Kitabı oxu: «1431»
Sophie Reyer
1431
Roman

Sophie Reyer
1431
Roman

Gedruckt mit Unterstützung der Stadt Wien, Kultur
Reyer, Sophie: 1431 / Sophie Reyer
Wien: Czernin Verlag 2021
ISBN: 978-3-7076-0726-0
© 2021 Czernin Verlags GmbH, Wien
Lektorat: Evelyn Bubich
Autorinnenfoto: Konstantin Reyer
Umschlaggestaltung und Satz: Mirjam Riepl
Druck: Florjancic
ISBN Print: 978-3-7076-0726-0
ISBN E-Book: 978-3-7076-0727-7
Alle Rechte vorbehalten, auch das der auszugsweisen Wiedergabe in Print- oder elektronischen Medien
Inhalt
Prolog
1. Kindheit
2. Gott ist ein Lichtweber
3. Älterwerden
4. Feenbaums Wunder
5. Lernen
6. Vater
7. Aufbruch
8. Wachsen
9. Ankunft
10. Der Dauphin
11. Panzer
12. Schlachten
13. Die Reise geht weiter
14. Krieg
15. Der Kampf geht weiter
16. Rausch
17. Krönung
18. Verzögerungen
19. Gefangenschaft
20. Der Sprung
21. Hinrichtung
Epilog
Prolog
Am Ende und am Anfang, da ist immer eines: Brennen. So auch jetzt. An diesem 30. Mai 1431. Ketzerin, sagen sie, als man sie aufrichtet. Die, die man Jungfrau nennt. Die mit dem heiligen Augenaufschlag. Die im Körper einer einfachen Bauernmagd steckt. Früher rotwangig, jetzt blass, auf dem Place du Vieux-Marché in Rouen. Und überall: Brennen. Ja, Flammen auch in den Mündern der Menschen. Lauffeuer, von Lippe zu Lippe springt der Funke über: »Die Jungfrau! Sie wird hingerichtet!«
So viele Zuschauer wie möglich sollen Zeugen ihres Todes sein, oder? So zumindest will es die Regierung, ja? Eben noch krank in einem Gefängnis weggesperrt, diese Frau, munkelt man im Dorf. Und weiter: dass der König keinesfalls sehen wolle, dass sie einfach so sterben würde. Eines natürlichen Todes. Darum ordnete man noch schnell diese Hinrichtung an! Sie muss inszeniert werden, auch, wenn sogar die Richter weinen. Auch, wenn die Mehrzahl der Zuschauer schaudert und sich tief bewegt zeigt. Jetzt hat es einfach zu sein, es führt kein Weg daran vorbei! Ja, der Earl von Warwick selbst soll gesagt haben: »Sie darf nicht eines natürlichen Todes sterben. Unser Herrscher schätzt sie zu sehr, jetzt, nachdem er sie doch so teuer erkauft hat!«
Grausig ist der Beruf des Henkers, meint man. Aber dieser hier, der jetzt vor dem Mädchen steht, das Johanna heißt, es an den Pfeiler kettet, er schaudert. Im Wissen, dass er verdammt ist, als er die Jungfrau vor sich sieht. Im Wissen, er würde schon bald eine Heilige hingerichtet haben. Aber was hilft es: Pflicht ist Pflicht! Man beobachtet ihn, beobachtet sie, die Jungfrau, von außen: ihren Lidschlag, ihr Zittern. Wer liebt, tanzt mit dem Tod. Er lernt nach und nach alle Schritte Gottes, sagt sich Johanna, doch die Stimmen schweigen dazu. Angespannte Stimmung. Aufgerissene Münder. Sie ist mit einem Mal eine Drehtür ohne Richtung. Gelber Sand im Hirn. Sie ist nicht in sich. Ist bloß nebenan. Danach das Knistern von Flammen, ein Schicksal ist besiegelt. Sie brennt. Johanna brennt. Um sie herum neugierige Blicke, die sie würgen. Doch sie erkennt schon nicht mehr. Welt hinter Vorhang. Nebel und Rauch.
»Ich bitte Gott, dass meine Seele einmal an dem Ort sein wird, dort, wo, wie ich glaube, diese Frau jetzt sitzt!«, wispert da einer der Priester. Dann Stille und das Knistern von brennendem Holz.
Später mag der eine oder andere Soldat eine weiße Taube aufsteigen gesehen haben. Das ist alles. Johanna ist indes verbrannt.
1. Kindheit
Man hat sie angeklagt. Der Ketzerei beschuldigt. So wird es ihm erzählt. Sofort ist er Feuer und Flamme für den Fall. Wer mag sie sein, diese Johanna? Dieses Mädchen mit der trotzigen Schönheit, das sich als Heilige ausgibt, als wäre so etwas selbstverständlich? »Könnt Ihr euch vorstellen, euch als einer ihrer Verbündeten auszugeben?«, fragt der Bischof und sein Unterkinn labbert dabei. Loyseleur verachtet ihn insgeheim. Der Bischof widert ihn an wie all die Gelehrten, die so tun, als läge ihnen etwas an der Religion, und die doch in Wahrheit nur ihre Machtspiele spielen. Doch er nickt. Nimmt das Angebot an. Er will das Geheimnis dieser Frau herausfinden, die kaum älter ist als ein Kind. Und ja: Die Kindheit scheint dieser Johanna wichtig zu sein. Von einem Feenbaum ist bei dem Verhör die Rede und von einem Heiratsversprechen, das sie Gott gegeben haben mag, dort, am Fuße des Baumes. Man dringt also in Johanna in den ersten Verhandlungen. Fragt sie aus.
Das Mädchen hält sich wacker. Bietet den Gelehrten die Stirn in ihren flammenden Reden, die von Engeln beflügelt zu sein scheinen. Dann verfrachtet man Johanna in ihr Gefängnis. Der Bischof wirft Loyseleur einen verstohlenen Blick zu. Es ist sein Signal, und er versteht. Er folgt der Magd, lautlos wie ein Schatten. Folgt ihr in den Turm, in dem man sie gefangen halten wird. Eng ist dieser und sie würde darin bestimmt zum Nachdenken kommen, oder? Das Verlies hat einen Durchmesser von in etwa neun Meter sechzig. Ähnelt einer Bleibe, die sie laut Faktenlage einmal in der Burg Chinon, dem Turm von Coudray, gehabt haben mag, damals, beim Thronanwärter. Dennoch: Hier wird es anders sein für Johanna, das weiß er. Hier schläft die Angst überall in den Räumen. Das einzige Möbelstück. Er folgt dem Mädchen unauffällig und betrachtet die Szenerie. Johanna, deren Blick spröde um sich stößt, wird in den Raum gebracht, brutal. Da: ihr Bett. In Fußeisen wird sie nun auch an einen Holzbalken gekettet, gleich neben ihrer Liegestatt. Dennoch: Weniger streng als eigentlich vorgesehen gestaltet man die Haft, weiß er Bescheid. Denn zu Beginn hatte der Bischof einen Schmied für einen eisernen Käfig bestellt. Was mag in ihn gefahren sein, dass er es sich doch anders überlegt hat? Loyseleur weiß es nicht. Betrachtet das widerspenstige Mädchen, an dem er mehr und mehr Gefallen gewinnt. Es würde nicht leicht werden, ihr Herz zu gewinnen.
Still, stumm und schön liegt es da, das Tal der Maas. Als würde es schlafen. Johanna liebt es, das Tal ihrer Kindheit. Denn hier ist ihr Beginnen. Und sie liebt auch den Feenbaum. Wie sie singen und tanzen zu dessen Füßen, die Kinder aus dem Dorf! So beginnt Johannas Freude, so beginnt sie früh.
Die Kinder breiten ihre Tücher aus, um unter dem Baum ihr Mahl im Freien einzunehmen. Die Welt ist erfüllt von Sonnenschein. Blumenkränze darf Johanna flechten. Das ist eine ihrer frühesten Erinnerungen. Und dann, freilich: Das Zusammensein mit der Großmutter. Johanna singt mit den Kindern. Sie singt öfter als sie tanzt. Aber sie tanzt auch. Das Leben ist schön. Denn es gibt die Großmutter. Die Großmutter – und wie sie mit dem Brot umgeht. Ins Feuer werden die Krümel geworfen, die übrig bleiben.
»Damit die Hauskobolde sie essen und zufrieden sind, oder?«, sagt die Großmutter.
Sie sagt: »Was der Herrgott einem gibt, muss man schätzen!«
Sie lacht und ihr Gesicht ist das weiße Gewand eines Engels. Die Großmutter ist magisch, findet Johanna. Ihr Leben hat sie in einem Glasschrank verstaut, in dem sich allerlei Krimskrams entdecken lässt. Damit klimpert sie ein wenig, betrachtet ihre Ketten. Das klingt kitzelig und hell und beruhigt sie und die Kinder um sie herum. So finden sie zu sich und auch Großmutter tut das. Und dieses Erklingen hilft, denn das Leben schlägt immer wieder zu. Eines Tages findet Johanna einen Vogel reglos auf dem Boden liegen. Sein Gefieder ist überzogen von Reif. Sie bringt ihn der Großmutter.
»Er ist tot«, sagt diese, »die Kälte hat ihn tot gemacht, Johanna!«
Erbost blickt das Kind sie an. Nichts kehrt wieder, begreift es da. Groß ist der Schmerz. Kahle Baumkronen wie knochige Finger im Dunkel der Äste. Das Gemurmel der Welt wird mit einem Mal laut in Johanna.
»Darf man denn töten?«, fragt sie.
Die Großmutter nickt.
»Wenn’s dem Menschen nützt, ja!«
Johanna überlegt. Die Kühe fallen ihr ein, die sie alle lieben und die dennoch vom Vater geschlachtet werden.
»Wenn man es isst – dann?«, will sie wissen.
»Ja«, kommt es zur Antwort.
»Und sonst?«
»Gewiss nicht.«
Johanna betrachtet die Großmutter und beschließt, fortan von ihr zu lernen. Klug scheint sie zu sein. Ja: Die Großmutter ist ihre eigene Heilerin, sie braucht keinen Arzt. Im Wald pflückt sie die Kräutlein, die Freunde für sie sind. Manchmal erzählte die Großmutter ein Märchen:
»Da in der Senke des Moos- oder Wolfsgraben zur Zeit der Schneeschmelze, aber auch bei Regen, einige Gerinnsel zusammentreffen, vermutete man lange Zeit, dass es auch eine kleine Ansiedlung von Elfen und Kobolden in dieser Region gegeben haben musste. Auf jeden Fall kann man heute noch seltsame Pflanzen und Kräuter an diesem Standort nachweisen. Die Schwarze Nieswurz, auch Schneerose genannt, blüht dort jeden Sommer und im Frühjahr ist das ganze Gebiet mit Bärlauch übersät. In früheren Zeiten soll hier einmal eine pflanzenkundige Frau heilkräftige Kräuter gesammelt haben. Sorgfältig, so geht die Sage, pflückte sie Kraut um Kraut und legte dieses behutsam in ihren Korb, nicht ohne jedoch immer wieder kurz Rast zu machen und dabei zu schluchzen und zu klagen. Dieses Weinen und Klagen rührte einige der anwesenden Elfen so sehr, dass sie sich dem Weiblein zu erkennen gaben. Da erzählte die Frau von ihrem Leid: Ihre Enkeltochter, so berichtete sie, sei sterbenskrank, und nur das sogenannte ›Königskraut‹ könne ihr helfen. Sofort steckten die kleinen Elfen ihre blond gelockten Köpfchen zusammen und begannen zu tuscheln. Und mit einem Mal hatte die Elfenkönigin eine Idee: Man würde einfach die Kobolde, die in der nächstgelegenen Siedlung lebten, um Hilfe bitten! Diese erwiesen sich auch gleich als kooperativ und pflückten das Königskraut. Bereits kurz darauf trank das Mädchen einen Tee mit dem besagten magischen Kraut – und schwupp! – war es geheilt!«
So lautet eine der Geschichten der Großmutter. Johanna liebt diese Geschichten. Und am liebsten hat sie es, wenn die Großmutter sie am Fluss erzählt. So sitzt man gern am Ufer, lauscht dem Plätschern. So stürzen Wellen über Klippen, schäumen auf, zerstoßen sich an Klüften und wirbeln dann wieder glücklich ineinander. Alles hat Augen: der Äther, die Ähren. Alles singt. Die Grillen sind tönende Glocken am Morgen, Johanna öffnet ihr Ohr und schickt stumm Stoßgebete, denn sie hat keinen Mund vor Staunen. Wird im Gehen Wurzeln und Erz. Auftreten, das ist Leben! Das ist ihr Land! Warum würgen und kauen am eigenen Kram der Gedanken? Dachlos sein unterm Feenbaum! Und sich zur Erde ducken, sich mit den Wurzeln unterhalten, sich dann entleiben lassen wie Gras, wenn Wind kommt. So wie die Großmutter es tut, oder? Stänglein spielt Johanna, spielt Gras, und sie gesteht sich die Schwachheit zu. Gott ist ihre Fackel. Man wechselt nicht Sonne! Es gibt bloß einen für den Umgang! Johanna hat Augenbrennen und Angst, wenn sie an ihn denkt, aber sie liebt ihn, denn die Großmutter erzählt immer so schön von Gott, wenn sie wie jetzt am Wasser sitzen. Traulich ist es. Johanna nimmt Gott als Haarsträhne zwischen die Lippen und sagt sich: »Alles ist gut!«
Die Brotkrümchen werden ins Wasser geworfen, sodass sie die Oberfläche spicken. Für die Wassernixen, weiß Johanna Bescheid. Und freilich auch ein bisschen für die anderen Wesen, die im Wasser hausen. Da schießen auch gleich sämtliche Fische empor, so schau doch! Sie alle hasten und nesteln dabei, suchen, schnappen nach den Krumen und sind zufrieden. Johanna ist begeistert. Silbrig glitzern die Weißfische, sind fremde Kristalle im All des Wassers, in dessen All-Einheit.
»Lass mich Same sein!«, sagt Johanna dann heimlich zu Gott und lauscht der Einweihung des Wassers. Nagende Sehnsucht. Geburtsvorgang in ihr: Verdunkelung.
»Du musst immer mit mir reden, dich mit mir teilen. Mitteilen heißt, wir teilen das Leid entzwei!«, sagt die Großmutter, während sie das Brot in Krumen bricht und Johanna dann auch welche reicht.
»Danke, Großmutter!«, nickt Johanna, »ja.«
Manchmal nimmt sie in den Armen der Großmutter dann auch der Schlaf mit. In ihr macht es »Ach«, denn es ist schön und traurig zugleich. Wie das Leben. Das weiß Johanna schon jetzt. Denn Christus hat für sie geblutet, so erzählt der Dorfpfarrer. Und Blut ist kein Wasser, auch wenn es fließt wie der Fluss. Der Dorfpfarrer begeistert Johanna schon früh. Sie liebt die Umzüge. Das Regnen der Blüten, der Veilchen- und Rosenblätter, und die Honoratioren der Priester, das Schimmern ihrer kostbaren Ornate. Und wie sich dabei das gemeine Landvolk freut, lächelt. Da sind die kecken Bäuerinnen mit ihren golden und silbern bestickten Hauben, sie plaudern, plappern, leiern.
Und abends, nach der Predigt, scheint es, als funkelten die Sterne immer besonders hell.
»Sag, Großmutter, sieht jeder die Sterne?«, fragt Johanna.
»Ja. Die bleiben immer gleich!«
»Ehrlich?«
Die Großmutter nickt. Weich fallen die Falten an der Stirn der Großmutter. Wie Bettlaken vor dem Schlafengehen zurechtgestreichelt, weiß Johanna Bescheid.
»Überall hat’s denselben Mond, dieselben Sterne!«, fährt diese da fort.
»Ja?«
»Ja. Und das immer.«
Joanna denkt weiter nach.
»Nur wir werden und vergehen?«
»Ja, Kind. Nur wir!«
Für einen Moment ist es still.
»Aber auch das ist nicht schlimm!«, fügt die Großmutter hinzu und zieht sie zärtlich an sich. Johanna seufzt. Die Großmutter ist einfach gelassen. In ihr schläft die Zufriedenheit. Die Großmutter hilft ihr durch den Tag, der magisch ist, denn Johanna ist noch klein. So sind Johannas Tage getaktet. Hinterm Haus gibt es Zelte aus Stroh, die haben keine Türen. Sind Hütten ohne Eingang. Johanna spielt darin. Oder sie streift zum Fluss, starrt auf die Wasseroberfläche, fixiert die Schilfinsel am Ende des Sees, ohne sie wirklich zu sehen, oft stundenlang. Irgendwann änderte sich das Licht, Wolken ziehen vorbei. Das Schauen ist eine Vertrautheit. Im Licht können sogar Steine rosig aufblühen wie Blumen, denkt sie. So wächst Johanna heran.
Wer bin ich, fragt sie sich manchmal. Alles verschwimmt dann vor ihren Augen, wird riesig. Es gibt keine Vertrautheiten mehr, zu schnell verändert sich alles, das Leben rast und sie ist unfähig, es anzuhalten. Wie ein Mantel scheint etwas über der Welt der Dinge zu liegen und sie weiß selbst nicht recht, wie sie damit umgehen soll. Eine Art Rinde. Auch sie selbst bildet eine Kruste aus, seit sie vom Tod gelernt hat, aber das gefällt ihr nicht. Zuflucht birgt der Seelenbaum, Zuflucht bergen allein die Falten der Großmutter. Diese Kerben, die Gebirgsschluchten sind. Wie faltig die Großmutter ist!
»Immer wieder kommt ein Frühling«, sagt die Großmutter, und das macht Johanna hoffen. Und sie hat recht: Gott ist dann buttergelbes Sonnenlicht. Man kann gar nicht traurig sein, denkt Johanna, überall lauert das Glück. Nicht wahr. Pfirsichfarben die Wolken, ein Zittern am Himmel, ein Frieden.
Frühling und alles so, dicht als sähe die Welt sich zum ersten Mal im Spiegel. Die Knospen an den Bäumen springen stets erneut auf! Wenn der Baum blüht, erinnerte er an rosarot gefärbte Wolken, findet Johanna. Der Puls hinter der Stirn ist dann wie ein Hammer, durchzuckt sie, scheint sie zu zersprengen vor Freude, während sie sich innerlich zurückbiegen muss. In allem spürt Johanna das Beginnen, schon als Kind. Und in ihm den Tod. Sie spürt auch, wie sie alt wird. Noch glänzen die Umrisse des Sees im frühen Licht. Es ist der See ihrer Kindheit. Aber dass das nicht so bleiben wird, weiß Johanna schon.
2. Gott ist ein Lichtweber
Am nächsten Morgen kommt er zu ihr in die Zelle. Das Mädchen blinzelt, kratzt sich am Kopf und blickt ihn aus schaumigen Augen an.
»Wer bist du?«, fragt sie.
Er lächelt.
»Vielleicht ein Engel?«
Johanna stößt ein Schnauben aus.
»Eingeschleust hast du dich«, poltert sie und fixiert ihn mit kritischer Miene.
Er muss lachen, er hat nichts anderes erwartet. Klug scheint diese kleine, rotzige Magd zu sein, oder? Dennoch, Loyseleur muss das Spiel beginnen. Er hat es dem Bischof versprochen.
»Was macht dich so sicher?«, flüstert er und nähert sich der Magd mit einem Stück Brot.
Sie hat die Augen eines hungrigen Tieres, ihr Leib erbebt kurz, doch sie scheint sich nicht für die Nahrung zu interessieren. Johanna spuckt aus. Er sieht in ihren Augen das Temperament eines Kriegers aufflackern, wenn auch nur kurz. Das ist kein Bauernmädchen, denkt er. Das ist keine gewöhnliche Frau.
»Die Engländer müssen mich freilassen. Gegen Lösegeld!«, sagt Johanna indes und presst trotzig ihre Lippen aneinander. Er lacht.
»Bist du einfältig!«
Johanna winkt ab.
»Es gibt Wunder«, wispert sie leise.
Er beißt in das Brot und sieht sie an.
»Und sonst, wie geht es dir hier?«
»Ich rede mit Gott, das reicht mir!«, antwortet Johanna.
So schnell gibt er nicht auf. Pferde hat er gezähmt. Er weiß, was es heißt, einen Willen zu brechen.
»Und wenn ich von ihm käme?«, meint er lächelnd, während der an dem Stück Brot kaut.
Er kann sehen, wie Johanna im Munde der Speichel zusammenläuft vor Hunger. Darauf hat er es angelegt. Er reicht ihr ein Stück, doch die Jungfrau zuckt nur zusammen, rückt ab. Ein Moment der Stille.
»Keine Angst«, wispert Loyseleur bemüht sanft, spricht wie zu einem Tier, einer Wildkatze, die es zu beschwichtigen gilt. Johanna mustert ihn kritisch.
»Die Wachen, sie kommen zu nahe, ich weiß es«, meint er da.
Johanna nickt widerspenstig und nun ist sein Moment gekommen. Er beugt sich ein Stück weit nach vorn.
»Ich aber – ich werde es nicht tun, versprochen!«, wispert er und kann mit einem Mal ihr Haar riechen, das ihr fettig und braun ins runde Gesicht hängt.
»Du hasst es, wenn man dich anfasst, hab ich recht?«
»Rein bin ich!«, braust Johanna auf und entfernt sich noch ein Stück weit von ihm, der immer noch kaut.
»Ich aber«, sagt er, »kann dir helfen. Ich werde mit dem Bischof reden, damit man dich nicht zwingt, Frauenkleider anzuziehen.«
Johanna faucht.
»Du bist mir ein schöner Engel!«, meint sie und spuckt noch einmal aus.
»Ich zieh sie ohnehin nicht an. Und ich brauch keine Engel. Die Engländer helfen mir bestimmt. Bald bin ich wieder frei!«
Dann beißt sie sich auf die Lippen und zieht sie zusammen zu einem Strich. Vielleicht, um nicht der Versuchung zu erliegen, doch nach dem Brot zu greifen. Loyseleur lässt die Rinde für sie liegen, als er aufsteht. Das würde nicht einfach werden. Aber was hatte er erwartet?
Eine haardünne weiße Linie liegt am Ende des Sees. Die beginnende Finsternis ist noch rötlich. Das macht die Sonne, weiß Johanna. Sie flieht über jede Grenze in tänzerischer Leichtigkeit und steht am Ende des Horizonts. Über die Oberfläche des Sees legt sich der Wind in tanzenden Wellen. Er ist ein rhythmisches Sich-Wiegen, Kommen und Schwinden, die Welt klingt, klinkt sich in das Atmende des Windes ein. Die Pflanzen haben Blumengesichter und abends brennt der Mohn. Die Blumen senken sich, die Sternenmuster verschwinden zu winzigen Strichen, wenn man den Blick zusammenkneift. Johanna liebt das flimmernde Weiß und dennoch wird ihr in einer Art Schmerz ihr Körper bewusst, wenn sie nach oben sieht – eine Last, die sie lieber loswerden würde. Ein Fast-Nicht-Knistern liegt in der Landschaft als letzter Tagesrest. Alles andere ist gut zwischen den Tannenzweigen. Und auch Johanna ist gut, als Kind. Weil sie nicht weiß, was es heißt, böse zu sein, sieht Johanna es auch in den anderen nicht.
In der Kindheit ist trotz des Todes und der Schwere des Körpers am Abend alles bei sich und heil. Und manchmal streut die Großmutter Maiskörner für die Hühner aus und das ist auch gut. In der Sonne steht sie dann, die Strahlen der Sonne sind Aureolen, umspülen sie. Als leuchtende Fluten und gestillte Träume. Es ist gläsern: So, als müsste man aufpassen, dass man nichts Falsches sagt. Alles könnte zerbrechen, wie ein einziger Faden eine Stickerei auflösen kann, weiß Johanna. Die Stille der Großmutter ist schön und wehrlos an diesen Abenden. Sie ist ewig wie der Moment und am Vergehen wie der Tag, auf den sich die Nacht senkt, und beides zugleich. Die Schönheit des Leuchtabends scheint aus jedem einzelnen Korn als Halm hervorzusprießen. Die Hände fassen nach den Körnern, rinnen aus. Verschenken sich so an die Welt. Und nachts kann Johanna in einer Wolke aus ihrem eigenen Haar liegen. Dann scheint es, als wäre alles zu erlösen. So wie der Priester gesagt hat. Zu erlösen von dem Tod. Eingefügt in eine Welle aus Licht, das nicht außen ist, ist Johanna in diesen Tagen. Der Vorhang vor ihrem Schlafzimmerfenster weht wie Geisterflügel. Und Johanna freut sich, denn morgen darf sie wieder mit den Kindern spielen. Die Schönheit des Spiels kommt immer aus gläserner Tiefe. Manchmal aber, im Dunkeln, ist es sehr laut. Da umkreisen sie alle Gedanken. Johannas Angst lässt sie zusammenducken und zwischen ihr und der Welt liegt ein Schleier. Da steht die Stimme, es ist fast die eigene und sie ist ihr doch fremd. Die Worte zerhämmern das Geheimnis der Dinge. Noch hat Johanna Angst vor der Stimme. Aber sie wird sich an sie gewöhnen. Einstweilen geht das Leben hier weiter. Man tanzt unterm Feenbaum. Heimlich, denn manche meinen, das sei heidnisch. Aber es gibt auch andere Tänze, die der Priester gutheißt. Viele Dorffeste. Im Dorf sind diese Festgelage wichtig und laut. Johanna nimmt Teil daran, wie auch die Großmutter es tut. So verstreicht das Leben. Johanna ist verliebt in das lockige Haar des Gartens, auch wenn die Arbeit am Hof hart ist. Und sie liebt die Wolken am Himmel. Auf der Stirn einer Wolke leuchtet die Sehnsucht, und sie kann sie immer betrachten, wenn sie das Vieh weidet. Den Finger kann sie hinein stecken in das Bild der Wolken und kosten. Seitdem schmecken sie salzig – wie der Finger. Johanna ist froh, weil sie einen Gott hat.
Noch ist sie klein. Noch hält die hitzige atmende Steppenlandschaft das Schicksal der Welt in der Hand. Johanna ist Kind und ist glücklich. Kann man sich vom Himmel abstoßen? Nein, man kann es nicht. Und stets kehrt der Frühling wieder. Der Frühling ist schön und nutzlos. Er eröffnet ihr einen Blick in die Durchsichtigkeiten der Welt. Es ist, als würde Johanna Wind sehen, wenn Frühling kommt. Oder Luft. Oder Gott. Wenn indes schon Dreschzeit ist, riecht es nach Hitze und Heu. Johanna hat Freundinnen, mit denen spielt sie am Feenbaum. Und auch sonst: Sie stecken in Garben, sie klettern auf Heuballen. Johanna ist Kind und sie ist alles, die Landschaften, die Hitze, die versengten Tage. Disteln im Haar und Webkugeln, vom Herumtollen, vom Klettern auf das Baumhaus. Aufgeschreckt in den Tag hinein. Nachts pumpert es manchmal am Gang und sie hat Angst. Aus den nachtschwarzen Himmeln schreit es. Für einen Moment schwirren dann die geheimen Angstgeister heran. Dass es nur Fledermäuse und Falken sind, die am Sims hausen, weiß Johanna da noch nicht. Durch ihre Kindheit torkeln Angst und Freude wie eine Katze und Johanna hascht nach dem Schwanz der Katze, ein Kitzeln und ein Tappen. Sie zieht mit klobigen Händen daran. Aber mit dem Tod und der Nacht kommen auch immer wieder Narben um Narben, ungesehen, ungesagt. Johanna holt sich einen weichen Moospolster, den sie streichelt gegen die Angst. Sie liebt die Eicheln, den Kiesel. Wer Steine missbraucht, missbraucht auch Menschen, weiß Johanna. Nie hebt sie einen Stein auf. Nie wirft sie einen Stein. Friedlich soll das Dasein sein, wie die Großmutter es sagt, findet sie. Alles liegt doch in seiner Fülle! Hinterm See ist die Ferne und atmet Magie. Um den Mond, der eine Hostie ist, liegt ein Hauch: Dunst, Dunkel. Das Glück ist die streichelnde Großmutterhand. Manchmal trennt nur eine Nacht den Sommer vom Winter und die Tage sind hell. Im Winter dehnt sich das Eis, auf dem schwer ein Nebel ruht. Blutig steht eine Sonne am Horizont. Die Erde. Ihr lichtgewirktes Kleid. Wie Fieber brennend durch die Adern glüht, so ist Gott, weiß Johanna Bescheid. Da fällt ihr auf, dass ihr Arm ein Gelenk hat. Dicke Wurzeln wachsen aus ihrem Wald. Die Welt. So beschäftigt sie sich nach und nach mit ihrem Körper: Die Haare flechten, die Knochen sortieren, aufstehen, immer wieder und immer wieder, harte Arbeit auf dem Feld. Vor Hunger knabbert dieser Körper sich selbst an. Ungesehen. Schwer ist der Körper. Bloß wenn es ans Schlafen geht, dann verwandeln sich die Dinge und im Schlaf wird alles leicht. Die Nacht aber macht Angst, wenn man nicht schlafen kann und wach liegt.
Manchmal hilft dann das letzte brennende Licht auch nicht mehr gegen die Dunkelheit. Es macht die Schatten nur noch tiefer. Im Schrank des Zimmers fließen die Welten ineinander, lauern Geister neben Kleidern, lauert Furcht hinterm Alltag, hinter der harten Arbeit auf dem Feld. Unsagbare Angst hat Johanna dann, sie will leben, denn Gott ist eine Geranie, kommt in Massen und überschwemmt sie, rosa und schreiend, ja, eine Blumenflut, er ist eine Sonne, die sich in trägen, schwülen Wellen auf sie herab ergießt. Gott ist wie eine Handvoll Erde und einmal angefangen, in ihn hinab zu schlüpfen, kann sie gar nicht mehr heraus. Ihr Körper, eine Pflanze mit Gliedmaßen, mäandernd, der ewigen Sonne ausgesetzt, ja, mäandernde Melodie, wandernd, wieder und wieder, Schritt und Tritt in Blumen, lauert Gott ihr auf. Sucht in ihr das Steuerruder. Es ist wie eine Sucht. Ein Gewirke ist jedes Bild in ihr, Vorsinnen in sich selbst. Manchmal schweigt er aber auch.
Ach, könnte der Atem Vogel werden, denkt Johanna und denkt dabei an die Großmutter.
Sie tanzt auf den Stoppeln des Feldes, lässt sich lachend vom Regen verjagen, Johanna, windverknotet, und am Kehlkopf, diesem Ei, nistet schon das Singen. Bis es ausschlüpft, tanzt sie, einstweilen, um die Zeit zu überbrücken. Froh sind ihre Fingerglieder, wenn sie an der Luft nesteln dürfen: Gott, du bist da! Und die Hand ist eine salzene Wunde, die versucht, zu wachsen. Johanna schluckt sich die Zeit zurecht, die Angst hinterm Gaumen, und tanzt.
Käme ein Engel, wäre er Nest, Gefieder, denkt sie.
Die Blätter sind Gelenke, an denen der Wind rüttelt. Lippenbrand: Alles ist Gottes Geschöpf, versucht Johanna sich zu sagen, wieder und wieder. Die Wahrheit hat viele Seiten. Johanna bemüht sich, den Ausblick zu behalten. Dann kann etwas blühen, denkt sie.
Sie erzittert, als sie so von Gott durchschritten wird. Gott ist ein Lichtweber, entnimmt ihr alle Schwere. Er schwankt und bebt in ihr. Wie Äste im Wind. Wie sehr diese Landschaft bei sich ist! Johanna möchte ihr Leben aus sich herausschreien. Junge Vögel öffnen ihre Schnäbel wie in Atemnot. Auch sie wollen zu Gott. Der Sonnenschein entrückt Johanna ein wenig. Sie muss sich von Gott erholen, von ihrer Heiligkeit, von zu viel Lichtgespinst im Hirn. Dass es nicht einfach ist, denkt sie.
Da begegnet ihr erstmals ein Engel. Michael heißt er und er steht in der Landschaft wie ein Sturm. Michael dreht sich und sein Kleid bildet Wellen, ist eine schwarze, gewellte Flut ohne Ende. Sie wirft sich Michael in Falten voraus, die wie Zelte sind. Unter denen kann man sich verstecken, in die Grätsche gehen, weiterziehen, weiß Johanna. Ihr Saum verlangt nach Wind, Wildheit, und so läuft sie dazwischen durch, immer wieder. Sie reitet mit der Finsternis in Michaels Kleidern, reitet, peitscht dahin und die Finsternis gehorcht und wird Licht.
»Wie ist das Fegefeuer?«, fragt sie Michael, denn der Dorfpfarrer hat einmal erzählt, dass da die Seelen hinkommen.
»Da ist Übergang!«, antwortet der Engel.
»Ist das schlimm?«
»Nein, der Himmel folgt dir überall hin!«, entgegnet Michael.
»Aber wie ist es da?«, will Johanna wissen.
»Zwischen nichts und nichts schwebt man!«
»Also kein Halt?«
»Ja! Aber du bist jung. Also lächle. Nur lächelnd kann man Acker bauen.«
Johanna nickt. Sie weiß, dass Michael recht hat. Und Johanna wächst. Noch ist sie ein Kind, ganz knabenkühn. Gleichzeitig besitzt sie aber die Zartheit eines Schmetterlings, und die kommt von innen. Verschlissen ihre Kleider, wenn sie spielt, hängen die Fetzen von ihr herab.
Ja, Johanna kann wild sein: Sie ist ein Bauernmädchen. Doch den Tod will sie nicht, den leblosen Vogel in der Erinnerung, der von Raureif überzogen war. So läuft Johanna manchmal auch traurig und ziellos herum. Aus Angst.
»Was hast du, Kind? Was rennst du denn so?«, fragt die Großmutter einmal.
»Der Tod – er ist hinter mir her!«, ruft Johanna aus.
»Woher weißt du das?«
»Er kommt alle holen, sagt der Dorfpfarrer!«
»Dann halte dich an Gott!«
»Der ist zu weit oben!«
Johanna schweigt kurz.
»Und mir kommt vor: Recht hier ist das Leben erst, wenn’s ans Sterben geht!«, fügt sie plötzlich hinzu.
»Was du dir für Gedanken machst, Kind!«, lächelt die Großmutter.
»Ja!«
»Ach, Johanna.«
Immer wieder sucht Johanna sich auch gute Gedanken. Dass die Blumen sogar im Dunkeln im Walde fortblühen, denkt sie da. Sie lassen sich nicht umbringen. Aber sie sind kostbar. Nicht jeder Bauer hat welche.
Nun erscheint sie, das erste Mal deutlich: eine dünne, gläserne Stimme von innen. Flötenvögel im Kopf. In ihrem Wesen liegt eine Entschlossenheit, die jeden aufleuchten lässt, der ihr begegnet.
»Johanna, heilig bist du!«
Da lachen Johannas Augen.
Am Morgen steigen Wolken auf: Wenn der Wind kommt, dann jagen sie über die Landschaft und Johanna jagt ihnen hinterher. In Johanna ruft es: »Heilig bist du!« Noch weiß sie nicht, dass das direkt von Gott kommt. Doch sie ist schon verzückt. Und wenn sie verzückt ist, leuchtet gleichsam geisterbleich ihr ganzes Gesicht. Wenn sie die Stimme nicht hört, werden ihre Augen aber wieder heimatlos. Was bleibt, ist dann nur die Großmutter als Sicherheit: wie sie das Brot bäckt.
»Was machst du mit den Resten, Großmutter?«, fragt Johanna.
»Die gehören ins Feuer, die bringen dann Glück. Damit die toten Seelen singen!«, kommt es zur Antwort.
»Ehrlich?«
»Ja!«
Die Großmutter reicht ihr ein Stück Brot.
»Iss«, sagt sie.
Johanna schüttelt den Kopf, weil ihr gerade wieder der tote Vogel einfällt.
»Ich mag nicht!«
»Die Gabe Gottes sollst du loben und schätzen!«, sagt die Großmutter ein wenig tadelnd.
»Warum?«
»Weil er sonst straft, Johanna!«
Da springt Johanna auf und holt den toten Vogel aus der Lade, den sie aufgehoben hat. Die Großmutter blickt sie erstaunt an. Während ihr die Großmutter folgt, läuft Johanna indes in den Garten und beginnt zu graben.
»Der Vogel ist tot. Was machst du, Johanna?«, will die Großmutter wissen.
»Ich gebe ihn jetzt Gott zurück, Großmutter! Die Zeit ist gekommen.«
Ein seltsames Kind ist sie, denkt die Großmutter und versteht nicht und fragt deshalb nach: »Das geschieht durchs Eingraben?«
»Ja!«
»Bist du sicher?«, will die Großmutter wissen.
»Ja!«
Johanna hält inne. Stille.
»Das machen Menschen doch auch, oder?«, fragt sie dann und betrachtet ihre erdigen Hände. Die Großmutter lächelt.
»Nicht alles, was Menschen machen, muss auch richtig sein!«, meint sie.
Johanna überlegt. »Der Tod ist grässlich, Großmutter, oder?«, fragt sie dann.
»Er ist das Einzige, worauf wir hinleben!«
»Warum?«
»Um bei Gott zu sein!«
Johanna wird wieder traurig. Sieht der Großmutter in die Augen. Schwarz wie die Löcher zwischen den Galaxien sind ihre Pupillen, denkt sie. Was für ein einsames Alter die Kindheit ist! Alles sagt immer bloß ich, ich und ich und ich.
»Aber!«, ruft Johanna da aus, doch mehr fällt ihr nicht ein.
»Schau, das Fleisch, Johanna! Es kommt von den Tieren. Wir töten sie, damit es uns etwas nutzt!«, sagt die Großmutter da.
»Ich weiß. Deshalb möchte ich nichts essen, was Augen hat«, nickt Johanna.
»Davon wird man aber satt. Und das Schlimme, Johanna, das ist nicht das Töten!«, erklärt die Großmutter zärtlich.
»Sondern?«, will Johanna wissen.
»Das Quälen!«
Johanna überlegt.
»Verstehe«, sagt sie dann.
3. Älterwerden
Auch in den nächsten Tagen geht man nicht gut mit Johanna um, wie er beobachten kann. Man gafft sie an wie ein wildes Tier. Wie allen der Geifer aus den Mündern schwappt! So befingert man die Jungfrau, wieder und wieder. Vor allem Jeannotin Simon, dem Schneider, scheint es große Freude zu bereiten, mit seinen Händen an ihr herumzuwerken. Johanna ist empört, schreit laut auf, knackt mit dem Kiefer. Eine Bestie ist sie, die schnaubt und um sich stößt. Das hören auch die Soldaten und treiben daraufhin umso mehr ihre Scherze mit ihr.
»Eine Ohrfeige hast du dem Schneider gegeben, Kleines?«, hänseln sie sie. »Na, dann versuch’s mal mit uns!«
So tönt es im Kellergewölbe. Und er, Loyseleur, ist Zuschauer, ist Beobachter, der auslotet. Die Soldaten also. Vor ihnen scheint Johanna, im Gegensatz zum Schneider, Angst zu haben. Er kann es genau sehen. Wie ihre Augen rollen, wie sie innerlich aufzuckt, wenn sie vor der Kammer stehen. Durch ein Loch in der Wand, das der Bischof für ihn angefertigt hat, kann er stets einen Blick in die Zelle der Jungfrau werfen. Nun sieht er sie zittern. Denn sie weiß: Stets könnten die Soldaten eindringen, Johanna verletzen, ihr wehtun. Er betrachtet die Jungfrau. Müde scheint sie zu werden, zerrt jeden Tag weniger an den Ketten, ja, eine Art Lähmung scheint sich in ihr breitzumachen. In den nächsten Verhandlungen befragt man sie wiederholt zu den Erzengeln.
»Wie sieht der heilige Michael aus?«, will der Earl von Warwick, ein hagerer Mann mit scharfem, stechendem Blick und einer grob hervortretenden Hakennase, wissen.
»Hell«, entgegnet Johanna.
Doch das reicht Warwick und Cauchon, Bischof von Beauvais, freilich nicht als Antwort.
»Und die Haare?«
»Engel und Haare?«, entgegnet die Jungfrau zweifelnd.
Da beginnt das Priesterpack sofort, sich darüber zu empören.
»Sollte ein Engel nicht Haare haben?«, tönt es und in dem Gerichtssaal werden die Stühle und Tische verrückt, wühlt das Denken in den Gesichtern. Alles Idioten, denkt Loyseleur. Die Jungfrau ist eingeschüchtert. Seltsam, aber es ist, als gehe ihr diese Frage wirklich zu Herzen, überlegt er.
»Ich weiß nicht!«, murmelt die Jungfrau da.
Langsam scheint sie an Kraft und Stärke zu verlieren, es fällt ihm auf. Ja, Johanna beginnt zu stammeln, zu stottern. Ihre Stimme strauchelt.
»Und andere Körperteile?«, fragt man sie.
Müde flackert ihr Gesicht auf. Loyseleur will nach ihren Handgelenken greifen, mit einem Mal tut ihm die tierische Jungfrau leid.
»Was?«, fragt etwas blass aus Johanna heraus.
»Hast du andere Körperteile gesehen?«, will Cauchon wissen.
Johanna blinzelt.
»Von wem?«
»Na, von den Heiligen!«, entgegnet Warwick und lacht schallend.
Er merkt, wie der Jungfrau nach und nach rötliche Farbe ins Gesicht schießt. Zornig bricht es da wieder aus ihr hervor, als wäre ihre Kraft zurückgekehrt:
»Ich habe euch alles gesagt, was ich weiß. Anstatt das zu tun, hätte ich aber eigentlich lieber, dass ihr mir den Kopf abschlagt!«
Cauchon schweigt mit offenem Mund. Diese Aussage ist sogar einem Priester zu viel.
»Und hast du sie gesehen?«, will Warwick nun wissen.
Die Magd nickt, und das Haar fällt ihr schmutzig und strähnig ins Gesicht.
»Ja, mit Augen. Und es roch süß!«, sagt sie trotzig.
»So wie jetzt meine Hand?«, meint hänselnd einer der Soldaten und beginnt, während er sich die Lippen leckt, über ihren Mund zu streichen. Johanna spuckt aus. Ein Hieb vom Wärter reicht jedoch, dass sie den Kopf einzieht.
»Gewiss doch!«, sagt Johanna, mit einem Mal leise und sanft, »und als Ihr mich verließt, weinte ich, denn ich sehnte mich danach, dass Ihr mich zu euch nehmen würdet!«
Cauchon nickt, sein Doppelkinn wabbelt.
»Sie sind kein Engel!«, sagt Johanna, aus der nun eine Stärke und Helligkeit dringt, die nichts mehr mit ihrer eben noch tierischen Gebärde gemein hat. »Denn ich kenne die Engel. Ich habe sie gesehen, ja, mit meinen eigenen Augen. Und ich glaube so fest daran, dass es Engel waren, wie ich daran glaube, dass Gott lebt.«
Dass die Großmutter eine besondere Frau, ja gleichsam eine gute Hexe, ist, lernt Johanna mit den Jahren. Für die Heilung hat sie stets Kräuter bereit, die sie im Wald sammelt.
»Warum lässt du dich nicht von einem Arzt behandeln?«, fragt Johanna einmal, als die Großmutter an hartnäckigem Keuchhusten leidet. Eisuhren scheinen in ihr zu wandern, wenn es in ihrer Brust rasselt. Johanna hat Angst um die Großmutter.
»Weil der Körper sich selbst heilt. Der weiß schon, wie!«, sagt die Großmutter.
»Bist du sicher?«, fragt Johanna.
»Gott hat mir einen klugen Kopf gegeben«, entgegnet die Großmutter, »und dir auch!«
Und so ist es – die Großmutter wird wieder gesund und die Zeiten verstreichen. Hin und wieder kommt dennoch eine große Traurigkeit über das Kind. Dann legt es sich in das Bettchen der weichen Moospölster und hofft auf Gott, der sie als lautlose Stimme umgibt. Vor allem im Herbst ist Johanna traurig, denn dann tanzen die Mädchen seltener um den Feenbaum. Aber im Frühling, weiß Johanna, kommen die Maiglöckchen wieder, dann wird alles besser! So beruhigt sie sich. Im Herrn lässt sie sich wiegen. Der Herr ist nämlich groß, hat der Dorfpfarrer gesagt. Der Atem des Herrn ist eine Schaukel. Darin schläft sie schließlich ein und erwacht mit neuem Mut.
Die anderen Mädchen sind schön wie Rosen. Johanna aber hat eine Stimme, die in ihrem Inneren klingt, weiß sie. Doch für diese Stimme muss sie allein sein. Sie ist ein Seil zwischen ihr und dem Himmel, sie bindet sie an die Welt an. Sie muss die Stimme finden. Sie streift umher, wandert weit, dorthin, wo sanft das Tal sich verengt und eine Schwere sich auf die Landschaft senkt, tiefer und tiefer. Wo der liebe Gott als Licht durch die Bäume hindurchschimmert, durch das schmale Flussbett eilt, so, als rufe er Johanna. Er kommt sie besuchen, zuerst nur leise. Ein inneres Klingen. Sie sucht ihn manchmal in der Muttergottes, für die jemand eine Kapelle errichtet hat. Dort auf dem Berg in der Nähe des Feenbaumes. Der Berg ist heilig, die Wolken beben. Johanna möchte verloren gehen in der Landschaft. Sie liebt die Tauben mit den Halskrausen, die sie aufplustern. Erst viel später wird sie Menschen kennenlernen, die das auch tun. Prinzen und Könige, Soldaten und Bischöfe. Doch jetzt ist Johanna noch Kind und findet in sich die Stimme. Hin und wieder sitzt sie mit der Großmutter am Wasser. Dann betrachten sie die Wellen, wie sie durcheinanderwirbeln, weiterfließen bis hinein in den Kessel des Tals. Die Fische schimmern durch die Tiefe hindurch, sind schillernde Leibe, klein und behände, sie eilen wie der Wind, sind von ihm nicht zu unterscheiden.
»Die Fische, schau, Johanna!«, sagt die Großmutter und lacht.
Johanna nickt.
»Ich sehe sie kaum!«
»Ja, sie sind vom Strom nicht zu trennen! So wie der Mensch nicht von Gott!«, kommt es zur Antwort.
»Woher dann aber die Angst, Großmutter?«
Die Großmutter lächelt und ihre Augen werden Halbmonde. Silbrig glitzern die Leiber im Wasser, die stromlinienförmig schnellen. Die Großmutter wirft mit den Brotsamen nach ihnen. Mit jenen, die nicht für die toten Seelen sind. Eine Antwort kann sie Johanna nicht geben. Und auch der Gott in Johannas Kopf schweigt.
So vergehen die Jahre, in denen Johanna die Tiere auf die Weide treibt. Eine willige Arbeiterin ist sie. Manchmal, als sie älter wird, steht sie auch einfach nur da, schwer wie ein Stein. Ein Klumpen ohne Inneres. Johanna lauscht und wartet auf Gott. Darauf, dass er sich offenbart. Manchmal lässt er sie lange warten. Manchmal sogar einen ganzen Sommer lang. Johanna steht dann am Fuße des Feenbaums, wartet und horcht.
Im Sommer brennt die Sonne auf die Erde herab. Sie droht auseinanderzubrechen, denkt Johanna, wie Scheite im Feuer. Jeder flieht in den Schatten, alles welkt, wird dürr und trocken. Der Speichel im Mund. Lange Streifen sind die Lichter, die erst wandern, wenn es Nacht wird. Johanna ist dann dankbar über jede Wolkenwand, über jeden Blitz, der den Himmel aufreißt. Gott grollt im Sommer auch als Donner. Und wie niedrig die Schwalben fliegen! Sie fürchten sich, sie wissen Bescheid. Blitz um Blitz fügt die Natur sich dem göttlichen Willen und erbebt in ihrem Leid. Der Wind jagt dahin als böser Geist. Doch er reinigt auch. Deshalb schickt Gott das Böse. Dass alles neu wird im Sturm. So zerspaltet er die Bäume, die die Wiesen beschützen. Andere müssen nachwachsen! Johanna trauert. Doch sie weiß, dass das alles nur aus der Nähe so weh tut. Gott sieht mehr, er hat einen großen Plan. So wartet Johanna, lautlos. Sie wartet, bis es Herbst wird.
Mit der Kühle kommt die totale Erschöpfung. Die Sommer sind heiß gewesen, Libellen flogen über dem Wasser und klebten aneinander, Johanna ging nicht mehr fort aus dem Nass des Teichs, so heiß war es. Jetzt aber lässt sich nicht mehr schwimmen. Es treiben, durch das Nass aufgelöst, Blätter auf der Wasseroberfläche. Transparente Strukturen. Die Luft säuselt.
»Wo bist du, Gott?«, ruft Johanna.
Es ist Herbst und Gott schweigt. Er schickt bloß Wind, viel Wind. Und dann einmal kurz ein inneres Klingen. Schnell aber ist es wieder verschwunden, wie eine Luftspur nur. Und mit dem Wind kommt das Älterwerden. Johannas Hände wachsen. Mit den Jahren wird sie immer trauriger. Grau ist der Himmel. Johanna arbeitet am Feld, kümmert sich um die Schafe und sieht, wie sie geschlachtet werden. Johanna weint. Der Tod ist stark, das Leben zerbrechlich, denkt Johanna. Doch wir haben eine Pflicht dem Leben gegenüber. Nachdenklich einen Käfer betrachtend, der am Rücken liegt und den Ameisen das Fleisch wegreißt, wird Johanna aufgebracht.
»Wie gemein!«, ruft sie aus.
»Weine nicht!«, sagt die Großmutter da.
»Warum nicht?«, fragt Johanna trotzig. »Alles stirbt. Siehst du es nicht? Auch mein Lieblingsschaf hat der Vater tot gemacht letzte Nacht.«
Die Großmutter lacht.
»Du hast doch selbst gewusst, was dich erwartet. Hättest du es eben nicht liebgewonnen!«
Johanna schüttelt den Kopf.
»Nein, das ist keine Lösung!«
»Siehst du«, sagt die Großmutter, »es ist ein Preis, den man zahlen muss, oder?«
Sie schweigt.
»Aber was tun jetzt?«
»Es geduldig ertragen, du, mein kleiner Schatz!«, entgegnet die Großmutter und drückt ihr einen Kuss auf die Wangen. Johanna sieht sie an und ihr fällt auf, wie alt und dünnhäutig sie mit den Jahren geworden ist. Leicht, papieren. Nur noch Luft. Sie verschwindet langsam, wie eine Feder. Sie wird begraben sein, du wirst auf ihr gehen, denkt Johanna. Denn das Auge der Großmutter ist schon ganz offen und leer. Die Mädchen um sie herum hingegen wachsen. Ja, alle Mädchen springen in diesen Jahren auf, als wären sie Knospen. Abends hängt ein Friede über der Landschaft, ohne dass man etwas tun müsste. Gleichzeitig senkt sich eine Schwere auf das Schilf, das hinter dem Haus rauscht. Die Spinnerin seilt sich lautlos ab. Der Himmel atmet Rauch ein und aus. Ein ausladender Himmel, der sich bald mit Wolken füllen wird. So verstreicht die Zeit wieder und Gott schweigt, bis eines Tages ein weißes Gewand erscheint.
»Ich bin die heilige Katharina!«, sagt eine Stimme.
Doch bevor Johanna ihr Erstaunen hinuntergeschluckt hat und etwas antworten will, ist diese wieder verschwunden. Die Tage ähneln einander. Nachts die fremden Gestalten hinter den Augenlidern, sie kriechen in sie hinein. Tagsüber die Arbeit auf dem Feld, das Beten, Backen, Flachsen, Werken und Wirken, das Schlachten und Verzehren. Hin und wieder schimmert Freude durch, wenn im Garten Feste gefeiert werden. Dann tanzt Johanna manchmal. Wie unter dem Feenbaum.
»Wem gehörst denn du?«, fragt man.
Das ist eine Redewendung im Dorf. Man will wissen, aus welcher Familie sie stammt.
»Mir selbst«, sagt Johanna, die weiß, dass sie eigentlich den Namen des Vaters nennen sollte.
»So schöne braune Augen!«, tönt es dann aus manch einem Bauernmund.
»Die Mutter hat braune Augen, der Vater hat braune Augen und ich habe tiefbraune Augen!«, entgegnet Johanna stolz. Meistens schweigt sie, steht abseits. Betrachtet sie sich im Spiegel, fällt ihr auf, dass sie bleich wird. Traurig und still. Es vergilben die Wälder, sie hängen schwer von Laub und die Welt raschelt mit jedem Schritt vor sich hin. Hin und wieder noch Herbstzeitlose und Ringelblumen, aber der Herbst ist längst eingekehrt, auch in ihr.
Mit den Wochen raubt die Zeit auch den Bäumen ihr Kleid. Das kommt wieder, dieses Gefieder, weiß Johanna. So hätte es auch die Großmutter gesagt. Doch die ist jetzt weit weg. Verlässt kaum noch das Bett, Johanna leidet an den Herbsten, an dem ewigen Abschied vom Leben. Alles ist mit Stroh umhüllt in diesen Tagen, silbern wird der Wald von Reif überzogen, die Goldfische verbergen sich am Grund des Teichs, verweigern der Welt ihre Geschichten. Der Boden des Teichs ist mit grünem Schlamm bedeckt.
Im Schatten formen sich indes fremde Bilder und Welten, die sie an die Märchen der Großmutter erinnern. Wie Feen oder Engeln sind sie, die Umrisse der Berge am Horizont, die mit der Dunkelheit und dem Vorbeirauschen der Wolken im Schatten zu wanken scheinen. Ein Flimmern. Fremd bleibt die Welt, auch jetzt, da Johanna wächst. Oft geht sie spazieren. Um sie herum lang gestreckte Waldbrücken und Wege, die sie alle schon kennt. Der Sonnenuntergang umsäumt den absterbenden Tag mit Arabesken. Hieroglyphen die Bäume, sie zeichnen ihre Spuren in die Luft. Johanna sucht Gott in ihnen. Wälder und Burgen lösen sich im Hintergrund auf. Bald schon ist alles in Weiß gehüllt. Das Leben eine Schneewehe. Welt in Federn. Die Bäume, Fichten und Tannen, unter der Last des Schnees gebeugt, sind in die Schlafgrätsche gegangen. Johanna kann diese Welt einfach nicht begreifen. Je älter sie wird, umso weniger. Aber auch heimelig wird es im Zimmer und im Ofen knackt und knarrt das Holz.
Einen Leuchter, hoch, ganz knöchern, stellt man jetzt in die Mitte der Stube, dass das Licht aus ihm flackern möge. Spinnerinnen errichten Bänke und Stühle rundherum und man plaudert. Von Frau zu Frau. Johanna sucht die Vertrautheit mit den Menschen und lernt, die Spiele und die Rituale mitzuspielen. Bald ist Weihnachten.
Die Weihnachtsäpfel sind etwas Besonderes. Man zerschneidet sie und findet runde Sternchen darin. Es heißt, dass sie gesund sind, die Äpfel, weiß Johanna Bescheid. So legt man sie unbekümmert ins Rohr.
»In den Äpfeln sind Sterne!«, sagt Johanna.
»Ja, alles hängt miteinander zusammen!«, entgegnet die Großmutter.
»So komme auch ich in dir vor, Großmutter, oder?«, will Johanna wissen.
»Ja. Und wenn ich tot bin, hast du mich ganz bei dir!«, antwortet diese.
»Kann der Tod sterben?«, fragt Johanna.
»Ja. Und jeden Sommer kommt er als Leben wieder und singt sein Lied!«
Dass die Großmutter recht hat, begreift Johanna immer, wenn sie die Natur betrachtet: Wie das Morgenrot die Himmel vergoldet, wie die Vögel höher und höher steigen wollen, alles vergoldet, auch im Winter, sogar das Morgenrot ist mit dem Dunkel verbunden, ergießet sich aus ihm. Und der Wind, denkt Johanna, der lehnt sich an den Baum. Zerdrückt ist der Hals des Baumes. Dennoch tanzt er mit dem Wind. Und die Fische tanzen mit dem Wasser. Das Wasser ist ein Pferd, jagt dahin, ist im Strom wie das ganze Leben, denkt Johanna. Und das Tal ist ein See. Der Wind verweht zu Luft, Licht, zu Sonne und Gott. Alles verwandelt sich. Nur in der Stube bleibt es warm, wenn das Feuer weiterhin brennt. Das Feuer ist ein Märchen, denn in ihm huschen und tanzen die Bilder sich zu Flammen aus, regnet es Funken, leuchtet die Welt. So spielt das Feuer mit dem Holz, während es dieses auffrisst. Der Wind spielt mit den Ästen des Baumes und klaubt dann ihr Laub auf, trägt es weit fort. Das muss einen Sinn haben, denkt Johanna. Auch, dass die kahlen Bäume sich einander zuneigen. Beieinander Zuflucht suchen. So wie die Menschen gegenseitig ihre Nähe suchen, wenn der Winter kommt, wenn sie hungrig sind oder müde und ihnen kalt ist. Dann sind die Blüten wieder Kinder, die Blumen Jungfrauen, die Natur behütet ihre Wurzeln.
»Wenn die Bäume einander liebkosen, wird es ein gutes Jahr!«, sagte die Großmutter immer.
»Was wissen Bäume von Liebe?«, denkt Johanna entmutigt, wenn in ihr kein Gott spricht. Dennoch – da ist Hoffnung. Einen Zuruf aus einer anderen Zeit, immer wenn die Großmutter spricht.
Ein Ruck durchfährt plötzlich den Himmel. Die Heiligen, denkt Johanna, endlich, sie kommen. Und mit einem Mal wird es so hell, dass sie fast erblindet. Sie staunt. Die Frauen sind von blendendem Weiß. Sie waschen ihre Wäsche im Brunnen im Hof.
»Das ist der ewige Brunnen!«, wispern sie.
»Wer aus der Quelle trinkt, der wird jung. Denn Wasser ist Fruchtbarkeit«, weiß Johanna Bescheid.
»Woher kommt die Quelle?«
»Von den Tränen der Großmutter. Sie musste Abschied von ihren Kindern nehmen.« An den Quellen entstanden Brunnen.
Johanna überlegt. So hell glitzern die Kleider der Heiligen auf der Oberfläche des Wassers, dass es weh tut.
»Das Wasser sticht!«, sagt Johanna und schließt die Augen.
»Es ist ein wundertätiger Splitter«, weiß die Großmutter jedoch Bescheid.
»Es tut einem weh. Aber es wird alle heilen.«
In dem Moment kommt ein Hirsch vorbeigelaufen. Johanna betrachtet ihn. Das Geweih des Edelhirsches, es hat die Form eines der Instrumente, auf denen der Vater immer spielt. Die Musik Gottes kann darauf gespielt werden, sagt er.
Die Großmutter lächelt.
»Das Leben bedeutet er. Sein Gehörn ist ein Pfeil, kann verwunden oder heilen. So ist es mit allem im Leben.«
»Wie wird man geheilt?«
»Man muss zaubern. Eine Druidin tut das. Aber das ist ein Geheimnis!«
Johanna überlegt. Die Antwort ist ihr zu vage.
»Ja, aber wie?«, bohrt sie nach. »Wie wird man Druidin?«
»Man heilt sich selbst!«
»Auch von Blindheit?«
»Ja! Immer hat man früher den Göttern in den Wäldern gehuldigt«, sagt die Großmutter und lacht. »Wer braucht eine Kapelle?«
Johanna blickt sich rasch um. Hoffentlich hat der Vater sie nicht gehört, denkt sie.
»Und noch ein Geheimnis: Ein Schloss ist da unter dem Wasser. Bei Vollmondschein kannst du die Anderwelt betreten, die darin liegt!«
»Ehrlich?«
»Ja!«
Johanna wird von einer großen Sehnsucht erfasst.
»Da hausen auch die Anderweltfürsten. Seit Artus warten sie auf ihre Wiederkehr. Es braucht dafür eine Jungfrau.«
Johanna nickt und mit einem Mal begreift sie, wen die Großmutter meint.
»Mich«, sagt Johanna.
»Ja.«
Ganz ohne Eitelkeit sagt sie es: »Mich!«
4. Feenbaums Wunder
Als er Johanna nach diesem Verhör in ihrer Zelle besucht, scheint sich etwas in ihr gewandelt zu haben. Traurig und mit verzerrtem Mund kauert sie neben ihrem Bett und sieht ihn an. Auch sie wird wohl jemanden zum Reden brauchen, denkt er, oder? Er will schon kehrtmachen und nachdenken, wie er Johannas Herz erobern könnte – noch hat er sie nicht lange genug beobachtet –, doch da geschieht es. Wieder wird sie von einem der Soldaten angegriffen. Johanna schreit. Gerade noch rechtzeitig kann er zu Hilfe kommen, packt den Kerl am Kragen und wirft ihn gegen die Steinwand. In dem Moment erscheint der Earl von Warwick. Wallend seine Erscheinung. Er poltert, redet wütend auf den jungen Krieger ein. Johanna wischt sich mit zitternden Fingern über das Gesicht.
»Ich kann gar nicht die Beinkleider abnehmen«, sagt sie leise, »sie kommen immer zu nahe.«
Der Earl nickt.
»Das wird nicht mehr vorkommen!«, meint er und mahnt den Kerl und die anderen Soldaten, die ihn umringen, sich zu beherrschen.
Dann verlässt er die Räume des Kerkers, gefolgt von der geknickten Schar. Loyseleur ist nun wieder mit Johanna allein.
»Brauchst du denn nie jemanden zum Reden?«, will er da wissen. Er sieht die Jungfrau an, ein knochiges Bündel mit breitem Gesicht und trotzig malmenden Kieferknochen. Seine Ehrlichkeit scheint Johanna zu erreichen.
»Ich rede mit Erzengel Michael«, entgegnet sie leise und in ihrem Gesicht schimmert etwas auf.
»Hat er denn wirklich keine Haare?«, fragt Loyseleur neugierig.
Johanna lächelt.
»Das habe ich nicht gesagt!«
Er kniet sich neben ihr nieder, lüpft ein wenig die Kutte. Kalt ist der Kerkerboden. Wieder reicht er ihr ein Stück Brot. Und diesmal, so geschwächt und verletzlich wie Johanna wohl sein mag, greift sie nach danach. Beißt ab. Beginnt knirschend zu kauen.
»Die Großmutter erzählte mir erstmals vom heiligen Erzengel«, sagt Johanna dann und plötzlich leuchtet etwas in ihren Augen auf, »und dann sah ich ihn, wie sein Gewand wallte!«
Begeisterung scheint da in ihr aufzusteigen.
Domrémy heißt das Dorf, in dem sie aufwuchs, hat man ihm erzählt. Dreihundert Einwohner und ein Grenzort.
»Warum willst du in den Krieg ziehen? Ist das Leben nicht schön, wie es ist?«, fragt er.
Johanna seufzt.
»Ihr habt nicht gesehen, was ich gesehen habe. Als junges Mädchen.«
»Was?«, bohrt er nach, während sie weiter an den Brotresten kaut.
Johanna seufzt.
»Die Übergriffe an den Grenzen. ›Wir halten zu den Armagnacs und nicht zu den Burgundern‹, hat meine Großmutter immer gesagt. ›Warum, Großmutter?‹, habe ich sie gefragt. ›Einmal, da kamen die und haben einen aus dem Dorf schwer verwundet. Ihm den Kopf abgeschlagen‹, hat sie erwidert.«
»Und das hat gereicht?«, will er zweifelnd wissen.
»Ich habe meine Großmutter geliebt«, sagt Johanna.
Er betrachtet sie lang. Zart und knochig ist ihr Leib. Ständig kneift sie die Augen zusammen, sodass sich kleine Fältchen bilden. Manchmal verwandelt sie sich in eine düstere Frau. Risse im Gefäß ihres Gesagten.
Und nein: Sie ist schön, denkt er. Sie hat eine unsichtbare Narbe im Gesicht, die sich Gott nennt. Tag für Tag ruft sie die Namen der Engel. Das Gesicht ist durch die Kerbe Gott zerschnitten. Sie bringt Veränderungen, die man kaum noch sehen kann. Nur die Engel, nur sie wissen davon, sagt er sich.
»Johanna«, sagt die Großmutter, »ich werde bald gehen!«
Ihre Augen sind ein Gebirgstal, durch das ein Schauer streift, vielleicht in Form des Windes.
Ihr Antlitz wird immer fahler, während es draußen grünt und blüht. Das macht Johanna wütend.
»Das will ich nicht!«, sagt Johanna.
»Ich ist ein sinnloses Wort!«, entgegnet die Großmutter.
»Wieso?«
»Du solltest es durch Gott ersetzen.«
Die Großmutter umarmt sie, und sofort ist wieder ein Friede in Johanna.
Friede, das ist die Wärme eines Vogelnestes, denkt Johanna. Dass sie Körper sei, denkt sie. Nichts als Körper, der atmen muss. Aber in dem auch alles zu geschehen hat, was notwendig ist im Moment.
»Sei ruhig!«, sagt die Großmutter und ihre Worte sind Tau. Regen, der auf verdorrtes Gras fällt.
»Bitte behalte mich in deinen Armen!«, flüstert sie. »Und weine nicht. Pflück keine Tränenblumen!«
Seit diesem Zeitpunkt weint Johanna heimlich. Immer, wenn es besonders schön ist, oder wenn es besonders traurig ist. Weil die Seligkeit mit dem Schmerz verwoben ist. Und sie hofft auf einen neuen Sommer. Und dass mit ihm noch einmal die Stimme Gottes zu hören ist, immer wieder. Und die Sonne, so wie jetzt: Sie brennt und brennt und Johanna glaubt, dass die Erde unter ihr bersten will. So niedrig fliegen die Vögel, auch sie haben kaum noch Kraft! Genauso wenig wie Johanna, die erwachsen wird und sich nach der Stimme Gottes sehnt, mehr denn je. Doch sie hat die Suche nicht aufgegeben, will sein wie die Vögel, die im Winter fortfliegen und doch wiederkehren. Sie sammeln woanders Kraft. Und dann hofft Johanna und wird genügsam. Nichts gilt es mehr zu schaffen. Nur Trägheit und Sehnsucht nach Schlaf beherrschen dann ihre Tage. Tiere suchen Schatten, die im Laufe des Tages wachsen und schwinden wie alles. Gegen Abend zieht eine dicke schwere Wolkenwand vom Süden her über den Himmel, Gewicht, Gegengewicht. So vergeht die Zeit. Ihre Augen sind schwer, sind Blei und alle Vögel kriechen in ihre Nester. Dann, abends, meist der Blitz, der Donner, er reißt den Himmel auf.
Es wird nicht Nacht, es erbleicht bloß der Tag, sagt sich Johanna und nur die Spannung der Sonne macht die Zeit lang. Alles dehnt sich. Die Bäume ertragen den Rahmen ihrer Rinde nicht, wollen wachsen, wenn ein Gewitter kommt.
Sie knarzen und ächzen im Wind. Der zerrt an den Zäunen. Auch die fühlen sich gefesselt an ihre Wurzeln. Wenn man nur leicht wäre, denkt Johanna, fortfliegen könnte mit dem Wind! Und hin zu Gott.
Heiligtum aber reicht hinaus über jeglichen Raum, das muss die Jungfrau jetzt lernen.
Und man muss es erwarten können.
»Oh Heiland, reiß den Himmel auf!«, singt Johanna. Wie böse Geister jagen die Winde dahin. Luftpferde, feinstes Getier, denkt Johanna. Und auch in diesen Tagen sucht sie die Zuflucht beim Feenbaum, der in seinen Ästen immer noch die Erinnerung ihrer Kindheit birgt. Sie beschützt. So sitzt Johanna eines Tages wieder bei ihm. Sie ist keine dreizehn. Und da ruft er nach ihr! Endlich! Mit einem Mal spricht Gott wieder. Er tönt, lodert und zerreißt ihr dabei fast die Ohren. Von der rechten Seite kommt die Stimme, aus der Richtung der Kirche. Helligkeit. Ein Heil ist sie, die Stimme. So, als würden Vater und Mutter gemeinsam sprechen! Dreimal ruft sie nach ihr.
»Johanna!«
Johanna steht auf.
»Was ist das?«, ruft sie laut aus. »Bist du es wirklich wieder, lieber Gott?«
Ein loderndes Lachen ertönt.
»Führe dich gut!«, tönt es zur Antwort.
Johanna schüttelt den Kopf.
»Was bedeutet das?«, fragt sie.
»Bewahre deine Unschuld.«
»Und wie?«
»Innerlich!«
»Was heißt das?«
»Sei Jungfrau und Kind!«
Johanna streift rastlos umher, sucht nach einem Gesicht zu der Ferne, die klingt. Mit einem Mal kommt ihr Gott so anders vor. Immer war er so weit weg. Und jetzt ist er viel zu nahe, sie kann ihn kaum erkennen. Das Ferne verändert sich oft in der Nähe, denkt Johanna und es ist, als hätte der Blitz den Apfelbaum ihrer Kindheit gespalten. Wieder spricht das Heilige mit ihr. Johanna möchte zu Boden sinken, sie möchte sterben.
»Hör mich an!«, ruft da der Gott in ihr, und erschöpft lauscht Johanna.
»Ja!«
»Es gibt ein paar wichtige Dinge! Zum Beispiel: Liebe weckt Liebe.«
»Bist du sicher? Gott?«
»Ja! Manchmal muss man sie im Waldschatten suchen, findet sie nur unter dichten Blättern. Es ist anstrengend. Aber es lohnt sich, sie zu finden.«
»Und wieder zu verlieren«, murmelt Johanna, die an den Tod des Vogels denkt und an die sterbende Großmutter.
»Wir wissen nur, was wir hatten, wenn wir es verlieren!«, sagt Gott.
In ihr ringt ein Schmerz um die Übermacht.
»Warum tut das immer so weh?«
Gott schweigt kurz, dann braust ein Orkan auf. Es ist, als lache er schallend.
»Wer geduldig ist, dem geht es immer gut. Aber erst später. Nicht in dieser Welt.«
Johanna nickt. Das weiß sie bereits.
»Aber was soll ich dann tun?«
»Warten!«, sagt Gott. »Warten, bis wir zusammen sein können. Weißt du, Freude und Trauer, die sind ein Ehepaar, das ein Gemach teilt. Schläft die eine, dann ist die andere ruhig. Aber wehe, eine weckt den andere!«
Gott scheint zu lachen.
»Und jetzt?«
Gott schweigt. Johanna möchte fliegen wie die Vögel, lachen und Gott preisen, oder sie möchte ein Baum sein, aber nur im Frühjahr, nicht des grünen Gewandes beraubt. Die silbernen Strahlen des Himmels sollen herunterkommen und ganz nah auf ihrem Haupt landen als Seil, als Verbindung! Johanna will tanzen wie eine Elfe und aus der Vogelperspektive das Moos und die Goldfische betrachten, die weit unter ihr schwimmen, auf dem Grund des Teichs. Und die Schlieren aus Schlamm zählen, die Blätter und Algen. Ja, von nichts bedeckt als von Luft und Gott! Wie schön der Wind die herrlichsten Formationen aus den Wolken formt. Wie sie Bilder darstellen, Umrisse aus Engeln sind, wieder zerrinnen, manchmal auch als dunkle Berge, Schreine und Kapellen hinter der rot glühenden Sonne. So will sie immer sein, an den Himmel gelehnt! Dass sogar zu Beginn des Winters noch die Fichten grünen, mutet Johanna seltsam an, und sieht darin Gottes Macht. Und wenn der Schnee kommt, beugen sie auch ihre Äste nie ganz seiner Kraft! Sie tanzen mit Gottes Kraft.
Mit einem Mal ist es, als habe ihr Übermut Gott wieder verjagt. Sie will sich schon umwenden und heimwärts laufen, da kommt sie noch einmal, die Stimme:
»Du wirst in den Krieg ziehen, Johanna! Also lerne zu kämpfen!«, rauscht es in ihr. Dann Stille.
Kämpfen also, hat Gott gesagt und von jetzt an tanzt sie nicht nur mit den Mädchen, sondern spielt auch mit den Knaben. Tollt mit ihnen in den Nadelbüschen umher. Auf den Fußspitzen gehen die Knaben schon bald, haben Angst vor ihr. Denn Johanna kann wüten. Wieder wird es Frühling und Johanna lernt im Spiel mit den Knaben zu ringen. Oft tollt man umher auf den Dachböden, wo es dämmrig ist. Spinngewebe hängen magisch da. Johanna betrachtet die Gesichtchen der Knaben und fühlt sich stark. Und dann kommt wieder der Sommer. Viel Arbeit wartet dann am Feld, Johannas Körper schmerzt. Die Geranien wachsen im Garten und immer wieder muss Johanna sie schneiden. Doch Johanna will Blumentöpfe zerschmettern und sich mit den Scherben aufritzen, weil sie sieht, dass die Großmutter bald sterben wird.
Die Erwachsenen indes erschrecken über Johannas Schönheit, über die Tiefe, die seit dem Tag am Feenbaum, an dem Gott mit ihr sprach, in ihren Augen wohnt. Gepaart mit einer Art fremden Wildheit, die man kaum kennt. Sie kann sich über die Knaben werfen, ihnen Gesicht und Schläfen versehren, erzählt man sich im Dorf. Ja, Johanna ist eine Kämpferin.
»Rühr mich nicht an!«, sagt eines Tages ein Knabe.
Er ist arm, er hat Knochenarme. Seine Augen sind fremdartig, fast sieht er aus wie eine Pflanze. Was tut Johanna da? Sie schlägt ihn. So erzählt man es sich jedenfalls im Dorf. Und dass sie gesagt hätte, diese Idee käme von Gott! So eine störrische kleine Magd! Und auch die Eltern berichten, dass Johanna hin und wieder tobt. Vor allem, wenn man sie frisieren will. Denn abends ist Johannas Haar widerspenstig. Sie hat zu viel gerauft. In einem Knoten muss es schließlich gefesselt werden. Das mag das Kind nicht.
Doch damit nicht genug. Johanna kann auch sehr rechthaberisch sein.
»Das Abendgebet!«, ruft Johanna eines Abends aus, als sie dem Priester des Dorfes auf der Straße begegnet.
»Ja?«, meint der und sieht das Mädchen fragend an.
»Sie haben die Glocke nicht geläutet!«, sagt das Mädchen stramm.
»Ehrlich?«
»Ja! Sonst kehre ich nämlich immerzu um, Herr Pfarrer, und lauf zu ihnen.«
Der Pfarrer lächelt. Nun muss er sich sogar von einem Kind ausschelten lassen! Seltsam, denkt er und betrachtet die kleine Johanna.
»Ich schenke Euch Wolle, wenn Ihr in Zukunft Eurer Pflicht besser nachkommen wollt!«, verspricht Johanna. Erstaunt betrachtet er die junge Frau. In der Kirche liegt sie manchmal mit dem Gesicht zum Boden gewandt da, seltsam verdreht. Die Augen auf das Bild des heiligen Christus gerichtet.
In dieser Zeit entdeckt Johanna ihre Magie. Sie hat mit der Großmutter zu tun und mit dem Feenbaum und Gottes Stimme. Doch sie ist ein Geheimnis. Eines, das es vor den Freunden und der Familie zu verbergen gilt. Johanna wallfahrtet zur Kathedrale, gemeinsam mit ihrer Schwester Catherine. Kerzen nehmen sie mit, entzünden sie unter dem Gnadenbild. Das liebt Johanna, sie liebt es ganz besonders. Doch sie muss ihre Stimme schützen und auch die Heiligen, von denen die Großmutter ihr immer erzählt hat. So berichtet sie niemandem davon. Gott kann immer nur heimlich sein, weiß Johanna inzwischen Bescheid. Und auch die Heiligen. Drei besuchen sie jetzt mit ihrer Stimmen: Barbara, Katharina und Margaretha. Von ihnen hat schon die Großmutter erzählt und sie sind Johanna inzwischen sehr lieb. Aber auch über ihre Stimmen wird geschwiegen. Süß ist der Duft, der Johanna entgegenstrebt, wenn sie an diesen besonderen Tagen beim Feenbaum sitzt und nachdenkt. Sie riecht schon die Engel, die jetzt noch Vorhänge sind. Später werden sie realer und realer sein. Irgendwann wird Johanna sagen: »Ich sah sie mit den Augen meines Körpers, so deutlich, wie ich euch sehe!« Das wird sie denen sagen, die sie anklagen. Jetzt aber wartet Johanna, denn die Stimmen sind noch weit weg und offenbaren sich nur langsam. Zu unklar und unreif ist alles noch, zu unfrei die kleine Johanna. Sie muss erst erwachsen werden, muss kämpfen lernen und reden in der Sprache der Menschen. Johanna aber ist ungeduldig, wenn sie auf die Stimme Gottes wartet.
Im darauffolgenden Winter stirbt die Großmutter, in Johanna lebt sie weiter. Und Johanna tut es dem Wind und dem Winter gleich, lernt von ihm, wie sie von Gott lernt: Wind, Sturm, Schneeweiß sind jetzt ihre heimlichen Namen. Und Winterstille liegt da, wo der Wind steht, es ist ein Raum in Johanna. Da geht die Jungfrau jetzt hin, betet und singt. Das Gebet des Winters ist der nächste Weg zum Licht, denkt Johanna.
»Alles wird wieder heil, lieber Gott, oder?«
Und manchmal kommt eine Antwort:
»Ja!«
5. Lernen
Bald befragt man Johanna zu ihrer Familie.
»Deine Eltern …«, will Cauchon wissen.
Johanna zieht eine Augenbraue in die Höhe, sie sieht jetzt wieder stärker aus. Es ist, als hätte das Brot sie zu Kräften kommen lassen.
»Ja?«, fragt Johanna.
»Warum hast du ihnen von der Abreise nichts gesagt, Johanna?«, will der Bischof wissen, während er seine glänzenden Ringe betrachtet, die er sich an die schwieligen Finger geheftet hat.
»Damals, als du aufgebrochen bist, um in die Schlacht gegen die Engländer zu ziehen?«
Johanna hat etwas von einem Jüngling. Gleichsam knabenkühn erscheint sie ihm. Loyseleur muss lächeln.
»Die Stimmen haben mir kein Stillschweigen auferlegt, nein«, entgegnet Johanna zögerlich. Ihr Widerstand scheint gewichen.
Ob es damit zu tun hat, dass er ihr das Brot angeboten hat?
»Hattest du keine Angst?«, will Cauchon wissen.
Johanna schüttelt den Kopf.
»Aber die Burgunder …«, fährt sie dann zögerlich fort.
Warwicks Gockelhals hüpft. Nun ergreift er das Wort.
»Was?«, geifert er mit hackender Stimme.
Und da geschieht es, mit einem Mal. Johanna wendet ihm den Blick zu, sieht ihn an und lächelt.
Fast sanft ist sie geworden, ganz plötzlich. Ihre Stimme ist voller Aufrichtigkeit, als sie fortfährt:
»Vor denen hatte ich Angst. Ihr versteht.«
»Ja?«
»Und besonders hatte ich Angst, mein Vater könnte mich vielleicht daran hindern, die Reise anzutreten. Vielleicht habe ich deshalb geschwiegen!«
Cauchons Körper wabbelt, während er sich vorbeugt, erstaunt von so viel Sanftmut. Seine Stimme klingt schleimig, erinnert an Kriechspuren, die Schnecken auf dem Erdboden ziehen, als er weiter in sie eindringt:
»Verstehe. Und du denkst, du hast rechtens gehandelt, einfach so aufzubrechen? Ohne Vater und Mutter etwas zu sagen?«
Johanna zuckt mit den Achseln. Hell und klar steht sie da, die Hände in den Fesseln vor ihrem Körper herhaltend.
»Nun ja – wenn Gott es gewollt hat!«, sagt sie.
»Wie?«
Warwick zieht eine Augenbraue in die Höhe, seine Stimme ist gackernd, hackend wie ein Beil. Er scheint sie anzuzweifeln. Sofort wird Johanna wieder zornig.
»Na, da hätte ich doch wohl hundert Väter und hundert Mütter haben können, oder?«, entgegnet sie und beginnt, mit den Armen zu fuchteln. Das Klirren von Ketten ist zu hören.
»Wie?«
Johanna lacht auf.
»Nun, ich meine, wenn Gott es befohlen hat?«, fragt sie erneut und immer noch ist ihre Unschuld bestechend. Loyseleur merkt, wie er wieder lächeln muss. Es scheint, als wäre das Eis gebrochen. Das Brot hat Johanna zahm gemacht. Sie wird beginnen, ihm zu vertrauen. Denn sie spricht ohne Hohn, versucht ehrlich, sich zu offenbaren. Oder?
»Ohne Erlaubnis jedenfalls. Da bist du gegangen. Einfach so, nach Neufchâteau!«
Cauchon versucht, mehr zu erfahren.
»Ja!«, entgegnet Johanna wahrheitsgemäß und klappt ihre Augen auf und zu.
»Du bist aber sehr eitel gewesen in der Wahl der Männerkleidung«, meint da der zweite Inquisitor und reckt erneut seinen Gockelhals. Heute ist Warwick wirklich schlecht gelaunt, denkt Loyseleur.
»So gar nicht demütig, Johanna?«
Sie zuckt mit den Schultern.
Für einen Moment ist es still. Man scheint nicht zu wissen, wie man weiter vorgehen soll.
»Als ich erstmals die Stimme hörte, gelobte ich Jungfräulichkeit, solang es Gott gefiele!«, sagt Johanna.
Warwick indes wird wütend, denn am liebsten wäre ihm eine spröde Jungfrau, die man sofort hinrichten lassen kann, er will kurzen Prozess machen.
»Bringt sie in eine Kammer und entkleidet sie!«, ruft er aus.
Cauchon sieht ihn erstaunt an, denn normalerweise ist er es, der die Befehle gibt.
»Ich will wissen, ob sie Mann oder Frau ist!«, wettert indes Warwick.
Etwas anderes scheint ihm im Moment nicht mehr einzufallen, denkt Loyseleur. Johanna zuckt mit dem Kopf, er kann es genau sehen, sie will ausspucken, wird jedoch am Hals gepackt und aus dem Gerichtssaal gezerrt. Für einen Moment herrscht Schweigen. Cauchon fixiert Warwick mit den Augen und kann es immer noch nicht glauben. Er ist es gewohnt, die Oberhand zu haben, was die Untersuchungen der Gefangenen betrifft. Und im Gegensatz zu Warwick geht es ihm nicht darum, blind zu bestrafen. Er ringt nach der Wahrheit, weiß Loyseleur Bescheid. Warwicks Befehl indes wird ausgeführt. Wenig später erscheint stolpernd ein Soldat. Er zerrt Johanna hinter sich her, mit verbundenem Mund. Aufgelöst ist ihr Haar. Sie tut Loyseleur leid.
»Zweifellos! Ein ganz echtes Mädchen, ehrlich!«, entgegnet der Soldat, »alles noch dran.«
Johanna wird rot vor Scham. Dann Stille.
In den Dörfern leben die Menschen wie eh und je, auch, nachdem Johanna Gott als Stimme begegnet ist. Der Alltag am Feld taktet die Tage, das Versorgen des Viehs muss erledigt werden. Dazwischen gibt es Feierlichkeiten. Die Hochzeit zwischen Magda und einem jungen Soldaten. Ihr Haar, Johannas Haar, braun und lang, es wirbelt im Wind, zum Zopf geknotet. Brautjungfern rufen zum Tanz. Alles könnte im Glanz sein. Man könnte fast ganz sein, denkt Johanna. Sie muss mit jedem tanzen, bis sie ein Kreis wird. Mit allem verbunden, auch mit dem Unglück über den Tod der Großmutter. Und sie tanzt und trinkt vom Leben. Es wird schon gut werden, sagt sich Johanna. Gott wird wiederkommen! Einstweilen ist sie Teil dieses Spiels im Dorf. Wer raubt mir das Kränzchen um Mitternacht?, so nennt man eines davon. Johanna will den Kranz der Braut nicht haben, ihre Schwester Catherine bekommt ihn. Johanna hätte lieber ein Schwert.
Es gibt die Messe, in der es sich auch ausruhen lässt nach getaner Arbeit, da steht ein Altar. Das ist ein Spektakel! Ganz vorn an der Spitze sitzen die Reichen, dahinter das gewöhnliche Volk. Es gibt auch Umzüge. Die Fahnen der Handwerkszünfte werden an den Feiertagen geschwenkt. Die Trachten schimmern prachtvoll, die Ornate aus Gold erfreuen das Auge. So viel Reichtum für Gott, denkt Johanna und dann folgen die Mädchen mit ihren spitzen schönen Häubchen. Die gefallen ihr nicht. Inzwischen verbringt Johanna ja mehr Zeit mit den Knaben, weil Gott gesagt hat, sie solle kämpfen lernen. Noch weniger mag sie die gestärkten Hauben der derben Bauersfrauen mit den runzeligen Gesichtern. Johanna hat ihr Haar gern offen, trägt es lose. Will es flattern lassen im Wind. Manchmal betrachtet sie, den Kopf in den Nacken gelegt, die Wolken, die über die Wiese schweben. Tanzen da nicht die Fäden Gottes im Licht? Sind es nicht silbrige Striemen, die sie verbinden, mit dem Himmel, mit der Ewigkeit, von außen nach innen und wieder zurück? Alle sehen denselben Mond und dieselben Sterne, denkt Johanna, ja, die Sterne haben kein Alter, glaubt sie. Ob sie auch sterben? Ein heller Schatten spricht zu ihr, es ist Michael.
»Ja. Eines Tages geht alles zu Gott!«, sagt er.
»Aber sie sind riesig, die Sterne, nicht wahr?«, fragt Johanna ungläubig.
»Sehr!«
»Und der Mond?«
»Auch der!«
»Aber warum sterben, das ist ungerecht!«, beharrt Johanna.
Michael lacht.
»Es kommt nur einmal im Leben vor!«, sagt er.
»Was heißt das?«
»Gott hat es schon gerecht gemacht, Johanna!«, meint er, der aus dem Schatten gestiegen ist und jetzt kaum mehr als ein Säuseln zu sein scheint, das sich als kleiner Lichtstreifen tanzend vor ihr hin und her bewegt. An die Großmutter erinnert er irgendwie, trotz seines hellen Schimmers, findet Johanna.
»Warum?«
»Sogar in den kleinsten Kapellchen unter den Armen predigt man einmal im Jahr!«, lacht der Erzengel.
Johanna versteht nicht. Sie schweigt. Der Engel schweigt mit ihr. So verstreicht wieder die Zeit. Gott vertieft die Lichter, Farben und Schatten. Die Gottesäcker sind hängende Gärten, stellt Johanna sich vor. Sind in den Lüften. Himmel und Erde sind ein Spiegel Gottes. Der Mond, er gehört der Sonne und der Erde zugleich, weiß sie Bescheid. Goldadern schwimmen im Licht, so schlafen die Länder an den Ländern, unbeweglich stehen Wälder an Wälder gelehnt. Unter den Regentropfen sind die Körner gebückt und die Ähren. So beugt Gott auch sie, denkt Johanna. Dennoch: Sie will nicht älter werden. Verkörperung, was ist es mehr als Verknöcherung? Alles wird immer anstrengender, die Arbeit, die Denkfäden im Hirn. Die Blättergerippe der Bäume im Herbst machen mit jedem Jahr trauriger. Nur Michael wärmt. Wie ein heißer Sommerregen klingt Michaels Flügelrauschen. So plaudert sie mit dem Engel und er gibt ihr Trost.
»Wie nackt die Schweine rumlaufen!«, sagt Johanna.
»Dafür hat Gott ihnen aber den Schwanz gezwirbelt!«
»Und das Glühwürmchen! Wie hässlich es ist bei Tag!«
»Aber bei Nacht leuchten diese Käfer, ehrlich!«
»Brennen sie denn? Können sie dich entzünden?«
»Nein, die glühen nicht wirklich!«
»Nicht wie Feuer?«
»Nein!«
Der Engel lacht und Johannas Herz zerbirst fast vor Freude, als sie das hört.
»Wenn das Herz einen Sprung kriegt, wie klingt das denn?«
»Als würde Glas springen!«
»Ehrlich?«
»Ja.«
So tönen Michaels Worte. Weich wie fallender Schnee. Oder wie fremde, gedämpfte Erde.
Auch über den Krieg lernt Johanna – schon 1425. Es ist das Jahr, in dem ihre Visionen beginnen. Eine englische Kriegshorde. Sie reitet in Orléans ein, treibt das Vieh weg. Bald schon ist alles niedergebrannt und geplündert. Orléans wird belagert und am 12. Oktober erscheint eine Staubwolke am Horizont vor Johannas Heimatdorf Domrémy. Man beschließt, die Kräfte auf den Stadtkern nördlich der Loire zu konzentrieren. Doch der Widerstand hilft nicht: Die Engländer richten bald mehr und mehr Schaden an. Graf von Dunois, ein junger aufstrebender Feldherr, übernimmt indes das Kommando in Orléans, erzählt man sich im Dorf. Ein Franzose. Man hofft, er würde zu Hilfe eilen, denn nun brennt Domrémy. Der Krieg wütet und Johanna rennt von dem Feuer fort in den Wald. Sie sucht Zuflucht bei den Heiligen. Betet, als das Dorf eingeäschert wird. Überall Lodern und helles, stechendes Licht. In ihrem Kopf, in ihrem Herzen. Es pulsiert. Allein die Statue der heiligen Margareta, sie ist zwischen den Steinen der Kirche unversehrt geblieben! Gott sei Dank. Johanna, noch Kind, kauert sich ihr zu Füßen nieder. Wie gut, denkt sie, dass du noch da bist, große Mutter! Und sie betet zu Margareta und denkt an die Großmutter. Die Heiligen, sie sind ein Narbenklan. Sie haben gelitten, weiß Johanna. Es hat sie entzwei geteilt. Auch in Johanna ist ein Riss, der groß und größer wird. Ein Schmerz, der keine Wände kennt. Der Riss heißt jetzt Krieg. Die Kriegshorde. Jetzt hat sie auch Domrémy heimgesucht. Obwohl es doch an der äußersten Grenze des Königreichs liegt. Die Felder liegen in Asche, der Vater sieht schwach aus. Der Handel kommt zum Erliegen, die Straßen liegen brach. Überall Bettler, vom Krieg Entwurzelte, Traurige, Stumme.
»Was hältst du von den Burgundern?«, fragt der Vater an einem der Abende Johanna.
»Wenn mir einer begegnet, dann wäre das Beste, man schlüge ihm den Kopf ab, so es Gott gefällt!«, ruft Johanna laut aus.
Doch der Krieg bringt nicht nur Böses: Mit ihm wird Gottes Stimme wieder laut.
»Du musst kämpfen, Johanna!«
Die Stimmen, sie schwirren um sie in diesen Tagen.
»Du musst Partei ergreifen, Johanna!«, sagen sie, wieder, wieder und wieder.
Es dauert nicht lang, bis Johanna ein Licht aufgeht: Für den König von Frankreich sind sie, die Stimmen! Oder? Sie fragt danach, aber noch ist die Antwort nicht eindeutig. Noch muss sich die Jungfrau gedulden. Gott macht nur langsam ein Werkzeug aus Johanna, und Johanna wartet auf seine Worte. Den Eltern gegenüber verschweigt sie es. Johanna weiß, man muss die Geheimnisse hüten. Nur die Schwester Catharine: Sie weiß Bescheid. Aber auch der Vater ahnt es. Mehr als Johanna lieb ist. Noch kann er wegsehen. Johanna indes erkennt ihre Magie. Mehr und mehr. Die Welt ist im Kristall, denkt sie, und ich habe die Kraft, sie zu verändern. So streift sie betend zum See. Hält man die Nase nahe ans Wasser, sieht man den Grund nicht – bloß den Himmel, oder? Und die scharfen Schilfblattränder. So ist es ein wenig mit der ganzen Welt, sagt sie sich. Die Wirren der Sonnenuntergänge. Rhythmen aus Farbe, Licht, Schatten. Schwer drückt sie die Welt nieder. Und doch: Wie schön sie ist! Dabei ahnt sie ihren eigenen Tod voraus, oder? Sie weiß um ihr Untergehen, jeden Abend.
Der Krieg und der Kampf scheinen also notwendig zu sein, begreift Johanna. Die Seele wird zum Sterben gezwungen. Dennoch schlummert die Lebenswärme in ihr! Und sie kann auferstehen. Johanna sammelt also all ihre Hoffnung zusammen. Sie betrachtet Fluss und Quelle. Genau wie das Wasser verliert sich Johanna in der Lebensflut.
»Zieh in den Krieg, Johanna!«
Sie dringt in ihn, dringt in Gott.
»Wann? Wohin? Wie genau?«
Doch es hilft nichts. Es ist nur dieser eine Satz. Dann bloß wieder Schweigen. Manchmal weiß Johanna dann nicht mehr weiter. Dann quälen sie fixe Zwänge, zerrissene Ideen im Hirn, die Erinnerung an bessere Zeiten in der Kindheit, die nach und nach ausbleibt. Schritt für Schritt meinem Schicksal gehorchen muss ich, denkt Johanna. Sie sucht Gott in den kleinen Ereignissen, im Licht. Und wie Gott sein, genau so! Das will sie jetzt. Damit das Gras ihrer Heimat wieder grün wird wie damals in der Kindheit! Sie will Lebenswärme, will schlummern, will wach sein. Gottes Widerschein sprenkelt mehr und mehr ihre inneren Wände, je größer das Leid wird. Wie der Regen will Johanna sein, strömen, immer strömen. Manchmal aber sind die Tage nur Perlenschnüre.
»Du musst jetzt bald los«, sagt Gott eines Morgens, »kämpfe!«
»Aber das bringt den Tod«, sagt Johanna, »und Schuld und Verderben!«
»Es ist nicht möglich, einander zu lieben, wenn wir uns nicht schuldig machen. Denn nur so erkennen wir die Verbundenheit mit den Menschen!«, sagt Gott.
Und wieder begreift Johanna, dass sich alles wiederholen muss, immer und immer wieder. Krieg und Verbitterung, Leben und Tod, Liebe und Freude. Es ist schwer zu ertragen. In der Kehle sitzt die Unmöglichkeit, zu schlucken. Die Angst ist ihr zugedacht. Von ihr kann man nur in Gott hineinlaufen. Oder in die Messe. Aber seit die Plünderer da waren, ist auch der Pfarrer nicht mehr derselbe. Weggeduckt sein altes Gesicht. Er klammert sich an seinen Stock, predigt mit zitternder Stimme. Und Johanna klammert sich an die Worte der Predigt wie an einen Faden. Die Worte aus der Bibel nehmen sie an der Hand. Dass der Faden ihr ja nicht zerreißt: gestern, heute, morgen. Sie braucht eine Sicherheit. Will geborgen sein. Worte bieten eine Stütze, auch wenn sie schwach ist. Aber es hilft nichts, Johanna leidet, denn Johanna wird jetzt von Gott geformt. Etwas drückt sich in ihr Wesen ein und sie merkt, dass sie da ein Loch hat, einen Abgrund, in den sie fällt. Was folgt, ist Dunkelheit, eine Unfähigkeit der Sprache, Trauer fliegt herbei und spielt Vogel, aber immerzu hängt Gottes Gesicht über ihm und leuchtet mit den Augen gegen die Finsternis. Der Vogel von damals, denkt Johanna, er war tot, aber niemand kann ihn hindern, die Flügel und Federn zu sammeln und Auferstehung zu erleben. Oder? Auch, wenn der Krieg ein Netz aus Angst über ihre Gedanken geworfen hat. Der Pfarrer indes wird immer trauriger, es bilden sich Rinnsale um seinen Mund. Er stirbt, einfach so, eines Tages. Das tut Johanna weh. Wie man aus einer Ferse Dornen zieht, löst sich ihr Schmerz der vergangenen Jahre, hindert sie am Alltag. Nicht einmal essen kann sie mehr, die Salate haben Rippen, das Fleisch lebt. Das Kauen knirscht zu laut.
Pulsuz fraqment bitdi.