Kitabı oxu: «Bens legendäre Skills - Nächstes Level: Reality Check»

INHALT
Der Wassergeist
Das Abwerfen
Der Jubel
Der Kartoffeldieb
Der High Kick
Die Flut aus Ärger
Die Festung
Das Angebot
Der fisselige
Der Übergang
Der Schuss
Das M
Das A
Das R
Das E
Das K
Der Granitboden
Die Zeit
Die Erlösung

DER WASSERGEIST
#HILFERUF
Niemand weiß, wie groß das Ungeheuer ist, das ich gleich aus dem dunklen Wasser hervorlocken werde. Keiner hat es bislang zu Gesicht bekommen. Unzählige Schaulustige bevölkern deswegen das Ufer. Und hinter jedem der Elfen, Gnome und Tierwesen steckt ein eingeloggter Spieler irgendwo auf der Welt. Mittlerweile spielen alle Exploria. Chinesen im Großraumbüro. Norweger im Blockhaus. Vielleicht sogar Forscherinnen tief in der Antarktis, wenn gerade mal kein Eisbohrkern zu untersuchen ist.

Alle wollen sie sehen, was gleich passiert, wenn ich in die magische Muschel blase. Sie ist das einzige Objekt, mit dem sich das mächtigste aller Wassermonster aus dem Teich der Tausend Tode an die Oberfläche holen lässt.
Um die Muschel zu bekommen, war ich fast achtzig Spielstunden unterwegs. Der Weg führte mich durch Höhlen, in denen das Echo in den Ohren schmerzte, und durch Sümpfe, deren fauligen Gestank ich förmlich riechen konnte. Vielfach starb ich auf der Suche. Ich will sehen, ob es sich gelohnt hat.

Ich hebe die Muschel an meine Lippen. Mein Assistent Samra öffnet das Waffenmenü und lässt die Objekte kreisen. Bazooka, Harpune, Granatwerfer − er kann sich nicht entscheiden.
„Wie kann es sein, dass du noch nicht so weit bist?“, meckere ich. „Du bist ein NPC! Du wirst vom Computer gespielt!“
„Keine Diskriminierung der künstlichen Intelligenz“, antwortet Samra.
Früher habe ich die riesige Welt von Exploria mit Wirrbart erforscht. Bis ich herausfand, dass meine eigene Lehrerin diesen genialen Magier spielte. Deshalb lasse ich mich auf keinen menschlichen Begleiter mehr ein. Die Computerfiguren sind allerdings seit einigen Wochen so schlagfertig, dass man sich denken könnte, es steckten ebenfalls echte Menschen dahinter, also Angestellte des Entwicklerstudios. Aber dann müssten ja Hunderttausende an den Headsets hocken. Kann also nicht sein.
Samra zögert weiter die Wahl seiner Waffe hinaus. Wer so sehr trödelt, hat dafür Gründe. Mir kommt ein Verdacht.
„Sag mal …“, frage ich ihn, „hast du etwa Schiss?“

Also hat er. Unglaublich. Nicht nur, dass die NPCs mittlerweile reden wie Menschen. Die Entwickler haben ihnen sogar Ängste verpasst. Als Upgrade sozusagen.
Verstehen kann ich es ja. Die Gerüchte über das Wassermonster aus dem Teich der Tausend Tode sind Furcht einflößend. Wer es besiegt, sagt man, erhält so viele Erfahrungspunkte, wie man sie sich sonst nur in einem Jahr erspielen könnte. Wer aber unterliegt, dessen Character wird fast bis auf die Werkseinstellung zurückgeworfen. Zudem verschwindet er in dem Wesen und muss sich mühselig wieder aus ihm herauskämpfen.

Den Weg aus dem Ungeheuer heraus zu finden − wer weiß, wie lange das allein dauert. Seine Figur wieder auf das Level von vorher zu bringen? Das kostet einen garantiert Monate.
Dieses Magen-Level soll das zäheste, dunkelste und mühseligste sein, das je programmiert wurde. Wenn’s denn existiert. Den Verlust so vieler Punkte kann ich mir nicht erlauben. Ich habe mir einen Status erarbeitet, um den die meisten Spieler rund um die Welt mich beneiden. Da ich einer der Ersten war, die Exploria gespielt haben, gehöre ich zu den fünfzig besten Spielern weltweit. Gestern stand ich auf Platz 47. Ende vergangener Woche sogar auf Platz 39. Alle kennen meine Figur Modi.

Meine Prominenz ist auch der Grund, wieso so viele Spieler am Uferrand stehen. Unter den Schaulustigen ist gerade auch Gaia Girl aufgetaucht. Sie würde ich selbst dann noch erkennen, wenn sie mitten in einer Schlacht stünde, umhüllt von aufgewirbeltem Staub.
Emma steckt hinter der Figur. Auf ihrem Kanal Emmas Eyecatcher hat sie ein Video daraus gemacht, wie sie sich bei Exploria anmeldet und Gaia Girl gestaltet. Allein für das glitzernde Grün der Haare nahm sie sich zehn Minuten Zeit.

Ich blase in die Muschel. Samra jammert. Das Wasser beginnt zu blubbern. Die Musik schwillt an. Dunkle Trommeln. Finstere Hörner. Dampf steigt auf. Der Teich der Tausend Tode blubbert nicht bloß − er kocht! Die Zuschauer am Ufer raunen. Samra wird bleich. Als Computerfigur! Die Designer denken an alles. Sicher, auch woanders schauspielern die digitalen Gesichter mittlerweile herausragend. Manchmal sogar viel besser, als es echte Darsteller können. Aber das hier, das wirkt irgendwie … spontaner.
Es bildet sich ein Strudel. An seinem Rand zischt es, denn während das Wasser in der Mitte kocht, gefriert es außen. Harte Tropfen steigen auf wie glitzernde Gewehrkugeln. Als ob die drei Monde über uns eine stärkere Gravitation ausüben als der Planet.
Samra ruft: „Schild!“
Er wirft sich vor mich. Einige der glitzernden Gewehrkugeln aus Eis treffen ihn, noch bevor er sich mit einem Schutz aus dem Holz der Weißeiche ausrüsten kann. Verlorene Hitpoints purzeln über den Bildschirm. Ich ducke mich. Nun prasselt das gefrorene Wasser auf das Holz ein, das härter ist als die meisten Metalle im Spiel. Der Klang ist mal wieder unglaublich. Der Norweger in seiner Hütte muss denken, sie würde tatsächlich von außen beschossen.
Der Angriff mit den Eisgeschossen endet. Die Musik bremst ab. Weniger Trommeln, mehr Streicher. Aus dem Auge des Strudels erhebt sich eine Plattform. Rauschend fließt das Wasser von den Rändern ab.

Auf der großen Plattform steht ein winziges schwarzes Gespenst. Seine Gestalt leuchtet in dem tiefsten Schwarz, das ein Monitor jemals dargestellt hat. Aus der Finsternis heraus fixieren uns zwei grelle, pupillenlose Augen.
Einen Augenblick lang geschieht gar nichts, dann beginnt der nasse Schatten zu schreien. Am Ufer zucken die Figuren zusammen. Einige verschwinden, da ihre Spieler sich ausloggen, weil es so in den Kopfhörern kreischt. Die Frequenz ist die Hölle. Fingernägel auf einer Tafel klingen angenehm dagegen. Trotz des Lärms begreife ich die Aufgabe. Die meisten Objekte in Exploria haben größte Bedeutung. Sie ziehen eine Menge nach sich. Sie verbinden sich mit anderen. Sie pflanzen etwas, das man später im Spiel erntet.

Dort, wo ich die Muschel fand, gab es als Dreingabe ein paar Melodien, die ich auf ihr zu spielen lernen sollte. Jede davon trug einen bedeutungsschweren Namen.
Man muss sie ins Mikrofon des Headsets pfeifen. Eine davon hieß Slumber, also Schlummer. Die wird es sein. Durch sie kann ich den schwarzen Wassergeist besiegen. Ihn erlösen. So ist das wahrscheinlich gemeint. Der Geist ist gar nicht böse, er hat Schmerzen. Wer ihn besiegt, befreit ihn davon. Wie ging die Melodie noch? Sie hatte nur vier Töne. Ich versuche ein paar, doch das Kreischen wird nur stärker. Das gibt Kopfschmerzen! Wer soll sich dabei konzentrieren? Sich bei diesem Lärm an ein unschuldiges, kleines Lied erinnern?
Am Ufer lösen sich immer mehr Figuren in Luft auf, doch Emma bleibt stehen. Gaia Girl hält stand. Ich darf sie nicht enttäuschen. Ich darf morgen nicht in die Schule kommen als der, der von einem kleinen Geist durch Kreischen besiegt wurde.
Obwohl, von innen muss das Wesen unendlich viel größer sein als von außen, wenn es einen verschlucken und in ein riesiges Level aus Finsternis werfen kann. Ich konzentriere mich. Atme tief durch. Alt F7. Dann blase ich die richtige Melodie.

Sie klingt traurig und doch nach Hoffnung. Bloß vier Töne, aber gut gewählt. Das Kreischen wird leiser. Die Augen des schwarzen Geistes schauen mich an wie die eines erstaunten Kindes. Sie sind nur grelle Lichter und doch ändert sich was in ihnen.
„Das ist es!“, haucht Samra. Er nimmt den Schild runter.
„Mach weiter!“
Ich wiederhole die Melodie. Ton für Ton. Sitze in meinem Zimmer und pfeife ins Mikrofon, während Modi in die Muschel bläst.

Falls das ein Nachbar hört, durch ein Fenster, das auf Kipp steht, oder meine Eltern … die müssen denken: Jetzt ist er endgültig verrückt geworden.
Der dunkle Geist beginnt zu schimmern. Ich habe recht. Ich befreie ihn, indem ich ihn in den Schlaf singe. Der Teich der Tausend Tode war sein Fegefeuer. Der Schlaf ist sein Aufstieg in den Himmel. Gleich wird er sich auflösen, und ich werde belohnt mit den Erfahrungspunkten von Monaten. Dieser Sieg katapultiert mich in die Top Ten. Auf der ganzen Welt werden sie darüber sprechen. In Zügen, auf Ozeandampfern, in Flugzeugen. Überall dort, wo auch nur ein Hauch von Internet hinreicht.

„Oh, shit!“
Diese zwei Worte kann Samra noch äußern, bevor eine Rakete ihn vor meinen Augen aus dem Bildschirm reißt. Blutspritzer landen von innen auf dem Monitor. Links unten rutscht ein Stück Gedärm langsam das simulierte Glas hinab.
Der dunkle Geist beginnt wieder zu kreischen, schräger als je zuvor. Ich schaue mich hektisch um, drehe den Blick zum Ufer. Gaia Girl zeigt panisch in die andere Richtung. Ich schwenke um.
Auf dem schwarzen Wasser des Sees nähert sich ein Kriegsschiff. Klein, aber effizient. Wie diese Jeeps mit den aufmontierten Gewehren, nur eben als Schnellboot. Auf dem schwarzen Gefährt ist ein Raketenwerfer angebracht.

Es ist Dark Ambush. Ein Troll, der zerstört, was andere sich erarbeitet haben. Seine zweite Rakete verwandelt auch mich in eine Explosion aus Blut.

DAS ABWERFEN
#FEINDSCHAFT
„Aber eigentlich darf man doch wählen“, protestiert Fadi in der Turnhalle. Herr Löffler hat ihn zum König der einen Mannschaft im Völkerball bestimmt. Marek von der Köhlerschule bildet das Oberhaupt des anderen Teams.
„Wahlen sind gut, solange eine Gesellschaft funktioniert“, sagt unser Sportlehrer.

Mit „falsch“ meint Herr Löffler, dass Fadi dann nur Leute auf seine Seite holt, die schon immer auf unserer Schule waren. Und Marek nur die Kids aus seinem gefährlichen Viertel.
„Das geht doch sowieso nicht ganz auf“, versucht Fadi es weiter. Doch Herr Löffler bleibt hart. Er schickt mich in das Team von Marek. Als Nächstes pickt er Simon von der Bank und sortiert ihn Fadi zu. Marek räuspert sich. Wie ein Clanchef, wenn einer aus seiner Gang nicht spurt.
Simon bleibt stehen. Marek legt den Kopf schief. Sein Blick sagt laut und deutlich, ohne dass er sprechen muss: „Dein Ernst?“
Simon zeigt auf Herrn Löffler, nach dem Motto: „Was soll ich machen?“
„Was ist? Klebstoff unter den Sohlen?“ Herr Löffler lacht über seinen eigenen Witz. Simon schlurft gequält weiter zu Fadis Gruppe. Er guckt, als würde er damit tatsächlich seinen Boss verraten. Denn das scheint Marek für ihn zu sein. Das ist uns schon aufgefallen, als sie aus dem Köhlerviertel vor zwei Wochen auf unsere Schule kamen, weil es in ihrer Schule einen Wasserschaden gab. Seither wollen alle Lehrer, dass wir Teams bilden. Aber das klappt ungefähr so gut wie bei Katzen und Hunden.

„Fadi?“
„Ja?“
„Wähle deinen nächsten Mitspieler. Oder Mitspielerin.“
„Das ist doch albern. Ich darf ja nicht wählen.“
„Doch. Jetzt ist wieder jemand dran, der schon länger auf unsere Schule geht. Aus denen kannst du wählen.“
Fadi schüttelt den Kopf. Er wählt Emma. Sie hüpft fröhlich zu ihm. Einen Augenblick lang sehe ich ihr Haar goldgrün schimmern, wie bei Gaia Girl.
Heute Morgen hat sie mich getröstet wegen des Angriffs von Dark Ambush gestern Nacht.
Ich hatte gar nicht gemerkt, dass es schon Nacht geworden war. Sonst hätte ich nicht so laut geflucht, dass meine Eltern in mein Zimmer stürmten, weil sie dachten, ein Einbrecher sei gekommen.

Mein Vater meinte, kein Spiel der Welt dürfte einen so aufregen. Meine Mutter nahm für den Rest der Nacht den Netzstecker mit.
Marek holt sich Amber ins Team. Das boshafteste Mädchen, das die Köhlerschule zu bieten hat. Bislang war der Plagegeist unserer Schule ja Manuel, der Jagdvogel. Doch gegen Amber wirkt er wie eine kleine Eule aus Plüsch.
Das Spiel läuft gerade zwei Minuten, da klatscht mir Amber von hinten den Ball in die Kniekehlen. Ich knicke zusammen wie ein junger Baum im Sturm. Vor allem, da ich mich erschrecke.

Beim Völkerball erwartet man schließlich nicht, auf dem eigenen Innenfeld von einer Teamkollegin abgeworfen zu werden.
Auf der anderen Seite reißt Emma ihre schönen Augen auf und protestiert: „Hey, was soll das denn?“ Sie kommt herüber. Amber hebt die Arme wie ein Fußballer, der nach einem Foul so tut, als ob nichts gewesen ist.
„Amber!“, mahnt Herr Löffler. Er stellt sich dazwischen.
„Ben stand im Weg“, lügt Amber. Wenn Manuel eine Plüscheule ist, ist sie ein mechanischer Geier. Eine Androidin.
Emma schimpft. „Was wolltest du denn treffen, wenn Ben im Weg stand? Die geheime Bodenklappe in den Keller, oder was?“

„Wir spielen hier nur gemeinsam ein Spiel!“, sagt Herr Löffler, hebt die Arme und fügt hinzu: „Und Mitglieder des eigenen Teams kann man nicht abwerfen.“
Ich rappele mich wieder auf. Die beiden Mädchen entfernen sich langsam voneinander. Im Rückwärtsgang, wie zwei Katzen, die sich in Zeitlupe bewegen und dabei einander leise knurrend beobachten.
Es geht weiter. Fadi wirft den Ball über unsere Köpfe rüber in das Feld seines Teams. Dieses seltsame Spiel hat mich mein Leben lang verwirrt. Es wird eigentlich auch nicht mehr gespielt, aber Herr Löffler meinte, es sei gut dazu geeignet, die neuen und die alten Schüler einander näher zu bringen.
Simon fängt den Ball und könnte nun jemanden aus unserem Team abwerfen. Einen Moment lang sieht es auch so aus, als ob er es versuchen möchte, doch dann trifft sein Blick wieder den von Marek, der neben mir steht. Lautlos gibt der Gangsterboss ihm einen Befehl. Simon zögert kurz. Zwei Sekunden lang ringt er mit sich. Dann wirft er den Ball in seiner eigenen Hälfte auf Emma. Ich sehe rot. Schnaufend renne ich rüber und auf Simon zu. Ich fluche.

Alle geraten in Aufruhr. Herr Löffler jammert. Vermutlich stellt er sich vor, wie er bei der Rektorin antanzen muss, weil ein Schüler in seinem Unterricht einen anderen Schüler niedergeschlagen hat. Denn das werde ich gleich mit Simon machen. Niemand wirft Emma ab. Jedenfalls nicht aus reiner Boshaftigkeit. Noch drei Schritte und Simons viel zu zarte Nase wird Bekanntschaft mit meiner eisernen Faust machen. Ich hebe bereits den Arm, da schiebt sich Emma zwischen mich und mein Zielobjekt.

„Wie, nicht? Der hat dich abgeworfen! In der eigenen Hälfte!“
„Das war keine Absicht.“
Ich glaube, ich höre nicht richtig. Wieso sagt sie das?
Herr Löffler ist froh, dass sie mich aufhält. Trotzdem klagt er: „Es muss doch möglich sein, die Völker zu verbinden!“

Emma nimmt meine Hände und sieht mir tief in die Augen. Mein Herz klopft. Ihre Haut ist weich, zart und warm. Wortlos vertagt sie die Diskussion.
Ich wusste gleich, dass es ein Fehler war, die Leute aus dem Köhlerviertel bei uns einzuquartieren, solange deren Schule repariert wird. Das Köhlerviertel passt nicht zu uns. Wir sind wie ein Popsong mit viel Melodie. Die sind wie finsterer Rap mit Wutrotz zwischen den Lippen.

DER JUBEL
#TANZWIRBEL
Die Glocke schlägt zur großen Pause. Ich will wissen, wieso Emma den blöden Simon verteidigt hat. Wie Fischschwärme sortieren sich auf dem Schulhof die Kleistschüler und die Gäste von der Köhlerschule in zwei sauber getrennte Gruppen. Auf der runden Tischtennisplatte klackern die Bälle. An den Basketballkörben klimpern die Netze.

„Simon hat mich nur wegen Marek abgeworfen“, sagt Emma. „Er selber wollte das gar nicht. Das konnte man doch sehen.“
Ich werfe den Kopf nach hinten. „Ja, die Soldaten im Krieg wollen auch keine Bomben abwerfen. Trotzdem ist das falsch. Und überhaupt − Marek ist doch kein Oberbefehlshaber!“
„Für Simon ist er das irgendwie schon“, sagt Emma. Sie zeigt rüber zu den beiden. Gerade eben prüft Marek das Brötchen, das Simon von daheim mitgebracht hat. Offenbar gefällt ihm der Belag besser. Sie tauschen.
„Ich frage mich, was da vor sich geht“, sagt Emma. Sie streichelt mit den Fingern ihr süßes Kinn. Heute hat sie die Nägel in grün lackiert, wie die Haare ihrer Spielfigur.
„Die sind einfach alle krank in dem Viertel“, sage ich, „das geht da vor sich. Mehr nicht.“

Emma murmelt den Satz so nachdenklich, als gäbe es nichts Wichtigeres. Ich mag nicht, wie sehr sie sich für Simon interessiert. Es fühlt sich falsch an. Im Magen. In den Ohren. Im Hals. Überall.
An der Tischtennisplatte kommt das Spiel zum Erliegen. Ein Schüler klettert hinauf und lässt sich von einem anderen dabei filmen, wie er herunterspringt. Er wirft die Beine zur Seite und reißt die Arme nach oben. Fadi kaut ein Schaumkussbrötchen und fragt: „Was machen die denn da?“

Emma und ich wissen es. Wir grinsen. Ich erkläre es ihm. Fadi hat immer noch keinen Account bei Exploria.
„Die drehen einen Jubel.“
„Einen was?“
„Du guckst doch Fußball“, sage ich. Fadi nickt. Zwar liegt sein Hauptinteresse darin, für seinen Kanal Fadis Lost Places alte Ruinen und verlassene Orte zu filmen, aber die Spiele der Bundesliga verfolgt er alle. Selbst, wenn’s nur gegen Augsburg oder Paderborn geht.
„Jeder echte Fußballstar hat doch einen ganz eigenen, typischen Jubel. Den nur er so macht.“
Fadi nickt: „Wie bei Ronaldo. Dieser Sprung, der so breitbeinig endet. Arme zur Seite. Brust nach vorn.“
„Richtig“, schaltet sich Emma ein. „Und genauso ist das in Computerspielen. Bislang haben die Figuren das von selbst gemacht, aber bei Exploria kann man für seinen Charakter einen eigenen Jubel aufnehmen und dann ins Spiel übertragen.“

An der Tischtennisplatte wiederholen sie den Jubelsprung. Für alle Fälle. Auch beim Film dreht niemand eine Szene nur einmal.
„Das ist ja abgefahren“, sagt Fadi. „Hast du denn einen guten Jubel, Ben?“
Emma zieht die Brauen hoch. Da hat unser Gamer-Amateur Fadi ins Schwarze getroffen. Ich brauche dringend einen.
„Du bist doch angeblich so ein Star in dem Spiel geworden. Und du nutzt immer noch den Standardjubel?“
Meine Wangen werden heiß. Fadi zieht sein Telefon aus der Hosentasche.

Emma klatscht in die Hände: „Ja!“
„Wie soll ich spontan einen guten Jubel erfinden?“
„Scheiß auf gut“, sagt Fadi. „Er muss nur einzigartig sein! Die von St. Pauli sind im Fußball auch nicht gut, aber jeder kennt sie. Wolfsburg war mal Meister und die kennt keiner.“
Fadi richtet die Kamera auf mich. Emma ihre Augen. Es gibt kein Zurück. Ich überlege. Obwohl, eigentlich überlege ich kaum. Ich fange einfach an. Ich tanze den Floss aus Fortnite, mit dem Unterschied, dass ich mitten drin eine Drehung einbaue. Einen blitzschnellen Wirbel, der mich selbst überrascht.
„Jawoll!“, ruft Fadi. „Nochmal!“
Ich wiederhole den Trick.
Emma klatscht: „Die Drehung sieht aus wie bei Michael Jackson!“

Ich grinse. Flosse weiter. Wirble weiter. Alles für die Linse. Alles für den Jubel von Modi, der sich die verlorenen Punkte zurückholen wird, die Dark Ambush ihm gestern genommen hat. In das Gejohle von Fadi und die Komplimente von Emma mischt sich ein langsames, höhnisches Klatschen. Patsch. Patsch. Patsch. Es stammt von Marek. Seine Marionette Simon klatscht mit.

Pulsuz fraqment bitdi.