Kitabı oxu: «Sein Blick heilt dein Herz»

Şrift:

Über die Autorin:

Sheila Serrer ist 1995 geboren, mittlerweile wohnhaft in Lorch, in der Nähe von Stuttgart, und ist gelernte Erzieherin. Mit 20 Jahren entschied sie sich dafür, Jesus nachzufolgen. Daraufhin absolvierte sie einen Freiwilligendienst bei den Fackelträgern in Rumänien (2017) und fing in dieser Zeit an, zu bloggen. Daraus entwickelte sich ihre große Leidenschaft, über ihren Glauben zu schreiben. Seit Herbst 2019 studiert sie in Stuttgart Mediapublishing und möchte mit ihren Worten und ihrer persönlichen Geschichte insbesondere junge Mädchen und Frauen ermutigen.


Inhalt

Vorwort

Kapitel 1: Ein Blick zurück

1.1 ... auf meine Vergangenheit

1.2 … auf mein früheres Selbstbild

Kapitel 2: Dein Blick

2.1 … trifft mich zum ersten Mal

2.2 … lässt mich nicht mehr los

2.3 … lässt mich die Wahrheit sehen

Kapitel 3: Mein Blick aus geöffneten Augen des Herzens

3.1 … lässt mich mit deinen Augen sehen

3.2 … erkennt dich

3.2.1 … als den, der mich nicht verlässt

3.2.2 … als den, der mir die Liebe gibt,

die ich brauche

3.2.3 … als den, der mich versorgt

3.2.4 … als den, der treu ist

Kapitel 4: Dein Blick verändert

4.1 … den Blick auf mich selbst

4.2 … und mein ganzes Leben –

und lässt mich singen

Nachwort: Sein Blick heilt mein Herz – und deines auch!

Dank

Vorwort von Inka Hammond

Sheilas Geschichte zu lesen ist für mich, wie in einen Spiegel zu schauen. Immer wieder entdecke ich Fragmente meiner eigenen Seele, Meilensteine meines eigenen Weges. Im Lesen finde ich mich selbst, fühle mich verstanden und deshalb geborgen.

Als ich vor einiger Zeit selbst mein Herz geöffnet und meine Geschichte für andere aufs Papier gebracht habe, da zitterten mir die Knie und mein Mut flatterte wie ein ängstlicher, kleiner Vogel. Ich erwartete Ablehnung und Unverständnis, bestenfalls ein emphatisches Zunicken. Aber was dann tatsächlich passierte, übertraf alles, was ich mir je hätte vorstellen können: Frauen lasen meine Geschichte und fanden sich selbst. Und in diesem Wiedererkennen und dem Gefühl von Verstanden-werden und Geborgenheit, wuchs Hoffnung auf einen Neuanfang.

Wenn wir uns verletzlich machen und andere mit hineinnehmen in den Zerbruch unserer Seele, keimt etwas auf: zarte Stärke. Wir erkennen: Wir sind nicht allein, da ist noch jemand durch so ein schreckliches, dunkles Tal gewandert; da gibt es noch andere, die meinen Schmerz nachvollziehen können. Und das macht Mut!

Doch es passiert noch viel mehr: Das eigene Herz darf wieder atmen und dem Leben entgegenvibrieren. Wenn wir unsere Geschichten teilen und nicht beim Schmerz stehenbleiben, laden wir zu neuem Leben ein. Wir teilen Hoffnung, wir stärken Rücken, wir zeigen: Es gilt, neue Kapitel zu schreiben!

Sheila macht mit ihrem wunderbaren, zerbrechlichen und offenherzigen Buch genau das: Sie teilt ihren Schmerz und lädt zu neuer Hoffnung ein. Weil es einen Gott gibt, der unseren Schmerz kennt – ihn sogar selbst erlebt hat – und deshalb mit uns mitfühlen kann. Weil es einen Gott gibt, der uns sieht und weil sein Blick nicht enttäuscht, frustriert oder ablehnend ist. Wer einmal diesen Blick im Innersten seines Seins wahrgenommen hat, bleibt nicht derselbe. Sheila hat das erlebt und nimmt uns mit auf ihre Reise hin zu diesem Gott, der alles neu macht und der uns einlädt in ein Leben voller Farben, Freude und Frieden.

Egal, was das Leben uns vorher vor die Füße geschmissen hat; egal, wie oft unsere Hoffnung geraubt, unsere Identität beschmutzt und unsere Würde mit Füßen getreten wurde – die Liebe dieses Gottes macht es uns möglich, weiterzugehen, wieder zu lieben, neu zu fühlen, tief zu empfinden und voller Erwartung zu empfangen.

Dieses Buch wird dich an das erinnern, was eigentlich möglich ist. Sheilas Geschichte ist wie ein Hafen, in dem wir unsere müden Segel einholen und uns von den sanften Wellen schaukeln lassen dürfen. Es ist okay, wenn es wehtut. Es ist okay, wenn du eine Pause brauchst. Ich glaube, Gott möchte durch Sheilas Worte die morschen Holzplanken deines Herzens erneuern, die Sturmschäden ausbessern, die abgesplitterte Farbe abschleifen, sie frisch übermalen und deinem Lebensboot schließlich einen neuen Namen geben. Du wirst beim Lesen spüren, wie neuer Wind deine Segel füllt und wie dein Herz sich wieder öffnet für die Abenteuer da draußen auf hoher See.

Ich wünsche mir, dass wir mehr und mehr solcher Geschichten wie Sheilas lesen und hören. Ich wünsche mir, dass mehr und mehr Frauen den Mut haben, zu ihren Schwächen zu stehen und gerade darin ihre größte Stärke zu finden. Ich wünsche mir, dass mehr und mehr Frauen so mutig ihre Stimme erheben und anderen den Weg aufzeigen. Ich wünsche mir, dass wir mehr und mehr Jesus erlauben, unseren tiefsten Schmerz zu berühren, um dann Heilung zu finden.

Ich wünsche mir, dass wir den Mut haben, zu glauben, dass Gott wahrhaftig über jede Hoffnungslosigkeit triumphiert. Sheilas Buch wird zu alldem beitragen, da bin ich mir sicher.

Für all die scheinbar Übersehenen,

ihr seid gesehen,

und für Jesus,

den Gott, der mich sieht.

Dein Blick heilt mein Herz

Ich habe nie nach dir gesucht,

manchmal gedacht, ich sei verflucht.

Ich habe nie nach dir gefragt,

einmal zu viel versagt,

doch deine Liebe fand mich hier,

verirrt, gebrochen gabst du mir

den größten Schatz: deinen Blick auf mir.

Du schreibst meine Geschichte neu,

du schenkst mir Flügel, machst mich frei.

Du liebst mich heil, du füllst mich aus,

ich habe heimgefunden – in dein Haus.

Vorwort

Ich weiß nicht, wer du bist, und welche Träume du hast, während du die Seiten dieses Buches durchblätterst. Vielleicht stehst du gerade mit beiden Füßen fest auf sicherem Boden und dein Leben könnte nicht schöner sein. Aber vielleicht sind die Schritte, die du gerade gehst, auch zögerlich und ängstlich und der Weg, den du beschreiten musst, ist mühsam und schmerzhaft. Ich kenne beides. Und ich weiß inzwischen, dass Gott uns in beidem ganz nahe ist – und uns sieht. Um diesen liebevollen Blick Gottes soll es in meinem Buch gehen.

Genau genommen geht es um vier unterschiedliche Blicke, die mein Leben verändert haben: Gottes Blick, der schon seit Anbeginn der Zeit auf jedem von uns ruht – und so auch auf mir – ist der erste Blick, um den es in meinem Buch geht. Diesen Blick zu erwidern, war die beste Entscheidung, die ich jemals getroffen habe. Und durch diese Entscheidung hat sich auch mein Blick auf die Welt, auf Gott und auf meine Mitmenschen verändert – und letztlich auch mein Blick auf mich selbst. Denn ob wir uns von Gott anschauen lassen und wie wir auf diesen Blick reagieren, hat einen entscheidenden Einfluss auf den Zustand unseres Herzens.

Blicke können entweder Liebe und Segen in ein Menschenleben bringen oder dort viel Verwüstung und Schaden anrichten. Deswegen ist Gottes Blick auf unser Leben umso wichtiger, wenn nicht sogar überlebenswichtig für unser Herz. Denn wenn wir lernen, seinen liebevollen Blick zu erwidern und uns nicht länger ängstlich seiner Liebe und Zuneigung entziehen, können Wundergeschichten geschrieben werden. Und meine Geschichte ist so eine Wundergeschichte.

Ich nenne sie auch meine persönliche Liebesgeschichte mit Gott. Sie handelt davon, was in und seit dem Sommer passierte, in dem Gott mich fand und ich ihm daraufhin mein Leben übergab. Meine Geschichte soll euch erzählen, wie ich gelernt habe, seinen Blick auf mir auszuhalten und meinen Blick voller Hoffnung in die Zukunft zu richten. Denn die Blicke, die man mir in den Jahren zuvor zugeworfen hatte, waren nicht immer von Liebe und Fürsorge geprägt gewesen – im Gegenteil: sie lasteten oft schwer auf mir, machten mich unsicher und ängstlich.

Als ich vor vier Jahren im Gemeindehaus meiner jetzigen Gemeinde saß und das erste Mal die Lieder sang, die nun meine täglichen Ohrwürmer sind, wusste ich noch nicht, dass ich in nicht allzu ferner Zukunft die Chance bekommen würde, alles, was mir widerfahren war, in einem Buch festzuhalten. Wenn du mir das damals erzählt hättest, hätte ich dir wahrscheinlich einen Vogel gezeigt und laut gelacht. Denn mit alldem, was ich gerade erlebe, hätte wohl niemand gerechnet. Und ich selbst am wenigsten. Und so handelt meine Liebesgeschichte mit Gott davon, wie er mir ein neues Herz geschenkt hat. Ein Herz, das im Takt seiner Hoffnung schlägt, ein Herz, das Stück für Stück heilt und lernt, zu vergeben. Doch bis es so weit kam, verging einiges an Zeit. Es verging eine Zeit, in der ich das Leben von der anderen Seite kennenlernte. Von diesem Leben ohne Gott werde ich dir ebenfalls erzählen.

Ich kenne die Schmerzen, Herzensnöte und ungnädigen Blicke, denen man als junge Frau ausgesetzt sein kann, ich habe selbst so lange gegen sie angekämpft. Es war ein Kampf gegen mich selbst. Gegen mich selbst und dieses wiederkehrende Gefühl der inneren Leere. Da war eine unbeschreibliche Sehnsucht in mir und ich wusste nie, wer oder was sie stillen könnte.

Es fühlte sich ganz oft an wie eine trockene Wüste, über die ein Sandsturm fegte, und mitten in dieser Wüste war ich am Verdursten. Ohne Halt, ohne Orientierung, und ohne ein Ziel, auf das ich meinen Blick richten konnte. Denn durch dutzende Umzüge und Abschiede, vor allem aber durch die Alkoholkrankheit und bipolare Störung meines Vaters und die schwierigen Umstände in meiner Familie, hatte ich den Blick in die richtige Richtung verloren, und eine seelische Trockenheit und große Angst überkamen mich immer und immer wieder. Sie waren in den Jahren, in denen ich noch nicht gläubig war, beinahe mein täglicher Begleiter.

Als ich Gott mein Leben anvertraute, ging ich davon aus, dass sich von nun an alles ändern würde. Aber dem war nicht so. Auch nachdem ich mich für ein Leben mit Jesus entschieden hatte, blieben die große Sehnsucht und der Durst nach Mehr nicht aus. So wurde mir eine Sache klar: Meine Erlösung und meine persönliche Heilungsgeschichte, die die Verarbeitung meiner größten Verletzungen und mein Trauma der Vergangenheit beinhaltet, sind zwei Paar Schuhe. Ja, Jesus starb für uns am Kreuz. Ja, er nahm all unsere Schuld an unserer Stelle auf sich und ja, durch seine Wunden können unsere eigenen heilen. Ja, er kennt unseren tiefsten Schmerz und die wunden Stellen in unserem Herzen, die wir vor der ganzen Welt verstecken wollen. Und er wohnt in unserem Schmerz. Aber entgegen all unserer Wünsche und Hoffnungen bleiben die anderen „Jas“ eben auch bestehen: Ja, ich wurde verletzt. Ja, man hat mir mein Herz gebrochen und ja, mir wurde Unrecht getan. Ja, die Schatten meiner Vergangenheit können mich auch weiterhin einholen und ja, ich musste mich erst von all diesen Erlebnissen erholen und langsam gesund werden.

Ich verstand damals schnell, dass unsere größte Schuld am Kreuz von Golgatha hängt, aber bis ich verstand, dass dort auch unsere größte Angst hängt und dass Jesu Blut auch unsere Wunden heilen will, dauerte es wesentlich länger. Ja, ich glaube, dieser Prozess kann Jahre, wenn nicht sogar ein ganzes Leben lang andauern.

Möglicherweise kennst du dieses Gefühl der inneren Leere und diese inneren Stürme selbst nur zu gut. Wenn das so ist, dann will ich dir zuwinken und dir ein „Hallo“ und ein „Bleib doch ein wenig“ zuflüstern. Vielleicht kann es dir helfen zu hören, wie Gott die Leere in mir gefüllt hat und wie er mich immer wieder neu (er)füllt. Er ließ mich durch gefühlt nie enden wollende Wüsten laufen, in denen ich das ein oder andere Mal tatsächlich glaubte, innerlich zu verdursten. Aber genau dort in der Wüste fand er mich. Und indem er mich ansah, als ich dreckig, traurig und verzweifelt war, öffnete er mir meine Augen für seine Wahrheiten und für ihn selbst: für unseren Wegbereiter. Wundervollbringer. Versprecheneinhalter. Und unser Licht in der Dunkelheit (wie es in dem wunderschönen Song „Way Maker“ von Leeland besungen wird). Und dieser Gott möchte auch dein Herz heilen.

Ich weiß nicht, worin deine Kämpfe bestehen, und vielleicht kannst du dir deine Kämpfe nicht einmal selbst erklären. Aber vielleicht kann dir meine Geschichte ein wenig die Angst nehmen. Und vielleicht kann sie dir Mut machen, dich ebenfalls diesem wunderbaren Gott anzuvertrauen. Er weiß um das alles. Er weiß darum. Und nicht nur das: Er weiß auch um das Warum. Er kennt deine Geschichte und ihre Gründe, und sie sind ihm nicht egal. Und das Wunderbare an Gott ist seine Fähigkeit, dass es ihm ein Leichtes ist, aus unseren Trümmern Paläste zu bauen, Asche in Schönheit zu verwandeln – und ein gebrochenes Herz heilzulieben. Er lässt aus unserem Warum ein Wozu werden. Er verwandelt unsere größte Wunde in das größte Wunder. Und unsere Angst in Vertrauen. Er kann das, denn nichts ist ihm unmöglich. Ich habe es selbst erlebt!

Ich will meine Geschichte all denen erzählen, die Jesus kennen- und lieben gelernt haben. Wenn du Jesus schon kennst, hilft sie dir vielleicht, dich an seine Gnade und sein liebevolles Handeln in deinem Leben zu erinnern. Vielleicht hilft sie dir auch, das Feuer in dir wieder neu zu entfachen, und vielleicht lässt sie dein Herz sich wieder nach Mehr sehnen.

Mein Buch soll aber auch für all diejenigen sein, die bisher nichts von Gott wissen wollten. Für diejenigen, die mit Halleluja und Gnade nichts anfangen können. Euch will ich zusagen: Ich war eine von euch. Ich habe nie nach Gott gesucht. Ich habe das Ganze mit dem Glauben nie verstanden. Ich wollte nicht an einen guten Gott glauben, nach allem, was mir die Welt zugefügt und genommen hatte. Ich sehe euch und ich verstehe eure Zweifel. Ich war auch jemand, der sich übersehen gefühlt hat. Vielleicht kann dir meine Geschichte deshalb helfen, ein bisschen mehr zu erkennen, wie dieser Gott ist, der diese Welt geschaffen hat – und dass es sich lohnt, an ihn zu glauben und sich seinem unendlich liebevollen Blick auszusetzen.

Und wenn es eines gibt, das ich in den letzten Jahren gelernt habe, dann ist es, dass Gottes zärtlicher Blick wirklich jeden von uns gesund lieben will. Und zwar jeden Teil unseres Herzens. Es liegt an uns, ob wir es zulassen, dass sein liebevoller Blick unsere Vergangenheit streift und seine Güte und Führung von nun an unsere Zukunft bestimmt. Ich habe es zugelassen und möchte dir von meinen Erfahrungen erzählen. Also, bist du bereit, meine Geschichte zu hören?

Sheila

Kapitel 1: Ein Blick zurück

1.1 ... auf meine Vergangenheit

„Weil du teuer bist in meinen Augen und wertvoll bist und ich dich lieb habe, so gebe ich Menschen hin an deiner Stelle und Völkerschaften anstelle deines Lebens“

(Jesaja 43,4; ELB).

Ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der Gott keine bedeutende Rolle spielte. Ich glaubte zwar schon immer daran, dass es eine höhere Macht geben und dass irgendjemand diese Welt geschaffen haben musste, doch dass Gott tatsächlich ansprechbar war, ein lebendiges Gegenüber, das mich sah und liebte, daran verschwendete ich keinen Gedanken. Und hätte ich von seiner Liebe mir gegenüber gehört, hätte ich bei alldem, was mir bereits in frühen Jahren zugestoßen war, höchstwahrscheinlich nicht an sie glauben können. Oder wollen.

Unsere Welt dreht sich immer schneller und wir geben allen möglichen Dingen die merkwürdigsten Namen. Wir sind gut darin, „Hashtags“ für jeden Bereich unseres Lebens zu finden. Das hat mich darüber nachdenken lassen, welche Titel oder Tags ich wohl meinem Leben geben würde. Ja, wie würde wohl die Überschrift meines Lebens lauten?

Ich musste an all die Namen denken, dir mir im Laufe meines Lebens schon gegeben wurden, und an all die Rollen, in die ich selbst immer wieder geschlüpft war. Nur einen Titel für mein Leben – nein, den würde ich nicht finden können. Denn da gab es so vieles, was passiert war und mich geprägt hatte. Also bin ich auf folgende Schlagwörter oder „Hashtags“ gekommen: Schon immer ein Sensibelchen. Scheidungskind. Tochter eines Alkoholikers. Heimatlos. Ausgegrenzt. Benutzt. Opfer. Und es sind diese Sätze, die über meinem Leben stehen – oder standen: „Sie wollte alle retten, am liebsten ihren Papa. Aber das schaffte sie nicht. Und daran zerbrach sie.“

All diese dunklen Tage, auf die sich diese Worte beziehen, überschatteten so viele Jahre meines Lebens jede Freude und die vielen, schönen Momente, die ich erlebte – die es natürlich auch gab. Aber die verletzenden Worte und Gedanken saßen tief. Denn Worte können regelrecht zu Flüchen werden und dich genau dann einholen, wenn du wieder gegen sie ankämpfst. Aus Sprüchen werden dann subjektive Wahrheiten, und schmerzhafte Erlebnisse können zu inneren Kriegsschauplätzen werden, auf denen du noch jahrelang Angst hast, ums Leben zu kommen. Denn auch noch nach all den Jahren gibt es Nächte, in denen ich schweißgebadet oder weinend aufwache, weil mich die Erinnerungen aus meiner Vergangenheit wieder einmal im Traum eingeholt haben. Und wenn ich dann nicht aufpasse, ziehe ich doch wieder wie eine kleine Soldatin mit ihrer Rüstung in Kriege, die nie für mich bestimmt waren. Ich bringe mich in emotionale Abgründe, die eigentlich schon lange hinter mir liegen. Doch dann schaue ich wieder auf den, der die folgende Geschichte mit mir schrieb und meine Kämpfe für mich kämpft.

Im Frühling 2019 nahm ich an einem achtwöchigen Bibelschulprogramm der Fackelträger am Tauernhof in Österreich teil. Als ich meinem Bibelschulleiter, David Hines, damals meine Geschichte erzählte, schaute er mich nur stumm an. Er hatte nicht mit dem gerechnet, was er über mich erfuhr. Das geht vielen Menschen so. Denn mittlerweile habe ich mein Lächeln zurück und laufe an den meisten Tagen mit einer fröhlichen Gelassenheit und voller Dankbarkeit durch die Welt. Die vielen Narben auf meinem Körper von den Schnitten, die ich mir als Teenagerin selbst zugefügt hatte, sind noch der einzige sichtbare Beweis dafür, dass da mal etwas anders war. Dass dieses freie Lächeln nicht schon immer da gewesen sein kann.

Schon während sich David damals die Zettel durchlas, auf die ich meine Geschichte so gut ich konnte draufgekritzelt hatte, sah ich, dass ihn das, was er las, nicht kaltließ. Wir hatten zuvor die Aufgabe bekommen, zu Beginn des nächsten Gottesdienstes ein knapp zehnminütiges Zeugnis zu geben, das heißt, davon zu erzählen, was wir mit Gott erlebt hatten oder wie wir zum Glauben gekommen waren. Aber wie sollte ich in zehn Minuten erzählen, wie sehr Gott mich verändert hatte und wie mein Herz an manchen Tagen vor Dankbarkeit fast platzt, weil er mich gefunden hat?

Die Aufgabe stellte für mich ein Ding der Unmöglichkeit dar, weswegen ich David aufgesucht hatte. Ich erinnere mich noch so gut daran, welche gemischten Gefühle in mir hochkamen, während er vor mir saß und eine Seite nach der anderen las. Da war zum einen Scham. Oh, wie gut ich sie kannte! Ich hatte mich so lange für das geschämt, was Menschen mir angetan hatten, und was ich getan hatte. Zum anderen waren da Schuldgefühle. Misstrauen. Angst. All diese Gefühle versuchten sich für einen kurzen Moment einen Weg an die Oberfläche zu bahnen. Situationen wie diese waren immer ein Auslöser für all diese Gefühle gewesen. Aber ich wollte ihnen keinen Raum geben, nicht heute. Und das klappte auch immer besser. Ich hatte über die letzten Monate hinweg einen Weg gefunden, meiner Scham, meinen Verletzungen und meinem Trauma nicht mehr die Führung in meinem Leben zu überlassen. Mein Glaube an den lebendigen Gott war dieser Weg geworden. Denn ich hatte Jesus vor knapp drei Jahren mein Leben gegeben.

„Wow, Sheila“ war schließlich das Erste, was David zu mir sagte. Die meisten reagieren so, wenn ich ihnen das erste Mal von mir erzähle. Was er in diesem Moment dachte, weiß ich bis heute nicht genau. Jedenfalls sagte er dann: „Hätte ich deine Familie und dich kennengelernt, als du fünf Jahre alt warst, hätte ich dich abgeschrieben. Es tut mir leid, das zu sagen, aber bei diesen Bedingungen weiß man, wie die Geschichte oft ausgeht.“ David war vor seiner Zeit als Bibelschulleiter am Tauernhof Polizist gewesen und hatte jahrelang mit Leid und Gewalt in dieser Welt zu tun. Er hatte in dieser Zeit viele Familien kennengelernt und die Grundvoraussetzungen meines Lebens waren denen dieser Familien offensichtlich sehr ähnlich.

Und ehrlich gesagt wäre meine Geschichte auch anders ausgegangen – wären mir die wahre Liebe und unendliche Gnade in der Person von Jesus Christus nicht begegnet. Wir kennen die Geschichten von Mädchen, die, in einem unstabilen Elternhaus aufgewachsen, ihr Herz später an die falschen Dinge und Menschen verlieren, und damit oft auch ihre Würde. Ich war eine von ihnen. Aber ich bin es nicht mehr. Und das habe ich nicht mir selbst zu verdanken.

Oktober 1998

Meine Eltern heirateten früh, und zwei Jahre nach mir erblickte meine Schwester Shirin das Licht der Welt. Damals wohnten wir zu viert in einer kleinen Wohnung. Mein Papa fuhr jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit, während meine Mama uns zu Hause hütete. Was ich mittlerweile weiß, aber damals noch nicht mitbekam: Schon zu diesem Zeitpunkt trank mein Papa mehr Alkohol, als es normal war. Er kam regelmäßig mit einem leichten Schwips von der Arbeit und es kam vor, dass er an Wochenenden, an denen ich mit meiner Mama und meiner Schwester meine Großeltern besuchte, freitags von meiner Mutter an einer Gaststätte im Ort abgesetzt wurde und sie erst sonntags wieder verließ.

Doch von alldem bekam ich nichts mit, jahrelang nicht. Entweder verstand ich den Ernst der Lage nicht oder ich ignorierte ihn gekonnt. Schon damals begab sich mein Vater in Therapie, doch die Sucht holte ihn immer wieder ein. Erst Jahre später fanden wir heraus, dass einer der Gründe für die ständigen Rückfälle eine bipolare Störung beziehungsweise eine manische Depression war, an der er litt. Und sowohl jede Hochphase als auch jede Tiefphase brachten ihn zum Trinken.

Doch trotz seiner Alkoholabhängigkeit kümmerte sich mein Vater liebevoll um uns. Vielleicht machte es mir deshalb auch nichts aus, dass er trank. Er liebte mich und meine Schwester. Das wusste ich schon immer, und er hörte nie auf, uns das zu zeigen.

Von klein auf unternahmen mein Papa und ich regelmäßig Spaziergänge in der Natur, während meine Mama und meine kleine Schwester zu Hause auf uns warteten. Erst waren es nur er und ich, doch als meine Schwester älter wurde, wurde die Natur unser dreier Spielplatz. Die Zeit im Wald war zu einem richtigen Ritual geworden, bei dem wir unsere gewohnten Runden drehten, vorbei an Straßenschildern, großen Steinen und hohen Bäumen. Dabei erklärte uns mein Vater geduldig alles, was wir über die Welt wissen mussten. Bis heute weiß ich nicht, wer von uns diese Spaziergänge mehr liebte. Er oder wir Mädchen.

Die Leute sagen immer, ich wäre meinem Papa wie aus dem Gesicht geschnitten. Wir ähneln uns jedoch nicht nur äußerlich, sondern haben auch ein ähnliches Herz. Und unsere Herzen waren (und sind) so stark miteinander verbunden, dass es mich später fast meine eigene Gesundheit und mein Leben kostete. Denn als die dunkle Macht der Sucht immer wieder und mit aller Gewalt versuchte, meinen Papa zu zerstören, zerstörte es später auch zunehmend mich. Doch davon wusste ich als kleines Mädchen natürlich noch nichts. Wir zogen gemeinsam durch die Wälder und aus meinen kleinen Kinderaugen betrachtet war die Welt mit ihrer herrlichen Natur ein heiler Ort.

Kurz nach meinem sechsten Geburtstag zogen wir das zweite von bis heute 15 Malen um, und meine Eltern trennten sich aufgrund des immer exzessiveren Alkoholkonsums meines Vaters und einer anderen Frau in seinem Leben. Wir verließen ihn und das große Haus, in das wir erst vor einem halben Jahr umgezogen waren, und zogen ins Haus meiner Großeltern. Bei ihnen blieb ich dann auch, als meine Mama später für einige Zeit stationär in einer Psychiatrie aufgenommen wurde. Die Jahre im Kampf gegen die Sucht und die Trennung von meinem Vater, hatten sie in schwere Depressionen abrutschen lassen. Einem kleinen Mädchen muss keiner erklären, was eine Depression ist. Wenn du siehst, dass deine Mama nicht mehr aufhören kann zu weinen und nicht mehr aufstehen möchte, dann weißt du genau, was eine Depression ist, ohne den Begriff dafür zu kennen. Meine Schwester Shirin, die zu dieser Zeit erst vier war, wurde zu meiner Tante, die ein paar Dörfer weiter lebte, gebracht, und so erlebte ich das Ende meines letzten Kindergartenjahres ohne meine Eltern und meine Schwester.

Einige Zeit nach der Rückkehr aus der Psychiatrie fanden meine Mama, Shirin und ich dann eine eigene Wohnung im selben Ort, für mich begann die Schule und wir gingen wieder zur Normalität über – oder zu dem, was man als Normalität bezeichnen kann, wenn die Eltern getrennt leben und der eigene Vater mal hier und mal dort ist.

Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich freitags immer erwartungsvoll und glücklich von der Grundschule nach Hause lief, denn wir konnten am Wochenende immer unseren Vater sehen. Ich konnte es nie abwarten, Zeit mit meinem Papa zu verbringen, und vermisste ihn oft.

Als ich schließlich in der dritten Klasse war, hatte mein Vater seine neue Freundin wieder verlassen und versuchte einen Neubeginn mit meiner Mutter. Zwei Jahre war es inzwischen her, dass sich meine Eltern getrennt hatten und dass meine Mama das erste von vielen Malen nicht mehr aufhören konnte zu weinen.

Zum Zeitpunkt des Neubeginns hatte meine Mutter ihre Depression jedoch vorerst bekämpft und mein Papa hatte meine Mama scheinbar wieder lieb und besuchte uns immer öfter. Doch an einem Wochenende, das mir noch sehr deutlich vor Augen steht, sollte es nicht dazu kommen, dass wir Zeit zu viert verbringen würden. Und Situationen wie diese folgende sollten mich mein restliches Leben begleiten und eine tiefe Grube des Misstrauens in mir graben. Als ich an jenem Freitag mit meinem viel zu schweren Ranzen, vollgepackt mit Schulheften, den kleinen Pfad zu unserem Haus lief, kam mir meine Mama schon entgegen. Auch wenn ich noch ein kleines Mädchen war, verstand ich sofort, dass etwas faul war. Mir konnte man nichts mehr vormachen, und der sowieso schon schwere Schulranzen auf meinem Rücken fühlte sich auf einmal noch tausendmal schwerer an.

Als ich meine Mutter erreichte, schaute sie mich mit Tränen in den Augen an und stotterte zögerlich: „Es tut mir leid, aber ich habe deinen Papa weggeschickt, Sheila.“ Sofort ballten sich meine kleinen Hände zu Fäusten. „Nein“, dachte ich. Mein Atem wurde schneller und mein ganzer Körper spannte sich an. „Nein, nein, nein!“ Er durfte uns nicht wieder verlassen. Ich brauchte ihn doch!

„Nachdem er uns so lange hat warten lassen, kam er betrunken mit seinem Rucksack hierher. Es ist das Beste für uns, wenn wir ihn erst einmal eine Weile nicht mehr sehen.“

Sie nahm mich in dem Moment in den Arm, in dem ich in Tränen ausbrach. Ich wusste nicht, wohin mit meiner Wut und meiner Trauer. Und genau diese Gefühle der Hilflosigkeit und des Verlassenwerdens überkamen mich die nächsten Jahre immer und immer wieder. Gefühle der Ohnmacht, die quälende Frage, ob man selbst nicht etwas tun könnte, um die Situation zu verändern, sowie die Angst, einen geliebten Menschen zu verlieren, sind aufgrund von Situationen wie dieser zu meinen täglichen Begleitern geworden.

Als kleines Kind weiß man nicht, auf wen oder was man seine Wut richten soll, und kann einfach nicht verstehen, warum die Welt einem seinen geliebten Vater wegnimmt. Ich erinnere mich daran, dass alles, was ich damals wollte, einfach nur Zeit mit meinem Papa war. Es war mir egal, wenn er trank. Ich wollte ihn lieber betrunken um mich haben, anstatt getrennt von ihm zu sein.

Ich hätte das alles ausgehalten, dachte ich immer. Hauptsache ich wäre in seiner Nähe gewesen. Ich wollte doch einfach nur bei meinem Papa sein.

Ich weinte an jenem Nachmittag noch sehr lange in Mamas Armen. Und wahrscheinlich weinte sie mit.

Einige Monate später zogen wir erneut um, doch dieses Mal ein paar Hundert Kilometer weiter weg. Berlin sollte mein neues Zuhause sein. Meine restliche Grundschulzeit verbrachten wir dort. Meine Mutter hatte einen neuen Mann kennengelernt und mit ihm baute sie sich weit weg von der alten Heimat ein neues Leben auf. Und weil mein Papa in unserer Nähe sein wollte, zog er an die nahe gelegene Ostsee. Inzwischen durften wir uns auch endlich wieder regelmäßig sehen. Er hatte eine lange Therapie hinter sich und trank nicht mehr. Meine Schwester und ich verbrachten viele Wochenenden voller Abenteuer und Freude bei ihm am Meer. Mehrere Sommer verbrachten wir dort am Strand und erlebten ein Abenteuer nach dem anderen mit ihm. Und in all der Zeit fing er nicht wieder an zu trinken.

Er erklärte uns, wie immer, viel über die Natur und die ganze Welt, und vieles von dem, was ich heute weiß, weiß ich, weil er es mir liebevoll erklärte. Für mich und meine Schwester war die Zeit an der Ostsee aufregend und schön. Doch das Ganze bekam auch immer wieder einen bitteren Beigeschmack, wenn wir uns von unserem Papa verabschieden und zu zweit in den Zug nach Hause setzen mussten. Ohne ihn.

Ich weiß noch, wie stolz ich in dieser Zeit auf meinen Vater war, dass ich ihn jahrelang trocken sah. Er war mein Held und eben doch stärker als seine Sucht. Zu dieser Zeit begriff ich auch, dass sein Verhalten nichts mit mir zu tun gehabt hatte. Ich begann seine Alkoholabhängigkeit als eine böse Krankheit zu sehen, die mir meinen Papa immer wieder weggenommen hatte. Doch nun glaubte ich ganz fest daran, dass er nie mehr trinken würde. Ich wusste damals noch nicht, dass der Kampf gegen den Alkohol noch lange nicht gewonnen war. Und dass ich es nicht wusste, war wahrscheinlich auch besser so. Denn die unerschütterliche Liebe, die ich meinem Papa gegenüber empfand, ließ mich nie aufgeben und immer weiter hoffen – auch wenn sie gleichzeitig meine spitzeste Scherbe wurde, an der ich mich später immer wieder schneiden sollte. Doch mit neun Jahren war er für mich einfach nur ein Held. Wir radelten an vielen Wochenenden unbeschwert über den Damm, und ich ahnte nicht, dass die Sucht ihn mir noch viele weitere Male wegnehmen würde. Und ich ahnte auch nicht, dass mir die Welt noch mehr Schmerzen zufügen würde, als es für mein kleines Kinderherz gesund sein würde.

23,64 ₼
Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
17 aprel 2022
Həcm:
160 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9783961224722
Naşir:
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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