Kitabı oxu: «Veränderungskompetenz fördern»
Die Autorin

Dr. Sibylle Tobler beschäftigt sich seit 1995 mit dem Thema »Veränderungsprozesse«. Als (Co-)Gründerin/Geschäftsführerin zweier Arbeitsintegrationsfirmen in der Schweiz begleitete sie während zehn Jahren rund 400 Menschen in beruflicher Veränderung. Parallel dazu arbeitete sie während sechs Jahren als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bern. In ihrer Dissertation entwickelte sie ein Modell lösungsorientierter Kurzberatung für Menschen in beruflichen Übergängen. Publikation 2004 im Buch »Arbeitslose beraten unter Perspektiven der Hoffnung«. Seit 2005 arbeitet Sibylle Tobler in eigener Firma als Referentin und Beraterin mit Organisationen, Führungspersonen und Professionals zusammen, die Menschen in Veränderungsprozessen begleiten. Dazu entwickelte sie den Veränderungskreis, ihr Konzept zu den Schlüsselfaktoren erfolgreichen Umgangs mit Veränderung. Dieses Konzept lässt sich in unterschiedlichste Kontexte übertragen. Es wurde 2009 im Buch »Neuanfänge – Veränderung wagen und gewinnen« publiziert. Weil es im Umgang mit Veränderung oft Hindernisse gibt, erschien 2015 ihr Buch »Die Kunst, über den eigenen Schatten zu springen oder wie Sie Schwierigkeiten bei Neuanfängen meistern«. Im vorliegenden Buch »Veränderungskompetenz fördern« richtet sie sich an Professionals und Führungspersonen, die Veränderungskompetenz bei anderen fördern wollen – motivierend und effektiv. Sibylle Tobler ist Schweizerin, lebt mit ihrem Mann in Den Haag (NL) und arbeitet im deutschsprachigen Raum. Kontakt zur Autorin via www.sibylletobler.com.
Sibylle Tobler
Für Chitra, in deren Garten alles zum Blühen kommt und für alle Professionals, die Menschen befähigen, das Leben zu gestalten
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1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-036028-0
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-036029-7
epub: ISBN 978-3-17-036030-3
mobi: ISBN 978-3-17-036031-0
Inhalt
1 Einleitung: Warum Förderung von Veränderungskompetenz?
2 Teil I: Was führt im Umgang mit Veränderung vorwärts?
3 1 Ein Blick in die Praxis: Wie begegnen Menschen Veränderung?
4 2 Konzeptionell-theoretischer Rahmen
5 2.1 Praxisperspektive: Drei Schlüsseldimensionen erfolgreichen Umgangs mit Veränderung – Der Veränderungskreis im Überblick
6 2.2 Psychologische Perspektive: »Verharren« vs. »Aufbrechen«
7 2.3 Neurobiologische Perspektive: Entstehen und Veränderbarkeit von Denk- und Verhaltensmustern
8 3 Der Veränderungskreis: Konzeptioneller Rahmen zur Förderung von Veränderungskompetenz
9 3.1 Dimension 1: Bereitschaft, genau hinzuschauen – Klarheit gewinnen und förderlich wahrnehmen
10 3.2 Dimension 2: Entschlossenheit und Mut, vorwärts zu gehen – Aufbrechen in Richtung eines motivierenden Horizonts
11 3.3 Dimension 3: Vertrauen, »anzukommen« – Vertrauen ins Gelingen aufbauen
12 4 Zwischenhalt: Rückblick auf Teil I
13 Teil II: Wie kann Veränderungskompetenz gefördert werden?
14 5 Ein Blick in die Praxis: Wie begegnen Professionals ihrer Arbeit?
15 6 Welches Rollenverständnis ermöglicht positive Prozesse?
16 6.1 Gretchenfrage: Welche Grundhaltung bestimmt Ihre Arbeit?
17 6.2 Ausrichtung auf Empowerment und Kooperation
18 6.3 Fachbezogene Arbeit und Förderung Veränderungskompetenz
19 6.4 Und der Kontext?!
20 7 Arbeit mit dem Veränderungskreis
21 7.1 Den Veränderungskreis von Anfang an einbeziehen – nicht erst, wenn es klemmt
22 7.2 Veränderungskreis implizit als Orientierungsrahmen / explizit als gemeinsames Arbeitsinstrument
23 7.3 Interventionsansätze zum Einbezug des Veränderungskreises in die fachbezogene Arbeit
24 7.4 Übertragung auf andere Settings als die klassische 1:1 Arbeit mit einer Person: Team-Setting und Führungs-Setting
25 8 Zwischenhalt: Rückblick auf Teil II
26 Teil III: Wie intervenieren bei Stolpersteinen im Umgang mit Veränderung?
27 9 Ein Blick in die Praxis: Wie äußern sich Stolpersteine?
28 10 Stolpersteine (er)kennen
29 10.1 Wo klemmt es?
30 10.2 Stolpersteine im Veränderungskreis
31 10.3 Haltungs-/Verhaltensquadrant: Mit welcher Art Person habe ich es zu tun?
32 11 Befähigen, Stolpersteine im Umgang mit Veränderung zu meistern: Ausgewählte Praxissituationen und Interventionsansätze
33 11.1 »Sie sind doch hier die Expertin!« – Einstieg in den Veränderungskreis ermöglichen
34 11.2 »Wo fange ich hier nur an?!« – Bei (zu) vielen »Baustellen« einen guten Anfang finden
35 11.3 »Das Leben ist kein Wunschkonzert!« – Ausrichtung auf Wünschenswertes ermöglichen
36 11.4 »Das Leben ist ein Wunschkonzert!« – Wünsche auf den Boden holen
37 11.5 »Keine Ahnung, wohin weiter…« – Alternative Zugänge zu einem motivierenden Horizont
38 11.6 »Das geht nicht!« – Aus der »Geht nicht«-Falle führen
39 11.7 »Wo ist hier das Ende des Tunnels?!« – Passendes Vorgehen, wenn Erfolg auf sich warten lässt
40 11.8 »Ich möchte ja schon, aber…« – Stärkung (Selbst-)Vertrauen anregen
41 11.9 »It takes two to tango«, doch oft ist mehr möglich als gedacht – Schlüsselinterventionen, wenn Denk-/Verhaltensmuster Prozesse blockieren
42 12 Zwischenhalt: Rückblick auf Teil III
43 Schlussbemerkungen: Aufbrechen in Richtung Ihres eigenen motivierenden Horizonts
44 Literatur
45 Sach- und Personenregister
Einleitung: Warum Förderung von Veränderungskompetenz?
»Das Ziel besteht darin, …Menschen aktiv und produktiv
zu befähigen, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen.«
Frei nach Yvonne M. Dolan (*1951)
Vertreterin Lösungsorientierter Kurzzeitberatung
Dieses Buch ist geschrieben für Professionals, die in ganz unterschiedlichen Kontexten und Funktionen mit Menschen in Veränderungssituationen arbeiten. Und die wissen wollen, wie sie Veränderungskompetenz fördern bzw. Menschen gewinnen können, sich offen, selbstverantwortlich und mit Vertrauen auf Veränderung einzulassen. Und mit Erfolg.
Unter »Veränderungskompetenz fördern« verstehe ich, Menschen zu befähigen, unterschiedlichsten Situationen auf eine Weise zu begegnen, hinter der sie selbst stehen und die positive Resultate ermöglicht.
Warum Förderung von Veränderungskompetenz? Und warum ein Buch für Professionals zu dieser Thematik? Folgende Überlegungen und Beobachtungen in der Arbeit mit Professionals veranlassten mich dazu:
Wenn Sie mit Menschen in Veränderungssituationen arbeiten, liegt der Fokus auf dem Fachlichen. Sie haben einen Fachauftrag. Es geht etwa darum, Mitarbeitende für eine Reorganisation zu gewinnen, stellensuchende Personen in die Lage zu setzen, einen neuen Job zu finden, Herzpatienten in gesunden Lebensstil einzuführen oder Klienten effektive Schritte zum Abbau von Schulden umsetzen zu lassen. Auch wenn Sie in einem weiteren Sinn mit Menschen in Veränderungssituationen zu tun haben, etwa als Makler oder Architekt ein Paar beim Wechsel in eine andere Wohnform begleiten, liegt der Fokus darauf, dass andere von Ihrem Fachwissen profitieren und dieses Wissen in ihre Situation übertragen können.
Zugleich ist entscheidend, ob Ihr Fachwissen ankommt. Dies hängt wesentlich davon ab, wie diese Menschen ihrer Situation begegnen. Hier kommt die Thematik von Veränderungskompetenz ins Spiel. Die beste Fachkompetenz kann nicht greifen, wenn Menschen Sicht-, Denk- und Verhaltensweisen pflegen, die produktiven Umgang mit einer Situation beeinträchtigen. Wenn ein Mitarbeiter jede Neuerung ablehnt, hilft die Fachkompetenz einer Führungsperson nicht weiter. Wenn ein Arbeitsintegrationsprofessional einer stellensuchenden Kundin Wege aufzeigt und diese bei jedem sagt »Das geht in meiner Situation nicht«, werden weitere Vorschläge kaum weiterführen. Wenn ein Physiotherapeut einen Herzpatienten für ein Fitnesstraining gewinnen will, dieser aber nicht dahintersteht, ist die Chance groß, dass das Training abgebrochen wird. Wenn eine Juristin die Mediation in einem Scheidungsprozess übernimmt, aber die Ex-Partnerin dabeibleibt, Opfer zu sein, hört jeder produktive Prozess auf. Wenn ein Lehrer die Talente eines Jugendlichen sieht und fördern will, sich dieser aber wenig zutraut, sind Erfolgserlebnisse gefährdet. Wenn eine Person nach einer Krankheitsdiagnose keinen Lebenssinn mehr sieht, werden realistische Therapiemöglichkeiten beeinträchtigt. In solchen Situationen ist es entscheidend, zu wissen, wie Veränderungskompetenz gezielt stimuliert werden kann. Doch auch bei Menschen, die von sich aus produktiv mit Veränderung umgehen, können Sie mit entsprechendem Know-how Vorhandenes stärken und befähigen, Ressourcen bewusster zu nutzen.
Fachbezogene Arbeit und Förderung von Veränderungskompetenz gehen fließend ineinander über und verstärken einander. Wenn Sie fachlich top arbeiten, erhöht sich die Chance, dass Menschen gut mit Situationen umgehen. Wenn Sie Veränderungskompetenz fördern, erhöht sich die Chance, dass Ihr Fachwissen greifen kann.
Mit diesem Buch möchte ich Ihnen – als Ergänzung zu Ihrer fach-/kontextspezifischen Kompetenz – Wissen und praktische Anregungen vermitteln, wie Sie Veränderungskompetenz stimulieren können. Der Fokus liegt nicht auf spezifischen Kontexten oder Umständen wie Veränderung am Arbeitsplatz, Karrieregestaltung, Änderung des Lebensstils, Umgang mit einer Krankheit, Bewältigung einer Partnerschaftskrise oder dem Wunsch, das Leben befriedigender zu gestalten. Der Fokus liegt darauf, wie Menschen in solchen Situationen angeregt werden können, Haltungen und Verhaltensweisen zu pflegen bzw. zu entwickeln, die sie vorwärtskommen lassen.
In Teil I geht es um die Frage »Was führt im Umgang mit Veränderung vorwärts?« Was ist im Umgang mit Veränderung essenziell und warum? Hier wird die konzeptuell-theoretische Basis gelegt, die ermöglicht, Veränderungskompetenz zu fördern. Dazu werde ich Ihnen den Veränderungskreis © vorstellen, mein Konzept zu den drei Schlüsseldimensionen erfolgreichen Umgangs mit Veränderung. Im Sinne eines »reduce to the max« habe ich darin Faktoren, die im Umgang mit Veränderung entscheidend sind, gebündelt. Mit Bezügen zu neueren psychologischen und neurobiologischen Ansätzen stelle ich den Veränderungskreis in einen breiteren Rahmen; dies ermöglicht ein vertieftes Verständnis der Relevanz der drei Schlüsseldimensionen. Ziel von Teil I ist es, dass Sie mit dem Veränderungskreis einen konzeptuellen, theoretisch reflektierten Orientierungsrahmen erhalten, der Sie in die Lage setzt, der Vielfalt individueller Situationen, Haltungen und Verhaltensweisen offen zu begegnen und zugleich rasch auf das in einer konkreten Situation Wesentliche zu fokussieren.
In Teil II geht es um die Frage »Wie kann Veränderungskompetenz gefördert werden?« Sie werden wissen wollen, wie Sie in Orientierung am Veränderungskreis in Ihrem Kontext Veränderungskompetenz fördern können. Da die Schlüsseldimensionen erfolgreichen Umgangs mit Veränderung universal sind, lässt sich der Veränderungskreis flexibel in ganz unterschiedliche Kontexte übertragen – ohne bewährte Konzepte oder vorgegebene Prozeduren über Bord werfen zu müssen. Sie können den Veränderungskreis implizit als inneren Bezugsrahmen und explizit als gemeinsames Arbeitsinstrument einsetzen. Dies sowohl in längeren Prozessen als auch in Situationen, in denen Sie eine Person nur einmal sehen. Der Veränderungskreis lässt sich in verschiedene Settings übertragen: In die klassische 1:1 Beratung ebenso wie in ein Case Management, wo Sie in einem interdisziplinären Team mit einer Person z. B. nach einem Unfall gesundheitliche, berufliche und finanzielle Strategien entwickeln. Der Veränderungskreis bewährt sich auch bei Führungspersonen, die die Veränderungskompetenz ihrer Mitarbeitenden stimulieren bzw. Veränderungskompetenz in ihrer Organisationskultur verankern wollen, weil sie wissen, dass dies auch für den Erfolg der Organisation essenziell ist. Ziel von Teil II ist es, dass Sie wissen, wie Sie Veränderungskompetenz in Orientierung am Veränderungskreis kompetent und effektiv fördern können. So können Ihr Fachwissen optimal zum Tragen kommen und Prozesse erfolgreich verlaufen.
In Teil III geht es um die Frage »Wie vorgehen bei Stolpersteinen?« Wer täglich mit Menschen arbeitet, weiß, dass produktiver Umgang mit Veränderung oft nicht ohne Weiteres gelingt. Es kann Schwierigkeiten geben. Reale Schwierigkeiten. Es ist anspruchsvoll, sich als Parkinsonpatient auf ein Leben mit dieser Krankheit einzustellen. Es ist nicht einfach, als 50+er eine Stelle zu finden. Die größte Schwierigkeit ist es jedoch oft, dass Menschen auf Denk- und Verhaltensmuster zurückgreifen, die verhindern, sich produktiv auf Neues einzulassen: Sie sind in Stress kaum ansprechbar. Sie verharren im Vertrauten. Sie bleiben mental hängen bei dem, was war oder machen sich Sorgen über das, was kommt. Sie sind mutlos oder stürzen sich ins Abenteuer. Sie fühlen sich als Opfer von Umständen oder erwarten Lösungen von anderen. Sie sehen den Sinn nicht ein, Veränderung anzugehen, tun sich schwer damit, Verantwortung zu übernehmen, trauen sich Schritte nicht zu oder verstricken sich in Entscheidungsblockaden. Sie haben wenig Zugang zu sich selbst und wissen beim besten Willen nicht, was sie wollen und können. Sie pflegen Wunschdenken oder sind neidisch auf andere, die es scheinbar besser haben. Anhand ausgewählter Situationen möchte ich Ihnen zeigen, wie Sie dann vorgehen können. Ziel von Teil III ist es, dass Sie Stolpersteine im Umgang mit Veränderung auf natürliche, pragmatische Weise einbeziehen und deren Beseitigung anregen können – im Wissen darum, dass sich dies nicht erzwingen lässt.
Mit diesem Buch möchte ich Ihnen nicht einfach ein weiteres Modell oder methodisches Instrument an die Hand geben. Ich verstehe den Veränderungskreis als universalen Orientierungsrahmen, der hilft, Wesentliches im Umgang mit Veränderung rasch zu erkennen und entsprechend zu intervenieren und der dabei sehr flexibel in bestehende Konzepte und Vorgehensweisen integriert werden kann. Ich lade Sie daher ein, Bezüge herzustellen zu Ihren eigenen Konzepten, Vorgehensweisen, Prämissen, Haltungen und Ihren ganz eigenen Weg zu finden, wie Sie das Gelesene in Ihre Arbeit integrieren wollen und können. Sie können die gezielte Förderung von Veränderungskompetenz umso glaubhafter und effektiver in Ihre Arbeit integrieren, je mehr Ihr eigener Zugang zum Thema »Umgang mit Veränderung«, Ihr Menschenbild und Rollenverständnis dies zulassen. Daher gewichte ich diesen Aspekt insbesondere in Teil II. Wo der Veränderungskreis nicht auf ein methodisches Instrument reduziert, sondern sozusagen gelebt wird, kann er am besten dazu beitragen, dass es zu Erfolgserlebnissen kommt.
In diesem Buch werden Praxiserfahrung mit theoretischer Reflexion und wissenschaftlichen Einsichten verknüpft.
Seit 1995 begleite ich Menschen in eingreifenden Veränderungssituationen. Geprägt haben mich die ersten zehn Jahre, während derer ich zwei Arbeitsintegrationsfirmen aufgebaut, geführt und in dieser Funktion ca. 400 Menschen bei der Stellensuche begleitet habe. Auftrag war es, diese Menschen innerhalb eines halben Jahres in den Arbeitsmarkt zurückfinden zu lassen. In einem solchen Zeitrahmen muss man rasch auf Wesentliches fokussieren. Fasziniert von dieser Arbeit und motiviert, mich auch wissenschaftlich damit zu beschäftigen, wie ich diese Menschen effizient und erfolgreich begleiten konnte, entwickelte ich im Rahmen meiner Dissertation ein Modell Lösungsorientierter Kurzberatung für Menschen in beruflichen Übergängen (Tobler, 2004). Ich habe mich dazu intensiv mit Psychologischer Arbeitslosigkeitsforschung, Ansätzen Lösungsorientierter Kurzberatung in der Tradition Steve de Shazers und Konzeptionen von Hoffnung als Ausdruck positiver Erwartungshaltung auseinandergesetzt. Das ist die wissenschaftliche Basis meiner Arbeit.
Immer mehr begann mich zu interessieren, was im Kern im Umgang mit Veränderung vorwärtsführt und wie dies in der Begleitung von Menschen angeregt werden kann. Beobachtungen in der Praxis, dass es Menschen gibt, die in sehr schwierigen Umständen den »Dreh« finden, während andere in überschaubaren Situationen ins Schleudern geraten, haben mich dazu veranlasst. So entwickelte ich auf der Grundlage meiner Praxiserfahrungen und meiner Dissertation den Veränderungskreis, mein Konzept zu den drei Schlüsseldimensionen erfolgreichen Umgangs mit Veränderung (Tobler, 2019b). Auf dieser Basis arbeite ich seither in eigener Firma als Referentin und Beraterin mit Organisationen, Führungspersonen und Professionals zusammen, deren Kunden oder Mitarbeitende Veränderungssituationen angehen wollen oder müssen.
In diesem Buch steht der Veränderungskreis zentral. Ich möchte Ihnen damit einen in der Praxis entstandenen und bewährten Orientierungsrahmen in die Hand geben, der in die Lage setzt, rasch auf Wesentliches zu fokussieren, wenn es um Umgang mit Veränderung geht. Zugleich verknüpfe ich den Veränderungskreis mit psychologischen und neurobiologischen Ansätzen und Erkenntnissen, die mir zur Zeit dessen Entstehung noch nicht bekannt waren oder noch nicht existierten. Sie vermitteln wichtige Einsichten insbesondere zu Entstehen und Veränderbarkeit von Haltung und Verhalten, einem Kernthema in Veränderungssituationen und auch »roter Faden« im Veränderungskreis. Sie ermöglichen ein vertieftes Verständnis, was im Umgang mit Veränderung vorwärtsführt, und untermauern zugleich die Relevanz des Veränderungskreises.
Mit diesem Buch möchte ich mein Wissen und meine Erfahrung mit Ihnen teilen, sodass Sie Ihre eigenen Konzepte und Vorgehensweisen bei Bedarf erweitern und optimieren können.
Dies ist verbunden mit Dank an alle, die zur Entstehung dieses Buches beigetragen haben. Ich danke allen Professionals, die mich teilhaben lassen an ihren Erfahrungen, Fragen und Erfolgen: Sie inspirieren und motivieren mich. Ich danke allen Menschen, die den Mut haben, Schwieriges zu meistern: Anonymisierte Beispiele in diesem Buch ermutigen andere. Ich danke Herrn Weigert, Frau Grupp, Frau Kastl und Frau Pervanidis vom Kohlhammer Verlag: Sie haben stimuliert und ermöglicht, dass es zu diesem Buch gekommen ist. Und erneut danke ich meinem Mann, Bert Wenkenbach: Du inspirierst und ermutigst mich jeden Tag.
Es freut mich, wenn Sie die gezielte Förderung von Veränderungskompetenz in Ihre Arbeit integrieren und erfahren, dass dies zu win-win-win Situationen führt: Ihre Kunden oder Mitarbeitenden erfahren, dass sie selbst zum positiven Verlauf von Situationen beitragen können, ihre Selbstwirksamkeit wird gestärkt. Sie selbst können Ihren Fachauftrag effektiver – und befriedigender! – erfüllen. Und: Energie, Zeit und Geld werden effizient eingesetzt. Jeder Mensch, der lernt, produktiv mit Veränderung umzugehen, ist ein Gewinn. Für alle.
Viel Lesevergnügen!
Teil I: Was führt im Umgang mit Veränderung vorwärts?
»Das Gesetz des Schwimmens wurde nicht entdeckt
durch die Betrachtung sinkender Dinge,
sondern durch die Betrachtung von Dingen,
die auf natürliche Weise schwimmen sowie durch die Frage,
warum sie dazu in der Lage sind.«
Thomas Troward (1847-1916)
Englischer Richter, Philosoph, Maler
Um Veränderungskompetenz fördern zu können, ist es wichtig, zu wissen, was im Umgang mit Veränderung vorwärtsführt. Das ist Inhalt von Teil I.
Ein Blick in die Praxis erinnert daran, dass Menschen Veränderung sehr unterschiedlich begegnen. Veränderungskompetenz kann nur effektiv gefördert werden, wenn angesetzt wird bei dem, was in einer individuellen Situation spielt. Um sich nicht in der Vielfalt zu verlieren, ist es zugleich wichtig, zu wissen, worauf es im Umgang mit Veränderung im Kern ankommt. Dazu stelle ich Ihnen den konzeptuell-theoretischen Rahmen dieses Buches vor und fokussiere anschließend auf den Veränderungskreis, mein Konzept zu den Schlüsseldimensionen erfolgreichen Umgangs mit Veränderung.
Ziel von Teil I ist es, dass Sie mit dem Veränderungskreis einen theoretisch fundierten konzeptuellen Orientierungsrahmen für die Förderung von Veränderungskompetenz erhalten, der offen genug ist, um Vielfalt und Unterschieden individuellen Umgangs mit Veränderung Rechnung zu tragen und der zugleich ermöglicht, rasch auf das zu fokussieren, was in einer individuellen Situation vorwärtsführt.
Vielleicht wollen Sie sich vor Beginn der Lektüre Ihre eigenen Beobachtungen, Erfahrungen, Annahmen, evtl. auch offenen Fragen vergegenwärtigen, wenn es darum geht, was im Umgang mit Veränderung vorwärtsführt (
Kasten 1).
Kasten 1
Was führt im Umgang mit Veränderung vorwärts? Reflexion des eigenen Zugangs
Vergegenwärtigen Sie sich Ihren Arbeitsalltag:
• Wenn es einen einzigen Erfolgsfaktor gäbe, der Menschen auszeichnet, die Veränderungssituationen erfolgreich meistern: Welcher ist das?
• Wenn es einen einzigen Stolperstein im Umgang mit Veränderung gäbe, der Prozesse garantiert ins Stocken bringt: Welcher ist das?
• Wenn es darum geht, was im Umgang mit Veränderung vorwärtsführt: Welche Fragen wollen Sie mit der Lektüre von Teil I für sich klären?
1 Ein Blick in die Praxis: Wie begegnen Menschen Veränderung?
»Wenn der Wind der Veränderung weht,
bauen die einen Mauern,
die anderen Windmühlen.«
Chinesisches Sprichwort
Einige Beispiele aus meinem Praxisalltag veranschaulichen Vielfalt und Unterschiedlichkeit individueller Situationen und Strategien im Umgang mit Veränderung (
Kasten 2).
Kasten 2
Wie Menschen Veränderung begegnen – Beispiele
• Frau Ast, Akademikerin, hat innerhalb relativ kurzer Zeit mehrmals die Arbeitsstelle verloren. Sie ist talentiert und frustriert. Sie ist überzeugt, wiederholt Opfer von Mobbing zu sein.
• Eine junge Tamilin erhält bei der Stellensuche Absage um Absage. Sie geht realistisch und gut vor. Sie bleibt dran und sie bleibt fröhlich. Auf meine Frage, wie sie es schaffe, so fröhlich zu bleiben, antwortet sie: »Ich hoffe einfach, etwas wird kommen.«
• Herr Peter, Parkinsonpatient, musste aufgrund der Krankheit seine Karriere aufgeben. Er begann auf sein Hobby Naturphotographie zu fokussieren und dieses zu professionalisieren. Er ist heute viel unterwegs. Er sagt: »Für mich gehen immer wieder Türen auf.«
• Herr Rieder, ebenfalls Parkinsonpatient, sagt: »Mit Parkinson bin ich ein Krüppel. Das Leben macht keinen Sinn mehr.«
• Frau Müller, Pflegedienstleitende in einer Klinik, klagt: »Wir haben jedes Jahr Arztrochade. Jedes Mal muss alles wieder auf den Kopf gestellt werden. Ich habe die Nase voll.«
• Frau Geiser, in deren Firma viel reorganisiert wird, fragt: »Wie kann ich reale Probleme ansprechen – ohne dass das als Kritik aufgefasst wird?«
Solche Praxissituationen sowie theoretische Reflexion haben mich im Hinblick auf die Arbeit mit Menschen in Veränderungssituationen zu drei Prämissen veranlasst (
Kasten 3).
Kasten 3
Was führt im Umgang mit Veränderung vorwärts? Prämissen
1. Jeder Mensch begegnet Veränderung anders. Dies erfordert eine offene und differenzierte Wahrnehmung.
2. Nicht Umstände sind entscheidend, sondern wie Umständen begegnet wird. Haltung und Verhalten sind einzubeziehen.
3. Was im Umgang mit Veränderung vorwärtsführt, ist universal. Entscheidend sind drei Dimensionen (Veränderungskreis).
Prämisse 1: Jeder Mensch begegnet Veränderung anders. Dies erfordert eine offene und differenzierte Wahrnehmung
Obige Beispiele veranschaulichen die Vielfalt individueller Situationen, Haltungen und Verhaltensweisen. Während die eine stellenlose Person hängen bleibt bei der Überzeugung, Opfer von Mobbing zu sein, holt die andere aus einer optimistischen Grundhaltung Energie zum Dranbleiben. Während die eine Person bei der Konfrontation mit der Diagnose Parkinson auf neue Möglichkeiten fokussiert, kommt die andere nicht darüber hinweg. Während sich die eine Person über dauernde Veränderung am Arbeitsplatz ärgert, sucht eine andere Person Wege, reale Probleme zu benennen.
Die Beispiele erinnern: Eine vergleichbare Ausgangslage kann völlig unterschiedlich wahrgenommen werden. Und: Veränderung ist kein für jeden Menschen gleicher Stressor. Die Beispiele der jungen Tamilin sowie Herrn Peters, des Parkinsonpatienten, machen deutlich, dass es Menschen gibt, die auch eingreifenden Veränderungen mit Zuversicht und Initiative begegnen. Im Hinblick auf die Arbeit mit Menschen in Veränderungssituationen heißt dies, vorsichtig zu sein mit Vorannahmen und unbeabsichtigter Pathologisierung.
Veränderungskompetenz kann nur gefördert werden, wenn möglichst präzise bei dem angesetzt wird, was in einer individuellen Situation mitspielt. Das erfordert eine offene und differenzierte Wahrnehmung: Wie begegnet dieser Mensch dieser spezifischen Situation? Und was bewirkt dies? Dies ist weniger selbstverständlich als es scheint. Einerseits wird in verschiedenen Forschungsansätzen mit Verlaufskurven und Phasenmodellen potentiell suggeriert, dass Veränderungsprozesse ähnlich erfahren und durchlaufen werden. Andererseits lassen einseitige Problem- bzw. Lösungsorientierung in Forschung und Praxis schnell einmal vergessen, erst zu explorieren, wie diese Person dieser spezifischen Situation begegnet. Entweder wird von vornherein darauf fokussiert, was Menschen in Veränderungssituationen belastet. So gerät leicht aus dem Blick, was sie befähigt, Schwieriges zu meistern.1 Oder es wird mit bester Absicht sofort auf Lösungen und Ressourcen fokussiert. Dabei geraten reale Probleme und Schwierigkeiten schnell einmal aus dem Blick und Menschen in Stress, die es nicht schaffen, die erwünschte Lösungsperspektive einzunehmen.2 Schließlich kommt ein weiterer Faktor hinzu, der es oft erschwert, vor jeder Intervention erst ein genaues Bild zu bekommen, wie eine Person einer Situation begegnet: Kontextuelle Zielvorgaben, beschränkte zeitliche bzw. finanzielle Ressourcen, festgelegte Prozeduren und inhaltlich-fachbezogene Schwerpunkte.
Prämisse 2: Nicht Umstände sind entscheidend, sondern wie Umständen begegnet wird. Haltung und Verhalten sind einzubeziehen
Erfahrungen in der Praxis zeigen, dass Umstände sekundär sind. Es gibt Menschen, die in extrem schwierigen Umständen Regie übernehmen, mutig Schritte wagen, über sich selbst hinauswachsen und ganz Erstaunliches bewirken. Ich denke etwa an Menschen, die nach einer Krankheitsdiagnose vehement Prioritäten neu setzen, sich für Lebensqualität einsetzen, ihr Leben gestalten. Oder an Menschen, die mit sehr schlechten beruflichen Voraussetzungen den »Dreh« und eine gute neue Arbeitsstelle finden. Zugleich gibt es Menschen, die trotz überschaubaren bzw. förderlichen Umständen ins Schleudern geraten. Ich denke etwa an Menschen, die nach einer Kündigung trotz lückenlosem Lebenslauf, solider Ausbildung, relevanter Praxis und guten arbeitsmarktlichen Chancen nicht über Geschehenes hinwegkommen und in Negativspiralen geraten.
Es liegt in der Natur von Veränderungssituationen, dass auf Umstände fokussiert wird. Das ist auch wichtig, schließlich muss man wissen, was los ist. Nur: Es sind nicht die Umstände, die bestimmen, wie wir einer Situation begegnen. Es sind unser Aufmerksamkeitsfokus, unsere Haltung, der Rückgriff auf bestimmte Überzeugungen und Verhaltensweisen. Daher ist es essenziell, Haltung und Verhalten einzubeziehen. Wenn Frau Ast darauf fokussiert bleibt, Opfer von Mobbing zu sein, wird sie ihren Blick kaum auf Ressourcen richten können, die ihr helfen, eine neue Stelle zu finden. Das mag einleuchten – und doch wird diesem Faktor häufig zu wenig Rechnung getragen.
Prämisse 3: Was im Umgang mit Veränderung vorwärtsführt, ist universal. Entscheidend sind drei Dimensionen.
Wenn Vielfalt und Unterschieden sowie Haltung und Verhalten Rechnung getragen wird, ist eine wichtige Basis gelegt, um Veränderungskompetenz fördern zu können. Doch es bleibt die Frage: Und was genau führt vorwärts? Worauf kommt es im Kern an?
Aufgrund von Praxisbeobachtungen und theoretischer Reflexion bin ich zum Schluss gekommen, dass das, was im Umgang mit Veränderung im Kern vorwärtsführt, universal ist. Egal, ob es sich um berufliche, private oder gesundheitliche Veränderung handelt, ob Veränderung erwünscht oder erzwungen ist, immer sind drei Dimensionen essenziell: Bereitschaft, genau hinzuschauen (Dimension bewusster und förderlicher Wahrnehmung), Entschlossenheit und Mut, vorwärts zu gehen (Dimension selbstverantwortlichen Handelns) und Vertrauen, »anzukommen« (Dimension positiver Erwartungshaltung). In jeder Veränderungssituation ist es entscheidend, Klarheit zu gewinnen, (neue) Perspektiven zu entwickeln, für die man sich einsetzen will und kann sowie das Vertrauen aufzubauen, positive Resultate erzielen zu können. Die Kunst und Arbeit liegen darin, das, was universal ist, in die individuelle Situation zu übertragen: Was heißt dies hier? Wo ist hier anzusetzen?
Auf dieser Basis entwickelte ich den Veränderungskreis, der zugleich konzeptioneller Rahmen dieses Buches ist.
1 Dies war etwa in der Psychologischen Arbeitslosigkeitsforschung, mit der ich mich im Rahmen meiner Dissertation beschäftigte, lange der Fall. Bei einer unüberschaubaren Flut von Erkenntnissen, was Menschen in der Arbeitslosigkeit alles belastet, gab es kaum Untersuchungen zur essenziellen Frage, was hilfreich ist. Ähnliches gilt für Beratungs- und Therapieansätze.
2 In den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts oft noch belächelt, sind lösungs- und ressourcenorientierte Ansätze in Forschung, Beratung und Therapie inzwischen en vogue. Leider sind sie teilweise oberflächlich rezipiert bzw. werden auf »methodische Trickkisten« reduziert; es wird versucht, mit einfachen »Patentrezepten« Menschen rasch zu positiven Einstellungen und erfolgreichem Handeln zu bewegen. Demgegenüber basiert ein Ansatz wie der Steve de Shazers – dessen Arbeit mich bis heute inspiriert –, einem der wichtigen Begründer und Vertreter Lösungsorientierter Ansätze in Psychotherapie und Beratung, auf fundierter Auseinandersetzung mit Wirkfaktoren erfolgreicher Beratungsprozesse sowie auf einem zutiefst und echt positiven Menschenbild, in dem reale Schwierigkeiten nicht ausgeblendet werden.
2 Konzeptionell-theoretischer Rahmen
»Wer hohe Türme bauen will,
muss lange beim Fundament verweilen.«
Unbekannt
Mit dem konzeptionell-theoretischen Rahmen, den ich Ihnen hier vorstelle, können Sie Ihr Wissen in Bezug auf essenzielle Faktoren erfolgreichen Umgangs mit Veränderung erweitern und vertiefen. Wissen, was im Kern produktiven Umgang mit Veränderung ermöglicht (know-what) und verstehen, warum dies wichtig ist (know-why) helfen, in der Praxis sensibilisierter auf entscheidende Faktoren zu achten, Wichtiges rascher zu erkennen, sich weniger in der Vielfalt mitspielender Faktoren zu verlieren und gezielter positive Prozesse anzuregen.
Ich verbinde drei Perspektiven miteinander:
Die Praxisperspektive (
Kap. 2.1). Das ist mein eigener, aus der Praxis heraus entstandener konzeptioneller Rahmen für die Begleitung von Veränderungsprozessen: Der Veränderungskreis. In ihm ist die Vielfalt von Faktoren, die im Umgang mit Veränderung eine Rolle spielen, in drei Schlüsseldimensionen gebündelt. Im Kern handelt es sich um Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen, die befähigen, Regie zu übernehmen und produktiv vorzugehen. Der Veränderungskreis ist eine Art Kompass, der in jeder Veränderungssituation in die Lage setzt, Wesentliches im Blick zu haben und Wege zu finden, die weiterführen. Ich gebe Ihnen hier einen ersten Überblick über diese drei Dimensionen.
In der Praxis zeigt sich, dass es Menschen gibt, die von sich aus in den Veränderungskreis einsteigen, während andere sich damit schwertun. Um besser zu verstehen, wie das kommt, zoome ich auf Bedeutung, Entstehung und Veränderbarkeit von Haltung und Verhalten ein. Dazu beziehe ich zwei theoretische Perspektiven ein:
Psychologische Perspektive (
Kap. 2.2). Hier nehme ich das Phänomen auf, dass es im Kern zwei Muster in Denken, Fühlen und Verhalten gibt, wie Menschen Veränderungssituationen begegnen: Es gibt Menschen, die »aufbrechen«. Und es gibt Menschen, die »verharren«. Die PSI (Persönlichkeits-System-Interaktionen-)Theorie Julius Kuhls knüpft hier an und vermittelt hilfreiches psychologisches Wissen, was mit diesen Mustern verbunden ist.
Neurobiologische Perspektive (
Kap. 2.3). Während die psychologische Perspektive ermöglicht, in der Vielfalt individuellen Umgangs mit Veränderung zu erkennen, mit welchem Muster in Denken, Fühlen und Verhalten man es zu tun hat, ermöglicht die neurobiologische Perspektive, von Grund auf besser zu verstehen, wie Denken, Fühlen und Verhalten einander beeinflussen, mit welchen physiologischen Prozessen dies verbunden ist und wie Denk- und Verhaltensmuster entstehen. Und sie gibt wichtige Antworten auf die praxisrelevante Frage, ob und wie Denk- und Verhaltensmuster veränderbar sind.
Bei der Entwicklung des Veränderungskreises habe ich mich auf Theorien bezogen, mit denen ich mich im Rahmen meiner Dissertation beschäftigt hatte. Die psychologischen und neurobiologischen Ansätze, auf die ich mich hier beziehe, waren mir entweder noch nicht bekannt oder sie sind erst später entstanden. Interessant ist es, dass es wichtige Bezüge zum Veränderungskreis gibt. Dessen Relevanz wird nicht nur überprüft, sondern bestätigt.
Die Kombination des konzeptuellen Rahmens (Veränderungskreis) mit dem theoretischen Rahmen (Psychologische und neurobiologische Perspektive mit Fokus auf die Thematik von Haltung/Verhalten) bildet eine Basis, auf der Veränderungskompetenz pragmatisch und fundiert gefördert werden kann.
2.1 Praxisperspektive: Drei Schlüsseldimensionen erfolgreichen Umgangs mit Veränderung – Der Veränderungskreis im Überblick
2.1.1 Die drei Dimensionen im Überblick
Wie oben in Prämisse 3 festgehalten, gehe ich davon aus, dass in jeder Veränderungssituation minimal drei Dimensionen entscheidend sind.3 Hier möchte ich Ihnen eine erste Idee geben, was darunter zu verstehen ist. In Kapitel 3 gehe ich ausführlicher darauf ein.
Dimension 1: »Bereitschaft, genau hinzuschauen« – Überblick und Klarheit gewinnen (Dimension bewusster und förderlicher Wahrnehmung)
»Bereitschaft, genau hinzuschauen« bedeutet: Überblick und Klarheit gewinnen. Was ist hier los? Was steht hier an? Und: Welche Haltung wird gegenüber dieser Situation eingenommen? Wie wirkt sich diese auf Verhalten und Handeln aus und zu welchen Resultaten führt dies?
Das ist in jeder Veränderungssituation essenziell. Bei einer Reorganisation ist es wichtig, dass alle Beteiligten Klarheit haben, was ansteht, was ihre eigene Rolle ist usw. Und es ist wichtig, einzubeziehen, wie dieser Reorganisation begegnet wird. Dies gilt auch für individuelle Veränderungssituationen; es kann umso besser mit einer Krankheitsdiagnose umgegangen werden, je mehr Wissen und Klarheit es zu relevanten Fakten gibt. Zugleich wird es entscheidend sein, einzubeziehen, ob die eigene Haltung einen förderlichen Umgang mit der Diagnose ermöglicht oder erschwert.
Menschen oder Teams, die erfolgreich mit Veränderung umgehen, nehmen sich Zeit, sich mit ihrer Situation auseinanderzusetzen. Und sie pflegen Sicht- und Denkweisen, die ihnen helfen, auf Ideen zu kommen, wie sie am besten vorgehen können.
Viele Menschen in Veränderungssituationen nehmen sich diese Zeit nicht. Sie wollen sofort etwas tun. Andere verharren im Status Quo, hoffen, dass es irgendwie Lösungen gibt. Oder gehen davon aus, dass sie eh nichts beeinflussen können. Viele pflegen Sicht- und Denkweisen, die verhindern, Situationen produktiv anzugehen – meist ohne sich dessen bewusst zu sein.
Das Ziel ist es, Klarheit zu gewinnen, worum es in einer spezifischen Situation im Kern geht und Wahrnehmungsweisen zu entwickeln, die ermöglichen, angemessen vorzugehen. Das heißt nichts anderes, als bewusst und förderlich wahrzunehmen. Das ist die Basis, um produktiv handeln zu können.
Dimension 2: »Entschlossenheit und Mut, vorwärts zu gehen« – Aufbrechen in Richtung eines »motivierenden Horizonts« (Dimension selbstverantwortlichen Handelns)
»Entschlossenheit und Mut, vorwärts zu gehen« bedeutet: (Neue) Perspektiven entwickeln, in deren Richtung man Schritte umsetzen will und kann. Es bedeutet, Regie im eigenen Leben zu übernehmen, eigenständig zu entscheiden und selbstverantwortlich vorzugehen.
Auch dies ist in jeder Veränderungssituation essenziell. Bei einer Reorganisationmuss es ein Bild geben, wohin die Veränderung führen soll, wofür es sich lohnt, den Prozess zu durchlaufen. Die beste Strategie kann nicht erfolgreich umgesetzt werden, wenn Mitarbeitende nicht verstehen, warum es Veränderung braucht und wie sie selbst so beitragen können, dass sie bei allen Realitäten Motivation aufrechterhalten. Sie müssen für sich motivierende und realistische Perspektiven entwickeln, die mit der Reorganisation kompatibel sind. In individuellen Prozessen ist dies nicht anders. Wer freiwillig oder gezwungen einen gesunden Lebensstil einüben will, wird dies besser tun können, wenn es eine Vorstellung gibt, wozu es sich lohnt bzw. was der persönliche Gewinn ist.
Menschen, die erfolgreich mit Veränderung umgehen, richten ihren Blick rasch auf neue Möglichkeiten und Lösungen. Sie sind entschlossen, sich auf den Weg zu machen, alles ihnen Mögliche zu unternehmen, um in gute neue Situationen zu gelangen. Dazu entwickeln sie, was ich einen »motivierenden Horizont« nenne: Perspektiven, die für sie attraktiv sind, die ihnen entsprechen und die Handlungsoptionen erschließen. Solche Menschen übernehmen Verantwortung für ihre Entwicklung und bringen Mut zum eigenen Weg auf. Und sie gehen vorwärts – mit langem Atem und der nötigen Frustrationstoleranz. Sie üben sich im Dranbleiben, wenn es unterwegs Hindernisse gibt oder angestrebte Resultate sich nicht so rasch einstellen wie erhofft.
Viele Menschen verhalten sich in Veränderungssituationen anders. Sie bleiben bei Vergangenem hängen: Warum nur ist dies geschehen… hätte ich doch… ich bin untröstlich, dass… Oder sie machen sich Sorgen um die Zukunft: Werde ich meinen Arbeitsplatz behalten können? Was, wenn diese Therapie nicht wirksam ist? Werde ich finanziell über die Runden kommen? Oder sie sind absorbiert mit der Gegenwart, versuchen oft hektisch, die vermeintlich guten Dinge zu tun, nicht selten bis zur Erschöpfung. Natürlich kommt in Veränderungssituationen häufig vieles auf Menschen zu. Was dabei leicht aus dem Blick gerät: Ein »motivierender Horizont«. Dabei ist dies essenziell: Wenn es keine (neuen) Perspektiven gibt, die es sinnvoll machen, aufzubrechen, wird kaum die Energie mobilisiert, die jeder Veränderungsprozess erfordert. Wie soll man gute Schritte umsetzen, wenn es kein Bild gibt, was gute Schritte sind? Wie soll man Schwieriges anpacken, wenn es kein positives Gefühl gibt, wozu sich dies lohnt? Wie es in einem chinesischen Sprichwort auf den Punkt gebracht wird: »Wer wird schon ohne Aussicht auf Gewinn früh aufstehen wollen?«
Ziel ist es, Regie zu übernehmen und das eigene Leben zu gestalten. Das heißt nichts anderes, als Selbstverantwortung zu übernehmen und den Mut zum eigenen Weg aufzubringen. Ein motivierender Horizont vermittelt Energie, positive Gefühle, verleiht Orientierung und erleichtert Entscheidungen. Entschlossenheit und Mut, in dessen Richtung aufzubrechen, ermöglichen positive Resultate. Psychologisch wird Selbstwirksamkeit gestärkt, die Erfahrung, Prozesse beeinflussen, gestalten und zu positiven Resultaten beitragen zu können.
Dimension 3: »Vertrauen, ›anzukommen‹« – Vertrauen ins Gelingen aufbauen (Dimension einer positiven Erwartungshaltung)
»Vertrauen, ›anzukommen‹« bedeutet, ein inneres Wissen zu haben oder aufzubauen, dass es immer wieder Möglichkeiten und Lösungen gibt und man selbst aktiv dazu beitragen kann, dass sich Situationen zum Positiven entwickeln – ohne dies abzwingen zu wollen. Dieses Vertrauen ist nicht etwas, das »spirituell Begabten« vorenthalten ist, etwas, das man hat oder nicht. Man kann lernen, Vertrauen aufzubauen – etwas provozierend gesagt – wie man lernen kann, Auto zu fahren. Nein, »machen« kann man Vertrauen nicht. Ich pflege zu sagen: Es ist wie mit einer Pflanze. Eine Pflanze kann man setzen. Man kann ihr Wasser geben, gut für sie sorgen. Wachsen tut sie selbst. Mit Vertrauen ist das ähnlich. Und: Die Pflanze wächst nicht schneller, wenn man daran zerrt.
Auch das gilt in allen Veränderungssituationen. Wenn es bei einer Reorganisation kein Vertrauen gibt, dass positive Resultate erzielt werden können, wenn Mitarbeitende frustriert sind, sich nicht einbezogen fühlen oder resignieren, wird Erfolg beeinträchtigt. Und es gilt auch für individuelle Prozesse: Wer das Vertrauen verloren hat, dass es möglich ist, Wichtiges zu erreichen – auch wenn es schlussendlich anders läuft als erwartet –, ist in Wahrnehmung und Handeln beeinträchtigt.
Menschen, die erfolgreich mit Veränderung umgehen, üben sich in der Kunst, aktiv und selbstverantwortlich zu handeln ohne Resultate abzwingen zu wollen. Das wird möglich durch das Vertrauen, dass gute Schritte in eine passende Richtung früher oder später zu positiven Resultaten führen – auch wenn noch nicht klar ist, wann, wo und wie dies konkret geschehen wird, auch wenn Dinge möglicherweise anders verlaufen als erhofft, der Veränderungsprozess zu anderen Lösungen und in andere Situationen führt als man es sich hier und jetzt ausdenken kann.
Viele Menschen haben dieses Vertrauen nicht. Entweder versuchen sie, Prozesse zu beschleunigen und Resultate abzuzwingen. Oder sie fangen gar nicht erst an, in Gang zu kommen – weil sie es sich nicht zutrauen, zurückschrecken vor Risiken oder möglichen Konsequenzen. Oft bricht Vertrauen durch ein Ereignis ein; es ist verständlich, dass bei einer Krankheitsdiagnose, dem Verlust der Arbeitsstelle, dem Scheidungsentscheid des Partners erst einmal das Vertrauen ins Leben und in sich selbst erschüttert wird.
Ziel ist es, Vertrauen ins Gelingen aktiv zu pflegen bzw. aufzubauen. Psychologisch knüpft dies beim Begriff einer positiven Erwartungshaltung an. Wer lernt, Vertrauen ins Gelingen – damit auch: in die eigenen Stärken, Fähigkeiten, Talente und ins Leben – aufzubauen, wird erfahren, dass Vertrauen mit der Zeit zu einer inneren Realität, einem inneren Wissen wird. Man gibt sich nicht Mühe, zu vertrauen. Man vertraut. Dies ermöglicht, gelöster und flotter voranzukommen.
2.1.2 Ein nicht endender Kreis
Diese drei Dimensionen stehen in einer Wechselwirkung miteinander: Wer genau hinschaut, Klarheit gewinnt, wo er oder sie ansetzen muss oder will, schafft die Basis, auf Ideen zu kommen, was ein gutes Vorgehen ist. Wer diese Ideen mit einem »motivierenden Horizont« verbinden kann sowie Mut und Entschlossenheit aufbringt, ins Handeln zu kommen, wird früher oder später Erfolgserlebnisse erzielen. Diese wiederum sind »Dünger« für Vertrauen. Wer Vertrauen aufbaut, wird motiviert sein, bei Bedarf erneut genau hinzuschauen. So entsteht ein nicht endender positiver Kreislauf. Daher der Name »Veränderungskreis« (
Abb. 2.1).

Abb. 2.1: Der Veränderungskreis: Die 3 Schlüsseldimensionen erfolgreichen Umgangs mit Veränderung
Man kann irgendwo in diesen Kreis einsteigen. In der einen Situation liegt es nahe, erst einmal Überblick zu gewinnen – etwa, wenn mehrere Veränderungen gleichzeitig anstehen. In einer anderen Situation ist es sinnvoll, bei der Entwicklung eines motivierenden Horizonts einzusetzen – z. B. bei einer Krankheitsdiagnose;hier ist es wichtig, den Blick auf das zu lenken, was mit und trotz dieser Krankheit ermöglicht, Lebensqualität zu erfahren. Schließlich kann bei der Dimension »Vertrauen« eingesetzt werden, etwa wenn eine Person die Thematik von sich aus einbringt mit Aussagen wie »Worauf kann ich noch hoffen?«, »Wissen Sie, ich habe alles Vertrauen verloren, dass ich noch eine Stelle finden kann« oder auch »Ich vertraue, dass sich für mich eine Türe öffnet«.
Wer lernt und übt, die drei Dimensionen in eine Veränderungssituation zu übertragen und damit vorwärtskommt, wird motiviert sein, dies auch in neuen, anderen Situationen zu tun. Wer erfahren hat, dass die Arbeit mit dem Veränderungskreis dazu beitrug, eine neue Stelle zu finden, wird erneut auf diese drei Dimensionen zurückgreifen, wenn es zu einer Beziehungskrise kommt. Wenn ein Team die Erfahrung macht, in Orientierung am Veränderungskreis eine Reorganisation gut zu bewältigen, wird sich dies auf den Umgang mit neuen Veränderungen auswirken.
Damit ist der Veränderungskreis mehr als ein Werkzeug zur Bewältigung einer spezifischen Veränderungssituation. Durch dessen Universalität und Offenheit, die zugleich ermöglicht, rasch auf Wesentliches zu fokussieren, ist er nicht nur Kompass in Veränderungssituationen, sondern auch Orientierungsrahmen in der Lebensgestaltung. Dadurch verschiebt sich der Fokus vom »Ereignis«-Charakter einer Veränderung auf die Lebenssituation als Ganzes. Dies ist zugleich eine wichtige Tür zur Mobilisierung von Motivation. Es geht dann weniger darum, eine lästige Veränderungssituation, etwa Arbeitslosigkeit, zu bewältigen. Es geht mehr darum, in Lebenssituationen zu gelangen, die es sinnvoll machen, jetzt in den vielleicht sauren Apfel zu beißen.
2.2 Psychologische Perspektive: »Verharren« vs. »Aufbrechen«
2.2.1 Zwei Muster im Umgang mit Veränderung – erhellt durch die PSI-Theorie Julius Kuhls
Bei aller Vielfalt, wie Menschen Veränderung begegnen, gibt es zwei Muster in Haltung und Verhalten:
Es gibt Haltungen und Verhaltensweisen, die förderlich sind: Sie helfen, Veränderung produktiv zu begegnen und Schwieriges zu meistern. Ich nenne dieses Muster »Aufbrechen«.Aufbrechende steigen oft auf natürliche Weise in den Veränderungskreis ein. Sie haben die damit verbundenen Haltungen und Verhaltensweisen verinnerlicht.
Und es gibt Haltungen und Verhaltensweisen, die beeinträchtigend sind: Sie erschweren es, Klarheit zu gewinnen und Entschlossenheit aufzubauen, um zu tun, was vorwärtsführt. Ich nenne dieses Muster »Verharren«.Verharrende steigen nicht ohne weiteres in den Veränderungskreis ein; ihre Haltungen und Verhaltensweisen erschweren dies.4
Obwohl es in verschiedenen psychologischen Teildisziplinen, die sich im weitesten Sinn damit beschäftigen, wie Menschen Veränderung begegnen5, letztlich auch auf diese Unterscheidung hinausläuft, so ist m. E. der Ansatz Julius Kuhls, seit 2015 emeritierter Professor für Differentielle Psychologie und Leiter der Abteilung für experimentelle Persönlichkeitspsychologie an der Universität in Osnabrück (D), besonders wertvoll und praxisrelevant. Schwerpunkt Kuhls Forschung ist die willentliche Handlungssteuerung bzw. die Frage, wie Ziele unter schwierigen Umständen erreicht werden können. Seine Kernfrage lautet: »Wie funktioniert Persönlichkeit?« (Kuhl, 2018). Mit seiner PSI (Persönlichkeits-System-Interaktionen-)Theorie, einer umfassenden Persönlichkeitstheorie, in die er psychologische Teildisziplinen und auch neurobiologische Ansätze integriert, geht er dieser Frage nach (Kuhl, 2001). Aus zwei Gründen ist sein Ansatz wertvoll, wenn es darum geht, Muster im Umgang mit Veränderung nicht nur zu erkennen, sondern auch deren Hintergrund besser zu verstehen.
Erstens verliert sich Kuhl nicht in einer unüberschaubaren Menge verschiedenster Merkmale von Menschen, die schwierigen Situation auf förderliche bzw. beeinträchtigende Weise begegnen wie dies in anderen psychologischen Ansätzen teilweise der Fall ist.6 Er bündelt die Vielfalt solcher Merkmale ebenfalls in zwei Muster. Er benutzt dabei die Begriffe »Handlungs- und Lageorientierung« (Kuhl, 2001) bzw. spricht von »Gestaltern« und »Duldern«. Ich habe mich in meiner eigenen Begrifflichkeit – »Aufbrechen« vs. »Verharren« – von Kuhl inspirieren lassen.
Zweitens bleibt Kuhl nicht bei der Beschreibung von Merkmalen und Persönlichkeitseigenschaften. Er will weniger »Inhalte« beschreiben, sondern die dynamische Interaktion zwischen »psychischen Systemen« ergründen, d. h. innerpsychische Prozesse, die »Gestalten« bzw. »Dulden« zugrunde liegen.7 In der Bestimmung dieser Systeme orientiert er sich an Eigenschaften einer »reifen Persönlichkeit«: Eine solche Persönlichkeit verfügt über die Fähigkeit, Vorsätze zu fassen und umsichtige Entscheidungen zu treffen (Urteilsstärke), diese umzusetzen (Umsetzungskompetenz), aus Fehlern und leidvollen Erfahrungen zu lernen und dadurch als Persönlichkeit zu wachsen (Persönlichkeitsentwicklung). Auf diesem Hintergrund bestimmt er vier psychische Systeme, die sich in einer dynamischen Interaktion befinden. Je nachdem, wie sie aktiviert werden, führt dies dazu, dass Menschen in Situationen verharren – um auf meine Begrifflichkeit zurückzukommen – bzw. aufbrechen.
Ich möchte Ihnen diese vier Systeme erst kurz vorstellen, um dann auf die wesentliche Frage zu kommen, was die Interaktion zwischen ihnen beeinflusst, mit anderen Worten, was ausmacht, ob diese Interaktion eher zu Verharren oder Aufbrechen führt. Die vier Systeme:
1. Intentionsgedächtnis: Damit bezieht sich Kuhl auf die erste Eigenschaft einer »reifen Persönlichkeit«: Die Fähigkeit, Vorsätze zu fassen. Das Intentionsgedächtnis kommt zum Tragen, wenn wir eine Absicht bilden und diese vorerst »speichern«. Das ist nützlich und erforderlich: Wir können nicht alles, was wir uns vornehmen, gleich umsetzen. Das Bilden von Absichten ordnet Kuhl bewussten, kognitiven Prozessen zu.
2. Intuitive Verhaltens-/Handlungssteuerung: Damit bezieht sich Kuhl auf die zweite Eigenschaft einer »reifen Persönlichkeit«: Die Fähigkeit, Vorsätze umzusetzen. Dieses System kommt zum Tragen, wenn wir Absichten umsetzen. Wir müssen ins Handeln kommen, wenn es nicht bei Absichten, Vorsätzen, Zielen bleiben soll. Überdies wird durch die Umsetzung einer Absicht das Intentionsgedächtnis entlastet, d. h. es gibt neue Kapazität für neue Absichten.8
3. Objekterkennungssystem: Damit bezieht sich Kuhl auf die dritte Eigenschaft einer »reifen Persönlichkeit«: Die Fähigkeit, Probleme zu erkennen, »genau hinzuschauen« sowie aus Fehlern und leidvollen Erfahrungen zu lernen. Dieses System kommt zum Tragen, wenn wir uns mit einem Problem – oder eben auch einer Veränderungssituation – beschäftigen. Wir fokussieren auf diesen einen Umstand, um Klarheit zu gewinnen. Dabei blenden wir andere Dinge aus. Das ist nützlich und erforderlich: Lösungen entwickeln sich nicht immer intuitiv und automatisch. Wir brauchen unsere analytischen Fähigkeiten bzw. die Fähigkeit, uns mit Hindernissen und Problemen auseinanderzusetzen, um zu lernen, wie wir sie am besten bewältigen. Nur so können wir uns als Persönlichkeit weiterentwickeln. Dies beinhaltet sowohl kognitive Auseinandersetzung als auch Frustrationstoleranz, die Bereitschaft, negative Gefühle zu erkennen, einzubeziehen und zuzulassen. Kuhl ordnet dieses System bewussten, kognitiven Prozessen zu.
4. Extensionsgedächtnis: Damit bezieht sich Kuhl auf die vierte Eigenschaft einer »reifen Persönlichkeit«, die »Fähigkeit, als Persönlichkeit zu wachsen«, indem Erfahrungen integriert werden. Mit der Zeit führt dies zu einem Schatz an Erfahrungen, auf den in neuen Situationen zurückgegriffen werden kann. Dieses System kommt zum Tragen, wenn wir in Kontakt sind mit uns selbst, wenn wir Zugang haben zu unserem gesamten Erfahrungsschatz, unserer Intuition, Kreativität und unseren Bedürfnissen. Der Zugang zum Extensionsgedächtnis ermöglicht uns, Situationen aus einem Überblick, ganzheitlich, intuitiv und kreativ zu begegnen. Wir kommen eher auf Ideen, was wir in einer Situation tun können und können flotter handeln.9
Im Idealfall stehen diese vier Systeme in einer ausgeglichenen Wechselwirkung zueinander, d. h. wir aktivieren situationsbezogen jenes System, das gerade erforderlich ist. Wir folgen unserer Intuition ohne über Probleme hinwegzugehen. Wir bilden Absichten und kommen zu gegebener Zeit ins Handeln. Dies kennzeichnet »Handlungsorientierung« bzw. »Aufbrechen«. Bei »Lageorientierung« bzw. »Verharren« ist dieses Gleichgewicht beeinträchtigt. Entweder wird das Intentionsgedächtnis überlastet, d. h. es kommt zu einem »Stau« von Absichten, die nicht umgesetzt werden. Mit anderen Worten: Man nimmt sich Dinge vor, aber kommt nicht ins Handeln. Oder das Objekterkennungssystem wird überlastet, d. h. der Fokus liegt so stark auf einzelnen Umständen oder Problemen, dass der Zugang zum Extensionsgedächtnis beeinträchtigt ist. Mit anderen Worten: Man dreht um ein Problem, ohne auf Ideen zu kommen, wie dieses angegangen werden kann.
Nun stellt sich die Frage: Wie kommt es dazu? Was beeinflusst bzw. reguliert die Dynamik dieser Systeme? Und: Kann diese Dynamik beeinflusst werden, d. h. kann eine Person, die verharrt, lernen, mehr aufzubrechen? Hier erschließt Kuhl m. E. einen wichtigen Zugang zum Verstehen von Mustern in Haltung und Verhalten.
Kuhl geht davon aus, dass sich die vier Systeme gegenseitig hemmen: Wenn wir Vorsätze fassen (Intentionsgedächtnis), bremst dies das Handeln (Verhaltenssteuerung) – obwohl es ja darum geht, Vorsätze umzusetzen. Sicher kennen Sie dies aus dem Alltag: Je mehr sich auf Ihrer To-do-Liste ansammelt, desto schwieriger wird es, anzufangen. Wir haben dann quasi eine Stimme im Kopf, die dauernd sagt »Du musst«, »Ich weiß, ich sollte«, doch genau das erschwert flottes Handeln. Umgekehrt: Wenn wir intuitiv und spontan handeln (Verhaltenssteuerung), brauchen wir keine Vorsätze (Intentionsgedächtnis). Das gleiche gilt für Objekterkennungssystem und Extensionsgedächtnis: Wenn wir eine Situation analysieren (Objekterkennungssystem), wird der Zugang zu unserem Erfahrungsschatz bzw. unserer Intuition und Kreativität gehemmt (Extensionsgedächtnis) – obwohl ja gerade dies in die Lage setzt, Lösungen zu finden, Ideen zu entwickeln. Wenn wir z. B. nur dieses eine Misslingen sehen oder hängen bleiben bei einer schmerzvollen Erfahrung, sind wir nicht im Überblick und haben damit keinen Zugang zu Ideen, was hier weiterführen könnte. Umgekehrt: Wenn wir Zugang haben zu unserer Intuition, spontan Ideen entwickeln, Möglichkeiten und Lösungen sehen, beschäftigen wir uns nicht mit der Analyse von Einzelaspekten. Dies ist aber manchmal erforderlich.
Wie kommt es zu dieser gegenseitigen Hemmung? Nach Kuhl sind es Affekte, die hier eine entscheidende regulierende Funktion haben.10
Gemäß Kuhl gehen eine (kognitive, bewusste) Aktivierung von Intentionsgedächtnis und Objekterkennungssystem mit einer Dämpfung der Gefühle einher. Wer sich etwas vornimmt (Intentionsgedächtnis), wird meist erfahren, dass das nicht unmittelbar positive Gefühle auslöst. Doch eine gedämpfte Stimmung bremst die Handlungssteuerung: Es fällt schwerer, ins Handeln zu kommen.11 Das gleiche gilt, wenn eine Situation oder ein Problem genau angeschaut wird, um daraus zu lernen (Objekterkennungssystem). Auch das dämpft meist die Stimmung: Es ist nicht immer angenehm, sich mit einer Situation auseinanderzusetzen. Das ist, nebenbei erwähnt, auch häufig ein Grund, warum Menschen sich schwertun »genau hinzuschauen«: Es kann unangenehm, konfrontierend und anstrengend sein. Gedämpfte Stimmung erschwert aber den Zugang zu dem, was helfen würde, eine aktuelle Situation zu meistern: Ressourcen, Ideen, Intuition (Extensionsgedächtnis) und Handeln (Verhaltenssteuerung).
Um diese Hemmung zwischen den vier Systemen aufzuheben, spielt Gefühlsregulierung eine entscheidende Rolle, d. h. die Fähigkeit, beeinträchtigende Gefühle herab zu regulieren und förderliche Gefühle zu aktivieren. Kuhl verwendet die Begriffe »Selbstberuhigung« und »Selbstmotivierung«. Durch Aufheben gedämpfter Gefühle bzw. durch Aktivierung positiver Gefühle wird die Hemmung zwischen den Systemen aufgehoben, d. h. können Absichten umgesetzt und der Zugang zum Extensionsgedächtnis erschlossen werden.
Das Pendeln zwischen gegensätzlichen Gefühlen (beeinträchtigend – förderlich, negativ – positiv, Schmerz – Freude) bzw. Selbstberuhigung und Selbstmotivierung steuern also die dynamische Interaktion zwischen den vier Systemen.
Verharrende und Aufbrechende unterscheiden sich durch die Schwierigkeit bzw. Fähigkeit, Gefühle zu regulieren.
Verharrende bleiben in beeinträchtigenden Gefühlen hängen, erholen sich nach Frustrierendem langsamer und haben Mühe, positive Gefühle zu aktivieren. Dadurch wird das flexible Wechseln zwischen den vier Systemen erschwert. Der Fokus liegt auf Objekterkennungssystem (Probleme sehen) und Intentionsgedächtnis (zu viele oder unrealistische Absichten). Beeinträchtigende Gefühle hemmen den Zugang zum Extensionsgedächtnis (innere Ressourcen) und erschweren das Handeln.
Aufbrechende lassen beeinträchtigende Gefühle zu, ohne sich davon lähmen zu lassen. Sie verfügen über Frustrationstoleranz, können sich selbst beruhigen oder trösten. Zugleich können sie sich selbst in eine positive Stimmung bringen, ermutigen und motivieren. Beides erschließt ihnen den Zugang zum Extensionsgedächtnis und zur intuitiven Verhaltensteuerung. Damit sind sie in der Lage, mit Kreativität und geringerem Energieaufwand zu handeln als Verharrende (s. etwa Martens & Kuhl, 2011, S. 20 ff.). Die Fähigkeit zu »Selbstberuhigung« und »Selbstmotivierung« ermöglicht ihnen, flexibel und situationsbezogen zwischen den vier Systemen zu wechseln.
Kuhl geht davon aus, dass Gefühlsregulierung gelernt werden kann. Mit seiner Theorie stellt er das Wissen bereit, um entsprechende Lernprozesse in Gang zu setzen.
In Abb. 2.2 finden Sie eine Darstellung der vier psychischen Systeme und deren Regulierung durch die Fähigkeit der Selbstberuhigung und Selbstmotivierung.

Abb. 2.2: Psychologische Perspektive – PSI-Theorie Julius Kuhls (erstellt in Orientierung an Video-Interview Kuhl, 2018, Fundstelle 23:40)
Es wäre noch viel über Kuhls Ansatz zu sagen.12 Ich fokussiere hier auf die Kernfrage dieses Buches: Was führt im Umgang mit Veränderung vorwärts und wie kann Veränderungskompetenz gefördert werden?
2.2.2 Psychologische Perspektive: Wichtigste Punkte und Relevanz des Ansatzes Julius Kuhls im Hinblick auf die Förderung von Veränderungskompetenz
Die psychologische Perspektive spiegelt, was Sie aus der Praxis kennen: Dass die Vielfalt individueller Haltungen und Verhaltensweisen im Umgang mit Veränderung in zwei Muster gebündelt werden kann, »Verharren« und »Aufbrechen«. Kuhl erhellt die psychische Dynamik, die diesen beiden Mustern zugrunde liegt. In Kasten 4 sind die wichtigsten Punkte zusammengefasst.
Kasten 4
Psychologische Perspektive: Zusammenfassung PSI-Theorie in Bezug auf »Verharren« / »Aufbrechen«
Kuhls PSI-Theorie: «Lageorientierung» vs. «Handlungsorientierung»
• Dynamische Interaktion vier psychischer Systeme:
– Intentionsgedächtnis: Absichten bilden und speichern
– Intuitive Verhaltens-/Handlungssteuerung: Absichten umsetzen
– Objekterkennungssystem: Probleme analysieren, daraus lernen
– Extensionsgedächtnis: Zugang zu Erfahrungen, Bedürfnissen, Intuition, Kreativität; Integration, Gesamtschau, Persönlichkeitswachstum
• Interaktion wird reguliert bzw. blockiert durch Affekte:
– Beeinträchtigende Gefühle hemmen Interaktion
– Förderliche Gefühle ermöglichen flexible Interaktion
• «Verharrende» bzw. «Aufbrechende» unterscheiden sich durch Schwierigkeit bzw. Fähigkeit,
– situationsbezogen zwischen den vier Systemen zu wechseln;
– Gefühle zu regulieren (Selbstberuhigung, Selbstmotivierung).
Was können wir vom Ansatz Julius Kuhls im Hinblick auf den Umgang mit Veränderung bzw. die Arbeit mit Menschen in Veränderungssituationen lernen?
Die vier von Kuhl bestimmten psychischen Systeme beziehen sich auf Themen, die in Veränderungssituationen relevant sind: Es ist immer wichtig, sich mit einer Situation auseinanderzusetzen und wieder Distanz zu gewinnen. Es ist immer wichtig, Absichten zu bilden und ins Handeln zu kommen.
Kuhls Theorie macht auf etwas Wichtiges aufmerksam, was im Alltag aus dem Blick geraten kann: Dass sich die vier Systeme gegenseitig hemmen, d. h. dass eine Fokussierung auf Probleme verhindert, Distanz zu gewinnen und damit Zugang zu erhalten zu inneren Ressourcen. Und dass eine Fokussierung auf Absichten das Handeln erschwert. In Veränderungssituationen wird auf Probleme und Absichten fokussiert, was verständlich und auch wichtig ist, aber unter Perspektive der PSI-Theorie Zugang zu Erfahrungen, Intuition, Kreativität und zum Handeln erschwert.
Ein besonderer Beitrag Kuhls Theorie sehe ich im Stellenwert der Fähigkeit zur Gefühlsregulierung bzw. der Fähigkeit, sich selbst zu beruhigen und zu motivieren. In Veränderungssituationen spielen Gefühle immer mit, aber nicht immer wird bei der Frage nach einem passenden Vorgehen einbezogen, was einer Person hilft, negative Gefühle hinunter zu regulieren (einen Schuldenberg abbauen zu müssen, macht keine Freude) und positive Gefühle zu aktivieren (etwa, wie es sich anfühlen wird, wenn man schuldenfrei ist).
Kuhls Theorie erhellt damit, was »Verharren« bzw. »Aufbrechen« zugrunde liegt und was sie voneinander unterscheidet: 1. Die Schwierigkeit bzw. Fähigkeit, flexibel zu pendeln zwischen Intention und Umsetzung sowie zwischen Fokussierung auf Probleme und einer integrativen Gesamtschau. 2. Die Schwierigkeit bzw. Fähigkeit, Gefühle zu regulieren (Selbstberuhigung/Selbstmotivierung). Damit sensibilisiert Kuhls Ansatz zugleich dafür, Verharren bzw. Aufbrechen nicht auf einzelne Merkmale/Symptome zu reduzieren (»der sieht überall schwarz«, »die findet immer wieder Lösungen«), sondern als Ausdruck einer innerpsychischen Dynamik zu verstehen.
Dabei kommt in den Blick, wo bei zwei häufigen Situationen anzusetzen ist: 1. Hängen bleiben bei Absichten, nicht ins Handeln kommen: Kuhls Theorie sensibilisiert dafür, warum in solchen Situationen häufig weder Wissen noch vernünftige Argumente ins Handeln führen. Wenn sich Menschen etwa schwertun mit Lebensstiländerung, dann wissen sie meist selbst, dass Handeln wichtig wäre und warum. Je nach Persönlichkeit zwingen sie sich vielleicht dazu. Allerdings erfordert Handeln mehr Energie und wird schneller aufgegeben, wenn es nicht durch positive Gefühle unterstützt wird. Es wird also wichtig sein, Gefühlsregulierung zu stimulieren. Wie ich Ihnen zeigen möchte, wird dies in Orientierung am Veränderungskreis auf natürliche Weise angeregt. 2. Hängen bleiben bei Problemanalyse, nicht auf Lösungen kommen: Salopp formuliert: Noch mehr Analyse (Objekterkennungssystem) führt zu noch weniger Ideen (Zugang zum Extensionsgedächtnis, d. h. inneren Ressourcen). Kuhl macht deutlich, dass die Auseinandersetzung mit Situationen essenziell ist, zugleich ein Hängenbleiben dabei den Zugang zu Ideen und Kreativität erschwert. Er sensibilisiert damit für die Wichtigkeit, Distanz zu nehmen, Überblick zu gewinnen und sich von der Fokussierung auf Probleme zu lösen – im Wissen darum, dass gerade so Ideen entstehen, Erfahrungen abgerufen werden können.
Wo es gelingt, flexibles Pendeln zwischen den vier Systemen bzw. Gefühlsregulierung anzuregen, ist eine wichtige Basis zur Stärkung von Veränderungskompetenz gelegt. Andersrum: Wo dies nicht gelingt, werden Veränderungsprozesse zumindest bei Verharrenden nicht nachhaltig zu Erfolg führen, egal, ob es um Veränderung in Organisationen oder um individuelle Veränderung geht.
Verstehen, was Verharren und Aufbrechen zugrunde liegt, ermöglicht Erkennen relevanter Aspekte und damit auch adäquatere Interventionen. Mit Aufbrechenden können Sie meist flott an die Arbeit und auch häufig auf die fachliche Arbeit fokussieren – diese Menschen steigen meist auf natürliche Weise in den Veränderungskreis ein. Sie schätzen gemeinsames »laut Denken« und lassen sich auf Prozesse ein. Bei Verharrenden ist es meist erforderlich, explizit auf Haltung und Verhalten einzugehen.13 Die Theorie Kuhls gibt eine erste Idee, was dabei wichtig ist. Die neurobiologische Perspektive wird hier anknüpfen.
Kasten 5
Psychologische Perspektive: Relevanz PSI-Theorie im Hinblick auf Förderung Veränderungskompetenz
• Vier psychische Systeme
Themen, die in Veränderungssituationen relevant sind: Problemanalyse – Gesamtschau/Intention – Umsetzung.
• Gegenseitige Hemmung
Fokussierung auf Probleme verhindert Zugang zur Gesamtschau; Fokussierung auf Absichten erschwert Handeln.
• Bedeutung Gefühlsregulierung für flexibles, situationsgerechtes Wechseln zwischen den vier Systemen
Wichtigkeit, im Umgang mit Veränderung nicht nur auf Auseinandersetzung mit Umständen und Entwickeln von Zielen zu fokussieren, sondern zugleich Fähigkeit zur Selbstberuhigung und Selbstmotivierung zu stimulieren.
• PSI-Theorie erhellt, was «Verharren»/«Aufbrechen» (beeinträchtigendem/förderlichem Umgang mit Veränderung) zugrunde liegt
Schwierigkeit bzw. Fähigkeit, flexibel und situationsgerecht zwischen den vier Systemen zu wechseln.
Im Veränderungskreis sind wichtige Aspekte des Ansatzes Julius Kuhls integriert. Ich werde darauf zurückkommen (
Kap. 3).
2.2.3 Ausblick auf die Praxis: »Verharren« bzw. »Aufbrechen« erkennen als Kreislauf in Denken, Fühlen und Verhalten
In der Praxis werden Sie sofort erkennen, ob Sie es mit einer aufbrechenden oder verharrenden Person zu tun haben. Ich knüpfe bei Kuhl an, wenn ich dafür sensibilisieren will, beim Erkennen von Verharren bzw. Aufbrechen nicht bei einzelnen, voneinander losgelösten Merkmalen zu bleiben im Sinne von »Der sieht überall Probleme«, »Die müsste endlich mal ins Handeln kommen«, »Jetzt habe ich ihr doch erklärt, warum es wichtig ist, ins Training zu kommen, und schon wieder hat sie eine Ausrede…« oder auch »Wow, wie mutig der mit seiner Situation umgeht!«. Um Veränderungskompetenz fördern zu können, ist es wichtig, den Zusammenhang in Denken, Fühlen und Verhalten einer Person zu erkennen. Bevor ich darauf eingehe, wie entsprechende Muster entstehen (
Kap. 2.3), halte ich fest, wie sich die – unterschiedlichen! – Kreisläufe in Denken, Fühlen, Verhalten bei Verharrenden und Aufbrechenden äußern (
Tab. 2.1). Sie werden Bezüge herstellen können zu Personen in Ihrem Arbeitsalltag
Tab. 2.1: Psychologische Perspektive – »Verharren« vs. »Aufbrechen«

»Verharren«»Aufbrechen«
Lassen Sie mich das Wichtigste kurz erläutern.
Fokus auf Umstände vs. Fokus auf (neue) Möglichkeiten. Menschen, die verharren, bleiben mental und emotional bei Umständen, Mangel, Schwierigkeiten hängen. Während Aufbrechende die aktuelle Situation unter die Lupe nehmen, um daraus Informationen ableiten zu können, drehen Verharrende um den Status Quo und gehen oft davon aus, wenig an Umständen oder sich selbst ändern zu können. Vielleicht wünschen sie sich Verbesserung und nehmen sich Schritte vor, kommen aber nicht ins Handeln. In Orientierung an Kuhl bleiben sie im Objekterkennungssystem und Intentionsgedächtnis hängen. Es ist nachvollziehbar, dass dies auf Dauer zu einer negativen Grundstimmung führt, wodurch das Handeln zusätzlich erschwert wird. Das vielleicht wichtigste Merkmal von Menschen, die aufbrechen, ist es, dass sie rasch ihren Blick auf (neue) Möglichkeiten, Lösungen, attraktive Ziele richten. Sie setzen sich durchaus mit der aktuellen Situation auseinander und scheuen auch Konfrontierendes nicht.14 Doch sie bleiben nicht dabei hängen. Sie sind entschlossen, Wege zu finden und sich für Wichtiges einzusetzen. In Orientierung an Kuhl aktivieren sie durch die Fokussierung auf Wünschenswertes positive Gefühle und Motivation zum Handeln.
Zugang zu sich selbst ist erschwert bzw. gegeben. Verharrende haben oft Mühe, einen realistischen und zugleich positiven Zugang zu sich selbst, Sicht-, Denkweisen, Stärken, Schwächen und Gefühlen herzustellen. Ihr Fokus ist auf Umstände gerichtet. Sie haben entweder kaum Zugang zu ihren Gefühlen und/oder ihre Gefühle verhindern einen produktiven Umgang mit der Situation. Ihr Zugang zum Extensionsgedächtnis ist erschwert; sie haben Mühe, aus ihrem Erfahrungsschatz zu schöpfen, neue Möglichkeiten zu sehen und Kreativität zu aktivieren. Aufbrechende können sich selbst realistisch einschätzen, sehen Stärken und Schwächen. Sie haben Zugang zu ihren Gefühlen, ohne ihr Handeln davon bestimmen zu lassen. Sie lassen negative Gefühle zu, ohne dabei hängen zu bleiben, und sind in der Lage, positive Gefühle zu aktivieren, d. h. sie können ihre Gefühle regulieren. Aufbrechende haben Zugang zu ihren inneren Ressourcen, nach Kuhl zum Extensionsgedächtnis. Dadurch können sie ihren Erfahrungsschatz und ihre Kreativität »anzapfen«.
»Mehr desselben« tun vs. situationsgerechtes Vorgehen in Richtung passender Ziele. Da Verharrende einen beeinträchtigten Zugang zu sich selbst haben, haben sie oft Mühe, passende Ziele zu setzen. Ihre Ziele sind eher außen- als innengeleitet, d. h. sie setzen Ziele, bei denen sie sich Anerkennung, Erfolg, soziale Zugehörigkeit, Sicherheit usw. versprechen, auch wenn ihnen diese nicht entsprechen und wenig Freude machen. Menschen, die keine passenden Ziele haben, sind im Handeln beeinträchtigt. Sie müssen ein Übermaß an Willen mobilisieren, um mangelnde Motivation zu kompensieren. Auf Dauer ist das nicht nur anstrengend, sondern belastet die Gesundheit.15 Aufbrechende sind in der Lage, passende Ziele zu setzen und situationsgerecht vorzugehen. Das heißt, sie können Ziele setzen, die sie motivieren, ihnen entsprechen, hinter denen sie stehen und in deren Richtung sie Schritte unternehmen können. Je nach Situation nehmen sie sich Zeit, Klarheit zu gewinnen oder auch nichts zu tun, um zu gegebener Zeit aktiv und entschlossen zu handeln. In Orientierung an Kuhl sind sie in der Lage, situationsgerecht zwischen Intentionsgedächtnis und Handlungssteuerung, Objekterkennungssystem und Extensionsgedächtnis zu pendeln.
Umgang mit Erfahrungen. Die Art, wie Verharrende Veränderungen begegnen, ist Basis für Enttäuschung und Bestätigung: Wer es für unmöglich hält, an sich oder der Situation etwas ändern zu können, wird begreiflicherweise nicht auf Ideen kommen, was vorwärtsführen könnte. Solche Menschen können durchaus auch positive Erfahrungen machen, werden etwa bei der Stellensuche nach der Überarbeitung von Bewerbungsunterlagen plötzlich zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Doch häufig »übersehen« sie solche positiven Veränderungen oder werten sie ab, in diesem Fall etwa: »Damit habe ich noch keine Stelle.« Wenn sie dann tatsächlich eine Absage erhalten, nehmen sie diese nicht als Anlass, zu klären, ob sie etwas anders machen können oder Pech gehabt haben, sondern als Bestätigung ihrer Grundhaltung: »Ich hab’s ja gewusst, mich nimmt keiner.« Aufbrechende legen durch die Art, wie sie Veränderungen begegnen, einen Boden zu Erfolgserlebnissen: Wer sich auf Möglichkeiten ausrichtet, wird früher oder später Möglichkeiten sehen. Wer passende Ziele setzen kann, wird eher zu Erfolg kommen als jemand, der keine, unpassende oder unrealistische Ziele setzt. Aufbrechende nehmen Erfolgserlebnisse wahr und gewinnen daraus Mut und Informationen fürs Weitergehen. Auch sie sind vor Enttäuschungen, Misserfolgen nicht gefeit. Doch sie sehen diese als Anlass, neu Klarheit zu gewinnen, wie sie noch anders vorgehen können. Wie Thomas Edison, der unzählige Versuche unternehmen musste, um bei seiner Erfindung der Glühbirne zum Durchbruch zu gelangen. Er soll gesagt haben: »Ich habe nicht versagt. Ich habe nur 10 000 Wege gefunden wie es nicht funktioniert.«
Bei »Verharren« bzw. »Aufbrechen« handelt es sich um zwei Kreisläufe in Denken, Fühlen und Verhalten. Worauf die Aufmerksamkeit gerichtet wird bzw. die Haltung, womit einer Veränderungssituation begegnet wird, beeinflusst, was über diese Situation gedacht, wie diese Situation interpretiert wird. Dies wiederum beeinflusst, welche Gefühle aktiviert werden. Denken und Fühlen beeinflussen, wie der spezifischen Situation begegnet, was getan oder gelassen wird. Dies führt zu Resultaten. Wie diese wahrgenommen und interpretiert werden, löst wiederum Gefühle und Gedanken aus und beeinflusst das weitere Verhalten. Bei Wiederholung entstehen Gewohnheiten, Automatismen.
Viele Menschen begegnen Veränderungssituationen durch Rückgriff auf vertraute, oft über viele Jahre zur Gewohnheit gewordene charakteristische Denk- und Verhaltensmuster.16 Wenn wiederholt auf verharrende Haltungen und Verhaltensweisen zurückgegriffen wird, entstehen beeinträchtigende Spiralen (
Abb. 2.3). Wenn wiederholt auf aufbrechende Haltungen und Verhaltensweisen zurückgegriffen wird, entstehen förderliche Spiralen (
Abb. 2.4).

Abb. 2.3: Beeinträchtigende Muster in Haltung / Verhalten gegenüber Veränderung

Abb. 2.4: Förderliche Muster in Haltung / Verhalten gegenüber Veränderung
Soll in der Begleitung von Menschen in Veränderungssituationen Veränderungskompetenz gefördert werden, wird es darum gehen, in Orientierung am Veränderungskreis Aufbrechen zu unterstützen bzw. zu stimulieren. Dabei ist wichtig,
• sich bewusst zu sein, dass Denken, Fühlen, Verhalten in einer Wechselwirkung stehen;
• zu realisieren, dass man nicht verharrend aufbrechen kann: Viele Menschen pflegen beeinträchtigende Denk- und Verhaltensmuster, wünschen sich Veränderung und sind erstaunt, dass nichts verändert;
• zu erkennen, mit welcher Art Person man es zu tun hat – um angemessen intervenieren zu können;
• positive Spiralen zu unterstützen bzw. Aufbrechen zu stimulieren;
• negative Spiralen zu erkennen und deren Unterbrechung anzuregen; befähigen, mehr ins Aufbrechen zu kommen.

Abb. 2.5: Produktiver Umgang mit Veränderung heißt letztlich, mehr und mehr in einen Modus von »Aufbrechen« bzw. den damit verbundenen Sicht-, Denk- und Verhaltensweisen zu kommen
Dazu ist es hilfreich, mehr zu wissen, wie es zu diesen Spiralen kommt, wie förderliche bzw. beeinträchtigende Denk- und Verhaltensmuster entstehen. Eine neurobiologische Perspektive ist hier m. E. äußerst hilfreich; sie ergänzt und vertieft die psychologische Perspektive.
2.3 Neurobiologische Perspektive: Entstehen und Veränderbarkeit von Denk- und Verhaltensmustern
2.3.1 Warum Neurobiologie?
Der Einbezug neurobiologischer Erkenntnisse scheint mir äußerst praxisrelevant: Oft laufen Prozesse fest durch automatisierten Rückgriff auf beeinträchtigende Denk- und Verhaltensmuster. Sie werden das aus Ihrer Praxis kennen: Solche Personen sind kaum ansprechbar für alternative Sicht- und Denkweisen, für neue, andere Schritte. Es scheint, als wären sie mit einer Art Autopilot unterwegs. Für solche Personen ist es schwierig, manchmal sogar unmöglich, sich von vertrauten, gewohnten Sicht-, Denk- und Verhaltensweisen zu lösen bzw. neue, andere zu entwickeln. Sie wiederholen Vertrautes – auch wenn dies nicht weiterführt. Je mehr Stress im Spiel ist – was ja gerade in eingreifenden Veränderungssituationen sehr verständlich ist, weil teils traumatische Erfahrungen und reale Existenzängste mitspielen können –, umso stärker oder rigider wird häufig dieser Rückgriff auf vertraute Muster.
Viele Professionals stehen hier an. Und greifen auf unterschiedliche Strategien zurück: Sie zeigen empathisch Verständnis, wollen Ursachen auf den Grund gehen, reden ihren Klienten gut zu bzw. wollen sie motivieren. Manche fokussieren auf Fachkompetenz, und wenn Haltungen/Verhaltensweisen Prozesse beeinträchtigen, sind sie der Ansicht »Nichts zu machen« oder »Das liegt außerhalb meiner Kompetenz«. Wieder andere üben Druck aus. Ich halte es für fruchtbarer, erst einmal besser zu verstehen, wie es zu diesem Rückgriff auf »Autopiloten« kommt. Das ist die Basis für passende Interventionen.
Eine neurobiologische Perspektive ermöglicht, besser zu verstehen, wie es kommt, dass Menschen bestimmte Haltungen und Verhaltensweisen pflegen. Sie ermöglicht zumindest ansatzweise einen Zugang zur äußerst komplexen Wechselwirkung zwischen Kognition, Emotion, Verhalten und Außeneinflüssen sowie damit verbundenen physiologischen Prozessen. Auch wenn noch vieles unbekannt ist, ermöglicht sie ein Verständnis, das sich so präzise wie möglich auf überprüfbare, messbare Sachverhalte zur Funktionsweise von Gehirn und Körper bezieht. Je mehr wir darüber wissen, desto mehr sind wir in der Lage, menschliches Verhalten sachlich zu verstehen. Ich sehe die Gefahr eines neurobiologischen Reduktionismus weniger als dies bis heute innerhalb Psychologie und Psychotherapie befürchtet bzw. kritisiert wird (dazu Roth & Strüber, 2014, S. 9 ff., S. 18 f., S. 233). Ich sehe neurobiologisches Wissen vielmehr als Chance, ein Verständnis von Denk- und Verhaltensmustern zu entwickeln, das in die Lage setzt, in der Praxis fundiert, pragmatisch, unideologisch, nicht psychologisierend und jenseits einseitiger Problem- bzw. Lösungsorientierung positive Prozesse anzuregen.17
Neurobiologie ist ein großes und komplexes Gebiet. Es gibt noch viele Rätsel. Erlauben Sie mir, dass ich im Rahmen dieses Buches auf Zusammenhänge fokussiere, die ich im Hinblick auf die Begleitung von Veränderungsprozessen für relevant und hilfreich halte.18 Dabei fokussiere ich auf zwei Schlüsselfragen: 1. Wie entstehen Denk- und Verhaltensmuster (
Kap. 2.3.2)? Und 2. (wie) sind Denk- und Verhaltensmuster veränderbar (
Kap. 2.3.3)? In der Praxis zeigt sich, dass neurobiologische Erkenntnisse zu diesen beiden Fragen sehr hilfreich sind. Ich beziehe mich auf verschiedene Ansätze und Untersuchungen, insbesondere auf die von Gerhard Roth (Roth & Strüber, 2014) und Joe Dispenza (Dispenza, 2007).19
Ist die Unterscheidung »Verharren« bzw. »Aufbrechen« nützlich, um in der Vielfalt individueller Situationen rasch zu erkennen, mit welchem Muster in Denken, Fühlen und Verhalten man es zu tun hat, so ermöglicht ein neurobiologisches Verständnis, besser zu verstehen, wie es zu diesen Kreisläufen in Denken, Fühlen, Verhalten kommt und was ihnen zugrunde liegt. Das setzt in die Lage, von Grund auf positive Prozesse anzuregen.
Vielleicht denken Sie »Das geht über meinen Fachbereich hinaus« oder »Dazu habe ich keine Zeit«. Meine Haltung: Professionals haben es immer mit Menschen und deren Haltungen und Verhaltensweisen zu tun. Es gibt drei Wege, damit umzugehen: Man versucht, kurzfristige Fortschritte zu bewirken. Man fokussiert aufs Fachliche und kümmert sich nicht um Haltung und Verhalten. Man versteht besser, wie es zu Denk- und Verhaltensweisen kommt und findet Wege, dieses Wissen auf pragmatische Weise in die Praxis zu übertragen. Meine Erfahrung ist es, dass mit dem dritten Weg effizient und effektiv Positives bewirkt werden kann. Das ist das Ziel dieses Buches.
2.3.2 Wie entstehen Denk- und Verhaltensmuster?
Denk- und Verhaltensmuster entstehen durch Wiederholung gleicher Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen. Obwohl das logisch klingt, ist es vielen Menschen nicht bewusst.
Die Basis jeder Veränderung ist Wissen und Verstehen. Je besser wir verstehen, mit welchen Prozessen unser Denken, Fühlen und Verhalten verbunden ist, desto eher sind wir in der Lage, unser Leben zu gestalten. Erlauben Sie mir, hier etwas auszuholen – mit dem Ziel dieses Buches im Hinterkopf: Menschen zu befähigen, Veränderungssituationen eigenbestimmt, motiviert und erfolgreich anzugehen.
Kommunikation zwischen Gehirn und Körper
Gehirn und Körper bilden ein perfektes Team. Sie sind so eingerichtet, dass sie dem Organismus effektives Funktionieren bzw. (Über-)Leben ermöglichen. Sie sind darauf ausgerichtet, Gleichgewicht und Stabilität herzustellen und zu erhalten. Energie, Gehirnkapazität und Ressourcen werden dabei effizient genutzt, Gesundheit, Überleben gewährleistet und Entwicklung möglich.
Gehirn und Körper sind ständig damit beschäftigt, Informationen – sowohl aus der Umwelt als auch aus dem Inneren des Körpers – zu registrieren, zu verarbeiten und dabei gespeicherte Informationen einzubeziehen. Dabei gibt es eine enge Kommunikation bzw. ein stetiges Feedback: Das Gehirn sendet Signale an den Körper. Dabei werden neuronale, chemische, hormonale, biologische und genetische Prozesse aktiviert, die Körperfunktionen und Verhalten steuern. Und der Körper sendet Feedback ans Gehirn zurück bzw. das Gehirn monitort die Resultate und reagiert darauf mit neuen Signalen.
Kreislauf Denken – Fühlen – Verhalten
Neurobiologisch wird unser Verhalten gesteuert durch unsere Wahrnehmung, unser Denken und Fühlen.
Was wir über unsere Sinne wahrnehmen und was wir denken, bringt unser Gehirn in Bewegung. Es kommt dabei zu neuronalen und chemischen Prozessen: Nervenzellen empfangen und übermitteln elektrochemische Signale, die via Nervensystem bis in den Körper gelangen. Zugleich wird das limbische System aktiviert, die »Chemiefabrik« im Gehirn, das seinerseits via Hormonsystem chemische Prozesse im Körper auslöst und Emotionen bewirkt.
Lassen Sie mich diese sehr komplexen Prozesse bzw. die Wechselwirkung zwischen Denken, Fühlen und Verhalten an einem Beispiel veranschaulichen. Wenn wir etwa unsere beste Freundin treffen, nehmen wir diese mit unseren Sinnen wahr (wir sehen, hören, riechen, fühlen sie) und haben bestimmte Gedanken (etwa »Schön, sie zu sehen«, »Sie sieht fröhlich aus«, »Sie trägt ein schönes Kleid«, »Ich mache uns einen Tee«). Dabei werden Milliarden von Nervenzellen, auch Neuronen genannt, in den verschiedenen Bereichen des Gehirns aktiviert. Die aktuellen Daten werden erfasst, verarbeitet und mit bekannten, gespeicherten Daten kombiniert (etwa gute Erinnerungen, gemeinsame Erfahrungen, die letzte Begegnung). Dies wird möglich durch Kommunikation zwischen den Nervenzellen. Diese Kommunikation erfolgt über elektrochemische Signale, die via Nervensystem weitergeleitet werden. Dabei werden die Abstände zwischen den einzelnen Neuronen (Synapsen) überbrückt, indem die elektrischen Signale in den Zellen in chemische Botenstoffe (Neurotransmitter) umgewandelt werden, die die »Nachricht« der nächsten Zelle weiterleiten, wo sie wieder zu elektrischen Signalen werden. So gibt es eine Art Kettenreaktion: Die durch Wahrnehmung (»Das ist meine Freundin«) und Gedanken (»Schön, sie zu sehen«) ausgelösten Signale werden über das Nervensystem bis zur »Endbestimmung« transportiert und steuern Körperfunktionen und Verhalten (etwa wohlige Entspannung, Aufstehen, Umarmen der Freundin, Tee machen). Bei der Kommunikation zwischen Nervenzellen gilt das Prinzip »What fires together, wires together« (Donald O. Hebb).20 Frei übersetzt: Neuronen, die wiederholt miteinander kommunizieren, verbinden sich miteinander und bilden eine Art »Leitungen« oder Informationsnetzwerke bzw. neurale Netzwerke (in unserem Beispiel ein Netzwerk »beste Freundin«), über die alle relevanten Daten rasch abgerufen werden können. Je häufiger diese Netzwerke aktiviert werden (je öfter wir die Freundin treffen oder an sie denken), desto stabiler werden sie und desto schneller können sie aktiviert werden (wir brauchen nicht jedes Mal neu zu überlegen, was es mit dieser Freundin auf sich hat).
Parallel zu dieser neuronalen Kommunikation via Nervensystem aktivieren Nervenzellen das limbische System. Passend zum Signal – also zur Wahrnehmung oder zum Gedanken – werden dort via Hypothalamus und Hypophyse die Drüsen des Hormonsystems aktiviert und chemische Botenstoffe (Neuropeptide und Hormone) freigesetzt, die über den Blutkreislauf zu den Zellen der Organe und Systeme des Körpers, etwa dem Herz-Kreislauf-System, gelangen und dort ebenfalls Körperfunktionen und Verhalten steuern.21 Am bekanntesten ist wohl, dass bei Wahrnehmung von Gefahr oder Stress via »Auftrag« aus dem limbischen System die Nebenniere die Hormone Adrenalin und Cortisol in den Blutkreislauf ausschüttet, was vielfältige Körperprozesse in Gang und uns in die Lage setzt, Gefahr oder Stress zu bewältigen. Was hier relevant ist: Diese chemischen Prozesse bewirken die Emotionen, die wir im Zusammenhang mit unserer Wahrnehmung bzw. den damit verbundenen Gedanken haben. Wenn wir die beste Freundin treffen, spüren wir etwa Freude, fühlen uns wohl und gutgelaunt. Unser Körper geht in Entspannungsmodus und die positiven Gefühle fließen in die Begegnung ein, wir unterhalten uns herzlich und fröhlich.
Auf diese Weise führen Wahrnehmung bzw. Denken zu einer Kette neuronaler und chemischer Prozesse, die Emotionen bewirken und schließlich Körperfunktionen und Verhalten steuern.
Mit unserem Verhalten bewirken wir Resultate, Erfahrungen. Diese bewirken neue Wahrnehmungen, Gefühle und Gedanken. Dies wird vom Gehirn registriert; es entsteht eine Feedbackschlaufe, ein Kreislauf. Bei der nächsten Begegnung mit unserer Freundin werden diese neuen Erfahrungen einbezogen. In Abb. 2.6 ist dieser Kreislauf dargestellt.
Mit dem Beispiel »Treffen mit der besten Freundin« wird ein positiver Kreislauf von Wahrnehmung, Denken, Fühlen und Verhalten veranschaulicht. Dass dieser Kreislauf auch anders aussehen kann, zeigt das Beispiel »Der vierte Berater« (
Kasten 6).
Abb. 2.6: Neurobiologische Perspektive – Kreislauf Denken, Fühlen, Verhalten
Kasten 6
Neurobiologische Perspektive – Kreislauf Denken, Fühlen, Verhalten Beispiel: Der vierte Berater
Sie bekommen als Laufbahnberater übers Arbeitsamt einen stellensuchenden Herrn zugewiesen. Sie sind dessen vierter Berater. Ihr Kunde hat mit Ihren drei Vorgängern schlechte Erfahrungen gemacht; es wurde ihm gesagt, was er zu tun hatte, ohne dass er damit etwas anfangen konnte. Er fühlte sich kontrolliert, nicht ernst genommen, nicht einbezogen. Während Sie ihn begrüßen, koppelt sein Gehirn die Sinneseindrücke der aktuellen Situation mit bisherigen Erfahrungen; er aktiviert sein neurales Netzwerk »Beratungsprofessionals«. Dabei denkt er etwa »Oh, wieder einer, der mir sagen wird, was ich zu tun habe«, »Verlorene Zeit!« oder »Hoffentlich bringe ich dieses Gespräch rasch hinter mich«. Möglicherweise fließen zugleich alte Erfahrungen ein, etwa, dass er seinen Beruf erlernte, weil seine Eltern das wünschten. Oder er denkt an seinen Chef, der ihm in seinen Augen zu Unrecht gekündigt hat. Auch hier aktivieren Gedanken das limbische System und bewirken Gefühle: Je nach Person Aggression, Frustration, Unsicherheit, Ohnmacht, Versagergefühle, Angst, Indifferenz usw. Gedanken und Gefühle führen zu einer Reihe neurobiologischer Prozesse und zum Verhalten: Je nach Person aggressiv, misstrauisch, unsicher, angepasst, abwartend, unbeteiligt usw. Der ganze Prozess – Wahrnehmen, Denken, Fühlen, Verhalten – verläuft wahrscheinlich unbewusst. Das an Wahrnehmung und Denken gekoppelte Verhalten begünstigt eine weitere negative Erfahrung bzw. erhöht die Chance, dass die bestehenden Gedanken und Gefühle rund um Beratung gestärkt werden – es sei denn, Sie gehen als Professional anders vor und ermöglichen eine neue Erfahrung bzw. das Durchbrechen eines beginnenden Denk- und Verhaltensmusters. Das ist ein triftiger Grund, diese Prozesse zu kennen.
Wiederholung führt zu Automatismen
Je häufiger Prozesse in Denken, Fühlen, Verhalten wiederholt werden, desto automatischer und unbewusster verlaufen sie. Dies dient der Effizienz und der Entlastung des Gehirns: Wir können rascher handeln, und es wird Gehirnkapazität frei für andere Prozesse. Evolutionär sind wir dazu eingerichtet, mit möglichst wenig Energieaufwand möglichst effizient zu (über)leben.
Automatismen sind Resultat von Lernprozessen: Wir haben etwas so viel Mal gedacht, gefühlt, getan und erfahren, dass wir automatisch und meist unbewusst darauf zurückgreifen.
Das kennen wir von praktischen Fertigkeiten, die wir uns im Laufe des Lebens aneignen. Wenn wir z. B. lernen, Klavier zu spielen, müssen wir uns am Anfang konzentrieren, Bewegungen bewusst und nacheinander einüben. Wenn wir dies häufig wiederholen, wird es zum Automatismus. Wir spielen Klavier, ohne jede Bewegung bewusst machen zu müssen. Was neurobiologisch geschieht: Wir bilden und stärken ein neurales Netzwerk »Klavierspielen«. Darin sind alle erforderlichen Informationen und Abläufe koordiniert. Durch Wiederholung kann dies stets rascher abgerufen werden und wird Klavierspielen damit stets flüssiger. Mit der Zeit braucht es nicht mehr kognitive Anstrengung (»Welche Note ist das hier?«, »Wo ist die Taste?« »Welchen Finger benötige ich?«), sondern übernimmt der Körper die Führung; wir führen die Bewegungen aus, ohne darüber nachzudenken. Jetzt verlaufen die Prozesse automatisch.
Automatismen entstehen auch bei mentalen Prozessen, bei der Entwicklung von Haltungen und Verhaltensweisen. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit immer wieder aufs Gleiche richten, wenn wir bestimmte Gedanken immer wieder haben, bestimmte Überzeugungen pflegen, löst dies im Gehirn immer wieder die gleichen elektrochemischen Prozesse aus. Es werden immer wieder die gleichen neuralen Netzwerke aktiviert, was diese stärkt. Es werden immer wieder die gleichen chemischen Prozesse aktiviert, was zu den immer wieder gleichen Gefühlen und einem chemischen Gleichgewicht im Körper führt: Die Zellen im Körper gewöhnen sich an den spezifischen chemischen »Cocktail«, der mit dem gewohnten Denken und Fühlen einhergeht.
Mit der Zeit werden durch Wiederholung automatisierte Denk- und Verhaltensweisen im Kleinhirn (Cerebellum) abgespeichert. Jetzt sind sie weitgehend unbewusst. Wir greifen reflexartig darauf zurück, egal, ob sie in einer aktuellen Situation angemessen sind oder nicht. Damit produzieren wir eine Art selbsterfüllende Prophezeiung. Wer unwillkürlich das sprichwörtliche Glas »halbvoll« sieht, wird immer wieder Hilfreiches entdecken, positive Erfahrungen machen und stärkt so seine Sicht-, Denk- und Verhaltensweisen. Wer sich angewöhnt hat, überall das Glas »halbleer« zu sehen, wird überall rasch erkennen, was fehlt, nicht gelingt usw. Damit sind wir bei Aufbrechen und Verharren.
Zu Automatismen gewordene Denk- und Verhaltensmuster prägen unseren »state of being« (Seinszustand), das, was unsere Persönlichkeit ausmacht und wie wir vom Umfeld wahrgenommen werden: »Er ist ein Zweifler«, »Sie sieht überall immer Lösungen«, »Sie ist notorisch unzufrieden«, »Er ist ein Steh-auf-Männchen« usw.
Haben wir uns Denk- und Verhaltensmuster des Aufbrechens angewöhnt, ist dies im Alltag und in Veränderungssituationen überaus nützlich. Haben wir uns Denk- und Verhaltensweisen des Verharrens angewöhnt, wird dies gerade in Veränderungssituationen oft zum eigentlichen Problem.
Wenn sich Gehirn und Körper an Denk- und Verhaltensmuster gewöhnen
Wiederholte Aktivierung gleicher neuraler Netzwerke durch gleiches Denken, Fühlen und Verhalten stärkt diese. Zugleich stellt sich unser Körper auf den chemischen »Cocktail« ein, der mit diesen wiederholten Denk- und Verhaltensweisen einhergeht. Das ist sehr wichtig. Denn es erklärt, warum man sich an Leiden gewöhnen kann bzw. Leiden aufrechterhält, Veränderung sich oft nicht gut anfühlt, schwerfällt und zum Zurückfallen ins Alte veranlasst. Wenn wir immer wieder das Gleiche denken und fühlen, erhalten unsere Zellen via Hormonsystem immer wieder die gleiche Kombination chemischer Stoffe und stellen sich darauf ein; es entsteht ein Gleichgewicht. Wenn wir uns etwa angewöhnt haben, an uns, am Leben oder an Umständen zu leiden, dann geht dies einher mit spezifischen chemischen Prozessen. Wenn wir uns entschließen, neue Sicht- und Denkweisen zu entwickeln, solche, die uns helfen, Leiden abzubauen, werden via Hormonsystem andere chemische Prozesse ausgelöst. Da Gehirn und Körper auf Gleichgewicht ausgerichtet sind, meldet der Körper dem Gehirn, dass die vertrauten Stoffe fehlen, was – wenn man nicht weiß, was abläuft – meist dazu führt, wieder ins Alte zurückzukehren und damit das Muster aufrechtzuerhalten. Dass sich das Neue nicht gut anfühlt, ist damit nicht etwas »zwischen den Ohren«, sondern Ausdruck, dass durch die Veränderung das chemische Gleichgewicht im Körper gestört ist; es kommt buchstäblich zu Entzugserscheinungen. Wissen um diese Prozesse bzw. um das Phänomen einer »emotional addiction« (Dispenza, 2007, S. 295 ff.) hilft, dann anders vorzugehen als zu sagen: »Ich hab’s ja gewusst, bei mir funktioniert das nicht« bzw. einer Person gut zuzureden, an deren Willen zu appellieren oder empathisch Destruktives zu unterstützen.
Schicksal, genetisch bestimmt oder Lernprozess?
Nun fragen Sie sich vielleicht: Wo beginnt dieser Prozess? Wie kommt es, dass wir Aufbrechende bzw. Verharrende geworden sind? Es muss doch einen Anfang geben? Im Rahmen dieses Buches will ich einen Punkt hervorheben: Denk- und Verhaltensmuster entwickeln sich in dynamischer Weise aufgrund mehrerer Einflüsse. Es sind sowohl genetische Veranlagung und frühkindliche Lern- und Anpassungsprozesse als auch spätere (Umwelt-)Einflüsse, Erfahrungen bzw. deren Interpretation, die solche Muster entstehen lassen. Wir wissen heute, dass Denk- und Verhaltensmuster genetisch angelegt sein können. Zugleich wissen wir, dass unsere Gene nicht über unser Schicksal bestimmen, sondern erst aktiviert werden müssen. Unsere Gene sind sozusagen unser Startkapital. Was mit diesem Startkapitel geschieht, hängt davon ab, welche Erfahrungen wir machen, wie wir diese interpretieren und welche Denk- und Verhaltensmuster wir im Rahmen oben beschriebener Prozesse einüben, pflegen und damit unser Leben gestalten. So sind wir vielleicht mit der Veranlagung zu Aufbrechen bzw. Verharren geboren; ob wir zu Aufbrechenden oder Verharrenden werden, ist davon abhängig, ob wir die entsprechenden Gene aktivieren, d. h. die mit Aufbrechen bzw. Verharren verbundenen Denk- und Verhaltensmuster pflegen.
Warum gewöhnen wir uns an beeinträchtigende Denk- und Verhaltensmuster?
Wahrscheinlich fragen Sie sich auch: Wenn Gehirn und Körper auf Effizienz ausgerichtet sind, wie kommt es denn, dass wir uns destruktive Denk- und Verhaltensmuster angewöhnen und diese aufrechterhalten? In erster Instanz waren entsprechende Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen eine Strategie, um Situationen zu bewältigen. Wenn ich als kleines Kind erfahren – oder auch interpretiert – habe, dass ich nichts recht machen konnte, war Anstrengung oder Resignation ein Versuch, darauf einzuspielen. Vielleicht habe ich mir angewöhnt, mich selbst zu kritisieren, um so realer oder vermeintlicher Kritik des Umfeldes zuvorzukommen. Wenn die Kreisläufe zwischen Denken, Fühlen und Verhalten einmal automatisiert und unbewusst sind, laufen sie ab, auch wenn sie sich negativ auswirken. Gehirn und Körper werten nicht, sie sagen nicht: »Du musst aufhören mit Selbstkritik, das schadet Dir.« Sie sind darauf ausgerichtet, Impulse aufzunehmen, zu verarbeiten und möglichst Gleichgewicht herzustellen. Sie stellen sich auf den automatisierten Rückgriff auf Denk- und Verhaltensmuster ein. Allerdings beeinträchtigen destruktive Denk- und Verhaltensmuster auf Dauer das mentale und physische Funktionieren, was zu zahlreichen psychischen und physischen Problemen führt, mit denen sich viele herumschlagen. Destruktive Denk- und Verhaltensmuster bedeuten, dass sich Gehirn und Körper neuronal, chemisch, hormonal, biologisch und genetisch im Stress-Modus befinden.
Kasten 7
Neurobiologische Perspektive: Entstehen von Denk- und Verhaltensmustern
• Denken und Fühlen steuern Körperfunktionen und Verhalten.
• Kommunikation und Feedbackschlaufe Gehirn
Körper:
– Neuronal: Gedanken bewirken im Gehirn elektrochemische Signale. Diese werden über Kommunikation zwischen Nervenzellen (neurale Netzwerke) transportiert, gelangen via Nervensystem in den Körper und steuern das Verhalten.
– Chemisch: Zugleich aktivieren elektrochemische Signale das limbische System, welches via Hormonsystem chemische Prozesse auslöst (Ausschüttung Neuropeptide, Hormone in den Blutkreislauf). Dies geht einher mit passenden Emotionen.
• Wiederholung gleichen Denkens, Fühlens, Verhaltens
Denk- und Verhaltensmuster
Automatismen/«Autopilot»
«State of being».
»Stress-/Survival«- vs. »(Re)Creation«-Kreislauf
Interessanterweise gibt es auch neurobiologisch letztlich zwei Kreisläufe in Denken, Fühlen und Verhalten: Es gibt einen Stress- bzw. Survival-Kreislauf. Und es gibt einen (Re)Creation- bzw. Entspannungs-Kreislauf.22 Der erste Kreislauf ermöglicht die Bewältigung von Gefahr bzw. Stresssituationen. Der zweite ermöglicht Erholung, Entwicklung und Kreativität. Die beiden Kreisläufe unterscheiden sich durch entgegengesetzte neuronale, chemische, hormonale, biologische und genetische Prozesse.
Evolutionär sind wir dazu eingerichtet, bei Gefahr rasch zu reagieren, sodass wir überleben. Ursprünglich sind die damit einhergehenden physiologischen Prozesse für akute Situationen gedacht: Wenn ein Zebra von einem Löwen angefallen wird, ermöglichen die physiologischen Prozesse des Survival-Kreislaufes rasche Flucht. Kurz danach ist das Zebra wieder im Ruhezustand.
Wir Menschen sind mit den gleichen physiologischen Überlebensstrategien ausgerüstet. Es gibt zwei wichtige Unterschiede zum Zebra: Heutzutage dauern reale oder mental wahrgenommene Bedrohungen meist länger als ein paar Sekunden. Überlastung am Arbeitsplatz, Existenzängste nach einer Kündigung, Konflikte in der Partnerschaft, finanzielle Engpässe sind meist nicht rasch aus der Welt geschafft. Und: Im Gegensatz zum Zebra können wir Stressreaktionen rein mental in Gang setzen. Gedanken an die nervige Arbeitskollegin, Sorgen um die Pensionskassengelder oder die Zukunft, Unzufriedenheit über die Situation in der Partnerschaft oder das Gefühl, vom Leben benachteiligt zu sein, lösen die gleichen physiologischen Prozesse aus wie wenn wir von einem Löwen angefallen werden.
Ob wir in akuter Gefahr sind oder in chronischem Stress leben: Die physiologischen Prozesse sind weitgehend die gleichen.
Was charakterisiert einen Stress-/Survival-Kreislauf? Gehirn und Körper stellen sich auf Überleben ein. Die Aufmerksamkeit ist nach außen gerichtet, auf das, was als Gefahr, Problem identifiziert oder antizipiert wird. Für ein Zebra ist es wichtig, zu sehen, wo der Löwe ist. Wenn es ein Problem gibt, ist es nützlich, dieses zu erkennen. In Stress sind wir mental auf Umstände fokussiert. Die Gehirnaktivität ist erhöht und asynchron; es müssen viele Daten verarbeitet werden. Dauert dies länger, kommunizieren die einzelnen Gehirnbereiche nicht mehr gut miteinander, wir können nicht klar denken, werden von »Geschwätz im Kopf« geplagt. Asynchrone Gehirnaktivität bewirkt, dass die Kommunikation zwischen Gehirn und Körper nicht reibungslos funktioniert. Signale sind nicht eindeutig. Körperfunktionen und Verhalten werden dadurch beeinträchtigt. Passend zur Wahrnehmung von Stressoren werden via Hormonsystem chemische Prozesse und daran gekoppelt beeinträchtigende Gefühle aktiviert: Wir fühlen uns unter Druck, haben Angst, werden aggressiv, sind gereizt oder frustriert, machen uns Sorgen, fühlen uns schuldig oder als Versager, verlieren Mut oder das Vertrauen, dass sich Dinge zum Positiven ändern können; alle beeinträchtigenden Gefühle sind Ausdruck dieses Kreislaufs. Bei realer oder antizipierter Gefahr stellt der Körper auf das Notfallprogramm um: Über das Gehirn bzw. via Hypothalamus wird der Sympathikus aktiviert, der Teil des vegetativen Nervensystems, der den Körper auf körperliche und geistige Leistungen vorbereitet und auch die nach außen gerichtete Aktionsfähigkeit bei tatsächlicher oder gefühlter Gefahr ermöglicht (sein Gegenspieler ist der Parasympathikus, der im [Re]Creation-Modus aktiviert wird). Die Nebenniere schüttet die Stresshormone Adrenalin und Cortisol aus, die ermöglichen, zu tun, was jetzt zu tun ist. Herz-/Kreislaufsystem und Atmungssystem werden angekurbelt, während Verdauungs- und Immunsystem gedämpft werden. Dies ermöglicht evolutionär, dass die basalen Überlebensstrategien zum Einsatz kommen: fight, flight oder freeze. Heutzutage beinhaltet dies etwa, dass wir uns durch Arbeitsberge kämpfen, in Konflikte verwickelt sind, andere oder uns selbst beschuldigen. Oder dass wir wiederholt aus Situationen »flüchten«, Beziehungen abbrechen, Jobs wechseln, uns auf nichts verbindlich einlassen. Oder dass wir verharren in dem, was uns belastet, uns als Opfer von Umständen sehen, gelähmt vom Gefühl, nichts ändern zu können. Es ist naheliegend, dass dies kaum zu befriedigenden Resultaten führt. Wodurch der Kreislauf aufrechterhalten oder sogar verstärkt wird.
Genau entgegengesetzte Prozesse kommen im »(Re)Creation«- bzw. Entspannungs-Kreislauf in Gang. Gibt es keine Gefahr, stellen Gehirn und Körper auf das Entspannungs- und Regenerationsprogramm um. Die Aufmerksamkeit ist nicht mehr auf Gefahren und Stressoren gerichtet; man kann »zu sich« kommen. Die Gehirnaktivität ist jetzt ruhig und synchron. Das ist der Zustand, in dem wir klar und konzentriert denken können, Zugang haben zu unseren inneren Ressourcen, Intuition und Kreativität. Zugleich werden via Hormonsystem chemische Prozesse und Gefühle ausgelöst, die denen des Survival-/Stress-Kreislaufs entgegenstehen. Wir fühlen uns in Kontakt mit uns selbst, entspannt, ruhig, heiter, empfinden eine ganze Palette positiver, Energie spendender Gefühle wie Freude, Freiheit, Mut, Optimismus, Akzeptanz, inneren Frieden, Harmonie, Dankbarkeit, Liebe. Im (Re)Creation-Modus kommt der Parasympathikus zum Zug, der Teil des vegetativen Nervensystems, der in Entspannungszuständen Körperfunktionen wie Herzschlag, Atmung und Verdauung steuert, Stoffwechselvorgänge anregt, für Erholung und Aufbau körpereigener Reserven sorgt. Stresshormone werden reduziert und stattdessen Hormone freigesetzt, die Regeneration, Stärkung des Immunsystems und Entwicklung ermöglichen.
Tab. 2.2: Neurobiologische Perspektive – »Stress-/Survival« vs. »(Re)Creation«

»Stress-/Survival«-Kreislauf»(Re)Creation«-Kreislauf
Neurobiologisch ist es nicht möglich, gleichzeitig in Stress- und (Re)Creation-Status sein. Es ist »entweder – oder«. Entweder ist der Sympathikus aktiviert oder der Parasympathikus. Entweder werden Stresshormone ausgeschüttet oder Prozesse aktiviert, die Regeneration ermöglichen. Unser Körper ist nicht dafür eingerichtet, über lange Zeit im Stress-/Survival-Modus zu sein. Ein Zebra grast nach geglückter Flucht wieder; sein Körper kann sich erholen. Bei uns Menschen werden Stress-/Survival-Kreisläufe oft zum Dauerzustand, mit allen negativen Folgen: Wer anhaltend im Stress-/Survival-Modus ist und sich entsprechend beeinträchtigende Muster in Denken, Fühlen und Verhalten angewöhnt, kommt nicht nur nicht auf Lösungen, sondern belastet mit der Zeit auch die Gesundheit. Es ist entscheidend, solche Spiralen zu unterbrechen und einen (Re)Creation- Modus zu stimulieren.
2.3.3 (Wie) sind Denk- und Verhaltensmuster veränderbar?
Zwei Positionen und (m)ein »dritter Weg«
(Nicht nur) im Hinblick auf die Förderung von Veränderungskompetenz ist diese Frage relevant: Ist es möglich, unser Denken, Fühlen und Verhalten zu ändern? Insbesondere, wenn Denk- und Verhaltensmuster längst Gewohnheit sind, automatisch und unbewusst ablaufen?
In Praxis und Forschung scheiden sich die Geister in der Beantwortung dieser Frage. Vereinfacht gesagt gibt es zwei Extrempositionen.
In der einen Position wird davon ausgegangen, dass Denk- und Verhaltensmuster nicht oder kaum zu ändern sind. Im Alltag kommt dies in Aussagen zum Ausdruck wie: »Ich kann hier nichts ändern, ich bin so.« In der Forschung sind die Argumente differenzierter, führen aber in die gleiche Richtung. So geht der deutsche Neurobiologie Gerhard Roth davon aus, dass unsere Fähigkeit, Denken, Fühlen und Verhalten bewusst zu steuern und eben auch zu verändern, zumindest beschränkt ist. Nach Roth wird unser Verhalten letztlich nicht durch den Neokortex gesteuert, den Gehirnbereich, der uns zu bewussten, kognitiven Prozessen befähigt (denken, reflektieren, analysieren, aus Fehlern lernen, schöpferisch sein usw.), sondern durch das limbische System (pointiert im Vortrag »Wie das Gehirn die Seele macht«, Roth, 2015, Fundstelle bei 35:47 bzw. 36:36; siehe auch Roth & Ryba, 2016, S. 222 f.; zum limbischen System
Kap. 2.3.2, dort Unterkapitel »Kreislauf Denken – Fühlen – Verhalten«). Roth geht davon aus, dass tiefgreifende Denk- und Verhaltensmuster neurobiologisch gesehen im besten Fall »überschrieben« werden können, da sie häufig auf genetische Veranlagung bzw. frühkindliche Prägung zurückgehen, unbewusst und damit kaum zugänglich sind. Eine ähnliche Auffassung vertritt der niederländische Neurowissenschaftler Dick Swaab (Swaab, 2010).
In der anderen Position wird davon ausgegangen, dass mit Willen und »positiv Denken« alles veränderbar und erreichbar ist. Im Alltag äußert sich dies darin, dass versucht wird, sich selbst oder andere dazu zu bewegen, förderliche Haltungen und Verhaltensweisen zu entwickeln. Doch wenn dies nicht fundiert und unter Einbezug dominanter Denkweisen, Gefühle, Verhaltensweisen und realer Schwierigkeiten erfolgt, werden im besten Fall kurzfristige Erfolge erzielt, im schlechtesten Fall entsteht bei Menschen, die es nicht schaffen, »positiv zu denken« und den »inneren Schweinehund« zu überwinden, zusätzlicher Druck, womit Probleme verstärkt werden.23 M. E. wird dies gefördert bei einer verkürzten und oberflächlichen Rezeption bewährter Ansätze in Forschung, Beratung und Therapie. So kann es etwa dazu kommen, dass der verhaltenstherapeutische Grundsatz, wonach Gelerntes »verlernt« und neu gelernt werden kann24, auf mechanistisches Machbarkeitsdenken reduziert wird. Oder es kann dazu kommen, dass die für humanistisch-personzentrierte25 oder auch lösungs- und ressourcenorientierte Ansätze26 typische Ausrichtung auf Gesundheit und Entwicklungspotential verkürzt wird und reale Schwierigkeiten ausgeblendet werden.
Ich wähle einen dritten Weg: Ich gehe davon aus, dass auch lang gepflegte Denk- und Verhaltensmuster veränderbar sind. Dies erfordert allerdings Wissen, Bereitschaft, Training, Ausdauer und Realismus. Und: Veränderung gelingt nur, wenn kognitive, emotionale und verhaltensbezogen Aspekte gleichwertig und insbesondere beeinträchtigende Sicht- und Denkweisen, Gefühle und Verhaltensweisen sowie reale Probleme einbezogen werden.
Wie komme ich darauf?
Einerseits veranlassen mich Erfahrungen in der Praxis dazu: Immer wieder erfahre ich, dass Menschen zu eingreifenden Erkenntnissen und Veränderungen in Denken, Fühlen und Verhalten imstande sind. Zugleich schließe ich mich bewährten psychologischen und psychotherapeutischen Ansätzen an, die seit langem zeigen, dass positive Veränderungsprozesse erfolgreich angeregt werden können. Ich denke hier an die soeben erwähnten Ansätze verhaltenstherapeutischer, personzentrierter und lösungsorientierter Ausrichtung. In diesen Ansätzen werden kognitive, emotionale und verhaltensbezogene Aspekte bereits miteinander verbunden, auch wenn dies vielleicht nicht so pointiert thematisiert wird, wie dies in neuerer Zeit der Fall ist. Klaus Grawe, wichtiger Vertreter der Psychotherapieforschung, hat die Wirksamkeit eines solch ganzheitlichen Ansatzes in den 1990er Jahren erforscht, favorisiert (Grawe, 1998) und sich dabei interessanterweise ebenfalls für den Einbezug neurobiologischer Erkenntnisse eingesetzt (Grawe, 2004).
Was mich darüber hinaus insbesondere zu diesem dritten Weg veranlasst, sind neueste neurobiologische Erkenntnisse. Sie geben den genannten Ansätzen in Beratung und Therapie die neurobiologische Basis einer Veränderbarkeit von Denk- und Verhaltensmustern. Ich denke dabei vor allem an neueste Erkenntnisse in der Erforschung von Neuroplastizität und Epigenetik. Bei Neuroplastizität geht es um die Frage, ob und wie das Gehirn sich verändern kann. Veränderbarkeit des Gehirns ist Voraussetzung für die Veränderung von Denk- und Verhaltensmustern. Bei Epigenetik, einem Teilgebiet der Biologie, geht es um die Frage, welche Faktoren die Aktivierung eines Gens bestimmen oder, etwas plump formuliert: Ob wir durch unsere Gene bestimmt sind oder ob wir Einfluss auf deren Aktivierung haben. Im Rahmen dieses Buches gehe ich nicht näher auf Epigenetik ein (Überblick bei Dispenza, 2012, S. 74 ff.). Hier nur ein wichtiger Punkt: Unter dieser Perspektive ist es in der Praxis ratsam, Aussagen wie »Ich bin eben so, daran kann ich nichts ändern«, nicht vorschnell beizupflichten. Wir wissen heute, dass genetische Veranlagung nicht zum Verharren verdammt oder krank macht, sondern dass entsprechende Gene erst aktiviert werden müssen. Wir wissen auch, dass durch Herbeiführen von tiefen Entspannungszuständen, etwa mithilfe von Meditation, Gene aktiviert werden können, die sich z. B. positiv auf Gesundheit auswirken oder Alterungsprozesse verzögern. Es ist also zumindest Vorsicht geboten mit der gängigen Auffassung, dass unsere Gene unser Leben bestimmen.
Neuroplastizität: Ermutigende Erkenntnisse zu Veränderbarkeit von Gehirn und neuralen Netzwerken
Wurde in den Neurowissenschaften bis vor noch nicht so langer Zeit angenommen, dass das menschliche Gehirn ab ca. 35 Jahren nicht mehr veränderbar ist, so wurde diese Annahme in neuerer Zeit zunehmend in Frage gestellt. In den letzten Jahren wurde immer mehr über Neuroplastizität bekannt, über die Fähigkeit des Gehirns, sich Umständen anzupassen und weiterzuentwickeln. Untersuchungen bestätigen immer mehr, dass Nervenzellen, Synapsen, Hirnareale und neurale Netzwerke ihre Funktion und Anatomie zwecks Optimierung von Prozessen verändern können, auch in fortgeschrittenem Erwachsenenalter (Überblick über Entwicklungen und Erkenntnisse in der Forschung bei Dispenza, 2007, S. 56 f., 169 ff., 179 ff.; vgl. auch Muellbacher, 2006).
Zwei Voraussetzungen müssen dabei erfüllt werden:
1. Funktionelle und anatomische Veränderungen in Gehirnbereichen und neuralen Netzwerken erfolgen nutzungsabhängig, d. h. wenn wir bestimmte Prozesse aktivieren. Ein Beispiel, das wir alle kennen, veranschaulicht das Prinzip: Wir alle wissen, dass Menschen, die erblinden, mit der Zeit einen ausgeprägteren Tastsinn entwickeln als Sehende. Neu ist, dass heute nachgewiesen ist, dass durch Aktivierung damit verbundener Prozesse entsprechende neurale Netzwerke gestärkt werden und das Gehirn eine ausfallende Funktion (Sehen) mit einer stärkeren Entwicklung anderer Funktionen (Tastsinn, Gehör) kompensieren kann. Und dass dabei jene Bereiche im Gehirn, die für das Sehen zuständig waren, sogar neue Funktionen übernehmen können (dazu etwa Dispenza, 2007, S. 170 ff., 182 f.). Ein anderes Beispiel: Wissenschaftler konnten nachweisen, dass Londoner Taxifahrer, die das komplexe Londoner Straßennetz damals noch auswendig lernen mussten, einen starken Zuwachs von Neuronen im Hippocampus (zuständig für unser Gedächtnis) hatten (Maguire et al., 2000). Das war einer der frühen Beweise, dass das Gehirn auch im Erwachsenalter veränderbar bleibt.
2. Veränderung erfolgt durch gezielte, präzise Wiederholung und Training. Auch das schließt an bei Alltagserfahrungen. So hat mein Klavierlehrer in einer der ersten Klavierstunden – ich war schon über 30 – gesagt: »Wenn Du ein neues Stück einübst, musst Du das langsam und fehlerfrei machen. Dann kannst Du dieses spezifische Stück später fließend und fehlerfrei spielen.« Sie werden Ähnliches selbst erfahren haben. Heute ist nachgewiesen, dass bei herausragenden Fähigkeiten in Musik, Wissenschaft, Sport, Meditation usw. intensives, fokussiertes Üben Veränderung in Funktion und Anatomie des Gehirns bewirkt. Veränderung erfolgt umso eher, je präziser und regelmäßiger die Impulse an die Neuronen sind, die dann ihrerseits klare Signale geben zur Stärkung entsprechender neuraler Netzwerke. Erfolgen Impulse nur sporadisch, unspezifisch, wechselnd im Charakter (also: einmal die richtige Note erwischen, einmal einen Fehler machen), sind entsprechende Signale inkohärent, was Veränderung und Stabilisierung neuraler Netzwerke erschwert oder verunmöglicht.
Ein bemerkenswerter dritter Punkt:
3. Veränderung in Gehirnfunktion und -anatomie sowie neuralen Netzwerken kann rein mental bewirkt werden. Auch das ist uns an sich vertraut: Sportler visualisieren Bewegungsabläufe, buddhistische Mönche trainieren seit Jahrhunderten mithilfe von Meditation geistige Wachheit, Konzentration, Gelassenheit, Entkoppelung von beeinträchtigenden Gedanken und Emotionen. Neu ist, dass heute neurobiologisch bestätigt wird, dass diese bewährten Mentalpraktiken funktionelle und anatomische Veränderungen in Gehirn und neuralen Netzwerken bewirken. So etwa eine bekannte Untersuchung von Alvaro Pascual-Leone (Pascual-Leone, 1995).27 Pascual-Leone hat darin untersucht, was im Gehirn passiert, wenn eine Person, die nicht gelernt hat, Klavier zu spielen, eine einfache einhändige Melodie lernt und dann täglich zwei Stunden während fünf Tagen einübt. Er hat dabei verschiedene Variationen untersucht. Im Kern: Gruppe 1 ließ er die Melodie physisch üben, d. h. die Teilnehmenden haben das Stück am Klavier geübt. Gruppe 2 ließ er die Melodie mental üben, d. h. die Teilnehmenden saßen am Klavier, stellten sich vor, wie sie die Melodie üben, ohne dabei die Tasten zu berühren. Gruppe 3 ließ er verschiedene Melodien üben. Gruppe 4 ließ er ohne Übung. Resultat: Nach fünf Tagen konnten in Gruppe 1 und 2 die gleichen Veränderungen im Gehirn nachgewiesen werden, d. h. egal, ob das Stück physisch oder allein mental geübt wurde. In Gruppe 3 waren die Veränderungen signifikant geringer, d. h. wenn nicht konstant die gleichen Signale aktiviert werden, sind die Veränderungen geringer. In Gruppe 4 kam es zu keinen Änderungen, d. h. wenn nicht geübt wird, passiert nichts.
Erkenntnisse zu Neuroplastizität machen deutlich: Veränderung von Denk- und Verhaltensmustern ist möglich. Doch sie erfolgt nicht automatisch: Es braucht gezieltes Vorgehen, kohärente Signale (Gedanken) sowie Wiederholung bzw. Übung.
Kasten 8
Neurobiologische Perspektive: Veränderbarkeit von Denk- und Verhaltensmustern
• Zwei Positionen und (m)ein dritter Weg: Veränderung ist…
– nicht/schwer möglich: Genetische und frühkindliche Prägung; Denk- und Verhaltensmuster sind unbewusst (Roth, Swaab u. a.);
– «machbar» durch Willensanstrengung, «Positiv Denken», Konditionierung neuer Muster (verkürzte, oberflächliche Rezeption bewährter Ansätze in Beratung und Therapie);
Dritter Weg: Dass Veränderung möglich ist, wird durch neueste Erkenntnisse zu Neuroplastizität und Epigenetik bestätigt (Hebb, Pascual-Leone, Dispenza u. a.). Gehirn und neurale Netzwerke sind funktionell und anatomisch veränderbar. Kein genetischer Determinismus. Dazu erforderlich: Wissen, Bereitschaft, Training, Ausdauer, Realismus, Einbezug destruktiver Muster.
• Voraussetzung für Veränderung: Nutzungsabhängig, gezielte Wiederholung. Gehirn und Körper benötigen klare neue Signale.
• Veränderung kann rein mental bewirkt werden.
Wie sind Denk- und Verhaltensmuster veränderbar?
Erkenntnisse zu Neuroplastizität zeigen, dass positive Veränderung nicht Wunschdenken, sondern neurobiologisch möglich ist. Zugleich werden Sie erfahren, dass es oft sehr herausfordernd ist und manchmal nicht gelingt, Veränderungen in Denken, Fühlen und Verhalten anzuregen.
Mein vorgeschlagener »dritter Weg« beinhaltet, Erkenntnisse zu Neuroplastizität mit dem Wissen um die Kraft unbewusst ablaufender Automatismen zu verbinden: Die Fokussierung auf positive Entwicklung wird kombiniert mit dem Einbezug dominanter Denk- und Verhaltensweisen. Werden diese ausgeklammert, können gute Absichten durch unbewusste emotionale und damit verbundene kognitive und verhaltensbezogene Muster unterwandert werden.
Damit sind wir bei der Frage: Können unbewusst ablaufende Muster ans Licht, d. h. bewusst(er) gemacht werden? Die Antwort ist: Ja.
Ich wähle dabei nicht den Weg, Ursachen von Mustern finden zu wollen. Es ist zwar nachvollziehbar, Denk- und Verhaltensmustern zugrunde liegende Erfahrungen ans Licht bringen zu wollen. M. E. bleibt dies aber immer ein Stück Spekulation, Interpretation und Verkürzung. Selbst wenn prägende Erfahrungen eine wichtige Rolle spielen bei der Entwicklung von Denk- und Verhaltensmustern, so stehen sie in einer Wechselwirkung mit einer Vielzahl mitbeeinflussender Faktoren. So kann eine Person als Kleinkind eine traumatische Erfahrung gemacht haben, ohne – wegen genetischen Einflüssen und/oder späteren positiven »Gegenerfahrungen« – destruktive Denk- und Verhaltensmuster zu entwickeln. Andererseits kann eine Person eine Situation aufgrund genetischer Einflüsse und Persönlichkeit traumatisch erleben, die auf eine andere Person keinen Impakt hätte. Ein vielleicht noch wichtigeres Argument, nicht nach Ursachen zu suchen, ist die Erkenntnis, dass Wiederaktivierung bestehender neuraler Netzwerke diese stärkt. Je mehr ich mich damit beschäftige, warum ich mir so wenig zutraue, desto mehr stärke ich genau dieses Muster.
Ich wähle also nicht den Weg, Ursachen zu finden. Ich setze bei der Gegenwart an, bei der Art, wie sich Denk- und Verhaltensmuster aktuell manifestieren. Im Veränderungskreis beziehe ich dazu Vorgehensweisen ein, die pragmatisch einsetzbar sind und zugleich bei neurobiologischem Wissen anschließen. In Essenz beziehe ich mich dabei auf Fähigkeiten, die uns neurobiologisch zur Verfügung stehen und die wir üben können. Es handelt sich um folgende fünf Fähigkeiten:
1. Fähigkeit, zu beobachten: Neurobiologisch sind wir mit dem Frontallappen – jenem Gehirnbereich im Neokortex, der uns zu bewussten kognitiven Prozessen befähigt – in der Lage, bewusst zu beobachten.28 Auch wenn die Ursache bzw. die Auslöser von Denk- und Verhaltensmustern schwer ergründbar bleiben dürften, so können wir immer lernen und üben, zu beobachten, was wir jetzt denken, fühlen, tun und wie sich dies auswirkt. Indem wir beobachten, sind wir nicht mehr unsere Denk- und Verhaltensmuster; es ist unser Bewusstsein, das die Muster beobachtet. Wir lösen damit die Identifikation und machen Unbewusstes ein Stück weit bewusst(er). Wo wir Muster erkennen, legen wir die Basis, auf der sie verändert werden können.
2. Fähigkeit, Aufmerksamkeitsfokus zu lenken: Der Frontallappen stattet uns weiter mit der Fähigkeit aus, unsere Aufmerksamkeit zu steuern. Wir können fokussieren auf das, was uns belastet oder auf das, was uns hilft. Indem wir lernen und üben, unseren Aufmerksamkeitsfokus zu lenken, sehen wir andere Dinge, entwickeln andere Gedanken und Gefühle und kommen in die Lage, uns anders zu verhalten. Wie wir von der Neurobiologie lernen, führt wiederholte Fokussierung zur Entwicklung und Stärkung neuer neuraler Netzwerke.
3. Fähigkeit, Denk- und Verhaltensmuster zu unterbrechen. Wenn wir durch Beobachtung erkennen, wie sich unser Denken, Fühlen und Verhalten im Alltag auswirkt, ist dies die Basis, beeinträchtigende Denk- und Verhaltensmuster zu unterbrechen. Neurobiologisch unterbrechen wir damit entsprechende neurale Netzwerke. Hier liegt ein wichtiger Punkt: Viele Menschen drehen mental um Probleme, ohne auf Lösungen zu kommen. Neurobiologisch ist das erklärbar: Mit mentalem Drehen stärken wir die vertrauten neuralen Netzwerke. Zudem erhöht es die Gehirnaktivität und fördert fragmentiertes Denken. Mit Grübeln und übermäßiger Analyse katapultieren wir uns neurobiologisch in einen Stresszyklus. Wir bewirken mehr desselben statt Ideen zur Veränderung. Es geht also darum, beeinträchtigende Denk- und Verhaltensmuster zu erkennen und zu stoppen, statt sie mit mentalem Drehen aufrechtzuerhalten.29 Eine Seminarteilnehmerin brachte dies auf den Punkt: »Jetzt verstehe ich: Es bringt nichts, endlos zu grübeln. Mein Mann und ich kommen immer wieder in die gleiche Spirale von Vorwürfen, Verhaltensweisen und erzielen damit nichts Neues. Ich gehe jetzt nach Hause, sammle Ideen, wie ich mich selbst stoppen kann, wenn ich merke, wieder ins gleiche Programm zu geraten und wie ich mich anders verhalten kann.« Genau. Dieses Beispiel zeigt, wie nützlich neurobiologisches Wissen ist. Es lässt verstehen, warum Grübeln nicht hilft. Wer darüber hinaus weiß, dass sich das Unterbrechen alter Muster oft nicht gut anfühlt, weil das chemische Gleichgewicht im Körper gestört wird und es buchstäblich zu Entzugserscheinungen kommt, kann sich im oft schwierigen Übergang zwischen »nicht mehr und noch nicht« an der Hand nehmen.
4. Fähigkeit, förderliche Sicht-, Denk- und Verhaltensweisen einzuüben. Durch die Entwicklung neuer Perspektiven, die Fokussierung auf Hilfreiches und Motivierendes, das Einüben förderlicher Sicht- und Denkweisen ermöglichen wir neurobiologisch die Entwicklung neuer neuraler Netzwerke. Dabei ist es wichtig, kognitive und emotionale Aspekte aufeinander zu beziehen; je mehr wir wünschenswertes Neues mit positiven Emotionen verbinden, desto besser können sich Gehirn und Körper darauf einstellen, können sich neue Netzwerke und ein neues chemisches Gleichgewicht entwickeln. Dies erfordert gezieltes, wiederholtes Üben. Der Wunsch nach Veränderung allein genügt nicht.
5. Fähigkeit, von einem Stress- in einen Entspannungszyklus zu wechseln. In Stress-/Survival-Modus sind wir nicht in der Lage, auf anderes zu fokussieren als auf reale oder mental antizipierte Stressoren. In überhöhter, inkohärenter Gehirnaktivität können wir keine präzisen Signale bewirken und auf Ideen kommen. Damit werden Stress aufrechterhalten und Erschöpfung begünstigt. Wir müssen also üben, Stresszyklen zu erkennen und zu unterbrechen. Die vier erst genannten Fähigkeiten spielen dabei eine wichtige Rolle. Das Wissen darum, dass Entspannung mehr ist als ein »Feel good«, dass sie essenziell ist, damit der Körper vom Notfall- ins Regenerationsprogramm umschaltet und genau dies der Zustand ist, in dem wir kreativ und lösungsorientiert vorgehen können, ist dabei hilfreich.
Diese fünf Fähigkeiten sind keine neue Entdeckung. In Coaching, Beratung und Psychotherapie werden sie in Variationen ebenso einbezogen wie in Mentaltraining, Entspannungstechniken sowie besonders in seit Jahrhunderten praktizierten Meditationstechniken.
Neu ist, dass aus neurobiologischer Perspektive besser verstehbar wird, dass und wie das Üben dieser Fähigkeiten Veränderung bewirkt. Wissen ist wichtig. Doch damit diese Fähigkeiten zum Tragen kommen können, müssen sie geübt werden. In Kapitel 3 sowie Teil II und III dieses Buches möchte ich Ihnen zeigen, wie dies in Orientierung am Veränderungskreis natürlich und pragmatisch stimuliert wird.
Wo Veränderung von Denk- und Verhaltensmustern nicht gelingt, kann dies zwei Gründe haben: 1. Es fehlt es an Wissen oder kompetenter Anleitung. Menschen müssen verstehen, warum es wichtig ist, Denk- und Verhaltensmuster unter die Lupe zu nehmen. Sie müssen spüren, dass sie nicht psychologisiert werden. Und sie müssen verstehen, wie sie vorgehen können. 2. »Spielverderber« halten von der Umsetzung ab. Menschen, die in Stress auf »Autopilot« oder unter »emotional addiction« sind, sind kaum bereit, Denk- und Verhaltensmuster zu verändern. In Stress ist der Blick auf Gefahren gerichtet; es ist nicht der Moment zur (Selbst-)Reflexion. Auf »Autopilot« identifizieren sich Menschen mit ihren Denk- und Verhaltensweisen, verteidigen diese häufig. Vielleicht beginnen sie mit guten Vorsätzen, werden aber von ihrer »emotional addiction« eingeholt (
Kap. 2.3.2 unter »Wenn sich Gehirn und Köper an Denk- und Verhaltensmuster gewöhnen«). Wissen ermöglicht passende Intervention.
Kasten 9
Neurobiologische Perspektive: Ansätze zur Veränderung von Denk- und Verhaltensmustern
• Neurobiologisch können wir verändern, weil wir die Fähigkeit haben,
– zu beobachten: Ermöglicht Erkenntnis. Ist Basis von Veränderung;
– unsere Aufmerksamkeit zu lenken: Neue Perspektiven ermöglichen neue Gefühle, Verhaltensweisen, Erfahrungen;
– beeinträchtigende Muster zu unterbrechen: Unterbruch bestehender neuraler Netzwerke und schädlicher chemischer Prozesse;
– förderliche Muster einzuüben: Neubildung neuraler Netzwerke;
– von Stress-/Survival- in (Re)Creation-Modus zu wechseln.
• Veränderung erfordert Wissen, Bereitschaft, Training, Ausdauer.
• «Spielverderber»: Stress, «Autopilot», «emotional addiction».
2.3.4 Neurobiologische Perspektive: Wichtigste Punkte und Relevanz im Hinblick auf die Förderung von Veränderungskompetenz
Die neurobiologische Perspektive erhellt, wie es zu Denk- und Verhaltensmustern kommt und ob bzw. wie diese verändert werden können. In Kasten 10 sind die wichtigsten Punkte zusammengefasst.
Kasten 10
Neurobiologische Perspektive: Zusammenfassung Denk- und Verhaltensmuster
• Verhalten wird gesteuert durch Denken und Fühlen – nicht durch Umstände und unabhängig, ob Denken «stimmt».
• Denk- und Verhaltensmuster entstehen durch Wiederholung, sind nicht «Schicksal» («Ich bin eben so»).
• Zugleich beeinflussen genetische Veranlagung, Erfahrungen, deren Interpretation sowie Einflüsse des (sozialen) Umfelds deren Entwicklung.
• Bei häufiger Wiederholung entstehen Automatismen.
• Rückgriff auf vertraute Muster bewirkt mehr desselben.
• Entweder Stress-/Survival oder (Re)Creation-Modus.
Neueste Erkenntnisse zu Neuroplastizität und Epigenetik ermutigen: Veränderung von Denk- und Verhaltensmustern ist möglich.
Warum und wie ist diese Perspektive relevant, wenn es um Förderung von Veränderungskompetenz geht? Und: (Wie) ist es möglich bzw. pragmatisch realisierbar, diese Perspektive in der Praxis einzubeziehen?
Die neurobiologische Perspektive macht die Wechselwirkung zwischen Kognition, Emotion, Verhalten und Umwelteinflüssen besser verstehbar.
Im Hinblick auf die Begleitung von Veränderungsprozessen wird deutlich, wie wichtig es ist, Denken, Fühlen und Verhalten in ihrer Wechselwirkung einzubeziehen. Einseitige Fokussierung auf kognitive Aspekte (»gesunder Verstand«, Wille) wird schnell einmal unterwandert durch (unbewusste) Gefühle. Das ist einer der Hauptgründe, warum »positives Denken« oft nicht funktioniert. Der Einbezug kognitiver Aspekte ist dann fruchtbar, wenn Gefühle und damit verbundene Annahmen und Verhaltensweisen einbezogen werden. Einseitige Fokussierung auf emotionale Aspekte (falsch verstandene Empathie, Aktivierung und Wiedererleben insbesondere beeinträchtigender Gefühle) wird im besten Fall wenig bewirken, im schlechtesten Fall destruktive Muster bzw. neurale Netzwerke stärken. Der Einbezug von Gefühlen ist dann produktiv, wenn exploriert wird, mit welchem Denken und Verhalten sie einhergehen. Einseitige Fokussierung auf verhaltensbezogene Aspekte kann zwar zu neuen Erfahrungen führen und auf diese Weise Denken und Fühlen positiv beeinflussen. Der Einbezug kognitiver und emotionaler Aspekte verhindert, dass eine Person neue Schritte umsetzt, diese aber nicht integrieren kann bzw. nicht in der Lage ist, Verhalten situationsbezogen zu modifizieren. Kurzum: Es braucht eine Gesamtschau, in der kognitive, emotionale und verhaltensbezogene Aspekte berücksichtigt sind.
Die Vergegenwärtigung, dass wir neurobiologisch/physiologisch entweder in Stress-/Survival oder in (Re)Creation sind und dass anhaltender Stress Zugang zu inneren Ressourcen und Kreativität erschwert sowie mentale und physische Gesundheit gefährdet, macht deutlich, wie wichtig es ist, dass Menschen lernen, strukturell mehr in einen (Re)Creation-Modus zu kommen bzw. einen solchen zu aktivieren, unabhängig von Umständen. Dies kann nur gelingen, wenn Denken, Fühlen und Verhalten einbezogen werden. Auch wenn allgemein bekannt ist, dass chronischer Stress gesundheitsgefährdend und Entspannung wichtig ist, so wird Entspannung oft eingesetzt, um Gewohntes aufrechterhalten zu können; man gönnt sich einen »Wellness«-Moment, um nachher weiterzumachen wie bisher. Wo Menschen lernen, Stresszyklen zu unterbrechen, kommt es nicht nur zu (vorübergehendem) »Feel good« und etwas Regeneration. Es wird strukturell gefördert, mehr und mehr in die Lage zu kommen, auch und gerade in Stresssituationen Überblick zu gewinnen, Zugang zu inneren Ressourcen zu erhalten sowie Regie zu übernehmen (dazu
Fallbeispiel 1 unten in Kap. 3.1.1).
Neueste Erkenntnisse zu Neuroplastizität und Epigenetik sind überaus ermutigend: Veränderung ist möglich. Wo wir dies verstehen, akzeptieren und uns darauf ausrichten, können wir lernen, unser Denken, Fühlen und Verhalten neu auszurichten und üben, mehr in einen (Re)Creation-Modus zu kommen – im Wissen darum, dass wir damit physiologische Veränderung in Gehirn und Körper bewirken. Neurobiologisches Wissen hilft dabei, besser zu verstehen, worauf wir zu achten haben und motiviert, mit langem Atem dranzubleiben: Wenn wir ein Leben lang rechtshändig geschrieben haben, werden wir nicht von einem Tag auf den anderen mühelos linkshändig schreiben können.
Kasten 11
Pulsuz fraqment bitdi.