Kitabı oxu: «Die Erinnerung an unbekannte Städte»

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2045. Eine Katastrophe hat die Menschen auf eine karge bäuerliche Existenz zurückgeworfen, viele finden Trost im Glauben. Nathanael und Vanessa sind jung, wollen sich nicht abfinden und laufen fort. Ihr Lehrer, der noch weiß, wie es früher war, wird geschickt, um sie zu suchen. Doch der Weg führt für alle drei durch gefährliches Terrain.

Nathanael ist fünfzehn, als seine Eltern ihn aus der Schule nehmen, obwohl er ein so begabter wie wissbegieriger Schüler ist und unbedingt Arzt werden möchte. Aber seine Mutter hat eine Laufbahn als Prediger für ihn vorgesehen, und Universitäten gibt es nicht mehr. Oder doch? Nathanael hat von einem Polytechnikum in Italien gehört und beschließt, dorthin aufzubrechen. Auch Vanessa, eine Mitschülerin, will weg aus der Enge des Dorfs. Bei Nacht und Nebel brechen sie gemeinsam auf. Als man ihre Abwesenheit entdeckt, wird ihnen Lehrer Ludwig nachgeschickt. Anders als die Jugendlichen erinnert er sich noch an die Zeit vor der Katastrophe und hofft auf keine Besserung mehr. Seine Schüler aber kann er nicht im Stich lassen, und der Weg durchs gesetzlose Gebiet ist gefährlich.

In ihrem spannenden dystopischen Roman erzählt Simone Weinmann von einer Welt, die nur noch entfernt der unseren ähnelt: Worauf werden die Menschen bauen, wenn sie den technischen Fortschritt verlieren, wenn es keinen Strom mehr gibt? Werden sie sich an den Glauben klammern oder von Wissensdurst getrieben ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen? Leise und tastend, aber umso eindringlicher schildert Simone Weinmann ein archaisches Leben, in dem der Verlust gesellschaftlichen und technischen Fortschritts erschreckend deutlich wird.

Über die Autorin

Simone Weinmann hat in Zürich bei Prof. Ben Moore in Astrophysik promoviert und einige Jahre am Max-Planck-Institut München und an der Sterrewacht in Leiden gearbeitet. Heute unterrichtet sie Physik und lebt mit Mann und Kind in Zürich. 2017/2018 war sie Stipendiatin des Roman-Seminars am Literaturhaus München bei Günther Eisenhuber und Annette Pehnt. Die Erinnerung an unbekannte Städte ist ihr erster Roman.

Simone Weinmann

DIE ERINNERUNG AN UNBEKANNTE STÄDTE

Roman

Verlag Antje Kunstmann

Für Christian

Irgendwann wird der letzte Herbst anbrechen, in dem Flugzeuge schwer auf der regennassen Rollbahn landen. Der letzte Herbst, in dem die Drähte summen von Dingen, die wir uns dringend erzählen müssen, während draußen der Wind gegen die Mauern drückt.

Der letzte Herbst, in dem unsere Kontostände steigen und sinken, in dem die Börsenkurse zittern. In diesem Herbst werden noch einmal Durchsagen gemacht in den Bahnhöfen, den Bussen, den Konzertstadien.

Autos werden auf den schnurgeraden Straßen rauschen, auf ein Ziel zu, einen Parkplatz oder eine Tiefgarage, wo sie leise klickend, ausatmend zur Ruhe kommen. Orchester werden Symphonien spielen, während zwei Häuser weiter Patienten in ihre Vollnarkose sinken. Menschen werden im Supermarkt nachdenklich in die Tiefkühltruhen starren. Unsere Gesichter werden blau schimmern von den tanzenden Bildern auf den Geräten. Aus den Apotheken werden wir in kleinen raschelnden Plastiksäcken Grippemittel, Hustensaft und Eukalyptusbonbons tragen, wir werden vergessen, unsere Eltern anzurufen.

Wahlkampagnen werden anlaufen, Menschenmengen werden jubeln. Die Filmstarts für den Herbst werden besprochen, die neuen Studenten werden sich ein letztes Mal in den Gängen vor den Hörsälen stauen und nicht wissen, dass ihre Gesichter leuchten.

Die Wetterkarten werden noch einmal Herbststürme voraussagen. Umgestürzte Bäume werden von den Straßen entfernt, Unfallopfer dick eingepackt zum Krankenwagen getragen.

Am 21. Dezember wird die längste Nacht über der Nordhalbkugel anbrechen, und diese tiefste Dunkelheit auf Erden wird noch einmal hell erleuchtet sein von Straßenlampen und Lichterketten, von Neonröhren, Kerzen, Scheinwerfern, Bildschirmen, Flutlichtern, den Lampen an den Autobahnraststätten, den Lichtern der Züge, den Leuchtfingern der Flugzeuge, die die Wolken ertasten, sie wird fast festlich sein, diese Nacht, strahlend und kalt.

Und dann wird der letzte Herbst vorbei sein.

I
WINTER
Anatomie

Augenlieder mit ie. Schon wieder ein Rechtschreibfehler im heiligen Text. Nathanael blickte zwischen der Vorlage und seiner Abschrift hin und her. Er hatte das Wort unwillkürlich richtig geschrieben. Er schüttelte den Kopf über sich selbst. Jetzt würde er die letzten Buchstaben mit dem kleinen brüchigen Gummi ausradieren müssen, was schwierig war, weil das Papier leicht zerriss. Erst ein paar Zeilen weiter oben hatte er eine der Markierungen korrigieren müssen und beinahe ein Loch ins Papier gemacht. Eine fehlplatzierte Unterstreichung, und der Text war entweiht, weil der Vorleser dann an der falschen Stelle die Hände zum Himmel hob. Aber warum man auch die Schreibfehler beibehalten musste, hatte er nie verstanden.

Nathanael legte den Stift und den Radiergummi hin, stand auf und streckte sich. Durch das kleine Fenster des Dachzimmers sah er auf die verschneite Straße. Sie war voller Fußspuren, aber menschenleer. Schnee lag auf den Dächern und zwischen den Mauern der verfallenen Häuser. Im ersten Stock des Hauses gegenüber bewegte sich hinter den Fenstern ein schwaches Licht. Jemand war mit einer Kerze unterwegs, obwohl es bald Mittag sein musste, so trübe war der Tag. Vielleicht Sarah. Ob sie die Öllampe auf seinem Pult auch flackern sah?

Nathanael hörte die schnellen Schritte der Mutter auf der Treppe, dann klopfte es. Bevor er antworten konnte, öffnete sich die Tür. Die Mutter trug eine weiße Schürze über ihrem langen dunklen Kleid. Vom Kochen hatte sie Flecken auf den Wangen.

»Bist du fertig? Das Essen ist gleich so weit.«

»Noch nicht.«

»Erst auf Seite 38? Was stehst du da am Fenster und trödelst?«

Nathanael schwieg.

»Ich werde dir das Mittagessen beiseitestellen.«

»Kann ich nicht nachher weiter abschreiben?«

Zwischen den Brauen der Mutter erschien eine steile Falte. »Nein. Die Prophetin zählt auf uns.«

Die Prophetin kümmerte es bestimmt nicht, ob Nathanael die Abschrift heute oder morgen fertigstellte. Sie hatte sich in den Wald zurückgezogen, und wer wusste schon, was sie dort tat. Aber er hatte sich vorgenommen, der Mutter zu gehorchen oder zumindest so zu tun.

Die Mutter schloss die Tür wortlos. Nathanael setzte sich ans Pult und nahm den Stift in die Hand, legte ihn dann aber doch wieder weg. Er streifte seinen rechten Schuh ab, krallte seine Zehen in den Griff der untersten Schublade und zog sie auf. Hier hatte er das Buch aufbewahrt.

Auf dem Titelbild war ein Mensch ohne Haut abgebildet gewesen, mit braunen Muskeln und blauen Adern. Aber am besten hatte ihm die Doppelseite über das menschliche Herz gefallen. In der Mitte prangte ein schön gezeichnetes rosafarbenes Herz, das vom Seitenfalz durchteilt wurde. Eine kleine Fotografie unten links zeigte eine Operation am offenen Herzen. Die Chirurgen trugen Kittel und Kappen in blassem Grün und enge Handschuhe. Durch Brillen mit kleinen aufgesteckten Zylindern blickten sie in die klaffende Wunde, die mit einem Metallgestell offen gehalten wurde. Ein Chirurg tippte mit einem Stift in die Mitte der Wunde, als setzte er dazu an, ein Wort ins Herz zu schreiben.

Wenn er nur das Bild noch einmal anschauen könnte. Aber er würde das Buch nie wieder in die Hände bekommen. Als die Mutter damit zur Schule geeilt war, war Nathanael ihr gefolgt. Sie war wie von unsichtbaren Fäden gezogen die Treppe hinaufgestiegen, Nathanael hatte kaum mit ihr Schritt halten können. Dann hatte sie die Tür zum Lehrerzimmer aufgerissen und Gruber das Buch vor die Füße geworfen wie etwas Verseuchtes, das sie in ihrem Haus gefunden hatte. Nathanael schob die Schublade mit dem Fuß wieder zu. Er hatte sich für die Mutter geschämt, wie sie Gruber angeschrien hatte. Der Lehrer hatte ihr ruhig zugehört, ohne das Gesicht zu verziehen. Schließlich hatte die Mutter tief durchgeatmet und gesagt, dass ihr Sohn keinen Tag länger in die Schule gehen würde.

Nathanael legte das Handgelenk an sein rechtes Ohr, die Ohrmuschel war kalt. Er trug einen Schal und zwei Pullover. Trotz der niedrigen Temperaturen, die im Dachzimmer herrschten, war er immer gerne in diesem wenig benutzten Raum gewesen, um Hausaufgaben zu machen, hier hatte er seine Ruhe vor Samuel und Elias. Aber heute wollte er nur nach draußen, auf die Straße, eisige Winterluft einatmen, die im Hals schmerzte.

Am Abend, nachdem die Eltern ihn aus der Schule genommen hatten, war Nathanael übel geworden. Es hatte sich angefühlt, als hätte er sich zwischen Bauch und Rippen etwas eingeklemmt. Zwei Tage lang hatte er im Bett gelegen und keinen Bissen heruntergebracht. Es hatte ihm Angst gemacht, aber er hatte kein Fieber und die Mutter machte sich keine Sorgen. »Gott wirkt in dir«, sagte sie. Nathanael ärgerte sich so sehr darüber, dass er sich vornahm, nicht mehr mit ihr zu sprechen. Schließlich hatte er doch wieder damit angefangen, und auch das schrieb sie natürlich Gottes Einfluss zu.

Gott, dachte Nathanael. Er macht, dass mir übel ist und dass ich wieder mit der Mutter spreche. Aber Rahel wollte er nicht retten.

»Als ich jung war, hat kaum jemand an Gott geglaubt«, hatte Gruber einmal gesagt. Nathanael konnte sich das nicht vorstellen. Er nahm den Stift wieder in die Hand und las die nächsten Zeilen im Evangelium.

Schulzimmer

»Die Oortsche Wolke«, sagte Ludwig Gruber. »Da kommen die Kometen her. Das haben wir doch gestern alles besprochen.«

Seine Klasse schlief so früh am Morgen noch, sie war ganz still, auch wenn die meisten Augen täuschend weit geöffnet waren. Draußen dämmerte es.

Aus dem Dorfbrunnen war heute kein Wasser gekommen. Ludwig hasste das Gefühl von ungewaschenen Händen, er wischte sie zum wiederholten Mal an den Seiten seiner Hosen ab. Er schwieg, die Klasse schwieg. Niemand schien sich an dem Schweigen zu stören. Ludwig blickte auf seine Schuhe. Das Leder war von der Kälte rissig geworden, und an einer Stelle begann sich die Sohle zu lösen.

»Nehmt das Buch heraus«, sagte er.

Sekunden verstrichen, bevor der erste Schüler sich rührte, die anderen folgten ihm traumwandlerisch. Wenn sie eine Bewegung nachahmen konnten, mussten sie keine Worte verstehen. Die Bücher waren alt, eines fiel beim Öffnen auseinander. Der Schüler, dem es gehörte, bückte sich ächzend nach den losen Seiten und begann zu husten. Schon den ganzen Winter lang hustete er so.

Während die Schüler das Kapitel lasen oder die aufgeschlagene Seite anstarrten, schaute Ludwig aus dem Fenster. Der Himmel begann von unten hell anzulaufen, es sah aus, als stiege ein Licht hinter einer milchigen Scheibe auf. Ludwig wandte sich zurück zur Klasse, sein Blick fiel auf den leeren Platz am verkratzten Pult vorn links, wo Nathanael gesessen hatte.

»Es ist so langweilig«, flüsterte Sarah ihrer Banknachbarin zu und schaute Ludwig aus trüben Augen an. »Beim Dorffest werden wir …«, und dann wurde ihre Stimme so leise, dass er sie nicht mehr verstand. Immer dieses Dorffest. Es war das Einzige, was die Schüler in der Winterzeit aus ihrer Lethargie zu reißen vermochte. Sie waren schon vierzehn oder fünfzehn Jahre alt und würden die Schule bald für immer hinter sich lassen.

Eine leise Unruhe erfasste die Klasse und ging zwischen den Pulten umher wie eine Person. Ludwig räusperte sich. »Wer fertig ist, beginnt mit den Hausaufgaben. Schreibt eine Seite über Kometen.« Jemand seufzte laut.

Es knallte. Vanessa hatte Peter mit einem zusammengerollten Heft auf den Kopf geschlagen und huschte zurück an ihren Platz. Einige schrieben jetzt mit kratzenden Geräuschen. Peter lächelte, als wäre er glücklich über Vanessas Angriff. Dabei hielt er den Mund geschlossen, sodass seine schiefen Zähne nicht zu sehen waren. Ludwig machte ein paar Schritte auf Vanessas Pult zu und blickte auf ihr Papier. Sie hatte einen Satz geschrieben, ließ aber jetzt ihren Bleistift zwischen zwei Fingern hin- und herwippen und gab vor, Ludwig nicht zu bemerken. Ihre weißblonden gelockten Haare fielen ihr über die Schultern wie ein Umhang, sie sahen ungekämmt aus.

Sarah hatte noch gar nichts geschrieben, sie hatte den Kopf auf die Bank gelegt und die Augen geschlossen. Er ging zu ihr hin und berührte mit der Hand ihre Schulter. Sie zuckte zusammen und sah ihn fragend an. »Du musst mitarbeiten«, sagte er leise.

Als er sich wieder ans Lehrerpult setzte, sah er, dass Sarah sich aufgerichtet hatte und ihn immer noch fixierte, als versuche sie sich zu erinnern, was der Auftrag war. Dann schaute sie aufs Blatt und begann etwas zu kritzeln, das sie mit ihrer Hand vor seinem Blick schützte, wahrscheinlich zeichnete sie etwas.

Ludwig schaute wieder aus dem Fenster. Mittlerweile hatte der Himmel die Farbe angenommen, die er an wolkenlosen Tagen hatte, das gebrochene Weiß eines Mehlteigs. Der Schulhof darunter sah aus wie neu, die Risse im Asphalt waren unter dem Schnee verschwunden.

Es dauerte nur eine kurze Weile, bis die Klasse merkte, dass seine Aufmerksamkeit nicht mehr bei ihnen war. Die Schreibgeräusche erstarben. Jemand kicherte. Ludwig dachte an die Kometen, die weit weg ihre stillen Bahnen durch das Weltall zogen. Dann wandte er sich der Klasse zu.

Betgruppe

Nathanael blieb in der Tür des Saals stehen und suchte mit den Augen die Sitzreihen ab. Sarah war noch nicht hier. Vorn begrüßte Hendrik die Neuankömmlinge und schüttelte ihnen lächelnd die Hand. Auch ihm winkte er zu, aber Nathanael hob nur kurz die Augenbrauen. Dann setzte er sich in die hinterste Reihe. Im Rücken spürte er die kalte Wand. Er hätte Hendrik wenigstens zunicken können, er hatte sich doch vorgenommen, freundlich zu sein, bis er zurück in die Schule durfte. Bestimmt würde sich der Prediger später wieder bei den Eltern beklagen. Hendrik fasste einen Mann leicht am Oberarm, woraufhin dessen Gesicht aufleuchtete.

Dutzende von Kerzen brannten auf Tischen und am Boden. Nathanael beobachtete die Erwachsenen, die den Raum langsam füllten. Die Frauen in ihren langen dunklen Röcken, mit ihren Zöpfen, die Männer mit ihren Bärten und den abgeschabten Hosen und Jacken. Sie setzten sich mit umständlichen Bewegungen in die vorderen Reihen und unterhielten sich. In den Händen hielten sie alle eine Bibel, in vielen verschiedenen Ausgaben, dunkelrote und grüne, kleine und große, und das, was Hendrik ihre Vollendung nannte: einen handbeschriebenen, zusammengehefteten Stapel Papier. Das Evangelium des Staubes. Einiges davon hatte Nathanael selbst abgeschrieben.

Endlich tauchten auch Sarah und ihr Vater auf. Nathanael sah ihnen dabei zu, wie sie sich zwei Reihen vor ihn setzten. Sarah drehte den Kopf zur Seite, als ob sie sich nach ihm umschauen wollte, doch sie wandte den Blick gleich wieder nach vorn. Nathanaels Eltern betraten den Raum als Letzte, man hatte ihnen zwei Plätze in der ersten Reihe freigehalten. Die Mutter ging voraus, auch sie in einem langen schwarzen Kleid, mit aufrechtem Gang, die schwarzen Haare in einem Knoten hochgesteckt. Der Vater folgte, seine Haltung wie immer etwas schief, und statt einem Vollbart wie die meisten anderen Männer hatte er kreuz und quer abstehende graue Stoppeln am Kinn.

Samuel, der dicht hinter den Eltern gegangen war, bog ab und drängte sich an den anderen Jugendlichen in der letzten Reihe vorbei. Dann ließ er sich schwer auf das Evangelium fallen, das Nathanael neben sich abgelegt hatte.

»Hau ab«, zischte Nathanael ihm ins Ohr, »hier ist reserviert.« Vielleicht würde Sarah ja nach der Pause den Platz wechseln.

Samuel schnitt ein Gesicht. »Wieso?«

Nathanael stieß ihm seinen Ellbogen in den Oberarm.

»Aua«, rief Samuel leise.

»Steh jetzt auf. Oder ich verrate den Eltern, wo du gestern warst«, sagte Nathanael.

Samuel schaute ihn ungerührt an, aber dann verzog er sich. Am Tag zuvor war er mit seinen Klassenkameraden weit auf den gefrorenen Dorfweiher hinausgeschlittert, bis das Eis angefangen hatte zu knacken. Nathanael hatte ihnen vom Ufer aus zugesehen.

Samuel setzte sich vorn neben Elias, mit dem er sofort zu tuscheln begann. Nathanael betrachtete ihre Hinterköpfe. Samuel hatte helle Haare, Elias dunkle, aber die Ähnlichkeit in ihren etwas eckigen Bewegungen verriet, dass sie Brüder waren. Hoffentlich bewegte er sich nicht auch so.

»Sei doch froh, dass du nicht mehr in die Schule musst«, hatte Samuel am Morgen gesagt. Nathanael hätte ihm für die dumme Bemerkung gerne unter dem Tisch einen Tritt versetzt. Aber er konnte keinen zusätzlichen Ärger gebrauchen.

Hendrik erhob seine Stimme. »Beginnen wir.«

Nathanael versuchte sich vorzustellen, was er von Hendrik halten würde, wenn er ihm heute zum ersten Mal begegnen würde. Hendrik war groß und dünn. Er hatte schütteres Haar und ein Gesicht, das stets leicht beleidigt wirkte. Die Eltern sagten, er habe es schwer gehabt, bevor er zum Evangelium gefunden habe. Jetzt war sein schmaler Körper erfüllt von etwas, das nicht von dieser Welt war, etwas Starkem, das ihn hin- und herwarf und durch den Raum trieb. Hendriks Hände bewegten sich beim Reden wie von selbst, schlanke, elegante Hände. Nicht wie bei Gruber, dessen Hände beim Sprechen immer wieder kraftlos nach unten sanken oder in den Hosentaschen verschwanden. Hendriks Stimme war scharf und klar, man hörte jede Silbe überdeutlich. Gruber klang immer etwas verhangen, als strenge ihn das Sprechen an, während für Hendrik das Sprechen scheinbar eine Erleichterung darstellte.

Der Saal war ganz still. Nathanael wäre gerne mit den Gedanken abgeschweift, aber Hendriks Worte bohrten sich hartnäckig in seine Ohren. Dabei hatte er fast die gleiche Predigt schon einmal gehalten. Sie handelte von dem gesegneten Dorf in Russland, über dem der Himmel noch offen war und wo die Menschen nichts mehr zu essen brauchten, weil sie so heilig und rein waren. Nathanael konnte sich nicht vorstellen, wie es war, nie mehr etwas essen zu wollen. Hellblau sei der offene Himmel, sagte Hendrik, und am Abend rosa, so wie Gott ihn geschaffen habe.

Die Gemeinde hörte andächtig zu. Vielleicht wussten sie nicht mehr, dass sie das alles schon einmal gehört hatten, oder sie mochten gerade die Wiederholung. Dann begann das Beten. Alle senkten die Köpfe. Auch Nathanael legte seine Hände so in den Schoß, wie es richtig war, mit dem rechten Daumen in der linken Handfläche. Er versuchte weiter, Hendriks Worte auszublenden, und konzentrierte sich auf den hellen Halbmond am Daumennagel.


Auch im Pausenraum brannten Kerzen. Die Leute scharten sich im Halbdunkel um die großen Metalltöpfe, der Geruch von Kräutertee und süßem Gebäck lag in der Luft. Nathanael wartete neben der Tür, bis Sarah erschien. Sie roch gut, nach Seife und Wolle.

»Komm«, sagte sie und zog ihn in den dunkelsten Teil des Raums, weit weg von den Kerzen und den redenden Erwachsenen. »Hier.« Sie blätterte in ihrem Evangelium und nahm einige lose Blätter heraus. Nathanael faltete sie und steckte sie in seine Bibel. Er blickte sich um. Niemand schien sie gesehen zu haben, seine Eltern standen mit Hendrik in einer Ecke und tranken Tee.

»Was habt ihr in der Schule gemacht?«, fragte er.

»Ich hab nicht zugehört«, antwortete Sarah. »Du kannst es nachlesen. Ich hab die Seiten aus dem Biologiebuch gerissen, pass auf, dass niemand sie sieht.«

Nathanael unterdrückte den Impuls, ihr zu sagen, dass sie die Bücher nicht zerreißen durfte. Es gab nicht viele von ihnen. Aber er brauchte die Seiten ja.

»Haben wir … habt ihr viele Hausaufgaben?«, fragte er.

»Ja«, sagte Sarah. »Viel zu viele. Ich verstehe nicht, was sein Problem ist. Wo wir doch bald Dorffest haben.«

Nathanael wusste nicht, was das mit dem Dorffest zu tun hatte, das erst Ende der Woche stattfinden würde. Aber er fragte nicht nach. »Ich geb sie dir morgen.«

»Kannst du wieder ein paar Fehler einbauen? Und meine Schrift nachmachen?«

Sarah lächelte Nathanael verschmitzt an, ihm wurde ganz flau im Magen. Mussten ihre braunen Haare so schimmern? Sie stand zu nah bei ihm. Seltsam, oft wünschte er sich, in ihrer Nähe zu sein, aber wenn er sie dann traf, wollte er nur, dass es schnell wieder vorbei war und er in Ruhe darüber nachdenken konnte, was sie gesagt und wie sie es wohl gemeint hatte.

»Ich weiß nicht, deine Schrift ist komisch«, sagte Nathanael. Sarahs Buchstaben neigten sich so stark nach rechts, dass man sie kaum lesen konnte.

»Sonst merkt er es«, sagte sie. »Er hat schon letztes Mal so seltsam geschaut.»

»Ich versuche es.«

»Ich wünschte, ich müsste auch nicht mehr in die Schule.«

»Zu Hause ist es langweilig«, antwortete Nathanael.

»Kannst ja deinem Vater helfen.«

»In der Metzgerei?« Nathanael verzog das Gesicht. Er hasste den Blutgeruch.

»Warum nicht? Ich kann Fische sehr schnell ausnehmen. Papa sagt, ich werde mal eine gute Fischerin.«

»Papa sagt was? Hallo Nathanael.«

Nathanael zuckte zusammen, er hatte Sarahs Vater nicht bemerkt. Michael war größer als Nathanaels Vater und hatte ein unförmiges Gesicht. Er reichte Sarah ein Stück Gebäck, das in ein Tuch gewickelt war.

»Gutes Essen«, lobte er. »Dafür lohnt es sich, diesem Schwätzer zuzuhören.« Und zu Nathanael gewandt: »Erzähl das nicht deinen Eltern.«

»Papa, geh doch nach Hause, wenn du nicht zuhören willst«, sagte Sarah. »Mir hat die Predigt gefallen.« Dabei schaute sie Nathanael an.

Nathanael antwortete nicht. Er verstand nicht, warum Sarah hier besser aufpasste als in der Schule. Michael schien es jedenfalls nichts auszumachen, wie Sarah mit ihm sprach, er lächelte nur.

»Du hast recht, Liebes. Es liegt sicher viel Wahres darin.«

»Nenn mich nicht Liebes.«

»Frauen«, sagte Michael zu Nathanael und lachte. Nathanael lachte mit, obwohl er nicht wusste, was Michael meinte.

»Wir machen weiter«, rief Hendrik.

Frauen, dachte Nathanael auf dem Weg zurück in den Raum. Seine Mutter in ihrem schwarzen Kleid. Sarah mit ihren glänzenden Haaren. Vanessa, die einem Mitschüler quer durch den Raum ein Buch an den Kopf warf. Die Prophetin, die angeblich im Wald lebte. Nathanael stellte sie sich mit wirren Haaren vor. Hendrik hatte gesagt, sie habe leuchtende Augen und ganz warme und trockene Hände gehabt, von dem Fieber, das ihre Visionen begleitete, und sie habe mit einem leichten Akzent gesprochen, weil sie doch als Kind von Russland hergezogen war. Er und sie seien Freunde gewesen, behauptete er, aber Nathanael vermutete, dass er log. Einmal hatte Rahel gefragt, ob denn die Prophetin Rechts- oder Linkshänderin sei, und Hendrik hatte es nicht gewusst.

Sarah setzte sich auch nach der Pause wieder neben ihren Vater. Samuel und Elias schauten sich nach Nathanael um und kicherten. Sie kamen ihm fremd vor, wie irgendwelche Jungs, mit denen er nichts zu tun hatte.

Dorffest

Der Wein schmeckte nach Schimmel und Gewürzen und war nicht warm genug, um die Kälte zu vertreiben. Ludwig nahm einen tiefen Schluck. Vorn auf der Bühne verausgabten sich die Schauspieler im trüben Licht des späten Nachmittags. Sie schrien einander an und warfen die Hände in die Luft. Gelächter wogte durch die Menge um ihn. Auch Ludwig begann zu lachen, er mochte das Gefühl, wie sein Lachen im Gelächter der Menge unterging, wie ein Kiesel, der im tiefen Meer versinkt. Um ihn herum standen die Menschen dicht gedrängt auf dem Dorfplatz, in dicken Mänteln und Jacken. Es schneite leicht, die Flocken schmolzen zwischen Ludwigs Schal und seinem Nacken.

Ein Kind begann so laut zu schreien, dass Ludwig nicht mehr verstand, was die Schauspieler auf der Bühne riefen. Eine Frau fuchtelte wie eine Furie mit einem Wallholz, und ein Mann stolperte mehrmals und fiel hin. Die Menge begann zu klatschen, Ludwig wusste nicht warum. Aber er klatschte vorsichtig mit, Hand auf Handrücken, um den Wein nicht zu verschütten. Als er den Arm senkte, zog ihn jemand am Ärmel. Nathanael. Ludwig wollte fragen, wie es ihm ging. Bevor er etwas sagen konnte, drückte Nathanael ihm ein mehrfach zusammengefaltetes Blatt Papier in die Hand und verschwand wieder zwischen den dunklen Mänteln der Dorfbewohner.

Ludwig fuhr mit den Fingern die Kanten des gefalteten Papiers entlang und nahm einen Schluck Wein. Dann steckte er es in die Manteltasche.


Die Luft im Festzelt war dick und roch nach dem gewürzten Wein und dem Rauch der Öllampen. Es war warm, Ludwig hatte seinen Mantel über einen Stuhl gehängt. Die Dorfbewohner standen in Gruppen dicht beieinander. Alle riefen statt zu sprechen, irgendwo im Halbdunkel spielte jemand Gitarre, aber nur hie und da drang die Musik zu Ludwig durch, und er erkannte die Melodie nicht.

Auf dem Weg zum Weinstand, wo er seinen Becher nachfüllen wollte, hielten ihn die Eltern einer Schülerin auf. Ihre Gesichter waren voller Sorge. Bestimmt wollten sie sich darüber beklagen, dass Ludwig auf die Mathematikprüfung ihrer Tochter »absolut ungenügend« geschrieben hatte.

»Sie hat immer noch diesen Ausschlag«, sagte der Vater.

»Das kann sein«, sagte Ludwig. Die Pusteln bedeckten die Hälfte ihres Gesichts und den Hals.

»Woher kommt das nur?«, fragte der Vater. »Es wird jeden Tag schlimmer.«

»Ich weiß es nicht.«

»Aber was kann man dagegen tun?«, fragte die Mutter.

»Mit Alkohol einreiben?«, schlug Ludwig vor.

»Das nützt nichts«, antwortete sie.

»Ich bin kein Arzt«, antwortete Ludwig müde. Wie oft er ihnen das schon gesagt hatte.

»Ich hätte auch eine Frage«, sagte Urs, der mit unsicheren Schritten hinzutrat. Die Schatten unter den Augen des Dorfchefs schienen dunkler als sonst. Seine schwarzen Haare standen in alle Richtungen ab.

»An mich?«, fragte Ludwig. Er hoffte, Urs würde gleich wieder gehen. Er unterhielt sich nicht gern mit Urs, wenn er angetrunken war. Urs neigte dann dazu, Dinge zu verraten, die zu wissen Ludwig peinlich berührte. Auch wenn ihn die Zentrale angestellt hatte, war Urs sein Vorgesetzter, und er hätte gerne etwas mehr Abstand zu ihm gehalten. Aber das Dorf war zu klein dafür.

»Unser Jüngster schlafwandelt. Geht das wieder weg?«

Nein, wollte Ludwig erst antworten. »Ich weiß es nicht«, sagte er. »Ja, ich glaube schon, das wächst sich aus.«

Urs sah ihn enttäuscht an.

Alles, was Ludwig über Medizin wusste, stammte aus den alten Biologiebüchern, die er in der Schule gefunden hatte. Auch das Anatomiebuch, das ihm Nathanaels Mutter vor die Füße geworfen hatte, enthielt keine Antworten auf die Fragen, die ihm gestellt wurden. Die meisten Bücher, die überhaupt etwas taugten, waren von der Zentrale eingezogen worden. Ludwig wünschte, er hätte damals in der Schule besser aufgepasst, aber die Biologie des Menschen hatte ihn abgestoßen, diese obskuren Prozesse, die tief in seinem Innern vor sich gingen und ihn am Leben hielten.

Eine Gruppe von Leuten begann zu singen, ein altes Lied über einen Lindenbaum. Es klang schief, trotzdem hatte Ludwig Lust, mitzusingen und dabei an nichts zu denken.

»Ich brauche noch einen Becher Wein«, sagte er und ließ Urs und die Eltern stehen.


Ludwig trat aus dem Festzelt, um etwas frische Luft in die Lunge zu bekommen. Es hatte aufgehört zu schneien, war aber kälter geworden. Als seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah er Lisa. Er hatte angenommen, sie würde nicht zum Fest kommen.

»Ist zu warm im Zelt«, sagte Lisa und lächelte ihn an. In der Hand hielt sie einen Becher.

»Viel zu warm«, sagte Ludwig. Er wandte sich ab, er wollte nicht mit ihr reden. Aber sie fasste ihn am Arm. Wie angenehm sich ihre Berührung anfühlte, selbst durch die Winterjacke hindurch.

»Hast du gesehen?«, fragte sie und deutete zum Himmel. Die Wolken hatten sich gelichtet und gaben einen Teil der Staubdecke frei, durch die der Mond als verschwommene weiße Scheibe hindurchstrahlte. Nach außen zerlief sie in einen bläulichen Kranz, der erst ins Grüne überging und sich dann ins Rote verlor. Das Ganze sah aus wie die Perlmuttschicht im Innern einer Muschel. Das sei der Hof, hatte jemand einmal gesagt. Man konnte ihn sehen, wenn keine Wolken am Himmel waren und der Mond hell genug leuchtete.

»Auch als man ihn noch deutlich sehen konnte, habe ich nie verstanden, was die Leute an diesem Steinklumpen finden«, sagte Ludwig.

»Ich weiß«, antwortete Lisa.

Ihr Gesicht war schön, wie immer. Bleich und rund, mit blonden Strähnen, die unter ihrer Mütze herausfielen. Wenn sie ihn so anblickte, dachte er immer, er schuldete ihr etwas.

»War das Stück nicht fürchterlich?«, fragte sie.

»Wie geht es Michael?«, fragte Ludwig.

»Gut«, sagte sie. »Besser als mir jedenfalls.«

»Es war deine Entscheidung«, sagte er. Er wollte wütend klingen, aber es gelang ihm nicht so recht. Trotz allem tat es ihm gut, mit Lisa zu sprechen.

»Ist Vollmond?«, fragte sie.

»Ich weiß es nicht.«

»Schau nach und sag mir Bescheid.«

Früher hatte sie den Mondkalender, der bei ihm an der Wand hing, oft interessiert betrachtet. Sie war überzeugt, dass man gewisse Handlungen nach den Mondphasen ausrichten sollte. Er hatte das meiste davon vergessen und konnte sich einzig daran erinnern, dass sie sich und Sarah die Haare nur bei Leermond schnitt. Nachdem sie aufgehört hatten, sich zu treffen, war Sarah einmal mit schiefen, kurzen Stirnfransen in die Schule gekommen, und Ludwig hatte am Abend zu Hause nachgeschaut. Lisa hatte den Leermond um Tage verpasst. Aber sie sollte tun und lassen, was sie wollte, es ging ihn nichts mehr an.

»Begleitest du mich nach Hause?«, fragte Lisa. Sie schwankte. »Ich bin betrunken.«

»Nein«, sagte Ludwig.

»Ich will nicht stolpern und erfrieren.«

»Wieso fragst du nicht deinen Ehemann?«

»Ich mag nicht.«

Also gut. Er würde sie nach Hause begleiten, dorthin, wo sie hingehörte, wo sie mit Michael und Sarah wohnte, dann selbst heimgehen und nicht mehr an sie denken. Drei Monate war es her, seit sie ihm gesagt hatte, dass sie sich nicht mehr treffen sollten. Mit jeder Woche war es einfacher geworden. Aber heute Abend fühlte es sich wieder genauso schwer an wie am Anfang. Sie schwankte, und er packte sie am Unterarm.

Auf halbem Weg kam ihnen eine dunkle Gestalt mit einer Laterne entgegen. Erst als sie schon fast bei ihnen war, erkannte Ludwig Nathanaels Mutter und ließ Lisas Arm sofort los. Aber es war zu spät. Petra ging grußlos an ihnen vorbei. Ihr langer schwarzer Rock flatterte im Wind.

»Sie ist mir böse, weil ich nicht mehr in die Betgruppe gehe«, flüsterte Lisa.

»Sie sucht wohl Elias«, erwiderte Ludwig. Nathanaels Bruder war immer noch auf dem Fest, er lungerte seit dem frühen Abend in der Nähe des Weinstands herum. Ludwig wandte sich im Gehen nach Petra um und sah, dass sie weiter oben am Weg stehen geblieben war und zurückschaute. Ludwig packte Lisas Arm wieder, so fest, dass sie erschrak und kurz ins Straucheln geriet. Was kümmerte es Petra, ob er und Lisa zusammen nach Hause gingen, ob Lisa Michael verließ oder nicht, das ging sie alles nichts an.

»Du weißt, wie ich das gemeint habe?«, fragte Lisa. Sie waren bei ihrem Haus angekommen, und sie löste sich von seinem Arm.

»Was denn?«, fragte Ludwig.

»Sag bitte Bescheid wegen dem Mond.«

Wieder schaute sie ihn so an. Ludwig wollte sie an sich ziehen, damit sie den Mond vergäße, stattdessen hob er nur die Hand und ließ sie stehen.

Alkohol

Nathanael wurde von Samuels Weinen geweckt. »Was ist?«, fragte er. Vor dem Fenster war es dunkel, es musste mitten in der Nacht sein. Samuel lag zusammengerollt im Bett, seine Kerze brannte noch.

»Elias«, murmelte Samuel. »Er ist krank.«

»Was hat er?«

»Weiß nicht, er ist ohnmächtig.«

Nathanael sprang auf. Beim Abendessen am Dorffest hatte Elias noch gesund ausgesehen. Er öffnete die Tür zum Gang. Unten im Wohnzimmer hörte er leise Stimmen. Schnell stieg er die Treppe hin unter.

Die Eltern saßen bei Elias, der weich und schlapp auf dem Sofa lag. Der Vater blickte auf und schüttelte den Kopf. »Er hat eine Alkoholvergiftung.«

»Mit elf«, fügte die Mutter an. Ihre Augen waren gerötet. Sie streckte die Arme nach Nathanael aus, und er ging hin und umarmte sie. In ihren Kleidern hing der Geruch nach Holzfeuer und Alkohol.

»Er hat die herumstehenden Weingläser leer getrunken«, sagte sie. »Fang mir jetzt nicht mit deinen Bakterien an.« Die Mutter lächelte ein wenig.

»Wird er wieder gesund?«, fragte Nathanael.

Der Vater seufzte. »So Gott will.«

»Natürlich wird er wieder gesund.« Die Mutter stand auf. »Aber es ist zum Verrücktwerden. Da gehen wir herum und versuchen, mit den Leuten über den Glauben zu sprechen. Und zur gleichen Zeit …«

»Erst du«, sagte der Vater mit bitterer Stimme. »Und jetzt Elias.«

»Ich trinke doch nicht«, wehrte sich Nathanael. »Ich versuche nur, ein paar Dinge besser zu verstehen.«

Die Eltern schauten sich vielsagend an, dann wandte sich die Mutter ihm wieder zu und blickte ihn streng an. »Alles, was wir wissen müssen, steht in der Bibel und im Evangelium.«

»Hör auf deine Mutter«, fügte der Vater an. »Du bist jung. Du hast nicht gesehen, was wir gesehen haben.«

»Ich habe gesehen, wie sehr Rahel …«

»Nicht jetzt, Nathanael«, sagte die Mutter scharf.

»Und wenn Elias aufhört zu atmen?«, fragte Nathanael.

»Gott schaut auf uns. Er wird uns nicht noch ein Kind nehmen«, sagte die Mutter. Ihre Stimme klang entschieden. Der Vater sah Nathanael warnend an.

»Wenn wir einen Arzt hätten …«, sagte Nathanael trotzdem.

»Nathanael, wir haben das schon tausend Mal besprochen. Früher gab es so viele Ärzte«, sagte die Mutter. »Was hat es uns genützt?«

Nathanael dachte an Rahel. Als sie um Luft gerungen hatte, wollte der Vater doch noch bei der Zentrale einen Arzt holen, aber es war zu spät gewesen.

Elias’ Brustkasten hob und senkte sich langsam. Der Vater strich ihm vorsichtig über die bleichen Wangen.

»Geh ins Bett«, sagte die Mutter. »Wir bleiben wach und beten für Elias. Und für dich.«

Nathanael stapfte die Treppe hinauf, verharrte kurz und warf einen Blick zurück. Die Eltern beugten sich über Elias. Beide hatten den rechten Daumen auf ihre linke Handfläche gelegt, die Mutter murmelte ein Gebet. Die Worte verstand er nicht, aber er hörte das Vertrauen in ihrer Stimme und dahinter die Angst.

Im Zimmer war es dunkel, Samuel atmete ruhig. Nathanael legte sich ins Bett. Er blies die Kerze aus und starrte mit weit geöffneten Augen ins Dunkel. Jeden Moment erwartete er, dass die Eltern anfangen würden zu schreien. Er würde nach unten rennen und Elias beatmen, er hatte gelesen, wie es ging.

Doch es blieb still.

Komet

Ludwig erwachte mit pochenden Kopfschmerzen. Er fror, das Feuer war in der Nacht erloschen. Mühsam stand er auf und streifte seinen Mantel über. Im Zimmer nebenan hörte er leise die Hühner scharren und gackern. Bald würde er sie füttern müssen. Aber zuerst musste er pinkeln. Er zog die Schuhe an und öffnete die Haustür. Draußen war es noch kälter als gestern. Dieser elende Winter. Die dünne Schneedecke im Garten brach unter seinen Füßen, während er die wenigen Schritte zum Bretterverschlag zurücklegte. Auf dem Weg zurück zum Haus steckte er die eiskalten Hände in die Manteltaschen und streifte dabei den Zettel von Nathanael. Drinnen nahm er ihn aus der Tasche, faltete ihn auf und begann zu lesen.

Auf einem Kometen im Sonnensystem lebt eine außerirdische Zivilisation. Für viele Jahrhunderte reist der Komet durch Kälte und Dunkelheit. Am dunkelsten und kältesten ist es, wenn er sich der Oortschen Wolke nähert, wo er ursprünglich herkommt und wo alles aus Eis besteht, sogar die Luft gefriert dort.

Während der langen Jahre, die der Komet in Sonnenferne verbringt, befindet sich alles Leben in tiefem Schlaf. Nichts bewegt sich. Doch wenn der Komet alle paar Jahrhunderte näher an die Sonne kommt, an der Erde vorbei und noch näher, erwacht er für einige Zeit. Dann tauen die gefrorenen Wesen auf, umarmen sich und treffen sich, sie spielen Musik, tanzen und lachen und führen Theaterstücke auf. Gleichzeitig bekommt der Komet einen Schweif, denn das Eis schmilzt, und der Schweif zieht sich weit durch das Sonnensystem und ist von allen Planeten aus sichtbar, außer von der Erde und der Venus, die von ihren Atmosphären dicht verhüllt sind. Aber vom Mars aus sieht man ihn kristallklar, und er zieht sich über den ganzen weiten Marshimmel, an den glitzernden Sternen vorbei.

Dann schleudern die Gesetze der Gravitation den Kometen wieder fort von der Sonne. Die Wesen verabschieden sich traurig voneinander, wenn es dunkler wird, und vergraben sich in den Boden, wo sie zu Stein gefrieren für die nächsten Jahrhunderte. Doch von all dem wissen wir nichts, und wir werden auch nie etwas davon erfahren.

Ludwig faltete den Zettel langsam zusammen. Er starrte aus dem Fenster auf die menschenleere Straße. Jemand musste Nathanael die Unterlagen zur Astronomiestunde weitergegeben haben. Was stellte der Junge sich vor? Dass Ludwig seine Hausaufgabe korrigieren und zurückgeben würde, gegen den Willen seiner Eltern? Nathanael schien den Auftrag, den er den Schülern gegeben hatte, zudem missverstanden zu haben, es war nicht darum gegangen, eine Geschichte zu erfinden. Immerhin stimmte der Kometenorbit, den Nathanael beschrieb, ungefähr mit den Tatsachen überein. Das war schon viel, die Texte der anderen Schüler waren konfus gewesen, so als hätten sie keines von Ludwigs Worten verstanden.

Ludwig nahm eine Handvoll trockenes Stroh, stopfte es zwischen die Holzscheite im Kamin und schlug den Feuerstein und das Stahlstück zusammen, bis das Stroh zu qualmen begann. Er hängte den Wasserkessel über die größer werdenden Flammen und warf getrocknete Pfefferminzblätter hinein. Wie sehr er Kaffee noch immer vermisste, gerade an einem Morgen wie heute. Er streute aus einer Dose Hafer in das Pfefferminzwasser und löffelte den Brei langsam. Das Licht draußen war noch trüber als sonst, vielleicht würde es bald wieder schneien.

Wenn er Nathanaels Hausaufgaben weiterhin korrigierte, würde früher oder später unvermeidlich Petra an seine Tür klopfen. Sie würde ihn anschreien, was er sich einbilde und ob sie Nathanael einsperren müsse, damit Ludwig aufhören würde, ihn zu beeinflussen. Wahrscheinlich würde sie Urs in die Sache hineinziehen, der sich dann in Ludwigs Lehrplan einmischen würde. Sina, Urs’ Frau, besuchte jetzt auch die Betgruppe.

Als Petra Nathanael aus der Schule genommen hatte, hatte sich in Ludwigs Ärger eine leise Erleichterung gemischt. Er war froh gewesen, dass er ihr hartes Klopfen an seiner Tür nicht mehr hören würde, zumindest so lange, bis Samuel und Elias in die Oberstufe kämen. Wenn Petra sie denn überhaupt die Oberstufe besuchen ließe. Seit Ludwig Nathanaels Klasse übernommen hatte, war sie in regelmäßigen Abständen vorbeigekommen, um seinen Unterricht zu kritisieren. Ob er nicht dieses Buch oder jenes Thema weglassen könne. Ständig hatte sie Nathanaels Taschen durchsucht und seine Schulunterlagen kontrolliert. Früher hatte Ludwig noch gehofft, dass Niklas, Nathanaels Vater, sich eines Tages gegen seine Frau wehren würde. Er war ein schweigsamer Mann und schwer zu durchschauen. Aber scheinbar teilte er Petras Ansichten.

Nein, dachte Ludwig. Ich werde nichts tun. Es ist besser, auch für Nathanael.

Glocke

Es war schon hell, als Nathanael nach unten ins Wohnzimmer kam. Die Mutter verteilte drei Teller auf dem Tisch und sah nur kurz auf. Elias saß auf dem Sofa, in eine karierte Decke gewickelt. Lediglich sein Kopf schaute heraus. Er war bleich, starrte aus dem Fenster auf den fein fallenden Schnee und beachtete Nathanael nicht.

»Geht es ihm besser?«, fragte Nathanael.

»Ihm geht es gut«, sagte die Mutter. »Sei leise, Vater schläft. Er war die ganze Nacht wach.«

Samuel polterte die Treppe herunter. Auf halber Strecke blieb er abrupt stehen und musterte Elias.

»Elias, du Idiot«, rief er.

»Ruhe«, rief die Mutter. »Ihr seid genauso schuld. Ihr wisst doch, dass ihr auf Elias achtgeben sollt.«

Elias zog sich die Decke über den Kopf.

»Gehen wir nicht zur Predigt?«, fragte Nathanael. Hendrik hatte bereits das erste Mal die Glocke geschlagen. Normalerweise weckte die Mutter sie vor dem Läuten.

»Ihr geht. Ich bleibe bei Elias. Und Vater muss schlafen.«

»Das ist gemein«, nörgelte Samuel.

Die Mutter legte das Besteck hin.

»Genug jetzt«, sagte sie leise. »Kommt her, sofort.« Nathanael und Samuel näherten sich ihr zögernd. »Wir tun alles für euch. Tag für Tag rackern wir uns ab, damit ihr genug zu essen habt. Und ihr? Ihr beklagt euch, dass ihr am Samstagmorgen das Wort Gottes hören müsst? Ist das für euch nur eine Pflicht? Wollt ihr lieber so aufwachsen wie Vanessa? Mit einer Mutter, die gut und schlecht nicht unterscheiden kann?« Wie bleich sie ist, dachte Nathanael. »Reicht denn nicht, was Elias uns angetan hat?«

»Wir gehen ja«, sagte Nathanael und zog Samuel am Ärmel. »Ich werde auf Samuel aufpassen. Wir werden hingehen und für Elias beten.«

»Das ist das Mindeste«, sagte die Mutter. »Das Mindeste.«

»Auf mich muss niemand aufpassen«, sagte Samuel. »Ich lese keine verbotenen Bücher und trinke auch nicht.«

»Dann passt eben aufeinander auf«, sagte die Mutter müde. »Und nehmt euch noch ein Stück Brot mit.«

Metallladen

Lisa saß hinter der Theke und las. Als Ludwig die Tür öffnete, zuckte sie zusammen und richtete sich auf. »Und, war Vollmond?«, fragte sie.

Ludwig nickte. Er fuhr mit dem Finger die Theke entlang. Er hatte nicht nachgesehen. Ohnehin konnte niemand sicher sein, welcher Tag genau war; ein paar Dörfer weiter waren sie überzeugt, es sei drei Tage später. Lisas Bitte hatte ihn dazu gebracht, wieder darüber nachzudenken, wie man den Kalender genauer machen könnte, etwa, indem man versuchte, die dunkelste Nacht des Monats zu bestimmen. Aber wozu, Lisas Vorstellungen vom Einfluss des Monds waren doch nur dummer Aberglaube.

Die Tür zum Hinterzimmer des Ladens stand halb offen. Auf dem kleinen Tisch lag ein gelb gemustertes Wachstuch, dahinter waren die rostigen Armaturen einer ehemaligen Küche sichtbar. Am Boden stand das Kurbelradio. Leise chinesische Musik, unterbrochen von statischem Knistern, drang aus den Lautsprechern. Ludwig wünschte sich, dort am Tisch sitzen zu dürfen, den ganzen Tag lang. Er würde den Kopf auf das kühle Wachstuch legen und der Musik zuhören, bis es Abend wurde, während Lisa vorn an der Theke las.

»Habt ihr das Fahrrad noch?«, fragte Ludwig, um etwas zu sagen.

»Ja, aber wie du weißt, darf ich es nicht …«

»Ich will es ja nicht kaufen. Nur ausleihen. Ich möchte nächste Woche den Dynamo behandeln.«

Lisa zögerte und nickte dann. Sie verschwand im Hinterzimmer, und Ludwig hörte, wie sie eine Tür aufschloss. Sie kam mit einem großen, verbeulten Mountainbike unter dem Arm zurück. Ludwig nahm es ihr ab. Es war schwerer, als er erwartet hatte, waren Mountainbikes nicht leicht gewesen? Er stellte es auf den Boden. Lisa strich sich den dunklen Rock glatt und richtete ihren Zopf.

»Was für ein Ding«, sagte Ludwig.

Sie lächelte stolz, als hätte sie das Fahrrad selbst gebaut.

Das Hinterrad des Mountainbikes war vollkommen verbogen, und die Speichen waren rostig. Doch das Vorderrad lief noch. Ludwig hob es an und drehte das Rad, die Lampe leuchtete hell. Wie schön es wäre, ein Fahrrad zu besitzen. Ludwig würde damit in andere Dörfer fahren und mit Neuigkeiten zurückkommen, die Lisa überraschten. Oder er würde sie mitnehmen, sie würden immer weiter fahren, bis sie ans Meer kämen, und dort ein Haus bauen.

»Danke«, sagte Ludwig, nachdem Lisa das Fahrrad zurück ins Hinterzimmer getragen und die Tür wieder verschlossen hatte. »Ich hole es in ein paar Tagen.«

»Ist gut«, sagte Lisa und griff nach dem Buch, das vor ihr auf der Theke lag.

»Was liest du?«, fragte er.

»Die Buddenbrooks«, antwortete sie.

Schon wieder, dachte Ludwig. Während der großen Kälte hatte er stapelweise Bücher in den Kamin geworfen und verbrannt. Nur zwei naturwissenschaftliche hatte er aussortiert. Beide lagen seit Jahren in Walters Bibliothek.

Lisa hielt ihm das Buch hin, und er schlug es auf der ersten Seite auf.

»Lisa Wendelin«, las er vor.

Sie richtete sich auf, und Ludwig merkte, dass er mit seiner Lehrerstimme gelesen hatte wie vor der Klasse, wenn er die Anwesenheitsliste prüfte. Lisa hatte ihren Mädchennamen mit runden Buchstaben hineingeschrieben, bestimmt noch als Schülerin. Wahrscheinlich hatte sie das Buch auf der Flucht mitgeschleppt. Wieso hatte er sie nicht schon damals kennenlernen können? Jetzt trug sie Michaels Namen, Schmid. Das passte überhaupt nicht zu ihr. Es war wie eine Tarnung, die sie sich übergestülpt hatte.

Weiter unten war eine Strichliste eingezeichnet, neun Fünferblocks und ein angefangener Block mit vier Strichen. Das Lesezeichen steckte fast am Ende des Buches zwischen den Seiten, bald würde sie auch den letzten Block durchstreichen können.

»Nächstes Jahr werde ich es Sarah zum Lesen geben«, sagte Lisa.

Ludwig nickte. Er konnte sich nicht vorstellen, wie sich Sarah auf solch ein langes Buch würde konzentrieren können. Es ärgerte ihn, dass ausgerechnet Lisas Tochter so unbedarft von der Schule gehen würde. In letzter Zeit arbeitete sie immer weniger mit.

»Wie geht es dir?«, fragte er schließlich.

»Ich habe schlecht geschlafen. Muss der Vollmond sein.«

»Ich auch.« Ludwig schaute Lisa lange an. Sie lächelte. Also doch.

Die Tür ging auf, kalte Luft kam ins Innere. Es war Urs.

Er wandte sich an Lisa: »Hast du die Ersatzschrauben gefunden?«

Lisa griff unter die Theke und holte eine Tüte mit Schrauben hervor. »Es sind nur fünf, und eine wird nicht ganz passen, die musst du noch abschleifen.«

Urs nahm die Schrauben entgegen. »Danke. Warum bist du letzte Woche nicht zur Dorfversammlung gekommen?«, fragte er.

»Hat Michael mich nicht entschuldigt?«

»Doch«, sagte Urs. »Aber ich wäre froh gewesen um eine weitere Stimme gegen Hendriks Vorschlag.«

»Du musst ihn ja nicht umsetzen«, sagte Ludwig.

Hendrik hatte wieder einmal darum gebeten, dass Urs bei der Zentrale vorstellig werden sollte, um finanzielle Unterstützung für die Kirche zu holen. Sie täten so viel für die Gemeinschaft, und früher hätte es ja auch die Kirchensteuer gegeben. Und obwohl die Mehrheit der Versammlung dafür gewesen war, hatte Urs gesagt, es stünde außer Frage, die Zentrale erneut damit zu behelligen.

»Ja, aber es sieht besser aus, wenn zumindest ein paar von euch auf meiner Seite sind. Zumal nun sogar Sina gegen mich stimmt.«

Urs hob die Hand zum Gruß und verließ den Laden, die Tüte in der Hand.

»Der hat’s auch nicht immer leicht«, sagte Ludwig.

Lisa schüttelte den Kopf. »Mir wär’s lieber, die Zentrale würde die Religiösen unterstützen. Wenn die bei uns klopfen, fühlen wir uns jedes Mal verpflichtet, etwas zu geben. Sarah und Michael gehen doch auch oft zu den Betabenden.«

Ludwig zuckte mit den Schultern. Er gab ebenfalls meistens etwas, dem Frieden zuliebe, aber er hatte gegen Hendriks Vorschlag gestimmt.


Ludwig ging zügig an den Reihenhäusern vorbei, die die Hauptstraße des Dorfes säumten. Der Schnee knirschte unter seinen Füßen. Die frühere Ähnlichkeit der Häuser miteinander war noch erkennbar, alle hatten denselben kleinen Balkon links oben. Ansonsten war ihr Zustand sehr unterschiedlich. Einige standen leer und hatten eingestürzte Dächer und rußgeschwärzte Wände. Bei den anderen waren die Ziegeldächer mit Steinen und Kotflügeln von Autos ausgebessert. Viele Fenster waren mit Brettern zugenagelt. Der Putz blätterte überall von den Wänden, und das Holz, das die Fassaden schmückte, war dunkelbraun und verzogen. Rauch stieg aus einigen Kaminen.

Er ging schnell weiter, am Schulhaus vorbei, ohne es eines Blickes zu würdigen, über die Kreuzung, in deren Mitte ein riesiger Spalt den Asphalt aufriss, und dann eine steile Quartierstraße entlang den Hügel hinauf. Auch hier standen Reihenhäuschen, die meisten leer und verfallen. Die Hausmauern waren von den Spuren zerplatzter Wasserleitungen gezeichnet, die den Putz aufgerissen hatten. Schnee lag in den ehemaligen Wohnzimmern. In einem hing noch ein Bild an der Wand, aber was einmal darauf abgebildet gewesen war, war nicht mehr zu erkennen. Im Haus am oberen Ende der Straße wohnte Anna mit Vanessa. Aus ihrem Schornstein stieg kein Rauch, vielleicht schliefen sie noch.

Ludwig ging an dem Haus vorbei und gelangte auf den Feldweg zwischen den Wiesen. Die kalte Luft hatte sein Kopfweh nicht verscheucht. Er blieb stehen und sah vom Hügel auf das Dorf hinunter. Ludwig wusste genau, wer wo wohnte, wer krank war und wer gesund, wer wie viele Kinder hatte und wer sich mit wem stritt. All die Probleme, all die kleinen Entscheidungen, die Dramen. Nie hatte er so leben wollen. Als Student hatte er von New York geträumt, von einem Loft mit unverputzten Wänden und Sirenengeheul in der Nacht, wo man die Nachbarn nicht kannte und jeder tat, was er wollte. Er hätte gerne in einem Großkonzern gearbeitet, mit spiegelnden Fassaden und Glasliften, eine dünne Krawatte getragen und viel Geld verdient, zumindest für ein paar Jahre.

Das Haus, in dem Lisa mit Michael und Sarah wohnte, war von hier aus nicht zu erkennen. Auf Petras Haus hingegen hatte er einen freien Blick, es war eines der größten im Dorf. Er sah vor sich, wie Nathanael im Dachzimmer heimlich über den Hausaufgaben brütete, wie seine Mutter ihn dabei erwischte und ihm eine Ohrfeige verpasste. Er spürte das Echo des Schmerzes in der Wange und schüttelte den Kopf. Er durfte sich nicht in diese Geschichte verstricken lassen.

Im Metallladen brannte schwaches Licht, Lisa musste eine Kerze angezündet haben. Ludwig drehte sich um und ging weiter. Er stellte sich vor, das Dorf hinter ihm versänke in metertiefem Schnee. Als er den Wald betrat, huschte vor ihm ein Fuchs über den Weg.

Winterschals

Nathanael stand vor dem Versammlungshaus und vergrub die Hände in den Taschen seines Wintermantels. Der Schnee tanzte in der Luft wie Staub. Die anderen Gläubigen hatten sich voneinander verabschiedet, waren nach Hause gegangen, um zu Mittag zu essen, und hatten die Straßen des Dorfs leer zurückgelassen. Samuel war mit seinen Freunden davongerannt. Dabei hätte Nathanael ihn gerne gefragt, was Elias auf dem Dorffest getrieben hatte, nachdem er selbst es verlassen hatte. Wie hatte ihr Bruder nur so viel Wein trinken können?

Auf dem Hinweg hatte er Samuel nicht ausfragen können, weil Vanessa hinter ihnen gegangen war und sie hätte hören können. Sie war trotz der Kälte draußen unterwegs gewesen und hatte sich ihnen an die Fersen geheftet. Vielleicht nur, um sie zu ärgern, vielleicht, weil sie im Versammlungshaus etwas zu essen klauen wollte.

»Hast du Hausarrest, Nathanamehl?«, hatte sie gerufen.

In der Unterstufe war das einer seiner Spitznamen gewesen, aber niemand sonst nannte ihn jetzt noch so. Nathanael hatte nicht geantwortet. Samuel hatte dümmlich gekichert. Dann war sie plötzlich weg gewesen.

Nathanael dachte an das bleiche Gesicht der Mutter am Morgen. Vermutlich hatten sich die Eltern in der Nacht wieder gestritten, nachdem ihre Sorge um Elias nachgelassen hatte. Nathanael hatte nichts gehört, aber das musste nichts heißen. Die Eltern stritten sich oft in der Nacht, im Flüsterton, mit zischenden Lauten. Manchmal hörte man den Vater mit der flachen Hand auf eine Oberfläche schlagen. »Hör auf«, sagte die Mutter dann halblaut.

Nathanael wusste nicht, worüber die Eltern stritten, aber er vermutete, dass die Mutter meistens recht hatte. Wahrscheinlich kamen die Streitereien daher, dass der Vater etwas, was er hätte erledigen sollen, nicht getan hatte. Es gab Tage, da legte er sich auf sein Bett und reagierte auf keine Ansprache. »Er hat eine Laune«, sagte die Mutter dann, »lasst ihn in Ruhe.« Sie tat, als störte es sie nicht, aber sie antwortete den Söhnen in diesen Zeiten nur knapp und verlor schnell die Nerven mit Elias.

Nathanael stellte sich vor, wie es wäre, wenn das Haus nicht mehr stünde, wenn er heimkam. Wenn Elias es angezündet hätte, aus Rache, weil der Vater ihm eine Ohrfeige gegeben hatte, und er nur noch eine rauchende Ruine vorfände.

Wieso dachte er nur solche Dinge? Elias würde bestimmt verstockt und schweigsam sein, wenn Nathanael heimkam, aber er war nicht so dumm, wie die Eltern immer sagten. Nie würde er sein eigenes Haus anzünden.

Es war kalt, viel länger konnte er nicht mehr hier draußen herumstehen. Vielleicht konnte er in die Schule gehen und dort für eine Weile seine Ruhe haben? Aber auch dort war es am Wochenende eisig, wenn die Feuer nicht brannten. Oder zurück in den Versammlungsraum? Dort bestand allerdings die Gefahr, dass er Hendrik antraf und dieser mit ihm reden wollte.

Zögernd machte er sich auf den Heimweg. Als er an Grubers Haus vorbeikam, überlegte er, anzuklopfen. Doch als er durchs Fenster schaute, sah er keine brennenden Öllampen und keine Bewegung.

Er hörte gedämpfte, schnelle Schritte im Schnee und blieb stehen. Auch das noch. Schon wieder Vanessa. Sie trug einen dicken Wintermantel und mehrere Schals um den Kopf gewickelt. Möglicherweise waren das die Schals, die einige Leute nach der Predigt nicht mehr hatten finden können. Aber er war sich nicht sicher.

»Haben sie dich aus der Schule genommen?«, hörte er Vanessa durch den Stoff fragen. Sie klang nicht mehr so spöttisch wie vorher.

Nathanael blieb stehen.

»Ja«, sagte er.

»Arschlöcher«, sagte Vanessa und zog die Schals etwas nach unten, fort vom Mund.

Nathanael mochte den Klang des Wortes, er unterdrückte ein Lächeln. »Es ist nur für eine Woche«, sagte er.

»Das glaubst du doch selbst nicht«, sagte Vanessa.

»Lass mich in Ruhe«, sagte Nathanael. Was wusste sie schon? Seine Eltern würden sich umstimmen lassen. Jetzt wollte er nach Hause.

Nach ein paar Schritten traf ihn ein Schneeball am Hinterkopf. Es tat nicht weh, sie hatte ihn nicht fest geworfen, und er drehte sich nicht um. Die Kälte drang durch seine Mütze. Als er schließlich doch stehen blieb und sich umdrehte, war niemand mehr zu sehen.

Bibliothek

Ludwig wusste nicht, wie lange er schon unterwegs war. Endlich machten die schneebedeckten Äcker den ersten verfallenen Häusern Platz. Diese bildeten einen Ring von Ruinen um das bewohnte Zentrum des Nachbardorfs. Sie stammten aus dem Bauboom, der in Ludwigs Kindheit von seinen Eltern bitter beklagt worden war. Heute waren alle Fensterscheiben zerbrochen oder entfernt. Viele Dächer waren eingestürzt, den anderen fehlten die Ziegel, weil man damit die Dächer der bewohnten Häuser ausgebessert hatte. Ludwig dachte daran, wie es in den Häusern aussah, an die gesprungenen Flatscreens, den Schutt, die Brandspuren, die von Nässe vollgesogenen Teppiche, den Geruch nach Beton und Zerfall. Aus einem dieser Häuser hatte er einen schwarzen Ledersessel für sein Wohnzimmer mitgenommen und ihn auf einem Leiterwagen den ganzen Weg nach Hause gezogen. Am Straßenrand standen noch Autos, vollkommen verrostet und ohne Reifen. Mit jedem Jahr blieb weniger von ihnen übrig, sie sanken tiefer und tiefer, als würden sie sich im Zeitlupentempo verflüssigen, bis sie ganz im Boden versickert wären.


Die Bibliothek war nicht größer als ein Wohnzimmer, aber randvoll mit Büchern in unterschiedlichstem Zustand. Sie standen und lagen auf Metallregalen. Graues Winterlicht fiel durch das eine Fenster, das noch eine Scheibe hatte, die anderen beiden waren mit Brettern zugenagelt und mit Teer abgedichtet, sodass kein Lufthauch hindurchdrang. Lange zerschlissene Vorhänge säumten die Fenster. Walter sei einkaufen gegangen, hatte der Nachbarjunge gesagt, er komme bald zurück.

Ludwig ging zwischen den Regalen umher. Walter hatte die Bücher nicht nach Themen geordnet, sondern nach Verfassernamen. Einzig die Bücher über Landwirtschaft und Technik bewahrte er getrennt auf. Sie waren im dicken Stahlschrank eingeschlossen, der in einer Ecke stand und zu dem nur Walter einen Schlüssel hatte. Er hatte Ludwig verraten, dass er diesen in einem eingesägten Fach in seinem Bettpfosten versteckte.

Die Luft war stickig vom Staub und dem Geruch nach altem Papier. Ludwig schritt die Regale entlang und suchte mit den Augen die Titel ab. Irgendwo musste sich doch noch eine Ausgabe von den Buddenbrooks befinden. Stattdessen sah er in einem oberen Fach ein Buch liegen, das ihm bislang nie aufgefallen war, vielleicht war es der Bibliothek gerade erst geschenkt worden. Es hieß Folge deinen Träumen, und das Titelbild zeigte einen blassen Regenbogen, vor dem ein Heißluftballon schwebte. Ludwig schlug es auf und begann in der Mitte eines Kapitels zu lesen. Darin ging es um einen Banker, der ein mittelgroßes Team leitete, sich aber zunehmend unglücklich fühlte und unter Tinnitus litt. Im Behandlungszimmer des Autors, eines Harvard-Psychologen, starrte er vor sich hin und sagte, er habe keine Ahnung, was er mit seinem Leben noch anfangen solle. Erst nach mehreren Sitzungen –

»Ludwig!«, ertönte eine laute Stimme.

Schmelzender Schnee tropfte von Walters Mantel. In der Hand hielt Walter stolz ein duftendes dunkles Brot. Ludwig wurde beinahe schlecht vor Hunger, er legte das Buch zurück und folgte seinem Freund in die kleine Küche.

»Was gibt es Neues bei euch?«, fragte Walter und stellte zwei Teller auf den schiefen Tisch, in die er eine Scheibe Brot und ein Stück Schafskäse legte. Er winkte Ludwig heran.

»Petra hat Nathanael von der Schule genommen«, sagte Ludwig und ließ sich auf den Stuhl fallen.

»Wundert mich nicht.« Walter füllte zwei Gläser mit Wasser und setzte sich Ludwig gegenüber. »Guten Appetit.«

»Es war wegen dem Anatomiebuch«, sagte Ludwig mit halb vollem Mund.

Walter schaute ihn mit zusammengekniffenen Augen an.

»Hätte ich es ihm nicht geben sollen? Dann hätte sie einen anderen Grund gefunden.«

»Ich wünschte einfach, er wäre ein paar Monate länger in der Schule geblieben«, antwortete Ludwig.

»Hat er das Buch noch? Oder hat sie es in den Kamin geschmissen?«

»Sie hat es mir vor die Füße geworfen. Ich habe vergessen, es einzupacken. Das nächste Mal bringe ich es mit.«

»Gut. Zu dumm, dass er sich damit hat erwischen lassen.«

»Vielleicht überlegt Petra es sich noch einmal«, sagte Ludwig.

»Das bezweifle ich«, antwortete Walter.

»Was soll jetzt aus ihm werden?«

Walter rieb sich die Stirn. »In Italien gibt es angeblich wieder eine richtige Universität. Hast du davon gehört? In Mailand. Mit einer Fakultät für Medizin. Das Politecnico. Sie machen Fortschritte dort, heißt es.«

»Erzähl ihm ja nichts davon.«

»Natürlich nicht. Was denkst du? Aber es ist eine Schande.«

»Ich weiß«, sagte Ludwig.

Die beiden schwiegen eine Weile und aßen. Das Brot schmeckte gut, nach Rauch und Roggen.

»Das Salz geht aus, aber das weißt du ja«, sagte Ludwig und schob den Teller von sich. »Das Papier auch. Und bevor ich es vergesse: Selina ist gestorben.«

Walter stand auf. »Das wusste ich nicht.« Er holte das schwere Buch, das auf der Anrichte lag, und setzte sich wieder. Sein Füller kratzte über die Seite. Walter hatte die Dorfchronik schon begonnen, als alle anderen noch mit dem schieren Überleben beschäftigt gewesen waren. Manchmal nahm ihm Ludwig übel, mit welcher Kälte er die Ereignisse festhielt. Der Tod war nur eine Zeile in seinem Buch. Aber heute störte es ihn nicht.

»Woran ist sie denn gestorben?«, fragte Walter.

»Wir wissen es nicht. Sie war alt«, antwortete Ludwig.

Walter legte das Buch weg, nahm sich ein Stück Brot und schwieg. Selina war neunundsechzig gewesen, und Walter war nur drei Jahre jünger, fiel Ludwig ein.

»Weißt du, wer noch gestorben ist?«, fragte Walter. Er schaute Ludwig an, als hätte er gute Nachrichten. Er legte das Stück Brot wieder auf den Teller.

»Nein, wer denn?«

»Die Prophetin.«

»Ach, gab es die überhaupt?«, fragte Ludwig. Sie war ihm immer vorgekommen wie ein Hirngespinst von Hendrik.

»Natürlich«, sagte Walter. »Irgendjemand muss sich diesen ganzen Unsinn doch ausgedacht haben. Die Gläubigen behaupteten ja eine Zeit lang, sie hätte unterdessen im Wald gelebt, aber das kam mir immer komisch vor. Bei der Zentrale haben sie nun glaubwürdige Nachrichten erhalten. Man sagt, sie hätte den letzten Rest Verstand verloren und sei tatsächlich in den Wald davongerannt. Schon im Herbst. Und kürzlich hätten ihre Anhänger sie dann dort gefunden. Tot.«

Ludwig schüttelte den Kopf. »Das wird nichts ändern. Oder?«

»Nein«, sagte Walter. »Sie werden glauben, dass sie jetzt im Himmel ist und dort neben Jesus auf uns herunterschaut oder so etwas.«

Walter kaute schweigend sein Brot und sah Ludwig erwartungsvoll an.

»Lisa liest die Buddenbrooks«, sagte Ludwig und lächelte unwillkürlich.

»Tut sie das«, sagte Walter.

»Ich möchte mir das Buch von dir ausleihen.«

»Kann sie dir nicht ihres geben?«

Ludwig fuhr sich durch die Haare. »Ich möchte es ihr nicht wegnehmen.«

Walter stand auf und brachte eine Karaffe mit Wasser an den Tisch. Er schenkte sich und Ludwig ein.

»Lass das endlich sein«, sagte Walter.

»Was?«

»Lisa.«

»Fängst du schon wieder damit an?« Ludwig stand auf.

Walter hob die Schultern und öffnete den Mund, aber Ludwig hatte keine Lust zu hören, was er zu sagen hatte.

»Kümmere dich um deinen eigenen Kram«, sagte er, ließ Walter in der Küche sitzen und ging zurück in die Bibliothek. Er konnte das Buch nicht finden. Er schaute in der Kartei nach, obwohl er wusste, dass Walter es nicht gerne hatte, wenn man das tat. Es war ausgeliehen, und zwar seit drei Monaten, weit über den Termin hinaus, von einem Schulkind, das es vermutlich in einem Schulsack verschimmeln ließ.

»Hier findet man ja nichts!«, rief Ludwig. Er lauschte eine Weile, aber Walter gab keine Antwort. Ludwig riss seinen Mantel vom Haken, streifte ihn im Gehen über, öffnete die Tür und ging nach draußen, ohne sich zu verabschieden. Es schneite nun heftiger, in dicken, nassen Flocken.

Es war gefährlich, bei diesem Wetter so weit zu gehen. Würde der Schneefall noch dichter, war die Gefahr groß, sich zu verirren und zu erfrieren; er wäre nicht der Erste, dem das passierte. Bei Walter bleiben wollte er aber nicht, er musste heute in seinem Bett schlafen, die eigene Tür hinter sich schließen. Die Wut auf Walter, der sich mal wieder in sein Leben einmischen wollte, würde ihn warm halten.

Während er den steilen Anstieg hinter Walters Dorf hinaufging, dachte Ludwig an das Buch über die Träume, denen man folgen sollte. Hätte er es nur eingesteckt. Er mochte es, hie und da über die Sorgen von früher zu lesen. Es lenkte ihn ab und erinnerte ihn an seine Jugend. Daran, wie die Welt für ihn ausgesehen hatte damals, voller Möglichkeiten, von denen man die eine oder andere in die Hand nehmen, ausprobieren und wieder verwerfen konnte, so als suchte man ein Buch in einer Bibliothek aus.

Kartoffeln

Nathanaels Einkäufe vom Wochenmarkt waren nicht schwer, bei jedem Schritt schwang die Tasche hin und her. Der Boden war mit Schnee bedeckt, aber der Wind war heute weniger kalt als gestern, und es roch schwach nach Erde und Frühling.

Als er zum Schulhaus kam, blieb er stehen. Im oberen Stock sah er Gruber, der gerade die äußere Reihe der Pulte entlangging. Seine Bewegung ließ die Öllämpchen auf den Schreibtischen flackern. Im Erdgeschoss befanden sich alle Kinder der unteren Klassen zusammen in einem Zimmer. Kerzen standen auf dem Fenstersims. Die Kinder rannten im Raum herum, vielleicht spielten sie ein Spiel. Sina, die Lehrerin der jüngeren, stand an der Stirnseite des Zimmers zu einem Kind hinuntergebeugt. War es Elias? Nathanael konnte es nicht deutlich sehen. Die Fenster aller anderen Schulzimmer waren dunkel. Es fiel ihm schwer, sich vorzustellen, dass die Schule vor langer Zeit einmal voll mit Kindern gewesen war. Im oberen Stock standen die ersten Schüler von ihren Pulten auf, sicher machten sie bald Pause. Er musste sich beeilen, er wollte seinen Klassenkameraden nicht begegnen und sich ihre Fragen anhören müssen.

Nathanael ließ das Schulhaus hinter sich. Bestimmt würde er bald zurück in die Schule dürfen. Die Mutter war heute gut gelaunt. Sie hatte ihn ausschlafen lassen und ihm nur leichte Aufgaben gegeben. Einkaufen und beim Mittagessen helfen.


Auf dem Küchentisch lag bereits ein Haufen Kartoffeln, daneben die Schälmesser. Das Herdfeuer brannte, darüber hing ein Topf mit Wasser. Die Mutter ging in der Küche umher, öffnete Schubladen und sang leise vor sich hin. »Herr unser Erlöser …« Das Lied hatte eine seltsame Melodie, angeblich von der Prophetin selbst komponiert. Die Mutter lächelte Nathanael an.

»Vielen Dank«, sagte sie und nahm das Brot, die Wurst und die Milch aus seiner Tasche. Sie deutete auf den leeren Stuhl vor den Kartoffeln. »Ich habe Tee gemacht.« Sie stellte zwei Teetassen auf den Tisch und setzte sich neben ihn. Es roch nach getrockneten Kräutern und Erde. Nathanael nahm eine Kartoffel in die Hand und begann sie zu schälen.

»Wie geht es dir?«, fragte die Mutter, während auch sie mit schnellen Bewegungen eine Kartoffel schälte.

»Gut«, antwortete Nathanael, ohne sie anzusehen.

»Ich habe Neuigkeiten für dich.«

Nathanaels Herz klopfte schneller.

»Ich habe mit Hendrik gesprochen«, fuhr die Mutter fort. »Ich habe ihn daran erinnert, dass du schon mit zehn das Evangelium auswendig konntest.«

Nathanael schwieg.

»Er hat sich bereit erklärt, dich zu unterrichten. Zwölf Stunden pro Woche. Nur du und er.« Die Mutter lächelte, ihre Augen leuchteten. »Obwohl er so viel zu tun hat.«

Nathanael ließ die halb geschälte Kartoffel fallen und warf das Rüstmesser hin.

»Ich will aber zurück in die Schule.«

»Lass mich ausreden. Wenn du bei Hendrik in den Unterricht gehst, kannst du selbst Prediger werden.«

»Wir haben doch ihn.«

»Du kannst als Missionar in ein anderes Dorf gehen. Du wirst ein gutes Leben haben.«

Nathanael schwieg.

»Du bist erst fünfzehn. Du denkst dir, es wäre schön, Menschen zu heilen. Ich wollte früher auch Menschen helfen. Aber jetzt weiß ich, dass sie einzig und allein Gottes Hilfe brauchen.«

»Aber …«, sagte Nathanael.

Die Mutter unterbrach ihn. »Ärzte machen nichts anderes, als den Menschen beim Sterben zuzusehen. Es stinkt, Blut fließt, alles ist hoffnungslos, die Angehörigen schreien dich an. Es ist der schrecklichste Beruf, den es gibt.«

»Früher war das anders.«

»Früher war alles anders. Früher hatten die Menschen einen Pakt mit dem Teufel. Sie lebten länger, aber sie waren unglücklich und nahmen Medikamente, die ihre Seelen vergifteten. Jeder hatte Angst vor dem Tod. Heute haben wir keine Angst mehr.«

»Ich habe Angst.«

»Ein Glaube, der nie durch Zweifel geprüft wurde, ist nichts wert. Als ich so alt war wie du, habe ich auch an allem gezweifelt. Ich konnte mir nicht vorstellen, so zu leben wie meine Eltern.«

»Du lebst ja auch nicht wie sie«, sagte Nathanael.

»Zum Glück.« Die Mutter stand auf. Sie warf die geschälten Kartoffeln in einen Topf. Sie lächelte und schaute über seinen Kopf hinweg. »Du wirst ein guter Prediger werden.«

Spinnen

Ludwig saß am Küchentisch und studierte ein Schaubild, das den Körperbau einer Spinne zeigte. Je länger er es betrachtete, desto weniger sah es aus wie ein Lebewesen. Stattdessen ähnelte es einem Wegnetz, das in viel zu viele verschiedene Richtungen verlief. Eine Kreuzung mit einem Vorderleib, einem Hinterleib und Tastorganen.

Dabei spürte er, wie seine Kehle langsam anschwoll. Schon am Morgen war er mit einem Kratzen im Hals aufgewacht.

Er wusste kaum etwas über Spinnen. Sein Biologielehrer am Gymnasium war ein verträumter, langsamer Mann mit Bart gewesen, dem er gerne zuhörte, solange es nicht um das Innere des Menschen ging. Und doch war ihm vom gesamten Biologieunterricht nichts geblieben. Das hatte er erst vor ein paar Jahren gemerkt, als er anfing, das Fach in der Dorfschule zu unterrichten.

Während des Studiums war er einmal bei einem Kollegen zu Hause gewesen, um zu lernen. In seinem dunklen und unaufgeräumten Schlafzimmer hatten mehrere Terrarien gestanden, in denen Vogelspinnen lauerten. Ihr Biss sei gar nicht so gefährlich, hatte der Kollege behauptet. Ludwig hatte sich die Vogelspinnen höflich angeschaut. Wie konnte der nur in diesem Zimmer schlafen? Er hatte ihn nie wieder besucht.


Ludwig hielt das Schaubild in der einen Hand und zeichnete es mit der anderen an der Tafel langsam nach. Die Tracheen, die Spinndrüsen und die Augen. Hinter sich hörte er das leise Schaben der Bleistifte. Er kam sich vor wie ein Hochstapler, als hätte er das Innere der Spinne frei erfunden, oder sei zumindest auf eine Erfindung hereingefallen.

Seine Kreide brach ab, er bückte sich danach und hörte die Schüler hinter sich tuscheln. Als er sich wieder aufrichtete, wurde ihm schwindlig. Er stützte sich mit der Hand an der kühlen Wandtafel ab und schloss kurz die Augen. Dann malte er weiter. Schweiß rann ihm über die Stirn, seine Nase kitzelte, und es war ihm egal, dass die Schüler lauter wurden. Nach einer Weile setzte er sich an sein Pult und sagte, sie sollten den Text aus dem Biologiebuch lesen, wenn sie mit dem Abzeichnen fertig waren. Sarah meldete sich.

»Ja, Sarah?«, sagte Ludwig.

»Spinnen sind eklig. Können wir stattdessen nicht lieber Schmetterlinge behandeln?«

»Schmetterlinge sind auch ekelhaft, wenn man sie sich genau anschaut«, warf Marion ein.

Marion saß neben Vanessa und schwieg meistens. Wenn sie doch einmal etwas sagte, schien es ein besonderes Gewicht zu tragen, und Ludwig hatte das Gefühl, darauf ermutigend reagieren zu müssen. Aber ihm fiel nichts ein.

Vanessa verdrehte die Augen. »Ich bringe ständig Spinnen auf der bloßen Hand nach draußen. Die beißen nicht.«

»Typisch«, sagte Sarah verächtlich.

Ihre Freundinnen lachten. Marion sank tief in ihren Stuhl. Vanessa schaute Ludwig wütend an. Aber was sollte er tun, er hatte keine Lust, noch mal eine Rede darüber zu halten, wie nützlich Spinnen waren und dass sie Wespen fingen, das hatte er alles schon gesagt.

Er bereute, keine Spinne in einem Glas mitgebracht zu haben, die er der Klasse zeigen konnte. Daran hätte er denken sollen. Aber jetzt im Winter gab es ohnehin nicht so viele. Ludwig unterdrückte ein Niesen, sein Kopf schmerzte immer stärker.

Sein Blick wanderte von der Klasse zur großen Landkarte an der Wand. Das Gebiet, in dem sich das Dorf befand, Nord 1, war blau eingezeichnet, daneben, verstreut über die Landschaft, die anderen Gebiete, Ost 2 in Gelb, Süd 1 in Rot, West 3 in Grün, dazwischen graue leere Landschaft. Im grauen Niemandsland lag auch die Stadt, in der er studiert hatte, er sah ihre Straßen noch vor sich, die Fassaden mit den eingemeißelten Statuen, die langen Busse, die Apotheken, in denen es diese kombinierten Grippemittel gab, die einen so wunderbar schlafen ließen.

»Pause«, verkündete er, obwohl es zu früh war.

Prediger

Nathanael drückte die schwere Tür zum Versammlungsraum auf. Schwaches Licht drang durch die Deckenfenster. Der Saal war leer, die Stuhlreihen standen ordentlich da. Wie kahl es hier aussah ohne die Kerzen. Aus dem Nebenzimmer drang ein leises Rascheln.

»Ich bin gleich bei dir«, rief Hendrik hinter der angelehnten Tür.

Nathanael war absichtlich langsam gegangen und später dran als abgemacht. Bestimmt ließ Hendrik ihn deshalb jetzt warten. Nathanael setzte sich auf einen Stuhl in der ersten Reihe, dorthin, wo seine Eltern immer saßen. Er stellte sich vor, was sie während den Predigten und den Betabenden sahen. Hendrik stand erhöht auf einem Podest. Man hatte also seine Beine direkt vor sich und musste den Kopf weit nach hinten legen, um sein Gesicht zu sehen. Dafür sah man nichts von den anderen Leuten, die im Raum waren, hörte nur ihre Bewegungen und ihr leises Atmen. Wie ein Gewicht im Rücken. Nathanael war froh, dass er immer ganz hinten saß.

Hendrik öffnete die Tür. Er trug nicht seinen üblichen dunklen Anzug, sondern Jeans und einen Pullover.

»Willkommen«, sagte er und lächelte. »Entschuldige. Ich musste die Freitagspredigt fertig schreiben.«

»Kein Problem«, sagte Nathanael und nahm die Hand, die Hendrik ihm entgegenhielt. Sie war warm.

»Unglücklich, hier zu sein?«, fragte Hendrik.

Das war einer seiner Tricks, dachte Nathanael.

»Nein«, log er.

Hendrik lächelte immer noch leicht. »Schön. Ich freue mich, dass du hier bist. Wir haben einen weiten Weg vor uns.«

Das glaube ich auch, dachte Nathanael.

»Ich möchte mit dir über etwas sprechen, das mich beschäftigt. Komm, setzen wir uns in mein Zimmer.«

Es war das erste Mal, dass Nathanael Hendriks Arbeitszimmer betrat. Es war voller Bücher. Theologische Werke, aber auch Bücher über Psychologie. Massenhypnose, las er. Revolutionen und ihre Vorläufer.

»Ich lasse fast niemanden hier herein«, sagte Hendrik.

»Wo hast du all die Bücher her?«, fragte Nathanael. Er merkte, dass seine Stimme interessierter klang als gewollt.

»Geschenke«, sagte Hendrik. »Setz dich.«

Er hob einen Stapel Bücher von einem Hocker. Nie hätte Nathanael gedacht, dass Hendrik so viele Bücher besaß. Er hatte geglaubt, Hendrik arbeite ausschließlich mit der Bibel, dem Evangelium des Staubes und den »Sprüchen der Gnade«, aus denen er oft zitierte und die Nathanael nicht ausstehen konnte. Alles, was darinstand, war entweder offensichtlich richtig oder völlig verlogen.

»Ich will nicht um den heißen Brei herumreden«, sagte Hendrik. »Eine Sache macht mir Sorgen.«

»Was denn?«, fragte Nathanael.

»Wenn du Prediger werden willst, musst du lernen, offener zu sein. Und wärmer. Als Prediger müssen die Leute dich mögen.« Hendrik sah Nathanael forschend an. »Magst du die Menschen, Nathanael?«

Nathanael dachte nach. »Nicht alle«, sagte er und blickte zu Boden. Für einen Moment kam er sich ganz durchsichtig vor. Als wisse Hendrik alles über ihn.

Hendrik seufzte. »Magst du mich?«

Nathanael spürte, wie sein Gesicht heiß wurde. »Nein«, sagte er leise. Aber stimmte das wirklich? Auch wenn er mit Hendrik meistens nicht einverstanden war, gab es etwas an ihm, das ihn anzog.

Hendrik lachte.

»Da bist du eine Ausnahme«, sagte er. »Die meisten Menschen mögen mich nämlich. Weißt du, das hängt zusammen. Wer die Menschen nicht liebt, wird auch von ihnen nicht geliebt. Um Prediger zu werden, musst du als Erstes lernen, die Menschen zu lieben.«

Es stimmte, Hendrik schaute jeden an, als sei er ihm wichtig. Es fühlte sich gut an, so angeschaut zu werden. Und doch war Hendrik dagegen, dass man sich bei der Zentrale Hilfe holte, wenn man krank war. Gott wird für uns sorgen, sagte Hendrik immer.

»Ich will kein Prediger werden«, sagte Nathanael mit klarer Stimme und sah Hendrik direkt in die Augen.

»Ich weiß«, sagte Hendrik. Er lächelte. »Aber auch als Arzt musst du die Menschen gernhaben und sie für dich gewinnen. Ich kann dir dabei helfen. Ich glaube, dass ich dir etwas beibringen kann, das in keinem Schulbuch zu lesen ist.«

Hendrik erhob sich. »Steh auf«, sagte er.

Nathanael gehorchte. Hendrik schüttelte den Kopf. »Aufrechter«, sagte er. »Schultern zurück. Hände sinken lassen. Und jetzt lächeln.«

Nathanael bemühte sich um eine gute Haltung und zog die Mundwinkel nach oben.

»Sieht unecht aus«, sagte Hendrik und lachte. »Das musst du mit einem Spiegel üben.«

Fieber

Ludwig sah sich im Licht des frühen Abends durch einen hellgrünen, frisch bepflanzten Park gehen. Er folgte einer Reihe junger Bäume, jeder von ihnen sorgfältig in der dunklen Erde eingegraben und am Stamm von einem zarten Netz umhüllt. Auf einem menschenleeren Spielplatz standen Schaukeln, kleine Häuschen und Wippen aus hellem Holz, fabrikneue Bänke warteten auf Anwohner, die sich im Sommer auf sie setzen würden. Er steuerte auf eines der Hochhäuser zu, die die Grünanlage säumten. Die hohe Glastür war von bronzenem Metall gerahmt und schwang lautlos auf, als er näher kam, sie hatte den Chip in seiner Tasche erkannt. Sie ließ ihn in die hohe Lobby ein. Auch die Lifttür öffnete sich von selbst, als er näher kam. Alles in der Kabine glänzte, das Metall des Bodens und der Wände, der hohe Spiegel. Ohne dass er einen Knopf drücken musste, fuhr der Lift lautlos in den achten Stock. Dort betrat Ludwig einen Gang mit Kirschholzwänden und einem matten Steinboden, der von einem komplex geäderten Muster durchzogen war. Die Tür zu seinem Appartement schwang auf, er ging hinein. Der Parkettboden war aus echtem Holz, das man roch, seine Farbe so matt und pudrig wie das früheste Morgenlicht. Obwohl es draußen noch nicht dunkel war, schaltete sich sanft das Licht ein, wie Musik, die langsam lauter wurde. Indirektes Licht aus vielen Quellen, Designerlampen, eine milder leuchtend als die andere. Eine Wohnküche mit einer frei stehenden Kücheninsel, schimmernde Messer in einem Messerblock aus Glas, zwei Backöfen übereinander, sechs Herdplatten, alles glänzend, als wäre es noch von niemandem berührt worden. Ludwig ging zum Fenster, legte eine Hand auf die Lehne des schwarzen Ledersessels und blickte auf die Gleise weit unter ihm. Er betrachtete die lautlos fahrenden Züge, die blendenden Signallichter. Und erst jetzt begriff er: Er war es, der stehen geblieben war, nicht die Welt. Ludwig stieß sich von der Lehne ab. Er musste sein Leben nachholen, seine Eltern warteten auf seinen Anruf, wahrscheinlich seit Jahren. Er drehte sich in Richtung des Wohnbereichs, wollte zum Telefon stürzen, doch da war kein Raum mehr, keine Lichter, nur Schwärze.

Ludwig schreckte hoch. Sein Hals schmerzte, er tastete nach dem Glas Wasser, das neben seinem Bett stand, und trank gierig.

Ludwig hatte den Unterricht für heute abgesagt. Es konnte nicht spät sein, Licht drang zwischen den Vorhängen hindurch. Er legte sich ein frisches Stofftaschentuch aufs Gesicht und dachte an seine Eltern, die er nie wieder würde anrufen können. Wenn er als Kind krank gewesen war, hatte ihm die Mutter Apfelschnitze gebracht, und er hatte auf dem Flatscreen Comicserien angeschaut, bis er einschlief. Ums Bett herum hatten heruntergefallene Papiertaschentücher gelegen, die irgendwo in einer Fabrik hergestellt und ständig ersetzt und geliefert wurden, sie hatten kaum etwas gekostet. Die Mutter hatte über die Unordnung geschimpft, die Taschentücher aber für ihn eingesammelt. Und sein Vater hatte ihm ein Glas Wasser mit einer Vitamin-C-Brausetablette darin gebracht, die leise zischte.

Wie anders es heute war, krank zu sein. Alles, was er hatte, um wenigstens die Halsschmerzen zu lindern, waren getrocknete Salbeiblätter, welche die alte Selina letzten Sommer gesammelt und vorbeigebracht hatte. Sie rochen nach Staub und schienen nicht zu helfen. Immer, wenn er krank wurde, fürchtete Ludwig um sein Leben. Er sprach mit niemandem darüber, aber wenn er so mit heißem Kopf im Bett lag, betete er. Lass mich leben, lieber Gott. Er betete, dass es ein Virus war und keine bakterielle Infektion, weil er die Vorstellung hasste, an etwas zu sterben, das man in seiner Jugend mit einem einfachen Antibiotikum hätte heilen können. Er betete um Ruhe und Stärke. Wenn er überlebte, würde er Lisa fernbleiben, keinen Wein mehr trinken und Walter für seinen Ratschlag danken. Er würde überhaupt dankbar sein für das Leben, das er hatte.


Ludwig hatte keinen Appetit und nicht einmal Lust, die Hühner zu füttern, obwohl er das sonst gerne tat. Er hörte sie hinter der geschlossenen Tür der ehemaligen Küche gackern.

Er stellte sich ans Fenster und schaute hinaus. Der Schnee war halb geschmolzen, der Boden von Matsch bedeckt. Alles schien die gleiche graue Farbe zu haben, der Himmel, der Boden, die Häuser, das Gesicht der Nachbarin, die mit gebeugtem Rücken vorbeiging. Sogar das Salz war grau geworden, das hatte er gesehen, als er die Vorräte überprüft hatte, die langsam, aber sicher zur Neige gingen. Bald würde er trotz Fieber nach draußen müssen. Ihm schwindelte. Er setzte sich an seinen alten, zerkratzten Tisch. Hier hatte er Lisa gefragt, ob sie mit ihm fortgehen würde. Er hatte sich vorgestellt, wie Lisa, Sarah und er gemeinsam in einem anderen Dorf ein kleines Haus instand setzten, und dabei einen großen Frieden verspürt. Vielleicht würden sie sogar ein Kind bekommen. Eine kleine Schwester für Sarah.

Lisa hatte ihn zuerst angelächelt, aber dann wurde ihr Gesicht traurig. Ich kann Sarah und ihren Vater nicht voneinander trennen, hatte sie gesagt, und ohne Sarah kann ich auch nicht sein. Kurz darauf hatte sie ihm mitgeteilt, dass sie sich aus dem Weg gehen müssten.

Und doch hatte sie ihn am Fest wieder nach dem Mond gefragt. Ludwig blickte auf den Mondkalender, der an der Wand hing und jetzt nur noch drei Jahre in die Zukunft reichte. Er hatte die Seiten aus einem Astronomiebuch gerissen und aufgehängt, als er neu in das Haus gezogen war. Damals hatte er noch gedacht, dass der Mond bestimmt wieder klar am Himmel sichtbar sein würde, wenn er zum Ende des Kalenders kam, und dass er dann wissen würde, ob sie im Dorf das Datum richtig geschätzt hatten oder nicht.

Das Leben ist kurz, hatte Lisa einmal gesagt, wie um ihn zu trösten. Aber das stimmte nicht. Alle sagten, dass die Zeit schneller vorbeiging, wenn man älter wurde. Ihm schien eher, dass sie zunehmend stockte. Besonders im Winter, wenn man krank war, aus dem Fenster schaute und zusah, wie unendlich langsam am Morgen der Tag anbrach und wie lange es dauerte, bis der Nachmittag wieder in die Dämmerung überging.

Plastik

Nathanael streifte seine Schuhe und seine Jacke ab, betrat das Wohnzimmer und warf seine Tasche auf den Boden.

»Willst du, dass sich jemand den Hals bricht?«, fragte die Mutter. »Nimm die Tasche da weg.«

Sie saß mit Elias am Stubentisch, vor ihnen ein Blatt mit Rechenaufgaben. Wie ungerecht sie war. Ihn nahm sie von der Schule und Elias half sie beim Rechnen.

Nathanael hob die Tasche wieder auf, er spürte darin das Gewicht des Buches, das Hendrik ihm ausgeliehen hatte. Praktische Theologie.

»Ich hasse Hendrik«, sagte er.

»Was fällt dir ein!«, rief die Mutter. »Hendrik ist der gütigste Mensch, den ich kenne.«

»Ich hasse sein Büro und ich hasse seine dummen Bücher.«

»Ich warne dich«, sagte die Mutter.

Elias begann zu lachen. Die Mutter beachtete ihn nicht. Wieso konnte sich Elias alles erlauben? Nathanael wusste nicht einmal, ob Elias sich über ihn oder über die Mutter lustig machte.

»Geh auf dein Zimmer und denk nach, wie du weitermachen willst«, sagte die Mutter. »Du kannst auch zu deinem Vater in die Lehre gehen und Metzger werden. Elias, fang noch mal von vorn an.«

Nathanael schleppte sich die Treppe nach oben in sein Zimmer und schleuderte die Tasche mit dem Buch in eine Ecke. Er hoffte, dass es dort zu Staub zerfallen würde, es war sowieso schon alt. Wie eintönig und anstrengend das Leben geworden war, seit er nicht mehr in die Schule durfte.

Jetzt gab es nur noch Hendrik. Zu Beginn war er ja noch ganz freundlich gewesen. Doch mit jeder kritischen Nachfrage Nathanaels verlor er ein wenig mehr die Geduld. Heute hatte er gesagt, Nathanael müsse sich selbst auseinandernehmen und dann von Grund auf neu erschaffen, und dass er das immer schon gewusst habe, schon damals, als Nathanael ein kleiner Junge gewesen war und seinen Eltern nicht gehorcht hatte. Es fiel Nathanael schwer, das von sich zu weisen. Vielleicht erkannte Hendrik wirklich etwas in ihm, das schon immer da gewesen war. Er hatte etwas Kaltes an sich, das wusste Nathanael, etwas, das es möglich machte, dass er seinen Kinderglauben verloren hatte und dass er seine Eltern manchmal für ihre tiefe Religiosität verachtete. Seine eigenen Eltern. Nathanael legte sich aufs Bett. Er schaute an die Decke und versuchte, die Tränen zurückzuhalten. Weinen half nicht.

Die Mutter machte die Tür auf und blieb im Türrahmen stehen. Nathanael studierte die Schatten an der gemaserten Zimmerdecke. Vielleicht würde sie wieder gehen, wenn er sich nicht rührte. Aus den Augenwinkeln sah er, wie sie eintrat.

»Hör zu«, sagte sie und blieb auf halbem Weg zwischen Tür und Bett stehen. »In der ersten Zeit nach dem Tag Null waren Vater und ich ständig am Rand der Verzweiflung. Es gab nicht genug zu essen und es war kalt. Der Himmel war viel dunkler als jetzt. Eines Tages klopfte es an unsere Tür. Da warst du gerade zwei Jahre alt. Es regnete in Strömen. Draußen stand Hendrik, halb verhungert, triefnass. Mit Armen, so dünn wie die eines Kindes. Doch seine Augen strahlten. Er sprach von Gott und der Prophetin, von der ich damals noch nie gehört hatte, und ich spürte, dass sich unser Leben verändern würde. Ich ließ ihn herein, gegen Vaters Protest. Hendriks Hände glühten.«

»Ich weiß«, sagte Nathanael. Diese Geschichte hatte er schon tausend Mal gehört. Früher hatte er sich vorgestellt, dass die Hände des Predigers im Halbdunkel leuchteten, wie kühles Feuer, aber heute glaubte er nicht mehr daran. Hendrik hatte die Abschrift des Evangeliums bei sich getragen, in Plastik eingepackt. Die Mutter bewahrte die Plastikhülle bis heute auf, sie lag im schönen Schrank in der Küche. Die Abschrift selbst, verschmiert und jedes Jahr weniger lesbar, weil die Leute sie gerne berührten, lag in einem Holzschrein im Versammlungsraum.

»Wir haben sein Leben gerettet«, sagte die Mutter. »Und er unsere Seelen.«

»Ich weiß«, sagte Nathanael wieder. Wieso konnte sie nicht gehen und ihn in Ruhe lassen?

»Sei ihm dankbar, Nathanael, gerade du solltest ihm dankbar sein«, sagte sie. »Wir wollten aufgeben. Wir dachten, es gäbe keine Zukunft. Vater und ich hatten entschieden, dich auszusetzen. Besser, als zu dritt zu verhungern.«

Jetzt wandte Nathanael den Kopf der Mutter zu. Ihre Stirn war voller Falten, noch nie hatte sie so alt ausgesehen. Nathanael packte ein solcher Zorn auf diese Frau, die sich andauernd in sein Leben einmischte und ihn bevormundete, dass er kaum atmen konnte.

Hendrik hatte recht. Er war nicht fähig zu lieben. Er liebte nicht einmal die eigene Mutter. Sie hätte ihn also ausgesetzt, wenn Hendrik nicht gekommen wäre. Oder log sie ihn nur an, um ihn dazu zu bringen, Hendrik zu mögen? Er wusste nicht, was schlimmer wäre.

Du bist ein oberflächlicher Mensch, hatte Hendrik gesagt, oberflächliche Menschen kommen leicht vom Glauben ab. Vielleicht stimmte es. Und wenn schon. Nathanael drehte seinen Kopf mit einem Ruck wieder zur Wand. Er hasste Hendrik und die Mutter gleichermaßen. Die Mutter sagte nichts mehr. Schließlich hörte er sie davongehen.

China

»Haben Sie sich meine Hausaufgaben angesehen?« Nathanael stand vor der Tür und blickte sich nervös um. Er ist dünner geworden, dachte Ludwig. Eiskalte Winterluft strich um seine Beine. Als er vom Klopfen geweckt worden war, hatte er vermutet, es sei wieder eine Schülerin, die ihm auf Geheiß ihrer Mutter Essensreste brachte, obwohl er ausdrücklich gesagt hatte, dass er das nicht wollte, auch nicht, wenn er krank war. Sie verstanden einfach nicht, dass er sich lieber von altem Brot ernährte als vom Essen seiner Schüler.

»Komm rein, ich hol mir den Tod«, sagte Ludwig.

Der Junge zögerte, und Ludwig dachte schon, er müsse ihn ein zweites Mal auffordern, doch dann betrat Nathanael endlich das Haus. Er war noch nie hier gewesen. Ludwig sah sein Wohnzimmer mit Nathanaels Augen und schämte sich. Auf dem Bett lagen mehrere zerschlissene Decken. Schmutziges Geschirr stand auf dem Boden. Ludwig hatte nicht die Kraft gehabt, Wasser aus dem Brunnen zu holen, um das Geschirr zu waschen. Außerdem klebten ihm die Haare am Kopf. Die Holzbretter, mit denen der Boden bedeckt war, knarrten bei jedem Schritt. Ludwig hatte sie auslegen müssen, weil die Rohre der Bodenheizung geplatzt waren.

»Was willst du hier«, sagte Ludwig. »Du steckst dich an.« Ludwig fühlte sich schwach. Er setzte sich auf sein Bett. »Ich kann deine Hausaufgaben nicht korrigieren. Deine Eltern haben es verboten.«

»Das ist nicht fair«, sagte Nathanael. »Ich glaube nicht mal an Gott.«

»Hast du das deinen Eltern gesagt?«

»Natürlich nicht.«

»Ich kann dir nicht helfen. Tut mir leid.«

Nathanael schwieg für einen Moment. »Ich gehe nach China«, sagte er dann.

Ludwig legte sich hin und zog die Decke über sich. »Lass mich jetzt mit deinen Dummheiten in Ruhe, Nathanael. Ich bin krank.«

»Ich meine es ernst. In China gibt es Strom. Sonst würde Lisas Radio nicht dorthin senden.«

»Von dort empfangen, Nathanael. Hast du nicht aufgepasst?«

»Das meinte ich doch. In China gibt es Strom. Also gibt es dort auch noch Medizin. Medikamente. Es sind siebentausendfünfhundert Kilometer, ich habe es im Atlas nachgeschlagen. Weniger als zwei Jahre zu Fuß. Den Rand von Nord 1 erreiche ich in ein paar Stunden, danach kommt schon bald Ost 2, und dahinter wird es nicht anders sein als hier. Das schaffe ich! Besser als Kartoffeln ausgraben und Hendriks Predigten ertragen.«

»Wenn du das Dorf verlässt, wirst du sterben.«

Nathanael schaute ihn ungerührt an.

»Ich muss hier weg.«

»Wenigstens haben wir zu essen. Vielleicht wird es irgendwann wieder besser für uns alle. Irgendwo entsteht wieder eine Macht, die uns erobern wird, meinetwegen sogar die Russen. Ich verneige mich vor jedem, solange er uns nur wieder Benzin und Medikamente bringt und die Straßen repariert. Dieser Sender in China könnte auch mit einer Plutoniumbatterie betrieben werden und ohne menschliches Zutun aufgezeichnete Musikstücke senden. Lisa sagt, sie hat nie jemanden reden hören. Bleib hier und warte ab, wie wir alle.«

»Warten! Das ist alles, was Sie tun!«

Ludwig schwieg und sah Nathanael an. Etwas in seinem Blick war anders als früher. Schließlich senkte Nathanael die Augen. Wortlos wandte er sich um, ging zur Tür und riss sie auf.

Ludwigs Herz klopfte noch immer, nachdem Nathanael die Tür schon längst geschlossen hatte und die Kälte, die er hereingelassen hatte, langsam nachließ.

Er drehte sich zur Wand. Es stimmte, während man wartete, dass die Dinge endlich besser wurden, ging das Leben vorüber. Jede neue Erkältung schien schwerer abzuschütteln zu sein als die letzte, und seine Müdigkeit wurde mit jedem Jahr tiefer. Immer dachte er, er würde sich im Sommer vom Winter erholen, aber wenn der Winter dann wiederkam, merkte er, dass ihm der letzte noch in den Knochen saß, so als hörte er in Wahrheit nie auf und überdauerte tief in ihm den ganzen Sommer.

Von fern spürte Ludwig wieder den alten Zorn, von dem er geglaubt hatte, ihn längst überwunden zu haben. Den Zorn auf alles, was schiefgegangen war. Er war arglos durch sein Leben gegangen, Ziele vor Augen, die damals alle für leicht erreichbar hielten, seine Lehrer, seine Eltern. Er würde einige Jahre in New York arbeiten, das Praktikum bei der Großbank dort hatte er dank seines Abschlusses in Informatik leicht bekommen, und bestimmt würde er danach eine interessante Stelle finden. Er hatte sich bereits nach Wohnungen im East Village umgeschaut und ausgerechnet, dass er sich mit seinen Ersparnissen von der Arbeit im IT-Callcenter und dem Praktikumslohn eine kleine Wohnung gerade eben so würde leisten können. Er würde über neunzig Jahre alt werden, ohne je viel Schmerzen zu leiden, an jeder Ecke würde ein Arzt oder ein Therapeut warten, der ihm, wenn nötig, zuhörte und half. Er würde sich immer wieder neu erfinden, wenn er seines Lebens überdrüssig wurde, hierhin und dorthin reisen, alles ausprobieren, von allem kosten. Doch bevor er damit überhaupt hatte anfangen können, war der Himmel schwarz geworden. Nur Sekunden später war der Strom ausgefallen, und die Mobilgeräte hatten keinen Empfang mehr gehabt. Fassungslos hatten sie irgendwann verstanden, dass er nicht zurückkehren würde, während es mit jeder Stunde kälter wurde. Und die Versprechen, nach denen er sein Leben ausgerichtet hatte, waren zur Lüge geworden. Sie alle mussten damit leben, auch wenn es einige gab, die so taten, als wäre es nie anders gewesen, oder wie Petra sogar behaupteten, die Katastrophe habe die Welt verbessert. Heute schien im ganzen Dorf und der Umgebung nur einer dazu entschlossen, zurück in die Zivilisation zu finden, Nathanael. Aber es gibt sie nicht mehr, dachte Ludwig. Sie ist nicht unter der Erde vergraben, sie hat nicht auf einem anderen Kontinent überlebt. Zwischen uns und der Zivilisation klafft der größte Abgrund, den es gibt, der Abgrund der Zeit. Nathanael war zu jung, um das zu begreifen.

II
FRÜHLING
Schachspielerin

Vanessa stieg vorsichtig die Treppe des Hochhauses nach oben. Im Staub auf den Stufen konnte sie ihre Fußabdrücke vom letzten Mal erkennen. Damals hatte sie Winterstiefel angehabt, jetzt trug sie ihre alten, von Stoffbändern zusammengehaltenen Turnschuhe. Im ersten Stock blieb Vanessa stehen und lauschte. Nichts war zu hören. Die Türen der drei Wohnungen standen offen. Sie sah in eine hinein. Der Boden war bedeckt mit aufgerissenen Müslipackungen, verbeulten elektrischen Geräten, Kleidern und Büchern. Dazwischen lag Mäusekot. Nichts hatte sich verändert, seit Vanessa das letzte Mal hier gewesen war. Irgendwann sollte sie die Kleider mitnehmen, reinigen und auf dem Markt als Lumpen verkaufen.

Vanessa ging weiter nach oben. Die Treppe war aus Stein, trotzdem sah der Winkel zwischen der Wand und den Stufen zunehmend verschoben aus. Auch im nächsten Stockwerk standen die Türen zu den Wohnungen offen. Vanessa blickte wieder in eine hinein. Durch ein Gitternetz von rostigen Stahldrähten sah sie in die offene Landschaft, Teile der Wand waren heruntergestürzt. Moos wuchs am Boden und bedeckte Formen, die an ein Sofa und einen Stuhl erinnerten. Efeu kletterte die Wände hoch.

Sie stieg ein weiteres Stockwerk hinauf, und noch eins. Die Stufen wurden glitschig, Vanessa musste sich an den Wänden abstützen, um nicht auszurutschen. Etwas tropfte auf ihre Hand. Vanessa roch daran. Es war nur Wasser. Ein Knacken ging durch die Treppe.

Im obersten Stockwerk, dem siebten, blieb Vanessa stehen. Sie griff in ihre Hosentasche. Darin lag kühl der Schlüssel. Sie schloss die Tür auf und stemmte sich dagegen, bis sie mit einem Ruck aufsprang. Der Rahmen sah nicht verzogen aus, dennoch klemmte die Tür jedes Mal mehr, sie sollte sie heute offen stehen lassen. Das Licht war gedämpft, Vanessa hatte die Rollläden halb heruntergelassen. Vor dem zerbrochenen Küchenfenster, das auf den Balkon führte, war der Rollladen ganz geschlossen, trotzdem kroch ein kühler Luftzug hindurch. Die Scherben lagen unberührt in der Ecke, in die sie sie gekehrt hatte.

Die Wohnung war vollständig in Schwarz und Weiß eingerichtet gewesen. Ein schwarzes Sofa, darunter ein weißer Teppich, der unterdessen gelb geworden war. Ein Couchtisch aus Glas, dick mit Staub bedeckt. Vergilbte Vorhänge, die unten einen schwarzen Rand hatten. An der Wand hing hinter Glas eine Zeichnung, auf der mit einer dünnen Linie die Umrisse einer nackten, dicken Frau nachgezeichnet waren. Wie immer ging Vanessa als Erstes zum Bild, wischte den Staub weg und betrachtete die Frau.

Auf dem Weg zur Küche fuhr sie mit der Hand über das staubbedeckte Bücherregal. Vanessa hatte einige der Bücher verkauft, keines hatte viel Geld abgeworfen. Die übrigen schienen wertlos. Nur erfundene Geschichten und viele Bücher über Mathematik.

In der Küche sah alles ordentlich aus. Sie hatte nichts stehen gelassen und die Schränke wieder geschlossen. Das verdorbene Essen hatte sie vom Balkon geworfen, das brauchbare mitgenommen, immer nur ein paar Gläser und Packungen auf einmal. Sie hatte sie zu Hause in ihrem Zimmer versteckt, damit sie sie hervorholen konnte, wenn die Mutter und sie nichts mehr zu essen hatten. Für ein Glas Oliven hatte sie auf dem Markt zehn Kronen bekommen, von denen sie einen Monat lang Brot und Milch kaufen konnten. Sie selbst hatte noch nie eine Olive gegessen. Sie schwammen in einer trüben Flüssigkeit. Dass einer je Olive eine halbe Krone ausgab, widerte sie an. Oliven seien obendrein sauer, hatte Marion gesagt.

Wie immer öffnete Vanessa die Schränke und sah sie durch. Jedes Mal fiel ihr etwas auf, das ihr bislang wertlos erschienen war und für das ihr dann doch eine Verwendung in den Sinn kam. Aber die Geschirrschränke waren unterdessen beinahe leer, nach und nach hatte ihr Inhalt die Töpfe zu Hause ersetzt. Hier stand noch ein Sieb. Es war sauber und wahrscheinlich etwas wert, Vanessa ließ es dennoch stehen.

Den Kühlschrank öffnete sie erst gar nicht; vermutlich war selbst der Schimmel, der ihn durchzogen hatte, mittlerweile abgestorben. Sie betrachtete das Schwarz-Weiß-Foto, das am Kühlschrank hing. Es zeigte eine Reihe Hochhäuser, von der Straße aus aufgenommen, wie Vanessa erst nach einer Weile verstanden hatte. Kein Leben war auf der Fotografie. Nichts als glänzende Fenster.

Vanessa ging ins Schlafzimmer. Diesen Raum mochte sie besonders. Das Doppelbett war schwarz bezogen, das Kopfkissen weiß. Sie dachte an die Frau, die hier geschlafen hatte, jede Nacht, ganz allein im Dunkeln.

In ihrer Vorstellung war die Frau etwa so alt wie ihre Mutter. Sie war schön und groß, hatte pechschwarze Haare und eine senkrechte Falte zwischen den Brauen. Sie sprach wenig, aber wenn sie etwas sagte, klang ihre Stimme laut und sicher. Von Beruf war sie offenbar Schachspielerin, denn im Schrank hatte Vanessa ein Schachbrett gefunden. Darum hatte sie ihre Wohnung auch schwarz-weiß eingerichtet. In ihrer vielen freien Zeit dachte die Frau über nutzlose Dinge nach, einfach, weil es ihr Freude machte. Erfundene Geschichten und Mathematik. Damals hatte man so gelebt. Reich war die Frau gewesen, so reich, wie es heute nur die Soldaten waren. Vanessa hatte einige Kleider der Frau anprobiert, aber sie hingen an ihr wie Säcke. Fast alle waren schwarz. Die Frau hatte eine große Menge an Schuhen mit Absätzen besessen, Größe zweiundvierzig. Vanessa und ihre Mutter hatten beide Größe neununddreißig. Auch die Schuhe waren fast alle schwarz, einige glitzerten. Sie hatte sie nicht verkaufen können, niemand wollte Schuhe mit Absätzen.

Staub wirbelte auf, als Vanessa sich auf das riesige Bett setzte. An der Wand hingen weitere Fotografien in Schwarz-Weiß, andere standen angelehnt am Boden. Die Frau war vielleicht nicht mehr dazugekommen, sie aufzuhängen. Den meisten Schmuck, den sie gefunden hatte, hatte Vanessa verkauft, vieles war wertlos gewesen, Plastik und Holz, wenig Silber. Nur einen schweren Goldring hatte sie auf dem Nachttisch zurückgelassen. Vanessa hatte ihn bislang nicht eingesteckt. Sie hatte immer gewusst, dass sie ihn würde holen müssen, bevor das Haus einstürzte, aber sie hatte sich auch eingebildet, das Haus würde stehen bleiben, solange der Goldring noch hier war. Sie dachte an Erwins fette Wangen und wie bewundernd die Mutter ihn anschaute, wenn er redete. Sie schüttelte sich und streifte sich den Goldring über den Daumen. Er saß viel zu locker.

Vanessa stand auf. Es war Zeit zu gehen. Trotzdem kurbelte sie den Rollladen in der Küche nach oben. Er quietschte und klemmte, etwas knallte, dann drehte die Kurbel leer, und der Laden bewegte sich nicht mehr. Vanessa kroch durch die Öffnung auf den Balkon. Die Luft draußen war kühl.

Von hier aus konnte man weit sehen. Der Wald wich durch die Abholzung immer weiter zurück und war von den Bauern durch Reihen von Tännchen ersetzt worden. Direkt neben dem Hochhaus lagen zwei Schutthalden. Die eine war schon alt, der Schutt dicht überwuchert. Zwischen den moosbedeckten Trümmern wuchsen kleine Birken, und zwei verbeulte Stahlgerüste ragten in die Höhe. Es war kaum noch erkennbar, dass hier ein Haus gestanden hatte, das wahrscheinlich ebenso hoch gewesen war wie das, auf dessen Balkon Vanessa stand. Die andere Schutthalde war frischer. Eine Wand stand unversehrt, die Fenster darin klafften wie Zahnlücken. Auch dieses hatte sieben Stockwerke. Das Donnern des Einsturzes hatte das ganze Dorf auf die Straße getrieben, Kinder hatten geschrien, die Erwachsenen hatten im Licht der Fackeln die Augen aufgerissen. So sieht Angst aus, hatte Vanessa gedacht, diese weiten Augen. Wie froh alle gewesen waren, dass es eines der leer stehenden Häuser war, das eingestürzt war. Seitdem war Vanessa die Einzige, die sich noch hertraute.

Das erste Mal, als sie in die Wohnung eingedrungen war, hatte sie den Weg über die Nachbarswohnung und diesen Balkon nehmen müssen, weil die Tür versperrt war. Als sie erst einmal drin war, hatte sie den Schlüssel für das Hauptschloss gleich finden können, aber es gab drei weitere Sicherheitsschlösser. Sie hatte in allen Schubladen gesucht, bis sie die Zweitschlüssel schließlich ganz weit hinten im Kleiderschrank in einem Glas mit Schraubdeckel gefunden hatte. Seltsam, dass die Schachspielerin so viel Angst gehabt hatte vor einem Einbruch. Vielleicht waren hier früher viele wertvolle Dinge gelagert gewesen, die sie alle mitgenommen hatte. Vanessa lehnte sich ans Balkongeländer und blickte nach unten auf den Vorplatz des Hauses. Mit dem Fuß schob sie eine einzelne Scherbe unter dem Geländer hindurch und zählte, bis sie mit einem fernen Klirren unten auftraf. Einundzwanzig, zweiundzwanzig.

Aussaat

Ludwigs Rücken schmerzte. Er blieb stehen und streckte sich. Vor ihm lag der rohe Acker, darüber türmten sich die Wolken. Es windete. Seine Schüler hatten ihn überholt und beugten sich weiter vorn über das Feld. In den Händen hielten sie verblichene Plastiksäcke, die im Wind flatterten und in die sie immer wieder griffen. Immerhin musste man den Mais nicht tief in die Erde stecken, zwei Zentimeter genügten, hatte Nima gesagt. Nima hatte alle Bücher über Landwirtschaft, die nicht von der Zentrale eingezogen worden waren und die er folglich in Walters Bibliothek finden konnte, gelesen. Auch wenn die einen veraltet, die anderen auf Französisch waren oder Seiten fehlten, habe er sich den Inhalt so leicht merken können, als sei er schon immer für die Landwirtschaft bestimmt gewesen, hatte er Ludwig erzählt. Nima hatte früher einmal in einem Büro gearbeitet und angeblich keinen Kaktus am Leben halten können.

Am Morgen hatten die Schüler gelacht und einander in den Acker gestoßen, jetzt waren sie ruhig. Morgen würden sie wieder in der Schule sitzen, er und die Schüler, erschöpft vom heutigen Tag, stiller als im Winter und doch unkonzentrierter, weil sie mit den Gedanken beim Mais wären und hofften, dass dieses Jahr der Pilz nicht kam. Fusarium. Ein Wort, das alle Schüler kannten. So wie Ludwig und seinen Studienkollegen die Namen der Computerviren vertraut gewesen waren, die sich von einem Tag auf den anderen überall verbreitet und sogar die damals ganz neuen Wearables erwischt hatten. Styx9 und Styx10. Er hatte sie beinahe so sehr gehasst wie heute den Fusarium, der im letzten Jahr die halbe Maisernte vernichtet hatte. Auf einer Dorfversammlung hatte Lisas Mann Michael behauptet, daran sehe man doch, dass Nimas Bücherwissen nutzlos war. Aber schließlich waren Nimas Bohnen und Kartoffeln doch besser gewachsen als die der anderen.

Ludwig warf einen prüfenden Blick in seinen Plastiksack. Bald würde er bei Nima mehr Saatgut holen müssen. Die Maiskörner waren feucht, Nima hatte sie eingeweicht. Auch der Boden war feucht, und seine alten Turnschuhe undicht, seine Fußsohlen fühlten sich klamm an. Was hätte er nicht für Wanderschuhe gegeben. Urs hatte welche. Wenn Urs starb, würde Ludwig Sina fragen, ob er die Schuhe haben konnte. Aber Urs war nicht gerade alt, so bald würde er nicht sterben, was dachte er da bloß? Die Wolken wanderten rasch über den weiten, gelblichweißen Himmel. In der Ferne flog ein Schwarm Krähen auf. Sie mussten dringend eine zweite Vogelscheuche bauen.

Am Abend würde er noch den Schulstoff für morgen vorbereiten müssen. Quadratische Gleichungen. Ludwig bückte sich und drückte zwei Maiskörner in den Boden. Je 75 Zentimeter Abstand zwischen den Reihen, in einer Reihe alle zehn Zentimeter ein Korn. Nur diese Mathematik war wichtig, sie war die Lösung für eine Gleichung, bei der es um alles ging.

Bei der Kartoffelaussaat vor einer Woche hatte Lisa auf demselben Feld gearbeitet wie er. Sie hatte einen blauen Rock getragen, der am Ende des Tages voller Erdflecken gewesen war. Sie hatten kaum miteinander gesprochen, ständig war jemand in der Nähe gewesen. Aber er sollte nicht an sie denken.

Ludwig spürte einen Druck auf den Ohren, schon seit dem frühen Morgen. Er fürchtete sich davor, wieder krank zu werden. Die Grippe im Winter hatte eine Müdigkeit hinterlassen, die er nicht abschütteln konnte. Vielleicht hatte sie seine Vitaminreserven aufgezehrt. Bestimmt hast du Magnesiummangel, hätte seine Mutter gesagt. Heute sprach niemand mehr von Magnesium. Womöglich enthielt der Mais welches. Nima hatte gesagt, Mais und Weizen, das könne man abwechseln, ohne sich um den Rest der Fruchtfolge zu scheren, der Boden lauge so nicht aus. Hoffentlich irrte er sich nicht.

Ludwig drückte ein weiteres Maiskorn mit dem Daumen in die kühle Erde. Nima hatte die Bodentemperatur jeden Tag gemessen. Endlich war sie über acht Grad gestiegen, warm genug für den Mais. Wenn der Boden kälter war, verdarben die Körner in der Erde. Gestern hatte Ludwig in seinem Gemüsegarten den Kohl gepflanzt, den er in seiner Stube in alten Gläsern hatte keimen lassen. Bislang sahen die Pflanzen gut aus mit ihren violetten Stängeln und ihren blaugrünen Blättern. Letztes Jahr war sein Kohl das erste Mal richtig gewachsen, er hatte jeden Tag nach ihm gesehen. All der Aufwand für ein paar wenige Mahlzeiten.

Die Wolken hatten sich aufgelöst, aber die Sonne war hinter der Staubschicht weitergewandert und das Licht hatte abgenommen. Der Wind war stärker geworden. Wie lang so ein Tag auf dem Acker war.

Seit dem Mittagessen lief ihm ein Lied nach. Er erinnerte sich nur an Satzfetzen, einzelne Zeilen, die sich wieder und wieder abspielten, in etwas anderes übergehen wollten und nicht konnten.

But you don’t really care for music, do you.

Alle waren erschöpft auf dem Boden gesessen und hatten schweigend gegessen. Da sagte Sarah mit vollem Mund »Hallelujah« und das Lied war aus den Tiefen seiner Erinnerung aufgetaucht.

Jeder Schritt schmerzte im Rücken. Wie schön es wäre, sich auf die kalte Erde sinken zu lassen und die Augen zu schließen. Die ersten Schüler waren schon heimgegangen. Zwei Reihen noch, und er hatte seinen Teil getan und konnte ebenfalls nach Hause. Nima würde zufrieden sein. Wie war das Lied nur weitergegangen? Vielleicht sollte er wieder einmal die verlassenen Häuser ums Nachbardorf herum durchsuchen, auch wenn sie drohten, einem über dem Kopf einzustürzen. Irgendwo musste es doch noch einen CD-Player und CDs geben. Ganz selten fand man auch noch halb leere Batterien. In seiner Kindheit hatte er selbst einen CD-Player besessen, danach waren die Lieder zu etwas Körperlosem geworden und das Gerät zu Elektroschrott. Die Musik hatte im Raum zwischen den Geräten Platz gehabt, jederzeit konnte man sie aus dem Nichts zu sich rufen. In Wahrheit wusste er ja, dass die Lieder als Information auf Servern gespeichert gewesen waren, dass sie bei Bedarf mit Lichtgeschwindigkeit durch Kabel geschickt wurden, um in seiner Wohnung dann als Mikrowellen bis zum kabellosen Kopfhörer zu gelangen, wo sie die Lautsprechermembran zum Vibrieren brachten und schließlich in Form von Schallwellen in seinen Gehörgang drangen. Aber angefühlt hatte es sich für ihn immer, als wäre die Musik in der Luft gespeichert, als wären die Informationen überall, wie eine Atmosphäre, und müssten auch in diesem Moment noch da sein, direkt neben seinem Ohr, darauf wartend, dass jemand richtig hinhörte. Er wusste nicht mehr, von wem das Lied war. Hallelujah. Ein Wort für Petra und für Hendrik, nicht für ihn.

Ludwig hatte Nima, der manchmal Gitarre spielte, gleich nach der Mittagspause nach dem Lied gefragt. Es war ihm peinlich gewesen, vor Nima zu singen, aber Nima hatte ruhig zugehört. Er kannte es nicht.

But you don’t really care for music, do you. Die Liedzeile schien Ludwig einen Vorwurf zu machen. Er hatte die Leidenschaft seiner Freunde für Musik tatsächlich nie ganz verstanden. Wenn er beim Lernen manchmal irgendeine Playlist gehört hatte, hatte er nicht gemerkt, wenn die Musik abbrach. Du bist wohl ein visueller Mensch, hatte seine erste Freundin gesagt, als sie ihm ihre Lieblingslieder vorspielte und er ungeduldig wurde. Aber nein, er war auch kein visueller Mensch. Weder visuell noch akustisch noch taktil noch sonst etwas. Dafür konnte er programmieren. Was für ein Trost.

Er hatte das Lied wahrscheinlich in dem Café neben seiner ersten kleinen Wohnung in der Stadt gehört. Wenn er beim IT-Support den ganzen Tag am Telefon alten Leuten zugehört hatte, hatte er keine Energie mehr, sich ein Abendessen zu kochen. Die Alten kamen mit ihren Touchscreens nicht zurecht und brachten sich in Gefahr. Er sorgte sich um sie, nachdem sie aufgelegt hatten. Manchmal begannen die Wearables in der Nacht zu brennen. Das geschah vermehrt nach dem Auftauchen der beiden Computerviren, und die Alten, die vergessen hatten, die Wearables abzustreifen, verbrannten mit ihnen. Das Café, in das er sich nach solchen Tagen setzte, war hell gewesen, und an den Wänden hatten comicartige Porträts von hässlichen Leuten gehangen, die sich von Minute zu Minute unmerklich veränderten, bis der grinsende Mann mit langen Zähnen plötzlich zu einer grünhaarigen Frau mit Spiralenaugen geworden war. Das hatte ihn nicht irritiert, er hatte sich rasch daran gewöhnt, dass die Bilder sich veränderten, zuerst auf Werbeplakaten, dann überall. Es gab viele kleine dunkle Tische. Immer lief Musik.

Stimmte es, dass sie auch in den Supermärkten Musik gespielt hatten? Während die Kunden in Ruhe von allem nehmen konnten, was sie brauchten, Rindfleisch, Mangos, Streichhölzer, Zahnpasta, Toilettenpapier, durften sie auch noch Musik hören, Streichmusik, Bässe. Er hatte nie darauf geachtet. Hör doch mal den Songs zu. Iss ein Steak für mich. Doch es war unmöglich, seinem vergangenen Ich Nachrichten zu schicken.

Die Mittagspause war zu lange her. Ludwig bekam solche Lust auf Fleisch, dass ihm Tränen in die Augen traten. Vorgestern hatte er die getrockneten Füße eines Huhns in die Suppe geworfen, und jetzt war nichts mehr davon übrig. Er gab seinen Hühnern inzwischen keine Namen mehr. Er hatte sich ausgerechnet, dass er nur alle drei Monate eines schlachten durfte. Aber er hatte seine eigenen Regeln satt. Ludwig drückte das letzte Maiskorn in den Boden und richtete sich auf. Er schüttelte den Plastiksack, er war leer. Vielleicht würde er doch schon heute Abend das fetteste Huhn schlachten. Hühnersuppe würde den Druck auf den Ohren vertreiben.

Ein Fahrradkurier fuhr den Acker entlang. Ludwig beobachtete, wie er abbog und vor Ludwigs Haus stehen blieb. Umständlich klaubte er einen Brief aus seinem Anhänger und warf ihn in den Briefkasten. Ludwig faltete den Plastiksack zusammen und steckte ihn in die Jackentasche. Mit einem Mal waren die Rückenschmerzen und der Hunger verflogen.

Kamin

Die Tür zum Haus war nur angelehnt. Leise Stimmen drangen aus dem Innern. Die Mutter lachte gedämpft, eine dunkle Männerstimme antwortete. Erwin. Schon wieder. Vanessa öffnete die Tür und schlich den Gang entlang in Richtung der Treppe. Vielleicht konnte sie unbemerkt an den beiden vorbeikommen, den Goldring und das Putzmittel in ihrem Zimmer verstecken und gleich wieder nach draußen entwischen. Das Putzmittel hatte sie im Treppenhaus des Hochhauses hinter einem Blumentopf mit einer verdorrten Pflanze gefunden. Es war noch halb voll.

»Vanessa!«, rief die Mutter. Enttäuscht blieb Vanessa stehen. Die Mutter klang aufgedreht. So wie sie nur klang, wenn sie einen Mann zu Besuch hatte. Vanessa drehte sich um. Die Mutter stand im Türrahmen der Küche und lächelte. »Komm, Nessa, Erwin und ich machen Frühstück.« Dabei war es bald Mittag.

Tatsächlich roch Vanessa schon den Qualm. Der Schornstein schien heute wieder nicht gut abzuziehen. Wieso die Mutter auch nie lernte, vor dem Feuermachen die Abzugsklappe ein paarmal zu öffnen und zu schließen. Besteck klirrte, es klang, als würde Erwin es auf den Tisch werfen.

»Keinen Hunger«, sagte sie. »Ist Erwin noch lange hier?«

Die Augen der Mutter wurden schmal. »Komm.«

Vanessa verbarg das Putzmittel auf dem Fenstersims hinter dem Vorhang und folgte der Mutter ins Wohnzimmer. Erwin stand gebückt vor dem prasselnden Feuer, er hatte zu viel Holz genommen, das sah Vanessa sofort. Sie hatte das Holz im Wald gesucht, nicht er. Sein Nacken war rot. Er drehte sich um.

»Hilf Anna mit dem Frühstück«, sagte er. Dann wandte er sich wieder dem Feuer zu.

Vanessa fühlte, wie etwas Kaltes ihre Adern durchströmte. Sie stellte sich vor, Erwin mit einem Schüreisen so hart auf den Hinterkopf zu schlagen, dass er bewusstlos vornüber ins Feuer fiele. Seine wenigen Haare würden rasch verkohlen. Dann würde das Fett in seinen Wangen anfangen zu brennen. Das Geschrei der Mutter wäre in der ganzen Straße zu hören.

Vanessa versuchte, den Blick der Mutter aufzufangen, aber diese hatte sich abgewandt. »Vanessa, hol Eier aus dem Keller. Und Brot.«

»Haben wir etwas zu feiern?«

Die Mutter antwortete nicht.

Als Vanessa wieder nach oben kam, standen die Mutter und Erwin verlegen am gedeckten Tisch. »Wir möchten dir etwas sagen. Setz dich.«

Am liebsten wäre Vanessa losgerannt, so schnell sie konnte, hätte sich kopfvoran durch das Fenster gestürzt, das in tausend Splitter zerbersten würde, hinaus in den Garten, auf die Straße, durch das Dorf. Sie rührte sich nicht.

Als die Mutter merkte, dass Vanessa ihrer Aufforderung nicht folgte, versteinerte ihr Gesicht.

»Du setzt dich jetzt.« Erwins Ton war kalt.

Vanessa ignorierte ihn.

»Hör zu«, sagte die Mutter, ohne Vanessa direkt anzusehen. »Ich weiß, dass dir das nicht gefallen wird, aber wir ziehen zu Erwin. Nächste Woche.«

Die Mutter nahm Erwins Hand. Erwin starrte Vanessa an wie einen Gegenstand, der schwer zu transportieren sein würde.

»Ich komme nicht mit«, sagte Vanessa und legte das Brot und den Korb mit den Eiern auf den Tisch. Die Dummheit ihrer Mutter war unerträglich.

»Was fällt dir ein!«, rief die Mutter.

»Das ist auch mein Haus!«, antwortete Vanessa. »Wer hat das Dach geflickt? Und den Schornstein? Geh doch! Ich bleibe hier.«

»Wir haben das Haus verkauft«, sagte die Mutter.

»Ihr?«

»Jawohl.«

»Wie kannst du nur!« Vanessas Gesicht war nass. Sie hatte nicht gemerkt, dass sie angefangen hatte zu weinen. Sie wischte sich über die Wangen. »Denk doch daran, wie es das letzte Mal gelaufen ist. Mit Martin. Warum tust du uns das schon wieder an?«

»Du redest hier nicht mit!«, rief Erwin.

»Erwin, lass sie«, sagte die Mutter. »Nessa, es ist eine große Veränderung, ich weiß, ich …«

»Wer ist es? Wer zieht in unser Haus?«

»Eine Familie aus dem Nachbardorf. Sie haben zwei Jungs.«

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