Kitabı oxu: «Wenn die Giraffe mit dem Wolf tanzt»



KOHA-Verlag GmbH Burgrain
Alle Rechte vorbehalten
10. Auflage: 2013
Lektorat: Nayoma De Haën
Satz: David Luczyn
Gesamtherstellung: Karin Schnellbach
E-Book-Umsetzung: Medialike GmbH, München
ISBN 978-3-867287-22-7
»Wir sind hier, weil es letztlich kein Entrinnen vor uns selbst gibt. Solange der Mensch sich nicht selbst in den Augen und Herzen seiner Mitmenschen begegnet, ist er auf der Flucht. Solange er nicht zulässt, dass seine Mitmenschen an seinem Innersten teilhaben, gibt es für ihn keine Geborgenheit. Solange er sich fürchtet, durchschaut zu werden, kann er weder sich noch andere erkennen - er wird allein sein. Wo können wir solch einen Spiegel finden, wenn nicht in unseren Nächsten? Hier in der Gemeinschaft kann ein Mensch erst richtig klar über sich werden und sich nicht mehr als den Riesen seiner Träume oder den Zwerg seiner Ängste sehen, sondern als Mensch, der - Teil eines Ganzen - zu ihrem Wohl seinen Beitrag leistet. In solchem Boden können wir Wurzeln schlagen und wachsen; nicht mehr allein - wie im Tod - sondern lebendig als Mensch unter Menschen«.
Richard Beauvais, 1964
Vorwort
Ich habe mich sehr gefreut, als Serena Rust mich fragte, ob ich für dieses Buch ein Vorwort schreiben wolle.
Es verbindet uns nicht nur, dass ich einer ihrer Lehrer bin und sie zu meinen besonders begeisterten Schülerinnen gehört, sondern es verbindet uns auch die Art, mit der Gewaltfreien Kommunikation umzugehen. Zahlreiche Stunden haben wir die verschiedenen Aspekte dieser Methode untersucht, ja seziert, in Frage gestellt und uns dann – meist auf höherer Ebene – auf ein neues Verständnis geeinigt. Ich mag die Art, wie Serena Rust die Gewaltfreie Kommunikation durchdringt und trotzdem nicht im Kopf hängen bleibt. Als reine Kopfmethode funktioniert sie ja ohnehin nicht, sondern sie ist eher eine gelungene Form der schwingenden Verbindung zwischen Verstand und Gefühl. Sie werden es in diesem Buch nacherleben können.
Einige Motive wie z.B. der »Giraffenfallschirm« gefallen mir sehr und durch die Illustrationen von Stefan Stutz ist dieses Buch bei aller Ernsthaftigkeit für mich ein ausgesprochen vergnügliches Erlebnis gewesen.
Die meisten Texte zur Gewaltfreien Kommunikation stammen aus dem englischsprachigen Raum und liegen uns als Übersetzungen vor. In der eigenen Muttersprache verfasste Texte sprechen uns jedoch persönlicher an. Ich meine, hier ist ein gut strukturiertes und sehr lesbares Buch entstanden, das sowohl zur Einführung in das Thema als auch zur Vertiefung für Fortgeschrittene dienen kann. Selbst mir als »Altem Hasen« sind einige Dinge noch einmal in einem anderen Licht erschienen.
Außerdem ist dieses Buch für mich ein erfreu-liches Feedback über die Ausbildung, die Serena Rust bei mir erhalten hat.
Herzlich willkommen im Kreis der Kolleg/innen, liebe Serena und vielen Dank für diese Bereicherung.
Klaus-Dieter Gens
Prolog – Herz-Sprache
»Es gibt einen Ort, jenseits von richtig und falsch. Dort begegnen wir uns.«
Rumi
»Worte sind Fenster oder Mauern« – so hieß das Einführungs-Seminar in die Gewaltfreie Kommunikation, auf dem ich vor einigen Jahren Marshall B. Rosenberg zum ersten Mal »live« erlebt habe. Damals dachte ich keineswegs, dass ich Gewaltfreie Kommunikation nötig hätte. Meiner Meinung nach war ich im Umgang mit meinen Mitmenschen durchaus zugewandt und freundlich. Dass mir gelegentlich die Hutschnur platzte und ich in einem reinigenden Gewitter kräftig aus mir herausging, dass Gespräche manchmal quälend, zäh oder strapaziös wurden oder in unlösbare Konflikte eskalierten, akzeptierte ich, wenn auch betrübt, als normal. Manche Themen sind eben schwierig.
Gewaltfreie Kommunikation? Das klang nach Zähne ziehen, nach Biss verlieren und Kraftlosigkeit. Ich war ein wenig skeptisch.
Aber ich war auch neugierig. Marshall Rosenberg war angekündigt als jemand, der mit seiner Methode schon auf der ganzen Welt gearbeitet und sogar in schwierigen politischen Konflikten zwischen Palästinensern und Israelis erfolgreich vermittelnd gewirkt hat. Es ging also anscheinend noch um mehr als um eine neue Kommunikationstechnik.
Bei dem Seminar hatte ich dann die Gelegenheit, in einem Rollenspiel praktische Erfahrungen mit der Gewaltfreien Kommunikation zu sammeln. In dem mit der einfühlsamen Haltung und der Methode der Gewaltfreien Kommunikation geführten Dialog fühlte ich mich vorbehaltlos angenommen.

Erleichtert konnte ich alles ausdrücken, was mir in meiner Rolle auf der Seele lag. Ein offener, kraftvoller Verbindungsstrom entstand. In diesem Raum erwachte wie selbstverständlich auch meine Bereitschaft, diesen mir fremden Menschen mit seinen Bedürfnissen gelten zu lassen. Schließlich empfand ich einen geradezu drängenden Wunsch, für seine und meine Bedürfnisse eine konkrete Form zu finden. Die Lösung fiel uns wie ein reifer Apfel in den Schoß!
Die Kraft und Wärme der Verbindung waren die Grundlage, auf der die konkrete, umsetzbare Lösung leicht erwuchs. Nebenbei bemerkt: Ohnehin wirkte der Konflikt im Licht dieser offenen Begegnung bereits viel harmloser.
Diese sehr kraftvolle und zutiefst überzeugende Erfahrung wurde zu meiner Initial-Zündung. Ihrem Geheimnis, ihrer Magie wollte ich auf die Spur kommen.
»Das Schönste, was wir entdecken können, ist das Geheimnisvolle.«
Einstein
Wenn eine solche Erfahrung einmal möglich war, ist sie grundsätzlich und immer wieder möglich, dachte ich mir. Aber welche Bedingungen sind es, die solche Erfahrungen unterstützen? Das wollte ich herausfinden, lernen, üben, leben, weitertragen …

Um eingängig und humorvoll darzustellen, wie es in der Kommunikation funken kann und wie sie baden geht, verwendet Marshall Rosenberg zwei Tiere als Symbole, den »Wolf« und die »Giraffe«.
Die Vier-Schritte-Technik der Gewaltfreien Kommunikation ist dabei die Landkarte zur Fülle der Giraffenverständigung. Der Weg dorthin liegt manchmal sehr klar vor unseren Füßen und zu anderen Zeiten verliert er im tanzenden Spiel von Licht und Schatten für eine Weile seine Festigkeit. Auf einigen Strecken müssen wir uns vielleicht erst einen Pfad durch unwegsames Dickicht bahnen, auf anderen erwarten uns weite Blicke über sanft geschwungene Blumenwiesen und wir genießen die kraftvoll wärmenden Sonnenstrahlen.
Nicht von ungefähr heißt dieses Buch »Wenn die Giraffe mit dem Wolf tanzt«. Es geht um mehr innere Bewegungsfreiheit, um eine Erweiterung unserer Reaktionsmöglichkeiten, um Wahlfreiheit und Verantwortung. Gelassenheit ist eine wertvolle Begleiterin bei diesem Tanz – Gelassenheit, Geduld und viel Mitgefühl mit uns selbst. Der Weg ist das Ziel!
Mit diesem Buch lade ich dich auf eine Schatzsuche ein. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als eine herzliche Verbindung zu dir selbst und anderen. Geteilte Freude ist doppelte Freude. In dieser Volksweisheit drückt sich ein wesentliches Prinzip der Giraffensprache aus, in der Verbindung, Mitgefühl und Kreativität eine große Rolle spielen. Ich schreibe es für alle, die sich einen ersten Eindruck davon verschaffen wollen, wie lebendige, effektive Verständigung gelingen kann.
Wölfe und Giraffen


Wozu Gewaltfreie Kommunikation?
»Frage dich nicht, was die Welt braucht. Frage dich, was dich lebendig werden lässt und dann geh los und tu das. Was die Welt nämlich braucht, sind Menschen, die lebendig geworden sind.«
Harold Whitman
Stell dir vor: Dein Mann macht dir einen Vorwurf … und du bist nicht gekränkt! Oder andersherum: Du bist enttäuscht oder sauer über etwas und du kannst es so sagen, dass deine Frau dich versteht! Wäre das nicht wunderbar?
Die Gewaltfreie Kommunikation ist eine Methode, uns mit unserem mitfühlenden Wesen zu verbinden. Aus dieser inneren Kraft heraus und durch eine herzliche Verbindung zum anderen können wir Konflikte so angehen und lösen, dass das Leben aller bereichert wird.
Gandhi hat festgestellt, dass unsere natürliche Fähigkeit des Mitfühlens sich wieder entfaltet, wenn die Gewalt in unserem Inneren nachlässt. In diesem Sinn nennt Marshall Rosenberg seine Methode »gewaltfrei«.
In diesem Buch lernst du einen aus vier Schritten bestehenden, leicht verständlichen Prozess kennen. Er kann dir helfen, das bunte Vielerlei deiner Gedanken, Wünsche, Vorstellungen, Gefühle und Interessen zu entmischen und so neu zusammenzusetzen, dass du im Umgang mit deinen Gefühlen und Bedürfnissen zunächst weniger und dann irgendwann keine Gewalt mehr brauchst – weder gegen dich selbst noch gegen andere.
Du kannst dann sagen, wie es dir geht, ohne gleichzeitig Stolpersteine in den Fluss eurer Kommunikation zu rollen. Und du kannst verstehen, was mit dem anderen los ist, ohne dich von bissigen, verletzenden Formen seiner Aussagen beirren zu lassen.
Selbst unserer Anerkennung und unserer Dankbarkeit wachsen kraftvollere Flügel, wenn wir sie im Sinn der Vier Schritte ausdrücken und unsere Beziehungen starten damit zu ungeahnten Höhenflügen. Dazu später mehr im Kapitel über Wertschätzung.
Überhaupt ist jeder innere Dialog, jeder Austausch mit einem Mitmenschen geeignet, um die Lebendigkeit und Tiefe der »Einfühlsamen Kommunikation« zu genießen! Das Kind braucht nicht erst in den Brunnen zu fallen, unsere Gespräche müssen gar nicht erst in Konflikte eskalieren, um die Früchte dieses Prozesses zu ernten.
Häufig haben wir einfach nur keine Idee, wie wir aus den sich aufschaukelnden Teufelskreisen von Angriff und Gegenangriff aussteigen können. Die Gewaltfreie Kommunikation weist uns einen Weg, auf dem wir einander in Gesprächen und Konflikten unsere Gefühle zeigen und darüber sprechen können, was wir wirklich brauchen. Sie ermutigt uns, unsere Vorurteile und Feindbilder fallenzulassen und zu riskieren, andere Menschen wieder unvoreingenommen in ihren guten Absichten wahrzunehmen.

In dieser wohlwollenden Atmosphäre wächst und gedeiht unsere Bereitschaft, uns auszutauschen und für alle fruchtbare Lösungen zu finden. Da wir als soziale Wesen in vielerlei Hinsicht bei der Erfüllung unserer Bedürfnisse voneinander abhängig sind, gewinnen wir damit alle. Die Gewaltfreie Kommunikation ist eine Sprache, in der unsere Herzen lebendig werden und unsere Verbindungen direkt, warm und offen.
Vielleicht regen sich bei dem einen oder anderen jetzt zweifelnde oder skeptische innere Stimmen? Mir ist bewusst, dass sich die Gewaltfreie Kommunikation mit manchen unserer gewohnten Vorstellungen und Selbstverständnissen reibt. Ich bitte dich, deine zurückhaltende Freundin Skepsis und deinen misstrauischen Freund Zweifel mitzunehmen, damit sie sich selbst einen Eindruck verschaffen. Ich verspreche ihnen, dass die Gewaltfreie Kommunikation ihnen in Zukunft viel Arbeit abnehmen wird!
Die Symbole Wolf und Giraffe
»Die Wahrheit ist nur wahr, wenn auch ihr Gegenteil in ihr Platz hat.«
Rudolph Mann
Gemeinsam mit Wolf und Giraffe tanzen wir durch die Seiten dieses Büchleins. Der Wolf ist der Experte für die uns allen sehr vertraute, vom bewertenden und interpretierenden Denken geleitete Art zu sprechen und zu hören. In diesem Büchlein hilft er uns zu erkennen, warum unsere Auseinandersetzungen mit anderen manchmal trotz bester Absichten ganz anders verlaufen, als wir uns das wünschen. Die Giraffe zeigt uns dann, wie wir dieselben Situationen fruchtbar transformieren können.
Die Giraffe spricht und hört ganzheitlicher als der Wolf. Im Gegensatz zum Wolf kann sie ihre Gefühle und Bedürfnisse in das Gespräch einbeziehen. Das ist ein wesentliches Element der »Gewaltfreien Kommunikation«, weshalb sie auch »Einfühlsame Kommunikation« genannt wird.
Natürlich kommen Wolf und Giraffe mit ihren Ausdrucks- und Verständigungsweisen in Wirk-lichkeit nicht in Reinkultur vor. Es gibt keinen Menschen, der nur Wolf ist oder nur Giraffe! Beides sind Kommunikationsstile, die wir mit jedem Gesprächspartner, in jedem Moment, in jeder Situation anders gefärbt und gewichtet verwenden. Manchmal bin ich ein Wolf mit Giraffenflecken, ein andermal eine Giraffe, die auf Wolfspfoten tanzt.

Die auf Dominanz und Bewertungen ausgerichtete Wolfssprache beherrschen wir automatisch. Dachte ich zumindest zunächst. Genau genommen beherrschte sie jedoch mich, denn sie ist die kulturelle Mutter- und Vatersprache, in der wir von klein auf leben und die unser Denken geprägt hat.
Gelegentlich habe ich erlebt, dass tierliebe Menschen es als ungerecht empfinden, dass der Wolf bei dieser Rollenverteilung so schlecht wegkommt. Solltest du etwas Ähnliches empfinden, bitte ich dich, dieses Büchlein durchzublättern und dir die Zeichnungen anzuschauen. Ich hoffe, dass auf diese Weise meine herzliche Wertschätzung auch für den vordergründig oft beißenden Kommunikationsmodus des Wolfes spürbar zum Ausdruck kommt!

Ein Blick ins Giraffenparadies
»Die Welt in der wir leben, entsteht aus der Qualität unserer Beziehungen.«
Martin Buber
Hier kommt nun eine erste Kostprobe der Einfühlsamen Kommunikation, ein kleiner Dialog in der so genannten »Giraffensprache«.
»Wenn du so schnell fährst, fühle ich mich un-wohl.«
»Hast du Angst, dass etwas passieren könnte?«
»Ja, ich bin ein bisschen besorgt – und ich kann bei dem Tempo die Landschaft auch gar nicht genießen. Bitte fahre etwas langsamer!«
»Okay! Ich freue mich ja darüber, dass wir zum Vergnügen unterwegs sind. Ich fühle mich doch noch etwas angespannt vom Job. Was hältst du davon, wenn ich dort vorne am Restaurant anhalte und wir auf der Terrasse einen Kaffee trinken?« »Oh! Das gefällt mir!«
Wäre es nicht wundervoll, wenn unsere Gespräche so ablaufen würden? Und wenn das nicht nur zufällig in Sternstunden geschähe, sondern wenn wir ein klares Handwerkszeug hätten, damit wir uns bewusst so ausdrücken können, dass diese herzliche Verbindung entsteht?
Marshall Rosenberg hat einen Prozess von vier aufeinander folgenden Schritten entwickelt, in denen wir davon sprechen, wie es uns geht und was wir brauchen, um uns besser zu fühlen. Diese vier Schritte bilden die Brücke, über die wir aus unserer bisherigen »normalen« Art der Kommunikation in das Giraffenparadies gelangen. Ich stelle sein Modell hier kurz vor und gehe später ausführlich auf jeden einzelnen Schritt ein.
1. Schritt: Beobachten – ohne zu bewerten
Im ersten Schritt sage ich, was genau der Anlass ist, weshalb ich dieses Gespräch beginne. Wichtig ist, dass ich keine Bewertung in meine Aussage hineinmische.
Was genau war der Auslöser, auf den ich reagiert habe? Was habe ich gesehen oder gehört?
Wenn ich sage: »Du kommst 20 Minuten nach dem Filmanfang!«, drücke ich aus, was ich beobachte. Sage ich: »Du kommst schon wieder zu spät!«, mische ich hinein, was ich davon halte.
2. Schritt: Fühlen – ohne zu interpretieren
Im zweiten Schritt spreche ich mein Gefühl an. Ich kann z.B. ängstlich sein, froh, betroffen, frustriert, berührt oder traurig. Sage ich hingegen: »Ich fühle mich von meinem Chef übergangen!«, drücke ich aus, wie ich ein bestimmtes Verhalten meines Chefs interpretiere.
3. Schritt: Bedürfnisse – statt Strategien
Im dritten Schritt sage ich, welches Bedürfnis hinter diesem Gefühl liegt, das mich bewegt, z.B. das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Freiheit, Sicherheit, Autonomie, Sinn.
Mit dem Satz: »Ich brauche Erholung«, drücke ich ein Bedürfnis aus. Sage ich hingegen: »Ich möchte morgen einen Ausflug machen«, spreche ich von einer Strategie, einem konkreten Weg also, wie ich mein Bedürfnis nach Erholung befriedigen will.
4. Schritt: Bitten – statt fordern
Und im vierten Schritt schließlich äußere ich eine Bitte, in der ich sehr konkret sage, was ich jetzt gerne möchte.
»Bitte, kannst du die Spülmaschine gleich ausräumen?«
Ob das eine Bitte oder eine Forderung ist, entscheidet sich daran, ob der andere »Nein« sagen kann, ohne dass unsere Verbindung leidet oder er mit Sanktionen rechnen muss.
Wir können diese Vier Schritte anwenden, um uns selbst auszudrücken und wir können sie anwenden, wenn wir anderen zuhören, um uns in ihre Beobachtungen, ihre Gefühle, ihre Bedürfnisse und ihre Bitten einzufühlen. Auf diese Weise wird unsere Kommunikation zu einem hin und her schwingenden Tanz zwischen dem, was ich beobachte, fühle, brauche und erbitte und dem, was du beobachtest, fühlst, brauchst und erbittest.
Die Vier Schritte geben mir das Gefäß, die Struktur, in die ich meine Worte gieße.

»Sie sind einfach, aber nicht leicht!«, hörte ich kürzlich über die Vier Schritte. Das stimmt. Sie sind ein leicht überschaubares Modell, doch wenn wir sie anwenden wollen, finden wir uns häufig unversehens in den Denk- und Sprechweisen wieder, die uns seit Jahrzehnten vertraut sind.
Ich selbst war überrascht und zunehmend irritiert, wie ich entgegen meiner bewussten Absicht automatisch immer wieder in die Wolfssprache rutschte! Also musste ich mir erst mal die Welt meines inneren Wolfes mit ihren Sprachformen bewusst machen, um sie identifizieren und verändern zu können.


In der Wolfswelt
»Wer sagt, hier herrscht Frieden, der lügt. Frieden herrscht nicht.«
Erich Fried
Unsere Sprache haben wir in unserer Kindheit gelernt. Wir sind damit erzogen worden und sie ist uns seit Jahrzehnten in Fleisch und Blut übergegangen.
Doch obwohl wir sie gut beherrschen, gelingt uns damit manchmal nicht der erfüllende Austausch, den wir uns wünschen. Trotz aller guten Absichten schlittern wir immer wieder in verletzende Auseinandersetzungen und tragen durch unsere Wortwahl und unsere Art des Sprechens zu Schmerz und Leid bei.
Also wollen wir versuchen, unserer Wolfssprache auf die Spur zu kommen. Auf welche Art und Weise versuchen wir auf andere Menschen Einfluss zu nehmen, wenn uns deren Verhalten nicht gefällt? Wie teilen wir in solchen Momenten mit, was uns bewegt?
Ein Wolfsgespräch mit einem Nachbarn:
Wolf 1: »Hören Sie mal, Herr Schmidt, wann machen Sie endlich Ihre unmöglichen Monsterfichten weg?«
Wolf 2: »Erstens das sind keine Fichten, sondern Tannen! Zweitens haben Sie mir gar nichts vorzuschreiben! Und drittens kümmern Sie sich erst einmal um Ihre Birken, deren Laub immer in meinen Garten fällt!«
Wolf 1: Jetzt stellen Sie sich mal nicht so an wegen dem bisschen Laub in den zwei Wochen im Jahr! Das ist der Lauf der Natur! Ich leide das ganze Jahr unter dem Schatten Ihrer Bäume. Und außerdem wächst hier in meinem Beet nichts mehr, seitdem Ihre Bäume meinen Pflanzen alles Wasser wegnehmen!«
Wolf 2: »Sie sind doch nur zu faul zum Gießen!«
Wolf 1: »Das ist ja eine Frechheit! Das schlägt doch dem Fass den Boden aus! Wenn in den nächsten vier Wochen nichts passiert, hören Sie von meinem Anwalt!«
Wolf 2: »Nur zu! Da freu’ ich mich schon drauf!«
Ein Wolf weiß immer genau, was richtig oder falsch ist. Er ist davon überzeugt, dass seine Perspektive für alle und alles gilt, denn er hat sozusagen »die Wahrheit gepachtet«. Wenn er anderen deutlich macht, was an ihnen verkehrt ist oder was sie falsch gemacht haben, dient es nach seiner Überzeugung nur der Wahrheitsfindung. Und um seiner Sichtweise den nötigen Nachdruck zu verleihen, droht er auch mal mit Konsequenzen. Zuckerbrot und Peitsche, Lob und Strafe hält er im zwischenmenschlichen Umgang für normal.
Wölfische Ausdrucksweisen inklusive Tonfall, Mimik und Körperhaltung sollen einschüchtern und können durchaus bedrohlich wirken. Wahrscheinlich zahlt der andere mit gleicher Münze zurück – und schon haben wir die Eintrittskarte zum Wolfskarussell gelöst und kreiseln durch Angriff und Gegenangriff, Beschuldigungen, Geringschätzung und Drohungen.

Beim Wolf dominiert das Denken, vor allem seine Meinungen über andere.
Was sonst noch in seinem Inneren mitspielt, weiß er nicht so genau. Gefühle sind ihm eher suspekt und er befürchtet, dass er sich mit ihnen lächerlich machen oder die Kontrolle verlieren könnte und dann nicht mehr so funktioniert, wie er doch muss. Solange er davon überzeugt ist, dass er im Recht ist, fühlt er sich unabhängig und sicher.
Er glaubt, dass der Schokoladenkuchen ohnehin zu klein ist, als dass alle nach Herzenslust davon bekommen könnten. Das bedeutet in der Wolfswelt: Die anderen sind Konkurrenten und ihnen ist zu misstrauen. Es wird immer Gewinner und Verlierer geben und wenn man zu den Gewinnern gehören will, muss man dafür mit allen Mitteln kämpfen.
Zum Beispiel, indem man darauf beharrt Recht zu haben. Natürlich hat er Recht! Das ist doch sonnenklar! Wenn der andere das nur endlich einsehen würde! Dann wären diese unerfreulichen Auseinandersetzungen überflüssig! Und die Beziehung könnte schön und harmonisch sein!
Wahrscheinlich hast du mittlerweile eine ganze Reihe von »Wölfen« in deinem Umfeld identifiziert. Oder auch schon den einen oder anderen Wolf in deinem Inneren?
Damit du ihn in deiner alltäglichen Kommunikation leicht identifizieren kannst, zeige ich im folgenden Kapitel vier seiner besonders verbreiteten Ausdrucksweisen.

Durch die Wolfsblume gesagt –
Von Stolpersteinen, Tarnkappen, Bremsen,
Peitschen und Schraubzwingen
»Kühner als das Unbekannte zu erforschen, kann es sein, das Bekannte zu bezweifeln.«
H. Jaspers

Die Gewaltfreie Kommunikation geht davon aus, dass auch der Wolf auf seine Art versucht, dem anderen zu sagen, wie es ihm geht und was er braucht! Aber er tut es so indirekt und ungeschickt, dass dieses Anliegen überhaupt nicht mehr spürbar ist! Er spricht sozusagen durch die Wolfsblume. Leider führt dieser Weg oft ins Dickicht eines sich verheddernden Gespräches!
Damit du einen ersten Geschmack davon bekommst, wie die Giraffe das Gleiche ausdrücken würde, lasse ich sie dem Wolf gleich ihre »Übersetzung« ins Ohr flüstern. Statt über Vorwürfe und Rechtfertigungen spricht sie darüber, wie es ihr geht und was sie braucht.
Der »Du-bist-unfähig!«-Stolperstein
Der Wolf versucht oft, etwas zu verändern, indem er anderen auf vielerlei Weise sagt, was an ihnen falsch ist. Dabei geht er selbstverständlich davon aus, dass seine Meinung »wahr« und damit objektiv gültig ist. In diese Kategorie gehören alle Arten von negativen, entwertenden Interpretationen, Unterstellungen und Diagnosen, mit denen der Wolf andere kritisiert, beschuldigt, anklagt, verurteilt und beschämt.
»Immer musst du alles besser wissen und das letzte Wort haben!« Giraffe: »Ich bin frustriert, weil ich denke, dass du mich nicht hörst und weil mir die Verbindung zu dir am Herzen liegt.«
»Du bist vielleicht faul und egoistisch! Hockst hier am Computer, während ich mich abrackere, um unser ganzes Gepäck im Auto zu verstauen!« Giraffe: »Ich bin total gestresst und brauche dringend Hilfe!«
Die »Ich-kann-nichts-dafür!« – Tarnkappe
Wenn der Wolf versucht, einem anderen Menschen zu sagen, wie es ihm geht und was er braucht, spricht er oft so, als läge die Ursache für sein Fühlen, Denken und Handeln außerhalb seiner selbst. Er schiebt damit die Verantwortung von sich weg – und mit ihr auch seine Kraft!
»Ich kann doch nichts dafür, wenn unsere Konflikte dauernd eskalieren!« Giraffe: »Ich bin verzweifelt und brauche Mitgefühl!«
»Ich kann nichts dafür, dass jetzt Farbspritzer auf den Scheiben sind! Der Wind hat die Folie weggeweht!« Giraffe: »Ich bedauere, dass die Scheiben mit Farbe verspritzt sind. Ich werde sie morgen säubern.«
»Wenn die Arbeit nicht bis heute Abend fertig wird, liegt das doch nicht an mir! Kollege Meier hat mir den Vorgang erst gestern gegeben!«
Giraffe: »Ich fühle mich unter Druck und brauche Verständnis und Ermutigung!«
Die »Wehe-wenn-du!« – Peitsche
Mit »Wenn-du«-Formulierungen versucht der Wolf, den anderen zu motivieren, sein Verhalten zu ändern, indem er ihm deutlich oder subtil droht und Angst macht.
»Wenn du noch einmal in diesem Ton mit mir sprichst, kannst du etwas erleben!« Giraffe: »Ich bin erschrocken und traurig, weil mir achtsamer Umgang miteinander wichtig ist!«
»Wenn du noch einmal zu spät kommst, war das unsere letzte Verabredung!« Giraffe: »Ich bin frustriert, weil ich meine Zeit sinnvoll und selbstbestimmt nutzen möchte!«
»Wenn Sie das Projekt nicht bis Mittwoch abgewickelt haben, können Sie sich einen anderen Job suchen!« Giraffe: »Ich bin gestresst und brauche Sicherheit. Bitte sagen Sie mir, wie Sie im Zeitplan liegen!«
Die »Du-sollst!«-Schraubzwinge
Auf diesem Weg versucht der Wolf dem anderen zu sagen, wie es ihm geht und was er braucht, indem er Forderungen an den anderen richtet und ihm sagt, was er soll, was er muss, wozu er verpflichtet ist oder was er hätte lassen sollen.
»Nehmen Sie Ihren verdammten Köter an die Leine!« Giraffe: »Ich bin ängstlich und brauche Sicherheit!«
»Was Sie da reden ist doch alles hohles Gesülze. Sie sollten sich erst einmal mit den Tatsachen vertraut machen!« Giraffe: »Ich bin frustriert, weil mir klare, direkte Kommunikation am Herzen liegt!«
»Du solltest weniger fernsehen! Das ist so eine oberflächliche Art die Zeit totzuschlagen!«
Giraffe: »Ich bin frustriert, weil ich gerne mit dir gemeinsam etwas Lebendiges erleben möchte. Bitte lass uns heute Abend in das Cello-Konzert gehen, okay?«
Das waren Beispiele für die Schwergewichtler der Wolfssprache. Darüber hinaus gibt es noch eine ganze Reihe von weiteren Kommunikations-Hindernissen wie Vergleichen, Verharmlosen, Leug-nen etc., zum Beispiel:
»Mein Vater hätte das Ding im Nu wieder hingekriegt!« Giraffe: »Ich fühle mich überfordert und brauche im Haus mehr Unterstützung. Bitte sage mir, ob du den Wasserhahn auswechseln kannst oder ob wir den Klempner holen müssen.«
»Ach, komm, stell dich nicht an. Das ist doch nicht so schlimm! Jeder hat mal Stress auf der Arbeit!« Giraffe: »Ich bin selber erschöpft und brauche gerade ein bisschen Ruhe! Kannst du mir das alles in einer halben Stunde erzählen?«
Selbst beim Schreiben spüre ich, wie die schneidende Kälte solcher Worte Menschen in eine emotionale Polarlandschaft versetzt – und genieße lieber die sonnigen Giraffeninseln!
Sicher hast du solche Wolfssätze selbst schon gesagt oder in Dialogen bei anderen gehört. Häufig drücken Menschen ihre Meinungen, Interpretationen und Forderungen aus, statt direkt von ihren Bedürfnissen zu sprechen. Außerdem begegnen uns diese »Verbindungs-Erschwerer« im alltäglichen Gespräch ja nicht säuberlich sortiert, sondern sind explosiv zusammengemischt und schaukeln sich in Dialogen zur geballten Ladung auf.
So angesprochen hat wohl kaum jemand Lust, zu unserem und des anderen Wohlergehen beizutragen. Die Verbindung hat keine Kraft. Der andere ist nicht berührt und wird vermutlich eher mit Gegenangriff, Widerstand oder Rückzug reagieren, statt wohlwollend zu antworten.
So verschleißen wir viel Energie und Nerven und lassen den Fluss unserer Verständigung austrocknen. Und auch wenn wir mit derartigen Strategien kurzfristig und punktuell erreichen, was wir wollen, zahlen wir auf längere Sicht einen hohen Preis.
Der Traum, im konstruktiven Austausch mit anderen zu wachsen und Kraft zu gewinnen, bleibt in dieser Welt von Gewinnern und Verlierern eine ferne Utopie.
Nach diesem Ausflug in die Wolfswelt wandern wir nun in die Giraffenwelt. Auf ihren Wegen kommen unsere Herzen leichter miteinander in Schwingung, was die Chancen für eine fruchtbare Verständigung erhöht.


Auf dem Giraffenpfad
»Was vor uns liegt und was hinter uns liegt,sind Kleinigkeiten im Vergleich zu dem, was in uns liegt. Und wenn wir das, was in uns liegt nach außen in die Welt tragen, geschehen Wunder.«
Henry D. Thorau
Weil die Giraffe das Landtier mit dem größten Herzen ist und mit ihrem langen Hals einen guten Abstand und Überblick hat, ist sie ein ideales Symbol für die einfühlsame Verständigung.
Die Giraffe steht für eine Wahrnehmung, in der wir uns daran erinnern, dass hinter all unserem Tun und Lassen Bedürfnisse stehen. Das hilft der Giraffe, dem Wolf seine Worte nicht mit gleicher Münze heimzuzahlen, sondern sich selbst und dem anderen einfühlsam zu begegnen.
Jemandem einfühlsam zu begegnen heißt, unvoreingenommen und offen wahrzunehmen, wie es dem anderen gerade geht und was er braucht. Diese innere Haltung ist die entscheidende Kraft, mit der die Giraffe die Technik der Vier Schritte zu einem Herzensschlüssel macht. Sie wendet ihn sowohl nach innen an, um ihr eigenes Herz tiefer zu erforschen (die sogenannte Selbsteinfühlung), als auch nach außen, um deutlicher wahrzunehmen, was den anderen wohl bewegt und welche Gefühle und Bedürfnisse seinem Handeln zugrunde liegen könnten.
Die Giraffe lebt aus der Kraft ihrer unmittelbar lebendigen Bedürfnisse. Unbeirrt sucht sie immer wieder die Verbindung zu ihrem wohlwollenden Herzen. Mit Hilfe der Vier Schritte: Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Bitte nimmt sie geduldig mit ihrem berührbaren und mitfühlenden Wesen Kontakt auf, während mancher Wolf seine Berührbarkeit lieber mit scharfen, bissigen Zähnen schützt oder hinter dicken Mauern einbetoniert.
Aus diesem Kontakt zu ihrer Herzenskraft entspringt ihre Freude am Geben und Nehmen, mit der sie das eigene und das Leben anderer bereichert. Geben und nehmen werden dann für sie Eins.
Die Giraffe sucht also nicht primär nach einer sachlichen Lösung, sondern es geht ihr zunächst um die menschliche Begegnung. Diese Begegnung entsteht in einer hin und her schwingenden Bewegung aus Einfühlung in den anderen, Selbsteinfühlung und aufrichtiger Selbstmitteilung. Dabei bleiben die Vier Schritte aus Beobachtungen, Gefühlen, Bedürfnissen und Bitten auch die grundlegende Struktur für den gemeinsamen Tanz.
Was kann ich nun tun, wenn ich merke, dass sich in mir selbst oder in einem Konflikt gerade ein Wolfskarussell zusammenbraut? Wenn die Luft »dick« wird?
Ich halte inne und komme zu mir!
Ich nenne das: Die Reißleine am Giraffenfallschirm ziehen!
Mein Giraffenfallschirm entschleunigt die Situation und gibt der Giraffe in mir Gelegenheit, aufzuwachen. Damit entgehe ich dem wölfischen Automatismus.
Ich erinnere mich daran, dass es einen wölfischen Weg gibt mit Bremsen, Tarnkappen, Schraubzwingen, etc … und einen giraffischen mit Beobachtungen, Gefühlen, Bedürfnissen und Bitten – und entscheide mich bewusst, welchen Weg ich weiter gehen will!
Dann kann ich (zumindest theoretisch) in jedem Moment das Wolfskarussell anhalten und aussteigen.
»Du hast für vier Wochen einen Segeltörn in Venezuela gebucht. Da bin ich fassungslos, denn mir liegt am Herzen, dass wir so wichtige Entscheidungen gemeinsam treffen. Bitte lass uns jetzt darüber sprechen, okay?«
Jeder kann diesen Prozess lernen und auf seine inneren Dialoge und die Gespräche mit anderen anwenden. Allerdings gilt es dabei zu beachten, dass wir in der Einfühlsamen Kommunikation unter Gefühlen und Bedürfnissen nicht unbedingt dasselbe verstehen, was umgangssprachlich üblich ist.

Pulsuz fraqment bitdi.