Kitabı oxu: «Tod dem Management»

Siegfried Kaltenecker ist geschäftsführender Gesellschafter der Loop GmbH, die sich auf agile Unternehmensentwicklung spezialisiert hat. Seit mehr als 20 Jahren unterstützt er die Umsetzung innovativer Arbeits- und Organisationsformen in den unterschiedlichsten Bereichen. Die Erfahrungen, die er dabei sammelt, verarbeitet er in Artikeln und Büchern wie Kanban in der IT, Selbstorganisierte Teams führen, Selbstorganisierte Unternehmen und Tatort Kanban.
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Siegfried Kaltenecker
Tod dem Management
Ein agiler Kriminalroman

Siegfried Kaltenecker
siegfried.kaltenecker@loop-beratung.at
Lektorat: Christa Preisendanz
Copy-Editing: Ursula Zimpfer, Herrenberg
Satz: Gerhard Alfes, mediaService, Siegen, www.mediaservice.tv
Herstellung: Stefanie Weidner
Umschlaggestaltung: Helmut Kraus, www.exclam.de
Druck und Bindung: mediaprint solutions GmbH, 33100 Paderborn
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National-bibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN:
Print 978-3-86490-820-0
PDF 978-3-96910-149-0
ePub 978-3-96910-150-6
mobi 978-3-96910-151-3
1. Auflage 2021
Copyright © 2021 dpunkt.verlag GmbH
Wieblinger Weg 17
69123 Heidelberg
Hinweis:
Dieses Buch wurde auf PEFC-zertifiziertem Papier aus nachhaltiger Waldwirtschaft gedruckt. Der Umwelt zuliebe verzichten wir zusätzlich auf die Einschweißfolie.

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Inhalt
| Mittwoch, 13:09 | Ferragosto in Wien |
| Donnerstag, 11:40 | Aufbruch in den Süden |
| Donnerstag, 15:57 | Karawanken-Karibik |
| Donnerstag, 17:44 | Gepflegte Arschbomben |
| Freitag, 13:51 | Freund und Feind |
| Montag, 8:12 | Standpauke im Sitzen |
| Montag, 9:55 | Grelle Trauer |
| Montag, 12:18 | Auf dem Weg zur Wahrheit |
| Montag, 14:16 | Es war Mord |
| Montag, 17:25 | Unfälle, die keine Zufälle sind |
| Dienstag, 10:01 | Agiler CEO |
| Dienstag, 14:20 | Verschollene Verdächtige |
| Dienstag, 16:00 | Marathon-Mann |
| Dienstag, 18:19 | Im Zeichen der Veränderung |
| Dienstag, 21:22 | Seepiratinnen |
| Mittwoch, 11:03 | Der Fall wächst |
| Mittwoch, 13:53 | Tödliches Idyll |
| Mittwoch, 15:11 | Beklemmende Nachrichten |
| Mittwoch, 16:39 | Noch mehr Fragezeichen |
| Mittwoch, 17:21 | Beinahe sprachlos |
| Mittwoch, 19:22 | Hohe Warte |
| Mittwoch, 21:44 | Agiles Management |
| Donnerstag, 8:33 | Urlaubsreporting |
| Donnerstag, 9:51 | 12. und 16. Bezirk |
| Donnerstag, 11:58 | Mittagstisch beim Mühlenwirt |
| Donnerstag, 14:07 | Tod dem Management |
| Donnerstag, 17:30 | Wegweisendes |
| Donnerstag, 18:47 | Vom Dörfl zum Cobenzl |
| Donnerstag, 20:15 | Virtuelles Familientreffen |
| Donnerstag, 21:21 | Agiles Ping-Pong |
| Freitag, 10:14 | Südbahn |
| Freitag, 13:15 | Chief Financial Officer |
| Freitag, 14:41 | Verfolgungen |
| Freitag, 15:58 | Casino |
| Freitag, 17:39 | Zwischendurch aus dem Zug |
| Freitag, 19:43 | Über den Dächern von Wien |
| Samstag, 10:28 | Unerwartete Eröffnungen |
| Samstag, 13:13 | Bis auf Weiteres |
| Samstag, 15:02 | Salamitaktik |
| Samstag, 17:24 | Waagrechtes und Senkrechtes |
| Sonntag, 8:31 | Traumhafte Bewegungen |
| Sonntag, 10:04 | Durch und durch agil |
| Sonntag, 13:32 | Sonderschicht |
| Sonntag, 15:42 | Agile Ehrenrunde |
| Sonntag, 18:24 | Familientreffen |
| Montag, 1:24 | Feuer |
| Montag, 8:25 | Müde Knochen |
| Montag, 11:12 | Bitte wenden! |
| Montag, 14:25 | Auf Granit beißen |
| Montag, 18:32 | Am Stein der Weisen |
| Dienstag, 8:26 | Katerfrühstück |
| Dienstag, 9:28 | Jagdfieber |
| Dienstag, 14:33 | Abflug |
| Dienstag, 18:07 | Beim Pokorny |
| Dienstag, 19:51 | Heimwege |
Es lebe das agile Management! Eine kurze Skizze einer neuen Führungskultur
Nachwort
Glossar der Figuren
Glossar der Begriffe
Literatur
Musik
Kulinarik
Mittwoch, 13:09
Ferragosto in Wien
8 Minuten, 23 Sekunden, stellte Chefinspektor Robert Nemecek mit einem kurzen Blick auf seine Stoppuhr fest. Wenn das so weiterging, dann würden sie bald keine fünf Minuten mehr für ihr Standup-Meeting benötigen! Andererseits gab es wahrlich Schlimmeres, als bei 35 Grad Celsius eine Besprechung kurz zu halten, bei der es ohnehin nur wenig abzustimmen gab. Immerhin befanden sie sich mitten in dem, was die Italiener so schön Ferragosto nannten. Denn während sich die Österreicher mit einem einzigen Feiertag begnügten, gingen die südlichen Nachbarn rund um den 15. August für gewöhnlich gleich länger in Urlaub. Dieser Kultur folgend, sollte man die heißeste Zeit des Jahres, wie Bezirksinspektorin Nina Obermayr in schillernden Farben ausmalte, tunlichst am Meer und nicht in einem stickigen Büro verbringen. Doch so begeistert seine Kollegin das hochsommerliche Dolce Vita beschwor, so schwer fiel es Nemecek, dabei nicht an zähe Blechlawinen, überteuerte Hotels und endlose Reihen von Sonnenschirmen zu denken. Ob das wirklich eine attraktive Alternative zu ihrer aktuellen Schwitzhütte war? Zusammengepfercht wie die sprichwörtlichen Sardinen auf einem brandheißen Strand zu liegen? Oder sprach da wieder einmal der klassische Wiener aus ihm, der bekanntlich an allem etwas auszusetzen hatte?
»Was für eine Affenhitze«, stöhnte Nina Obermayr auf, als wollte sie diese Grundhaltung illustrieren. »Da fängt dir ja das Hirn zu kochen an!« Mit einer theatralischen Geste wischte sie sich die Schweißperlen von der Stirn und ließ sich dann auf ihren Bürostuhl plumpsen.
»Aber Nina«, meinte Lilly Zukic grinsend, »damit wir nicht überhitzen, hat uns der Herr Oberst doch mit ausreichend Cold Cases versorgt.« Die junge Kriminalassistentin war zwar erst vor ein paar Monaten zu ihnen gestoßen, fügte sich aber bereits bestens in ihr eigenwilliges Ermittlungsteam ein, zu dem eben auch ihr Chef Heribert Kappacher gehörte.
»Hör mir bloß auf!«, schimpfte Obermayr. »Den machen die Temperaturen endgültig gaga. Wie kann man nur auf so eine bescheuerte Idee kommen?!«
Wenn er ehrlich war, musste Nemecek seiner langjährigen Sparringpartnerin recht geben. Und diese war schon wieder ordentlich in Fahrt. »Gott sei Dank ist er zwei Wochen in Urlaub, da geht er uns wenigstens nicht jeden Tag auf die Nerven!«
»Wenn die Katze aus dem Haus ist, tanzen die Mäuse auf dem Tisch«, kommentierte Zukic. Worauf Obermayr knurrte: »Der Käse, den die Katze zurückgelassen hat, ist allerdings ziemlich ranzig.«
Nemecek schüttelte den Kopf. Natürlich war das wieder mal so eine typische Idee ihres Vorgesetzten gewesen. Eines Morgens hatte er sein Ermittlungsteam zu sich beordert, um ihnen lang und breit darzulegen, dass sie die Saure-Gurken-Zeit in diesem Jahr dafür nützen würden, systematisch alte Fälle aufzuarbeiten. Zu allem Überfluss hatte er offenbar wieder einmal ferngesehen, denn plötzlich hießen diese ungelösten Fälle nach einer amerikanischen Krimiserie.
»Mir reicht’s jedenfalls«, beschloss Obermayr und sprang von ihrem Stuhl auf, als hätte die Sitzfläche gerade Feuer gefangen. »Wie wär’s stattdessen mit einer erfrischenden Zitronade? Selbstverständlich on the rocks, wie sich das für ein weltoffenes Kommissariat so gehört.«
»Gute Idee!«, ließ sich Zukic nicht zweimal bitten, obwohl sie im Unterschied zu Obermayr keinerlei Erschöpfungszeichen zeigte. Aufgrund ihrer kroatischen Wurzeln schien sie in der Hitze eindeutig im Vorteil zu sein. Sie wirkte ruhig und gelassen, während sich ihre oberösterreichische Kollegin schon wieder den Schweiß von der Stirn tupfte.
»Also gut«, rang sich Nemecek ebenfalls durch, »ein wenig abgestandene Kantinenluft kann an so einem Tag sicher nicht schaden.«
»Wie geht’s eigentlich den Mädels?«, fragte Obermayr, als sie wenig später die Treppe erreicht hatten. »Schwitzen die auch brav vor sich hin?«
»Höchstens am Badesteg.«
»Sind die schon am See?«
»Seit letzten Sonntag. Zwei Wochen Kärnten. Wie immer in Faak. Mit der Frau Mama.«
»Und der Herr Papa?« Zukic blickte ihn neugierig an.
»Wird morgen dazu stoßen. Und sich dann bis Sonntagabend in eine stabile Sommerlage bringen. Nichts als Wasser, Liege, Sonne.«
»O sole mio«, setzte Obermayr gerade zu einer ihrer gefürchteten Singattacken an, als sie plötzlich von lautem Geschrei unterbrochen wurde.
»Das ist doch nicht zu fassen!«, tönte eine aufgebrachte weibliche Stimme aus der Eingangshalle des Polizeipräsidiums zu ihnen herauf. »Glaubt ja nicht, dass ich mir das gefallen lasse!«
Verwundert drehte sich Nemecek zu Obermayr um. Seine Kollegin hatte jedoch auch keine Erklärung, sondern nur ein kurzes Schulterzucken zu bieten. Ohne es zu wollen, beschleunigten sie ihre Schritte. Als sie im ersten Stockwerk angekommen waren, nahm die Schimpftirade neue Fahrt auf. »Das wird ein Nachspiel haben. Darauf könnt ihr alle miteinander Gift nehmen!«
»Kärntnerin, oder?«, versuchte Zukic den Dialekt der Frau zuzuordnen. Während Obermayr noch versuchte, das landestypische Verschlucken der ch-Laute nachzuahmen, konzentrierte sich Nemecek ganz darauf, mit seinen Kolleginnen Schritt zu halten. Denn Zukic hatte ebenfalls einen Zahn zugelegt und nahm nun immer gleich zwei bis drei Stufen auf einmal.
»Das war Mord!«
Der grelle Schrei der unbekannten Frau hallte im Foyer wider, bevor das schwere Eingangstor mit einem dumpfen Knall ins Schloss fiel. Als sie endlich unten ankamen, war nichts mehr von einer Kärntnerin zu sehen. Vor dem Ausgang standen jedoch noch zwei Uniformierte, die sich leise miteinander unterhielten.
»Was war denn da los?«, rief ihnen Obermayr schon von Weitem zu. »Und wo ist die Frau?«
»Gott sei Dank ist die wieder weg«, antwortete der ältere der beiden Beamten, der anscheinend ebenfalls aus Kärnten kam. »Die macht einen noch ganz verrückt.«
»Das geht schon den halben Vormittag so«, bekräftigte sein Kollege in diesem langgezogenen, ein wenig weinerlich klingenden Ton, der in der Wiener Vorstadt zu Hause war. Obermayr drehte sich zur Seite, blies die Backen auf und ließ die Luft dann mit einem kurzen Zischen entweichen. Als sie sich wieder den Beamten zuwandte, schien sie fürs Erste ausreichend Spannung abgebaut zu haben.
»Und worum ging es der Frau, wenn man fragen darf?«
»Na, ihr Göttergatte hat letzte Woche einen tödlichen Unfall gehabt und jetzt ist die Witwe mit den Nerven am Ende.«
»Das kann man ja irgendwie verstehen, wenn man einen geliebten Menschen verliert, oder?«, meinte Zukic.
»Das verstehen wir eh auch. Aber muss man dann gleich so einen Aufstand machen?«
»Die hat sich echt total hineingesteigert, sag ich euch«, bekräftigte sein Kollege.
»Wieso hineingesteigert?«
»Na, die marschiert da rein und behauptet steif und fest, dass ihr Mann ermordet wurde.«
»Ermordet?«, kam nun auch Nemecek ins Staunen. »Wie kommt sie denn auf so was?«
»Das fragt ihr am besten den Bialek. Der hat sich gerade fast eine Stunde mit ihr beschäftigt.«
»Marina Joschak heißt die Frau«, erklärte besagter Bialek, seines Zeichens Chef des Unfallkommandos, wenig später. »Ihr Mann ist vor ein paar Tagen im Faaker See ertrunken.«
»Ausgerechnet im Faaker See?«, meinte Obermayr mit einem Seitenblick auf Nemecek.
»Jawolle, Frau Holle«, entgegnete Bialek betont locker. Er gehörte zu den Menschen, die schallend über ihre eigenen Witze lachen konnten – selbst wenn diese gar nicht lustig waren oder vielleicht dann sogar am meisten.
»Die Gute ist sogar zwei Mal von Wien nach Kärnten und wieder zurück gefahren, um überall für Wirbel zu sorgen.«
»Frau Joschak stammt selbst aus Kärnten?«
»Genau wir ihr verunglückter Mann. Die beiden wohnen aber schon über 30 Jahre in Wien. Wartet kurz.« Bialek hob die Hand wie ein Verkehrspolizist, der ein allgemeines Stopp signalisierte. Während er die linke in der Luft behielt, wühlte er mit der rechten in den vor ihm liegenden Unterlagen. »Da haben wir’s schon.«
»Sie haben gar kein Protokoll aufgenommen?«, wunderte sich Zukic.
»Geh bitte!« Bialek verdrehte demonstrativ die Augen. »Wenn ich für jede aufgeregte Angehörige einen offiziellen Bericht schreiben tät, käme ich den ganzen Tag zu nix anderem.«
Obermayr warf dem Unfallchef einen gefährlichen Blick zu. Nemecek war klar, dass ihr die überhebliche Art des Kollegen total gegen den Strich ging. In seinen Ohren klang Bialek ebenfalls ziemlich respektlos – vom sprichwörtlichen Freund und Helfer ganz zu schweigen. Aber darauf konnte er jetzt keine Rücksicht nehmen. Erst einmal mussten sie in Erfahrung bringen, worum es hier eigentlich ging.
»Warum war sie denn so aufgebracht?«
»Wie gesagt: Sie war sich sicher, dass die Kärntner Kollegen ihre Arbeit nicht richtig gemacht haben.« Obwohl er sich demonstrativ entspannt zurücklehnte und dabei seinen imposanten Bierbauch zur Schau stellte, war Bialek deutlich anzuhören, wie viel er von einem solchen Vorwurf hielt.
»Aber wie kommt sie darauf?«
»Das müsst’s ihren Psychiater fragen!«
Nemecek hörte, wie Obermayr neben ihm die Luft ausstieß. Lange würde es nicht mehr dauern, bis sie explodierte. Doch Nemecek setzte auf Deeskalation und wiederholte deswegen betont sachlich: »Wie kommt Frau Joschak darauf, dass es sich um Mord handelt?«
Jetzt blies auch Bialek die Backen auf. Es war offenkundig, dass ihm die lästigen Fragen der Kripo-Kollegen allmählich auf die Nerven gingen. Entsprechend säuerlich erklärte er: »Weil sie nicht akzeptieren kann, dass ihr Mann einem ganz normalen Badeunfall zum Opfer gefallen ist.«
»Aber sie wird doch einen Grund für ihren Verdacht haben?«
»Die hat sich eine regelrechte Verschwörungstheorie zusammengesponnen: dass man ihn aus dem Weg räumen wollte, dass sich das schon lange abgezeichnet hat, dass bestimmte Leute nur auf eine passende Gelegenheit gewartet hätten, was weiß ich!«
Während er sich regelrecht in Rage redete, verfärbte sich Bialeks Gesicht mehr und mehr. Mittlerweile hatte es eine besorgniserregende dunkelrote Farbe angenommen. »Glaubt ihr denn wirklich, dass an der G’schicht irgendwas dran ist?«
»Glauben bringt uns nicht weiter«, zischte Obermayr. »Wie wär’s zur Abwechslung mal mit den Fakten? Wen genau hat sie mit ‘bestimmte Leute’ gemeint? Wer wollte ihm etwas antun? Wir brauchen Namen, Bialek, konkrete Anhaltspunkte!«
Bialek warf ihr einen wütenden Blick zu und sah dann mit aufforderndem Gesichtsausdruck zu Nemecek. Es schien, als würde er allen Ernstes erwarten, dass dieser jetzt den Vorgesetzten gab und seine Kollegin zurückpfiff. Nachdem Nemecek keinerlei Anstalten machte, griff der Unfallchef schließlich resigniert nach seiner Computermaus. »Ich weiß zwar nicht, warum euch das so interessiert, aber bitte: Wenn ihr es unbedingt genau wissen wollt, dann schick ich euch halt den Unfallbericht der Faaker Kollegen zu.«
Donnerstag, 11:40
Aufbruch in den Süden
Nemecek hatte keine Ahnung, warum ihn dieser Zwischenfall nicht mehr losließ. Vielleicht war es wegen Bialeks zynischer Art, die ihm den ganzen Abend über sauer aufstieß. Oder es hatte etwas mit seinem kriminalistischen Instinkt zu tun, der nach der bürokratischen Fadesse all ihrer Cold Cases wieder zum Leben erwacht war. Oder er hatte bloß eine willkommene Ausrede gesucht, um der überhitzten Stadt früher als geplant den Rücken zu kehren und zu seiner Familie an den Faaker See zu fahren? Als er Donnerstag früh aus seinem durchgeschwitzten Bettlaken kroch, stand sein Entschluss jedenfalls fest: Ja, er würde die ohnehin geplante Auszeit am See mit einem kleinen Lokalaugenschein verbinden. Was sprach schon dagegen, sich den Unfallort mit eigenen Augen anzuschauen? Und sich anzuhören, was die Kollegen vor Ort dazu zu sagen hatten? Den Faaker Inspektionsleiter Rudi Hinteregger kannte er ja seit vielen Jahren. Der würde ihm sicher ausreichend Auskunft geben können und sich womöglich sogar über seinen Überraschungsbesuch freuen.
So kam es, dass er bereits um 8 Uhr 40 in seinem Dienstwagen saß und in Richtung Südautobahn unterwegs war. Um Punkt 9 las er seine Kollegin, mitsamt einer großen Tasche voller Reiseproviant und zwei brühfrischen Kaffees, an der Gumpendorfer Straße auf. Nach einem kurzen Telefonat hatte sich Obermayr spontan zum Mitkommen entschieden. »Mal auf einen Sprung zum Wörthersee«, meinte sie trotz der frühen Stunde überraschend gut gelaunt. »Marie wartet ohnehin bereits seit Wochen auf meinen Besuch.«
Als sie sich eine halbe Stunde später immer noch im Schneckentempo über den wieder einmal hoffnungslos verstopften Wiener Gürtel quälten, war die gute Laune verflogen.
»So ein Mist«, fluchte Obermayr. »Ist heute denn die ganze Stadt unterwegs?«
»Der Wiener Baustellen-Sommer«, bemerkte Nemecek lapidar, bevor der Verkehrsfunk ansprang, um von einem neuen Unfall auf der A2 zu berichten. Also genau auf der Strecke, die sie nehmen wollten. Das konnte ja heiter werden!
»Soll ich mal checken, welche Ankunftszeit uns prophezeit wird?«, fragte Obermayr kauend. Nemecek verfolgte aus den Augenwinkeln, wie sich seine Kollegin ihr Croissant zwischen die Zähne klemmte, um beide Hände für das Navigationsgerät frei zu haben.
»13:23«, presste sie nach einem kurzen Fingerspiel hervor. »Zum Nachmittagskaffee sind wir am See.«
»Na, dann hoffen wir, dass sich der Verkehr ausnahmsweise mal an die Propheten hält«, kommentierte Nemecek und rückte langsam bis zur nächsten Haltelinie vor.
»Gönn dir, gönn dir a zwa Minuten Leichtigkeit, gönn dir, gönn dir die Zeit fia di alan«, tönte es aus dem Radio. Nemecek wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Mittlerweile standen sie bereits seit einer guten halben Stunde im Stau, eingeklemmt zwischen unzähligen anderen Fahrzeugen, die genauso wenig weiterkamen wie sie selbst. Pkws und Lkws so weit das Auge reichte. Ab und an quetschte sich ein Motorrad zwischen der Blechlawine hindurch. Ansonsten hatte sich die Autobahn wieder einmal in einen riesigen Parkplatz verwandelt. Weit und breit keine Spur von Alleinsein, geschweige denn von Leichtigkeit. Während Nemecek den ersten Gang einlegte, um das Auto ein paar Meter nach vorne zu bewegen, empfahl der Sänger unverdrossen ein wenig Gemütlichkeit.
»Der hat leicht singen!«, meinte Obermayr zerknirscht. Das hielt sie allerdings nicht davon ab, im falschen Takt gegen die Fensterscheibe zu klopfen. Es wirkte, als hätte sie eine ganz andere Melodie im Kopf.
Dann wischte sie erneut über ihr Tablet. »Also, ich rekapituliere.«
»Ich bitte darum«, ermutigte Nemecek und konnte ein weiteres Stöhnen nicht zurückhalten. Wenn sich dieser vermaledeite Stau nicht bald auflöste, würde er noch einen Anfall bekommen. Er wunderte sich ohnehin seit Jahren, dass es im Straßenverkehr nicht mehr Amokläufer gab. Schließlich steckten zigtausende Leute jeden Tag zur selben Zeit an derselben Stelle im Stau fest. Südosttangente, Gürtel, Wienzeile, Altmannsdorfer Straße, ratterte er die neuralgischen Punkte der Bundeshauptstadt herunter. Wie man das bloß aushielt? Oder gewöhnte man sich im Lauf der Zeit daran? Gehörte das einfach dazu, dass man jeden Tag 15, 30, 45 oder noch mehr Minuten im alltäglichen Verkehrsgefängnis absaß? Genau wie die vielen Urlaubsreisenden, die auch jedes Jahr zur selben Zeit in den Sommerurlaub aufbrachen, um dann stundenlang vor dem Tauern- oder dem Karawankentunnel festzusitzen?
»Der Notruf ging am 13. August exakt um 9 Uhr 42 ein«, startete Obermayr nun endlich mit ihrem Bericht. »Anrufer war ein gewisser Harald Kometschnig, wohnhaft am Fischerweg 4 in Faak am See. Laut Protokoll meldete dieser Kometschnig den Fund eines männlichen Körpers, der am Steg neben dem Wiesenbad mit dem Gesicht nach unten zwischen den Booten trieb. Trotz der sofortigen Bergung, die Kometschnig zusammen mit seinem Nachbarn vornahm, kam für den Mann jede Hilfe zu spät.«
Nemecek legte die Stirn in Falten. So weit konnte er sich noch ganz gut daran erinnern, was ihnen Bialek bereits am Vortag berichtet hatte. Nachdem er ihnen das Protokoll der Kärntner Kollegen weitergeleitet hatte, ließ er es sich nämlich nicht nehmen, noch ein paar Spekulationen anzustellen. Sonderbarerweise beschäftigte ihn vor allem die Frage, warum dieser Kometschnig überhaupt zum Steg gekommen war. Doch welche Rolle spielte es, ob dieser nach möglichen Gewitterschäden an der Anlegestelle sehen, bloß sein eigenes Boot vertäuen oder einfach zum See spazieren wollte? Reflexartig schüttelte Nemecek den Kopf, um das schräge Gespräch mit Bialek aus seinem Gedächtnis zu vertreiben.
»Alles okay?«, fragte Obermayr ein wenig besorgt. »Kann ich fortfahren?«
»Apropos fortfahren«, erwiderte Nemecek, nachdem sich vor ihm wieder eine Lücke von ein paar Metern aufgetan hatte. Kaum, dass er zu dem Pkw vor ihm aufgeschlossen hatte, fuhr dieser ein weiteres Stück nach vorne.
»Siehst du, sogar der Verkehr kommt jetzt wieder ins Fließen. So mögen das auch die Informationen tun!«
»Dein Wort in Hermes’ Ohr«, gab Nemecek in Anspielung auf den griechischen Gott zurück, der ja nicht nur göttliche Botschaften überbrachte, sondern auch alle Reisenden beschützte.
»Um 10 Uhr 14 sind jedenfalls die Kollegen am Fundort eingetroffen«, setzte Obermayr ihren Bericht fort. Stichwortartig fasste sie die vorliegenden Fakten zusammen: dass der aus dem See geborgene Körper in schwer ramponiertem Zustand gewesen sei; dass er sich aufgrund des starken Windes zwischen den Booten verfangen habe; dass sein Neoprenanzug in Fetzen hing; dass die Gliedmaßen an mehreren Stellen unnatürlich verformt und die Gesichtszüge kaum zu erkennen waren. Nemecek war froh, dass Obermayr den beigefügten Ordner mit den Tatortfotos vorerst beiseite ließ. So ein paar Horrorbilder hätten ihm jetzt gerade noch gefehlt!
»War sicher kein schöner Anblick, wenn du mich fragst.« Während seine Kollegin ihr Gesicht verzog, schaltete Nemecek zum ersten Mal seit Langem wieder in den dritten Gang hoch.
»Und wie hat man ihn schließlich identifiziert?«
»Das war kein großes Kunststück«, berichtete Obermayr mit neuem Schwung. Auch ihr war die Erleichterung über das Ende der Stauzone deutlich anzumerken.
»Marina Joschak hatte ihren Mann Marco bereits am Vorabend als vermisst gemeldet.«
»Bereits am Vorabend?«
»Ja, mit seiner Frau hatte das Unfallopfer nämlich vereinbart, dass er sich nach seinem Triathlontraining bei ihr melden würde.«
»Hat er aber nicht.« Obermayr nickte.
»Nachdem sie ihn den ganzen Abend über nicht erreichen konnte, rief sie jedenfalls die Polizei in Faak an. Ich bin sicher, dass sie die Kollegen wie üblich zu beruhigen versucht haben – von wegen: vielleicht einen Freund getroffen, noch etwas trinken gegangen oder einfach noch ein wenig Zeit für sich selbst gebraucht. Du kennst ja die übliche Taktik.«
»Wahrscheinlich sind die Kollegen von einer heimlichen Affäre ausgegangen.«
Obermayr nickte. »Gut möglich.«
»Und die Todesursache?«
»Marco Joschak ist ertrunken – das wurde vor Ort bereits vom Amtsarzt konstatiert und zwei Tage später durch die Obduktion bestätigt. Das Opfer hatte offenbar fast zwei Liter Wasser in der Lunge!«
Während Nemecek endlich wieder die auf der Autobahn erlaubte Höchstgeschwindigkeit erreichte, kamen die Erinnerungen zurück: an Bialeks überheblichen Ton, an seinen reichlich schulmeisterlichen Verweis, dass doch jedes Jahr über 30 Menschen in den österreichischen Seen ertrinken würden, dass Marco Joschak trotz Sturmwarnung ins Wasser gegangen sei; dass er immer aussichtsloser gegen die Wellen zu kämpfen hatte, irgendwann keine Kraft mehr gehabt und dann das erste Wasser zu schlucken begonnen hatte. Noch viel stärker erinnerte er sich allerdings an seine Verwunderung darüber, dass all das einem Spitzensportler passiert sein soll, der noch dazu in Faak am See aufgewachsen war!
»Die Botschaft hört ich wohl. Allein mir fehlt der Glaube«, griff Obermayr wieder einmal ins klassische Fach. »Joschak gehörte anscheinend seit vielen Jahren zu den besten Triathleten Österreichs. Beim letzten Iron Man war er in seiner Altersklasse sogar dritter! Und als jemand, der keine zehn Kilometer entfernt aufgewachsen war, kannte er den See sicher wie seine Westentasche.«
»Ja«, bestätigte Nemecek, »schon sehr seltsam, dass ein solcher Modellathlet einfach so verunglückt?«
Obermayr grinste. »Du kennst ja das Sprichwort.«
»Welches Sprichwort?«
»Sport ist Mord!«, äffte Obermayr Bialeks höhnischen Kommentar nach, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Während sie dem Unfallchef gestern fast an die Gurgel gegangen war, konnte sie heute schon wieder Witze darüber reißen. Das war eben Obermayrs Art: Sie kochte schnell hoch, beruhigte sich aber ebenso rasch. Und konnte sich dann über das lustig machen, was sie gerade erst zur Weißglut getrieben hatte. Schlimm wäre nur, so ihr Credo, wenn dir dauerhaft das Lachen vergeht.
»Ich bin jedenfalls gespannt, was die Kärntner Kollegen dazu sagen. Aber dafür ist morgen noch Zeit genug. Lass uns heute nur noch einen kurzen Lokalaugenschein machen. Ich würde mir nämlich gerne den Ort ansehen, an dem sie Joschak gefunden haben.«
»Apropos morgen«, meinte Obermayr, als hätte sie Nemeceks Vorschlag gar nicht gehört. »Ich lade dich in Faak ab und nehme mir den Dienstwagen, um zu Marie an den Wörthersee zu fahren – wenn das für dich passt.«
»Sowieso«, versicherte Nemecek, bevor er den vor ihm fahrenden Lkw überholte und gleich darauf in den nächsten Tunnel eintauchte.
Donnerstag, 15:57
Karawanken-Karibik
Nemecek ließ seinen Blick über das Wasser schweifen. Er musste sich die Hand vor die Augen halten, so sehr blendeten ihn die kleinen Sonnenpunkte, die über das Wasser tanzten. Dennoch war die Aussicht atemberaubend. Der Faaker See hatte jetzt wieder diese türkisblaue Färbung angenommen, die ihn so auszeichnete. Die Karibik der Karawanken hatte das ein findiger Tourismusmanager einmal genannt. Dazu das Grün des Grases, das trotz der spätsommerlichen Hitze immer noch erstaunlich frisch wirkte. Selbst die Nadelbäume auf der gegenüberliegenden Insel schienen zu leuchten. Keine 500 Meter entfernt, das wusste Nemecek von seinen zahlreichen Seeüberquerungen, sei es nun schwimmend, mit dem Ruderboot oder dem sogenannten Wassertaxi, das alle Gäste zwischen Festland und Inselhotel hin und her transportierte. Er hob den Kopf. Über dem Dobratsch hingen tiefschwarze Wolken. Ob es heute noch gewittern würde?
»Die dunklen Flecken stammen wahrscheinlich von Joschaks Blut«, holte ihn Obermayr aus der Seeidylle wieder in die Gegenwart ihres Lokalaugenscheins zurück. Nachdem sie sich eine Zeit lang in der näheren Umgebung umgesehen hatten, standen sie nun wieder nebeneinander auf dem Steg.
Nemecek blickte seine Kollegin entgeistert an. »Seit wann verliert eine Wasserleiche noch Blut?«
Obermayr war so perplex, dass sie lachen musste. »Upps! Da ist wohl meine kriminalistische Fantasie mit mir durchgegangen.«
»Du solltest dir vielleicht weniger Horrorfilme ansehen – und mehr von diesen forensischen Videos. Da sind auch jede Menge Ertrunkene dabei.«
»Jaja, ich weiß schon, die Blutlosen.« Obermayr nickte abwesend und streckte dann noch einmal die Hand aus. »Den Fotos vom Fundort zufolge, lag er genau hier, als die Kollegen eingetroffen sind.«
Nemecek folgte ihrer Geste: Ja, laut Protokoll hatten sie Joschaks Körper in diesem Bereich aus dem Wasser gefischt. Sonst aber deutete nicht das Geringste darauf hin, dass an dieser Stelle vor Kurzem ein Mensch ums Leben gekommen war. Wie gewohnt schaukelten die Boote im leichten Wellengang. Zwölf, zählte Nemecek, oder dreizehn, wenn man das kleine Schlauchboot mitrechnen wollte, das ganz vorne am Stegende befestigt war. Die anderen Boote waren ebenfalls relativ klein, schließlich war am Faaker See nur Elektroantrieb erlaubt. Kein Vergleich mit dem keine fünfzehn Kilometer entfernten Wörthersee, der von vielen großen Motorbooten und Ausflugsschiffen bevölkert war. Hier am Faaker See gab es nichts davon. Keinen Lärm, keinen Gestank und nichts von diesem aufgeregten Treiben, das seine Töchter gerne als Halligalli bezeichneten.
Nemecek ließ seinen Blick noch einmal über den See gleiten: von der Reihenhausanlage, die sie vor ein paar Jahren im Ort errichtet hatten, über den breiten Schilfgürtel, der sich vom Faaker Campingplatz auf der Westseite nach Norden zog, bis zum Tabor, dem Hausberg, der am Ostufer knapp 800 Meter in die Höhe ragte. Erst jetzt fiel Nemecek auf, dass von den Unwettern der letzten Tage kaum mehr etwas zu sehen war. Üblicherweise war der See nach Gewittern immer ziemlich aufgewühlt. Ab und an trat er sogar über die Ufer und sorgte für großräumige Überflutungen. Tagelang war das Wasser dann ganz braun gefärbt und überall schwammen Gras- und Schilfreste herum. Jetzt allerdings ließen nur mehr die mächtigen Schotterbänke erahnen, was sich hier in den letzten Tagen abgespielt hatte. Laut Wetterdienst hatte es nicht nur sintflutartige Regenschauer gegeben, vielmehr waren auch Unmengen Steine und Sand aus dem Gebirge in die Tiefe gestürzt. Wer einmal das bis zu 50 Meter breite Flussbett gesehen hatte, das sich in Richtung Mittagskogel in die Landschaft grub, verstand den Ausdruck Naturgewalten sicher um einiges besser.
Nemecek schreckte hoch. Hatte Obermayr etwas zu ihm gesagt? Als er jedoch zur Seite blickte, sah er sie ganz ruhig am Steg stehen. Nur ihre Augen waren ganz eng zusammengekniffen, da auch sie ihre Sonnenbrille im Auto vergessen hatte. Soweit er feststellen konnte, gab es keinen Hinweis darauf, dass ihm seine Kollegin eine Frage gestellt hatte. Stattdessen schien sie ähnlich in Gedanken versunken zu sein wie er selbst. Er trat einen Schritt zurück. Je länger sie am Steg standen, desto unsicherer war sich Nemecek, was er hier eigentlich zu finden hoffte. Eine überraschende Spur? Einen konkreten Hinweis auf den Tathergang? Gar ein Gefühl für den Toten?
Er blickte auf die Uhr. Verdammt, schon fast fünf Uhr! Dabei hatte er seiner Familie versprochen, spätestens um vier am Strand zu sein. Sie sollten hier Schluss machen. Immerhin hatten sie sich nun ein Bild von der Umgebung gemacht und gedanklich einige Szenarien durchgespielt.
»Brauchst du noch Zeit?«
»Nicht im Geringsten.« Demonstrativ streckte Obermayr ihre verschwitzten Arme aus und deutete einen Kopfsprung an. »Ich verzehre mich danach, ins kühle Nass einzutauchen!«
Nemecek grinste. Da war es wieder, das dramatische Talent, das seine Kollegin zwischendurch gerne aufblitzen ließ. »Dann lass uns hier die Zelte abbrechen und endlich ins Wasser hüpfen. Sonst bilden sich womöglich noch Blasen auf unserer Haut.«
»Bist du zu lange in der Sonne, beschert der Brand dir keine Wonne«, kalauerte Obermayr. Damit war von ihrer Seite her wohl wieder einmal alles gesagt. Doch Nemecek täuschte sich, denn keine zwei Schritte später fragte sie plötzlich: »Verdammt! Wollten wir nicht noch Lillys Recherchen durchgehen?«
Nemecek fluchte innerlich. Wie konnte er das nur vergessen? Natürlich war es sinnvoll, sich noch ein möglichst vollständiges Bild zu machen, bevor sie morgen früh die Kärntner Kollegen trafen. Also musste das Schwimmvergnügen weiter warten.
»Wo sind wir denn stehen geblieben?«, fragte er ungeduldig.
»Beim beruflichen Werdegang von Marco Joschak. Aber keine Sorge, das geht schnell.«
»Hoffentlich.«
Obermayr zog ihr Tablet aus der Tasche. »Alsdann in medias res. Nachdem Joschak 1994 die Schule abgebrochen und sich ein paar Jahre lang mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen hatte, absolvierte er 1999 die Abendmatura. Nur fünf Jahre später hatte er das Diplomstudium Informatik abgeschlossen und weitere zwei Jahre danach auch noch einen MBA in der Tasche. Scheint ihm irgendwie der sprichwörtliche Knoten geplatzt zu sein.«
Nemecek gab ein anerkennendes Pfeifen von sich. Das musste man erst einmal bringen!
»Ab 2001, also noch während seines Studiums, war Joschak für die Firma Best Data als Softwareentwickler tätig. Eine kleine IT-Firma in Klagenfurt, die drei Jahre später von der Acros gekauft wurde.«
»Dieser Mikroelektronik-Bude in Villach?«
»Genau. Ab 2004 war der frisch gebackene Diplomingenieur dort als Projektleiter, dann auch als Teamleiter eingesetzt. 2006 machte man ihn zum stellvertretenden Leiter der Softwareentwicklung, eher er ein Jahr später die Gesamtleitung übernahm.«
»Aha«, fühlte sich Nemecek zumindest zu einer nonverbalen Reaktion verpflichtet. Das Ganze erinnerte ihn unweigerlich an die SafeIT, jenes auf digitale Sicherungssysteme spezialisierte Familienunternehmen, das letztes Jahr in einen spektakulären Mordfall verwickelt war. Während ihrer Ermittlungen in diesem Unternehmen hatten sie allerdings nicht nur dunkle Machenschaften, sondern auch erhellende Arbeitsweisen entdeckt. In der SafeIT wurde nämlich allerorten das sogenannte visuelle Arbeitsmanagement mit Kanban eingesetzt, das ursprünglich aus der Automobilproduktion stammte und im Laufe der letzten Jahre auf alle möglichen Bereiche komplexer Wissensarbeit übertragen wurde. Aufgrund dessen hatten sie bereits im Laufe ihrer Ermittlungen damals vom Tatort Kanban gesprochen.
»Einige Jahre lang ist die Acros rasant gewachsen, aber in den letzten Jahren scheint die Expansion ins Stocken geraten zu sein. Angeblich kam es vermehrt zu Qualitätsproblemen, sodass das Unternehmen sogar einige Großkunden verlor und in die roten Zahlen abrutschte. Anfang des Jahres hat man offenbar die Notbremse gezogen und einen neuen CEO geholt. Einen Schweizer namens Reto Pflückinger.«
»Aha«, wiederholte Nemecek, weil ihm nichts Besseres einfiel. Irgendwie hing er immer noch in seinen Erinnerungen an die SafeIT fest, ohne dass er darin einen besonderen Hinweis entdecken konnte. Wie sollte ihm der alte Fall schon in seiner aktuellen Situation weiterhelfen?
»Und jetzt rate mal, womit der gleich Schlagzeilen gemacht hat.«
Unwillkürlich presste Nemecek die Lippen aufeinander. Obermayr wusste ganz genau, dass er solche Rätselfragen nicht leiden konnte. Warum nervte sie ihn ständig damit?
»Du wirst es mir hoffentlich gleich sagen«, knurrte er.
»Pflückinger hat sich vor allem dadurch einen Namen gemacht, dass er im gesamten Unternehmen auf zukunftsweisende Arbeitsmethoden setzte.«
»Zukunftsweisende Arbeitsmethoden?«
»Ich sag nur: agil, lean, selbstorganisiert!«
»Nicht schon wieder!«, entfuhr es Nemecek, der sich nun endgültig wie auf einer Zeitreise in die Vergangenheit fühlte. Auch bei der SafeIT wurde ja die gesamte Organisation völlig neu gestaltet, was zu neuen Formen der Zusammenarbeit und sogar zu einem aufsehenerregenden neuen Bürogebäude führte. Ein derartiges Unternehmen, das gänzlich auf die traditionellen hierarchischen Strukturen und Ebenen verzichtete und stattdessen auf das Arbeiten auf Augenhöhe und Selbstverantwortung setzte, war Nemecek zuvor noch niemals untergekommen. Obwohl der Mordfall damals einen gewissen Schatten auf das Unternehmen warf, schien ihnen der anhaltende Erfolg recht zu geben. Der strategischen Kombination von Kundennähe und interner Vernetzung schien die Zukunft zu gehören.
»Unternehmerische Agilität stellt das Management vor völlig neue Herausforderungen.«
Nemecek blickte irritiert zur Seite. »Sagt wer?«
»Pflückinger himself. Und zwar in einem Interview mit dem Economy-Magazin.«
»Und was sagt er noch so?«
»Eine ganze Menge – zumindest, wenn man von den Artikeln ausgeht, die uns Lilly beigelegt hat. Ich leite dir das gleich weiter. Ist garantiert eine unterhaltsame Strandlektüre.«
»Pflückinger sieht sich also als agiler Manager?«
»Scheint so«, bestätigte Obermayr. »Zumindest wird er in dem Interview als mutiger Pionier in Sachen innovatives Organisationsdesign bezeichnet.«
»Innovatives Organisationsdesign?« Nemecek blieb seiner skeptischen Linie treu. »Große Worte. Fragt sich, was da tatsächlich dahintersteckt.«
»Offenbar geht es um die Gestaltung von Unternehmen, die einerseits nahe am Markt sind und andererseits attraktive Arbeitsbedingungen schaffen. Einfach gesagt: Kunden- und Mitarbeiterorientierung so miteinander verbinden, dass man möglichst rasch und flexibel agieren kann.«
Nemecek schürzte die Lippen. »Das sollten wir uns wirklich noch genauer anschauen.«
Obermayr steckte ihr Tablet in die Tasche zurück. »Doch bevor wir uns in diese ganzen Klugheiten vertiefen, dürfen wir hoffentlich mal in den See springen.«
»Jawolle, Frau Holle«, bekräftigte Nemecek mit ungeahntem Schwung. Bis ihm gleich darauf einfiel, dass ihr Kollege Bialek keine 24 Stunden zuvor genau dieselben Worte gebraucht hatte.
Donnerstag, 17:44
Gepflegte Arschbomben
»Achtung, Achtung!«, rief Lea, während sie im Vollsprint auf die Stegkante zuraste. »Arschbombeeee!« Ihr Schlachtruf endete mit einem lauten Klatschen und einer eindrucksvollen Wasserfontäne. Das darauf folgende Geschrei machte deutlich, dass Nemeceks ältere Tochter ihre Ankündigung perfekt umgesetzt hatte. Wie von der Tarantel gestochen sprangen ihre zwei Jahre jüngere Schwester Sophie sowie deren Freundinnen Lydia und Klara auf und rissen ihre Handtücher vom Steg. Die dunkle Färbung des Holzes dokumentierte eindrucksvoll, wie gut Leas Paradesprung gelungen war.
»Leaaaa!«, empörten sich die drei Mädchen lauthals, während sie leicht panisch über ihre Smartphones wischten.
»Na warte«, verkündete Sophie gleich darauf mit erhobener Faust. »Das wirst du büßen!«, sekundierte Lydia und auch Klara zeigte mit einer kurzen Handbewegung an, dass sie ihr am liebsten den Hals abschneiden würde.
»Ihr kriegt mich eh nicht«, heizte die große Schwester noch weiter an. Das konnten sich die drei Arschbombenopfer selbstverständlich nicht gefallen lassen. Zuerst der heimtückische Angriff und jetzt auch noch Spott! Kaum, dass sie ihre Strandsachen in Sicherheit gebracht hatten, nahmen sie die Verfolgung auf.
»Racheeee!«, versprach Sophie, bevor sie sich fast zeitgleich mit ihren Freundinnen in den See stürzte. Zu dritt jagten sie nun die Übeltäterin, die wohlweislich bereits ein Stück weiter hinaus geschwommen war.
Schmunzelnd verfolgte Nemecek die turbulente, von spitzen Schreien und lautem Gelächter begleitete Jagd. Blitzlichtartig flammten Erinnerungen an die eigene Kindheit auf, in der er sich mit seinen Freunden ausgedehnte Wasserschlachten geliefert hatte. Das waren noch Zeiten gewesen, als Sebastian Neufeldner, Rudolf Pokorny und er fast den ganzen Sommer an der alten Donau verbrachten!
»Eine wilde Bande, oder?«, holte Bettina ihn aus seiner sentimentalen Reise wieder in die Gegenwart zurück.
»Ja. Die Kids wissen halt, wie man den Sommer genießt!«
»Tust du das etwa nicht?«
Irritiert blickte Nemecek zu seiner Frau. »Doch, natürlich«, beteuerte er rasch. Auf das alte Thema, dass er die Arbeit nicht aus dem Kopf bekam, hatte er jetzt wirklich keine Lust. »Ich bin froh, dass ich mal zum Lesen komme.«
»Was liest du denn?«
»Ach, ein bisschen dies, ein bisschen das.«
»Soso.« Bettina war deutlich anzumerken, dass ihr die ausweichende Antwort ihres Mannes nicht schmeckte.
Wenn Nemecek ehrlich gewesen wäre, hätte er zugeben müssen, dass seine Gedanken in der letzten Stunde ständig zu Marco Joschak gewandert waren. Wie war er ums Leben gekommen? Was genau war passiert? Warum ertrank jemand, der als ausgezeichneter Schwimmer galt? Nemecek versuchte den Gedanken an den Mordvorwurf von Marina Joschak abzuschütteln, der war jedoch klebrig wie einer dieser altmodischen Fliegenfänger.
Um sich abzulenken, hatte er sich das von Zukic zusammengestellte Dossier vorgenommen. Die vorliegenden Fakten waren rasch abgehakt. Doch dann blieb er längere Zeit bei dem Interview hängen, das der neue Vorstand der Acros für dieses Wirtschaftsmagazin gegeben hatte – und entdeckte daraufhin sogar einen Artikel, der in einem Sammelband zu Die Zukunft der Unternehmen veröffentlicht wurde. In beiden bot Pflückinger starke Kernbotschaften: Von veränderten Anforderungen war da die Rede, von der konsequenten Ausrichtung auf die Bedürfnisse der Kunden, von der Fähigkeit, rasch auf veränderte Wünsche zu reagieren, und der Notwendigkeit, entsprechend bewegliche Prozesse zu gestalten. Die wichtigste Aufgabe des Managements ist die Gestaltung geeigneter Rahmenbedingungen, schrieb Pflückinger an einer Stelle. Manager sind heutzutage viel weniger als Verwalter denn als Gestalter gefragt. Business-Designer statt Business-Administratoren.
Nemecek musste zugeben, dass das alles ziemlich interessant klang – und ihn einmal mehr in die Zeit zurück katapultierte, als sie in der SafeIT im Mordfall Paul Steiner ermittelt hatten. Damals hatte er sich ja auch schon mit den Phänomenen Agilität, Selbstorganisation und Führung beschäftigt. Er erinnerte sich noch gut, dass er dazu einiges gelesen und sich viele Notizen gemacht hatte. Er hatte allerdings keine Ahnung, wo seine Notizbücher von damals abgeblieben waren. Wäre sicherlich interessant, noch einmal nachzulesen, was er sich damals dazu aufgeschrieben hatte. Schließlich hatte ihm sein früherer Chef und Mentor Josef Kallinger jahrelang eingeschärft, dass man den Kontext klären musste, wenn man die Textur eines Verbrechens erkennen wollte. Bislang hatte sich dieses Credo noch in jedem Fall bewahrheitet. Ohne die genauen Umstände erhellt zu haben, waren weder das Motiv noch die Mittel eines Mordes zu entschlüsseln. Geschweige denn die Gelegenheit, die der Täter für seinen tödlichen Anschlag genutzt hatte. Was ihn einmal mehr auf die alles entscheidende Frage zurückwarf, ob sie es in der aktuellen Situation überhaupt mit einem Mordfall zu tun hatten. Und, falls ja, welche Rolle dabei die Themen spielten, über die Pflückinger sprach. Hatte Joschaks Tod überhaupt etwas mit seiner beruflichen Tätigkeit zu tun? Spielte es eine Rolle, dass er als Manager tätig war? Und wenn ja, lag das Motiv möglicherweise in den Veränderungsprozessen begründet, die die Acros gerade durchlief?
Ohne es zu wollen, zuckte Nemecek mit den Schultern. Zweifellos war es noch zu früh, um darauf schlüssige Antworten liefern zu können. Bis es so weit war, konnte er immerhin sein Verständnis über die neue Arbeitswelt vertiefen. Dementsprechend entschlossen klickte er auf einen weiteren Link auf seinem Tablet.
»Wir sollten uns allmählich eingestehen, dass wir diese neue Welt niemals mit unseren alten Landkarten bewältigen können.« (Meg Wheatley)
Nemecek setzte den Stift ab. Diese Verbindung von Welt und Landkarte gefiel ihm – nicht zuletzt, weil sie auch einiges mit seiner eigenen Familiengeschichte zu tun hatte. Sie weckte Erinnerungen an legendäre Diskussionen, die sie in der Familie bei Wanderungen regelmäßig hatten. Einmal war Lea sogar wutentbrannt in den Wald gelaufen, nachdem sie als Navigationsverantwortliche lautstark infrage gestellt wurde. Damals waren sie noch mit echten Wanderkarten unterwegs gewesen, aus Papier und so trickreich gefaltet, dass Nemecek sich regelmäßig verhedderte. Statt einer kompakten Mappe glichen die von ihm zusammengelegten Karten eher einem unförmigen Stapel Papier.
Die Karte in ihrer Hand hinderte Lea damals freilich nicht daran, die gesuchte Abzweigung gleich zweimal zu verpassen. Während die ganze Wandergruppe im Kreis lief, mehrte sich der Unmut der anderen Kinder, die schon länger über Hunger klagten und am liebsten den direkten Weg zur Jausenstation eingeschlagen hätten. Lea schwor natürlich Stein und Bein, dass dies der richtige Weg war. Nemecek stellte fest, dass es auf der Karte genau danach aussah. Umso größer war die Überraschung, als sie später im Biergarten entdeckten, dass es sich gar nicht um eine Karte des Anninger handelte, auf dem sie unterwegs waren, sondern um eine des benachbarten Prielstein!
Die ganze Geschichte war letztlich halb so wild, schließlich war ihnen die Umgebung vertraut. Nachdem sich die Gemüter wieder einigermaßen beruhigt hatten, mussten sie nur einem der ausgetretenen Pfade folgen, um zu dem gesuchten Rastplatz zu kommen. Da war die Welt in globaler Hinsicht schon ein ganz anderes Kaliber. Allein, wenn er Revue passieren ließ, welche tiefgreifenden Veränderungen seit der Geburt seiner beiden Töchter stattgefunden hatten: seien es nun politische Veränderungen, wie die weltweiten Flüchtlingsströme, ökologische, wie sie die von seinen Töchtern leidenschaftlich unterstützte Friday for Future-Bewegung thematisierte, soziale Veränderungen, die nicht zuletzt durch die sozialen Medien forciert wurden, oder eben ökonomische Veränderungen, die Unternehmen vor ungeahnte Herausforderungen stellten. Dafür gab es eben schon lange keine verlässlichen Landkarten mehr, geschweige denn ausgetretene Pfade, denen man einfach folgen konnte. Dazu kam, dass sich mit dem Markt auch die inneren Anforderungen an Organisation und Management gewandelt hatten. Schließlich legten die Kunden mittlerweile auf ganz andere Dinge wert, als dies 20 Jahre zuvor der Fall war. Und dasselbe galt für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der diversen Generationen X, Y und Z, die klammheimlich die Unternehmenskulturen dieser Welt veränderten.
»Wir bewegen uns durch unbekanntes Gelände«, las er weiter, »und dafür brauchen wir neue Formen der Navigation.« Das war zwar reichlich metaphorisch, doch Nemecek liebte seit jeher starke Bilder, die nicht nur trockene Fakten boten, sondern Raum zum Nachdenken öffneten. In diesem Fall wurde die Tür zu einer der Kernfragen der Agilität aufgestoßen: Wozu das Ganze? Wenn der Weg in eine erfolgreiche Zukunft durch unbekanntes Gelände führt, so die Argumentation, brauchen Unternehmen jedenfalls mehr Flexibilität. Und sie brauchen andere Formen der Steuerung, um eine solche Flexibilität zu gewährleisten.
Das leuchtete ihm ein und er vertiefte sich weiter in den Text. Wenn sich die Welt schneller drehte und zugleich immer unberechenbarer wurde, müssen Unternehmen möglichst bewegliche Systeme schaffen. Das konnte jedoch nur gelingen, wenn die Unternehmen agiler wurden, was ja buchstäblich mehr Beweglichkeit und Schnelligkeit versprach. Die gewünschte Agilität hing allerdings davon ab, dass man überhaupt mitbekam, was sich rundherum tat. Dafür benötigte man wiederum eine besondere Form des Radarsystems, das den eigenen Informationsstand beständig aktualisierte. Fragte sich bloß, wie das in der Praxis gelingen konnte.
Nur wenig später stieß er auf eine überzeugende Antwort: Um für ein möglichst breites Sensorium zu sorgen, hieß es da, müssen nicht nur einzelne Spezialisten, sondern alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Fühler ausstrecken. Sie würden, argumentierte die Autorin weiter, gleichsam zu Spionen, die das Geschehen auskundschaften, indem sie mit Kunden reden, deren Wünsche erkunden, neue Möglichkeiten ausloten und ihre fachkundigen Schlüsse zogen. Um die wahrgenommenen Chancen und Risiken möglichst effizient verarbeiten zu können, brauchte es wiederum geeignete Kommunikationsformate und Arbeitsprozesse. Denn die beste Information nützte wenig, wenn man organisationsintern nicht imstande war, die neuen Anforderungen rasch zu teilen und entsprechend umzusetzen, um dem Kunden bessere Produkte und Dienstleistungen zu liefern.
»Hallooo? Wo bist du denn schon wieder mit deinen Gedanken?«
Nemecek hob den Kopf. Anscheinend war er so vertieft gewesen, dass er seine Frau nicht mehr wahrgenommen hatte. Bettina musterte ihn skeptisch. »Du kannst wohl niemals abschalten, oder? Und wenigstens für ein paar Stunden ganz bei uns sein?«
Mehr als ein hilfloses Schulterzucken hatte Nemecek nicht zu bieten. Er merkte, dass ihn die kritischen Worte seiner Frau störten. Aber noch mehr störte ihn die Ahnung, dass sie recht hatte.
»Also noch einmal«, sagte Bettina eindringlich. »Was wollen wir denn heute Abend essen? Die Kinder haben Hunger. Und wie du weißt, duldet das keinen Aufschub. Du kennst sie ja!«
Erst jetzt fiel Nemecek auf, dass die vier Mädchen bereits ihre Badesachen in den Händen hielten. Er hatte weder bemerkt, wie ihre große Seeschlacht weiterverlaufen, noch wann sie zu Ende gegangen war. Aber nun war offenkundig Aufbruch angesagt. Nemecek stand von seiner Liege auf und ging auf die jungen Damen zu.
»Hallo Mädels«, rief er mit demonstrativer Fröhlichkeit, »wie war’s im See?«
»Eh lustig«, beschied Sophie kurz angebunden. »Nun haben wir aber vor allem eines: einen riesigen Hunger.«
»Ich könnte ein Mammut verdrücken!«, bestärkte Lea.
»Noch jemand, der Lust auf Mammut hat?«
»Papa!«, mahnte Sophie und hielt sich die Hand auf den Bauch. »Lass deine müden Witze. Sag uns lieber, was es zu Essen gibt.«
»Worauf habt ihr denn Lust?«
»Wie wär’s mal wieder mit Pizza?«, preschte Klara vor.
»Oder Huhn«, meinte Lydia.
»Oder Lasagne«, ergänzte Sophie.
Nemecek musste lachen. »Was denn nun? Könnt ihr euch nicht auf ein Gericht einigen?«
»Wie wär’s mit Kindergruppenessen?« Bettina blickte gespannt in die Runde.
»Ja«, riefen Sophie und Lea wie aus einem Munde. »Das machen wir!«
»Was ist Kindergruppenessen?«, fragte Klara skeptisch. Für sie klang das wahrscheinlich ein wenig nach Babybrei.
»Das ist unser Lieblingsgericht«, klärte Sophie ihre Freundin auf. »Das hat der Papa immer gemacht, wenn er in der Kindergruppe Kochdienst hatte.«
Klaras Zweifel schienen nicht geringer geworden zu sein. Kochdienst klang wohl nur wenig vertrauenserweckend.
»Und was ist das nun für eine Wunderspeise?«
»Hühnergeschnetzeltes mit Karotten, Zwiebeln und Paprika in einer weißen Sauce. Dazu Reis und Salat. Ur lecker!«
»Darin ist unser Dad ein echter Spitzenkoch«, bestätigte Lea.
»Von mir aus«, gab sich Klara geschlagen, klang jedoch alles andere als überzeugt.
»Und du?«, wollte Sophie nun auch von Lydia wissen.
»Okay.«
»Also«, zeigte sich der designierte Spitzenkoch entschlossen, »dann nehme ich hiermit eure offizielle Bestellung an! Ich hoffe nur, wir haben alle Zutaten im Haus.«
»Und ich hoffe, es dauert nicht lange. Ich habe nämlich schon einen totaaaalen …«
»Das wissen wir schon!«, fuhr Sophie ihrer Schwester in die Parade. »Du musst nicht alles tausendmal wiederholen.«
Freitag, 13:51
Freund und Feind
Die Sonne fiel durch die Blätter und warf ein zackiges Schattenmuster auf den Weg. Mit jedem Laufschritt ergab sich ein neues Bild. Zu seiner Rechten rauschte der Bach leise in Richtung See. Der Duft des Waldes kitzelte ihn in den Nasenlöchern. Nemecek atmete tief durch, um seine Lungen mit frischem Sauerstoff zu füllen. Obwohl die Sonne wieder gnadenlos herunter brannte, herrschte hier eine angenehme Temperatur. Die hohen Bäume spendeten ausreichend Schatten und das fließende Gewässer brachte eine zusätzliche Kühlung. Nemecek spürte, wie sich seine Anspannung allmählich zu lösen begann. Der gleichmäßige Bewegungsrhythmus war genau das, was er jetzt brauchte. Der Ausdruck »sich ein wenig Auslauf zu gönnen« fiel ihm dazu ein, aber auch »auf dem Laufenden zu sein«. Auf alle Fälle tat das sowohl seinem Körper als auch seinem Kopf gut.
Nichtsdestotrotz lastete die unklare Situation nach wie vor auf seinen Schultern. Hatte er die richtige Entscheidung getroffen? Warum ging er gerade diesem Unfall nach? Was, wenn es sich doch bloß um eine Verkettung tragischer Umstände handelte? Möglicherweise entpuppte sich der Mordvorwurf als völlig haltlos? Wie aufgescheuchte Vögel kreisten ihm die vielen offenen Fragen im Kopf herum.
Als Nemecek heute Mittag die kleine Polizeistation in Faak betreten hatte, sah alles noch ganz anders aus. Aufgrund seiner langjährigen Bekanntschaft hatte ihn Inspektionsleiter Rudi Hinteregger zwar freundlich begrüßt. Vonseiten seines Kollegen Andreas Ruschitz war ihm indes sofort eine deutlich ablehnende Haltung entgegengeschlagen. Während er einen vergnüglichen Small Talk mit Hinteregger führte, verfolgte Nemecek aus den Augenwinkeln, wie sich die Miene des jungen Polizisten zunehmend verfinsterte. Dass man es als Zumutung empfand, einen eigentlich abgeschlossenen Fall nochmals aufrollen zu müssen, konnte er durchaus nachvollziehen. Sogar Hinteregger schluckte merkbar, als Nemecek sein eigentliches Anliegen vorbrachte. Ruschitz aber machte kein Hehl aus seinem Ärger. Ohne ein einziges Wort zu sagen, stellte er klar, dass sich die Großstadtsheriffs wieder einmal in Angelegenheiten einmischten, die sie im Grunde überhaupt nichts angingen. Und nachdem er zu Nemeceks Erklärungen mehrfach geschnaubt und einmal sogar verächtlich aufgelacht hatte, verließ er kopfschüttelnd den Raum – natürlich nicht ohne mit der krachend ins Schloss fallenden Tür einen kraftvollen Schlusspunkt zu setzen.
Am Ende war sich Nemecek nicht ganz sicher, warum ihm Hinteregger dennoch seine Hilfe zusicherte. Vielleicht, weil er nach dem provokanten Verhalten seines Kollegen die Harmonie wahren wollte, vielleicht aber auch, weil im Laufe des Gesprächs immer mehr Fragen aufgetaucht waren, die er nicht zu beantworten vermochte. Warum hatte sich Joschak nicht rechtzeitig vor dem Gewitter in Sicherheit gebracht? Wann genau war er ertrunken? Und was genau hatte letztendlich zu seinem Tod geführt? Immerhin schien es eher unwahrscheinlich, dass ein durchtrainierter Athlet einfach so unterging.
Schließlich willigte Hinteregger ein, sich doch noch auf die Suche nach Augenzeugen zu machen, obwohl allen Beteiligten klar war, dass das der vielzitierten Suche nach der Nadel im Heuhaufen glich. Selbiges galt für die Kameraaufnahmen, die man in Betracht ziehen konnte – immerhin gab es rund um den See zahlreiche Campingplätze und Hotels. Möglicherweise, spekulierte Nemecek laut, konnte man sogar am Tabor etwas Brauchbares finden. In dem Hochseilgarten, der sich dort befand, waren ziemlich sicher Kameras angebracht, die auch den ganzen See überblickten.
Nemecek verlangsamte seinen Laufschritt und blickte rasch von links nach rechts. »Aichwaldsee«, stand auf dem obersten der gelben Hinweisschilder, die hier durch den Wald führten. Er entschied sich für die rechte Weggabelung, die ihn über die letzten Stationen des Fitnessparcours in Richtung Bahntrasse und dann zur Bundesstraße bringen würde. Dort konnte er sich immer noch entscheiden, ob er weiterhin bergauf laufen oder umkehren wollte.
Während er wieder Tempo aufnahm, schwenkten seine Gedanken zum nachmittäglichen Treffen mit Obermayr. Gemeinsam hatten sie die ermittelten Fakten sortiert: Als geklärt galt der Zeitpunkt, zu dem Joschak das Villacher Büro verlassen hatte. Seine Arbeitskollegen gaben an, ihn bereits gegen 16 Uhr 30 am Parkplatz vor der Acros gesehen zu haben, und bestätigten, dass sich sein Rad bereits auf dem Dachträger seines Wagens befunden hatte. Wie immer, wenn er am Kärntner Firmenstandort zu tun hatte, parkte Joschak direkt unter dem Bürofenster, sodass sein roter Karbon-Renner schwer zu übersehen war. Dementsprechend wahrscheinlich war es, dass sich seine Schwimm- und Laufsachen ebenfalls bereits im Wagen befunden hatten, sodass er nicht später als 17 Uhr am Parkplatz des Matschnighofs eingetroffen sein musste. Den Hotelchef Karl Matschnig, seinerseits ein alter Schulkollege von Marco Joschak, hatten sie gleich ganz oben auf ihrer Liste möglicher Augenzeugen gesetzt. Bislang war er nicht befragt worden – wozu auch, wenn man von einem tragischen Unfall ausging? Doch vielleicht hatten die alten Kameraden ja noch ein paar Worte miteinander gewechselt. Oder Matschnig hatte Joschak sogar am See beobachtet.
Den meteorologischen Aufzeichnungen zufolge brach das Gewitter erst gegen 17 Uhr 45 los, sodass Joschak eigentlich genügend Zeit geblieben wäre, sein Schwimmtraining abzubrechen und zum Hotelstrand zurückzukehren. Warum er trotz des zunehmenden Sturms nicht aus dem Wasser gegangen war, blieb rätselhaft.
Noch rätselhafter war allerdings, warum man seine Leiche genau am gegenüberliegenden Seeufer gefunden hatte. Man musste herausfinden, wo genau Joschaks übliche Trainingsstrecke verlief. Wenn man davon ausging, dass er mindestens 30, eventuell sogar 45 Minuten im Wasser und dabei in seinem üblichen Trainingstempo unterwegs war, musste er die Seerunde bei Ausbruch des Gewitters eigentlich bereits abgeschlossen haben. Oder sich zumindest wieder auf dem Rückweg und also in der Nähe seines Startpunkts beim Hotel befunden haben. Angespült wurde seine Leiche jedoch nicht am Nord-, sondern am Südufer. Stärkte das nicht die Vermutung, dass ihm während seines Schwimmtrainings etwas Ungewöhnliches zugestoßen war?
Angesichts der jüngsten Entwicklungen war klar, dass er noch heute Staatsanwalt Gunther Rüdinger anrufen musste. Der würde zwar keine Jubelsprünge machen, wenn er ihm am Wochenende einen neuen Fall aufhalste. Aber zumindest eine Vorermittlung sollte er ihm genehmigen. Denn einerseits wollte er Radingers offizielles Okay für eine neue Sonderkommission, bevor er mit Joschaks Witwe sprach, und andererseits brauchte er die notwendigen Kompetenzen, um den Leichnam noch einmal gründlich untersuchen zu lassen. Einen Herzinfarkt hatte man bei der ersten Totenschau ja ebenso ausgeschlossen wie einen Gehirnschlag. Doch doppelt hielt bekanntlich besser – und für besser gab es nur eine Adresse: Gerda Probisch.
Nemecek musste nur noch seinen Charme spielen lassen, damit sich die Grande Dame der österreichischen Gerichtsmedizin möglichst rasch an die Arbeit machte. Ausnahmsweise hatte er ja seit ihrem letzten Fall, den sie intern nur den Ziegelmord nannten, sogar etwas gut bei ihr. Schließlich war Probischs Sohn Raimund in diesen Fall involviert und eine Zeit lang sogar einer der Hauptverdächtigen gewesen. Oder zumindest der von Kappacher, der es sich zur Herzensaufgabe gemacht zu haben schien, Raimund Probisch hinter Gitter zu bringen. Anscheinend waren zwischen seinem Chef und der eigenwilligen Rechtsmedizinerin noch ein paar alte Rechnungen offen. Mehrmals hatte der Oberst auf eine Verhaftung gedrängt und es war nur Nemeceks Sturheit zu verdanken, dass es nicht dazu gekommen war. Dank seines Sondereinsatzes kam Raimund Probisch am Ende äußerst glimpflich davon. Mit Fug und Recht konnte Nemecek nun auch ein außerordentliches Engagement von der Chefforensikerin erwarten, die ja weithin als fachliche Koryphäe, aber eben auch als Diva bekannt war.
Nemecek schreckte hoch. Er war wieder einmal so in Gedanken versunken gewesen, dass er beinahe die Straße übersehen hätte. Die Hupe des gelben Sportwagens bewahrte ihn vor einem Blackout. Das hätte ihm gerade noch gefehlt, dass er jetzt einen Unfall baute! Während er dem schnittigen Cabriolet mit offenem Mund nachsah, rauschte das Blut in seinen Ohren. Als er sich wieder ein wenig beruhigt hatte, schaute er sogar zweimal von links nach rechts, bevor er endlich die Bundesstraße überquerte und den Weg in Richtung Aichwaldsee fortsetzte.
Es dauerte eine Weile, bis er gedanklich den Anschluss wiederfand. Zum einen saß ihm noch der Schrecken über seine Unachtsamkeit im Nacken, zum anderen nahm das sich verdichtende Wurzelwerk seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Vor allem bergauf konnte man leicht ins Stolpern geraten und nach dem gerade Erlebten wollte Nemecek keinen Sturz riskieren. Als er das letzte Waldstück durchquert und die große Wiese erreicht hatte, atmete Nemecek auf. Spürbar erleichtert ließ er noch einmal die nächsten Ermittlungsschritte Revue passieren, die er mit den Kärntner Kollegen vereinbart hatte. Hinteregger würde sich, wie er im Hinblick auf seinen heißspornigen Kollegen betonte, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Kräften auf die Suche nach möglichen Augenzeugen machen. Der Hoteldirektor und seine Angestellten waren ja bereits gesetzt, aber auch die kleineren Hotels und die Campingplätze sollten überprüft werden. Außerdem würden sie nach Kameraaufzeichnungen fahnden. Wäre doch gelacht, zeigte sich der Faaker Inspektionsleiter am Ende überzeugt, wenn es da rund um den See nichts zu finden gäbe!
Parallel zur genaueren Untersuchung des Leichnams würden Obermayr und er gleich Montag früh mit der Witwe reden. Außerdem sollten sie möglichst bald einen Termin bei Reto Pflückinger bekommen, um Joschaks berufliche Hintergründe zu durchleuchten. Parallel dazu sollte sich Zukic um Joschaks Handydaten und seinen PC kümmern. Neben den Anrufen und einschlägigen Nachrichten gab der Browserverlauf oft wertvolle Hinweise, womit sich jemand besonders intensiv beschäftigte.
Während er am Aichwaldsee vorbei bergab zu laufen begann, ertappte sich Nemecek aufs Neue dabei, dass er insgeheim von einem beruflichen Zusammenhang ausging. Die Acros schien ihn auf ähnlich magische Weise anzuziehen, wie das ein Jahr zuvor die SafeIT getan hatte. Oder war es viel weniger das Unternehmen selbst als die tiefgreifende Veränderung, die es gerade durchmachte, die ihn lockte? Jener vielschichtige Übergang von der aktuellen Situation zu neuen Vorgehensweisen in der Arbeitswelt, die Menschen und Strukturen in Bewegung setzten? Und kam dann nicht die intellektuelle Herausforderung hinzu, sich einmal eingehender mit den Themen Management und Organisation zu beschäftigen, über die er in seinem Polizeialltag immer wieder stolperte?
Doch je stärker er sich vom Thema Agilität angezogen fühlte, umso heftiger mahnte er sich zur Umsicht. Einerseits war er Chefinspektor und kein, wie ihm Kappacher schon des Öfteren vorgeworfen hatte, verkappter Philosoph. Andererseits war zum jetzigen Zeitpunkt eine Beziehungstat genauso wahrscheinlich wie eine beruflich motivierte. Wer sagte ihnen, dass nicht eine alte Feindschaft hinter Joschaks Tod steckte? Die Konkurrenz zwischen Sportlern, die oft genug krankhafte Auswüchse annahm? Eine heimliche Affäre Joschaks, die einen gehörnten Ehemann ausrasten ließ? Vielleicht steckte sogar Joschaks Frau selbst hinter dem tödlichen Anschlag, den sie so heftig beklagte. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Täterin auf diese Weise ihre Schuld zu verschleiern versuchte. Was umso wahrscheinlicher war, wenn es eine Lebensversicherung gab. Zukic sollte klären, ob es eine entsprechende Police gab. Und sie sollte mit den Nachbarn der Joschaks reden, ob diese irgendwelche Auffälligkeiten in deren Ehe wahrgenommen hatten.
Ein dichtes Programm, bilanzierte Nemecek. Dennoch durften sie jetzt nichts überstürzen. Sie mussten Schritt für Schritt vorgehen. Eigentlich sollte er ja noch Kappacher über die neuesten Entwicklungen informieren. Andernfalls würde sich dieser sicher wieder aufregen, wie er das schon so oft getan hatte, wenn er sich zu wenig eingebunden oder gar übergangen fühlte, insbesondere wenn es um so weitreichende Entscheidungen wie die Einrichtung einer Sonderkommission ging.
Als er jedoch den Faaker See wieder vor sich auftauchen sah, stand Nemeceks Entschluss fest. Wenn er schon den gestrigen Feiertag und den heutigen Brückentag gewissermaßen in geheimer Mission unterwegs war, sollte zumindest der Rest des Wochenendes seiner Familie gehören. Und für Montag früh war ohnehin eine Besprechung mit dem frisch aus seinem Urlaub zurückgekommenen Oberst Kappacher angesetzt.
Montag, 8:12
Standpauke im Sitzen
Im Raum wurde es still, aber es war eine angespannte Stille wie zwischen einem Blitz und dem darauffolgenden Donnerschlag. Unwillkürlich musste Nemecek an das Gewitter denken, währenddessen Joschak ums Leben gekommen war. Dann räusperte er sich, um endlich die erwartete Antwort zu geben.
»Wir hatten ausreichend Hinweise, dass es sich hierbei nicht um einen Unfall handelte.«
Kappacher holte tief Luft. Und dann krachte es tatsächlich.
»Ausreichend Hinweise!«, bellte er, nachdem er mit der flachen Hand auf seinen Mahagoni-Schreibtisch geschlagen hatte. »Sind Sie von allen guten Geistern verlassen? Warum sind Sie der Sache nachgegangen, ohne sich vorher mit mir abzustimmen?«
»Sie waren im Urlaub und ich sah Gefahr im Verzug.«
»Gefahr im Verzug«, brauste Kappacher neuerlich auf und riss seine Arme in die Höhe. »Gefahr im Verzug«, wiederholte er nicht weniger laut, aber deutlich langsamer, als müsste er über die besondere Bedeutung dieser Worte nachdenken. Dann ließ er seine Arme wieder nach unten sinken.
Nemecek betrachtete seinen Vorgesetzten. Er war braun gebrannt und wirkte erstaunlich gut erholt. Die erste Urlaubswoche in den Bergen schien ihm gut getan zu haben, obwohl er sich wochenlang über seine Frau mokiert und gebetsmühlenartig geklagt hatte: »In den Tiroler Alpen! Ausgerechnet!« Immerhin handelte Kappacher mit seiner besseren Hälfte aus, dass sie die zweite Urlaubswoche am Meer verbringen würden. Angesichts des aktuellen Ärgers fragte sich Nemecek jedoch, wie lange der Erholungseffekt wohl anhalten würde. Die roten Flecken an Kappachers Hals ließen nichts Gutes ahnen.
»Wir haben nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt«, beteuerte nun auch Obermayr, die bislang ungewohnt zurückhaltend agiert hatte.
»Nach bestem Wissen und Gewissen?«, kam prompt von der anderen Seite des Schreibtischs zurück. Nemecek fragte sich, wie lange Kappacher wohl jeden Satz wiederholen würde und ob dieses Echo ein Gradmesser für seinen Zorn war. Natürlich hatte Nemecek eigenmächtig gehandelt und ihm war von Anfang an klar gewesen, dass das ein Nachspiel haben würde. Er hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass sich sein Vorgesetzter dermaßen aufregen würde.
Sich echauffieren, fiel Nemecek plötzlich der altmodische Ausdruck ein, nach dem er zuvor vergeblich gesucht hatte. Diese Erkenntnis half allerdings nur mäßig gegen das Donnerwetter, das sie nun über sich ergehen lassen mussten.
Nemecek vermutete, dass Kappacher vor allem deswegen so in die Luft ging, weil er immer noch viele Leute vom Kärntner Landeskriminalamt kannte. Immerhin war er in Klagenfurt aufgewachsen, hatte dort die Polizeiakademie besucht und sich später seine ersten Sporen als Kriminalbeamter verdient. Gut möglich, dass er mit dem aktuellen Polizeidirektor sogar persönlich verbunden war. War der nicht genau in Kappachers Alter?
»Mit ihrem unverantwortlichen Alleingang haben Sie uns in eine unmögliche Lage gebracht«, kam schon der nächste Vorwurf. »Ich habe keine Ahnung, wie ich das dem Karl erklären soll.«
Also lag er mit seiner Vermutung richtig, dass Kappacher den Kärntner LKA-Direktor Glantschnig gut kannte. Wahrscheinlich hatte ihn dieser noch am Wochenende angerufen und sich mächtig über das Vorgehen seiner Leute beschwert. Ob ihn der junge Kollege in der Faaker Inspektion angeschwärzt hatte? Der brauchte ja bloß jemanden im Bezirk zu kennen, der jemanden in der Stadt kannte, der wiederum jemanden im Landeskriminalamt kannte – und schon stieg der oberste Polizeichef auf die Barrikaden. Wie es nun einmal so lief in Österreich. Am wichtigsten schien es, das eigene Revier zu verteidigen.
»Sie kennen einander?«, versuchte Nemecek einen möglichst harmlosen Ton anzuschlagen.
»Natürlich kennen wir einander! Seit Ewigkeiten schon!« Aus irgendeinem Grund fragte sich Nemecek, ob sich die beiden aus dem Polizeidienst oder vom Studium her kannten, für das Kappacher später aus seiner Heimat in die Bundeshauptstadt wechselte. War Glantschnig ebenfalls Jurist? Und gehörten sie womöglich derselben Studentenverbindung an, die gewisse Kreise besonders intensiv zusammenschweißte?
»Wie gedenken Sie also, wieder aus dieser Sache herauszukommen?«
»Gar nicht. Wir machen erst einmal weiter wie geplant.« Obermayrs Trotz war nicht zu überhörbaren.
»Weiter wie geplant!«, polterte Kappacher postwendend. »Jetzt wird’s mir aber langsam zu bunt!«
»Hätten Sie’s denn lieber in Schwarz-Weiß?«, konnte sich Obermayr eine Widerrede nicht verkneifen.
Kappacher sah Obermayr an, als ob er sich gleich auf sie stürzen würde.
»Wenn dann schwarz auf weiß«, zischte er durch die zusammengebissenen Zähne. »Ich spreche von Fakten, falls Sie schon einmal davon gehört haben, Frau Kollegin!«
»Selbstverständlich, Herr Oberst.« Obermayr blieb gelassen. Kappachers drohender Unterton schien wieder einmal von ihr abzuperlen, als wären ihre Ohren mit Teflon beschichtet. »Deswegen sind wir der Sache ja nachgegangen.«
Nemecek sah, wie sein Vorgesetzter die Augen aufriss. Hinter seinen dicken Brillengläsern wirkten sie unnatürlich groß, wie unter einer Lupe. Hinter dem Brillenbügel sah man seine Schlagader heftig pulsieren. Dazu schienen Kappachers Kiefer gerade ein paar Kieselsteine zu zermahlen.
Obermayr wusste natürlich, wie man jemanden auf 180 bringen konnte. Und bei Kappacher stieg sie gerne nochmals extra aufs Gaspedal. Unvergesslich würde Nemecek deren allererste Konfrontation bleiben, die wohl in vieler Hinsicht die Weichen für das künftige Verhältnis zwischen der Bezirksinspektorin und dem Oberst stellte. Obwohl das gut und gern zehn Jahre her war, erinnerte er sich noch ganz genau, wie Kappacher die damals blutjunge Bezirksinspektorin angefahren hatte: »Haben Sie den Verstand verloren?« Worauf Obermayr geradezu reflexhaft zur Antwort gab: »Wieso? Haben Sie ihn gefunden?« Auch damals war Kappacher knapp an der Schnappatmung gewesen.
»Sie mit Ihren extraordinären Methoden«, presste er hervor. »Ih-ren Ermitt-lun-gen«, betonte er Silbe für Silbe wie ein Lehrer beim Diktat.
»Aber damit ist jetzt Schluss! Das LKA Kärnten hat eine Dienstaufsichtsbeschwerde angekündigt. Ihnen droht ein Disziplinarverfahren, das sich gewaschen hat!«
Am liebsten hätte Nemecek mit den Schultern gezuckt. Er spürte es schon kribbeln, hielt sich aber im letzten Moment doch noch zurück. Obermayr hatte schon genug Öl ins Feuer gegossen. Gleich im Anschluss würde er nochmals Gunther Rüdinger anrufen, damit der ihm die nötige Rückendeckung gab.
»Ich bin es jedenfalls leid, Ihnen ständig den Allerwertesten zu retten. Glauben Sie denn, dass ich nichts Besseres zu tun habe, als mich den lieben langen Tag mit den Fehltritten meiner Untergebenen zu beschäftigen?«
»Ich wüsste nicht, was wir falsch gemacht haben.« Obermayr ließ es sich nicht nehmen, noch ein wenig Zunder nachzulegen.
Schon krachte Kappachers Hand wieder auf den Schreibtisch. »Sie begreifen es einfach nicht! Aber nun ist ein für allemal Schluss mit Ihrem eigenmächtigen Vorgehen! Ab sofort sprechen Sie jeden Schritt vorher mit mir ab, ist das klar?«
»Wir müssen abwarten, was die gerichtsmedizinische Untersuchung ergibt«, erklärte Nemecek ruhig, als hätte er Kappachers Anweisung überhaupt nicht gehört. »Und dann dürfen wir gespannt sein, was die Zeugensuche der Kärntner Kollegen ergibt.«
»Oder die Kameraaufzeichnungen«, ergänzte Obermayr.
Kappacher schnaubte. »Sind Sie schwerhörig? Sie stimmen alles, was Sie tun mit mir ab! Kapiert?«
»Nehmen Sie doch einfach wieder an unseren Standups teil«, schlug Obermayr vor. »Dann sind Sie stets auf dem Laufenden.«
»Aber jetzt müssen Sie uns entschuldigen«, sagte Nemecek und erhob sich. »Wir haben gleich einen Termin mit Joschaks Witwe.«
Während er sich rasch in Richtung Tür entfernte, hörte er Kappacher stöhnen. »Und wann ist mit ersten Ergebnissen zu rechnen?«
»Die Frau Professor hat mir versprochen, dass sie spätestens am Abend ihre Erkenntnisse vorlegen wird.«
»Dann beten Sie zu Gott, dass die Probisch etwas findet!«
»Das geht auch ohne Gebet«, rief ihm Obermayr über die Schulter zurück, während sie die Klinke hinunterdrückte. Wie so oft musste sie unbedingt das letzte Wort behalten.
Montag, 9:55
Grelle Trauer
Außer Betrieb, verkündete das rote Schild an der Gittertür.
»Na super!« Obermayr verdrehte die Augen. »Jetzt auch noch Fitnesstraining!«
»Tür 24«, erinnerte sich Nemecek. »Bei unserem Glück wahrscheinlich ganz oben.«
Vier Stockwerke später wussten sie, dass die Einschätzung richtig war. »Schön, dass wir den maximalen Trainingseffekt auskosten dürfen«, bemerkte Obermayr keuchend.
Nemecek war verwundert. Setzte ihr das Treppensteigen tatsächlich so zu? Sie war doch immer ganz gut in Form gewesen? Oder war das heute einfach nicht ihr Tag? Bevor Nemecek zu einer Antwort gekommen war, drückte seine Kollegin bereits den Schalter mit der kleinen Glocke. Von innen ertönte nicht mehr als ein leises Klingeln. Ansonsten gab es keinerlei Geräusche, die darauf schließen ließen, dass sich jemand näherte. Sicherheitstür, registrierte Nemecek automatisch, während er überlegte, ob die Witwe ihren Termin verschwitzt haben könnte. Instinktiv spitzte er die Ohren. War da ein Geräusch gewesen?
Als sich die Tür schließlich öffnete, musste Nemecek unwillkürlich blinzeln. Vor ihm stand eine stattliche Frau in einem schwarzen Kleid, dem man ansah, dass es nicht von der Stange war. Mitte 40, etwa 1 Meter 70 groß, schätzte Nemecek, zumindest wenn er die roten Stöckelschuhe abzog, mit denen sie jetzt fast so groß war wie er selbst. Ihr rundliches Gesicht war stark geschminkt, vor allem die schwarz umrandeten Augen stachen hervor, die zusammen mit den übernatürlich langen Wimpern ihre hellgrüne Iris noch stärker zur Geltung brachte. Dazu hatte sie einen kirschroten Lippenstift aufgetragen und trug kugelförmige Ohrringe im selben Farbton. Am Auffälligsten war indes dieser scharfe Kontrast zwischen ihrer Trauerkleidung und den wasserstoffblonden Haaren, die sie offensichtlich auftoupiert hatte, um für noch mehr Volumen zu sorgen. Dadurch wirkte die ganze Frisur wie ein überdimensionierter Helm. Ob sie sich extra für ihren Besuch so aufgedonnert hatte? Oder lief sie die ganze Zeit so durch die Gegend? Für Nemecek hatte Joschaks ganze Erscheinung etwas ungeahnt Grelles und er musste an sich halten, um nicht die Augen zusammenzukneifen.
»Frau Joschak?«, rettete ihn Obermayr aus seiner Verlegenheit. »Chefinspektor Nemecek, Bezirksinspektorin Obermayr. Dürfen wir hereinkommen?«
Wortlos trat Joschak zur Seite und gab den Blick auf den dahinter liegenden Flur frei. Kiefer? Buche? Eiche?, versuchte Nemecek die Holzart zu identifizieren, die hier dominierte. Während er weiter ins Wohnungsinnere vordrang, stieg ihm eine Wolke von schwerem Parfüm in die Nase. Dior kam ihm in den Sinn, obwohl er keine Ahnung hatte, ob das wirklich so roch. Aus irgendeinem Grund schien Dior perfekt zu der extravaganten Erscheinung zu passen.
Als er wenige Augenblicke später die Küche betrat, wusste er zumindest, woran ihn bereits der Eingangsbereich erinnert hatte – nämlich an die Ferienwohnung, die sie seit Jahren für ihren Sommerurlaub am Faaker See buchten. Also an genau jenes Quartier, in dem seine Familie derzeit ihren Urlaub verbrachte. Kärntner Landhausstil, pries dieses Quartier an, und das war es auch, was er hier vorfand: helles Holz so weit das Auge reichte, dunkle Maserung, glänzende Oberflächen und dazu dieser süßliche Geruch nach Bienenwachs, der dem Ganzen eine ganz besondere Note verlieh. Auf der rechten Seite stand eine mindestens zwei Meter hohe und wohl ebenso breite Kredenz, auf der linken eine Eckbank mit roten Sitzbezügen. Dazu gab es passende Tischdecken, Lampenschirme und Zierpolster. Es war kaum zu übersehen, dass hier eine versierte Gestalterin am Werk gewesen war.
»Nehmen Sie doch Platz.«
»Danke«, murmelte Obermayr, bevor sie einen der massiven Holzstühle unter dem Tisch hervorzog.
»Ich muss sagen, dass ich ein wenig überrascht bin«, eröffnete Joschak. Nemecek fiel auf, dass ihr Oberkörper dabei leicht hin und her pendelte.
»Sie sind überrascht?« Obermayr staunte. »Unsere Kollegin hat Ihnen doch unser Kommen angekündigt?«
»Was haben Sie herausgefunden?«, antwortete Joschak mit einer Gegenfrage, während der sie ihren Kopf zweimal auf- und abwippen ließ.
»Die Untersuchungen laufen noch«, erklärte Nemecek mit einer Polizeifloskel und legte gleich eine zweite nach. »In der Zwischenzeit durchleuchten wir das Umfeld des Toten.«
Mit geschlossenen Augen erwiderte Joschak: »Ich habe eigentlich nicht mehr damit gerechnet, dass die Polizei noch ihrer Arbeit nachgehen würde.«
»Lassen wir das«, wies Nemecek den Vorwurf in aller Entschiedenheit zurück. Er staunte selbst über seinen strengen Tonfall, doch er wollte sich keinesfalls auf das klassische Rechtfertigungsspiel einlassen. Stattdessen erklärte er, dass sie hier seien, um mehr über das Umfeld des Toten zu erfahren.
»Was können Sie uns über Ihren Mann erzählen?«, übersetzte Obermayr.
»Was genau wollen Sie wissen?« Wieder dieses leichte Pendeln mit dem Oberkörper. Hatte Joschak Probleme mit ihrem Gleichgewichtssinn?
»Was war er für ein Mensch?«
Die grelle Witwe faltete ihre Hände, trennte sie jedoch gleich wieder, als erinnere sie diese Berührung an ein Gebet. Gleich darauf fuhr sie sich vorsichtig über ihr Haar, als prüfe sie den Sitz ihrer Frisur. Sie öffnete ihre Lippen, blieb allerdings weiterhin eine Antwort schuldig. Dafür begann sie nun laut durch den Mund ein- und auszuatmen.
Verblüfft verfolgte Nemecek die seltsame Darbietung. Irgendwie erinnerte ihn das Ganze an das Spiel Activity, bei dem es um das Erklären und Erraten bestimmter Begriffe ging. Joschak schien die Karte mit dem Wort Unentschlossenheit gezogen zu haben und sich in der Phase zu befinden, in der man das Gesuchte pantomimisch darstellen musste. Je länger Nemecek die grelle Witwe betrachtete, umso befremdlicher kam ihm ihr Schauspiel vor. Irgendwie wirkte das Ganze einstudiert, wie eine Choreografie der Trauer, die Marina Joschak vor dem Spiegel eingeübt hatte. Doch von einem Moment zum anderen schien sie die Unentschlossenheit abgelegt und stattdessen den Begriff Verzweiflung in Arbeit zu haben. Jedenfalls griff sie sich nun an die Stirn und stöhnte theatralisch. »Das darf doch alles nicht wahr sein!« Aus den Augenwinkeln bemerkte Nemecek, wie ihm Obermayr einen vielsagenden Blick zuwarf. Während sich die Stirn seiner Kollegin in Falten legte, murmelte ihr Gegenüber: »Das ist alles nur ein böser Traum!« Ganz langsam nahm sie ihr Gesicht in beide Hände und schüttelte dann den Kopf: »Nein! Nein! Nein!«
Nemecek spürte seine wachsende Unruhe. Konnte Joschak ihren Schmerz nur auf diese exaltierte Weise zum Ausdruck bringen? Rang sie plötzlich derart heftig mit ihrer Trauer, nachdem sie vor ein paar Tagen noch höchst aggressiv aufgetreten war? Demonstrativ schüttelte Nemecek den Kopf. Im Laufe seiner Karriere hatte er ja schon vieles gesehen, doch Joschaks Verhalten kam ihm ebenso dick aufgetragen vor wie ihre Schminke. Maske, Kostüm, Bühne und sie als geduldige Zuschauer – passte doch alles wunderbar zusammen.
Obermayr warf ihm einen genervten Blick zu, als ginge ihr gerade genau dasselbe durch den Kopf. Lange würde sie sich diese Vorstellung nicht mehr bieten lassen. Schon verformte sich ihre linke Augenbraue zu einem zornigen Ausrufezeichen, als Joschak die Hände vom Gesicht riss und unvermittelt zu reden begann.
»Was war er für ein Mensch?«, wiederholte sie die ursprüngliche Frage, während sie ihren wackligen Oberkörper energisch aufrichtete. Ihre Augen waren jetzt nicht mehr auf die Tischplatte vor ihr fixiert, sondern starrten geradewegs nach oben, als fände sie die Antwort irgendwo an der Küchendecke. »Als ich ihn kennenlernte, hatte Marco gerade die Schule abgebrochen. Im Grunde war er damals ohne jede Perspektive, ein klassischer Kandidat für die Straße.« Mit dieser Erinnerung schien sich Joschaks Blick neuerlich in der Ferne zu verlieren.
»Aber es kam anders«, setzte Obermayr nach, um ihren Redefluss in Gang zu halten.
»Er hat es immerhin bis zum Abteilungsleiter gebracht, der für über 100 Leute verantwortlich war«, sprang Joschak ansatzlos von der Frühgeschichte in die Gegenwart und dann gleich weiter in die Zukunft. »Und demnächst sollte er sogar in den Vorstand aufrücken!«
Nun war es an Nemecek, überrascht zu sein. Beförderung? Konkurrenz? Neid?, kritzelte er rasch in sein Notizbuch, das bis dahin unberührt vor ihm lag.
»Das heißt, er war ein Mensch, der sich durchzusetzen wusste.«
Während Obermayr gespannt auf eine Reaktion wartete, begannen Joschaks Augenlider unkontrolliert zu flattern. Es sah gespenstisch aus und Nemecek fragte sich ernsthaft, ob mit ihrer Gesprächspartnerin alles in Ordnung war. Setzten sie sie zu sehr unter Druck? Unterschätzten sie, wie nahe ihr der Tod ihres Mannes ging? Unversehens senkte Joschak den Kopf und schloss die Augen. Nemecek befürchtete schon, sie könnte einfach einschlafen, als sie im nächsten Moment wieder hochfuhr und weitersprach, als wäre nichts gewesen.
»Er war der ehrgeizigste Mensch, den ich jemals kennengelernt habe. Ein Mann, der wusste, was er wollte. Und nicht nachließ, bis er das auch erreicht hatte.«
»Damit wird er sich nicht nur Freunde gemacht haben«, unterstellte Obermayr.
»Im Gegenteil, seine Mitarbeiter haben ihn verehrt«, gab Joschak spitz zurück. »Was ja auch kein Wunder ist, so wie sich Marco für sie eingesetzt hat.«
»Er hatte also keinen Streit, von dem sie wissen? Keine Feinde, die ihm Übles wollten? Keine Konkurrenten oder Neider?«
Statt die Frage zu beantworten, presste sie die Lippen zusammen und deutete ein Kopfschütteln an.
Nemecek sah, wie Obermayr ein Seufzen unterdrückte. Wahrscheinlich fragte sie sich genau wie er selbst, warum sich Marina Joschak so verschlossen gab, wenn sie doch wollte, dass aus dem vermeintlichen Unfall ein Mordfall wurde? Irgendetwas stimmte hier nicht. Vielleicht mussten sie pointiertere Fragen stellen?
»Lassen Sie uns noch einmal zu dem verhängnisvolles Abend zurückkehren«, schlug er vor. »Laut Protokoll der Faaker Kollegen haben Sie Ihren Mann bereits um 22 Uhr als vermisst gemeldet.«
Joschak starrte Nemecek an und er starrte zurück. Ihre Augen wirkten glasig. Erst in diesem Moment kam ihm der Gedanke, dass die Witwe unter Medikamenteneinfluss stehen könnte. Oder hatte sie getrunken? Oder beides? Das würde jedenfalls ihr seltsames Verhalten erklären und wohl auch diesen leichten Zungenschlag, den er bisher ihrem Dialekt zugeschrieben hatte.
»Warum haben Sie sich schon so früh Sorgen gemacht?«
Wieder reagierte Joschak erst mit Verspätung auf Obermayrs Frage. »Ich habe gespürt, dass etwas nicht in Ordnung ist.«
»Es war üblich, dass er sich gleich nach seinem Triathlontraining bei Ihnen meldete?«
»Selbstverständlich! Wenn er in Villach zu tun hatte, nützte er jede freie Minute dafür. Aber nach dem Training haben wir immer miteinander telefoniert.«
»Aber es ist doch sicher einmal vorgekommen, dass er dann noch etwas essen gegangen ist? Oder zumindest etwas trinken?«
Joschak drehte neuerlich ihren Kopf hin und her. Dann wechselte sie übergangslos vom Verwirrungs- in den Angriffsmodus. »Ihre Kollegen waren total inkompetent. Zuerst haben sie mich als lästige Bittstellerin behandelt und dann das Ganze als tragischen Unfall abgetan.«
»Was macht sie so sicher, dass es keiner war?«
»Hören Sie!« Joschak lehnte ihren Oberkörper noch weiter nach vorne. »Marco war Spitzensportler, er kannte die Gegend, ist praktisch am See aufgewachsen.«
»Sie wissen schon, dass die meisten unnatürlichen Todesfälle in den eigenen vier Wänden passieren«, hielt Obermayr dagegen. »Also in der Gegend, die man für gewöhnlich am allerbesten kennt.«
»Es war Mord!«, schrie Marina Joschak unvermittelt und sprang von ihrem Stuhl auf. Es klang wie ein fernes Echo des Vorwurfs, mit dem sie vor ein paar Tagen das Polizeipräsidium verlassen hatte. Nemecek sah, wie Joschaks Hände zitterten. Sie merkte es wohl auch selbst und stützte sich an der Tischplatte auf, um wieder festeren Halt zu finden.
»Was macht Sie so sicher?« Nemecek spürte deutlich, dass sie nun in einer neuen Gesprächsphase angekommen waren.
»Weil man meinen Mann gnadenlos unter Druck gesetzt hat«, erklärte Joschak, nachdem sie wieder Platz genommen hatte.
»Inwiefern?«
»Alles nur, weil sich dieser Schweizer in den Kopf gesetzt hat, dass alles anders werden muss.«
»Sie meinen Reto Pflückinger, den neuen CEO?«, fragte Obermayr.
»Plötzlich muss alles anders werden. Angeblich geht es um Verbesserung, dabei wird einfach nur ganz viel zerstört.«
»Wie zerstört?«
»Glauben Sie denn wirklich, dass mein Mann zufällig gestorben ist?« Joschak riss die Arme zur Seite. »Der ist gezielt ausgeschaltet worden!«
»Haben Sie dafür auch irgendwelche Beweise?«
»Und dass er demnächst zum Technikvorstand berufen werden sollte, rief natürlich jede Menge Neider auf den Plan.«
»Neider?« Nemecek horchte auf. Er hoffte, dass Joschak nunmehr Tacheles reden würde: spezielle Situationen, nachvollziehbare Zusammenhänge, konkrete Namen. Doch diese blieb ihrer Linie treu, direkte Fragen nicht zu beantworten. Zweifellos befand sie sich unverändert in ihrem eigenen Film.
»Natürlich haben sich auch andere für den Job beworben. Vor allem Johanna Kniewasser hat keine Gelegenheit ausgelassen, meinem Mann Prügel zwischen die Beine zu werfen.«
Kniewasser, notierte Nemecek rasch in sein Notizbuch und zeichnete einen dicken Pfeil zu den möglichen Motiven, die er zuvor festgehalten hatte. Beförderung? Konkurrenz? Neid?, las er. Es blieb ihm allerdings keine Zeit, um über weitere Zusammenhänge nachzudenken.
»Auch dieser seltsame Schwede, dieser Swartling, hat sich ja, wo es ging, gegen ihn gestellt.«
»Wie heißt der?«, rutschte Nemecek heraus, obwohl ihm klar war, dass auch dieses Fragezeichen ungeklärt bleiben würde. Swartling?, übertrug er stattdessen in sein Buch.
»Die Langholt spielt seit jeher sowieso ihr eigenes Spiel. Und aufgrund seiner Geschichte ist und bleibt der junge Wondratsch völlig unberechenbar.«
Langholt, Wondratsch, hielt Nemecek auch diese Namen fest. Viel mehr als die Namen verstand er allerdings nicht. Gut, dass sie gleich morgen früh einen Termin mit dem Vorstandsvorsitzenden von Acros vereinbart hatten. Dieses Gespräch würde mit Sicherheit so manches Rätsel lösen.
»Und außerdem«, erklärte Joschak lautstark, »bin ich mir ganz sicher, dass Gernot keinen normalen Autounfall hatte.«
»Wer ist jetzt Gernot?« Obermayr war verwirrt und Nemecek ging es nicht viel anders. Gernot, schrieb er auf und setzte gleich drei Fragezeichen hinzu, als könnte er damit eine Antwort erzwingen.
»Zettl stand genauso auf ihrer Abschussliste.«
»Was genau ist denn nun passiert? Ein Autounfall sagen Sie?«
»Angeblich war er sofort tot!« Joschak war jetzt wieder von ihrem Stuhl aufgesprungen und beugte sich nach vorn. Nemecek sah, wie ihre Hände zitterten, mit denen sie sich an der Tischplatte abstützte. »Und ein paar Tage später ertrinkt mein Mann im See. Einfach so! Zuerst Gernot, dann Marco. Sie glauben hoffentlich nicht, dass das Zufall ist?«
»Sie meinen«, setzte Nemecek zu einem neuen Klärungsversuch an, blieb aber schon im Ansatz stecken. Denn in diesem Augenblick sank Marina Joschak plötzlich in sich zusammen, als wäre alle Kraft aus ihrem Körper gewichen. Hilflos musste er mitansehen, wie sie, statt wieder auf ihrem Stuhl zu landen, leblos zur Seite kippte und mit einem dumpfen Knall auf dem Parkettboden aufschlug.
Montag, 12:18
Auf dem Weg zur Wahrheit
Nemecek lehnte sich zurück. Langsam fand er sein eigenes Gleichgewicht wieder. Nach dem sie das Tohuwabohu in Joschaks Wohnung hinter sich gebracht hatten, von der Erstversorgung der Witwe über den Notarzt bis zum abschließenden Krankentransport, befand er sich die längste Zeit über in einem eigenartigen Schwebezustand. Einerseits versuchte er die unerwartete Mitteilung über den Tod eines weiteren Mitarbeiters der Acros zu verarbeiten, die ihren Ermittlungen eine völlig neue Perspektive eröffnete. Mit einem Male hatten sie es anscheinend nicht bloß mit einem Unfall zu tun, sondern gleich mit zweien, die noch dazu innerhalb weniger Tage stattgefunden hatten. Andererseits war er in ungewohnter Hektik darum bemüht, alle notwendigen Klärungsschritte einzuleiten. Konnte das wirklich Zufall sein, dass innerhalb von nur einer Woche gleich zwei Manager der Acros ums Leben kamen? Stärkte das nicht den Verdacht, dass diese Ereignisse etwas mit dem Unternehmen zu tun hatten?
Das ganze Durcheinander in Nemeceks Kopf wurde durch Obermayrs wilde Autofahrt verstärkt, da sie es sich nicht nehmen ließ, ihren Wagen mit Blaulicht und Signalhorn durch den dichten Verkehr zu drängen. Das Verhalten seiner Kollegin kam ihm zwar reichlich übertrieben vor, aber auch er spürte selbst diese sonderbare Aufgekratztheit, die ihn immer befiel, wenn die Ermittlungen eine unerwartete Wendung nahmen.
»Schau dir den Trottel an!« Mit einer heftigen Geste wies Obermayr auf den blauen Lieferwagen, der nun quer zur Fahrbahn stand. »Der hat seinen Führerschein auch im Lotto gewonnen«, spuckte sie gegen die Windschutzscheibe. »Wenden ist auf Schienenstraßen verboten, du Hirni!«
Nemecek verfolgte, wie die Finger seiner Kollegin ungeduldig auf das Lenkrad trommelten. Ihre Augen waren zu schmalen Schlitzen verengt und an der Schläfe pulsierte wieder einmal ihre Zornesader. Es lag auf der Hand, dass sie sich nach dem angespannten Gespräch mit Marina Joschak und dem hektischen Durcheinander nach deren Zusammenbruch abreagieren wollte – und was gab es dafür Geeigneteres als Verkehrsteilnehmer, die mit der Straßenverkehrsordnung auf Kriegsfuß standen! Auch er selbst hatte ja schon oft erlebt, wie rasch man sich am Steuer vom vernünftigen Dr. Jekyll in einen unkontrollierten Mr. Hyde verwandeln konnte. »Der ganz normale Auto-Faschismus«, hatte das sein Freund Sebastian Neufeldner einmal genannt und dazu eine ganze Reihe klassischer Feindbilder angeführt: Sonntagsfahrer, die im Schneckentempo auf der Mittelspur unterwegs waren, Freizeitpiloten, die sich zu waghalsigen Überholmanövern hinreißen ließen, Lkws, die bergauf ein sogenanntes Elefantenrennen starteten, oder jene notorischen Drängler, die einem ständig am Heck klebten.
Das Autofahren schürte indes nicht nur nach außen gerichtete Aggressionen. Wie Nemecek zu seinem eigenen Leidwesen wusste, richteten sie sich bisweilen sogar gegen diejenigen, die mit ihm im Auto saßen. In seinem Fall vorzugsweise gegen seine Frau Bettina. Egal, ob er dabei selbst am Steuer saß oder nur Beifahrer war: Die heftigsten Auseinandersetzungen in ihrem eigentlich recht harmonisch verlaufenden Eheleben hatten sie immer unterwegs. Vor allem Autobahnen brachten ihr Blut mitunter derart in Wallung, dass sie sich Dinge an den Kopf warfen, die ihnen im Ruhezustand niemals eingefallen wären. In solchen Situationen waren sie dann so ineinander verhakt, dass sie auch keinerlei Rücksicht auf ihre ebenfalls im Auto sitzenden Kinder nahmen. Einmal gerieten sie dabei so heftig aneinander, dass Sophie zu weinen begann und Lea ganz schüchtern fragte, ob sie sich nun scheiden ließen.
»Wenn der Fetznschädl nicht gleich abfährt, vergess’ ich mich.«
Allmählich wurde es Nemecek zu viel. Obwohl er gut nachvollziehen konnte, dass sich seine Kollegin über die unerwarteten Ereignisse bei Marina Joschak ärgerte, durfte sie sich nicht derart gehen lassen.
»Bitte Nina«, setzte er zu einem entsprechenden Hinweis an, als seine Kollegin wieder laut wurde.
»Das gibt’s doch nicht«, schrie sie aus dem Seitenfenster hinaus. »Schleich dich endlich aus der Spur, du Eierbär!«
»Hallo? Geht’s noch?«, versuchte es Nemecek ein zweites Mal und klatschte dabei in die Hände. Obermayr blickte ihn erstaunt an, wie jemand, der aus einem Traum erwacht.
»Können wir das Gespräch nochmals kurz Revue passieren …«
»Wenn du mich fragst, klingt das Ganze durchaus verdächtig«, sprang Obermayr gleich mitten in die angestrebte Nachbetrachtung. »Obwohl Joschaks Angaben schon ziemlich verworren waren. Und zwischendurch echt nervig.« Ihre leisen Zischlaute machten klar, dass ihre Aufregung noch nicht verflogen war. Dennoch hoffte Nemecek, dass sie ihre Emotionen nun wieder im Griff hatte.
»Lass uns doch noch einmal …«, startete Nemecek einen neuen Versuch, kam aber auch dieses Mal nicht viel weiter. Emotionen, so die alte Lehre, ließen sich halt nicht einfach ausschalten wie eine Maschine.
»Ich glaub’s nicht!« Langsam fädelte sich der querstehende Kastenwagen, der ihre Fahrspur blockiert hielt, wieder in den Verkehrsfluss ein. Obermayr stieg aufs Gas, konnte sich aber eine letzte Botschaft nicht verkneifen. Im Vorbeifahren warf sie dem Blockierer einen wütenden Blick zu und ließ dabei ihre flache Hand vor ihren Augen hin- und hergleiten. Scheibenwischer hieß diese Geste, wie ihn seine Kinder einmal aufgeklärt hatten – und immerhin waren die ja ausgewiesene Expertinnen in Sachen Schimpfkultur.
»Scheint so, als ob das Ganze tatsächlich etwas mit der Acros zu tun hat.«
Obermayr nickte. »Das mit den beiden Unfällen ist jedenfalls sehr merkwürdig.« Nach Zukic’ schneller Recherche wussten sie ja, dass es sich dabei keineswegs um ein Hirngespinst von Marina Joschak handelte. Obwohl der Notarzt bereits nach einer kurzen Untersuchung Nemeceks Eindruck bestätigte, dass sie wahrscheinlich eine schwere Medikamentenvergiftung erlitten hatte, hatte die Witwe die Wahrheit gesagt. Gernot Zettl, seines Zeichens Abteilungsleiter Operations in der Acros und ein langjähriger Kollege von Marco Joschak, war tatsächlich mit seinem Auto tödlich verunglückt. In der Nacht vom 8. auf den 9. August war er bei starkem Regen von der Höhenstraße in den Wiener Hausbergen abgekommen und mit überhöhter Geschwindigkeit frontal gegen einen Baum geprallt.
»Trotzdem heißt das nicht automatisch, dass wir es mit einem Mordkomplott zu tun haben«, überlegte Nemecek laut. »Es kann immer noch gut sein, dass es sich um zwei unglückliche Zufälle handelt.«
»Glaubst du das wirklich?«, wandte Obermayr ein. »Sicher hat uns Joschak, ihrem Zustand entsprechend, viel wirres Zeug erzählt. Aber ebenso sicher bin ich mir, dass da nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist.«
»Dennoch dürfen wir uns nicht zu früh auf ein berufliches Motiv einschießen«, wiederholte Nemecek die mahnenden Worte, die er erst vor Kurzem an sich selbst gerichtet hatte. »Selbst wenn sich der Mordverdacht erhärtet, heißt das noch lange nicht, dass die Acros damit zu tun hat.«
»Ja, ja, ich weiß schon«, winkte Obermayr unwirsch ab. »Wir müssen in alle Richtungen ermitteln.«
»Jedenfalls ist es zu diesem Zeitpunkt genauso wahrscheinlich, dass private Konflikte hinter den Vorfällen stecken«, beharrte Nemecek, wie um sich selbst endgültig zu überzeugen. »Eine eifersüchtige Geliebte, ein gehörnter Ehemann, ein anderer Triathlet, der es mit der Konkurrenz ein wenig übertreibt. Ganz abgesehen davon, dass selbst dann, wenn Joschak ermordet wurde, Zettl trotzdem einen ganz normalen Autounfall gehabt haben kann.«
»Marina Joschaks Verdacht kann ich aber ebenso gut nachvollziehen«, behauptete Obermayr trotzig, als hätte sie die Ausführungen ihres Kollegen überhaupt nicht gehört. »Ein neuer CEO, eine andere Unternehmensphilosophie, ein Veränderungsprozess, der alle Karten neu mischt und ehemalige Kollegen zu erbitterten Konkurrenten macht. Das ergibt für mich schon auf den ersten Blick eine höchst explosive Mischung.«
»Hältst du das agile Vorgehen denn für so gefährlich?«, versuchte es Nemecek mit ein wenig Ironie. Doch seine Kollegin, die ja sonst fast immer für eine humorvolle Wendung zu haben war, blieb ungewohnt ernst.
»Wir sind jedenfalls gut beraten, ganz genau hinzuschauen. Wer weiß, welche Dynamiken dort in Gang gesetzt wurden – und im Zuge der diversen Um- und Neubauten alles zutage kam.«
Für Nemeceks klang das ziemlich schlüssig. Selbstverständlich setzte der Versuch, ein Unternehmen schneller und wendiger zu machen, viele Dinge in Bewegung. Das lag, soweit er das verstanden hatte, in der Natur eines agilen Veränderungsprozesses, wie er bei der Acros anscheinend implementiert werden sollte. Ebenso brachte eine solche Veränderung zwangsläufig diverse Spannungen mit sich. Gewohnte Arbeitsabläufe wurden infrage gestellt, bisherige Entscheidungsroutinen außer Kraft gesetzt und das Zusammenspiel zwischen den einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern neu gestaltet. All das setzte, wie Reto Pflückinger in einem seiner Interviews sehr überzeugend argumentiert hatte, die ganze Organisation, vor allem aber ihr Management unter Druck. Doch konnte dieser Druck so stark zunehmen, dass daraus ein echtes Pulverfass entstand? Und genügte dann schon ein wenig Zündstoff, um dieses zur Explosion zu bringen?
»Zum Glück müssen wir nicht mehr allzu lange spekulieren, ob es sich überhaupt um Mordfälle handelt«, meinte Obermayr, als sie endlich in die Währingerstraße einbogen. Denn in wenigen Minuten würden sie das gerichtsmedizinische Institut erreichen und bald schon jeden Zweifel hinter sich lassen.
Montag, 14:16
Es war Mord
»Herr Chefinspektor«, verfiel Gerda Probisch in diesen schulmeisterlichen Ton, für den sie bekannt war, »wenn ich mit Sicherheit sage, dürfen Sie getrost davon ausgehen, dass da nicht der Hauch eines Zweifels besteht.«
Über den schmalen Rand ihrer goldenen Brille warf sie ihm einen dieser Blicke zu, die so typisch für sie waren: streng, unnachgiebig und mit dieser herablassenden Art von Menschen, die zu hundert Prozent von sich überzeugt sind.
Nemecek biss sich auf die Lippen, damit ihm nicht noch eine überflüssige Anmerkung entschlüpfte – oder er gar die Obduktionsergebnisse infrage stellte, von denen er soeben erfahren hatte. Die Grande Dame der Gerichtsmedizin hatte nämlich zweifelsfrei nachgewiesen, dass Joschak keinem Unfall zum Opfer gefallen war. Er war zwar ertrunken, die Wunde am Hinterkopf war ihm aber definitiv vor seinem Tod beigebracht worden. »3,4 cm lang, 1,5 cm breit und fast 2 cm tief«, lieferte Martin Habicher, Probischs ewiger Assistent, die pathologischen Fakten, bevor seine Chefin erläuterte: »Kräftiger Schlag mit einem scharfkantigen Gegenstand, der zu sofortiger Bewusstlosigkeit und in weiterer Folge zum Tod durch Ertrinken geführt hat.«
Scharfkantiger Gegenstand, überlegte Nemecek verwundert, mitten auf dem See?
»Könnte vielleicht ein Ruder gewesen sein«, relativierte Obermayr sogleich alle Wunder. »Oder ein schwerer Gegenstand, der ihm an den Kopf geworfen wurde.«
»Möglich«, räumte Probisch ein, »zumindest, wenn der Gegenstand aus Holz bestanden hat. In der Wunde haben wir nämlich mikroskopisch kleine Holzsplitter gefunden.«
»Und die Wunde kann nicht von einem der Boote stammen oder vom Steg, wo die Leiche gefunden wurde?«, setzte Obermayr mit einer naheliegenden Frage nach. »Da gibt es doch auch jede Menge Holzteile?«
»Die Form der Wunde spricht eindeutig dagegen«, beschied Probisch knapp und verstummte, als wäre hiermit alles gesagt. Doch Habicher, der ja trotz seiner treuen Dienerschaft seit vielen Jahren selbst eine Professur innehatte, fühlte sich noch zu einer Ergänzung bemüßigt. »Die anderen Wunden und die Knochenbrüche hat er definitiv erst post mortem erlitten.«
Es muss also noch jemand auf dem See gewesen sein, sah Nemecek seine ursprüngliche Vermutung bestätigt.
»Der große Unbekannte in einem Elektroboot?« Obermayr dachte offenbar in dieselbe Richtung. »Oder in einem Ruderboot. Oder vielleicht sogar auf einem dieser Stand-up-Paddle-Boards.«
»Bei heftigem Wellengang?«, fragte Nemecek. »Du vergisst, dass es zu dieser Zeit ein schweres Gewitter gab!«
»Stimmt«, räumte seine Kollegin ein. »Ich kann mich ja nicht einmal bei ruhiger See auf diesen Dingern halten.«
Wie auch immer, schob Nemecek die Frage nach dem Transportmittel vorläufig zur Seite. Der Täter musste Joschak jedenfalls überrascht haben. Wahrscheinlich hatte er sich von der Seite genähert, an der Joschaks Kopf nicht regelmäßig aus dem Wasser tauchte – zumindest, wenn man von der klassischen Kraultechnik ausging. Andernfalls hätte Joschak doch den Angreifer sehen müssen und es hätte Abwehrverletzungen gegeben. Oder war alles so schnell gegangen, dass er gar nicht mitbekam, dass es sich um eine mörderische Attacke handelte? Immerhin war extrem schlechtes Wetter und Joschaks Sicht durch die Schwimmbrille ebenso eingeschränkt wie sein Gehörsinn durch die Badehaube.
»Unser Opfer muss völlig überrascht worden sein«, nahm Probisch seine Gedanken auf. »Joschak war wahrscheinlich in seinem eigenen Flow, bis dieser brutal beendet wurde.«
Nemecek staunte, dass die Gerichtsmedizinerin sich solchen Spekulationen hingab und dabei noch dazu ein so überstrapaziertes Wort in den Mund nahm. Flow konnte heutzutage ziemlich vieles bedeuten: die völlige Konzentration auf eine bestimmte Herausforderung, das Aufgehen in einer bestimmten Tätigkeit oder eben ein besonderes Rauschgefühl im Sport. Seine Frau Bettina hatte sich einmal intensiver mit dem bekannten Glücksforscher beschäftigt, dessen Namen in seiner Erinnerung nur aus einer langen Reihe von C, I und Y bestand. Dass ausgerechnet die sprachverliebte Gerichtsmedizinerin darauf anspielte, war erstaunlich. Aber vielleicht war Gerda Probisch in ihrer Jugend selbst Schwimmerin gewesen? Und kannte daher sowohl die Kraultechnik als auch das Hochgefühl, das dabei entstehen konnte? Nemecek dachte an diesen besonderen Tunneleffekt, den er beim Laufen oder Downhillen erlebte und der mitunter, wie er gerade erst wieder erlebt hatte, zu gefährlichen Situationen führen konnte.
»Ich nehme an, die aufgefundenen Holzsplitter sind bereits in der KTU zur weiteren Materialanalyse?«
»Selbstverständlich.«
»Können wir sonst noch etwas für Sie tun?«, fragte Habicher zuvorkommend, als wäre er Verkäufer in einem Spezialitätengeschäft und erwarte die nächste Bestellung. Hatte er seinen Oberkörper nicht sogar kurz nach vorne gebeugt, wie das früher bei Dienstboten üblich war? Zuzutrauen wäre es ihm auf jeden Fall.
»Da ist tatsächlich noch etwas.« Kaum, dass er den Satz ausgesprochen hatte, sah Nemecek, wie sich die Augenbrauen der beiden Gerichtsmediziner fast gleichzeitig in die Höhe hoben. Damit hatten sie wohl nicht gerechnet.
»Haben Sie letzte Woche einen gewissen Gernot Zettl obduziert?«
»Ist auf der Höhenstraße bei einem Autounfall ums Leben gekommen«, ergänzte Obermayr.
»Was hat das mit dem vorliegenden Fall zu tun?«, wollte Probisch wissen, während ihr Assistent bereits nach seinem allwissenden Tablet griff.
»Wissen wir noch nicht«, gestand Nemecek. »Wir wissen allerdings, dass Zettl im selben Unternehmen wie Joschak gearbeitet hat. Sogar im selben Geschäftsbereich.«
»Joschak und Zettl waren seit vielen Jahren Kollegen«, setzte Obermayr nach. Nemecek fragte sich gerade, wieso sich seine Kollegin bemüßigt fühlte, jede seiner Wortmeldungen zu kommentieren. Wollte sie ebenfalls zu Wort kommen? Oder passte ihr etwas an seinen Aussagen nicht? Doch bevor er sich weiter darüber wundern konnte, bestätigte Habicher: »Gernot Zettl. Unfall Höhenstraße am 8. August. Todesursache Genickbruch.«
»Ist Ihnen etwas Besonderes aufgefallen?«
Habicher blickte von seinem Tablet auf, als verstünde er die Frage nicht. Doch noch bevor Nemecek zu einer genaueren Erklärung ansetzen konnte, preschte Obermayr nach vorne: »Mein Kollege meint, ob Sie ungewöhnliche Verletzungen festgestellt haben?«
Nemecek spürte Ärger in sich aufsteigen. Was war heute mit seiner Kollegin los? Drückte er sich so undeutlich aus? Und selbst, wenn dem so wäre: Dachte sie denn, er sei nicht dazu imstande, das selbst zu klären?
»Soweit ich mich erinnere, handelte es sich um ein klassisches Unfallopfer«, mischte sich Gerda Probisch in die Diskussion ein. »Die Details über die unzähligen Knochenbrüche und inneren Verletzungen ersparen wir Ihnen lieber. Oder Herr Doktor, wie sehen Sie das?«
Habicher nickte seiner Vorgesetzten zu, wirkte dabei aber ein wenig zögerlich. »Wir sollten noch erwähnen, dass wir in Zettls Blut 1,8 Promille Alkohol und Spuren von Amphetamin gefunden haben.«
Nemecek zog die Augenbrauen hoch. War man mit einer derartigen Drogenmenge überhaupt noch fahrtüchtig? Aber das war wahrscheinlich wie in dem alten Witz von dem stockbesoffenen Mann, der seine Saufkumpanen bittet, ihn zum Auto tragen: Weil gehen kann ich heute nicht mehr!
»Könnten ihm die Drogen auch ohne sein Wissen verabreicht worden sein?«, zog Obermayr kurzfristig in eine andere Richtung. Was die Frage aufwarf, wo Zettl vor seinem Unfall gewesen war.
Wieder zögerte Habicher mit einer Antwort. Bevor er sich dazu äußern konnte, stellte Probisch fest: »Das herauszufinden, verehrter Herr Chefinspektor, fällt dann ja eindeutig in Ihr Ressort.«
Obwohl er gerne gewusst hätte, was Habicher durch den Kopf ging, musste Nemecek der Gerichtsmedizinerin recht geben. Mögliche Tathergänge durchzuspielen, war sicher nicht ihre Aufgabe. Auf alle Fälle hatte sie damit klargestellt, dass ihr heutiger Termin beendet war.
»Gut, dann bedanken wir uns für Ihren Sondereinsatz und stören Sie nicht länger.« Probisch hob kurz die Hand zum Gruß. Oder wollte sie mit der Geste eher anzeigen, dass die Audienz nunmehr beendet und sie entlassen waren? Das hätte zu dem aristokratischen Gehabe gepasst, das Obermayr so oft an der Gerichtsmedizinerin kritisierte: »Als würden wir noch in der K & K-Zeit leben!«
Von einem Moment auf den anderen verwandelte sich der Sektions- wieder in einen Konzertsaal. Wie sie wussten, wurde die forensische Routine gerne in opernhafter Atmosphäre erledigt. Die klangliche Wucht des einsetzenden Orchesters war überwältigend. Eines Tages würde er Habicher nach der technischen Anlage fragen, mit der er für einen solchen Sound sorgte. Während Obermayr das Reich der Toten fluchtartig verließ, gab sich Nemecek noch kurz den pathetischen Klängen hin, die nun den Raum erfüllten: Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium, Wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligthum!
Im Hinausgehen fiel ihm ein, dass es Anfang der 70er-Jahre eine Dialektversion zu Beethovens Neunter gegeben hatte, die den Wiener als echten Menschenfreund präsentierte. Alle Menschen sind mir zuwider, hieß es darin sinngemäß, ich möcht’ sie in die Gosch’n hauen. Aufs Maul, in die Fresse, zwischen die Zähne, gingen Nemecek noch eine Zeit lang verschiedene Übersetzungen des wienerischen Ausdrucks durch den Kopf, ohne dass er sich einen Reim darauf machen konnte. Ob diese wortreichen Aggressionen irgendwas mit dem Mordfall zu tun hatten, der nunmehr offiziell war?
Montag, 17:25
Unfälle, die keine Zufälle sind
Auf dem Rückweg ins Kommissariat gab Nemecek Gunther Rüdinger Bescheid. Wie üblich reagierte der Staatsanwalt ruhig und gefasst. In wenigen Worten sicherte er zu, umgehend alle notwendigen Folgeschritte einzuleiten. Mit dem offiziellen Ermittlungsauftrag in der Tasche, rief Nemecek gleich noch einmal in Kärnten an. Unglücklicherweise ging ausgerechnet der junge Ruschitz an den Apparat, der sich ihm gegenüber total ablehnend verhalten hatte. Sogar über das Telefon war seine negative Haltung deutlich zu spüren. Selbst als ihm Nemecek von den neuesten Erkenntnissen der Gerichtsmedizin berichtete, änderte sich daran nichts. Stattdessen wurde er mit wenigen Worten abgefertigt: Nein, Rudi Hinteregger sei derzeit nicht zu erreichen, eine genauere Spurensuche habe es nicht gegeben, jedenfalls sei er nicht daran beteiligt gewesen und über irgendwelche Ermittlungsergebnisse wisse er schon gar nichts. Für ihn sei der Fall abgeschlossen, von einem Mord wolle er nichts wissen, sie hätten wahrlich wichtigere Dinge zu tun, als irgendwelchen Spinnereien aus Wien nachzulaufen. Noch bevor Nemecek angemessen reagieren konnte, hatte sein Gegenüber einfach aufgelegt.
Als sie zehn Minuten später in ihrem Büro eintrafen, war trotzdem wieder ein wenig Ruhe eingekehrt. Nemecek nahm sich Zeit, um seine Tasche auszuräumen: Telefon, Tablet, Notizbuch, Wasserflasche und die Wochenendzeitung, die er erst heute morgen vor seiner Wohnungstür aufgelesen hatte. Betont langsam breitete er alles fein säuberlich auf seinem Schreibtisch aus. Dann schob er seinen Bürostuhl darunter, nahm sein Notizbuch in die Hand und trat vor ihr Ermittlungsboard, das sie seit ihrem Fall in der SafeIT nach Kanban-Prinzipien gestalteten. Höchste Zeit für ihr nächstes Standup-Meeting!
Zukic drehte das Post-it, auf dem Unfall Zettl stand, und begann sofort, den dazu vorliegenden Unfallbericht zusammenzufassen. »Gernot Zettl, geboren am 15. März 1972, kam am 8. August gegen 22 Uhr 30 mit seinem Oldtimer von der Höhenstraße ab, durchschlug eine Begrenzungsmauer, stürzte in den Straßengraben und prallte frontal gegen einen Baum. Zu dieser Zeit hat es stark geregnet, es bestand also erhöhte Gefahr von Aquaplaning. Deswegen konnte das Unfallkommando, das exakt um 23 Uhr 04 am Unfallort eintraf, keinerlei Bremsspuren feststellen. Für Zettl, der nicht angegurtet war, kam jede Hilfe zu spät. Beim Aufprall durchschlug sein Kopf die Windschutzscheibe seines Mini Cooper S und das kleine Sportlenkrad hat sich tief in seinen Brustkorb gebohrt.«
»War sicher kein schöner Anblick«, kommentierte Obermayr mit angewiderter Miene.
»Mit Sicherheit nicht«, bestätigte Zukic. »Die Feuerwehr hat fast eine Stunde gebraucht, um Zettls sterbliche Überreste aus dem Wrack zu befreien.«
Nemecek schüttelte heftig den Kopf, um die blutigen Bilder zu vertreiben, die vor seinem geistigen Auge herumtanzten. Zu oft schon hatte er mit ansehen müssen, zu welch schrecklichen Szenen der Leichtsinn von Autofahrern führen konnte. Unterdessen nahm Obermayr das Post-it Obduktion Zettl in die Hand, das als Nächstes anstand.
»Laut Gerichtsmedizin hatte Zettl zum Zeitpunkt seines Todes 1,8 Promille Alkohol im Blut. Außerdem Spuren von Amphetamin.«
»Speed?«, staunte Zukic. »Wie passend!«
»Klingt nach einem klassischen Fall von drogenbedingter Selbstüberschätzung«, pointierte Obermayr. »Die Kollegen von der Unfallabteilung gehen davon aus, dass Zettl mindestens 80 km/h drauf hatte, als seine Vorderräder aufschwammen.«
Schwungvoll heftete Zukic einige der Fotos auf die Magnettafel, die vom Unfallort gemacht wurden. Auf den ersten Blick war nur ein grell erleuchtetes Spiel von Farben und Formen zu erkennen. Nemecek brauchte eine Weile, um klare Konturen ausmachen zu können: das matte Blau der zersplitterten Windschutzscheibe, das helle Rot des Karosserieblechs, das dunkle Grün der Blätter, dazu die verschiedenen Brauntöne der Sträucher, die Zettls Mini Cooper durchpflügt hatte. Aus irgendeinem Grund hatte der Polizeifotograf das Ganze aus relativ großer Entfernung von schräg oben aufgenommen, dann aber nur einen relativ kleinen Ausschnitt herausgenommen. Wollte er die Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes lenken? Oder war die Distanz so groß, dass er sich später für eine Bildvergrößerung entschieden hatte?
Die weiteren Bilder, die Zukic nun herumreichte, rekonstruierten den mutmaßlichen Unfallhergang: den Straßenverlauf, der genau auf die Spitzkehre zuführte; das nasse Kopfsteinpflaster, das Zettl zum Verhängnis geworden war; die kleine Mauer, die der Wagen durchschlagen hatte; schließlich die mächtige Eiche, an der die Fahrt ihr jähes Ende fand. Dazu gab es weitere Nahaufnahmen des zerstörten Fahrzeugs, von allen Seiten und sogar von oben. Vom Wageninneren hatte man ebenfalls eine Menge Fotos geschossen, aber die wollte sich Nemecek ersparen. Schließlich hatte er in seinem Leben schon genügend Bilder von Tod und Zerstörung gesehen.
»Was grübelst du?«, holte ihn Obermayr aus seiner dumpfen Nachdenklichkeit. Nemecek blickte ihr in die Augen.
»Je länger ich überlege, desto verdächtiger kommt mir die Sache vor.«
»Du meinst …?« Obermayr setzte an, ohne ihren Gedanken weiter auszuführen. Doch Nemecek wollte an dieser Stelle nichts unausgesprochen lassen.
»Ich meine, dass es schon überaus seltsam ist, dass zwei Manager aus demselben Unternehmen innerhalb weniger Tage ums Leben kommen. Und ja, ich meine, dass man wohl auch in Zettls Fall nachgeholfen hat.«
»Zwei Abteilungsleiter, beide im selben Alter, mit einer vergleichbaren Entwicklung und aktuell wohl auch in einer ähnlichen Situation.« Zukic konnte Nemeceks Überlegungen offenbar einiges abgewinnen. Was natürlich einige gewichtige Fragen nach sich zog: Was verband Zettl und Joschak miteinander? Wie verlief ihre Karriere in der Acros? Und wessen Hass hatten sie dabei auf sich gezogen?
Nemecek zeigte sich zuversichtlich. »Unser Gespräch mit Reto Pflückinger wird uns hoffentlich mehr Klarheit verschaffen.«
»Wir sollten uns auf jeden Fall das Autowrack genauer anschauen, richtig?«
»Wenn da etwas manipuliert wurde, wird das die KTU bestimmt herausfinden«, pflichtete Obermayr ihrer jungen Kollegin bei. »Abgesehen davon sollten wir auf jeden Fall mit seiner Ex-Frau reden.«
»Einer gewissen Raphaela Votrava«, spielte Zukic nach einem kurzen Blick auf ihr Tablet den Ball gleich wieder zurück, »wohnhaft Beheimgasse 24, 1170 Wien.«
»Dann fasse ich also wie folgt zusammen.« Nemecek griff nach dem Stapel Haftnotizen, der stets auf seinem Schreibtisch bereit lag. Recherche Unfallwagen, buchstabierte er vor sich hin, während der schwarze Stift in seiner Hand über das Papier huschte. Auftrag KTU, Nachfrage Gerichtsmedizin, Gespräch Raphaela Votrava. Dann blätterte er in seinem Notizbuch, um die Namen der weiteren Gesprächspartner nachzuschlagen, die er während des Gesprächs mit Marina Joschak festgehalten hatte. Kniewasser, las er, Swartling, Langholt, Wondratsch.
»Vergiss nicht Joschaks persönliches Umfeld, das du noch durchleuchten wolltest«, erinnerte ihn Obermayr. »Du weißt schon: heimliche Geliebte, alte Feindschaften, Konkurrenz unter Sportlern.«
Nachdem Nemecek auch diese Aufgaben auf eigenen Post-its vermerkt hatte, stand er auf, um sie in die Next-Spalte ihres Ermittlungsboards zu kleben. »Ich denke, wir sollten ab jetzt arbeitsteilig vorgehen.«
Obermayr und Zukic stimmten zu. Sie hatten sich nun ebenfalls erhoben. Rasch griffen sie nach ihren Farbmagneten, mit denen sie auf dem Board die Verantwortung für die jeweiligen Aufgaben-Tickets sichtbar machten. »Ich kümmere mich um das Wrack und die KTU«, sagte Zukic, zog die beiden Tickets von der Next- in die To Do-Spalte und setzte jeweils einen grünen Magnet darauf. »Und ich organisiere euch Gesprächstermine mit den Damen und Herren von der Acros.«
»Dann rede ich mit Zettls Ex-Frau.« Obermayr illustrierte ihre Entscheidung mit einem gelben Magnet. »Und mit einer gewissen Melanie Wunzer aus dem Produktmanagement.«
Nemecek blickte auf die Tafel. »Dann gehört Johanna Kniewasser wohl mir.«
»Und die freundlichen Kärntner sowieso«, ergänzte Obermayr grinsend.
Nemecek brummte zustimmend, bevor er die Post-its mit seinen eigenen Arbeiten auf dem Board aktualisierte. »Dann lasst uns gespannt sein, was wir bis zu unserem nächsten Standup herausfinden!«
Der Elan, mit dem sich seine Kolleginnen sogleich an ihre Aufgaben machten, war ansteckend. Gleichwohl er das unangenehme Gespräch mit Ruschitz noch im Ohr hatte, griff er erneut zum Telefon. Doch unter Johanna Kniewassers Anschluss war niemand zu erreichen.
Umso erleichterter war er, als sich kurz darauf Rudi Hinteregger bei ihm meldete. Ja, beruhigte ihn der Inspektionsleiter, natürlich seien sie den Hinweisen wie besprochen nachgegangen und sie hätten auch einige neue Einsichten zu bieten. Hoteldirektor Matschnig habe sich allerdings erst gestern Abend bei ihm gemeldet, sodass sie ein wenig im Verzug lägen. Jedenfalls versicherte Matschnig, Joschak am fraglichen Tag gar nicht gesehen zu haben, versprach aber bei seinem Personal nachzufragen. Und bei der heutigen Morgenbesprechung habe sich tatsächlich eine Kellnerin gemeldet, die sich an ein kleines rotes Boot erinnerte, das sich zur fraglichen Zeit auf dem See befunden hatte. Besagte Kellnerin, eine gewisse Reinhild Ziessegger, war sich dessen ganz sicher, da sie zu dieser Zeit die Sonnenterrasse abgeräumt hatte. Der starke Wind hatte bereits einige Gedecke von den Tischen gerissen. Während sie alle Hände voll damit zu tun hatte, diverse Servietten und Tischdekorationen einzusammeln, warf sie gelegentlich einen Blick auf das kleine Boot, das heftig in den Wellen schaukelte. Ziessegger meinte, das sei gegen 17 Uhr 30 gewesen. Falls dem so war, musste der tödliche Angriff jedenfalls vor 17 Uhr 45 erfolgt sein, denn zu diesem Zeitpunkt war die Wasserpolizei ausgerückt, um den See zu räumen. Diese hatte allerdings weder ein Boot noch einen Schwimmer gesichtet. Wer auch immer Joschak den tödlichen Schlag versetzt hatte, musste zu diesem Zeitpunkt bereits wieder am Festland gewesen sein.
Das waren in der Tat interessante Neuigkeiten. Stellte sich natürlich die Frage, wo der Täter angelegt hatte. Und vor allem, woher überhaupt sein Boot stammte. War es ein Privatboot? Oder gemietet? Traf Ersteres zu, musste es entweder an einer Anlegestelle zu finden oder auf einem Anhänger transportiert worden sein. Andernfalls sollte sich ein Vermieter auftreiben lassen. Oder war es womöglich gestohlen worden? Am Ende des Gesprächs versprach Hinteregger auch zu überprüfen, ob es eine entsprechende Anzeige gab.
Keine Stunde später läutete das Telefon erneut. Plötzlich ging es Schlag auf Schlag, denn den Kollegen war es tatsächlich gelungen, an einem der Campingplätze ein Video sicherzustellen, das die Geschehnisse zwischen 17 und 18 Uhr dokumentierte. Wie erhofft war darauf auch ein rotes Elektroboot zu sehen. Als sie den Datensatz übermittelt hatten, musste Nemecek allerdings feststellen, dass die Entfernung zu groß war, um die Person in dem Boot eindeutig zu identifizieren. Darüber hinaus regnete es zu dieser Zeit bereits so stark, dass man lediglich eine Gestalt erkennen konnte, die dunkle Regenkleidung und eine Kapuze trug. Noch enttäuschender war allerdings, dass auf dem Video keine Spur von einem Schwimmer zu entdecken war. Sofort stiegen Zweifel in Nemecek auf: Vielleicht war Joschak zu dieser Zeit bereits untergegangen? Und das Boot hatte überhaupt nichts mit seinem Tod zu tun? Wie aber hatte sich Joschak dann die Kopfwunde zugezogen? Blieb zu hoffen, dass die Spezialisten von der KTU noch mehr aus den Bildern herausholen konnten.
Angespornt durch ihre aktuellen Rechercheergebnisse versprach Hinteregger, die Suche nach weiteren Aufzeichnungen fortzusetzen. Unglücklicherweise war die Videoanlage des Inselhotels bereits seit längerer Zeit defekt, denn diese wäre noch um einiges näher am mutmaßlichen Tatort gelegen. Zumindest blieb noch die Hoffnung, dass vielleicht einer der Gäste zufällig etwas aufgenommen hatte. Außerdem wollten sie beim Bundessport- und Freizeitzentrum nachfragen, das ein wenig oberhalb des Inselhotels lag. Dort herrschte für gewöhnlich immer ein reger Betrieb.
Nemecek fasste zusammen. Erwartungsgemäß waren sie von einem Durchbruch noch weit entfernt. Doch ihre Sammlung an sachdienlichen Hinweisen vergrößerte sich sukzessive. Entsprechend zuversichtlich verließ er am Ende des Tages das Büro. Ja, schon morgen früh, wenn sie mit dem neuen CEO der Acros sprachen, würden sich viele der herumschwirrenden Puzzleteile zu einem deutlich klareren Gesamtbild fügen.
Dienstag, 10:01
Agiler CEO
Kurz nach 10 Uhr hatten sie ihren Wagen in der Tiefgarage abgestellt und hielten auf das hellgraue Gebäude zu, in dem sich der Firmensitz der Acros befand. Im Angesicht der verwaschenen Fassade mit den schmalen Fenstern, die aus der Distanz wie schwarze Löcher aussahen, drängte sich Nemecek der Ausdruck Betonbunker auf. Nemecek spürte einen Anflug von Enttäuschung. Hier sollte, wie Pflückinger in einem seiner Interviews ankündigte, die Zukunft des Unternehmens entstehen? Schon auf den ersten Blick stand das klassische Konzerngebäude vor ihnen in scharfem Kontrast zu dem architektonischen Spektakel, dem sie ein Jahr zuvor bei ihrem Fall in der SafeIT begegnet waren. Schwer vorstellbar, dass die Acros ganz auf dieselbe agile Karte setzte, um etwas Ähnliches zu verwirklichen wie der vielgelobte Vorzeigebetrieb. War das überhaupt möglich? Schließlich handelte es sich bei der Acros um einen internationalen Konzern mit vielen Tausend Mitarbeitern, während der Cybersecurity-Spezialist im 20. Bezirk ein familiengeführtes Unternehmen mit knapp 200 Angestellten war. Mal ganz abgesehen von der Frage, ob man hier überhaupt nach denselben Managementprinzipien vorgehen konnte, geschweige denn mit demselben Veränderungsansatz.
Nemecek ahnte, dass er auf diese Fragen keine schnelle Antwort finden würde. Fürs Erste war er einfach gespannt, wie gut das Innenleben der Acros zur äußeren Erscheinung passte. Allerdings erwartete er nicht allzu viel, nachdem sogar die den Eingang umflatternden Fahnen mit dem Firmenlogo seltsam farblos wirkten.
Brauner Teppich, beige Wände, niedrige, auf grobkörnigen Betonpfeilern ruhende Decken, sah er seine Vorurteile beim Betreten des Gebäudes sogleich bestätigt. Selbst die Yucca-Palme rechts vom Empfang hatte garantiert schon bessere Zeiten gesehen. Der schmale Tresen, an dem sie ihre Dienstausweise präsentierten, war mit löchrigen Paneelen verkleidet. Welcher Designer dachte sich so etwas aus? Die Mitarbeiterin, die mit einem zwischen Schulter und Kinn eingeklemmten Telefonhörer hinter dem Tresen saß, warf nur einen kurzen Blick auf ihre Ausweise, bevor sie wortlos die Zugangssperre öffnete.
»7. Stock, Chefetage«, erklärte Obermayr, als sie den Lift betraten. Nemecek nickte. Auch er hatte im Vorübergehen die goldene Hinweistafel überflogen. Wenig später verkündete ein dumpfes Klingeln, dass sie ihr Fahrtziel erreicht hatten. »Kriminalpolizei«, begrüßte Obermayr die Frau mit den kurzen schwarzen Haaren, die hier offensichtlich den Zugang hütete. »Wir haben einen Termin mit Dr. Pflückinger.«
Nachdem sie kurz aufgeblickt hatte, wandte sich die Frau wieder den vor ihr liegenden Unterlagen zu. »Der Herr Direktor erwartet sie schon.« Dann drückte sie eine quadratische Taste auf ihrer altmodischen Telefonanlage und verkündete, dass die Herrschaften von der Polizei angekommen wären.
Im nächsten Moment flog die dunkel furnierte Bürotür auf und gab den Blick auf einen groß gewachsenen Mann frei. 1 Meter 90, etwa 50 Jahre alt, glattrasierter Kopf, Wohlstandsbauch, registrierte Nemeceks Radarsystem augenblicklich. »Reto Pflückinger«, begrüßte sie der Vorstandsvorsitzende der Acros mit einem strahlenden Lächeln, das den Blick auf makellose Zähne freigab. »Willkommen in unserer Villa Fürchterlich!«
Obermayr grinste. »Wenn man sich hier so umsieht, scheint mir das ein treffender Name zu sein. Aber wie wir gehört haben, ziehen sie bald um.«
Nemecek blickte seine Kollegin überrascht an. Woher hatte sie denn diese Information? War ihm da etwas entgangen? Oder hatte sie heimlich mit Zukic gesprochen?
»Gott sei Dank ist der Neubau fast fertig«, seufzte der CEO erleichtert. »Dieses schreckliche Labyrinth passt so gar nicht zu dem, wie wir in Zukunft arbeiten und uns präsentieren wollen.«
Locker, offen, leutselig, pointierte Nemecek seine ersten Eindrücke, gekrönt von diesem Schweizer Akzent, den er seit jeher sympathisch fand. Pflückinger trug weder Sakko noch Krawatte und hatte die Ärmel seines blütenweißen Hemds bis zu den Ellbogen aufgekrempelt. Das bestärkte das Image des engagierten Baumeisters, das ihm zugeschrieben wurde. Wenn sich Nemecek recht entsann, hatte sich der Schweizer seine Sporen in namhaften Technologieunternehmen verdient, war aber auch in Infrastruktur- und Automobilbetrieben tätig gewesen. Dabei kam der promovierte Telematiker nicht nur branchen-, sondern auch ländermäßig ganz schön herum: USA, Großbritannien, Frankreich, Italien, Deutschland, erinnerte sich Nemecek an das eindrucksvolle Profil, das seine Assistentin aus dem Internet gefischt hatte. Laut Selbstbeschreibung sah sich Pflückinger als jemand, der eine starke Vision verfolgte und sich nicht zu schade war, kräftig mit anzupacken, um diese zu verwirklichen. Und natürlich verfügte er ebenso über die vielzitierte Handschlagqualität, ohne die heutzutage kein Spitzenmanager auszukommen schien.
Nemecek war nicht so naiv, all das für bare Münze zu nehmen. Ihm war klar, dass dahinter ein geschicktes Marketing steckte, das sich nicht immer an dem orientierte, was ein Manager tatsächlich bewirkte. Oder überhaupt bewirken konnte – schließlich hielt er die Vorstellung eines souveränen Unternehmenslenkers, der hochkomplexe Zusammenhänge quasi per Knopfdruck steuerte, für völlig realitätsfremd.
Erst kürzlich hatte er mit Bettina wieder über die unheilvolle Verbindung von Machtfülle und Selbstüberschätzung diskutiert, die sie im Universitätsbereich erlebte. Natürlich konnte ein Institutsleiter, ein Dekan oder ein Rektor weitreichende Entscheidungen treffen; dass sie dabei mitunter unerwünschte Nebenwirkungen übersahen und zugleich völlig ausblendeten, dass die Umsetzung vieler Entscheidungen nicht in ihrer eigenen Hand lag, stand freilich auf einem anderen Blatt. Innerhalb des Polizeiapparats, der ähnlich hierarchisch organisiert war wie die Universität, wurden die zahlreichen Abhängigkeiten, mit denen es jedes Management zwangsläufig zu tun hatte, ebenfalls konsequent ausgeblendet. Oder darauf beschränkt, dass »die unten« von denen »da oben« abhängig waren – nicht umsonst sprach man ja immer noch von Vorgesetzten und Untergebenen. Dass das Gegenteil ebenso zutraf und jede Art der Führung davon abhing, dass Menschen folgten, wurde weit weniger beachtet. Im Laufe der Diskussion hatte sich seine Frau sogar zu einer kleinen Brandrede hinreißen lassen: Manager, so ihre Pointe, würden überhaupt nichts bewirken, wenn die Leute nicht bereit waren, ihr Bestes zu geben.
»Der blinde Fleck der Macht«, nannte Bettina diese Top-down-Abhängigkeit, die sie an der Universität so intensiv erlebte. Nemecek hatte der Ausdruck so gut gefallen, dass er ihn später in seinem Notizbuch festhielt. Jetzt fragte sich Nemecek, ob auch Pflückinger diesen blinden Fleck teilte. Oder verfolgte der Schweizer, der sich ja dezidiert vom traditionellen Management abgrenzte, tatsächlich einen anderen Kurs? Bedeutete der Begriff agiles Management weit mehr als ein modisches Label? Fürs Erste eilte dem neuen CEO ein ausgezeichneter Ruf voraus, sodass man gespannt sein durfte, was sich bei der Acros tatsächlich verändern würde – obgleich man nach den wenigen Monaten, die er in Amt und Würden war, sicher noch keine Wunderdinge erwarten durfte.
»Nehmen Sie doch bitte Platz«, holte ihn Pflückinger aus seinen Überlegungen wieder in die Gegenwart ihrer Ermittlungen zurück. »Was darf ich Ihnen anbieten? Kaffee, Tee, Wasser?«
»Danke, Wasser reicht uns vollkommen.«
Geduldig verfolgte Nemecek, wie ihr Gastgeber nach der bereitstehenden Karaffe griff, um die Gläser zu füllen. Bereits im Wagen hatte er sich mit Obermayr darauf verständigt, dass sie dem Manager den Vortritt lassen würden. Dementsprechend neugierig durfte man auf dessen Eröffnung sein.
Sie mussten nicht allzu lange warten. Denn kaum, dass er die Karaffe abgestellt hatte, sagte der CEO: »Ich muss Ihnen ehrlich sagen, dass mich Ihr Besuch überrascht.« Pflückinger wartete kurz, damit seine Worte die erhoffte Wirkung erzielen konnten. »Bislang bin ich davon ausgegangen, dass Joschak bei einem Schwimmunfall ums Leben kam. Und jetzt sitze ich der Kriminalpolizei gegenüber?«
»Bei solchen Unfällen sind wir verpflichtet, die genaueren Umstände zu klären«, fühlte sich Obermayr sofort zu einer Erklärung angehalten, merkte aber selbst, wie fadenscheinig diese klang.
»Verstehe«, erwiderte der CEO nach einer weiteren Pause. Allerdings war ihm deutlich anzusehen, dass das Gegenteil zutraf. Demonstrativ blickte er auf seine Armbanduhr, die mit Sicherheit ein paar Monatsgehälter verschlungen hatte – zumindest von den Gehältern, die ein Kriminalkommissar durchschnittlich verdiente. Dann presste er seine Fingerspitzen aufeinander, um mit seinen Händen eine jener Rauten zu formen, die die deutsche Bundeskanzlerin weltberühmt gemacht hatte. Das sollte zweifellos eine Botschaft sein.
»Wie genau kann ich Ihnen helfen?«
»Erzählen Sie uns doch für den Anfang einmal, wie es so war, mit Joschak zusammenzuarbeiten.«
Während Nemecek sein Notizbuch aus der Tasche kramte, fiel ihm auf, dass Obermayr ebenfalls eine Händeraute gebildet hatte. Spiegeln, nannte sie diese Strategie, die sie schon bei vielen Gesprächen eingesetzt hatte. Verstohlen blickte Nemecek zwischen seiner Kollegin und dem Acros-Chef hin und her. Beide hatten jetzt die Augenbrauen ein wenig zusammengezogen und den Mund leicht gespitzt. Konnte es sein, dass Obermayr nun sogar die Mimik ihres Gegenübers nachahmte?
»Ich muss vorsichtig sein«, setzte Pflückinger an, »da ich ja erst ein paar Monate im Unternehmen bin. Mit Sicherheit kann ich aber sagen, dass Joschak zu denen gehörte, die ich als alte Garde bezeichne.«
»Das klingt in meinen Ohren ziemlich negativ«, merkte Obermayr an, was Pflückinger mit einem kurzen Prusten quittierte. Gleich darauf ließ er seinen Blick durch den Raum schweifen, als suchte er dort nach den richtigen Worten.
»Ich will Ihnen nichts vormachen. Joschak war das, was man mit Fug und Recht als Urgestein bezeichnen darf. Seine Karriere erzählt viel über die Unternehmensgeschichte, die er fast zwanzig Jahre lang mit gestaltete.«
Es folgte eine weitere Pause, in der Pflückinger anscheinend seine Gedanken sortierte. Mit Sicherheit überlegte er, wie viel er preisgeben sollte. Fragte sich nur, wie diplomatisch er seine Aussagen anlegen würde – was ihm als Schweizer vermutlich besonders im Blut lag. Während Pflückinger weiter mit sich selbst beschäftigt war, warf Nemecek einen bangen Blick zur Seite, da er befürchtete, dass Obermayr wieder aufs Tempo drücken würde. Doch seine Kollegin saß ganz entspannt in ihrem Ledersessel und wartete, was als Nächstes kommen würde.
»Zweifellos hatte Joschak seinen Anteil an unserer Erfolgsgeschichte«, begann Pflückinger schließlich das Ergebnis seiner Überlegungen zu präsentieren.
»Das klingt nach einem Aber-Satz.«
»Andererseits«, nahm der CEO Obermayrs Anmerkung auf, »legte er dabei einen Managementstil an den Tag, der einem die Zusammenarbeit alles andere als leicht machte – wenn Sie verstehen, was ich meine?«
»Er war kein Teamplayer?«, versuchte Obermayr den säuerlichen Ausdruck zu deuten, den Pflückingers Gesicht angenommen hatte. Der Schweizer lachte auf, aber es war alles andere als ein fröhliches Lachen.
»Man soll ja bekanntlich nicht schlecht über Tote reden. Aber offen gesagt war gerade Joschak eine echte«, Pflückinger zögerte kurz, um das richtige Wort zu finden, »Herausforderung. Für mich als Vorstand, für seine Kollegen und fürs ganze Unternehmen.«
»Weil er immer sein eigenes Ding durchziehen wollte?«
»Weil er extrem machtorientiert war«, stieß Pflückinger mit unerwarteter Heftigkeit hervor. »Weil er seine Mitarbeitenden wie ein Marionettenspieler zu dirigieren versuchte, weil er sich ständig in die laufenden Arbeitsprozesse einmischte und weil für ihn letztendlich nur seine eigene Meinung zählte. Aufgrund seiner langjährigen Erfahrung fühlte er sich immer im Recht.«
»Das stand in krassem Widerspruch zu den umfassenden Veränderungen, mit denen Ihr Unternehmen gerade beschäftigt ist«, spekulierte Nemecek. »Stichwort Agilität?«
»Das sagt Ihnen etwas?«, wunderte sich sein Gegenüber.
»Wir hatten in einem unserer Fälle damit zu tun.«
»Sie erahnen wahrscheinlich, wie gut ein solcher, nennen wir es einmal traditioneller Managementstil mit agilen Werten vereinbar ist.«
»Agile Werte?« Obermayr runzelte die Stirn. Nemecek musste zugeben, dass er selbst Mühe hatte, sich zu erinnern. War das nicht etwas mit Offenheit gewesen? Oder Vertrauen?
Pflückinger schien ihre Verwirrung zu spüren. Oder er fühlte sich aufgrund von Obermayrs Stirnrunzeln zu einer Antwort verpflichtet. Jedenfalls hob er unversehens die linke Hand und erklärte mit gestrecktem Zeigefinger: »Commitment, verstanden als die Bereitschaft, mich für eine Sache wirklich verantwortlich zu fühlen und alles in meiner Macht Stehende zu tun, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Einfachheit«, schnellte schon der Mittelfinger in die Höhe, »als Gegenentwurf zu unserer Neigung, vieles komplizierter als nötig zu machen.« Nemecek verfolgte gespannt, wie der CEO kurz durchatmete und dann seinen Ringfinger in Bewegung setzte. »Respekt als fundamentale, vorurteilsfreie Anerkennung jeder Person, wie sie ist. Schließlich Mut«, wie erwartbar vom kleinen Finger angezeigt, »im Sinne von Ehrlichkeit, offenem Feedback und der Bereitschaft, neue Dinge auszuprobieren und alte Gewohnheiten hinter sich zu lassen.«
Während Nemecek noch Pflückingers spontanem Wertevortrag nachhing, zeigte sich Obermayr wenig beeindruckt. Gut möglich, dass seine Kollegin sogar ein wenig genervt über die ungebetene Belehrung war. Ihre Stimme klang jedenfalls sonderbar, als sie wieder zu ihrem eigentlichen Gesprächsthema zurückkam: »Doch Joschak waren offenbar ganz andere Dinge wichtig?«
Pflückinger schien es nichts auszumachen, dass seine Gesprächspartnerin sang- und klanglos über seine agilen Werte hinwegging. Auf alle Fälle antwortete er wie aus der Pistole geschossen: »Joschak ging es vor allem darum, alle Fäden in der Hand zu behalten. Sich im eigenen Fachsilo einmauern, alle Mitarbeitenden engmaschig kontrollieren, Fehlleistungen drastisch sanktionieren – wollen Sie noch mehr hören?«
»Ich frage mich gerade, wie das Ganze zur bevorstehenden Beförderung passt, von der uns seine Frau erzählt hat.«
»Beförderung?« Pflückinger staunte.
»Laut seiner Frau hat er fix damit gerechnet, die offene Stelle des Technikvorstands zu übernehmen.«
Wieder dieses bittere Lachen. Dann fuhr sich der Acros-Chef rasch mit beiden Händen über das Gesicht, als könnte er damit seine Bitterkeit wegradieren. Mit matter Stimme setzte er fort. »Glauben Sie mir: Das ist das absolute Gegenteil dessen, was wir mit ihm vorhatten.«
»Joschak sollten entlassen werden?« Nemecek konnte seine Überraschung nicht verbergen.
Pflückinger hob die Hände. »Das stand zumindest im Raum.«
»Dann gab es in den letzten Wochen also jede Menge Konfliktstoff«, fasste Obermayr die Ausführungen des CEO zusammen. Für Nemeceks Ohren klang das Ganze nach einem echten Pulverfass. Ihm war, als könnte er die explosive Mischung geradezu riechen. Fragte sich, wie sich Joschak dazu verhalten hatte. Mit Sicherheit hatte er dem Funkenregen rund um ihn nicht tatenlos zugesehen. Doch was würde ein traditionell orientierter Manager wohl tun, der über viele Jahre hinweg sein eigenes Reich aufgebaut hatte und dieses nun massiv bedroht sah? Er würde in die Gegenoffensive gehen, gab er sich selbst die Antwort. Getreu dem alten Slogan: Angriff ist die beste Verteidigung!
»Mit seinem Verhalten hat sich Joschak sicher nicht nur Freunde gemacht«, griff Obermayr im nächsten Moment seine Gedanken auf. »Was Sie erzählen, klingt eher nach gepflegten Feindschaften.« Es war mehr eine Feststellung als eine Frage, doch Pflückinger schien das nicht zu stören. Offensichtlich bot ihm das Gespräch eine willkommene Gelegenheit, ein wenig Dampf abzulassen. Ob sie dieser Dampf in ihren Ermittlungen weiterbrachte, würde sich zeigen.
»Weder auf Kunden- noch auf Mitarbeiterseite. Joschak wollte einfach nicht anerkennen, dass der Markt heute völlig andere Anforderungen stellt als vor 20 Jahren! Und dass dies bedeutet, dass wir uns nicht nur anders organisieren, sondern diese Organisation auch anders managen müssen.«
»Ich nehme an, Sie sind nicht der Einzige, der das so sah.«
»Gottlob nicht. In vielen Bereichen greift die agile Veränderung ausgezeichnet. Die neuen Teams arbeiten großartig zusammen, die Stimmung ist gut und sogar die Leistung hat sich schon nach wenigen Wochen verbessert.«
»Ich gehe auch davon aus, dass Joschak nicht der Einzige war, der sich dieser Entwicklung verweigerte«, spitzte Nemecek seine konfliktorientierten Argumente weiter zu.
»Nein«, gestand der CEO schweren Herzens. Nemecek war klar, dass sein Gegenüber lieber weiter über die Zwischenerfolge seiner Veränderungsinitiative geredet hätte, doch darauf durfte er jetzt keine Rücksicht nehmen.
»Das klingt für mich nach einem astreinen Machtkampf.«
Pflückinger nickte.
»Nach einem Kampf, der für Marco Joschak tödlich endete«, ließ Nemecek nun endlich die Katze aus dem Sack.
»Marco wurde ermordet?« Von einem Moment auf den anderen schien jede Farbe aus Pflückingers Gesicht gewichen zu sein. Langsam öffnete er den Mund, brachte aber keinen Ton hervor.
»Seit gestern wissen wir definitiv, dass Joschak bewusstlos geschlagen wurde, bevor er im See ertrunken ist«, ergänzte Obermayr der Vollständigkeit halber. Ihr Gegenüber war immer noch leichenblass, schaffte es aber wenigstens, seine Lippen wieder zu schließen.
»Sie können uns sicher einige Personen nennen, mit denen Joschak in letzter Zeit besonders intensive Auseinandersetzungen hatte.«
Pflückinger streckte seinen Rücken durch. Es war ihm deutlich anzusehen, wie er mit sich rang. Um seine eigene Ungeduld zu bezähmen, begann Nemecek im Geiste langsam von zehn herunterzuzählen. Als er bei vier angekommen war, hatte Pflückinger offenkundig einen Entschluss gefasst.
»Nun, Sie finden es ja ohnehin heraus. Ja, es gab zuletzt einige unschöne Szenen, die zu einer Art Lagerbildung geführt haben.«
»Die Namen, Herr Pflückinger!«, zeigte sich Obermayr nun ungnädig. »Wir brauchen Namen, um in diesem Fall weiterzukommen.«
»Also, die Protagonisten des agilen Lagers sind Niels Swartling als gesamtverantwortlicher Change Manager, Johanna Kniewasser, unser Head of Product, sowie Felix Wondratsch und Melanie Wunzer aus den Entwicklungsteams. Gemeinsam mit mir bilden sie das sogenannte Agile Change Team, kurz: ACT, das alle Veränderungsmaßnahmen koordiniert.« Rasch hatte Nemecek die genannten Namen in seinem Notizbuch festgehalten. Beim letzten Namen stutzte er kurz, fand aber auf die Schnelle keine Erklärung dafür. Dennoch ahnte Nemecek, dass ihm diese Melanie Wunzer schon einmal irgendwo untergekommen war. Wo war das bloß gewesen?
»Und die andere Seite?«, gönnte ihm seine Kollegin keine Zeit, um weiter in seinem Gedächtnis zu graben.
»Neben Joschak vor allem Gernot Zettl, unser Head of Operations. Aber der ist ja leider letzte Woche tödlich verunglückt.«
»Das wissen wir schon«, erklärte Obermayr, »und sind gerade dabei, diesen Unfall auf Herz und Nieren zu prüfen.«
Pflückinger verzog das Gesicht. »Sie gehen jetzt aber nicht davon aus, dass auch Zettl einem Anschlag zum Opfer gefallen ist?«
Obermayr warf Nemecek einen kurzen Blick zu, als wollte sie sich stillschweigend mit ihm abstimmen. Doch ihre Richtung war längst klar.
»Die KTU klärt gerade, ob an Zettls Wagen etwas manipuliert wurde.«
Nemecek sah, wie der CEO heftig schluckte, bevor er hinzufügte: »Noch ermitteln wir natürlich in alle Richtungen. Aber die Hinweise verdichten sich, dass die Ereignisse zusammenhängen.«
Und dass diese wiederum etwas mit den laufenden Veränderungen in der Acros zu tun haben könnten, dachte Nemecek für sich. Ein Gedanke, der noch im Raum zu hängen schien, als sie das Büro verließen, nachdem ihnen der CEO jede in seiner Macht stehende Hilfe versprochen hatte, um diese schrecklichen Ereignisse so rasch wie möglich aufzuklären.
Pulsuz fraqment bitdi.