Kitabı oxu: «Unser Haus dem Himmel so nah»

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Inhalt

1  Cover

2  Widmung

3  Abendgesellschaften

4  Bagdad-Bahnhof al-Notoraki

5  Der Mädchenpalast

6  Ein Spross Karmelheims

7  Enge Korridore

8  Orangenträume

9  Russisch Roulette

10  Das Salz der Piraten

11  Der Ritter von Yorkshire-Castle

12  Kamikaze

13  Impressum

Meinem Vater,

Iyyad, Dima

und Muslish

Abendgesellschaften

Am 28. April 1947, einem Montag, erlebte Aleppo einen strahlenden Frühlingstag. Die Sonne spendete trotz der dichten weißen Wolkendecke schon so viel Wärme, dass viele ihre Angelegenheiten für diesen Nachmittag ruhen ließen und in den Grünflächen am Fluss spazieren gingen, dort, wo Jahre später nach dem Vorbild der Gärten von Versailles der berühmteste öffentliche Park des Orients entstehen sollte.

Am Nordufer, im Herzen der Stadt, lag das Viertel Azizieh, und dort, wo man zum Bahnhof abbog, stach die elegante Villa aus roséfarbenem Aleppo-Stein des Rechtsanwalts Bahdjat al-Haffar hervor, von deren Balkon aus man den Park überblicken konnte.

Noch zwei Stunden blieb der Aprilhimmel den Spaziergängern gewogen, dann blitzte und donnerte er los. Gerade als es aus den Wolken zu schütten begann, klingelte Bahdjat Beys Telefon. Seine Frau Madiha Hanim betrat mit zwei Tassen Kaffee und einem Glas Wasser auf einem Tablett sowie einer kleinen Vase, in der zwei schneeweiße Jasminblüten standen, das Zimmer. Ihr Mann legte auf. Alle Zuversicht war aus seinem Gesicht gewichen. Er wartete, bis sie Platz genommen und den Kaffee abgestellt hatte. Zuerst nahm er einen Schluck, dann sie: »Mach dich und die Kinder bereit, wir fahren nach Damaskus!«, sagte er nüchtern.

Madiha Hanim geriet in Aufregung, bewahrte jedoch die Fassung. Sie hatte schon mehrere Tage mit einer solchen Nachricht gerechnet. Seit ihr Mann seine politische Laufbahn angetreten hatte, war sie auf Notfälle gefasst.

Das Jahr 1946 war für das Leben der Syrer ziemlich chaotisch gewesen, und es sollte auch in den folgenden Jahren so bleiben. Mehrere Mitglieder des Nationalen Blocks hatten sich abgespalten und die Volkspartei gegründet, während die Verbliebenen den Namen »Nationaler Block« für ihre Partei behielten. Die Volkspartei wurde von einem Zusammenschluss wohlhabender Bürger unterstützt, an vorderster Front Nazim al-Qudsi und Ruschdi al-Kichya, die aus persönlichem Interesse für eine Wirtschaftsunion mit dem Irak plädierten. Obwohl Aleppo, die Geburtsstadt von Bahdjat Bey, eine Hochburg seiner Partei war, hatte er sich der Union deutlich entgegengestellt und in Kauf genommen, dass sich die Parteibasis, wie auch ihre Führer von ihm abwendeten. Vielleicht gingen die Reaktionen sogar über eine Ächtung und den Beziehungsabbruch hinaus, jedenfalls hatte er beschlossen, Aleppo deshalb zu verlassen und mit seiner Familie in Damaskus zu leben, bis sich die Parteienlandschaft in Syrien wieder stabilisiert hatte.

Kaum hatte sich Bahdjat Bey in Damaskus eingerichtet, gingen seine alten Freunde aus Aleppo, hohe Regierungsbeamte, Politiker und Professoren der Syrischen Universität, in seinem Haus ein und aus. Sie suchten dort den lebendigen Geist ihrer Stadt und fanden ihn in Unterhaltungen und Diskussionen, die sich in erster Linie um Politik und die Kochkunst drehten. Denn, was Geschmack, Können und Vielfalt betraf, waren sich die Aleppiner ausnahmsweise über die weltweite Einmaligkeit ihrer Küche einig.

Vorrausschauend hatte Bahdjat Bey ein geräumiges, freistehendes Haus gekauft. Es lag an der neuen Verbindungsstraße zwischen den alten Damaszener Vierteln Muhadjirin und Salihiye und führte mitten durch das Viertel Abu Rummana, am Mausoleum des unbekannten wohltätigen Heiligen vorbei. Dort hatte der Legende nach vor langer Zeit ein Granatapfelbaum, auf Arabisch »Rummana«, Schatten gespendet und dem Viertel seinen Namen gegeben. Später, als die französischen Streitkräfte abzogen, nannte man das Viertel zwar in Scharia l-Djalaa um, also: »Straße des Abzugs«, doch, wie so oft, hielten die meisten an dem gewohnten Namen fest.

Bahdjat Bey kam nach Damaskus, als das staatliche Rundfunkhaus gerade seinen Betrieb aufnahm. Und in dem angegliederten Musikinstitut hatte sein Freund, der Scheich Umar al-Batsch, seine Dozentenstelle für die Kunst des arabisch-andalusischen Strophengedichts, die »Muwaschschaha«, angetreten.

Scheich Umar al-Batsch kannte mehr als tausend Muwaschschahas auswendig und hatte einige später sehr berühmte Strophen vertont, an denen der große ägyptische Musiker Sayed Darwisch gescheitert war. Außerdem hatte Umar al-Batsch den Samah-Tanz studiert und ihn aus dem Derwischkloster geholt und im Musiktheater etabliert. Im Haus von Bahdschat Bey wurde Umar al-Batsch zum häufig gesehenen Gast. Dank seines Genies ließ sich der Geist ihres alten Freundeskreises in Aleppo erwecken. Umar al-Batsch nahm dann wie früher vor den Freunden Platz, im Arm seine kostbare Oud, die ihm der syrische Gouverneur Cemal Pascha als Kind geschenkt hatte, stimmte sie und begann zu singen.

Wann immer bei diesen Abendgesellschaften, die an jedem Donnerstag bei Bahdschat Bey stattfanden, ein neuer Gast zu begrüßen war, forderte der Hausherr seinen Freund auf, eine bestimmte Anekdote über den Sänger Muhammad Abd al-Wahab zu erzählen. Dann begann Umar al-Batsch, den roten türkischen Tarbusch auf dem Kopf, aber in einem europäischen Anzug, mit seiner melodischen Stimme, wobei er stets besonderen Wert auf die Betonung des arabischen Buchstaben »Gim« legte:

»Im Jahre 1934 besuchte Muhammad Abd al-Wahab Syrien und gab Konzerte in Aleppo und Damaskus. Als er zu seinem ersten Konzert in unserer Stadt kam, stutzte er, denn der Saal war fast leer. Höchstens zehn, zwanzig Zuhörer hatten sich eingefunden. Unwillig begann er zu singen, denn er war es gewohnt, vor großem Publikum aufzutreten. Trotzdem sang er wunderbar. Nachher versammelten wir uns um ihn und erklärten zu seinem Erstaunen, dass er die Prüfung bestanden habe. Bei seinem nächsten Konzert werde der Saal vor Kunstliebhabern förmlich aus den Nähten platzen.

Diese Prüfung verzieh uns Abd al-Wahab nicht, und als wir ihn daraufhin zum tatsächlichen Konzert einluden, wo er seine Meisterwerke vor echtem Publikum vortragen sollte, bat er Scheich Ali Darwisch und mich in aller Öffentlichkeit, auf der Oud eine Muwaschschaha nur im Maqam Sikah vorzutragen. Alle waren erstaunt über diese Bitte, denn keine Muwaschschaha konnte nur im Maqam Sikah vorgetragen werden, man musste die Maqams Sikah und Chuzam, wie sie bei den Arabern heißt, beziehungsweise Hüzzam, wie die Türken sie nennen, abwechseln. Eine reine Sikah Komposition ist fast unmöglich. Tapfer akzeptierte ich die Aufgabe und prahlte:

›Aber gern! Kommen Sie morgen Abend ins Konzert, dann werden Sie so etwas von uns hören!‹

Nach dem Konzert machte mir Scheich Ali Darwisch heftige Vorwürfe wegen meiner Prahlerei: ›Du weißt doch genau, dass sich zu einer reinen Sikah Tonfolge keine Muwaschschaha schreiben lässt, warum also hast du uns das angetan?‹

›Wäre es nicht beschämend, wenn Abd al-Wahab in Aleppo kein Wunder erlebte?‹

Die ganze Nacht war ich aufgeblieben und hatte sogar zwei Muwaschschahas geschrieben, die ganz ohne den Wechsel zur Chuzam auskamen. Am nächsten Tag bestellte ich zwei Chöre zu mir, die meine Muwaschschahas einübten und schließlich ganz wunderbar sangen. Abd al-Wahab aber war überwältigt, als hätte er erst an jenem Abend das Komponieren erlernt.«

An diesen überschwänglich fröhlichen, nur von politischen Sorgen getrübten Abenden saß in einem kleinen, an den Hauptsaal angrenzenden Zimmer ein fünfjähriges Mädchen mit seiner Mutter und seinen Geschwistern und lauschte dem Gesang. Immer wieder sprang die Kleine von ihrem Platz auf, lief zur Tür, um zuzusehen, oder begann unbemerkt zu tanzen.

Dieselbe Kleine lernte später die Oud zu spielen und tanzte mit ihren Freundinnen bei der Jahresfeier ihrer Schule, der Dawhat-al-Adab, einen Samah auf der Bühne. Sie wurde von allen bewundert, als sie Ibn Zaiduns berühmteste Muwaschschaha »Ich ging nicht fort aus Hass, mein Schatz« anstimmte, die Scheich Umar al-Batsch vertont hatte, und erntete herzlichen Applaus für ihre von kindlicher Unschuld geprägte Stimme.

Aus dieser Kleinen mit dem rosa Band im blonden Haar und den weißen Söckchen wurde Frau Schahira al-Haffar. Heute war ihre Beerdigung.

*

Ich saß im Transitraum und wartete darauf, das Gate zum Flugzeug passieren zu dürfen. In der Zwischenzeit beobachtete ich durch die Glasscheibe das unablässige Kommen und Gehen der Angestellten und Fluggäste. Für einen unbeschwerten Beobachter sind Reisende ein ganz besonderes Vergnügen. Wenn die Menschen vorübergehend befreit sind aus dem Gravitationsfeld der Welten, denen sie sonst angehören, verhalten sie sich spontaner und verstellen sich weniger. Die meisten machen sich hier bereit für den Beginn einer neuen Geschichte, denn Flughäfen sind ein Trittbrett für Geschichten. Für uns Syrer gilt dies vielleicht ganz besonders. Allein die Tatsache, den letzten Schalter einer Passkontrolle passieren zu dürfen, bestätigt, dass wir bei keiner geheimdienstlichen, nationalen oder internationalen Stelle auf der Fahndungsliste stehen, und wir halten erleichtert das Dokument der Wiedergeburt in den Händen. Dieses Gefühl bleibt keinem von uns erspart, nicht einmal denen, die im Leben kein einziges Wort über Politik verloren haben, denn wir alle rechnen ständig damit, dem Geheimdienst in die Fänge zu geraten, und sei es auch nur aufgrund einer Namensverwechslung.

Als der Bodensteward erklärte, das Gate sei geöffnet, ging ich mit vier anderen zum Schalter der ersten Klasse, um mich dort anzustellen. Dabei passte ich meine Schritte dem gelassenen Gang des Mannes vor mir an. Nachdem unsere Reisepässe kontrolliert worden waren, sah ich sein Gesicht, das erschöpft und resigniert wirkte. Er war vielleicht in den Fünfzigern, mit heller Haut und hellem Haar, mittelgroß und recht schlank. In seinen Bluejeans, dem schwarzen Hemd und den schleifenlosen schwarzen Turnschuhen wirkte er auf ungezwungene und natürliche Weise elegant. Als ich schließlich meinen Platz fand, saß er bereits auf dem Sitz neben meinem.

Ich war nicht in der Stimmung, mich für irgendjemandes Gesellschaft zu begeistern, denn ich war noch ganz erfüllt von meinen erfolgreichen und schönen Tagen in Tunesien, wo ich all die Menschen getroffen hatte, mit denen ich gerne Zeit verbrachte. Im Süden des Landes, in der Küstenstadt Gabès, hatten wir uns zu dem Kongress »Arabische Jugend und kulturelle Entwicklung« getroffen und an den Abenden viel zusammen gelacht, was ich nach Monaten des Elends, die sich wie Jahre angefühlt hatten, dringend gebraucht hatte. Es war mein erster Kongress, seit ich Syrien wegen der Unruhen und des Krieges verlassen hatte.

Mein Sitznachbar begrüßte mich höflich, sogar ein wenig freundschaftlich, als würde er mich wiedererkennen und hätte mir etwas zu sagen. Die ruhigen Minuten während der Vorbereitung auf den Start verbrachte jeder von uns noch auf seiner Insel. Dann jedoch war es soweit, ein Augenblick der Anspannung für alle, egal wie oft sie schon geflogen sind, und genau der Moment, der die Menschen einander näherbringt. Er drehte sich zu mir, sah mich zwei- oder dreimal prüfend an und platzte schließlich heraus:

»Meine Mutter ist heute gestorben, ich bin auf dem Weg zu ihrer Beerdigung.«

Am liebsten hätte ich ihn in den Arm genommen, aber man kann ja nicht immer alles tun, was man möchte. Trotzdem hielt ich ihm beinahe während des ganzen Starts die Hand.

Nachdem ich seine Hand wieder losgelassen hatte, stellte er sich vor: »Nasser al-Amiri, Experte für Klima und Aridität.«

Hm … was wusste ich über Wetter und Unwetter? Über Geografie war mir nur bekannt, dass Edward Said gesagt haben soll, die Geografie sei unser erster Feind.

Was mir dennoch half, Zugang zu seiner Welt zu finden, war ein Kongress an der Jordanischen Universität zu Gesundheitswissenschaften, Wirtschaft und Bildung, an dem ich teilgenommen hatte.

Lebensberater empfehlen immer: »Gib dem Zufall so oft wie möglich eine Chance! Besuche Kongresse, die sonst niemand besucht, lies Bücher, die sonst niemand liest, sprich mit Leuten, mit denen sonst niemand spricht, und vertraue auf das, was das Glück dir bringen mag!« Deshalb hatte ich, während die anderen zu den Vorträgen über Wirtschaft und Bildung strömten, den Klimawandel als Schwerpunkt gewählt. Den ersten Vortrag hielt der indische Professor Mana Sifa Kumar, und ich beschloss, alle seine Referate zu hören, von zehn Uhr morgens bis vier Uhr nachmittags. Äußerst interessant fand ich seine Abhandlung über die kleinen Klimasünden, die wir täglich unbewusst und achtlos begehen, die sich in ihrer Summe aber zu Naturkatastrophen auswachsen. Wir aßen zusammen zu Mittag. und er wunderte sich, dass ich einen Schwerpunkt besuchte, der meinem Fachgebiet auf den ersten Blick so fern lag. Am nächsten Nachmittag holte ich ihn vom Hotel ab und begleitete ihn zu einer Tour durch die Altstadt Ammans und zum römischen Amphitheater. Bei Habiba aßen wir Kunafa und auf dem Balkon des Jafra inmitten der alten Lokale tranken wir unseren Kaffee. Sifa Kumar erklärte mir, der Schlüssel zur Lösung der Klimaprobleme liege im Bereich meines und nicht etwa seines Fachgebiets, in der Kultur nämlich, nicht in der allgemeinen Geografie. Deshalb müsse man die Einstellung der Menschen im Umgang mit Ressourcen verändern und sich ihren Problemen zuwenden, und nicht geheime Botschaften an Wolken, Winde und Wellen senden …

Vielleicht war dieser Tag voller Geografie ein Probelauf, den mir das Schicksal gegeben hatte, um auf die Begegnung mit Doktor Nasser al-Amiri und seine persönliche Lebensreise vorbereitet zu sein.

*

Unser Flugzeug landete schließlich auf dem Queen Alia International Airport in Amman. Während des Transitflugs über Istanbul erfuhr ich, dass Nasser an der University of California in Santa Barbara studiert hatte, dass er von seiner amerikanischen Frau geschieden war und drei Kinder hatte, zwei Söhne, die ebenfalls dort studierten, und eine Tochter, die bei ihrer am Vortag verstorbenen Großmutter in Amman lebte, oder gelebt hatte. Die Großmutter sei eine »Schamiya«, Syrerin, gewesen, erzählte Nasser und verwendete die weibliche Form des bei Palästinensern und Jordaniern für einen Syrer gebräuchlichen Wortes »Schami«. Sie sei aus Aleppo, aus der dort bekannten Familie al-Haffar. Er selbst arbeite zurzeit am Zentrum für die Entwicklung von Trockengebieten in Abu Dhabi. Ich sann über diese Einzelheiten nach und dachte dabei an das Mädchen, Nassers Tochter, die bei ihrer Oma gelebt hatte. Was würde aus ihr werden? Ihre Situation machte mich traurig, doch Nasser riss mich aus meinen Gedanken:

»Lebst du auch getrennt?«

Ich war überrascht. Sah man mir das an, oder war etwa ein Wunsch der Vater des Gedankens? Diese Frage war, um auf die Sprache der Geografen zurückzugreifen, maßstabsgetreu. Obwohl sie in ihrem Umfang begrenzt war, verriet sie den tatsächlichen Umfang des Raums, den wir in den Köpfen anderer Menschen einnehmen.

Wie unter reifen Menschen üblich, die sich und den anderen richtig einschätzen und etwas mehr als eine flüchtige Beziehung erhoffen, stellte auch ich mich mit knappen Worten vor.

»Djuman Badran, Doktor der Kulturanthropologie aus Syrien, ich lebe in Amman und arbeite zurzeit bei der niederländischen Organisation ›Solidarität‹. Nein, nicht getrennt, sondern noch nie verheiratet. Es ist jetzt übrigens fünf Jahre her, dass ich denselben Verlust erlitten habe wie Sie. Es hat damals sehr wehgetan, überall, doch glauben Sie mir, Doktor Nasser, dieses große Unglück vor ihnen, wird mit der Zeit nach innen wandern und zu einem kleinen pechschwarzen Punkt in ihrem Herzen werden. Er wird zu einem untrennbaren Bestandteil von Ihnen. Sie werden anders schauen, ja sogar anders gehen, Sie können natürlich versuchen, ihn geheim zu halten, aber es bleibt immer ein Zeichen von dem, was Sie erlebt und erlitten haben.«

An dieser Stelle konnte ich mich gerade noch zügeln und meine Predigt anhalten. Da ich diese Erfahrungen selbst durchlebt hatte, hielt ich es für tröstlich, darüber zu sprechen. Ich hatte Mitleid mit ihm und war trotzdem überrascht, Schmerz so tief zu empfinden und bei der Überwindung so tapfer zu sein. Und spätestens als Nasser mir deutlich machte, dass er mein langes Festhalten seiner Hand nicht für eine oberflächliche Geste hielt, sondern für einen Ausdruck meines Mitgefühls, war ich erleichtert, ihm diese tröstenden Worte gesagt zu haben.

Bevor wir uns nun jeder für sich einen Weg durch die Reisenden bahnten, fragte mich Nasser nach meiner Telefonnummer. Trotz seiner Trauer war er doch so geistesgegenwärtig! Er tippte die Ziffern in sein Handy und rief sofort durch, sodass seine Nummer auf meinem Display erschien, diese Nummer war alles, was ich in Zukunft brauchen würde. Noch wusste ich nicht, wie abhängig ich von dieser Nummer sein würde, wenn ich erst sehen würde, was das Leben noch für mich bereithielt.

*

In den folgenden zehn Tagen stürzte ich mich in meine Arbeit und versuchte, die Teile meines Selbst, die ich durch den Krieg in meinem Land verloren hatte, wiederzugewinnen. Ich vertiefte mich in Informationen und Statistiken und in die Geschichten von vertriebenen, emigrierten und vor den Bomben fliehenden Frauen, zu denen ich vor Monaten noch selbst gehört hatte, während meine Schwestern Djud und Salma immer noch zu Hause waren. Jedes Mal, wenn dieser Gedanke in mir aufblitzte, überfiel mich wieder der Kummer. Ich war nicht hierhergekommen, um jemandem etwas zu geben, sondern, um dem Krieg zu entrinnen. Dort in Aleppo, wo ich eigentlich arbeitete, hatte man inzwischen die Akademiker ins Visier genommen. Mein Bürokollege in der Humanwissenschaftlichen Fakultät, der Historiker Professor Doktor Muhammad, war auf dem Heimweg von der Universität in Bustan al-Qasr von der Kugel eines Scharfschützen getroffen worden. Zwischen all diesen Widersprüchlichkeiten, einerseits dem Gefühl, Glück gehabt zu haben, weil ich einen sicheren Zufluchtsort und eine neue Arbeit gefunden hatte, und andererseits der Frustration und Gewissensqual, weil ich meinen Vater und meine Schwestern in Leid und Gefahr zurückgelassen hatte, erinnerte ich mich an Nassers Gesicht. Sein sanfter Blick erfüllte mich mit Freude und ein Lächeln breitete sich über mein Gesicht aus, ich wehrte mich nicht dagegen in der Hoffnung, dass es die ganze Tragödie, die in mir eingebrannt war, wegfegte und nichts als Glück hinterließ.

*

Wie ich nicht anders erwartet hatte, rief Nasser an, nachdem sein Schmerz über den Verlust abgeklungen war. Er fühlte sich einsam nach dem süßen Trost, als er die Geduld kennenlernen musste, die mit der Trauer einhergeht. Er rief an, weil er inzwischen einer anderen Form der Aufmunterung bedurfte, die mir wohlbekannt war. Er brauchte jetzt jemanden zum Reden. Also trafen wir uns am Abend im Restaurant Blue Fig im Stadtteil Abdoun. Hier in Amman kannte ich bisher wenige Lokale und fühlte mich unbeholfen. In Aleppo hätte ich mein Stammlokal gehabt, das Baron Hotel, wo ich früher regelmäßig saß, wo immer ein Tisch für mich reserviert war, wo alle Angestellten mich und meine Vorlieben kannten, wo, wenn ich mich mit Freunden treffen wollte, meinen Gästen besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde, und wo man mich in Ruhe ließ, wenn ich schreiben wollte.

Weder die Restaurants im Ritz noch die Cafés an den Champs-Elysées oder die Prager Straßencafés waren mit der Terrasse des Baron Hotel vergleichbar. Damals war das Hotel ein kleines Gebäude im Herzen Aleppos, in einer Straße, die seit 1946 nach ihm »Baron-Straße« heißt, und zwar in Anerkennung der patriotischen Rolle, die das Hotel während der französischen Mandatszeit gespielt hatte. Da war die Straße allerdings noch nach Henri Gouraud benannt, jenem französischen General, der bei seinem Einzug in Damaskus nach der Schlacht von Maysalun mit dem Fuß gegen Saladins Grabmal getreten hatte und dabei seine berühmt gewordenen Worte sprach: »Wach auf, Saladin! Wir sind wieder da!« Das Gebäude des Baron Hotel stammte aus dem Jahr 1906. Ursprünglich besaß es einunddreißig Zimmer und zwei Bäder. Später setzten die Brüder Mazloumian noch ein drittes Stockwerk mit siebzehn Räumen auf, die alle über ein eigenes Bad verfügten.

Östlich davon lag das Viertel Azizieh, der Zufluchtsort des vor allem christlichen Großbürgertums, wo sich auf den Gehsteigen die Caféterrassen eleganter Restaurants breitmachten: das Wanis, das Schallal oder das Cordoba. Davor erstreckten sich Beete mit grünen Sträuchern und Blumen, die man im ehemaligen Flussbett des Quwaiq angelegt hatte, das wegen der vielen Insekten, die Krankheiten wie die Leishmaniose verbreiten konnten, zugeschüttet worden war. In diesen Restaurants trafen sich Künstler, Schriftsteller, Geschäftsleute und hohe Beamte. Sie verbrachten ihre Abende bei der Musik namenloser armenischer Bands, die das Talent besaßen, nostalgische Erinnerungen an die Vierziger- und Fünfzigerjahre heraufzubeschwören, als man in Aleppo noch zu bekannten Tango- und Walzermelodien tanzte …

Südlich des Baron Hotel, direkt am Stadttor Bab al-Faradsch, stand der Uhrturm, eines der Wahrzeichen Aleppos. Es heißt, Aleppo ließe sich nur durch das Bab al-Faradsch entdecken, und dies, obwohl es noch sechs weitere Stadttore gab. Gleich bei dem Uhrturm befand sich die Nationalbibliothek, Ziel aller Freunde des Lesens und Forschens, des Theaters und der Künste. Zwischen dem Hotel und dem Platz vor dem Bab al-Faradsch verliefen enge parallele Sträßchen. Diese Gegend heißt »Bustan Kull Ab« oder, im lokalen Dialekt, »Bustan Kleb«. Dort fand man Ersatzteilläden für Autos und landwirtschaftliche Maschinen in direkter Nachbarschaft zu den billigen Hotels – wo sich mehrere Zimmer immer ein Bad teilten. Sie trugen Namen wie Suez Canal, Unity, das Syrien und das Libanon. Außerdem gab es Restaurants, wo man armenischen Kebab und »Königsgratin« zubereitete, sowie Nachtclubs. Vor den berühmtesten wie dem Moulin Rouge und dem Crazy Horse flanierten sowohl Frauen mit Kopftuch oder Gesichtsschleier als auch Stewardessen aller Fluggesellschaften, im Innern jedoch wimmelte es vor ausländischen Prostituierten, darunter manche auch aus Aleppo.

Wenn man auf der Hotelterrasse des Baron saß, hatte man auf der anderen Straßenseite die Zweigstelle der »Arab Writers Union« vor sich, ein Altbau, in dem Lesungen und Literaturabende veranstaltet wurden. Sie erlösten uns oft von der Monotonie des Alltags an der Akademie. In der benachbarten Straße lag das Al-Kindi-Cinema, an dessen Türen aufreizende Plakate von alten Schundfilmen klebten. Wie angewurzelt standen die Jugendlichen davor, kauten ihre Falafelsandwiches und starrten auf die verlockenden Bilder nackter Frauen. Meistens zogen sie bald weiter, an den alten dicht gedrängten Häusern vorbei zu den Kleider- und Schuhgeschäften, die sich in der Quwwatlistraße aneinanderreihten, wo sich Auslagen syrischer oder billiger chinesischer Qualität aneinanderreihten. Dem Kino fehlte es allerdings nie an Besuchern, egal, welcher Film gerade gezeigt wurde. Oft sah man dort Teenager, vielleicht auch Studenten, die keine andere Möglichkeit fanden, sich alleine zu treffen, und nur in den Saal gingen, um sich in die hinteren Reihen zu setzen, zu knutschen oder in aller Eile Sex zu haben. Der Platzanweiser ließ die jungen Leute rasch in der Dunkelheit zurück, während der Film, der schon Zeuge unzähliger solcher Zusammentreffen geworden war, kaum mehr als eine Nebenrolle spielte. Keiner von ihnen verschwendete einen Gedanken, warum das Kino »al-Kindi« oder die Straße »Quwwatli« hießen, vom täglichen Gebrauch abgenutzte Namen großer Philosophen und Übersetzer, die so gut wie jedes syrische Stadtbild prägen.

An den Sommerabenden saßen wir oft auf der großen Terrasse vor dem Baron Hotel. Von der Straße trat man ein paar Stufen hinauf, die aus dem gleichen Stein gehauen waren, den man für die niedrige Brüstung verwendet hatte … über dem Haupteingang stand in dünner, elegant geschwungener blauer Neonschrift der Name des Hotels. Im Winter zogen wir in die Lobby um, einer Mischung aus Lounge und Bar, und debattierten vor dem Marmorkamin, der in seiner Pracht mit dem schwarz-weißen Schachbrettmuster der Fliesen korrespondierte, über Kultur und Politik. Nie war ich zu den Hotelzimmern hinaufgegangen, in denen oft Prominente genächtigt hatten – heute sind die Zimmer nach ihnen benannt. Ich hatte stets das Gefühl, Agatha Christie könne herunterkommen und mir gegenüber Platz nehmen, Gamal Abd al-Nasser könne sich im nächsten Moment auf den breiten Balkon stellen, um den Massen zuzuwinken, oder aber türkische, englische und französische Militärführer könnten am langen Tisch hinter uns ihre Verschwörungen aushecken, die man bis heute in den Archiven der beiden Weltkriege verwahrt. Meine Freunde und ich strickten derweil an unseren eigenen Verschwörungen und persönlichen Mythen, inspiriert von der Energie dieses Ortes, der wie eine tiefe Höhle wirkte und so zahlreiche Gesichter zusammengeführt hatte. Die Wände hatten das Echo ihrer Geheimnisse aufgesogen, ebenso wie den Glanz in den Augen der Paare aus früheren Zeiten, ihr Lachen, ihre unvollendet gebliebenen Liebespläne und ihre aufrichtig vergossenen Tränen, die zu jener lebhaften Vergangenheit Aleppos gehörten.

Im Winter 2000 hatte ich in eben dieser Bar Sami getroffen. Er saß bei einer trinkenden und laut lachenden Gruppe russischer Männer und Frauen. Nie wäre mir in den Sinn gekommen, ausgerechnet hier einen jungen Mann aus meiner Heimatstadt Raqqa zu treffen! Ich kannte Sami vom Sehen, wir hatten dieselbe Schule besucht, ich kam in die siebte, als er in die zehnte ging, und sein Bruder war in meiner Klasse. Ich saß gerade mit Nadjwan, meiner Freundin aus den Universitätsjahren, beim Abendessen, als Sami selbstbewusst auf mich zukam, mir die Hand gab und sich vorstellte. Ich pflegte damals keinen engen Kontakt zu den Leuten aus meiner Stadt, die zum Studium nach Aleppo gekommen waren. Sie gingen zwar sehr schnell offen miteinander um und unterstützten einander, aber sie mischten sich auch in Privatangelegenheiten ein und bespitzelten sich gegenseitig, obwohl jeder dem anderen weismachen wollte, was in Aleppo geschehe, werde auch in Aleppo bleiben. Dabei machten sich die Geheimnisse meist augenblicklich auf in Richtung Osten und hatten die zweistündige Distanz bis Raqqa schon überwunden, ehe die Betroffenen am Wochenende dort eintrafen.

Doch mir gefielen Samis Selbstvertrauen und auch seine Spontaneität. Er kenne mich noch aus der Schule, sagte er. Den ganzen Abend lächelten wir uns immer wieder zu, bis er das Hotel zusammen mit seinen Freunden verließ.

Sami hatte in Moskau Software Engineering studiert und arbeitete seit seiner Rückkehr im Wärmekraftwerk zwischen Aleppo und Raqqa. Bei unserer Begegnung damals war mir gerade ziemlich kalt. Er dagegen trug eine mehr als hüftlange Jacke aus teurem schwarzem Leder, mit breitem Gürtel und einem mit grauem Pelz besetzten Kragen. Am liebsten hätte ich mein kaltes Gesicht tief darin vergraben. Samis Kopf war groß und rechteckig, er hatte weizengelbe Haut und große Augen, die durch die schlaffen Lider müde wirkten. Sein hervorstechendstes Merkmal jedoch war seine große breite Nase. »Eine große Nase ist ein Zeichen von Lebenskraft!«, pflegte meine Tante zu sagen. Sein rundlicher Mund mit den fleischigen Lippen dagegen wirkte zu klein für sein Gesicht.

Am nächsten Tag traf ich Sami am selben Ort wieder, in Gesellschaft derselben Leute, offenbar waren sie Gäste des Hotels. Wir grüßten einander, setzten uns ein wenig zusammen und unterhielten uns über das Studium, unsere Heimatstadt sowie über Freunde und gemeinsame Bekannte dort. Wie bei einer russischen Matroschka-Puppe ergab sich ein Thema aus dem anderen. Von außen nach innen wurden die Themen immer persönlicher. Sami und ich ergänzten uns sehr gut. Wenn man gemeinsame Erfahrungen teilt, entwickelt sich leicht eine gegenseitige Anziehung. So kamen wir uns näher …

Er holte mich abends häufig von der Uni ab, und wir saßen in den Cafés im stillen Shahba-Viertel, wo wir stundenlang redeten. Dann wollte er die Wochenenden in Aleppo bleiben. Wir verbrachten die Abende am Tor der Zitadelle und aßen anschließend im Restaurant des Hotels Dar Zamaria im Stadtteil Jdaydeh, wo man gekochte Fleischbällchen mit Kirschen servierte, und wo Oud-Spieler, die ihre Kunst mit der Muttermilch aufgesogen hatten, traditionelle Lieder aus Alt-Aleppo vortrugen.

Sami brachte Freude in mein Leben, das bis dahin ganz auf die Forschung für meine Magisterarbeit ausgerichtet war. Ihm war es gelungen, eine kleine Tür zu öffnen, durch die glühende Gefühle drangen. Aber nur für kurze Zeit, wie ein Feuerwerk. Er war zwar freundlich und charmant, aber nicht sehr intelligent. So wollte er mich bei seinem ersten Besuch in meinem Büro an der Uni mit einem Gedicht von Puschkin beeindrucken. Er nahm meine Hand in seine, sah mir tief in die Augen und deklamierte mit ruhiger, angenehm heiserer Stimme:

Du Liebe, meine Süße,

Horche auf mein Flehen:

Zu mir soll um sich drehen

Der Bilderreigen, diese Güte,

Am Morgen, davon himmelstrunken,

Als Zauber wieder auferstehen,

Lasse er hinfort mich gehen,

Im Schlaf, auf immer tief versunken!

Später musste ich feststellen, dass es sich dabei um das Gedicht handelte, das alle arabischen Studenten im ersten Jahr Russischunterricht einübten, bevor sie sich ihren Fachgebieten zuwandten. Als ich meiner Freundin Nadjwan davon erzählte, fragte sie ungerührt: »Natürlich, was dachtest du denn, wer er ist? Majakowski etwa?« Ich schämte mich für meine naive Begeisterung.

*

Mit der Verlobung wollte Sami noch warten, bis ich meine Magisterprüfung hinter mir hätte. Während der zwei Jahre, in denen wir zusammen waren, hatte er in der Nähe der Universität ein Studio gemietet, wo wir uns treffen konnten. Doch die anfänglich begeisterten und leidenschaftlichen Stunden, die ich in seinen Armen verbrachte, verloren schnell an Glanz. Schnell hatte ich ihn durchschaut, kannte ihn in- und auswendig, seine Witze, Reaktionen und Schwindeleien. Und er hatte nicht ein einziges Hobby! Zum ersten Mal erlebte ich, dass es Menschen ohne Hobbys gab. Er las kein einziges Buch außer fürs Studium, das er nur durch Zufall beendete. Stattdessen ließ er sich von mir erzählen, was in den Zeitungen, Büchern und Magazinen stand, die ich ständig in den Händen hielt. Er hörte sich die wichtigsten Informationen an und nickte. Aber meinem Studium und meiner Arbeit maß er keine große Bedeutung bei, seiner Meinung nach beschäftigte ich mich damit nur, weil ich noch nicht verheiratet war. Seine Interessen beschränkten sich darauf, mit mir zusammen zu sein und ein kleines Haus und ein Auto zu haben. Ich verstand diese Art zu lieben nicht, aber letztlich entdeckte ich durch ihn eine aufrichtige, verlässliche Form der Beziehung – weit entfernt von falschen Vorspiegelungen.

Liebe bedeute nicht, hohe Ziele zu verfolgen oder Begehren zu wecken, genauso wenig, den anderen ständig von sich überzeugen zu wollen. Es genüge, zusammen zu sein und ihn beschützen zu wollen und dem anderen ein sicherer Fels und eine sanfte Zuflucht zu sein. Mit diesen Ideen konfrontierte mich Jahre später Marlene Brandt, eine der weltweit wichtigsten feministischen Autorinnen, die sich in Guatemala und Nairobi bei Freiwilligeneinsätzen für die Verbesserung der Lage weiblicher Kriegsopfer eingesetzt hatte. Sie war Professorin und mit einem Mann verheiratet, der kaum lesen und schreiben konnte und Motorboote für den Fischfang baute. Vierzig Jahre lang hatte sie mit ihm in einem kleinen Strandhaus in der Karibik gelebt. Sie hätte ihn einfach geliebt, ohne irgendeine Philosophie oder Erklärung dafür zu haben, sagte sie mir, die kulturellen Unterschiede zwischen ihnen hätten sie nie interessiert. Sie meinte auch, es sei ganz normal, dass sich liebende Menschen nicht ähnlich seien, sie müssten sich nicht für dieselben Dinge begeistern. Wenn man jemanden liebe, dann liebe man ihn unter allen Umständen.

Ich zog mich damals aus Samis Leben zurück. Einfach war es nicht, denn ich hatte ihm keine Entschuldigung anzubieten. Meine einzige Rechtfertigung war, dass ich nicht glücklich war. Ich hatte das Gefühl, dass er mich erstickte, ich konnte den Käfig, in dem ich gefangen wäre, wenn ich weiter mit ihm zusammenlebte, schon spüren, bevor ich darin steckte. Es war schwer, ihm das klar zu machen. Nach langen schlaflosen und tränenreichen Nächten voller Gewissensqualen angesichts eines Menschen, der sich mir gegenüber bis zum letzten Augenblick stets nobel gezeigt hatte, beschloss ich, ihn zu verlassen. Natürlich wollte er es nicht wahrhaben, gab nicht so einfach auf. Diese Phase dauerte fünf oder sechs Monate und war geprägt von Auseinandersetzungen, flehentlichen Bitten und Druck. Doch dann siegte bei mir der Wunsch, frei zu sein. Als ich Sami verließ, war er alkoholkrank und ich mit einem dauerhaften Schuldgefühl beladen.

Tariq war Samis bester Freund, sie hatten eine glückliche gemeinsame Kindheit. Sie hatten nebeneinander gewohnt, waren zur selben Schule gegangen, hatten in derselben Bank gesessen und die Nachmittage damit verbracht, Fallen für Vögel aufzustellen oder den Pick-ups nachzurennen, sich an ihnen festzuklammern und ein Stück mitzufahren, bis sie vom Fahrer entdeckt wurden. Tariq war ein schlauer Bursche, selbstbewusst und humorvoll. Ihm fielen immer die richtigen Worte ein, die er bestmöglich vorbrachte. Er stammte aus dem Umland, sein Vater war Sportlehrer an unserer Schule, ein ehrfurchtgebietender und schwieriger Mann. Insgeheim zeigte sich Tariq solidarisch mit den Klagen anderer Schüler über seinen strengen Vater. Eines Tages im Winter warf Tariq ein Stückchen Kautschuk in den Ofen, der das Klassenzimmer heizte, und ein so fürchterlicher Gestank breitete sich aus, dass es auch nichts half, Tür und Fenster zu öffnen. Die Schüler begannen zu husten, und ein paar Mädchen taten so, als bekämen sie keine Luft mehr und würden in Ohnmacht fallen. Damit erreichte Tariq, dass nicht nur diese Stunde, sondern der gesamte Unterricht an jenem Tag ausfiel. Bei der Untersuchung des Vorfalls beschuldigten einige Schüler dann auch ihn, andere jedoch seinen Sitznachbarn Sami. Sami blieb vollkommen still, Tariq jedoch kämpfte verzweifelt und mit heißen Tränen um seine Zukunft, die er sich durch ein einziges nicht bestandenes Fach verbauen könnte. Weil er ein ausgezeichneter Schüler war, hielten alle seine Tränen für aufrichtig, und Sami wurde für drei Tage der Schule verwiesen. Danach kam er mit seinem Vater wieder, der Arzt war. Der musste unterschreiben, dass Sami keinen weiteren Unsinn machte. Ein Andermal schnitt Tariq Papier aus seinem Heft, bastelte daraus einen langen Schwanz und klebte ihn dem Vertretungslehrer für Arabisch an die Hose, als dieser, tief gerührt von Ibn Zaiduns Gedicht, das er gerade vortrug, an Tariq vorbeikam.

Sehnend dachte ich in al-Zahra an dich,

als der Horizont klar dalag und das Antlitz der Erde im Schimmer.

Die Schüler brachen in ein solches Gelächter aus, dass der Lehrer ganz irritiert war, bis er schließlich den Schwanz an seinem Hinterteil entdeckte. Halb aus Scham, halb aus Wut lief er rot an, warf das Buch beiseite und stürzte Hals über Kopf aus dem Klassenraum. Natürlich richteten sich die Verdächtigungen wieder gegen die Bank, in der Tariq und Sami saßen. Nie hätte Sami seinen Freund verpetzt. Tariq dagegen befreite sich von jedem Verdacht, indem er wohlüberlegt in Richtung anderer Schüler blickte, die er scheinbar verdächtigte. Man schloss Sami für eine Woche vom Unterricht aus und bestellte wieder einmal seinen Vater ein.

Nach dem Schulabschluss konnte Tariq sich mit seinem guten Durchschnitt an der Universität Damaskus für Software Engineering einschreiben. Sami dagegen hatte keine guten Noten, doch mit dem Geld seines Vaters bekam er einen Studienplatz für sein Fach an der Moskauer Universität. Bis die ersten Privatuniversitäten in Syrien öffneten, gingen besonders aus Raqqa viele zum Studium nach Moskau.

Später, als sie im Wärmekraftwerk arbeiteten, hatten beide gleichermaßen die Chance, zum Verantwortlichen für den Bereich Pumpen aufzusteigen. Da verriet Tariq der Militärpolizei, dass Sami seinen Wehrdienst noch nicht geleistet hatte. Die üblichen Vermittlungen oder Bestechungen zum Aufschub des Militärdienstes griffen zu jener Zeit nicht mehr, weil überall in Syrien Unruhen aufflammten, von Deraa aus hatten sie auf Homs und Deir al-Zor übergegriffen. Man rekrutierte alle, die ihren Dienst noch nicht geleistet hatten, und ließ selbst diejenigen Soldaten nicht gehen, deren Entlassung eigentlich anstand.

Sami wurde in einem Kraftwerk im Umland von Homs gemustert und kam in einer bewaffneten Konfrontation zwischen Regimetruppen und der Freien Syrischen Armee ums Leben. Tariq dagegen war während seiner Studienjahre ein hochrangiges Mitglied der Parteisektion seiner Fakultät gewesen und hatte sie meist bei offiziellen Anlässen vertreten. Nach seinem Abschluss richtete er seine Ambitionen auf die Kommunalabteilung in Raqqa. Er hatte den Ehrgeiz, in die Führung aufzusteigen und Sekretär der Geschäftsstelle des Gouvernements zu werden. Dies sei doch das Glück, nach dem auf dem Lande jeder strebe, pflegte er zu sagen.

Später reiste er viel, um an Fortbildungen über Entwicklung, Medien oder Menschenrechte teilzunehmen, und scheinbar war er zu Geld gekommen. Als dann jedoch die Revolution gegen das Regime ausgerufen wurde und das Fieber der Demonstrationen und Sezessionen um sich griff, trat Tariq in Istanbul als offizieller Sprecher der revolutionären Koalition vor die Kamera des Satellitensenders »Al Jazeera«. Er kritisierte die Diktatur des Regimes, erklärte den Zusammenbruch der Partei und verkündete den Sieg der Revolution.

Bagdad-Bahnhof al-Notoraki

Ich machte mich absichtlich nicht besonders zurecht, sondern begnügte mich mit einer beigen Baumwollhose, einer weißen Leinenbluse und einer kurzen Kette aus pastellfarbenen Majorica-Perlen, als träfe ich eine gute Freundin zum Abendessen.

Stattdessen traf ich mich mit Nasser, er wirkte diesmal respekteinflößend, wie ein wirklicher Doktor, nicht mehr wie der verstörte, trauernde Reisebegleiter. Er trug eine graue Hose und ein dunkelblaues Jackett zu einem weißen Hemd und hatte sein Haar mit Frisiercreme nach hinten gekämmt. Dadurch kam seine breite Stirn zur Geltung und ich musste unwillkürlich an meinen Großvater mütterlicherseits denken.

Äußerlich waren Nasser und ich vollkommen aufeinander abgestimmt: einfach, elegant und authentisch gekleidet entsprachen wir der zeitgenössischen bürgerlichen Ästhetik. Wir machten es uns auf den Ledersofas des Blue Fig bequem und genossen den Blick auf die Villen vor den Fenstern. Nicht weit im Norden flatterte die syrische Fahne an der Botschaft selbstbewusst im Wind und versuchte den Eindruck zu erwecken, die Geschehnisse dort im Land seien nichts weiter als ein böser Traum.

Warum mich Nasser an meinen Großvater erinnerte, weiß ich nicht, vielleicht wegen der Brylcreem in seinen Haaren. Denn mir war die rote Dose wieder eingefallen, die selbst Jahre nach dem Tod meines Opas noch an ihrem Platz, auf dem Toilettentisch des italienischen Schlafzimmers mit dem kostbaren venezianischen Gobelin an der Wand stand. Die Fenster dieses Zimmers gingen auf zwei Straßen des Viertels Bagdad-Bahnhof al-Notoraki hinaus – was dieses angehängte al-Notoraki im Namen bedeuten soll, ist mir allerdings bis heute schleierhaft geblieben. Die Fenster erzählen Geschichten von Liebe, Kunst, Reise und Erfolg, die durch die Geräusche der einlaufenden Züge aus Istanbul, Latakia, Qamischli, Budapest angeregt werden, Züge, die immer wieder losrattern – in Richtung Leben.

In den 1950er Jahren war das Viertel um den Bagdad-Bahnhof eine der schönsten Gegenden Aleppos. Es bestand aus drei breiten Parallelstraßen, die durch eine Querstraße vom öffentlichen Park getrennt wurden. In der Mitte dieses 17 Hektar großen Parks befand sich ein Standbild Abu Firas al-Hamdanis, dem berühmten Poeten aus dem 10. Jahrhundert. Es gab mehrere Springbrunnen und grüne Holzbänke im Schatten der Weiden, Zypressen und Ulmen, dazu Damaszener Rosen und wilde Rosen in Rot, Gelb und Violett. Weiß und blau wuchs der Jasmin über die Mauer, und an den geschmiedeten Kletterhilfen für das wuchernde Grün rankten duftende Pflanzen empor. Ein Bereich war für den Kinderspielplatz reserviert, in einem anderen dagegen war jeglicher Lärm streng verboten. Dort standen Gehege für die Pfauen, die hin und wieder für die Beobachter ihr Rad schlugen, es aber oft auch aus Koketterie unterließen. Schwäne glitten über ihren Teich, ohne das Blau, auf dem sie morgens wie abends ruhten, auch nur wahrzunehmen. Die Statuen, die sich rings um sie erhoben und einem mit der Zeit wie alte Bekannte vorkamen, waren von visionären syrischen Bildhauern wie Jacques Warda und Wahid Istanbuli geschaffen worden.

Hohe Weiden säumten die Straßen des Viertels um den Bahnhof, wo keines der Häuser mehr als 20 Meter hoch war. Ihre Zweige reckten sich durch die geöffneten Fenster, spähten die Bewohner aus, bespitzelten sie in ihren Schlafzimmern und umkränzten die Kaffeetassen morgens und abends. Hier wohnten christliche, muslimische und armenische Familien des Großbürgertums von Aleppo: die Dallas, Saqqals, Kayyalis, Martinis, Sabbaghs, Mudarres’, Aqqads, Traboulsis, Attars, Antakis, Mukarbanas, Hallaqs, Hamawis, Marjanas, Quanaas’, Sakissians, Izmirians, Sawahims. Ein wenig weiter östlich lagen die einfacheren und dichter besiedelten Viertel, Sheikh Taha, Siryian, Ashrafieh und Sheikh Maqsoud, wo Kleinbürger und Proletarier lebten. Dort in Sheikh Maqsoud wohnten die aus Dörfern wie Afrin und Azaz eingewanderten Kurden sowie Armenier und Turkmenen und Araber aus dem ländlichen Osten.

Die Wohnung meines Großvaters lag im ersten Stock mit Fenstern zur Straße, aber ohne Balkon. In den damaligen Altbauten war das erst ab dem zweiten Stock vorgesehen. Im Sommer schliefen wir bei geöffnetem Fenster und ließen uns von den nach Schönheit, Freude und Leben duftenden Abendwinden Aleppos streicheln. Die Schritte der wenigen Passanten lullten mich ein, und ihre Gespräche drangen murmelnd in meinen Halbschlaf herauf, sodass ihre Geschichten sich manchmal in meinen langen Träumen fortsetzten. Soweit ich mich erinnere, lernte ich das erste Sprichwort in meinem Leben von einer alten Frau, die unten am Fenster vorbeiging. »Kinder erwidern die Selbstlosigkeit einer Mutter mit Herzlosigkeit«, sagte sie unter Tränen, und ihre Geschichte drang in meinen Traum ein.

Unsere Fenster zeigten Richtung Westen, zum Haus des Eisenbahndirektors neben dem Bahnhof. Dieser große einstöckige Bau stand in einem schönen Garten mit einem kleinen Teich, Aprikosen-, Pfirsich- und Mandelbäumen und vielen roten und gelben Damaszenerrosen. Hinter der grauen Steinmauer erhob sich eine zweite Wand aus Pinien, und rechts vom Haupteingang befand sich ein hölzernes Häuschen für den wachhabenden Soldaten, der sein Maschinengewehr nie von der Schulter nahm.

Basil, der Sohn des Eisenbahndirektors, studierte Bauingenieurwesen und war in meine Tante Dalia verliebt, die an der Philosophischen Fakultät für Englische Literatur eingeschrieben war. Jeden Morgen folgte er ihr in dem Dienstmercedes, den sein Vater ihm eigens für seine Spazierfahrten zur Verfügung stellte, bis zur Haltestelle vor dem Öffentlichen Park, wo sie in den Bus zur Universität stieg. Als ihr dann der Winterregen von Tag zu Tag unerträglicher wurde, nahm sie schließlich das Angebot an. Basil wartete an der Bushaltestelle auf sie, fuhr sie zu ihrer Fakultät und holte sie später wieder ab.

Eines Abends kam Dalias Bruder aufgeregt nach Hause, denn man hatte in Aleppo fast alle Straßen gesperrt und Tante Dalia war noch nicht wieder zu Hause. Auf der Suche nach ihr war mein Onkel zur Universität gelaufen und kam nun verzweifelt ohne sie zurück. Wenige Tage zuvor hatten Muslimbrüder die Philosophische Fakultät gestürmt und waren mit Unterstützung ihrer studentischen Kräfte in die Hörsäle eingedrungen. Nur unter Schwierigkeiten hatte er nach Hause zurückkommen können, weil die Straßen voller Menschen waren, die um den Innenminister Adnan Dabbagh trauerten, der unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen war.

Der feierliche Trauerzug marschierte auch am Öffentlichen Park vorbei, und alle im Haus rannten zum Wohnzimmerfenster, um zu sehen, wie die Massen in einiger Entfernung auf der Hauptstraße zusammenliefen, um das Spektakel um den Sarg zu erleben, der auf Schultern getragen wurde. Dieser Innenminister hatte heimlich die Sängerin Mayada al-Hannawi geheiratet. Sie erbte nun ein gewaltiges Vermögen von ihm, was zu endlosen Schwierigkeiten mit seiner Familie führte; es gab Gerüchte über einen Mordversuch mittels eines Amokschützen.

Mayada al-Hannawi war nicht nur die Sängerin ihrer Generation, sondern eine echte »Diva«, wie man inspirierende Frauen nennt. Der geistreiche, aus Salamiyeh stammende Dichter Ahmad al-Dschundi scherzte: »Ich küsse den Fernseher, wann immer Mayada al-Hannawi zu sehen ist.« Und der Nachbarssohn Ayham, ein Junge in der ersten Primarschulklasse, versetzte seinen Vater mit einem Riesenaufstand in Wut, damit dieser ihn zur Strafe zu Fuß zur Schule schickte, statt ihn mit dem Auto zu fahren. Denn auf dem Schulweg lag Nadas Friseurgeschäft, wo ein großes Poster Mayada al-Hannawis an der Türscheibe klebte, und Ayham versank in ihrem in die Ferne schweifenden, melancholischen Blick und in ihrem Gesicht, das vor lauter Liebreiz einen Stein hätte erweichen können. Der Junge blieb dort vielleicht eine halbe Stunde lang stehen und betrachtete den edlen Marmorhals der Sängerin, bis Nada, der Babier, herauskam und ihn verscheuchte.

Auch meine Tante Dalia liebte Mayada al-Hannawi, ihr Aussehen, ihre Lieder, ihre tiefe Melancholie und ihre leuchtende Haut, durch die eine engelsgleiche Seele schimmerte. Sie war überzeugt, ihr zu ähneln, und wir alle stimmten zu. Schließlich hatte sie denselben Haarschnitt, wechselte genau wie Mayada leicht die Farbe und ahmte ihr Make-up und ihren Nagellack nach. Und wenn Mayada eine neue Kassette herausbrachte, musste sie sie sofort haben.

Am Abend rief Dalia endlich an und sagte, sie habe über Schleichwege von der Universität das Haus ihrer Freundin im Viertel Sulaimaniyeh erreicht, und wenn man sich wieder sicher fortbewegen könne, würden deren Eltern sie nach Hause bringen. In Wirklichkeit telefonierte meine Tante jedoch aus dem Haus gegenüber, nämlich aus dem des Eisenbahndirektors. Sie war an jenem Tag gar nicht in der Universität gewesen, sondern hatte die Zeit mit Basil in seinem Zimmer verbracht.

*

Die Hauptzufahrt zum Bahnhof führte seit Ende der 80er Jahre weiter zur Tischrin-Brücke. Nach Mitternacht kam das Leben in der westlichen Straße zur Ruhe. Bis um zwei Uhr der Nachtzug aus Damaskus eintraf, versank die Umgebung in willkommener Stille. Danach war es wieder still bis zum Sechs-Uhr-Zug aus Latakia. Zwischen Mitternacht und der Ankunft des Zuges aus Damaskus brachte Basil dem Wachposten an der Tür eine Flasche Djuwayyids Andarin-Arak und ein Kilo Grillkebab. Dalia hatte sich dann schon vergewissert, dass alle in tiefem Schlaf lagen, schloss leise die Tür und schlich die wenigen Schritte über die Treppe bis auf die rechte Hausseite, überquerte dann die Straße zum Nachbarhaus und trat geradewegs in Basils Zimmer, das zum Garten hin eine Seitentür hatte, sodass man nicht durch den Haupteingang musste. Basil liebte Dalia von ganzem Herzen. Wenn er sie traf, küsste er ihr jedes Mal vor Leidenschaft seufzend die Hände. Dalia war wunderschön, blond, mit honigfarbenen Augen und schlankem weißen Körper. Sie trug stets hochgeschnittene Straight-Fit-Jeans von Lee und eine blau-weiß-rote Karobluse, die an der Brust eng anlag und die sie vorne oder seitlich über der Hüfte verknotete, um die Rundung ihrer Brüste und ihre schlanke Taille zu betonen. Sie sah aus, als sei sie der Serie »Die Leute von der Shiloh Ranch« entsprungen. Ihre Nägel waren lang und gepflegt und hübsch anzusehen mit dem glänzendroten Lack, der schillerte, wenn sie an ihrem kleinen Schreibtisch in den Nachschlagewerken und Wörterbüchern blätterte oder ihre heißgeliebten Pastetchen aß. Die brachte ihr Basil jeden Abend von »Sumer« oder »Sirup«. Flink lief ich dann die zwanzig Stufen hinunter, um die Tüte von ihm in Empfang zu nehmen, und Dalia gab mir welche ab. Freitags bewahrte sie ihre Pastetchen immer bis Mitternacht auf, damit wir sie essen konnten, während wir die Serie »Das Schiff der Liebe« schauten.

In einer jener Sommernächte lud Basil Dalia in die Zitadelle ein, wo das russische Bolschoi-Theater das Ballett »Der Nussknacker« gab. Basil war über seinen Vater an Freikarten gekommen, die man den meisten großen Staatsfunktionären zugeteilt hatte. Dalia überredete meine Großmutter, sie gehen zu lassen, ihre Kommilitoninnen seien schließlich auch da. Nur unter der Bedingung, dass Dalia mich als Begleiterin mitnahm, war meine Großmutter einverstanden, und so hatte Dalia keine Wahl.

Wir stiegen also hinauf zum Amphitheater in der Zitadelle. Es war einer der milden Juliabende Aleppos mit ruhiger Brise, einem leuchtenden Sternenhimmel und einem Mond so klar wie alles in dieser Stadt: die Steine, die Wege, das Handwerk, der Handel die Meinungen. Viele Geheimnisse gab es hier nicht.

Bei den federnden Tritten der Tänzer, der genialen Musik Tschaikowskys und dem leichten Wind döste ich ein und überließ Dalia in ihrem ärmellosen roten Seidenkleid Basils Liebkosungen. Er konnte nicht von ihr lassen, küsste sie von Zeit zu Zeit in den Nacken und vergrub die Nase in ihren blonden Locken, die den Apfelduft ihres Hamol-Shampoos verströmten. Plötzlich jedoch riss mich ein lautstarker Tumult aus dem Schlaf. Basil und Dalia sprangen auf, sie zog mich an der Hand mit sich fort. In unserer Reihe, die für die Gäste des Eisenbahndirektors reserviert war, hatte auch eine Frau um die Dreißig mit einem etwa sechsjährigen Mädchen gesessen. Die Frau war beeindruckend, groß und üppig, mit blauen Augen und blondem Haar. Durch den Schlitz ihres schwarzen Seidenrocks blitzten ihre hellrosa Oberschenkel, und an den Fingern glitzerten echte Diamantringe. Ihre Tochter sah ihr ähnlich, sie war sehr niedlich und fein herausgeputzt. Und an jenem Abend fand Basil heraus, dass diese Frau mit seinem Vater verheiratet und das kleine Mädchen seine Schwester war! Während der Vorstellung, hatte er mit der Kleinen geschäkert und sie nach ihrem Namen gefragt. Sie hatten beide denselben Familiennamen, denselben Vatersnamen, und der Beruf des Vaters war auch derselbe. Schon vor längerer Zeit hatte der Eisenbahndirektor Ghada, seine Angestellte im Hauptbüro der Direktion, zur Frau genommen, doch sie hatten ihre Ehe geheim gehalten, insbesondere weil sie Sunnitin war und er Alawit.

Nach diesem Ballettabend änderte sich einiges im Hause des Eisenbahndirektors. Denn Basil ließ sich sein Stillschweigen von seinem Vater in barer Münze bezahlen, damit die Heirat vor dem Rest der Familie geheim blieb.

Auch im Hause meines Großvaters wurde vieles anders, denn meine Tante Radscha kehrte aus Saudi-Arabien zurück. Sie hatte sich mit einem der Söhne ihrer Tante Sumayya verheiratet, die wir »Mutter der Brüder« nannten. Radscha trug Hidschab und war heimgekommen, um zu Hause – auf ihre Art – den Islam zu predigen. So wurde am Ende des Sommers der Hidschab zum Thema für die Frauen im Haus, meine Großmutter legte ihn ebenso an wie Tante Dalia, die vor Reue über die Tage, die sie unverschleiert in Basils Armen verbracht hatte, heiße Tränen vergoss. Auch Basil verschleierte sich auf seine Weise, oder besser auf Dalias Weise, denn sie fing an, ihm Predigten zu halten. Das setzte ihm psychisch so sehr zu, dass er sich ins Gebet stürzte und die nahegelegene Tauhid-Moschee nicht mehr verließ.

*

Jeden Abend ging die Sonne Aleppos glühendrot hinter dem Haus des Eisenbahndirektors im Viertel des Bagdadbahnhofs unter. Die Taxifahrer kannten die Ankunftszeiten der Züge und drängten auf die Bahnsteige, waren jedoch samt Fahrgästen schon wieder verschwunden, bevor die grauroten Wagen der »Syrischen Eisenbahn« erneut anfuhren.

Zu Beginn des neuen Jahres zogen Basil und seine Familie aus. Mit Koffern bepackt verließen sie das Haus, traten durch den Bahnhofseingang nebenan, bestiegen den Zug nach Latakia und kehrten nie mehr zurück.

Dalia hatte nicht ein Abschiedswort für Basil übrig. Eine Nacht vor seiner Abfahrt hatte sie sämtliche Fenster zur westlichen Straße hin geschlossen, sodass es im Schlafzimmerflügel stockfinster war.

Sie behauptete, Basil sei verrückt gewesen. Wie bei allen Funktionärskindern habe das Leben für ihn nur aus Autos, Chauffeuren und Pistolen bestanden. Einmal habe er sie vom Bus abgeholt und gefragt: »Komisch, warum sind denn alle Passagiere grün gekleidet?« Dabei klebte nur eine transparente grüne Folie auf den Scheiben der öffentlichen Busse. Ein andermal habe er vor ihr geprahlt, er hätte große Lust, mit seinem Auto in die Menschen zu rasen, die vor der Konsumgenossenschaft Schlange standen und auf Olivenöl, Butterfett und Kleenex-Tücher warteten, nur um zu sehen, wie sie durch die Luft flögen und die Röcke der Frauen aussähen wie umgedrehte Schirme und den Männern die Schuhe auf den Kopf fielen. Dann wieder habe er behauptet, sie und ihre Familie seien arm, denn sie hätten nur einen armen Chauffeur, ein armes Hausmädchen und einen armen Wachmann. Außerdem hätten sie nur einen einzigen Mercedes und sonst nur Peugeots. Wer dagegen beim Gouvernement arbeite, sei reich. Deshalb seien er und seine Familie reich, schließlich hätten sie nur Mercedes.

Und an jenem Abend, an dem Basil in der Zitadelle von der Zweitehe seines Vaters erfuhr, habe er sie mit sich fortgezogen, berichtete Dalia weiter. Sie seien in eine abgestellte Lokomotive gestiegen, und er habe beschlossen, sie zu entführen. Mit einer offensichtlich ungeladenen Pistole habe er den Lokführer dazu gezwungen, ihn mit der Lokomotive in das fünfzehn Kilometer entfernt gelegene Dschibrin zu fahren. Während Dalia Basil unter Tränen gebeten habe aufzuhören, habe der Lokführer nachgegeben.

Wenn Basil beten wollte, ging er in die Moschee, wobei fraglich war, ob er vorher die Waschung korrekt vollzogen hatte, und stellte sich in die zweite Reihe. Einmal stand vor ihm ein Mann in weißer Dischdascha, und weil Basil in den Rumpfbeugen und Sich-Niederwerfen noch ungeübt war, blieb er mit dem Kopf unter dessen Gewand hängen und stieß gegen sein Hinterteil. Der Mann schrie vor Schreck auf, aber Basil bekam seinen Kopf nicht wieder frei. Er habe ja versucht, sich zu befreien, sagte er später, aber es sei plötzlich so dunkel gewesen, und er habe keine Luft mehr bekommen. Die Betenden gerieten in Aufruhr, und als Basil aus der Moschee floh, rannten sie ihm hinterher und verprügelten ihn.

*

Nasser war liebenswürdig und wir waren schnell sehr vertraut, doch um nicht kindisch zu erscheinen, vermieden wir Sätze wie: »Es ist, als würde ich dich schon lange kennen.« Dabei hätte dieser Satz unsere momentane Situation am besten beschrieben. Nasser gab seine Erschöpfung offen zu, aber trotz seiner Trauer habe er in den letzten Tagen immer wieder an meine Worte, mein Lächeln und die Berührung meiner Hand denken müssen und sich daraus eine »Wolke« geschaffen, die ihn »gegen die harte Zeit abgeschirmt« habe. Diese schöne Beschreibung berührte mich.

Als wir auf Aleppo zu sprechen kamen und er zu erzählen begann, suchte ich nach einem anderen Ausdruck für das Klischee: »Die Welt ist klein«. Das Haus seines Großvaters war jene elegante Villa aus rosafarbenem Stein auf der Nordseite des Stadtparks im Viertel Azizieh, die zwischen der Wohnung meines Großvaters und dem Bagdad-Bahnhof lag. Und sein Großvater war der Rechtsanwalt Bahdjat al-Haffar.

»Was? Was, die Villa vor der Cocktail-Bar Kan ya ma kan? Ich spürte einen leichten und freudigen Schwindel, und wir schwiegen eine Weile.

›Wenn du wüsstest, Nasser. Wenn du wüsstest, Nasser. Ich könnte dir aufzählen, wie viele Zaunpfähle den kleinen Garten umgaben, welche Farbe die Stühle auf dem Balkon hatten, welche Pflanzen in den Blumentöpfen auf den breiten Brüstungen wuchsen … Auch von dem Chinarindenbaum vor dem kleinen Tor zur Nebenstraße, wo ich nicht hindurfte, wenn ich mit meinen Cousins und Cousinen draußen gespielt habe, könnte ich dir erzählen.

Vielleicht war deine Mutter Shahira also die Frau, die damals immer im Morgenmantel, mit Lockenwicklern in den Haaren und leuchtendrotem Lippenstift auf den Balkon trat, um uns zu sagen, wir sollten verschwinden oder wenigstens ein bisschen leiser sein. Und ich war das Mädchen, das auf der Gartenmauer eurer Villa saß, den Rücken gegen das Eisengitter gelehnt und die Füße auf eine große Wucherung am Stamm des Chinarindenbaums gestützt.‹

Ich nannte Nasser Beweise dafür, dass wir vom selben Ort sprachen, und wir lachten beide ungläubig über diesen Zufall, der unsere Leben verband.

»Kennst du das Haus der Kayyalis? Sie waren eure Nachbarn«, fragte ich.

»Meinst du Frau Ra’ifa? Natürlich!«

»Ra’ifa war die Schwester meiner Oma, wir nannten sie Nana Umm Baschar. Und die Wohnung meines Opas war in dem großen Haus, das Joseph Nassur gehörte, am Anfang der Straße, genau gegenüber vom Park.«

»Nein, nein, nein, das kann ja nicht wahr sein! Unter euch war Abdus Fahrradgeschäft …«

»Abdu kennst du also auch! Unglaublich!«

»Bei ihm haben wir immer unsere Reifen aufpumpen lassen, bevor wir durch den Park fuhren. Was ist aus ihr geworden?«

»Aus wem?«

»Frau Ra’ifa.«

»Sie ist tot. Sie bekam einen Schlaganfall und ist gestorben.«

»Es gibt keine Macht, noch Stärke außer bei Gott. Möge Gott ihrer Seele gnädig sein. Und ihr Sohn Baschar, wohnten er und seine Frau nicht auch bei ihr?«

»Genau. Sie sind dann nach Neu-Aleppo gezogen. Die Wohnung war noch nach dem alten Gesetz gemietet.«

»Und eure Wohnung, die Wohnung deines Großvaters meine ich?«

»Sie gehörte ihm, und meine Großmutter wohnt noch immer dort. Unter den gegebenen Umständen ist es ein sicheres Viertel, deshalb ist meine Tante mit ihrer Familie zu ihr gezogen. Deren Wohnung liegt in Mokambo, das ist eine heiße Gegend.«

Frau Ra’ifa, wie Nasser sie nannte, oder Nana Umm Baschar, wie sie bei uns hieß, war eine alte Nachbarin des Hauses al-Haffar. Sie war frisch verheiratet dort eingezogen, zu einem Zeitpunkt, als Madiha Hanim, Nassers Großmutter, bereits in der Villa wohnte. Ich erinnerte mich noch genau an Frau Ra’ifa, sie kam täglich zum Morgenkaffee zu ihrer Schwester, meiner Großmutter. In den Sommertagen, die wir in der Wohnung meines Großvaters in Aleppo verbrachten, stand ich besonders früh auf, um sie und ihre schönen Geschichten nicht zu verpassen. Sie war damals Ende fünfzig und ich zehn. Wenn sie morgens aus dem Haus ging, schlug sie einen Mantel um ihren gedrungenen Leib mit den schmalen Schultern und dem prächtigen Hinterteil. Darunter trug sie noch das hellblaue oder rosarote Valisère-Nachthemd, dessen spitzenbesetztes Dekolleté die kleinen, mageren Brüste durchscheinen ließ, mit denen sie fünf Töchter und zwei Söhne genährt hatte.

Genüsslich schlürfte sie ihren Kaffee aus den mit Romeo-und-Julia-Motiven bemalten Tassen meiner Großmutter und berichtete uns von den Konflikten zwischen der Regierung und den Muslimbrüdern in Hama, von denen uns unser Onkel nichts erzählte:

»Als sie kamen, um das Haus der Bayraqdars zu durchsuchen, versteckte der Hausherr seine Pistole im Heizofen, der von den Wintertagen her noch dastand. Der Offizier und seine Männer betraten das Haus, stellten es auf den Kopf und fragten den Hausherrn nach Waffen. Er verneinte, aber sein kleiner, vierjähriger Sohn, der gesehen hatte, wie sein Vater die Pistole versteckt hatte, plapperte los: ›Onkel, die Pistole ist da!‹, und zeigte auf den Ofen. Augenblicklich verhaftete man den Vater, der für immer verschwunden blieb.« Nana Umm Baschar murmelte noch etwas, seufzte und schloss mit den Worten: »Nun, ja, Gott verschone seine Diener mit solchen Dingen!« Nachdem sie ihr tägliches Füllhorn voller Geschichten geleert hatte, verließ sie die Wohnung meiner Großmutter und ging rüber zu Frau Schahira, Nassers Mutter, die inzwischen ebenfalls aufgewacht war und in Erwartung Ra’ifa Hanims den Kaffee aufs Feuer gestellt hatte.

Nana Umm Baschar hatte zwei Söhne, Baschar und Fatih. Baschar war praktischer Arzt ohne Facharztausbildung und wurde, als langgedienter Baathist, zum Hygienebeauftragten für die Restaurants in Aleppo ernannt. Dies war ein sehr angesehenes Amt, denn Aleppo war berühmt für seine Küche, die den türkischen Mittelmeergeschmack mit der arabischen Tradition verband. Doktor Baschar hatte viel zu tun und besaß großen Einfluss, schließlich war er für die Lizenzen verantwortlich und ahndete Verstöße gegen die Reinheits- und Hygienevorschriften. Vom mobilen Händler für Lakritz und Sahlab über die Sandwichläden bis hin zu den luxuriösesten Hotels gab man sich die größte Mühe, ihn zufriedenzustellen. So kochte Nana Umm Baschar fast gar nicht mehr, sondern bezog all ihre Mahlzeiten reihum von den verschiedenen Restaurants. Vor ihrer Wohnung parkten stets die unterschiedlichsten Fahrzeuge: Fahrräder, deren Fahrer mit Zellophan verpackte Schüsseln auf der Hand balancierten, Motorroller mit in Papiertüten gestapelten Tellern auf dem Gepäckträger und Autos, die bestimmten Restaurants gehörten und aus denen man Speisen und Getränke in mannigfaltigen Farben entlud. Zum Mittagessen gab es bei ihr immer Gegrilltes und Kibbeh Nayyeh, zum Abendessen Wurst- und Schawarma-Sandwiches. Ihr Frühstück aber bestand aus syrischem Grießpudding und Puddingteilchen mit Sahne und Haselnüssen. Zu den Abendveranstaltungen im Aleppo-Club, im Jalaa Sporting Club oder im Restaurant Sirubian war immer ein Tisch reserviert, und auch ihre Angehörigen und Gäste kamen in den Genuss dieser Vorzugsbehandlung.

Fatih hingegen, ihr zweiter Sohn, war schon in jungen Jahren bei ihr ausgezogen, weil er von all dem sündhaften Essen, Geld und Einfluss seines Bruders nicht profitieren wollte. »Doch wenn dich deine Eltern drängen, dass du mir etwas beigesellst, wovon du gar kein Wissen hast – gehorche ihnen nicht!«, hatte er damals zu seiner Mutter gesagt. Seit seiner Pubertät stand Fatih unter dem Einfluss seiner Cousins, der Söhne seiner Tante Sumayya, die in der Organisation der Muslimbrüder Rang und Namen besaßen. Sie hatten ständig über den Bruder hergezogen und ihm die Augen für dessen Sünden geöffnet. Eine subtile Mischung aus Einschüchterung und Versprechen bewirkte, dass er sich ihnen anschloss und später zu einem aktiven Mitglied ihrer Vereinigung wurde.

Fatih hielt sich lange von der Wohnung seiner Mutter fern, erst vor den gewalttätigen Auseinandersetzungen, die Aleppo im Jahr 1980 erschütterten, bekam sie ihn wieder zu Gesicht. An jenem Abend, an dem eine Ausgangssperre verhängt worden war – im Juni hatten sich die Tore der Hölle aufgetan –, hatte er den Befehl, zehn Maschinengewehre und zusätzlich eine hölzerne Kiste mit zehn Handgranaten, vom Haus eines hohen Funktionärs der Organisation im Viertel Hulluk fünfundzwanzig Kilometer weit nach Süden zu transportieren. Dafür kam er nach Hause zurück und nahm dort den Schlüssel des Doktor Baschar zugewiesenen Landrovers an sich, der als Staatseigentum ein grünes Kennzeichen trug. Das garantierte, dass man ihn nicht durchsuchen würde. Fatih stellte die Kisten in den Kofferraum und brachte seine Aufgabe unbehelligt zu Ende. Stunden später gab es einen Angriff auf die Artillerieschule in Aleppo, bei der etwa hundert alawitische Offiziere ihr Leben ließen. Nach diesem Vorfall reiste Fatih in die Türkei aus und begann an der Universität in Istanbul Chemie zu studieren. Er promovierte, heiratete eine Tochter seiner Tante Sumayya und wurde so zum Schwager seiner Cousins, die ihn in die Organisation gedrängt hatten. Später zog er mit seiner Familie weiter nach Saudi-Arabien und lüftete dort das Geheimnis der Mumifizierung, an dem er schon lange geforscht hatte. Eines Tages hatte er eine spezielle chemische Verbindung hergestellt, die er mit nach Hause nahm, damit sie niemand stehlen konnte. Dort goss er sie in eine Dose, in der ursprünglich Fußbodenreiniger gewesen war, und stellte sie kurz auf dem Küchentisch ab. Die Putzfrau, die gerade dabei war, die Böden zu wischen, hielt besagte Flüssigkeit für ein Reinigungsmittel, goss ein wenig davon in den Putzeimer – und ihre Hand wurde plötzlich steif.

Doch bevor Fatih wegen dieser Erfindung zu Ruhm gelangen konnte, traf Scheich Ammar für ihn ein Arrangement mit der Obrigkeit. Scheich Ammar war weit und breit die einzige Anlaufstelle für alle, die ausgewiesen, auf die Fahndungsliste gesetzt oder zu hohen, möglicherweise bis zur Exekution reichenden Strafen verurteilt worden waren. Nachdem eine im Hinblick auf seine schwere Schuld angemessene Summe bezahlt hatte, war er rehabilitiert und sein Heimatland konnte in der Folge von seinem Wissen profitieren.

Fatih hatte zwei Söhne, die ich erst Jahre später, als der Familie wieder Ein- und Ausreise gestattet waren, im Haus meines Großvaters kennenlernte. Nachdem sie in Saudi-Arabien den Bachelor gemacht hatten, wollten die beiden Jungen ihr Studium an der Universität Aleppo fortsetzen. Sie sahen befremdlich aus mit ihrem langen, ungekämmten Haar und Gesichtern voller zum großen Teil entzündeter Pickel. Ihre Jeans hatten sie bis zur Brust hochgezogen, sodass sie über den Knöcheln endeten, damit sie, wie meine Großmutter sagte, rein blieben für das Gebet. Vom Leben der Nachbarn hielten sie sich fern. Meine Großmutter bestand jedoch darauf, sie zu allen Gelegenheiten, bei denen gemeinsam gegessen wurde, nämlich im Ramadan und an Festtagen, einzuladen, schließlich waren sie die Enkel ihrer Schwester und noch dazu fremd in der Stadt. Wenn sie dann ins Haus kamen, versteckte ich mich immer oder verließ die Wohnung, denn meine Großmutter meinte, sie sähen Frauen ohne Kopftuch nicht gerne und wollten auch nicht mit Frauen zusammensitzen. Jahre später, im Dezember 2009, lief auf CNN ein Video über ein Trainingslager für al-Qaida-Mitglieder im Jemen. Die Kamera zeigte eine Rundumsicht, war aber auf unendlich eingestellt, sodass ich die Aknenarben im Gesicht des Mannes nicht erkennen konnte, der irgendwo in der Wüste hinter einem Felsen stand und schreiend befahl, die Kalaschnikows abzufeuern. Doch es war ganz bestimmt der jüngere von Fatihs Söhnen, da war kein Irrtum möglich. Er gemahnte mich an all die Überzeugungen über das Leben, die ich nicht teilte. Jedes Mal, wenn ich ihn zufällig unterwegs, in der Universität oder gar bei einem Verwandten meiner Großmutter getroffen hatte, hatte er mich streng und vorwurfsvoll angesehen, sodass ich mich stets gedrängt gefühlt hatte, mein Pflichtbewusstsein gegenüber Gott, der Religion, der Familie und meiner Weiblichkeit unter Beweis zu stellen – die Liste endete eigentlich nie.

Als Nana Umm Baschar starb, wussten wir nicht, auf wessen Seite sie war, auf Fatihs oder Baschars. Sie hatte um beide geweint, für beide gebetet und einen korrekten Lebenswandel, Erfolg und den Sieg über ihre Feinde für sie erfleht. Zur Zeit meines Studiums, als ich bei meiner Großmutter in Aleppo lebte, bemerkte Nana Umm Baschar die vielen großen Nachschlagwerke auf meinem Schreibtisch und wollte wissen, was dort eigentlich drinstehe. Also las ich ihr zum Spaß eine Seite vor, auf der es um Sexualität ging und lauter verbotene Wörter vorkamen. Sie war zunächst erstaunt, lachte dann aber laut auf und rief:

»Oh Gott, oh Gott, zeig mal her, steht das wirklich da? Sowas studiert ihr? Und das soll Kultur sein? Muss gute Literatur pornografisch sein?«

Danach kam sie öfter und fragte mich, ob ich ihr Seite 59 des Buches »Gipfel der Genüsse bei der Schilderung der Weine« in der Ausgabe der Wissenschaftlichen Akademie in Damaskus aufschlagen könne, damit sie den Text mit eigenen Augen nachlesen und sich an ihren Neuentdeckungen ergötzen konnte. Manchmal trug sie schwer am Gewicht der Welt, weil sie von ihren beiden Söhnen getrennt war. Baschar hatte man wegen einer Korruptionsaffäre ins Gefängnis geworfen, und Fatih war wieder in Saudi-Arabien. »Spiel mir einen irakischen Mawwal vor!«, sagte sie dann. Ich schaltete den Kassettenrekorder an, und wir hörten Nazim al-Ghazali eine der Rumiyyat von Abu Firas al-Hamdani singen:

»Ich sagte, als neben mir eine Taube gurrte – o Nachbarin, fühlst du wie ich …«

Daraufhin senkte sie den Kopf, brach in Tränen aus und zitterte am ganzen Körper.

Ein paar Tage vor Nana Umm Baschars Tod wachte meine Großmutter morgens wütend auf. Sie sprach kein Wort und brachte mir nicht einmal eine Tasse Kaffee, wie sonst, ans Bett. Ich fragte sie, was los sei, aber sie schwieg. Als ich jedoch insistierte, weinte sie und sagte, sie habe geträumt, mein Großvater, der bereits seit zehn Jahren tot war, habe sie verlassen und ihre Schwester Umm Baschar geheiratet. Sie war sehr aufgebracht und regelrecht eifersüchtig. Als Nana Umm Baschar zum Kaffeetrinken kam, war der Zorn meiner Großmutter noch nicht verraucht, ihre Augen sprühten Funken. In der Nacht darauf erlitt Nana Umm Baschar einen Schlaganfall, und wenige Tage später starb sie. Großmutter vergoss, genau wie ich, viele Tränen. »Welch ein Glück«, meinte sie dann aber, »dass dein Opa sie geheiratet und mitgenommen hat und nicht mich!«

*

Als ich Aleppo verließ, hatte Nadjwan gerade ihren dritten Sohn bekommen. Sie war mit einem Ingenieur für Lebensmitteltechnologie verheiratet. Er war Teilhaber einer Konservenfabrik an der Straße nach Kafr Hamrah, die weiter bis zur Stadt Azaz an der türkischen Grenze führte. Im Januar 2012, nachdem die Angriffe der bewaffneten Gruppierungen auf das nördliche Umland von Aleppo sich zugespitzt hatten, wurde die Fabrik überfallen, in ihre Einzelteile zerlegt und in die Türkei transportiert, um dort zum Schrottpreis verkauft oder von sogenannten Fabrikpiraten wieder zusammengesetzt zu werden. Das gleiche Schicksal ereilte dutzende Fabriken, und wie einige Medien berichteten, arbeiteten manche Geschäftsleute aus Aleppo mit diesen Gruppierungen zusammen und forderten sie von sich aus auf, ihre Werke zu zerlegen, damit sie sie in der Türkei wiedereröffnen konnten. Nadjwans Mann allerdings verlor sämtliche Ersparnisse und begann 2014, mit einem Wagen vor dem Haus Hummus und Bohnensuppe zu verkaufen, die Nadjwan zubereitet hatte. Ich war immer gespannt Nadjwans politische Einschätzungen zu hören, denn sie überraschte mich oft mit unerwarteten Positionen. Seit meinem ersten Studienjahr war sie an meiner Seite. Vier Jahre zuvor war sie aus den Emiraten gekommen, hatte die Sekundarschule in Aleppo besucht und sich dann an der Universität eingeschrieben. Ihre Familie stammte ursprünglich vom Land. Bei den Vorfällen in den Achtzigern, genauer gesagt in ihrem achten Lebensjahr, war ihr Vater wegen Mitgliedschaft in einer verbotenen Vereinigung festgenommen worden. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie Leute in Zivil mit Pistolen in ihr Haus eingedrungen waren. Im Morgengrauen hatten sie ihren Vater, ohne dass er Widerstand geleistet hätte, vor den Augen seiner Frau, seiner Eltern und all ihrer Geschwister abgeführt. Danach hörte niemand mehr etwas von ihm. Fünf Jahre lang schaltete man alle möglichen Leute als Vermittler ein, ob sie ihn nun gekannt hatten oder nicht, bezahlte hohe Summen, und die Frauen gaben ihr Gold, nur um Gewissheit zu erlangen, ob er noch lebte. Dann erhielten sie die Nachricht, man habe ihn liquidiert. Sie kam von einem anderen Häftling, der ihn im Tadmur-Gefängnis getroffen hatte. Nadjwans Mutter heiratete daraufhin den ledigen Bruder ihres Mannes, der mit ihnen in ihrem Haus im Bezirk Bustan al-Qasr lebte. Die Familie mit den drei Kindern und der schönen, noch keine dreißig Jahre alten Mutter sollte schließlich eine Zukunft haben.

Nachdem der Großvater und die Großmutter bereits gestorben waren, hörte man es an einem Septemberabend im Jahr 1995 an die Tür klopfen. Nach fünfzehn Jahren war der Häftling aus dem Gefängnis zurückgekehrt und suchte nun im Hause seines Vaters nach seiner Frau und seinen Kindern. Es war eine harte Zeit, jeder von ihnen, einschließlich der beiden Kinder, die Nadjwans Mutter von ihrem Onkel bekommen hatte, litt schrecklich unter der Situation. Letztendlich jedoch entschieden sie sich alle dafür, bei ihrem Onkel zu bleiben. Sie reisten in die Emirate aus und ließen ihren Vater allein im Haus zurück, der es daraufhin in eine Koranschule umwandelte. Nadjwan war so mutig, Hindernisse, die sich ihr in den Weg stellten, zu überwinden, sie war gutherzig, fleißig und wissbegierig. Ihr Studium setzte sie bis zum Abschluss fort und ließ sich auch von ihrem Kopftuch nie davon abhalten, sich unter ihre Kommilitonen und Professoren zu mischen, zu reisen oder zu feiern. Genauso wenig stand ihre Vergangenheit ihrer Zukunft im Weg. »Als ich in meinen Erinnerungen keine Ordnung schaffen konnte«, sagte sie einmal zu mir, »habe ich es einfach seinlassen. Genau wie man es sich verkneift, ein schmutziges Zimmer aufzuräumen, wo Chaos herrscht und Reisekoffer herumliegen, sodass man gar nicht mehr weiß, wo man anfangen soll. Da geht man dann lieber hinaus, schlägt die Tür hinter sich zu und verschwindet.«

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Nasser führte mich zurück in lieb gewonnene Regionen meiner Erinnerung, die ich irgendwann verlassen hatte und von denen ich nie gedacht hätte, dass sie noch da waren. Er versetzte mich in eine Zeit zurück, in der mir die Zukunft nicht schnell genug kommen konnte. Jetzt, da sie da war, reiste ich zurück in die Vergangenheit, und Nasser gab den Anstoß dazu.

Er musste einer der gutaussehenden jungen Männer in weißen Shorts und bunten Hemden gewesen sein, die in der Villa der al-Haffar gewohnt hatten. Dieses Haus, mit dem warmen Licht der Kristallleuchter an den hohen Decken hatte ich sehr gemocht. Ich liebte die Gemälde, die sich ordentlich an die Wand reihten, die von der Straße aus sichtbar war. Was ich jedoch am meisten liebte, war der große Chinarindenbaum, dessen Zweige sich bis zu den Fenstern im zweiten Stock reckten, um die Hausbewohner vor den Augen der Neugierigen zu verbergen. An brütend heißen Julitagen, wenn ich von einem ausgedehnten Spaziergang durch den Souk von Azizieh oder von den Hügeln heimkehrte, kaufte ich mir bei Kan ya ma kan ein Glas Tamarindensaft und genoss seinen süßsauren Geschmack im Schatten unter diesem Baum.

Frau Schahira war in Damaskus aufgewachsen, hatte an der Philosophischen Fakultät Arabisch studiert und Herrn Adham al-Amiri geheiratet, den Sohn eines Freundes der Familie, der im Palästina unter dem britischen Mandat ein bedeutender Ökonom gewesen war. Aus Haifa waren sie später nach Amman gezogen. Er war an der Gründung der Arabischen Bank beteiligt gewesen und hatte ihre wirtschaftliche Strategie mitentworfen. Nassers Vater Adham hatte nach seinem Studienabschluss an der École Polytechnique in Paris die Arbeit seines Vaters im Kollektiv der Bank fortgesetzt. Dann starb er mit Mitte fünfzig an einem Herzinfarkt. Nach seinem Tod kam Schahira oft nach Aleppo, denn sie hatte ihren Geschwistern deren Anteile an der Villa ihres Vaters abgekauft. Und wenn Nassers Schule, das Islamic Educational College in Amman, Ferien hatte, begleitete er sie.

Zum letzten Mal hatte er Aleppo vor den gewaltsamen Auseinandersetzungen von 1982 zwischen der Baath-Regierung und den Muslimbrüdern besucht, die Aleppo, die Hochburg der Sunniten, als ihre Heimstätte ansah. Danach war Nasser nach Amerika aufgebrochen. Seine Mutter war ihm gefolgt, kehrte nach seiner Heirat aber zurück, um den Rest ihres Lebens in Amman zu verbringen.

Stundenlang unterhielten wir uns und beschworen den Geist der Vergangenheit herauf, den Duft nach Jasmin, Geißblatt, Jujuben und die von Küchendünsten aus den alten Häusern um den Bagdad-Bahnhof geschwängerte Luft. Gemeinsame Erinnerungen müssen nicht zwangsläufig gemeinsame Gefühle bedeuten, doch Nasser teilte einen sehr wichtigen Schatz mit mir: Aleppo, meine halbe Erinnerung, die zweite Hälfte meiner Identität.

Der Mädchenpalast

Am Morgen des 28. August 1963 strömten die Menschen in der amerikanischen Hauptstadt scharenweise auf die National Mall und versammelten sich vor dem Lincoln Memorial. Diese Vorkämpfer für die Bürgerrechte waren gekommen, um dem gutaussehenden jungen Schwarzen zu lauschen, dessen Augen die Leiden der Propheten widerspiegelten. Es handelte sich um Martin Luther King. In schwarzem Smoking und schneeweißem Hemd hielt er eine Rede vor 250000 Männern, Frauen und Kindern, um mit seiner mitreißenden Rhetorik die Geschichte des mächtigsten Staates der modernen Welt auf neue Bahnen zu führen:

Ich habe einen Traum, dass sich diese Nation eines Tages erheben wird

und der wahren Bedeutung ihres Credos gemäß leben wird:

»Wir halten diese Wahrheit für selbstverständlich:

dass alle Menschen gleich erschaffen sind.»

Drei Mikrofone reichten an jenem strahlenden Morgen aus, um alle Welt für viele Jahre mit einem Mut bekannt zu machen, der eng mit einer Utopie verbunden war. Die Sykomoren und Kirschbäume warfen ein Echo der Rede zurück, und man sah ihre Wirkung an den Tränen der Männer und Frauen, die in den Teich gegenüber der Kongresskuppel flossen:

Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia

die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter

miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können.

Mitten im Gedränge stand ein junger braunhäutiger Syrer mit schwarzem Haar und großen, lebhaften schwarzen Augen. Seinen sportlichen Körper aufgerichtet und angespannt, hörte er voller Begeisterung und in dem Bewusstsein zu, einen historischen Augenblick zu erleben. Es handelte sich um Suhail Badran, der später mein Vater wurde, einen Studenten der Universität Boston, die auch Martin Luther King besucht hatte. Nachdem er sein Vorbereitungsjahr mit Bravour beendet hatte, hatte er sich gerade für das erste Semester seines Architekturstudiums eingeschrieben.

Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht

und jeder Hügel und Berg niedriger werden.

Die unebenen Plätze werden flach

und die gewundenen Plätze gerade,

und die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden,

und alles Fleisch miteinander wird es sehen.

Mein Großvater väterlicherseits war ein Großgrundbesitzer im Euphrattal gewesen. Auf seinen weitläufigen Ländereien arbeiteten Dutzende von Bauern, die mit ihren Familien im Umkreis wohnten. Mit der Zeit dehnte er den Verkauf seiner reichen Ernten aus auf den Handel mit Landwirtschaftsbedarf wie Sämereien, Werkzeugen und Geräten, und Gottes Land gedieh in seinen Händen. Obwohl ein Feudalherr, hatte mein Großvater mit den Fürsten im zaristischen Russland oder den südamerikanischen Sklavenhaltern nichts gemein, nicht einmal mit den Grundherren in Aleppo oder Latakia, die ihre Bauern auspeitschten, sie für nicht mehr als ihr tägliches Brot und ihre Unterkunft schuften ließen, ihre Töchter entjungferten und sie in Schulden trieben, um sich ihrer Ländereien bemächtigen zu können.

Al-Hadsch Ali Badran war ein Lehnsherr nach lokalem Brauch, nicht nach der sozialistischen Theorie. Er hatte das Land auch nicht von seinen Vorfahren geerbt, denn sie waren Lehrer und Richter für die verschiedenen Stämme der Region gewesen. Er selbst hatte unter dem osmanischen Staat als Dolmetscher für Persisch und Türkisch gearbeitet und auf diese Weise Geld angespart, mit dem er, wie viele andere, mehrere Grundstücke am Euphrat kaufte. Land war dort damals leicht erhältlich, denn es lebten wenige Menschen auf den verfügbaren Flächen und ihnen war nicht klar, wozu sie einen Besitz jenseits der eigenen Grundbedürfnisse nutzen könnten.

Der Grundstock für das Familienvermögen war von der Seite meiner Großmutter gekommen, die Ländereien und Gold-Lira ihres Vaters geerbt hatte und ihren Mann drängte, etwas daraus zu machen. Er wiederum brachte ein risikofreudiges Wesen mit, das ihn bei den ersten erfolgreichen Abenteuern mit ihrem Geld unterstützte.

Zwischen 1915 und 1965 stürzte sich al-Hadsch Ali auf zahlreiche weitgreifende Neuerungen. Er baute die erste Getreidemühle der Gegend, um den Bedarf der Bevölkerung an Mehl und Grütze zu decken, und wandelte sie später in eine industrielle Mühle um. Als sich immer mehr Menschen in Raqqa und Umgebung niederließen, baute er einen Töpferofen zum Brennen von Tonwaren, und später für Ziegel zum Bauen.

Zu jener Zeit wurden in der Folge zweier Weltkriege die Landkarten ständig neu gezeichnet, und Syrien lag genau im Auge des Sturms. Das führte dazu, dass man sich zunächst gegen die Osmanen auflehnte und für Unabhängigkeit eintrat, und anschließend auch die französischen Kolonialherren bekämpfte. Die meisten Landkartengestalter entstammten feudalen Familien und bildeten die herrschende aristokratische Schicht. Wegen des sozialen Ungleichgewichts stand sie in der Geschichte der Kämpfe in Syrien unter ständiger Kritik. Auch al-Hadsch Ali Badran war einer von diesen Männern, gleichzeitig repräsentierte er in Raqqa und Umgebung den Nationalen Block.

Schon vor diesen heftigen politischen Geburtswehen, nämlich im Jahr 1920, hatte meine Großmutter meinen Onkel Yusuf geboren. Er wurde kurz nach der Schlacht von Maysalun geboren, in der Yusuf al-Azmah, Kriegsminister in der Regierung Faisals I., gefallen war. Nach diesem Yusuf wurde mein Onkel benannt, und das sollte sich auf sein Schicksal auswirken, denn mehr als vierzig Jahre später wurde er Minister der Regierung der Arabischen Republik Syrien, die nach der Abspaltung von der Vereinigten Arabischen Republik auf die syrisch-ägyptische Einheitsregierung folgte.

Nach Onkel Yusuf bekam meine Großmutter nur noch meine Tante Laila, denn nachdem mein Großvater zwei weitere Frauen geheiratet hatte, die ihm fünf Jungen und vier Mädchen gebaren, verweigerte sie sich ihm.

Erst im Jahr 1936 wohnte mein Großvater meiner Großmutter nach mehr als zehn Jahren Trennung wieder bei, und sie wurde mit meinem Vater schwanger, und zwar als die französische Artillerie mit noch nie dagewesenem Brutalität Raqqa in Trümmer legte und die Familie für zehn Tage in einen Unterschlupf an der Straße nach Deir al-Zor zog, der sonst als Speicher für Butterschmalz, Olivenöl und Dörrfrüchte diente.

Ende des Zweiten Weltkriegs beendete mein Onkel Yusuf in Damaskus ein Medizinstudium, während seine Halbbrüder auf den ausgedehnten Ländereien ihres Vaters arbeiteten. Meine Großmutter saß in ihrem Zimmer, das auf ihren prächtigen Garten mit Granatapfel- und Quittenbäumen hinausging, vor sich die Blechkanne mit bitterem Kaffee auf einem kupfernen Kohlebecken. Mit der Hand, auf die eine blaue Ähre tätowiert war, drehte sie am Senderwahlknopf des Cambridge-Radios in seinem Holzgehäuse und wartete auf die Nachrichten. Dort würde man später berichten, dass ihr Ältester, Gesundheitsminister Doktor Yusuf Badran, es möglich gemacht habe, eine erste Ladung Polioimpfstoff nach Syrien zu holen, und die Menge würde ausreichen, um zehntausend Kinder in der Ostprovinz zu impfen. Es handelte sich um die Vakzine, die der amerikanische Wissenschaftler Jonas Salk im Jahre 1955 der Öffentlichkeit präsentiert und der Menschheit zur Verfügung gestellt hatte. In der gleichen Nachrichtensendung hörte meine Großmutter den ägyptischen Sprecher der arabischen Abteilung des BBC, Hassan Abu al-Ala, verkünden: »Amerika wird die Herrin der Welt sein und Europa die Sklavin zu ihren Füßen.« Von da an bestand meine Großmutter darauf, Suhail solle in Amerika, und nur in Amerika, studieren.

Suhail Badran, mein Vater, reiste mit den Füßen eines Elefanten, den Flügeln eines Adlers und dem Herzen eines Tigers nach Washington. Denn einerseits verfügte er über ein umfangreiches und altehrwürdiges Erbe sowie den starken Wunsch, erfolgreich zu sein und aufzusteigen, daneben jedoch auch über starke und glühende Leidenschaften. Meine Mutter, die heimlich sein Tagebuch gelesen hatte, sagte einmal: »Er ist ein wahrer Bulldozer an Liebe und Verlangen. Jedes Mal, wenn er einer Schönheit begegnet war, sagte er: ›Ich habe die Liebe meines Lebens gefunden‹!«

Er schloss sein Studium mit zwei Magisterurkunden ab: eine von der Boston University im Fach Restaurierung antiker Städte und eine weitere von der University of California in Stadtplanung. Danach arbeitete er an den Tennessee Valley Projects im Süden des Landes und wurde Zeuge, wie die USA durch den Bau von etwa dreißig Staudämmen das Aussehen der Region nachhaltig veränderten und wie sich Amerika seiner Vorherrschaft in der Welt weiter näherte. Es entstand das größte Wasserkraftwerk der Welt mit einer Leistung von sechzig Millionen Megawatt jährlich. Der bedeutendste Wandel aber, und hier lag das eigentliche Interesse des Ingenieurs Suhail Badran, vollzog sich in den Randregionen rings um die Hauptprojekte, die durch gezielte Entwicklungsplanung neu belebt wurden. Sie boten Menschen einen Wohnort mit Häusern, Schulen, Kliniken, Parks, Klubs, touristischen Anlagen und Kulturzentren, was wiederum zusätzliches Kapital für die weitere Entwicklung anlockte. Ingenieur Suhail war nicht mehr der idealistische Zwanzigjährige, der davon träumte, Unmögliches möglich zu machen. Und in dem Augenblick, in dem meine Existenz ihre ersten Strahlen aussandte, wie er zu sagen pflegte, beziehungsweise im Moment einer historischen Fehlentscheidung, wie meine Schwester Salma beharrlich schimpfte, beschloss er, aus dieser stolzen Welt jenseits des Ozeans in seine Heimatstadt Raqqa – verloren zwischen Feldern und Wüste – zurückzukehren, die ihm jede Karrieremöglichkeit offenhielt. Mein Vater war überzeugt, dass die Geheimnisse immer in den besonders kleinen Dingen liegen, aus denen sich dann die großen ergeben. Eine vollkommene Form, wie der Kreis, sei tot, in ihr sei kein Platz für ein verstecktes Potenzial.

Damals hatte er gerade die Erinnerungen Ralph Waldo Emersons gelesen, des Mannes, der mit seiner unbezähmbaren Fantasie und seinen selbstentrückten Visionen das geistige Dokument des amerikanischen Traums verfasst hatte. Emerson war im 19. Jahrhundert nach Europa gereist, um die Herrlichkeit der Alten Welt zu erleben. Doch er musste feststellen, dass diese nun, nachdem sie intellektuelle, wissenschaftliche und philosophische Vollkommenheit erreicht hatte, im Sterben lag. Er erkannte die latente Kraft Amerikas, das bereit war in der Stunde null zu explodieren, und so kehrte er eilig dorthin zurück, um von der freien Welt zu berichten. Die USA waren für Suhail Badran auf dem Weg, ihr Versprechen zu erfüllen, während Syrien seinerseits die Stunde null erlebte, woran er große Hoffnungen knüpfte. Raqqa und die Städte des Euphrattals würden jetzt zu neuen Horizonten aufbrechen, wie vorher die Städte des Tennessee-Tals. Die in Syrien im Rahmen der Troika-Bewegung der 70er Jahre vorherrschende politische Atmosphäre stand im Zeichen des Kampfes gegen die Feudalfamilien – Familie Badran eingeschlossen. Sie wurden zwar von der Baath-Partei als reaktionär angesehen, doch Suhail glaubte, dass dies nicht den Bau von Häusern verhindern dürfte, und dass vor allem das Licht der Liebe nötig war, um den Randgruppen der Gesellschaft zu helfen.

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Ingenieur Suhail stürzte sich in die Projekte am oberen und mittleren Euphrat. Etwa vierzig Kilometer westlich der Stadt al-Tabqa wurde der Euphrat-Staudamm gebaut. Dieser Traum sollte noch das entlegenste Dorf Syriens mit elektrischem Licht und allen seinen Vorzügen versorgen. Es sollte Schulen, Krankenhäuser, Parks, Open-Air-Kinos und Sportklubs geben, und in der syrischen Dschazira würde man tausende Hektar Brachland urbar machen. Suhail überwand alle Hindernisse: bürokratische Vorschriften, Protektionismus und auch die Baath-Funktionäre in den Behörden in Damaskus, die aus der Ferne operierten und die weder von den Einheimischen noch von den lokalen Gegebenheiten eine Vorstellung hatten, aber über Millionen von Dollar bestimmten. Entscheidend dabei war, dass Suhail die Gegend und die dort lebenden Menschen, bestens kannte. Er war mit den Böden und dem Wasser ebenso wie mit den Freuden und Sorgen der Bewohner vertraut. Zum großen Teil handelte es sich nämlich um Ländereien, die die Revolution dem Besitz meines Großvaters entzogen hatte.

Für die meisten Grundbesitzer kam die Verstaatlichung einem Todesstoß gleich. Ihre Ländereien wurden zerstückelt und dem Staat übergeben, der sie gemäß der Devise »Der Boden gehört dem, der ihn pflügt«, an die Bauern verteilte. Zu Hause überschüttete meine Tante Laila den Autor dieses Mottos mit Verwünschungen, weil er ihr Leben auf den Kopf gestellt hatte. Erst habe er das Vermögen ihres Vaters eingezogen, sagte sie, um es dann an ein paar Bauern zu verteilen und sie mit ihr gleich zu stellen. Diese hatten ihr immer Butterschmalz und Honig fürs Frühstück gebracht und auf dem Balkon des Sommerhauses mitten in den Feldern am Euphrat serviert, bevor sie sie in ihrem Messingbett aufgeweckt und die Mückenschwärme verjagt hatten.

Im Jahr 1963 starb mein Großvater an der Verstaatlichung. Er erlitt einen Herzanfall, als er sah, wie seine Träume, Ideen und sein Schweiß ins Eigentum anderer übergingen, wobei man sich auf frühere Äußerungen Gamal Abd al-Nassers berief, der sich auf den Rücken von ein paar Hundert Grundbesitzern zum Ritter aufschwingen wollte. Das Revolutionsregime in Syrien folgte Nassers Beispiel: Von denen nehmen, die denken und arbeiten, um jenen zu geben, die sich, wie es Onkel Ibrahim der Landverwalter formulierte, in der Erntezeit über Frauen auf dem Feld herfielen und anschließend im Wasser des Flusses badeten.

Für die Ingenieure, Direktoren und selbst die Arbeiter in den Entwicklungsprojekten war Ingenieur Suhail ein Feudalherr, ein Verbündeter der kapitalistischen Kultur, da er in ihren bedeutendsten Zentren studiert hatte. Sie sahen höhere Bildung als Vergehen an, während ihrer Meinung nach nur die praktischen Erfahrungen aus den sozialistischen Staaten etwas taugten. Kaum jedoch hatten die 80er Jahre begonnen, standen sie im Rauda-Viertel von Damaskus vor einem kleinen Schalter in einem riesigen weißen Gebäude, über dem die amerikanische Flagge wehte, mit ihren Söhnen Schlange. In den Händen hielten sie Empfehlungsschreiben und Bürgschaften von Ingenieur Suhail Badran, die ihren Söhnen erfolgreiche Gespräche mit dem amerikanischen Konsul und ein Visum für die USA garantieren sollten.

Das erste Gebäude, das Suhail nach seiner Rückkehr aus Amerika restaurierte, war die Villa, in der ich geboren wurde und meine Kindheit und Jugend verbrachte. Sie war mehr als einhundertfünfzig Jahre alt. Mein Großvater hatte sie von seinem Vater geerbt, später hatte mein Vater im Austausch für das Gebäude seinen Geschwistern einen Teil seines Erbes überlassen. Er hatte ein feines Gespür für alles, was der Restaurierung bedurfte. Er bewahrte den Charakter des Hauses und fügte die Anbauten so harmonisch an, dass sie weder das Auge noch die Seele verletzten. Dabei war ihm meine Mutter eine große Hilfe, denn ihre Perspektive war ganz anders, städtischer, denn sie hatte sich intensiv mit Philosophie, Kunst und Französischer Literatur beschäftigt. Mein Vater hatte sie über den Bruder ihrer Mutter kennengelernt, der mit ihm zusammen in Boston studiert und ihn zu seiner Hochzeitsparty im Saad-Klub in Aleppo eingeladen hatte. Dort verliebte er sich sofort in sie. Davor war sie mit einem Kapitän zur See verheiratet gewesen, dem Spross einer großbürgerlichen Familie aus Aleppo, hatte sich aber nach weniger als einem Jahr Ehe wieder von ihm getrennt, weil er darauf bestanden hatte, sie auf all seine Seereisen mitzunehmen. Monatelang war sie seekrank gewesen. Während er sie so sehr liebte, dass er sich nicht eine Nacht von ihr trennen konnte, sah sie in ihm nur einen Egoisten ohne Verständnis für ihre Leiden, verließ ihn und heiratete wenige Tage nach ihrer ersten Begegnung meinen Vater.

Meine Großmutter hielt überhaupt nichts von einer Heirat mit einer geschiedenen Frau, aber meine Tante Laila, die sie in ihren letzten Tagen umsorgte, hatte großen Einfluss auf sie und beschwichtigte sie: »So etwas kommt in den besten Familien vor.« Sogar Jacqueline Kennedy sei schließlich vor ihrer Ehe mit Onassis mit John F. Kennedy verheiratet gewesen. Sie war bestens informiert, denn sobald Tante Laila eine Zeitschrift wie al-Mau’id, al-Schabaka oder Rose al-Yussuf in die Finger bekam, konnte sie nicht mehr davon lassen und verschlang den Klatsch über die Prominenten.

In unserem Haus entstanden zwei Flügel: zunächst der altorientalische, ein restaurierter Ziegelbau, der aussah, als hätte ihm ein Maurer des 18. Jahrhunderts erst am Vortag den letzten Schliff gegeben und sich dann zufrieden den Staub von den Kleidern geklopft. Kuppeln und Stalaktitengewölbe im Abbasiden-Stil bildeten die Decken. In ihm waren ein Büro, zwei Empfangssalons und ein großes Esszimmer untergebracht, das sich zum Innenhof hin öffnete. Im Hof wuchsen Limonen- und Zitronenbäume sowie Rosenstöcke rings um ein Wasserbecken mit einem Boden aus blauem Granit, das sieben Meter lang, drei Meter breit und einen bis anderthalb Meter tief war. Der andere, westliche, Flügel war modern, in ihm lagen, auf zwei Ebenen verteilt, die Schlafzimmer. Beide Stockwerke waren durch eine kleine Innentreppe verbunden, die oben in einem kleinen Zimmer und unten an der Haupteingangstür endete, die in den äußeren Garten führte. Dieser war einfach bepflanzt mit Jasmin, Geißblatt, Basilikum und roten Rosen. Dort standen Korbstühle, deren Sitze mit der Zeit mit bunten Plastiksträngen geflickt wurden, der eine Stuhl blau, der zweite rot, der dritte grün …

Die gesamte Einrichtung war kostbar, sorgfältig ausgewählt und voller Erinnerungen. Der Salon war im Louis-quinze-Stil eingerichtet, die Wohnzimmer kopierten Harrods, alles stammte von dem Möbelmacher Leon Masabaki aus Aleppo. Die Kronleuchter in den Salons, die mein Vater aus Österreich mitgebracht hatte, waren aus echtem Kristall, die in den anderen Räumen waren aus Bronze, drei davon ehemalige Petroleumlampen, die noch aus der Zeit meines Urgroßvaters stammten. Meine Mutter hatte sie im Keller des alten Hauses gefunden und im Antiquitätengeschäft al-Hamawi elektrisch umarbeiten lassen. Die Teppiche waren natürlich alle Perser, unsere Familie wollte keine aus China oder Deutschland, wie alt und vornehm sie auch sein mochten. Mein Vater hatte seine Teppiche von meinem Großvater geerbt, der sie seinerseits von seinem Vater und Großvater erhalten hatte, und so fort … Zwei der Teppiche waren zwölf Meter lang, drei andere genau die Hälfte, und fünf kleinere waren aus Kaschan-Stücken zusammengesetzt. Die Vasen, Gläser und Aschenbecher aus Silber oder weißem und farbigem Kristall waren mit Bedacht auf den Konsolen, Tischen und in den Vitrinen arrangiert. Meine Eltern hatten sie auf ihren zahlreichen Reisen nach Polen, Bulgarien und in die Tschechoslowakei gefunden. Auch die Gemälde waren durchweg Originale und sorgfältig gehängt. Sie stammten von syrischen und arabischen Künstlern, die meist mit meinem Vater befreundet waren und von denen er bei ihren Ausstellungen in Damaskus, Aleppo und Beirut gerne Bilder erwarb: Louay Kayali, Fateh al-Moudarres, Saad Yagan, Wahid al-Maghariba, Scharif al-Muharram, Tamam al-Akhal und der aus Raqqa stammende Fawwaz Yunis.

Das wertvollste Stück, ein Walnussholz-Schrank aus den 30er Jahren, der den großen Salon im alten Flügel zierte, war eineinhalb Meter hoch, einen Meter breit und einen halben Meter tief und hatte unten zwei Türflügel und oben sechs Schubladen, auf jeder Seite drei. Als mein Großvater Repräsentant des Nationalen Blocks für die Region war, hatte er die politischen Dokumente dort deponiert, und so betrachtete mein Vater den Schrank später als Augenzeugen der politischen Geschichte unserer Familie. Nach seiner Rückkehr aus Amerika war der Schrank nur noch ein Stück Sperrmüll gewesen, meine Tante Laila hatte alte Zeitungen und Staubtücher darin verstaut. Leon Musabaki restaurierte ihn, beizte ihn mit dunkler Holzlasur, zeichnete die Ornamente mit Goldstift nach, befestigte neue Bronzegriffe an den Schubladen und legte eine kostbare Platte aus weißem, grau und schwarz geädertem Marmor auf. Er brachte auch drei antike Messingschlösser in Tierform an, eine Schildkröte, eine Eidechse und eine Schlange, die mein Vater im alten Suk von Maskat in Oman gekauft hatte. Darauf stand eine Dose aus rotem Samt mit einer Münze aus reinem, 24-karätigem Gold, die jeder bewunderte. Man hatte den Namen »Suhail Badran« eingraviert, mit Hinweis an den Ersten Preis der »Organisation der arabischen Städte« im Jahre 1984 für den Wiederaufbau der alten Stadtmauer von Raqqa.

Obwohl wir immer genug Dienstboten im Haus hatten, fiel die Aufgabe, diese Raritäten zu polieren und die Teppiche zu reinigen, meiner Schwester und mir zu. Meine Mutter war der Meinung, dass wir uns den großartigen Geist dieser Stücke vor Augen halten sollten, aus dem sie entstanden waren. Wir hinterließen unsere Fingerabdrücke darauf, gaben ein bisschen Wasser auf das Kristall und dann rieben wir es mit einem trockenen Tuch ab. Silber und Messing hingegen putzten wir mit einem speziellen Präparat aus Beirut, das man auf ein Stück feuchten Baumwollstoff gab. Die Ölgemälde durfte man, um die Farben zu erhalten, nur mit einem Federwedel entstauben.

Von außen verriet das Haus nichts von der Pracht im Inneren. Dies entsprach den architektonischen Vorstellungen meines Vaters, er wollte, dass es sich harmonisch zwischen die einfachen Häuser der Verwandten und Nachbarn im Viertel einfügte. Das Anwesen meines Onkels, des Ministers, dagegen, nur fünf Häuser weiter, glich einem Palast, an dessen Tor die Passanten nicht gerne vorbeigingen und lieber die Straßenseite wechselten. Am vertrautesten war uns das Haus Faisals, meines jüngsten Onkels, des Sohnes von Hagar, der Nebenfrau meiner Großmutter. Es war voller Leben, dafür sorgten seine italienische Frau und seine drei Söhne. Onkel Faisal hatte in Rom bildende Kunst studiert und schon von Jugend an den Mädchen nachgejagt. Nach dem Tod seiner Mutter war er von den Hausmädchen aufgezogen worden, und mit siebzehn Jahren erwischte ihn meine Großmutter im Keller des Hauses mit ihrem Dienstmädchen Rahima. Und wie diese eingestand, war es nicht das erste Mal. Deshalb schickte man ihn nach Rom, und Rahimas Angehörige holten das Mädchen zurück nach Afrin, wo sie, wie wir später erfuhren, von ihrer Familie getötet wurde. Mein Vater sagte, das Blut des Feudalherrn sei der Grund für Faisals Lüstgernheit, doch meine Großmutter protestierte: »Er hat das Blut seiner gemeinen Mutter geerbt.« Sie hegte immer noch einen Groll gegen die verstorbene Nebenfrau. Meine Tante Laila erinnerte sie daran, dass sie meinen Onkel Yusuf als Kind ebenfalls dabei ertappt hatten, wie er eins der Dienstmädchen ausgezogen und auf die Terrasse gebettet hatte. Er hatte ihre Umrisse mit einem Kohlestift nachgezeichnet und erklärt, er werde sie operieren. Aber er sei damals doch erst zehn Jahre alt und bereits entschlossen gewesen, Arzt zu werden, erwiderte meine Großmutter in vollem Ernst. All das habe rein wissenschaftlichen Zwecken gedient.

Die Italienerin Natalia war wie mein Onkel Faisal ein Freigeist. In den wenigen Jahren, die sie in Raqqa wohnte, verbrachte sie die meiste Zeit damit, ihren Söhnen, die immer etwas ausheckten, hinterherzurennen und ihnen, was immer ihr in die Finger kam, nachzuwerfen: einen Schuh, einen Pantoffel oder irgendwas aus der Küche, um in gebrochenem Arabisch »Badran ist ein Gangster!« hinterherzurufen. Tante Souaida, die in einem der Nachbarhäuser wohnte und unverheiratet war, wachte jedes Mal von dem Geschrei auf und lief in dem kurzen Unterkleid, das die Frauen in Raqqa unter dem langen Obergewand tragen, hinaus. Da sie keinen BH trug, schwangen ihre Brüste auf und ab, als kündigten sie eine Schlacht an, während sie versuchte, ihr Kopftuch festzubinden, das ihr allerdings immer wieder aus den Fingern glitt, und rief: »Haltet diese Verrückte auf, sonst bringt sie ihre Kinder noch um!« Die drei Jungen flüchteten sich zu ihr und suchten Schutz in ihrem Haus, das eher einer Höhle glich. »Souaida ist auch ein Gangster!«, war Natalias Kommentar dazu.

*

Tante Souaida war sehr hellhäutig, klein und dick und hatte einen gewaltigen Hintern, den ihre traditionellen, weiten Unterkleider nicht verbergen konnten. Ihr Haar hatte sie in zwei kurze Zöpfe geflochten. Jeden Morgen, wenn sie den Gehweg vor dem Haus fegte, rutschte der Stoff ihres Gewandes zwischen ihre Gesäßbacken und zog die Blicke von Groß und Klein, Anwohnern und Passanten, auf sich. Später stellte sich heraus, dass ihr Unterhosen zu sehr ins Fleisch schnitten, und so hatte sie beschlossen, darauf zu verzichten. Dies gab sie auch allen bekannt. Meine Mutter missbilligte dieses Benehmen sehr und sagte, es gehöre sich nicht und Tante Souaida lebe wie eine Ungläubige. Aber sie bete und faste doch und lese im Koran, entgegnete ich. Und Onkel Faisal erhob sie sogar zu einem Muster an revolutionärer Gesinnung, einem modernen Exemplar der Sansculotten während der Französischen Revolution in Paris. Unter ihnen seien auch Arbeiterinnen gewesen, in denen man heute eine der Wurzeln der internationalen Frauenbewegung sehe, die gegen aristokratische Gepflogenheiten aufbegehrten, indem sie keine Kniebundhosen, sondern lange Hosen trugen.

Tante Souaidas Erscheinung und revolutionäre Autorität erfüllten mich stets mit Bewunderung und Freude, und so setzte ich mich gerne auf die Schwelle des Nachbarhauses, um ihren emsigen Bewegungen zuzusehen, für die ihr schwerer Körper kein Hindernis darstellte. »Sitz nicht auf der Schwelle, Djudju«, rief sie mir dann zu, »die Dschinn halten dort Hochzeit, und du störst sie!« Sie war die Einzige, die mich Djudju rief, denn Kosenamen waren in unserem Haus verboten. Ich erschauerte bei ihren Worten, setzte mich woandershin und dachte: ›Warum lassen die Dschinn eigentlich so viel Platz ungenutzt und tummeln sich nur auf den Türschwellen?‹

Irgendwann zog Onkel Faisal mit seiner Familie nach Bagdad, um an der Universität Kunst zu unterrichten. Er hatte von Freunden, die er von seinem Studium in Rom her kannte, ein verlockendes Angebot erhalten. Die Chance, an den Universitäten von Damaskus oder Aleppo eine Stelle zu bekommen, war für einen Nicht-Baathisten ohnehin gering. Er kämpfte zwar in einer seltsamen Mischung von Existenzialismus und Marxismus weiter gegen Privateigentum, Grundbesitz und die Reaktion, lebte aber von den Zinsen seiner Erbschaft, auch wenn von dem Land seines Vaters nur ein Bruchteil übriggeblieben war. Zum letzten Mal sahen wir ihn 1983, als er sich von uns verabschiedete, um nach Rom zu ziehen. Er hatte gerade eine einjährige Haftstrafe verbüßt, weil er trotz des vollständigen Abbruchs der Beziehungen zwischen Syrien und dem Irak Kontakt zu irakischen Staatsbürgern gehabt hatte. Von Rom ging er wieder nach Bagdad, wo er später promovierte. Trotz der Kriege im Irak verließ er das Land danach nicht mehr. Nachdem man ihn beschuldigt hatte, dem irakischen Flügel der Baath-Partei anzugehören, war es ihm auch gar nicht mehr möglich, zurückzukehren. Ihn plagte das Heimweh, bis er wenige Monate nach dem Einmarsch der Amerikaner starb.

Als ich im Jahr 2005 mit einer Alitalia-Maschine von Casablanca zu einer Tagung über mediterrane Frauenmythen nach Mailand reiste, sagte der Steward durch, Käpt’n Qais Badran lasse die Passagiere grüßen. In vier Sprachen wurde der Name bestätigt: Der Pilot war tatsächlich Qais, der Sohn meines Onkels Faisal. Ich bat darum, ihn sehen zu dürfen, und etwa auf halber Strecke besuchte er mich an meinem Platz. Wir hielten uns lange in den Armen. Er war attraktiv und stark. Wie mein Vater hatte er den glühenden Blick der Badrans. Ich verliebte mich sofort in ihn und wünschte mir, immer bei ihm bleiben zu können. In Mailand stellte er mir seine italienische Frau vor und berichtete, dass sie alle nach der amerikanischen Besatzung des Irak nach Italien gezogen seien und dass seine Mutter Natalia vor einem Jahr an einem Stromschlag gestorben sei, als sie den Weihnachtsbaum schmückte.

Ein Spross Karmelheims

Nasser reiste wieder zurück nach Abu Dhabi, doch ich war zufrieden mit dem Lauf der Dinge. Ich ging ganz in meiner Arbeit auf, und wenn ich abends meine Akten schloss, spendete mir der Gedanke an ihn Licht und Wärme.

Wir hielten weder über Telefon, noch über E-Mail oder irgendeinen Messenger Kontakt. Die Frage nach unserer Beziehung sollte die Zeit für uns beantworten. Die Nähe, die er zugelassen hatte, war mir genug, und ihm reichte, wie er angedeutet hatte, der weibliche Trost, den ich ihm anbieten konnte. Aber die schmerzlichen Nachrichten aus meinem Land zerrissen das Wohlgefühl, in das er mich versetzt hatte, und ich stürzte erneut in einen Strudel düsterer Sorgen. Ich rief öfter bei meiner Familie in Raqqa an, um mich zu erkundigen, wie es ihnen gehe. Wenn die Verbindungen abbrachen, fragte ich meine Facebook-Freunde nach ihnen. Sie telefonierten mit ihren Angehörigen über die Satelliten der Kommunikationsfirma Thuraya, die in der Stadt mehrere Telecafés eröffnet hatte. Auf sie war man nun angewiesen, um seine Liebsten anzurufen oder von ihnen angerufen zu werden und sicher gehen zu können, dass sie wohlauf waren. Ich gab diesen Freunden meine Festnetznummer, und sie übermittelten mir daraufhin Nachrichten von meinem Vater oder einer meiner Schwestern, die dennoch beruhigend waren. Unser Leben war wirklich kompliziert geworden.

In dem eleganten Studio im Bezirk al-Rabieh im Westen Ammans, das für mich angemietet worden war, hatte ich mein breites Bett am Fenster stehen. Vom Bett aus hatte ich einen guten Blick in den Himmel und auf einen Garten an der anderen Straßenseite. Er war mit einem kleinen Wald bepflanzt und mit Stacheldraht umzäunt. An der gegenüberliegenden Wand, ging das Fenster zu einer Filiale der Arab Bank, dem Café al-Mawardy und ein Einkaufszentrum hinaus, doch weil von dieser Seite so viel Lärm kam, mochte ich dieses Fenster weniger. Nur ein Raum war in dieser an ein Loft erinnernden Wohnung durch eine Tür abgetrennt. Dort stand ein weiteres Bett und es gab ein eigenes kleines Bad. Den Rest der Wohnung trennten Möbel in einen Schlafbereich, einen Sitzbereich mit zwei kleinen Sofas und einer großen Bergère und ein kleines Büro mit Tisch, Stuhl und Aktenschrank, sowie eine amerikanische Küche und ein offenes Bad. Ursprünglich war die Wohnung mit vielen kleinen Bildern, Fotografien von Originalgemälden, und zwei Vasen mit künstlichen Blumen dekoriert. Doch meine erste Aktion beim Einzug in mein neues Heim hatte darin bestanden, all diesen Kram wegzuwerfen. Gerne hätte ich eigene Bilder – Originale – aufgehängt, denn wann immer ich Geld übrig hatte, erwarb ich ein Bild eines Künstlers, der gerade dabei war, sich seinen Weg in die Kunstwelt zu bahnen. Manche waren auch Geschenke von Künstlerfreunden, die ich auf meinen Reisen in ferne Länder kennengelernt hatte, wo ich als Anthropologin forschte, wie sich die Eigenheiten der Völker auf ihre Kunst auswirken.

Wegen meiner überstürzten Ausreise hatte ich das alles nicht mitnehmen können. So hatte ich mich mit einem Foto meiner Familie, einer antiken Öllampe und einem Foto von mir und dem früheren rumänischen Präsidenten Nicolae Ceaus¸escu begnügt, den man 1989 zusammen mit seiner Frau Elena durch Schüsse hingerichtet hatte.

Die Öllampe stammte den Archäologen zufolge noch aus der Abbasidenzeit. Wir hatten sie zusammen mit anderen Gegenständen gefunden, als wir das Wasserbecken im Garten ausgehoben hatten: mehrere Keramikfigürchen, Becher, Vasen und Essteller, von denen ein paar noch vollständig erhalten waren. Auch auf ein großes Becken aus weißem Marmor mit einem Relief von Ölzweigen am Fuß waren wir gestoßen. Mein Vater vermutete, dass es sich um ein Taufbecken aus byzantinischer Zeit handele und dass in alten Zeiten eine christliche Familie in unserem Haus gewohnt haben könne. Ein paar Verwandte verbreiteten das Gerücht, wir seien auf Gold gestoßen. Daraufhin ließ meine Schwester Djud die Grabungen nicht mehr aus den Augen und ging jeden Abend in der Erwartung zu Bett, am nächsten Morgen einen Schatz zu finden, der ihr gehören würde. Tatsächlich hätte jeder Bewohner unserer Gegend, wenn er unter seinem Haus gegraben hätte, ähnliche oder noch größere Funde gemacht. Durch die bewegten Zeiten sowie Beben und Erdrutsche hatten sich die Bodenschichten gegeneinander verschoben und die Hinterlassenschaften der Menschen verschiedener Epochen miteinander vermengt. Den Schatz, den wir gefunden hatten, beschlagnahmte der Forschungsausschuss für das Stadtmuseum. Wir behielten die Öllampe, die wie Aladins Wunderlampe aussah, und eines von zwei Gefäßen, in das wir Blumen pflanzten. Wir Kinder bettelten zwar, das Taufbecken behalten zu dürfen, weil wir gern einen Fischteich daraus gemacht hätten, aber Vater sagte das sei gegen das Gesetz.

Ich war zu jener Zeit sehr geschickt im Einsammeln von Spenden und trug ständig meine Quittungshefte mit mir herum. Dem Spender übergab ich eine Quittung über fünf, zehn oder fünfundzwanzig Lira, die ich zuvor aus dem Heft geschnitten hatte, und den Kontrollabschnitt des Blattes bewahrte ich als Eingangsbeleg auf. In Syrien boten sich immer und überall Gelegenheiten zum Spenden: Man spendete für die palästinensische Intifada, den Sudan oder den Südlibanon – und zwar unterwegs, auf dem Markt, bei den Gewerkschaften, in öffentlichen Ämtern. Wir zogen mit einer Genehmigung der Schule los, um das Geld einzukassieren, und mir entkam niemand, weder meine Mutter noch mein Vater, weder meine Onkel noch die Nachbarn, und sogar mein eigenes Taschengeld steuerte ich bei. Das Spendensammeln wurde zu meiner Dauerbeschäftigung, und ich brachte große Summen zusammen, einmal ganze zweitausend Lira. Diese außergewöhnlichen Erfolge erklärten, warum ich von meiner Schule für eine Reise nach Damaskus vorgeschlagen wurde, wo ich am Empfang Nicolae Ceaus¸escus teilnehmen sollte, der zu einem Staatsbesuch nach Syrien kam. Als ich mit Maya, der Tochter eines hohen Funktionärs, einer Mitschülerin, die man ebenfalls für den Empfang ausgewählt hatte, eintraf, erfuhr ich, dass man für das Protokoll ein hübsches Mädchen suchte, das Nicolae Ceaus¸escu Blumen überreichen solle. Ich frohlockte, meldete mich sofort und sagte, ich würde das übernehmen. Der Protokollbeamte musterte mich, wie ich mit meinen nicht einmal zehn Jahren in meinem kurzen, dunkelblauen Rock und weißer Bluse, den Strümpfen mit Seidenbändern, den neuen Schuhen und mit einem Haarknoten auf dem Kopf vor ihm stand. »Du überreichst ihm den Strauß«, sagte er zu mir, »komm ihm dabei aber nicht zu nahe, es sei denn, er gibt dir einen Kuss!« Maya war wie vor den Kopf gestoßen und schaute wütend zu mir herüber. Schließlich hatte niemand das Recht, in Anwesenheit der Tochter eines hohen Staatsfunktionärs in den Genuss irgendeiner Gunst zu kommen, geschweige denn der Ehre, dem Genossen Nicolae Ceaus¸escu einen Blumenstrauß zu überreichen. Der Aufseher, der uns begleitete, versuchte zu intervenieren, um die Rollen zu tauschen, aber der Beamte war sich seiner Sache sicher. Der Blumenstrauß war groß und duftete, er bestand aus roten und weißen Blumen, eingerahmt von üppigem Blattgrün. Selbst nach all den Jahren sehe ich sie noch vor mir leuchten. Der hohe Gast kam auf die Bühne des Offiziersklubs, und bevor er sich auf seinem Platz niederließ, trat ich vor ihn hin und reckte mich zu ihm hinauf, denn er war sehr hochgewachsen. Mit seinem weißen Haar und seinen beinahe siebzig Jahren beugte er sich zu mir herab, und ich erinnere mich noch an die vielen Flecken auf seiner Hand, die er auf meine legte, als er die Blumen entgegennahm. Er kam mir vor wie mein Opa, und ich ignorierte die Worte des Beamten und schob mich ganz nah an ihn heran. Ein frischer Duft wehte mir von seinem Hals entgegen, und wir tauschten jeweils einen Kuss.

Vier Jahre nach dieser Begegnung mit Nicolae Ceaus¸escu lud mich Maya ein, sie zu besuchen. Sie schaltete das Videogerät ein und zeigte mir einen Film von der improvisierten Gerichtsverhandlung, der damals nicht öffentlich gezeigt werden durfte. Ceaus¸escu und seine Frau Elena standen vor dem Militärtribunal. Es war mir unmöglich, all die Anschuldigungen zu glauben, die man gegen diesen Mann erhob, der nach frischem Schnee auf hohen Buchen geduftet und mich so herzlich geküsst hatte. Jetzt saßen er und seine Frau zerzaust vor ihren Richtern, wie ein armes Elternpaar, das seinen einzigen Sohn ins Grab verabschiedet hat. Vehement kämpften sie um ihre letzten Momente, bestanden darauf, wenn sie denn sterben mussten, dann zumindest gemeinsam. Bis zum Ende der Gerichtsverhandlung konnten sie nicht verstehen, was ihnen geschah oder dass sie tatsächlich als Diktatoren angeklagt waren. Genauso wenig wie ich, vor allem wenn ich an die Flecken auf Ceaus¸escus weißer Hand dachte. »Fasst mich nicht an!«, schrie seine Frau Elena. »Warum fesselt ihr mich? Ich war doch eure Mutter, ich bin eure Mutter!« Ihre ohrenbetäubenden Schreie durchschnitten die Luft als wären sie wahr. Nicolae war gefasster. Ich weinte mir die Seele aus dem Leib., und ich glaube, der Wärter, der sie auf ihrem letzten Weg begleitete, hatte ebenfalls geweint. Wir hörten Schüsse, dann wurde die Kamera auf die leblosen Körper gehalten. Ein Arzt kam, schloss dem Präsidenten die Augen und erklärte ihn für tot.

Mayas Vater starb später in Damaskus, mehrere Jahre nachdem er dorthin entsandt worden war. Ich ging damals zu ihr, um ihr mein Beileid auszusprechen. Wir saßen in einem opulenten Salon der Villa auf einem Hügel außerhalb der Stadt. Als ich meine Handtasche auf einem Tisch neben meinem Platz ablegte, ließ ich den Blick über die prunkvollen Möbel schweifen. Die Basis dieses Tisches bildete das byzantinische Taufbecken, das wir an unserem Haus gefunden hatten. Auf der Tischplatte, einer kreisförmig zurechtgeschnittenen Glasscheibe mit abgerundeten Rändern, stand in einem Goldrahmen und mit einem schwarzen Band versehen das Bild des Verstorbenen, gleich daneben die Tasse mit bitterem Kaffee, den ich im nächsten Moment auf die Ruhe seiner Seele leeren würde.

*

Wenn sich die Nacht auf die Gegend von al-Rabieh herabsenkte, wurde der Garten vor meinem Bett zu einem Windkanal. Ich hörte kreischende Laute, ein Jammern von Katzen, und die Bäume verwandelten sich in eng umschlungen tanzende Gespenster. Dann rollte ich mich im Bett zusammen und floh mit meinem Blick zum Himmel, denn er wirkte vertraut. Je länger ich ihn anstarrte, desto näher kam er, und die Sterne erschienen mir wie Konfekt. Ich hätte nur die Hand ausstrecken müssen, um mir eins zu greifen. Der Himmel hier glich dem über unserem Haus.

Doch seit ich Nasser kennengelernt hatte, war der Blick aus dem Fenster nur noch die Kulisse für meine Gedanken an ihn, während ich auf den Schlaf wartete. Er wanderte unkontrolliert durch meine Gedanken, war mal meine Zuflucht wie eine Höhle, mal fing er mich auf wie ein Kissen. Manchmal war er auch nur der kleine verwöhnte Junge von nebenan. Ich wusste, dass ich ins Träumen geriet. Aber wie damals die Wortfetzen der Passanten vor dem Fenster, waren jetzt Nassers Gesichtszüge und unsere Gespräche, die ich mir in Erinnerung rief, der Rohstoff für bildreicheTräumereien, die mich morgens glücklich aufwachen und nach unserer nächsten Begegnung sehnen ließen.

Nach weniger als einem Monat rief Nasser an, erklärte, sein Flugzeug sei gerade gelandet, wenn ich nichts anderes vorhätte, würde er gerne mit mir zu Abend essen. Als ich auflegte, biss ich mir überwältigt von dieser freudigen Überraschung heftig auf die Lippen. Es bedurfte weder weiser Worte noch rätselhafter Anspielungen, um in Aufregung zu geraten. Ein kleiner Anruf vom Flughafen genügte, denn er bedeutete, dass wir mutig genug waren, um unseren Gefühlen treu zu bleiben und stark genug, mit den möglichen Folgen umzugehen.

Um halb neun sahen wir uns wieder, Nasser erwartete mich in der Lobby des Intercontinental. Er umarmte mich wie ein Vater, der seine verlorene Tochter wiedergefunden hat. Zum Abendessen gingen wir dann gemeinsam in eins der Restaurants des Hotels Bourj al-Hamam hinüber. Wir tauchten sofort wieder in unsere Gespräche ein.

»Du hast mich gerettet!«, gestand ich ihm. »Wirklich, ich bin der Nachrichten so müde.«

»Ich weiß, sie sind furchtbar, Raqqa ist zerstört. Wie geht es deiner Familie?«

»Sie haben es schwer. Die Bomben schlagen ganz in der Nähe ein, und die Angehörigen der Milizen mischen sich unter die Zivilisten. Aber bis jetzt geht es ihnen noch besser als vielen anderen.«

»Werden sie nicht ausreisen?«

»Mein Vater will unbedingt bleiben.«

Nasser zog die Augenbrauen hoch, wollte etwas sagen, schwieg dann aber. Also redete ich weiter: »Als wir noch klein waren, hieß es immer, in fernen Ländern gebe es Krieg, Tod, Misshandlungen, Vertreibung, Krankheit, Zerstörung, Armut und Erniedrigung. Ich habe immer fest geglaubt, dass diese fernen Länder auch fernbleiben würden. Niemals wäre mir eingefallen, dass mein eigenes Land betroffen sein könnte!«

»Ich kenne Raqqa nicht, ich bin nie dort gewesen. Einmal haben wir auf einer Reise die Dschabar-Festung besucht, aber in der Stadt waren wir damals nicht. Es hieß, sie sei eine einzige archäologische Zone, und der Euphrat sei sehr schön dort.«

»Genau, seit 10.000 vor Christus baute sich eine Kultur auf die andere. Es stehen noch antike Bauwerke aus der Zeit der Römer, der Umayyaden, Abbasiden und Seldschuken. Selbst während der osmanischen Herrschaft und der französischen Besatzung spielte die Stadt noch eine aktive Rolle. Danach allerdings erinnerte sich niemand mehr an sie, jede Regierung hat sie vergessen. Sie war nur von Interesse, wenn man über eine Stellung für einen Funktionär nachdachte, dessen Taschen noch gefüllt werden mussten. Und jetzt hat ebendiese Regierungsclique die Stadt ganz aufgegeben, um sich von ihrer Last zu befreien, und sie den extremistischen Gruppierungen ausgeliefert. Und damit wurde sie zum Schauplatz von Schlachten und kranken Ideologien. Alle treffen dort aufeinander: die Freie Syrische Armee, die al-Nusra-Front, der Islamische Staat. Allerdings weigere ich mich, überhaupt einen Unterschied zwischen diesen Gruppen zu machen, für mich bedeuten sie alle nur Zerstörung. Die Schlimmsten sind die, die sich ISIS nennen. Selbst Al-Qaida hat sich wegen ihrer Brutalität von ihnen losgesagt. Wie soll Raqqa sie ertragen!«

»Vielleicht gibt es eine Strategie, um sie loszuwerden.«

»Egal welche Strategie, sie wird auf Raqqas Bürgern ausgetragen werden. Auch wenn sie hieße, ISIS mit einem Schlag zu vernichten, würden Zivilisten, meine Familie und Syrer getötet. Oder die Welt gibt Raqqa auf, wie unsere Regierung und ein einziger mit Mosul verbundener Korridor entstünde, was der Türkei in die Hände spielen würde.«

Von einem der Nachbartische drang lautes Gelächter herüber, und ich drehte mich um. Eine Gruppe von fünf Männern und zwei Frauen saß dort. Einen von ihnen erkannte ich wieder.

»Dieser Mann da ist ein Akademiker von der Universität Damaskus, der sich urplötzlich in einen ›erbitterten Regimegegner‹ verwandelt hat. Überall Syrer. Auch der Mann neben ihm, früher ein gefragter Star in Politsendungen. Heute schwafeln sie von Demokratie, Gleichheit und Freiheit in Syrien. Ich weiß gar nicht, warum sie hier sind. Und jetzt sitzen sie einfach hier im Intercontinental, während genau in diesem Augenblick ihretwegen Menschen sterben und Häuser zerstört werden. Auch ich bin wegen solcher Leute geflohen.«

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