Kitabı oxu: «Die Saga von Witte Wittenson»

Şrift:

FÜR ERIK UND LEIF

SKALBARD ODINSON

DIE SAGA VON

WITTE WITTESSON

UND ANDERE WIKINGERLEGENDEN


EDITION ROTER DRACHE

1. Auflage März 2017

Copyright © 2016 by Edition Roter Drache

Edition Roter Drache, Haufeld 1, 07407 Remda-Teichel.

email: edition@roterdrache.org; www.roterdrache.org

Buchgestaltung: Eny Tabea Menzel

Titelbild: Fire from the Fens © by Chris Collingwood

Lektorat: Sarah Bräunlich

Gesamtherstellung: Book Press

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018

Alle Rechte der Verbreitung in deutscher Sprache und der Übersetzung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Ton- und Datenträger jeder Art und auszugsweisen Nachdrucks sind vorbehalten.

ISBN 978-3-944180-92-2

INHALT

Cover

Titel

Impressum

1. Die Saga von Gunnar Stierkopf

2. In Vinum Veritas

3. Die Saga von Witte Wittesson

Teil 1: Des Königs neue Mauer

4. Das Thorjan’sche Pferd

5. Igel in der Grube

6. Die Saga von Witte Wittesson

Teil 2: Schnee-Wittes Tochter

7. Tatort Visby

8. Feuerschiff

9. Die Saga von Witte Wittesson

Teil 3: Wiedergänger

10. Das Schicksal der Nornen

11. Wolfsbrut

12. Skrälinge

13. Wahre Weiberhelden

Der Autor

1.
DIE SAGA VON GUNNAR STIERKOPF

Gunnar Thorfasson war der Jarl einer recht ansehnlichen Siedlung in Schonen, die genau an der Stelle gegründet wurde, an der ein breiter Fluss in die mächtige Ostsee mündete.

Jeder Händler der sich auf dem Weg in das dahinter liegende Binnenland begab, musste zwangsläufig bei Gunnar halt machen, und so war der Jarl und seine Siedlung durch viele Winter hinweg zu Reichtum und Einfluss gekommen.

Gunnars größter Schatz, den er hütete wie ein Drache seinen Hort, war allerdings seine Tochter Dotta. Blond wie ein Weizenfeld im Herbst, mit Augen so blau wie ein frischer Frühlingsmorgen, Haut so weiß wie die schneebedeckten Felder im Winter und ein Herz so warm wie ein heißer Sommertag.

Kein Mann konnte sie erblicken ohne sofort ein heißes und inniges Verlangen nach ihr zu verspüren. Selbst viele Stunden später hatten sie noch Dottas liebreizendes Gesicht vor Augen, und so schliefen in keiner anderen Siedlung Midgards so viele Männer am Abend mit einem glücklichen Lächeln auf den Lippen ein wie in dieser – so wie auch in keiner anderen Siedlung so viele Männer im Schlaf von ihren Weibern ermordet wurden.

Dotta allerdings hatte für keinen anderen Mann Augen als für Eskil Vidkuunson, den Sohn eines wohlhabenden Hofbesitzers aus dem Binnenland, der oft in die Siedlung kam, um Vieh zu verkaufen oder andere Waren einzukaufen.

Eskil, nachdem er ihre Blicke bemerkt hatte, fand immer wieder Möglichkeiten, mit ihr ins Gespräch zu kommen, und bald gestanden sie sich ihre Liebe und trafen sich heimlich an stillen versteckten Orten weit weg vom geschäftigen Treiben des Marktplatzes. Immer öfter kamen sie zusammen und schließlich nahm Eskil fast täglich den langen Weg vom Hof seines Vaters zu Gunnars Siedlung in Kauf, um seine Angebetete für einen kurzen Augenblick sehen zu dürfen. Nicht lange und es reifte in Eskil der verständliche Wunsch, Gunnar um die Hand seiner Tochter zu bitten und sie für immer mit auf seinen Hof zu nehmen. Dotta, die wusste, dass ihr Vater anderes im Sinne hatte und sich wünschte, seine Tochter einem mächtigen Mann, vielleicht sogar dem König selbst, zum Weibe zu geben, bat ihn, sich zu gedulden, bis der richtige Zeitpunkt gekommen war – obwohl sie in ihrem Herzen wusste, dass dies wohl nie der Fall sein würde. Und so lag immer ein trauriger Schatten auf ihrem Gesicht, wenn Eskil sie am Abend verließ, um alleine auf seinen Hof zurückzukehren.

Und auch Eskil bemerkte diesen Schatten und schalte sich jede Nacht dafür, seiner Geliebten einen solchen Schmerz zu bereiten. Eines Tages konnte es Eskil nicht mehr länger ertragen und er nahm all seinen Mut zusammen und betrat Gunnars Halle, um sein Ansinnen vorzutragen.

Gunnar und die freien Männer der Siedlung hatten an diesem Abend dem Met und Bier sehr zugesagt und die Halle erzitterte von ihrem grölenden Gelächter über so manch derben Spaß.

Der Jarl, der am leicht erhobenen Kopfende der Halle auf seinem Hochstuhl saß, schien der trinkfesteste unter all seinen Gefährten zu sein und ließ sein Trinkhorn schneller und öfters nachfüllen als jeder andere.

Dennoch ließ sich Eskil nicht beirren und bahnte sich zielstrebig einen Weg zwischen und teilweise über den berauschten Männern hindurch, bis er direkt vor Gunnar stand.

Als der Jarl ihn mit seinen glasigen Augen entdeckte, erhob er sich schwankend von seinem Hochstuhl und brüllte über den Lärm seiner Männer hinweg: „Schweigt, meine Freunde! Seht ihr denn nicht, dass dieser junge Mann den Rat seines Jarls erbitten möchte?!“

„Nun, eigentlich ist es kein Rat, den ich suche“, begann Eskil verlegen, als die Männer zu Ruhe gekommen waren und ihn neugierig anstarrten. „Mein Name ist Eskil, Vidkunn’s Sohn, aus dem Hinterland, und ich bitte dich, gib mir deine Tochter Dotta zur Frau!“

Zuerst blieb Gunnar vor Erstaunen über das Gehörte der Mund offen stehen, doch dann sank er mit einem lauten, schallenden Lachen in seinen Stuhl zurück. „Nun, sag mir eins, Eskil Vidkunnsson“, kam er endlich zu einer Antwort, „ist dein Vater vielleicht ein mächtiger Jarl, oder gar der König selbst, oder ein großartiger und in ganz Midgard bekannter Schmied, dessen Werke sich mit denen der Alben messen können, oder besitzt er zumindest einen Hort voll Gold und Silber, dass du es wagst, mich, Gunnar Thorfasson, um die Hand meiner Tochter zu bitten?“

Mit Stolz erhobenem Haupt und fester Stimme entgegnete Eskil: „Mein Vater nennt sich nicht Jarl, doch ist er Herr seines eigenen Hofes und besitzt ein eigenes Schiff, und er ist auch kein berühmter Schmied, obwohl man mir selbst einiges Geschick in dieser Kunst zugesteht, auch besitzt er nicht viel Gold und Silber, doch ist er reich an Land und Vieh.“

„Also ist er ein Bauer!“, lachte Gunnar auf. „Sag mir, was will der Sohn eines Bauern mit der Tochter eines Jarl? Die Bauern, die ich kenne, kommen nur in meine Siedlung, um Rinder zu kaufen. Hältst du meine Tochter etwa für eine Kuh?“

Lautes Gelächter kam auf, doch Gunnar gebot seinen Männern mit einer schnellen Geste zu schweigen. „Lacht nicht, meine Freunde“, fuhr er fort, „denn wenn er meine Tochter für eine Kuh hält, was bin ich dann? Ein Stier? Nein, einem Stier würde er nicht so mutig entgegentreten. Er hält mich für einen Ochsen! Einen alten, dummen Ochsen!“ Wieder grölten die Männer vor Lachen. Einige hielten sich sogar die Hände mit ausgestreckten Zeigefingern wie Hörner an den Kopf und fingen laut an zu muhen.

„Hör zu, mein Junge“, wandte der Jarl sich wieder an Eskil, und dabei war der Spott in seiner Stimme nicht zu überhören, „solltest du mich eines fernen Tages tatsächlich mit Hörnern auf dem Kopf und einem Schwanz am Arsch durch meine Siedlung laufen sehen wie einen alten Ochsen, so verspreche ich dir bei Odin und Freya und allen Göttern die es hören, am selben Abend noch will ich dir meine Tochter zum Weib geben. Doch bis dahin: Verschwinde aus meinen Augen und lass dich hier nicht mehr blicken!“

Gedemütigt und mit hochrotem Kopf wandte sich Eskil wortlos um und wollte gerade aus Gunnars Halle treten, als der Jarl ihm hinterherrief: „Noch einen guten Rat auf den Weg, mein Junge, Knorri Bergfinsson hat die besten Rinder in der Umgebung, vielleicht willst du ja dort dein Glück bei einer jungen Kuh versuchen!“

Unter dem lauten Gelächter der Männer verließ Eskil die Halle, rannte aus der Siedlung durch die umgrenzenden Wiesen und Wälder und blieb erst wieder stehen, als er den Hof seines Vaters erreichte.

Lange Zeit traute sich Eskil vor Scham nicht mehr zurück in Gunnars Siedlung, doch schließlich siegte die Sehnsucht nach Dotta und er machte sich, verkleidet, sein Gesicht unter einer weiten Kapuze versteckend, auf den Weg.

Auch Dotta, der Gunnar die Geschichte des ungehörigen Freiers in allen Einzelheiten erzählt hatte, grämte sich vor Sehnsucht nach Eskil und sie ging Tag für Tag auf den Markt, um nach dem geliebten Gesicht Ausschau zu halten.

Ihr Herz zersprang beinahe vor Glück, als sich Eskil ihr endlich zu erkennen gab. Doch die gemeinsame Freude wurde bald getrübt, da Eskil ihnen in Erinnerung rief, dass er mit seinem Antrag wohl jegliche Hoffnung auf ein gemeinsames Leben für immer zerstört hatte.

Aber Dotta lächelte mild und nahm seine Hand in die ihre. „Viel Hoffnung bestand nie“, gestand sie ihm. Doch um ihn aufzuheitern, fügte sie hinzu: „In Wirklichkeit ist sie nun sogar größer als je zuvor, da er bei den Göttern geschworen hat, mich dir zur Frau zu geben, sollten ihm Hörner und Schwanz wachsen!“

Zuerst war Eskil ein wenig gekränkt wegen dieses Scherzes, doch dann hellte sich sein Gesicht wieder auf und er begann zu lachen. „Fürwahr, das hat er. Er schwor es vor all seinen Männern und im Namen Allvater Odins und aller Götter!“

„Wieso freust du dich so?“, wollte Dotta verwundert wissen. „Glaubst du etwa, das könnte wirklich geschehen?“

„Wieso nicht?“, entgegnete Eskil geheimnisvoll. „In drei Tagen ist Mitsommer, da geschehen viele wunderbare Dinge.“

„Wunderbare Dinge?“, zweifelte Dotta. „Die halbe Siedlung wird in der Halle meines Vaters sein und feiern bis keiner mehr stehen kann. Mehr ist an Mitsommer noch nie geschehen!“

„Ich weiß“, antwortete Eskil mit breitem Grinsen, „das ist alles, was ich brauche.“

Mehr wollte Eskil Dotta nicht sagen und auch nicht warum sie ihm einen Eisenhelm ihres Vaters besorgen sollte. Dennoch tat sie es bereitwillig und sofort, nachdem Eskil ihn erhalten hatte, machte er sich auf den Weg nach Hause.

Dort angekommen, ging er direkt in den Stall, in dem einige Knechte damit beschäftigt waren, einen am Morgen geschlachteten Ochsen zu verarbeiten. Umgehend schritt er mit seinem Messer zur Tat, dann nahm er seine Beute und ging damit zur Schmiede.

Eskil war ein begabter Schmied und die Arbeit ging ihm leicht von der Hand. Schon am nächsten Tag konnte er sein vollendetes Werk in Händen halten.

Voller Stolz brachte er es am folgenden Tag in die Siedlung und übergab es einer staunenden, und nachdem sie den Plan erkannt hatte, freudig lachenden Dotta. Und noch etwas gab er ihr, was ihr allerdings neben dem Lächeln ein kleines Naserümpfen entlockte. „Das musst du an seinen Gürtel knoten. Hinten“, sagte Eskil mit einem Augenzwinkern.

Dann umarmte er sie und entließ sie in die Halle ihres Vaters, in der sie an diesem Abend, wie immer an Mitsommer, zusammen mit den anderen Frauen, Gunnar und seine Gefährten bewirten musste.

Und wie Dotta es vorausgesagt hatte, tranken der Jarl und seine Gäste wie an jedem Mitsommer zuvor, bis keiner von ihnen mehr stehen konnte. Gunnar selbst, der wie bei jedem großen Fest seine beste Rüstung trug, war als letzter der versammelten Schar auf seinem Hochstuhl sitzend eingeschlafen.

Nachdem sich auch die Frauen zur Ruhe gelegt hatten, blieb nur noch Dotta wach, um Eskils List in die Tat umzusetzen. Leise kramte sie die Sachen hervor, die er ihr gegeben hatte, und schlich sich vorsichtig an ihren Vater heran.

Eskil war in der Zwischenzeit nicht untätig gewesen. Er hatte am menschenleeren Marktplatz in der Nähe des Hafens allerlei trockenes Holz auf einem großen Haufen zusammengetragen.

Das tat er noch, als Dotta zu ihm gelaufen kam, um ihm zu berichten, dass sie ihren Teil des Plans erfüllt hatte.

Nun war es an ihm, die Sache zu beenden.

Er entzündete den Holzstapel und wartete, bis sich die kleine Flamme zu einem weitsichtbaren Feuer vergrößert hatte. Dann lief er zur Alarmglocke und schlug sie unter lauten „Feuer! Feuer!“-Rufen, bis die ersten verschlafenen Gestalten aus ihren Häusern geeilt kamen.

Auch in der Halle des Jarls schreckten die Rufe die Trinker aus dem Schlaf und sofort entstand ein wildes Gedränge, als die Männer zum Tor eilten, sich nach draußen zwängten und in Richtung des Feuerscheins rannten. Als letzter, da er von seinem Hochstuhl aus den weitesten Weg hatte, kam Gunnar aus seine Halle und rannte den anderen hinterher.

„Was hat das zu bedeuten?“, brüllte er, als er sich durch die verwunderte Menge zwang, die vor Eskils Lagerfeuer zum Stehen gekommen war.

Nachdem er sich umgeschaut hatte, stellte er zudem verwundert fest, dass alle, die hier zusammengekommen waren, nun nicht mehr nur das Feuer, sondern dafür umso mehr ihn mit großen Augen anstarrten. Irgendetwas an ihm schien ihre Blicke anzuziehen. Bald zeigten auch einige mit ihren Fingern auf seinen Kopf und offensichtlich auch auf seinen Hintern.

Beunruhigt taste er zuerst nach seinem Hintern. Schnell fand seine Hand etwas Langes, Dünnes, seltsam Weiches, was dort aber ganz und gar nicht hingehörte. Er zog es nach vorne und stellte zu seiner Überraschung fest, dass ihm irgendjemand einen abgetrennten Kuhschwanz an den Gürtel gebunden hatte.

Dann taste er nach seinem Kopf und stellte verwundert fest, dass er wohl seinen Helm trug, der ihm obendrein plötzlich schwerer als sonst vorkam. Langsam nahm er ihn vom Kopf. Als er ihn ansah, traute er seinen Augen nicht. Links und rechts an den Seiten waren mit Eisenringen zwei gewaltige Kuhhörner, wie man sie als Trinkhorn benutzen könnte, an seinen Helm geschmiedet worden.

„Wer in Hels dunklem Reich“, polterte er mit lauter Stimme, „wagt es, mir solche Streiche zu spielen und mich zu verkleiden wie einen alten dummen…!“ Noch bevor er es aussprach, traf ihn die Erinnerung wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

„…Ochsen?“, vollendete Eskil seine Frage und trat mit Stolz erhobenem Haupt vor.

Gunnar schäumte vor Wut: „Dafür wirst du…“

„Deine Tochter heute Abend zur Frau bekommen.“, unterbrach ihn Eskil. „Denn genauso hast du es bei den Göttern geschworen, und jeder hier“, er deutete auf die versammelte Menge, „ist mein Zeuge!“

An seinen Schwur gebunden konnte Gunnar nun nicht mehr anders, als Eskil Dotta zum Weibe zu geben. Doch erst viele Winter später ballte er nicht mehr vor plötzlicher Mordlust die Finger, wenn er seinen Schwiegersohn zu Gesicht bekam.

Den Helm aber behielt er als Warnung, nicht mehr im Rausche auf die Götter zu schwören, und sein Anblick versetzte ihn auch später noch so in Rage, dass er ihn zu jedem Raubzug, den er unternahm, mitnahm und ihn in jedem Kampf aufsetzte, um in seinem Zorn wie ein Berserker unter seine Gegner zu fahren.

Viele, die eine Plünderung überlebten, an der Gunnar Stierkopf teilgenommen hatte, sprachen von den Wikingern später als Teufel, die mit Hörnern und rotglühenden Augen über sie hergefallen waren. Und selbst Jahrhunderte später noch sollte sich im mittlerweile christianisierten Abendland der Irrglaube halten, alle Wikinger hätten Hörner an ihren Helmen befestigt.

2.
IN VINUM VERITAS

Es war im Jahre 870 nach christlicher Zeitrechnung, als der tapfere Mönch Calvinus sein sicheres Kloster im Frankenland verließ, um den heidnischen Nordmännern seinen Glauben zu bringen.

Über Friesland stieß er mit zwei Glaubensbrüdern bis ins Land der Dänen vor und traf dort beizeiten auf die ersten Anhänger des in seinen Augen falschen Glaubens.

Die Gefahr für Leib und Leben verachtend, betraten sie waffenlos die nächst größere Siedlung und verlangten, vor den Dorfobersten geführt zu werden.

Die Nordmänner, denen dieses furchtlose Auftreten sehr zu gefallen schien, brachten sie ohne ihnen ein Leid zuzufügen in die große Halle ihres Jarls.

„Wer bist du und warum verlangtest du, zu mir gebracht zu werden?“, wollte der Jarl, ein blonder Hüne namens Fargrim Aalspießer, von Calvinus wissen.

„Ich bin gekommen, um euch auf den Pfad des wahren Glaubens zu führen!“, antwortete dieser mit ruhiger, fester Stimme.

„Uns zu führen?“, wiederholte Fargrim fragend. „Du siehst nicht so aus, als wolltest du uns als Söldner verdingen, oder sagen wir lieber, du siehst nicht so aus, als könntest du uns bezahlen.“

„Du verstehst mich nicht“, unterbrach ihn Calvinus schnell, und mahnte sich, seine Formulierungen besser zu durchdenken. „Ich will euch den einzig wahren Gott nahebringen, der obersten Macht über alles Leben!“

„Oh, wir verehren Odin bereits sehr, doch auch Thor und Freyr haben ihre Anhänger und unsere Fischer halten es natürlich mit Njörd“, antwortet der Jarl.

Calvinus schüttelte aufgebracht den rasierten Kopf: „Nein! Nicht diese Götzen! Den wahren Gott, den Vater im Himmel, der seinen Sohn Jesus Christus auf die Erde gesandt hat, um uns sein Reich zu verkünden.“

Endlich schien der Hüne zu verstehen: „Ah, du bist Christ! Warum sagst du das denn nicht gleich? Von deiner Sorte haben wir auch einen hier.“ Er wandte sich zu einem der Männer in der Halle: „Arn, hol Helger den Händler her, sicherlich wird er unseren Gast gerne kennen lernen wollen.“

„Es wohnt ein Christ unter euch?“, fragte Calvinus ungläubig. „Also werdet ihr schon bekehrt?“

„Bekehrt?“ Mit diesem Wort konnte Fargrim nichts anfangen.

„Verkündet er euch aus der heiligen Schrift?“, erklärte der Mönch. „Hält er Messen mit euch ab?“

„Oh, nein“, der Jarl schüttelte lachend den Kopf. „Helger ist wohl eher ein scheuer Mensch. Er meidet unsere Gesellschaft und bleibt lieber für sich!“

„Wer will es ihm verdenken“, flüsterte Calvinus zu seinen Begleitern. „Es wird nicht leicht sein, als einziger Christ unter diesen Heiden zu leben!“

„Wahrere Worte wurden in dieser Halle noch nie gesprochen!“

Calvinus drehte sich erschrocken zu dem Mann um, der plötzlich hinter ihm aufgetaucht war und sein Flüstern offenbar gehört hatte.

Noch bevor der Mönch irgendetwas sagen konnte reichte ihm der Neuankömmling aber mit einem freundlichen Lächeln die Hand zum Gruße: „Mein Name ist Helger Hafgerson. Ich bin erfreut, Männer meines Glaubens in diesem ungläubigen Vorhof der Hölle anzutreffen!“

„Ebenso wie ich“, versicherte ihm der Mönch.

„Doch was führt euch hierher?“, wollte der bekehrte Nordmann wissen.

„Ich habe es mir zum Ziel gesetzt“, erklärte Calvinus voller Stolz, „den Heiden des Nordens den wahren Glauben zu verkünden.“

„Da habt ihr euch viel vorgenommen!“, lachte Helger. „Ich habe schon oft versucht, ihnen die heilige Schrift nahe zu bringen, aber glaubt mir, es gab auf diesen ganzen Seiten voller Weisheit und Erhabenheit nur eine Stelle, die ihre Aufmerksamkeit erregt hat. Die Hochzeit von Kanaan, auf der Jesus Wasser in Wein verwandelte. Das war für sie ein wahres Wunder. Alles andere…“ Er zögerte: „Nun, ich wiederhole ihre Worte besser nicht. Sie waren auf jeden Fall nicht besonders angebracht.“

„Das glaube ich euch ungesehen!“, murmelte Calvinus und schaute in die grinsenden Gesichter der Nordmänner. „Aber warte ab, Bruder. Vielleicht kann ich ihnen auf andere Weise klar machen, dass sie sich auf dem falschen Weg befinden.“

„Was schwafelt ihr beiden da?“, unterbrach sie Fargrim. „Wenn ihr über euren schwachen Gott sprechen wollt, dann schert euch aus meiner Halle und sucht euch einen anderen Ort!“

„Schwacher Gott?“, begehrte der Mönch mit donnernde Stimme auf. „Nicht mein Gott ist es, der schwach ist, sondern deine Götzen; und wahrlich, ich werde es dir beweisen!“

Fargrim lachte laut auf und alle anwesenden Heiden folgten seinem Beispiel. „Und wie gedenkst du, das zu tun?“, wollte der Jarl wissen.

„Ich folge dem Beispiel einer meiner Vorgänger!“, verkündete er bedeutungsvoll. „Bonifatius hat viele eurer Verwandten im Süden zum rechten Glauben bekehrt, indem er ihnen die Machtlosigkeit ihrer Götzen vor Augen führte! Ich sah eine gewaltige Esche vor deiner Halle stehen. Ist sie einem deiner Götter geweiht?“

„In der Tat!“, bestätigte Fargrim. „Das ist Odins heiliger Baum! Wieso?“

„Gebt mir eine Axt!“, forderte der Mönch. „Ich werde diesen Baum fällen und ihr werdet sehen, dass mich euer Odin weder daran hindern, noch mich dafür strafen wird!“

Wieder lachte Fargrim auf und diesmal konnte sich auch Helger ein Grinsen nicht verkneifen.

„Das soll dein Beweis sein?“, fragte der Jarl nach, nachdem er wieder zu Atem gekommen war. „Diesen Baum zu schützen ist unsere eherne Pflicht. Wenn wir dir gestatten würden, ihn zu fällen, während wir untätig dabei zusehen, welchen Grund hätte Odin dann noch uns beizustehen? Er würde uns deines schwachen Gottes für würdig halten und nicht einmal uns genug Beachtung für eine Bestrafung geben, geschweige denn dir!“

Helger zog dem verwunderten Mönch am Ärmel seiner Kutte. „Du solltest mehr über die Völker lernen, die du zu bekehren versuchst“, raunte er ihm zu.

„Ich verstehe das nicht. Bei Bonifatius hat es doch gewirkt“, rechtfertigte sich Calvinus.

„Wie dem auch sei“, unterbrach ihn Helger schnell, „Ihr solltet euch ganz schnell was anderes einfallen lassen, bevor…“

„Weißt du, wie man so etwas bei uns regelt?“, fiel ihnen Fargrim ins Wort.

„Zu spät“, seufzte Helger und warf Calvinus einen mitleidigen Blick zu.

„N-nein“, stotterte der Mönch, dem jetzt doch ein wenig beklommen zumute war.

„Unsere Götter gewähren demjenigen von uns, der ihr Wohlgefallen hat, die Feuerprobe zu bestehen“, erklärte der Jarl. „Wenn du uns von der Macht deines Gottes überzeugen willst, so bekommst du nun eine gute Gelegenheit dazu!“

„Die Feuerprobe?“, fragte Calvinus zögernd, während ihm der Angstschweiß langsam den Rücken herabfloss.

„Tyrfin, leg dein Schwert in die Feuerstelle!“, rief Fargrim einen seiner Krieger an, bevor er sich wieder dem Mönch zuwandte. „Es ist ganz einfach. Während das Schwert in der Glut liegt hast du Zeit, um zu deinem Gott zu beten. Wenn es dann rot glüht, wirst du es mit der Hand aus dem Feuer ziehen und zu mir tragen. Wenn dein Gott so mächtig ist, wie du sagst, wird dir dabei sicher kein Leid geschehen. Wenn aber doch, dann werden wir dich zu Odins Ehren, und als Verzeihung, weil wir deinen Worten gelauscht haben, an seiner heiligen Esche aufhängen!“

Zitternd stand Calvinus da und wusste nicht, was er sagen sollte. Der Angstschweiß rann ihm nun in Strömen von der Stirn und seine Zähne klapperten unaufhörlich aufeinander. Wahrscheinlich wäre er noch an Ort und Stelle ohnmächtig geworden, wenn ihm nicht plötzlich Helger zur Rettung gekommen wäre.

„Es ist sehr bedauerlich, Jarl“, sagte er zu Fargrim, während er den zusammen gesackten Calvinus mit den Händen aufrichtete, „aber leider kann unser Gast dieser Aufforderung ebenso wenig nachkommen, wie ihr seinem Wunsch, den Baum fällen zu dürfen.“

„Wieso nicht?“, fragte der Jarl und auch der Mönch schaute erwartungsvoll auf den christlichen Händler.

„Er hat seinem Gott geschworen, niemals eine Waffe zu berühren. Oder was denkt ihr, wieso er sonst unbewaffnet vor dir erschienen ist.“

„Stimmt das?“, wandte sich Fargrim ohne Umschweife an Calvinus.

„Ja“, bestätigte der Mönch nach langem Zögern und hatte nicht einmal gelogen, da er ein solches Gelübde noch schnell gen Himmel schickte, bevor er antwortete.

„Außerdem ist er sicher erschöpft von der langen Reise“, ergänzte Helger. „Gebt ihm eine Nacht Zeit, sich zu erholen. Morgen früh wird er sicher wissen, wie er euch von der Macht Gottes überzeugen kann.“

„Gut!“, stimmte Fargrim zu. „Er und seine Begleiter sollen heute Nacht deine Gäste sein.“

Sofort schob Helger den immer noch bestürzten Mönch und seine beiden Begleiter vor sich her aus der Halle und führte sie zu seiner Hütte.

Erst dort fand Calvinus seine Fassung wieder. Er dankte Helger mit vielen Worten für die Rettung aus höchster Not und schließlich für seine Gastfreundschaft.

„Die Feuerprobe hätte ich nicht bestehen können, denn das Feuer ist das Element des Teufels!“, rechtfertigte er später seine Angst. „Doch dank deiner Hilfe bleibt mir ein wenig Zeit, um einen anderen Weg zu suchen, der uns ans Ziel führt.“

Beinahe die ganze Nacht saß der Mönch wach auf seinem Strohlager und suchte nach diesem Ausweg. Doch erst als die Morgenröte im Osten die Dunkelheit vertrieb, kam ihm ein Gedanke, der vielversprechend zu sein schien. Zufrieden legt er sich zurück und gönnte sich ein wenig Schlaf.

Zur Mittagszeit erwachte er, geweckt von den lauten Gebeten seiner beiden Begleiter. Von Helger war nichts zu sehen. Wahrscheinlich ging der Händler seinem Tagewerk nach. Also weihte er niemanden außer den beiden Mönchen in den Plan ein, doch diese befanden ihn für ebenso aussichtsreich, wie er selbst.

Calvinus ging zu dem Feuer, das seine Mitbrüder entfacht hatten, und zog mit Helgers Schürharken ein paar glühende Stücke Kohle aus dem Feuer und legte sie in eine Holzschüssel. Schnell, und ohne Aufmerksamkeit zu erregen, eilte er mit der Kohle zu der Halle des Jarl und schaute sich davor nach einem geeigneten Ort für seinen Plan um. Er fand ihn in einem dürren Dornbusch, der unweit vom Eingang der großen Halle entfernt einsam auf dem staubigen Platz stand. Er versicherte sich, dass niemand sein Augenmerk auf ihn gerichtet hatte, dann bog er die Zweige zu Seite und schüttete die Schüssel mit der glühenden Kohle vorsichtig unter das Astwerk.

Nun war Eile geboten. Er rannte in die Halle und traf dort zu seiner Erleichterung tatsächlich auf Jarl Fargrim und einige seiner Gefolgsleute. „Wenn ihr die Macht meines Gottes sehen wollt“, rief er mit fester Stimme, „dann kommt heraus vor eure Halle und ich werde sie euch zeigen!“

Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich um und ging würdevoll aus der Halle. Draußen angekommen, kniete er sich mit erhobenen Händen in die Mitte des Platzes und betete so laut, dass es jeder hören konnte, zu seinem Gott.

„Oh, allmächtiger Vater im Himmel! Gewähre deinem gehorsamen Diener die Gnade und sende diesen wilden Heiden ein Zeichen deiner Macht!“

Aus dem Augenwinkel beobachtete er den Busch, doch noch hatten die dürren Äste kein Feuer gefangen.

Er wiederholte sein Gebet ein zweites und schließlich ein drittes Mal, doch nichts geschah.

Er hörte das belustigte Murren der Nordmänner hinter seinem Rücken und erwartet jeden Moment, dass Fargrim den Befehl erteilen würde, ihn an Odins Esche zu hängen, als der Busch endlich Feuer fing.

„Seht das Zeichen!“, rief er aufgeregt und zeigte auf den brennenden Dornbusch. „Seht die Allmacht meines Gottes!“

Triumphierend drehte er sich zu den Nordmännern um, doch zu seiner Enttäuschung zeigte keiner von ihnen auch nur eine Spur von Ehrfurcht oder wenigstens nur Erstaunen.

„Das ist dein Beweis?“, fragte Fargrim enttäuscht. „Ein Busch der Feuer gefangen hat? In der Nähe der Schmiede passiert das dreimal am Tag.“

„Aber versteht ihr denn nicht?“, rief Calvinus beinahe wütend. „Der brennende Dornbusch war ein Zeichen Gottes für das auserwählte Volk!“

„Du verlangst von Odin als Beweis, er solle dich mit einem Blitz spalten, wenn du Hand an seinen Baum legst“, spottete Fargrim, „doch die unglaubliche Macht deines Gottes soll sich uns durch ein brennendes Büschlein zeigen? Jedes Kind wäre mit einem glühenden Span in der Lage dieses Wunder zu wirken. Das ist alles andere als beeindruckend.“

Nach und nach verließen alle den Platz, nur Helger, der von Calvins Ordensbrüdern gefunden und herbeigeholt worden war, blieb da und ging auf den sichtlich niedergeschlagenen Mönch zu.

„Ich hatte es dir gesagt“, sagte er tröstend, „bis auf eines finden sie alle anderen Wunder Gottes belanglos!“

Helger hatte nicht wirklich damit gerechnet, dass seine Worte Calvinus Trost spenden könnten, doch zu seinem Erstaunen hellte sich die Mine des Mönches plötzlich auf. „Das ist es!“, rief er freudig aus und klatschte mehrmals in die Hände. „Danke Freund, du hast mich auf einen großartigen Einfall gebracht.“

„Hab ich das?“

„Ja, in der Tat. Doch für die Umsetzung brauche ich deine Hilfe.“

„Ich helfe gerne, wenn es bewirkt, diese Heiden zu bekehren“, versicherte der Händler.

„Das wird es“, gelobte Calvinus. „Wie weit entfernt ist die nächste christliche Siedlung? Oder noch besser – ein Kloster?“

„Ich treibe Handel mit einigen Christen in Altina, das ist eine friesische Siedlung fünfzig Meilen von hier. Soweit ich weiß, stehen diese auch mit einem Kloster in Verbindung.“

„Ausgezeichnet! Wann kannst du aufbrechen?“

„Aufbrechen?“, fragte der Händler verwirrt. „Wohin? Weswegen?“

„Ich werde dir einen Brief mitgeben, den du dem Vorsteher des Klosters übergeben wirst.“

„Willst du sie zu den Waffen rufen, damit sie dich befreien? Das kann ich nicht zulassen. Diese Menschen hier teilen zwar nicht meinen Glauben, aber mein Blut. Ich werde sie nicht verraten!“

„Das sollst du nicht“, beruhigte ihn Calvinus. „Glaube mir. Der Abt soll dir nur etwas aus dem Besitz der Kirche übereignen, was bei der Bekehrung der Heiden dienlich sein dürfte.“

Helger nickte: „Dann habe ich keine Einwände. Schreib deine Nachricht, wenn ich heute noch aufbreche, bin ich in drei Tagen zurück.“

„Der Segen des Allmächtigen sei mit dir!“

Sofort schrieb Calvinus seine Nachricht nieder und übergab sie dem abreisefertigen Händler. Dann ging er in die Halle des Jarl und wünschte mit Fargrim zu sprechen.

„Nun, Mönch?“, höhnte dieser als er Calvinus sah. „Kommst du, um uns ein neues Wunder deines Gottes zu zeigen? Was ist es diesmal? Ein brennender Baum? Oder vielleicht willst du einen Eimer Wasser weihen und das Feuer im Dornbusch auf wunderbare Weise löschen?“

Alles lachte, doch Calvinus zeigte darüber keinerlei Regung. „Ihr habt meinen Gott verhöhnt“, sagte er mit strafender Stimme. „Das würde euch teuer zu stehen kommen, doch ich habe erkannt, dass es meine Schuld war, und will deshalb ein gutes Wort für euch einlegen. Drei Nächte und drei Tage werde ich zu Gott beten, um euer Seelenheil zu retten, doch am Abend des dritten Tages wird er ein Wunder vollbringen, dass euch eure Götzen vergessen lässt!“

„Das will ich für dich hoffen!“, riet ihm Fargrim mit einem bösen Lächeln. „Sonst wird es dein toter Körper sein, der am Abend des dritten Tages an Odins Esche baumelt.“

„Du selbst wirst diesen Baum fällen wollen, wenn mein Gott sein Wunder gewirkt hat!“, sagte Calvinus spitz, während er aus der Halle ging.

Wie er es gesagt hatte, verbrachte er die nächsten drei Nächte und Tage in Helgers Hütte und betete. Allerdings nicht für das Seelenheil der Nordmänner, sondern für eine sichere und vor allem erfolgreiche Rückkehr des Händlers.

Endlich, am Mittag des letzten Tages vor Ablaufen der Frist, kam Helger mit einer Ochsenkarre in das Dorf gefahren. Calvinus lief sofort zu ihm und begutachtete die Ware. Ihm gefiel was er sah.

„Für was brauchst du sieben Fässer Wein?“, wollte Helger wissen. „Willst du dir die Freiheit erkaufen?“

„Mehr als die Freiheit“, antwortete der Mönch verschwörerisch. „Ich werde ein paar Seelen kaufen.“

„Die Hochzeit von Kanaan?“, fragte der Händler zweifelnd.

„Ganz recht!“, nickte Calvinus. „Ich muss nur noch einen Weg finden, die Fässer unauffällig in die Halle zu bringen, und alle glauben zu lassen, dass es Wasser ist. Mir ist bisher noch keine Möglichkeit eingefallen.“

„Das dürfte ohnehin nicht einfach sein“, meinte Helger nachdenklich. „Wenn man in der Halle Wasser braucht, holt man es direkt vom Brunnen. Wasser in Fässern gibt es nur unten am Fluss!“

„Wieso ausgerechnet am Fluss?“, fragte Calvinus nach. „Dort gibt es doch genug Wasser?“

„Für die Schiffe“, erklärte der Händler. „Wenn sie in See stechen, müssen sie Süßwasser mitnehmen. Rudern macht durstig und Met und Bier machen müde.“

Calvinus dachte kurz nach, dann wandte er sich wieder an Helger.

„Also, wenn ich heute Abend den Jarl auffordern würde, mir sieben Fässer Wasser zu bringen…“

„…dann würde er sie unten am Fluss füllen und in die Halle bringen lassen!“, vollendete der Händler mit einer Geste des Verstehens.

„Dann weißt du, was zu tun ist“, lächelte der Mönch verschwörerisch. „Aber füll noch ein achtes Fass mit Wasser und markiere es mit einem Kreuz.“

Der Händler nickte und fuhr mit seinem beladenen Wagen weiter zu dem am Rande der Siedlung gelegenen Flusshafen, um zu tun, worum Calvinus ihn gebeten hatte.

Der Mönch ging derweil siegessicher und gut gelaunt mit seinen Ordensbrüdern in die Halle des Jarls, wo Fargrim bereits auf ihn wartete.

„Ah, Mönch!“, rief er, als er die drei in seiner Halle bemerkte. „Kommst du zu einem Wunder oder zu deiner eigenen Hinrichtung?“

„Das werden wir sehen“, antwortete Calvinus gelassen und setzte sich mit seinen Begleitern an einen der Tische in der Nähe von Fargrims Hochstuhl. „Der Abend ist noch jung. Lass uns abwarten, welches Wunder mein Herr für euch gewählt hat.“

„Nicht so zuversichtlich, Mönch!“, warnte der Jarl höhnisch lachend. „Hier drinnen gibt es keine Büsche, die zu brennen beginnen könnten!“

Die Halle erbebte vom Lachen der Nordmänner.

„Er wird euch überzeugen. Da bin ich mir sicher!“, gab Calvinus mit gespielter Milde zurück.

„Wenn nicht…“, begann Fargrim.

„Baumele ich an der Esche deines Götzen, ich weiß“, unterbrach ihn der Mönch gelangweilt. „Wenn das so sein sollte, wäre das mein letzter Tag auf Erden. Sicherlich gönnt ihr mir doch einen Schluck Wein als Henkersmahlzeit.“

„Wein?“, Fargrim lachte auf. „Leider haben wir hier keinen Wein. Ihr müsst mit Bier oder Met vorlieb nehmen!“

„Keinen Wein?“, gab sich Calvinus enttäuscht. „Das ist sehr bedauerlich. Christen feiern gerne mit Wein, wisst ihr! Vielleicht hat euch ja Helger schon von der Hochzeit von Kanaan erzählt?“

„In der Tat. Dort soll dein Gott Wasser in Wein verwandelt haben. Wirklich, Mönch, das wäre ein Wunder dem selbst ich mich nicht entziehen könnte.“

„Nun, vielleicht soll das euer Zeichen sein!“, gab Calvinus zu bedenken.

„Das ist leicht zu prüfen. Tyrfinn, geh an den Brunnen und hole uns einen Eimer Wasser!“

„Warte!“, hielt Calvinus ihn auf. „Warum soll man ein so großes Wunder mit nur einem Eimer verschwenden. Hole besser gleich acht Fässer, denn so viele waren es in Kanaan!“

Fargrim schien von dieser Idee begeistert und schickte Tyrfinn zum Fluss, um acht Fässer mit Wasser zu besorgen.

Schneller als erwartet war der Mann mit einem mit acht Fässern beladenen Ochsenkarren zurück. Mit ihm gekommen war auch Helger der Händler, der zufällig am Fluss war um Wasserfässer für seine nächste Reise vorzubereiten. Als er von Calvinus Wunsch hörte, war er gerne bereit, seine acht Fässer für den Mönch herzugeben.

Nachdem die Fässer in die Halle gebracht waren, ging Calvinus scheinbar wahllos auf eines der Fässer zu, achtete aber insgeheim darauf, dass es das von Helger mit einem Kreuz markierte Wasserfass war, und ließ es öffnen. Er füllte eigenhändig ein Trinkhorn und brachte es dem Jarl.

„Trink, Jarl Fargrim Aalspießer“, forderte er ihn auf.

Fargrim nahm einen Schluck und setzte sogleich mit einem bösen Lächeln das Trinkhorn ab. „Wasser!“, rief er laut vernehmbar seinen Gefolgsleuten zu. „Heute Abend bekommt Odin einen Mönch geschenkt!“

„Nicht so schnell!“, unterbrach ihn Calvinus mit gebieterischer Stimme. „Glaubst du etwa, mein Gott verschwendet seine Wunder an wilde Heiden? Nein! Wasser für die Heiden, Wein für die Christen! Schwöre erst bei deiner Ehre, dass du und all deine Gefolgsleute, ohne Ausnahme, euch von euren Götzen lossagen werdet und keinen anderen Gott als den der Christen annehmen werdet!“

Der Jarl lachte laut auf: „Ihr Christen wisst nie, wann ihr aufgeben müsst!“ Er hielt sich die Faust ans Herz und verkündete gespielt feierlich: „Ich, Fargrim Aalspießer, schwöre bei meiner Ehre, wenn das Wasser aus diesen acht Fässern zu Wein wird, werde ich und alle hier anwesenden augenblicklich zu Christen!“

„Die sieben Fässer, die noch geschlossen sind, müssen reichen. Mit dem Wasser des achten werde ich euch noch an Ort und Stelle taufen!“

„Meinetwegen!“, gestand ihm der Jarl immer noch lachend zu.

Calvinus ging zurück und ließ nun eines der anderen Fässer öffnen. Er roch sofort den aromatischen Duft des Weines und füllte mit einem leichten Grinsen das Trinkhorn und reichte es wiederum Fargrim.

Ohne etwas anderes als Wasser zu erwarten, nahm der Jarl einen großen Schluck. Plötzlich riss er die Augen weit auf und setzte hustend und spuckend das Trinkhorn ab. Verstört schaute er zuerst in das Horn, dann zu Calvinus und schließlich zu den gespannt wartenden Männern in der Halle.

„Wein“, sagte er zuerst zögernd und leise, dann lauter und schließlich schrie er es regelrecht heraus, „Wein!“

Sofort eilten die anderen Nordmännern zu den Fässern, um sich selbst von diesem vermeintlichen Wunder zu überzeugen.

„Nun?“, rief Calvinus triumphierend in die Runde und stellte sich neben das Wasserfass. „Wer will der erste sein, den ich im Namen des einzigen, des wahren Gottes taufen soll?“

Fargrim erhob sich von seinem Hochstuhl und rief feierlich: „Bei meiner Ehre gab ich dir mein Wort und bei Od… – bei Gott, ich werde es halten!“

Langsamen Schrittes ging er auf Calvinus zu und kniete sich mit gesenktem Haupt vor ihn.

Ein paar lateinische Worte rezitierend, goss der Mönch dem Jarl ein wenig Wasser auf sein Haupt und nahm ihn in die Gemeinschaft der Christen auf.

Nach und nach taufte er zusammen mit seinen beiden Begleitern alle Männer, Frauen und Kinder der Siedlung.

Fargrim betrachtete dieses Schauspiel Wein trinkend von seinem Hochstuhl aus, als sich Helger der Händler, ebenfalls mit einem gefüllten Trinkhorn, zu ihm gesellte.

„Auf dein Wohl, Bruder“, begrüßte er seinen Jarl und hob sein Trinkhorn zum Gruße.

„Auf deines, Bruder“, entgegnete Fargrim wohlwollend. „Und natürlich auf das des ehrwürdigen Bruder Calvinus, auch wenn er etwas länger gebraucht hat als die anderen.“

„Ich habe mein Bestes getan, um ihn darauf zu stoßen“, entschuldigte sich der Händler. „Aber dafür ist dieser Wein erheblich besser als der letzte!“

„Das ist wahr!“, stimmte Fargrim lachend zu. „Aus Klöstern kommt immer ein ganz besonders guter Tropfen.“

„Wie oft bist du jetzt eigentlich schon getauft worden?“, wollte Helger wissen.

„Das weiß nur Odin!“, lachte der Jarl und nahm einen großen Schluck.

3.
DIE SAGA VON WITTE WITTESSON
TEIL 1: DES KÖNIGS NEUE MAUER

H och im Norden herrschte in einem kleinen Reich der Jarl Harlof Thorlofsson, der aber weithin nur als König Harlof bekannt war. Diesen fremdländischen Titel hatte er sich einst selbst verliehen, um allen zu zeigen, welch weit gereister Mann er einst gewesen war, als er bis an die Küsten Afrikas segelte und sogar Rom und Konstantinopel mit eigenen Augen gesehen hatte.

Doch diese Zeiten lagen weit zurück und nun war er alt und nicht mehr bei bester Gesundheit. Trübsinnig saß er auf seinem Hochstuhl in seiner Hauptstadt Glänoy und beschloss, dass diese Welt ihm nichts mehr zu bieten hatte, weshalb er aus ihr scheiden wollte.

Da er aber den Titel eines Königs angenommen hatte, meinte er sein Reich vererben zu müssen, anstatt wie es Brauch war, dem fähigsten seiner Gefolgsleute zu hinterlassen.

Allerdings hatte ihm seine Frau nur Töchter geboren und keine Söhne, weshalb nun einer seiner drei Schwiegersöhne seine Nachfolge antreten sollte.

Er rief sie zu sich und unterbreitete ihnen seine Absichten.

Während einer von ihnen, nämlich Witte Wittesson, der Mann seiner jüngsten aber schönsten Tochter, den König diese Vorhaben auszureden versuchte, verlangten die beiden anderen, Aki Ivarsson und Gnupi Signundsson, nur zu wissen, auf welchen von ihnen die Wahl gefallen sei.

Der König sagte, dass er sich nicht unter ihnen entscheiden konnte, da Aki der Älteste, Gnupi der Stärkste und Witte der Klügste sei, weshalb er sich entschieden hatte, ihnen eine Aufgabe zu stellen und denjenigen zu wählen, der diese als erster erfüllen würde.

So sollte derjenige, der als erster eine zwei Mann hohe Mauer um die Hauptstadt ziehen konnte, nach ihm König sein.

Sofort eilten Aki und Gnupi zu ihren Gefolgsleuten, um sie zur Arbeit einzuteilen, nur Witte sagte: „Es ist Frühling und die Saat steht bevor. Meine Leute müssen säen und anbauen, sonst hungern sie im Winter. Da ist keine Zeit, eine Mauer zu errichten.“

Und so ließ Witte seine Gefolgsleute auf den Feldern und in den Wäldern ihre gewohnte Arbeit tun, während Akis und Gnupis Felder brach lagen, da ihre Mannen in den Steinbrüchen Steine schlugen und vom ersten Tag an mit der Arbeit an den Mauern beschäftigt waren.

Beide kamen anfangs gut voran, doch beäugten sie sich ständig misstrauisch und voller Neid, und immer wenn es so schien, dass einer einen Vorsprung herausarbeiten konnte, sorgte der andere dafür, dass durch Unfälle und Einstürze die Arbeit des Rivalen wieder ins Stocken geriet.

So lagen sie im Sommer weit hinter ihren Erwartungen zurück, als Harlof kam, um ihre Arbeit zu begutachten.

Als der König sah, dass Witte noch nicht mit dem Mauerbau begonnen hatte, fragte er ihn, wann er den ersten Stein legen wolle, doch dieser antwortete: „Es ist Sommer und meine Leute wollen auf Raubzug fahren wie in jedem Sommer zuvor. Da ist keine Zeit, eine Mauer zu bauen.“

Der König nickte verstehend, bedauerte aber Wittes Entscheidung, denn tief in seinem Herzen wünschte er, dass Witte den Wettstreit für sich entscheiden würde, um seine Nachfolge anzutreten.

So fuhr also Witte mit seinen Männern alsbald auf Raubzug, während Aki und Gnupi weiterhin an ihren Mauern bauten.

Aki trieb seine Arbeiter, in seinem unbändigen Wunsch König zu werden, so hart an, dass viele seiner Unfreien an der Mühsal zerbrachen und starben.

Hatte ihn sein unerbittliches Antreiben zuerst in Führung gebracht, warfen ihn nun diese Verluste wieder herb zurück, so dass Gnupi mit seiner Mauer gleichauf zog.

Um seine Möglichkeiten zu bewahren, lies Aki daraufhin einige von Gnupis Sklaven heimlich vergiften.

So lagen beide gleichauf und dennoch weit hinter ihren Erwartungen zurück als der Herbst die Blätter färbte und König Harlof ein zweites Mal ihr Vorankommen begutachtete.

Witte, der mit reicher Beute von seinem Raubzug zurückgekehrt war, hatte immer noch keinen Stein gelegt und der König fragte ihn, da er den Vorsprung der anderen für einholbar hielt, ob er nicht doch mit dem Mauerbau beginnen wolle. Doch wieder sprach Witte: „Es ist Herbst und meine Leute müssen ernten und Vorräte anlegen, sonst haben sie im Winter nichts zu essen. Da ist keine Zeit für einen Mauerbau.“

Der König verstand und fragte nicht weiter nach.

Und so brachten Wittes Gefolgsleute reiche Ernte ein, während Aki und Gnupi ihre Mannen weiterhin mit dem Mauerbau beschäftigten.

Die Tage wurden kürzer und die ersten Vorboten des Winters machten sich im Königreich bemerkbar, als Aki und Gnupi die Hauptstadt je zu einer Hälfte umzogen hatten und sich nun mit ihren Mauerenden an zwei Stellen gegenüberlagen. Hätte man die beiden Hälften mit ein paar Steinen verbunden, hätte Glänoy bereits jetzt eine starke und wehrhafte Mauer besessen. Doch die Aufgabe des Königs lautete, dass nur derjenige seine Nachfolge antritt, der zuerst mit seiner Mauer die Stadt umschließt, und so stritten nun Aki und Gnupi, wessen Mauer der des anderen weichen sollte. Natürlich wollte keiner der beiden nachgeben und so beschlossen sie, aneinander vorbeizubauen. Der Münzwurf sollte entscheiden, wer Innen und wer Außen weiterbauen musste.

Doch bevor dies geschehen konnte brach der Winter ins Land und es zeichnete sich ab, als solle er besonders hart und lang werden.

Da beschlossen Aki und Gnupi, den Bau den Winter über ruhen zu lassen, und erst im nächsten Frühling fortzusetzen.

Also kauften sie sich am Markt, was immer sie für den Winter brauchten und zogen sich in ihre Hallen zurück.

Ihre Gefolgsleute aber, die seit dem Frühling ununterbrochen an der Mauer gearbeitet hatten und weder Aussaat noch Ernte noch sonstige Vorkehrungen für den Winter getroffen hatten, froren und hungerten bitterlich.

Um Wärme und Essen bettelnd, klopften viele von ihnen an Wittes Tür, von dem sie wussten, dass er im Herbst reiche Ernte eingefahren hatte.

Witte hatte ein Einsehen und ließ sie ein.

Da es aber ungesetzlich war, den Unfreien eines anderen Herren Unterschlupf zu leisten, ging Witte am nächsten Tag zu Aki und Gnupi und bat sie darum, ihm ihre Leute rechtlich zu überlassen, da sie sonst den Winter nicht überleben würden.

Aki und Gnupi, denen solche Wohltätigkeit völlig fremd war, wähnten aber andere Beweggründe hinter Wittes tun, und so antworteten sie:

„Das könnte dir so passen, Schwager. Jetzt nimmst du uns die Arbeiter und im Frühjahr baust du mit ihrer Hilfe deine Mauer, während wir noch auf der Suche nach neuen Kräften sind. Niemals. Lieber lassen wir sie sterben!“

Da wurde Witte zornig und er sagte:

„Bei Odin, verbrecherisch und ehrlos ist euer Tun! Nie hegte ich den Wunsch, König zu werden, doch wäre es eine Schande für Harlofs Reich einen von Euch auf dem Hochstuhl sitzen zu sehen. Vielleicht sollte ich wirklich noch mit meiner Mauer beginnen.

Doch heute bin ich hier, um zu verhindern, dass euretwegen viele gute Menschen sterben. So mache ich euch folgendes Angebot: Ihr überlasst mir in diesem Winter jeden eurer Leute mit Leib und Werk, der in meiner Halle Zuflucht sucht, doch im Frühling sollen sie zu euch zurückkehren und erneut euer Eigen sein.“

Dem willigten die beiden nur allzu gerne ein, denn so mussten sie sich nach dem Winter keine neuen Sklaven suchen. Und sie lachten über ihren Schwager und sein mildes Herz.

Witte aber lies verkünden, dass er jedem, der zu ihm kommen wolle, in seiner Halle Kost und Lager gab. Beinahe alle von Akis und Gnupis Männern folgten diesem Angebot.

Dann sagte er zu ihnen: „Diesen Winter sollt ihr in meiner Halle ein warmes zuhause und ausreichend Nahrung finden, doch wenn der Schnee schmilzt, müsst ihr zurück zu euren Herren.“

Da ging ein großes Seufzen durch Wittes Halle.

„Sie werden uns wieder zum Mauerbau zwingen und wir können weder säen noch ernten“, rief einer.

„Warum wirst du nicht König, Witte Wittesson?“, rief ein anderer. „Denn du bist klüger und gerechter, als beide deine Schwäger zusammen!“

Dem stimmten alle anderen mit lautem Jubel zu.

Auch Wittes Frau, die neben ihm stand und ihm nun zuflüsterte: „Sieh nur diese Menge. Wenn nicht Winter wäre, könntest du mit ihnen im Handumdrehen eine eigene Mauer bauen und tatsächlich König werden. Doch leider kann man auf Schnee keine Steine setzten, denn auf Schnee hält nichts außer Schnee selbst.“

Da lachte Witte aus ganzem Herzen und umarmte und küsste seine verwunderte Frau. Dann wandte er sich wieder an die Menschen in seiner Halle und sprach: „Weise sind die Ratschläge der Frauen, auch wenn sie es selbst nicht ahnen. Mit Leib und Werk machten euch eure Herren mir für diesen Winter zu Eigen, und wenn ihr erlaubt, werde ich es nutzten, um König zu werden.“

Es gab niemanden, der es ihm verweigern wollte.

Dreißig Tage später rief Harlof seine drei Schwiegersöhne zu sich und verkündete öffentlich und voller Stolz, dass Witte Witteson sein Nachfolger sein würde.

„Verrat!“, schrien da Aki und Gnupi. „Du selbst sagtest, dass derjenige König werden soll, dem es zuerst gelingt, eine Mauer um Glänoy zu ziehen!“

Doch der König lächelte mild und nickte bestätigend: „Und genau das habe ich getan.“

„Das ist unmöglich!“, wandte Aki ein. „Niemand baut so schnell eine Mauer!“

„Schon gar nicht im Winter!“, fügte Gnupi hinzu.

„Wenn ihr selbst dem König nicht glaubt“, fiel Witte ihnen ins Wort, „so geht raus und schaut selbst!“

Sofort eilten die beiden hinaus vor die Stadt und erkannten mit ungläubigem Blick eine zwei Mann hohe, weiße, aus Schnee gebaute Mauer, die sich rings um die Stadt zog.

„Das ist keine Mauer!“, riefen sie erbost. „Das ist bloß Schnee. Im Frühling wird nichts mehr davon zu sehen sein!“

Wieder lächelte der alte König und sagte: „Ich gab weder vor, dass die Mauer aus Stein sein soll, noch das sie länger als auch nur einen Tag halten soll. Witte hat die Aufgabe meinen Ansprüchen genügend erfüllt. Ihm soll mein Reich nach meinem Tode gehören.“

Schon im nachfolgendem Frühling verstarb der König und Witte, den jetzt jedermann nur noch „Schnee-Witte“ nannte, trat sein Erbe an.

Aki und Gnupi verließen gedemütigt die Stadt und nur wenige aus ihrem Gefolge zogen mit ihnen.

Ihre beiden Mauerhälften aber lies Witte mit ein paar Steinen verbinden, und so hatte Glänoy auch in den warmen Jahreszeiten eine durchgängige Stadtmauer.

4.
DAS THORJAN’SCHE PFERD

Einar Ormsson, ein dänischer Jarl in Jütland, war niemals ein Mann schneller Entschlüsse. Bei den Zusammenkünften auf dem Thing war er immer der letzte der Jarle, der seine Meinung zu einem Streitfall äußerte. Auch in seiner Halle gab er erst einen Urteilsspruch ab, nachdem er sich gründlich damit beschäftigt hatte. Es wird sogar berichtet, dass er einst einer Hochzeit eines seiner Vasallen erst die Zustimmung gab, als dessen Braut bereits auf dem Kindbette gestorben war.

Einmal wäre beinahe sein gesamtes Gefolge verhungert, weil er sich nicht entscheiden konnte, welches Getreide er im Frühling aussäen lassen sollte.

Sogar sein erstgeborener Sohn soll erst einen Namen erhalten haben, als er bereits laufen konnte. Er nannte ihn schließlich Orm, nach seinem Vater.

Wenn man all diese Geschichten hört, verwundert es auch nicht, dass er sich erst dazu entschließen konnte, seine Schiffe auf Raubzug an ferne Ufer zu schicken, als seine Nachbarn bereits mit reicher Beute und strahlendem Ruhm heimgekehrt waren.

„Orm, mein Junge“, sagte er zu seinem Sohn, als der Herbst bereits die Blätter gelb färbte, „nimm ein paar meiner Schiffe, stelle eine gute Mannschaft zusammen und bring mir Schätze aus fernen Ländern, die unsere Nachbarn vor Neid erblassen lassen.“

Orm, der das genaue Gegenteil zu seinem Vater war, nämlich überaus schnell entschlossen und hitzköpfig, musste dazu nicht lange überredet werden. Schon am Abend desselben Tages hatte er eine schlagkräftige Mannschaft zusammengestellt, mit der er am Morgen des übernächsten Tages in See stach.

Ein Ziel war schnell ausgemacht. Nachdem in den letzten Sommern immer wieder die britannischen Inseln den Wikingern zum Opfer fielen, war allen klar, dass dort nicht mehr viel zu holen war. Dagegen berichteten viele Raubfahrer, dass sie diesen Sommer im Land der Franken und weiter südlich gute Beute gemacht hatten. Besonders den Fluss hinauf, den die Einheimischen Seine nannten, waren allen Anschein nach wahre Schätze zu holen.

Der Wind stand gut und so segelten sie wortwörtlich in Windeseile an den Küsten Sachsens, Frieslands und Asturiens entlang und erreichten ungehindert die Mündung der Seine. Von da an nahmen sie die Ruder zu Hilfe und kämpften sich gegen die Strömung den Fluss hinauf.

Schon bald kam der erste Kirchturm am Horizont in Sicht und die Vorfreude der Männer auf Kampf und Beute führte dazu, dass sie zum Takt der Ruderschläge ihre gefürchteten Kriegsgesänge anstimmten.

Noch bevor die Anwohner des Dorfes die Segel und Drachenköpfe der Langschiffe den Fluss hinaufkommen sahen, hörten sie die rauen Stimmen der Männer und hegten keinen Zweifel daran, wer sie heimzusuchen gedachte.

In wilder Panik flohen sie in die Wälder und ließen all ihr Hab und Gut und oft sogar ihre Kinder und Alten ungeschützt in den Häusern und Höfen zurück.

Zuerst waren Orm und seine Gefährten erzürnt über so viel Feigheit, doch dann beschloss man, das Gute an der Sache zu sehen und in aller Ruhe die Siedlungen zu plündern.

Es dauerte nicht lange, bis sie bemerkten, dass es nicht viel zu holen gab.

Ein paar Hühner, einige rostige Waffen und einen Haufen schmutziger Kleider waren alles, was sie finden konnten. Nicht einmal ein paar minderwertige Münzen ließen sich finden, geschweige denn Gold, Edelsteine oder zumindest kostbare Tücher oder Gewürze.

Thorjan der Weitgereiste, der seinen alten Freund Orm auf diesem Raubzug begleitete, beherrschte die Sprache der Einheimischen am besten und erfuhr von einem der zurückgelassenen Alten den Grund für diese Armut. Alleine in diesem Sommer war die Siedlung schon viermal von verschiedenen dänischen Wikingern geplündert worden.

Enttäuscht stiegen sie zurück auf ihre Schiffe und ruderten weiter flussaufwärts.

Doch in der nächsten Siedlung war ihr Erfolg aus denselben Gründen nicht besser. Wenigstens etwas Vieh fand man, was immerhin eine willkommene Abwechslung des Speiseplans brachte.

Doch da man auch in der dritten und vierten Siedlung, die man überfiel, keine nennenswerte Beute machen konnte und die kälter werdenden Nächte langsam aber sicher den nahenden Winter ankündigten, deutete alles darauf hin, dass dies der erfolgloseste Raubzug aller Zeiten werden könnte.

„Alle werden mich verspotten und über mich lachen!“, klagte Orm seinem Freund Thorjan auf dem ausgestorbenen Marktplatz der fünften und schon viele Male vorher geplünderten Siedlung. „Mein Vater wird zum ersten Mal in seinem Leben nicht lange nachdenken müssen und mich sofort nach unserer Rückkehr verstoßen.“

Thorjan wusste nicht, wie er ihn trösten sollte und war froh, als sie von einem der anderen Wikinger unterbrochen wurden, der seinem Anführer die Gefangenen vorführen wollte. Wie auch in den anderen Siedlungen handelte es sich wieder nur um Alte, Kranke und Kinder.

Wie üblich war es an Thorjan, die Einheimischen in ihrer Sprache zu befragen.

Nach allen Fragen über Gold, Schmuck und sonstigen Wertsachen, die wie zu erwarten keine erfreulichen Ergebnisse brachten, stellte er auch wieder die Frage nach der Häufigkeit der Überfälle in diesem Sommer.

Doch dieses Mal barg die Antwort eine Überraschung.

„Dreimal von euresgleichen“, antwortete einer der Alten, „und einmal von den Männern des Herzogs Herwigs.“

„Euer Herzog überfällt sein eigenes Volk?“, fragte Thorjan verwundert nach.

„Er ist kein wahrer Herzog, sondern nur ein Räuber und Mörder wie ihr!“, entfuhr es dem Mann. „Doch er ist weit und breit der reichste und mächtigste Mann am Ufer der Seine, weil noch keiner von euch Heiden das Kunststück fertig gebracht hat, seine Burg zu plündern!“

„Eine Burg voller Schätze die noch keiner geplündert hat?“

„Vergesst es, Nordmann! Keiner kommt dort ungebeten herein! Und nun schon gar nicht mehr!“

„Was meinst du damit?“, wollte Thorjan wissen,

„Die Ernte ist eingebracht und in der Burg verstaut“, erklärte der Alte. „Nicht mal eine längere Belagerung braucht Herweg zu fürchten.“

„Es gibt keine Mauer, die uns standhalten könnte!“

„Wenn du meinst.“ Der alte Mann hob gleichgültig die Arme. „Ihr könnt ja gerne euer Glück versuchen. Acht Meilen flussaufwärts. Ihr könnt sie nicht verfehlen. Vielleicht gelingt es euch, vielleicht findet ihr einen raschen Tod. Beides würde mich glücklich machen.“

Nachdem Thorjan Orm und den anderen von der ungeplünderten Burg erzählt hatte, fassten sie wieder neuen Mut.

Sofort bestiegen sie die Schiffe und ruderten den Fluss hinauf. Bald sahen sie die Zinnen der Burg über den Wipfeln der am Ufer stehenden Bäume.

„Das ist unser Ziel!“, rief Orm seinen Männern zu. „Ich schwöre bei Odin, dem Schutzherren meiner Sippe, dass ich nicht eher kehrtmachen werde, bis ich diesem Herwig das letzte Körnchen Gold unter dem Fingernagel weggekratzt habe.“

Doch als die Schiffe um die letzte Biegung herum waren und die Burg offen vor ihnen lag, bereute Orm seine leichtfertig dahin gesprochenen Worte, denn die Burg war ganz anders, als er es erwartet hatte. Sie schien wahrlich uneinnehmbar. Statt einfacher Mauern aus übereinander geschichteten behauenen Steinen, waren die Mauern dieser Burg steil zulaufende natürliche Felswände. So massiv und unüberwindlich, dass nicht einmal eine Horde Riesen sie niederzureißen vermocht hätte. Nur in einer kleinen Spalte zwischen den Felsen waren einige Steine gemauert worden, die ein riesiges hölzernes, mit Eisen beschlagenes zweiflügeliges Tor umfassten.

„Bei den Göttern“, fluchte Orm, „das ist keine normale Burg, das ist Hrimthurs Werk. Wie sollen wir dort hinein gelangen?“

„Das Tor steht noch auf!“, rief einer der Männer. „Vielleicht haben sie uns noch nicht bemerkt. Wenn wir uns eilen…“

„Unsinn!“, unterbrach ihn Orm. „Siehst du nicht die Männer auf der Mauer über dem Tor? Sie haben uns genauso gut gesehen, wie wir sie.“

„Doch warum schließen sie das Tor nicht?“, fragte sich Thorjan laut.

„Seht!“, rief ein anderer der Männer und zeigte auf den Waldrand zu ihrer Rechten.

Zwei Reiter und annähernd zehn Männer zu Fuß brachen aus dem Wald hervor und rannten so schnell sie konnten auf das Tor zu.

„Wer ist das?“, fragte einer der Wikinger.

„Mir scheint, sie waren auf der Jagd!“, meinte Orm. „Schneidet ihnen den Weg ab, vielleicht können sie uns noch nützlich sein.“

Sofort setzten sich die Nordmänner in Bewegung.

Natürlich gelang es ihnen nicht, die Reiter einzuholen, doch die Läufer konnten ohne große Mühe vor den Toren abgefangen und eingekesselt werden.

Schnell stellte sich heraus, dass es nur ein paar Jagdhelfer ohne besonderen Wert waren. Hätte man die Reiter erwischt, hätte man wahrlich einen Grund zur Freude gehabt, denn einer davon, so verrieten die Jagdhelfer Thorjan, war der Sohn des Herzogs persönlich gewesen.

„Der hätte uns wenigstens Lösegeld eingebracht“, wetterte Orm, „aber so haben wir gar nichts. Für ihre Jagdhelfer würden sie uns nicht mal ein paar Eier geben.“

„Abwarten!“, unterbrach ihn Thorjan. „Vielleicht sind sie uns doch nützlich. Sie beschrieben ihren Herrn als äußerst hochmütig und eitel!“

„Wie sollte uns das nützen?“, wollte Orm wissen.

„Nun. Ganz einfach…“, lächelte Thorjan und erklärte Orm seinen Plan.

Kurze Zeit später stand der Anführer der Nordmänner allein und in voller Bewaffnung und Rüstung einen Speerwurf weit entfernt vor den Toren der herzoglichen Burg und rief mit fester lauter Stimme nach dem Herzogssohn.

„Was bist du für ein Feigling, dass du vor uns davon reitest und deine Getreuen jämmerlich im Stich lässt?! Wärst du ein Däne, würde dein Vater dich von der höchsten Zinne seiner Burg stoßen und dir angewidert hinterher spucken! Wenn du einen letzten Funken Ehre besäßest, würdest du herauskommen und versuchen, deine Männer in einem ehrlichen Zweikampf gegen mich auszulösen!“

Wie es Thorjan, der zusammen mit den anderen Nordmännern nur einige Schritte entfernt vom Ufer die Begebenheiten aus der Ferne beobachtete, vorausgesagt hatte, öffnete sich kurz darauf das Tor der Burg und einer der Reiter, die vorhin noch vor ihnen geflohen waren, trabte langsam hoch zu Ross daraus hervor und stellte sich Orm gegenüber.

„Ich bin Hermann der Starke, der Sohn des Herzogs. Niemand nennt mich einen Feigling und lebt weiter!“

„Dann steig ab und komm her und kämpfe!“, rief ihm Orm mit seinem Schwert winkend zu.

„Von Mann zu Tier?“, spottete Hermann. „Das bist du wohl kaum wert, Abschaum. Lieber von Tier zu Tier. Mein Pferd soll dich in Fetzten trampeln!“

Und mit ein paar Tritten in die Seite spornte er sein Pferd an und stürmte auf Orm los.

Der Nordmann, der nicht mit einem fairen Kampf gerechnet hatte, wartete den Vorstoß mit kühlem Kopf ab. Erst im letzten Augenblick sprang er vor den todbringenden Hufen zur Seite und stach mit seinem Schwert nach dem Pferd, sodass dessen Bauch durch die Vorwärtsbewegung von vorne bis hinten aufgeschlitzt wurde und es tödlich verletzt wie ein Stein zu Boden sank, wodurch es seinen Reiter einige Fuß weit nach vorne schleuderte. Sofort rannte Orm auf den Herzogssohn zu und hielt ihm sein Schwert an den Hals.

Im Tor der Burg zeigten sich ein paar weitere Reiter, doch noch bevor sie sich zu einem Angriff entschließen konnten, hatten Thorjan und die anderen Wikinger zu Orm aufgeschlossen und die Männer des Herzogs verschwanden wieder hinter das sich schließende Tor.

Als Hermann wieder zu Bewusstsein kam, stand Orm lächelnd über ihm und hielt nach wie vor das Schwert an seinen Hals.

Mit vor Hass funkelnden Augen sah der junge Mann zu dem Dänen auf.

„Was ist los?“, spukte er förmlich vor Orms Füße. „Bring es zu Ende, Bastard!“

„Nicht doch“, entgegnete der Wikinger beinahe sanft. „Du bringst uns sicher ein hübsches Lösegeld!“

„Niemals!“, schrie ihn der junge Mann an und stemmte seinen Oberkörper so ruckartig und heftig in die Höhe, dass ihm Orms Klinge tief in den Hals fuhr.

Langsam rutschte der Körper an der Klinge des überraschten Wikingeranführers wieder hinab und sank tot zu Boden.

„Bei Odin! Was sollte das jetzt?!“, fluchte Orm und schaute Rat suchend in Thorjans Gesicht.

Doch auch dieser konnte nur fassungslos mit den Schultern zucken.

„Vielleicht bezahlen sie auch für den Toten Lösegeld. Sicher wollen sie nicht, dass wir ihn an die Hunde verfüttern, oder so!“, meinte einer der Männer.

„Das Pferd ist auch hin!“, meinte ein anderer. „Schade drum. Sah kräftig aus.“

„Moment mal!“, fand Thorjan endlich seine Sprache zurück. „Das Pferd bringt mich da auf einen Einfall.“

„Ein totes Pferd?“, wunderte sich Orm.

„Genau. Es erinnert mich an eine Geschichte, die ich auf einer meiner Reisen gehört habe“, begann Thorjan zu erzählen. „Sie handelt von einigen Männern, Seefahrer wie wir, die eine Stadt über viele Winter belagerten, aber nicht fähig waren, sie einzunehmen. Die Mauern waren zu hoch und zu dick. Einer der Männer, sein Name war Odisson oder so ähnlich, hatte die Eingebung, ein großes hölzernes Pferd zu bauen. Sie ließen es am Strand zurück, als sie so taten, als würden sie aufgeben und heimwärts segeln. Doch in Wirklichkeit warteten sie nur in der nächsten Bucht, bis die Belagerten das Pferd in ihre Stadt gezogen hatten. Was diese nämlich nicht wussten, war, dass das Pferd innen hohl war und sich einige der Belagerer in seinem Bauch versteckt hatten. Des Nachts schlichen sie heraus und öffneten die Tore für die anderen Männer, die inzwischen zurückgekehrt waren. So fiel die Burg durch eine List.“

Orm schüttelte nur ungläubig mit dem Kopf. „Sehr unwahrscheinlich. Warum sollten sie dieses Pferd in ihre Stadt gezogen haben?“

„Wegen der Götter!“, antwortete Thorjan. „Beide Seiten glaubten an dieselben Götter. Die Belagerten glaubten, die anderen hätten dieses Pferd ihrem Meeresgott gebaut, um für eine sichere Heimreise zu bitten. Sie dachten, wenn sie es in ihre Stadt, genauer gesagt in den Tempel dieses Gottes, ziehen, dann würde die Gunst auf sie übergehen.“

„Warum baut man einem Meeresgott ein Pferd?“, wollte einer der Männer wissen.

„Ihr Meeresgott war auch der Gott der Pferde!“, erklärte Thorjan.

„Ein seltsames Volk“, erwiderte der Kämpfer. „Njörd würde uns für verrückt halten und uns ertränken, wenn wir ihm ein Pferd schnitzen würden!“

Viele Männer stimmten mit lautem Gelächter zu.

„Schluss jetzt!“, unterbrach sie Orm ärgerlich. „Was willst du uns vorschlagen, Thorjan? Das wir in den Wald gehen sollen um ein Holzpferd zu bauen?“

„Nein. Das würden sie bestimmt nicht in ihre Burg ziehen. Im Gegenteil. Es würde mich nicht wundern, wenn sie diese Geschichte auch kennen und den Braten riechen würden.“

„Außerdem sind es Christen“, warf jemand ein. „Die würden bestimmt nichts anfassen, was unseren Göttern geweiht ist.“

„Vielleicht könnten wir uns in ein paar Bierfässern verstecken“, meinte ein anderer grinsend. „Die würden sie bestimmt in ihre Burg holen!“

„Unsinn!“, widersprach Orm. „Diese Saufbolde würden sie sofort anzapfen und uns entdecken.“

„Oder falsch herum aufstellen, sodass man darin ertrinken würde“, wandte Thorjan ein. „Nein. Mir schwebt etwas anderes vor. Ich brauche nur einen mutigen Freiwilligen, der in die Burg eindringen muss.“

„Wenn jemandem der Ruhm gebührt, die Festung alleine zu nehmen, dann mir!“, bestimmte Orm, bevor sich jemand anderes dafür zur Verfügung stellen konnte.

„Nein Orm!“, lehnte Thorjan ab. „Du bist leider zu dick!“

„Zu….. was?“, Orm lief rot an vor Wut.

„Nein, entschuldige“, beeilte sich Thorjan zu berichtigen. „Nicht zu dick, sondern zu groß und zu kräftig!“

„Das war noch nie ein Hindernis!“, wandte Orm immer noch wütend ein.

„Das glaube ich gern, aber was ich suche, ist ein kleiner Mann, mit nicht allzu breit gebauten Schultern!“

„Oh!“, nickte Orm verstehend. „Von dieser Sorte habe ich leider nur einen Mann in meinem Gefolge… Dich!“

„Ich wusste es!“, seufzte Thorjan und rollte mit den Augen. „Also gut. Ich mache es selbst.“

„Und was genau ist jetzt der Plan?“, wollte Orm wissen.

„Hab Geduld mein Freund. Zuerst sollten wir mal den toten Jungen und das Pferd zum Schiff bringen.“

Während einige der Männer die Leichen zum Flussufer trugen, erklärte Thorjan seinem Freund sein Vorhaben. Orm war begeistert und entsetzt gleichzeitig. Allerdings zweifelte er auch ein wenig an der Durchführbarkeit.

„Keine Sorge!“, wandte Thorjan ein. „Alles, was ich brauche, ist ein Ledersack, ein scharfes Messer und ein Schilfrohr!“

Noch am selben Tag setzte man den Plan in die Tat um und bei Sonnenuntergang stand Orm wieder in voller Rüstung vor den Toren der Burg und begehrte mit lauter Stimme den Herzog zu sprechen.

Als Herwig auf der Mauer erschien, grüßte ihn Orm nach alter Sitte mit erhobenem Schwert.

„Was willst du, verfilzter Heide?“, blaffte ihn der alte Mann an.

„Der Herbst geht zu Ende und ich muss heimwärts segeln. Doch du sollst wissen, dass ich im nächsten Sommer wieder kommen werde und dann wird deine Burg fallen.“

„Du bist gekommen, um mir das zu sagen?“, wunderte sich der Herzog.

„Das, und dass ich dir deinen Sohn überlasse!“, er winkte ein paar Männer herbei, die den Toten und sein ebenfalls erschlagenes Pferd vor die Tore der Burg legten.

„Wenn du mich fragst“, höhnte Orm, „solltest du das Pferd ehrenvoller begraben als den Jungen, denn nur mit dem Pferd habe ich gekämpft. Der Feigling hat sich selbst getötet.“

Ohne ein weiteres Wort abzuwarten, drehte sich der Nordmann um und begleitete seine Männer zurück zum Schiff.

Er war noch nicht dort angekommen, als sich die Tore der Burg bereits öffneten und ein Ochsenkarren herausgefahren kam, auf den ein paar Männer den toten Herzogssohn legten. Das tote Pferd wurde mit einem starken Seil an den Karren gebunden und so zurück in die Burg geschleift.

„Was geschieht nun?“, wollte einer der Wikinger wissen, der an Orms Seite lief. „Wenn Thorjan mit den Bräuchen dieser Gegend richtig vertraut ist, wird man den Jungen bald mit seinem Pferd und in voller Rüstung begraben. Allerdings werden sie ihn erst in ihrer Kirche aufbahren, damit sich das Volk von ihm verabschieden kann.“

„Du meinst, er wird nicht verbrannt.“

„Das hoffe ich“, antwortet Orm, „…für Thorjan!“ Das hoffte er natürlich wirklich, dennoch konnte er sich ein derbes Grinsen nicht verkneifen.

Doch den Plan weiter befolgend, gab er den Männern den Befehl, sofort die Schiffe zu besteigen, die Ruderbänke zu bemannen und hinter die nächste Flussbiegung zu rudern.

In der Burg geschah nun genau das, was Thorjan der Weitgereiste vorausgesagt hatte. Hermanns Leiche wurde gesäubert, in seine beste Rüstung gesteckt und in der Kirche vor dem Altar, umgeben von einem Meer aus Kerzen, aufgebahrt.

Das tote Pferd aber ließ man in der Nähe der Stadttore liegen, um es am Morgen zusammen mit seinem Herrn zu beerdigen. Niemandem waren deshalb die Nähte aufgefallen, mit denen der aufgeschlitzte Bauch des Pferdes zugenäht worden war. Und auch das kleine Schilfrohr, das in seiner Brust steckte, hatte niemand bemerkt.

Unbeobachtet lag es regungslos an der Tormauer. Doch als die Nacht in ihrer ganzen Schwärze über das Land hereingebrochen war, kam plötzlich Bewegung in den toten Körper des Streitrosses. Sein Bauch wippte auf und ab als würde es schwer atmen. In einem Ledersack eingenäht hatte sich Thorjan im Bauch des Pferdes versteckt und war so von den Burgbewohnern selbst in ihre Festung getragen worden. Durch ein Schilfrohr atmend, hatte er die Nacht abgewartet und durchtrennte nun mit ein paar gezielten Stichen zuerst den Ledersack und dann die Nähte, die den Pferdebauch zusammenhielten. Wie ein Aal schlängelte er sich aus dem toten Körper und erkundete seine Umgebung. Er konnte sein Glück kaum fassen, als er bemerkte, dass er nur wenige Schritte vom Tor entfernt lag. Im gesamten Innenhof war keine Wache zu sehen. Falls welche aufgestellt waren, dann beschränkten sie sich wohl darauf, auf den Wehrgängen oberhalb des Tores zu stehen und das Feld vor der Burg zu beobachten. Tatsächlich konnte er zwei bewaffnete Männer auf der Mauer erkennen, doch nur einer davon stand mit dem Gesicht zum Fluss auf seinem Posten, während der andere an die Mauer gelehnt dasaß und zu schlafen schien.

Thorjan dankte Odin für diese glückliche Fügung, dann schlich er mit dem Messer zwischen den Zähnen zu der Leiter, die links neben dem Tor stand und kletterte leise hinauf. Langsam pirschte er sich von hinten an den pflichtbewussten Wächter an und zog ihm mit rechts das Messer durch die Kehle, während ihm seine linke Hand den Mund zuhielt. Ohne einen Laut von sich gegeben zu haben, sank der Wächter tot zu Boden.

Dessen schlafenden Gefährten zu töten, war weniger schwierig. Nachdem er auch das erledigt hatte, stieg er die Leiter wieder zurück in den Hof hinunter und öffnete leise das Tor.

Orm hatte seine Männer derweil durch den Wald bis nahe an die Burg geführt und wartete auf das verabredete Zeichen. Als er den Ruf des Waldkauzes endlich hörte, schlichen sie geduckt zum geöffneten Tor, wo sie Thorjan schon erwartete.

Nachdem auch der letzte Wikinger den Innenhof betreten hatte, verkündete Orm mit einem lauten Schlachtruf, dass die Zeit des Versteckens vorüber war.

Brüllend und Äxte schwingend schwärmten die Nordmänner aus und raubten alles, was ihnen begehrlich vorkam, und töteten jeden, der sich ihnen in den Weg stellte.

Orm selbst war es, der in Herwigs Halle vordrang und ihn und seine gesamte Leibgarde eigenhändig erschlug.

Erst als die Sonne im Osten aufging, verließen die Wikinger mit Säcken voller Schmuck, Gold und anderer Wertsachen über ihren Schultern gut gelaunt die Burg und verstauten die reiche Beute auf ihren Schiffen.

Da man Stromabwärts auf die meisten Ruder verzichten konnte, feierten die Wikinger den ganzen Weg die Seine hinab bis in die Nordsee mit dem ebenfalls erbeutetem Wein des Herzogs. Auf der offenen See trug sie der Wind ebenso schnell in die dänische Heimat, wie er sie hergebracht hatte.

„Ein Hoch auf Thorjan Pferdemantel!“, rief Orm ein Trinkspruch aus, nachdem er in der Halle seines Vaters die Geschichte erzählt hatte.

„Nein, Nein!“, wehrte Thorjan lachend ab. „Wie du weißt, war es nicht meine List, sondern die des Odisson. Nennt mich weiterhin den Weitgereisten, dann bin ich zufrieden.“

„Ganz wie du meinst, mein Freund!“, rief Orm und schwenkte sein Trinkhorn. „Doch eins ist gewiss: Noch viele Winter wird man sich in Midgard die Geschichte vom Thorjanischen Pferd erzählen, wenn schon lange keiner mehr von diesem Odisson weiß.“

5.
IGEL IN DER GRUBE

F jörskervik war eine kleine Siedlung am Südufer des Björnesfjords an der Westküste Norwegens. Seine Einwohner widmeten ihr Leben meist dem Fischfang, aber einige auch der Jagd in den dichten, den Fjord umgebenden Wäldern.

Da es seit jeher eine wildreiche Gegend war, brachten die Jäger Tag für Tag reiche Beute nach Hause. Nicht lange und die kleine Siedlung hatte sich einen guten Ruf unter den Pelzhändlern der Küste erworben.

Immer öfter ruderten daher Handelsschiffe durch die schmale Öffnung des Fjordes, um mit den Fjörskervikern Handel zu treiben.

Es kam zwar selten vor, dass zwei Händler zur gleichen Zeit anlegten, wenn aber doch, dann kam es häufig zu heftigen, teils blutigen Streitereien um die Ware.

Besonders die Inglinge, Nachfahren des legendären Ingli des Listigen, waren dafür bekannt, dass sie keinen Rivalen bei Verhandlungen duldeten.

Allerdings waren sie nicht so dumm, diese mit dem Schwert zu beseitigen, denn das hieße, die Blutrache deren Verwandten und Freunde auf sich zu ziehen. Sie vertrauten, wie schon ihr Ahnherr, lieber auf ihren Listenreichtum.

Eines Tages im Sommer trafen zwei der Inglinge, nämlich Ivar und Igerd, die Söhne des Ismund Inglisson, in Fjörskervik ein und bemerkten zu ihrem Leidwesen, dass bereits einen Tag zuvor Vestar Sturmherr, ein bekannter Händler aus Maere, eingetroffen war und die besten Pelze bereits gekauft hatte.

Zunächst zeigten sich die Brüder, die sich glichen wie ein Ei dem anderen, davon scheinbar unbeeindruckt und stießen sogar mit Vestar in der Halle des Jarls von Fjörskervik auf seinen guten Handel an. Doch im weiteren Verlauf des Abends reizten sie ihn immer mehr mit kleinen Andeutungen darüber, dass er zwar ein guter Händler sei, aber es an Kraft und Mut nicht mit den Inglingen aufnehmen könnte.

Nicht lange und Vestar geriet darüber so in Zorn, dass er die Brüder anschrie, es in jeder erdenklichen Art und Weise mit ihnen aufnehmen zu können.

Das hörte man in der Halle gern, denn eine solche Herausforderung verhieß einen ansehnlichen Wettkampf und bald drängten sich alle um die streitenden Männer, um zu hören, auf welche Art und Weise man sich messen wollte.

„Nun, Vestar“, sagte Ivar, „wie wäre es mit einem kleinen Wettschwimmen. Von hier bis zum gegenüberliegenden Fjordufer misst es fast eine viertel Meile. Das scheint mir eine angemessene Strecke zu sein, um herauszufinden, wer von uns der bessere ist.“

„Jederzeit!“, lachte Vestar auf. „In ganz Maere gibt es keinen besseren Schwimmer als mich!“

„Dann soll es so sein!“, verkündete Ivar feierlich.

„Nein. Das ist nicht sehr anständig von dir, Bruder!“, mischte sich Igerd ein. „Niemand kann es mit dir im Schwimmen aufnehmen. Du hättest das andere Ufer erreicht, bevor der beste Schwimmer Maeres auch nur die Hälfte geschafft hätte.“

„Mein Bruder hat Recht!“ stimmte Ivar zu „Vielleicht sollten wir es wirklich ein klein wenig gerechter machten. Ich schlage dir folgendes vor, Vestar. Du schwimmst die viertel Meile durch den Fjord, während ich einmal am Ufer entlang um den Fjord herumlaufe.“

Ein Raunen ging durch die Halle.

„Soll das dein Ernst sein?“, wollte Vestar wissen. „Das muss über eine Meile sein.“

„Wie gesagt“, bestätigte Ivar, „es würde die Sache ein klein wenig gerechter machen.“

„Du Großmaul!“, fuhr ihn Vestar an. „Das kannst du niemals schaffen!“

„Das werde ich schaffen!“, versicherte Ivar. „Zweimal sogar. Ich werde am andern Ufer auf dich warten und laufe dann den gleichen Weg noch einmal zurück, bevor du zurück geschwommen bist!“

„Bei Odin!“, lachte Vestar auf. „Diese Wette nehme ich gerne an.“

„Wirklich?“, hakte Ivar nach. „Selbst, wenn es um einen hohen Einsatz geht? Sagen wir dein Schiff gegen meins?“

Wieder lachte Vestar laut auf. „Du musst betrunkener sein, als du aussiehst! Aber egal. So soll es sein. Mein Schiff gegen das deine. Alle hier sind meine Zeugen!“

Am nächsten Morgen war die ganze Siedlung am Ufer versammelt.

Der Jarl von Fjörskervik war zum Schiedsrichter erklärt worden und gab, nachdem beide Wettkämpfer ihm versichert hatten, dass sie bereit sind, das Signal zum Start.

Von seiner Mannschaft lautstark angefeuert, stürzte sich Vestar in das am Morgen noch kalte Wasser des Fjords und schwamm auf das gegenüberliegende Ufer zu, während Ivar seinen langen Weg am Ufer entlang rannte und bald im Wald und somit aus den Augen der Zuschauer verschwand.

Vestar, der wirklich ein herausragender Schwimmer war, erreichte schon bald mit großen Zügen das gegenüberliegende Ufer und schritt an Land.

Von seinem Gegner war erwartungsgemäß noch nichts zu sehen und so drehte er sich zu der am gegenüber liegenden Ufer stehenden Menge um und winkte ihn siegessicher zu. Zu seiner Verwunderung entgegneten vor allem seine eigenen Gefolgsleute den Gruß nicht mit der angemessenen Begeisterung, sondern zeigten in aufgeregten Gesten auf einen Punkt links neben ihn.

Ahnend, was er zu sehen bekommen würde, drehte er sich um und sah tatsächlich eine bekannte Gestallt aus dem Wald hervortreten.

„Ivar!“, entwich es ihm wie ein Fluch.

Ohne etwas zu entgegnen oder auch nur in Vestars Richtung zu schauen, drehte sich der Ingling um und begann, den langen Weg zurück zu rennen.

„Bei Hel, wie kann das sein?“, rief ihm Vestar ungläubig hinterher, bevor er die ganze Tragweite des eben erlebten begriff und sich schnell wieder zum Fjord umwandte und in das Wasser rannte.

Hatte er sich bei der ersten Durchquerung, seines Sieges gewiss, noch verhältnismäßig viel Zeit gelassen, so ging er nun an die Grenze der Belastbarkeit und sein Herz raste wie wild in seiner Brust.

Noch immer konnte er nicht begreifen, wieso sein Gegner diese lange Strecke so schnell zurücklegen konnte. Er muss gerannt sein, als wäre die wilde Jagd hinter ihm her. Diese Leistung könnte er unmöglich ein zweites Mal schaffen. Dieser Gedanke beruhigte ihn ein wenig, aber trotzdem nahm er seine Geschwindigkeit nicht zurück.

Er war dem Hafen der Siedlung schon sehr nahe als ihm die Anfeuerungsrufe seiner Mannschaft noch laut in den Ohren schallte, doch nur einen Augenblick später, als er triefend nass aus dem Wasser stieg, waren seine Leute verstummt und schauten ihn mit betroffenen Gesichtern an.

Ivars Männer dagegen jubelten lautstark und klopften ihrem Anführer, der tatsächlich einen Wimpernschlag vor Vestar angekommen war, und somit das Rennen gewonnen hatte, anerkennend auf die Schulter und wollten ihn schließlich unter den bewundernd staunenden Blicken der Einheimischen in die Halle des Jarls tragen, um ihren Sieg und ihr neues Schiff zu feiern.

Doch noch bevor sie dort ankamen, holte sie ein vor Wut schäumender Vestar ein und stellte sich ihnen in den Weg.

„Sprich, Ingling“, schrie er ihn an, „mit welcher List hast du betrogen? Kein Mensch kann so schnell rennen!“

„Wie ich sehe bist du ein schlechter Verlierer, Vestar!“, antwortete ihm Ivar voller Hohn. „Wenn du einen Beweis für einen Betrug hast, bin ich neugierig darauf, ihn zu hören. Ansonsten verlange ich, dass du mir meinen Preis bis zum Morgen des nächsten Tages übergeben hast.“

„Ich werde dir schon auf die Schliche kommen!“, schwor Vestar drohend und ging zurück zum Ufer, wo er sich nahe ans Wasser setzte und nachdenklich über den Fjord schaute. So sehr er auch darüber grübelte, er fand keine List, die den unglaublichen Sieg des Ingling erklären konnte.

Spät am Mittag saß er immer noch dort und schaute trübsinnig auf das Schiff, das er verloren hatte, als der Jarl der Siedlung zu ihm kam und ihm tröstend auf die Schulter klopfte.

„Gräm dich nicht zu sehr, mein Junge, wenn ich in deinem Alter gewesen wäre, hätte ich diese Wette auch ohne Zögern angenommen. Niemand konnte ahnen, das Ivar ein solch herausragender Läufer ist.“

„Niemand läuft so schnell!“, zischte Vestar durch seine vor Wut zusammengebissenen Zähne.

„Das dachte ich heute Morgen auch noch“, entgegnete der Jarl mit sanftem Lächeln. „Schon als er kurz nach dir am anderen Ufer aufgetaucht ist, wollte ich meinen Augen nicht trauen. Ich wollte Igerd fragen, ob sein Bruder schon immer ein solch schneller Läufer gewesen ist, doch leider konnte ich ihn nirgends entdecken. Sicherlich hatte auch er nicht daran geglaubt, dass sein Bruder gewinnen könnte und hat sich den Wettkampf nicht einmal angeschaut. Doch jetzt, da Ivar gewonnen hat, feiert er ausgelassen mit ihm in meiner Halle.“

Vestar horchte auf. „Sein Bruder war nicht am Ufer?“, wollte er noch einmal hören.

„Nein. Ganz gewiss nicht“, wiederholte der Jarl.

Vestar sprang auf. „Dann weiß ich, wie sie mich betrogen haben!“, rief er grimmig und wollte losrennen, doch der Jarl hielt ihn zurück.

„Wo willst du hin?“, fragte er besorgt.

„In die Halle. Ich werde diesem Betrüger mein Messer durch die Kehle ziehen!“

„Hast du einen Beweis für seinen Betrug, oder ist es reine Vermutung?“

„Ich weiß es!“, schrie Vestar mordlüstern.

„Aber hast du einen Beweis?“, wiederholte der Jarl seine Frage.

„Nein!“, gab Vestar nach kurzem Zögern zu.

„Dann darfst du Ivar nichts antun, oder eure Familien werden sich in gegenseitiger Blutrache bald selbst ausgelöscht haben!“

„Aber er hat ganz sicher betrogen“, beharrte Vestar, „und somit mein Schiff geraubt und nicht gewonnen. Ich will es zurück und ich will meine Rache!“

„Beides ist ohne Blutvergießen nicht möglich!“

„Ich will, dass sein Blut fließt!“

„Dann wird deins auch vergossen!“, ermahnte der Jarl und ging davon.

Vestar blieb zurück und starrte mit finsterem Blick auf die Halle, in der die Inglinge feierten, doch dann hellte sich sein Gesicht plötzlich auf und er begann zu lachen. „Nun“, sagte er zu sich selbst, „wie gesagt. Das ist alles eine Sache der Beweise.“ Und mit einem verschmitzten Lächeln folgte er dem alten Jarl.

In der Halle leerten die Inglinge gerade ein weiteres Horn auf ihr neues Schiff, als Vestar herein trat.

„Ich hoffe, du kommst nicht wieder, um mich zu beleidigen“, rief ihm Ivar entgegen. „Auch meine Geduld ist begrenzt!“

„Nein“, entgegnete Vestar ruhig. „Ich komme, um mich zu entschuldigen, dass ich ein solch schlechter Verlierer war. Mein Schiff gehört natürlich dir.“

„Hört, hört!“, rief Ivar laut und seine Männer grölten vor Lachen. „Als ob es daran jemals Zweifel gegeben hätte.“

„Lass mir nur ein wenig Zeit, meine Ladung vom Schiff zu holen“, unterbrach Vestar das Gelächter.

„Deine Ladung?“, fuhr ihn Ivar fragend an.

„Wir wetteten um das Schiff, nicht um die Ladung!“

„Du hast Recht“, gab sich der Ingling großzügig. „Doch wo willst du mit all den Pelzen hin ohne ein Schiff?“ Er tat so, als würde er kurz überlegen, dann sagte er: „Ich weiß. Verkauf sie mir. Natürlich für die Hälfte des Preises!“ Wieder lachten seine Gefolgsleute schallend.

„Ich habe einen anderen Vorschlag“, unterbrach Vestar erneut das Gelächter. „Gib mir eine Gelegenheit, mein Schiff zurück zu gewinnen. Wenn ich wieder verliere, soll dir auch die Ware gehören. Nicht nur die Pelze, die ich hier gekauft habe, sondern auch alles andere.“

„Du willst dieselbe Wette noch einmal eingehen?“, fragte Ivar zweifelnd. „Glaubst du, das war nur ein Zufall?“

„Diesmal will ich nicht gegen dich laufen“, antwortete Vestar, „sondern gegen deinen Bruder. Oder ist er dir nicht ebenbürtig?“

„Ich stehe meinem Bruder in nichts nach!“, antwortete Igerd erheitert.

„Aber nicht, dass du es falsch verstehst, Igerd“, ergänzte Vestar. „Selbst, wenn du gewinnst, gehören Schiff und Ware deinem Bruder. Keinem anderen will ich sie geben!“

„Damit treibst du keinen Keil zwischen uns!“, verhöhnte ihn Igerd, der glaubte, dass es der Händler darauf anlegt hatte. „Schon morgen früh werde auch ich dich besiegen!“

„Warum warten?“, wollte Vestar wissen. „Lasst es uns gleich tun. Es ist noch hell genug.“

Ivar wechselte schnell einen Blick mit seinem Bruder. „Warum nicht. Aber gib meinem Bruder noch kurz Zeit, sich vorzubereiten.“

„Gerne. Ich warte am Hafen auf dich!“

Ohne ein weiteres Wort abzuwarten, ging Vestar aus der Halle. Allerdings nicht zum Hafen, wie er gesagt hatte, sondern nur ein paar Schritte bis hinter die nächste Holzwand, von wo aus er einen guten und versteckten Blick auf das Tor der großen Halle hatte.

Wie er es erwartet hatte, verließ Ivar nur kurz nach ihm die Halle und verschwand im Wald, auf demselben Weg, den er am Morgen bereits genommen hatte, und den auch sein Bruder bald nehmen müsste, um das Rennen zu bestreiten.

Nun war sich Vestar des Betruges gewiss.

Mit grimmigem aber zufriedenem Gesicht ging er nun wirklich zum Hafen.

Nach einer Weile kam auch Igerd und mit ihm der Jarl von Fjörskervik, der wieder als Schiedsrichter eingesetzt wurde.

Nachdem sich Vestar aller überflüssigen Kleider entledigt hatte, gab er dem Jarl ein Zeichen. Da auch Igerd bereit war, gab er zum zweiten Mal am heutigen Tage das Signal zum Starten.

Vestar stürzte sich in die Fluten und gab alles, was er konnte. Schneller als beim ersten Mal gelang es ihm, den Fjord zu durchqueren.

Er stieg an Land und drehte sich zum anderen Ufer um. Die Menge am Hafen war trotz der beginnende Dämmerung noch gut zu erkennen. Er winkte ihr zu und hörte sofort das Grölen seiner Mannschaft. Doch auch die Männer der Inglinge begannen zu jubeln.

Nicht weit von ihm entfernt stieg eine weitere Gestalt aus dem Wald.

„Nein!“, schrie Vestar scheinbar voller Zorn dem Ingling entgegen. „Wie kann das nur sein?“ Schnell drehte er sich um und rannte wieder in das Wasser hinein. Auch sein Gegner wandte sich um und ging in den Wald zurück.

Das war der Moment, auf den Vestar gewartet hatte. Anstatt dem anderen Ufer entgegen zu schwimmen, schwamm er in den Fjord hinein und stieg an einer Stelle, an der die Bäume bis ins Wasser standen, unbemerkt an Land und eilte dem Ingling geduckt und so geräuschlos wie möglich hinterher.

Bald schon sah er den Mann vor sich, wie er gemütlich und gut gelaunt seines Weges ging, als wäre er nie Teil eines Wettrennens gewesen.

Vestar zog den Dolch hervor, den er in seinen Hosen versteckt hatte und schlich sich von hinten an den Mann heran.

Mit einem schnellen Griff wirbelte er ihn an der Schulter herum, warf ihn zu Boden und setzte ihm drohend das Messer an den Hals.

Es war Ivar!

„Na, wen haben wir denn da?“, fragte Vestar schelmisch. „Das ist ja gar nicht Igerd, sondern sein Bruder. Gegen dich bin ich doch erst heute Morgen geschwommen! Wie kannst du mir das erklären?“

Ivar schwieg. Aber er brauchte auch gar nichts mehr zu gestehen, denn Vestar hatte ihre List bereits durchschaut. Als er gegen Ivar angetreten war, war dieser nur ein paar Schritte in den Wald gerannt und hat von dort aus den Fjord beobachtet. Als Vestar am anderen Ufer angekommen war, war es nicht Ivar gewesen, der sich ihm kurz gezeigt hatte, sondern sein Bruder Igerd. Als Vestar, der den Unterschied in diesem kurzen Augenblick nicht bemerkt hatte, dann zurück geschwommen kam, war es für den immer noch nur einige Schritte vom Ziel entfernt warteten Ivar nicht schwer gewesen, vor ihm dort anzutreffen.

Und nun handelten sie nach derselben List, nur in vertauschten Rollen.

„Du wirst jetzt mit mir in die Siedlung zurückkehren und deinen schändlichen Betrug gestehen!“, befahl Vestar drohend.

„Niemals!“, schrie Ivar. Er stieß den Maerer ruckartig von sich und sprang auf die Füße. Blitzschnell zog auch er ein Messer aus seinem Gürtel und ging auf seinen Gegner los. Doch Vestar war er nicht gewachsen und schon bald sank er mit dessen Messer in der Brust tot zu Boden.

„Damit hatte ich auch nicht gerechnet“, gab Vestar zu und holte sich sein Messer zurück.

Dann rannte er zum Ufer und schwamm so schnell er konnte zum gegenüberliegenden Hafen, wo die Menge bereits ungeduldig auf ihn wartete. Als er ans Ufer trat stand Igerd bereits dort und grinste ihm entgegen.

„Hast du dich unterwegs verirrt? Wir hatten schon Sorge, du wärst abgesoffen. Nun, was soll‘s. Du hast schon wieder verloren!“, höhnte er. „Jetzt ist auch noch deine Ware weg.“

„Ja“, gestand Vestar gleichmütig. „Wo ist dein Bruder, denn, wie gesagt, ihm allein will ich mein Schiff samt Ware übergeben. Niemandem sonst!“

„Er ruht sich noch aus von seinem anstrengenden Lauf“, antwortete Igerd „Morgen kannst du es ihm übergeben!“

„Nein!“, sagte Vestar fest. „Weckt ihn auf. Er soll es sich gleich holen!“

„Warum die Eile?“, wollte der Jarl von Fjörskervik wissen. „Ob nun morgen früh oder heute Abend. Was spielt das für eine Rolle?“

„Eine große Rolle, Jarl“, antwortete Vestar. „Wäre doch möglich, dass Ivar heute Nacht noch etwas zustößt. Dann würde jeder denken, ich hätte etwas damit zu tun, weil ich doch sagte, dass nur er mein Schiff bekommt und keiner sonst von seiner Sippe. Stell dir nur vor, er läge morgen früh tot im Gras. Alle würden mit dem Finger auf mich zeigen und nach Rache verlangen. Doch noch kann sein eigener Bruder beweisen, dass ich nichts damit zu tun haben könnte, schließlich waren wir beide voll und ganz mit unserem Wettlauf beschäftigt, nicht wahr Igerd?“ Er warf einen vieldeutigen Blick auf den vermeintlichen Sieger. „Also, hol deinen Bruder sofort, oder ich werde mein Schiff bemannen und aufbrechen!“

Igerd zitterte am ganzen Körper. Er verstand Vestars Worte sofort. Der Händler aus Maere hatte ihr Spiel durchschaut und seinen Bruder getötet. Alles in ihm rief nach Blutrache, doch er konnte sie nicht verlangen, weil sonst jeder von dem schändlichen Betrug erfahren würde. Vestar war nicht der erste, den sie mit dieser List um Hab und Gut gebracht hatten. Wenn es sich herumsprechen würde, und das tat es sich bei Händlern immer besonders schnell, würde er an keinem Ort der Welt mehr vor der Rache der Geprellten sicher sein.

„Geh!“, sagte er mit brüchiger Stimme.

„Was sagtest du?“, fragte Vestar scheinbar überrascht nach. „Ich soll was tun?“

„Nimm dein verdammtes Schiff und verschwinde!“

Jeder der Anwesenden, egal ob Gefolgsmann von Vestar oder der Inglinge, oder Einwohner von Fjörskervik schaute nun voller Verwunderung auf Igerd.

„Aber willst du denn nicht deinen Bruder holen?“, fragte der Jarl der Siedlung verwirrt.

„Nein!“, sagte Igerd mit hasserfüllter Bitterkeit in seiner Stimme. „Der Maerer soll sein schäbiges Schiff behalten!“ Ohne auf die Fragen, die nun von allen Seiten an ihn gestellt wurden, zu antworten, drehte er sich um und ging langsamen Schrittes zurück in den Wald, weiter die Küste des Fjords entlang, bis er schließlich mitten in der Nacht die Leiche seines Bruders fand und weinend neben ihr niederkniete.

Pulsuz fraqment bitdi.

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22 dekabr 2023
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9783944180922
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