Kitabı oxu: «Grenzenlos im Norden»
Siv Stippekohl
Grenzenlos im Norden.
Menschen und der Mauerfall
Ein Lesebuch herausgegeben
vom Norddeutschen Rundfunk
Mit einem Vorwort von Erhart Neubert
Mitarbeit:
Björn Ahrend, Thomas Balzer, Inga Bork,
Lena Gürtler, Ulrich-Lars Houschka, André Keil,
Lenore Lötsch, Thomas Naedler,
Viktoria Urmersbach und Matthias Vogler
Saga
Grenzenlos im Norden! Zum Geleit
»Einfach Wahnsinn!«, »Unbeschreiblich!«, »Unglaublich!«
Vor 20 Jahren fehlten vielen Menschen zunächst die Worte. 20 Jahre später gibt es unzählige Geschichten zu erzählen, von dem Tag, von dem an das geteilte Deutschland plötzlich eins war.
»Wo warst du am 9. November 1989?« – »Das werde ich nie vergessen ... Wir saßen vor dem Fernseher ..., ich traf eine Freundin ..., ich kam gerade von der Arbeit ...« Die Antworten auf die Frage kommen stets wie aus der Pistole geschossen.
Es gibt wohl nur wenige Tage in der Geschichte, die solch eindrückliche persönliche Erinnerungsspuren bei jedem Zeitgenossen hinterlassen haben wie jener Tag, an dem die Grenze zwischen Ost und West nicht mehr unüberwindlich war. Kaum jemand hat vergessen, wo er war, wie er davon erfuhr, welche Gefühle die Nachricht ausgelöst hat.
Der NDR war lange Zeit der einzige Sender im ARD-Verbund, der alte und ein neues Bundesland umfasst. Bei uns arbeiten Menschen, die aus eigenem Erleben die Geschichte beider deutscher Staaten kennen. Eine große Bereicherung – in der journalistischen Arbeit, aber auch im alltäglichen Umgang miteinander.
Die Geschichten in diesem Buch sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sie erzählen. 20 Jahre nach dem Mauerfall ist es an der Zeit, sich noch einmal zu erinnern an den für uns alle so besonderen Tag im November 1989.
Lutz Marmor
NDR-Intendant
Im Herbst 1989 war er grenzenlos – der triumphierende, noch leicht ungläubige Jubel im Norden des geteilten Deutschlands. Vielen ist dies längst in Vergessenheit geraten, in Ost wie West. Geblieben ist den meisten lediglich die restliche Ahnung dieses Gefühls vom Tag, als plötzlich die Mauer fiel.
Mit Beginn des Jahres 2009 hat der Norddeutsche Rundfunk mit der trimedialen Aktion »Grenzenlos im Norden – 20 Jahre Mauerfall« seine Hörer, Zuschauer und Internet-Nutzer gebeten, sich zu erinnern, ihre ganz persönliche Geschichte von 1989 zu erzählen. Viele haben sich gemeldet, haben geschrieben, viele Geschichten wurden erzählt, im Radio, im Fernsehen und im Internet, in allen Programmen des NDR.
Eine Auswahl dieser Geschichten findet sich in diesem Buch.
Berührt haben vor allem jene leisen Erzählungen, die Jahre oder aber tatsächlich zwei Jahrzehnte gebraucht haben, um erzählt werden zu können, deren Erzähler sich selbst und ihre Erinnerungen überdacht und überprüft haben, zuweilen auch vieles heute anders sehen als vor 20 Jahren, die nichts in die Öffentlichkeit getrieben hat, die sich bislang nicht aufgedrängt haben mit ihrer Geschichte und es nun doch, zuweilen eigens ermutigt, gewagt haben, sie zu erzählen.
Das sind nicht unbedingt »Heldengeschichten«, die erzählt werden, schließlich haben die meisten Zeitzeugen sich nicht als Bürgerrechtler hervorgetan, keine Unterschriften gesammelt, keine Plakate auf Demonstrationen getragen, nicht alle waren mutig, saßen im Stasiknast, wurden freigekauft oder haben sich als Fluchthelfer betätigt, und auch eine aufregende oder spektakuläre Fluchtgeschichte haben die wenigsten vorzuweisen.
Und dennoch haben sich auffallend viele Menschen beim NDR gemeldet, die eine ganz eigene Grenzerfahrung erlebt und die Geschichte ihrer Flucht zu erzählen haben. Insofern versammelt dieses Buch besonders viele Geschichten, die von der Grenze und ihrer Überwindung erzählen. Auffällig auch: Die Geschichten in diesem Buch sind ebenso norddeutsch wie deutsch-deutsch. In den Familiengeschichten war die deutsche Teilung 1989 auch nach 40 Jahren noch nicht endgültig vollzogen. Spuren aus Ost und West ziehen sich durch die Biografien der Menschen und ihrer Familien, ein Grund, warum der 9. November 1989 sie besonders bewegt hat, warum sie sich nun 20 Jahre danach an den NDR gewandt haben.
Wie schreibt der frühere DDR-Bürgerrechtler Erhart Neubert? »Es gab keine Gewöhnung an die Grenze, sie schnitt das Naheliegende ab und versagte Raum und Zeit.«
Ich bin mir sicher: Diese literarische Reise in die Vergangenheit wird unseren gemeinsamen Weg in die Zukunft erleichtern.
Elke Haferburg
Direktorin NDR-Landesfunkhaus
Mecklenburg-Vorpommern
Vorwort
Von Erhart Neubert
In den letzten Jahren ihres Bestehens war die DDR ein isolierter Staat, abgegrenzt gegenüber dem Westen und zunehmend verlassen von ihren sozialistischen »Bruderländern«. Diese kleine, graue und enge Provinz des einst so mächtigen kommunistischen Weltsystems fiel wie ein Kartenhaus zusammen, als sich 1989 die Zungen der Menschen lösten, als sie nach Freiheit riefen und als sie mit ihren Leibern die Mauern um sie herum sprengten. Dafür steht besonders der 9. November 1989. Es gab viele wichtige Tage in der friedlichen Revolution. Aber die Nacht des Mauerfalls ist das Symbol der radikalen Veränderung, die alle Menschen betraf, die jeden Lebenslauf auf neue Bahnen stellte.
Die Diktatur und ihre Zumutungen waren fast schon zur Normalität geworden. So riefen die Leute in der denkwürdigen Nacht »Wahnsinn, Wahnsinn«. Soviel Neues konnte nicht gleich verarbeitet oder verkraftet werden. Abgrenzung und Grenzen waren über Jahrzehnte in die Menschen hineingekrochen. Wer öffentlich redete, hütete seine Zunge oder sprach die falschen Propagandalosungen nach. Misstrauen und Angst hatte die Menschen zum Schweigen gebracht. Allenfalls in den eigenen vier Wänden wurden die Erfahrungen mit dem Regime ausgetauscht. Die Revolution veränderte auch das Sprechen, das Erzählen. Am Anfang riefen die DDR-Bürger Losungen gegen die Gewalt. Bald kamen spöttische und lustige Sprüche auf, die vom neuen Selbstbewusstsein zeugten. Und die Menschen wurden von einem unabweisbaren Bedürfnis nach offenem Sprechen erfasst. In den Kirchen, auf Versammlungen, auf den Marktplätzen ergriffen sie das Wort. Vielerorts hefteten sie ihre Botschaften an Tafeln und Pinnwände.
Bei manchen sprudelten die Worte wie ein Sturzbach, dessen aufgestautes Wasser sich einen Weg sucht. Es musste heraus, all die Demütigungen, die Ungerechtigkeiten und manchmal auch die eigenen Feigheiten wollten weggespült werden. Bei anderen dauerte es viel länger. Sie brauchen bis heute Zeit, ihre Erfahrungen zu erzählen, ihre Verletzungen auszusprechen und neue Perspektiven zu gewinnen.
Der Mauerfall hatte nachhaltige politische Wirkungen. Seine heilenden Kräfte für Deutschland und für Europa wirken bis heute. Noch nie war Europa so friedlich, noch nie so geeint. Aber heilend wirkt er auch auf Menschen. Allerdings nur, wenn sie Gelegenheit haben, öffentlich über ihre Befreiung, die äußere und die innere, zu reden. Solche Gelegenheiten bot dankenswerter Weise der Norddeutsche Rundfunk mit der Aktion »Grenzenlos im Norden – 20 Jahre Mauerfall«. Die hier veröffentlichten beispielhaften Texte des Projektes zeigen das anhaltende Sprechbedürfnis. Der Leser spürt geradezu, wie die Erzähler in der neuen Wirklichkeit ankommen und sich zurechtfinden.
Die Erinnerung an das lebenswendende Ereignis des Mauerfalls hält lebendig, was die Menschen einst bedrückte, ihre Verfolgungs- und Fluchtgeschichten, ihre Erfahrungen mit Trennungen und Versagungen. Vor allem aber schwingt in den Erzählungen auch Genugtuung und manchmal der Stolz mit an, dies überwunden zu haben und neue Wege gehen zu können. Sicher ist, dass ein freies Leben ohne Mauern nicht alle Probleme löst und neue Aufgaben stellt. Aber der Mauerfall hat allen ermöglicht, sich endlich im wahrsten Sinne des Wortes freizusprechen. Dem Buch ist zu wünschen, dass es viele Leser unter der jungen Generation findet, die jetzt ihre Freiheit genießen können. Sie brauchen die Erinnerungen der Zeugen, damit auch sie die Kostbarkeit der Freiheit nacherleben können.
»Dann haben wir uns umarmt und geweint«
Siegfried Mitschard
und das erste DDR-Sportboot auf Westkurs
Sitzt man in Timmendorf an der Ostsee, sieht man bei klarer Sicht die Lichter der Badeorte an der Lübecker Bucht: Scharbeutz und Grömitz. Gemeint ist nicht das westdeutsche Timmendorf sondern das ostdeutsche Timmendorf auf der Insel Poel vor Wismar. »Wie oft habe ich dort nachts an der Mole gesessen«, erzählt Siegfried Mitschard, »habe die Lichter von Grömitz gesehen und gedacht: Was mag da bloß los sein? Warum darfst du da nicht hin? Ja, und mit einem Mal war es möglich!«
Wenn sich Siegfried Mitschard an 1989 erinnert, dann kann er an nichts anderes denken als an die Öffnung der Grenze. »Da komme ich nicht dran vorbei«, sagt er. Er spricht von seinem »Lebens-Erlebnis«, und wenn er spricht, dann in breitem Norddeutsch, ab und an snackt er op Platt. Die Geschichte von seiner persönlichen Grenzüberwindung ist untrennbar verbunden mit der Geschichte der Latovia. Ein Schiff ist die Latovia, sein Schiff, zehn Meter lang, Marke Eigenbau, Heimathafen ist der Jachtclub in Wismar-Wendorf. Sein »Wochenendhaus«, sagt er liebevoll, sei das Motorboot jahrelang gewesen.
Es gibt alte Fotos von der Latovia, einem Schiff aus Eichenholz. Auf einem weißen angeschraubten Schild steht der Name in geschwungenen blauen Lettern. Siegfried Mitschard ist auf einem der Fotos zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter zu sehen, lässig hat er den linken Fuß auf der Reling abgestellt, der Himmel über der Ostsee ist strahlend blau. Gekauft hat er die Latovia Anfang der 1980er Jahre von einem Wismarer Zimmermann, der das Schiff in seinem Garten selbst gebaut hat. Die Latovia wurde dann völlig umgebaut, besonders die Kabine hat er komplett neu verkleidet. Ganz nach seinen Vorstellungen, erzählt er nicht ganz ohne Stolz, zu einer »richtig schicken Jacht« habe er das Schiff gemacht. Nun ja ..., er muss selbst ein wenig schmunzeln, genau genommen sehe man vieles nach heutigen Maßstäben natürlich etwas anders, aber damals, ja damals sei die Latovia richtig schick gewesen.
Viel Arbeit sei das gewesen mit so einem Holzboot, erinnert er sich, da sei immer etwas zu tun gewesen. Vor allem sei es stets um die Frage gegangen: Woher nehmen? Woher die Farbe bekommen? Woher dies, woher das? Die Materialbeschaffung in der sozialistischen Mangelwirtschaft habe so funktioniert: Als gelernter Schlosser arbeitet er damals als Meister bei der Technikabteilung des VEB Kraftverkehr Wismar: Wenn ein Lkw verschrottet wird, sichert er sich, was noch zu gebrauchen ist. Lichtschalter, Zündschlösser, alles, was nicht niet- und nagelfest ist, wandert in die Kiste von Siegfried Mitschard. Und dann, erzählt er, dann gibt es immer so einen Kreis von Leuten, die sich sympathisch sind, im Verein, auf der Arbeitsstelle. Und da habe er einfach dazugehört, man habe sich gegenseitig geholfen. Wenn damals einer zu ihm kommt, weil er für seinen Scheibenwischer einen Schalter braucht, kramt er in seiner Kiste und kann aushelfen. Im Gegenzug bekommt er jede Menge feine Sachen für seine Latovia, besonders von den Arbeitern der Mathias-Thesen-Werft in Wismar. »Ganz edle Sachen«, erinnert er sich, »beispielsweise Messingschrauben, die es nirgends zu kaufen gab.« Damals ist er Mitglied und zeitweilig auch Vorsitzender im Betriebs-Anglerverband Ostseetrans. Ohne eine entsprechende Mitgliedschaft habe es gar keine Liegeerlaubnis für ein Boot gegeben. Das »gesellschaftliche Engagement« bringt zugleich Punkte beim sozialistischen Wettbewerb im Betrieb. Deshalb nimmt er auf der Latovia des öfteren Angler aus dem Betrieb mit. »Das zählte«, sagt er, »dafür gab es Punkte. Und Vergünstigungen.« Zum Beispiel darf er an der Tankstelle 200 Liter Diesel für sein Schiff abzwacken, für die nächste Angeltour mit Kollegen.
Seit er stolzer Sportbootbesitzer ist, dient das Boot gewissermaßen als Datsche der Familie. Meist verbringen die Mitschards ihren Urlaub auf der Latovia, dann liegen sie in der Wismarer Bucht vor Anker, eine Woche lang, und lassen es sich gut gehen. »Als wir schon nachts draußen ankern durften«, fügt er hinzu. Schließlich habe es auch eine Zeit gegeben, als man nach Sonnenuntergang im Hafen sein musste. Irgendwann seien die Vorschriften gelockert worden, dann durften die Boote auch über Nacht vor Anker liegen. Nur Angeln durfte man nachts nicht, erinnert er sich. Er hat trotzdem geangelt, »und dann immer mit einem Auge geguckt, ob die Polizei nicht kommt«.
Mit Angeltouren verdient Siegfried Mitschard sich auch ein wenig Geld dazu. Ab und an fährt er mit einem Trupp Angler am Wochenende raus. Für 10 Personen ist die Latovia damals zugelassen, jeder zahlt 5 Mark, und schon ist wieder genug Geld beisammen für eine Dose Lack fürs Schiff. Es gibt damals regelrecht Stammgäste auf der Latovia. Eine Angeltour muss beantragt und lange im Voraus geplant werden. Siegfried Mitschard ahnt nicht, dass eine für den 11. November 1989 geplante Fahrt zwei Tage nach der Erstürmung der Mauer in Berlin stattfinden wird.
Zwanzig Jahre nach der Grenzöffnung von 1989 hat Siegfried Mitschard sein »Lebens-Erlebnis« aufgeschrieben. Sein Bericht beginnt so: »Am 11.11.1989 meldete ich mich mit meinem Motorboot bei der Passkontrolleinheit in Timmendorf-Poel zur Einreise in die Grenzgewässer der DDR ab. Mein Schiff musste die Registriernummer C-1–1009 beiderseits am Vorschiff tragen.« An Bord sind an diesem Tag sieben angelnde Arbeiter aus dem Plastmaschinenwerk in Schwerin. Die Latovia steuert die damalige Wracktonne in der Wismarer Bucht an. Dorsch wollen die Männer an den Haken bekommen. Sie angeln und angeln, nichts beißt an. Nebenbei hören die Männer Bordradio, nicht Radio DDR, sondern Radio Schleswig-Holstein.

Fotos: Peter Matera / Bundespolizeiakademie Lübeck
Die Männer auf See hören, was an Land los ist. »Die ganze DDR war ja unterwegs«, erinnert sich Siegfried Mitschard, da sei ihm so ein Gedanke gekommen: »Mensch, hier beißt doch nichts, wir können auch rüberfahren. Was wollen die uns eigentlich? Die Grenzen sind schließlich auf.« Und so, erzählt er, ging das dann los. Und doch ist er bei aller Spontaneität umsichtig. Er versammelt die zufällig zusammengewürfelte Crew im Fahrstand der Latovia und hält eine kleine Ansprache, er habe Lust, rüberzufahren, soundso, die Tour in den Westen sei aber nicht an einem Tag zu schaffen. Sie müssten über Nacht bleiben, ob irgendeiner Lust habe, mit ihm zu kommen. Er weiß, er würde sich mächtig Ärger einhandeln, wenn er einen seiner Fahrgäste gegen dessen Willen über die Grenze bringt. Alle sind begeistert von der Idee, bis auf einen, der anfangs etwas zögerlich ist, zu guter Letzt aber in den Plan einwilligt.
Und so steuert Siegfried Mitschard die Latovia an diesem 11. 11. 1989 in unbekanntes Gewässer, er hat keine Ahnung, wo genau es langgeht, er hat keine Seekarte, er orientiert sich einfach an der Küste und hält den Kompass in der Hand, denn die Himmelsrichtung ist ja klar – es geht immer gen Westen! Mit Hilfe des einzigen Fernglases an Bord halten die acht Angler abwechselnd Ausschau nach den Grenztonnen, die irgendwo auftauchen müssen. Gesehen hat Mitschard so eine Grenztonne schon einmal im Westfernsehen.
Es dauert. Über drei Stunden tuckert die Latovia mit nur vier Seemeilen in Richtung Westen, da erkennen die Mitfahrer etwas, was sie für eine Grenztonne halten. Mitschard blickt durch das Fernglas. Was er sieht, beunruhigt ihn. Einen sogenannten »Paradieswächter« sieht er, ein großes DDR-Kriegsschiff, das sich am Horizont mit der Bugspitze genau in den Kurs der Latovia gelegt hat. Kurz überlegt er, ob er entwischen kann, mit einem gewagten Kurswechsel in Richtung Küste. Aber er weiß, dass die »Paradieswächter« schnelle Schlauchboote an Bord haben. Er hat keine andere Wahl, er schippert direkt auf das Kriegsschiff zu, in der vagen Hoffnung, dass es schon klappen wird. Als die Anglergruppe sich nähert, wird ihr mit einer schwarz-weiß karierten Flagge signalisiert, dass die Latovia längsseits beidrehen soll. Mitschard sieht die Besatzungsmitglieder des Kriegsschiffes an Bord, sie tragen alle Uniform und sind bewaffnet. »Und oben auf der Brücke, da waren Offiziere. Und da war so ein großer, kräftiger, der fragte: Wer ist der Bootsführer? Ich habe mich gemeldet: Ich. Er fragte dann: Wo wollen Sie hin? Ich sagte: Nach’m Westen. Dann hat er gesagt, das war fast entschuldigend, ich sollte mal ein bisschen warten, er müsste sich erst erkundigen, und es könnte vielleicht so zehn Minuten dauern. Na ja, sagte ich leise: Wir haben ja Zeit.«
Siegfried Mitschard geht, wie man so schön sagt, der Arsch auf Grundeis. Nach ein paar Minuten kehrt der Offizier zurück; sehr viel zuvorkommender als vorher entschuldigt er sich geradezu höflich für die Wartezeit, leider würde er keine Verbindung zu höheren Stellen bekommen, die Funkverbindung sei überlastet. Der Offizier verschwindet, und als er wieder herauskommt, traut Siegfried Mitschard seinen Ohren nicht. »Okay«, sagt der Offizier. Russisch hätte der sprechen müssen, sagt er Jahre später kopfschüttelnd, choroscho, also gut, in Ordnung, auf Russisch hätte der das sagen dürfen, stattdessen sagt der Offizier, »okay. Okay, sie können passieren.« Er erinnert sich ganz genau, Punkt 11.01 Uhr sei es da gewesen. Und dann, sagt er, dann kam das, was ihm auch zwanzig Jahre später noch eine Gänsehaut verursacht: »Wir acht Männer haben alle geheult. Wir haben uns umarmt und haben geheult.« Im Erzählen wird seine Stimme plötzlich brüchig, er kämpft mit den Tränen, als er weiterspricht und schnell seine Fassung wiedergewinnt. »Und ich bin denn losgefahren und habe zu den Jungs gesagt: Hört mal zu, da unten links, da ist eine neue DDR-Fahne drin, eine Flagge fürs Schiff hinten, die alte ist schon so verfranst, macht da mal eine neue Flagge ran. Und vorne rechts, sagte ich, da steht was zu trinken. Und dann haben wir ein Bier und einen Schnaps getrunken, auf unsere Freiheit. Und um 11 Uhr 11 haben wir noch einen getrunken auf den 11.11.« Als sich alle wieder gesammelt haben, verhängt Mitschard ein Alkoholverbot an Bord. Schließlich will die Truppe im Westen nicht sternhagelvoll eintreffen und einen schlechten Eindruck hinterlassen.
Die Latovia tuckert weiter Richtung Westen, immer dem Kompass nach. Als der Kapitän bereits befürchtet, die Orientierung verloren zu haben, taucht ein Schiff auf, ein Segelschiff denken die Angler zunächst, denn es ist weiß und hat zwei Masten. Es ist aber ein Fischerboot. »Ich kannte ja überhaupt kein weißes Fischerboot, bei uns in der DDR waren alle Fischerboote grau«, erzählt Siegfried Mitschard. Auch die Besatzung des westdeutschen Fischerbootes staunt nicht schlecht, als sie die DDR-Flagge der Latovia sieht. »So einen Lappen haben wir ja noch nie gesehen«, heißt es, und das deutsch-deutsche Zusammentreffen auf der Ostsee soll erst einmal begossen werden. Aber der Kapitän der Latovia winkt dankend ab und fragt lieber nach dem Weg. Welcher Weg? Zu irgendeinem schönen Hafen in der Lübecker Bucht. Neustadt in Holstein schlagen die Fischer vor und erklären die Route, steuerbord vorbei am Wetterturm, vorbei an der Untiefentonne von Perlzerhaken, und schon sei das Neustädter Fahrwasser nicht weit. Die Wegbeschreibung ist hilfreich.
Kurz vor Neustadt braust eine Motorjacht heran, »so richtig mit weißer Bugwelle«, erinnert er sich, »der wollte vorbei und hat dann unsere DDR-Flagge gesehen, hat ausgekuppelt und plumpste so richtig ins Wasser.« Ob die Flagge dahinten richtig sei, will der verdutzte Bootsführer der Jacht wissen. Erfreut wird ein Tablett mit Sektgläsern gereicht. Alkoholverbot hin, Alkoholverbot her, da müssen Siegfried Mitschard und seine Angler mit anstoßen. Die Motorjacht begleitet das DDR-Boot bis nach Neustadt, vielmehr: Das westdeutsche Schiff schleppt das etwas altersschwache ostdeutsche Schiff bis kurz vor die Hafeneinfahrt. Dann wirft der Bootsführer die Leine zu Mitschard hinüber und sagt: »Hier kannst du alleine reinfahren, den Triumph gönne ich dir!« Die DDR-Bootsleute sind nicht darauf gefasst, dass sie in Neustadt bereits erwartet werden. Links und rechts der Hafeneinfahrt stehen und rennen Menschen und winken mit ihren Jacken und Mützen. Bis heute weiß niemand, wer vielleicht über Funk die Ankunft des »Ostbootes« angekündigt hat.
Beim Festmachen der Latovia spendet die Menge Applaus. Noch zwanzig Jahre später wirkt Siegfried Mitschard etwas verlegen, als er sagt: »Und dann ging das wieder los. Das Geheule und das Umarmen. Wir haben das gar nicht erwartet, dass wir so herzlich empfangen werden. Jedem haben sie ein bisschen Geld zugestopft und Sachen gesagt wie: Macht es gut Jungs. Mensch, schön, dass das endlich alles vorbei ist. Endlich ist der Spuk vorbei. So wurde viel diskutiert und viel gesprochen. Viele Tränen liefen.« Den ganze Tag, erinnert er sich, seien sie in Neustadt »durchgereicht« worden. Die ostdeutschen Angler sind die Sensation. Auch die Polizei schaut vorbei und ermahnt die Besatzung, ja nicht zu vergessen, das Begrüßungsgeld abzuholen. Am Abend sind alle völlig erledigt. Weit nach Mitternacht legen sie sich auf der Latovia schlafen.
Am nächsten Morgen kommt Gerd Bollmann vom Neustädter Seglerverein vorbei und lädt die Besatzung zum Frühstück in die Gaststätte ein. Den Kaffee, erinnert er sich, spendiert damals die Wirtin. Ein Lübecker Architekt will die Ostdeutschen unbedingt mit seinem Motorboot in die DDR begleiten, er möchte Wismar sehen. Der Bootsführer klärt den Mann auf. Er könne nicht einfach mitfahren, die würden ihn in der DDR einsperren. Die Sportbootsfreunde greifen in die Trickkiste, sie würden einfach erzählen, die Latovia habe einen Getriebeschaden und müsse bis Wismar geschleppt werden. Eine vorsichtige Anfrage über UKW-Seefunk bei den DDR-Behörden ergibt immerhin, dass der Lübecker die Latovia bis zur Grenze schleppen darf, dort würde das Schiff übernommen werden. Als beide Sportboote die Grenztonne zwischen Ost und West erreichen, ist weit und breit kein DDR-Schiff zu sehen. Siegfried Mitschard meint, sie sollten lieber kein Risiko eingehen, er würde allein weiterfahren und bei Nachfragen einfach erzählen, der Schaden hätte behoben werden können.
Gesagt, getan, man verabschiedet sich und schippert weiter bis zum Ausgangspunkt der Reise, bis zur Wracktonne in der Wismarer Bucht. Dort wird die Latovia bereits erwartet, von einem Schiff der Grenzbrigade Küste und einem sogenannten »grauen Wolf«, einem Boot der Wasserschutzpolizei Wismar. Der Latovia wird ein Zeichen zum Beidrehen gegeben. Siegfried Mitschard zögert, mit den Grenzern, sagt er, sei ja nie »gut Kirschenkosten« gewesen. Letztendlich steuert er auf das Polizeiboot zu und hofft, vielleicht auf bekannte Polizisten zu treffen. Er hat Glück. Er kennt den Bootsführer. Nachdem er festgemacht hat, sagt der zu ihm, »na, dann komm mal rauf«. »Dann bin ich rauf auf die Brücke, und er sagt zu mir: Du, ich soll dich nach Wismar bringen. Ich sage: Loggi, was wollt ihr von mir? Dann hau ich lieber gleich wieder ab. Ich konnte mit denen so reden, vorausgesetzt, man kannte sie, dann waren die gar nicht solche Bullen, wie manche immer gedacht haben. Mensch, sagt er, Siggi, ich muss dich hinbringen. Und dann sagt einer von den Polizisten: Was sollen sie dir schon anhaben? Ganz Deutschland ist drüben im Westen!«
Siegfried Mitschard protestiert trotzdem und hat allerhand Argumente vorzuweisen: Fahrten in der Dunkelheit seien ihm verboten, geschleppt werden will er auch nicht, ohnehin fühle er sich wie festgenommen, auch wenn die Polizisten beteuern, dass dies nicht der Fall sei. Man einigt sich schlussendlich. Das Polizeiboot geleitet die Latovia nach Wismar, und zwar in gebührendem Abstand, so dass das Ganze nicht nach einer Festnahme aussieht. Die Fahrtzeit wird von der Besatzung weidlich genutzt. Bevor der Zoll das Schiff im Alten Hafen von Wismar auseinandernimmt, müssen allerhand Mitbringsel aus dem Westen verschwinden. Eher unproblematisch sind Blumen, zwei Säcke voller Kleidung und jede Menge Getränke, Bier, Cola, Rum. Aber da sind dann noch die Geschenke, von denen die Männer ziemlich sicher annehmen müssen, dass sie ihnen sofort weggenommen werden: Pornohefte, Pornofilme, Männerkrams eben. Vorsichtig wird in der Achterkabine eine Deckenplatte abgeschraubt, dahinter wird die wertvolle und verbotene Fracht versteckt.
In Wismar angekommen geht zunächst eine Passkontrolleinheit an Bord. Es wird durchgezählt, die Ausweise werden kontrolliert, das Ergebnis: alle sind wieder da. Der Beamte lässt seinen Blick über die nicht versteckte Westware streifen, »Mensch«, entfährt es ihm, »wo waren Sie denn?« Als Siegfried Mitschard vom Ausflug nach Neustadt erzählt, murmelt der Mann: »Find ich gut, find ich richtig gut.« Siegfried Mitschard ermuntert ihn, sich etwas zu trinken zu nehmen, ein Bier könne er gut und gerne auch in der Hosentasche mitnehmen, der Beamte bleibt standhaft. Ein junger Zöllner, der an Bord kommt, ist ebenfalls beeindruckt. »Oh«, ist sein Kommentar mit Blick auf den Getränkevorrat, »sie hätten es ja noch ein paar Tage länger ausgehalten.« Er erkundigt sich genau, wie die Fahrt war, ob es weit bis nach Neustadt sei.
Am nächsten Tag darf Siegfried Mitschard mit seiner Latovia weiter nach Timmendorf fahren. Ein kleines Nachspiel hat der Ausflug in den Westen dann doch noch. Auf seiner Arbeitsstelle bekommt er Bescheid, er möge sich mit seinem Bordbuch bei der Wasserschutzpolizei einfinden. Siedend heiß fällt ihm ein, dass die Latovia keine Genehmigung für Küstenfahrten besitzt. Im Bordbuch ist nur ein Stempel für die Angelgebiete vor Wismar. Er ist sauer, denn er ist überzeugt, »der Chef von der Wasserschutzpolizei, der wollte mir da ein Ding drehen«. Zu diesem Zeitpunkt hat er längst einen zweiten Ausflug nach Neustadt geplant, zusammen mit Bekannten aus dem Segelverein. Daraus wird nichts, wenn es nun Ärger mit dem Bordbuch gibt. Das Problem wird kurzerhand gelöst. Der Vorsitzende des Segelvereins ist damals auch in der Kommission zur Abnahme von Schiffen, und der drückt ihm einfach nachträglich einen Stempel für Küstenfahrten in sein Bordbuch.
Zwanzig Jahre später ist sich Siegfried Mitschard ziemlich sicher, dass die Latovia das erste Sportboot der DDR war, das nach der Grenzöffnung in den Westen schipperte. Vermutlich hat er mit dieser Annahme recht.
Erst am 12. November 1989 ist bei den Bezirksleitungen der SED gegen 16.00 Uhr ein Fernschreiben eingegangen. Ab 18.00 Uhr desselben Tages soll die 5-Kilometer-Sperrzone aufgehoben sein, alle Kontrollen entfallen und die Ostsee sei entlang der Küste der DDR in einer Zone von zwölf Seemeilen für den Sportbootverkehr freigegeben. Diese Entscheidung wird allerdings erst am 14. November 1989 in den Zeitungen offiziell bekannt gegeben.1
Im Schallarchiv des Norddeutschen Rundfunks ist aus diesen Tagen auf einem alten Tonband ein Interview mit DDR-Offizieren eines Grenzkontrollbootes erhalten. Darauf berichten die Offiziere bürokratisch verbrämt und immer noch ein wenig überrascht, wie plötzlich aus Richtung Wismar jede Menge Sportboote »um die Ecke kamen«. »Auf eigenen Entschluss« habe man die Boote zunächst gestoppt. Einige Bootsleute hätten in ihren Pässen einen Visumstempel vorzuweisen gehabt. Den habe einer der Offiziere zufällig am Vortag in der »Aktuellen Kamera« gesehen, daher weiß er, dass der Stempel, der zur Ausreise berechtigt, so oder so ähnlich aussieht. »Die haben sich gefreut wie die Schneekönige«, ergänzt sein Kollege.
Die Seegrenze an der Ostseeküste war jahrzehntelang die »unsichtbare Grenze«. Keine Mauer, kein Zaun schränkte die Sicht auf den Horizont ein. Und dennoch war der 602 Kilometer lange Küstenstreifen streng bewacht, in einer 5 Kilometer breiten Grenzzone entlang der Ostseeküste galten besondere Sicherheitsvorschriften. Die 6. Grenzbrigade Küste verfügte über 70 Beobachtungsposten und sorgte sowohl an Land als auch auf See dafür, dass Flüchtlinge nicht über die Ostsee entkommen konnten. Schätzungsweise 6500 Menschen versuchten bis 1989 über die Ostsee zu fliehen. Davon gelang etwa 900 Menschen die Flucht. Mindestens 189 Menschen kamen bei einem Fluchtversuch ums Leben.2
Zwanzig Jahre nach seinem »Lebens-Erlebnis« ist Siegfried Mitschard im Ruhestand. Die sieben Angler aus Schwerin, mit denen er am 11. November 1989 nach Neustadt in Holstein fuhr, hat er danach nie wieder gesehen. Mit der Latovia hat er noch einige Touren in den Westen unternommen, auch nach Hamburg, durch den Elbe-Lübeck-Kanal. Wenn es sie noch gibt, dann schippert sie vermutlich über den Rhein. Denn gut ein Jahr nach seiner Neustadt-Fahrt hat er das Schiff an einen jungen Mann in Köln verkauft. Schließlich konnte er ja fortan fahren, wohin und so weit er wollte. Er hat sich ein neues, schnelleres Boot mit Mast und Segel zugelegt.
Zusammen mit Gerd Bollmann aus Neustadt hat er das erste deutsch-deutsche Segeltreffen organisiert. Sie sind noch heute befreundet. Die Freundschaft der Wismarer und Neustädter Segler hat zwanzig Jahre überdauert. Jedes Jahr trifft man sich, das ist längst Tradition. Nach all den Jahren muss Siegfried Mitschard dennoch schlucken, als er davon erzählt, dass in Neustadt, in der Clubgaststätte des Seglervereins, bis heute ein Bild in gewölbtem Rahmen hängt, Größe ungefähr DIN A4. Immer, wenn er vor diesem Bild steht, erzählt er, überkommt ihn so eine Art Prickeln. »Da ist Stacheldraht drin von der Grenze, von der innerdeutschen Grenze, Stacheldraht mit einem Plasteschild ›Zur Erinnerung an den Fall des Eisernen Vorhanges 1989‹. Der Werner Innecken, der Eisenwarenhändler aus Wismar, der hat, als wir damals das zweite Mal nach Neustadt gefahren sind, da hat er eine große Eisenschere mitgenommen und hat sie dem Vorsitzenden des Neustädter Seglervereins überreicht und dazu gesagt: »Wir trauen dem Frieden hier noch nicht ganz, aber wenn irgendjemand die Grenze noch mal dichtmacht, dann müsst ihr mit dieser Schere den Zaun von eurer Seite aus wegschneiden.«
»Wir hatten uns wieder, das war unglaublich!«
Jürgen Schröder,
seine Familie und ein unverhofftes Wiedersehen auf dem Hamburger Fischmarkt
Noch heute habe ich im Gedächtnis, wie meine Frau versuchte, die Hand meiner Tochter bei der Anfahrt des Zuges bis zum letzten Augenblick in ihrer zu behalten.« Diesen Satz schreibt der Schweriner Jürgen Schröder fast zwanzig Jahre später auf. Am 5. Oktober 1989 sind seine Tochter Christiane und ihr Mann Stephan in das Volkspolizeikreisamt einbestellt worden, ihr Ausreiseantrag sei genehmigt, mit sofortiger Wirkung sei das junge Paar ausgebürgert. Bis 18.00 Uhr desselben Tages habe es die DDR zu verlassen. Auf dem Schweriner Hauptbahnhof trennt die Familie sich an diesem Oktobertag und muss 1989 annehmen, dass Jürgen Schröder, seine Frau Helga und ihr Sohn Axel die Tochter Christiane ewig nicht wiedersehen dürfen, mindestens 10 Jahre lang nicht, glauben sie damals. Dass sie an diesem Abend nicht allein auf dem Bahnsteig sind, dass sie beobachtet werden von der Staatssicherheit, so meint Jürgen Schröder heute, das sei allen klar gewesen. Sie hätten versucht, in dieser Situation, »neudeutsch würde man heute sagen, cool zu bleiben«, aber so recht sei das keinem gelungen. Damals, als die Familie sich auf ungewisse Zeit trennt im Oktober 1989, kann niemand ahnen, dass die Trennung nur 37 Tage währen wird.
Bis zur Ausreise an diesem Oktobertag im Jahr 1989 ist allerhand passiert. 1988 studiert die Tochter Christiane Schröder in Aschersleben am Institut zur Ausbildung von Ökonompädagogen. Sie will damals Berufspädagoge für die berufspraktische Ausbildung von Lehrlingen werden. In Aschersleben trifft sie Stephan Ausborn und verliebt sich. Stephan jedoch sagt ihr, für die Zeit nach seinem Abschluss habe er andere Pläne, denn als Berufspädagoge in der DDR zu arbeiten. Zwanzig Jahre später schmunzelt sie, über diese Art von Plänen konnte man damals nicht überall sprechen. Erst auf einem Spaziergang im Freien fühlt Stephan sich unbeobachtet genug, ihr seine Pläne näherzubringen. Abhauen will er, in den Westen, nicht ausreisen, richtig abhauen. Er will nicht jahrelang auf die Genehmigung eines Ausreiseantrages warten und in der Zwischenzeit alle erdenklichen Schikanen über sich ergehen lassen. Christiane Schröder ist verliebt, für sie steht sofort fest: Ich komme mit. Sie muss damals an eine Familiengeschichte denken, an die Geschichte ihrer Großmutter. Die habe ihr sehr viel erzählt, viel von ihrer Kindheit im Hunsrück. Aus Liebe hatte es sie 1936 in den Norden, nach Hagenow in Mecklenburg, verschlagen. Als dann ihr Vater, Christianes Urgroßvater, gestorben war, durfte sie nicht zur Beerdigung in die Bundesrepublik fahren. Ungeheuer gelitten habe die Großmutter darunter. Diese Geschichte hat sie nicht losgelassen.
Christianes Vater erinnert sich, sein Schwiegersohn in spe habe ihn schon bald in einem Vieraugen-Gespräch in die Pläne des Paares eingeweiht. Zunächst heißt es, die beiden wollten versuchen, im Harz die Grenze zu überwinden. »Das hat meine Frau und mich hochgradig beunruhigt«, erzählt er, »das habe ich ihm auch klipp und klar gesagt, dass das geradezu abenteuerlich ist und tödlich enden kann!« Auch seine Frau Helga erinnert sich, »das war kein gutes Gefühl«, sagt sie, »weil ich ja wusste, wenn die beiden gehen, dann haben wir unsere Tochter verloren.« Die Eltern können aber verstehen, dass die Tochter raus will aus der DDR.
Jürgen Schröder erinnert sich an die Situation im Jahr 1987. Damals erlebt er in einem privaten und vertraulichen Rahmen einen nichtöffentlichen Vortrag eines Professors der Akademie der Wissenschaften über den technischen Entwicklungsstand in der DDR, einen Vortrag, der niederschmetternd gewesen sei und der einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlässt. »Der sagte, wenn wir keine Kinder hätten, dann könnten wir im Grunde genommen unsere Bücher schließen und uns dem Suff ergeben, denn jedwede Entwicklung in den Forschungs- und Entwicklungsbereichen wird oben stranguliert. Die Mikroelektronik ist ein einziger Flopp, und unsere großen Leistungen im Schwermaschinenbau werden von den Japanern so beurteilt, dass sie zwar wirklich schwere Maschinen seien, für den Weltmarkt aber nicht innovativ genug. Was Carl Zeiss Jena angeht, unser Aushängeschild der DDR, da seien die Japaner sehr, sehr viel weiter als wir, und auf den Leipziger Messen würden die Geschäftsverträge mit DDR-Firmen rückläufig sein, extrem rückläufig.« So steht es damals natürlich nicht in den Zeitungen. Aber dass das Land wirtschaftlich am Rande des Niederganges steht, das ist ab Herbst 1987 für jeden spürbar.
Helga Schröder arbeitet damals als Verkäuferin in einer Fleischerei. Es habe Kunden gegeben, die haben im Jahr vielleicht einmal Rouladen abgekriegt, die haben sich schon morgens um fünf Uhr, meist vergeblich, angestellt, um wenigstens einmal ein Stück Filet zu ergattern. Andere Kunden, erinnert sie sich, die haben zwischendurch immer ihr Päckchen Fleisch herausgereicht bekommen. Eine Hand wäscht die andere, »ohne Beziehungen«, sagt sie, »lief da gar nichts«. Extrem sei das gewesen. Die Tochter Christiane meint, als Jugendliche sei die schlechte Versorgungslage kein so großes Thema gewesen. Wenn man Anfang 20 ist, interessiert es einen nicht so sehr, ob es Bananen oder Apfelsinen zu kaufen gibt, vielmehr sei es darum gegangen, schick auszusehen, auszugehen, etwas zu erleben, in die Welt zu reisen, nicht nur in die sozialistische Welt.
Christiane Schröder kellnert damals viel, von dem üppigen Trinkgeld kann sie sich auch mal etwas leisten. Einmal, erinnert sie sich, habe sie sich im Exquisit einen langen, weit schwingenden Lederrock gekauft, 800 Mark habe der damals gekostet, ein kleines Vermögen. Sie grinst, das habe sie ihren Eltern natürlich nicht erzählt. Was sie vermisst habe, das sei allerdings Musik aus dem Westen gewesen. An Schallplatten und Bücher aus dem Westen sei sie nicht herangekommen.
Ihr Studium in Aschersleben empfindet sie damals als »blanke Rotlichtbestrahlung«. Sie erinnert sich daran, wie eine Studentin rausfliegt und ihren Abschluss nicht machen kann, weil sie einen Nachmittag gestaltet und dafür eine Jugendgruppe der evangelischen Kirche in das Institut eingeladen hat. Außerdem, sagt sie, habe man nicht ganz offen reden können. Die Angst, der jeweils andere könne für die Stasi arbeiten, sei oft dagewesen.
Vor dem Studium hat sie erste Erfahrungen mit dem MfS, dem Ministerium für Staatssicherheit, gesammelt. Die gelernte Hotelkauffrau arbeitet übergangsweise im Hotel Stadt Schwerin als »Ausbildungsleiter der Berufsausbildung«. Zwei nette Herren mittleren Alters seien damals in ihr Büro gekommen und hätten sie um ihre inoffizielle Mitarbeit gebeten. Ein Zettel sei ihr vorgelegt worden, den habe sie unterschreiben sollen. Das habe sie nicht getan. Ein anderes Mal, erinnert sie sich, habe ein Cousin ihres Vaters aus Pforzheim die Familie besucht, er hat auch eine Zeit lang in Südafrika gelebt. Damals ist sie begeistert, der Verwandte mit Afrikaerfahrung ist für sie so etwas wie ein Abgesandter aus der großen weiten Welt. Mit dem Besuch aus dem Westen macht Familie Schröder Ausflüge an die Ostsee, nach Warnemünde, nach Wismar. Christiane wird später im Hotel Stadt Schwerin unmissverständlich klargemacht, dass man über diese Ausflüge bestens informiert ist. Furchtbar habe sie das damals gefunden, höchst »unangenehm« sei der Anwerbeversuch für sie gewesen.
Ihr Vater erinnert sich daran, dass er 1972, als er noch im Volkseigenen Rechenbetrieb Binnenhandel in Schwerin arbeitete, in die Kaderabteilung gerufen und ihm ein verlockendes Angebot unterbreitet wurde. Er solle mit seiner Familie als Trainer für die Programmierung und Bedienung von Datenverarbeitungstechnik des Kombinates Robotron ins Ausland gehen dürfen, genauer: nach Mexiko. Da habe man nicht lange überlegt, erzählt er, sofort habe er ja gesagt. Dann hörte er eine Weile nichts mehr von der Angelegenheit, bis er eines Tages zu einem Gespräch gebeten wurde, zu einem Anwerbungsgespräch. Er soll im Ausland für die Stasi arbeiten. Er sei bestürzt gewesen, erinnert er sich, weil er schnell merkt, dass die Stasimitarbeiter in dem Zimmer sehr, sehr viel über ihn wissen. Zum Beispiel habe der hauptamtliche Stasimitarbeiter gewusst, dass im Hause Schröder kein DDR-Fernsehen gesehen, kein DDR-Radio gehört wird. Jürgen Schröder erinnert sich in etwa so an das Gespräch: »Der sagte dann: Sie hören doch nur NDR und sie gucken auch nur das ZDF. Im Übrigen, warum machen Sie Ihrer Frau nicht die Freude und bauen nun endlich mal eine ARD-Antenne auf das Dach? Ihre Frau bekniet sie doch schon laufend. Und ich hab dann darauf geantwortet: Ja, das hätte ich ja längst getan, aber oben auf dem Dach ist kein freier Bügel mehr für eine Antenne. Und so leben wir eben mit dem ZDF. Ich habe versucht, das Ganze ein wenig ins Lächerliche zu ziehen. Das Gespräch wurde dann immer, immer bedrohlicher. Immer wieder kam der Hinweis, es müsse doch eine Ehre sein, als Kundschafter für die DDR zu arbeiten, wenn ich im Ausland wäre. Und als ich dann sagte, das würde ich niemals tun und ich würde auch niemals Spitzel sein, da regte man sich über diesen Begriff Spitzel auf.«
Später weiß Jürgen Schröder nicht, woher er damals den Mut genommen hat. Nach dem ersten fehlgeschlagenen Werbungsversuch soll er sich das Ganze noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Nach zwei Tagen kommt es zu einem zweiten Gespräch. Wieder lehnt er ab, sehr kategorisch, sagt er heute und erinnert sich, »der Abschlusssatz dieses Gespräches war: Schröder, merken sie sich eins, wenn wir wollen, dann lassen wir Sie Steine klopfen. Und ich habe gesagt, da Sie mich ja so gut kennen, müssten Sie eigentlich wissen: Das dauert ungefähr drei Wochen und dann mache ich sehr gute Steine. Damit war das Gespräch beendet. Und ich habe nie wieder etwas von den Herren gehört. Aber von Mexiko habe ich dann auch nichts mehr gehört.«
So hatte der Vater seine Erfahrung mit der Stasi, und Tochter Christiane und ihr Freund Stephan ebenfalls, denn beide hatten sich geweigert, mit der Staatssicherheit zusammenzuarbeiten. Das ist in etwa die Situation 1989, als die Familie erfährt, dass die Tochter und der Schwiegersohn in spe das Land verlassen wollen, koste es, was es wolle. Euphorisch habe sie sich damals im Frühjahr 1989 gefühlt, erinnert sich die Tochter, und gleichzeitig ängstlich, ein innerer Aufruhr sei das gewesen. Ein befreundeter Anwalt aus dem Westen rät dem jungen Liebespaar zu heiraten, damit im Falle einer Festnahme während der Flucht wenigstens beide zusammen aus dem Gefängnis freigekauft werden können. Es wird geheiratet, und die Hochzeit im Frühsommer erfüllt noch einen ganz anderen Zweck.
Am 2. Mai 1989 hat sich ein Schlupfloch aufgetan. Ungarische Grenzsoldaten beginnen an diesem Tag, den Stacheldrahtzaun zwischen Ungarn und Österreich abzubauen. Die ungarische Regierung kündigt an, fortan nicht mehr auf Flüchtlinge schießen zu lassen. Der Plan des Hochzeitspaares ist es, über Ungarn in den Westen zu kommen. Christiane Schröder und ihr Stephan gehen davon aus, dass eine Hochzeitsreise die beste Gelegenheit ist, ihren Plan umzusetzen, schließlich bekommt längst nicht jeder ein Visum für eine Ungarn-Reise.
Zur Hochzeit schenkt der Bruder des Bräutigams ein schweres, symbolisches Präsent, einen riesigen Seitenschneider. Er sieht ungefähr so aus wie das Gerät, mit dem die ungarischen Grenzer im Mai damit begonnen haben, den eisernen Vorhang durchzuschneiden. Alles wird vorbereitet. Öfters setzen sich die Eltern mit ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn ins Auto und fahren raus ins Grüne, zwischen dem Rauschen der Bäume und Vogelgezwitscher wird dann bei Spaziergängen geplant, was zu planen ist. Beispielsweise werden Zeugnisse und Westgeld kleingefaltet und in Hosen- und Rocksäume eingenäht.
Im Juli geht es los. Die Eltern verabschieden die Kinder zur Hochzeitsreise nach Ungarn und wissen, es wird wahrscheinlich ein Abschied auf lange Zeit. Sie irren.
Wie viele andere DDR-Bürger haben damals die Schröders das Grenzregime der Ungarn unterschätzt. Auch wenn die Grenzsperranlagen nach und nach abgebaut werden, bleibt die sogenannte grüne Grenze nach wie vor bewacht. Wie oft sie es versucht haben, von Ungarn nach Österreich zu kommen? Heute weiß die Tochter es gar nicht mehr so genau, dreimal, viermal, vielleicht sogar fünfmal. »Vielleicht haben wir uns auch ziemlich dämlich angestellt«, sagt sie rückblickend, es hat jedenfalls nicht geklappt. Zwischendurch sucht das Paar Zuflucht in der bundesdeutschen Botschaft in Budapest. Dort campieren im Sommer 1989 zunächst rund 200 DDR-Bürger. Aber der Arm der Stasi reicht auch bis hierhin, das Paar wird wiederholt fotografiert, fühlt sich beobachtet. Die beiden versuchen noch einmal, über die Grenze zu entkommen, werden aber im Wald von Grenzsoldaten erwischt. Einen ganzen Tag lang verbringen die beiden auf einer Wache. Ihnen wird erklärt, dass sie in Ungarn nicht länger erwünscht sind. Sie geben auf und fahren zurück in die DDR. Enttäuscht und am Ende ihrer Kräfte sei sie damals gewesen, erzählt Christiane, weniger körperlich als vielmehr moralisch. Sie wollte bei den Eltern erst einmal wieder »die Batterien aufladen«. Dann aber erhält ihr Mann einen Musterungsbefehl. Für Jürgen Schröder ist damals klar, dass keine Zeit zu verlieren ist, denn wenn die Musterung zum Wehrdienst in der NVA erst einmal erfolgt ist, dann darf kein Ausreiseantrag mehr gestellt werden. Also packen die Kinder erneut ihre Sachen.
Heimlich und für keinen sichtbar verstauen sie die Taschen im Auto vom Vater und gehen spazieren. Jürgen Schröder sammelt das Paar dann ein und fährt es nach Ludwigslust. Dort setzt er seine Tochter und seinen Schwiegersohn in den Zug, das Ziel der Reise ist diesmal Prag. Es gelingt ihnen, dort die bundesdeutsche Botschaft zu erreichen. Doch sie haben Unglück im Glück. Stephan bekommt furchtbare Schmerzen, er leidet an einer Nierenkolik. In der bundesdeutschen Botschaft verhandeln damals die beiden Anwälte Wolfgang Vogel und Gregor Gysi über das Schicksal der DDR-Flüchtlinge. Die Fernsehbilder von überwiegend jungen DDR-Flüchtlingen, die über den Zaun der Prager Botschaft klettern, gehen im Sommer 1989 um die Welt. Diese Bilder beschädigen das Image der DDR. Die beiden Anwälte versuchen, die Flüchtlinge zum Verlassen der Botschaft zu überreden. Sie sichern den Ausborns und anderen Flüchtlingen zu, dafür zu sorgen, dass sie ausreisen dürfen, unter der Bedingung, dass sie zunächst in die DDR zurückkehren. Das Ehepaar entscheidet sich wohl oder übel, den Unterhändlern zu vertrauen, aber die Angst fährt mit. Zum zweiten Mal kehren sie unverrichteter Dinge heim, der Weg über Ungarn führte nicht raus, der über die Tschechoslowakei zunächst nur wieder an den Ausgangspunkt zurück. Das junge Paar stellt, wie ihnen in der Prager Botschaft aufgetragen wurde, sofort einen Ausreiseantrag. Rechtsanwalt Vogel hat versprochen, er würde ihre baldige Ausreise bewerkstelligen.
Und dann kommt der 5. Oktober 1989, endlich die ersehnte Ausreise, der endgültige Abschied der Familie auf dem Schweriner Hauptbahnhof. Es ist der 46. Geburtstag von Jürgen Schröder, zwei Tage vor dem 40. Jahrestag der DDR und rund vier Wochen vor der ungeahnten Öffnung der Grenze. Und da ist dieses Bild im Kopf von Jürgen Schröder, wie seine Frau so lange wie möglich versucht, die Hand ihrer Tochter festzuhalten. Das Ehepaar erfährt bald, wenngleich auch nur über Umwege, dass die Tochter im Aufnahmelager in Gießen angekommen und nach dem Einbürgerungsverfahren mit ihrem Mann nach Hamburg weitergezogen ist. Die neue Adresse der Tochter: Hamburg-Harburg. Später erfahren sie, dass die Vermieterin der kleinen Wohnung in Harburg den beiden Ex-DDR-Bürgern bei der Besichtigung Verblüffendes eröffnete. »Also«, sagte diese Frau Bruhns, »wenn Sie aus Mecklenburg kommen, dann ist Ihnen die Wohnung fast sicher, und wenn sie dann auch noch aus Schwerin sind, dann ist sie Ihnen ganz sicher.« Christiane und Stephan Ausborn bekommen die Wohnung. Diesen Umstand verdanken sie ausgerechnet ihrer DDR-Herkunft oder vielmehr der Tatsache, dass der geliebte Großvater der Vermieterin einst Bäcker in Schwerin war.
Das junge Ehepaar beginnt im Oktober 1989, sich in Hamburg ein neues Leben aufzubauen. Im rund 100 Kilometer entfernten Schwerin gehen Jürgen und Helga Schröder auf die Straße und demonstrieren für Veränderung. Als am 9. November Politbüromitglied Günter Schabowski in jener berühmten Pressekonferenz, selbst verunsichert, verkündet, ab sofort können Bürger und Bürgerinnen der DDR ausreisen, gibt es für das Ehepaar Schröder nur ein Ziel: Hamburg-Harburg. Gigantisch sei der Ansturm auf die Volkspolizeikreisämter gewesen, erinnert sich Jürgen Schröder, jeder will den Visumstempel für die Ausreise in seinen Pass. Am 12. November setzt er sich mit seiner Frau um 5 Uhr morgens ins Auto, ihr Sohn hat sich bereits einen Tag früher mit Freunden auf den Weg in den Westen gemacht. »Was für ein Gefühl! Zum ersten Mal konnte man ab der Autobahnabfahrt Wittenburg einfach weiterfahren«, erinnert er sich. Ein bedrückendes Gefühl sei es jedoch gewesen, die Grenzübergangsstelle Zarrentin auf der Transitautobahn erstmals zu sehen. »Was für eine Anlage, was für ein Aufwand, was für ein Misstrauen gegen alle, die sie passierten«, meint er. Nach der Abfertigung nähern die Schröders sich dem westdeutschen Grenzübergang Gudow. »Der war viel bescheidener«, fügt er hinzu. Die DDR-Bürger werden einfach freundlich durchgewunken! Welche Überraschung – und dann haben da Hunderte gestanden an der Autobahn und haben gewunken und jeden Trabbi, jedes Auto begrüßt.
Je näher die Schröders Hamburg kommen, desto banger wird ihnen, der Verkehr wird immer dichter, und sie wissen, irgendwann kommt Hamburg, und Hamburg ist groß. Wie um alles in der Welt sollen sie ohne Stadtplan, ohne Orientierung die Wohnung der Tochter in Hamburg-Harburg finden. Wo liegt Harburg überhaupt? An einer Tankstelle lassen sie sich den Weg beschreiben, verpassen aber die Ausfahrt und kommen an das Maschener Autobahnkreuz, das Horster Dreieck. Sie haben Hamburg schon längst hinter sich gelassen, als sie bei Tötensen erneut Hilfe an einer Tankstelle finden. Ein freundlicher Autofahrer fährt voran und zeigt ihnen den Weg zurück nach Harburg. Was für ein Gefühl das war, vor der Tür der Wohnung von Christiane und Stephan zu stehen? Jürgen Schröder kann das auch gut zwanzig Jahre später nicht beschreiben. Doch niemand öffnet, als er damals an der Wohnungstür klingelt. Eine Nachbarin erzählt, der Schwiegersohn sei bei der Arbeit und die Tochter habe am Vortag Besuch aus der DDR bekommen, von ihrem Bruder. Die beiden seien nach Altona zum Fischmarkt gefahren.
Die Familie ist an diesem 12. November 1989 also komplett im Westen, nur dass die Eltern in Harburg stehen und die beiden Kinder irgendwo auf diesem Fischmarkt. Es hilft nichts, die Schröders setzen sich wieder ins Auto, lassen sich den Weg nach Altona erklären und schlagen sich durch. Sie ahnen allerdings nicht, wie viele Menschen an diesem Sonntag den Hamburger Fischmarkt besuchen. Am ersten Wochenende nach der Grenzöffnung ist im Hamburger Hafen rund um die Fischauktionshalle der Teufel los. Jürgen Schröder geht beherzt zu einem Peterwagen der Hamburger Polizei, erzählt die Geschichte seiner Odyssee von Schwerin über die deutsch-deutsche Grenze über Tötensen und Harburg bis zum Fischmarkt und bittet die Polizisten, seine Kinder per Lautsprecher auszurufen. Das ist gegen die Vorschrift, wie könnte es auch anders sein. Augenzwinkernd geben die Beamten den Tipp, es im Fischmarktbüro zu versuchen. Einer der Polizisten begleitet die Schröders in das Büro und legt ein gutes Wort für sie ein. Tatsächlich klappt es, die Kinder werden ausgerufen: »Christiane Ausborn und Axel Schröder werden wegen einer dringenden Familienangelegenheit in das Fischmarktbüro gebeten.«
Keine drei Minuten habe es gedauert, erinnert sich Jürgen Schröder. Seine Tochter erzählt, wie sie mit ihrem Bruder über den Fischmarkt geschlendert ist: »Wir haben uns satt gesehen an den vielen Dingen, an dem Obst, an den Wagen mit Fischbrötchen, und dann kommt plötzlich aus dem Lautsprecher dieser Aufruf und schlagartig kriegt man weiche Knie, einem rutscht das Herz sonst wohin, weil man ja denkt, es muss irgendetwas ganz Schlimmes passiert sein. Wir haben alles stehen und liegen lassen, haben die Beine in die Hand genommen und sind gerannt. Wirklich gerannt!« Jürgen Schröder sieht es noch heute vor sich: »Die Tür ging auf, meine Tochter sah uns, sie sah ihre Mutter und schrie ein langgezogenes: Muttiiiiii! Dann lagen sich die beiden in den Armen ... Es war unbeschreiblich. Ich erinnere auch, wie plötzlich Ruhe in diesem Fischmarktbüro herrschte, wo es sonst ja recht lebhaft zugeht, und es waren dort Mitarbeiter des Fischmarktbüros, die sich die Tränen wischten. Es war wirklich so! Wir hatten uns wieder. Das war unglaublich!« Keiner habe sich seiner Tränen geschämt, setzt Jürgen Schröder noch hinzu, und seine Tochter ergänzt: »Da standen unsere Eltern vor uns, das war irre! Das kann man gar nicht beschreiben, das war ein ganz, ganz großes Gefühl.«
»Wir konnten wieder hin, aber wir hatten nicht das Gefühl, dass wir unsere Heimat wiederbekamen«
Gerd und Marielie Seilkopf,
der Bau der Mauer 1961 und eine Flucht im letzten Augenblick
Das beschauliche Städtchen Aulendorf liegt im Schwäbischen, es ist bei weitem nicht so gut bekannt wie das benachbarte »Spieleparadies« Ravensburg. In Aulendorf sind knapp 10 000 Menschen zu Hause, es lebt sich gut hier, der Bodensee ist nicht einmal eine Autostunde entfernt, an Schönwettertagen geben die gut erkennbaren Alpen dieser Gegend etwas Malerisches. Hier in Aulendorf ist der Osten Deutschlands weit weg, zumindest viel weiter weg als Österreich und die Schweiz. Vom Bau der Mauer hat man hier im August 1961 genauso wenig Notiz genommen wie von ihrem Ende knapp 28 Jahre darauf. Von der Diktatur im Arbeiter-und-Bauern-Staat wissen die Leute hier bestenfalls aus den Geschichtsbüchern. Hier also leben Marie-Elisabeth und Gerd Seilkopf, im Ländle haben sie sich ein Häuschen gebaut. Von ihrer Geschichte wissen in Aulendorf nur gute Freunde und Verwandte des Paares.
Gerd Seilkopf ist promovierter Tierarzt. Mitte der 1960er Jahre bewarb er sich beim Staatlichen Tierärztlichen Untersuchungsamt des Landes Baden-Württemberg in Aulendorf. Dieses Institut wurde 1957 eröffnet, es erwarb sich schnell einen ausgezeichneten Ruf weit über die Grenzen Baden-Württembergs hinaus. Gerd Seilkopfs Bewerbung stieß damals auf Wohlwollen, denn am Institut arbeiteten bereits viele Wissenschaftler aus dem Osten Deutschlands, sie alle waren »Republikflüchtige«. Er fand hier also Menschen, die eine ähnliche Geschichte hatten wie er und seine Frau. Dies ist sie:
Marie-Elisabeth Walter wurde am 1. Mai 1926 in Schwerin geboren, wohlbehütet in ein harmonisches Familienleben hinein, erinnert sie sich. Der Großvater ist Pastor, der Vater Religionslehrer. Marielie, wie sie damals schon gerufen wird, ist die jüngste von drei Töchtern in der Familie. Mecklenburg ist ihre Heimat: die Seen, die Wälder, die Äcker, die nahe Ostsee. Die Familie ist weit verzweigt, viele Onkel und Tanten leben damals in Mecklenburg, seit 1952 gehört der Landstrich zum Bezirk Schwerin, andere Teile zum Bezirk Rostock; im wiedervereinten Deutschland, in der neuen Bundesrepublik, ist aus dieser Gegend der Landkreis Nordwestmecklenburg geworden. Damals, kurz nach dem Krieg, geht die junge Marielie nach Rostock, um sich als Krankengymnastin ausbilden zu lassen. Ab 1948 arbeitet sie in Greifswald. Als einer der Professoren das Angebot bekommt, an die Berliner Charité zu wechseln, fragt er die junge Marie-Elisabeth, ob sie mitwolle. Sie überlegt nicht lange und zieht 1950 in die geteilte Stadt, um in der Krankengymnastik der Chirurgie an der renommierten Charité in Berlin-Mitte, damals im Ostteil der Stadt, zu arbeiten.
Gerd Seilkopf kam am 31. März 1933 in Bernburg als eines von insgesamt sechs Geschwistern zur Welt, zu fünf Jungen gesellte sich ein Mädchen. Die Eltern sind damals Lehrer, die Familie lebt im sachsen-anhaltinischen Güsten ganz in der Nähe von Bernburg. Das Städtchen hat nicht viel zu bieten, eine Siedlung um einen Eisenbahnknotenpunkt, in Güsten wohnen jetzt nicht einmal 4000 Menschen. Heute verbindet Gerd Seilkopf nicht mehr viel mit diesem Ort, einige seiner Brüder leben aber noch dort. 1951 kommt Gerd nach Berlin, er will Tierarzt werden und beginnt, an der Humboldt-Universität zu studieren. Zunächst hat er es auf exotische Tiere abgesehen, erzählt er, Veterinär in einem Zoo, davon habe er damals geträumt. In seiner praktischen Ausbildung führen ihn viele Reisen zwar nicht in die große weite Welt, aber in verschiedene deutsche Tiergärten. Er promoviert über »Fußleiden bei Elefanten«. Tierarzt im Zoo wird er aber nie. Einen Teil seiner Pflichtassistentenzeit verbringt Gerd 1957 in Marielies Heimatstadt Schwerin, ein Vierteljahr lang arbeitet er in der Tierklinik im Stadtteil Neumühle.
Anfang der 1950er Jahre genießt der junge Gerd Seilkopf seine Berliner Zeit: »Wir konnten ja noch ohne große Probleme nach Westberlin rüber, wir gingen ins Kino und verbrachten viel Freizeit dort, das habe ich natürlich voll genutzt.« Von der Diktatur in der DDR habe er damals noch gar nicht so viel mitbekommen, aber bevor er seine Marielie kennenlernt, wird sein Leben von einem einschneidenden Ereignis geprägt: »Der 17. Juni 1953, das war ein umwerfendes Erlebnis«, erinnert er sich über 56 Jahre später, »man war ja die Pflichtdemonstrationen am 1. Mai gewohnt, und an diesem Tag war es mit einem Male so, als würden große Menschenmassen zusammenkommen ohne Befehl und Anordnung. Wir sind raus und sind da mitmarschiert und wir konnten kaum glauben, was geschah. Als dann aber am Nachmittag die Panzer rollten, das war dann eine richtige Erschütterung.« Der Aufstand wird damals niedergeschlagen, Gerd Seilkopf ist das klirrende Geräusch der Panzerketten bis heute unvergesslich, es sitzt fest in seinem Kopf. Seine Enttäuschung über die Unterdrückung der Bewegung vom 17. Juni ist groß, die Kontrolle und Überwachung an Universitäten und öffentlichen Einrichtungen wird in diesen Tagen, Wochen und Monaten deutlich verstärkt.
Er erinnert sich an eine Studentenversammlung an der Humboldt-Universität wenige Tage nach dem 17. Juni. Auffällig viele Männer in Ledermänteln und Trenchcoats seien da aufgelaufen, das klingt wie in einem schlechten Agentenfilm, aber damals ist allen klar: das sind ohne Zweifel Mitarbeiter des noch jungen Ministeriums für Staatssicherheit. Die Atmosphäre sei zum Schneiden gespannt gewesen, nahezu gespenstisch, erzählt er. Es habe zwar keine Massenverhaftungen gegeben, aber die Versammlung sei aufgelöst worden, nachdem sich ein Professor von den Stasi-Männern den Mund nicht habe verbieten lassen. In den Wochen danach normalisiert sich das Leben zwar wieder, aber der politische Druck wächst.

Fotos: Sigurd Müller, Bundespolizeiabteilung Ratzeburg
Im Oktober 1953 treffen sich Marie-Elisabeth und Gerd erstmals in Berlin-Hoppegarten in einem studentischen Reitclub. Marielie wohnt damals in Berlin-Mitte in der Nähe des »Walter-Ulbricht-Stadions«, das später in »Stadion der Weltjugend« umbenannt wird. In der Habersaathstraße hat sie ein Zimmer. Gerd lebt 1953 in der Nähe, und so fahren sie zusammen regelmäßig im Bus von Hoppegarten nach Hause und lernen sich näher kennen. Später wurde der studentische Reitclub in die im August 1952 gegründete »Gesellschaft für Sport- und Technik« (GST), die paramilitärische Ausbildungsorganisation der DDR, eingegliedert. Was einst nur Reitsport war, wird nun politisch. Für das junge Paar ist das der Grund, den Club zu verlassen.
Ihre Freizeit verbringen die beiden fortan lieber auf einem kleinen Paddelboot, das Marielie kaufen kann, weil sie in den 1950er Jahren regelmäßig nach Westberlin geht, um dort schwarz als Krankengymnastin zu arbeiten und ein paar Westmark zu verdienen. Die beiden lieben sich und ihre Augen strahlen auch heute noch, wenn sie sich an die Stunden auf dem kleinen Boot erinnern, an die Paddeltouren auf der Dahme im Südosten Berlins. Gerd Seilkopf schildert jene Wochen und Monate als glückliche Tage. »Es war eine lebenswerte Zeit«, sagt er. Am 23. April 1957 heiraten die beiden, im Jahr darauf bekommen sie eine Wohnung im Stadtteil Prenzlauer Berg zugewiesen. Diese Wohnung gilt als schwer vermietbar, denn in ihr wohnte zuvor ein Paar, das in den Westen geflohen ist, und nach einer solchen Flucht ist den Wohnungsverwaltungen des Arbeiter-und-Bauern-Staates damals nicht klar, wer denn nun für die anfallende Renovierung zuständig ist. Gerd renoviert die Räume selbst und schafft für seine junge Familie ein erstes gemeinsames Zuhause. Das brauchen sie auch, denn im März 1959 bringt Marie-Elisabeth ihren ersten Sohn zur Welt. Sie geben ihm den Namen Sven.
Die glücklichen Berliner Tage vergehen Ende der 1950er Jahre. Gerd Seilkopfs vom Staat vorgegebenes Betätigungsfeld liegt im Nordwesten Berlins, in der brandenburgischen Kleinstadt Kremmen. Dort soll er in der Staatspraxis als Landtierarzt arbeiten, ihm wird in den Ställen der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) seine berufliche Perspektive vorgezeichnet. Ein Leben in Kremmen kann Marielie sich nicht vorstellen, Gerd glaubt auch heute noch: Einen Umzug in die Provinz, nach Kremmen, hätte die Ehe gewiss nicht überstanden. Gerd weiß auch, als Landtierarzt im Staatsdienst sei er nicht umhingekommen, der SED beizutreten. Immerhin bekommt er als Landtierarzt einen Dienstwagen, einen blauen Trabant, zugewiesen, so kann er regelmäßig nach Berlin zu seiner Familie pendeln.
In Kremmen gibt es nach der Zwangskollektivierung in der Landwirtschaft eine LPG mit einem großen Rinderbestand. Die Bauern der LPG erfüllen alle Planvorgaben, sie bauen Ställe für hunderte Rinder und setzen alles so um, wie es ihnen staatlich verordnet wird. Abweichungen werden nicht geduldet. Aber die Planung für die Rinderhaltung weist erhebliche Mängel auf, für den großen Tierbestand ist nicht ausreichend Futter vorhanden, die Erhöhung der Futterproduktion wird schlichtweg vergessen oder zumindest vernachlässigt. Im Februar und im März 1961 verenden die Rinder in Kremmen reihenweise. Eine katastrophale Situation, die Gerd Seilkopf so beschreibt: »Die Abdeckereien haben es nicht mehr geschafft, die Kadaver zu verbrennen, man hat schon angefangen, Gruben auszuheben, um die toten Rinder zu verscharren.« Was tun? Die Planvorschriften sind bindend, niemand traut sich, die Fehlentwicklung zu benennen, es sei furchtbar gewesen, die Tiere verenden entkräftet. Der Vorsitzende der LPG wird für die Verluste verantwortlich gemacht und verhaftet. Für Gerd Seilkopf ist klar: Früher oder später wird man auch ihn zur Verantwortung ziehen, als Tierarzt ist er schließlich für diese LPG und die Tiere verantwortlich, auch wenn er angesichts der Fehlplanung nichts ausrichten kann. Täglich rechnet er mit seiner Verhaftung, die Wochen vergehen, nichts passiert. Der junge Tierarzt bleibt erst einmal unbehelligt. Die Seilkopfs erinnern sich an das Frühjahr 1961 als eine Zeit voller Angst. Marielie wird das Gefühl nicht los, beobachtet zu werden. In jenen Tagen ist sie zum zweiten Mal schwanger.
Die Gerüchte über eine bevorstehende Schließung der Grenze wollen damals nicht verstummen. So recht können die beiden sich aber nicht vorstellen, dass es so weit kommen kann. Bis zum 13. August 1961: Um 8 Uhr morgens tritt Gerd Seilkopf auf die Straße, er verlässt die Wohnung mit dem zweijährigen Sven auf den Schultern, um zum Milchgeschäft zu gehen. Am Laden angelangt wundert er sich, dass die Kunden vor dem Geschäft stehen und ziemlich aufgeregt diskutieren. »Was macht ihr denn so ein Gesicht bei so einem schönen Wetter«, witzelt er noch. Die Entgegnung kann überraschender nicht sein: Ob er denn noch nicht mitbekommen hätte, dass Westberlin abgeriegelt worden sei? Er denkt bei sich, dass die doch wohl spinnen würden, aber die Menschen vor dem Geschäft versichern ihm, dass in den Stunden zuvor Stacheldrahtrollen gelegt worden seien.
Zu Hause angelangt, fragt Marielie den entsetzt dreinblickenden Gerd, was denn los sei. Er fordert sie auf, das Radio anzumachen, »die haben Westberlin dichtgemacht«. In Marie-Elisabeth steigt die Angst auf, sie erfasst die Situation sofort. Ihnen wird der mögliche Fluchtweg versperrt. Nur wenige Tage zuvor hat der »Genosse« Tierarzt von einem Kollegen eine Warnung erhalten: die Ermittlungen in Kremmen wären fast am Ende, warum er überhaupt noch da wäre. Nach wie vor suche man für die Verluste in der LPG Schuldige. Über eine Flucht in den Westen haben Gerd und Marielie längst nachgedacht, beim Kaffee an diesem Augustmorgen brauchen die beiden nicht mehr viel sagen. Es ist klar, wenn sie gehen wollen, dann sofort.
Ein glücklicher Umstand aus Gerds Studentenzeiten kommt ihnen nun zugute. Er hat zu dieser Zeit eine Weile in der Nähe des Treptower Parks gewohnt und weiß daher, dass das Haus Mengerzeile 14 genau auf der Sektorengrenze steht. Die eine Seite des Gebäudes steht in Westberlin, die andere im Osten, zu beiden Seiten gibt es Eingänge. Er weiß: Das ist ihre einzige Möglichkeit zur Flucht nach Westberlin, in letzter Minute. Er bindet sich eine Krawatte um und versteckt darin die Negative der vorsorglich abfotografierten Approbations- und Promotionsurkunden, denn um nicht aufzufallen, will er keine Dokumente mitnehmen. Ihm wird in diesem Moment auch klar, dass er die Wohnung am Prenzlauer Berg nie wieder betreten wird. Er nimmt einen Blumenstrauß mit, zusammen fahren er, die schwangere Marielie und der zweijährige Sven im Tierarzt-Trabbi nach Berlin-Treptow. Den patrouillierenden DDR-Sicherheitskräften sagen sie, dass sie zum Geburtstag eingeladen worden seien, dafür hätten sie extra die Blumen mitgebracht, sie werden nicht aufgehalten, alles geht glatt.
Im Treppenhaus in der Mengerzeile angelangt, steigen sie hinauf bis auf den Dachboden, von dort aus kommen sie unentdeckt in den Westteil des Hauses. Im Hausflur warten sie in einer Nische, bis ein Bewohner die Haustür aufschließt. Das dauert nicht lange. Sie verlassen das Haus westwärts, sie haben es nie wieder betreten, bis heute nicht. Auf den letzten Drücker sind sie ohne große Hindernisse in die Freiheit gelangt, aber Freude über die geglückte Flucht will nicht aufkommen. Marielie und Gerd haben ein furchtbar schlechtes Gewissen, weil sie ihre Familien und Freunde zurückgelassen haben. Sie wissen auch, dass es lange dauern wird, bis sie sie wiedersehen dürfen. Das ist ein hoher Preis, doch Marielie sagt, ihr Mann habe damals jederzeit verhaftet werden können, »ich wollte keinen Mann im Gefängnis!« In der ersten Nacht in Westberlin kommen die Seilkopfs 1961 bei Bekannten unter, bereits am Morgen des 14. August ist Gerd schon so weit, wieder in den Osten zurückkehren zu wollen. Er muss um ein Taschentuch bitten. Schlagartig wird ihm bewusst, dass ihm außer seiner schwangeren Frau, seinem Sohn und den Kleidern auf dem Leib nichts geblieben ist. Für Marie-Elisabeth steht aber fest, dass es kein Zurück mehr geben wird.
Die folgenden Wochen sind ein Geduldsspiel, das Flüchtlingslager in Berlin-Marienfelde ist überfüllt, Marielie und der kleine Sven kommen zunächst bei einer Tante unter, Gerd findet eine Schlafmöglichkeit bei einem entfernten Verwandten der Familie ganz in der Nähe des Auffanglagers. So kann er damals täglich die vielen Formalitäten im Aufnahmeverfahren in Angriff nehmen, eine zermürbende Zeit, wie er sich erinnert. Zwölf unterschiedliche Stationen habe er zu durchlaufen gehabt, er habe Wochen gebraucht für die notwendigen Stempel in den Papieren, in endlosen Schlangen habe er gestanden, bis schließlich alle Formalitäten erledigt sind und ein Termin für den Flug nach Westdeutschland benannt werden kann. Marielie ist bereits hochschwanger, und es sei nicht mehr klar gewesen, ob sie zu diesem Zeitpunkt noch fliegen dürfe. Auf gar keinen Fall will sie ihr zweites Kind in der geteilten Stadt zur Welt bringen, in dieser angespannten politischen Situation zwischen Ost und West. Sie hat Glück und wird doch noch für flugtauglich erklärt, so dass Marielie, Gerd und Sven Mitte September 1961 nach Frankfurt am Main fliegen. Nervenzerreißende Wochen liegen da hinter ihnen.
Mutter und Sohn finden zunächst ein Quartier bei einer Freundin in Idar-Oberstein, Gerd fährt nach Bremerhaven, wo er Arbeit bekommen hat, eine Urlaubsvertretung. Geld muss her, nach der Flucht ist die Familie mittellos. Er bewirbt sich damals als Tierarzt in einem Oldenburger Schlachthof. Marielie bringt indes am 9. November 1961 ihren zweiten Sohn Carsten zur Welt, der Junge erkrankt bald nach der Geburt, er wird nur wenige Monate alt. Marielie und Sven folgen Gerd Seilkopf nach Oldenburg. Marielie erinnert sich noch gut daran, dass sie damals im Oldenburgischen nicht gerade mit offenen Armen empfangen werden. Sie sind Flüchtlinge aus dem Osten, nicht unbedingt jedem willkommen, das spürt sie deutlich. Nach dem Tod des zweiten Kindes wird schließlich 1963 der Sohn Matthias geboren, die Familie hat im Westen aber immer noch nicht richtig Fuß gefasst.
Durch einen zufälligen Kontakt erfährt Gerd von einer freien Stelle in Aulendorf. Im Juli 1964 fängt er im Staatlichen Tierärztlichen Untersuchungsamt an, im Januar 1965 kommt Marielie mit den Kindern nach. Sie erinnert sich genau, dass sie zunächst erschüttert darüber war, wie wenig man im schwäbischen Aulendorf von den Ereignissen knapp vier Jahre zuvor im Osten Deutschlands wusste, ihre eigene Geschichte wurde sogar angezweifelt. Deshalb hat das Ehepaar nie viel erzählt über ihr Leben, bis heute nicht.
Die beiden arbeiten energisch für eine neue Zukunft, Marie-Elisabeth führt als gelernte Krankengymnastin in Aulendorf das Kinderturnen ein, so bekommt sie Kontakt zu den Müttern. So erobert sie für ihre Familie eine soziale Stellung in dem konservativ geprägten Städtchen. Letztlich angekommen sind sie, als Marielie Kirchgemeinderätin wird, das verhilft der Familie aus dem Osten zu mehr Akzeptanz. Gerd spezialisiert sich auf die Geflügelhöfe in der Gegend. Die Bauern haben Vertrauen zu dem Mann, der den schwäbischen Dialekt zwar nicht spricht, der sich aber nicht nur um ihre Tiere kümmert, sondern ihnen auch zuhört, wenn es um ihre persönlichen Probleme geht. Dr. Gerd Seilkopf ist in all den Jahren zu einem angesehenen Mitarbeiter geworden, der seiner Familie einen ansehnlichen Wohlstand erarbeitet.
Die Geschwister und Familienangehörigen, die im »Arbeiter-und-Bauern-Staat« zurückgeblieben sind, haben sich lange Zeit enttäuscht von den beiden gezeigt, aber sie distanzierten sich nicht von ihnen. Noch im August 1961 haben Verwandte wichtige Papiere aus der Wohnung am Prenzlauer Berg geholt, die sie später in den Westen schickten. Gerds ältester Bruder wurde von den DDR-Behörden beauftragt, die beiden zurückzulocken, Straffreiheit und Rückgabe der Wohnung wurden versprochen. Aber Gerd und Marielie misstrauten dem System in Ostdeutschland viel zu sehr, als dass sie auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht hätten. Die Eltern, Brüder und Schwestern im Osten respektierten die Fluchtentscheidung der beiden zunehmend. Das war sehr wichtig für Marielie und Gerd, denn das sehen sie als Grundlage für den heutigen Familienzusammenhalt. Nachdem am 9. September 1964 ein DDR-Ministerratsbeschluss Rentnern wieder Besuchsreisen in die Bundesrepublik ermöglichte, sah Marielie ihre Eltern endlich wieder. Der Kontakt zu den Verwandten im Osten wurde wieder intensiver, nachdem die Seilkopfs in Aulendorf ansässig geworden waren. Er riss auch nie ab in all den Jahren danach. Gerd verdiente in den 1970er und 1980er Jahren gut; je besser es der Familie ging, umso mehr unterstützten sie ihre Angehörigen in der DDR, das sei ungeheuer wichtig für sie gewesen, sagt Marielie. Unzählige Pakete wurden verschickt, und später, als sie selbst wieder in die DDR fahren konnte, hat sie viel mitgenommen, Kleidung, Haushaltsartikel, Lebensmittel.
Gerd und Marielie dachten im Traum nicht daran, dass sie die Vereinigung Deutschlands noch erleben würden. Die deutsche Wirklichkeit war für sie zweigeteilt, sie hatten zwar eine ostdeutsche Geschichte, aber sie waren in der westdeutschen Realität angekommen. Ihre Söhne wuchsen heran, aber ganz klar westlich orientiert, wie Marielie sagt. Beide Jungen leben mit Frauen aus westdeutschen Familien zusammen, das prägt, meint sie. Das Interesse an der ostdeutschen Verwandtschaft hielt sich bei Sven und Matthias auch eher in Grenzen. Gerd und Marielie selbst nehmen für sich in Anspruch, ihre ostdeutsche Identität nie verloren zu haben. Die historischen Ereignisse haben sie so sehr geprägt, dass die Jahrzehnte in Aulendorf ihnen dieses Bewusstsein nicht nehmen konnten. Die turbulenten Tage und Wochen im Herbst 1989 und die Berichte von den Massendemonstrationen in der DDR verfolgt das Ehepaar mit großer Anteilnahme: »Die Bilder von Leipzig waren für mich ungeheuer beeindruckend«, erinnert sich Marielie an die Montagsdemonstrationen in der DDR. »Wir haben hier gelebt, aber unser Herz ist drüben«, so beschreiben die beiden ihre Gefühle. »Für uns war der Fall der Mauer ein Wunder«, sagen sie, »aber wir waren sehr überrascht, wie wenig Anteil die Menschen hier in Aulendorf daran nahmen.« Im gleichen Atemzug verrät Marielie aber auch, dass sie sich 1989 auch Sorgen gemacht habe, wie es den Deutschen gelingen könnte, wieder zueinanderzukommen. Zu sehr hat sie die Unterschiede am eigenen Leib gespürt, damals schon in den 1960er Jahren, als sie lernen musste, zu verstehen, wie die Schwaben in Aulendorf »ticken«. All das ist wieder hochgekommen, 1989, es habe vor allem auch geschmerzt, dass die Seilkopfs nicht so recht gewusst haben, wohin mit ihren Gefühlen. In Aulendorf haben sie niemanden, mit dem sie über ihre Freude, aber auch über ihre Ängste und Befürchtungen sprechen können, niemanden, der all das verstehen könnte.
Doch bald bekommen die Seilkopfs in Aulendorf Besuch von den vielen Verwandten aus Mecklenburg, aus Berlin, die erkämpfte Freiheit wird im wahrsten Sinne des Wortes gelebt. »Es war wunderschön, als unsere Geschwister kamen mit ihren Kindern und den Angeheirateten. Das Haus war immer voll«, erinnert sich Gerd Seilkopf an diese Zeit. Bald kommt auch der Augenblick, in dem Gerd und seine Marielie ohne Hürden in den Osten Deutschlands fahren können. Sie machen sich auf den Weg, wollen zu ihren Wurzeln zurückkehren. Ihren ersten Eindruck von dieser Reise beschreiben sie heute, gut zwanzig Jahre später, so: »Wir konnten wieder hin, was wunderschön war, aber wir hatten nicht mehr das Gefühl, dass wir unsere Heimat wiederbekamen.« Zurückgehen? Nach beinahe drei Jahrzehnten kommt das nicht mehr infrage. Die Söhne sind im Westen, in Schwaben aufgewachsen, die Enkel wissen kaum etwas über die DDR. Ein bisschen betrübt erzählt Marielie, dass in ihrer Familie nie viel über die Geschichte der Ost- und Westdeutschen gesprochen wird, dafür hat sie nur »ihren« Gerd.
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