Kitabı oxu: «Die Wikinger von Vinland (Band 1): Verlorene Heimat»
Inhaltsverzeichnis
Titel
Informationen zum Buch
Impressum
Widmung
Prolog
Teil I - Das Mädchen
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6 - Kjell
Kapitel 7
Teil II - Die Seherin
Kapitel 8
Kapitel 9 - Kjell
Kapitel 10
Kapitel 11 - Kjell
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15 - Kjell
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18 - Kjell
Kapitel 19
Kapitel 20
Teil III - Die Jarl
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24 - Kjell
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33 - Kjell
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36 - Kjell
Kapitel 37
Kapitel 38 - Kjell
Epilog
Schlusswort
Glossar
Smilla Johansson
Die Wikinger von Vinland
Band 1
Fantasy
Die Wikinger von Vinland (Band 1): Verlorene Heimat
Die Freiheit ruht tief in dir, du musst ihr nur die Tür öffnen.
Als Linea ein Gespräch zwischen ihrem Ziehvater und dem Jarl von Skogbyen belauscht, erfährt sie, dass ihr bisheriges Leben im Wikingerdorf eine einzige Lüge war und sie dem grausamen Anführer versprochen werden soll. Linea will frei sein, selbst über ihr Leben bestimmen und sich nichts vorschreiben lassen, doch es ist nicht leicht, als Frau unter Wikingern zu bestehen. Sie braucht die Hilfe ihrer Freunde, denn die Intrigen, die sich um sie spinnen, sind gewaltiger, als sie jemals geglaubt hat. Wird es ihr gelingen, ihre Freiheit zu erkämpfen? Und wieso hat der Jarl überhaupt ein solches Interesse an ihr?
Die Autorin
Smilla Johansson, Jahrgang 1998, lebt mit ihrer Familie in der kleinen Stadt Bocholt an der niederländischen Grenze. Benannt nach der bekannten Ermittlerin aus Peter Høegs Kriminalroman Fräulein Smillas Gespür für Schnee hatte sie kaum eine andere Wahl, als sich in der Welt der Bücher zuhause zu fühlen. Ein besonderes Faible hat sie für historische Romane, Fantasy aller Art und Krimis.
www.sternensand-verlag.ch
info@sternensand-verlag.ch
1. Auflage, August 2020
© Sternensand Verlag GmbH, Zürich 2020
Umschlaggestaltung: Alexander Kopainski
Lektorat / Korrektorat: Sternensand Verlag GmbH | Natalie Röl-lig
Korrektorat 2: Sternensand Verlag GmbH | Jennifer Papendick
Satz: Sternensand Verlag GmbH
ISBN (Taschenbuch): 978-3-03896-131-4
ISBN (epub): 978-3-03896-132-1
Alle Rechte, einschließlich dem des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Für Hjordis,
weil du die Einzige bist, mit der ich mich auf Wikinger-Art fetzen kann, ohne dass du es mir übel nimmst.
Blut ist dicker als Wasser.

Prolog
Es war dunkel. Düstere Nacht hatte sich über das kleine Dorf an der Küste gelegt. Das blaue Tuch des Nachthimmels war nur mit wenigen hellen Lichtern bestückt, deren schwaches Leuchten nicht bis zum Boden durchzudringen vermochte. Beinah friedlich klang das leise Plätschern der schäumenden Wellen, die ans Ufer brandeten – doch diese Nacht war alles andere als friedlich.
Noch immer sah sie den rot glühenden Schein des knisternden Feuers, noch immer fühlte sie die sengende Hitze auf ihrer nackten Haut, noch immer zerkratzte der beißende Rauch ihr die ausgedörrte Kehle und noch immer hörte sie den Lärm der Schlacht. Hörte das nur allzu vertraute Geräusch von aufeinanderschlagendem Metall, wenn die Gegner zusammenprallten.
Selbst hier, am Rande des vollständig zerstörten Dorfes, legte sich der metallische Geschmack von Blut auf ihre Zunge, dröhnten die Schreie der Sterbenden in ihrem Kopf.
Erneut ergriff Panik von ihr Besitz; Angst schloss sich wie eine eiserne Faust um ihr Herz und drohte es ihr in der Brust zu zerquetschen.
Angst. Zum ersten Mal in ihrem Leben wurde sie sich dieses Gefühls bewusst. Zum ersten Mal begriff sie, dass sie machtlos war. Dass die Götter sie verlassen hatten.
Ein anderes Gefühl erkämpfte sich ebenfalls einen Platz in ihrem Herzen, als sie das reetgedeckte Dach des Langhauses in Flammen aufgehen sah.
Schuld. Es war ihre Schuld, dass das Lager eines Freundes nun über ihr Volk herfiel und tat, was nur die Männer des Nordens in Perfektion vollbringen konnten. Rauben, morden, plündern, brandschatzen und über allem: zerstören.
Ein scharfer Stich traf sie in der Brust, als das lichterloh brennende Dach einstürzte und weitere Leben mit in den Tod riss. Einen Tod, für den sie sich allein verantworten musste.
Ihre Schuld. Sie schmeckte die Bitterkeit dieser Worte auf der Zunge, als die Erkenntnis erneut ihr Bewusstsein eroberte.
Ihre Schuld, dass sie nach erst zwei Sommern wieder einem feindlichen Angriff ausgeliefert waren. Ihre Schuld, dass die Menschen, die sie liebte, nun zu Dutzenden den Weg in die heiligen Hallen antraten. Ihre Schuld, dass sie alles verloren, was sie sich hier an der Küste des Grünen Landes erkämpft hatten. Ihre Schuld, dass seine Krieger nun nach ihrem Leben trachteten. Und nach dem ihres Kindes.
Wie sollte sie nur mit dieser Schuld leben, falls sie denn würde überleben können? Wie sollte sie ihrem Kind später diese Schmach erklären? Wie sollte sie ihr Leben in dieser Situation noch retten?
Sie konnte es nicht.
Ein eisiger Windhauch wehte weitere grauenvolle Klänge der stetig tobenden Schlacht herüber und riss die junge Frau gewaltsam aus ihrer Starre.
Ihr blieb keine andere Möglichkeit; dies war der einzige Weg, also musste sie es versuchen.
Mit zügigen Schritten, darauf bedacht, sich so weit wie möglich im Schatten zu halten, kehrte sie der Schlacht den Rücken und schritt auf das nahe Ufer zu. Dabei drückte sie das Bündel aus Leinen so fest an ihre Brust, dass sie dachte, das Kind darin würde aufwachen und zu schreien anfangen.
Schnell lockerte sie ihren Griff und legte die letzten Schritte rennend bis zum Schiff zurück.
Der große Drachenkopf am Vordersteven jagte ihr bei Weitem keine Angst mehr ein, war sie doch schon viele Male auf dem Schiff mitgefahren.
»Seid Ihr so weit, Herrin?«, fragte eine tiefe Stimme ein kleines Stück über ihr.
Der Mann, der am Dollbord stand und auf sie hinabsah, wirkte angespannt. Tiefe Furchen hatten sich in sein Gesicht geschlagen, der hellblonde, mit grauen Strähnen durchzogene Bart starrte vor angetrocknetem Blut, die grauen Augen blickten stumpf und ausdruckslos auf sie hinab.
Unwillkürlich lief der jungen Frau ein kalter Schauder über den Rücken und sie musste heftig schlucken, bevor sie ihm entschlossen zunickte. Er streckte ihr die Hände entgegen und forderte stumm das Bündel aus ihren Armen.
Es kostete sie all ihre Willenskraft, der Aufforderung nachzukommen. Schließlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, konnte sie sich von dem kleinen schlafenden Gesichtchen abwenden und legte mit klopfendem Herzen das Bündel in seine starken Arme.
Der Krieger nahm es wortlos in seine linke Hand, die eher einer riesigen Pranke glich, und bot ihr die freie Rechte an, um ihr ebenfalls hinaufzuhelfen.
Und in diesem Moment schien die Zeit stillzustehen. Der Bruchteil eines Wimpernschlags wurde so lang wie ein ganzes Menschalter auf dieser Weltenscheibe.
»Nein.« Ihre Stimme klang heiser und brüchig und sie war sich nicht sicher, ob er sie über das Pfeifen des Windes und den Lärm der Schlacht hinweg überhaupt hörte.
Ohne dass sie eine Regung auf seinem blutverschmierten Gesicht erkannte, ließ er die Hand sinken. Sein Blick ruhte weiterhin auf ihr.
»Sie wollen nur mich. Mein Leben ist es, das sie begehren.« Mit diesen Worten kehrte die Kraft in sie zurück und die Zeit nahm wieder ihren Lauf.
In ihrem Inneren kam eine Flut an Gefühlen auf, als sie den heißen Schein des Feuers, der über den Hütten des Dorfes lag, auf ihrem Gesicht spürte: verletzter Stolz, Rachsucht und Wut über ihr Schicksal. Und sie wusste nicht, welchem sie sich zuerst hingeben sollte.
»Ich werde mich ihnen nicht kampflos entgegenstellen«, sprach sie mit fester Stimme. »Sie sollen lernen, was es heißt, gegen eine Göttin der Nordlande zu kämpfen!«
Pure Entschlossenheit und reiner Wille sprachen aus ihr, und es fühlte sich an, als hätte sie mit ihrem Kind, das nun in den Armen des Kriegers ruhte, ihre größte Schwäche abgelegt, auch wenn die Sehnsucht ihr bereits jetzt das Herz zerriss.
Er nickte knapp und wandte sich von ihr ab. Nach wenigen Schritten jedoch drehte er sich ihr erneut zu, zurückgehalten von ihrer Stimme. Zart und sanft klang sie diesmal, und sie sprach fast leiser als das nächtliche Säuseln des Windes.
»Versprich mir, dass du sie mir zurückbringst, eines Tages.«
Er drehte sich noch einmal um und ihre Blicke trafen sich. »Haltet immer ein wachsames Auge auf den Horizont«, sagte der Krieger und schaute mit finsterer Miene auf selbigen, wo soeben die ersten blassen Strahlen über den Rand des schäumenden Meeres krochen.
Teil I - Das Mädchen

Kapitel 1
Skogbyen, norwegische Küste im Jahr 1015 n. Chr.
Es schneite. Natürlich schneite es. Für Linea war der Schnee keine Überraschung, als sie an diesem Morgen, ebenso wie an den Tagen zuvor, als Erstes einen Blick aus dem schmalen Fenster warf. Dicke, schwere Flocken fielen vom Himmel und hüllten die Dächer der Hütten in ein weißes Gewand. Auch die schwachen Sonnenstrahlen, die durch die Ritzen der Holzwand fielen und den Staub im Raum tanzen ließen, konnten die Kälte nicht vertreiben.
Fröstelnd zog sie das dicke Schaffell hoch bis unter die Nase und drückte sich noch ein wenig tiefer in die mit Stroh gefütterte Matratze.
Ihr gefiel die Kälte. Die klare, frische Luft im Winter hatte etwas Hartes, Bedrohliches – zugleich ließ sie die Menschen jeden Winter aufs Neue fühlen, wie wenig Gewalt sie über alltägliche Dinge hatten. Mochten der König und seine Jarls noch so viele Schlachten schlagen und Dörfer plündern, über das Wetter besaßen auch sie keine Macht. Sie traf es genauso wie die Sklaven und Tiere auf den Höfen.
Gerechtigkeit. Es war der Wille der Götter, etwas, das die Menschen herabstufte. Zumindest einen Hauch davon brachten Wind, Schnee und Kälte Winter für Winter mit sich.
Für das Wetter sind wir alle gleich, dachte Linea, als sie sich auf ihrer Schlafstatt ein letztes Mal auf die Seite drehte.
Ein eisiger Windhauch suchte sich seinen Weg in die Kammer und strich ihr sacht über das Gesicht, als riefe er sie zu sich nach draußen. Tatsächlich schlug sie in diesem Moment das schützende, warme Fell von sich und richtete sich auf. Sie musste sich beeilen, wenn sie heute Morgen noch einen guten Fang machen wollte.
Hastig schwang Linea ihre schlanken Beine über die Kante des Bettes und stand auf. Sofort spürte sie die Kälte auf ihrer Haut, die mühelos durch das dünne Leibchen drang, das sie trug. Ihr Atem stieg in feinen Wölkchen auf, die sich knapp unter der Decke des schrägen Daches verflüchtigten. Es war wohl schon einige Zeit vergangen, seit die Sklaven das letzte Holz auf das Feuer im Hauptraum gelegt hatten.
Unwillkürlich musste sie bei dem Gedanken lächeln. Sie würde den beiden mal wieder den götterverdammten Frankenarsch retten und Holz nachlegen, bevor ihr Ziehvater Valdarr dieses Versäumnis bemerkte.
Die beiden Sklaven namens Boldi und Klodwig, die von allen nur Bold und Klod gerufen wurden, hatte der Jarl von einem seiner letzten Beutezüge aus dem Reich der Franken im Süden mit nach Skogbyen gebracht. Als Dank für seine Treue hatte er sie Lineas Ziehvater übereignet. Ohne Valdarrs Kampferfahrung hätten der Jarl und seine Krieger den Feldzug nicht erfolgreich beendet. Ihr Ziehvater hatte dem Jarl aus einer ziemlich aussichtslosen Lage geholfen und dafür gesorgt, dass die Flotte heil den heimatlichen Hafen hatte anlaufen können.
Zumindest hatte er es Linea und der Sklavin Jella, die während seiner Abwesenheit auf Linea aufpasste, am Abend seiner Rückkehr so berichtet. So gesehen waren die beiden Sklaven mehr als einfach nur eine Übereignung des Anführers gewesen. Sie bedeuteten Vertrauen. Und das wurde in ganz Skogbyen hoch angesehen. Beinah so sehr wie die goldenen Armreife, die der Jarl unter seinen Thanen verteilte.
Auch wenn Bold und Klod Sklaven waren und Linea eigentlich nicht mit ihnen reden sollte, außer um Befehle zu erteilen oder sie zu bestrafen, mochte sie die beiden Brüder mit den seltsamen pechschwarzen Haaren. Und wenn sie ihnen eine erneute Tracht Prügel von ihrem Herrn ersparen konnte, tat sie es mit gutem Gewissen.
Linea trat an die Waschschüssel heran und spritzte sich rasch das eiskalte Wasser ins Gesicht. Als sie aufsah, fiel ihr Blick auf die polierte Kupferplatte, die ihr in der Kammer als Spiegel diente. Ihr ebenmäßiges Gesicht mit der schmalen Nase, den hohen Wangenknochen und den vollen Lippen war leicht gerötet von der Kälte des Wassers. Das schwache Licht in der Kammer verlieh ihren blauen Augen einen beinah gespenstischen Glanz, der vom Spiegel zurückgeworfen wurde, als sie den Kopf drehte. Sie griff nach einem hölzernen Kamm und versuchte ihre rotblonden, wild gelockten Haare zu entwirren. Was sich als schwierig herausstellte, da sie so vollkommen ohne Frisur ungewöhnlich lang waren, sie reichten ihr bis zur Hüfte.
Allzu viel Zeit verwendete sie nicht darauf, denn es war immer noch verdammt kalt und in dem dünnen Nachthemd und mit den nackten Füßen auf dem Lehmboden fror sie erbärmlich.
Zitternd legte sie den Kamm beiseite und tauschte schnell das Leibchen gegen ein paar wollgefütterte Beinlinge und eine waldgrüne Kurztunika.
Ihr war es egal, was ihr Ziehvater dazu sagen würde und ob es sich für ein junges unvermähltes Mädchen schickte oder nicht, in Männerkleidern herumzulaufen. Wenn sie raus zum Fischen ging, war ein wallendes Kleid eben unpraktisch. Und kalt.
Sollen die anderen Frauen doch tragen, was immer ihre verdammten Herren oder Männer ihnen zu tragen geben, zu mir passt es nicht.
Ebenso würdigte sie das viel zu enge Mieder keines Blickes, das Valdarr ihr aus England mitgebracht hatte und das sie ohne Hilfe eines Sklaven ohnehin nicht anständig würde tragen können. Stattdessen griff sie zu dem breiten Gürtel aus Rindsleder, in den sie zwei Dolche, eine Handaxt und einen mit Wasser gefüllten Ziegenmagen hängte. Da sie nicht vorhatte, an diesem Morgen irgendwo hinzugehen, wo sie gesehen und von unfreundlichen Augen an Valdarr verraten werden konnte, griff sie auch noch nach dem Bärenfellumhang, der neben der Tür hing.
So geräuschlos, wie es ihr in dieser dicken Kleidung möglich war, schlich sie durch den Hauptraum. Sie wollte es nicht darauf ankommen lassen, ihren Ziehvater Valdarr so früh zu wecken, wo er doch bis gestern noch die Geschicke des gesamten Dorfes zu verwalten gehabt hatte.
In der letzten Zeit war es immer häufiger vorgekommen, dass Jarl Rutmar seinen engsten Vertrauten und Berater als seinen Stellvertreter allein in Skogbyen zurückließ, während er mit seinen Kriegern auf See war und die gefährlichen Lande im Süden und Westen in die Schranken wies. Ganz recht schien es dem Älteren nicht zu sein, dass der Jarl ihn in dem Posten als bester Kendtmann durch einen wesentlich jüngeren Krieger ersetzt hatte, der noch so grün hinter den Ohren war wie aufblühendes Gras im Frühling.
Trotzdem, dachte Linea, als sie noch ein schweres Holzscheit auf die Glut warf, sollte sich Valdarr glücklich schätzen, dass ein Mann in seinem Alter überhaupt noch für den Jarl eines aufstrebenden Dorfes von Bedeutung war. Denn nichts anderes war Skogbyen.
Mit den ertragreichen Raubzügen des letzten Sommers hatte sich der Jarl das hohe Ansehen, das er am Hof von König Haraldsson genoss, redlich verdient. Immer mehr tüchtige Seeleute und kampferfahrene Krieger hatten den Weg nach Skogbyen gefunden und waren als Ergänzung von Rutmars Flotte, die mittlerweile mehr als ein Dutzend Schiffe umfasste, stets gern gesehen. Die Geschäfte liefen gut, der Handel blühte, das wussten selbst die Kinder der ärmsten Bauern. Und zu dem Erfolg hatte der alte Valdarr mehr beigetragen, als die meisten ahnen mochten; doch das wusste nur Linea.
Mit dem Schürhaken stocherte sie in der Glut, bis neue kleine Flammen an dem trockenen Holz leckten und den Raum sogleich in ein rötlich flackerndes Licht tauchten. Linea wandte sich ab, nahm den leeren Weidenkorb auf und verließ die Hütte durch die große eisenbeschlagene Tür.
Dicke Schneeflocken wehten ihr ins Gesicht und trieben eisige Nadelstiche in ihre Haut.
Das ganze Dorf lag unter einer knietiefen, pulverigen Schicht begraben. Erst langsam nahm das Tageslicht zu, da sich immer wieder graue Wolken vor die noch schwache Sonne schoben. Die Konturen der Hütten ragten bedrohlich dunkel aus der weißen Umgebung hervor. Lineas Blick ruhte auf den sich kreuzenden Dachfirsten des Langhauses, dessen Enden kunstvoll zu feuerspeienden Drachen geschnitzt worden waren. Durch den Rahmen aus Schnee stachen sie noch deutlicher im Zentrum des Dorfes heraus und ihren wachsamen Augen schien nichts zu entgehen. Das Langhaus des Jarls war zwar das größte, höchste und prachtvollste Bauwerk Skogbyens, aber, wie Linea fand, bei Weitem nicht das schönste.
Alle Häuser, die das Zentrum einschlossen, waren mit einem ähnlichen Dachschmuck verziert. So zierten zwei Pferdeköpfe das Haus bei den Ställen, und zwei Köpfe, die dem Jørmungandrs bis auf die letzten Schuppen glichen, markierten das Dach der Kerkerzellen.
Doch das schönste Haus des Dorfes war für Linea schon immer die Methalle Heroiskr gewesen, die auf einem kleinen Hügel auf erhöhter Position etwas abseits stand. Schon als kleines Kind hatte Linea immer gern die großen Sagas, Geschichten und Verse gehört, welche die Skalden Skogbyens allbekannt gemacht hatten. Obwohl es per Erlass des Jarls nur den Sklaven verboten war, die ruhmreiche Halle zu betreten, hatte auch Linea erst ein Mal über die Schwelle treten dürfen. Ihr Ziehvater war der festen Überzeugung, dies sei kein Ort für Frauen und für junge Mädchen schon gar nicht.
Aber Linea hatte es einmal gewagt, sich spät in der Nacht hineinzuschleichen und einen ehrfürchtigen Blick ins Innere der Halle zu werfen, und war dabei prompt erwischt worden. Noch drei Tage später hatte ihr ganzer Körper von der Tracht Prügel geschmerzt, die Valdarr ihr verpasst hatte. Seitdem hatte sie es nicht erneut gewagt und sich stets von der Halle ferngehalten, wenn sie wusste, dass er sie beobachtete. Ihr blieb nichts anderes übrig, als Tag für Tag die wunderschönen Schnitzereien, welche die stützenden Säulen zierten, von außen zu betrachten.
Auch an diesem frühen Morgen hielt sie staunend einen Moment inne und bewunderte das überragende Bauwerk. Das Dach war schlichtweg beeindruckend. Es hatte die Form eines auf den Kopf gedrehten Schiffsrumpfes, dessen Vorder- und Hintersteven kunstvoll mit einem Drachenkopf geschmückt gen Himmel ragten und sich über den Kiel hinweg anstarrten. Ein spitzer Giebel überdachte die Stufen vor der großen Tür, die auf jeder Seite stets von Fackeln erleuchtet war.
Linea schaute an den geschnitzten Abbildern der Götter hinauf, die kämpfend, hier und da auch herrschend über ihr Volk, auf den hölzernen Stützsäulen verewigt waren.
Entmutigt dachte Linea daran, dass sie noch mindestens bis zum Sommer würde warten müssen, ehe sich ihr die Gelegenheit bot, unter diesem Dach zu stehen. Auch wenn sie dann mit fünfzehn Sommern alt genug sein würde, um von einem Mann an dessen Seite in die Halle geführt zu werden, musste sie dennoch auf die Zustimmung Valdarrs hoffen, der jedoch wahrscheinlich nichts an seiner Entscheidung ändern würde. Für ihn hatten lediglich die Weiber der Männer und die Sklavinnen, die den tapferen Kriegern Met und Fleisch brachten, eine Berechtigung, Heroiskr zu betreten.
Seufzend wandte sich Linea von dem ergreifenden Anblick ab, wischte sich den Schnee erneut aus dem Gesicht und stapfte weiter Richtung Haupttor.
Langsam stieg die Sonne am Horizont höher und vertrieb die letzten Wolken. Allmählich hörte es auf zu schneien und die Sicht klarte auf. Linea suchte sich ihren Pfad abseits der Hauptwege, die schon von einigen Sklaven vom Schnee befreit wurden, und hielt sich stattdessen lieber in den engen, verschlungenen Gassen zwischen den Hütten verborgen.
Als sie das Haupttor schließlich erreichte, glitt ein leiser Fluch über ihre kalten Lippen. Sie hatte es doch tatsächlich geschafft, zu früh am Tor einzutreffen. Die Ablöse für die Nachtwache war noch nicht erschienen. Linea blieb also nichts anderes übrig, als sich tiefer in die Schatten zurückzuziehen und auszuharren. An sich wäre es kein größerer Aufwand gewesen, bei der Nachtwache das Dorf zu verlassen, aber da sie den Krieger, der dort vor dem Tor herumlungerte, über die Maße nicht ausstehen konnte und zudem nicht gebührend gekleidet war, zog sie es vor, zu warten. Die Wachablöse, die bei Sonnenaufgang übernehmen sollte, gefiel ihr eindeutig besser.
Hákon Rutmarsson, der Sohn des Jarls, und sein bester Freund Magnus, der Sohn des Stallmeisters, hatten schon in frühen Kindertagen mit Linea überall im Dorf ihre Streiche gespielt und das Mädchen untypischerweise in ihren Clan der Störenfriede aufgenommen. Für Linea waren die beiden Jungen, die nur wenige Monde älter waren als sie, längst wie Brüder geworden, auch wenn diese Verbindung überall auf Missbilligung stieß und sie drei nicht unterschiedlicher hätten sein können. Der Jarl sah es nicht gern, wenn sein Sprössling, so verzogen er auch sein mochte, mit einfachen Straßenmädchen und Stallburschen herumstromerte, anstatt seinen Pflichten als Nachfolger und zukünftiger Jarl nachzukommen. Das war im letzten Sommer der Grund gewesen, warum er Hákon seinem Hauptmann Orm anvertraut hatte, der dem Jungen endlich etwas Anständiges beibringen sollte.
Linea musste bei dem Gedanken lächeln, denn welchen Vorsatz der Jarl damit auch verfolgte, von Magnus ließ sich Hákon nicht so leicht trennen. Keine zwei Tage nach Hákons Zwangszuweisung zur Dorfwache hatte sich auch Magnus bei Orm zum Wachdienst gemeldet. Mit dem durchaus ehrbaren Ziel, ein verlässlicher Krieger des Jarls zu werden. So konnten die beiden Jungen weiter zusammen das Dorf unsicher machen und der Jarl musste sich zähneknirschend gefallen lassen, dass ihm die beiden gehörig auf der Nase herumtanzten.
Genau genommen, dachte Linea, hatten die beiden richtig Glück gehabt, dass Magnus’ Vater Kárr als Stallmeister so eine hohe Position innehatte. Für den Jarl waren Pferde und jemand, der mit ihnen umgehen konnte, zweifelsohne von hohem Wert. Gerade hier an der Küste war es eine Seltenheit, auf ein Dorf zu treffen, das über eine Handvoll fähiger Reiter verfügte, wo doch die meisten Boten immer noch zu Fuß von Dorf zu Dorf gingen. Kárr und seine Pferde waren zu wertvoll für Skogbyen, um ihn zu verbannen. Leichter war es da, zwei Schabernack treibende Jungen auszuhalten, als über das gesamte Land hinweg einen neuen Stallmeister suchen zu müssen.
Linea hingegen hatte weniger Glück gehabt. Nicht nur, dass sie sich als normales Mädchen aus dem Dorf dem Verbot des Jarls unterordnen musste, sie hatte Valdarr ebenso ihr Wort geben müssen, sich von ihren Freunden fernzuhalten. Auch wenn sie ihm hätte widersprechen können, wollte sie nicht in seinem Namen am Hof des Jarls in Schimpf und Schande geraten. So hatte sie sich gefügt, und die gemeinsamen Streifzüge mit Hákon und Magnus waren im Sande verlaufen.
Nun hockte Linea hier im Schatten der Hütte und beobachtete, wie die beiden jungen Wachen aus Richtung der Wohnquartiere kamen und gemütlich auf das Haupttor zuschlenderten. Schon aus dieser Entfernung konnte sie Magnus, den kleinen schlaksigen Stallburschen, erkennen, der neben Hákon mit seiner hohen Statur und dem breiten Kreuz so fehl am Platz wirkte wie ein Franke jenseits des Meeres.
Überhaupt konnte man Magnus deutlich ansehen, dass seine Familie nicht ursprünglich aus den nördlichen Reichen kam. Er mochte zwar hier geboren und aufgewachsen sein, aber seine gebräunte Haut und die dunkelbraunen Haare verrieten seine Herkunft aus den südlichen Ländern, jenseits der fränkischen Reiche. Umso gewöhnungsbedürftiger war es für Linea anfangs gewesen, ihn trotzdem mit einem Namen anzusprechen, der absolut nicht seiner Erscheinung entsprach. Seine Eltern hatten ihm, ihrer Herkunft gebührend, einen fremdländischen Namen gegeben, den sich von den Nordmännern niemand merken konnte. Da Magnus’ Vater Kárr als Stallmeister eine angesehene Position in den Reihen der Krieger erlangt hatte, wollten sie seinen Sohn als einen der ihren aufnehmen und gaben ihm, sobald er laufen und sprechen konnte und sich unter die anderen Kinder des Dorfes mischte, der Einfachheit halber einen anständigen Namen. Magnus. Das hatte schon bei seinem Vater gut funktioniert, denn auch Kárr war ein Name, den die Bewohner ihrem Stallmeister gegeben hatten, um es sich leichter zu machen.
Linea hatte sich mittlerweile daran gewöhnt – nicht zuletzt, da sie mit Magnus aufgewachsen war – und ihr gefiel der Name, sodass es für sie nie ein Problem gewesen war, dass er aufgrund seiner sonnengebräunten Haut oft aus der Masse der bleichen Nordmänner herausstach.
Bei Oðins Arsch, können sich die beiden Schwachköpfe nicht beeilen?
Langsam begann Linea in den durchnässten Beinlingen zu frieren. Wenn diese beiden Möchtegern-Krieger noch langsamer gingen, konnte sie ebenso gut zu Valdarrs Haus zurückschleichen und zu den Göttern beten, dass sie niemand in diesem Aufzug sah.
Der Zufall kam ihr zu Hilfe, denn als sie erneut um die Ecke lugte, sah sie den grobschlächtigen Orm, der Nachtwache gehalten hatte, von draußen durch das Tor kommen. Er entdeckte die Trödler sofort und bemühte sich erst gar nicht, das zu verbergen.
»Wird das heute noch was mit der Ablöse oder muss ich dem Rotzlöffel des Jarls erst den Weg freischaufeln, weil der Schnee seine Hosen nässt?«, brüllte er so laut, dass sich Linea instinktiv nach aufschlagenden Türen umsah.
Doch das schlafende Dorf verharrte weiter regungslos unter der Schneedecke. Wenigstens bei Hákon und Magnus schienen die Worte ihr Ziel nicht zu verfehlen. Linea sah die beiden förmlich zusammenzucken, als sie den wütenden Wachmann am Tor bemerkten und nun eilig auf ihn zuliefen.
»Wurde auch Zeit«, knurrte Orm, als die Jungen in Hörweite waren. »Das nächste Mal, wenn ihr zu spät kommt, schlitze ich euch die Ohren, und es ist mir verflucht noch mal egal, ob das zur Wachablöse, zum Essen oder zum Begräbnis eurer Mutter ist!«
Ein stummes Nicken der Jungen folgte. Er sah sie beide noch einen Moment lang finster an, bevor er, immer noch knurrend und fluchend, durch den Schnee davonstampfte.
Hákon und Magnus wechselten einen kurzen Blick und brachen dann prompt in schallendes Gelächter aus, das in der Gasse zwischen den Hütten ebenso laut widerhallte wie zuvor die Flüche und Verwünschungen Orms.
»Ich denke nicht, dass ihr euch über seine Drohung lustig machen solltet«, sagte Linea aufgebracht, während sie aus dem Schatten trat und ihre rotblonden Haare von der Kapuze befreite. »Habt ihr denn noch nicht gesehen, wie viele der Wachen, die der Kerl unter seine Fittiche hat nehmen müssen, bei uns im Dorf mit geschlitzten Ohren oder fehlenden Fingern herumlaufen?«
Erschrocken fuhren die beiden Jungen herum.
Wenigstens etwas.
Lineas Blick fiel auf Hákons Hand, die schnell zu der Wurfaxt an seinem Gürtel gezuckt war. Seine Reflexe und die flinken Hände schien er gut im Griff zu haben.
Nachdem er sie erkannt hatte, verschränkte er die Arme vor der breiten Brust. »Eifersüchtig, Glöckchen?«, fragte er sie mit einem übertrieben hochnäsigen Unterton in der Stimme.
Linea merkte, wie ihr schlagartig eine Röte in die Wangen stieg, die nichts mit der kalten Winterluft zu tun hatte. Sie hasste es, wenn Hákon sie so nannte wie die Blume, die ihr ihren Namen gegeben hatte. Moosglöckchen. Er passte so gar nicht zu ihr; sie wollte nicht, dass er zu ihr passte.
»Ich wette, dass du dir gerne von unserem lieben Orm die Ohren schlitzen lassen würdest, um noch mehr goldene Ringe hindurchzuschieben«, sagte Hákon und verzog die Lippen zu einem frechen Grinsen, während er eine blonde Haarsträhne zur Seite schob und sein eigenes makelloses Ohr präsentierte.
Da hatte er sie. Ihr lag schon eine bissige Erwiderung auf der Zunge, doch sie schluckte sie hinunter. Hákon hatte recht, den Fehler durfte sie sich nicht erneut erlauben.
Als sie noch ein kleines Kind gewesen war, hatte es in ihrem Dorf einen Sklaven gegeben, der in jedem Ohr eine Handvoll goldener Ringe gehabt hatte. Neugierig, wie sie schon damals gewesen war, hatte sie Valdarr gefragt, was es mit diesem seltsamen Schmuck auf sich hatte. Doch er hatte sie nur brüsk zurückgewiesen und ihr verboten, nach den Belangen der Sklaven zu fragen.
Erst einige Monde später, als Valdarr in seiner Position als Kendtmann auf dem Schiff des Jarls im Süden unterwegs war, ergriff Linea die Chance und rief den schwarzen Sklaven zu sich. Er erklärte ihr, dass in seinem Land weit im Süden, wo es immerzu warm war und die Sonne viel länger schien, die goldenen Ringe ein Symbol für Reichtum, Wohlstand und Ehre waren. Alles Ziele, die Linea nichts sagten – damals noch nicht.
Voller Tatendrang und Mut, sich vor den anderen Kindern im Dorf zu beweisen, hatte sie Hákon und Magnus von ihrer Idee erzählt und die beiden waren ebenfalls voller Eifer dabei gewesen. Es war Linea leichtgefallen, aus der Schmiede des Dorfes die beiden Gegenstände zu entwenden, die sie für ihr Vorhaben brauchte. In derselben Nacht griff Hákon zu einem glühenden Eisennagel und rammte ihn Linea durch das rechte Ohrläppchen, woraufhin Magnus den kleinen goldenen Ring hindurchschob. Doch diese Tat hatte mehr Folgen gehabt als ihre übrigen Spielereien.
Heute noch lief es Linea eiskalt den Rücken hinab, wenn sie an Valdarrs Zorn und seinen Wutausbruch dachte, nachdem er Linea bei seiner Rückkehr so gesehen hatte. Der Sklave hatte dem Mädchen schamlos ins Gesicht gelogen.
Der Ring im Ohr war in den Südlanden nichts weiter als eine Bestrafung für solche, die weder Reichtum, Wohlstand noch Ehre besaßen oder verdient hatten – eine Erniedrigung zum Sklaven. Eine Kennzeichnung für alle Käufer auf dem Markt. Je mehr Ringe die Ohren zierten, desto mehr Freveltaten hatten sie begangen.
Bei den Leibeigenen im Norden war es wie bei den Dieben üblich, die Ohren zu schlitzen und die Finger abzuhacken, deswegen waren Linea diese Ringe fremd gewesen.
Hätte sie das damals gewusst, wäre sie bei allen Göttern nie auf die Idee gekommen, sich selbst so eine Kennzeichnung zu verpassen.
Der Sklave mit der schwarzen Haut war noch vor dem Morgengrauen gerichtet und nach Nástrønd geschickt worden. Doch der Ring in Lineas Ohr erinnerte sie fortwährend daran, niemandes Wort für bare Münze zu nehmen. In gewisser Weise diente er ihr nun als Mahnmal.
Ja, sie hatte damals dumm und töricht gehandelt, dem Wort eines Sklaven zu glauben, der ohnehin nichts mehr zu verlieren gehabt hatte, aber sie stand zu ihrer Tat. Und welches Kind konnte schon von sich behaupten, den Mut aufgebracht zu haben, sich mit einem glühenden Eisennagel ein Loch ins Ohr stechen zu lassen?
Vertrauen ist etwas, das man nicht leichtfertig schenken sollte. Das hatte Linea gelernt und daran hielt sie noch heute fest.
Unwillkürlich wanderte ihre freie Hand hinauf zu ebenjenem Ring, bevor sie das Gespräch wieder aufnahm und leise erwiderte: »Und wenn schon, ein Ring mehr schadet mir nun wirklich nicht. Was bin ich denn schon mehr als eine Sklavin?«
»Nea«, sagte Hákon und seine Stimme klang nun sanft und mitfühlend. »So habe ich das nicht …«
Doch er wurde unterbrochen, denn Linea sprach unbeirrt weiter, als hörte sie ihn nicht. »Aber was soll das Thing nur von einem Nachfolger des Jarls halten, dessen Ohren vor Ringen geradezu überquellen?«, fügte sie mit einem zuckersüßen Grinsen hinzu.
Hákon blieb ihr eine freche Erwiderung schuldig, denn Magnus, der ihre Kabbelei bisher schweigend verfolgt hatte, rollte nur genervt mit den Augen und unterbrach sie. »Du denkst doch nicht wirklich, dass Ohren, in denen das Blut des Jarls fließt, etwas zu befürchten haben, Linea. Das würde sich selbst der sture Orm nicht trauen, den Jarl so offen anzugehen.« Eine steile Falte bildete sich auf seiner Stirn, während er Linea nun zum ersten Mal an diesem Morgen neugierig musterte. »Und wie siehst du überhaupt aus? Wenn dich jemand so …«
Doch auch ihm fiel Linea ins Wort. »Ich weiß sehr wohl, wie ich aussehe, Stallbursche!«, erwiderte sie scharf. »Wenn ihr zwei Hohlköpfe pünktlich zu eurer Wache gekommen wärt, hätte ich jetzt auch kein Problem damit und könnte schon lange am Fluss sein.«
Linea bedachte die beiden mit einem funkelnden Blick. »Also, was ist? Öffnet ihr mir nun endlich das Tor?«
»Bei den Göttern!«, rief Hákon und hob abwehrend die Hände. »Beruhige dich, Linea. Außer uns hat dich keiner gesehen und wir werden dein Geheimnis für uns behalten.« Er sah auffällig provozierend an ihrem zierlichen Körper hinab. Mit einem Grinsen auf den Lippen drehte er sich um und zog den linken Torflügel auf.
Linea schnaubte nur verächtlich und rauschte an ihnen vorbei durch das Tor.
Mit zügigen Schritten ließ sie das Dorf hinter sich und schlug den Weg zum Fluss ein. Noch bevor Linea diesen erreichte, war ihr von der Bewegung so warm geworden, dass sie die Fellhandschuhe auszog und achtlos in den Weidenkorb warf.
Schwer atmend, da sie auch hier bis zu den Knien im Schnee versank, erreichte sie eine gute Fackellänge später ihre üblichen Fanggründe am Ufer des Flusses.
Unter erneutem Fluchen stellte sie fest, dass es in der vergangenen Nacht so kalt geworden war, dass nun eine Eisschicht die Oberfläche bedeckte. Kurz überlegte sie, ob sie sich die Mühe machen sollte, die Reusen aus dem gefrorenen Wasser zu befreien. Wahrscheinlich würde sie diese ohnehin gähnend leer vorfinden. Aber selbst wenn sich während des letzten Tages keine Fische in den Netzen verfangen hätten, mussten sie trotzdem vom Eis befreit werden, um an anderer Stelle wieder ausgelegt werden zu können. Ihr blieb kaum eine Wahl, wollte sie nicht mit leeren Händen ins Dorf zurückkehren.
Seufzend stellte sie den Korb ab und suchte auf dem schneebedeckten Waldboden nach einem stabilen Stock, den sie als Meißel benutzen konnte.
Tatsächlich fand sie relativ schnell ein geeignetes Werkzeug und begann, mit kräftigen Schlägen die Fischnetze vom Eis zu befreien. Leider war die Schicht dicker, als sie anfänglich angenommen hatte, und so dauerte es außerordentlich lange, bis sie endlich, erschöpft und stark schwitzend unter der dicken Kleidung, die Netze aus dem Wasser ziehen konnte. Zu ihrer Überraschung hatten sich fünf unterarmlange Fische in den Schnüren verfangen, deren graue Schuppen im Sonnenlicht glitzerten.
Erleichtert ließ Linea die Beute in den Korb fallen und griff durstig nach dem Trinkschlauch an ihrem Gürtel.
Sie würde heute die Reusen nicht erneut auslegen. Zumindest nicht hier im Fluss, der bei der Kälte zu schnell zur Gänze eingefroren war. Vielleicht könnte sie es am Abend im Meer bei den anderen Fischern des Dorfes versuchen, denn das Meer würde dem Eis so schnell nicht zum Opfer fallen.
Kapitel 2
Schon von Weitem sah Linea die hölzerne Palisade, die das Dorf wie ein Ring einschloss. Zu ihrem Bedauern waren die Menschen aus ihrem Schlaf erwacht und gingen ihren gewohnten Arbeiten nach. Das Haupttor war auf beiden Seiten geöffnet. Mit einem zufriedenen Grinsen auf den Lippen stellte Linea fest, dass ihre Freunde alle Hände voll zu tun hatten, die passierenden Massen zu kontrollieren.
Sie nickte Hákon kurz zu und drängte sich flink an einem Ochsenkarren vorbei, der in dem tiefen Schnee nicht vorankam, um sogleich wieder in den Schatten der Hütten zu verschwinden.
Mittlerweile war auch in den engsten Gassen der weiße Schnee einer braunen, matschigen Masse aus Dreck und Unrat gewichen. Linea musste ihr Tempo verlangsamen, um ihre Kleidung nicht vollständig zu beschmutzen.
Das Langhaus des Jarls war schon in Sicht, als sie einer vertrauten Stimme gewahr wurde. Vorsichtig schaute sie um die Ecke auf den Platz vor dem Langhaus.
Es herrschte das übliche Gewirr und Gewusel aus Marktständen, Menschen und Handelskarren aus anderen Dörfern, die sich um die Händler drängten. Über allem dröhnten die Schreie der Verkäufer, die ihre Waren anpriesen.
Und doch hörte Linea in unmittelbarer Nähe ganz deutlich den tiefen, rauen Bariton Valdarrs heraus, der sich mit einem Mann unterhielt, dessen Stimme sie zwar schon einmal gehört zu haben glaubte, sie aber nicht sofort zuordnen konnte.
Verwirrung durchzuckte Linea, als sie ihn tatsächlich in der Menge ausmachte. Ein vom Alter gebeugter Mann mit wachen, hellen Augen, einer vernarbten Wange und dem auffällig langen silbernen Bart, der ihm in geflochtenen Zöpfen bis auf die Brust hing. Es bestand kein Zweifel: Es war ihr Ziehvater.
Was macht er hier auf dem Platz? Und kann der andere vielleicht Jarl Rutmar sein?
Linea war sich nicht ganz sicher, ob Valdarrs Begleitung wirklich der Jarl war. Der Platz war einfach zu überfüllt und ständig traten ihr Menschen in den Weg, hinter denen die beiden Männer verschwanden. Die große, bullige Statur des Mannes war unter den Kriegern zwar nichts Besonderes, doch die fettigen, blonden Haare und der dicke, gebutterte Vollbart, der einen schmierigen Fleck auf seiner Tunika hinterließ, sprachen dafür. Bisher hatte sie keinen Mann in Skogbyen getroffen, der so wenig auf sein Erscheinungsbild achtete wie der Jarl. Hoch erhobenen Hauptes ging er neben Valdarr her und überragte ihn so um fast zwei Köpfe.
Die beiden Männer schritten zügig am Rande des Platzes entlang und es schien Linea, als würde sich die Menge vor ihnen teilen, als gingen sie mit gezogenen Waffen und mörderischen Blicken daher. Auch das Zurückweichen der Menge bestärkte ihre Vermutung. Wem, wenn nicht ihrem Anführer, sollten die Leute Platz machen?
Linea konnte sich nicht erinnern, wann sie den Jarl das letzte Mal gesehen hatte, aber es musste schon eine ganze Weile her sein. Vielleicht war sie sich deswegen auch nicht sicher, ob es sich wirklich um ihn handelte.
Die beiden waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie den Leuten, die sie neugierig musterten und vor ihnen zurückwichen, keine Beachtung schenkten.
Linea erging es nicht viel besser; sie starrte ebenfalls auf Valdarr und seinen Begleiter, die nun völlig unbehelligt von den Wachen die Tür des Langhauses aufstießen und darin verschwanden.
Sobald von den beiden Männern nichts mehr zu sehen war, ging ein Raunen durch die Menge auf dem Platz, das sämtliche Schreie der Verkäufer übertönte.
In ihrer Gasse versteckt vernahm Linea nur einige unzusammenhängende Wortfetzen, doch das reichte aus, um ihre Neugier anzufachen. Sie musste einfach wissen, was Valdarr so Dringendes mit dem Jarl zu besprechen hatte.
Noch ehe sie sich selbst ihrer Tat bewusst war, setzten sich ihre Füße in Bewegung. Begleitet von dem Gemurmel der Masse drehte sie sich um und begab sich auf den ihr altbekannten Weg, der sie zur Hinterseite des Langhauses führte. Ihre Füße waren schon so viele Male durch diese Gassen geschlichen, dass sie den Pfad auch in finsterer Nacht blind hätte gehen können. Was sie auch häufig getan hatte, um Hákon heimlich zu besuchen und mit ihm zu dem Platz auf dem Dach zu klettern. Ihrem Platz.
Wie oft hatten sie nächtelang hier oben gesessen und die Gestirne des Himmels beobachtet? Linea wusste es nicht mehr, sie wusste nur, wie dankbar sie jedes Mal gewesen war, dass sie dort nicht allein gesessen hatte. Sie entsann sich gut daran, wie sie auch ohne Absprachen den jeweils anderen hier oben gefunden hatten, wenn sie von ihren Vätern die Fäuste zu spüren bekommen hatten, und sie erinnerte sich an Hákons sanfte Finger, die ihr die Tränen von den Wangen strichen, an die zarte Berührung seiner Haut auf ihrer.
Ein trauriges Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Sie vermisste diese gemeinsame Zeit mit ihm, vermisste seine leise Stimme, die ihr beruhigende Worte zuflüsterte. Vermisste seinen sanften Blick, der ihr versprach, dass alles wieder in Ordnung kommen würde. Je älter sie geworden waren, desto mehr war ihre gegenseitige Abneigung einer tiefgründigen Freundschaft gewichen. Doch seit der gewaltsamen Trennung der beiden durch Hákons Vater sahen sie sich nur noch selten. Und das heimlich.
Linea hing noch weiter ihren Gedanken nach, als sie die Rückseite des Hauses erreichte. Sie stellte den Korb mit den Netzen an die Wand und schaute, die Hände in die Hüften gestemmt, zum Dach hinauf. Der Weg war nicht schwer, da sie ganz leicht über die großen Lagerkisten hochklettern konnte. Erneut war sie froh, sich am Morgen gegen das Kleid entschieden zu haben.
Geduckt stieg sie hinauf und schob sich bäuchlings durch den Schnee an den offenen Rauchabzug im Zentrum heran. Wenn sie Glück hatte, und davon ging sie aus, saßen Valdarr und der Fremde direkt unter ihr am warmen Feuer und sie würde ungestört ihren Disput belauschen können.
Tatsächlich hörte sie neben dem Knacken und Knistern des Feuers gedämpfte Stimmen. Ungeachtet der Kälte und der Nässe des Schnees unter ihr zog sie sich noch ein kleines Stückchen nach vorne, bis sie schließlich verstand, worüber die Männer redeten.
»Lass uns allein, Ivar. Verschwinde!«, sagte der Fremde gerade barsch und kurz darauf vernahm Linea das Schlagen der Tür, die der Diener hinter sich schloss.
Ein ungutes Gefühl beschlich sie, als die bange Frage ihres Vaters zu ihr hinaufhallte, der plötzlich einiges von seiner Sicherheit und Stärke verlor. »Was gibt es denn noch so Dringendes zu besprechen, was nichts mit dem letzten Angriff auf die Halvsfjorder zu tun hat, mein Herr?«, fragte Valdarr zögerlich.
»Nun, Kendtmann, ich denke, dass Ihr derjenige seid, der mir etwas zu sagen haben sollte.«
Linea zog scharf die Luft ein. Sie hatte sich nicht getäuscht. In ganz Skogbyen traf man eigentlich nur eine Person, die noch über dem Kendtmann des Dorfes stand und die von ihrem Ziehvater so respektvoll behandelt wurde. Hier hatte sie nun die Bestätigung, dass auch die vielen Menschen auf dem Platz sie nicht hatten täuschen können. Der Fremde war niemand Geringerer als Jarl Rutmar.
»Ich wüsste nicht, was Euch, dem ehrenwerten Jarl von Skogbyen, nicht bekannt sein sollte, seinem alten Kendtmann jedoch schon.«
Linea konnte sich das Bild, das sich unter ihr in dem Raum abspielte, nur allzu gut vorstellen. Valdarr mit trotzig verschränkten Armen vor der Brust, der es dennoch nicht wagte, den Jarl so offen vor den Kopf zu stoßen. Ganz deutlich hörte sie einen feinen Unterton aus seiner Stimme heraus, der ihr gänzlich unbekannt war.
Unsicherheit. Lineas Herzschlag beschleunigte sich.
Er lügt, dachte sie voller Entsetzen.
Valdarr verschwieg etwas. Und es musste etwas verdammt Wichtiges sein, wenn er es sogar vor dem Jarl geheim hielt.
Angespannt horchte sie in die folgende Stille hinein.
Was geschieht dort gerade?
»Ich denke, Ihr wisst ganz genau, wovon ich rede«, entgegnete der Jarl und seine Stimme war so kalt und schneidend wie der Schnee auf dem Dach.
»Nein, mein Herr«, ruderte Valdarr hastig zurück und klang dabei schon nahezu panisch.
»So? Seht an Eurem Arm hinab, Kendtmann«, forderte der Jarl. »Darf ich Euch daran erinnern, dass Ihr mir auf ewig die Treue geschworen habt?«, knurrte er.
»Ihr zweifelt also an meiner Treue?«, wollte ihr Ziehvater wissen und gewann sogleich einen Bruchteil seines Mutes zurück.
»Nur an Eurer Aufrichtigkeit, was Informationen zu einer bestimmten Person anbelangt«, erwiderte der Jarl kühl.
Valdarr schwieg bedeutend, und oben auf dem Dach wagte Linea nicht zu atmen, um keines der Worte zu überhören.
»Bei Oðins Bart, Euer Schweigen verdammt Euch!«, entfuhr es dem Jarl, und das dumpfe Schlagen seiner Faust auf dem Tisch hallte den Kamin hinauf. »Valdarr, Ihr wart mir immer der beste Krieger von allen. Daher gebe ich Euch die Möglichkeit: Sagt mir, was Ihr über sie wisst, und ich schwöre bei den Göttern, ich werde nicht mehr von Euch fordern als ein weiteres Zeichen Eures Schwurs.« Auch wenn die Worte sehr gewählt klangen, hörte Linea deutlich die gepresste Wut aus der Stimme ihres Anführers heraus.
Stille. Die Drohung an ihren Ziehvater hätte deutlicher nicht sein können.
Linea zitterte und ihre Hände begannen ungeachtet des kalten Schnees zu schwitzen.
Was weiß Valdarr? Um wen geht es bei diesem Gespräch überhaupt?
Ihre Gedanken rasten, spuckten eine verrückte Idee nach der anderen aus wie ein außer Kontrolle geratenes Feuer. Mehrere Namen und Gesichter tauchten vor ihrem geistigen Auge auf – alles Frauen aus Skogbyen. Es musste eine Frau sein, das hatte der Jarl ganz deutlich gesagt. Nur wer hatte ein Geheimnis vor dem mächtigsten Mann im Umkreis? Wer konnte so töricht sein und versuchen etwas vor dem Jarl zu verheimlichen und vor allem was?
Angestrengt zwang sie sich zur Ruhe. Ein leiser Schrei entsprang ihrer Kehle, als sie hörte, wie der Jarl bereits weiter auf ihren Ziehvater einredete.
»… weiß eigentlich schon genug, um Euren Kopf vom Richtblock rollen zu sehen. Von Euch brauche ich nur die Gewissheit, dass man mir keinen Bären aufgebunden hat.«
»Wer?«, fragte ihr Ziehvater prompt und mit schneidender Stimme. Es war offensichtlich, dass er nicht klein beigeben wollte.
»Ihr seid noch fahrlässiger, als ich dachte, Valdarr. Ich gebe meinen Informanten nicht preis. Ich lasse Euch die Wahl, diese Botschaft zu bestätigen oder Eurem Ende entgegenzugehen, und bei Oðin, das werdet Ihr!«
Ein deutliches Fluchen war zu hören, und Linea traute ihren Ohren nicht, als Valdarr zähneknirschend Antwort gab. »Gut.«
»Ich wusste, Ihr seid ein ehrbarer Mann, und nun sagt mir, entspricht es der Wahrheit, was mir über sie zu Ohren gekommen ist und weswegen ich Euch zu mir rufen ließ?«
»Ja.«
»Ist es wahr, dass Ihr all die Jahre von ihr wusstet?«
»Ja.«
»Werdet Ihr versuchen Euer Versprechen ihr gegenüber einzuhalten?«
Valdarr zögerte, und Linea sah förmlich vor sich, welcher Konflikt sich in ihm abspielte.
Er würde es nicht tun. Valdarr konnte ein Versprechen, egal wem er es gegeben hatte, nicht brechen. Linea wusste, er würde es sich selbst nie verzeihen, wenn er sein Wort, worum es auch immer gehen mochte, brach.
Sie spürte, dass er es auch nicht plante, und eine bekannte Wärme breitete sich in ihrer Brust aus. Valdarr würde diese Frau nicht verraten. Er würde seinen Eid halten.
Doch im gleichen Moment vernahm Linea erneut die sonore Stimme des Jarls, in der nun ein spöttischer Unterton zu hören war. »Ich werde Euch die Entscheidung abnehmen. Ihr werdet sie ihr nicht zurückbringen. Sie bleibt in Skogbyen und Ihr, Kendtmann, tut besser daran, für Euch zu behalten, was Ihr wisst!«
Der Spott in seiner Stimme wich schlagartig einer Drohung, die es Linea eiskalt den Rücken hinabtrieb. Eine Drohung, kälter als die eisigen Winde, die sie hier oben auf dem Dach umwehten. Und so viele Gedanken ihren Kopf zuvor noch verwüstet hatten, so leer fühlte er sich nun an.
Sie wusste nichts; hatte nicht die leiseste Ahnung, von wem oder was hier die Rede war, aber sie war sich sicher, der Jarl meinte es ernst. Todernst. Das schien auch Valdarr nicht entgangen zu sein.
»Wie Ihr wünscht, mein Jarl.« Doch seine Stimme klang seltsam gepresst, so als müsste er stark an sich halten, um der Wut, die in ihm kochte, keinen Ausdruck zu verleihen.
Zu gern hätte Linea nun das Gesicht des Jarls gesehen, nur um ihre Neugierde zu stillen und zu erfahren, ob sie mit ihrer Einschätzung über ihn und seine Selbstgefälligkeit richtiglag. Aber der Rauchabzug qualmte weiter vor sich hin und sie konnte ihre Augen nicht länger offen halten, ohne dass ihr die Tränen die Sicht verschleierten.
Linea drehte den Kopf und presste ihre Wange in den Schnee, um noch weiter zuhören zu können, bereute es jedoch sofort, als sie hörte, wie Holz über Holz kratzte, während Valdarr seinen Stuhl zurückschob und sich anschickte, zu verschwinden.
»Warum so in Eile, Kendtmann? Habt Ihr da nicht etwas vergessen? Ihr habt mich belogen«, stellte der Jarl ruhig fest. »Wie kann ich mir Eurer fortwährenden Treue gewiss sein?«
Linea konnte sich beinah zu lebhaft ein dreckiges Grinsen auf seinem Gesicht vorstellen.
»Ich versichere Euch, dass meine Treue Euch gegenüber nicht unter unserem kleinen Disput zu leiden hat, mein Herr. Ihr könnt nicht von mir behaupten, je untreu gewesen zu sein«, rechtfertigte sich Valdarr. Trotzdem bezweifelte Linea, dass er sich aus dieser Situation noch würde retten können.
»Oh, keineswegs«, erklärte der Jarl süffisant. »Doch zweifle ich an Eurer zukünftigen Loyalität und fordere damit einen erneuten Tribut von Euch. Ihr seid der treueste meiner Männer, aber seid Ihr auch bereit, den Preis zu zahlen und weiterhin als mein treuester Vasall an meiner Seite zu stehen?«
Linea sah innerlich vor sich, wie ein hämisches Glitzern in die Augen des Jarls trat, als er ihren Ziehvater zu einem erneuten Schwur aufforderte.
»Ja, das bin ich«, antwortete Valdarr trocken und Linea keuchte vor Entsetzen laut auf.
Das konnte der Jarl nicht wirklich von ihm fordern. Zu lebhaft erinnerte sie sich daran, wie Valdarr erst vor drei Sommern zwei Finger seiner linken Hand als Zeichen seiner Treue hatte lassen müssen. Der Jarl konnte doch nun unmöglich …
Das scharfe Surren und das dumpfe Schlagen der Klinge belehrten sie eines Besseren. Übelkeit durchflutete Linea, und das schabende Geräusch von Metall auf Holz ließ sie würgen. Erschrocken schlug sie sich die Hand vor den Mund und schaffte es gerade so, die aufsteigende Magensäure wieder hinunterzuwürgen.
Mit einem Mal war sämtliches Gefühl aus ihr verschwunden. Wie konnte ein Mann nur so grausam sein? Sie war sich sicher, dass Rutmar ihren Vater nur als Strafe für seine Lügen noch weiter verstümmelt hatte. Denn an Valdarrs Loyalität und Demut hatte er nie zweifeln müssen.
Der kalte Wind und der nasse Schnee, auf dem Linea lag, drängten sich wieder in ihr Bewusstsein. Erst jetzt merkte sie, dass sie zitterte und sich wie ein Säugling zusammengerollt hatte, die Arme schützend um ihre Schultern geschlungen. Sie musste aufstehen, vom Dach hinunterklettern, sich bewegen. Andernfalls würde sie sich hier oben den Tod holen.
Langsam knetete Linea ihre Finger und rieb sich die Hände, um wenigstens etwas Gefühl in ihren erstarrten Körper zurückzuschicken, da hörte sie erneut Rutmars Stimme aus dem Raum unter ihr.
»Eine Sache noch, bevor Ihr geht. Wie alt ist sie, Valdarr?«
»Vierzehn Sommer«, knurrte der Befragte widerwillig und in seiner Stimme war unterschwellig der Schmerz deutlich zu hören.
Der Jarl murmelte etwas, das Linea nicht verstand, doch das zischende Schnappen nach Luft Valdarrs ließ auch Linea erneut aufhorchen. Dann sprach wieder der Jarl und seine Stimme war leise, und gleichzeitig so laut, dass Linea jedes seiner Worte vernahm. »Sie gehört mir, Valdarr. Sie war schon immer mein und Ihr wusstet es.«
»Nein!« Es war kein Schrei, wenngleich ein bestimmter, zorniger Ausruf.
Rutmar beachtete seinen Widerspruch aber nicht weiter. »Ich werde sie zum Weib nehmen, noch bevor der Sommer kommt!«
»Ja, das werdet Ihr«, antwortete Valdarr mit farbloser, geradezu teilnahmsloser Stimme.
Lineas Kopf ruckte nach oben.
Was geschieht dort mit Valdarr?
Gerade eben noch hatte er versucht, sich dem Jarl entgegenzustellen, und die mysteriöse Frau inbrünstig verteidigt, und nun, nur einen Augenblick später, stimmte er seinem Vorhaben zu?
Das kann nicht wahr sein, das ist nicht richtig, er würde nie …
Erneut ergriff der Jarl das Wort. Süffisanter als jemals zuvor klang seine Stimme und mit Schrecken vernahm Linea die Worte.
»Ich werde sie besitzen und Linea wird mir einen Sohn schenken! Einen würdigen Nachfolger wird sie mir schenken, Valdarr!«
»Ja, mein Jarl. Das wird sie.«
Kapitel 3
Zitternd lag sie im Schnee auf dem Dach und lauschte dem Echo der Worte, die sie soeben vernommen hatte. Versuchte zu begreifen, was sie bedeuteten.
Ich, dachte sie immer wieder.
Ich. Sie sprechen von mir. Linea.
Wieder und wieder hörte sie ihren Namen aus dem Mund des Jarls, begleitet von der Zustimmung Valdarrs, ihres Ziehvaters. Ein Mann, der so wichtig war in ihrem Leben. Ein Mann, der ihr alles bedeutete. Ein Mann, dem sie offenbar nichts bedeutete.
Schmerzhaft gruben sich ihre Fingernägel in ihre Handflächen, während Linea nun die Fäuste ballte und hörte, wie Valdarr kommentarlos das Langhaus verließ, die Tür hinter sich zuzog. Noch ehe sie es verhindern konnte, rannen ihr heiße Tränen die Wangen hinab und brannten Spuren in den aufgewühlten Schnee.
Verrat. Wie hatte er nur ihre Hand diesem grausamen und gierigen Mann versprechen können? Wie hatte er diese Verbindung zulassen können?
Wut keimte in ihr, schlang sich mit klammen Fingern um ihr Herz und drohte es ihr in der Brust zum Platzen zu bringen. Sie musste fort. Runter von diesem Dach, weg von Rutmar, weg von Valdarr.
Immer noch zitternd löste sich Linea aus ihrer Starre, wischte sich energisch mit dem Ärmel des Pelzumhangs die Tränen aus den Augen und robbte zur Leiter zurück. Wie genau ihre Füße und Hände den Halt fanden und sie vor einem Sturz in die Tiefe bewahrten, wusste sie nicht.
Sobald Linea den schlammigen Boden wieder unter den Stiefeln spürte, rannte sie los. Quer über den Platz, während weitere Zornestränen ihr die Sicht verschleierten. Es kümmerte sie nicht.
Im Rennen stolperte sie halb blind über ihre Füße, stieß gegen Karren und Marktstände und rempelte Leute an, die ihr wüste Beschimpfungen hinterherbrüllten. Es war ihr egal. Alles schien Linea auf einmal gleichgültig zu sein. Ihre Tränen, die zerzausten Haare … alles, wofür sie sich vor einer halben Fackel noch in Grund und Boden geschämt hatte, verlor seine Bedeutung, wenn sie an die Wertlosigkeit ihres Lebens dachte.
Wie kann er es wagen, einfach so über mein Leben zu bestimmen?
Sie rannte weiter. Über die vom Schnee befreiten Wege geradewegs auf das große Tor in der Holzpalisade zu. Kurz tauchten Hákon und Magnus in ihrem Blickfeld auf, aber Linea schenkte auch ihren Freunden, die ihr verwundert hinterherstarrten, keine Beachtung.
Immer wieder hörte sie Rutmars Worte in ihrem Kopf widerhallen, die ihr ein unangenehmes Kribbeln auf der Haut verursachten.
Besitzen, Weib, Sohn, bevor der Sommer kommt.
Mit jedem weiteren Wort wurde ihr die Bedeutung klarer, wuchs zu einer Last heran.
Linea wurde noch schneller, bahnte sich ihren Weg durch das Dickicht des Waldes, störte sich nicht an Dornen und vereisten Zweigen, die an ihrer Kleidung zerrten und ihr Gesicht zerkratzten. Ein unangenehmes Pochen breitete sich in ihrem Kopf aus. Sie schloss die Augen, ignorierte den Schmerz und rannte weiter. Die eisige Luft brannte qualvoll in ihrer Kehle, und ihre Lungen gierten nach Sauerstoff, bekamen nicht genug.
Linea blieb erst stehen, als der endlose blaue Fjord mit der spiegelglatten Oberfläche vor ihr auftauchte und sie bis an die Uferkante herantrat. Schwer keuchend stand sie da und presste fest ihre Hand gegen die linke Seite, wo sich ein unerträgliches Stechen ausbreitete.
Nur langsam beruhigte sie sich, konzentrierte sich auf ihre Atmung.
Einatmen.
Ausatmen.
Sie hielt die Augen weiterhin geschlossen, versuchte alles auszublenden, bis sie nur noch das sanfte Rauschen des kalten Nordwindes in den dürren Ästen der Bäume ringsum hörte.
Da war nichts mehr. Kein Entsetzen, keine Angst und auch keine Wut kämpften mehr in ihrem Inneren um die Führung. Gänzliche Leere erfüllte sie und sandte ein dumpfes Pochen durch ihren gesamten Körper.
Sie öffnete die Augen, und ihr Blick fiel auf ihre blutigen Handflächen, wo sie sich mit den Nägeln tief ins eigene Fleisch geschnitten hatte. Erschöpft sank sie am Ufer nieder und tauchte ihre geschundenen Hände in das klare, eisige Wasser des Fjords. Beobachtete, wie sich das Blut in sanften Schlieren mit dem Wasser vermischte und langsam von den seichten Bewegungen davongetragen wurde.
Die Zeit verstrich quälend langsam, während sie dort am Ufer hockte und auf das Wasser starrte. Linea ignorierte den betäubenden Schmerz, der sich in ihren Knien ausbreitete und sie zum Aufstehen bewegen wollte, und grub stattdessen ihre Füße ebenfalls in den tiefen Schnee.
Was sollte sie nun tun? Es ergab keinen Sinn, zurück ins Dorf zu gehen und ihrem Vater geradewegs in die Arme zu laufen. Wie sollte sie ihm unter die Augen treten und gleichzeitig so tun, als wisse sie nichts von dem Gespräch mit Rutmar? Sie glaubte nicht, dass Valdarr das Thema ihr gegenüber freiwillig ansprechen würde. Aber sie wusste ebenso, dass weder ihr noch ihrem Ziehvater eine Wahl blieb. Hatte Valdarr möglicherweise ohnehin vorgehabt, sie an Rutmar zu verheiraten? Hatte er vielleicht schon vor Jahren diese Vereinbarung mit dem Jarl getroffen? Wie sonst sollte sie es sich erklären, dass Valdarr seine Verteidigung so schnell aufgegeben hatte? Wenn nur der sorgende Ziehvater aus ihm gesprochen hatte, obwohl der Gefolgsmann in ihm wusste, dass es so kommen würde, wie der Jarl es wollte?
Der Jarl vergisst nichts, wenn ihm daraus ein Vorteil entsteht, dachte Linea verbissen. Wenn Valdarr mehrere Sommer Zeit gehabt hätte, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass Rutmar Linea zum Weib nahm, würde das seinen nur geringen Widerspruch erklären. Er hätte es bestimmt nicht einfach so hingenommen, wenn er soeben zum ersten Mal von den Plänen des Jarls erfahren hätte.
Aber würde das ein liebender Vater wirklich tun?
Ein trüber Gedanke kam Linea in den Sinn und trieb ihr einen bitteren Geschmack in den Mund.
Nein, sie war nicht Valdarrs Tochter. Sie war es nie gewesen.
Bereits als sie noch ein kleines Kind gewesen war, hatte Valdarr ihr erzählt, dass er nicht ihr leiblicher Vater sei. Dass sie als Säugling zu ihm gekommen sei und er geschworen habe, für sie zu sorgen.
Wer ihre Eltern wirklich waren, woher sie kamen und ob sie noch lebten, darüber hatte er noch nie ein Wort verloren. Sämtliche Fragen, die Linea ihm immer wieder über ihre Eltern oder ihre wahre Heimat gestellt hatte, hatte er abgeblockt und sie nur brüsk zurückgewiesen.
Indes war sich Linea sicher, dass sie nicht aus Skogbyen oder der näheren Umgebung stammte. Nicht nur der leicht rötliche Einschlag in ihren sonst blonden Haaren verriet sie, sondern auch kaum bemerkbare Unterschiede in ihren feinen Gesichtszügen deuteten darauf hin, dass sie nicht von dieser Küste stammte.
Genau genommen wusste sie nicht mal, ob sie wirklich Linea hieß, geschweige denn, wer Linea war. Sie kam sich selbst fremd vor, und gerade jetzt, da über sie und ihr Leben bestimmt wurde wie über das einer Sklavin, fühlte sie sich verlorener denn je.
Ihre Gedanken wanderten zurück zu Rutmar, dem Mann, dem sie versprochen war. Was wollte er mit einem Mädchen wie ihr? Er könnte jedes Mädchen haben, nach dem er sich verzehrte. Es gab genug Frauen in Skogbyen und auch in den umliegenden Dörfern, die alles dafür geben würden, um von dem Jarl ausgewählt zu werden. Und es war bei Weitem nicht unüblich, dass die Männer erneut heirateten, wenn die Mütter ihrer Söhne im Kindbett starben oder von fremden Kriegern geraubt oder getötet wurden.
Würde es für den Ruf des Jarls nicht sogar vorteilhafter sein, nähme er sich eine Gemahlin von höherem Stand als sie? Eine Schildmaid oder die Tochter eines anderen Jarls? Ohne Eltern und ohne namhaften Einfluss war Linea nicht mehr als eine Thral, eine Sklavin. Er hätte sie so oder so haben können, sie sich als Hure halten können, wie es ihm beliebte. Was aber erhoffte er sich von dieser offiziellen Verbindung mit ihr?
Linea konnte sich nicht vorstellen, dass er es allein auf die Demütigung Valdarrs abgesehen hatte. Dann hätte Rutmar nur warten müssen, bis Linea ihren siebzehnten Sommer erreichte und somit für alle Männer Skogbyens zur Verfügung stand.
Unwillkürlich tauchte das Bild Hákons in ihrem Geist auf. Der Sohn des Jarls wäre nach norwegischem Erbrecht der Anwärter auf den Thron seines Vaters, auch wenn seine Mutter bereits bei den Göttern weilte. Doch mit einer neuen Frau, mit welcher der Jarl auch noch ein Kind zeugte, würde ihm dieser Anspruch genommen werden.
Plante Rutmar genau das?
Es stellte kein Geheimnis dar, dass er nicht viel von seinem Sohn hielt und der Meinung war, sein Sohn tauge für nichts weiter als dumme Streiche und das Treiben des Viehs, aber hasste er Hákon so sehr, dass er einem zweitgeborenen Sohn die gesamte Herrschaft über das Dorf in den Schoß legen würde?
Angst wallte in Linea auf, als sie noch eine grausigere Ahnung beschlich. Dem Jarl war bestimmt nicht entgangen, dass sie Hákon als einen Freund sah und sich stets gut mit ihm verstanden hatte. Konnte etwa Eifersucht die treibende Kraft hinter seinem Vorhaben sein, sie zum Weib zu nehmen? Wollte er Hákon Linea streitig machen?
Das Feuer der Wut, das in ihrem Inneren wütete, wandelte sich augenblicklich in Ekel und Hass. Sie hasste Rutmar, hasste seine Macht, mit ihr tun zu können, was er wollte, und sie verachtete Valdarr für seine Entscheidung, ihm zuzustimmen.
Ihr war sehr wohl bewusst, dass sie in ihrer Position nicht in der Lage war, etwas an den Plänen der Männer zu verändern, und doch fasste sie den Entschluss, sich ihnen nicht leichtfertig zu beugen.
Völlig entkräftet trat sie vom Ufer zurück und fand unter einer hohen Kiefer einen Platz, der vom Schnee gänzlich unberührt war. Sie setzte sich auf den mit Kiefernnadeln bedeckten Boden, den Stamm im Rücken, und zog den dicken Bärenfellumhang enger um ihre schmalen Schultern.
Sie fühlte sich schlapp, regelrecht ausgelaugt von der Flut an Emotionen, die stetig in ihrem Inneren tobten. Langsam schloss sie die Augen, und obwohl ein eisiger Wind über ihr Gesicht wehte, nickte sie wenig später ein.
Raue Stimmen gellten durch die Luft, erfüllten die Nacht über der aufgewühlten See. Das Holz ächzte, die Takelage knarzte und das Segel raschelte im Wind.
Linea schaute angespannt auf die Knorr hinab. Ihr war, als würde sie in den Wolken sitzen und auf das Geschehen auf dem Meer blicken.
In der Ferne färbte sich der Horizont orangerot über der scharfen Kante der hohen Klippen. Rauch stieg von den zerstörten Hütten auf und schien mit ausgestreckten Armen nach dem flüchtenden Schiff zu greifen, das immer schneller Fahrt aufnahm und gen Osten segelte.
Das Bild zerstob und nun sah sie in das junge, wenngleich auch zerschrammte Gesicht Valdarrs, der ungestüm auf sie einredete, doch sie verstand nichts von dem, was er sagte. Blut troff aus seiner schiefen Nase und verklebte ihm den blonden Bart, der nicht halb so lang war, wie sie es von ihm kannte. Angst stand in seinen grauen Augen, und immer drängender wurden seine Worte, die jedoch nicht bis zu ihr durchdrangen.
Sie spürte seine starken Arme, als er sie hielt und ihr Gesicht vor dem Schrecken verbarg, der hinter ihnen lag.
Was war geschehen, dass ein so großer, starker Krieger solch eine Angst hatte?
Panik ergriff von Linea Besitz, ließ ihr Herz erbarmungslos schmerzhaft gegen die Rippen hämmern und beschleunigte ihre Atmung, brachte die Welt um sie herum ins Schleudern und vertrieb das Bild des jungen Valdarr.
Plötzlich schaute sie in dunkle, blaugrüne Augen – ihre Augen. Der flehentliche Blick, der aus ihnen sprach, erschütterte Linea bis ins Mark, nahm ihr die Luft zum Atmen. Es war das Gesicht einer Frau. Die jungen, weichen Züge waren erstarrt und ließen sie viel älter aussehen, als sie eigentlich sein konnte – nicht älter als zwanzig Jahre. Doch die tiefen Furchen auf ihrer Stirn und die kleinen Fältchen um die Augen herum erweckten den Anschein, dass sie die Dreißig weit überschritten hatte. Die aufgeplatzten Lippen hatte sie zu einer schmalen Linie zusammengepresst.
Eine hohe Stimme gab einen entsetzlich qualvollen Schrei von sich, der sich in ihrem Kopf mit den eindrucksvollen blaugrünen Augen vermischte und in ihren Ohren klingelte, so wie das Kreischen von Metall auf Metall.
Linea schreckte keuchend hoch. Sie spürte einen unangenehmen Druck auf den Schultern. Das Erste, was sie verschwommen wahrnahm, waren die schattenhaften Konturen der umstehenden Bäume.
Sie musste mehrere Male blinzeln, bis sich ihre Sicht klärte und sie bemerkte, dass ihr die Tränen in den Augen standen. Ihr Herz klopfte heftig und sie fühlte ihren Puls am Hals stark pochen. Die Angst, die der Traum in ihr ausgelöst hatte, steigerte sich noch, als sie nun das drückende Gewicht auf den Schultern zwei starken Händen zuordnete, die sie weiterhin mit dem Rücken an den Baumstamm drückten.
Panisch schlug sie um sich, trat mit den Füßen, egal, was sie zu treffen hoffte, wollte sich aus der starren Position lösen, aufstehen, flüchten. Ein lautes Fluchen war zu hören, als sie mit ihrem Ellbogen tatsächlich etwas traf, das sich in ihrem Rücken befand und wesentlich weicher war als der Stamm der Kiefer.
»Linea! Verdammt, komm zu dir!« Der Druck auf ihre Schultern verstärkte sich und sie spürte einen heißen Atem im Nacken, was sie noch weiter dazu anstachelte, wie wild um sich zu schlagen.
Ruckartig wandte sie den Kopf nach links und versenkte die Zähne tief in dem Fleisch ihres Angreifers. Dieser heulte sofort schmerzerfüllt auf, und die Hände ließen sie los. Schnell sprang sie auf die Füße und griff nach dem erstbesten Stock, der vor ihr aus dem Schnee ragte, um sich zu verteidigen.
Als sie den Kopf hob, erkannte sie ihn. Dieses Gesicht mit der großen Nase und den vielen Sommersprossen, die auch im Winter nie ganz verschwanden, würde sie überall wiedererkennen. Zwischen den Bäumen, keine zwei Mannslängen von ihr entfernt, stand Hákon, der sie mit einem wütenden Blick bedachte und die blutige Hand an seinem Mantel abwischte. Die Spuren ihrer Zähne leuchteten grellrot vor dem schneeweißen Hintergrund.
Als Hákon merkte, dass Linea sich ein wenig beruhigte, hob er beschwichtigend die Hände und machte einen zaghaften Schritt auf sie zu.
»Es war nur ein Traum, Nea«, murmelte er mit ruhiger Stimme und wagte einen weiteren Schritt, als sie sich nicht rührte.
Nahezu sanft legte er nun seine Hände erneut auf ihre Schultern und was sich soeben noch unangenehm drückend angefühlt hatte, empfand sie nun als wohltuend und beruhigend. Eine vertraute Wärme breitete sich unter seinen Handflächen aus und strömte durch Lineas gesamten Körper bis zu den eiskalten Fingerspitzen, die noch immer krampfhaft den Stock umklammerten.
Das ängstliche Zittern ihrer Glieder hielt an und langsam zog er sie näher zu sich. Ruhig wanderten seine Hände über ihre Arme, strichen über die angespannten Muskeln unter dem dicken Umhang und fanden schließlich ihre Hände. Sanft löste er ihren Griff um das kalte Holz und warf den Stock hinter sich zurück in den Wald.
»Wie hast du mich gefunden?«, flüsterte Linea mit brüchiger Stimme, während sie den Kopf in den Nacken legen musste, um ihn anzusehen, so nah stand er vor ihr.
»Das war nicht gerade schwer«, meinte er mit einem anmaßenden Lächeln auf den schmalen Lippen. »Ich bin einfach deiner Spur der Verwüstung gefolgt.«
Er deutete ein Nicken in Richtung Wald an und Linea stellte sich auf die Zehenspitzen, um über seine Schulter schauen zu können. Hákon hatte tatsächlich gar nicht so unrecht, man konnte nur allzu deutlich erkennen, dass sich jemand ohne Rücksicht auf Verluste einen Weg durch das Unterholz gebahnt hatte.
Sogleich fühlte Linea wieder ein dumpfes Pochen auf ihrer Wange, wo sich eine ordentliche Schramme über ihr Gesicht ziehen musste, denn es spannte unangenehm, als sie versuchte zu lächeln.
»Was, bei allen Göttern, hat dich denn so wütend gemacht?«, fragte er und eine tiefe Sorgenfalte bildete sich zwischen seinen dichten Augenbrauen.
Ihr Lächeln erstarb. Beschämt sah sie zu Boden und schielte auf ihre Stiefelspitzen. Sie brachte es nicht über sich. Konnte ihm nicht erzählen, was sie gehört hatte. Wie sich ihr Leben in den nächsten Monden verändern würde, welche Rolle er dabei spielte, was das für ihn bedeutete. Für ihre Freundschaft. Aber sie wollte es ihm sagen. Wollte, dass er wusste, wie schwer es ihr fiel, mit diesem Wissen zu leben. Wollte ihm versichern, dass er nichts dafürkonnte, genauso wie er es nicht würde verhindern können.
Und doch wusste sie, wenn ihr einer in dieser aussichtslosen Situation helfen konnte, dann war es Hákon.
Erneut spürte sie, wie sich unnachgiebig heiße Tränen in ihre Augen stahlen und ihre Unterlippe unkontrolliert zu zittern anfing. Eine bittere Erkenntnis drängte sich in ihr Bewusstsein.
Wenn ich es ihm nicht erkläre, wird er es von Rutmar erfahren.
Dennoch brachte sie die enthüllenden Worte nicht über die Lippen.
»Es geht dich nichts an«, erwiderte sie trotzig.
Zumindest noch nicht.
Beleidigt ließ er ihre Hände los und trat einen Schritt zurück.
»Wie du willst«, sagte er kalt. Sämtliche Wärme und Zuneigung wichen aus seinem Blick. »Komm mit zurück ins Dorf, es wird gleich dunkel.«
Linea schwieg beharrlich und stapfte energisch, immer noch mit Tränen in den Augen, an ihm vorbei. Zögernd folgte er ihr, wahrte jedoch einen Abstand von gut drei Mannslängen zu ihr.
Die Dämmerung warf bereits lange Schatten, als das Tor in der Palisade endlich in Sichtweite kam und sie die Fackeln zu beiden Seiten leuchten sahen. Hákon behielt recht. Im Winter war es hier so hoch im Norden bei Weitem nicht so lange hell wie im Sommer. Die Tage waren kurz, die Nächte lang.
Linea wusste nicht, wie lange sie der Albtraum gefangen gehalten hatte und wie viele Fackeln seit ihrer Flucht verbrannt waren, aber jetzt wurde ihr bewusst, dass der ganze Tag vergangen war.
Nachdem sie das Tor passiert hatten, drehte sie sich noch einmal zu Hákon um. Sie wusste nicht genau, wie sie es tun sollte, aber sie hatte das Bedürfnis, ihn um Verzeihung zu bitten.
Er war ihr in den letzten Monden wichtig geworden und sie wollte, dass er das wusste. Gleichwohl spürte sie einen stechenden Schmerz in der Brust, wenn sie daran dachte, was ihnen beiden bevorstand.
Ehe er sich abwandte, fing sie kurz seinen Blick ein. Ein dunkles Glitzern, das ihr aus seinen leuchtend blauen Augen entgegenfunkelte und ihr erneut das Gefühl von Geborgenheit gab. Sie öffnete den Mund, wusste jedoch nicht, was sie sagen sollte. Dann drehte er sich auch schon um und eilte zügig zum Haus der Wachen.
Sobald Hákon in der Menschenmenge von abziehenden Händlern verschwunden war, kehrte die eisige Kälte in ihre ohnehin schon steifen Glieder zurück. Erst jetzt wurde Linea klar, dass sie immer noch in der Kleidung von heute Morgen herumlief, die obendrein nach ihrem Ausflug in den Wald zerrissen und auch noch voller Schlamm und Schnee war. So unauffällig wie möglich machte sie sich auf den Heimweg.
Sie war schon beinahe an der Tür zu Valdarrs Hütte angekommen, als ihr siedend heiß einfiel, dass sie den Korb mit den Fischen und Netzen an der Rückseite des Langhauses vergessen hatte.
Linea machte auf dem Absatz kehrt und eilte zurück über den Platz. Der sich stetig füllenden Methalle schenkte sie dabei kaum Beachtung. Als sie das Langhaus passierte, war sie froh, dass der Jarl und seine Anhänger schon hinübergegangen waren.
Sie fühlte sich nun wirklich nicht in der Lage, ihm nach den heutigen Ereignissen gegenüberzutreten. Das gleiche Problem sah sie bei dem Gedanken daran, gleich ihren Ziehvater zu sehen.
Wie sollte sie ihm bloß erklären, wo sie den ganzen Tag lang gewesen war und warum sie so aussah, als hätte sie ein tollwütiger Bär durch die Wälder gejagt?
Nervös kaute sie auf ihrer Unterlippe, während sie den Korb hinter einer großen Holzkiste hervorzog, ihn aufnahm und sich wieder auf den Weg nach Hause machte.
Währenddessen begegnete ihr keine Menschenseele, was nicht weiter ungewöhnlich war, denn mittlerweile hatte sich die winterliche Dunkelheit vollends über das kleine Dorf gelegt. Viel schneller, als ihr lieb war, stand sie vor der schiefen Holztür von Valdarrs Hütte.
Mit einem kräftigen Ruck warf sie sich gegen die Tür, die entsetzlich quietschte, jedoch mit einem schauerlichen Kratzen auf dem Fußboden nach innen aufschwang.
Der Anblick, der sich ihr bot, überraschte sie vollends. Sie hatte erwartet, den Raum dunkel, kalt und verlassen vorzufinden. Linea war fest davon überzeugt gewesen, dass ihr Ziehvater zu der Feier des Jarls eingeladen war, die nur wenige Schritte entfernt in der Methalle stattfand.
Wenn sie ehrlich mit sich selbst war, hatte sie gehofft, ihn an diesem Abend nicht anzutreffen, wollte sie doch die Nacht nutzen und sich die Worte zurechtlegen, die sie ihm zum Thema Jarl entgegenzuschmeißen gedachte.
Hier saß er nun seelenruhig am hell flackernden Feuer und tauchte seine rechte Hand in einen schneegefüllten Eimer.
Linea erschauderte bei dem Gedanken, warum er diesen Eimer benötigte, riss sich aber jäh zusammen, als ihr einfiel, dass er nichts von ihrer Anwesenheit beim Gespräch mit dem Jarl wusste.
Sie stieß die Tür mit dem Hintern zu und stellte den Korb mit den Fischen auf den großen Eichentisch in der Mitte des Raums. Ehe sie sich zu Valdarr umwandte, der sie bisher nur stumm musterte, atmete sie tief ein, um die innere Ruhe zu bewahren und nicht in Tränen auszubrechen und sich so zu verraten.
Bevor sie etwas sagen konnte, brach ihr Ziehvater das Schweigen. »Wie siehst du denn aus? Hat dich ein Rudel hungriger Wölfe angegriffen?«
War es Spott oder Wut, was da in seiner Stimme mitklang? Linea wusste es nicht, scherte sich auch nicht darum, als sie die Schultern straffte und die Arme zitternd vor der Brust verschränkte. »Der Weg zum Fluss war beschwerlicher, als ich dachte. Der Schnee macht es nicht gerade einfacher, durch den Wald zu gehen.«
»Gehen? Du siehst eher aus, als wärst du gerannt.« Er brummelte etwas in seinen Bart, das Linea nicht verstand, und musterte sie erneut mit einem scharfen Blick.
»Nun, das bin ich auch«, gestand sie kleinlaut. »Ich wollte vor der Dämmerung wieder zurück sein und das Eis hatte die Netze …«
Aber Valdarr hatte sich bereits von ihr abgewandt und starrte finster ins Feuer. Unsicher, was sie nun tun oder sagen sollte, schaute Linea auf den Eimer, der auf dem Tisch stand und in dem noch immer seine Hand steckte.
»Warum bist du nicht früher gekommen? Eis an den Netzen hält dich doch sonst nicht auf«, riss er sie aus ihren Gedanken.
Linea sog scharf die Luft ein. Sollte sie die Chance ergreifen und ihn mit dem konfrontieren, was sie heute Morgen gehört hatte?
Nein, dazu fehlte ihr nach wie vor der Mut. Allerdings war es vielleicht möglich, ihm ein paar Informationen zu entlocken. Schließlich hatte sie Fragen, die sie sich allein aus dem Gespräch heraus nicht beantworten konnte. Allen voran die große Frage, die ihr gesamtes Leben bereits beeinflusst hatte.
»Ich war so erschöpft von der Plackerei, dass ich am Ufer eingeschlafen bin. Und …« Sie stockte kurz. »Und ich hatte einen merkwürdigen Traum.« Als er nicht reagierte und nur weiter teilnahmslos ins Feuer stierte, atmete sie tief ein und stellte die Frage, die sie so oft stellte. »Valdarr, du weißt, wer meine Eltern sind, oder?«
Stille. Nur das leise Knistern des Feuers war zu hören.
Linea seufzte. Sie hatte damit gerechnet, auch dieses Mal keine Antwort zu bekommen.
Gerade wollte sie zu einer weiteren Frage ansetzen, als ihr Ziehvater den Blick hob und sie ansah. Seine Augen glänzten seltsam und seine Lippen zitterten, als er die Worte formte. »Bin ich dir kein guter Vater gewesen, Linea?«
Beinah lag ihr eine bittere Erwiderung auf der Zunge, was er denn für ein Vater sei, der seine eigene Tochter an einen grausamen Jarl verschacherte wie das Vieh an den Schlachter, dann sah sie erneut seine feucht glänzenden Augen. Mitleid, Sorge und Kummer meinte sie darin lesen zu können. In ihnen lag keins der Gefühle, die sie zu sehen erwartet hatte. Keine Gier, Genugtuung oder gar Gleichgültigkeit. Sie war ihm nicht egal.
»Doch, das warst du«, räumte sie ein und machte einen unsicheren Schritt auf ihn zu, setzte sich vor ihm auf den Boden vor das wärmende Feuer. »Kannst du denn nicht verstehen, warum ich wissen möchte, wer ich bin, wo ich herkomme?«
Valdarr sah sie lange schweigend an und Linea erwiderte seinen Blick ebenso stur. Ihr war, als kämpfte er mit sich selbst, und noch konnte sie nicht sagen, welche Seite in ihm als Gewinner aus diesem stummen Kampf hervorgehen würde. Der liebende Vater oder der treue Gefolgsmann des Jarls.
»Wirst du mir nun endlich erzählen, wer meine wirklichen Eltern sind, oder muss ich warten, bis es mir mein zukünftiger Gemahl unter die Nase schmiert?«, bohrte sie weiter und nun sprach Ungeduld aus ihr.
Sein Zögern fachte erneut die Wut in Linea an, brachte ihr Herz wieder zum Toben und trieb ihr neuerliche Tränen in die Augen. Sie fühlte bereits, wie sich die rötlichen Flecken auf ihrem Hals ausbreiteten.
Ihr Gefühlsausbruch verfehlte seine Wirkung nicht. Klappernd fiel der Schneeeimer zu Boden, den Valdarr soeben vom Tisch genommen hatte. Mit vor Schreck geweiteten Augen starrte er sie an.
Energisch stand Linea auf, strich ihre zerrissene Kurztunika glatt und verschränkte die Arme vor der flachen Brust. »Ja, ich weiß von deinem Vorhaben. Oder sollte ich besser sagen: eurem Vorhaben? Wie lange hast du schon geplant, mich an den Jarl zu verschachern, als wäre ich nicht mehr als eine Hure aus dem Haus der Lüste in der Stadt des Königs?«
Sämtliche Farbe wich aus dem Gesicht ihres Vaters, allein das Schmelzwasser von seiner verkrüppelten Hand tropfte auf den festgestampften Lehmboden. Es verschlug ihm regelrecht die Sprache, denn er starrte sie weiterhin fassungslos an.
»Wo… woher weißt du davon?«, brachte er schließlich stotternd hervor.
Linea schnaubte und begann hektisch vor dem Kamin auf und ab zu gehen. »Ich habe euer Gespräch eben … gehört«, sagte sie schlicht. »Aber es tut weiter nichts zur Sache, früher oder später hätte ich es mitbekommen, oder nicht? Also, wirst du mir jetzt erklären, was für den Jarl wohl kein Geheimnis mehr zu sein scheint? Wie konntest du überhaupt zulassen, dass dieser schreckliche Mensch mehr über mich weiß als ich selbst?«
Am liebsten hätte sie ihn angebrüllt, ihm noch mehr von den Fragen entgegengeschleudert, die in ihrem Kopf kreisten, aber sie zwang sich, so ruhig wie möglich zu bleiben. Dies war ihre Chance, endlich alles zu erfahren, was sie wissen wollte.
Linea spürte, dass sie den Antworten auf die quälenden Fragen noch nie so nah gewesen war wie in diesem Moment. Und es kostete sie all ihre Selbstbeherrschung, nun das Schweigen nicht zu brechen und Valdarr zu dem einzig richtigen Schluss kommen zu lassen.
Die Zeit verging langsam, zäh wie das klebrige Harz der Kiefern, doch Linea wandte sich nicht von ihrem Ziehvater ab, wagte nicht einmal zu blinzeln. Ein kleines Gefühl von Triumph pulsierte durch ihre Adern, als sie seinen Blick schließlich brechen sah und er kapitulierend seufzte.
»Also gut. Ich werde dir erzählen, was ich weiß. Aber es ist eine lange Geschichte, in der viel passiert ist. Bist du sicher, dass du nicht erst die nassen Sachen ablegen willst, Linea? In den Hallen der Götter wird dir das Wissen nicht viel nützen.«
Kapitel 4
In Windeseile huschte Linea in ihre kleine Kammer links des Hauptraumes und befreite sich von den durchnässten Kleidungsschichten.
Aufregung pulsierte durch ihre Adern und trieb heißes Blut in jedes der vor Kälte steifen Glieder. Mühelos schaffte sie es, sich ein sauberes, schlichtes Leinenkleid über den Kopf zu ziehen und mit einer wollenen Decke bewaffnet zurück zu Valdarr zu hechten, der gerade von Klod einen neuen Eimer Schnee für seine Hand entgegennahm.
»Denkst du nicht, du hast die Wunde genug gekühlt? Wenn du deine Hand noch länger in den Schnee steckst, frierst du dir die noch verbliebenen Finger ab«, bemerkte Linea, als sie sich ihm gegenüber am Tisch niederließ.
Statt einer Antwort bekam sie nur ein Schulterzucken begleitet von einem gleichgültigen Brummen. Linea seufzte und wandte sich an den Sklaven, der mit eingezogenem Kopf zur Tür zurückgeschlichen war.
»Klod«, sagte sie und der Sklave drehte sich zu ihr um, »bring mir frisches Leinen, ein scharfes Messer und …« Sie wagte einen abschätzenden Blick auf ihren Vater, der wieder finster ins Feuer starrte. »… einen großen Krug Met.«
Der Sklave nickte gehorsam und verschwand durch einen schmalen Türspalt in den angrenzenden Raum.
Linea erhob sich nun doch wieder von ihrem Platz und umrundete den großen Tisch. Wortlos griff sie nach Valdarrs Arm und hob die geschundene Hand aus dem tiefen Eimer. Sie betrachtete die frische Wunde.
Sie sah nicht so schlecht aus, wie sie angenommen hatte. So bitter die Erkenntnis auch war, Rutmar hatte einen guten Schlag geführt. Die beiden letzten Finger waren sauber nach dem zweiten Glied abgetrennt worden, sodass jeweils nur ein kleiner Stumpf zurückblieb, dessen Ränder eine matte bläuliche Färbung angenommen hatten. Die Wundränder hatten sich durch den kalten Schnee schon so weit zusammengezogen, dass auch kein Blut mehr hindurchsickerte.
Linea kaute auf ihrer Unterlippe und warf Valdarr immer wieder prüfende Blicke zu. Seine sture Aufmerksamkeit galt nicht mehr dem Feuer, stattdessen sah er nun sie ausdruckslos an. Linea bezweifelte, dass er keine Schmerzen mehr empfand, wie er ihr vormachen wollte, und deshalb kostete ihr nächster Satz sie mehr Überwindung, als sie sich eingestehen wollte.
»Wir müssen die Wunde ausbrennen. Sonst könnten sich die Finger entzünden.«
Valdarr nickte nur stumm und sah sie finster an. Linea ließ langsam die Luft, die sie angehalten hatte, wieder entweichen und griff nach dem Schürhaken, der neben der Feuerstelle lag. Sie wusste nicht genau, wie man eine noch beinah frische Wunde ausbrannte, aber ihr fiel nichts Besseres ein, als es zu versuchen.
Das Feuer flackerte munter vor sich hin und Linea legte die flache Spitze der Metallstange mitten in die weiße Glut.
Die Tür öffnete sich und der Sklave kam wieder herein, legte Messer und Leinen auf dem Tisch ab und stellte den Humpen vor seinen Herrn auf die Platte, der sogleich danach griff und ihn mit einem tiefen Zug leerte. Mit einer ruckartigen Kopfbewegung forderte er Klod auf, ihm noch einen neuen Krug zu bringen. Der Sklave warf Linea einen flüchtigen Blick zu, doch diese nickte nur zustimmend.
Und wenn ich ihm heute Abend das ganze Fass einflößen muss, vielleicht lindert der Met nicht nur seine Schmerzen, sondern löst obendrein noch seine Zunge.
Sie hatte das seltsame Gefühl, dass Valdarr jegliche Unterstützung gebrauchen konnte, um ihr die Geschichte ihrer Vergangenheit zu erzählen.
Als der Sklave wenig später mit einem neuen Krug Met hereinkam, griff Linea entschlossen nach dem nun glühenden Eisen und nach der rechten Hand ihres Vaters.
»Bereit?«
Ein stummes Nicken folgte. Linea holte tief Luft und presste mit einer schnellen Bewegung die heiße Spitze des Schürhakens auf den Stumpf des kleinen Fingers.
Ein scharfes Zischen ertönte, als das heiße Metall auf das rote Fleisch traf und unverzüglich die Wunde schloss. Lediglich das unterdrückte Keuchen, das Valdarrs blassen Lippen entwich, vermochte das Geräusch zu übertönen.
Linea warf ihrem Ziehvater einen besorgten Blick zu. Sein Gesicht war mit einem Schlag kreidebleich geworden und auf seiner Stirn stand ein glänzender Schweißfilm. Der beißende Geruch von verbranntem Fleisch setzte sich in ihrer Nase fest und ihr ohnehin schon gereizter Magen rebellierte.
Zügig nahm sie das Eisen von der Wunde, und ohne weiter darüber nachzudenken, drückte sie die andere Seite der platten Spitze auf den zweiten Stumpf. Ein raues Stöhnen des Verletzten war zu hören und Linea spürte, wie sich die Muskeln in seinem Arm vor Schmerzen verkrampften. Sie packte noch fester zu, versuchte den stechenden Geruch und das grausame Zischen von verbrennendem Fleisch zu ignorieren.
Als sie diesmal den glühenden Haken von seiner Wunde löste, begegneten sich ihre Blicke. Linea sah deutlich den Schmerz und die Erschöpfung in seinen Augen, doch da war noch etwas anderes. Etwas, das nichts mit der Wunde oder dem verletzten Stolz ihres Vaters zu tun hatte. War es Schuld, vielleicht Reue?
Hastig drehte sie sich um und legte den Schürhaken zurück an seinen Platz neben der Feuerstelle. Sie rieb sich die schwitzigen Hände an ihrem Kleid trocken, ehe sie nach den Leinenstreifen auf dem Tisch griff.
»Ich denke, ich schulde dir etwas«, brach Valdarr endlich das Schweigen.
Linea riss sich zusammen, um das freche ›allerdings‹, das ihr auf der Zunge lag, für sich zu behalten, und machte sich stumm daran, seine Hand zu verbinden.
»Du hattest recht. Ich weiß, wer deine Eltern sind. Ich wusste es immer. Aber glaub mir, Linea, ich musste deiner Mutter das Versprechen geben, dich zu schützen.« Seine Stimme zitterte leicht und Linea versuchte vergeblich in seinen Augen zu lesen, was er gerade empfand, was ihn dazu bewog, ihr nun endlich die Wahrheit zu sagen.
»Schützen? Wovor?«, fragte Linea neugierig, während sie die Leinenstreifen vorsichtig um seine Finger band und dann auch die Hand bis zum Gelenk umwickelte.
»Vor der Rache eines Verräters«, knurrte er und in seinen Augen loderte ein Feuer der Wut, das Linea schon lange nicht mehr bei ihm gesehen hatte.
»Am besten, du fängst ganz von vorne an«, schlug sie vor, um eine ruhige Stimme bemüht, auch wenn ihr das nicht so gut gelang, wie sie gerne gewollt hätte. Zu nah war die Wahrheit, nach der sie zeit ihres Lebens gesucht hatte. Sie wollte jetzt endlich Gewissheit haben.
Doch sie drängte ihren Vater nicht weiter, als dieser seufzte und einen weiteren tiefen Schluck aus dem Krug nahm.
Linea verklebte den letzten Streifen Leinen mit einem Klecks Kiefernharz, das Klod in weiser Voraussicht mitgebracht hatte, setzte sich dann ihrem Vater gegenüber an den Tisch und faltete geduldig die Hände im Schoß. Sie wagte es kaum, ihren Ziehvater anzusehen, doch aus ihm schien endlich alle Unsicherheit gewichen zu sein, denn er blickte ihr mit kalten grauen Augen entgegen und begann mit seiner Geschichte.
»Ich habe nicht immer hier in Skogbyen gelebt«, eröffnete er ihr leise. »Geboren worden bin ich in Danelag. Das liegt auf der großen Insel im Westen und ist jetzt wieder den Angelsachsen in die Hände gefallen, die schon zum Zeitpunkt meiner Geburt um dieses verfluchte Land kämpften. Als Spross einer Hure gab es für mich nur eine Möglichkeit, um meinem sicheren Tod zu entkommen. Ich floh als kleiner Junge auf einem der letzten Schiffe unserer Leute nach Húsavík.« Er machte eine Pause und nahm erneut einen tiefen Zug aus dem Holzkrug, bevor er sie erneut mit durchdringendem Blick fixierte. »Sag mir, Linea, was weißt du über Eirík Raude?«
Linea erstarrte. Im ersten Moment glaubte sie, sich verhört zu haben. Konnte er wirklich von dem größten Seemann sprechen, von dem er ihr als kleines Kind immer erzählt hatte?
Er schien seine Frage ernst zu meinen, denn seine umschatteten Augen glitzerten neugierig.
Linea räusperte sich. »Nur was du mir damals gesagt hast.«
Er nickte wissend und ließ ein kehliges Lachen verlauten, das ihr Unbehagen bereitete. Instinktiv zog sie die Decke fester um ihre Schultern.
»Du weißt nichts. Gar nichts«, sagte er und seine Stimme war wieder ernst. »Das waren nichts als Sagen, die ich mir für dich ausgedacht habe, Kleines.«
Sein Blick ruhte noch kurz auf ihr, wanderte dann jedoch weiter und er starrte ins flackernde Feuer.
»Aber ich kannte Eirík besser, als du denkst«, fuhr er nach einer Weile fort. »Ihm fiel ich nämlich direkt in die Hände, als unser Schiff in Eisland anlegte. Was jetzt folgt, ist eine lange Geschichte von Mördern und Märtyrern, die ich dir hier allerdings ersparen will.«
Linea hatte schon den Mund geöffnet und wollte ihm widersprechen. Sie wünschte sich beinah die Zeit zurück, in der sie gemeinsam vor dem Feuer gesessen und sie seinen fabelhaften Erzählungen gelauscht hatte, doch Valdarr schien wie in einer eigenen Welt versunken. Als säße er nicht mehr hier mit ihr, sondern wäre wieder auf dem Schiff.
»Für dich ist nur wichtig zu wissen, dass Eirík Raude kurze Zeit später mit einer kleinen Flotte in den Westen aufbrach, um neues Land für sich und seine Familie zu finden. Ich heuerte bei ihm als Knappe an, weil er der Einzige war, der mich nicht wie der letzte Dreck unter den Fingernägeln eines Bettlers behandelte.« Er schnaubte laut und nahm einen weiteren Schluck Met. »Die Mission war erfolgreich und wir entdeckten nach mehreren harten Tagen und hohen Verlusten ein Land, so grün, wie du es dir nicht vorstellen kannst, Linea. Solche grünen Wiesen hatte ich noch nie zuvor gesehen. Sie erstreckten sich, so weit das Auge reichte, und nirgendwo gab es Hinweise auf Menschen.«
Seine Augen wurden glasig und Linea war, als beobachtete sie ihn dabei, wie er erneut über diese endlosen Wiesen blickte, die raue See im Rücken.
Sie schloss die Augen und versuchte sich diese unendliche grüne Weite vorzustellen, der atemberaubende Anblick, der sich ihrem Ziehvater damals geboten hatte. Linea bezweifelte, dass ihre Vorstellung auch nur annähernd an die Wirklichkeit heranreichte.
»Was passierte dann?«, wisperte sie und öffnete die Augen wieder.
»Es fiel Eirík leicht, in dem unbewohnten Land ein Lager aufzuschlagen, das sich schnell zu einem Dorf entwickelte«, führte Valdarr seine Erzählung fort und fuhr sich gedankenverloren mit der gesunden Hand durch den silbernen Bart. »Er segelte zurück nach Eisland um mehr Menschen mit ins Grüne Land zu nehmen, und auch seine Familie und seine vier Kinder nahm er mit. Als er sein Gut Brattahlíð im Südosten bezog, lebte ich bei ihm und seiner Familie als freier Arbeiter und erledigte allerlei Aufgaben für ihn.«
Linea hatte längst die Knie auf dem Stuhl angezogen und das Kinn darauf abgelegt und lauschte nun erneut mit geschlossenen Augen der tiefen Stimme ihres Ziehvaters.
»Einige Sommer später«, fuhr er fort, »als seine Tochter Freydís mit ihrem Gemahl Torvard aufbrach, um ein weiteres sagenumwobenes Land südwestlich des Grünen Landes zu finden, nahm sie mich als Kendtmann mit. Ich hatte auf den Überfahrten mit Eirík viel gelernt und er hat mir alles beigebracht, was unser Jarl heute so an mir zu schätzen weiß.« Sein Blick verfinsterte sich bei diesen Worten. »Er hielt mich für fähig, das Schiff seiner Tochter zu führen, und wir erreichten schließlich das Land hinter den Nebeln.«
»Hinter den Nebeln?«, fragte Linea und runzelte die Stirn. Sie hatte noch nie von einem solchen Land gehört, nicht mal von einer Tochter Eirík Raudes hatte sie gewusst.
Valdarr nickte langsam. »Wir fuhren tagelang durch eine dicke, trübe Suppe aus Nebel und sahen weder Fels noch Wellen, bis wir ans Ufer dieses fremden Landes gespült wurden.« Er schielte an ihr vorbei, sein Blick in die Ferne gerichtet, und Linea widerstand dem Drang, über ihre Schulter zu schauen, konnte sie doch ohnehin nicht sehen, was Valdarr sah. Er seufzte und seine Augen richteten sich wieder auf sie. »Alle waren erleichtert und vor allem ihre eisländischen Begleiter, Helgi und Finnbogi, die sie eingeladen hatte, sie zu begleiten, waren froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren.«
Valdarr verstummte plötzlich. Etwas hatte sich in seiner Art zu erzählen verändert. Es sprachen nicht mehr die Erinnerung und der Stolz aus seiner Stimme, sie klang traurig und schmerzerfüllt, so als würden ihm die Worte, die nun über seine Lippen kamen, großes Leid zufügen.
Selbiges verrieten auch seine Augen, als er den Kopf hob und zu ihr herübersah. »Doch auch unter Freunden kann der Frieden nicht ewig halten, merk dir das, meine Kleine. Freydís geriet mit ihren Begleitern in Streit, was dafür sorgte, dass sie ihr Bündnis lösten. Fortan gab es drei neue Lager in Vinland.«
»Vinland?«, unterbrach sie ihn erneut.
Ein Lächeln schlich sich auf seine verhärmten Züge. »Vinland. Das Land, das vor Freydís bereits ihr Halbbruder Leif entdeckte. Benannt hat er es nach diesen seltsamen Beeren, die dort verstreut wuchsen, die aber so scheußlich schmecken wie schwarz verbranntes Rattenfleisch. Nur das rote Gesöff, das sie daraus machten, war einigermaßen auszuhalten.«
»Und weiter? Was geschah mit den Freunden?«, fragte sie gespannt. In ihrem Kopf sah sie es bildlich vor sich, wie Freydís mit ihren Freunden beisammenstand, unter ihnen das weite grüne Land und ganz in der Ferne der im Nebel verschwindende Horizont mit dem großen, weiten Meer dahinter.
Valdarr seufzte. Gedankenverloren friemelte er an dem provisorisch angelegten Verband herum, während er weitersprach. »Was soll schon groß passieren mit Freunden, Gefährten, die ihr Bündnis lösen, wenn jeder auf eigene Faust versucht zu überleben?« Bitterkeit und Hass lagen nun in seiner Stimme, und Linea kaute angespannt auf ihrer Unterlippe. »Sie fielen übereinander her, plünderten und zerstörten. Freydís, die sich um Frieden zwischen ihnen bemühte, besuchte Helgi und Finnbogi in ihren Lagern, doch sie wollten nichts von einem neuen Bündnis wissen und …« Er stockte und schluckte hastig. Schluckte den nächsten Satz herunter, der ihm bereits auf der Zunge lag.
Fasziniert beobachtete Linea das Mienenspiel ihres Ziehvaters. Ihr war, als föchte er einen inneren Kampf mit sich selbst aus, darüber, was er ihr als Nächstes sagen sollte.
Dachte er etwa darüber nach, sie zu belügen? Ungeduld brodelte in ihr. Das konnte er nicht tun! Er hatte sie zeit ihres Lebens von der Wahrheit ferngehalten und damit musste er jetzt nicht von Neuem anfangen.
»Valdarr?« Ihre zittrige Stimme riss ihn aus seinem inneren Konflikt.
Entschlossen hob er erneut den Blick und sah sie an. Sie fühlte die Hitze der Aufregung auf ihren Wangen, sie musste einfach wissen, wie diese Geschichte zu Ende ging. Ebenso konnte Linea es kaum erwarten, zu erfahren, welche Rolle sie dabei einnehmen würde.
Warum erzählt er nicht einfach weiter?
Ruckartig riss sich Valdarr von ihr los, wandte sich rasch dem Feuer zu, als wollte er nichts von seinen Gedanken preisgeben.
Linea hatte keine Ahnung, welche Seite in ihm den Kampf soeben gewonnen hatte. Ob er ihr eine weitere Lüge auftischen würde oder sich endlich dazu durchrang, ihr die Wahrheit zu sagen.
»Verzeih mir, mein Kind«, murmelte er. »Ich habe mich von den Erinnerungen ablenken lassen. Wo war ich denn?«
»Helgi und Finnbogi wollten kein neues Bündnis mit Freydís«, flüsterte sie.
»Ach ja. Nun, du musst wissen, dass Freydís sehr viel Ähnlichkeit mit ihrem Vater hatte. Ebenso wie er konnte sie nicht damit umgehen, wenn man sie so brüsk zurückwies.« Er trank einen weiteren Schluck Met, ließ sich Zeit mit seiner Ausführung. »Sie kehrte also nach Hause zu ihrem Mann Torvard zurück und erzählte ihm, sie sei von den Männern in Helgis Lager angegriffen worden. Sie wollte Rache an ihnen nehmen und Torvard sollte ihr dabei helfen. Torvard, der seine Frau über alles liebte, zog mit seinen Leuten los und tötete alle Menschen in dem anderen Dorf. Nur fünf Frauen überlebten. Aber das reichte Freydís nicht. Sie war so zerfressen von Zorn und Hass, dass sie die Frauen mit ihren eigenen Händen tötete. Ja regelrecht in Stücke soll sie sie gerissen haben.« Schmerz verzerrte seine Gesichtszüge.
Er muss ihr wirklich nahegestanden haben, dachte Linea, als sie ihn beobachtete und darauf drängte, dass er weitersprach.
»Aus der jungen Frau, die als Heldin bei ihren Leuten galt, war eine feige, hinterhältige Mörderin geworden, die nur ihre eigenen Ziele verfolgte.« Er verzog den Mund. »Es zerriss mir das Herz, mit anzusehen, wie der Hass auf Helgi und Finnbogi sie zerfraß und ihr so sehr zusetzte, dass sie zu diesem Verrat fähig wurde.«
Linea sah deutlich, wie sich die Finger seiner gesunden Hand krampfhaft um den hölzernen Krug schlossen. Wie er versuchte, seine Wut unter Kontrolle zu halten. Aber seine zitternde Stimme verriet ihn trotzdem und Linea spürte, dass da noch mehr war als nur der Hass auf die Männer – die Freunde, die zu Feinden geworden waren.
»Warum war Freydís denn eine Heldin?«, wollte sie wissen, die den Gedanken ihres Ziehvaters nun nicht mehr folgen konnte.
»Ach, Linea. Wenn ich dir diese Geschichte jetzt auch erzählen soll, sitzen wir morgen Abend noch hier.« Er lächelte matt und hob den Blick.
Doch Linea ließ nicht locker und schaute ihren Ziehvater weiterhin auffordernd an.
Wir sind so kurz davor. Er kann jetzt einfach nicht aufhören.
Valdarr sah sie lange schweigend an, bevor er schwer seufzte und erneut ansetzte. »Nur so viel: Bei ihrer Ankunft in Vinland stellten sich ihnen eine Horde Skrælingr in den Weg und wollte ihnen den Zutritt zu ihrem Land verweigern. Beinah im Alleingang hat es Freydís geschafft, sie in die Flucht zu schlagen, und uns so vor dem grausamen Tod gerettet.«
Seine Stimme hatte mit der letzten Ausführung deutlich Begeisterung und Ehrfurcht zurückgewonnen, und auch wenn es ihrem Ziehvater unheimlich schwer fallen musste, das alles erneut zu durchleben, entging Linea nicht, wie stolz er auf Freydís war. Wie sehr ihn diese Tat beeindruckt hatte.
Mit jedem Wort, das Linea über Freydís erfuhr, hatte sie das Gefühl, nicht von einer gewöhnlichen Frau zu hören, sondern von einer wahren Sagengestalt. Sie mochte sich gar nicht vorstellen, was es die junge Kriegerin an Mut und Überzeugung gekostet haben musste, um sich allein einer ganzen Horde Wilder in den Weg zu stellen und aus diesem aussichtslosen Kampf siegreich hervorzugehen. Ohne je selbst an einem richtigen Kampf beteiligt gewesen zu sein, glaubte sie, dass sich das nicht einmal die stärksten und tollkühnsten Krieger Eiríks getraut hätten.
Sie räusperte sich leise.
»Was passierte mit ihr, nachdem sie Helgi und seine Leute ermordet hatte? Was war mit Finnbogi?«, wollte sie wissen.
Linea spürte, dass Valdarr bald am Ende der Geschichte sein würde. Doch bisher war sie sich noch nicht darüber im Klaren, wo sie in dieser Erzählung vorkommen sollte.
»Finnbogi erfuhr von dem Angriff auf das Lager seines Freundes. Und er erkannte, dass er und seine Leute ebenso den Weg nach Valhall würden antreten können, wenn sie Freydís nicht aufhielten.« Hart knallte er den leeren Krug auf die Holzplatte, beugte sich über den Tisch und sah Linea fest in die Augen. »Finnbogi und seine Leute brachen in Windeseile ihr Lager ab und flohen tiefer in das Land hinein. Sie flohen, die feigen Ratten, hinter die feindlichen Linien der Skrælingr!«, fluchte er und spie verächtlich aus. »Vorerst jedoch war Freydís’ Blutdurst gestillt und sie kehrte mit ihrem Mann ins Grüne Land zurück. Aber auch hier verbreitete sich die Nachricht von ihren Taten wie ein Lauffeuer und das führte zu ihrer Verbannung aus dem Grünen Land.« Er rutschte unruhig auf seinem Stuhl herum und schnalzte geräuschvoll mit der Zunge, um seinen folgenden Worten Nachdruck zu verleihen. »Annehmen wollte sie dieses Schicksal nicht, und obwohl sie bereits seit mehreren Monden ein Kind unter ihrem Herzen trug, brach sie mit Torvard, mir und ein paar treuen Männern auf, um Vinland zurückzuerobern und dort ein neues Leben zu beginnen.«
Lineas Herz setzte einen Schlag aus und begann danach wie verrückt in ihrer Brust zu klopfen. Konnte es sein, dass …?
Valdarr redete ununterbrochen weiter, wurde immer schneller, sodass sich die Worte beinah überschlugen und sie genau hinhören musste, um alles zu verstehen.
»Während der Überfahrt gebar sie das Kind, und nur knapp überlebte sie die nächsten stürmischen Tage. Aber auch danach waren die Götter nicht mit ganzem Herzen bei uns. Wir erreichten wenige Tage später die bekannte Küste von Vinland. Wider unsere Vorstellungen stand unser Dorf noch, das wir aufgebaut hatten, und erschöpft ließen wir uns in den Hütten nieder. Doch Finnbogi hatte überlebt und von unserer Rückkehr erfahren. Noch in derselben Nacht überfielen er und seine Männer unser Lager.« Er machte eine Pause und starrte erneut grimmig in die Flammen, ballte wütend die Fäuste, bevor er leise fortfuhr: »Wir waren ihnen zahlenmäßig weit unterlegen. Es bestand für uns keine Chance, dass wir überleben könnten. Finnbogi, der es auf Freydís abgesehen hatte, forderte den Kopf ihres Kindes als Ausgleich für das Blutvergießen in Helgis Dorf, den er selbst wie einen Bruder geliebt hatte. Aber Freydís gab nicht auf. Sie schaffte es, mit mir zusammen zum Ufer zu fliehen, und als ich auf das letzte heile Schiff sprang, um uns sicher von dort fortzubringen, reichte sie mir ihr Kind.«
Tränen hatten sich einen Weg auf seine Wangen gebahnt und versanken nun stumm in dem grau durchsetzten Bart.
Seine Stimme klang brüchig und seine Hände zitterten. »Sie vertraute mir ihr Kind an, hoffte, dass es überlebte. Freydís hatte das alles nie für ihre Familie gewollt. Sie rang mir das Versprechen ab, auf ihr Kind zu achten und es irgendwann sicher zu ihr zurückzubringen. Wenn sich die Lage wieder beruhigt hatte. Sie wollte ihr Kind in Sicherheit wissen und opferte sich selbst dafür, damit uns die Flucht gelang. Und ich feiger Hurensohn ließ sie gehen!« Jetzt weinte ihr Ziehvater hemmungslos und die Tränen liefen in Strömen, platschten vor ihm auf den Lehmboden.
Auch Linea zitterte und hatte einen dicken Kloß im Hals, als sie Valdarr tröstend die Hand auf den Arm legte. Mit tränenerstickter Stimme schaffte er es noch gerade so, die letzten Worte hervorzubringen. »So bist du zu mir und nach Skogbyen gekommen, Linea.«
Dann sank er mit dem Kopf auf den Tisch und vergrub sein Gesicht in den Händen, ungeachtet der Verletzung.
Linea starrte ins Feuer. Sie fühlte sich leer, ausgelaugt, als wäre sie tagelang ohne Rast gelaufen. Müde und erschöpft wie nach einem langen Kampf. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie die Namen ihrer Eltern gehört, wusste nun, wer sie waren, wo sie lebten, was sie getan hatten.
Doch entgegen ihren Vorstellungen befriedigte sie das nicht im Geringsten. Sie hatte gedacht, dass ihr genügen würde, zu erfahren, wer sie war und wo sie herkam. Aber diese Geschichte, ihre Geschichte, löste weit mehr in ihr aus, als sie sich hätte ausmalen können. Die vielen Fragen, die nach dem Gespräch des Jarls mit ihrem Vater in ihrem Kopf herumgegeistert waren, hatte er zwar beantwortet, doch nun war sie erfüllt von tausend neuen.
Was war mit Freydís und Torvard geschehen? Lebten ihre Eltern noch? Wann wollte Valdarr sie zu ihnen zurückbringen? Was wollte der Jarl von ihr?
Gerade diese letzte Frage bereitete ihr Sorgen. Er hatte gesagt, dass er wisse, wer sie war. Und dass er sie genau deswegen haben, zum Weib nehmen wolle.
So viel Mitleid für ihren Ziehvater, wie sie im Moment auch verspürte, sie konnte nicht lockerlassen. Nicht jetzt, da fast alles aufgeklärt war. Sie musste auch noch den Rest erfahren. Musste aufbrechen und ihre Eltern suchen.
Rasch stand sie auf, legte noch ein Holzscheit auf das heruntergebrannte Feuer und sauste in die angrenzende Vorratskammer, wo sie den Krug ihres Ziehvaters erneut mit dem starken Met füllte. Diesen drückte sie ihm wieder in die Hand, und sie berührte ihn sachte am Arm.
»Valdarr?«
Er sah auf. Seine Augen waren gerötet und der Rotz troff ihm regelrecht aus der Nase. Er schaute sie an und zum ersten Mal erkannte Linea, was sie ihm bedeutete, ja die ganze Zeit über bedeutet hatte. Wie sehr er unter dieser Last gelitten hatte, ihr nichts verraten zu können, sie im Dunkeln lassen zu müssen. Um sie zu beschützen.
»Ich danke dir von Herzen. Für alles, was du für mich getan hast. Ohne dich würde ich heute nicht hier stehen. Du hast es geschafft, mir alles zu erzählen, was damals geschah.« Sie brachte ein aufrichtiges Lächeln zustande. Um sicherzugehen, dass er es bemerkte, kniete sie vor ihm nieder, sah ihm von unten ins Gesicht. »Kannst du mir auch noch die letzten Lücken füllen? Ich muss wissen, wie es jetzt weitergehen soll. Was ich tun muss.«
Unwirsch wischte er sich mit dem blutgetränkten Ärmel seiner Tunika über die Nase und die aufgequollenen Augen, nahm einen tiefen Zug Met und nickte dann entschlossen.
»Was willst du hören?«, fragte er und Linea war froh, die alte griesgrämige Stimme ihres Ziehvaters wiederzuerkennen.
»Woher weiß der Jarl davon?«, stellte Linea die Frage, die ihr am schwersten auf der Seele lastete.
»Ich habe keine Ahnung«, antwortete er aufgebracht und raufte sich mit der gesunden Hand die zerzausten Haare. »Er hat Andeutungen gemacht, dass ihm jemand davon erzählt hat, wer du bist. Was damals in Vinland passierte, ist kein großes Geheimnis und wird bereits von vielen Skalden in den Methallen der großen Städte besungen. Aber deine Geschichte und deine Verbindung zu Freydís und Eirík Raude sind eigentlich niemandem bekannt. Sollten niemandem bekannt sein. Zumindest nicht hier in diesen Landen.«
Linea schüttelte den Kopf. Sie verstand immer noch nicht, was nun so besonders an ihr war. »Was will Rutmar denn von mir? Ich bin ein Niemand! Er könnte jede haben. Die Weiber am Fluss tratschen schon darüber, dass er sich sämtliche wohlhabenden Frauen der umliegenden Dörfer in sein Bett holen wird. Was will er ausgerechnet mit mir?« Sie ballte die Hand zur Faust und schlug energisch damit auf den lehmigen Boden.
Valdarr lachte bitter auf und sah sie belustigt an. »Du verstehst es immer noch nicht, oder, Kind? Du bist die Tochter von Freydís Eiríksdóttir! Eirík Raude ist dein Großvater!«
Doch auch das lockte bei Linea keine Erleuchtung hervor. Und als sie weiter verständnislos dreinblickte, packte ihr Ziehvater sie am Arm, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen.
»In deinen Adern fließt das Blut Eirík Raudes, Linea. Du stammst von ihm ab. Auch hier in Norwegen ist er bekannt, ja, er gleicht einer Legende.« Valdarrs graue Augen verdunkelten sich, zogen Linea in einen hypnotischen Bann. »Dein Blut, oder besser das von Eirík, würde sich prächtig von Vorteil für unseren Jarl erweisen. Nicht einmal König Haraldsson kann solch einen Helden in seiner Blutlinie vorweisen. Es bedeutet Macht, pure Macht. Und das lockt unseren Jarl.« Mit jedem Satz steigerten sich Bitterkeit und Ekel in seiner Stimme, und Linea hatte nicht einmal bemerkt, dass auch ihr Ziehvater nun auf dem Boden kniete, ihre Arme mit beiden Händen fest umklammerte. Seine Verletzung schien ihn nicht weiter zu stören.
Linea wurde kreidebleich, als sie endlich begriff, was sie für den Jarl so interessant machte. Es ging ihm gar nicht um sie, um Linea. Es ging ihm allein um ihre Abstammung, um das Blut, das in ihren Adern floss.
Sie schluckte den Ekel hinunter, der in ihr aufkam, und konzentrierte sich auf ihre nächste Frage. »Was ist mit meinen Eltern, mit Freydís, mit Torvard? Leben sie noch? Wo kann ich sie finden?«
Valdarr blickte sie finster an, und Linea war sich sicher, dass er gleich mit der Geduld am Ende war. »Ich weiß es nicht. Finnbogi wird sie sich geschnappt haben, nachdem ich mit dir auf dem Schiff fortgesegelt bin. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie diese Folter überlebt haben.«
»Aber sicher bist du dir nicht?«
»Nein.«
Lineas Puls beschleunigte sich wieder. Konnte es sein, dass ihre Eltern noch lebten, dass ihnen die unmögliche Flucht gelungen war? Sie musste aufbrechen und sie suchen. Am besten sofort!
Hoffnung und Aufregung ließen sie hastig aufspringen und sie wollte schon zur Tür hechten, als Valdarr sie hart am Arm packte und schwungvoll zu sich herumdrehte.
»Was hast du vor?«
»Ich muss sie suchen! Verstehst du denn nicht? Sie sind meine Eltern, sie könnten immer noch leben. Vielleicht brauchen sie Hilfe und keiner weiß mehr um sie außer dir und mir. Willst du sie einfach sterben lassen, Valdarr? Verdankst du ihnen nicht dein Leben, genauso wie ich dir meines zu verdanken habe?« Erschrocken wich sie vor ihm zurück. Linea hatte in ihrer Euphorie überhaupt nicht bemerkt, wie laut sie geworden war, wie aufgewühlt ihre Stimme klang.
Ihr Ziehvater seufzte, seine Stimme blieb hingegen ernst. »Du kannst nicht gehen, Linea.«
»Warum nicht?«, fauchte sie. »Was sollte mich davon abhalten? Glaubst du wirklich, ich werde hierbleiben und mich in aller Seelenruhe von dem Jarl besteigen lassen wie eine räudige Hündin?!« Die letzten Worte spie sie ihm regelrecht vor die Füße und sah zu ihrer Genugtuung, wie ihm nun seinerseits Scham die Wangen rötlich färbte.
Wieso begreift er nicht, warum es mir so wichtig ist? Er weiß, dass ich all die Jahre darauf gewartet habe, genau das zu erfahren, was er mir gerade gebeichtet hat, und jetzt will er mich nicht verstehen?
»Du kannst nicht gehen«, wiederholte er noch einmal. »Du hast doch überhaupt keine Ahnung, in was für einer Position du stehst.«
Lineas Zorn zog sich zurück, machte Unsicherheit und Verständnislosigkeit Platz. »Wie meinst du das?«
Valdarr holte tief Luft. »Der Jarl beschützt dich.«
»Was?!«, zischte sie, als hätte sie sich verhört.
»Du hast keine Eltern, Linea.« Er packte sie sanft, aber bestimmt am Kinn und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen. »Nicht für den Jarl und nicht für alle, die hier in Skogbyen leben. Ich bin nur ein freier Arbeiter, der sich deiner angenommen hat, und auch ich stehe als sein Kendtmann unter dem Schutz des Jarls. Ohne ihn und sein Wort, das dich schützt, wärst du nach dem Recht des Königs nicht mehr als eine Thral!«
Sie entwand sich seinem Griff, wollte aufspringen, fortlaufen. Valdarr hielt sie entschlossen zurück.
»Du hast keine Rechte, und wärst du nicht von so besonderem Blut, würdest du dein Leben lang bereits mit den anderen Sklaven des Dorfes zusammen schuften. Weißt du eigentlich, wie viele der Männer dir jetzt schon lüsterne Blicke hinterherwerfen, wenn du an ihnen vorbeigehst? Und glaub mir, ich gebe dich lieber in die Hände des Jarls als in die eines dieser Schweine!« Seine Stimme war nun rasend vor Wut.
Linea hatte während seines Ausbruchs nichts zu erwidern gewagt, hatte ihn nicht einmal ansehen können, obwohl er sie dazu hatte zwingen wollen. Sie fühlte sich klein, unbedeutend und vor allem wertlos. Ihr wurde jetzt erst klar, dass sie nie eine Chance auf ein freies Leben gehabt hatte. Selbst wenn Eirík Raude nicht ihr Großvater wäre, hätte Linea doch ohne Probleme von einem anderen Mann als dem Jarl zum Weib genommen werden können.
Sie sah auf, als sie die kräftige, warme Hand Valdarrs an ihrer Wange spürte. Er hob ihr Kinn erneut und dieses Mal sah sie ihn an.
»Du bist für mich wie eine eigene Tochter, Linea. Die ganzen letzten Sommer habe ich auf dich aufgepasst, dich großgezogen und für dich gesorgt. Glaubst du, ich lasse das jetzt alles im Dreck versinken, nur weil du zu stur bist, zu begreifen, was das Beste für dich ist? Ich habe für dich immer ein freies Leben gewollt. Und du wirst mit erhobenem Kopf in diese Verbindung mit dem Jarl gehen und für deine Freiheit kämpfen, bei Týr!«
Seine Worte waren bestimmt, zugleich so sacht und voller Mitgefühl, dass Linea sofort wieder die Tränen in die Augen schossen. Sie konnte nicht tun, was er von ihr verlangte. Sie hasste den Jarl, hatte Angst vor ihm und dem, wozu er dem Dorftratsch nach fähig war.
Zitternd entzog sie sich Valdarrs Griff und wich vor ihm zurück. Angst keimte in ihrer Brust, und Panik ließ ihren Puls erneut in die Höhe schnellen. »I… ich kann das nicht!«, stotterte sie, drehte sich um und rannte davon.
Kapitel 5
»Ich kann mich nicht mit ihm einlassen, ich habe Angst vor ihm«, flüsterte Linea und trieb den hölzernen Kamm erneut in die Schafswolle.
Sie war froh, sich nach dem langen Gespräch mit Valdarr am Vorabend nun einfachen, beinah belanglosen Dingen wie dem Verarbeiten der Wolle zuwenden zu können, und ihre Freundin Jella war ihr dankbar für die Hilfe.
Jella, der man noch deutlicher als Magnus ansah, dass sie nicht hierhergehörte, war eine der Sklavinnen in Skogbyen. Sie war zwar nur wenige Sommer älter als Linea, unterschied sich aber sonst in sämtlichen Äußerlichkeiten von ihr. Jellas blasse Haut, ihre rehbraunen Augen und die dunkelbraunen Haare, die ihr bis zur Hüfte reichten, waren unter den Menschen des Nordens schon immer auffällig gewesen. Gerade wegen ihres Standes als Sklavin schenkten ihr deshalb viele von Rutmars Kriegern mehr Aufmerksamkeit als gewöhnlichen Sklavinnen. Und obwohl Linea es sich anders gewünscht hätte, lebte Jella zusammen mit den anderen Sklaven in einem eigens für sie errichteten Haus auf der anderen Seite des großen Platzes.
Die Nähe zum Langhaus des Jarls und zur Methalle waren erheblich von Vorteil, wenn einer der Männer nach einem Sklaven verlangte. Und gerade nach Jella verlangten die Männer oft. Nicht ausschließlich wegen ihrer gut ausgeprägten weiblichen Vorzüge, sondern vor allem auch, da sie für eine Frau überdurchschnittlich groß und kräftig war und als Sklavin so manch schwere körperliche Arbeit besser verrichtete als einer der älteren männlichen Sklaven.
Obwohl die junge Frau ihr als Sklavin untergeordnet war, behandelte Linea sie nicht von oben herab. Sie waren gute Freundinnen, und Linea hatte sich schon oft hierher zurückgezogen, wenn sie im Streit mit Valdarr, Hákon oder Magnus gewesen war.
»Du musst«, sagte Jella schlicht. Ruhig hatte sie Lineas Erzählung gelauscht, die ihr nun alles berichtete, was sie am Abend von ihrem Ziehvater erfahren hatte.
Entsetzt schaute Linea ihre Freundin an. Wie konnte sie das nur so leicht hinnehmen?
Jella sah kurz von ihrer Arbeit auf und strich sich nachdenklich über die feine Narbe auf ihrem Nasenrücken. »Deine Wut und Enttäuschung über den Verrat und die Geheimnisse, die dein Vater vor dir hat, kann ich verstehen. Wer könnte das besser als ich?«
Das stimmte. Jella war um ihr Leben betrogen worden. Nur ungern erinnerte sich Linea an die Geschichte, die ihr Jella erzählt hatte.
Der Weg, auf dem sie als Sklavin hierhergekommen war, war das Schrecklichste, was sich Linea vorstellen konnte. Fortgegeben von der eigenen Mutter, damit ihre Familie daheim von den Angriffen der Nordmänner verschont blieb. Ihre Mutter hatte Jella als Sklavin den Männern mitgegeben, ohne etwas für sie zu verlangen, geschweige denn, um sie zu kämpfen. Linea wollte sich gar nicht ausmalen, wie sich ihre Freundin damals gefühlt haben musste. Sie war noch ein Kind gewesen, keine fünf Sommer alt.
»Ich weiß, dass du das nicht von mir hören willst, Linea. Aber Valdarr hat recht.« Jella kämmte weiter stumm die verknotete Wolle aus und wartete auf eine Antwort.
Linea starrte ihre Freundin mit aufgerissenen Augen an, als hätte sie ihr mit der bloßen Hand eine geknallt. Zumindest von ihr hatte sie sich Zuspruch erhofft.
Doch Jella war eine Sklavin und hatte sich schon früh damit abgefunden, zu tun, was man ihr befahl, den Kopf einzuziehen und wortlos zu gehorchen. Linea wusste, wie hart Widerworte oder Verweigerungen bestraft wurden. Den Anblick von Jellas Rücken, der ein Abbild ihrer früheren Begegnungen mit dem Lederriemen war, würde Linea wohl nie wieder vergessen. Zu sehr hatte sich das wirre Muster der weißen Narben in ihr Gedächtnis gebrannt.
»Ich sagte ja nicht, für wie lange«, riss Jella sie aus ihrer Starre.
»Für wie lange? Was soll das denn bedeuten?«
Ein freches Grinsen huschte über das Gesicht der jungen Frau und ihre so seltenen braunen Augen begannen merkwürdig zu funkeln. »Der Jarl ist auch nur ein Mann«, raunte sie verschwörerisch. »Und ob Jarl oder nicht, untersteht er genauso den Gesetzen des Königs und muss den Entscheidungen des Things Folge leisten.«
»Worauf willst du hinaus?«, fragte Linea unsicher. »Er wird wohl kaum dem Thing die Bitte vortragen, ein Mädchen wie mich zum Weib zu nehmen, und auf ihre Zustimmung hoffen. Jella, versteh doch, er kann mit mir machen, was er will! Ich gehöre ihm bereits, genau wie du!«
Diese letzten Worte klangen hart aus ihrem Mund, und Linea schlug sogleich die Hand davor, als sie bemerkte, wie es sich für Jella anhören musste.
»Verzeih mir, das …«, setzte sie zu einer Entschuldigung an, aber ihre Freundin unterbrach sie.
»Ich weiß, wie du das gemeint hast, und doch verstehst du nicht, was ich dir versuche zu erklären.«
Die Wolle lag längst vergessen zwischen ihnen auf dem lehmigen Boden der Hütte, in der sie zum Glück gerade allein waren.
Jella stöhnte genervt. »Ich will dir vor Augen führen, dass auch Rutmar an die Gesetze gebunden ist und eben nicht alles tun und lassen kann, wie es ihm beliebt. Wenn du erst mal bei ihm bist, diese Verbindung mit ihm eingehst, bleibt dir trotzdem eine Möglichkeit, ihn wieder loszuwerden.« Ein freches Grinsen umspielte ihre blassen Lippen und in einer diebisch anmutenden Geste rieb sie sich die rauen Hände.
»Welche?«, hauchte Linea und ihre Stimme klang seichter als eine Sommerbrise.
»Durch eure Verbindung enthebt er dich dem Stand der Thrall. Als sein Weib gehörst du zu der oberen Schicht unserer verkorksten Gesellschaft. Du hast Rechte und darfst sie wahrnehmen. Und Rutmar selbst besorgt sie dir!« Das Grinsen auf ihrem Gesicht wurde noch breiter. Genugtuung spiegelte sich in ihren Augen. »Du kannst ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen, Linea«, fuhr sie unbeirrt fort. »Sollte er dich schlecht behandeln, hast du das Recht, vor das Thing zu treten und eine Auflösung der Verbindung zu fordern. Du wärest frei, könntest gehen, wohin du willst, dich einem anderen Mann zuwenden, einem, der dir wirklich was bedeutet.«
Linea ließ die herausfordernde Anspielung ihrer Freundin achtlos fallen und beugte sich stattdessen ein kleines Stückchen vor, um ja kein Wort Jellas zu verpassen.
»Was muss ich dafür tun?«
»Du musst die Zustimmung der Familie haben und die Mitglieder des Things überzeugen, dass eure Verbindung von den Göttern nicht unterstützt wird und dadurch zum Scheitern verurteilt ist«, antwortete Jella.
Linea sank enttäuscht zurück und lehnte den Kopf gegen die Wand. Ein hohles Lachen entwich ihrer Kehle und sie verschränkte die Arme vor der Brust. Betrübt senkte sie ihren Blick auf den Boden. »Ich habe keine Chance«, resignierte sie. »Wie soll ich die Zustimmung des Things erhalten? Rutmar ist die rechte Hand des Großkönigs. Er hat viel zu viel Einfluss, als dass die Mitglieder gegen ihn stimmen würden. Und was die Familie angeht, die würden sich ihr eigenes Grab schaufeln, wenn sie gegen Rutmar aufbegehrten. Selbst Hákon wird mich hassen, wenn ich erst mal seinem Vater gehöre. Bei Oðins Raben, ich wäre dann so etwas wie seine Stiefmutter! Das ist doch krank!«
Der Gedanke an Hákon kam ihr ganz unvermittelt in den Sinn. Was die Verbindung zwischen ihr und seinem Vater für ihre Freundschaft bedeutete, hatte sie bisher überhaupt nicht berücksichtigt. Es machte alles nur noch schlimmer.
Wie soll ich Hákon je wieder ansehen, wenn sein Vater mich …
Verzweiflung trieb ihr erneut Tränen in die Augen, aber Linea machte sich nicht die Mühe, sie zurückzuhalten.
Jella runzelte die Stirn. Sie schien Linea helfen und das Beste für sie aus dieser Misere herausholen zu wollen, aber gleichzeitig zu merken, dass Linea nicht ganz unrecht hatte.
»Was ist mit Rutmars Bruder?«, fragte die Sklavin hoffnungsvoll.
Linea sah mit verheulten Augen zu ihr auf und wischte sich mit dem Ärmel über das tränennasse Gesicht. »Du meinst Sven?«
Jella nickte und griff nun wieder nach der Wolle, wohl damit ihre unruhigen Finger etwas zu tun hatten.
Linea schüttelte verzweifelt den Kopf und senkte erneut den Blick. »Ich denke nicht, dass ich ihn auf meine Seite ziehen kann. Er lebt seit mehreren Sommern mit seinem Weib Sigrid zusammen und es scheint nicht so, als würde sich das alsbald ändern«, sagte sie leise.
»Aber er hasst seinen Bruder«, erwiderte Jella drängend. »Ich habe gehört, in ihrer Kindheit muss es einen unheimlich blutigen Mord am Jarl, ihrem Vater, gegeben haben und Sven hat Rutmar nie verziehen, dass sein jüngerer Bruder sich das Recht der Erbfolge beim Thing erschlichen hat. Ich denke, er wäre bereit, vieles dafür zu geben, um seinen rechtmäßigen Platz als Jarl von Skogbyen einzunehmen.«
»Das mag vielleicht in ihrer Kindheit mal so gewesen sein«, erwiderte Linea, während sie die Wolle zu Strähnen drehte. »Aber Sven ist mittlerweile Jarl von Irastatt, Jella. Skogbyen hat zwar eine direkte Anbindung an den Fjord, ist aber im Vergleich zum größten Handelszentrum in dieser Region ein klägliches Nichts.« Sie suchte den Blick ihrer Freundin. »Sven hat es, freiwillig oder unfreiwillig, der Machtgier und der Ungeduld seines Bruders zu verdanken, dass er nun in einer besseren Position dasteht als Rutmar selbst. Deswegen verstehen sich die beiden seit Jahren auch wieder viel besser.« Linea ließ die Wolle fallen und fuhr sich frustriert durch die rotblonden Haare. »Im Gegensatz zu Rutmar ist Sven in den Augen des Königs ein Nichtsnutz und hat nur deshalb eine Position im Thing inne, weil Rutmar, nachdem er bekommen hatte, was er wollte, den König einst darum bat, Sven ebenfalls ein Dorf zu unterstellen. Das hat mir Hákon einmal erzählt.« Sie sah Jella mutlos an. »Nein, ich habe keine Chance, von ihm loszukommen, wenn das Ritual vollzogen wurde. Denn selbst wenn Sven mir helfen würde, wäre ich immer noch nicht frei und Rutmar würde mich zeit seines Lebens tyrannisieren.«
Jella seufzte. »Linea«, setzte sie an und senkte die Stimme, sodass selbst Linea mit ihren guten Ohren sie kaum verstand. »Es gibt nur eine Möglichkeit, wie du von ihm loskommst und frei bist, deine Reise nach Vinland anzutreten.«
»Ich kann nicht fliehen, Jella. Begreif das doch bitte! Er würde mich finden, noch ehe ich die nächste Stadt erreiche, und dann …« Sie biss sich auf die Unterlippe.
Nein, was er dann mit ihr machen würde, daran wollte sie erst recht nicht denken. Unverwandt blickte sie in die dunklen Augen ihrer Freundin und musterte sie ganz genau.
Hatte Jella ihr wirklich zur Flucht raten wollen? Oder gab es da noch etwas anderes?
Ihr war, als würde die junge Frau mit den dunklen Haaren mit sich hadern, einen inneren Kampf führen, ob sie ihr etwas Bestimmtes offenbaren sollte oder nicht.
Linea konnte nicht abschätzen, welche Seite den Kampf gewonnen hatte, als ihre Freundin nach ihrer Hand griff und sie fest drückte.
»Linea«, flüsterte sie jetzt ganz leise, »Rutmars Tod ist die einzige Lösung für dich.«
Schlagartig gefror Linea das Blut in den Adern. Benommen sank sie rückwärts an die Bretterwand und starrte ihre Freundin mit offenem Mund an. Das konnte doch nicht ihr Ernst sein!
»Bei Lokis dreimal verfluchten Lügen, Jella! Weißt du, was du gerade gesagt hast? Das ist Hochverrat, dafür wird dein Kopf rollen, wenn dich jemand hört!«, entfuhr es ihr, noch ehe sie daran denken konnte, wo sie sich befanden.
Erschrocken blickte sich Linea zu der Tür in ihrem Rücken um, doch da war niemand. Sie waren immer noch allein.
»Aber es stimmt«, nuschelte die Sklavin kleinlaut. »Du hast keine andere Wahl. Eben hast du die beiden Möglichkeiten, die ich dir bot, ausgeschlagen und entkräftet, als würde es dich keine Mühe kosten. Es bleibt dir allein dieser Weg. Nur wenn er in keiner Weise mehr Einfluss auf dich hat, bist du frei!«
Linea schüttelte vehement den Kopf, ihre Nackenhärchen stellten sich auf und kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn.
Das ist Wahnsinn. Wenn ich ihn töte, werde ich nie frei sein. Ich werde vermutlich noch während derselben Fackel hingerichtet.
Panik kam in ihr auf, als sie wieder den entschlossenen Ausdruck auf dem Gesicht ihrer Freundin sah. Jella meinte es tatsächlich genau so, wie sie es gesagt hatte. Linea sollte Rutmar töten.
»Ich kann ihm doch nicht einfach ein Messer in den Rücken rammen oder ihm die Kehle aufschlitzen. Das schaffe ich nicht!«, wehrte Linea sogleich ab.
»Dann musst du jemanden finden, der es für dich tut«, antwortete die Sklavin.
Linea schnaubte verächtlich, dann lachte sie laut auf. Es klang verbittert, herzlos, und viel zu klar hallte es durch die Hütte.
Was für eine dumme Idee!
Nie im Leben könnte sie jemanden finden, der zu solch einer Tat bereit wäre. Das eigene Leben hing davon ab und im schlimmsten Fall auch das Leben der ganzen Familie, falls man denn eine hatte.
»Und wen soll ich deiner Meinung nach fragen?«, sagte Linea und ihre Stimme troff nur so vor Bitterkeit.
Jella kämmte weiter die Wolle auf ihrem Schoß, ohne Linea anzusehen. »Magnus würde es für dich tun.«
Das Lachen erstarb. Urplötzlich durchbohrte Linea Jella mit einem scharfen Blick und ihre Stimme war leise, klang geradezu bedrohlich. »Lass Magnus aus dem Spiel!«, zischte sie und starrte die Sklavin ihr gegenüber grimmig an. »Ich werde ihn da nicht mit hineinziehen.«
»Er ist doch schon …«, wollte Jella aufbegehren, schluckte jedoch im letzten Moment die Worte hinunter und nickte. »Du hast recht«, sagte sie stattdessen und fixierte den Kamm in ihrer Hand.
Genauso schnell, wie Lineas Zorn sie übermannt hatte, verschwand er auch wieder und ihre Stimme wurde weich, während sie ihre Hände fest in die Wolle krallte. »Ich kann ihn nicht mit meinen eigenen Händen töten, Jella. Und ich werde nicht zulassen, dass Magnus oder Hákon es für mich tun.«
Die Sklavin atmete tief durch. Linea beobachtete, wie sich ihr Ausdruck veränderte. In ihren Augen glitzerte es. Eine merkwürdige Schärfe lag darin, wilde Entschlossenheit.
Linea lief es eiskalt den Rücken hinunter.
Ihre Freundin ließ die Wolle fallen und beugte sich vor, bis Linea ihre geflüsterten Worte hörte. »Ich kenne jemanden, der dir helfen kann.«
Kapitel 6 - Kjell
Unerbittlich prasselte der Regen auf die Mannschaft nieder, durchweichte selbst die dicksten Fellumhänge und drang durch die dünne Haut bis in die Knochen. Der starke Wind blähte das Rahsegel, und die wogenden Fluten warfen das Drachenboot auf der aufgewühlten See wild hin und her.
Am Kielschwein sitzend, versuchte er krampfhaft den schwankenden Horizont im Auge zu behalten, um nicht sein karges Frühstück über Bord zu spucken. Es handelte sich bereits um den dritten Sturm, den sie auf ihrer Überfahrt durchquerten. Drei Stürme in zehn Tagen. Selbst für einen Winter wie diesen eine ungewöhnliche Wetterlage, hatte der Kendtmann gesagt, der nun wieder seinen Platz an der Pinne eingenommen hatte und stur den Wassermassen trotzte.
Kjell wickelte sich fester in die schon völlig durchnässte Decke ein und zog die Schultern hoch.
Was hatte er sich nur dabei gedacht, auf diese verfluchte Überfahrt mitzukommen? Hätte er mit dem Aufbruch nicht auch bis zum Frühjahr warten können? Es war ohnehin fraglich, ob sie die Reise überleben würden.
Ein wütendes Schnauben entwich seinen eisigen Lippen, als er daran dachte, was der Herr gesagt hatte. Ohnehin wäre dies der einfachste Weg, sich seiner untreuen, verlogenen und dreisten Männer zu entledigen. Männer, die an der Küste des eigenen Landes vorüberzogen, plünderten und brandschatzten, wenn ihnen nicht passte, was ihr Jarl ihnen bot. Ein Unglück auf hoher See zöge in dieser Situation weit weniger Verachtung nach sich als kaltblütiger Mord, da musste er ihm schon zustimmen.
Schweigend beobachtete er die Männer, die an den Ruderbänken saßen. Ihre kräftigen Muskeln traten deutlich unter der nass glänzenden Haut hervor, spannten und entspannten sich im Rhythmus der Ruderzüge.
Vor und zurück.
Vor und zurück.
Immer wieder.
Obwohl er nicht das Gefühl hatte, sie würden sich merklich von der Stelle bewegen, schien der Kendtmann mit der Arbeit seiner Leute zufrieden zu sein, denn ein grimmiges Lächeln umspielte seine harten Züge.
Kjell schüttelte verständnislos den Kopf.
Hoffentlich, dachte er verbittert, ist dieser verfluchte Sturm bald vorüber.
So langsam wurde ihm immer übler und das Frühstück übte unangenehmen Druck auf seinen Magen aus.
Missmutig schloss er die Augen, versuchte die wild schaukelnden Bewegungen des Schiffes unter ihm mit der Welt in Einklang zu bringen. Erschöpft lehnte er den Kopf zurück an den Mast und fiel in einen unruhigen Schlaf.
»Kjell!«, vernahm er eine helle Stimme über das Toben der See hinweg.
Mühsam öffnete er die Augen und das Erste, was er sah, waren eine beinah ruhige See und klarer blauer Himmel. Sie hatten den Sturm überlebt.
»Kjell Alríksson!«, hörte er erneut seinen Namen. Verwirrt sah er sich um. Sein Diener stand am Vordersteven und winkte ihn zu sich herüber. Ächzend erhob sich Kjell, warf die klamme Wolldecke beiseite und schwankte hinüber zu seinem Diener.
»Was gibt’s denn, Egil?«, fragte er mit rauer Stimme. Die trockene Salzluft verursachte ein Kratzen in seiner Kehle und er dürstete nach Wasser, verbarg dieses Verlangen jedoch vor seinem Huscarl und musterte ihn mit grimmiger Miene.
Egil hob seinen dünnen Arm und deutete auf den Horizont. »Land«, sagte er hoffnungsvoll.
»Land«, wiederholte Kjell flüsternd.
»Wir haben es bald geschafft, Herr. Der Kendtmann sprach davon, dass wir Halvsfjord erreichen, bevor es dunkel wird«, berichtete Egil erleichtert und schüttelte sich das restliche Wasser vom kahlen Schädel.
»Gut, ich bin das Geschaukel auf diesem Ding auch redlich leid«, murrte Kjell. »Ruf unsere Leute zusammen, sie sollen alles fertig machen. Ich will keine Zeit verlieren. Sobald wir anlegen, brechen wir auf!«
Sein Diener nickte eilig und verschwand in dem Gewusel aus Männern.
Unwillkürlich musste Kjell grinsen. Er hatte auch seinem Diener angesehen, dass er erleichtert war, das Schiff alsbald zu verlassen. Nur wenige seiner Männer waren in ihrem Leben zuvor auf so einem großen Schiff unterwegs gewesen. Meistens waren sie nicht weiter rausgefahren, als es nötig war, um die besten Fische und Robben, manchmal auch den einen oder andern Wal zu fangen.
Bei dem Gedanken an seine bevorstehende Aufgabe überkam ihn ein seltsames Gefühl. Es war ungewiss, wie der fremde Krieger den Vorschlag seines Herrn aufnehmen würde und ob er überhaupt dazu bereit wäre, diesen Plan durchzuführen.
Kjell drehte sich um, stützte die tätowierten Hände am Dollbord ab und betrachtete das in der Ferne aufragende Land.
In einem kleinen Dorf an dieser Küste würde sich in den nächsten Tagen sein Schicksal entscheiden und nicht nur das seine, sondern auch das seines Herrn daheim.
Er grinste verschlagen und verschränkte stolz die Arme vor der Brust, während das Schiff weiter der Küste entgegensegelte.
Kapitel 7
Dicke Schneeflocken verfingen sich in den Haaren der beiden Frauen, als sie sich im Morgengrauen aus dem Haus der Sklavin schlichen. Linea und Jella bewegten sich mit zügigen Schritten an den Hauswänden entlang über den Platz und tauchten auf der anderen Seite in das Wirrwarr von Nebenstraßen und kleinen Gassen ein. Obwohl stetig neuer Schnee fiel, der Schlamm und Exkremente bedeckte, war der Gestank in diesen Gassen kaum auszuhalten.
»Warum gehen wir nicht gleich quer über den Platz?«, wollte Linea pikiert wissen, während sie sich demonstrativ die Nase zuhielt.
Jella verdrehte die Augen. »Weil man hier unsere Spuren nicht so schnell entdecken wird«, antwortete sie seelenruhig. »Ich könnte ganz schön in Bedrängnis kommen, wenn man mich dabei erwischt, wie ich heimlich zum Haus deines Vaters schleiche«, sagte sie und ließ die Worte unausgeführt zwischen ihnen stehen.
Linea hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan und kaum geschlafen. Immer wieder waren ihr Jellas Worte durch den Kopf gegangen und sie hatte sich vor Augen geführt, was sie tun musste. Was sie tun würde, um ihre Familie zu finden. Auch wenn Jella seit Jahren wie eine große Schwester für sie war und Valdarr sie wie eine eigene Tochter liebte, fehlte ihr das Gefühl einer richtigen Familie.
Und um diese zu finden, würde sie sogar den Mord an Rutmar in Kauf nehmen.
Mord.
Immer wieder formte sie das Wort in ihren Gedanken. Es fühlte sich ungewohnt hart und endgültig an.
Mord. Ihn töten.
Den Jarl umbringen.
Egal, wie sie es sich zurechtlegte, die verhängnisvolle Bedeutung wurde nicht tragbarer. Was Linea und Jella planten, war und blieb Hochverrat und da war es egal, ob er mit einem Messer im Rücken oder Gift im Magen das Zeitliche segnen würde.
Ein schmatzendes Geräusch, begleitet von einem unterdrückten Fluchen, riss Linea aus ihren Gedanken. Vor ihr hob Jella den Fuß und verzog angewidert das Gesicht, als sie die stinkende braune Masse an der nächsten Hausecke abstreifte.
»Wir hätten doch über den Platz gehen sollen«, hörte Linea sie murren und musste unwillkürlich lächeln, schwieg jedoch.
Noch bevor die ersten Bewohner des Dorfes auf den Straßen waren, erreichten sie die Hütte.
Drinnen war es wohlig warm und das Feuer im Kamin prasselte einladend vor sich hin. Die Freundinnen legten die Mäntel ab und Linea bot ihr einen Platz am großen Tisch an, während Jella sich suchend umsah.
»Wo ist dein Vater?«
»Ich hole ihn«, sagte Linea. »Er liegt wahrscheinlich noch im Bett. Ich glaube, er war gestern Abend beim Jarl.« Mit diesen Worten verschwand Linea in einem angrenzenden Raum und ließ die Sklavin allein zurück.
Die Holztür knarrte und Linea führte ihren Ziehvater wenig später in den Hauptraum. Er ließ sich sogleich auf einen Stuhl fallen und funkelte die brünette Sklavin feindselig an.
»Also, Linea«, knurrte er und seine Unzufriedenheit war nicht schwer herauszuhören. »Warum schleppst du mir dieses Weibsstück hier an? Was ist verflucht noch mal so wichtig, dass du mich aus dem Bett holst?«
Linea zog scharf die Luft ein und warf Jella einen unsicheren Blick zu. Diese zuckte nicht einmal mit der Wimper und starrte den alten Mann weiterhin entschlossen an.
»Jella hat einen Plan, wie ich meine Eltern finden kann«, begann Linea vorsichtig.
»Du kannst sie nicht finden, sie sind tot!«, bellte Valdarr und sein Gesicht glühte vor Wut. »Du wirst dich in die Verbindung mit Jarl Rutmar fügen und ihm ein gutes Weib sein!« Ihr Vater knallte unbeherrscht die Faust auf den Tisch. »Und du wirst …«
Doch Linea unterbrach ihn und sagte mit hauchdünner Stimme: »Ich werde Rutmar töten, Vater.«
»Du wirst was?!«, zischte er ungläubig.
»Ich. Werde. Ihn. Töten«, wiederholte sie und ihre Stimme klang nun fester, bissiger. »Zuerst werde ich sein Weib und dann sein Mörder. Und du wirst mich nicht aufhalten.«
So rot, wie Valdarrs Hals gerade noch gewesen war, so bleich war nun sein Gesicht, und Linea legte all ihre Entschlossenheit in den Blick, mit dem sie ihren Ziehvater bedachte. Sie meinte es ernst und das sollte er lieber schnell verstehen.
»Aber …«, setzte er an, doch Linea schnitt ihm erneut das Wort ab.
»Jella wird mir helfen. Für mich gibt es keinen anderen Weg, wenn ich meine Eltern finden will.«
Es brauchte nicht lange, bis Linea ihrem Ziehvater von dem Gespräch der beiden am Vorabend erzählt hatte. Schnell war alles zusammengefasst und ihr Plan erklärt. Das ungläubige Starren hielt sich jedoch in den grauen Augen Valdarrs. Immer noch starrte er Linea fassungslos an.
Den entscheidenden Punkt ihres Plans hatte sie nämlich bisher verschwiegen. Sie plagte das schlechte Gewissen, wenn sie an den Mord an ihrem zukünftigen Gemahl dachte, und zögerte deshalb dieses letzte Detail so lange hinaus wie nur möglich.
Aber Valdarr war das nicht entgangen. Langsam – die Augen fixierten sie unentwegt – beugte er sich vor und fragte mit leiser Stimme, die ihr Blut gefrieren ließ, nach dem letzten Detail: »Wie willst du ihm ein Ende bereiten?«
Linea wich seinem Blick aus, suchte stattdessen die braunen Augen ihrer Freundin. Doch Jella hatte den Kopf der erkalteten Feuerstelle zugewandt und Linea sah ihr deutlich an, dass sie mit ihrer Entscheidung, Valdarr alles zu beichten, ganz und gar nicht einverstanden war. Von ihr konnte sich Linea in dieser Situation keine Hilfe erhoffen.
»Ich werde ihm jedenfalls kein Messer in den Rücken rammen, falls du das meinst, Valdarr!«, erwiderte sie bissig. »Ich kann ihn nicht eigenhändig umbringen«, fügte sie leiser hinzu und schaffte es nicht, ihn anzuschauen. Nach wie vor tobte die Angst in ihr und das schlechte Gewissen zerrte unerbittlich an ihren Gedanken.
Linea atmete tief durch. Sie dachte an die Worte, mit denen Jella ihr am Abend zuvor von der einen Person erzählt hatte, die ihr vielleicht helfen konnte. Sie hatte es vorsichtig getan, ganz behutsam, so als wollte sie ihr sagen, dass etwas Schlimmes geschehen war. Und Linea spürte, dass sie genauso behutsam sein musste, wenn sie diesen Vorschlag nun ihrem Vater unterbreiten wollte.
»Jella hat da eine Frau erwähnt …«, wagte sie sich langsam vor.
Sofort schwenkte der Blick ihres Vaters auf die Sklavin, die zusammengekauert auf ihrem Stuhl ihm gegenüber saß. Gebieterisch hob er seine Hand und brachte sie damit zum Verstummen.
»Du denkst doch nicht ernsthaft, dass ich meine Tochter diesem verfluchten Weib aus den Wäldern in die Arme treibe?«, fuhr er Jella an, die unter seinem Wutausbruch noch kleiner wurde.
»Seherin«, nuschelte sie in ihren Vorhang aus Haaren hinein, sodass Linea sie beinah nicht verstanden hätte.
Auch für sie war diese Information neu. Jella hatte ihr gegenüber nur eine heilkundige Frau erwähnt, die ihr vor einigen Sommern ebenfalls aus einer ähnlichen Lage geholfen hatte. Dass es sich dabei allerdings um eine der vermaledeiten Seherinnen aus den Wäldern handelte, hatte sie verschwiegen.
»Seherin, Magierin, Hexe, Kräuterweib, Priesterin, es ist mir bei Oðins Bart noch eins scheißegal, wie sie sich nennt!«, brüllte Valdarr drauflos. »Ich werde nicht zulassen, dass sie Linea mit ihren götterverdammten Runensteinen eine ihrer Zaubereien auf den Hals hetzt.«
»Vater, bitte. Nun lass Jella doch erst einmal erzählen, wer diese Frau überhaupt ist. Vielleicht ist sie ja ganz harmlos«, versuchte Linea ihren vor Wut zitternden Ziehvater zu beruhigen.
Valdarr war schon halb auf den Beinen und hob drohend die Faust, um Jella die Leviten zu lesen, da legte Linea bestimmt die Hand auf seinen massigen Arm und drückte ihn mit sanfter Gewalt zurück auf den Stuhl.
Linea konnte die Tränen nur noch schwerlich unterdrücken, aber offenbar waren gerade sie es, die Valdarrs Zorn vorerst in Schach hielten. Nie hätte sie gedacht, dass es so schwer sein würde, ihren Vater zu überzeugen, und langsam verstand sie, warum Jella von ihrer Idee nicht begeistert war. Er konnte alles zerstören, wenn er sie beim Jarl anschwärzte. Zwar hatte sie keine Ahnung, warum er das tun sollte, aber Linea hatte ebenso wenig gewusst, dass Valdarr sie die ganze Zeit belogen, ihre Herkunft vor ihr verheimlicht hatte. Vielleicht war dieser Gedanke an einen weiteren möglichen Verrat diesem Vertrauensbruch geschuldet.
Gerade als Linea noch etwas Flehendes hinzufügen wollte, ergriff Valdarr das Wort. »Also gut. Rede, Sklavin!« Finster starrte er sie an und Jella schluckte schwer, bevor sie die Sprache wiederfand und ausführte, was sie Linea auch noch nicht zur Gänze berichtet hatte.
»Als ich damals als Kind auf einem Schiff aus meiner Heimat entführt wurde, erzählte mir ein Junge eine Geschichte. Er war einer der Söhne der Krieger und konnte meine Sprache sprechen. Nur deswegen hatte sein Vater ihn mitgenommen. Sie wussten, dass sie mit Sklaven …«
»Das interessiert mich nicht, Sklavin«, raunte Valdarr ihr bedrohlich zu.
Linea bemerkte erst jetzt, dass ihr Ziehvater von seinem Platz aufgestanden war, unruhig durch den Raum tigerte und nun mit den Händen auf der Stuhllehne Jellas regungslos verharrte.
Die junge Frau zuckte erschrocken zusammen und machte Anstalten, panisch aufzuspringen, doch Linea ergriff die Hand ihrer Freundin und drückte sie leicht. Sie wollte ihr zeigen, dass sie nicht allein war und vor Valdarr nichts zu befürchten hatte.
Jella nickte knapp, ehe sie fortfuhr. »Der Junge sprach von einer Geschichte, die hier mehr als eine Legende aus alter Zeit bekannt ist. Es geht um eine Seherin, die in den Tiefen der Wälder in einem Bau unter der Erde haust und von Zeit zu Zeit in die Geschicke der Menschen und Götter einzugreifen vermag.« Sie machte eine kurze Pause. Linea blickte sie nur weiterhin neugierig an, Valdarr schwieg beharrlich. Also fuhr Jella fort: »Von diesen Priesterinnen soll es viele geben, die die Einsamkeit der Wildnis schätzen, doch nur diese eine soll im Schutz Wodans stehen. Wisst ihr, dass Oðin stets von zwei Raben begleitet wird?«
»Jedes Kind kennt die Geschichte«, sagte Valdarr mit rauer Stimme, die nun nichts mehr Bedrohliches an sich hatte. Bei diesen Worten zuckte Lineas Kopf herum und sie musterte ihren Ziehvater skeptisch. Er bemerkte ihren fragenden Ausdruck und gluckste.
»Kannst du dich nicht erinnern, Linea?«, fragte er und schaute ihr fest in die Augen. »Es war eine der frühesten, die ich dir beigebracht habe.«
Langsam schüttelte Linea den Kopf. Sie konnte sich beim besten Willen nicht an diese Erzählung erinnern. Mit Hákon und Magnus hatte sie immer nur über die großen Abenteuerfahrten der Wikinger gesprochen, nie jedoch über eine magisch begabte Frau, die in den Wäldern direkt vor ihrer Haustür leben sollte.
»Würdest du sie mir bitte erneut erzählen, Jella?«, bat sie ihre Freundin, die ihr ein flüchtiges Lächeln schenkte und nickte.
»Diese Seherin soll stets in einen Umhang aus schwarzen Federn gekleidet sein. Um dem höchsten der Götter zu seiner Macht und Position zu verhelfen, schickte die Seherin ihm zwei Raben, als Stellvertreter für Gedanken und Erinnerung. Diese Begleiter halfen Oðin, sich zum höchsten Gott aufzuschwingen. Als Dank schenkte er der Magierin den Umhang aus Gedanken und Erinnerung, aus den Federn seiner Raben Hugin und Munin. Er soll ihr unbändige Kräfte verleihen und ihr eine innige Verbindung zu ihm ermöglichen. Es wird gesagt, dass sie durch ihre Gedanken Einfluss auf ihn nehmen kann.« Jellas Stimme war nur noch ein zartes Raunen, beinah überdeckt vom Heulen des Windes vor der Tür und dem Knacken der hölzernen Wände.
»Und weiter? Wie heißt sie?«, fragte Linea mit zitternder Stimme.
»Sie ist unter vielen Namen bekannt. Überall in diesem Land erzählt man sich ihre Geschichte, doch viele, die sie erzählen, kennen andere Namen. Wahrscheinlich weiß keiner ihren richtigen. Ich habe sie gefunden, hier im Wald vor den Toren Skogbyens.« Sie holte zittrig Luft und ihr Blick verschleierte sich, als verließe Jella den Raum im Hier und Jetzt, um in ihr damaliges Ich zurückzukehren. »In einem Moment größter Not und Gefahr für mein Leben sandte sie mir einen Traum, in dem ich den Weg zu ihrer Hütte fand. Sie bot mir den Ausweg aus … meinen Problemen und ich ergriff die Möglichkeit. Gefunden habe ich sie unter dem Namen Yngvild.«
Schweigen breitete sich in dem großen Raum aus.
Linea zeigte keine Regung, sie beobachtete stumm Valdarr, wartete auf seine Reaktion. Als keine kam, nahm sie all ihren Mut zusammen und durchbrach die erdrückende Stille. »Was denkst du, Vater? Sie kann mir bestimmt Rat geben.«
Valdarr schwieg beharrlich. Er gab nichts von seinen Gedanken preis. Sosehr sich Linea auch bemühte, in seinem Gesicht zu lesen, so hatte sie doch nicht den Hauch einer Ahnung, was ihm gerade durch den Kopf ging.
Aber etwas schien ihn zu beunruhigen. Mit schweren Schritten trat er vor Jella, die unsicher auf der Stuhlkante hin und her rutschte, und baute sich mit verschränkten Armen vor ihr auf. »Ich kenne viele Geschichten über die Eingriffe der Nornen und Seher dieser Welt in die Geschicke der Menschen. Aber die Gunst der Götter bekommt man nicht leichtfertig geschenkt, man verdient sie sich. Auch wenn diese Hexe dich damals von deinen Problemen befreit hat, Sklavin, so denke ich, dass selbst du nicht so dumm bist zu glauben, sie hätte es aus reiner Nächstenliebe für dich getan. Was musstest du dafür leisten?«, fragte er mit ernster Miene.
Linea stutzte. »Was meinst du, Vater?« Verwirrt sah sie zwischen ihrem Ziehvater und der Sklavin hin und her. Als trügen sie ein stummes Duell aus. Linea verstand nichts von alledem.
Ist da vielleicht noch mehr, was sie vor mir geheim halten? Valdarr scheint besser zu verstehen, was hier vorgeht, als ich selbst. Hoffentlich war das kein Fehler, ihm von dem Plan zu erzählen …
»Ich weiß schon, was er meint«, fuhr ihr Jella dazwischen, bevor Valdarr zu einer Erklärung ansetzen konnte. Sie schaute dem Krieger mit festem Blick in die Augen, sichtlich entschlossen, dem seinen standzuhalten. »Was ich tat, um in diese Situation zu kommen, oder was ich tat, um dieser Situation wieder zu entfliehen, geht Euch einen feuchten Dreck an, Kendtmann. Und glaubt mir, wenn ich Euch sage, dass mir sehr wohl bewusst ist, jedes Opfer, das ich gebracht habe, gereichte ihr zu ihrem eigenen Vorteil. Sie verfolgt ihre eigenen Ziele und nur Oðin selbst vermag über jene Auskunft zu geben. Maßt Euch also nicht an, darüber zu urteilen, Kendtmann.«
Linea zog scharf die Luft ein. Noch nie hatte ein Sklave gewagt, ihren Vater derart zu beleidigen und ihm so offen die Meinung ins Gesicht zu spucken. Selbst Valdarr öffnete kurz fassungslos den Mund, besann sich jedoch rasch eines Besseren und schloss ihn wieder.
»Lasst mich Euch sagen«, sprach Jella unbeirrt weiter, »was ich für sie tun musste, war es allemal wert. Ihre eigenen Pläne kümmern mich nicht, sofern sie mich nicht betreffen, und genau so solltest du es handhaben, Linea.« Jellas Blick streifte Linea kurz, ehe er sich in den forschen Augen des Kendtmanns verankerte. In ihrer Stimme lag ein solcher Nachdruck, der es keinem der beiden erlaubte, weitere Fragen diesbezüglich zu stellen.
»Wirst du mich gehen lassen, Vater?«, fragte Linea vorsichtig.
Valdarr sah sie lange schweigend an, bevor er sich mit der Hand durch den Bart fuhr und ihr Antwort gab. »Linea, du darfst dieses Risiko nicht eingehen. Es ist nicht klar, ob und wie sie dir helfen wird und was du dafür tun musst. Ihr ist nicht zu trauen, schon gar nicht, weil wir nichts über sie und ihre Verbündeten wissen. Was ist, wenn die Ragnarssons sie geschickt haben oder von ihr und ihrer Arbeit profitieren? Sie allein könnte schon genug Schaden anrichten, sollten sich ihre Machenschaften gegen uns richten, aber in diesem Bündnis …«
Linea fiel ihm ins Wort, ließ sich vor ihm auf die Knie nieder und zwang ihren Ziehvater, sie anzusehen. »Vater, bitte versteh doch, es ist meine einzige Möglichkeit. Wenn ich erst die Verbindung mit ihm eingehe und er dann stirbt, kann ich zur Jarl von Skogbyen werden! Ich könnte endlich selbst über mich und mein Leben bestimmen, da wäre niemand mehr, dem ich gehorchen müsste, niemand, der Macht über mich hat.« Sie sah ihren Ziehvater flehentlich an. »Niemand, der dich erpressen könnte«, fügte sie beinahe flüsternd hinzu und beobachtete Valdarrs verzerrtes Mienenspiel.
Dieser schien etwas ganz anderes als die Bitte seiner Tochter gehört zu haben. »Du willst diese Verbindung mit ihm?«, rief er entsetzt.
Erschrocken wich Linea vor ihm zurück, bis sie die hölzerne Wand im Rücken spürte.
Verdammte Axt! So habe ich das gar nicht gemeint. Denkt er nun wirklich, ich würde mir diese Verbindung wünschen? Das kann er nicht ernst meinen. Ich dachte, wenn ich mich seinem und Rutmars Willen beuge, steht er wenigstens nicht mehr in der Schusslinie des Jarls. Wenn der Jarl bekommt, was er will, muss Valdarr ihn nicht mehr fürchten. Warum kann er das nicht verstehen? Ich will ihm nur helfen. Wenn ich diese Verbindung mit ihm eingehe, bin ich viel näher dran, um ihn endgültig aus dem Weg räumen zu können. Diese Vermählung ist doch, egal von welcher Seite betrachtet, nur Mittel zum Zweck.
»N…nein, i…ich«, versuchte sie sich stotternd zu erklären, aber er unterbrach sie erneut.
»Wie kannst du mir so in den Rücken fallen, Mädchen?« Er war mit zwei langen Schritten bei ihr, beugte sich bedrohlich über sie.
»Sie will nicht!«, schrie Jella plötzlich von der anderen Seite des Tisches. Empört war sie aufgesprungen und stemmte wütend die Hände in die Hüften.
Linea wusste nicht, woher ihre sonst so schüchterne Freundin auf einmal den Mut nahm, ihren Vater derart anzugehen.
»Aber Linea hat verstanden, dass es für sie besser ist, als sich von einem der einfachen Soldaten wieder und wieder flachlegen zu lassen«, ereiferte sich die Sklavin und ihre zu Fäusten geballten Hände zitterten gefährlich. »Sie wird tun, was sie für richtig hält, und niemand, auch nicht ihr Ziehvater, wird sie davon abhalten!« Mit diesen letzten Worten drehte sie sich um und stürmte nach draußen.
Mit einem lauten Krachen fiel die Holztür ins Schloss, und Valdarrs Kopf ruckte zu Linea, die vor Angst zitternd vor ihm an die Wand gepresst verharrte.
»Du wirst nicht zu diesem Scheusal in den Wald gehen. Morgen werde ich mit dem Jarl deinen Brautpreis festlegen«, knurrte er zähnefletschend und ließ dann endlich von ihr ab.
Ohne groß darüber nachzudenken, was sie tat, rannte Linea los, schlüpfte in ihre Kammer und verbarrikadierte die Tür zum Hauptraum.
Ein sanftes Klopfen an der Tür ließ sie ruckartig aus ihrem unruhigen Schlaf hochfahren. Verwirrt sah sie sich in ihrer kleinen Kammer um. Sie wusste nicht, wann sie eingeschlafen war, erinnerte sich nur noch verschwommen an das, was passiert war nach dem Streit mit ihrem Ziehvater.
Sie hatte geweint, geflucht und noch mehr geweint. Auch das erlöschende Licht der Fackel, die irgendwann heruntergebrannt war, hatte den Tränen keinen Einhalt geboten. In tiefster Nacht war sie vor Erschöpfung eingeschlafen.
Das erneute Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken.
»Herrin?«, vernahm sie die leise Stimme des Sklaven Bold. Wahrscheinlich hatte Valdarr ihn geschickt, um zu prüfen, ob sie schon wach war.
Kurz streifte der Gedanke durch ihren Kopf, einfach nicht zu reagieren und ruhig liegen zu bleiben. Aber wie sollte ihr das helfen? Ihr Weg war bestimmt, heute würde ihr Brautpreis ausgehandelt werden, sie musste sich auf die Verbindung mit dem Jarl einlassen und nichts würde sich daran ändern, wenn sie im Bett liegen blieb.
»Was gibt es, Boldi?«, fragte sie erschöpft und fuhr sich mit der Hand durch die zerzausten Haare.
»Der Herr wartet auf Euch im Hauptraum. Ihr werdet innerhalb der nächsten Fackel im Langhaus des Jarls erwartet.«
Sie seufzte schwer und kämpfte erneut die Tränen nieder, die sich in ihre Augen stahlen.
»Ihr sollt Euch beeilen, meinte er«, fügte der Sklave hinzu, seine Stimme drang nur gedämpft zu ihr durch.
Lineas Blick fiel auf die verbarrikadierte Tür.
Deswegen ist er also noch nicht hereingekommen.
Anstatt aufzustehen und ihm zu öffnen, sah sie zu dem brettervernagelten Fenster hinüber, als sie mit fester Stimme antwortete: »Ist gut, du kannst ihm ausrichten, dass ich gleich zu ihm stoßen werde.«
Eine Reaktion des Sklaven blieb aus. Linea hörte lediglich seine schlurfenden Schritte, als er sich zurückzog. Schweren Herzens schwang sie die Beine aus dem Bett, wusch sich in der Waschschüssel die verklebten Augen und kämmte ihre Haare flüchtig mit dem hölzernen Kamm, bevor sie sich das einfache rot gefärbte Leinenkleid über den Kopf zog.
Ehe sie die Kammer verließ, legte sie noch den schlichten hellbraunen Ledergürtel an und warf sich den Bärenfellumhang über die Schultern.
Valdarr lief bereits ungeduldig im Raum auf und ab, als Linea aus ihrer Kammer kam.
»Ah, Linea. Endlich«, empfing er sie und obwohl er versuchte zu lächeln, klang seine Begrüßung steif und unfreundlich.
Linea erwiderte nichts, warf ihm einen finsteren Blick zu und nahm dankend Brot und Käse von Klod entgegen. Ohne ihrem Ziehvater weitere Beachtung zu schenken, ließ sie sich am großen Tisch auf einen Stuhl fallen und begann schweigend zu essen.
Valdarr stieß ein entnervtes Seufzen aus. »Bei Oðins Raben, Linea! Denkst du, mir fällt das leicht?« Linea warf ihm einen scharfen Blick zu. »Du bist meine Tochter, verdammt! Dich in Rutmars Hände zu geben, ist, als würde ich mein dickstes Schwein zur Schlachtbank führen!«
»Du vergleichst mich mit einem dicken Schwein?«, begehrte Linea auf und wandte sich verächtlich schnaubend von ihm ab.
Ein zähes Stöhnen entwich seiner Kehle und er warf die Hände in die Höhe. »Komm jetzt. Besser ist es, wenn er nicht so lange auf uns warten muss«, sagte er und langte nach dem Türgriff.
Doch Linea bewegte sich nicht, sah ihn nicht an. Mit einem wütenden Knurren machte er zwei Schritte auf seine Tochter zu, packte sie grob am Arm und zog sie hinter sich her, hinaus in die Kälte.
Es war das erste Mal, dass Linea das Langhaus des Jarls bewusst von innen wahrnahm. Durch einen kleinen Vorraum, der zugestellt war mit Kisten und Fässern, wurde sie von Valdarr in den Hauptraum geschubst.
Mittig, von mehreren schweren Holzbänken umrundet, prasselte ein großes Feuer in einem mit Steinen eingefassten Becken. Das Dach überdeckte sie mehrere Mannslängen über ihren Köpfen. An den Wänden links und rechts wanden sich hölzerne Treppen, die den Weg zu den höher gelegenen Kammern bereiteten.
Flüchtig glitt ihr Blick über die Stützsäulen, die auch hier mit kunstvollen Schnitzereien versehen waren. Mehrere Männer, gerüstet in Brynja und ledernen Beinlingen, standen an den Eingängen zu den anderen Räumen. Sklaven huschten unauffällig hin und her und gingen ihrem Tagwerk nach, brachten Brot, Fleisch und Käse für die Männer und Frauen, die auf den Bänken saßen.
»Ah, Valdarr! Bringt Ihr mir endlich mein Weib, wie Ihr es versprochen habt?«, erklang eine raue, kehlige Stimme vom anderen Ende der Halle, und Linea wandte ruckartig den Kopf herum.
Dort, auf einer erhöhten steinernen Stufe, saß der Jarl von Skogbyen auf einem ausladenden hölzernen Stuhl mit hoher Lehne und prachtvollem Stoffbezug. Nein, er saß nicht, er fläzte sich regelrecht.
Linea verzog missbilligend den Mund, als sie seine Worte hörte und er gleichzeitig einem vorbeieilenden Sklaven vor die Füße rotzte. Zum ersten Mal sah sich Linea den Jarl, ihren zukünftigen Gemahl, genauer an. Seine fettigen Haare fielen ihm in dicken Strähnen ums Gesicht und der struppige Bart verdeckte seine Mundpartie vollständig. Die kleinen dunklen Augen lagen unheimlich tief in ihren Höhlen, umkränzt von tiefen Falten, die ihn ungemein älter aussehen ließen, als er eigentlich sein konnte.
Seine Kleidung machte einen noch schlechter gepflegten Eindruck. Fettflecken zeichneten sich dunkel auf seinem wollenen Umhang ab, auf Hemd und Weste meinte Linea, verkrustetes Blut zu erkennen, und unter seinen Fingernägeln hatte sich offenbar der Schmutz von Jahrhunderten gesammelt. Er war einfach nur schmierig und ekelerregend.
Und so etwas nennt sich Jarl, dachte Linea abfällig und wandte den Blick ab.
Doch Valdarr schien dies alles nicht zu beeindrucken, denn er hielt ihren Arm fest umschlossen und zog sie mit sich bis vor die Erhöhung. »Mein Jarl«, sagte er und kniete kurz vor dem Thron nieder. »Ich bringe Euch Eure Braut, damit Ihr in aller Ruhe und mit Zustimmung der Götter den Preis festlegen könnt, den Ihr bereit seid zu zahlen.«
Der Jarl bedeutete ihm mit einer Handbewegung, sich zu erheben. Ächzend stand Valdarr auf und zog Linea mit sich. Diese hielt den Kopf gesenkt und starrte angestrengt auf ihre Füße. Sie hörte, wie sich Rutmar mit einem schwerfälligen Stöhnen hochwuchtete und mit schlurfenden Schritten auf sie zukam. Nur eine gute Armlänge trennte sie voneinander. Ein beißender Gestank nach Schweiß und schalem Alkohol umgab ihn wie eine wogende Wolke und trieb Linea unwillkürlich die Tränen in die Augen.
»Hmm …«, machte er und Linea spürte, wie er sie forschend betrachtete, als er anfing, sie zu umrunden. Er musterte sie von oben bis unten und ließ hin und wieder grunzende Laute der Zustimmung vernehmen. »Viel ist an dem Weib ja nicht dran«, murrte er, als er seine Runde beendet hatte und mit verschränkten Armen auf ihre viel zu flachen Brüste starrte.
Mit jedem Schritt, den er machte, und mit jedem Blick, der gierig über ihren Körper glitt, fühlte sich Linea unwohler. Zu gern hätte sie die Arme schützend vor ihrer Brust verschränkt. Sie kam sich nackt und entblößt vor, obwohl sie immer noch in den dicken Fellumhang gehüllt war.
Ergeht es so den Sklaven auf den Märkten in den großen Städten?
Am liebsten wäre sie sogleich aus der Halle gestürmt. Sie drehte leicht den Kopf, sodass ihr eine dichte rotblonde Haarsträhne ins Gesicht fiel und sie nichts mehr von ihrer Umgebung sehen musste. Sie wollte nur noch weg.
Plötzlich packte sie eine schwielige, raue Hand am Kinn, und Linea zuckte erschrocken zusammen. Der Mann vor ihr verstärkte seinen Griff und zog ihren Kopf nach oben, sodass er ihr ins Gesicht sehen konnte und ihren schlanken Hals entblößte.
Linea hielt die Augen dennoch gesenkt und wagte nicht, die Lider zu heben. Ein schrilles Quieken entwich ihr, als er sich noch weiter vorbeugte, mit seiner Zunge blitzschnell über die Wölbung ihres Halses fuhr und knapp unter ihrem Ohr verharrte.
»Ich kann es dennoch kaum erwarten, bis du unter mir liegst und erzitterst, wenn ich dich nehme«, raunte er so leise, dass nur sie ihn hören konnte, und Linea wurde augenblicklich schlecht bei der Vorstellung, dass es genau so kommen würde.
Ruckartig entwand sie sich seinem Griff, doch Rutmar musste sehen, wie stark ihr Puls an ihrem Hals klopfte, was ihre Aufregung verriet.
»Immerhin sieht sie besser aus als Birna, bei Freyjas Titten, war die hässlich!«, rief er und lautes Gelächter seiner Männer jagte Linea eine Gänsehaut über den Rücken.
Wie konnte er nur so über die verstorbene Mutter seines Sohnes reden?
»Ja, mein Herr«, versuchte Valdarr das ganze Geschäft noch etwas besser zu gestalten. »Und bedenkt nur, was noch aus ihr werden könnte. Obendrein ist sie sehr geschickt mit den Händen, ordentlich, fügsam und geradezu begierig darauf, mit Euch das Lager zu teilen und Euch den Sohn zu schenken, den Ihr Euch als Stammeshalter immer ersehnt habt.«
In Lineas Hals bildete sich ein dicker, heißer Kloß. Ihr fehlten die Worte, um etwas Passendes zu erwidern, und doch hob sie nun den Kopf und warf ihrem Ziehvater und dem Jarl, in dessen Augen ein lüsternes Glitzern getreten war, finstere Blicke zu.
Rutmar war das offenbar nicht entgangen, denn er lachte laut brüllend auf und schlug ihm fest auf die Schulter. »Ich glaube Euch kein Wort, Valdarr. Auch wenn Loki selbst Euch heute die Worte in den Mund gelegt hat. Einhundert Dirhams und zwei Schafe gebe ich dir, Kendtmann.«
Linea hob abschätzend eine Augenbraue. Das war der lächerlichste Preis, den sie sich hätte vorstellen können. Sogar für einen alten Sklaven mit nur einem Arm wurde mehr gezahlt. Sie wusste, dass das alles für Rutmar keine Bedeutung hatte. Er war der Herr über das gesamte Dorf. Linea war nichts, gehörte ihm eigentlich schon längst. Der Brautpreis wurde nur aus Achtung der Sitte gezahlt. Und sie wusste, dass ihr Ziehvater nicht in der Position war, um diesen Preis zu feilschen. Er konnte ihn annehmen und noch etwas Sinnvolles dabei abgreifen oder er lehnte ab und Rutmar würde sich trotzdem nehmen, was er begehrte.
Dennoch zögerte Valdarr. Eine unheimliche Stille legte sich über die Halle, sämtliche Leute schienen die Luft anzuhalten und beobachteten gebannt das Blickduell der beiden Männer. Valdarr schürzte die Lippen. Linea konnte ihm ansehen, dass er bei Weitem nicht zufrieden mit dem vorgeschlagenen Preis war.
»Mehr ist sie Euch nicht wert? Bedenkt, welches Blut in ihren Adern fließt«, sagte Valdarr leise und beugte sich ein Stück zu seinem Jarl hinüber, sodass nur er und Linea seine Worte hören konnten.
Rutmars Lippen kräuselten sich und die Wut über diesen offenen Widerspruch brachte seine Augen zum Glühen. Doch er wahrte das Gesicht und brach in schallendes Gelächter aus. »Bei Oðin, Ihr seid ein harter Verhandlungspartner, Valdarr! Ich gebe Euch zusätzlich noch ein Skramasax aus meiner Sammlung dazu. Nehmt Ihr das Angebot an?« Er streckte seinem Gegenüber eine Hand entgegen.
Ohne zu zögern, umschloss Valdarr den Unterarm des Jarls und legte ihm die andere Hand auf die Schulter. Ein Lächeln legte sich auf seine Lippen, und Linea wurde bei diesem Anblick speiübel.
Pulsuz fraqment bitdi.