Kitabı oxu: «Jungsteinzeit»

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Die Autorin


Prof. Dr. Silviane Scharl lehrt prähistorische Archäologie an der Universität zu Köln. Sie forscht zu verschiedenen Aspekten der Jungsteinzeit und der Kupferzeit, so z. B. zur Errichtung von Monumenten, zum Siedlungswesen und zu Tausch- und Kommunikationsnetzwerken. Aber auch übergeordnete Fragen spielen in ihren Forschungen eine wichtige Rolle, wie z. B. Studien zum Innovationstransfer in Prähistorischen Gesellschaften.

Silviane Scharl

Meinen Eltern

Maria († 12.03.2020) und Rudolf Scharl

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Umschlagbild: Poulnabrone Dolmen, Irland, Foto: Ulrich.fuchs, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Poulnabrone-dolmen.jpg (Zugriff am 02.07.2020).

1. Auflage 2021

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© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

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ISBN 978-3-17-036740-1

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Inhalt

1  1 Einführung: eine Gebrauchsanleitung für das Buch

2  2 Neolithische Revolution oder Evolution? Die Anfänge der bäuerlichen Wirtschaftsweise im Vorderen Orient

3  3 Die Anfänge der Nahrungsmittelproduktion als globales Phänomen

4  4 Die letzten Jäger und Sammler Mitteleuropas – kulturelle Sackgasse oder Wegbereiter für eine neue Zeit?

5  5 Die Bandkeramik – Die ersten Bauern Mitteleuropas

6  6 Der Bauer und seine Scholle – jungsteinzeitliche Landwirtschaft

7  7 Der jungsteinzeitliche Mensch – Familie, Sozialstruktur, Gewalt und Krieg

8  8 Sterben in der Steinzeit – Bestattungspraktiken, Krankheiten, Lebenserwartung

9  9 Die Eismumie »Ötzi« – einzigartige Einblicke in das Leben jungsteinzeitlicher Menschen

10  10 Von exotischen Gütern und Alltagsgegenständen – Tausch- und Kommunikationsnetzwerke in der Jungsteinzeit

11  11 Der Stahl der Steinzeit – Gewinnung, Versorgung, Nutzung und Bedeutung von Feuerstein

12  12 Monumente der Jungsteinzeit: Erdwerke und Megalithanlagen

13  13 Innovationen mit Zukunft: Kupfermetallurgie und Rad und Wagen

14  Anmerkungen

15  Glossar

16  Literaturverzeichnis

17  Abbildungsnachweis

18  Register

1 Einführung: eine Gebrauchsanleitung für das Buch

Die Jungsteinzeit (Neolithikum, älteste Daten aus Südosteuropa im 7. Jahrtausend v. Chr.) ist die Epoche der europäischen Prähistorie, in der die Menschen sesshaft werden und beginnen, Landwirtschaft zu betreiben. Die Zeit der großen Eiszeitjäger oder generell der mobilen Wildbeutergruppen (Alt- und Mittelsteinzeit) ist vorbei. Damit markiert sie das Ende der längsten Epoche unserer Menschheitsgeschichte, in der rückblickend wesentliche Entwicklungen stattfanden, die unser Leben bis heute prägen.

Mit den Anfängen der Nahrungsmittelproduktion gehen nicht nur ökonomische, sondern auch tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen einher. Die archäologischen Quellen reflektieren u. a. einen bedeutenden Wandel demographischer und sozialer Strukturen. Die Entstehung von Territorialität und Privatbesitz wird diskutiert. Darüber hinaus greift der Mensch nun verstärkt in seine Umwelt ein und gestaltet diese seinen Bedürfnissen entsprechend um. Der Prozess, der in Gang gesetzt wird und der im Lauf der nachfolgenden Jahrtausende z. B. zum Rückgang der Biodiversität, zur Veränderung unserer Landschaft durch Erosions- und Akkumulationsprozesse im Zuge von Entwaldung und landwirtschaftlicher Nutzung oder zur Veränderung der Atmosphäre geführt hat, dauert bis heute an und ist unumkehrbar. Damit werden in der Jungsteinzeit die wesentlichen Weichen für die weitere Entwicklung unserer heutigen Gesellschaft gestellt.

Wichtige Wurzeln unserer Gesellschaft liegen also in der »Steinzeit« – ein Begriff, mit dem wir in unserer Alltagssprache Eigenschaften wie »alt«, »verstaubt« oder gar »rückständig« assoziieren. Und in der Tat sprechen wir hier über einen Zeitraum der Menschheitsgeschichte, der sehr weit zurückliegt – ob er rückständig oder verstaubt ist, ist hingegen eine Frage der Perspektive. Im vorliegenden Buch werden die verschiedenen Facetten der ältesten bäuerlichen Gesellschaften beleuchtet. Hierzu gehören neben Wirtschafts- und Lebensweise und einer einsetzenden, dauerhaften Umwelt-/Landschaftsveränderung auch Innovationen wie Rad und Wagen oder Kupfermetallurgie, die bedeutende langfristige Entwicklungen angestoßen haben.

Das vorliegende Buch ist jedoch nicht nur ein Buch über die Jungsteinzeit, sondern auch darüber, wie man sie erforscht. Da uns schriftliche Zeugnisse fehlen, sind wir auf die Analyse der materiellen Kultur dieser Zeit angewiesen. Um in diesen materiellen Spuren lesen zu können, ist ein ganzer Werkzeugkasten an Methoden notwendig, der uns erlaubt, jedes noch so kleine Detail in den Blick zu nehmen. Hier haben insbesondere naturwissenschaftliche Analysen in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung gewonnen. Die Untersuchungsergebnisse bilden Mosaiksteinchen, mithilfe derer Archäologen versuchen, ein möglichst vielschichtiges Bild dieser Epoche zu entwerfen. Zugleich muss betont werden, dass viele Aspekte jungsteinzeitlichen Lebens bis heute nicht verstanden sind. Dies führt dazu, dass es zu bestimmten Aspekten Fachdiskussionen gibt, in denen sich völlig gegensätzliche Ideen scheinbar unvereinbar gegenüberstehen. Soweit zum Verständnis nötig, werden die wesentlichen Argumente solcher Diskussionen in den entsprechenden Kapiteln behandelt.

Weiterhin muss betont werden, dass die Geschichte der Jungsteinzeit in diesem Buch nicht als lineare Geschichte erzählt wird, schon gar nicht als eine Aneinanderreihung von Ereignissen, wie wir es häufig aus dem Geschichtsunterricht kennen. Im Fokus der Jungsteinzeitforschung stehen in vielen Fällen Prozesse, während Ereignissen eine untergeordnete Rolle zugesprochen wird. So werden beispielsweise im Rückblick als spektakulär bewertete Erfindungen wie Rad und Wagen meist in einem größeren Kontext und als Teil eines größeren, komplexeren Prozesses betrachtet. Nichtsdestotrotz spielt auch die »Jagd« nach dem jeweils ältesten Nachweis z. B. für Keramik oder das älteste Haustier eine nicht zu unterschätzende Rolle, vor allem in der Öffentlichkeit.

In der Erforschung von Prozessen in der Jungsteinzeit und darüber hinaus wird langfristigen klimatischen oder umweltgeschichtlichen Entwicklungen eine wichtige Bedeutung zugesprochen. Generell ist die Mensch-Umwelt-Interaktion eines der grundlegenden Themen, das vor allem in der Langfristperspektive betrachtet wird. Dabei ist zu diskutieren, welches Gewicht jeweils Natur und Kultur in der Entwicklung prähistorischer Gesellschaften hatten. Während lange Jahre die Rolle der Natur betont wurde, in der der prähistorische Mensch als passives, auf Umweltveränderungen lediglich reagierendes Wesen erschien, wird in den letzten Jahren verstärkt die Rolle individuellen, freien Handelns betont (agency), das dem Menschen auch in der Jungsteinzeit ermöglichte, sein Leben aktiv zu gestalten. All diese Perspektiven spiegeln sich auch im vorliegenden Buch wider. Zugleich muss betont werden, dass alle Ausführungen naturgemäß einen Zwischenstand der Forschung darstellen, der sich durch neue Entdeckungen und Analysemethoden jederzeit ändern kann. Der Forschungsstand ist über die Quellenangaben erschließbar, wobei darauf geachtet wurde, – wo vorhanden – aktuelle Überblickswerke zu zitieren, die einen leichten Einstieg in die verschiedenen Themen ermöglichen. Fachbegriffe (kursiv gesetzt) werden im Glossar am Ende des Buches erläutert.

Die Jungsteinzeit wird nachfolgend nicht als chronologischer Ablauf erzählt, sondern im Rahmen von Themenfeldern behandelt, mit deren Hilfe der Alltag der jungsteinzeitlichen Menschen beleuchtet wird. Es geht um Fragen wie: Wie haben diese Menschen gelebt? Wie alt wurden sie, wie gesund waren sie und was haben sie gegessen? Dabei werden auch immer wieder wichtige und spektakuläre Entdeckungen und Funde behandelt wie z. B. Ötzi die Eismumie vom Hauslabjoch, deren Erforschung eine ganze Reihe neuer Erkenntnisse erbracht hat.

Der räumliche Fokus des Buches liegt auf dem mitteleuropäischen Raum, dessen Entwicklung jedoch nicht verstanden werden kann, wenn nicht auch eine großräumige Perspektive eingenommen wird, da viele Entwicklungen Teil größerer Phänomene waren, die sich über weite Teile Europas erstreckten (z. B. die Megalithkultur). Es spielen daher unterschiedliche Räume (vom Nahen Osten bis Nord- und Westeuropa) eine Rolle. Zeitlich bewegen wir uns im mitteleuropäischen Raum in etwa in der Zeit zwischen 7500 und 4000 vor heute. Allerdings sind die ältesten Nachweise für frühe Landwirtschaft und eine sesshafte Lebensweise in benachbarten Regionen (Südosteuropa und Naher Osten) deutlich älter, sodass der gesamte Zeitraum des frühen Holozäns, der sog. Nacheiszeit, ebenfalls wiederholt angesprochen wird.

Praktische Hinweise

Die Jungsteinzeit beginnt und endet mehrere Jahrtausende vor Christi Geburt. Eine der ersten Aufgaben der frühen archäologischen Forschung war es, eine zeitliche Ordnung in das Fundmaterial zu bringen. Damals war es jedoch noch nicht möglich, die Funde direkt zu datieren und eine absolute Altersangabe zu erhalten. Diese gelang nur, wenn aufgrund schriftlicher Überlieferungen, wie sie z. B. aus dem östlichen Mittelmeerraum schon recht früh vorliegen, eine absolute zeitliche Einordnung möglich war und Gegenstände aus Regionen ohne Schriftzeugnisse mit solchen aus den schriftführenden Kulturen parallelisiert werden konnten. Daher wurden Funde, gerade wenn es um steinzeitliche Kontexte ging, in der Regel »relativ« datiert, d. h. man gab an, ob ein Fund älter oder jünger als ein anderer war bzw. erarbeitete zeitliche Abfolgen von Funden und »Kulturen«. Dies gelingt z. B. mithilfe der Stratigraphischen Methode. Erst viel später war es möglich, z. B. aus Holzkohlefunden oder Knochen, absolute Daten zu generieren. In der Regel werden absolute Daten, die mithilfe der Radiocarbondatierung oder mithilfe der dendrochronologischen Datierungsmethode gewonnen werden, in Kalenderjahren v. Chr. (englisch: before Christ, abgekürzt BC) oder n. Chr. (englisch: in the year of the Lord/anno Domini, abgekürzt AD) angegeben. Bei den verwendeten 14C-Daten handelt es sich, sofern nicht anders angegeben, um kalibrierte Daten. In der Literatur finden sich jedoch auch immer wieder Angaben mit dem Kürzel »B. P.« (before present). Diese geben das Alter vor heute an. Da die Zeit voranschreitet, hat man sich auf die Konvention geeinigt, dass sich »B. P.« auf das Jahr 1950 bezieht, um einen festen chronologischen Bezugspunkt zu haben.

Gleichzeitig sortieren Archäologen Fundverteilungen auch räumlich. Wenn in einer Region zu einer bestimmten Zeit ein sehr charakteristischer Fundtyp z. B. Keramikgefäße mit einer typischen Verzierungsart vorherrschte und sich dessen Verbreitung klar gegen die Verbreitung eines anderen Gefäßtyps abgrenzen lässt, interpretieren Archäologen dies traditionell als Indiz für Kommunikationsräume und -grenzen. D. h. diese räumlichen Einheiten materieller Kultur werden als Spiegel geteilter Normen und Werte gesehen, die in einem Raum für eine bestimmte Zeit vorherrschten. Daher spricht man auch von »Traditionsräumen« – eine Gruppe von Menschen einigt sich darauf, ihre Gefäße auf eine bestimmte Art und Weise zu verzieren, und gibt dies auch an die nächste Generation weiter. Ausprägungen materieller Kultur, die hierfür verwendet werden, sind naturgemäß solche, die einem steten stilistischen Wandel unterlagen, in der Jungsteinzeitforschung z. B. Keramikgefäße, in der Bronzezeitforschung z. B. Bronzenadeln (Gewandnadeln). Die auf dieser Basis definierten, distinkten – also klar abgegrenzten – räumlich-zeitlichen Einheiten liefern ein grobes Gerüst, das es Archäologen erlaubt, Aussagen über Entwicklungsprozesse oder Kontakt und Kommunikation (z. B. in Form von Tauschnetzwerken oder Wissenstransfer) zwischen diesen zu treffen. Häufig werden diese räumlichen Einheiten materieller Kultur in der Literatur als sog. »archäologische Kulturen« bezeichnet, die dann mit einem charakteristischen Namen versehen werden. Dieser kann geographisch geprägt sein, indem er auf einem Fundortnamen (häufig dem Fundort der Entdeckung dieser »Kultur«) basiert, wie z. B. die »Wartberg-Kultur«, benannt nach dem Fundort des Wartbergs bei Fritzlar/Hessen. Der Name kann aber auch deskriptiv sein und eine bestimmte Fundmaterialgattung näher beschreiben, wie z. B. die sog. »Glockenbecher-Kultur«, in deren Verbreitungsgebiet zwischen Portugal und Mitteleuropa, Nordatlantik und Italien glockenförmige Keramikbecher typisch sind. Dabei muss betont werden, dass es sich nicht um die Überreste sozialer oder gar ethnischer Einheiten handelt, auch wenn es diese Fehlinterpretation vor und während des Zweiten Weltkrieges durchaus gab. Es handelt sich vielmehr um die Verbreitung charakteristischer Ausprägungen materieller Kultur (z. B. bestimmter Fundtypen oder Grabsitten), die sich räumlich und auch zeitlich gut, aber in der Regel nicht scharf gegeneinander abgrenzen lassen. Spezifische Typen unterschiedlicher Fundgattungen müssen nicht dieselbe deutlich abgrenzbare räumliche Verbreitung aufweisen. Eine archäologische Kultur repräsentiert daher keine homogene »Ganzheit« und es gibt durchaus Forschungstraditionen, vor allem außerhalb Zentraleuropas, die dem archäologischen Kulturbegriff nur eine sehr untergeordnete Bedeutung beimessen. Im vorliegenden Buch werden die Namen der archäologischen Kulturen an entsprechender Stelle erwähnt und erläutert. Die nachfolgende Abbildung gibt einen Überblick über die interne zeitliche Entwicklung des Neolithikums in Mitteleuropa, aufgeschlüsselt nach Großregionen ( Abb. 1.1).


Abb. 1.1: Chronologietabelle zum Neolithikum in Mitteleuropa – differenziert nach Großregionen.

2 Neolithische Revolution oder Evolution? Die Anfänge der bäuerlichen Wirtschaftsweise im Vorderen Orient

Die tägliche Versorgung mit Lebensmitteln erscheint uns aus heutiger Perspektive selbstverständlich, denn es reicht ein Griff in den Kühlschrank, ein Gang zum Supermarkt oder manchmal auch in den heimischen Garten, wo vielleicht noch das ein oder andere Obst und Gemüse angebaut wird. Doch die Geschichte der Lebensmittelproduktion ist kurz. Jahrhunderttausende lang lebten wir Menschen als mobile Wildbeuter und gewannen unsere Nahrung durch Jagen, Sammeln und Fischen. Erst vor wenig mehr als 10 000 Jahren begannen wir, unsere Lebensmittel selbst zu produzieren. Grundlage hierfür war die Domestikation indigener Wildpflanzen- und Wildtierarten (sog. primäre Neolithisierung im Gegensatz zur sekundären Neolithisierung, die die Ausbreitung der neuen Wirtschaftsweise in Gebiete meint, wo diese Wildformen nicht natürlich vorkommen)1. Dabei ist nicht jede Tier- und Pflanzenart domestizierbar, im Verhältnis zur Artenvielfalt handelt es sich um eine geringe Zahl (z. B. 15 von 148 Großsäugetierarten)2. Im Rahmen dieses Domestikationsprozesses veränderte der Mensch die Eigenschaften spezifischer Arten, indem er – möglicherweise unbewusst – nach bestimmten Merkmalen selektierte. Der menschliche Eingriff in deren Reproduktion führte schließlich langfristig zu Veränderungen im Genmaterial, sodass sich beispielsweise beim Getreide größere Körner herausbildeten und sich diese von Generation zu Generation vererbten3.

Domestikation von Wildtieren und Wildpflanzen

Domestizierbare Tier- und Pflanzenarten sind in verschiedenen Regionen unserer Welt verbreitet – so z. B. Mais in Mittelamerika oder Reis im heutigen China ( Kap. 3). Die Wurzeln der produzierenden Wirtschaftsweise Europas liegen im sog. Fruchtbaren Halbmond – einer Region, die sich halbmondförmig von Jordanien, Israel, Libanon, Syrien und Südostanatolien im Westen bis in den Irak und Iran im Osten erstreckt und die durch Winterregen gekennzeichnet ist, welche Regenfeldbau ermöglichten ( Abb. 2.1). In dieser Region waren die wilden Vorfahren einiger unserer heutigen Kulturpflanzen, wie die Weizenarten Emmer und Einkorn, aber auch Gerste, Linse, Linsenwicke, Lein, Kichererbse oder Erbse verbreitet (sog. founder crops), ebenso wie die wilden Vorfahren der Haustierarten Schaf, Ziege, Rind und Schwein. Anhand der bislang verfügbaren Radiocarbondaten kann das Erstdomestikationszentrum im Vorderen Orient derzeit als das älteste weltweit eingeordnet werden4.

Dabei setzte dieser Prozess nicht plötzlich ein, sondern wir fassen im archäologischen Quellenmaterial eine schrittweise Entwicklung, die mit einer Intensivierung der Nutzung diverser Wildgrasarten – darunter mehrerer Wildgetreidearten – noch während der letzten Eiszeit begann ( Abb. 2.2). Diese wird am Fundort Ohalo II (Israel) am See Genezareth bereits um 21 000 v. Chr. fassbar ( Abb. 2.1). Dort wurden mehrere Behausungsreste einer Gruppe von Wildbeutern entdeckt, in denen sich Mahlsteine zur Verarbeitung dieser Wildpflanzen fanden. Reste von Stärke, die den Mahlsteinen anhafteten, belegen u. a. die Verarbeitung von Gerste und Hafer. Zudem konnte durch die gute Erhaltung der Funde – die Siedlungsstelle wurde kurz nach ihrer Aufgabe überschwemmt und blieb bis zur Ausgrabung unter Luftabschluss – eine große Zahl von Pflanzenresten dokumentiert werden. Deren Auswertung ermöglicht zum ersten Mal detaillierte Aussagen zur pflanzlichen Nahrung von Wildbeutergruppen, die ansonsten kaum erhalten sind, und zeigt, dass ein bemerkenswert breites Spektrum an Arten genutzt wurde, darunter Eicheln, Mandeln, Pistazien, Oliven, Feigen, Himbeeren und Trauben. Der Großteil der pflanzlichen Nahrung bestand jedoch aus den Samen von Wildgräsern, darunter auch einige Getreidearten, die später domestiziert wurden5.

Abb. 2.1: Karte des Vorderen Orients und des südöstlichen Europas mit den wichtigsten Fundstellen (schwarze Punkte: wichtige Fundstellen des Epipaläolithikums und Neolithikums, gelbe Punkte: im Text genannte Fundstellen). Die grüne Signatur markiert die Lage des Fruchtbaren Halbmondes.

Die Untersuchung der jahreszeitlichen Verfügbarkeit aller nachgewiesenen Arten deutet darauf hin, dass es der dort lebenden Menschengruppe möglich war, ganzjährig oder zumindest große Teile des Jahres an diesem Ort zu siedeln. Wie groß diese Gruppe war, ist ungeklärt. Es wurden insgesamt sechs Hüttengrundrisse dokumentiert, fraglich ist jedoch, ob diese alle zur gleichen Zeit genutzt wurden. Damit fassen wir in Ohalo II) nicht nur eine Intensivierung der Wildpflanzennutzung, sondern zugleich auch erste Schritte auf dem Weg zu einer sesshaften Lebensweise, die im Neolithikum schließlich kennzeichnend wird6.

Dieser Trend setzte sich nach dem Höhepunkt der letzten Eiszeit mit der beginnenden Erwärmung fort. Die klimatischen Veränderungen gingen einher mit Veränderungen der Umwelt. So prägten nun mediterrane Eichenwälder und damit verbunden Wildgetreidewiesen das Landschaftsbild.

Abb. 2.2: Die Anfänge der Nahrungsmittelproduktion im Fruchtbaren Halbmond. Chronologische Darstellung der wichtigsten, im Text beschriebenen Entwicklungen.

Diese Zeit, die z. B. durch Fundstellen in der Levante (sog. Natufien, ca. 13 000–9600 v. Chr.) gut belegt ist, ist charakterisiert durch eine Größenzunahme der Siedlungen und eine wachsende Bedeutung von Wildgräsern. Letztere spiegelt sich zum einen darin, dass im Fundmaterial nun vermehrt Gerätschaften auftreten, deren Funktion vor allem in der Verarbeitung von Getreide gesehen wird, wie Sichelklingen oder Mörser und Stößel. Zum anderen konnten in den für diese Zeit typischen Rundhütten fest installierte steinerne Behälter oder mit Lehm ausgekleidete Gruben dokumentiert werden, die als Hinweise auf Vorratshaltung interpretiert werden (z. B. Hayonim Cave und Ain Mallaha/Israel). Darüber hinaus liegen auch erste Hinweise dafür vor, dass der Mensch seine Umwelt aktiv beeinflusste, um das Wachstum spezifischer Pflanzenarten gezielt zu fördern. So belegt die Auswertung von Unkrautspektren die gezielte Hege von Wildgetreidefelder (z. B. Abu Hureyra oder Mureybit/Syrien, Abb. 2.2)7.

Ab dem sog. Pre-Pottery Neolithic A (PPN A; dt. »präkeramisches Neolithikum«, also eine Phase der Jungsteinzeit, in der jedoch noch keine Keramik hergestellt wurde; ab ca. 9600 v. Chr.) kommt es zu einer Intensivierung dieses Pflanzenmanagements. Darauf weist z. B. die Zunahme von Einkorn am mittleren Euphrat (z. B. Jerf el Ahmar/Syrien) hin – einer Region, die aufgrund der dort vorhandenen Böden und der damals steigenden Jahrestemperaturen keine optimalen Wachstumsbedingungen für diese Weizenart bot. Der im archäobotanischen Befund fassbare Anstieg dieser Art wird daher darauf zurückgeführt, dass der Mensch eine gezielte Aussaat betrieb, die Felder von Unkraut befreite und bewässerte. Als weiterer Hinweis auf gezielte Eingriffe werden die Abnahme indigener Wildpflanzenarten am mittleren Euphrat und die Zunahme von Wildformen weiterer Kulturpflanzen, wie Gerste, Emmer, Linse, Kichererbse und Ackerbohne gewertet. Darüber hinaus datieren in diese Zeit Massenfunde von verkohlten Hülsenfrüchten, Getreide sowie anderen Samen und Früchten (z. B. Netiv Hagdud und Gilgal/Israel). Die Mörser und Stößel des Natufien werden nun abgelöst von flachen Mahl- und Reibsteinen, die eine einfachere Verarbeitung von Getreidekörnern ermöglichten und daher ebenfalls als Indiz für deren zunehmende Bedeutung interpretiert werden8.

Aus dem nachfolgenden sog. Pre-Pottery Neolithic B (PPN B; ab ca. 8700 v. Chr.) liegen schließlich erste unzweifelhafte Belege für die Domestikation von verschiedenen Pflanzen- und Tierarten vor ( Abb. 2.2). Ein Anzeichen hierfür ist z. B. die regelhafte Herausbildung stabiler Ährenspindeln bei Getreidekörnern (die Achse einer Ähre, die das Korn trägt), die verhindert, dass die Körner vor der Ernte zu Boden fallen. Bei Wildgetreide dominiert die brüchige Variante, der Anteil der stabilen Ährenspindel liegt unter 10 %. Beim frühen domestizierten Getreide werden hingegen deutlich höhere Werte erreicht. Weitere Domestikationsmerkmale sind die Zunahme der Korngröße und das Vorkommen dieser Pflanzenarten außerhalb ihres natürlichen Habitats (Lebensraumes). Deren Auftreten im PPN B stellt gewissermaßen den Endpunkt eines länger andauernden Domestikationsprozesses dar, dessen exakter Beginn nicht eindeutig festzulegen ist, da nicht bekannt ist, wie viele »Generationen« von Getreide durch den Menschen manipuliert werden mussten, bis sich diese Merkmale im Phänotyp, d. h. im Erscheinungsbild, herausbildeten9.

Dies gilt auch für die Domestikation unserer Haustiere. Die Wildformen von Rind und Schwein waren in ganz Vorderasien und Europa sowie Teilen Nordafrikas verbreitet, die von Schaf und Ziege konzentrierten sich auf die Region von Ost- und Südanatolien bis zum Zagrosgebirge. Ab dem PPN B fassen wir Tiere, die sich morphologisch von ihren wilden Artgenossen unterscheiden – ein wichtiges Merkmal stellt z. B. die Verringerung der Größe dar. Weitere Domestikationsmerkmale, die im archäologischen Quellenmaterial aber keine Spuren hinterlassen, sind z. B. Veränderungen der Fellfarbe oder andere Verhaltensweisen (z. B. beim Fluchtverhalten)10. Diese werden, ebenso wie bei den Pflanzen, erst nach einer nicht genau zu benennenden Zahl an Generationen sichtbar. Hinzu kommt, dass im archäologischen Fundmaterial nur Knochen und Zähne erhalten bleiben und dies auch nur unter bestimmten Erhaltungsbedingungen. Knochen lösen sich z. B. in entkalkten Böden im Lauf der Zeit auf. Doch selbst wenn Tierknochen und -zähne erhalten sind, ist es nicht immer eindeutig möglich, zu entscheiden, ob es sich um Haus- oder Wildtiere gehandelt hat. Daher werden weitere Indizien gesammelt, wie z. B. das Schlachtalter der Tiere, um zu überprüfen, ob dieses auf ein gezieltes Herdenmanagement im Hinblick auf ein langfristiges Herdenwachstum hinweist. So wurden bevorzugt junge männliche Tiere und ältere weibliche Tiere geschlachtet. Und auch ein hoher Anteil einer spezifischen Tierart am Tierknochenspektrum eines Fundplatzes wird in diese Richtung gedeutet. Ein weiteres wichtiges Argument für Domestikation ist die Entdeckung von Tierknochen einer Tierart außerhalb ihres natürlichen Habitats.

Erste Hinweise auf Rinderdomestikation (Verringerung des Sexualdimorphismus) stammen aus der der Zeit um 9000–7000 v. Chr. von Fundorten im mittleren Euphrattal (Halula, Dja’de/Syrien). Ähnlich alt (um 9000/8500 v. Chr.) sind die derzeit ältesten Belege für domestizierte Schafe und Ziegen. Erste Hinweise auf Schweinedomestikation datieren um 8300 v. Chr. und liegen aus dem ostanatolischen Raum vor (z. B. Cafer Höyük)11. All dies stellt wie auch bei der Pflanzendomestikation den Endpunkt einer Entwicklung dar, die bereits zwei Jahrtausende früher einsetzte und anfangs durch gezielte Jagdstrategien bzw. durch Wildtiermanagement gekennzeichnet ist, das kleinregional zu veränderten Zusammensetzungen der Altersstrukturen von Wildtierpopulationen führte.

Konsequenzen des Domestikationsprozesses

Rückblickend geht mit den Anfängen der Nahrungsmittelproduktion und insbesondere mit dem Beginn des Getreideanbaus eine markante Veränderung in unserer Ernährung einher. Nun dominieren Getreide und Hülsenfrüchte den Speiseplan der frühen Bauern (zu Ernährung und Gesundheitszustand Kap. 8). Langfristig führte die Herausbildung früher Landwirtschaft auch zu Veränderungen in anderen Bereichen der Gesellschaft. So ermöglichten die Versorgung mit lokal verfügbaren, dichten und vorhersagbaren Nahrungsressourcen wie dem Getreide und die sich entwickelnde Vorratshaltung das ganzjährige Siedeln an einem Ort. Damit einher gingen demographische Veränderungen. Langfristig setzte ein Bevölkerungswachstum ein, das – wenn auch mit Einbrüchen und in Wellenbewegungen – bis heute andauert. So sind in Ohalo II) – als größte bekannte Siedlung in der Levante während der letzten Eiszeit – wie bereits vorangehend erwähnt insgesamt sechs Hüttengrundrisse belegt, deren gleichzeitige Nutzung nicht letztgültig bewiesen werden kann. Auch die Siedlungen des Natufien und des nachfolgenden PPN A bleiben in ihrer Ausdehnung meist noch unter 1 ha Fläche. Im ausgehenden PPN B entstanden schließlich Dörfer von bis zu 10 ha Fläche, für die mit mehr als 3 500 Einwohnern gerechnet wird – die sog. »Megasites«. Die Wohnbauten, die bis dahin in der Regel in Form von Rundhütten konstruiert worden waren, weisen nun einen rechteckigen Grundriss auf ( Abb. 2.2). An verschiedenen Fundorten konnten Steinfundamente dokumentiert werden, auf denen Mauern aus Steinen im Lehmverband oder aus Lehmziegeln errichtet wurden. Das dauerhafte Zusammenleben größerer Gruppen an einem Ort erforderte sicherlich die Entwicklung gewisser sozialer Regeln. Wie diese konkret ausgesehen haben, können wir nur erahnen. Im archäologischen Quellenmaterial fassen wir an verschiedenen Fundstellen die Errichtung von Gebäuden, die aufgrund ihrer Ausmaße (bis zu 20 m Durchmesser), ihrer Gestaltung (umlaufende Bänke, Stützpfeiler aus tonnenschweren Kalksteinen, die plastisch verziert waren, Abb. 2.3) und des Fehlens von Feuerstellen und Mahlsteinen als Gemeinschaftsbauten angesprochen werden (z. B. Göbekli Tepe, Çayönü/beide Anatolien oder Jerf el Ahmar/Syrien). Umlaufende Bänke deuten auf eine Bedeutung als Versammlungsort hin, kleine, abgetrennte Abteile könnten auf eine Funktion zur gemeinschaftlichen Vorratshaltung hinweisen, Bestattungen in diesen belegen auch eine gewisse rituelle Funktion12.


Abb. 2.3: Rundbau mit T-förmigen Stützpfeilern am Göbekli Tepe/Anatolien.

Vom Umgang mit den Toten

Bestattungen sind Spiegel ritueller Praxis, werden in der Archäologie jedoch häufig auch als Indikator für soziale Strukturen in prähistorischen Gesellschaften gewertet. Markante Unterschiede in der Menge oder Qualität von Beigaben zwischen Bestattungen werden z. B. nicht selten als Hinweis auf soziale Unterschiede oder gar hierarchische Gesellschaftsstrukturen interpretiert. Dabei wird diese Interpretation durchaus kritisch gesehen u. a. mit dem Verweis, dass die Totenausstattung durch die noch lebenden Mitglieder einer Gemeinschaft erfolgt und daher auch mit anderen Bedeutungen aufgeladen sein kann. Denkbar ist u. a., dass weniger die soziale Stellung der toten Person zu deren Lebzeiten repräsentiert sein sollte als vielmehr die soziale Stellung der Bestattenden, um nur ein Beispiel zu nennen.

Für die von uns betrachtete Region und Zeit gilt generell, dass die Bestattungsrituale, soweit sie Spuren im archäologischen Fundmaterial hinterlassen haben, im Lauf der Zeit komplexer werden. So sind für das Natufien Einzel- und Mehrfachbestattungen (mehrere Tote wurden gleichzeitig bestattet) in Rücken- oder Hockerlage (die bestattete Person liegt auf einer Körperseite mit angezogenen Beinen) in aufgelassenen Häusern oder eigens angelegten Grabgruben typisch. Einzelne Befunde mit mehreren Bestattungen werden auch als Kollektivgräber (mehrere Tote wurden mit gewissem zeitlichem Abstand nacheinander bestattet) interpretiert (z. B. Azraq 18/Jordanien)13. In den Siedlungen finden sich zudem immer wieder menschliche Skelette oder Teile davon, die scheinbar mit anderen Abfällen entsorgt worden sind. Auch wenn einzelne Knochen als Reste von älteren Bestattungen interpretiert werden können, die durch die Anlage von Gruben zerstört wurden, wird für vollständige Skelette durchaus überlegt, ob diese Toten absichtlich in dieser Form »bestattet« wurden. Sollte dies zutreffen, wäre zu diskutieren, ob sich hier erste soziale Differenzen widerspiegeln14.

Generell kann festgehalten werden, dass die Gesamtzahl der archäologisch dokumentierten Bestattungen so gering ist, dass es bislang nicht möglich ist, zeittypische Bestattungspraktiken zu beschreiben. Neben den bereits genannten Bestattungsformen kann schon ab dem Natufien die sekundäre Entnahme von Schädeln beobachtet werden (z. B. Hayonim Cave, Nahal Oren, Ain Mallaha in Israel), allerdings nur vereinzelt. Hierbei wird der Schädel nach der Bestattung und wohl auch nach der Verwesung entnommen. Diese Praxis gewinnt im Lauf des PPN, vor allem im PPN B, immer mehr an Bedeutung, ebenso wie die Praxis, die Schädel mit Gips oder einem Kalkgemisch zu überziehen und zu modellieren. Hierfür wurden die entnommenen Schädel entfleischt, geglättet und schließlich plastisch übermodelliert. Man nimmt an, dass sie möglicherweise auch zur Schau gestellt wurden ( Abb. 2.4). Schließlich wurden sie erneut deponiert, teilweise im Verbund mit mehreren Schädeln, wie wiederholt entdeckte Schädelnester zeigen. Diese Praxis wird als Hinweis auf eine beginnende Ahnenverehrung gewertet und im Zusammenhang mit der Entwicklung von gewissen Erbschaftsregeln gesehen. In diese Richtung werden auch menschliche Ganzkörperstatuen interpretiert, die aus einem Gemisch von gebranntem Kalk und Lehm hergestellt wurden und in Ain Ghazal/Jordanien (Ende PPN B) entdeckt wurden ( Abb. 2.5). Zudem könnten die Ortskonstanz der Häuser sowie Installationen zur Vorratshaltung innerhalb der Wohngebäude auf die Entwicklung von Privateigentum hindeuten15.


Abb. 2.4: Menschenschädel vom Fundort Jericho, der mit Gips übermodelliert wurde. Im Bereich der Augenhöhlen wurden Muscheln eingesetzt.


Abb. 2.5: Menschengestaltige Statuen, hergestellt aus einem Gemisch aus gebranntem Kalk und Lehm vom Fundort Ain Ghazal/Jordanien.

Eine damit verbundene Herausbildung einer hierarchisch gegliederten Gesellschaftsstruktur ist hingegen umstritten. Während von der einen Seite die Bedeutung der »Megasites« als überörtliche Zentren des Handels und Handwerks und als Wohnort einer politischen und religiösen Elite betont wird, weist die andere Seite darauf hin, dass eindeutige Hinweise auf eine soziale Differenzierung, wie z. B. deutliche Beigabenunterschiede zwischen den Bestattungen, im archäologischen Quellenmaterial fehlen16. Möglicherweise hätten wir heute eine klarere Antwort auf diese Fragen, wenn die Besiedlung der meisten Megasites am Ende des PPN B nicht abrupt geendet hätte (nur einige wenige Siedlungen bestehen in stark verringerter Größe fort), sondern bruchlos weiterbestanden hätte. So bleibt nur festzuhalten, dass die vorangehend beschriebenen Prozesse insbesondere im Bereich der südlichen Levante ihr Ende fanden. Lediglich in Südostanatolien bestanden einzelne Siedlungen weiter (z. B. Çayönü). Als mögliche Ursachen für diesen »Kollaps« werden soziale Probleme bzw. Unruhen, aber auch Klimaveränderung und Umweltzerstörung diskutiert17. Im archäologischen Quellenmaterial fassen wir nun eine teilweise Rückkehr der Menschen zu einer mobilen Lebensweise als nomadische Viehhirten. Ein anderes Bild zeigen dagegen die archäologischen Quellen in Zentralanatolien.

Die Ausbreitung der Nahrungsmittelproduktion nach Westen

Während der südostanatolische Raum Teil des Fruchtbaren Halbmondes und damit der vorangehend beschriebenen Entwicklungen ist, setzt die Besiedlung durch sesshafte Bevölkerungsgruppen in den weiter westlich gelegenen Regionen wie Zentralanatolien nach derzeitigem Kenntnisstand erst zur Zeit des PPN B ein. Ein bereits seit einigen Jahren intensiv untersuchter Fundort ist Aşıklı Höyük in Kappadokien. Dort errichteten Menschen um die Mitte des 9. Jahrtausends v. Chr. mehrere Rundhütten, die um einen Hofplatz gruppiert waren. Die darauffolgende Besiedlungsphase ist hingegen durch eine große Zahl rechteckiger Häuser gekennzeichnet, die aus Lehmziegeln errichtet und dicht aneinandergesetzt waren. Sie bestanden aus ein bis zwei, selten drei Räumen von ca. 3 x 4 m Fläche, der Zugang wird über das Dach rekonstruiert. Die Wände waren innen und außen mit weißer Tonerde verputzt und teilweise mit farbigem Putz bedeckt. Im Innenraum fanden sich Feuerstellen. Unter den Fußböden konnten wiederholt Bestattungen dokumentiert werden. Die Toten waren mit angehockten Beinen in geflochtene Matten gewickelt worden, teilweise mit Ocker bestrichen und mit Beigaben wie Schmuck aus Stein, Tierzähnen oder Kupfer- bzw. Malachitperlen ausgestattet worden18.

Die Bewohner von Aşıklı Höyük deckten ihren Fleischbedarf durch Jagd, wobei im Tierknochenspektrum im Lauf der Zeit Schaf und Ziege an Bedeutung gewannen. Deren Altersstruktur und Herdenzusammensetzung deutet auf ein frühes Management durch den Menschen hin. Dies wird durch Dungfunde innerhalb der Siedlung bestätigt19. Darüber hinaus ist die Nutzung von domestiziertem Getreide (Einkorn, Emmer, Hartweizen) dokumentiert, das jedoch zu diesem Zeitpunkt noch eine untergeordnete Rolle für die Ernährung spielte20.

In der ebenfalls in Zentralanatolien gelegenen Siedlung von Çatal Höyük, die in der zweiten Hälfte des 7. Jahrtausends v. Chr. gegründet wurde, lässt sich hingegen eine deutlich intensivere Nutzung von Kulturpflanzen belegen. Darüber hinaus ist die Haltung domestizierter Schafe und Ziegen dokumentiert. Eine weitere Neuerung, die u. a. in Çatal Höyük fassbar wird und deren Auftreten insbesondere im europäischen Raum die Anfänge des Neolithikums markiert, ist die Keramikproduktion. Sie leitet das sog. keramische Neolithikum (Pottery Neolithic) ein. Als möglicher Grund für diese Innovation wird u. a. eine veränderte Speisenzubereitung diskutiert, da die meisten Keramikgefäße, die wir z. B. aus Çatal Höyük kennen, offenbar in erster Linie zum Kochen verwendet worden waren21.

Da die Funde und Befunde in Aşıklı Höyük und Çatal Höyük sowohl Parallelen als auch Unterschiede (z. B. Architektur) zu den Siedlungen im Fruchtbaren Halbmond aufweisen, stellt sich die Frage, wie sich die neue Lebens- und Wirtschaftsweise nach Westen verbreitet hat. Aufgrund fehlender Nachweise für eine Besiedlung durch mobile Wildbeuter in den unmittelbar vorangehenden Jahrtausenden wurde die Neolithisierung bislang mit der Einwanderung Landwirtschaft betreibender Gruppen aus dem Fruchtbaren Halbmond erklärt. Das dort dokumentierte Bevölkerungswachstum und der Abbruch der Besiedlung am Ende des PPN B (Abwanderung?) untermauerten dieses Erklärungsmodell. Mittlerweile liegen jedoch auch aus dem zentralanatolischen Raum vereinzelt Belege für eine epipaläolithische, zeitlich vorangehende Besiedlung durch Wildbeutergruppen vor, wie z. B. am Fundort Pınarbaşı in der Konya-Ebene22. Dort konnten in einem Abri dünne Nutzungshorizonte sowie eine Bestattung dokumentiert werden, die eine vorneolithische Besiedlung belegen. Die identifizierten Rohmaterialien wie Obsidian, die aus einem Umkreis von bis zu 150 km stammen, deuten auf sehr mobile Gruppen hin, die diesen Ort wiederholt aufsuchten, um Wildrinder und Equiden zu jagen und Fische aus einem nahegelegenen See zu fangen. Im 9. Jahrtausend v. Chr. entstand an dessen Ufer schließlich eine kontinuierlich belegte Siedlung, in deren unteren Schichten Hüttenreste in Form großer ovaler und verputzter Eintiefungen dokumentiert wurden, für die Aufbauten aus mit Lehm beworfenem Flechtwerk rekonstruiert werden. Zudem fanden sich sechs Gräber, in denen die Toten mit Ocker bestreut und mit Pfeilspitzen bestattet wurden. Dies spiegelt ältere Traditionen wider, die die kontinuierliche Entwicklung vom Epipaläolithikum ins Neolithikum in Zentralanatolien ebenfalls untermauern23. Es ist daher durchaus zu diskutieren, welche Rolle der Transfer von Ideen, getragen von mobilen Wildbeutergruppen, für die Ausbreitung der frühen Nahrungsmittelproduktion gespielt hat.

Anfänge in Europa

Diese Aspekte sind auch und aufgrund jüngerer Forschungsergebnisse ganz besonders für den ägäischen Raum relevant ( Abb. 2.6). Dort treten ab der Mitte und in der zweiten Hälfte des 7. Jahrtausends v. Chr. ebenfalls erste Belege für Kulturpflanzennutzung und Haustierhaltung auf (z. B. auf Knossos/Kreta, in Thessalien/Griechenland oder in Westanatolien). Lange Zeit wurde auch für deren Entstehung eine Einwanderung aus den weiter östlich gelegenen Regionen diskutiert. In jüngerer Zeit mehren sich jedoch wie bereits für Aşıklı Höyük und Çatal Höyük die Belege für die Existenz mobiler Wildbeutergruppen, die in dieser Region nicht nur die Ressourcen auf dem griechischen Festland, sondern auch auf den ägäischen Inseln nutzten. Dies setzt gewisse nautische Kenntnisse voraus. Darüber hinaus spiegelt die räumliche Verbreitung spezifischer Rohmaterialien – wie Obsidian (vulkanisches Glas aus dem durch Schlagtechniken schneidende Werkzeuge hergestellt wurden) von der Insel Melos – die Existenz weiträumiger Netzwerke. Es ist daher durchaus vorstellbar, dass die Kenntnisse zur frühen Landwirtschaft über diese bereits zuvor existierenden, die Ägäis überspannenden Netzwerke vermittelt wurden. Genetische Analysen an einzelnen neolithischen Individuen zeigen wiederum große Ähnlichkeiten zwischen Individuen aus der Marmara-Region/Türkei, Nordgriechenland und dem südlichen Zentralanatolien, wobei derzeit unklar ist, wie die gesamte räumliche Verteilung dieser genetischen Muster zu rekonstruieren ist. Südgriechenland scheint sich hingegen genetisch hiervon zu unterscheiden. Dies wird dahingehend interpretiert, dass die Neolithisierung dieser Regionen auf der Ausbreitung bäuerlicher Gruppen aus weiter östlich gelegenen Regionen (zentrales und südliches Anatolien) basierte, aber unterschiedliche Routen nahm. Dabei – so die Idee – könnten die bereits bestehenden Netzwerke diesen Prozess gefördert haben24.

Ein vollwertiges Neolithikum mit dorfähnlichen Siedlungen, deren Bewohner von Landwirtschaft lebten und die von Beginn an Keramik produzierten, fassen wir schließlich in Thessalien um 6450/6300 v. Chr. (z. B. Argissa Magoula, Gediki, Sesklo). Ab dem Ende des 7. Jahrtausends v. Chr. werden auch in den angrenzenden Regionen wie im griechischen Makedonien und Thrakien zahlreiche neue Siedlungen gegründet, zu Beginn des 6. Jahrtausends v. Chr. schließlich auch auf der griechischen Halbinsel Peloponnes.

Die weitere Ausbreitung erfolgte grob in zwei westwärts gerichteten Strömungen – nach Nordosten in den südosteuropäischen Raum hinein bis nach Mitteleuropa und entlang der nördlichen Mittelmeerküste bis nach Südfrankreich und auf die Iberische Halbinsel. Dieser Prozess verlief nach heutigen Erkenntnissen sehr schnell. Betrachtet man die Ausbreitung über die Balkanhalbinsel nach Mitteleuropa hinein, so treten gleichzeitig mit der Aufsiedlung des ägäischen Raumes um 6000 v. Chr. die ältesten neolithischen


Abb. 2.6: Zeitlich differenzierte Kartierung der Ausbreitung der nahrungsmittelproduzierenden Wirtschaftsweise vom Fruchtbaren Halbmond bis Nordwesteuropa.

Siedlungen in den Gebieten der heutigen Staaten Bulgarien, Nordmazedonien, Albanien, Montenegro, Bosnien, Serbien, Rumänien und Ungarn auf. Allen gemein sind der dorfähnliche Charakter der Siedlungen, die Herstellung von Keramik und eine agrarische Wirtschaftsweise. Regional lassen sich jedoch Unterschiede fassen. So handelt es sich in manchen Regionen um Flachsiedlungen (z. B. Strumatal/Bulglarien, Körös-Region/Ungarn), in anderen dagegen um Siedlungshügel, sog. Tellsiedlungen (z. B. Thessalien, Thrakien). Auch die Bauweise der Häuser – in der Regel unterschiedliche Formen von Lehm-Flechtwerk-Architektur – variiert regional, u. a. abhängig vom lokal verfügbaren Baumaterial und dem spezifischen Naturraum. Der Einfluss des Naturraums könnte auch die regionalen Unterschiede in der Bedeutung verschiedener Haustierarten erklären. Allerdings lässt sich im Lauf des Neolithikums generell eine zunehmende Bedeutung der Rinderhaltung beobachten. Noch immer umstritten ist, wie die Keramik des frühesten Neolithikums ausgesehen hat. Die für Griechenland aber auch angrenzende Regionen diskutierte Idee, dass es ein akeramisches (keramikloses) Neolithikum gegeben haben könnte und damit eine mit dem Vorderen Orient und Zentralanatolien direkt vergleichbare Entwicklung des Neolithikums, ist mittlerweile weitgehend widerlegt25. Weiterhin wird dagegen diskutiert, ob es sich bei der ältesten Keramik um monochrome, also einfarbige, oder um bemalte Ware gehandelt hat und welche Szenarien hinter dem Auftreten der mit Eindruckdekor verzierten Keramik (hierfür werden mit unterschiedlichen Instrumenten Muster in den noch formbaren Ton eingedrückt) stehen könnten. Generell basieren viele Ideen und Modelle zur Neolithisierung Südosteuropas auf typologischen Vergleichen und der impliziten Annahme, dass die meisten oder gar alle Neuerungen aus dem Vorderen Orient und der Türkei gekommen sein müssen. Viele dieser Fragen werden sich jedoch erst dann letztgültig beantworten lassen, wenn von den zahlreichen frühneolithischen Fundstellen ausreichend qualitätvolle Radiocarbondaten vorliegen, die eine verlässliche Einschätzung der zeitlichen Entwicklung verschiedener Merkmale erlauben. Darüber hinaus fehlen in vielen Regionen Südosteuropas Belege für eine vorneolithische Besiedlung, was lange Zeit als Hinweis auf eine Neolithisierung durch Kolonisation aus östlich benachbarten Regionen gewertet wurde. Wie jüngere Forschungsergebnisse aus dem ägäischen Raum zeigen, ist jedoch nicht auszuschließen, dass dieses Bild weniger die Realität widerspiegelt als vielmehr eine Forschungslücke, die es in Zukunft zu schließen gilt. Großräumig betrachtet deuten die regionalen Unterschiede darauf hin, dass es in Südosteuropa keine singuläre Route von Südost nach Nordwest gegeben hat, sondern mit vielen Routen gerechnet werden muss, über die die Ausbreitung der neuen Wirtschafts- und Lebensweise verlaufen ist. Als Träger können wir uns kleine, mobile Gruppen vorstellen, die miteinander interagierten und sich gegenseitig beeinflussten26.

Eine zweite große Ausbreitungsroute der lebensmittelproduzierenden Wirtschaftsweise verlief über das Mittelmeer bis auf die Iberische Halbinsel. Im archäologischen Quellenmaterial fällt vor allem auf, dass die Keramik dieser frühbäuerlichen Gruppen aufgrund der charakteristischen Abdruckverzierung (u. a. Abdrücke, die mit dem Rand der Cardium-Muschel in den noch formbaren Ton gemacht wurden) deutlich anders aussieht als die der frühbäuerlichen Gruppen auf der Balkanhalbinsel und im Karpatenbecken. Sie werden daher in der Literatur unter dem Oberbegriff der »Impressakulturen« zusammengefasst. Dabei handelt es sich nicht um ein homogenes großräumiges Phänomen, sondern um verschiedene Keramikgruppen, hinter denen unterschiedliche Akteure standen. So lässt sich ab etwa 6100 v. Chr. eine flachbodige, flächig verzierte Keramik entlang der adriatischen Küste fassen, um 5700 v. Chr. eine Furchenstich-verzierte Keramik (Ritzverzierung, bei deren Erzeugung das Verzierungsinstrument auf und ab bewegt wird, so dass eine Ritzlinie entsteht, die in ihrem Verlauf wiederholt eingetieft ist) in Südfrankreich und ab 5500/5400 v. Chr. eine rundbodige, mit plastisch aufgelegten Tonlinsen verzierte Keramik entlang der spanischen und französischen Mittelmeerküste (sog. Cardial franco-ibérique). Da die Funde überwiegend aus Höhlenfundstellen stammen, die im Kontext von Viehwirtschaft und Jagdzügen lediglich saisonal genutzt wurden, ist über die Lebens- und Wirtschaftsweise dieser Gruppen bislang weit weniger bekannt, als über die frühen Bauern in Südost- und Mitteleuropa. Es deutet sich jedoch an, dass die bislang dokumentierten Freilandfundstellen gezielt auf leicht zu bearbeitenden Böden errichtet wurden. Zudem liegen sie häufig in der Nähe von Seen und Mooren (z. B. La Draga/Spanien)27.

Wie Detailstudien in den letzten Jahren zeigen konnten, wurden die Anfänge der Nahrungsmittelproduktion von unterschiedlichen Akteuren getragen. So weisen z. B. Kontinuitäten bei der Art und Weise der Herstellung von Steinwerkzeugen darauf hin, dass auch Gruppen von in diesen Regionen noch lebenden Wildbeutern eine Rolle gespielt haben, indem sie die neue Wirtschaftsweise übernahmen und in ihre alltäglichen Praktiken integrierten. Die »Erfindung« und Ausbreitung der Nahrungsmittelproduktion wirkten sich in jedem Fall nachhaltig auf die weitere Entwicklung menschlicher Gesellschaften aus, nicht nur in Europa. Denn wir sehen vergleichbare Prozesse auch im archäologischen Quellenmaterial in anderen Teilen der Welt.

3 Die Anfänge der Nahrungsmittelproduktion als globales Phänomen

Die Anfänge der Nahrungsmittelproduktion Europas liegen im Vorderen Orient. Global gesehen haben sich Kulturpflanzenanbau und Haustierhaltung jedoch unabhängig voneinander in mehreren Regionen der Welt entwickelt, allerdings zu unterschiedlichen Zeiten und auf Basis anderer Domestikate ( Abb. 3.1 und 3.2). Dabei war das Bild lange Zeit verzerrt, da aufgrund der schwierigen Erhaltungsbedingungen sowie aufgrund der generell schlechten Erhaltung von Knollengewächsen Aussagen zur frühen Domestikation gerade in den tropischen Regionen schwierig waren. In den letzten Jahren haben sich die Methoden zur Analyse von mikrofossilen Merkmalen domestizierter Arten wie Phytolithe und Stärkereste jedoch deutlich verbessert. Dadurch ist es nun möglich, ein detaillierteres und sicherlich auch stimmigeres Bild zu zeichnen1.

Amerika
Nordamerika

In Nordamerika sind die östlichen USA als Erstdomestikationszentrum zu nennen. Hier wurden Sumpfholunder (Iva annua), Gänsefuß, Gartenkürbis (Cucurbita pepo) und die Sonnenblume domestiziert. Dahingehende Belege sind die Größenzunahme von Kernen beim Kürbis und von Früchten beim Sumpfholunder und bei der Sonnenblume sowie eine dünnere Samenschale beim Gänsefuß. Sumpfholunder wurde bereits 6000 v. Chr. intensiv genutzt, dies zeigen Nachweise aus verschiedenen Fundstellen. Der älteste Domestikationsbeleg dieser Pflanze stammt aus Napoleon Hollow/Illinois und datiert um 2000 v. Chr.2, wobei mit einem Domestikationsbeginn um 2400 v. Chr. gerechnet wird3. Auch Gänsefuß wurde bereits um 6500 v. Chr. intensiv genutzt, Domestikationsnachweise in Form von größeren Samen datieren hingegen erst um 1500 v. Chr. (Cloudsplitter und Newt Kash/beide Kentucky sowie Riverton/Illinois)4. Von beiden Pflanzen wurden insbesondere die Samen genutzt, welche aus heutiger Sicht vergleichsweise klein und wenig nahrhaft erscheinen mögen. Leichter vorstellbar erscheint die Domestikation des Gartenkürbisses, den wir auch aus unseren Gärten kennen, so z. B. in seiner Unterart der Zucchini. Während um 6000 v. Chr. die Frucht bereits intensiv genutzt wurde, datieren die ältesten Belege für seine Domestikation (Phillips Springs/Missouri) um 3000 v. Chr.5 Dabei lässt sich im Lauf der nachfolgenden Jahrtausende noch einmal eine deutliche Größenzunahme beobachten. Aus heutiger Perspektive ebenfalls gut nachvollziehbar ist die Domestikation der Sonnenblume, die sich vor knapp 5 000 Jahren in Hayes/Tennessee erstmals fassen lässt. Aus Mexiko breitete sich ab ca. 200 v. Chr. der Mais in die USA aus6. Auch für den Truthahn wird eine Ausbreitung aus Mexiko diskutiert, möglich ist aber ebenso, dass er im nordamerikanischen Südwesten domestiziert wurde. In den östlichen USA wurden hingegen keine Haustiere gehalten, stattdessen wurden Weißwedelhirsch, Waschbär, Opossum oder wilder Truthahn gejagt.

Eine wichtige Voraussetzung für die beschriebenen Domestikationsprozesse sind klimatische Veränderungen. Diese führten dazu, dass sich zwischen 4500 und 4000 v. Chr. stabile, mäandrierende Flussbetten mit Altwasserarmen, Flachwasserzonen und Sumpfgebieten herausbildeten, die den genannten Domestikaten und vielen anderen Pflanzen (vor allem Eichen und Walnussbäumen) und Tieren ideale Lebensbedingungen boten. Da der Rückgang der Niederschlagsmengen zudem die Ressourcendichte auf den bis dahin besiedelten Hochflächen negativ beeinflusste, nimmt man an, dass die Menschen um diese Zeit gezielt in die Flusstäler zogen, um die dort reich vorhandenen Ressourcen zu nutzen. So lässt sich beobachten, dass die Fundstellen, von denen frühe Nachweise für Domestikate vorliegen, in der Regel in kleineren Flusstälern lagen, die direkt oder über weitere Flüsse in den Mississippi entwässerten7. Diese Siedlungen wurden von wohl mobilen Jäger- und Sammlergruppen unterhalten8.

Abb. 3.1: Anfänge der Nahrungsmittelproduktion – hier Pflanzendomestikation – weltweit.

Abb. 3.2: Anfänge der Nahrungsmittelproduktion – hier Tierdomestikation – weltweit.

Mittelamerika

Mittelamerika ist Schauplatz der Domestikation einiger global wichtiger Pflanzenarten und einer Tierart: Mais, Kürbis, Bohne und Truthahn. So stammen die derzeit ältesten Belege für domestizierten Mais aus dem Einzugsgebiet des Balsas-Flusses im südwestlichen Mexiko. Dort wurden im Abri von Xihuatoxtla Mahlsteine geborgen, die Überreste von Maisstärke und Maisphytolithen aufwiesen. Die ältesten Funde stammen aus einer Schicht, für die ein absolutes Datum von 6700 v. Chr. vorliegt9. Dabei sind auch hier die Protagonisten saisonal mobile Jäger- und Sammlergruppen, die den in dieser tropischen Region heimischen wilden Vorfahren der Maispflanze domestizierten. Von ebendieser Fundstelle liegen auch Belege einer domestizierten Kürbisart vor, die ebenfalls dieses hohe Alter aufweist10. Bislang ungeklärt ist, um welche Unterart es sich dabei handelt. Die ältesten bekannten Belege für die Domestikation von Kürbis stammen aus der Höhle Guila Naquitz im Oaxaca-Tal Südwestmexikos, die zwischen 8000 und 6400 v. Chr. datieren11. Bislang nicht letztgültig geklärt ist die Domestikation der Bohne. Diskutiert wird ein Ursprung in Mittelamerika, in Südamerika oder aber die Existenz mehrerer unabhängiger Domestikationsgebiete12. Auch die Diskussionen um die Domestikation des Truthahns sind nicht abgeschlossen. Ein singulärer Ursprung in Zentralmexiko (älteste indirekte Belege aus El Mirador/Guatemala 300 v. Chr.–100 n. Chr.) wird ebenso in Erwägung gezogen wie ein polyzentrischer in Mexiko und den südwestlichen USA (zwischen 200 v. Chr. und 450 n. Chr.)13. Während in Mittelamerika – global gesehen – die ältesten Daten für frühe Pflanzendomestikate vorliegen, ist die Produktion von Keramik erst um 2000 v. Chr. belegt14.

Südamerika

In Südamerika müssen im Zusammenhang mit der Frage nach dem Beginn der Nahrungsmittelproduktion Ecuador und das nördliche Peru, die nördliche und mittlere Andenregion, Kolumbien und das Amazonasbecken betrachtet werden15. Die Naturräume, in denen sich diese Prozesse abspielten, sehen daher ganz unterschiedlich aus. Neben den genannten Gebieten werden weitere Einzelbelege z. B. für die Domestikation der Ananas oder der Pfirsichpalme diskutiert. Dabei steht in Südamerika die Erforschung etlicher Arten erst am Anfang. In vielen Fällen ist noch unklar, wann die Domestikation begann und für einige Arten muss geklärt werden, ob sich diese in einer oder unabhängig voneinander in mehreren Regionen abspielte. Ein gemeinsames Merkmal der beschriebenen Regionen ist hingegen, dass sich diese Prozesse im Kontext mobiler Jäger- und Sammlergruppen vollzogen. Sesshaftigkeit lässt sich in Südamerika erst nach 4000 v. Chr. fassen16.

Für Kolumbien wird die Domestikation von Kürbis, Indischem Blumenrohr, Pfeilwurz, Süßkartoffel und Tannia (Aaronstabgewächs) angenommen, für Ecuador und Nordperu die von Kürbis, Baumwolle und verschiedenen Bohnenarten. Für die nördlichen Anden wird diskutiert, ob Kartoffel, Lama, Alpaka und knolliger Sauerklee hier domestiziert wurden, für die mittleren Anden Quinoa, Amaranth und das Meerschweinchen. Im Amazonasbecken wird hingegen der Ursprung der domestizierten Formen von Maniok und Erdnuss gesehen. Über die genannten Regionen hinaus spielen einzelne Fundstellen in der Diskussion z. B. um den Ursprung von Ananas, Pfirsichpalme oder Chilischoten und Coca eine Rolle17. Die hier beschriebenen Prozesse können für einige Arten wie Yams, Indisches Blumenrohr, Pfeilwurz oder Tannia bislang jedoch nicht abschließend nachvollzogen werden.

Asien
China

Auch innerhalb der Grenzen des heutigen Chinas kam es zur Domestikation verschiedener Wild- und Pflanzenarten. Bemerkenswert ist, dass die Nutzung von Keramik bereits sehr lange vor dem Beginn der Nahrungsmittelproduktion belegt ist. In der Höhle Xianrendong in Südchina konnte schwach gebrannte Ware dokumentiert werden, die um 20 000 vor heute datiert wird18. In Ostasien, einschließlich Japan, folgen dann über die nächsten 10 000 Jahre bis zum Ende der Eiszeit eine Reihe von Fundplätzen mit früher Keramik im Milieu von Wildbeutergemeinschaften19.

Für die Pflanzendomestikation müssen zwei Regionen näher betrachtet werden – im nördlichen China das Einzugsgebiet des Huanghe-Flusses mit den umliegenden Gebirgszügen, im südlichen China der Flusslauf des Yangtze. An dessen Unter- und Mittellauf lassen sich die frühesten Nachweise für die Kultivierung und schließlich Domestikation von Nassreis fassen (Oryza Sativa, unklar bleibt, ob indica oder japonica, diskutiert wird jedoch, ob die Differenzierung zu jenem Zeitpunkt evtl. noch nicht stattgefunden hatte). Dabei kann die Domestikation als langsam verlaufender Prozess nachgezeichnet werden, der erst zwischen 4500 und 4000 v. Chr. abgeschlossen war. Dieser gehen mehrere Jahrtausende intensiver Nutzung und Kultivierung von Nassreis voraus20. Die Entwicklung lässt sich sowohl am Mittellauf (sog. Pengtoushan-Bashidang-Kultur) als auch am Unterlauf des Yangtze (sog. Hemudu-Kultur) fassen. So datieren Nassreisfunde in den frühen Kulturschichten von Bashidang (Prov. Hunan), die eine erste Kultivierung anzeigen, um 7000–6000 v. Chr., die Domestikation ist hingegen erst ca. 2000 Jahre später fassbar21. Im Verbreitungsgebiet der sog. Hemudu-Kultur (Prov. Zhejiang) am Unterlauf des Yangtze wurden ebenfalls frühe Belege für die Domestikation von Nassreis dokumentiert. Die archäologischen Quellen von mehreren Fundorten ermöglichen es, eine schrittweise Entwicklung des Domestikationsprozesses sichtbar zu machen. So liegen aus Kuahuqiao Hinweise auf eine erste gezielte Kultivierung zwischen 6000 und 5700 v. Chr. vor22. Am Fundort Tianluoshan wird zwischen 4900 und 4600 v. Chr. eine Intensivierung der Reisnutzung erkennbar, die begleitet wird von der Zunahme verschiedener Domestikationsmerkmale (abnehmende Brüchigkeit der Ährenspindeln, Zunahme der Korngröße sowie der erhaltenen Phytolithe, verstärktes Auftreten begleitender Unkrautflora). Diese Entwicklung erreichte nach 4500 v. Chr. schließlich ihren Höhepunkt und wird derzeit als zeitlicher Marker für die Domestikation des Nassreises gewertet23.

Die Domestikation von Kolben- und Rispenhirse (Setaria italica und Panicum miliaceum) fand hingegen im nördlichen China, im Vorgebirgsbereich zwischen HuangHe und den umgebenden Gebirgen statt24. Dabei lassen sich mittlerweile eine ganze Reihe von Fundorten unterschiedlicher und teilweise weit voneinander entfernter archäologischer Kulturen fassen, die frühe, vor 5000 v. Chr. datierende Nachweise domestizierter Hirse lieferten25. Aufgrund der teilweise großen Distanzen zwischen diesen wird diskutiert, ob die Domestikation der beiden Hirsearten unabhängig voneinander an mehreren Orten stattgefunden hat26. Dabei deutet das archäologische Fundmaterial darauf hin, dass dieser Prozess innerhalb hochmobiler Jäger- und Sammlergruppen stattfand27.

Generell spielen Wildtiere in der Anfangszeit der Pflanzendomestikation in China weiterhin eine wichtige Rolle, wie sich z. B. anhand der neolithischen Fundstellen entlang des Yangtze zeigen lässt. Jedoch gibt es neuerdings auch sehr frühe Hinweise auf die Haltung einheimischer Wildformen des Rindes (Bos taurus/indicus) in Nordchina um 8600 v. Chr.28. Obwohl die domestizierte Form des Schweins ab ca. 6000 v. Chr. (am Fundort Kuahuqiao bereits 6200 v. Chr.; am Fundort Jiahu möglicherweise schon ab 6600 v. Chr.) im Einzugsgebiet des Yangtze und des Huanghe nachweisbar ist, dominieren in den Fundstellen entlang des erstgenannten weiterhin (bis ca. 2000 v. Chr.) verschiedene Wildtier- und Fischarten29. Im Einzugsgebiet des Huanghe spielt das domestizierte Schwein hingegen bereits nach 4000 v. Chr. eine wichtige Rolle als Haustier30. Unsicher ist hingegen die Domestikation des Wasserbüffels, die für die Yangtze-Region angenommen wird31. Auch für die Domestikation von Enten und Gänsen liegen bislang keine ausreichenden Belege vor32.

Japan

Während der Nassreisanbau neben dem Anbau von Gerste, Weizen, Hirse und anderen Getreiden in Japan erst ab dem 1. Jahrtausend v. Chr. als etabliert betrachtet werden kann und mit hoher Wahrscheinlichkeit über China und/oder Korea vermittelt wurde, wird bereits für die frühe Zeit der Jomon Kultur (Bezeichnung für die in Japan ab ca. 14 000 v. Chr. bis ca. 500 v. Chr. verbreiteten archäologischen Quellen) die intensive Nutzung von Hühnerhirse (Echinochloa crus-galli) fassbar. Die ältesten Belege (ca. 7000–6700 v. Chr.) stammen von der Fundstelle Nakano B. Im Lauf der nachfolgenden Jahrtausende lässt sich schließlich eine Vergrößerung der Samen um mehr als 20 % beobachten, die auf deren bewusste Selektion hinweist. Ein Exemplar, das aufgrund des Fundkontextes in das mittlere Jomon (4. Jahrtausend–Mitte 3. Jahrtausend v. Chr.) datiert, weist bereits die Größe kultivierter Arten auf33. Auch für eine der zahlreichen Sojabohnenarten, deren Wildform in Japan heimisch ist, wird aufgrund einer zu beobachtenden Vergrößerung der Frucht eine unabhängige Domestikation vor ca. 4 000 Jahren diskutiert34. Dieser frühe Pflanzenanbau läuft im Kontext einer sesshaften Lebensweise ab, wie die archäologischen Nachweise von Hausbau, Keramikproduktion, Vorratshaltung und Mahlsteinen deutlich zeigen35. Haustiere wurden ähnlich wie Nassreis und diverse Getreidearten von außen eingeführt (z. B. Schwein oder Huhn um 500–300 v. Chr.). Für das Schwein wird jedoch diskutiert, ob eine lokale Domestikation von Wildschweinen stattgefunden haben könnte – letztgültige Belege fehlen derzeit. Erst während der Kofun-Zeit (300–710 n. Chr.) kommen Hausrind sowie Hauspferd hinzu36.

Neuguinea

Bereits in den 1930er-Jahren vermuteten einzelne Botaniker und Archäologen, dass Neuguinea wie auch andere Teile Südostasiens aufgrund der Diversität der dort natürlich vorkommenden Wurzel- und Knollenpflanzen zu den globalen Erstdomestikationsgebieten gehörten. Die Belege dafür fehlten jedoch lange Zeit, was u. a. darauf zurückzuführen ist, dass sich im tropischen Klima Samen und Früchte kaum bis gar nicht erhalten37. Forschungsarbeiten der letzten Jahrzehnte lassen nun jedoch konkretere Aussagen zu. Die bestuntersuchte Region ist dabei das Obere Wahgi Tal mit dem Fundort Kuk Swamp im Hochland von Neuguinea. Dort konnte ein schrittweiser Domestikationsprozess dokumentiert werden. Zwischen 8000 und 4600 v. Chr. lässt sich eine durch den Menschen verursachte oder zumindest beeinflusste Entwaldung und die Ausbreitung von Grasland beobachten. Dies beförderte das Wachstum niedrig wachsender Pflanzen wie Banane und könnte auf ein gezieltes »Management« der Landschaft hindeuten38. Um 8000 v. Chr. wurden zudem Taro- und Yams-Pflanzen im Hochland (Kuk Swamp) genutzt. Da das natürliche Habitat von Banane und Taro im Tiefland liegt, ist denkbar, dass diese Pflanzen bewusst ins Hochland verpflanzt worden sind. Dies spiegeln eine erste Zeit intensiver Nutzung der in Neuguinea natürlich vorkommenden Pflanzen wider sowie eine erste Kultivierung am Rand der Feuchtböden. In einer zweiten Phase (um 4600 v. Chr.) wurden künstliche Hügel errichtet, auf denen Pflanzen kultiviert wurden. Aus dieser Zeit stammen auch die ältesten Belege für geschliffene Steingeräte, die zur gut dokumentierten massiven Entwaldung gedient haben könnten. Da sich zudem die Anzeichen für Feuereinsatz zur Waldreduktion mehren, könnte in dieser Zeit bereits Brandfeldbau (swidden cultivation) eine Rolle gespielt haben. In einer dritten Phase (2350–1980 v. Chr.) lassen sich schließlich Feldsysteme fassen, die durch die Anlage von Gräben gekennzeichnet sind. Diese dienten der Entwässerung und damit der zusätzlichen Nutzbarmachung von landwirtschaftlichen Flächen in Feuchtbodenarealen. Hierzu gehören auch die ältesten Belege für hölzerne Spaten und erste Anzeichen einer sesshaften Lebensweise39.

Indischer Subkontinent

Die Anfänge der Nahrungsmittelproduktion auf dem Indischen Subkontinent basieren sowohl auf der Domestikation einheimischer Arten als auch auf der Einführung exogener Arten aus benachbarten Erstdomestikationszentren wie Ostasien oder dem Vorderen Orient. Grundsätzlich ist diese Region durch eine hohe Biodiversität an Pflanzen gekennzeichnet, die vor allem diverse Getreide- und Hülsenfruchtarten einschließt. Diese bilden die Basis für die Domestikation einer Reihe von Kulturpflanzen. So wird diskutiert, ob Mungobohne, Pferdebohne sowie Braunhirse und »Quirlige Borstenhirse« im südlichen Zentralindien (Dekkan) im 2. Jahrtausend v. Chr. domestiziert wurden. Eindeutige morphologische Merkmale, die dies belegen könnten, fehlen jedoch bislang. Auffällig ist lediglich ihr häufiges Auftreten in z. T. hohen Anteilen sowie ihr gemeinsames Auftreten mit exogenen domestizierten Arten wie Weizen und Gerste. Daher wird diskutiert, ob die Einführung von Domestikaten wie Getreide, aber auch Schaf, Ziege und Rind (letztere erstmals zwischen 3000 und 2600 v. Chr. belegt) die Domestikation lokaler Arten angestoßen haben könnte. Ähnlich wird für die Domestikation von Reis (oryza indica) im Gangesdelta argumentiert, wo Domestikationsmerkmale für Oryza sativa indica erst fassbar werden, als Oryza sativa japonica aus China über Nordindien auf den Subkontinent gelangte und Hybridisierungsprozesse vermutlich den Anstoß für eine letztgültige Domestikation gegeben haben. Eine intensive Nutzung von Reis lässt sich bereits für das 9. Jahrtausend v. Chr. belegen, der Anbau von domestiziertem Reis erst für das 3. und 2. Jahrtausend v. Chr. – mit den ältesten Nachweisen (vor 2400 v. Chr.) aus dem mittleren Gangestal. Eine ebenfalls durch äußere Einflüsse angestoßene Domestikation könnte die der Straucherbse im Raum Orissa im östlichen Indien gewesen sein. Die ältesten Belege für diese nahöstlichen Einflüsse datieren an das Ende des 8. Jahrtausends und in das frühe 7. Jahrtausend v. Chr. und kommen aus dem Gebiet des heutigen Pakistan. Am Fundort Mehrgarh ist der Anbau von Einkorn, Emmer und Gerste belegt sowie die Haltung von Ziegen – Arten, die aus dem Vorderen Orient eingeführt wurden. Nur für das Zebu-Rind wird eine lokale Domestikation im Bereich des Industales fassbar, die etwas um 6000 v. Chr. datiert. In den nachfolgenden Jahrtausenden kommen zudem Sesam und Wasserbüffel hinzu. All diese Prozesse scheinen im Kontext mobiler Wildbeutergruppen stattgefunden zu haben, während eine sesshafte Lebensweise erst im späten 3. bzw. frühen 2. Jahrtausend v. Chr. fassbar wird40.

Afrika

Auf dem afrikanischen Kontinent finden sich mehrere Regionen, die als Erstdomestikationszentren von Kulturpflanzen betrachtet werden. So wurden im Bereich der westafrikanischen Sahara und der Sahelzone die Perlhirse (zweiten Hälfte 3. Jahrtausend v. Chr.) und wahrscheinlich auch die Wassermelone (um 2000 v. Chr.) domestiziert. In der westafrikanischen Savanne waren es Foniohirse (400/500 n. Chr.), Afrikanischer Reis (ab ca. 500 v. Chr.), die Kuhbohne (ca. 1700 v. Chr.), die Bambara-Erdnuss (ca. 500 v. Chr.) und der Baobab Baum (ca. 1000 v. Chr.). Entlang der Regenwaldgebiete der westafrikanischen Küste zählten Yams, Ölpalme (spätestens ab 1500 v. Chr.) sowie Kolanuss zu den domestizierten Pflanzenarten. In der Savannenregion des östlichen Sudan wurden wahrscheinlich Sorghumhirse (ca. 500 v. Chr.) und möglicherweise auch die sog. Helmbohne (Ägyptische Bohne; erst um/nach Christi Geburt) domestiziert. Aus dem äthiopischen Hochland stammen Kaffee, Ensete und T’ef (ca. 500 v. Chr.)41.

Dies darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Anfänge der Nahrungsmittelproduktion in Afrika eng mit der Haltung von Haustieren verknüpft waren, insbesondere dem Rind. Während Schaf, Ziege, Schwein und Esel aus dem Vorderen Orient stammen und eingeführt wurden, wird für das Rind diskutiert, ob es einen genetischen Ursprung in Nordostafrika hat. Ausgangspunkt dieser Annahme waren Knochenfunde von großen Rindern in der Region um Nabta Playa und Bir Kiseiba im heutigen Ägypten, die von den Ausgräbern (Fred Wendorf/Romuald Schild) auf ein Alter von 10 000 Jahren datiert und als domestiziert angesprochen wurden mit dem Argument, dass größere Wildtiere in den dort vorgefundenen naturräumlichen Bedingungen nicht ohne menschliche Einflussnahme überlebt hätten. Dies ist jedoch umstritten, auch weil die Größen der dokumentierten Individuen durchaus im Bereich von Auerochsen liegen. Zudem deuten genetische Analysen an afrikanischen Rindern darauf hin, dass ihr Ursprung in Südwestasien liegt. Allerdings wird auch diskutiert, ob es kurz nach Ankunft dieses Haustieres in Afrika zur Einkreuzung einheimischer Rinder kam, da kleinere Unterschiede in den genetischen Signaturen zwischen nahöstlichen und afrikanischen Rindern fassbar sind. Für Schaf (Ende 5. Jahrtausend v. Chr.), Ziege (ab ca. 5000 v. Chr.), Schwein und Esel (Ende 4. bzw. erste Hälfte 3. Jahrtausend v. Chr.) ist ihr nahöstlicher Ursprung hingegen unumstritten. Später kommen Huhn und Dromedar hinzu (1. Jahrtausend n. Chr.). Erstgenanntes stammt aus dem asiatischen Raum, während das Dromedar auf der arabischen Halbinsel domestiziert wurde. Das Perlhuhn wurde hingegen in Afrika, wahrscheinlich dem Sahel, domestiziert (vermutlich 1. Jahrtausend n. Chr.). Und schließlich gelangten über das Horn von Afrika Zebu-Rinder von Indien auf den afrikanischen Kontinent42.

Insbesondere im Bereich der Sahara und des Sahel bildete sich bereits früh eine spezielle Form der Landwirtschaft heraus, der Agropastoralismus. Dies geschah in einer Zeit, als die Sahara noch eine fruchtbare Savannenlandschaft war (sog. »Grüne Sahara«). Die ältesten Daten für die Haltung domestizierter Rinder stammen dabei aus der östlichen Sahara. So datieren Belege domestizierter Rinder aus Fundorten südlich des 2. Nilkatarakts um 7000 v. Chr., während die Daten aus der westlichen Sahara eindeutig jünger sind. Die Auswertung von Tierknochen, ebenso wie szenische Darstellungen auf Felsbilder deuten zudem auf Milchnutzung zu einem relativ frühen Zeitpunkt hin. Dies wird durch Ergebnisse genetischer Analysen an ostafrikanischen Bevölkerungsgruppen unterstrichen, die genetische Marker für Laktasepersistenz bereits für die Zeit um 5000 bis 4000 v. Chr. dokumentieren, sodass hier möglicherweise koevolutionäre Prozesse fassbar werden. Als sich nach 2500 v. Chr. die klimatischen Bedingungen für den Agropastoralismus in der Sahara zunehmend verschlechterten, zogen die Menschen weiter nach Süden in den Bereich der heutigen Sahelzone, wo schließlich auch domestizierte Pflanzen angebaut wurden43.

Zusammengefasst sehen wir, dass es global eine ganze Reihe von Erstdomestikationszentren gibt, in denen unterschiedliche indigene Wildtier- und -pflanzenarten domestiziert wurden. Dies war nicht überall verknüpft mit einer sesshaften Lebensweise wie im Vorderen Orient. In manchen Regionen wurden zudem nur Pflanzen oder aber nur Tiere domestiziert. In allen Regionen dürfte es sich jedoch um einen relativ langfristigen Prozess gehandelt haben, auch wenn dies im Detail bislang nicht überall erforscht wurde. Dennoch wird dieser Prozess insbesondere für den Vorderen Orient häufig als »Neolithische Revolution« beschrieben. Und in der Tat stellt dieser Schritt eine fundamentale Veränderung im Leben der Menschen dar, der dauerhafte Folgen hatte.

4 Die letzten Jäger und Sammler Mitteleuropas – kulturelle Sackgasse oder Wegbereiter für eine neue Zeit?

Vor Beginn der nahrungsmittelproduzierenden Wirtschaftsweise lebten in vielen Teilen der Welt Wildbeutergesellschaften, die ihre Nahrung durch Jagen, Sammeln und Fischen gewannen (sog. aneignende Wirtschaftsweise im Gegensatz zur produzierenden Wirtschaftsweise bäuerlicher Gruppen). Häufig wird der Begriff »Wildbeuter« im prähistorischen Kontext mit der Zeit der großen Eiszeitjäger assoziiert. Es gibt jedoch auch holozäne Wildbeutergruppen, die die immer dichter werdenden Wälder Europas besiedelten. In der Konfrontation mit einer sich vergleichsweise schnell wandelnden Umwelt entwickelten sie ausgefeilte Strategien, um die vorhandenen Ressourcen zu nutzen und teilweise sogar zu optimieren. Diese Epoche wird im europäischen Raum als sog. Mittelsteinzeit (Mesolithikum, ca. 9600–5400 v. Chr.) bezeichnet.

Forschungsgeschichtlich betrachtet wurde dieser Abschnitt der Steinzeit in vielen – bei Weitem aber nicht allen – Regionen lange Zeit als relativ bedeutungslose Übergangsepoche zwischen dem Ende der Eiszeit und dem Beginn der Landwirtschaft gesehen. Dies trifft insbesondere auf den zentraleuropäischen Raum zu. Eine globale Perspektive verdeutlicht jedoch, dass in dieser vermeintlich bedeutungslosen Epoche zwischen dem reinen Wildbeuter-Dasein des Pleistozäns und der agrarisch geprägten Lebensweise wichtige Grundlagen für die weitere Entwicklung gelegt wurden, die die Anfänge der Nahrungsmittelproduktion erst ermöglichten.

Wichtige Eckdaten und ein kurzer Blick in die Forschungsgeschichte

Der Begriff »Mittelsteinzeit« bzw. »Mesolithikum« wurde 1872 von dem irischen Archäologen Hodder Westropp erstmals verwendet, setzte sich aber erst im frühen 20. Jahrhundert durch. Das Mesolithikum beginnt, nachdem das Eiszeitalter (Pleistozän) endgültig vorbei ist. Das Pleistozän ist eine Zeit ständigen Klimawandels, geprägt von Kalt- und Warmzeiten. Es endet mit der sog. Jüngeren Dryas (Dryas 3), einem massiven Kälteeinbruch, der nach 11800 v. Chr. noch einmal eiszeitliche Bedingungen nach Mitteleuropa zurückbrachte und damit einhergehend eine subarktische Fauna, darunter Rentierherden, die eine wichtige Nahrungsgrundlage für die Menschen bildeten. Um 9650 v. Chr. endet diese Phase. Auf diesen Kälteeinbruch folgte eine Wiedererwärmung, die tiefgreifende Umweltveränderungen zu Folge hatte. Aus dieser frühen Zeit sind bislang jedoch nur wenige mesolithische Fundstellen bekannt. Die meisten bekannten Fundstellen stammen im mitteleuropäischen Kontext aus dem mittleren Mesolithikum. Das Ende des Mesolithikums (Spätmesolithikum) wird markiert durch die Anfänge der Nahrungsmittelproduktion, die im zentralen Mitteleuropa um 5400 v. Chr., im nördlichen Mitteleuropa dagegen erst um 4100 v. Chr. datieren. Aus dieser Zeit ist die Zahl der bekannten Fundstellen wiederum geringer.

Spektakuläre Funde und Befunde, wie wir sie aus altsteinzeitlichen Kontexten kennen (z. B. Figurinen aus Elfenbein oder Höhlenmalereien), fehlen aus dieser Epoche. Stattdessen überwiegen im archäologischen Quellenmaterial vergleichsweise kleine Feuersteinartefakte (< 3 cm), sog. Mikrolithen, die als Geschossspitzen dienten ( Abb. 4.1). Der Mangel an Quellen schien die angenommene Bedeutungslosigkeit dieser Epoche lange Zeit zu unterstreichen. Zudem passte dieses Bild in das im 19. und teilweise auch noch im 20. Jahrhundert vorherrschende evolutionistische Paradigma, das die wissenschaftliche Denkweise stark prägte. Damit verknüpft war die Vorstellung einer unilinearen Entwicklung menschlicher Gesellschaften vom Wildbeutertum über bäuerliche bis hin zu staatlichen Gesellschaften, die z. B. Lewis Henry Morgan in seinem Werk Ancient Society 1877 vertrat.

Abb. 4.1: Mesolithische Mikrolithen aus Nordrhein-Westfalen. Obere Reihe: Frühmesolithikum vom Fundplatz Mönchengladbach-Geneicken (ca. 9500–9200 v. Chr.), mittlere Reihe: Rhein-Maas-Schelde-Kultur, spätes Früh- und Spätmesolithikum von den Fundstellen Wegberg 1 und 2 sowie aus der Sammlung Lau (ca. 7400–4900 v. Chr.), untere Reihe: Spätmesolithikum vom Fundplatz Netphen und aus der Sammlung Baldsiefen (um 6000 v. Chr.).

Erst in den 1960er-Jahren veränderte sich die Konzeption von Wildbeutergesellschaften, u. a. durch die Konferenz »Man the Hunter«, die Richard Lee und Irven Devore 1966 in Chicago organisierten. Nun rückte die Bedeutung pflanzlicher Ressourcen in den Blickpunkt. Damit einhergehend wurde die ökonomische Rolle der Frau als Sammlerin für die Ernährung der Familie/Gruppe neu bewertet. Denn diese trugen oft mehr zur Ernährung bei als bis dahin wahrgenommen. Bedeutsam war auch der Beitrag Marshall Sahlins, in dem er sein Konzept der »original affluent society« vorstellte. Diesem lag u. a. die Idee zugrunde, dass es Wildbeutergesellschaften mit einem Minimum an Zeitaufwand gelingt, ein Optimum an gesunder Nahrung zu beschaffen1.

Diese neu eingeschlagene Richtung gewann in den 1970er-Jahre noch weiter an Bedeutung, als im gesellschaftlichen Diskurs generell ökologische und ökonomische Fragestellungen wichtig wurden. U. a. wurde nun diskutiert, inwieweit eine eigenständige Entwicklung des Neolithikums auf der Basis einheimischer Tier- und Pflanzenarten in Europa denkbar wäre (was wir heute vor allem aufgrund der Ergebnisse genetischer Analysen ausschließen können). Das Mesolithikum avancierte in dieser Zeit zu einer Art Vorläufer des Neolithikums2. All dies spielte in der Erforschung konkret des mitteleuropäischen Mesolithikums jedoch nur eine untergeordnete Rolle, da es an einer größeren Zahl archäologischer Quellen aus diesem Zeitabschnitt mangelte.

Erst in den 1990er-Jahren wurden auch hier erste Stimmen laut, dass die Rolle des Mesolithikums für die Neolithisierung Mitteleuropas mehr Beachtung finden sollte. Diese kamen vor allem aus den Reihen der wenigen Mesolithforscher, die darauf aufmerksam machten, dass es in der materiellen Kultur des frühen Neolithikums durchaus Elemente gab, die sich aus dem vorangehenden heimischen Mesolithikum ableiten ließen (z. B. geschliffene Felsgesteingeräte oder regelmäßige Feuersteinklingen). Die materielle Basis für diese Argumente blieb jedoch weiterhin dünn. Die damals gängige Rekonstruktion des Übergangs vom Mesolithikum zum Neolithikum im zentralen Mitteleuropa war und blieb daher, dass bäuerliche Gruppen aus dem südosteuropäischen Raum, wo sich Ackerbau und Viehhaltung bereits einige Jahrhunderte zuvor etabliert hatten, nach Mitteleuropa einwanderten und hier in ein fast menschenleeres Gebiet kamen ( Kap. 5). Dies erklärte für viele auch die vergleichsweise schnelle Ausbreitung der produzierenden Wirtschaftsweise innerhalb weniger Jahrhunderte. Für das nördliche Mitteleuropa und Südskandinavien wurde hingegen angenommen, dass mesolithische Wildbeutergruppen am Ende des 5. Jahrtausend v. Chr. durch Kontakte zu den südlich benachbarten Bauern die Landwirtschaft übernahmen, evtl. begleitet von der Einwanderung kleinerer bäuerlicher Gruppen3. In den letzten Jahren sind nun jedoch diverse neue Arbeiten erschienen, die es lohnend erscheinen lassen, sich das Mesolithikum Mitteleuropas im Hinblick auf seine Rolle für das nachfolgende Neolithikum noch einmal genauer anzusehen.

Eine Zeit des Umbruchs – Klima- und Landschaftswandel

Die ab dem frühen Holozän einsetzende Wiedererwärmung brachte einen enormen Landschaftswandel mit sich, der u. a. mithilfe der Pollenanalyse untersucht wird. Hierfür werden in sog. Pollenarchiven wie Seen oder Moorablagerungen Bohrkerne gewonnen und die darin enthaltenen Pollen ausgezählt und zeitlich eingeordnet. Anhand dieser Untersuchungen können dann z. B. Aussagen zur Waldzusammensetzung in bestimmten Zeiten, zu Waldauflichtungen oder generell zu Vegetationsveränderungen getroffen werden.

Der im Holozän einsetzende Landschaftswandel betraf sowohl die Küsten, die sich durch das abschmelzende Eis deutlich veränderten, als auch das Festland, das durch die steigenden Temperaturen eine massive Vegetationsveränderung erfuhr ( Abb. 4.2). Waren im Pleistozän in den Kaltzeiten (z. B. Jüngere Dryas) tundrenartige Landschaften und in den Warmphasen (z. B. Alleröd) lichte Wälder prägend, setzte zu Beginn des Holozäns aufgrund der Erwärmung eine langsame Wiederbewaldung ein. Im frühen Mesolithikum, im sog. Präboreal (ca. 9650–8600 v. Chr., Pollenzone IV), entstand ein lichter Birken-Kiefern-Wald, in dem vor allem Rothirsch, Reh, Auerochse und Wildschwein heimisch waren, die als standorttreues Wild bezeichnet werden können. Die großen Rentierherden verschwanden dagegen bzw. zogen sich nach Norden zurück. Der Wald wurde in den folgenden Jahrtausenden immer dichter. Im Lauf des nachfolgenden Boreals (ca. 8600–7000 v. Chr., Pollenzone V) sind bereits erste Mischwälder aus Kiefer und Eiche kennzeichnend und die Hasel gewinnt an Bedeutung. Es existierten nun regelrechte Haselhaine (sog. Haselmaximum), bis dann im Atlantikum (ab ca. 7100–3750 v. Chr., Pollenzone VI) schließlich relativ dichte Eichenmischwälder mit Linde, Esche, Erle, Ulme, Eiche und Ahorn entstanden, die Hasel hingegen wieder zurückging. Der Temperaturanstieg nach dem Ende der Eiszeit erreichte nun seinen Höhepunkt, zudem gab es mehr Niederschläge4.

Der Klimawandel veränderte aber auch unsere Küsten ( Abb. 4.3). Das durch die Wiedererwärmung ausgelöste Abschmelzen des Eisschildes

Abb. 4.2: Von links nach rechts im Uhrzeigersinn: typische Vegetation und Fauna des Alleröd, der Jüngeren Dryas (beide am Ende des Pleistozäns), des Präboreal und des Boreal in Mitteleuropa.

führte zu einem deutlichen Anstieg des Meeresspiegels (an der Nordseeküste 120 m vom niedrigsten Stand während des letzten glazialen Maximums bis zum Ende des Mesolithikums; sog. eustatischer Meeresspiegelanstieg), wodurch sich die Küstenlinien des nördlichen Mitteleuropas weit in das bis dahin bestehende Hinterland verschoben. Doggerland – das Festland, das in den pleistozänen Kaltzeiten die britischen Inseln mit dem Kontinent verbunden hatte – wurde zu einer Insel in der Nordsee, die jedoch unter dem weiter steigenden Meeresspiegel am Ende des 7. Jahrtausends v. Chr. ganz verschwand. Um diese Zeit brach auch die bis dahin noch bestehende Landverbindung zwischen Südengland und dem Kontinent endgültig ab5.

Auch die heutige Ostsee durchlief durch den Meeresspiegelanstieg ebenso wie durch die Hebung des Landes infolge verminderten Drucks durch das abschmelzende Eis (sog. Isostasie) eine deutliche Veränderung. Am Beginn des Holozäns handelte es sich um ein mit Gletscherwasser

Abb. 4.3: Zeitlich differenzierte Kartierung der Küstenlinie und der Vergletscherung in Mittel- und Nordeuropa. Hellblaue Signatur: große Seeflächen.

verfülltes Becken, das als »Baltischer Eisstausee« bezeichnet wird. Durch den Meeresspiegelanstieg bildete sich jedoch am Ende des 10. Jahrtausends v. Chr. eine Verbindung zum Meer aus und das sog. Yoldiameer entstand, benannt nach einer in dieser Zeit dort vorkommenden Muschelart, der sog. Yoldia arctica. Die isostatische Landhebung führte jedoch im 9. Jahrtausend v. Chr. dazu, dass diese Verbindung erneut abriss, sodass nun der sog. Ancylussee entstand, benannt nach der dort vertretenen Süßwasserschnecke Ancylus fluviatilis. Im 7. Jahrtausend v. Chr. kam es erneut zu einem Durchbruch zum Meer und das sog. Littorina-Meer entstand (benannt nach der »Großen Strandschnecke« Littorina littorea). Diese vergleichsweise rasche Abfolge von Meeres- und Seestadien brachte einen wiederholten Wechsel der Fauna (marine Arten wechselten mit aquatischen Arten) und damit einhergehend der Nahrungsgrundlagen mit sich6.

Da sich die Küstenlinie während des Mesolithikums deutlich ins Landesinnere verschob, wurden Lagerplätze entlang ihres ehemaligen Verlaufs überschwemmt. Frühmesolithische Küstenfundplätze werden in Nord- und Ostsee daher mithilfe der Taucharchäologie entdeckt und erforscht. Im Inland hinterließ das abschmelzende Eis ebenfalls Wasserflächen und das gestiegene Grundwasser führte z. B. im Gebiet der heutigen Nordseeküste und ihrem Hinterland im Lauf der Zeit zur Bildung zahlreicher Niedermoore.

Holozäne Wildbeuter im archäologischen Befund und die Frage nach Kontinuität

Die Menschen im Mesolithikum lebten – wie schon zuvor in der Altsteinzeit – als mobile Jäger und Sammler. Aber die veränderte Umwelt machte auch veränderte Jagd- und generell Subsistenzstrategien notwendig. Im archäologischen Fundmaterial ist dies z. B. an den im Vergleich zur vorangehenden Altsteinzeit veränderten Steingerätetypen erkennbar. So gewannen die bereits erwähnten Mikrolithen nun massiv an Bedeutung. Diese dienten als Geschossspitzen ( Abb. 4.1). Während die pleistozänen Jäger noch mit der Speerschleuder jagten, wurden im Wald bzw. im dichten Unterholz nun Pfeil und Bogen zur wichtigsten Jagdwaffe (erste Belege für deren Nutzung datieren jedoch noch in das späte Paläolithikum). Weiterhin wurden Harpunen aus Knochen als Jagdwaffe genutzt, z. B. um Meeressäuger zu erlegen. Analysen an Tierknochen zeigen, dass nun Rotwild, Damwild oder Wildschwein zur Jagdbeute gehörten und nicht mehr Rentier oder Wildpferd, wie es im Pleistozän noch der Fall war.

Dabei unterliegen die Mikrolithen stilistischen (sog. typologischen) Veränderungen, die eine interne zeitliche Gliederung des Mesolithikums ermöglichen, auch wenn keine absoluten Daten zur Verfügung stehen. Für das frühe Mesolithikum sind einfache Spitzen kennzeichnend, die dann von sog. Dreiecksmikrolithen abgelöst wurden. Die Feuersteinklingen, die zur Herstellung dieser Geschoss-Spitzen und anderen Feuersteingeräten genutzt wurden ( Kap. 11), sind zu dieser Zeit noch unregelmäßig geformt. Im Rheinland, im heutigen Belgien, in den Niederlanden und in Ost-Frankreich finden sich auch flächenretuschierte Mikrolithen der sog. Rhein-Maas-Schelde Kultur. Im späten Mesolithikum sind regelmäßige Klingen in Drucktechnik kennzeichnend, aus denen u. a. die für diese Zeit typischen Trapezmikrolithen (auch Querschneider oder Pfeilschneiden genannt) hergestellt wurden. Letztgenannte sind trapezförmig und wurden mit der längeren Schneide in Schussrichtung geschäftet, d. h. in einem hölzernen Pfeilschaft fixiert ( Abb. 4.1). Sie dringen nicht so leicht in die Beute ein, verursachen aber stark blutende Wunden, die möglicherweise das Ziel hatten, die Verfolgung der getroffenen Beute zu erleichtern. Querschneider sind auch noch in der nachfolgenden Jungsteinzeit in Gebrauch, weshalb diskutiert wird, ob es sich hier um ein Indiz für kontinuierliche Entwicklungen am Übergang vom Mesolithikum zum Neolithikum handelt7.

Wie vorangehend erwähnt gibt es in der materiellen Kultur des nachfolgenden Neolithikums verschiedene Hinweise auf kontinuierliche Entwicklungen. Ein Argument gegen diese Kontinuität, das immer wieder angeführt wird, ist jedoch der deutliche Unterschied in der genetischen Signatur zwischen mesolithischen Wildbeutern und neolithischen Bauern (Details Kap 5). Daher ist zu diskutieren, welches Erbe der letzten Jäger und Sammler in den folgenden Jahrtausenden zu beobachten ist.

Intensivierte Pflanzennutzung – Verbreiterung der Nahrungsgrundlage

Pflanzliche Nahrung spielt, dies zeigen auch die Ergebnisse von Isotopenanalysen an menschlichen Skeletten, für die frühneolithischen Bauern eine grundlegende Rolle. Im Gegensatz dazu wird für die Wildbeuter des Eiszeitalters eine stark fleischbasierte Ernährung rekonstruiert, während die Bedeutung von Fisch und pflanzlicher Nahrung als gering eingeschätzt wird8. Dieses Bild herrschte lange Zeit auch für das Mesolithikum vor, vor allem auch deshalb, weil Pflanzenreste, die eine Überprüfung dieser Vorstellung ermöglicht hätten, weitgehend fehlten. Botanische Makroreste erhalten sich nur unter spezifischen Lagerungsbedingungen, am besten in dauerhaft feuchtem Milieu und dies ist nur selten gegeben.

Grundsätzlich können wir aber davon ausgehen, dass die mit dem Holozän einsetzende Umweltveränderung eine ganze Reihe neuer pflanzlicher Ressourcen verfügbar machte, die der Ernährung, aber auch anderen Zwecken (Medizin, Produktion von Alltagsgegenständen wie Körbe, Rindenbehälter) dienen konnten. Bislang sind um die 50 Pflanzenarten aus mesolithischen Kontexten dokumentiert, deren essbare vegetative Teile, Früchte oder Wurzeln als potentielle Nahrungsreste interpretiert werden9. Dies reflektiert eine deutliche Verbreiterung der Nahrungsgrundlage. Ein wichtiger Fundplatz, der in diesem Zusammenhang genannt werden muss, ist der Duvensee in Schleswig-Holstein10. Hier konnten seit 1923 im Uferbereich eines ehemaligen, heute jedoch verlandeten Sees zwölf mesolithische Lagerplätze entdeckt und untersucht werden. Weitere Fundstellen sind aufgrund von Begehungen bekannt. Die bislang untersuchten Plätze datieren in einen Zeitraum, der vom Präboreal (9700–8700 v. Chr.) bis in das frühe Atlantikum (7200–6500 v. Chr.) reicht. Der See wurde über Jahrtausende immer wieder von Wildbeutergruppen aufgesucht. Durch die Torfbedeckung waren nicht nur die Fundstellen selbst, sondern insbesondere das organische Fundmaterial sehr gut erhalten. So konnten u. a. Haselnuss, Eichel, Rutenmelde (Blätter als Gemüse verzehrbar, evtl. wurden auch die Samen genutzt), Weißer Gänsefuß (Blätter und Samen nutzbar), Holzapfel, Schlehe, Himbeere, Gelbe Teichrose (Samen geröstet essbar), Weiße Seerose (Rhizome nutzbar) und Knöterich (Früchte und Blätter nutzbar) nachgewiesen werden. Da es in Europa eine Reihe weiterer Fundstellen aus dieser Epoche gibt, wo ebenfalls die Nutzung verschiedener Pflanzenarten nachgewiesen ist11, wird mittlerweile durchaus darüber nachgedacht, ob nicht die intensivierte Pflanzennutzung als eines der grundlegenden Merkmale des Mesolithikums zu betrachten sei12.

Am Duvensee spielte die Haselnuss eine wichtige Rolle als Nahrungspflanze, von der zahlreiche Schalenfragmente geborgen werden konnten. Diese zeichnet sich durch einen hohen Protein- und Fettanteil aus (13 % Proteine, 63 % Fett) und kann damit als wichtiger Nährstofflieferant eingestuft werden. Neben dem Duvensee kennen wir weitere gut untersuchte mesolithische Fundplätze, die eine Einschätzung des Potentials der Haselnuss für die Ernährung der Wildbeutergruppen dieser Zeit ermöglichen, so z. B. Staosnaig in Schottland oder Holmegård I und IV in Dänemark. Zusammengenommen erlauben sie relativ detaillierte Hochrechnungen zur Nutzung pflanzlicher Nahrung, insbesondere der Haselnuss, während des Mesolithikums. Am Duvensee konnte vor allem anhand der am Wohnplatz 5 gefundenen Haselnussschalen eine Hochrechnung der Ernte und damit der dort potentiell verfügbaren Kalorien aus diesen Nüssen erfolgen. So rechnet die Auswerterin Daniela Holst mit mind. 28 800 Nüssen, die am Wohnplatz vorhanden waren. Setzt man nun ein Gewicht von 1,8 g pro Nuss bzw. 0,9 g pro Nusskern ohne Schale an, kann für Wohnplatz 5 mit einem Gesamtgewicht von mind. 26–30 kg Nusskernen gerechnet werden, deren Reste dort entdeckt wurden. Dies entspricht einer Kalorienmenge von mind. 156 000 kcal (100 g = 600 kcal). Ähnliche Berechnungen für die oben genannten Fundplätze Staosnaig und Holmegård I und IV liegen im Ergebnis z. T. sogar noch höher13.

Aufgrund der lokalen Gegebenheiten und unter Einbeziehung von Daten aus modernen Haselnussbetrieben rechnet Holst mit ca. 70 voll ertragfähigen Haselbüschen pro Jahr, die jeweils im Schnitt 1 400 weiterverarbeitbare Nüsse liefern konnten (ohne die sog. tauben Nüsse), sodass vorsichtig geschätzt mind. 98 000 Nüssen abgeerntet werden konnten und damit entsprechend über 88 kg bzw. 528 000 kcal Nüsse (ohne Schale). Um diese zu ernten – dies belegt auch die Auswertung weiterer botanischer Reste, die genau zu dieser Jahreszeit verfügbar waren – hielten sich die Wildbeutergruppen für wenige (max. zwei) Wochen Ende August und Anfang September am Duvensee-Ufer auf. In dieser Zeit konnte eine Person ein Vielfaches des eigenen Energiebedarfs sammeln und zur Vorratshaltung verarbeiten. Dies macht die große Bedeutung der Haselnuss für die mesolithische Ernährung deutlich, die sich auch im archäologischen Befund widerspiegelt. Denn was die Archäologen am Duvensee, aber auch in Staosnaig und Holmegård I und IV entdeckt haben, sind sog. Haselnuss-Röstplätze, die gezielt im Spätsommer aufgesucht wurden, um große Mengen der Nüsse zu ernten und haltbar zu machen. Das Rösten hat dabei diverse Vorteile: So hilft es, die Nüsse haltbar zu machen, da das nusseigene Enzym Lipase, das bei Lagerung zur Anreicherung von Karzinogenen führt sowie zur Entwicklung von ranzigem Geschmack, dadurch zerstört wird. Weitere Verunreinigungen werden ebenfalls entfernt. Darüber hinaus lassen sich geröstete Nüsse leichter verarbeiten, da die Schalen schneller geknackt werden können und die Nuss leichter gerieben werden kann. Dies verringert wiederum das Transportgewicht der Nüsse um ca. 50 % – ein durchaus relevanter Faktor für mobile Wildbeutergruppen, die solche Nahrungsmittelvorräte natürlich mittransportieren mussten. Und schließlich sind geröstete Nüsse besser verträglich und sicherlich auch schmackhafter14.

Die archäologischen Spuren am Duvensee erlauben die Rekonstruktion solcher Röstplätze. So konnte am frühmesolithischen Wohnplatz 8 eine fast quadratische Matte aus Kiefern- und Birkenrinde dokumentiert werden, in deren Bereich eine aschig-weiß Sandschicht lag, die mit Artefakten, Holzkohle und Nussschalenresten durchsetzt war ( Abb. 4.4). Mittig lag zudem eine braune Sandlinse. Die Auswerterin Holst rekonstruiert hier eine Rindenmatte, die als Isolation gegen die Bodenfeuchte in Ufernähe diente und den Sand zusammenhielt, der wohl vom Ostufer des Sees eigens herantransportiert worden war. Das dokumentierte Volumen beläuft sich auf etwa 287 l und macht den Aufwand deutlich, der hier betrieben worden war.

Wie ethnographische Quellen und Experimente deutlich machen, diente der Sand wohl als Wärmeleiter beim Röstvorgang15. Für den Duvensee rekonstruiert Holst den Röstvorgang folgendermaßen:


Abb. 4.4: Duvensee, Wohnplatz 8. 3D-Rekonstruktionszeichnung der Röststelle mit Rindenmatte und einer Auflage aus weißem sowie braunem Sand.

»Auf einer Rindenmatte bzw. in einer flachen Grube mit Sand wurde ein Feuer entzündet, dessen glühende Kohlen in den umgebenden Sand gemischt wurden. Haselnüsse wurden in den so erhitzten Sand gepackt, in dem sie nach eigenen Versuchen nach wenigen Minuten gegart bzw. geröstet sind. Am Ende des Röstvorgangs wurden die Sandmasse ausgestrichen und die Nüsse herausgelesen.«16

Mit der intensiven Nutzung der Haselnuss als Nahrungsmittel sind zwei wichtige Annahmen verknüpft. Zum einen wurde vorangehend deutlich, dass eine gezielte Ernte und Haltbarmachung der Haselnuss für das Mesolithikum angenommen werden. D. h. die Wildbeuter betrieben in diesem Fall Vorratshaltung und legten damit Verhaltensweisen an den Tag, die man eher den bäuerlichen Gesellschaften des nachfolgenden Neolithikums zuschreiben würde. Zum anderen zeigen Pollenprofile insbesondere für das Boreal eine massive Zunahme der Hasel. Dies wird als Ergebnis einer gezielten Förderung dieser Pflanze (Pflanzenmanagement) durch die mesolithische Bevölkerung interpretiert.

Hinweise auf gezieltes Pflanzenmanagement

Aus diversen Regionen in Europa liegen Hinweise darauf vor, dass während der Mittelsteinzeit ein regelrechtes Pflanzenmanagement betrieben wurde. Als ein wesentliches Instrument wird das gezielte Legen von Bränden angesehen. Diese dienten zum einen dazu, den Pflanzenbewuchs aufzulichten und damit das Wachstum von lichtliebenden Arten zu fördern, allen voran die Haselnuss, aber auch um die Diversität der Pflanzenarten generell zu erhöhen. Zum anderen waren diese künstlich geschaffenen Lichtungen auch attraktiv für diverse Wildtierarten und damit für potentielle Jagdbeute.

Die wichtigsten Vorteile dieser Art des Pflanzenmanagement nicht nur für das Pflanzenwachstum, sondern auch für die Jagd haben Rosie R. Bishop und ihre Kolleg*innen noch einmal zusammengestellt17.

Wichtige Datenquellen für das Legen von Bränden sind Pollenprofile, in denen zum einen ein Anstieg der Pollen spezifischer lichtliebender Pflanzenarten erkennbar wird, zum anderen der Anteil an Holzkohleflittern oder Mikroholzkohle zunimmt. Im Idealfall korrelieren beide Marker. Beispiele hierfür kennen wir aus der Wetterau. Dort datieren die Beobachtung einer Zunahme der Hasel, aber auch anderer lichtliebender Arten, wie der des Ahorns oder des Spitzwegerichs, das Auftreten von hitzeveränderten Pollenkörnern und die deutliche Zunahme von Holzkohleflittern, in

Tab. 1: Vorteile gezielter Vegetationsbrände


Quelle: nach Bishop et al. 2015.

PflanzengewinnungJagd

das frühe/mittlere Atlantikum18. Ähnliche Beobachtungen (starke Zunahme von Holzkohleflittern und die Zunahme von Haselpollen) liegen aus verschiedenen Pollenprofilen aus Süddeutschland wie z. B. dem Haspelmoor vor. Hier datieren sie in die Mitte des 7. Jahrtausends v. Chr. und damit ebenfalls in das Atlantikum19. Im mittleren Lahntal in Hessen konnten Johanna Bos und Ralf Urz für das Boreal ebenfalls eine Korrelation der Zunahme von Holzkohle und Haselpollen sowie anderer lichtliebender und brandanzeigender Arten (Adlerfarn) nachweisen. Das Auftreten von Pflanzengesellschaften bestehend aus Brennessel, Zaunwinde, Kletten-Labkraut, Hanfnessel, Wasserdost und bittersüßem Nachtschatten zeigte zudem das Vorhandensein einer nährstoffreichen, durch menschliche (?) Eingriffe veränderten Vegetation an. Dies lässt sich dort auch anhand von Makroresten wie Holzkohle und Haselnussschalen belegen, woraus Bos und Urz schließen, dass von den Bewohnern des mittleren Lahntals während des Mesolithikums gezielt Brände gelegt wurden20.

Neben Pollenprofilen können auch Bodenproben aus archäologischen Befunden Hinweise auf das Legen von Vegetationsbränden liefern. Gezielte Untersuchungen hierzu wurden im Rheinland durchgeführt. Diese zeigen, dass bereits in mesolithischen Bodenproben Spuren von Vegetationsbränden vorhanden sind21.

Neben dem gezielten Legen von Bränden wird auch das gezielte Schneiden von Haselsträuchern diskutiert, um deren Wachstum zu fördern. Eindeutige Belege hierfür fehlen jedoch22. Ferner gibt es Überlegungen, ob Geweihhacken und Beile aus mesolithischen Kontexten als Pflanzgeräte interpretiert werden könnten23. Schließlich wird für schottische Fundstellen ein Waldmanagement (woodland management) diskutiert, das sich in der gezielten Nutzung spezifischer Holzarten für spezifische Zwecke widerspiegeln könnte. So scheinen z. B. gezielt Hasel und Eiche, die gute Brenneigenschaften aufweisen, als Feuerholz genutzt worden zu sein24.

Hinweise auf Vorratshaltung – Fischfermentation in Schweden

Mesolithisches Pflanzenmanagement z. B. durch das Legen von Bränden diente, wie bereits ausgeführt, dazu, das Wachstum erwünschter Pflanzen gezielt zu fördern und damit die Erträge zu steigern. Ein weiterer Schritt ist die Haltbarmachung dieser Erträge, wie am Beispiel der Haselnuss gezeigt. Das Haltbarmachen von Haselnüssen ist jedoch nicht der einzige Beleg für diese Verhaltensweise im Kontext holozäner Wildbeutergesellschaften in Europa.

So liegen seit kurzem auch erste Hinweise auf die Haltbarmachung von Fisch vor. Diese stammen von einer mesolithischen Fundstelle – Norje Sunnansund – aus dem östlichen Schweden und datieren um 7200 v. Chr. Hier wurden zahlreiche Fischknochen (geschätzt 60 t Süßwasserfisch) gefunden, die sich in einer 2,8 m langen und 0,8 m breiten, rinnenartige Grube konzentrieren, die von Pfosten- und Stakenlöchern umgeben war. Es handelt sich überwiegend um Reste von Rotauge (ca. 80 %), und vereinzelte Reste von Hecht und Barsch (ca. 20 %). Interessant war nun die Beobachtung, dass die Wirbelknochen der Hechte aus der Grube deformiert waren. Dies interpretierte der Ausgräber Adam Boethius dahingehend, dass die gefangenen Hechte dort mit einer Art Säure in Kontakt gekommen waren, was wiederum als Hinweis auf gezielte Fermentation der Fische gedeutet wurde. Dies könnte auch die großen Mengen an Rotauge erklären, da es sich um einen kleinen, sehr knochigen Fisch handelt, der kaum genießbar ist. Durch Fermentation ist es aber möglich, die Knochen »aufzuweichen« und den Fisch dadurch entweder essbarer oder die Knochen leichter entfernbar zu machen. Heutzutage wird vor allem mit Salz fermentiert, wobei die Zugabe von »Lactobacillus« das Entstehen pathogener Mikroorganismen und damit das Verderben des Fisches verhindert. Sicher belegt ist fermentierter Fisch aus der Römerzeit, das berühmte Garum. Weitere Belege aus historischen Zeiten sind aus dem circumpolaren Bereich bekannt, wo ohne Salz fermentiert wurde, was in diesen kalten Umwelten durchaus möglich ist (wobei anzunehmen ist, dass es natürlich vorkommende Bakterien gab, die man für den reibungslosen Verlauf des Fermentationsprozesses hinzufügte bzw. die auf natürliche Art und Weise dort hineingelangten). Für diese Vorgänge wurden Gruben unter den Oberboden in die Tonschichten hineingegraben. Ähnlich stellt sich die Situation in Norje Sunnansund dar. Darüber hinaus sind aus ethnographischen Studien Fermentationsprozesse mithilfe von Tierhäuten belegt. Aus Grönland und Kanada sind Beispiele bekannt, wo Vögel und Fische in Robbenhäute eingenäht wurden und unter Sauerstoffabschluss im Lauf einiger Monate fermentierten. Da auch in Norje Sunnansund Reste von Robben (Finger/Zehenknochen und Schädelreste) und Wildschwein (Finger/Zehenknochen und Mittelfussknochen) gefunden wurden, könnte hier ein ähnliches Vorgehen angenommen werden25.

Die Errichtung technischer Anlagen – eine Investition in die Zukunft

Beide Befunde, der als Fermentationsanlage angesprochene Befund aus Schweden und die Haselröststellen vom Duvensee, repräsentieren darüber hinaus technische Anlagen, die mit einem gewissen Aufwand errichtet und wiederholt genutzt wurden. Indirekt reflektieren diese Investitionen die Erwartung, dass sich der Arbeitsaufwand teilweise erst in der Zukunft auszahlen werde und damit wiederum eine Verhaltensweise, die eher mit bäuerlichen als mit wildbeuterischen Gesellschaften assoziiert wird. So fand sich am Boreal-zeitlichen Wohnplatz 6 am Duvensee eine Röststelle im Zentrum der Grabungsfläche, die aus einer 3,2 m2 großen Sandfläche mit einer zentral gelegenen braunen Sandlinse bestand, welche von mehreren brettartigen Hölzern, die nachweislich Bearbeitungsspuren aufwiesen, zusammengehalten wurden. Der Sand (ca. 230 kg) wurde auch hier wie beim vorangehend beschriebenen Wohnplatz 8 aus größerer Entfernung herantransportiert. Die Gewinnung und Haltbarmachung von Nahrung wurden folglich mit einem gewissen logistischen Aufwand und vorausschauend betrieben. Dies zeigt beispielsweise auch die Rindenmatte, die am Wohnplatz 8 am Duvensee dokumentiert werden konnte. In Kontexten der spätmesolithischen Ertebölle-Kultur in Südskandinavien konnten zudem wiederholt technisch aufwendige Lösungen zum Fischfang dokumentiert werden wie Stellnetze, Reusen oder Fischzäune26.

Vorneolithischer Getreideanbau?

Schließlich wird für das Spätmesolithikum auch der Anbau von Getreide diskutiert. Bereits in den 1950er-Jahren wurden in Pollenprofilen in Süddeutschland, Italien und der Schweiz Getreidepollen entdeckt sowie als sog. Kulturbegleiter bezeichnete Pflanzen wie Spitzwegerich, aber auch spezifische Veränderungen der Waldzusammensetzung, die in das Mesolithikum datierten und als Hinweis auf Getreideanbau interpretiert wurden. Diese blieben jedoch lange Zeit umstritten27. Als in den 1990er-Jahren im Zürichseegebiet in zwei Pollenprofilen (Wallisellen-Langachermoos und Zürich-Mozartstraße) mehrere Phasen mit human impact, d. h. menschlichen Eingriffen bzw. Aktivitäten, in Form von Getreidepollen, Leinpollen, Schwankungen in der Baumpollenkurve, Belege für Holzkohle, zwischen 6500 und 4500 v. Chr. entdeckt wurden, flammte die Diskussion erneut auf28. Gegner dieser Interpretation argumentieren, dass es sich bei den vermeintlichen frühen Getreidenachweisen in Mitteleuropa ausnahmslos um fehlgedeutete Wildgraspollen (aufgrund mangelnder Bestimmungssicherheit von Getreidepollen, da es metrische und morphologische Überschneidungen mit Wildgraspollen gibt) oder aber um Kontaminationen bei der Probennahme handelt. Zudem weisen sie auf die häufige Fehlinterpretation der palynologischen Bezeichnung »Cerealia-Typ« durch Archäolog*innen hin, die methodisch insuffiziente vermeintliche Getreidenachweise bedingt. Dies wird gestützt durch die Beobachtung, dass vereinzelte Pollen vom Cerealia-Typ auch in pleistozänen und frühholozänen Pollendiagrammabschnitten vorkommen, diese aber nur dann als Indikatoren für Getreideanbau betrachtet werden, wenn sie in einer chronologischen »Verdachtszone« für (sensationell) frühe Landwirtschaft auftreten. In seiner geographisch weitgespannten Revision aller einschlägigen »Belege« kommt Karl-Ernst Behre zu dem Schluss, dass es bis heute keinen einzigen über alle Zweifel erhabenen Nachweis eines vorneolithischen Getreidebaus aus Nord-, West- und Mitteleuropa gibt, und warnt generell davor, einen solchen Nachweis ausschließlich auf palynologischem Wege erbringen zu wollen, ohne entsprechende Makroreste aus eindeutig datierten archäologischen Kontexten vorweisen zu können29.

Fakt ist, dass es mittlerweile eine ganze Reihe von Pollenprofilen aus den genannten Regionen gibt, in denen Getreidepollen und Spitzwegerichpollen in den mesolithischen Abschnitten gehäuft auftreten, wie z. B. aus dem Wallis, dem Tessin und dem Schweizer Mittelland, wo diese ab ca. 6500 v. Chr. fassbar werden. Aber auch für Bayern wurden jüngst ähnliche Ergebnisse publiziert30. Dabei handelt es sich jedoch um Pollenprofile und damit off-site Befunde (Befunde außerhalb menschlicher Aktivitätszonen wie Siedlungen), die Pollendiagramme nun einmal typischerweise sind. Und da neben den pollenanalytischen Belegen weitere Indizien fehlen, insbesondere Funde von Getreidekörnern aus geschlossenen mesolithischen Fundkontexten – die es jedoch kaum gibt –, bleibt diese Diskussion weiterhin offen.

Hinweise auf Wildtiermanagement?

Vorangehend wurden vor allem pflanzliche Ressourcen in den Blick genommen. Nachfolgend soll nun die Fauna in den Fokus rücken und die Frage nach einem möglichen Wildtiermanagement gestellt werden.

Grundsätzlich waren die Menschen während der Mittelsteinzeit Jäger, die ihre Beutetiere mit Pfeil und Bogen erlegten. Verheilte Schussverletzungen an Tierknochenfunden deuten zudem darauf hin, dass wiederholt die gleichen Territorien der standorttreuen Tiere bejagt wurden31. Darüber hinaus liegen potentielle Indizien für Fallenjagd vor. So wird für die sog. Schlitzgruben, die, wie der Name schon sagt, ein sehr schmales, fast schlitzartiges Profil aufweisen, eine Deutung als Jagdfallen diskutiert32. Einige dieser Grubenbefunde weisen ein mesolithisches Alter auf.

Neben der reinen Jagd belegt der Hund, der zu dieser Zeit bereits domestiziert war (wie u. a. die spätpaläolithische Bestattung mit Hund aus Oberkassel/Bonn nahelegt), dass das Wissen um die Domestikation von Tieren durchaus vorhanden war. Wir kennen jedoch aus archäologischen wie auch aus ethnographischen Quellen Wildbeutergesellschaften, die gezieltes Wildtiermanagement betrieben bzw. betreiben ( Kap. 2). Die Frage ist, ob sich dies auch für das mitteleuropäische Mesolithikum nachweisen lässt.

Angeklungen ist bereits, dass die Auflichtung von Wäldern sicherlich nicht nur der Förderung des Haselwachstums diente. Die artenreichen Waldlichtungen lockten auch Wildtiere an und erhöhten möglicherweise die carrying capacity, also die ökologische Tragfähigkeit, für Pflanzenfresser. D. h. es ist zu diskutieren, ob der Mensch gezielt die Landschaft manipulierte, um die Lebensbedingungen der für ihn interessanten Beutetiere und damit auch seine Jagdchancen zu verbessern. Darüber hinaus gibt es aus dem dänischen Mesolithikum Hinweise auf die gezielte Bejagung ausgewählter Altersklassen bei Hirschen, die als Beleg für die Hege von Wildbeständen interpretiert wird. Hier wurden gezielt die erwachsenen, fleischreichen Hirsche gejagt, während jüngere, kleinere Hirsche verschont wurden. Diese Jagdstrategie hält eine Herde auf dem Maximum ihrer Produktivität. Allerdings treffen die gemachten Beobachtungen nur auf Hirsche zu, während sich für Wildschweine zeigen lässt, dass hier oft Jungtiere gejagt wurden. Dies hängt möglicherweise damit zusammen, dass Wildschweine eine höhere Reproduktionsrate haben als Hirsche. Insgesamt sind die Daten über das mesolithische Jagdverhalten bzw. die Wildtiernutzung (Organisation und Intensität) jedoch gering, sodass weiterführende Überlegungen derzeit nicht möglich sind33.

Besiedlungsmuster und Landschaftsnutzung – Wandel der Schweifgebiete?

Bis hierher haben wir uns vor allem mit ökonomischen Aspekten befasst. Nun soll noch das Siedlungsverhalten und die Landschaftsnutzung in den Blick genommen werden, die natürlich eng mit der Subsistenzweise verknüpft sind.

Am Duvensee lässt sich beobachten, dass die Menschen diesen Platz im Präboreal und Boreal wiederholt genutzt haben. Die Auswerterin Holst interpretiert die über einen langen Zeitraum tradierte Nutzung der mutmaßlich immer gleichen Haselbestände als umwälzende Innovationen in der mesolithischen Landschaftsnutzung, die im Gegensatz zum vorangehenden paläolithischen Subsistenzverhalten steht. Denn Holst sieht hier eine platzkonstante Pflanzennutzung und arbeitsintensive Vorratswirtschaft belegt, die im weiteren Sinne an neolithische Subsistenzweisen erinnern34. Nicht überprüfbar ist dagegen, ob die platzkonstante Pflanzennutzung auch mit Besitzansprüchen einzelner Gruppen an bestimmte Lokalitäten im hier besprochenen Fall, dem Duvenseeufer, verknüpft wurden. Für die mesolithischen Wildbeutergruppen Mitteleuropas würde man dies tendenziell verneinen. Für andere gut untersuchte Regionen gibt es jedoch durchaus Überlegungen, ob bereits im Mesolithikum Territorien existierten. Dies ist vor allem für die spätmesolithischen Wildbeutergruppen (sog. Ertebølle-Kultur) im nördlichen Mitteleuropa und in Südskandinavien der Fall. Hier muss jedoch beachtet werden, dass die Voraussetzungen andere sind. Denn diese Gruppen existierten zeitgleich zu bäuerlichen Gruppen in den südlich angrenzenden Lössgebieten, zu denen aufgrund dokumentierter Importfunde durchaus Kontakte bestanden und zudem zeichnen sie sich durch eine intensive Nutzung mariner Ressourcen aus, die eine relativ platzkonstante Siedlungsweise ermöglichte. U. a. entstanden in dieser Zeit an der Nordostküste Jütlands riesige Muschelhaufen vorwiegend aus Austernschalen, die von einer länger anhaltenden Nutzung spezifischer Plätze zeugen. Ob diese Gruppen aufgrund der verfügbaren dichten und vorhersagbaren Ressourcen evtl. sogar sesshaft waren, ist jedoch nicht geklärt. Anhand des archäologischen Fundmaterials werden jedoch die Existenz zentraler Siedlungen sowie Territorialität diskutiert. So konnte Søren H. Andersen für die Ertebølle-Kultur auf der Basis seiner Untersuchungen im Limfjordgebiet zeigen, dass einzelne große von vielen kleinen Siedlungen umgeben sind. Er interpretiert dies als Indiz für die Existenz von Territorien, die sich auch in der räumlich spezifischen Verteilung von Schmucktypen und technologischen Unterschieden zeigen35. Den Grund für die Entstehung dieser Territorien sieht Peter Rowley-Conwy im Vorhandensein lokal begrenzter, dichter und vorhersagbarer Ressourcen, die die Entwicklung unilinearer Deszendenzgruppen, teilweise auch die Anlage von Gräberfeldern förderten. Eine damit unabdingbar verknüpfte sesshafte Lebensweise kann er hingegen nicht nachweisen36. Große Siedlungen (z. B. Rosenhof, Dabki, Hüde) innerhalb dieser Territorien werden als Plätze mit zentralörtlicher Funktion interpretiert. Kriterien hierfür sind die Größe bzw. Ausdehnung der Siedlung, infrastrukturelle Einrichtungen wie aufwendig konstruierte Bohlenwege (Hüde) als Indiz für deren Bedeutung im Kommunikationsnetzwerk sowie eine große Zahl an Importfunden37.

Für die mesolithischen Wildbeutergruppen im zentralen Mitteleuropa, die zudem früher datieren, lassen sich diese Muster nicht erkennen. Interessant sind jedoch erste Ergebnisse der Arbeit von Thomas Richter zum Mesolithikum in Altbayern. Er kann anhand der Analyse der genutzten Rohmaterialquellen früh- und spätmesolithischer Fundstellen zeigen, dass die Größe der Schweifgebiete im Spätmesolithikum abnimmt ( Abb. 4.5). Die Schweifgebiete der Gruppen werden anhand der genutzten Feuersteinrohmaterialien rekonstruiert, die für die Herstellung von Artefakten verwendet wurden. Für die frühmesolithische Fundstelle von Essing lässt sich ein Schweifgebiet von 16 600 km2 rekonstruieren, für die Fundstelle Habererkirche von 15 900 km2 und für die Fundstelle Krautinsel von 25 300 km2. Diese relativ großen Schweifgebiete könnten Richter zufolge bedingt sein durch die großräumige Verteilung der Ressource Fleisch im klimatisch gemäßigten und stark bewaldeten Habitat. Interessant ist nun die Beobachtung, dass die Größe spätmesolithischer Schweifgebiete in Altbayern deutlich kleiner ist (Winterzach 13 700 km2, Germering Nebel 10 700 km2). Gleichzeitig verändern sich die Besiedlungsmuster. Wie die Steingerätespektren zeigen, ist das frühmesolithische Siedlungssystem geprägt durch Basislager, in denen diverse Aufgaben erledigt werden, und Außenlager, die für spezifische Aufgaben errichtet wurden (z. B. Jagd). Diese Struktur lässt sich für das Spätmesolithikum in Altbayern nicht mehr nachvollziehen. In dieser Zeit geht die Zahl der Lager zurück und solche, die kurzfristig, für spezifische Aufgaben errichtet wurden, lassen sich nicht mehr nachweisen. Dies wurde lange Zeit als Beleg dafür interpretiert, dass Mitteleuropa am Ende des Mesolithikums fast menschenleer gewesen sein musste, weshalb die Anfänge der Nahrungsmittelproduktion nur durch die Einwanderung neolithischer Bauern aus dem südöstlichen Mitteleuropa erklärt werden konnten. Richter kann nun aber zeigen, dass sich vor allem die Siedlungsstruktur vom Früh- zum Spätmesolithikum deutlich veränderte. Den Rückgang der Lagerplätze führt er nicht darauf zurück, dass die Größe der mesolithischen Bevölkerung sank, sondern dass sich die Struktur des Siedlungsverhaltens änderte. So belegen die Steingerätespektren in spätmesolithischen Lagerplätzen nun die Ausführung diverser Aufgaben. Dies lässt sich für alle von ihm untersuchten Fundplätze zeigen. Zudem deutet sich an, dass diese Lager länger belegt waren. Für die frühmesolithischen Basislager rekonstruiert Richter eine Nutzungsdauer von max. zwei, in Ausnahmefällen bis zu drei Monaten, für das Spätmesolithikum dagegen bis zu sechs Monate38.

Die von ihm gemachten Beobachtungen könnten Richter zufolge damit erklärt werden, dass die Bedeutung pflanzlicher Nahrung wuchs, sodass weniger Lagerplatzwechsel stattfinden mussten, wodurch die Größe des

Abb. 4.5: Oben – Schweifgebiete der frühmesolithischen Fundstellen Krautinsel, Habererkirche und Essing. Unten – Schweifgebiete der spämesolithischen Fundstellen Winterzach und Germering-Nebel. Berechnung auf der Basis der genutzten Feuersteinrohmaterialien.

Schweifgebiets abnahm. Allerdings schränkt er ein, dass hierfür in einem gewissen Rahmen Vorratshaltung vonnöten war39 – eine Idee, die auf ethnographische Daten zurückgeht40.

Auf der Grundlage seiner Untersuchungen zu den genutzten Rohmaterialien errechnet Richter die Bevölkerungsdichte für die beiden untersuchten Zeitabschnitte. Für das Frühmesolithikum errechnet er einen Mittelwert von 0,0014 EW/km2, für das Spätmesolithikum einen Anstieg auf 0,0023 EW/km2, was fast einer Verdopplung gleichkommt. Damit leistet er einen wichtigen Beitrag zur Diskussion, inwieweit in Mitteleuropa am Übergang vom Mesolithikum zum Neolithikum ein massiver Bevölkerungsrückgang anzunehmen ist. Richter kann zumindest in seinem Untersuchungsgebiet einen Bevölkerungsanstieg plausibel machen, der hier mit der Beobachtung einer abnehmenden Mobilität korreliert41.

Low-level-food-production im mitteleuropäischen Mesolithikum – ein Fazit

Fassen wir all diese Beobachtungen zusammen, erkennen wir durchaus Entwicklungen, die zu einer Lebens- und Wirtschaftsweise hinführten, wie wir sie im nachfolgenden Neolithikum fassen. Für diese Zwischenform zwischen einem reinen Wildbeuter-Dasein, das durch eine ausschließlich aneignenden Wirtschaftsweise geprägt war, und einer vollwertigen produzierenden Wirtschaftsweise kann durchaus diskutiert werden, ob es sich bereits um eine Form von low-level-food-production handelte. Dieses Konzept geht auf Bruce Smith zurück, der es unter gleichnamigem Titel 2001 veröffentlicht hat. Darin kritisiert er, dass unsere Vorstellungen zu Wildbeutern und Bauern lange Zeit von der Idee geprägt gewesen seien, dass diese beiden Lebensweisen sehr verschieden seien, sich quasi gegenseitig ausschließen würden und auch keine Übergangsformen existierten. Damit verknüpft war die Idee eines schnellen Übergangs von einer aneignenden hin zu einer produzierenden Wirtschaftsweise, vom Wildbeuterdasein hin zur Landwirtschaft, der auch kein Zurück ermöglichte. Wie Smith selbst, aber auch schon Forscher vor ihm beobachten konnten, gibt es in vielen Regionen jedoch durchaus Übergangsformen, die zeigen, dass es einen »middle ground« zwischen den beiden Extremen eines reinen Wildbeuterdaseins und der vollwertigen Landwirtschaft gab. Schließlich – so Smith – sehen wir im Neolithikum lediglich das Endprodukt, während wichtige Entwicklungen bereits in den Jahrhunderten davor stattfanden.

Dieser »middle ground« beschreibt verschiedene Formen von Mensch-Pflanzen- und Mensch-Tier-Interaktion42. Sie bilden ein Kontinuum von wachsenden menschlichen Eingriffen in den Lebenszyklus von spezifischen Arten, wobei diese Intervention ganz gezielt und räumlich fokussiert eingesetzt werde. Konkret handelt es sich dabei um gezielte und fokussierte Manipulationen von Pflanzen und Tieren wie z. B. die gezielte Veränderung der Alters- und Geschlechtsstruktur von Wildtierpopulationen (Schutz und Förderung; Jagd von Fressfeinden, Förderung von Weideflächen, Aufzucht zahmer Tiere), die Förderung der Wachstumsbedingungen spezifischer Pflanzenarten (Pflanzen, Säen, Unkrautjäten, Ernten, Vorratshaltung, Bewässerung), die Kontrolle der Reproduktion von Arten oder eine sich entwickelnde Abhängigkeit von menschlichem Eingreifen. Aber auch die teilweise Nutzung domestizierter Arten sieht er hier verortet, wobei diese hier noch eine untergeordnete Rolle spielen. Smith zufolge führt erst ein Beitrag von mehr als 30–50 % der jährlichen Kalorienaufnahme aus domestizierten Arten hin zu einer vollwertigen Landwirtschaft. Für das Mesolithikum Mitteleuropas wäre durchaus zu diskutieren, ob es sich zumindest in manchen Regionen um Formen einer low-level-food-production ohne Domestikate gehandelt haben könnte.

Was Smiths Modell nicht berücksichtigt, sind Aspekte, die nicht direkt mit der Wirtschaftsweise, insbesondere mit der Nutzung und Domestikation von Pflanzen und Tieren verknüpft sind. Aussagen zu Entwicklungen im kulturellen und sozialen Bereich werden in sein Modell nicht miteinbezogen. Die Frage, die daher gestellt werden muss, ist: Gab es Veränderungen im kulturellen und sozialen Bereich, die das mitteleuropäische Mesolithikum ebenfalls als Wegbereiter für das nachfolgende Neolithikum erscheinen lassen? Die Hinweise auf Vorratshaltung, Verkleinerung der Schweifgebiete, eine wachsende Bevölkerungsdichte und eine Siedlungsstrategie, bei der die Menschen länger an einem Ort verweilten und zudem alle Aufgaben dort verrichteten, deuten sehr wohl in Richtung neolithischer Lebensweise.

Generell müssen wir annehmen, dass diese Entwicklungen im kulturellen und sozialen Bereich eng verknüpft sind mit der Ressourcenverteilung, d. h. der ökologischen und ökonomischen Ausgangssituation. So ermöglichen dichte und vorhersagbare Ressourcen ein längeres Verweilen an einem Ort, eine höhere Bevölkerungsdichte und möglicherweise auch die Entwicklung von stabilen Territorien mit allen sozialen und kulturellen Implikationen wie die Entstehung von Ungleichheit. Eine geringe Ressourcendichte und eine schlechte Ressourcenvorhersagbarkeit führte hingegen zu erhöhter Mobilität und einer räumlich dispersen Verteilung der sozialen Gruppen und damit verknüpft dem Fehlen von Territorien und dem Vorhandensein einer eher egalitären Sozialstruktur43. Ausgehend von dieser Theorie Robert Kellys würde man für das mitteleuropäische Mesolithikum aufgrund der Wiederbewaldung und des nacheiszeitlichen Verschwindens großer Tierherden eher vom letztgenannten Modell ausgehen. Eine aktive Gestaltung der Umwelt z. B. durch Pflanzenmanagement und gezielte Bevorratung dürfte einer geringen Ressourcendichte und einer schlechten Ressourcenvorhersagbarkeit Ressourcenvorhersagbarkeit jedoch entgegengewirkt haben, denn dadurch war es möglich, diese zumindest teilweise (für bestimmte Jahreszeiten) auszugleichen. Die vorangehend vorgestellten Entwicklungen, die die mesolithische Lebens- und Wirtschaftsweise in Mitteleuropa charakterisieren, könnten als Hinweis darauf interpretiert werden, dass hier erste Schritte hin zur Entwicklung komplexer Wildbeutergruppen fassbar werden. Dennoch, und dies zeigen die archäologischen Quellen unbestritten, führten diese Entwicklungen im Mesolithikum Mitteleuropas nicht zu einer rein nahrungsmittelproduzierenden Wirtschaftsweise. Zwei Erklärungen könnten hier angeführt werden:

1) Zum einen mag die Einwanderung bereits agrarisch wirtschaftender Bevölkerungsgruppen dieser Entwicklung zuvorgekommen sein. Zumindest zeigen uns die aDNA-Analysen, dass sich die frühneolithische Bevölkerung aus genetischer Sicht deutlich von der einheimischen mesolithischen Bevölkerung unterscheidet.

2) Eine andere Erklärung wäre, dass die in Mitteleuropa heimischen Arten und hier vor allem die heimischen Pflanzenarten nicht das Potential hatten, eine ausreichend große Bevölkerung zu ernähren, was die Entwicklung von Sesshaftigkeit, Territorialität, Ackerbau und Viehhaltung ermöglicht hätte.

Denn in den Regionen der Welt, in denen sich schlussendlich eine nahrungsmittelproduzierende Wirtschaftsweise entwickelt hat, die dann auch zu tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen (u. a. Entstehung von Hochkulturen) geführt hat, sind die domestizierten Pflanzenarten durch vergleichsweise hohe und besser vorhersagbare Erträge gekennzeichnet als z. B. die der Hasel. Im Vergleich zu Weizen, Reis oder Mais ist die Hasel keine dieser dichten und vorhersagbaren Ressourcen. So erbringt sie nicht zuverlässig jedes Jahr ausreichend Erträge. Während Getreide immer voll reproduktionsfähig ist, beginnen Haselbüsche erst mit sechs bis zehn Jahren zu blühen und erreichen ihre volle Reproduktionsfähigkeit mit etwa 15 bis 20 Jahren. Sie erreichen dabei ein maximales Alter von 80 Jahren44. Hinzu kommt, dass die Erträge (kcal/ha) beim Getreide deutlich höher liegen als bei der Hasel. Und schließlich ist die Haselnuss vor allem ein Fettlieferant, während die Pflanzen, die mittlerweile zu den Hauptnahrungspflanzen weltweit gehören wie Reis, Mais und Getreide, vor allem Kohlehydrate liefern.

Da wir aber durchaus ein mesolithisches Erbe in den frühneolithischen Gesellschaften Mitteleuropas entdecken wie z. B. Pfeilbewährungen, Bestattungen, Tauschnetzwerke, hat das Mesolithikum durchaus einen Beitrag zum nachfolgenden Neolithikum geleistet und ist nicht im Äther der Geschichte verhallt. So können wir z. B. darüber nachdenken, ob die eben beschriebenen Entwicklungen die Ausbreitung der neuen Lebensweise beschleunigt und vorbereitet haben. Darüber hinaus wird diskutiert, inwieweit für die folgenden Jahrtausende nach der Neolithisierung Wildbeutergesellschaften weiter existierten ( Kap. 5). All dies muss jedoch noch detaillierter erforscht werden, um fundierte Aussagen treffen zu können.

Ausgehend von den vorangehend beschriebenen Aspekten ist jedoch anzumerken, dass im Hinblick auf die Frage nach Kontinuitäten zwischen Mesolithikum und Neolithikum in Mitteleuropa bislang vor allem die materiellen Hinterlassenschaften in den Fokus gerückt wurden wie Hausbau, Keramikproduktion, Felsgesteingeräte, um nur einige Beispiele zu nennen. Und hier ist der Bruch zwischen Mesolithikum und Neolithikum in der Tat sehr groß. Mit Blick auf die vorangehenden Ausführungen wäre jedoch zu überlegen, ob nicht vermehrt spezifische Verhaltensweisen untersucht werden sollten, wie Mobilität/Sesshaftigkeit, Territorialverhalten, Veränderungen in der Ernährungsweise (Bedeutungszunahme pflanzlicher Nahrung), Vorratshaltung, Management von Pflanzen und Tieren, aktive Gestaltung der Landschaft etc. Denn wenn wir diese Aspekte fokussieren, fassen wir sehr wohl Entwicklungen im mitteleuropäischen Mesolithikum, die im Sinne eines Wegbereiters in Richtung Neolithikum weisen und sich von der Lebens- und Wirtschaftsweise paläolithischer Wildbeutergruppen abheben.

5 Die Bandkeramik – Die ersten Bauern Mitteleuropas

Die Jungsteinzeit beginnt im mitteleuropäischen Raum in der zweiten Hälfte des 5. Jahrtausend v. Chr. Die derzeit ältesten Daten liegen im 54. Jahrhundert v. Chr. und stammen z. B. aus den ältestbandkeramischen Siedlungen Enkingen im Nördlinger Ries oder Schwanfeld in Nordbayern1. Der Beginn der Jungsteinzeit wird markiert durch das Auftreten bäuerlicher Gruppen im archäologischen Fundmaterial. Diese werden nach der typischen Verzierung ihrer Gebrauchskeramik unter dem Begriff der »Bandkeramischen bzw. Linearbandkeramischen Kultur« oder verkürzt »Bandkeramik« oder »Linearbandkeramik« zusammengefasst. Den Begriff »Bandkeramik« führte im Jahr 1883 der Historiker Friedrich Klopfleisch aus Jena in die wissenschaftliche Diskussion ein. Er leitet sich von der charakteristischen Verzierung der Gefäße mit einem Bandmuster aus eckigen, spiral- oder wellenförmigen Linien ab. 1902 prägte der Mediziner Alfred Schliz den Begriff »Linearkeramik«. Die Bandkeramik zählt zu den besterforschten neolithischen Kulturen Mitteleuropas wenn nicht ganz Europas, da die Quellenlage sehr gut ist und viele Aspekte des täglichen Lebens aus dieser Zeit erforscht sind.

Entstehung der Bandkeramik im südöstlichen Mitteleuropa

Die Bandkeramik entstand um die Mitte des 6. Jahrtausend v. Chr. im südöstlichen Mitteleuropa im Raum des heutigen Ungarn. Sie breitete sich von dort innerhalb kürzester Zeit ins zentrale Mitteleuropa, aber auch nach Osten und Nordosten aus ( Abb. 5.1). In einem Gebiet, das vom Rhein bis in die Ukraine und von Süddeutschland bis nach Polen reicht, konnten bislang knapp 800 Fundstellen dokumentiert werden. Diese konzentrieren sich vor allem dort, wo die Bedingungen für die bäuerliche Lebens- und Wirtschaftsweise optimal waren – auf den fruchtbaren Lössböden und dort in der Regel in Lagen, die nicht über 400 m über dem Meeresspiegel liegen2.


Abb. 5.1: Verbreitungskarte der ältesten Bandkeramik. Rot markiert ist ihr Ursprungsgebiet in Transdanubien nördlich des Balaton/Ungarn.

Mit Beginn der Bandkeramik fassen wir verschiedene Elemente einer neuen Lebens- und Wirtschafsweise. Dazu gehören:

• Ackerbau und Viehhaltung

• sesshafte Lebensweise

• Vorratshaltung

• Keramikproduktion

• zunehmende Bevölkerungsdichte

• Veränderungen im sozialen und rituellen Bereich

Der Ursprung der Bandkeramik liegt in der Region Transdanubien, im Bereich nördlich des Balatons ( Abb. 5.1). Dort lebten, soweit wir es heute rekonstruieren können, im frühen 6. Jahrtausend v. Chr. mesolithische Wildbeutergruppen, die Kontakte zu südlich benachbarten, ersten bäuerlichen Gruppen hatten, der sog. Starčevo-Kultur, die im südlichen Transdanubien, in Serbien, Bosnien, Teilen Kroatiens und im Kosovo verbreitet war. Aus diesen Wildbeutergruppen entstand um die Mitte des 6. Jahrtausends v. Chr. die frühe Bandkeramik. Für deren Existenz gibt es jedoch bislang nur wenige Nachweise, wie z. B. einige wenige Funde von Mikrolithen. Darüber hinaus weisen die nachfolgenden neolithischen Feuersteininventare ebenfalls gewisse Bezüge zum Mesolithikum auf. Dieses »mesolithische Erbe« wird als indirekter Existenzbeleg gewertet. Aber auch die frühestneolithischen Siedlungsmuster können in diese Richtung gedeutet werden, wie ein Vergleich der frühen bandkeramischen Siedlungsstandorte mit denen der Starčevo-Kultur verdeutlicht. Neuere Forschungen lassen vermuten, dass die Siedlungen der Starčevo-Kultur in einer Region verbreitet waren, die sich durch spezifische klimatische und naturräumliche Bedingungen auszeichnete, welche eine wichtige Grundlage für die bäuerliche Wirtschaftsweise bildeten. In der nordwestlich angrenzenden Region war das Klima wohl kühler und feuchter, weshalb die Verbreitung der Starčevo-Kultur an dieser klimatisch-naturräumlichen Grenze (sog. Mitteleuropäisch-Balkanische Agroökologische Grenze) stoppte. Nordwestlich lebten – so die derzeitige Interpretation der Quellen – zu dieser Zeit Wildbeutergruppen. In der Kontaktzone im Bereich des Balatons entstand schließlich die frühe Bandkeramik, die sich dem vorangehend beschriebenen Modell zufolge in einer Region mit »schwierigeren« ökologischen Bedingungen herausbildete. Der heutige Forschungsstand zeichnet ein Bild von kleinen und verstreut liegenden Siedlungen entlang des Nordufers des Balatonsees. Gemeinsames Kennzeichen ist ihre Lage im Bereich von Böden, die aufgrund der Bodenart und der hydrologischen Bedingungen für die Landwirtschaft nur sehr bedingt geeignet waren3. Fassen lässt sich lediglich ein sehr kleinmaßstäbiger Anbau von Kulturpflanzen (Gartenbau). Dafür boten die Nähe zum Seeufer und die umgebenden Feuchtgebiete reichlich Nahrungsressourcen. Auch diese Nähe zu Standorten mit aquatischen Ressourcen wird als mesolithische Tradition gewertet4. Eine Siedlung, die in diese frühe, sog. »Formative Phase« der Bandkeramik fällt, ist Szentgyörgyvölgy-Pityerdomb/Ungarn. Dort konnten Elemente der typischen bandkeramischen Häuser dokumentiert werden.

Das bandkeramische Langhaus – ein paneuropäisches Modell

Bandkeramische Häuser sehen im gesamten Verbreitungsgebiet verblüffend ähnlich aus. Sie sind im Mittel 20 m lang und 6,5 m breit, es gibt jedoch an verschiedenen Fundstellen auch Häuser von extremer Länge wie in Buchbrunn mit einer Länge von bis zu 53,4 m. Man rechnet, dass zum Bau eines durchschnittlichen Hauses ca. 45 Eichenstämme benötigt wurden5. Hinzu kommen Flechtwerk und Lehmverputz. Die Häuser sind Nordwest-Südost ausgerichtet, in manchen Regionen (z. B. Ungarn) auch Nord-Süd, oder – wie am östlichsten Rand des Verbreitungsgebiets – Nordost-Südwest. Es handelt sich um langrechteckige Bauten, die aus drei Gebäudeteilen bestehen, die jedoch nicht immer alle vorhanden sein müssen. Entsprechend der Ausrichtung der Häuser spricht man im mitteleuropäischen Raum von einem Nordwest-Teil, der aus Spaltbohlen errichtete, verstärkte Außenwände aufweist, einem Mittelteil, der in der ältesten Phase im Innenraum eine Pfostenstellung aufweist, die grob ein »Y« nachzeichnet (Eingangsbereich?), sowie einem Südostteil, der doppelte Außenwandpfosten haben kann, was als Hinweis für die Existenz eines zweiten Stockwerks (Lagerraum?) interpretiert wird ( Abb. 5.2). Der Mittelteil wird dabei als eigentlicher Wohnraum betrachtet, was jedoch ungeklärt bleiben muss, da aufgrund der jahrtausendelangen Erosionsprozesse alle ehemaligen Oberflächen und Laufhorizonte vergangen sind. Ausgehend von der Annahme, dass es sich hier um die eigentliche Wohnfläche handelt, wurde verschiedentlich versucht, die potentielle Einwohnerzahl eines bandkeramischen Langhauses zu ermitteln. Im Schnitt weisen Mittelteile um die 75 m2 Fläche auf. Davon ausgehend wurden ethnographische Quellen zum Vergleich herangezogen, um Informationen über Einwohnerzahlen zu erhalten. Ein daraus errechneter Durchschnittswert ergibt sieben Einwohner pro Haus. Andere Berechnungen, z. B. von Milisauskas, die die gesamte Grundfläche des Hauses einberechnen, gehen von zwölf bis16 Einwohnern aus6.


Abb. 5.2: Oben – Rekonstruktion eines bandkeramischen Langhauses. Unten – schematisierte Grundrisspläne ältest- (unten) und jüngerbandkeramischer (oben) Langhäuser.

Es wird angenommen, dass die Häuser im Schnitt 25 bis 30 Jahre standen, es gibt jedoch auch experimentelle Versuche, die dafür sprechen, dass wir mit einer deutlich längeren Haltbarkeit rechnen müssen. Eine Schwachstelle waren sicherlich die Pfosten selbst, die im Übergangsbereich zwischen Boden und Aufgehendem, also dem Bereich direkt oberhalb des Erdbodens, aufgrund der Feuchtigkeit im Lauf der Zeit faulten.

Im Innenraum hielten Dreierriegel aus großen Holzpfosten die Dachkonstruktion. Dadurch war der Innenraum in vier Schiffe untergliedert. Parallel zu den Längswänden verliefen außerhalb des Gebäudes sog. Längsgruben, längliche Gruben von mehreren Metern Länge, die als Lehmentnahme- und nachfolgend als Abfallgruben genutzt wurden. Die Konstruktionsweise der Häuser änderte sich im Lauf der Bandkeramik leicht. So verschwand nicht nur die erwähnte »Y-Pfostenstellung«, sondern das Pfosteninnengerüst stand in der jüngeren Bandkeramik auch weiter auseinander, sodass durch Korridore größere Räumlichkeiten entstanden.

In Szentgyörgyvölgy-Pityerdomb/Ungarn konnten nur die Längsgruben entdeckt werden, weshalb anfangs angenommen wurde, dass die Konstruktionsweise der ältestbandkeramischen Häuser in ihrem Ursprungsgebiet von der späteren Bauweise im gesamten Verbreitungsgebiet abwich. Mittlerweile konnten auf Fundstellen aus der nachfolgenden sog. »frühen Phase« der Bandkeramik Langhäuser einschließlich der Innenpfosten und Außenwände dokumentiert werden7, die offenbar in Szentgyörgyvölgy-Pityerdomb aufgrund schlechter Erhaltungsbedingungen nicht mehr vorhanden waren bzw. nicht erkannt werden konnten.

In Szentgyörgyvölgy-Pityerdomb findet sich Keramik der formativen Phase der Bandkeramik, die deutliche Bezüge zur Starčevo-Keramik aufweist. Es handelt sich um einfache Formen (Kümpfe und Schalen), die bei vergleichsweise niedrigen Temperaturen gebrannt wurden. Die Sauerstoffzufuhr beim Brand führte zu einer Rotfärbung der Oberflächen (sog. oxidierender Brand). Die Oberflächen der Gefäße sind poliert und mit einfachen Linienmustern oder Fingertupfen verziert. In der nachfolgenden Phase, der sog. frühen Bandkeramik (sog. Bicske-Bíňa Phase und Milanovce Phase), erinnern die Linienverzierungen der Gefäße schon deutlicher an zentralmitteleuropäische Funde. Die Siedlungsmuster bleiben hingegen unverändert. Diese wandeln sich erst in der folgenden späten Bandkeramik, die gekennzeichnet ist durch die sog. Notenkopf-Keramik im nördlichen Transdanubien/der südwestlichen Slowakei und die sog. Keszthely-Keramik im südlichen Transdanubien. Wir fassen Siedlungen mit einer deutlich größeren Anzahl an Hausgrundrissen, z. B. in Balatonszárszó-Kis-erdei-dulo/Ungarn 44, und einer dichteren und strukturierteren Bebauung. Die Siedlungen liegen nun bevorzugt auf fruchtbaren Lössböden, die für den Ackerbau besonders gut geeignet waren. Ihre Zahl nimmt insgesamt zu8.

Expansion nach Westen

Bereits in der frühesten, sog. formativen Phase reicht die Verbreitung der Bandkeramik bis in den Wiener Raum, wo Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre die Siedlung von Brunn am Gebirge entdeckt und ausgegraben wurde. Interessant ist die interne zeitliche Entwicklung dieser Siedlung. So weist die frühe Phase aufgrund der Keramik, der Steingeräte (das Rohmaterial hierfür – der sog. Szentgál-Radiolarit – wurde aus dem in Nordungarn gelegenen Bakony-Gebirge herantransportiert) und der Tierknochen (überwiegend Schaf/Ziege) deutliche Bezüge nach Osten zur Starčevo-Kultur auf. In der jüngeren Phase steigt der Anteil von Keramik, die mit Linien dekoriert ist, nun wird überwiegend lokal verfügbares Feuerstein- bzw. Hornsteinmaterial für die Steingeräteproduktion verwendet und im Tierknochenspektrum dominieren Rinder. Diese Merkmale weisen dagegen deutlich nach Westen, also dorthin, wohin sich die Bandkeramik nach der Mitte des 6. Jahrtausends v. Chr. ausbreitete. Dies passiert in vergleichsweise kurzer Zeit, d. h. innerhalb von wenigen Generationen9. Bereits am Ende des 54. Jahrhunderts v. Chr. ist die Bandkeramik am Rhein angekommen, überschreitet diesen jedoch noch nicht. Die mit dieser Expansion verknüpften grundlegenden Fragen sind:

• Wie konnte die Ausbreitung so schnell vonstatten gehen?

• Wer waren die Träger?

• Warum geschah dies?

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Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
19 dekabr 2025
Həcm:
418 səh. 64 illustrasiyalar
ISBN:
9783170367425
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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