommen sollte.

Als sich die Pfeiffers näherten, erregte das Geschehen Christians Aufmerksamkeit. „Hey ihr da, was soll dieses Verhalten? Beherrscht euch doch!“, fuhr er die beiden von außerhalb der Menschenmenge an.

Christian hatte mit seinen ein Meter neunzig eine massive, Eindruck erregende Statur. Er stürmte in die Menge und zerrte die beiden Streitenden auseinander. Er schrie sie an: „Wollt ihr wohl aufhören? Habt ihr denn keine Selbstachtung, euch hier als erwachsene Männer auf der Straße zu prügeln?

Gott sieht das nicht gern. Habt ihr vor eure Seele für irgendwelche kindischen Kleinigkeiten zu verdammen?“, fragte er sie mit tadelndem Tonfall. „Jetzt übt euch in Reue und Vergebung. Betet zu Gott, dass er euch diese Entgleisung verzeiht.“

Da kicherten einige der Umstehenden verhalten und viele filmten weiter mit ihren Handykameras. Christian realisierte dabei erst wieder, dass er die Menschenmenge um sich hatte. Dutzende Augenpaare beobachteten ihn interessiert. Das brachte ihn nur noch mehr zur Weißglut und er schaute die Schaulustigen mit böse funkelnden Augen an.

Lukas beobachtete das Geschehen mit steigendem Unbehagen und schämte sich wie üblich für seinen Dad. Er bemerkte, wie ein spürbarer Luftzug kühl durch die Menschenmenge fuhr und das blendende Licht langsam verschwand. Christian schaute die Reihen der umstehenden Gesichter an, über die nun Schatten wanderten.

Er schimpfte in deren Richtung: „Und ihr? Was ist eure Ausrede? Ihr steht hier und gafft auf diese Sünder und ergötzt euch an deren Frevel. Was macht das mit eurer unsterblichen Seele? Was hält Gott wohl von diesem Unsinn? Und darüber hinaus mit dem Handy draufhalten. Ihr macht mich krank. Alle miteinander.“ Er spuckte vor den Leuten auf den Boden, um seiner Aussage Nachdruck zu verleihen.

– 4 –

Auf der Straße war der Verkehr abgeflaut und Lukas bemerkte, wie die Frau mit dem Kinderwagen ihr Glück versuchte, um an der Ansammlung vorbeizukommen. Sie quetschte sich halb auf der Straße vorbei. Ein stärkerer Windzug zerrte am Wagen, als hätte er vorgehabt sie am Weiterkommen zu hindern. Die Schatten verdichteten sich und schienen sich unnatürlich zu bewegen.

Christian hielt weiter die Streitenden gepackt und fuhr in seiner Rage fort: „Keiner von euch kommt auf die Idee seinen Mund aufzumachen und dem Unsinn Einhalt zu gebieten. Wenn ihr zu feige seid, geht weiter und starrt hier nicht in der Gegend umher!“

Da antwortete ihm ein vorwitziger junger Mann aus der Menge: „Ihre Tirade ist viel zu gut, um die zu verpassen. Das bringt wunderbare Klickzahlen im Social Media. Kommen Sie, lächeln Sie für die Fans.“ Er hielt sein Handy dichter an das Geschehen.

Da ließ Christian schlagartig die beiden Streitenden los und sprang nach vorn auf den Kerl zu. Alle Umstehenden waren überrascht von dieser flinken Bewegung und drängten weiter auseinander. Christian packte den Burschen am Kragen und schlug ihm mit der anderen Hand das Handy weg. „Sie halten sich wohl für besonders witzig was? Ihnen werde ich zeigen, was es heißt, sich über mich lustig zu machen, während ich hier gottesfürchtig des Herrn Arbeit erledige.“

Lukas dachte: „Nein Dad, tu es nicht. Lass ihn einfach los.“

Doch Christian stieß den Mann von sich, in Richtung der Menschen, die sich am dichtesten an der Hauptstraße drängten. Hinter dem Taumelnden sah Lukas einen enormen Schatten, der aber eine physischere Form angenommen hatte, wie man es von einem Schatten gewohnt ist. Im Fallen durchbrach und verwirbelte er ihn wie einen Nebelschleier.

Erschreckt flüchteten die Menschen, auf die er zufiel, nach hinten auf die Straße zu. Einer aus der hintersten Reihe stolperte am Bordstein und stieß heftig gegen den Kinderwagen der Frau, die dort vorbeidrängte.

Auf der Hauptstraße fuhr ein LKW der städtischen Müllabfuhr. Der Fahrer hörte dröhnend Musik und war unaufmerksam. Er hatte seine Schicht beendet und war auf dem Weg zurück ins Depot. Da kreisten seine Gedanken hauptsächlich um das Feierabendbier, das er sich gleich genehmigen würde.

Lukas sah das Unheil kommen und versuchte zu rufen. Doch die Luft war ihm wie abgeschnürt, und alles wurde konstant düsterer. Die Welt schien sich, wie in Zeitlupe, um ihn zu bewegen. Auf einmal war da Licht. Um die Frau und ihren Kinderwagen herum schienen die Schatten urplötzlich zu leuchten. Filigrane, blaue, geschwungene Linien schienen sichtbar auf ihnen. Sie wurden so grell, dass sie Lukas blendeten.

Dann ertönte in seinem Kopf eine wunderschöne, sanfte, unwirkliche Melodie und alle Schatten bewegten sich mit einem heftigen Ruck.

Die Frau mit Kinderwagen wurde durch eine unnatürlichen Luftstoß zurück Richtung Bordstein geschoben. Sie fiel dabei auf die Seite und verlor eine ihrer Sandalen, die auf der Straße zurückblieb. Der Kinderwagen kam jedoch aufrecht und in Sicherheit auf dem Gehweg zum Stehen.

Lukas traute seinen Augen kaum. Er hatte aber keine Zeit, sich lange zu wundern. Die Schatten verschwanden, so unvermittelt wie sie gekommen waren und mit ihnen das blaue Licht. Die Welt um ihn herum beschleunigte wieder auf das normale Tempo und mit einem Schlag entspannte sich der Druck auf seiner Brust und er atmete schwer aus.

Der Müllwagen auf der Hauptstraße rauschte heran und brauste an der Szene vorbei. Dabei rollte er über die einzelne Sandale auf der Straße und zerfetzte sie. Der Fahrer sang weiter das Lied aus dem Radio, ohne zu merken, was beinahe passiert wäre.

„Woah, was war denn das?“, fragte Lukas mit weit aufgerissenen Augen. Aber keiner hörte ihn. Alle hatten ausschließlich Augen für die Frau, die da neben ihrem Kinderwagen auf dem Gehweg lag. Wieder gafften sie hemmungslos, ohne sich zu bewegen.

Christian jedoch löste sich aus dem Schreck und stieß die Anderen beiseite. Er ging auf die Frau zu und sagte zu ihr: „Geht es Ihnen gut? Haben Sie sich verletzt? Lady, hören Sie mich?“ Sie drehte ihm den Kopf zu und der Schock war deutlich in ihren Augen zu erkennen. Christian verkündete: „Sie sind gesegnet. Gott wacht über Sie und Ihr Kind. Er hat Sie vor einem enormen Unheil bewahrt. Beten Sie und danken ihm für diese Gnade.“

Die Frau schaute verwirrt und sagte: „Was? Keine Ahnung was Sie wollen, aber Danke für Ihr Mitgefühl. Es geht schon wieder. Das war nur der Schreck. Würden Sie so freundlich sein und mir aufhelfen?“

Christian antwortete: „Aber selbstverständlich Madam. Kommen Sie und nehmen Sie meine Hand.“

Während er ihr aufhalf, fiel der Schock langsam von den Passanten ab und alle redeten aufgebracht durcheinander. Einer verkündete in Richtung der Frau: „Ein Schutzengel. Mann, das war mehr als Glück. Ihr Schutzengel hat heute Überstunden geschoben. Wahnsinn.“

Als sie wieder aufrecht stand, schaute sie zuerst nach ihrem Baby. Aber den Kleinen schienen der Ruck und der aufbrandende Trubel nicht gestört gehabt zu haben. Er döste friedlich weiter. Erleichtert wendete sie sich wieder Christian zu. „Ich weiß nicht, es fühlte sich wie eine starke Windböe an, die mich umgehauen hat. Es war also schieres unfassbares Glück.“

„Pah, Glück. Das reden sich alle ein. Es gibt kein Glück. Gott hat Ihnen die Hand gereicht und Ihr Leben bewahrt. Seien Sie ihm dankbar dafür. Sie wollen doch nicht, dass er sich von Ihnen abwendet. Beim nächsten Vorfall geht es nicht mehr so glimpflich für Sie aus.“

Sie trat einen Schritt von ihm zurück. „Mein Herr, erneut vielen Dank für Ihre Hilfe. Ihren Glauben möchte ich Ihnen nicht nehmen, aber bitte lassen Sie mir meinen. Dann reden wir auch nicht darüber, inwiefern Sie an der Situation mit Ihrem rüden Verhalten Anteil hatten. Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen.“

Die Frau erfasste wieder den Griff ihres Kinderwagens und schob diesen auf dem Gehweg weiter von der Straße weg. Die umstehenden Schaulustigen räumten ihr bereitwillig den Platz und sie war verschwunden.

Christian schaute in die zahllosen Gesichter, die ihn anstarrten. „Hört endlich auf zu gaffen. Es gibt nichts mehr zu sehen. Ich habe hier nur geholfen, was keiner von euch behaupten kann. Für euch würde Gott niemals solch ein Wunder vollbringen wie für diese Frau. Sie wird das schon irgendwann einsehen.“

An seine Familie gewandt rief er: „Martha, Lukas, kommt, wir gehen jetzt.“

Sie hatten ein paar Meter zwischen sich und die sich langsam auflösende, Menschenmenge gebracht, da konnte Lukas nicht mehr an sich halten und fragte: „Mum, Dad, habt ihr auch die Schatten gesehen und das komische blaue Licht?“

Seine Mutter antwortete: „Was? Wovon redest du denn Lukas?“

„Na die ganzen Schatten, die auf die Frau in Gefahr zustürmten und sie von der Straße schubsten, als die Musik losging?“

Sein Vater schaute ihn verwundert an. „Was soll dieser Unsinn? Gott hat sie gerettet. Sagst du da, du hast Gott gesehen, mein Sohn?“

Lukas schüttelte den Kopf. „Nein, also ich weiß nicht, was ich gesehen habe. Das Wort des Passanten finde ich passender. Schutzengel. So würde ich es nennen. Was es auch war, es hat sie gerettet. Mum, was hast du gesehen?“

„Nun, der Wind hat aufgefrischt und ihr buntes Kleid blähte sich stark um sie herum auf. Das hat sie, wie es scheint, zur Seite umgeworfen“, antwortete Martha, wirkte dabei jedoch unsicher. „Natürlichen Ursprungs sah es nicht aus. Das gebe ich zu. Das war wohl wirklich eine göttliche Intervention. Preiset den Herrn.“

– 5 –

Als sie endlich in der Kirche ankamen, hatten sie sich alle drei wieder beruhigt. Nur Lukas verblieb gedankenversunken. Er grübelte darüber nach, was das vorhin zu bedeuten hatte und warum niemand anderes gesehen hat, was er gesehen hat. Vor allem dachte er, was das mit dem Erlebnis im Wald vor zwei Tagen zu tun gehabt hat. Ständig schwirrte ihm dieser Gedankengang im Kopf herum: „Halluzinieren wir jetzt alle? Simon in seinem Traum und nun ich. Oder steckt da mehr dahinter und dieses Paradell gibt es tatsächlich?“

Er kam zu keinem richtigen Schluss und beließ es bei dem Vorsatz, mit seinen Freunden darüber zu sprechen. Leider waren sie erst am Samstag wieder alle beisammen. Morgen musste er shoppen gehen. Ihm fehlte weiterhin eine Idee, was er Ben zu seinem Geburtstag am Samstag mitbringen sollte.

Am folgenden Tag stand Lukas erst gegen zehn Uhr auf. Er hatte bereits eine Stunde vorher seine Zimmertür einen Spalt weit geöffnet, um zu hören, was unten vor sich ging. Doch da waren seine Eltern in der Küche zu Gange gewesen. Er dachte sich: „Lieber warte ich. Dad verschwindet gleich ins Arbeitszimmer und Mum zum Einkaufen. Der gestrige Tag reicht mir vorerst an ‚schöner‘ Familienzeit.“

Er ließ die Tür angelehnt und legte sich nochmal hin. Er griff nach dem Handy und schrieb Tamara:

@Lukas> Guten Morgen Schatz, bist du schon wach?

Die Antwort folgte prompt.

@Tamara> Ja, wir haben gerade gefrühstückt. Und du?

@Lukas> Ach ich lieg ein bisschen rum und warte, dass Dad arbeiten geht. Dann kann ich in Ruhe frühstücken.

@Tamara> Ich verstehe. Den Trick nutze ich auch oft ;-).

@Lukas> Ich werde nachher ins Shoppingcenter gehen und für Ben ein Geschenk suchen. Kommst du mit?

@Tamara> Na klar. Super Idee ich brauche eh ein paar Schuhe, die ich am Samstag tragen werde.

Sie verabredeten sich zu zwölf Uhr und Lukas hing seinen Gedanken an den letzten Tag nach. Um zehn Uhr hörte er von unten seinen Vater sagen: „Dann mal frisch ans Werk. Nach dem Zeichen gestern bin ich wieder zuversichtlicher, dass ich die wackeligen Geldgeber heute auf Linie bekomme. Lass uns auf Gott vertrauen, Martha, dann schaffen wir es. Denk bitte beim Einkauf an meine Baldriantropfen, die brauche ich dringend.“

„Na klar Christian, ich bin dann unterwegs. In Gedanken und im Gebet bin ich jederzeit bei dir. Du schaffst das.“

Das war das Zeichen für Lukas aufzustehen. Er aß ein paar Toasts und trank Orangensaft, wobei er die Ruhe des Hauses genoss.

Um zwölf Uhr war er pünktlich im Einkaufscenter und wartete auf Tamara. Er setzte sich in das Eiscafé am Eingang und schrieb im Handy:

@Lukas> Hi Schatz, ich sitze vorn beim Italiener, am Tisch in der Ecke.

@Tamara> Okay, ich bin gleich da.

Lukas beobachtete die Menge, die hektisch im Einkaufscenter auf und ab strömte. Nach fünf Minuten entdeckte er im hereinkommenden Menschenstrom seine Freundin. Es machte ihn glücklich, dass das wie zu Beginn ihrer Beziehung einen kurzen Satz in seiner Herzfrequenz auslöste.

Tamara sah ihn, kam zu seinem Tisch und sagte mit einem Lächeln: „Na, du siehst aber zufrieden aus. Hast du etwas Schönes gesehen?“

„Nur das hübscheste Mädchen, das ich kenne“, antwortete er und schaute sie liebevoll an.

„Ach du …“, sagte sie und errötete.

Sie setzte sich zu ihm an den Tisch. Sie bestellten sich zusammen ein Spaghettieis. Als der Kellner mit der Bestellung weg war, sagte Lukas: „Du wirst es nicht glauben, was gestern passiert ist. Ich brenne schon die ganze Zeit darauf, es dir zu erzählen, aber das war nichts für das Telefon.“ Tamara schaute ihn mit einer Mischung aus Neugier und Verwunderung an. Dann erzählte er ihr im Detail die Ereignisse von gestern, wie er mit seinen Eltern auf dem Weg zur Kirche gewesen war.

„Was hältst du davon?“, fragte er, als er fertig war.

Einen Moment sagte Tamara erst einmal nichts. Dann ergriff sie seine Hand, die auf dem Tisch lag, sah ihn an und sagte: „Du weißt, wie ich zu diesem ganzen Paradellzeug stehe. Andererseits glaube ich dir und so langsam häufen sich die Vorfälle, sodass ich es nicht mehr schaffe zu ignorieren.“

„Ja, es ist zu surreal. Ich weiß nicht, wie das weitergehen soll.“

Als das Eis kam, aßen sie es gemeinsam still und gedankenversunken. Nachdem der letzte Löffel verputzt war, lenkte Lukas das Thema in eine andere Richtung. „Also, Ben … was könnten wir ihm zum Geburtstag kaufen?“

Tamara sagte mit einem Zwinkern: „Ich kenne ihn nicht so lang wie du. Was zum Trainieren scheint mir angebracht.“

„Haha, ja du hast recht. Aber dennoch, sei nicht so fies zu ihm“, sagte er. Worauf sie mit seriöserer Miene sagte: „Okay, im Ernst. Ich habe gehört, dass er diese alten Kindergruseltaschenbücher liebt. Ich komme nicht auf den Titel der Reihe. Ich glaube, das ist ein weiteres, dieser Stevie-Andenken, an denen er hängt.“

„Das ist perfekt, Schatz, super Idee. Ich habe das Cover vor Augen und erinnere mich gut an sein Bücherregal. Wir finden im Buchladen sicher eins, was er noch nicht hat.“

Sie zahlten und machten sich auf den Weg. Im Gehen kam Lukas erneut auf die Vorkommnisse zu sprechen. „Weißt du? Wenn das Ganze nicht real ist, was ist es dann? Was löst bei uns fünf zusammen solche lebendigen Halluzinationen aus?“, fragte er und fuhr mit einem Gedanken fort, der ihn schon den ganzen Tag beschäftigte. „Wenn es real ist, kann ich das erst recht nicht einschätzen. Einerseits haben sie eventuell mit dem Verschwinden von Simons Eltern zu schaffen. Das wäre echt übel, obwohl wir nicht wissen, wie das ablief. Aber gestern wirkte es, als wären sie wie Schutzengel, die den Menschen helfen.“

Darauf sagte Tamara: „Wenn wir sie wirklich in dem Wald gesehen haben, wissen wir, sie sind auch nur aus Fleisch und Blut. Und von allem, was wir über uns Menschen wissen, gibt es dabei Licht und Schatten, mit jeder Menge Graustufen. Warum sollte es bei denen anders sein?“

„Dann hoffen wir, dass das Licht die Schatten überwiegt“, antwortete Lukas.

Kapitel 4 – Rückkehr

– 1 –

Samstagmorgen. Neun Uhr. Ben Lindner, der an diesem Tag fünfzehn Jahre alt geworden war, schlief tief und fest. Ein schwankender Lichtschimmer schien in seinem Zimmer. Das Aquarium in der Ecke leuchtete in der Nacht konstant und wenn die Fische an der Lampe vorbeischwammen, erzeugte das schaurige Schatten. Geräuschlos und gemächlich öffnete sich seine Zimmertür, aber niemand trat ein. Die Vorhänge an seinem Fenster wehten weit in den Raum durch den spärlichen Luftzug, der durch die offene Tür kam. Im Wind quietschte die Tür in den Angeln. Das Geräusch wirkte lauter durch die absolute Stille, die ansonsten herrschte.

Ben regte sich dadurch und aufgrund des Lichts, was durch den zur Seite gewehten Vorhang in das Zimmer strömte.

Plötzlich unterbrach ein Lied die Stille, das erst schwach ertönte und langsam an Kraft gewann.

Die Melodie weckte ihn endgültig und er schlug die Augen auf. Kurz war er noch etwas verwirrt, aber er erkannte die Melodie sofort und grinste über das ganze Gesicht.

In dem Moment wurde seine Zimmertür vollständig aufgestoßen und seine Eltern kamen herein. Sie sangen: „Happy birthday to you, happy birthday to you, happy birthday lieber Ben, happy birthday to you.“

Seine Mum hielt ein winziges Törtchen mit einer Kerze in der Hand und lächelte ihn liebevoll an. Als das Lied aus dem Bluetooth-Lautsprecher zu Ende ging, sagte sie: „Alles, alles Liebe zu deinem Geburtstag mein Schatz. Wir wünschen die ganz viel Glück, Freude und Gesundheit im neuen Lebensjahr.“

Sein Vater schloss sich an: „Alles Gute. Ich hoffe, du hast heute einen wunderbaren Tag mein Sohn.“

Ben konnte kaum mehr grinsen, ohne schwere Gesichtslähmung zu riskieren. Er war übermäßig gerührt. „Danke, danke, vielen Dank, Mum und Dad. Das ist so lieb von euch.“

Seine Mum gab ihm das Törtchen und sagte: „So hier schon einmal eine kleine Kerze zum Üben und eine Kleinigkeit zum Naschen. Zum Frühstück gibt es dann die richtige Version.“

„Kann ich mir somit zweimal was wünschen?“, fragte Ben und lachte. „Du kannst es versuchen, aber du kannst auch einen ganz wichtigen Wunsch doppelt verstärken“, schlug sein Dad vor.

Ben nahm das Törtchen und dachte an die wenigen Bilder, an die er sich von Paradell erinnerte. Er pustete mit geschlossenen Augen und die Kerze erlosch.

Clara Lindner war eine kleine, etwas untersetzte Frau mit einem herzerwärmenden Lächeln. Sie sah aus, als würde sie in jeder Klischeewerbung für Backwaren die Hausfrau mit der Schürze spielen, die den frisch gebackenen duftenden Kuchen ins Fenster zum Abkühlen stellte.

Sie setzte sich neben ihren Sohn aufs Bett und nahm ihn in den Arm. „Mögen alle deine Wünsche in Erfüllung gehen, mein Liebling.“

Ben biss behutsam in den Kuchen, um das Bett nicht vollzukrümeln, und das Lächeln wurde wieder breiter.

Bens Vater Thomas, ein mittelgroßer Mann mit runder Brille, dessen Haare bereits früh licht geworden waren, trat ans Bett und legte die Hand auf Bens Schulter. „Na dann mein Sohn, möchtest du weiterschlafen oder kommst du zum Frühstück?“ Ben antwortete mit einem Zwinkern. „Ich weiß nicht, lohnt es sich, das gemütliche Bett zu verlassen?“

„Hm, da steht ein Tisch mit komischen Kisten, die in allerlei grellbuntes Papier gewickelt sind. Ich habe keine Ahnung, was der Quatsch soll, aber wenn du dir das anschauen willst, müsstest du leider aus dem warmen Bett kommen“, sagte Thomas.

Da stand Ben schnell auf und sagte: „Na das weckt meine Neugier, wer hat sich denn da einen Scherz erlaubt und solch irres Zeug in unserer Wohnung platziert?“

Sie lachten alle drei vergnügt und gingen durch den Flur in das Esszimmer. Und tatsächlich, ein erheblicher Berg Geschenke war auf dem Esstisch aufgebaut worden und davor stand eine große leckere Torte mit viel Schokolade, auf der fünfzehn Kerzen brannten.

„Gut, jetzt hast du ja geübt. Nun mal los und alle auf einmal auspusten“, sagte Thomas zu seinem Sohn.

Ben trat an den Tisch und dachte wieder an Paradell. Er schloss die Augen und atmete tief ein. Da erschien vor seinem inneren Auge ein Bild von Angrowin aus seiner Erinnerung. Er hielt kurz inne und dachte: „Wenn ich sie und ihre Welt nur noch einmal wiedersehen könnte.“ Da pustete er mit aller Kraft über die Kerzen und schaffte es, sie alle zu löschen.

Thomas und Clara klatschten erfreut und klopften ihrem Sohn auf die Schulter. „Gut gemacht Schatz, was auch immer du dir gewünscht hast, muss ja jetzt in Erfüllung gehen“, sagte seine Mutter.

Ben schaute sie an und sagte: „Na dann drücken wir die Daumen.“ Dabei dachte er: „Wenn du wüsstest, aber das würdest du mir sowieso nicht glauben.“

– 2 –

Als das Frühstück beendet war, ging Ben ins Bad und begann sich für die bevorstehende Feier vorzubereiten.

Seine Eltern hatten in der Bowlinghalle die einzelne, für private Feiern abgetrennte Bahn gemietet. Sie wurde für den Geburtstag bunt geschmückt. Vorher war es geplant, dass sich alle im zur Bowlinghalle gehörenden Restaurant zum Essen trafen.

Um elf Uhr, eine halbe Stunde vor der Abfahrt, stand Ben vor seinem Kleiderschrank. Er sah unschlüssig hinein. Dann griff er, mehr aus Reflex als mit einer wirklichen bewussten Entscheidung, zu seinem Lieblings-T-Shirt und den ausgeblichenen Jeans, die er immer in der Schule trug. Legte sie auf das Bett und schaute erneut in den Schrank. Im obersten Fach lag Stevies Basecap mit der Mickey Maus. Er griff danach und schaute es verträumt an.

„Nein heute nicht. Es tut mir leid Stevie, Simon hat recht. Heute bleibt die Mütze im Schrank“, sagte Ben in das leere Zimmer hinein. Er legte das Cappi zurück und stand selbstbewusster, mit voller Energie, vor dem Schrank und schaute in den Spiegel. „Langsam wird es Zeit, erwachsener zu werden, Ben“, sagte er zu seinem Spiegelbild und lächelte.

Er suchte nach dem Poloshirt, das er sich vor einem Monat mit seiner Mum ausgesucht hatte, was er bisher nie angezogen hatte. Als er es fand, nahm er noch die neue moderne Jeans dazu und zog beides an. Und tatsächlich. Er sah wieder in den Spiegel und war äußerst zufrieden, was er da sah. Er wirkte gleich zwei Jahre älter. Er zwinkerte seinem Spiegelbild zu. Im Augenwinkel sah er etwas hinter sich im Spiegel, als wäre da jemand in seinem Zimmer gewesen. Erschreckt drehte er sich um, aber da war niemand. Er war allein im Zimmer.

„Hallo?“, fragte er verunsichert. Doch es antwortete niemand. Ben schüttelte den Kopf, um ihn wieder frei zu bekommen. Er schaute im Spiegel auf das darin sichtbare Aquarium. „Sicherlich nur die Bewegung der Fische“, versicherte er sich in Gedanken. Er verstaute die alten Sachen im Schrank und ging ins Bad. Dann legte er seine Brille zur Seite und kämmte sich die Haare. Sie waren stets zerzaust. An diesem Tag benutzte er jedoch Kamm und Haarwachs. Nachdem er seine Brille wieder aufhatte, fühlte er sich bereit für den Tag.

Er ging zu seinen Eltern ins Wohnzimmer. Als seine Mutter ihn bemerkte, weiteten sich ihre Augen vor Erstaunen. „Oh Schatz, du hast ja die neuen Sachen angezogen. Du siehst großartig aus.“ Sein Vater nickte anerkennend und sagte: „Na dann können wir ja los. Wann kommen denn die Winters?“

Die Familie Winter wohnte im Haus unter ihnen und Ben war von klein auf mit deren Sohn Franz befreundet gewesen. Er war auch zur Geburtstagsfeier eingeladen. Clara und Thomas hatten seine Eltern gefragt, ob sie mitkommen wollten. Dann hätten sie jemanden, mit dem sie den Nachmittag verbringen könnten, und würden die Kinder in Ruhe unter sich lassen.

Zwei Minuten später klingelte es und die Winters standen abfahrbereit vor der Tür, als Thomas sie öffnete. „Wo ist denn das Geburtstagskind?“, fragte Andreas, der Vater von Franz. „Da bin ich schon“, kam es aus der Wohnung und Ben trat neben seinen Vater. „Alles Gute zum Geburtstag Junge. Fünfzehn Jahre. Mann, euer Kleiner wird erwachsen, was Thomas?“

Lachend antwortete er: „Ja, man will es gar nicht wahrhaben, bis es so weit ist.“

Sie fuhren alle zur Bowlinghalle. Während sie auf den Parkplatz abbogen, sah Ben ein Mädchen, das mit einem bunten Päckchen in der Hand allein am Rand stand. Es war Marie. Als sie das Auto der Lindners erkannte, winkte sie ihnen zu.

Ben stieg aus und rannte zu ihr. „Hi Marie, schön dass du da bist. Wartest du schon lange?“

„Nein nein, nur ein paar Minuten. Alles Gute zum Geburtstag Ben“, sagte sie und lächelte ihn an. Dann schaute sie verlegen auf ihre Füße und sah dabei das Geschenk an, das sie in der Hand hielt. „Ah ja, ich habe dir auch etwas mitgebracht. Ist nur eine Kleinigkeit. Aber ich habe es selbst gemacht.“ Ihre Gesichtsfarbe verschob sich deutlich in Richtung rot und sie drückte Ben das Päckchen in die Hand. „Vielen Dank Marie“, sagte Ben und stand unbeholfen da. Dann umarmte er sie doch noch kurz und sie gingen gemeinsam rein.

Drinnen war es ruhig, da mittags nicht viele Bowler in der Halle waren. Momentan interessierten sie sich aber noch nicht für die Bowlingbahnen. Sie gingen an ihnen vorbei zu dem Restaurant am anderen Ende der Halle.

„Hallo Miss, Ben Lindner, wir haben einen Tisch reserviert“, sprach Ben eine Kellnerin an. Sie drehte sich um und erkannte ihn. „Oh hallo, du musst das Geburtstagskind sein. Alles Gute. Kommt, euer Tisch ist der da hinten in der Ecke.“

Ben und Marie setzten sich und die anderen kamen kurz darauf dazu. „Nun Marie, dann schauen wir doch mal, was ich da von dir bekommen habe“, sagte Ben. Er packte das Geschenk behutsam aus und achtete darauf, das Papier nicht zu zerreißen.

„Ein Buch“, sagte Ben, unsicher was er davon halten sollte. „Memories steht darauf. Was ist das?“

Marie, gleich wieder mehr rot im Gesicht, antwortete: „Na Erinnerungen. Ich habe ein Album gemacht, das alle Bilder enthält, die ich von uns finden konnte. Also von Simon, Lukas, dir und mir. Ach ja und von Tamara auf den letzten Seiten auch. Da sind all unsere Erlebnisse aus den letzten Jahren drin. Es ist also eine Art Freundschaftsbuch.“

Ben wusste nicht, was er sagen sollte. Er war viel zu sehr gerührt und blättert im Buch, um darüber hinwegzutäuschen. Als er doch noch seine Stimme wiederfand, war sie zwar brüchig, aber er schaffte es, zu sagen: „Oh Marie, vielen lieben Dank dir. Das ist so großartig.“ Ohne darüber nachzudenken, schloss er sie in die Arme und drückt sie fest an sich. Marie war vollkommen überrascht und verkrampft. Dann ließ sie locker und lächelte über das ganze Gesicht. „Sehr gern Ben. Ich hatte selbst so viel Freude beim Erstellen und Erinnern. Ihr seid einfach das Wichtigste in meinem Leben.“

– 3 –

Ben nahm das Buch erneut zur Hand und begann zum zweiten Mal es durchzusehen. „Wahnsinn, was man wieder alles vergessen hat. Hier schau mal. Der Tag am See vor zwei Jahren. Simon wäre fast gestürzt, als er auf den Baum kletterte, um von da ins Wasser zu springen.“

In dem Moment kam Simon, wie als hätte er es gehört, zur Tür herein. „Hey, Ben mein Kurzer. Alles Gute zum Geburtstag wünsch ich dir. Unser kleiner Ben schon ganze fünfzehn Jahre alt“, spottete er und lachte herzlich über seinen eigenen Humor.

„Was heißt hier Kleiner? Du wirst erst im Herbst fünfzehn. Nur weil du so ein Riese bist, brauchst du nicht alle anderen runtermachen“, antwortete Ben und setzte ein gespielt beleidigtes Gesicht auf. „Ach jetzt hab dich nicht so. Happy Birthday Ben“, sagte Simon und begrüßte ihn mit einem Handschlag.

Als Geschenk hat er ihm ein neues Cappi mitgebracht. „Ich weiß, du magst Mickey Maus. Und ich werde dich deswegen nicht mehr aufziehen. Aber wenn du es doch mal leid sein solltest, hättest du damit eine Alternative.“ Er zwinkerte Ben zu und bemerkte dabei erst, dass er das alte Basecap gar nicht aufhatte und allgemein so gut gekleidet war. „Ach, jetzt bemerk ich erst, dass ich offensichtlich zu spät komme. Du bist bereits shoppen gewesen. Gut siehst du aus.“

„Danke, aber ein neues Cappi fehlt mir tatsächlich noch dazu“, sagte Ben und setzte es auf. „Sieht hübsch aus“, bemerkte Marie.

„Wer sieht hübsch aus? Unser Ben, na das glaub ich doch nicht“, kam es aus Richtung der Tür von Tamara, die in dem Moment mit Lukas eingetroffen war.

Alle drehten sich um und erblickten die beiden. „Hey ihr seid ja richtig pünktlich“, rief Simon. Die beiden Neuankömmlinge kamen zum Tisch.

„Alles Gute mein Bester“, sagte Lukas und klopfte Ben auf die Schulter. „Hier eine Kleinigkeit von uns beiden. Tamara hat sich daran erinnert, dass du die so magst.“

„Ja wir hoffen, du hast die noch nicht. Alles Gute auch von mir Ben“, schloss sich Tamara an.

Ben packte das Geschenk aus und seine Augen leuchteten: „Nein, das sind ja die neuen Bücher aus der Gänsehaut Reihe. Die habe ich noch nicht. Die lese ich seit Jahren. Früher habe ich die immer Stevie vorgelesen. Es sind zwar Kinderbücher, aber für die werde ich wohl nie zu alt.“

Ben freute sich wie ein Schneekönig. „Vielen lieben Dank euch. Auch euch Andern nochmal. Das ist bereits jetzt der schönste Geburtstag, bei den Geschenken. Aber nun lasst uns was essen. Ich verhungere.“

Sie riefen die Kellnerin heran. Da es ein mexikanisches Restaurant war, wurden viele Burger, Fajitas und Burritos bestellt. Zusätzlich ein paar Platten Fingerfood, die sie für alle in die Mitte stellen wollten.

Als das Essen kam, konnten es die meisten kaum erwarten anzufangen. Doch Bens Mutter Clara ergriff das Wort. „Ich freue mich, dass ihr alle zu Bens Geburtstag kommen konntet. Freunde sind doch das Wichtigste im Leben und ich bin froh, dass ihr das für meinen Jungen seid.“ Nach einer kurzen Pause ergänzt sie mit etwas unsicherer Stimme: „Nach dem Ganzen mit Stevie bin ich so stolz, wie du dich gemacht hast Ben. Ich liebe dich von ganzem Herzen, mein Junge und wünsche dir nur das Beste im Leben und das eure Freundschaft ewig hält.“

Mit einer Träne im Augenwinkel sagte Ben: „Danke dir Mum. Das hoffe ich auch, aber jetzt lasst uns essen. Auch von mir, Danke für euer Kommen und jetzt haut rein.“

Das ließen sich die Gäste nicht zweimal sagen.

Als der erste Hunger vorüber war, wurde die Stimmung gelassener und alle redeten durcheinander. Ben rief zu Lukas. „Hey Lukas, hast du gesehen, was Marie mir geschenkt hat? Das ist echt cool. Schau dir mal die Bilder an.“ Er reichte das Buch weiter. Lukas und Tamara schauten es durch und lachten bei den witzigen Erinnerungen. „Haha, so sahst du damals aus. Na, ich weiß nicht, ob ich dich da schon gemocht hätte“, sagte Tamara zu Lukas.

„Pah, das ist fünf Jahre her und damals rannten alle so rum. Die coolen Kids waren wir so zwar nie an der Schule, aber wer braucht das schon“, lachte er als Antwort.

„Das ist echt super Marie. Hast du einen Onlineshop, in dem ich deine Bücher bestellen kann?“, fragte Simon.

„Nein, aber wer weiß. Vielleicht lässt sich da was machen, dass du auch eines bekommst. Dann musst du ab jetzt halt lieb zu uns sein“, antwortet Marie selten schlagfertig.

– 4 –

Nach dem Essen gingen sie alle zu ihrer reservierten Bowlingbahn. Der ganze Raum war von den Angestellten großartig geschmückt worden. Viele bunte Luftballons mit „Happy Birthday“ Schriftzug schwebten an der Decke verteilt, sowie an jeder Wandlampe hingen weitere. Lange Girlanden und Unmengen Luftschlangen vermehrten die Farbenpracht. Insgesamt war der Raum wirklich sein Geld wert. Abgesehen davon, dass man hier für sich war, gab es eine deutlich bessere Einrichtung als an den normalen Bahnen. Gemütliche Sofas standen verteilt und es gab ein paar zusätzliche Gerätschaften wie Kickertische, um sich die Wartezeit zu vertreiben, wenn man gerade nicht dran war. Ein bescheidener Barbereich am hinteren Ende des Raums war perfekt für die Eltern. Dort konnten sie sich abseits der bowlenden Jugendlichen in Ruhe unterhalten.

„Viel Spaß euch Kindern, wir lassen euch mal in Ruhe“, sagte Thomas und die Erwachsenen setzten sich an die Tische.

Simon sprang auf eines der Sofas und legte sich quer darauf, den ganzen Platz für sich beanspruchend. „Das ist mein Sofa. Wo wollt ihr sitzen?“, fragte er. „Nichts da“, antwortete Lukas. „Für die Aktion kannst du gleich mal den Spielcomputer mit unseren Namen befüllen, sodass wir anfangen können.“

„Du hast heute gar nichts zu sagen“, weigerte sich Simon und lachte. Da sprang Ben ein: „Na gut, wenn du es so willst. In meiner Funktion als Geburtstagskind. Simon, los trag die Namen ein.“

„Dass du deine Macht so ausnutzt, hätte ich nicht von dir erwartet mein Lieber“, sagte Simon und spielte den Beleidigten. Er stand dennoch auf und bereitet die Anzeige vor. „Gut Franz. Na dann. Du darfst beginnen“, sagte er, als er fertig war.

Franz warf den ersten Ball und schaffte mit dem zweiten zusammen gleich acht Punkte. „So kann es weitergehen“, sagt er.

Immer wenn Franz dran oder anderweitig nicht in der Nähe war, kam das Gespräch der fünf Freunde regelmäßig auf das Thema Paradell zurück. Dennoch war das immer kurz und wurde nicht zum allbestimmenden Thema des Abends. Lukas brannte zwar darauf, sich mehr über die Erlebnisse auszutauschen, alle waren aber insgeheim froh, dass sie einen Abend zusammen einfach Spaß haben konnten, ohne das Thema zu vertiefen.

Franz und Simon lagen weit vorn. Aber das war erwartet worden: Simon, der Sportler, und Franz, der generell einen Faible für jede Art von Barspielen, wie Dart, Billard oder Bowling, hatte.

Ben jedoch war ihnen dicht auf den Fersen und er glaubte, zwischendurch, die anderen wollten ihn zum Geburtstag gut aussehen lassen. Aber seine Punkte waren wirklich weit ab von dem, was er sonst schaffte. Am Ende des ersten Spiels war es so knapp, dass der letzte Wurf entschied. Ben gelang in der Situation tatsächlich ein Strike und alle sprangen jubelnd auf. Alle wuselten durcheinander und gratulierten Ben zum Sieg.

Simon warf eine Hand voll Konfetti aus einer herumstehenden Dose über die Feiernden. Er blieb einen Moment stehen und schaute sich die Szenerie an. Er genoss die ausgelassene, sorglose Stimmung, bevor er zu seinen Freunden sprang und Ben anerkennend auf den Rücken klopfte.

Sie spielten ein paar weitere Runden, die dann wie erwartet verteilt an Simon oder Franz gingen. Die anderen vier teilten sich fair in abwechselnden Reihenfolgen die weiteren Plätze.

Zwischen den Spielen saßen sie ausgelassen lachend und tratschend beisammen. Sie genossen den schönen, gemeinsamen Tag.

Sie feierten bis in den Abend, wo sich die Kinder wieder zu den Eltern in den Barbereich gesellten und gemeinsam noch einen Snack bestellten.

Dann musste aber irgendwann auch ein solch schöner Tag mal zu Ende gehen. Marie sagte: „Ben, vielen Dank. Der Abend war großartig. Ich wünsche dir noch einen schönen restlichen Geburtstagsabend.“ Lukas ergänzte artig: „Ach ja, Herr und Frau Lindner. Auch Ihnen vielen Dank für das Organisieren.“

„Ja es war echt top. Super Sache. Da will man fast gar nicht nach Hause“, sagte Simon. „Aber hilft ja nichts. Dann macht’s mal gut. Montag ist wieder Schule.“

„Ach erinnere uns doch nicht daran Mann“, beschwerte sich Tamara.

Ben fuhr wieder mit seinen Eltern und den Winters heim. Auf der Fahrt waren alle auffällig ruhig, da sie sehr müde waren. Ben hing währenddessen seinen Erinnerungen an den Abend nach. Vor seinem geistigen Auge tanzte er mit seinen Freunden weiter jubelnd durcheinander.

– 5 –

Daheim wurde nicht mehr lange gefackelt. Alle wollten nur noch ins Bad, um anschließend ins Bett zu fallen. „Komm Ben, geh du als Erster. Wir halten noch so lange aus“, sagte seine Mutter. Als er endlich in sein Zimmer kam, schlurfte er dahin und gähnte geräuschvoll.

Er schaltete das Licht an und betrachtete sich im Spiegel. „Happy birthday Ben“, sagte er flüsternd mit einem Lächeln zu seinem Spiegelbild. In der folgenden Stille hörte es sich an, als würde er einen Nachhall seines Grußes an sich selbst hören. „Happy Birthday Ben.“ Er schaute sich um und schüttelte verwirrt den Kopf.

Als er seinen Schlafanzug suchte, war es zu dunkel, um ihn zu finden. „Ich habe doch das Licht angemacht. Ist die Glühbirne kaputt?“, fragte er sich und schaltete geistesabwesend die kleine Lampe neben dem Bett an. Da fand er den Schlafanzug und legte ihn unten ans Fußende des Betts. Im Augenwinkel bewegte sich etwas im Spiegel. Er schaute hin, aber erneut war es dunkler geworden. Er schaute, wie schon morgens, wieder auf das Aquarium. Aber das war rechts in der Ecke des Spiegels zu sehen. Die Bewegung war jedoch eindeutig links gewesen.

Er ging dichter an den Spiegel. Vereinzelte Schatten, die er im Spiegel auf dem Bett sah, schienen sich zu bewegen. „Halluziniere ich schon vor lauter Müdigkeit? Ich sollte echt rasch ins Bett.“

Er rieb sich die Augen fest mit den Handballen. Als er die Augen langsam wieder öffnete, stand plötzlich ein physischer Schatten grob in Menschenform hinter ihm im Spiegel. „Huch …“, entfleuchte es ihm erschrocken. Doch zu mehr kam er nicht. Der Schatten schubste ihn gegen den Spiegel. Er schloss reflexartig die Augen und erwartete den Aufprall mit dem Gesicht, da er die Hände nicht schnell genug hochbekam.

Doch er fiel weiter, als er dachte. Und kippte im freien Fall auf den Boden zu. Dabei reichte sein Reflex glücklicherweise aus und er konnte sich mit den Händen schützend abfedern. Der Aufprall auf dem harten Boden war trotzdem schmerzhaft. „Uff …“, stöhnte Ben.

Der Schreck hatte ihn mittlerweile wieder wacher gemacht. Er öffnete langsam die Augen und realisierte auf den ersten Blick, dass sein Geburtstagswunsch in Erfüllung gegangen war. Der Wunsch, den er morgens im Kopf gehabt und die Kerzen ausgeblasen hatte, was ihm wie eine Ewigkeit her erschien. Er erblickte den Raum in Paradell, den er mit seinen Freunden vor einigen Tagen zusammen gesehen hatte und vor ihm stand Angrowin. Heute war sie jedoch allein im Raum.

„Ben. Geht es dir gut? Hast du dich verletzt? Es tut mir leid. Ich musste dich in den Spiegel schubsen. Nur so konnte ich dir zeigen, wie du durch die Schattenwand kommst“, sagte sie. Sie hatte nicht mehr diese unendliche Ruhe und Gleichgültigkeit in ihrem Verhalten, sondern wirkte eher nervös. Es war dennoch kein Vergleich mit menschlicher Emotion in einer solchen Lage.

„Oh, alles gut. Mir fehlt nichts“, stammelte Ben und war von ihrer Schönheit abermals überwältigt. Die filigranen Linien auf ihrer Haut pulsierten schwach in einem rötlicheren Farbton als beim letzten Mal. Sie sah ihn neugierig mit ihren großen Augen an und schwenkte sachte den Kopf, was die langen purpurnen Haare wehen ließ.

„Dann komm. Ich habe dir einiges zu erzählen, aber wir haben nicht viel Zeit. Gangelon sagte, dass sie nur für eine Stunde unterwegs sein werden.“ Damit reichte sie ihm die Hand und er ergriff ihre langen, dünnen, feingliedrigen Finger. Ein starkes Kribbeln ging durch seinen ganzen Körper, als er sie berührte.

Als er stand, schaute er sich fasziniert im Raum um und bestaunte erneut die verzierten, leuchtenden, unebenen Wände. Es gab kaum Einrichtung. Nur ein Stuhl stand vor der einzigen glatten, unbeleuchteten Wand, als wäre er aus dem Boden gewachsen. Ben ging zu der Wand und erkannte erst in dem Moment, dass es eine Art riesiger Spiegel war. Er war aber bei Weitem nicht so klar und deutlich wie der in seinem Zimmer, sondern wie durch einen Nebelschleier oder eben durch Schatten verhangen. Aus diesem Grund haben die Freunde ihn beim letzten Mal nicht als solchen erkannt.

„Ja, die Schattenwand ist momentan inaktiv“, hörte Ben von hinter sich in der melodischen Stimme, die wie zwei Stimmen gleichzeitig klang. „Komm, wir setzen uns hier hin“, sagte sie.

„Aber da ist nur ein Stuhl“, sagte Ben. „Nein, nicht dahin. Komm hier rüber.“ Als er sich zu ihr umdrehte, hielt sie eine Hand einladend zu ihm hin und schwenkte die andere langsam an der Wand vorbei, an der sie stand, und bewegte dabei bedächtig die Finger in Wellenbewegungen. Aus der Wand wuchsen zwei weitere Stühle und versenkten ihre Füße im Boden.

Ben riss erstaunt die Augen auf und ging mit offenem Mund zu ihr rüber: „Whoa. Wahnsinn …“

Er setzte sich auf den ihm gewiesenen Stuhl und sie raffte ihr langes weißes Kleid zusammen um sich auf den anderen zu setzen. Nachdenklich streifte sie sich über das lange Kinn und kräuselte die hohe Stirn. „Ach ja, fast hätte ich es vergessen. Da ich nicht weiß, ob du mich vorhin durch die Schattenwand hören konntest. Happy Birthday Ben.“

Sie lächelte ihn an und fuhr fort. „Ich bin Angrowin Forgana und du bist hier in Paradell. Meiner Heimat. Ich bin das jüngste Mitglied unseres ehrenwerten Rates der Elohim. Gemessen an unserer Lebenszeit, die für eure Verhältnisse unvergleichlich lang ist, bin ich kaum älter als du. Aber ich wurde früh für dies hier geprägt. Für meine Geschichte müssen wir aber einen anderen Tag finden. Wir haben Wichtigeres zu besprechen.“

„Ihr seid also real?“, fragte Ben und schämte sich gleich für diese dämliche Frage. Aber was anderes war ihm in der ganzen Verwirrung momentan nicht eingefallen.

„Nun Realität ist ein kompliziertes, vielschichtiges Konstrukt“, sagte Angrowin nachdenklich. „Aber ja, ich denke, in der von dir gedachten Bedeutung bin ich genauso real wie du.“

„Aber wo sind wir? Also ich weiß, das hier heißt Paradell. Nur wo ist Paradell?“

Sie lachte kurz, wurde aber wieder ernst. „Auch die Antwort auf diese Frage ist wieder nicht so einfach Ben. Die Frage nach dem Wo hängt von der Betrachtungsweise ab. In der eingeschränkten dreidimensionalen Sicht deiner Welt bist du noch immer in deinem Zimmer. Genaugenommen, in deinem Kleiderschrank.“ Und wieder huschte ein schwaches Lächeln über ihr Gesicht. Sie kicherte mit einem traumhaft schönen, glockenähnlichen Nachhall. „Du hast nur einfach die Schattenwand durchbrochen und bist nach Paradell gekommen. Von euch aus gesehen ist Paradell nur ein Schatten, der auf eurer Realität liegt und mit ihr verschmilzt. Andererseits seid ihr dasselbe für uns in Paradell. Wir überlagern einander. Eure dreidimensionale Wahrnehmung hindert euch nur daran, in uns mehr zu sehen als flache körperlose Schatten und selbst das nimmt kaum ein Mensch wahr.“

„Langsam. Angrowin bitte. Ich verstehe das nicht, wie kann ich in meinem Zimmer sein, wenn ich doch hier in diesem leuchtenden unwirklichen Raum bei dir bin?“

„Ich will nicht sagen, dass du an zwei Orten gleichzeitig bist. Das Durchqueren der Schattenwand ist nur eine Metapher für die Reise entlang der weiteren Dimensionen, die über eure Wahrnehmung hinausgehen. Wenn deine Eltern jetzt in dein Zimmer kämen, würden sie dich nicht finden. Nur deine Freunde würden eventuell die Schatten erkennen, die wir dort gerade auf eure Welt werfen. Wir hier würden wiederum ihre Schatten sehen.“

„So langsam glaube ich zu verstehen. Darum der Spiegel. Oder? Spiegel gaukeln einem ja auch eine Dimension beziehungsweise einen Raum vor, den es eigentlich nicht gibt.“

„Richtig Ben. Genau. Spiegel sind für uns wichtige Hilfsmittel. Selbst wir, die fähig sind, die parallelen Dimensionen zu erblicken, finden es mitunter hilfreich Spiegel für eine klarere Sicht auf euch zu verwenden. Dafür stehen diese hier in unserem Heiligtum der Elohim.“ Angrowin deutete auf die in Schatten getauchte Spiegelwand an der gegenüberliegenden Raumseite.

„Im Spiegel werden die Schatten real Ben. Das ist wichtig. Merke dir diesen Satz. Er wird dich immer daran erinnern, wie du nach Paradell kommen kannst, auch wenn dein Gehirn an der Realität des hier Erlebten zweifeln möchte.“

„Im Spiegel werden die Schatten real“, murmelte Ben.

– 6 –

„Ich kann selbst nach Paradell, wenn ich es möchte?“, fragte Ben und schaute Angrowin mit aufgerissenen Augen an.

„Das ist einer der wichtigsten Gründe dafür, dass ich dich heute hergebracht habe. Ich will dir zeigen wie“, sagte sie.

„Ben, ich habe keine Zeit, dir alles zu erklären, aber es wuchert etwas im Herzen von Paradell und das birgt eine grauenhafte Gefahr für uns. Aber vor allem für eure Welt und die Menschheit. Die anderen Elohim sind nicht im Stande es zu sehen. Obwohl es unter ihrer Nase geschieht. Ich habe es gesehen und will es stoppen. Aber ich allein, nur aus Paradell heraus, kann es nicht. Ihr, du und deine vier Freunde, müsst mir helfen. Dann werdet ihr es schon bald verstehen.“

„Aber warum wir? Wir sind doch nur Jugendliche. Fast noch Kinder. Was können wir erreichen?“, stellte Ben die offensichtliche Frage, die schwer über allem im Raum schwebte.

„Die Jugend macht euch ja erst so empfänglich für unsere Welt. Umso älter die Menschen werden, umso mehr verfallen sie in die gleichgültige Trance, die so undurchlässig für die vielen Wunder der Welt ist. Aber warum ihr genau? … Manch einer mag es Zufall nennen. Aber den gibt es meines Wissens nach nicht. Ich sehe den genauen Grund auch noch nicht. Aber ich war mir an dem Tag, als ich euch sah, absolut sicher. Ihr seid die Richtigen.“

Angrowin sah ihn gedankenverloren an, als würde sie diese Erkenntnis innerlich hinterfragen. Aber dann wurde ihr Blick wieder fest und sie fuhr fort.

„Also. Ihr habt durch das Ereignis vor einigen Tagen, an dem ich nicht ganz unschuldig war, den Blick für unsere Schatten erhalten. Ihr seht sie nun, wenn ihr euch darauf konzentriert. Aber eure Kraft reicht allein nicht aus, um die Schatten zu tauschen und durch die Wand zu uns zu kommen. Ihr braucht einen Spiegel, der eure Wahrnehmung erweitert. Konzentriert euch. Findet die Schatten und schaut in den Spiegel. Denn im Spiegel werden die Schatten real und für euch greifbar. Wenn sie physisch genug sind, lasst euch in den Spiegel fallen. Dieser bewusste Schritt in eure erweiterte Wahrnehmung wird ausreichen, um den Weg nach Paradell zu finden.“

„Okay. Schatten finden. In den Spiegel schauen. Die Schatten real werden lassen und reinfallen. Klingt doch einfach“, wiederholte Ben die Anweisungen.

„Nimm es nicht auf die leichte Schulter. Ihr müsst euch richtig konzentrieren, wenn ihr nicht wollt, dass ihr zwischen den Dimensionen verloren geht“, ermahnte ihn Angrowin. „Außerdem passt auf. Die Ausrichtung der Welten ist nicht immer gleich, sondern wabert hin und her wie Nebel. Im Gegensatz zu uns habt ihr keinen Einfluss darauf. Ich konnte dich von deinem Zimmer in unser Heiligtum holen, in das ihr beim letzten Mal aus dem Wald gekommen seid. Wenn ihr herkommt, ist es unsicher, wo ihr genau ankommen werdet. Also seid aufmerksam. Es wird leichter, wenn ihr es ein paar Mal gemacht habt.“

Pulsuz fraqment bitdi.

32,15 ₼

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Həcm:
320 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9783991300939
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar