Kitabı oxu: «Mein Weg als Freimaurer»
Serge Abad-Gallardo
MEIN WEG ALS
FREIMAURER
Ich diente Luzifer, ohne es zu wissen
Vorwort von Maurice Caillet

Bibliografische Information: Deutsche Nationalbibliothek.
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Originalausgabe: »Je servais Lucifer sans le savoir«
© Éditions Pierre Téqui, Paris 2016
MEIN WEG ALS FREIMAURER
Ich diente Luzifer, ohne es zu wissen
Serge Abad-Gallardo
Übersetzung: Dr. Gabriele Stein
© Media Maria Verlag, Illertissen 2020
Printed in Germany
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 978-3-9479311-5-6
eISBN 978-3-9479316-8-2
www.media-maria.de
Inhalt
Vorwort
Prolog
Einleitung
Unbehagen bei einer freimaurerischen Tempelarbeit
Zweifel am Freimaurerleben
Freimaurer … sein oder nicht sein?
Austritt aus der Loge … und dann?
I.Im Schatten der Symbole
Sinn und Tragweite der freimaurerischen Symbole
Symbolik des Musivischen Pflasters und des Relativismus
Was bedeutet das Musivische Pflaster?
Die Vorstellungen von Gott und der Ewigkeit sind relativ
Das unüberwindliche Paradox einer relativen Wahrheit
Aus Sicht der Freimaurerei befindet sich die Kirche im Irrtum
Von Grund auf eine Doppelmoral
In den Augen der Freimaurerei ist das Böse für die Menschheit nötig und nützlich
Ein Werkzeug, um die Welt aus den Angeln zu heben
Die Macht des Hebels
Sich selbst rühmen!
II.Der Einfluss der Freimaurerei auf die Politik
Dieses »Glück der Menschheit«
Die Scheidung
Die Abtreibung
Die Ehe für gleichgeschlechtliche Pare
Wahrscheinlich eine freimaurerische ehemalige Ministerin?
Das Gesetz für eine Minderheit
Die Kommuniqués der Freimaurerei
Der Großorient verurteilt die Äußerungen der katholischen Kirche
Die Euthanasie
Die Freimaurerei arbeitet seit Langem auf die Legalisierung der Euthanasie hin
Freimaurerische Formulierungen im Gesetz
Die Arbeit der Lobbys
Die wertvolle Unterstützung der ADMD
Sterbehilfe in Ausnahmefällen
Sterbehilfe im Namen der Zivilisation
Sterbehilfe aus Nächstenliebe
Sterbehilfe bei Kindern, Demenzkranken und psychisch Kranken?
Gesetze, die aus der esoterischen Lehre der Freimaurerei hervorgegangen sind
Die Enzyklika Leos XIII
III.Eine Initiationsgemeinschaft
Die freimaurerische Bruderkette
Das Ritual der Bruderkette
Die energetische Kraft der Bruderkette
Das Anrufen von Mächten, die uns übersteigen
Hiram wieder zum Leben erwecken
Das Tarot und die Bruderkette
IV.Wie ich herausfand, dass die Freimaurerei eine satanische Religion ist
Johannisfest
Eine Parodie der Eucharistie
Luzifer – als Gott verehrt!
Der satanische Genius
»Jeder von uns ist sein eigener Luzifer«
Rollentausch zwischen Gott und dem Teufel
Wie die Freimaurerei ihren Bezug auf Luzifer rechtfertigt
Die Freimaurerei verherrlicht Luzifers Ungehorsam
Die Leugnung des Taufsakraments
Die Freimaurerei verehrt die Schlange aus dem Buch Genesis
Die Leugnung Christi
Warum sich die Freimaurerei auf die Bibel bezieht
Das Kreuz im XVIII. Hochgrad
Das satanische Zeichen des XVIII. Hochgrads
Parodie auf das letzte Abendmahl im XVIII. Grad
Die Freimaurerei leitet sich direkt von Kain ab und ist von Luzifer inspiriert
Die Freimaurerei: eine satanische Religion
V.Luzifer lässt nicht los
Die Anfechtungen des Dämons
Wenn der Dämon mit an Bord ist
Ein Gebet um Befreiung von der Freimaurerei
Ein langer Weg der Befreiung
VI.Bekehrung und Friede
Umkehr und Befreiung
Ich hatte die Hilfe der Engel abgelehnt
Kindliche Prägung durch einen Glauben, von dem ich mich entfernt hatte
Ein guter Kandidat für die Freimaurerei
Rückkehr zum christlichen Glauben
»Welches Wunder hat Sie aus der Freimaurerei herausgeholt?«
Akte zur Stärkung des Glaubens
Der Krankenbesuch
Das Kreuz hat das Böse besiegt
Ein bestätigter, weil authentischer geistlicher Ruf
Gott hat das Böse nicht erschaffen
Im Gebet mit einem Freimaurer!
Notwendige Vergebung
Die freimaurerische Spiritualität hat nichts mit dem christlichen Gebet zu tun
Schluss
An die Freimaurer, jedoch nicht nur an sie
Der Glaube
Epilog
Anhang
Hochgradsystem des Alten und Angenommenen Schottischen Ritus
Johannisgrade
Blaue Freimaurerei
Hochgrade
Perfektionsgrade: grüne Freimaurerei
Kapitelgrade: rote Freimaurerei
Philosophische oder Areopag-Grade: schwarze Freimaurerei
Konsistorialgrade: weiße Freimaurerei
Grad des Obersten Rates
Bibliografie
Anmerkungen
Und aus dem Licht hör’ ich den stolzen Engel. O Schreckensruf! »Ich unterwerf’ mich nicht.«
In Nacht ich schwöre in dem Tal der Mängel, gehorsam will ich sein im Glaubenslicht. Ich fühle in mir jenen Mut der Heil’gen. Der fürchtet nicht der ganzen Hölle Wut. Mir ist ein Panzer, heißt Gehorsam, eigen. Er ist mein Schild und nimmt mein Herz in Hut.
Hl. Theresia vom Kinde Jesus und vom Heiligsten Antlitz
»Meine Waffen«, 25. März 1897
Wir befinden uns vor dem größten Kampf, den die
Menschheit je gesehen hat.
Ich glaube nicht, dass die christliche Gemeinschaft das schon ganz verstanden hat.
Hl. Johannes Paul II., 1976
Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe. Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts!
Röm 13,12
Vorwort
Mit seinem persönlichen Zeugnis und seiner umfassenden Kenntnis der Freimaurerei beweist Serge Abad-Gallardo, dass die spekulative Freimaurerei1 seit 300 Jahren daran arbeitet, sämtliche Errungenschaften aus zweitausend Jahren Christentum zunichtezumachen. Dieses Bestreben richtet sich insbesondere gegen den Katholizismus, weil dieser aufgrund der zentralen Bedeutung des Papsttums eine strukturierte und hierarchische Einheit bildet. Hier tobt – was vielen Katholiken und auch etlichen Freimaurern der ersten drei Grade allerdings nicht bewusst ist – ein echter »geistlicher Kampf«.
Papst Franziskus übrigens hat seit Beginn seines Pontifikats immer wieder vor den Fallstricken des Teufels gewarnt und damit sogar bei vielen Gläubigen für Überraschung gesorgt.
Als ein in Lourdes bekehrter ehemaliger Freimaurermeister, Meister vom Stuhl des Großorients von Frankreich und Ritter vom Rosenkreuz (XVIII. Grad), kann ich die Beweise, die Serge für den religiösen Dualismus der Freimaurerei, die Luzifer-Verehrung der Hochgrade und den Abscheu gegenüber den Dogmen des katholischen Glaubens anführt (manche Logen und Großlogen verwenden ganz ungehemmt den Ausruf »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, nieder mit den Pfaffen!«), ausnahmslos und uneingeschränkt bestätigen.
Freimaurer, nehmt euch Serges Warnungen zu Herzen, es ist noch nicht zu spät. Katholiken, greift zu den Waffen des Gebets und eines tugendhaften Lebens und wappnet euch gegen den tückischen und todbringenden Hedonismus der Freimaurerei, der euch mit einer »bis zur Gottesverachtung getriebenen Selbstliebe« – so hat der heilige Augustinus die Herrschaft des Feindes definiert – verführen will.
Maurice Caillet2
Ehemaliger Meister vom Stuhl des Großorients von Frankreich
Prolog
Charles Baudelaire hat uns gewarnt: »Meine lieben Brüder, vergesst niemals, wenn ihr den Fortschritt der Aufklärung rühmen hört, dass die beste List des Teufels die ist, euch weiszumachen, dass er nicht existiere!«1
Die Freimaurerei verkündet eine Botschaft der Brüderlichkeit, der Toleranz und des Humanismus. Wer wollte derartige Bestrebungen nicht teilen? Wer würde sich nicht wünschen, dass die Welt brüderlicher, toleranter und menschlicher wird? Gerade die Kirche und die Christen können ein solches Ideal nur unterstützen. Und doch ist es – wie ich in meinem letzten Buch aufgezeigt habe2 – unmöglich, sich gleichzeitig zum Glauben der katholischen Kirche und zur Freimaurerei zu bekennen, weil beide Institutionen unter den genannten Begriffen jeweils etwas anderes verstehen. Ist diese grundlegende Unvereinbarkeit womöglich ein Indiz dafür, dass sich hinter den Reden der Freimaurerei ein anderes Ziel verbirgt? Ein Ziel, dessen nur scheinbare Übereinstimmung mit den Zielen der kirchlichen Soziallehre als Täuschung entlarvt werden muss, weil zwischen beiden Lehren in Wirklichkeit fundamentale Gegensätze bestehen?
Und wenn man weiß, dass Luzifer es darauf anlegt, die Neigung zum Guten in einen Hang zum Bösen zu verkehren, dann könnte man auch ganz direkt fragen, ob die Freimaurerei womöglich nicht satanisch ist?
Ich denke, dass ich bezeugen und belegen kann, dass sie in einer zwar heimlichen, aber durchaus engen Beziehung zur luziferischen Lehre steht.
Sind die Freimaurer sich dessen bewusst? Die überwiegende Mehrheit von ihnen höchstwahrscheinlich nicht. Sie handeln, wie es bei mir selbst lange Zeit der Fall war, in gutem Glauben und vermeintlich zum »Wohl der Menschheit«.
Denn, wie Georges Bernanos schreibt, »so listig der Feind auch sein mag, seine scharfsinnigste Bosheit vermag der Seele doch nur auf einem Umweg beizukommen, wie man eine Stadt bezwingt, indem man ihre Quellen vergiftet. Er täuscht das Urteil, beschmutzt die Einbildungskraft, bringt Fleisch und Blut in Aufruhr, benutzt mit vollendeter Kunst unsere eigenen Widersprüche […] fälscht die Handlungen und Absichten.«3
Deshalb schien es mir unbedingt notwendig, dieses Buch zu schreiben, um Zeugnis abzulegen.
Entweder bedient sich die Freimaurerei im Zuge ihrer Auflehnung gegen Gott und seine Kirche absichtlich einer luziferischen Lehre oder sie lässt sich auf eine Art Rollenspiel ein, das ihr selbst nicht bis ins Letzte bewusst ist. Wie dem auch sei, das Ergebnis ist dasselbe: Man knüpft eine Beziehung zu Luzifer. Was absolut nicht ohne schwerwiegende Folgen bleibt.
Und das geht uns alle an.
Einleitung
Unbehagen bei einer freimaurerischen Tempelarbeit
Zweifel am Freimaurerleben
Der Freimaurertempel lag im Halbdunkel. Wir hatten in den Kolonnen1 Platz genommen. Soeben wurde eine Tempelarbeit der Freimaurer im ersten Grad der blauen Loge eröffnet: ein Freimaurerabend im Lehrlingsgrad2. Also standen wir alle auf. Wir trugen unsere Abzeichen.
Die Lehrlinge waren mit ihrem weißen Schurz bekleidet. Er war rechteckig und lief an seinem oberen Ende in einer dreieckigen Klappe aus, deren Spitze nach oben zeigte. Da man dem Lehrling bei der Arbeit am Stein das geringste Geschick zutraut, muss sein Schurz eine möglichst große Fläche schützen, die bis auf die Höhe des Herzens reicht.
Die Gesellen trugen einen identischen Schurz, wobei die Klappe heruntergeklappt war, weil sie bereits über gewisse Anfangskenntnisse in der Freimaurerei verfügen, weshalb sie in der Loge das Wort ergreifen und sogar den Meistern helfen dürfen.
Wir, die Meister, hatten die Insignien unseres Grades angelegt: die Schärpe und den Meisterschurz.
Unsere Schärpen waren blau mit roten Borten, die diagonal von der rechten Schulter zur linken Hüfte getragen wurden. Es handelt sich um ein Überbleibsel aus einer Zeit, in der die Männer – Adlige oder Soldaten – ihr Schwert in einem Bandelier3 bei sich führten. Die Freimaurerei beruft sich vor allem in den Hochgraden gern auf eine ritterliche Tradition.
Unsere Schurze waren prächtig und bunt: ein Rechteck aus weißem Lammleder, das an allen vier Seiten mit einem aufgenähten roten Band eingefasst war. Die Klappe war geschlossen: ein ebenfalls rotes Dreieck, dessen Spitze nach unten wies. Innen waren zwei Buchstaben eingestickt: »M.« und »B.«, die freimaurerische Schreibung des hebräischen Worts Mak Benach, des heiligen Meisterworts, das einige mit »Sohn des Vaters« und andere mit »Sohn der Verwesung« übersetzen.
Darüber hinaus war ich seit einigen Jahren zu den Hochgraden zugelassen. Dies ist etwas, worum man auf keinen Fall bitten sollte, denn das ist – wie ich nach meiner Zulassung erfuhr – besonders verpönt. Wer um Aufnahme in die Hochgrade bittet, dessen Gesuch wird ganz sicher abschlägig beschieden und dessen Eingliederungsprozess verlängert sich um mehrere Jahre! Nur die Inhaber der Hochgrade selbst können beurteilen, ob ein Meister »geeignet« ist, in ihre Reihen aufgenommen zu werden.
Der Zugang zu diesem »Allerheiligsten« erfolgt somit ausschließlich durch das Hineingewähltwerden, nachdem man – und zwar über Jahre hinweg – sowohl innerhalb der Loge als auch in der »profanen Welt« von den höchsten Eingeweihten geprüft, beurteilt, gewogen und schließlich für tauglich befunden worden ist. Nachdem man somit, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein, sein Engagement und seine freimaurerische Treue hinreichend unter Beweis gestellt hat.
Ich war also für »würdig« befunden worden, ein Mitglied dieses streng geschlossenen Zirkels zu werden, stand kurz vor dem Abschluss des zwölften Hochgrads und würde aller Wahrscheinlichkeit nach bald für die Zulassung zum XIII. und dann zum XIV. Grad vorgeschlagen werden. Ich war etwas über fünfzig Jahre alt und hatte es innerhalb der Hochgrade schon recht weit gebracht.
Das bedeutete, dass ich im Rahmen meiner freimaurerischen Initiation4 in mehr und mehr undurchdringliche, mehr und mehr esoterische und mehr und mehr geschlossene Kreise vorstieß. Gleichzeitig verfolgte ich meine Karriere als höherer Beamter der Territorialverwaltung: Ich war eine Persönlichkeit, die in den gesellschaftlichen Kreisen einer mittelgroßen Stadt kein geringes Ansehen genoss. Und in der elitären Welt der Hochgrade, der ich nun schon seit mehreren Jahren angehörte, war ich inzwischen in den innersten Bereich vorgedrungen: dorthin, wo die Bezeichnungen der Grade mehr als wohlklingend sind.
Nachdem ich zu den Hochgraden eines »Geheimen Meisters«, »Vollkommenen Meisters«, »Geheimen Sekretärs«, »Vorstehers und Richters«, »Intendanten der Gebäude«, »Auserwählten Meisters der Neun«, »Erlauchten Auserwählten der Fünfzehn« und »Erhabenen Auserwählten Ritters« aufgestiegen war, hatte ich schließlich den Hochgrad »Großarchitekt« erreicht. Schon bald würde ich zum XIII. Grad – »Meister vom Königlichen Gewölbe« – und sodann zum XIV. Grad gelangen und mich »Auserwählter Maurer« nennen dürfen. Damit würden mir die Grade eines »Ritters vom Osten oder Ritters vom Schwert« und »Meisters von Jerusalem«, ebenfalls des »Ritters vom Osten und Westen« offenstehen bis zum Erreichen des XVIII. Grades, des »Ritters vom Rosenkreuz«. Anschließend würde mein freimaurerischer Werdegang es mir erlauben, zu den höchsten Initiationsstufen, nämlich bis zum XXX. und letzten Grad der schwarzen Freimaurerei aufzusteigen, dem »Ritter Kadosch«.
Andererseits jedoch verspürte ich seit mittlerweile einem Jahr ein echtes Wiederaufleben meines katholischen Glaubens5 – und machte auch keinen Hehl daraus. Meine Schwestern und meine Brüder beobachteten mich: die einen mit der Nachsicht, die man für einen leichtsinnigen Freund empfindet, die anderen mit der Skepsis, die man angesichts eines unbegreiflichen Phänomens an den Tag legt, wieder andere schließlich mit dem Argwohn, den man dem künftigen Verräter entgegenbringt.
An jenem Abend verfolgte ich zwar die Phasen der Zeremonie, doch ich war zerstreut und in Wirklichkeit mit meinen Gedanken woanders. Ich spürte, dass es Zeit wurde, einen anderen Weg einzuschlagen.
Denn was war die Freimaurerei, verglichen mit der Barmherzigkeit des Herrn und der zärtlichen Liebe Mariens, die mir in Lourdes direkt an der Grotte von Massabielle ein so machtvolles Zeichen hatte zukommen lassen? Sie hatte mir die Augen und vor allem das Herz geöffnet. Von diesem Augenblick an erkannte ich all die Fehler, die ich begangen hatte, und all das andere, das der Götzendienst mit sich gebracht hatte: Ich war entschlossen, mein Leben wieder in die Hände der seligen Jungfrau Maria zu legen.
Plötzlich drang wie ein Blitz, der den Nebelschleier meiner Gedanken zerriss, die Stimme des »Meisters vom Stuhl« an meine Ohren:
»Meine Schwestern und meine Brüder, wir schreiten nun zur Illumination des Tempels. Schwester Grand Expert6, walten Sie Ihres Amtes.«
Die Schwester Grand Expert streckte dem »Meister vom Stuhl« eine Flamme entgegen, der von seinem Stuhl aus drei weitere Kerzen daran entzündete und feierlich verkündete:
»Möge das Licht der Weisheit unsere Arbeiten erleuchten!«
Die Schwester Grand Expert umrundete den gekachelten Fußboden mit einer beinahe militärisch anmutenden Vierteldrehung an jeder Ecke und begab sich vor den »Ersten Aufseher«, der mit Nachdruck erklärte:
»Möge das Licht der Stärke unsere Arbeiten tragen!«
Anschließend rief der »Zweite Aufseher«, den die Schwester Grand Expert nach einer weiteren Runde erreicht hatte, in prophetischem Ton:
»Möge das Licht der Schönheit in unseren Arbeiten erstrahlen!«
Die Schwester Grand Expert nahm ihren Platz in unmittelbarer Nähe zu den Lehrlingen wieder ein und löschte ihre Kerze.
Der Meister vom Stuhl schloss mit allergrößter Feierlichkeit: »Das Licht bleibt immer unter uns. Nehmt Platz, meine Schwestern und meine Brüder!«
Erst dann durften wir uns endlich setzen, damit das Ritual seinen Fortgang nehmen und die Tempelarbeit endgültig und offiziell eröffnet werden konnte.
Die Beamten, das heißt insbesondere der Meister vom Stuhl, der Erste und der Zweite Aufseher, führten das Ritual in der gewohnten Weise durch. Ich kannte es auswendig, denn ich hatte unzählige Male daran teilgenommen und es als Inhaber diverser Ämter – darunter auch das des Meisters vom Stuhl – selbst durchgeführt. Seit meiner Initiation waren mehr als zwanzig Jahre vergangen!
Freimaurer … sein oder nicht sein?
Ein Wort schoss mir plötzlich durch den Kopf: »Mummenschanz!«
Danach schweifte ich wieder ab, bis mich der letzte Satz des Rituals aus meinen Gedanken riss. Der Meister eröffnete nun offiziell die Arbeit:
»Meine Schwestern und meine Brüder, wir sind nicht mehr in der profanen Welt, wir haben unsere Metalle an der Pforte des Tempels abgelegt. Erheben wir unsere Herzen in Brüderlichkeit und mögen sich unsere Blicke dem Licht zukehren. Nehmt Platz, meine Schwestern und meine Brüder!«
Sodann begann die Tempelarbeit mit dem Rechenschaftsbericht über die letzte Sitzung, der Tempelarbeit des ersten Grades, den Abstimmungen und der Durchführung der Tagesordnung.
Meine Abzeichen waren für mich zu dem geworden, was sie de facto auch waren: Dekoration, nichts weiter! Nichts, was auch nur die geringste spirituelle Bedeutung besessen hätte! Und dasselbe galt auch für dieses Ritual, diese Atmosphäre, diese Symbole, die mich bisher ausgefüllt und getragen hatten: Dies alles hatte in meinen Ohren einen zunehmend falschen Klang.
Inzwischen wusste ich, welche Realität sich hinter der Maske der guten Absichten verbarg, die die Freimaurerei zur Schau trug. Ich hatte schon seit einiger Zeit geahnt, was sich unter diesem Deckmantel verbarg. Doch es hatte noch eine Weile gedauert, bis ich mir endlich darüber im Klaren war. Mit sanfter, aber unwiderstehlicher Gewalt hatte unsere heiligste Mutter mich zu ihrem geliebten Sohn geführt: »Um zu richten, bin ich in diese Welt gekommen: damit die nicht Sehenden sehen und die Sehenden blind werden« (Joh 9,39).
Zunächst hatte ich noch gehofft, dass ich meinen Schwestern und meinen Brüdern helfen könnte, die Liebe des Herrn kennenzulernen: Ich wollte in der Loge bleiben, um von meinem Weg der Befreiung zu erzählen. Doch dann musste ich mir mein Scheitern wohl oder übel eingestehen: Meine Brüder und meine Schwestern waren wie »gefesselt«, gefangen. Sie, die von »Freiheit« sprachen, waren in Wirklichkeit Sklaven und durch das freimaurerische Ritual und Lehrgebäude schlichtweg »konditioniert«. Sie, die von »Gleichheit« sprachen, wachten eifersüchtig über ihre Geheimnisse und bildeten eine Welt für sich, von der die armen »Profanen« ausgeschlossen waren. Sie, die sich in der Loge so gern auf die »Brüderlichkeit« beriefen, waren nur untereinander in ihrem exklusiven Bereich Brüder und Schwestern. Ich hingegen hatte soeben entdeckt, dass wir alle ohne Ausnahme Brüder und Schwestern in Christus sind. Ich begriff endlich, dass die wahre Liebe keine Schranken kennt.
Mir war wohl bewusst, dass der Dialog kompliziert war. Dass ich seit fast eineinhalb Jahren kein wirklich gewissenhaftes Mitglied der blauen Loge und der Hochgrade mehr war. Dass ich immer öfter betend vor unserem Herrn oder vor Maria kniete. Schon stieg eine gewisse Ungeduld in mir auf. Ich spürte sie sogar physisch: Ja, ich musste gehen!
An jenem Abend begriff ich plötzlich, dass dies meine letzte Tempelarbeit war, dass ich zum letzten Mal am Brudermahl7 teilnahm: mein letztes Essen mit den Eingeweihten! Ich war ein gläubiger Mensch geworden und ertrug die Heimlichkeiten nicht mehr. Als ich spät in der Nacht nach Hause kam, beschloss ich, meinen Austritt zu erklären. Ich wollte nicht länger warten.
Unwillkürlich stieg die Erinnerung an mein Initiationsritual8 in mir auf: Nachdem ich mich damals allen Prüfungen, die mich zum Eingeweihten machten, blind unterzogen hatte, hatte man mir die Augenbinde abgenommen. Geblendet hatte ich mich einer Gruppe von Freimaurern gegenüber gesehen. Sie waren mit Schwertern bewaffnet, deren Spitzen auf mein Herz gerichtet waren. Gerade erst hatte ich schwören müssen, dass ich das Geheimnis der Freimaurer bewahren würde. Jetzt klang mir die feierliche Stimme des Meisters vom Stuhl in den Ohren, während ich blinzelte und meine Augen die feindselig auf mich gerichteten Waffen entdeckten:
»Neuling, die Schwerter, die Sie hier sehen, bedrohen nur die Verräter und die Meineidigen. Ihnen verkünden Sie im Gegenteil, dass alle Freimaurer Ihnen in der Not zu Hilfe eilen werden. Mögen diese Schwerter Schutz, Liebe und Züchtigung zugleich versinnbildlichen!«9
Mir war klar, dass man mich nun für einen Verräter halten würde.
Und das machte sich, wie ich bitter erfahren sollte, vor allem in meinem alltäglichen Leben bemerkbar.
Personen, die über ein rundes Dutzend Jahre hinweg meine Schwestern und meine Brüder – und teilweise sogar enge und vermeintlich echte Freunde – gewesen waren, mieden mich plötzlich, wenn wir einander auf der Straße begegneten. Türen verschlossen sich, ich wurde nicht mehr zum Aperitif oder zum Abendessen eingeladen. So verlor ich alle meine »Freunde«, und zwar genau deshalb, weil sie meine Schwestern und Brüder gewesen waren!
In meinem beruflichen Umfeld arbeiteten etliche Brüder, und einige waren sehr hochrangig. Auch dort war es nicht einfach!
Ganz zu schweigen von den öffentlichen Beschimpfungen und den indirekten Drohungen, die ich nach Erscheinen meines ersten Buches erhielt, mit dem ich mich aus Sicht der Freimaurer einer primitiven »Intoleranz« oder schlimmer noch, einer Freimaurerfeindlichkeit schuldig gemacht hatte! Einfach deshalb, weil ich die Wahrheit geschrieben hatte!
Austritt aus der Loge … und dann?
Ehe ich in meine Initiation einwilligte, hatte ich ein wenig besorgt gefragt, ob es leicht wäre, die Loge wieder zu verlassen. Anstelle einer Antwort verwies man mich mit ausdrücklichem Wohlwollen auf Artikel 12 der Allgemeinen Regeln, der diese Frage behandelt: »Jeder Austritt muss dem Präsidenten der Loge vorgelegt werden. […] Der Austritt wird am Tag der Verlesung des Austrittsschreibens im Rahmen einer Festarbeit akzeptiert und wirksam. […] Der Austritt aus den blauen Johannisgraden zieht den Austritt aus den Hochgraden der Loge nach sich.«
Der Freimaurerei den Rücken zu kehren ist scheinbar kein Problem.
Genau deshalb können die Freimaurer übrigens auch behaupten, dass die Freimaurerei nicht sektiererisch ist. Etliche Brüder vertreten den Standpunkt, dass die Aufnahme in eine Freimaurerloge – im Unterschied zu einer Sekte – sehr schwierig, der Austritt hingegen laut Statuten eine reine Formalität sei.
Also brachte ich noch am selben Abend, sobald ich wieder zu Hause war, meine Entscheidung zu Papier. Ich begann mein Schreiben mit der üblichen rituellen Anrede: »Ehrwürdiger Meister10 und ihr alle, meine Schwestern und meine Brüder in all euren Graden …«
Dann fuhr ich fort: »Ich möchte heute […] mit dem nötigen Abstand, den ich brauchte, um über mein freimaurerisches Engagement nachzudenken […] ein grundlegendes Problem ansprechen. […] Ich bin mit meinem Vorgehen nicht auf einem falschen Weg. […] Es ist für mich richtig, wenn ich zur Freimaurerei auf Distanz gehe […]. Deshalb erkläre ich hiermit meinen Austritt aus der Loge und dem Internationalen Freimaurerorden für Männer und Frauen ›Le Droit Humain‹.«
Es war spät am Abend des 9. Oktober 2013. In dieser mitternächtlichen Finsternis war der Herbst an der Aude schon ein wenig frostig.
Am 15. November erhielt ich von meinem Meister vom Stuhl eine derart unterkühlte und lakonische Antwort, dass ich mich in meiner Entscheidung bestätigt fühlte: »Lieber Serge, die Loge hat deinen Austritt nach Verlesung deines Schreibens in der Festarbeit am 14. November dieses Jahres zur Kenntnis genommen.«
Es folgten eine Höflichkeitsfloskel und die Unterschrift, die das Ende eines stets loyalen freimaurerischen Engagements, das immerhin 24 Jahre gedauert hatte, bedeuteten. Wenn ein Austrittsgesuch eingereicht wird, sehen die Regeln ein Treffen zwischen dem austrittswilligen Freimaurer und einem oder mehreren Meistern vor. Um sicherzugehen, wie es heißt. Tatsächlich jedoch – das kann ich bezeugen – in der Absicht, ihn von seinem Entschluss abzubringen. Vor allem dann, wenn es sich um jemanden handelt, der schon seit vielen Jahren dabei oder gar Mitglied der Hochgrade ist. Das war auch in meinem Fall nicht anders. Doch die beiden Schwestern, die sich mit mir trafen – und die es im Übrigen wirklich gut meinten und meine Entscheidung ernsthaft bedauerten –, begriffen rasch, dass ich für die Organisation »verloren« war: Ich war gläubig geworden!
Nur diesem Glauben habe ich es zu verdanken, dass ich imstande war, meinem Aufstieg in den innersten Zirkel der Freimaurerei ein Ende zu setzen. Wie die meisten Freimaurer, die oft aufrichtige Menschen sind, war ich von der Philosophie der Gruppe, der ich meinen Eid geschworen hatte, derart »absorbiert«, dass ich die Tragweite dieses Initiationsprozesses nicht hatte einschätzen können.
Als ich im Februar 1989 den Freimaurern beigetreten war, hatte ich mich von der List des bösen Feindes täuschen lassen und ihm, ohne mir dessen überhaupt bewusst zu sein, die Schlüssel zu meiner Seele ausgehändigt. »Praktiken, die auf die Entfaltung okkulten Wissens oder okkulter Fähigkeiten abzielen, sind immer stillschweigende Pakte, Verträge mit dem Dämon.«11 Tatsächlich ist die Freimaurerei ein Werkzeug des Teufels und zieht einen Pakt mit dem Bösen nach sich, der oft unbewusst geschlossen wird. Ich sage dies nicht, um die zahlreichen Freimaurer an den Pranger zu stellen, denn auch sie sind in aller Regel unfreiwillige Opfer: »Heute benutzt er [der Teufel] die Freimaurerei, um unter dem Vorwand, sie der göttlichen Autorität zu entziehen, möglichst viele Seelen in seinen Netzen zu fangen. Dieser erbitterte Krieg gegen die Kirche, den man im 18. Jahrhundert im Namen der Aufklärung geführt hat und der heute im barbarischen Namen des Laizismus geführt wird, lässt sich nur mit dem Einfluss des Geistes der Bosheit erklären.«12
Wie wir im Verlauf dieses Buches sehen werden, ist das Vorgehen Luzifers durch die Freimaurerei so gefährlich, weil es nicht explizit zutage tritt. Wer sich um die Teilnahme am freimaurerischen Abenteuer bewirbt – und bereits der allgemeinen Entchristianisierung verfallen ist –, ahnt nichts von seiner tatsächlichen Wirksamkeit. Wie die meisten anderen hatte auch ich das »Licht« gesucht, ohne zu wissen, dass es in der Liebe Christi schon längst an meiner Seite war. 300 Jahre der »Entkatholisierung« Frankreichs – eine direkte Folge freimaurerischer Umtriebe – hatten mich, so wie viele meiner Logenbrüder und -schwestern, von der Kirche entfernt. Und in diesem spirituellen Vakuum, in dem ich mich befunden hatte, war ich aufrichtig davon überzeugt gewesen, dass die Freimaurerei sich für das »Glück der Menschheit« einsetzte. Wer würde sich daran nicht beteiligen wollen? Doch die freimaurerischen Worte waren raffinierte Tricks, hinter denen sich andere, weniger lobenswerte Ziele verbargen: Geschäftemacherei, politische Intrigen, das Knüpfen vorteilhafter Beziehungen – und vor allem Zugang zu den Mächtigen durch die Einführung durch Bekannte. Am Ende begriff ich, dass das »Glück« nach freimaurerischem Verständnis nichts mit dem »Heil« zu tun hat, das Jesus uns gelehrt und zu dem er uns den Weg gewiesen hat. Den Freimaurern ging es um eine andere Art von »Glück«. Ein »Glück«, das sie mit der sofortigen und uneingeschränkten Verwirklichung ihres persönlichen Vergnügens verwechselten: Das, was die Freimaurerei für echte Freiheit hält, ist in Wirklichkeit blanker Individualismus.
I. Im Schatten der Symbole
Sinn und Tragweite der freimaurerischen Symbole
Die freimaurerischen Symbole sind alles andere als harmlos. Sie öffnen, wie wir noch sehen werden, der Esoterik Tür und Tor. Sie führen den Eingeweihten in ein vollkommen anderes Denk- und Wertesystem hinein.
Vom ersten Tag seiner Initiation stürmt diese neue Welt auf den Adepten ein, der mit jedem Grad neue Symbole entdeckt. Die freimaurerischen Symbole sind materiell – Hammer, Meißel, Maßstab, Winkelmaß, Zirkel, Senkblei, Brecheisen, Schurze, freimaurerische Handschuhe und Schärpen usw. – oder immateriell – Rituale, Platzwechsel in der Loge, Sitzordnung der Freimaurer gemäß ihrem Grad, Sitzordnung der Beamten, Regeln, die es bei Wortmeldungen zu beachten gilt, rituelle Vorrechte der Beamten, Worte, die gesprochen, und Texte, die rezitiert werden, sowie Gesten bei den Zeremonien der Einweihung oder der Erhebung zu den verschiedenen Graden. Auch kosmogonische1 Darstellungen wie die Tierkreiszeichen, der Mond und die Sonne oder metaphysische Darstellungen können Symbole sein: in den blauen Logen etwa das Allsehende Auge oder der Flammenstern, in den Hochgraden das Synthem: ein schwarzer Kreis auf blauem Grund, darin ein weißes gleichseitiges Dreieck, innerhalb dessen sich ein goldener fünfzackiger Stern befindet (im IV. Grad des Geheimen Meisters), und Jupiter, symbolisiert durch einen goldenen Stern hinter dem Platz des Erhabenen Großmeisters2 (im XII. Grad des Großarchitekten).
Man muss wissen, dass das freimaurerische Symbol seiner Natur nach absolut nichts mit der christlichen Symbolik zu tun hat. Letztere dient allein dem Zweck, eine geoffenbarte Wahrheit darzustellen. Das freimaurerische Symbol dagegen soll ein Wissen bewusst machen, das der Eingeweihte unbewusst in sich trägt: »Die freimaurerischen Symbole sind also dazu da, uns die Wahrheiten zu veranschaulichen, die in uns sind. Sie sind ein getreues Abbild dessen, was in unserem Geist vorhanden ist.«3
Daher können die freimaurerischen Symbole auf mehreren Ebenen gedeutet werden: auf einer exoterischen, das heißt erkennbaren und allgemein verständlichen Ebene, und auf einer esoterischen Ebene, die nur im Initiationsgeheimnis zugänglich wird. Die erstgenannte Ebene appelliert somit an den gesunden Menschenverstand der »profanen« Vorstellungswelt. Die zweitgenannte dagegen verweist auf das, was verborgen, geheim und nur dem Eingeweihten zugänglich ist.
Der Schurz, den die Freimaurer tragen, gehört zum Beispiel zu den typischsten Symbolen der Initiationsgemeinschaft.4 Dieses Kleidungsstück – darin besteht seine übliche und profane Funktion – soll seinen Träger schützen. Das ist auch die objektive Bedeutung, die ihm die Freimaurerei beimisst. Darüber hinaus aber hat der Schurz in der Loge einen verborgenen, mehr esoterischen Sinn: Der Lehrling trägt einen Schurz, dessen dreieckige Klappe nach oben zeigt. Profan gesprochen dient dies, wie oben gesehen, dem Schutz des Solarplexus. Doch auf der Ebene der geheimen Symbolik entspricht dieser Teil des Körpers, wie ein besonders eingeweihter und sachkundiger Autor schreibt, »dem Nabelchakra, von dem die ›Gefühle‹ und ›Emotionen‹ abhängen, vor denen sich vor allem der Lehrling schützen muss, um zu jener Heiterkeit des Geistes zu gelangen, die ihn zu einem echten Eingeweihten machen wird«.5 Aus diesem Grund tragen der Geselle und der Meister die Klappe ihres Schurzes nach unten geklappt: Sie verfügen über ein Wissen der Eingeweihten, aufgrund dessen sie nicht länger befürchten müssen, dass ihre Suche von ihren Emotionen und Gefühlen beherrscht wird.
Nach seiner Initiationszeremonie, bei der man ihm sagt: »Hier6 ist alles Symbol« und: »Suche, und du wirst finden«7, hat der Freimaurer genau verstanden, dass außer der Symbolik in der Loge nichts existiert. Die »Wahrheit« selbst wird auf geheime8 Weise vom Symbol getragen, und gleichzeitig gewährt das Symbol Zugang zu dieser freimaurerischen Wahrheit.
Das Symbol spielt in dieser Geheimgesellschaft eine so wichtige Rolle, dass die Freimaurerei ohne ihre Symbole völlig substanzlos wäre: »Man muss sich einfach bewusst machen und als grundlegende Gegebenheit anerkennen, dass dieses symbolische Universum mit der Freimaurerei im Wesentlichen identisch ist, mehr noch, dass diese ohne es jedwede Besonderheit oder gar ihre ganze Bedeutung und ihren eigentlichen Daseinsgrund verlieren würde. Mit anderen Worten, ohne die Symbole und die Dynamik, die sie daraus schöpft, gäbe es die Freimaurerei nicht mehr.«9
Während meiner Zeit als Freimaurer, in der ich mich vom Grad des Lehrlings zu dem eines Großarchitekten hochgearbeitet und unter anderem die Ämter des Schaffners, des Zeremonienmeisters, des Zweiten Aufsehers und des Meisters vom Stuhl bekleidet habe, konnte ich beobachten, dass die Wirksamkeit der Symbole durchaus real ist: Das Symbol wirkt tatsächlich insgeheim auf den menschlichen Geist. Darüber werden wir im vorliegenden Buch noch Genaueres erfahren, wenn wir uns mit einer Symbolik befassen, die in Ritualen organisiert ist: in Ritualen, die einer regelrechten Magie Tür und Tor öffnen und sich sogar ganz unmissverständlich auf Luzifer beziehen. Besagte Symbolik soll, wie ich bezeugen kann – und darum geht es in diesem ersten Teil –, im Zuge ihrer fortschreitenden Aneignung durch den Eingeweihten eine Werteskala, eine Weltanschauung und ein gedankliches Bezugssystem bilden, das der freimaurerischen Doxa10 entspricht und allen Freimaurern gemeinsam ist. Zu demselben Ergebnis kommen übrigens auch die eben zitierten Autoren: »Die Freimaurerei ist ›ein allegorisch bemänteltes und durch Symbole veranschaulichtes moralisches System‹.«11
So steht etwa der schwarz-weiß gekachelte Boden – das sogenannte Musivische Pflaster, eines der wichtigsten Symbole des Freimaurertums – für die Überzeugung, dass die verschiedenen Religionen gleichwertig sind, dass Gott ein Konzentrat sowohl des Guten wie des Bösen ist und dass der Mensch sich seine eigenen Gesetze gibt.
Symbolik des Musivischen Pflasters und des Relativismus
Was bedeutet das Musivische Pflaster?
Das Musivische Pflaster zählt zu den machtvollsten Symbolen der freimaurerischen Doxa. Es bildet – und zwar für alle Grade – eine der Grundlagen, wenn nicht sogar das wesentliche Bezugssystem der freimaurerischen Initiation. Schon am Abend meiner Initiation war ich beeindruckt von diesem rechteckigen Schachbrett aus schwarzen und weißen Fliesen in der Mitte des Tempels, um das herum die drei »Säulen« der Loge angeordnet waren.
Manche Freimaurer haben während einiger meiner Vorträge darauf hingewiesen, dass es sich doch »nur« (sic) um ein Symbol handele. Ich kann an dieser Stelle nur wiederholen, was ich ihnen schon damals geantwortet habe: »Genau! Das Musivische Pflaster ist ein freimaurerisches Symbol. Nicht mehr und nicht weniger!«
Denn ein freimaurerisches Symbol ist niemals harmlos. Und vor allem bezieht sich dieses Symbol auf die unzugängliche freimaurerische »Wahrheit«.
Später lernte ich, dass die weißen und schwarzen Fliesen gleichwertig sind und eine duale Sicht des Universums und der Kräfte versinnbildlichen, aus denen es sich zusammensetzt: »Alles gleicht sich mit strenger Genauigkeit aus […]. Wir wissen das Vergnügen nur zu schätzen, wenn wir es dem Schmerz gegenüberstellen […]. Die Freude misst sich am Leid […]. Der Irrtum manifestiert die Wahrheit. Das Gute zieht uns in dem Maß an, wie das Böse uns abstößt. Das Schöne gefällt uns im gleichen Verhältnis, wie das Hässliche uns Schrecken einflößt. Das Licht nimmt man nur durch den Gegensatz zur Finsternis wahr.«12
Für die Freimaurerei sind diese dualen Kräfte nicht nur eine Verbindung, die unterschiedliche Potenziale minimiert, sondern sie stehen sich auf ewig gegenüber. Meine Erfahrung mit der Freimaurerei verleitete mich zu dem falschen Schluss, dass dieser Kampf den Lebensprozess in Gang setzen würde: »Das Leben geht aus einem permanenten Konflikt hervor. Der Gegensatz ist es, aus dem sich alles ergibt.«13
Übrigens nimmt die Freimaurerei grundsätzlich an, dass der Mensch keinen Zugang zu einer absoluten Wahrheit hat: »Man darf nämlich vermuten, dass sich uns die absolute Wahrheit […] a priori entzieht.«14 Sie leugnet sogar, dass die Wahrheit überhaupt absolut sein kann.15 Ein Geselle erklärte in einem seiner Werkstücke16: »Ich für meinen Teil glaube nicht an eine absolute Wahrheit. Die Relativität scheint mir der Wesenskern des Lebens zu sein.«17
Die Zeremonie der Aufnahme zum zwölften Hochgrad bestätigt diesen relativistischen Ansatz des Freimaurertums. Wenn der Geheime Meister die »Sprossen« vom vierten zum elften Grad »erklimmt«, um in den Grad des Großarchitekten erhoben zu werden, mahnt ihn das Ritual: »Sie müssen nun begreifen, dass Hiram18 den menschlichen Geist symbolisiert, der unablässig nach der Wahrheit strebt.«19
Genau daran wird man in den »Perfektionsgraden« immer und immer wieder erinnert: Es gibt keine absolute Wahrheit, die dem Menschen zugänglich wäre. Seine Suche vollzieht sich in der Stille und im Geheimen. Der Geheime Meister befindet sich an einem Ort der Meditation, am Grab des Meisters Hiram, er steht vor einer Tür, die er öffnen muss, das heißt, er muss die esoterischen Lehren dieses Grads verstanden und verinnerlicht haben, damit er die der höheren Grade begreifen kann und zu schätzen weiß.
Die Vorstellungen von Gott und der Ewigkeit sind relativ
Daher wird auch die Vorstellung von Gott selbst relativiert. Bei der Zeremonie des Übergangs vom XI. zum XII. Grad hatte ich selbst gehört, wie der Ehrwürdige Meister fragte:
– »Ist der Gott der Christen derselbe wie der, von dem die antiken Mythologien sprechen?«
– »Da Gott nicht erkannt werden kann, ist er zwangsläufig unter den verschiedenen Namen immer derselbe«20, hatte der Erste Aufseher daraufhin geantwortet.
Als Katholik, der ich inzwischen wieder geworden bin, kann ich nicht die geringsten Gemeinsamkeiten zwischen den ägyptischen, griechischen und römischen Göttern und dem Gott der Bibel feststellen. Und vor allem gibt es für mich nur einen einzigen Gott, der sich in Jesus Christus geoffenbart hat – und der hatte ganz sicher nichts mit antiker Mythologie zu tun!
Obendrein geht die freimaurerische Wahrheit paradoxerweise davon aus, dass die Seele ewig und zugleich nicht ewig ist. Artikel 3 der Verfassung von »Le Droit Humain«, den der Redner im Rahmen meiner Initiationszeremonie vorgelesen hatte, sagt ausdrücklich: »Die Mitglieder sind unabhängig von allen religiösen Einrichtungen, Organisationen und Glaubensrichtungen, einschließlich des Glaubens an ein Weiterleben oder Nichtweiterleben nach dem Tod. Darüber hinaus trachten sie vor allem danach, ein größtmögliches Maß an moralischer, intellektueller und geistiger Entwicklung für alle Menschen zu erzielen. Der Orden glaubt, dass dies eine Grundbedingung für das Glück ist.«21
Man sieht, wie ich Schritt für Schritt und unter dem ständigen Einfluss einer radikal relativistischen Doktrin – wenngleich in einer Großloge22, die sich selbst als deistisch bezeichnet – letztlich meinerseits dem Relativismus verfiel.
Für einen Profanen ist es unvorstellbar, wie beengend der Relativismus sein kann, sobald er als Doktrin daherkommt. Angeblich »befreit« er das Denken, doch in Wirklichkeit lässt er es erstarren, denn die Wahrheit zu relativieren heißt letzten Endes, an gar nichts mehr zu glauben: nicht einmal mehr an etwas, das sich unseren Augen und unserem Herzen so offensichtlich darbietet wie die Liebe Gottes, der für uns am Kreuz gestorben ist.
Das unüberwindliche Paradox einer relativen Wahrheit
Dennoch strebt der Weg des Eingeweihten der Einheit entgegen – einer Einheit jedoch, die außer Reichweite ist, wie die Erklärung des Redners bei der Zeremonie der Zulassung zum XXX. Grad beweist: »Die höchste Initiation hat Sie auf die Stufe der Dualität geführt, die überall auf diesem Areopag23 symbolisiert wird. Doch wehe, Ritter, alles auf dieser Welt endet hier. Auf dieser Stufe müssen Sie zwangsläufig handeln. Eine höhere Stufe können Sie sich lediglich vorstellen: die Stufe des Absoluten, wo sich die Dualität in Einheit auflöst […]. Ihr Handeln kann sich von der Vorstellung der Einheit lediglich inspirieren lassen.«24
Die Vorstellung von einer solchen höheren Ebene – der »freimaurerischen Dreiheit« – findet sich beispielsweise auch im Musivischen Pflaster wieder. In meinen Jahren als Mitglied der blauen Loge und vor allem als Lehrling bekam ich von den älteren Meistern des Öfteren zu hören, dass zwischen den weißen und den schwarzen Kacheln eine rote Linie verlaufe, die »dünner als eine Rasierklinge« sei.25 Genau genommen handelt es sich um eine Art »Synthese« der beiden dualen Pole, die der freimaurerischen Lehre zufolge für den Menschen ebenso unerreichbar ist wie die Wahrheit. Ich begriff die Bedeutung dieses unsichtbaren symbolischen Bildes erst später, als ich Geselle geworden und insbesondere, als ich zum Grad des Meisters aufgestiegen war und den Sinn der »freimaurerischen Dreiheit« verinnerlicht hatte, die im ersten Grad gelehrt wird.26
Vom Grad des Meisters an weiß sich der Eingeweihte dieser Dualität zu bedienen und nutzt sowohl das Gute als auch das Böse, sowohl die Finsternis als auch das Licht, um seinen Weg zu finden. Im Gegensatz zum Christen, der sich trotz seiner Unvollkommenheiten und trotz der Hindernisse des Lebens bemüht, dem Weg des Lichts und der Wahrheit Christi – dem Weg zum Guten – zu folgen, schreitet der Eingeweihte auf dem Weg des Guten und gleichzeitig des Bösen voran. Das bestätigt sich bei der Feier der Erhebung zum XXX. Grad, die die Hierarchie der symbolischen Hochgrade abschließt.
Im Grunde jedoch handelt es sich um eine polymorphe Einheit, wie sie unter anderem auch die (in der deistischen Freimaurerei verbreitete) Vorstellung vom »Großen Baumeister aller Welten« zum Ausdruck bringt, der als eine Art einheitliche und duale »Verschmelzung«, das heißt als das Gute und das Böse zugleich, aber auch als die Synthese oder Vereinigung des Guten und des Bösen verstanden wird. Der »Große Baumeister aller Welten« ist Liebe und Hass zugleich und die Synthese von Liebe und Hass und manifestiert sich als kosmische und energetische Kraft im Zeichen des einen und manchmal des anderen.
Letztlich richtet die ganz und gar vom Relativismus durchdrungene Freimaurerei ihre Eingeweihten auf eine »offene Gesamtheit« von Wahrheiten aus, die niemals in der Wahrheit schlechthin zu einem Abschluss gelangen können. Mit ihrem Bekenntnis zu einem »absoluten Relativismus« ist die Initiationslehre im Gegenteil in sich paradox.
In diesem Universum, wo es der Freiheit des Eingeweihten überlassen bleibt, den verborgenen Sinn der Symbole zu entdecken, sind dem Forschen des Wahrheitssuchenden keinerlei Grenzen gesetzt.
Als ich nach meiner Erhebung zum XII. Grad des Großarchitekten zum ersten Mal wieder einer Tempelarbeit beiwohnte, überraschte mich ein ritueller Dialog zwischen zwei Beamten, der meinem christlichen Glauben diametral zuwiderlief. Der Ehrwürdige Meister fragte:
»Wofür steht die Kreislinie?«27
Der Erste Aufseher antwortete:
– »Für den Bereich der menschlichen Erkenntnis.«
»Ist also der Bereich der menschlichen Erkenntnis begrenzt?«, fragte der Ehrwürdige Meister.
– »Nein, Ehrwürdiger Meister, dieser Bereich ist unbegrenzt«, erklärte der Erste Aufseher.
Plötzlich offenbarte sich mir ein ebenso eklatanter wie grundlegender Widerspruch. Ich hatte unlängst und in einem Rahmen, der mit der Freimaurerei rein gar nichts zu tun hatte, eine Arbeit über den 119. Psalm der Bibel verfasst. In diesem langen28 Loblied auf den Herrn wird genau das Gegenteil verkündet, denn in Vers 96 heißt es: »Ich sah, dass alles Vollkommene Grenzen hat, doch dein Gebot ist von unendlicher Weite.« Dieser Gegensatz zur katholischen Lehre bestätigte meinen Vorbehalt, den Weg der Hochgrade weiter zu verfolgen: Nein, der Geist des Menschen und seine Erkenntnis sind nicht unbegrenzt! Nur Gott ist unendlich. Unser Wissen ist eingeschränkt, begrenzt, unvollständig, und der Herr allein ist der Allmächtige. Dennoch liegt die Wahrheit nicht außerhalb der menschlichen Reichweite, weil Christus sie uns geoffenbart hat. Der Teufel, und nur er, kann sich erhoffen, uns vom Gegenteil zu überzeugen: »Die Bosheit Satans richtet sich mit derselben Erbitterung gegen das Buch wie gegen die Wahrheit, die darin niedergeschrieben ist.«29
Die angebliche Unbegrenztheit des »Bereichs der menschlichen Erkenntnisse« ist letztlich nichts anderes als die Leugnung der einen Wahrheit und damit indirekt auch der Offenbarung. Ein heimtückischer Leugnungsversuch, der obendrein in die Ausweglosigkeit führt!
Der Relativismus ist eine ebenso schwerwiegende wie essenzielle theologische Sackgasse. Allein schon das Bekenntnis zum Relativismus – das heißt zu der Überzeugung, dass es keine absolute Wahrheit gibt – ist theologischer Unsinn und geradezu sophistisch. Indem sie die Wahrheit so klar als relativ bezeichnet, verkündet die Freimaurerei selbst zumindest eine Wahrheit, die sie als absolut postuliert! Niemand kann kategorisch erklären, die Wahrheit sei nur relativ. Wie also sollte man den Relativismus absolut setzen? Was für ein unauflösliches Paradox!
Ich höre schon, wie gewisse freimaurerische Angehörige der Großlogen einwenden, dass die Freimaurerei das Absolute ja nicht leugne, sondern lediglich erkläre, dass es außerhalb der Reichweite des Menschen liege. Doch wenn die absolute Wahrheit außerhalb der Reichweite des Menschen läge, wie kann dann die Freimaurerei, die durch die Relativität und die Unzugänglichkeit der Wahrheit selbst unbestreitbar menschlich begrenzt ist, den Anspruch erheben, dass ihre Aussage von der Unzugänglichkeit der Wahrheit absolut wahr ist? Hätte sie demnach paradoxerweise Zugang zu einer Wahrheit, die doch unzugänglich, weil ihrer Lehre zufolge außerhalb der Reichweite des Menschen ist? Das wäre ein Widerspruch in sich!
Ich bezeuge schlicht und einfach, dass es keine freimaurerische Wahrheit, sondern lediglich einen dualistischen Okkultismus gibt. Der christliche Glaube dagegen führt mich dazu, das Gute zu wählen – und nur das Gute! Gott wird niemals von uns verlangen, dass wir uns abwechselnd im Licht und in der Finsternis verorten. Oder einem roten Faden folgen, der angeblich zwischen beiden verläuft.
Wenn der geheimnisvolle Ratschluss Gottes uns in der Gegenwart von Gut und Böse, von Licht und Finsternis belässt, dann zeigt und offenbart er uns damit, dass wir die Wahl haben, uns für das Gute und für sein Licht zu entscheiden: »Den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an. Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen. Liebe den HERRN, deinen Gott, hör auf seine Stimme und halte dich an ihm fest« (Dtn 30,19–20). Mein Glaube gebietet mir, nicht in dieser Zweideutigkeit zu verharren: »Gott ist treu, er bürgt dafür, dass unser Wort euch gegenüber nicht Ja und Nein zugleich ist. Denn Gottes Sohn Jesus Christus, der euch durch uns verkündet wurde – durch mich, Silvanus und Timotheus –, ist nicht als Ja und Nein zugleich gekommen; in ihm ist das Ja verwirklicht« (2 Kor 1,18–19). Seit mein Herz meinem Erlöser Jesus Christus gehört, ist für mich zwischen dem Guten und dem Bösen, zwischen den schwarzen und den weißen Fliesen des Musivischen Pflasters kein Kompromiss mehr möglich, und wäre er auch nur so dünn wie eine Rasierklinge. Damit, dass er am Kreuz gestorben ist, um uns von unseren Sünden zu erlösen, hat Jesus Satan endgültig besiegt. Und der Teufel rast vor Wut, weil Maria weder die Liebe Gottes noch den gepriesenen Triumph ihres Sohnes jemals in Zweifel gezogen hat: »Wir wollten sogar seine Mutter in Versuchung führen. Ihr Herz war zerrissen, aber auch von großem Frieden erfüllt, und sie hat alles vergeben. Sie liebte und litt: Ihre Vergebung war vollkommen; ihre Liebe war vollkommen; ihr Opfer war vollkommen. Das hat uns besiegt!«30
Hinter der relativistischen Lehre der Freimaurerei mit ihrer vermeintlichen Harmonie und Ausgewogenheit verbirgt sich, im Musivischen Pflaster implizit ausgedrückt, ein Teufelswerk. Denn ihre Botschaft steht im Widerspruch zu der Lehre Jesu. Im Übrigen hat Christus selbst uns vor den Gefahren des Relativismus gewarnt: »Eure Rede sei: Ja ja, nein nein; was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen« (Mt 5,37).
Aus Sicht der Freimaurerei befindet sich die Kirche im Irrtum
Diese duale Vorstellung vom Universum, die auf den ersten Blick so verlockend erscheint, brachte mich und viele andere Freimaurer auf den Gedanken, dass die Freimaurerei die Schlüssel der Wahrheit in Händen halte, während die Kirche im Irrtum sei; dass die Freimaurerei die weiße Fliese des strahlenden Lichts, die Kirche dagegen die schwarze Fliese der Dunkelheit oder sogar Verdunklung sei.
In diesem Zusammenhang hatte ich 2006 in meiner Loge in Narbonne eine Diskussion mit einem Freimaurer der höchsten Grade, der sich in der Loge oder beim Brudermahl gern abfällig über die Kirche äußerte. Dieser Eingeweihte bekleidete ein verantwortungsvolles nationales Amt innerhalb der Großloge »Le Droit Humain«. Unsere Diskussion fand während des Brudermahls nach einer Erhebung zum Meistergrad im Rahmen einer Festarbeit statt.31
Das Fazit dieser Unterhaltung war, dass die echten Meister diejenigen seien, die der Menschheit das Glück brachten – im Gegensatz zu jenen, die sie mit ihrem »Aberglauben«32 in die Irre führten. Denn wie ich im Verlauf meines Initiationsweges lernen musste, ist die Freimaurerei wirklich davon überzeugt, dass sie ihren Eingeweihten okkulte Geheimnisse zugänglich macht. Insbesondere die katholische Kirche ist in ihren Augen eine Perversion der ursprünglichen Überlieferung: »Dann verkehrte sich die esoterische Weisheit in Religion: ›Die Religionen stimmen nicht nur nicht mit der esoterischen Lehre überein, sondern entstellen sie oder lehnen sie ab.‹«33 Die Freimaurer betrachten sich als die Erben der ursprünglichen Weisheit, in der angeblich alle Religionen der Menschen ihre Wurzeln haben: »Die Freimaurerei lehrt die Grundsätze des uranfänglichen Glaubens und hat diese Gefäße, auf die sich jede Religion stützt, in ihrer Reinheit bewahrt.«34 Vor diesem Hintergrund betrachten die Freimaurer – besonders die Hochgrade des Areopags, die der schwarzen Freimaurerei angehören – die Bischöfe, die Kardinäle und speziell den Papst (vor allem Benedikt XVI., den die Freimaurer nicht ausstehen können) als Hochstapler und Betrüger.
Es entspricht somit vollkommen der Logik der Freimaurer, die Mitglieder der Kirche mit den Mördern Hirams gleichzusetzen oder zumindest zu Mittätern zu erklären. Hiram ist der Großmeister aller Freimaurer und Wahrer der letzten Geheimnisse. Er wurde von drei ehrgeizigen und neidischen Gesellen ermordet, die diese Geheimnisse in ihren Besitz bringen wollten, ohne die Voraussetzungen für ihre Initiation erfüllt zu haben. Dem altgedienten Hochgradfreimaurer fiel es übrigens nicht weiter schwer, mir zu beweisen, dass die Kirche bildungs- und fortschrittsfeindlich sei. In die Argumentation meines Bruders aus den Hochgraden, deren Subjektivität ich damals noch nicht durchschaut hatte, reihte sich ein antiklerikaler Gemeinplatz an den anderen: die Inquisition, die Borgia-Päpste und ihre Intrigen, der Prozess gegen Galileo, die Leugnung der Jungfräulichkeit Mariens und sogar der Gottheit und der Auferstehung Christi.
In den Augen der Freimaurerei will die Kirche nur eines: den Meisterfreimaurer Hiram töten, der in allen Eingeweihten wiedergeboren wird.
Die katholische Kirche, die die Freimaurerei seit deren Entstehung im 18. Jahrhundert bekämpfe, stemme sich der Emanzipation der Menschheit entgegen, erklärte mir mein Bruder. Sie lasse sich, genau wie die drei mörderischen Gesellen, von Dogmatismus, Fanatismus und Ehrgeiz leiten. Damals – das muss ich heute mit Bedauern und nicht ohne Scham zugeben – erschien mir diese freimaurerische Theorie hinreichend plausibel. Auch wenn ich weiß, dass der Herr mir diese Verirrung vergeben hat, weil ich sie »unter Einflussnahme« begangen und vor allem weil ich sie nach meiner Bekehrung aufrichtig bereut habe, muss ich bekennen, dass ich in meiner Verzweiflung Tränen vergossen habe, als ich meine Verblendung mehrere Jahre später beichtete. Ich war wie Petrus, der Christus verleugnet hatte: »Und er ging hinaus und weinte bitterlich« (Mt 26,75).
Von Grund auf eine Doppelmoral
In den Augen der Freimauerei, die lehrt, dass der Mikrokosmos identisch mit dem Makrokosmos ist, ist das Universum dual. Folglich ist auch im Menschen alles dual angelegt.
Als Freimaurer hatte ich kein anderes Bezugssystem als das, welches die institutionelle Freimaurerei vertrat: Nichts ist ganz und gar böse, nichts ist vollkommen gut, jeder entscheidet letztlich selbst über seine moralischen Kriterien, die initiatische Utopie gibt den einzigen Rahmen vor. In vielen Werkstücken wird überdies die These vertreten, dass das schwarz-weiße Fliesenmuster nicht nur die Dualität symbolisiere, sondern – ein Anklang an das Yin und Yang der fernöstlichen Kosmologie – die schwarzen Kacheln Weiß und die weißen Kacheln Schwarz enthalten. Was in der Farbenlehre zutreffen mag, ist in der Theologie wohl eher fragwürdig! Die Freimaurerei vertritt demnach die Auffassung, dass ihre Eingeweihten Gutes tun, auch wenn sie sich ein bisschen böse verhalten, und dass sie Böses tun können, damit etwas Gutes daraus entsteht. Das ist sehr weit von der moralischen Strenge eines heiligen Paulus entfernt, der den Christen an das einzig Gute gemahnt: »Die Liebe sei ohne Heuchelei. Verabscheut das Böse, haltet fest am Guten!« (Röm 12,9).
Konkret führt diese relative Moral zu Ausschweifungen, für die die Wollust ein perfektes Beispiel ist. Im Hinblick auf die Sexualität lehrt der heilige Paulus: »Alles ist mir erlaubt – aber nicht alles nützt mir. Alles ist mir erlaubt – aber nichts soll Macht haben über mich« (1 Kor 6,12). Dagegen ist die Moral im freimaurerischen Sinne, wie ich bezeugen kann, lediglich das Ergebnis eines »Sozialvertrages« und ihre Grenzen sind letztlich von einem menschlichen Konsens abhängig, der keinem Gott Rechenschaft schuldet: »Der ehemalige Senator Caillavet, ein bekannter Freimaurer […] schreibt: ›Es gibt keine universale Moral mit göttlichem Unterbau; die Moral ist im Wesentlichen zufällig und daher veränderlich; sie ist nicht transzendental. Was heute wahr ist, ist vielleicht morgen schon falsch.‹«35 Wenn aber alles relativ und vorläufig ist, dann sind Wollust und Ehebruch keine Sünden mehr. Alles ist erlaubt und die Moral gibt es nicht mehr.
Ein Freimaurer, der immerhin für seine intellektuelle Aufrichtigkeit Anerkennung verdient, hat in einem Werkstück zugegeben, dass die Freimaurerei nicht nur relativistisch ist, sondern den Relativismus geradezu zum Dogma erhebt: »Auch wenn man sagt, dass der Relativismus nicht als Dogma aufgefasst wird, handelt es sich de facto doch um einen relativistischen symbolischen Entwurf; mithin ist der relativierende Charakter einer solchen moralischen und rituellen Gemeinschaft nichts, was man vernachlässigen könnte, sondern erweist sich im Gegenteil als entscheidend.«36
Nun wird aber gerade im Bereich der Sexualität die Freiheit, wenn sie relativ wird, leicht mit einem ausschweifenden Lebenswandel verwechselt: »Der Ehebruch ist bei ihnen weitverbreitet. Oh, protestieren Sie nicht, meine Brüder, ich könnte sehr viele Fälle nennen; ich könnte Namen von sehr erlauchten Brüdern37 nennen. In den Vorräumen werden oft sehr anzügliche Reden geführt; und wenn man am Abend die Große Loge verlässt, geht man nicht auf direktem Weg nach Hause, oder etwa doch, Bruder X und Bruder Y? Und ausgerechnet Sie schreien am lautesten, wenn es darum geht, abscheuliche Verleumdungen über die Priester und die Beichte in Umlauf zu bringen. Heuchler!«38
In anderen Gesellschaftskreisen zeigt eine Begebenheit, die durch die nationale Presse gegangen ist, wie sehr die Ideologie der Freimaurerei manche ihrer Mitglieder beeinflusst, bis schließlich in einer zügellos hedonistischen Mischung aus Freimaurerei, Sex, Politik und Geschäftemacherei jedwede moralische Barriere fällt: Ich meine die »Carlton«-Affäre, die im Februar 2015 beim Landgericht in Lille ihr gerichtliches Nachspiel hatte. Auch wenn der ehemalige geschäftsführende Direktor des IWF, Dominique Strauss-Kahn, Sohn von Freimaurern und möglicherweise selbst Mitglied einer Loge, 2015 nicht wegen Zuhälterei verurteilt wurde39, hat er eingeräumt, im Rahmen von Veranstaltungen, die von manchen als »kollektive sexuelle Aktivitäten«40 beschrieben wurden, mit mehreren jungen Frauen Geschlechtsverkehr gehabt zu haben. Knapp die Hälfte der im Zusammenhang mit dieser Affäre angeklagten Personen waren Freimaurer. Und »vier der sechs beschuldigten Freimaurer waren Mitglieder des Großorients von Frankreich«.41 Das Stichwort »Freimaurerei« ist auf jeder Seite dieser »erotisch-intimen« Akten zu finden: »Nach Ansicht der Untersuchungsrichter waren ›Netzwerke aus Freimaurern, Freigeistern und Politikern‹ beteiligt.«42 Und so kam es, dass das Wochenmagazin »Le Point darin den Schatten der Freimaurerei erkannte, Le Figaro von ›schlüpfrigen Brüdern‹ sprach, La Dépêche einen freizügigen, teils freimaurerischen Freundeskreis benannte und in etlichen weiteren Medienkommentaren der Begriff der Freimaurerei auftauchte«.43
Es geht hier nicht darum, alle Freimaurer als Freigeister oder als sexuell entartet abzustempeln. Ich kann im Gegenteil bezeugen, dass ich Logenmitglieder gekannt habe, die in dieser Hinsicht ohne Fehl und Tadel waren. Doch in der Freimaurerei ist alles relativ und der moralische Relativismus, der aus der freimaurerischen Doxa folgt, führt häufig auf Abwege. Diese Abwege sind die logische Konsequenz einer individualistischen, subjektiven und eigenständigen Betrachtungsweise des Eingeweihten. Wenn jeder Gut und Böse nach seinen eigenen Kriterien definiert, wird der Mensch in moralischer Hinsicht autonom.
Ein Freimaurer des Großorients von Frankreich erläutert in einem seiner Werkstücke – mit dem Titel »Ethik und Moral« –, dass die Freimaurerei amoralisch und dass diese relativistische Auffassung zwangsläufig durch den freimaurerischen Individualismus bedingt ist: »Die Autonomie jedes Einzelnen ist eine zentrale Forderung.«44
Darauf hat Papst Leo XIII. schon vor beinahe eineinhalb Jahrhunderten hingewiesen: »Die sittliche Erziehung, welche die Sekte der Freimaurer allein noch gutheißt und billigt, in der die Jugend herangebildet werden soll, ist die sogenannte rein weltliche, unabhängige und freie, d. h. alles Einflusses der Religion bare. Wie dürftig aber eine solche ist, wie kraftlos, wie schwankend bei jedem Hauch der Leidenschaften, das haben ihre bereits offenbarten und beklagenswerten Früchte hinlänglich dargetan. Denn wo immer jene ungehindert sich geltend machte, und die christliche Erziehung weichen musste, da schwanden alsbald die guten und reinen Sitten.«45
Und die Wollust ist eine Sünde gegen Gott, denn sie ist eine Sünde gegen unseren eigenen, von Gott geschaffenen Leib: »Meidet die Unzucht! […] Wer aber Unzucht treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst; denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!« (1 Kor 6,18–20). Liebe und Sexualität sind nicht voneinander zu trennen und die Heilige Schrift verpflichtet die Eheleute zur Vereinigung im Fleisch: »Entzieht euch einander nicht, außer im gegenseitigen Einverständnis und nur eine Zeit lang, um für das Gebet frei zu sein! Dann kommt wieder zusammen, damit euch der Satan nicht in Versuchung führt, weil ihr euch nicht enthalten könnt»(1 Kor 7,5).
Die Freimaurerei dagegen vertritt die Auffassung, dass jeder seinen eigenen Wünschen gemäß leben soll. Die Unzucht ist somit nichts Verwerfliches, sondern lediglich eine frei gewählte »Besonderheit« des Verhaltens. Gut und Böse werden zu relativen Begriffen und nichts hindert den Freimaurer daran, etwas Böses als gut zu betrachten.
In den Augen der Freimaurerei ist das Böse für die Menschheit nötig und nützlich
Für die Initiationsgemeinschaft sind Gut und Böse zwei Kräfte, die zwar gegensätzlich, zugleich aber durch ihre Natur und ihren kosmischen Ursprung miteinander verbunden sind. Das macht sie zur Grundlage der letzten Wirklichkeit. Folgerichtig wird das Böse, wie ich zu meinem Entsetzen erfahren musste, in der Freimaurerei sogar ganz unzweideutig verherrlicht: »Das Böse ist der Schatten des Guten, es ist untrennbar mit ihm verbunden. […] Somit braucht die Menschheit das Böse (sic) […] wie das Meerwasser das Salz. Auch dort kann die Harmonie nur aus dem Gleichgewicht der Gegensätze entstehen.«46 In den Augen der Freimaurerei bildet das Böse also ein notwendiges Gegengewicht zum Guten.
Christus dagegen nennt uns das »Salz der Erde«, wenn wir nicht den Weg der Dualität von Gut und Böse, sondern den Weg der Seligpreisungen einschlagen, die Ausdruck des alleinigen Guten und der einzige Weg des göttlichen Wortes sind: »Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen?»(Mt 5,13).
Derjenige Zweig der Freimaurerei, der sich selbst als deistisch bezeichnet und sich auf den »Großen Baumeister aller Welten« bezieht, hat sich die häretische Vorstellung zu eigen gemacht, wonach Gott Gut und Böse in sich vereint. Das erinnert an das Gedankengut der Manichäer und der Gnostiker, die der heilige Irenäus im 2. Jahrhundert bekämpft hat. Und diejenigen Freimaurer, die sich als Materialisten oder Agnostiker bezeichnen, stützen sich auf den Dualismus der menschlichen Triebe, der kosmischen Kräfte oder Polaritäten, insofern sie die höheren Mächte sind, denen die Menschen ohne ihr Wissen unterworfen sind.
Die Wahrheit ist, dass die Freimaurerei keinerlei theologische Antwort auf die Frage nach dem Bösen liefert, sondern es mit dem Guten verschmilzt!
Für die Kirche hat Christus das Böse durch seinen Tod am Kreuz besiegt. »Das Übernatürliche, dieser schöne Ausblick, in den Christus uns hineinnimmt, ist die erste christliche Antwort auf das Problem des Bösen in all seinen Dimensionen. Aus Gnade hat jeder Mensch, was immer ihm auch widerfahren ist, eine zweite Chance und ein zweites Leben.«47
Die Gnade Gottes hilft uns also, das Böse, wenn schon nicht zu besiegen, so doch zumindest zu ertragen, ohne es jedoch jemals als eine von Gott gewollte Notwendigkeit zu betrachten.
Auch mir hat Gott eine zweite Chance gewährt: Obwohl ich mich auf den verschlungenen Pfaden der Freimaurerei verirrt hatte, hat er, als die Not am größten war, meine Schritte gelenkt und mich zuerst zu Maria in Lourdes und dann einige Wochen später in ein Marienkloster geführt! An diesem in Ruhe, Gebet und wahrhafte Schönheit getauchten Ort fand ich die Antwort auf die Frage, die jeden Menschen bedrängt, die Frage nach dem Bösen …
Gott ist nicht der Ursprung des Bösen: »Gott […] verabscheut das Böse, das er nicht geschaffen hat. Der Verwirrer […] ist jener Engel, der heute bis ins Mark verdorben ist, Satan genannt, schön wie ein Abgott und stolz, wie ein Engel nur sein kann, wenn ihm nichts Einhalt gebietet. […] Er lehnte sich auf […] ging sogar so weit, sich Gott, unserem Vater, gewaltsam zu widersetzen, und das ist der Punkt, an dem man die historische Entstehung des Bösen festmachen muss. Der Engel wurde zum Monster und hat seither nur noch den Wunsch, das Liebeswerk des ewigen Vaters zu zerstören.«48 Ganz wie ein Vater, der seine Kinder liebt, hat Gott uns das Geschenk der Freiheit gemacht, die er zuvor auch seinen Engeln gewährt hatte.
Und dieser gefallene Engel, Luzifer – denn man muss ihn beim Namen nennen –, hat bei seinem Fall den Mann und die Frau mitgerissen: »Gott ist nicht der Urheber des Leidens. Er ist der Urheber unserer Freiheit. Der Mensch ist, wenn er falschen Gebrauch von seiner Freiheit macht, selbst für das Böse verantwortlich […]. Der christliche Gott ist ein Gott der Liebe.«49 Nun, da mir diese absolute Wahrheit vor Augen stand, begriff ich, dass ich in all den Jahren meiner intellektuellen Spekulationen und durch alles, was ich über das Musivische Pflaster geschrieben, gehört und meditiert hatte, nicht nur im Hinblick auf die Frage nach Gut und Böse in eine spirituelle Sackgasse geraten war, sondern dass dies mich zu einer monströsen, verkehrten, teuflischen Vorstellung vom Wesen Gottes geführt hatte.
Indem ich mich von den freimaurerischen Lehren entfernte und zum Glauben zurückfand, begriff ich endlich, dass Gott und Satan keineswegs Verbündete sind: Ersterer duldet das Tun des Letzteren nur, weil er den Menschen, sein Geschöpf, unendlich liebt und geduldig und gütig darauf wartet, dass dieser sich aus freiem Willen für den Glauben und das Gute entscheidet.
Und es wurde mir bewusst, dass Gott und Satan nicht gleich stark und nicht gleich mächtig sind, auch wenn Letzterer einen gnadenlosen Kampf gegen das Geschöpf und die Schöpfung des Ersteren führt.
Endlich begriff ich in meinem tiefsten Herzen, dass Gott die Liebe ist und in alle Ewigkeit nie etwas anderes sein wird.
Ich fand die einzige Antwort, die vor dem Geheimnis des Bösen Bestand hat: Sie ist nicht im Okkulten zu finden. Das Okkulte ist nur ein weiterer Ausdruck des Bösen, nur eine weitere Verführung. Gott liebt mich unendlich. Gerade weil ich gefallen bin, gerade weil ich mich als schwach und armselig bekannt habe. Und durch das Blut, das Christus vergossen hat, um uns zu retten, hat diese Liebe auch mich von der Sünde befreit: »Das Leiden Christi offenbart uns einen Gott, der uns über alle Maßen liebt. Gottes ewiger Ratschluss wollte unsere grundlegende Frage nach dem Bösen mit einem weiteren, noch unerhörteren Geheimnis beantworten: dem Mysterium des gekreuzigten Jesus, ›für Juden ein Ärgernis, für Heiden eine Torheit‹ (1 Kor 1,23).«50
Mehr als zwanzig Jahre lang hatte ich mit dem Versuch vergeudet, das Problem von Gut und Böse durch die Analyse der freimaurerischen Symbolik des Musivischen Pflasters und unter dem irrigen Blickwinkel der Gleichpotenzialität zu verstehen. Wie ein Boxer im Ring, der nach zwei Treffern seines Gegners von einer Ecke in die andere taumelt, war ich zwischen den beiden Polen der Dualität umhergeirrt.
In Wirklichkeit zielt die Autonomie, die die freimaurerische Lehre anstrebt, darauf ab, jede geoffenbarte Wahrheit infrage zu stellen, denn in den Augen der Freimaurerei lässt sich die Wahrheit nur durch den Ausdruck einer initiatischen Vielfalt konstruieren.
Der gedankliche Rahmen, auf den sich die Freimaurer beziehen, macht deutlich, worauf sich der Ehrgeiz der Logen richtet: Sie wollen »freie« Menschen »erschaffen«.
Ein Werkzeug, um die Welt aus den Angeln zu heben
Die Macht des Hebels
Ich hatte einen hohen Grad in der Rangordnung der Freimaurer erreicht und es bis zum Großarchitekten gebracht, das heißt zu einem vollkommen autonomen Eingeweihten.
Die Freimaurerei will in einer »freien« Loge »freie« Menschen »erschaffen«. Doch diese Freiheit, nämlich die Redefreiheit, ist sehr relativ und der Rahmen des »freimaurerisch Korrekten« sehr eng.51 Die Freimaurerei erzieht ihre Eingeweihten zur Autonomie im Sinne der griechischen Etymologie des Wortes52, das heißt zur Haltung dessen, der »sich seine eigenen Gesetze gibt«. Eines Tages begriff ich, dass die freimaurerische Freiheit mehr oder weniger explizit in einem metaphysischen Ziel besteht: »Nicht von ungefähr wird der Eingeweihte aufgerufen, sein eigener König und sein eigener Priester zu werden.«53 Auf diese Weise »emanzipiert« sich der Eingeweihte, bis er sich schließlich selbst zum Gott erklärt: »Was die Freimaurer auszeichnet, ist, dass sie in voller Kenntnis der Sachlage am Großen Werk mitarbeiten […] und zu dieser Meisterschaft gelangen, die einer Vergöttlichung oder einer Apotheose entspricht.«54 Ich bezeuge, dass die Freimaurerei ähnlich wie der Pelagianismus55 auf eine Art menschliche Selbstproklamation abzielt.
Deshalb sind die Meister der Freimaurerei grundsätzlich und immer der Meinung, sich »befreien« zu müssen: »Man muss täglich seine Ketten abschütteln, um frei zu werden und zu bleiben. Die Hörigkeit belauert uns unausgesetzt und in unzähligen heimtückischen Verkleidungen. Sie zwingt sich unserem Geist auf, wenn die intellektuelle Trägheit uns daran hindert, selbst nach der Wahrheit zu suchen.«56 Eine solche psychologische und spirituelle Agitation ist nicht weiter verwunderlich. In meinen Jahren als Freimaurer musste ich jedoch erfahren, dass das Individuum, wenn es durch die Illusion der Meisterschaft endlich sich selbst überlassen ist, sich im Kreis dreht, weil es stets von sich ausgeht und stets zu sich zurückkehrt. In der Freimaurerei gab es kein göttliches Wort, das mir festen Halt gegeben hätte. Ich dachte, das Absolute zu suchen, und fand doch immer nur mich selbst. »Der Mensch ist der einzigartige Begriff, von dem man ausgehen und auf den man alles zurückführen muss.«57
Ich meinerseits gab, seit ich sie entdeckt hatte, der Auffassung des hl. Franz von Assisi den Vorzug: »Alles kommt von Gott und muss zu Gott zurückkehren, sein Wort eingeschlossen.«58 Eine Aussage, der die Freimaurerei insofern nicht zustimmen kann, als sie das Wort für verloren hält. Für den Christen dagegen ist es geoffenbart – wenn auch zuweilen so geheimnisvoll wie in der Offenbarung des Johannes.
Seit dem Gesellengrad hatte sich eine ungesunde Autonomie in mir eingenistet, die sich schon bei meiner Einweihung angedeutet hatte. Bei der Erhebung in diesen Grad wurde mir eines der neuen, für den Gesellen typischen Werkzeuge überreicht: das Brecheisen. Seine symbolische Bedeutung wird im Erhebungsritual erklärt, wenn der Zweite Aufseher die folgenden Worte spricht:
»Die Macht des Brecheisens kann erheblich sein.«
Diese Maxime wird durch die Worte des Ersten Aufsehers ergänzt, der etwas verkündet, was man mit Fug und Recht als freimaurerisches Dogma bezeichnen kann:
»Sinnvoll eingesetzt, ermöglicht das Brecheisen, behauene Steine im Innern des Gebäudes zu platzieren.«
Als ich zu diesem Grad zugelassen wurde, fühlte ich mich in meiner Ahnung bestätigt, dass die Steine die Freimaurer symbolisierten, während das Brecheisen für den freimaurerischen Willen stand, der so rationalistisch und zugleich esoterisch geprägt war, dass ihm nichts widerstehen konnte. Welch menschliche Anmaßung angesichts der Allmacht Gottes! Wenn sie über gute Lehrlinge, gute Gesellen und gute Meister verfügte, würde sich die Freimaurerei in der Menschheit unweigerlich durchsetzen: »Der Wille gibt uns das unwiderstehliche Brecheisen an die Hand, mit dem wir die Welt aus den Angeln heben können.«59 Es würde nichts nützen, wenn die verschlafenen Profanen gegen die erweckten, durch ein geheimes Licht erleuchteten Eingeweihten kämpfen würden, da die geschickt eingesetzten Brecheisen – wie ich eines war – nutzbringend und heimlich in den Behörden, Unternehmen, Gewerkschaften und Verbänden, in der Finanzwelt und in den Kreisen der Politik platziert wurden. Dass diese Darstellung der Wahrheit entspricht, bestätigen die Worte eines Großmeisters: »Der Einfluss der Freimaurerei ist heute vielleicht noch beträchtlicher […] als zu Zeiten der Dritten oder Vierten Republik60. Sie sind auf einer anderen Ebene platziert. […] Es gibt heute keinen Verband, keine Vereinigung, keine Gewerkschaft, in denen die Freimaurer nicht vertreten wären – und das in den verantwortungsvollsten Positionen.«61
Bei der Zeremonie hatte der Meister vom Stuhl seine Belehrung über das Brecheisen des Gesellen wie folgt beendet:
»Das Brecheisen entfaltet nur dann die Wirkung, die man von ihm erwarten darf, wenn es in Freiheit eingesetzt wird. Ebenso wird das Denken unfruchtbar und machtlos, wenn es in Unwissenheit, in Vorurteilen und in Dogmen (sic) befangen bleibt. Das Brecheisen symbolisiert die Macht des freien Denkens. Ohne Freiheit ist und vermag die Vernunft nichts. Möge das Brecheisen Ihnen diese Pflicht des Freimaurers immer ins Gedächtnis rufen: frei zu denken.«
An dieser Stelle drängt sich eine »Interpretation« auf, eine »Interpretation«, der über zwanzig Jahre des freimaurerischen Tuns und Denkens zugrunde liegen, somit eine »Interpretation«, die sich auf eine Vielzahl gelesener Texte, gehörter Werkstücke und mit Meistern und Hochgraden der Freimaurerei geführter Diskussionen stützen kann.
Das Brecheisen in Freiheit zu handhaben heißt, dass der Freimaurer selbst über seine Verwendung bestimmt, dass diese Selbstbestimmung jedoch ausschließlich im Rahmen der freimaurerischen Doxa erfolgt, die seine Vorstellung von »humanistischer Freiheit« unbewusst geprägt hat. »Wenig lesen und viel selbst denken, das muss die Regel des Meisters sein. Als Architekt seines intellektuellen Gebäudes trägt er die Materialien zusammen, die er nach seinem eigenen Plan verwendet und nach Gutdünken bearbeitet.«62
Nachdem ich die freimaurerischen Dogmen und besonders jene, die das Brecheisen betrafen, beobachtet hatte, erkannte ich – im Rahmen einer Zeremonie der Aufnahme in den Gesellengrad63 – ihre spirituellen Grenzen. Bei meiner Bekehrung hatte eine »immens kleine« Heilige ihre Hand im Spiel, die mir mit diskreter, zarter und geisterfüllter Liebe zu Hilfe kam.
Als ich einen ihrer Texte las, wurde mir bewusst, welchen »Halt« die Handhabung des freimaurerischen Brecheisens aufs Schmerzlichste vermissen ließ: »Ein Gelehrter hat gesagt: ›Gebt mir einen Halt, und ich hebe die Welt aus den Angeln.‹ Was Archimedes nicht zu erreichen vermochte, da sich seine Bitte nicht an Gott richtete, sondern nur das Materielle betraf, das haben die Heiligen erreicht. Der Allmächtige hat ihnen Halt gegeben, indem er sich selbst gab! Sich allein! Als Hebel hat er ihnen das Gebet gegeben, das ein Liebesfeuer entzündet. Und so haben sie die Welt aus den Angeln gehoben. So tun die gegenwärtig auf dieser Welt noch streitenden Heiligen dasselbe und sie werden es bis an das Ende der Zeiten tun.«64 Mit einem Mal wurde mir klar, worin der Unterschied zwischen den Heiligen und den Eingeweihten bestand: Die Heiligen hüten kein esoterisches Geheimnis. Sie bauen schlicht und einfach auf Gott …
Die Freimaurerei ist weit von dieser Demut entfernt, wie sie jene beseelt, die ihr Dasein der größeren Ehre Gottes geweiht haben. Stattdessen stiftet sie ihre Eingeweihten in den Hochgraden dazu an, stolz auf ihr Vorankommen auf dem Initiationsweg zu sein.
Pulsuz fraqment bitdi.