Kitabı oxu: «Der radioaktive Mann»

Şrift:

Sø­ren Ja­kob­sen
Der ra­di­o­ak­ti­ve Mann
Kri­mi­nal­ro­man
Aus dem Dä­nis­chen
von Ul­rich Son­nen­berg

Lindhardt & Ringhof

PERSONEN


Viggo Nielsen Staatssekretär im Justizministerium
Jens Krog Petersen Ministerialdirektor im Außenministerium
Charlotte Karlov Juristin im Außenministerium
Oluf Trapp Madsen Chef des Geheimdienstes (PET)
John Møller Stellvertretender Chef des PET
Laurids Jansen Kriminalkommissar des PET
Anders Bojskov Kriminalassistent des PET
Peter Winther Kriminalassistent des PET
Mogens Svendsen Kriminalassistent des PET
Thomas Christensen Kriminalassistent des PET
Leo Hansen Pensionierter Kriminalassistent des PET
Anna Hansen Seine Frau
Hans Albrecht Beamter im Bundesamt für Verfassungsschutz
Jørgen Hessum Physiker
Dan Mortensen Ingenieur
Poul Olsen Möbelpacker
Birte Olsen Seine Frau
Svend Åge Jensen Möbelpacker

1

Die Scheiben des Stadtbusses waren so verschmiert, daß man die Konturen der Häuser durch den Dreck nur ahnen konnte, aber die Route der Linie 3 von Nørrebro zur Musikersiedlung im Südhafen war auch nicht gerade eine Sightseeingtour.

Obwohl Fahrräder wieder in Mode gekommen waren, hatte Poul Olsen keine Lust, von und zur Arbeit in die Pedale zu treten. Bei seinem Job als Möbelpacker bekam er Bewegung genug. Aber heute schien es ihm ein bißchen zu langsam zu gehen, obwohl die Busfahrerin verdammt gut fuhr, das mußte er ihr lassen.

Poul Olsen war ungeduldig, denn ausnahmsweise hatte er Birte und den Jungen etwas Interessantes zu erzählen, wenn er nach Hause kam. Er saß im Bus und überlegte, wie er die Neuigkeit verkünden sollte. Sollte er sagen: »Hier kommt der Möbelpacker Olsen von der Mada Transport – der neue Star der Fernsehnachrichten«, oder sollte er den Mund halten, bis sein Bild auf dem Schirm im Wohnzimmer erschien? Die zweite Variante war verlockend, wirkte aber so beabsichtigt. Das lag ihm nicht. Nein, er würde damit am Abendbrottisch herausrücken, er würde ganz aufrichtig sein und sagen, daß er vielleicht in den Nachrichten kam. Es war ja nicht hundertprozentig sicher.

»Ich weiß nicht, was die damit machen«, hatte der Kameramann gesagt. »Wir versuchen, ein paar Gags aufzunehmen. Machst du mit? Es kann aber auch sein, daß das nie in den Äther geht. Manchmal ist es ziemlich schwer herauszukriegen, was die in der Redaktion haben wollen. Die schmeißen immer irgendwas raus, soviel ist sicher.«

Der Kameramann vom Fernsehen hatte geredet wie ein Wasserfall, und seine Ausdrucksweise hatte es Poul Olsen nicht gerade einfacher gemacht, ihm zu folgen. Das waren fixe Jungs. Schnell mit den Antworten und gut funktionierenden Wechselstrom in der Birne. Verflucht. Schon der Mozartvej – er mußte doch raus an der nächsten Haltestelle.

Erst als Poul Olsen die letzten hundert Meter ging, bemerkte er, daß seine Sinne schärfer geworden waren. Als wäre er mit einer neuen und besseren Antenne verbunden. Er war immer damit zufrieden gewesen, im Straussvej zu wohnen. Die Miete war nicht zu hoch, die Häuser hatten kleine Vorgärten, und genau dahinter lagen der Valbypark und die Kleingartenkolonie. Aber an diesem Abend Anfang März kam ihm das ganze Viertel heruntergekommen vor. Die niedrigen Wohnblöcke waren gelblichgrau vom Rauch der Stadt und vom Dreck in der Luft aus den Fabriken im Südhafen.

»Es hat sein Gutes und sein Schlechtes, wenn man aus dem Alltag herausgerissen wird«, murmelte er vor sich hin, als er durch die Gartenpforte ging.

»Ich hab gutes Rindfleisch gefunden, im Angebot«, sagte Birte, als Poul in die Küche kam und ihr einen Kuß auf die Backe gab. »Sieht doch gut aus, oder? Normalerweise schrumpelt Fleisch aus dem Angebot ja immer völlig zusammen.«

»Ich finde, wir sollten uns ein Bier zum Essen genehmigen. Die Kinder können ’ne Limo kriegen. Ich hab was Interessantes zu erzählen, wenn wir was auf die Rippen bekommen haben.« Poul grinste und bekam etwas rötere Backen.

»Hast du dreizehn Richtige im Lotto oder ’ne Lohnerhöhung gekriegt? Du bist ja ganz aus dem Häuschen.«

»Nein, reich werden wir wohl nie. Aber beim Film hab ich vielleicht ein bißchen Zukunft.«

»Was soll das heißen, Poul?«

»Daß ihr mich heute abend möglicherweise in den Nachrichten seht.«

»Nun erzähl schon die ganze Geschichte. Laß dir nicht alles einzeln aus der Nase ziehen.«

»Ja, also, heute haben wir mit dem Umzug vom Außenministerium angefangen. Ich hab vorher nichts davon gewußt, bis heute morgen der Transportchef ein paar von uns erfahreneren Jungs zusammenrief. Vier von uns – darunter ich – wurden zum Polier befördert. ›Verantwortungsvolle Arbeit ist das‹, erklärte der Transportleiter. ›Unsere Firma soll das ganze Inventar und sämtliches Archivmaterial des Außenministeriums von den verschiedenen Büros, die überall in der Stadt verteilt sind, ins neue Gebäude des Ministeriums am Asiatisk Plads bringen. Das Ministerium hat die komplette Planung übernommen. Läuft alles per EDV.‹ Tja, Birte, was sagst du nun? Umzug per EDV!«

Poul griff sich symbolisch an den Kopf. Na ja, solange Computer noch nicht imstande waren, die Treppen rauf und runter zu rennen, interessierte ihn die Datenverarbeitung eigentlich einen Scheißdreck.

»Wir wurden also eingewiesen und ermahnt. ›Kein Bier im neuen Ministerium. Ihr habt einen guten und effektiven Eindruck zu hinterlassen. Für die Firma steht viel auf dem Spiel. Wenn alles klappt, könnt ihr mit einer sauberen Zulage in bar rechnen. Natürlich gehört eine Pinkelpause zum normalen Arbeitsrhythmus, das ist klar.‹

Von drei Adressen muß die Mada Transport umziehen, von der Stormgade 10–12 und der Stormgade 2. Die liegt ganz unten am Frederiksholm Kanal. Abteilung für internationale Wirtschaftsbeziehungen heißt der Laden. Ich hab gehört, das hat was mit der EG und mit Energie zu tun, aber für Möbelpacker ist es jedenfalls kein Energiesparprogramm. In den alten Kästen gibt es nämlich keine Aufzüge, und draußen auf der Straße fahren einem die Busse fast den Arsch ab. Wenn ich mit ’nem Loch in der Hose nach Hause komme, weißt du warum.«

»Laß die ganzen Nebensächlichkeiten, Poul. Ich bin so neugierig.« Birte begann, sich über seine umständliche Art zu ärgern.

»Na ja, nachmittags tauchte das Fernsehen auf. ›Habt ihr was dagegen, wenn wir ein bißchen drehen?‹ fragte einer von denen. ›Uns stört das nicht‹, hab ich gesagt, ›wenn ihr die Erlaubnis aus dem Ministerium habt?‹

›Immer mit der Ruhe, wir haben ganz oben an der Spitze, beim Direktor persönlich gefragt. Wir schießen hier jetzt ein bißchen, während ihr die Kisten schleppt, und dann würden wir gern einem Wagen nach Christianshavn hinterherfahren und zusehen, wie ihr abladet. Ich denke nicht, daß ihr Ärger mit eurem Boss bekommt, wenn wir aus reinem Zufall den Firmennamen mit auf den Film kriegen.‹ Der Produzent grinste.

Die folgten uns, und ich wurde gefragt, ob ich nicht das Ministeriumsschild abschrauben könnte. Tja, das konnte ich wohl, denn es stand in der feinen EDV-Liste. ›Ich habe nämlich eine bestimmte Idee‹, sagte der Kameramann.«

Das graublaue Licht des Bildschirms breitete sich im Wohnzimmer am Straussvej aus, eine von hunderttausend Familien war vor der elektronischen Zeitung versammelt. Es ging um das übliche Gerangel in Christiansborg, düstere Aussichten für die Landwirtschaft und schlechtes Wetter vom Nordatlantik. Endlich erschien die letzte Überschrift: Umzug des Außenministeriums.

Ja, es war alles klar. Auch im Fernsehen zog das Außenministerium um. Alles lief im Stummfilm-Tempo ab, die Begleitmusik, ein alter Ragtime, paßte prima. Die Kamera zoomte auf das Schild des Ministeriums, das gerade abgeschraubt wurde. Kisten wurden auf die Straße geschleppt und in den großen Möbelwagen der Mada verladen, der zur Feier des Tages im Parkverbot hielt.

Die tiefe Kameraführung, als der Möbelwagen im dichten Verkehr über die Knippelsbro fuhr, beim zügigen Ausladen vor dem Warenaufzug des neuen Außenministeriums und schließlich beim Transport in die einzelnen Stockwerke, bewirkte, daß die kleine Filmeinspielung, die höchstens ein paar Minuten dauerte, eine ganz besondere Stimmung ausstrahlte. Sie sprang auch auf den Ansager im Studio über.

»Bei diesem Tempo ist es nur schwer verständlich, daß der Umzug des Außenministeriums volle vierzehn Tage dauern soll«, sagte er, bevor er zum Wetterbericht überleitete.

»Das war doch ganz lustig«, sagte Birte. »Es ist übrigens lange her, daß was Komisches in den Nachrichten kam. Und du hast dich doch auch nicht bei den Antworten blamiert.« In Wahrheit hatte Poul nicht ein Wort gesagt, aber sein Bild war zu sehen gewesen.

Auch jetzt war er still, aber bevor die Pause peinlich wurde, klingelte das Telefon. Birte saß am nächsten.

»Dürfen wir dem Starpaar einen ausgeben? Wir möchten so gern dabeisein, wenn ihr jetzt im ›Billed Bladet‹ und ›Se & Hør1‹ auftaucht«, zwitscherte Lise.

»Das mit den leeren Kisten hatte ich vergessen.« Poul hatte seine Stimme wiedergefunden. Der Satz blieb in der Luft hängen. Lise war noch immer am Apparat.

»Ja, ja, dann kommen wir für ein, zwei Stunden. Nicht länger – wegen der Kinder.« Birte legte auf.

»Wir gehen noch auf einen Sprung rüber zu Lise und Niels, nicht wahr, Poul?«

»Ja, ich komme schon«, antwortete Poul, aber in Gedanken war er weder im Strauss- noch im Schubertvej. Er war am Asiatisk Plads und versuchte, sich das Bild in Erinnerung zu rufen, als der Lastwagen am Warenaufzug des neuen Ministeriums hielt. Svend Åge und Peter sollten anfangen, die verschlossenen Kisten abzuladen, die fertig gepackt in der Stormgade gestanden hatten.

»Da waren ein paar leere Kisten dazwischen«, erzählte Svend Åge hinterher. »So viel Aufwand wäre doch für die Fernsehtypen wirklich nicht nötig gewesen.«

Poul hatte wie ein großes Fragezeichen ausgesehen. »Was meinst du damit?«

»Ich meine klipp und klar, daß es Blödsinn ist, wenn wir mit leeren Kisten herumrennen, nur um ein flottes Tempo vorzulegen und ein paar Typen zu imponieren, die sich bei ihrer täglichen Arbeit sicher nicht überanstrengen.«

»Ich weiß nichts von leeren Kisten«, wehrte Poul ab.

Doch hinterher hatte er sich schon seine Gedanken gemacht: es war etwas merkwürdig, daß die Leute vom Außenministerium volle und leere Kisten durcheinander gestellt hatten.

Bei Lise und Niels mußte er die Erlebnisse des Nachmittags in allen Einzelheiten erzählen, und Poul genoß es ein bißchen, im Mittelpunkt zu stehen. Das geschah nun wirklich nicht so oft. Niels zeigte sich allerdings weniger beeindruckt.

»Du hast ja für den Beitritt in die EG gestimmt. Deshalb ist es auch ganz richtig, daß du einer von denen bist, die sich einen Buckel von all dem politischen Papierscheiß holen müssen«, spottete er.

»Alles ging so fix, daß wir sogar mit ein paar leeren Kisten gefahren sind.« Obwohl Poul seine Offenheit verfluchte, es war bereits zu spät. Niels hatte sofort einen Spruch auf Lager.

»Na, das war doch ’n Ding, wenn dieser ostdeutsche Spion das Ministerium um geheime Dokumente erleichtert hätte.« Niels schlug sich vor Lachen auf die Schenkel, fügte aber dann versöhnlich hinzu: »Lise, haben wir nicht noch ein paar Bier? Man wird ganz durstig, wenn man mit solch einem Fernsehhelden zusammensitzt.«

2

›Die Glücklichen mit Aussicht über die Stadt können auf Kopenhagens Skyline blicken, aber die Unglücklichen, die zum Hof hin oder in den geschlossenen Trakten sitzen, müssen das Gefühl eines Gefängnisaufenthaltes bekommen.

Alles ist gedrängt und gepreßt.‹

Jens Krog Petersen, der Direktor des Außenministeriums, verbrachte seine Arbeitszeit normalerweise nicht damit, Architekturkritiken zu lesen, aber die Kritik der ›Politiken‹ an dem neuen Außenministerium am Asiatisk Plads war in seine Morgenlektüre geraten. ›Feine Details‹, das war alles, was Henrik Sten Møller von der ›Politiken‹ an Positivem bei dem Rundgang gesehen hatte, zu dem er zusammen mit anderen Journalisten eingeladen gewesen war. Ansonsten kein lobendes Wort. Auch in der ›Berlinske Tidende‹ standen nur kritische Bemerkungen, die durch das Zitat eines unbekannten Mitarbeiters im Ministerium – ›Hier werden wir durchgezählt, danach gehen wir zurück in die Zellen. Es ist grauenvoll.‹ – noch unterstrichen wurden.

Jens Krog Petersen hatte keinerlei Zweifel, daß gerade die Mitarbeiter, die von Christiansborg hierher gezogen waren, das Bürogebäude am Asiatisk Plads als einen unangemessenen Rückschritt empfanden.

Die Adresse Christiansborg wurde intern als eine der besten angesehen, denn man saß zusammen mit dem Staatsminister und dem Außenminister unter einem Dach. Aber der Direktor und einige ältere Mitarbeiter hatten allmählich doch das Gefühl, daß die Unannehmlichkeiten das Prestige überwogen.

Die politischen Krisen, die mit der gleichen unabänderlichen Sicherheit und Häufigkeit zu kommen schienen wie Regenschauer in den Schulferien, brachten es mit sich, daß die ehrwürdigen Gänge des Ministeriums von politischen Unterhändlern und dem ihnen nachfolgenden Schwanz von Journalisten und Photographen besetzt gehalten wurden. Letztere hatten weder diplomatische, geschweige denn gewöhnliche bürgerliche Manieren vorzuweisen – meinte der Direktor. Es war nicht ungewöhnlich, daß die Journalisten auf dem Fußboden herumlagen, wenn sich Konferenzen des Staatsministers bis in die Nacht hinzogen. Damit das Ministerium nicht allzusehr an die ›Strøget‹ an einem warmen Sommertag erinnern sollte, mußten die Beamten gelegentlich das Botschafterzimmer zur Verfügung stellen oder in ihrer eigenen Wachstube Bier ausschenken.

Nein, dann doch lieber die kleine Distanz, die die Lage am Asiatisk Plads jetzt mit sich brachte, dachte der Direktor. Sie würde größere Arbeitsruhe bringen, und in einigen Monaten wird kaum noch jemand Witze über Gefängnisgänge und Zellen reißen. Was wäre denn die Alternative gewesen? Ein teureres Projekt – hier direkt an der Hafengrenze durchaus verlokkend – hätte ganz einfach wie eine Herausforderung gewirkt, wenn der Staat, die Ämter und die Kommunen an allen Ecken und Enden sparen sollten.

Die Fernseh- und Zeitungsreportagen über das neue Ministerium liefen der leidigen Affäre um den ostdeutschen Spion, der die Liebe einer weiblichen Aushilfe, einer Studentin, ausgenutzt hatte, völlig den Rang ab. Über die Geschichte war sehr breit in der Presse berichtet worden, aber jetzt war das endgültige Urteil des Obersten Gerichtshofes gefallen, und es gab keine neuen Aspekte mehr. Die Architekturkritiker hatten die größten Überschriften, nicht die Gerichtsreporter.

Der Direktor wurde durch das Brummen des grauen Tastentelefons in seinen Gedanken unterbrochen. Der Anruf kam vom Staatssekretär Viggo Nielsen im Justizministerium.

»Eigentlich habe ich darauf gewartet, daß du anrufst und die Verbrechensvorsorge zu einem Studienbesuch einlädst, denn obwohl Brydensholt Richter am Landgericht geworden ist, haben wir doch nicht aufgehört, uns für die Verhältnisse in modernen Gefängnissen zu interessieren.«

Der Direktor reagierte gemessen: »Hast du nichts anderes zu tun, als einen sehr beschäftigten Kollegen mit perfiden Bemerkungen zu belästigen?«

»O ja, aber du bist doch wohl durch die Umzieherei nicht so beschäftigt, daß du vergessen hast, deinen Sinn für Humor mitzunehmen? Aber wenn du so streng geschäftlich bist, will ich gleich zur Sache kommen. Kurz und gut, ich meine, wir sollten ein kleines, informelles Gespräch über die Folgewirkungen des Falles Jörg Meyer führen. Bei der Gelegenheit kannst du mich ein bißchen in euren neuen, feinen Büros herumführen.«

»Wenn du mich zum Wirt bestimmst, möchte ich gern den Sicherheitschef dabei haben, jedenfalls bei dem Teil unseres Treffens, wo es um Jörg Meyer geht.«

»Laut Protokoll bestimmt der Wirt die Tischordnung, das ist richtig«, antwortete Viggo Nielsen, »aber das Informelle geht ein bißchen flöten, wenn ein Dritter dabei ist, es kann sich um einen noch so vertrauenswürdigen Mitarbeiter handeln. Kann es nicht unter vier Augen bleiben?«

»Wenn du so darum bittest. Sagen wir Mittwoch um vierzehn Uhr.«

Was hat er vor? dachte der Direktor und legte den Hörer auf. Der Sicherheitschef des Ministeriums hatte allen Verhandlungen beigewohnt, zuerst im Østre Landsret und dann vor dem Obersten Gerichtshof. Das Ministerium hatte mit dem Geheimdienst zusammengearbeitet, und Viggo Nielsen hatte keinerlei Andeutungen darüber gemacht, daß der Sicherheitschef lästig gewesen wäre.

Als eine übliche Beendigung der ganzen Angelegenheit hatte der Sicherheitschef vorgeschlagen, die Sicherheitsvorkehrungen des Außenministeriums zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. Auf diese Weise wäre man vorbereitet, wenn der Fall später noch einmal von der Regierung aufgegriffen würde, das Außenministerium könnte dann eine weniger willkommene Initiative erfolgreich abwehren.

Der Direktor hatte zugestimmt. Der Vorschlag klang vernünftig. Wenn es wirklich etwas zu korrigieren gab, war es das beste, wenn das Ministerium von sich aus die Initiative dazu ergriff. Viggo Nielsen kam wahrscheinlich nur, weil er als Staatssekretär dazu neigte, seine Effektivität unter Beweis zu stellen. Na, bereits morgen würde es sich zeigen, ob Viggo Nielsen Mit- oder Gegenspieler war. Die zweite Möglichkeit schlug sich Krog Petersen sofort aus dem Kopf.

»Bitte sehr, der Direktor erwartet Sie«, sagte die Sekretärin im Vorzimmer und schenkte dem Staatssekretär Viggo Nielsen ein professionelles Lächeln.

Der Staatssekretär ist ein kleiner drahtiger Mann. Von seiner einstigen Haarpracht ist nur ein dunkler Kranz geblieben, wodurch sein Kopf größer wirkt, als er eigentlich ist. Aber optischer Betrug oder nicht: Niemand bezweifelt die Begabung des Staatssekretärs, und wenn jemand diesen Fehler machen sollte, ist dies eine der Fehleinschätzungen, die man sehr schnell bedauert.

»Darf ich dir eine Tasse Kaffee anbieten?« fragte der Direktor zuvorkommend.

»Ja, das ist genau das, was ich brauche. Unterdessen werde ich die Aussicht genießen und mich vom Wasser beruhigen lassen.«

»Daß du das Bedürfnis hast, ruhig zu werden, erscheint mir neu«, bemerkte Krog Petersen lächelnd.

»Oh, zieh lieber keine allzu weitgehenden Schlüsse daraus. Eigentlich ist es doch dein Ministerium, das ein wenig beraten werden muß, was Ruhe und Sicherheit angeht.«

»Worauf willst du hinaus? Es geht für uns beide am schnellsten, wenn du die Abschweifungen läßt.«

»Sehr gern. Ich habe über den Fall Jörg Meyer nachgedacht, und ich bin zu dem Ergebnis gekommen, daß eine Sonderkontrolle deines Personals angemessen wäre, damit wir ganz sicher sein können, daß weder Sekretärinnen noch höhergestellte Mitarbeiter es riskieren, den Verlockungen der ›Kundschafter des Friedens‹ aus der DDR nachzugeben – was sagst du dazu?«

»Werden die wirklich so genannt? Entschuldigung – du mußt es ja am besten wissen«, sagte der Direktor trocken.

»Ja, das ist die Dienstbezeichnung für die vom Ministerium für Staatssicherheit abgesandten Don Juans in der DDR.«

»In der Tat hat der Sicherheitschef mir vor einiger Zeit vorgeschlagen, daß wir unsere verschiedenen Verfahren abspulen, um festzustellen, ob wir irgend etwas korrigieren müssen. Die Arbeiten sind bereits angelaufen, und wir sind uns doch wohl einig, daß wir doppelte Arbeit vermeiden können.« Krog Petersen lehnte sich zufrieden in seinem Stuhl zurück.

»Das ist reine Routine«, fertigte Viggo Nielsen ihn ab. »Ich glaube, wir werden gar nicht umhin können, in einer anderen Dimension zu arbeiten, als du dir das vorstellst. Und ich komme hierher, um friedlich mit dir darüber zu reden. Du könntest mir mit Recht Vorwürfe machen, wenn ich diese Frage ohne Vorwarnung meinem Minister oder dem Sicherheitsausschuß gegenüber aufwerfen würde.«

»Ich schätze deine Loyalität, aber was stellst du dir eigentlich vor?«

»Ganz ernsthaft, ich meine, daß wir gezwungen sind, den PET2 die gesamte Belegschaft durchgehen zu lassen, im Prinzip dürftest du von der Untersuchung nicht ausgenommen werden.«

»Warum nicht auch den Minister einbeziehen?«

»Nein, für den Minister kann ich gern die Verantwortung übernehmen, den überspringen wir.«

»Spaß beiseite. Geht das nicht noch immer ein bißchen zu weit?«

Der Staatssekretär runzelte die Stirn.

»Oberflächlich gesehen hast du vollkommen recht. Aus einem professionellen, das heißt kontranachrichtendienstlichen Blickwinkel gesehen, hast du unrecht. Nun gut, es war eine untergeordnete Mitarbeiterin, die Jörg Meyer ins Netz ging, und die Dokumente, die er nach Hause schickte, kompromittierten Dänemark nicht in internationalen Zusammenhängen. Da haben wir ja euer Wort. Für mich beweist die Geschichte allerdings, daß die Ostblockstaaten im allgemeinen und die DDR im besonderen auf breiter Front spionieren, und da wir zur Zeit den Vorsitz zum Beispiel in der EG haben, gehen wichtige Akten durch dein Ministerium.«

»Das klingt ja fast, als hättest du angefangen, an Kommunistenangst zu leiden – ja, vielleicht ist es eine gute alte McCarthy-Infektion.«

»Überhaupt nicht. Ich gehe von den tatsächlichen Verhältnissen aus, wie man so sagt. In jedem anderen Land, in dem man einen Spion wie Jörg Meyer gefaßt hätte, wäre die Gegenspionage längst im Gang. Und du kannst mit Sicherheit davon ausgehen, daß das Außenministerium des Landes X nicht vorher einen Höflichkeitsbesuch abgestattet bekommen hätte, wie du ihn von mir bekommst. Frag deine Botschafter, wie das in der großen weiten Welt vonstatten geht.«

»Ich meine noch immer, daß dein Vorschlag drastisch klingt. Ich möchte jedenfalls gern die Gelegenheit haben, das mit dem Sicherheitschef zu besprechen. Er ist es doch, der die Probleme kriegt, wenn das Personal davon Wind bekommt, was los ist.«

»Vergib mir meine freimütige Bemerkung, aber dein Sicherheitschef ist in diesem Zusammenhang ein ganz untergeordneter Mitarbeiter.« Viggo Nielsen verkniff sich mit einem Schlag jede Ironie und Nachsicht. »Selbst wenn er Büro- und Sicherheitschef ist, bitte ich dich, ihn über unsere Unterredung nicht in Kenntnis zu setzen. Kein Mitarbeiter des Außenministeriums darf auch nur das Geringste davon erfahren, daß der PET mit einem generellen Check anfängt. Obwohl du die Ausnahme bleibst, die die Regel bestätigt, bedaure ich es beinahe, daß ich dich sozusagen unter der Hand orientiert habe.«

»Nun, nun, spar dir die Munition. Kannst du Loyalität von deinen engsten Mitarbeitern erwarten, wenn du ihnen selbst mit Mißtrauen begegnest? Ich denke, das leuchtet ein.«

»Wir brauchen uns wohl kaum über Personalpolitik zu verständigen«, sagte der Staatssekretär, immer noch mit einem scharfen Unterton. »Hier dreht es sich darum, daß ihr in ein neues Gebäude eingezogen seid; und da ihr, soweit ich weiß, die Versicherungsgesellschaft nicht gewechselt habt, komme ich im Namen der Gesellschaft, um mich davon zu überzeugen, daß die Konstruktion in Ordnung ist, damit Hausböcke und Pilze nicht unmittelbar angreifen können.«

»All right, ich steuere nicht den Geheimdienst. Das machst du, und wenn ich mich nicht irre, hast du deine Entscheidung getroffen, bevor du den ersten Schritt über die Knippelsbro gemacht hast – ja möglicherweise, bevor du mich angerufen hast.«

»Du irrst. Ich würde nie wagen, einen guten Kollegen so zu behandeln. Du vergißt, daß eine Operation, die so viel Fingerspitzengefühl erfordert, vom Justizminister genehmigt werden muß.«

»Und wann hat der Minister das letzte Mal nein zu dir gesagt?«

»Tja, das ist lange her, ich kann mich im Augenblick gar nicht daran erinnern.«

»Na siehst du! Aber denk an eins, wenn du den Fall vorbringst. Sag nicht, daß du meine Zustimmung hast, denn die hast du nicht. Ich mag den Plan nicht – da ist zuviel Blödsinn dabei und zu viele blaue Brillen, jedenfalls ist er nicht nach meinem Geschmack.«

»Ich halte mich exakt an das, was passiert ist. Du – du allein – bist orientiert«, sagte Viggo Nielsen gelassen.

»Wenn nun bei der Durchführung dem PET ein kleines unvorhergesehenes Mißgeschick passiert – und über solche Fälle habe ich in den Zeitungen gelesen, wenn ich mich recht erinnere –, dann bin ich niemals informiert worden.«

»Nein, für diesen Fall haben wir andere, auf die wir die Schuld schieben können, das ist doch klar.« Jetzt lächelte der Staatssekretär ganz verbindlich. »Auch das gehört zur Routine«, ergänzte er.

»Zu eurer Routine«, entgegnete der Direktor. »Sind wir ansonsten am Ende? Ich habe leider noch ein paar Amtspflichten.«

»Ja, für heute sind wir am Ende. Ich hoffe, es war das erste und das letzte Mal, daß wir über diese Operation reden müssen. Aber es war doch gemütlich, dein neues Büro zu sehen.«

3

Auf der Übersichtskarte von Kopenhagen und Umgebung ist das Dreieck zwischen Frederikssundsvej, Hulgårdsvej und der Schnellstraße Borups Allé kaum zu erkennen. Und doch haben hier wichtige kommunale und staatliche Institutionen ihren Sitz.

Wer im Verborgenen lebt, lebt gut, sagt ein altes arabisches Sprichwort.

Das Polizeirevier 3, eines der größten des Landes, ist in einem anonymen Bürogebäude untergebracht. Gebaut aus Betonelementen, die Fassade mit Strandkieseln verkleidet, wirkt der Komplex so ausreichend phantasielos, daß darin die Steuerbehörde, das Arbeitsamt oder ein großer Konzern untergebracht sein könnten.

Und hierher kommen auch die Polizeianwärter. Für diejenigen, die keine juristische Ausbildung vorweisen können, ist der Start als Ordnungspolizist auf Probe sowieso obligatorisch. Die Cleversten der Aspiranten werden danach von der Kriminalpolizei rekrutiert. Und der Nachrichtendienst, der sich als Eliteabteilung versteht, bezieht seine Leute aus der Kripo. Auf diese Weise passiert es schon mal, daß einer, der im Parterre der Borups Allé 266 angefangen hat, in die Etage über dem dritten Revier aufsteigt. Der PET hat nämlich die gleiche Adresse.

Die wichtigste Aufgabe des dänischen Geheimdienstes besteht darin, durch Gegenspionage zu verhindern, daß Spione anderer Länder sich einen Einblick in die Geheimnisse des Staates verschaffen können. Außerdem führt der PET Karteien über Bürger, von denen angenommen wird, daß sie in einer Krisensituation möglicherweise bedrohlich für die innere Sicherheit des Landes werden könnten. Absicht dieser Buchführung ist natürlich, daß die Registrierten unter Umständen in Verwahrung genommen werden können. Personaluntersuchungen sind die dritte und letzte Hauptaufgabe des PET. Angestellte im Öffentlichen Dienst, die sich mit einer Materie beschäftigen, die für die nationale Sicherheit von Bedeutung ist, oder Angestellte in Firmen, die Waffen für die Verteidigung produzieren, möglicherweise unter NATO-Regie, müssen damit rechnen, daß ihr Lebenslauf vom PET auf den Kopf gestellt wird. Fällt die Sicherheitsuntersuchung negativ aus, merkt der Betroffene wahrscheinlich nichts. Finden sich in seiner Vergangenheit aber Umstände, die die Einstufung in die Risikogruppe zulassen, so wird sich seine Karriere ändern, im schlimmsten Falle wird sie abgebrochen.

Dieser verborgene Einfluß, den der PET auf das Dasein anderer haben kann, ist von ziemlicher Bedeutung, aber in der Hierarchie der staatlichen Institutionen ist der Dienst nicht sonderlich hoch angesiedelt. Der Chef ist lediglich Polizeimeister in der 37. Gehaltsstufe. Der stellvertretende Chef des PET ist Vizepolizeimeister, und der Rest der Führung setzt sich aus einem älteren Kriminalkommissar sowie drei jungen Polizeibevollmächtigten zusammen. Diese Namen können im Hof- und Staatskalender nachgeschlagen werden, aber versucht man andere zu finden – zum Beispiel den Namen des Kriminalassistenten Anders Bojskov –, sucht man in allen Nachschlagewerken vergeblich. Die Mannschaft des PET – Kripobeamte und ein nicht unbedeutender Verwaltungsapparat – sind anonyme Diener.

»Ich habe einmal im Dienst eine Dummheit gemacht, ich wurde aus der Ermittlungsarbeit herausgenommen und hinterher in die interne Administration versetzt. Jetzt beschäftige ich mich mit dem Ankauf von Kaffeemaschinen, Büromöbeln und der Anstellung des Reinigungspersonals. Wir können ja nicht jemand x-beliebigen in den Büros herumlaufen lassen.«

So klingt die kurze und traurige Geschichte, die Anders Bojskov gewöhnlich erzählt, wenn jemand wissen will, was er bei der Polizei macht. Die Erklärung ist so entwaffnend langweilig, daß Bojskov selten hinzufügen muß, daß er Kriminalbeamter zweiten Grades ist und im dritten Revier arbeitet.

Als junger Kripomann war Anders Bojskov von Polizeiinspektor Arne Nielsen für den PET ausgewählt worden. Nielsen hatte seine eigene Rekrutierungspolitik, die sicherstellte, daß junge, talentierte Kripoleute einen diskreten Wink bekamen, beim PET anzusuchen. Anzusuchen – das war die Einstellungsprozedur.

»Obwohl die Augen der Öffentlichkeit uns kritisch verfolgen, gibt es große Möglichkeiten im Dienst«, sagte der Polizeiinspektor, als Bojskov damals in das alte PET-Hauptquartier am Hørhusvej auf Amager kam, um sich vorzustellen. »Und bedenken Sie, wenn Sie jemals Lust darauf bekommen, die Dienststelle zu wechseln, schadet es keineswegs, daß Sie hier waren.«

Bojskov wagte den Sprung, und von 1968 an war er PET-Mann. Außer der Anziehungskraft, die die Geheimdienstarbeit an und für sich auf einen achtundzwanzig Jahre alten Kriminalbeamten ausübte, spielte es für Bojskov auch eine Rolle, daß er für einen jungen Chef arbeitete. Arne Nielsen war erst vierzig. Bei anderen Abteilungen der Polizei steigt man nur langsam auf, und es ist nicht ungewöhnlich, wenn junge ›Genies‹ erst einmal ein paar ordentliche Nackenschläge hinnehmen müssen. Sie sollen sich nicht einbilden, sie wären was.

Im Oktober 1970 war Arne Nielsen auf einer Dienstreise in Brüssel. Eines Morgens wurde er in seinem Hotelzimmer bewußtlos aufgefunden, und vier Tage später starb er im Saint-Pierre-Hospital. Die PET-Leute waren erschüttert, aber als die Regierung vierzehn Tage später den Nachfolger ernannte, war der Schock total. Der jüngere Stellvertreter Nielsens, Jørgen Bro, wurde übergangen. »Zu grün«, hieß es in den Fluren, aber natürlich gab es einen anderen Grund. Die Regierung hatte sich für einen siebenunddreißigjährigen Karrieremacher aus dem Justizministerium, Jørgen Skat-Rørdam, entschieden.

Der neue PET-Chef wußte nur sehr wenig über den Dienst, aber als Sekretär eines sozialdemokratischen und eines konservativen Justizministers hatte er sich dadurch ausgezeichnet, daß er die Wünsche seiner Chefs schon erriet, ehe sie formuliert wurden. Aus einer kurzen Amtszeit in der 5. Abteilung des Justizministeriums wußte er auch, was vom Geheimdienst erwartet wurde. Wenn es ihm gelang, seine Karriere mittels der Fähigkeit zur Voraussage fortzusetzen – das hieß, den PET etwas weniger unabhängig zu leiten, als es Arne Nielsen getan hatte –, konnte er ziemlich sicher sein, ein Polizeimeisteramt zu bekommen, bevor er zu alt war, es zu genießen.

1975 wurde Jørgen Skat-Rørdam dann Polizeimeister im idyllischen Hillerød, und sein Nachfolger wurde wiederum ein Karrieremann aus dem Justizministerium, Oluf Trapp Madsen. Jørgen Bro war gebrandmarkt. Zweimal übergangen zu werden war mehr, als er ertragen konnte; doch bevor Bro die Tür zuschlagen konnte, wurde ihm ein Angebot präsentiert, das er nur schwer ausschlagen konnte. Ein Polizeimeisterposten wartete auf ihn, vorausgesetzt, er zeigte einmal mehr Langmut und wies einen neuen Chef in die ungewöhnliche Arbeit ein.

Und während Jørgen Bro Polizeimeister in Middelfart wurde, ein Posten, von dem aus ein weiterer Aufstieg durchaus nicht ausgeschlossen ist, wurden die Verbindungen zwischen dem PET und dem Justizministerium so eng geknüpft, daß man heutzutage ohne Übertreibung sagen kann, das Ministerium steuere den PET.

Oluf Trapp Madsen, der PET-Chef, hält sehr engen Kontakt mit Staatssekretär Viggo Nielsen. Die Tage, an denen der PET größere Operationen auf eigene Faust starten konnte, sind definitiv vorbei. Der Staatssekretär ist für den PET-Chef und den Minister zur Schlüsselfigur geworden. Allein der Staatssekretär entscheidet, ob eine informelle Konsultation ausreicht, oder ob weitere Stellen hinzugezogen werden müssen.

Das Kunststück des Staatssekretärs Viggo Nielsen besteht darin, daß es ihm gelungen ist, durch Ernennungen von Vorgesetzten, Versetzungen und häufigen Kontakt, sich selbst – und damit dem Ministerium – vollkommene Kontrolle über den PET verschafft zu haben. Vertraut der Minister seinem Staatssekretär, braucht er nicht mit der ständigen Angst herumzulaufen, daß der Geheimdienst Dummheiten macht oder ungesetzliche Dinge tut und daß der Sachverhalt zu irgendeinem Zeitpunkt–natürlich immer zu den politisch unpassendsten Gelegenheiten – durch die Presse aufgedeckt wird.

Nur wenige Staatssekretäre haben den gleichen Einfluß wie Viggo Nielsen, wenn es darum geht, den Minister so zu beraten, daß der Politiker das tut, was der Staatssekretär schon vorher beschlossen hat. Nur wenige können wie Viggo Nielsen den Mund halten, aber gerade Diskretion ist eine Voraussetzung dafür, daß diese Kunst von Minister zu Minister weitergeführt werden kann – mit dem Ergebnis der Anerkennung quer durch alle Parteien.

Nur halb soviel Zurückhaltung ist erforderlich, wenn Viggo Nielsen die Vaterrolle gegenüber seinen Untergebenen, zum Beispiel vor Oluf Trapp Madsen, weiterspielt. Hier herrscht immer größtes Entgegenkommen auf beiden Seiten, denn Oluf Trapp Madsen weiß genau, wer ihm den Job verschafft hat, und er weiß auch ganz genau, daß nur eine plötzliche Krankheit Viggo Nielsen daran hindern kann, auch weiterhin darüber zu entscheiden, ob er weiterkommt.

Was während der informellen Gespräche zwischen dem Staatssekretär und dem PET-Chef konkret beschlossen wird, bleibt unter vier Augen, aber viele PET-Leute – insbesondere die älteren – meinen, daß die Auswirkungen bis ganz nach unten zu spüren sind. Es ist ein einfaches physikalisches Gesetz, daß der Druck auf die untersten Steine größer wird, je höher die Pyramide gebaut ist.

Auf den unteren Rängen des PET war Bojskov einer der Mitarbeiter, die sich in der Atmosphäre des Amtes unwohl fühlten, nachdem die Karrierejuristen nach und nach die vollständige Kontrolle übernommen hatten.

Wollte man die Mitarbeiter, denen Arne Nielsen und Jørgen Bro noch ihren Stempel aufgedrückt hatten, ganz diskret aus dem Verkehr ziehen? Jedenfalls konnte man es so einrichten, wenn man umtriebige Leute mattsetzte.

Bojskov war jetzt im zweiten Jahr bei der ›Putzkolonne‹. Die Arbeit war zur Routine geworden, und es gab nicht sonderlich viel zu tun – eine Situation, die psychisch mindestens ebenso belastend sein kann wie Stress durch zuviel Arbeit. Es war fast komisch, aber für Bojskov eine subjektive Wahrheit, daß der aufregendste Augenblick der Woche am Mittwochnachmittag kam, wenn er in aller Ruhe dasaß und seinen Totoschein ausfüllte. Für zweimal sechzehn Reihen hatte er Geld, vorausgesetzt, daß er sich beim Kantinenbesuch absolut beherrschte – im übrigen eine schwierige Kunst, wenn die tägliche Arbeit so ohne Spannung ist.

In der letzten Arbeitsstunde jedes Mittwochnachmittags kam der Moment, wo sich Bojskov seinen Tippsystemen und Tagträumen hingab, und wo er sich folglich auch nicht gerne stören lassen wollte. Nur die engsten Kollegen wußten von Bojskovs Leidenschaft. Der stellvertretende Chef, Vizepolizeimeister John Møller, war nicht in das kleine Geheimnis des Kriminalassistenten eingeweiht. Sonst hätte er sicher einen anderen Zeitpunkt als ausgerechnet den Mittwochnachmittag gewählt, um Anders Bojskov eine neue und fachlich interessante Aufgabe vorzuschlagen.

Vizepolizeimeister John Møller sieht nicht aus wie ein fünfunddreißigjähriger Polizeiassessor, der den Geheimdienst als Sprungbrett für andere und größere Aufgaben gewählt hat. Er sieht überhaupt nicht aus wie ein Beamter, sondern eher wie der wohlgenährte Marketingdirektor einer mittelgroßen Firma. Während lockere Kleidung, Jeans, Cordhosen und Pullover längst an der Tagesordnung waren, kam John Møller immer noch im korrekten Anzug zur Arbeit. Ihm fehlte nur die ›Börsenzeitung‹ in der Tasche, um das Bild des modernen, dynamischen Geschäftsmannes abzurunden.

Die Kombination von dunklem Anzug, Goldbrille und einer natürlichen Freundlichkeit hatten bewirkt, daß man sowohl in der Öffentlichkeit wie auch im Dienst mehr auf den stellvertretenden Chef als auf den obersten Boss, Oluf Trapp Madsen, hörte.

Wenn die Presse informiert wird, was selten genug geschieht, ist es John Møller, der vortritt. Er tritt in Gerichtsverhandlungen auf und macht einen guten Eindruck auf die Richter. Und wenn einem etwas träg gewordenen Mitarbeiter neue Motivation vermittelt werden soll, dann macht das auch John Møller.

Es war daher auch nicht überraschend, daß Bojskov zum stellvertretenden Chef gerufen wurde. Es war nur der Zeitpunkt, der späte Mittwochnachmittag, der ihm ärgerlich erschien.

»Ich habe dich hoffentlich nicht bei was Wichtigem gestört«, leitete John Møller das Gespräch in seinem wie üblich zuvorkommenden Ton ein. In diesem Fall war die Bemerkung jedoch weniger atmosphäreschaffend als beabsichtigt.

Er weiß doch ganz genau, daß ich einen Scheißdreck zu tun habe, dachte sich Bojskov, jedenfalls nichts, was mich interessiert – und der Kriminalassistent antwortete ironisch: »Es ist immer wieder erfrischend, in der Routine unterbrochen zu werden, wie wichtig sie auch sein mag.«

»Gut, daß du es so siehst, denn wir haben in der Tat eine erweiterte Reinigungsaufgabe, auf die wir dich gern ansetzen möchten.« John Møller machte eine kleine Kunstpause. »Eine Art Folgeerscheinung der Affäre Jörg Meyer.«

»Sehr interessant. Ich bin wahrscheinlich einer der ganz wenigen in der Abteilung, die nicht auf die eine oder andere Art mit dem Fall zu tun hatten, und ich freue mich natürlich, daß ich das Versäumte jetzt nachholen kann, da die Geschichte von anderen schon erledigt worden ist.«

Es war deutlich, daß der spitze Tonfall John Møller zu irritieren begann, aber der Kriminalassistent machte unangefochten weiter: »Aber beim Fußball kann man ja das Spiel auch ganz gut von der Reservebank aus mitverfolgen. Wenn man da sitzt, kommt man jedenfalls nicht aus der Puste oder macht sich schmutzig.«

»Nicht so giftig, Bojskov. Wenn wir im Fußballjargon bleiben wollen, dann zeichnet sich eine gute Mannschaft der 1. Liga ja dadurch aus, daß auf der Reservebank auch gut spielende Leute sitzen.«

»Völlig richtig, und ich kann durchaus die Zeit, die ich über habe, mit dem Ausfüllen von Totoscheinen verbringen.«

»Privat kannst du so viele Scheine ausfüllen, wie du Lust hast, aber wenn wir unser Gespräch beendet haben, ist es völlig ausgeschlossen, daß du dafür während des Dienstes noch Zeit haben wirst.«

»Ja also, dann bin ich gespannt«, sagte Bojskov und machte gleichzeitig ein erwartungsvolles Gesicht.

»Wie du möglicherweise weißt, habe ich alle Gerichtsverhandlungen des Falles Meyer besucht, und hier im Hause war ich natürlich auch sehr eng in den Fall eingebunden. Die Geschichte ist jetzt beendet, darüber brauchen wir nicht mehr zu reden. Zurückgeblieben ist inzwischen nur die offene Frage, ob wir daraus gewisse Erfahrungen ziehen können. Wir glauben, wir können es.«

John Møller machte eine seiner gut einstudierten Kunstpausen. »Ja, wir können vielleicht im Fußballjargon bleiben. Ich bin ganz bestimmt kein Experte, aber mir ist doch aufgefallen, daß einem Tor sehr oft der Ausgleich folgt, weil die in Führung gegangene Mannschaft bloß ein paar Sekunden lang im Freudentaumel die Abwehr vernachlässigt.«

Bojskov nickte bestätigend.

»Mir liegt nicht daran, eine künstliche Dramatik zu schaffen, aber wir haben eine ganz besondere Idee. In aller Einfachheit, es geht darum, daß wir das Außenministerium gern auf den Kopf stellen wollen.«

»Welche Personalgruppen sollen anvisiert werden?« Bojskov stellte seine Frage so geschäftsmäßig, daß John Møller seinen unterbrochenen Gedanken wieder aufnahm.

»Jörg Meyer war ein echter Profi. Bei der Raffinesse, mit der östliche Geheimdienste betrieben und koordiniert werden, ist es nicht auszuschließen, daß irgendeine Filiale es ausgenutzt hat, als wir alle Hände voll zu tun hatten. Jedenfalls gibt es diese theoretische Möglichkeit.«

»Ich weiß immer noch nicht, wie umfassend die Untersuchung sein soll. Sollen wir ein bißchen mit dem Staubtuch wedeln oder . . .«

»Ich denke, ich habe mich deutlich genug ausgedrückt, Bojskov. Das ganze Ministerium muß von Kopf bis Fuß untersucht werden. Wir können uns nicht damit zufriedengeben, daß nur studentische Aushilfen und Büromädchen erpreßbar sind. Es gibt nur ein Ausnahme, für die ich die Verantwortung übernehme. Vom Außenminister sehen wir ab.«

»Und du erwartest, daß ich diese Aufgabe allein schaffe?«

»Nein, das ist selbst für dich eine Nummer zu groß, Bojskov. Zuallererst geht es darum, daß du bitte einen Arbeitsplan erstellst. Das erledigt am besten ein erfahrener Kripomann.«

»Und dann?«

»Dann stellen wir eine Arbeitsgruppe zusammen. Auch hier werden Vorschläge dankend angenommen, aber ich will dir gern verraten, daß wir bereits daran gedacht haben, die Polizeibevollmächtigte Bente Riskjær unbedingt mit in die Gruppe zu nehmen.«

»Wohl als Leiter der Gruppe?« Bojskov versuchte, seiner Stimme einen Tonfall zu geben, als stelle er eine dienstliche Routinefrage, aber John Møller verstand genau, was dahinter steckte.

»Denk nicht in so ausgetretenen Bahnen. Das ist kein militärisches Trainingslager, wo wir uns gegenseitig herumkommandieren und Schnüre oder Sterne auf den Schulterklappen tragen. Persönlich halte ich sehr viel von Teamwork, und auch von dir, Bojskov, halte ich so viel, daß ich überzeugt bin, du kannst sowohl einen funktionierenden Arbeitsplan erstellen als auch dazu beitragen, eine funktionstüchtige Arbeitsgruppe zusammenzustellen. Die Aufgabe erfordert eigentlich mehr, als ich jetzt vielleicht sagen kann. Es geht darum, daß eine kleine Gruppe sich diplomatischer erweisen muß als das ganze königliche Außenministerium mit seinen 1400 Angestellten.«

»Gibt es noch etwas, woran ihr bereits gedacht habt, und das vielleicht jetzt bereits an mich weitergegeben werden kann?«

»Ja, es ist eine absolute Bedingung, daß nichts – aber auch gar nichts – an das Personal des Ministeriums durchsickert.«

»Ich hatte eigentlich schon von roten Teppichen und Cocktails zu träumen begonnen.«

»Hinterher, wenn alles glücklich überstanden ist, können wir uns sicher ein paar Flaschen genehmigen, aber der Ausschank findet hier auf unserem langweiligen grauen Nadelfilz statt. Es ist nämlich so, daß unsere Sicherungsgruppe das Ministerium beraten hat; und diese Arbeit haben sie so perfekt erledigt, daß es sehr schwer für ein Mitglied deiner Arbeitsgruppe werden wird, sich im Ministerium zu zeigen, ohne daß die Untersuchung dadurch kompromittiert wird.«

»Zum Teufel.« Bojskov sah grimmig aus.

»Ich weiß auch, daß die Arbeit dadurch nicht gerade einfacher wird, aber so sind die Arbeitsbedingungen, und du sollst auch hören, warum. Nachdem die westdeutschen Terroristen die Botschaft in Stockholm gestürmt und den Militärattaché ermordet hatten, sah die Diplomatie ein, daß die Sicherheitsanlagen der Botschaften und Ministerien ausgebaut werden mußten. Ja, genaugenommen gab es gar keine Sicherheitsvorkehrungen. Man konnte im wahrsten Sinne des Wortes einfach von der Straße aus hineingehen und fast jeden Botschafter kidnappen. Darum bekam Christiansborg kugelsichere Scheiben, aber die Sicherheitssysteme waren noch immer ziemlich primitiv. In dem neuen Gebäude ist alles diskreter und raffinierter, und das bringt es mit sich, daß sich zum Beispiel dein Gesicht in dem Moment, wo du, Bojskov, zum Haupteingang am Asiatisk Plads Nr. 2 hereintrittst, auf dem Bildschirm des Wachtmeisters zeigt. Wenn du Lust hast, es auszuprobieren, die Kamera sitzt rechts vom Eingang unterm Dach, aber das würde zur Folge haben, daß wir dich aus der Arbeitsgruppe nehmen müßten.

Aus Sicherheitsgründen läuft nämlich nicht nur eine interne Fernsehkamera. Unsere Sicherheitsgruppe empfahl dem Ministerium, alle Aufnahmen auf Video mitzuschneiden, so daß man bei ungesetzlichem Eintreten – im schlimmsten Fall einer Terroraktion – immer gute Bilder von den Tätern hat.

Ob die Videoanlage wirklich läuft, weiß ich nicht, das gebe ich zu, aber du mußt damit rechnen.«

»Sehr witzig. Ich soll einen Krieg gegen die Sicherheitssysteme führen, die der PET eigenhändig mit aufgebaut hat.«

»So würde ich es nun auch nicht sagen«, antwortete John Møller. »Ich finde, es ist doch für dich von Vorteil zu wissen, worauf du aufpassen mußt.«

»Unter diesen Bedingungen wird es schon ein paar Tage dauern, bis ich mit einer vernünftigen Skizze kommen kann.«

»Nimm dir die Zeit, die du brauchst. Hauptsache, der Plan wird gut. Dann macht es auch nichts, wenn du dich zwischendurch mit Totospielen entspannst. Übrigens, schließen nicht gleich die Läden ihre Kassen für diese Spielrunde?«

»Das läuft aber hart auf den Vorwurf des Dienstversäumnisses hinaus. Ich werde mir überlegen, ob ich nicht mit meinem Vertrauensmann darüber spreche.« Bojskov sah todernst aus, obwohl er einen Witz machen wollte.

Aber John Møller hatte ganz offensichtlich seine tägliche Dosis an Humor verbraucht. Er ignorierte, daß es ein Witz sein sollte. »Und wenn Sie mit Ihren Giftigkeiten und nur schlecht verheimlichten Querelen nicht aufhören, werde ich dafür sorgen, daß wir sehr bald eine neue Kartei aufbauen müssen. Ihr Name wird dann ganz oben auf der Anwärterliste stehen.«

»Unentschieden«, lächelte Bojskov und erhob sich.

»Denk dran, Systemspiel bringt am meisten.« Jetzt lachte auch John Møller.

4

Wenn alle ihre Position im System kennen, gibt es für Vorgesetzte keinen Grund, sich aufzuregen oder zu kommandieren. Das geht bloß auf die Stimmbänder und vermittelt Besuchern einen wenig glücklichen Eindruck. Im PET-Hauptquartier über dem dritten Revier kennen alle ihren Platz, und daher ist es eine Ausnahme, wenn direkte Befehle gegeben werden. Die Chefs bitten oder sagen – je nach Jahrgang und Temperament: »Wollen Sie oder du nicht mal . . .« Eine zivilisierte Hackordnung, eine Hackordnung, bei der es keine offenen Wunden gibt.

Wer das Recht hat, um dieses oder jenes zu bitten, und auch erwarten darf, daß es ausgeführt wird, das geht nicht aus Bekleidung und Tonfall hervor, sondern aus der Anordnung der Schreibtische der Beteiligten. Die Anzahl der Fenster eines Büros, kleine Unterschiede in der Einrichtung und nicht zuletzt die Lage eines Büros markieren die Rangunterschiede im hierarchischen System.

Was die Bekleidung angeht, ist John Møller die Ausnahme – eine Ausnahme, die die Regel bestätigt. John Møller läuft immer wie ein Boss verkleidet herum, aber erst, wenn man sein nach Süden gelegenes Büro mit den vier Fenstern gesehen hat, weiß man um seinen Rang. Polizeimeister Oluf Trapp Madsen hat nämlich fünf Fenster, und nur er verfügt über ein eigenes Konferenzzimmer.

Die Südseite ist die feine Seite. Von hier aus kann man die kleine grüne Anlage übersehen, die zwischen dem Hulgårdsvej und der Borups Allé liegt.

Auf der anderen Seite des PET-Gebäudes bekommt man derartige grüne Illusionen nicht. Will man die Aussicht genießen, kann man zwischen einem asphaltierten Parkplatz und der grauen, einem Fort nicht unähnlichen Wachstation der Staatlichen Elektrizitätswerke wählen. Seit die Privatwagen des PET-Personals in immer längeren Intervallen – und jedesmal gegen kleinere Modelle – ausgewechselt werden, ist der Parkplatz uninteressant. Die graue Tristesse der Wachstation ist hier auf der Schattenseite also das aufregendste Moment.

Bojskovs Gespräch mit John Møller hatte der Apathie des Kripoassistenten ein Ende gesetzt. Er war wieder zur Biene geworden, die von allen Seiten her Frühlingsdüfte wahrnimmt.

Der kleine Schreibtisch in dem Zweifenster-Zimmer war mit Papieren übersät. Obendrauf lag ein ungewöhnlich dickes Buch, in festes hellgrünes Leinen gebunden, das Reichswappen auf der Titelseite eingeprägt. Bojskov war dabei, den Hofund Staatskalender zu studieren, eines der offiziellsten Werke, das überhaupt in Dänemark erschien.

In diesem Buch kann man zum Beispiel nachlesen, wann der PET-Chef geboren wurde, wann seine Ernennung stattfand, und wann er zum Ritter des Danebrog-Ordens geschlagen wurde. Es gibt Tabellen über die Familienverhältnisse des Königshauses, sämtliche Namen der drei obersten Rangklassen im Königreich sind verzeichnet, der Text des Grundgesetzes, die Adressen der Ministerien, Übersichten über die Geschäftsbereiche der einzelnen Abteilungen, Verzeichnisse über die verschiedenen akademischen Mitarbeiter der Abteilungen und eine Vielzahl weiterer nützlicher Informationen findet man hier.

Anders Bojskov war dabei, die ehemaligen Adressen und die Personenverzeichnisse des Außenministeriums durchzugehen, aber es fiel ihm schwer, sich auf die alten Adressen in Kopenhagen zu konzentrieren. Für einen Kriminalassistenten des zweiten Grades hatte das Buch etwas von einem Märchenbuch, wenn er den Abschnitt über das Außenministerium aufschlug. Im Grunde war auch nichts dagegen zu sagen, daß er an eine kleine dienstliche Rundreise dachte, als er die Adressen und Telefonnummern sämtlicher Botschaften Dänemarks überflog und das weltumspannende Netz von London bis Tokio verfolgte. Aber Bojskov vergaß seine Träumereien. Das läuft doch nur darauf hinaus, daß sie sagen, ich soll den Stadtbus zur Stormgade nehmen, dachte er. Daß die Chefs in Europa herumreisen, ist eine andere Geschichte.

Bevor das Außenministerium zum Asiatisk Plads gezogen war, gab es sechs verschiedene Adressen. Der Minister, der Direktor und die besseren Abteilungen hatten selbstverständlich in Christiansborg residiert, aber Bojskov interessierten die drei Adressen in der Stormgade am meisten.

In der Stormgade 2 ging es um die drei Büros der Verwaltung. Besonders die Büros A I und A III waren für einen Geheimdienstmann heiße Adressen. Zu A I, dem Personalbüro, gehörten ›personelle Angelegenheiten, sämtliche Abteilungen betr., darunter Anstellungen, Einsatz und Ausbildung‹. Unter den Bereich A III fielen ›Kommunikation, Kurierdienst, Telekommunikation, Chiffrierdienst, Postversand und Sicherheitsdienst‹.

Das Büro A I mußte ganz einfach alle Grundinformationen haben, die Bojskov und seine Arbeitsgruppe brauchten. Es war allerdings undenkbar, daß sie sich einfach im Archiv niederließen, alle Akten durchgingen und hinterher um Fotokopien von dem für sie interessanten Material baten.

Nur vier Hausnummern weiter hatte Jörg Meyer seine Nase für den ostdeutschen Sicherheitsdienst ins Ministerium gesteckt. Die Abteilung für internationale Wirtschaftsbeziehungen war ebenfalls in drei Büros aufgeteilt, M I, M II und M III. Und im letzten hatte Meyers Freundin, Katrine Sommer, gearbeitet. Hierher gehörten: ›Internationale Energiezusammenarbeit, worunter die Angelegenheiten der EG und der internationalen Energieagentur (IAE) fielen. Ferner: Energiepolitik, worunter die Kernkraftfrage im generellen energiepolitischen Zusammenhang und die Versorgungsfrage Kernkraft fielen.‹

Es wäre interessant zu wissen, ob auch Jörg Meyer und sein Führungsoffizier mit dem Staats- und Hofkalender dagesessen hatten, um rauszukriegen, wo man Katrine Sommer am erfolgreichsten einsetzen konnte. Der Gedanke setzte sich in Bojskov fest und verschaffte ihm einen unangenehmen Geschmack im Mund. Er griff nach dem halbleeren Kaffeebecher. Pfui, zum Teufel – der Kaffee war nur noch lauwarm und bitter.

Eine unbehagliche Assoziation, aber Bojskov konnte sich nicht von dem Gedanken freimachen. Eifrig blätterte er weiter in den Unterlagen, die ihm John Møller mit der Bemerkung gegeben hatte, daß sie zur prinzipiellen Orientierung gedacht seien, und nicht, um den Fall Meyer neu aufzurollen.

Nur begrenzte Einsicht zu gewähren, kann manchmal ganz vernünftig sein – bei jedem Nachrichtendienst sorgt man dafür, daß keine Einzelperson alles weiß, und daß lediglich die allerobersten Chefs das Recht haben, alles zu erfahren, wenn sie fragen. Dennoch war John Møllers ermahnende Bemerkung völlig überflüssig. Bojskov wußte, worin seine Aufgabe bestand. Er träumte nicht einmal davon, im Fall Jörg Meyer noch einmal herumzuwühlen, ob es nicht doch noch einen kleinen Stein gab, der nicht umgedreht worden war – tja, es hätte höchstens ein Sandkorn sein können, das irgendwo dazwischengerutscht war, ohne daß einer es bemerkt hatte. Soviel hatte er doch aus den Zeitungen herausgelesen, die seine Hauptinformationsquelle gewesen waren.

Aber wenn alles überstanden war, durfte ein Geheimdienstmann des eigenen Dienstes doch nicht auf Hindernisse stoßen, wenn er den Fall durchsehen wollte. Und doch war es so. John Møller hatte die Akten kräftig gesiebt, und Bojskov konnte nur mit Mühe und Not eine Chronologie erstellen.

Am 7. Januar 1973 ging der Seemann Rudolf Samiec in der belgischen Hafenstadt Zeebrügge auf eine ausgedehnte Sauftour. Auf dem Heimweg schwankte Samiec dermaßen, daß er statt in seine Koje ins Hafenbecken fiel. Niemand beobachtete das Unglück oder hörte die Hilfeschreie des Ertrinkenden. Am folgenden Tag wurden im Leichenschauhaus Identität und Todesursache festgestellt. Rudolf Samiec, geboren am 14. Dezember 1941. Die Eltern waren während eines Fliegerangriffs umgekommen, er hatte keine weiteren Angehörigen. Der Fall Samiec war für die belgischen Behörden mit dem Begräbnis abgeschlossen. Die persönlichen Papiere des Ertrunkenen erhielt der westdeutsche Konsul, und durch ihn als Mittelsmann landeten diese Dokumente in Ost-Berlin. Rudolf Samiec war westdeutscher Staatsbürger gewesen, aber geboren wurde er in dem Teil Deutschlands, der nach der Teilung die Deutsche Demokratische Republik genannt wurde. Und vertraglich ist zwischen der BRD und der DDR festgelegt, daß die Papiere eines Toten der Heimatgemeinde ausgehändigt werden müssen.

Am 4. September 1973 saß ein ca. 1,70 cm großer, dunkelgelockter, zweiunddreißigjähriger Mann im Hamburg-Expreß. Er hatte eine einfache Fahrt nach Kopenhagen gelöst. Das war vielleicht ein bißchen optimistisch, denn weder seine Bekleidung noch sein Gepäck ließen vermuten, daß er es sich leisten konnte, länger dort zu bleiben. Der Reisende sah eher wie ein Student aus, für den die Zeit gekommen war, Rebellion und Kneipendiskussionen zu vergessen und sein Studium abzuschließen – sonst würde es bald zu spät für ihn sein.

In Rødby beachtete ihn der Zöllner kaum. Für einen potentiellen Drogenschmuggler wirkte er nicht ausgeflippt genug, und für einen Schnaps- oder Zigarettenschmuggler sah er zu ärmlich aus. Der Paßbeamte war ebenso uninteressiert. Der Name Rudolf Samiec sagte ihm nichts – jedenfalls stand er auf keiner Interpolliste.

Der einsame, unglückselige Seemann war durch einen sicheren, intelligenten Burschen ersetzt, der sich bald an der Kopenhagener Universität einschrieb, nachdem er Dänisch in Abendkursen gelernt hatte. Die Erklärung dafür muß man in der Normannenstraße 21–22 in Ost-Berlin suchen, wo das Ministerium für Staatssicherheit untergebracht ist. Dort werden keine geringen Anstrengungen unternommen, um andere Staaten zu verunsichern. In der Normannenstraße 21–22 hatten ein paar Offiziere geduldig darauf gewartet, daß ein willkommenes Unglück geschieht. Sie hatten nämlich einen jungen Universitätsstudenten für Spezialaufgaben ausgebildet, und eine neue Identität war alles, was noch fehlte, um die Operation anlaufen zu lassen.

Wenn der wirkliche Samiec die Eigenschaft des falschen gehabt hätte, Kontakte zu knüpfen, unvorhergesehene Situationen zu meistern, nette, kluge Mädchen zu finden und für sich einzunehmen, wäre er vermutlich nicht so elend in einem trüben Hafenbecken ums Leben gekommen.

Der zweite Rudolf fand erstaunlich schnell ein Zimmer im Grønjordskollegium auf Amager, und ebenso erstaunlich schnell hatte er eine feste Beziehung mit der Musikstudentin Jonna. Das Verhältnis war eine Zwischenstation für den falschen Rudolf Samiec – er war nicht nach Dänemark gekommen, um seine musikalischen Interessen zu pflegen. Bereits im Herbst 1973 fand Jonna heraus, daß Rudolf nicht der war, für den er sich ausgab. Er hatte erzählt, daß seine Eltern während eines Bombenangriffs der Alliierten umgekommen seien und daß er in Hamburg gewohnt hätte. Ein Telefonat mit dem Einwohnermeldeamt lieferte Jonna den Beweis, daß Rudolfs Geschichte nicht stimmte, jedenfalls nicht in diesem Punkt.

Warum wollte er auf diese Weise seine Spuren verwischen? Jonna überlegte und vertraute sich einer Freundin an, die wiederum Rudi (so wollte er am liebsten genannt werden) in die Entdeckung einweihte.

Die Beziehung zwischen Jonna und Rudi war vorbei. Nicht weil sie versucht hatte, ihn zu überprüfen, sondern weil sie als Musikstudentin nicht das Mädchen war, was er brauchte. Er setzte sein Studium und die Talentsuche fort, und eines Tages, am 1. Mai, hatte Rudi Glück.

Der 1. Mai 1975 war ein besonderer Tag. Die Amerikaner hatten Südvietnam geräumt, Kambodscha war von den Roten Khmer eingenommen, und die provisorische Revolutionsregierung übernahm an ebendiesem Tag die volle Kontrolle über das vom Krieg verwüstete Südvietnam. Jetzt brauchten sich die Studenten in den westlichen Hauptstädten nicht mehr länger vor den amerikanischen Botschaften heiser zu brüllen. In den Kollegien, in den Kneipen und in den engagiertesten Zirkeln beim Maifest im Fælledpark wallte die Revolutionsromantik noch einmal so richtig auf.

Bevor dieser Tag zu Ende ging, waren Revolution und Romantik bei dem falschen Rudolf eine höhere Einheit eingegangen. An diesem Abend traf er Katrine Sommer, sprachenstudierende Arzttochter aus Grindsted.

Rudi setzte alle Segel, und nur sieben Monate später war Katrine Sommer soweit, daß er sie einigen Freunden vorstellen konnte. Den äußeren Rahmen lieferte ein Ärztekongreß in Helsingfors. Rudis ›Arztfreunde‹ waren die Stasioffiziere Jürgen Rogallo und Berndt Gentz.

Als die Stasimänner nach Ost-Berlin zurückkehrten, waren sie sich einig, daß Katrine die richtige Bekanntschaft für Rudi sei. Sie hatte einen bürgerlichen Hintergrund, sie war ideologisch zu motivieren, und sie studierte im Hauptfach Französisch.

Der erste Schritt bestand nun darin, Katrine Sommer zu bewegen, sich um eine Stellung zu bewerben, die für die Ostberliner von ausreichend strategischer Bedeutung war. Das Außenministerium war der Ort – und ihre Französischkenntnisse waren die Eintrittskarte. Auf diesem Gebiet ist in der Zentraladministration die Konkurrenz nicht sonderlich groß.

In einem weiteren Schritt sollte Rudi nach und nach Liebe und Druck mischen, bis Katrine endlich bereit war, Dokumente des Ministeriums zu kopieren oder zu stehlen.

Alles gelang. Katrine Sommer wurde als freie Mitarbeiterin im Energiebereich der Marktabteilung, M III, Stormgade 10, eingesetzt. Am 13. November 1978 um 16.42 Uhr schnappte die Falle zu, als Rudi in seiner Wohnung, Rolfsvej 15 in Frederiksberg, festgenommen wurde.

Wenige Tage später gab der falsche Rudolf zu, daß sein richtiger Name Jörg Hermann Otto Meyer sei und daß er selbst ostdeutscher Staatsbürger war, geboren am 2. Februar 1944 in Oslo im Feldlazarett I/509. Etwas anderes oder mehr bekamen Bojskovs Kollegen nicht aus ihm heraus, obwohl er fast ein Jahr in Isolationshaft verbringen mußte. Bis das Østre Landsret am 5. November 1979 das Urteil fällte: sechs Jahre Gefängnis. Mit Jörg Meyer hatte der PET einen waschechten Perspektivagenten enttarnt. Seine Einsatzmittel bestanden aus der altbekannten Mischung von Liebe und Pression. Und er hätte großen Erfolg damit haben können. Sein Aufstieg wurde gestoppt, weil die Fremdenpolizei bei einer Routineuntersuchung auf seine falsche Identität aufmerksam geworden war. So wurde der Fall jedenfalls offiziell in den Unterlagen des PET dokumentiert, aber Bojskovs private Vermutung ging dahin, daß alles beim Verfassungsschutz in Köln begonnen hatte.

John Møller wird wohl nicht darum herumkommen, den Schlüssel zur Reisekasse zu zücken, dachte Anders Bojskov. Er hatte inzwischen so viele Reisevorschläge, daß er sicher war, mit einigen durchzukommen. Nur das Hauptproblem war noch immer ungelöst.

»Wir brauchen bloß Einsicht in die Verhältnisse von 1400 Angestellten, ohne daß sie etwas davon merken.« Es klang so einfach, als John Møller das sagte, aber wie sollte man es machen? Bojskov mußte die Antwort haben, bevor er den Verlauf der Untersuchung überhaupt nur skizzieren konnte.

»Riskjær, natürlich!« entfuhr es ihm, und er schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. Sie mußte die Schlüsselperson sein. Gelang sein Plan, würde er unweigerlich einen Teil der Ehre mitabbekommen. Mißlang das Vorhaben allerdings, war die junge Polizeibevollmächtigte als Sündenbock reif.

Bojskov hatte beim PET viel gelernt – vor allem, sich vor Unannehmlichkeiten von oben abzusichern. Nun ging es nur noch darum, die Idee gut zu verpacken und John Møller zu verkaufen.

»Geheim ist sicher die unterste Stufe der Einordnung, die wir in diesem Fall anwenden können«, sagte John Møller und sah über seine Brille hinweg Bojskov an, der gerade seinen fertigen Plan dem stellvertretenden Chef präsentiert hatte. Das war nicht als Frage gemeint, das war eine Feststellung. John Møller fuhr daher auch unangefochten fort:

»Aber ich habe ein paar Fragen, bevor wir im Verfahren weitermachen. Ich bin mir darüber im klaren, daß ich es war, der bei unserem ersten Gespräch Bente Riskjærs Namen ins Spiel brachte, aber an eine so aktive Rolle, wie sie hier vorgeschlagen wird, habe ich ehrlich gesagt nicht gedacht, zumindest nicht in der Anfangsphase. Faß das nicht von vornherein als Ablehnung auf, so ist es nicht gemeint. Ich würde nur gern eine gute Begründung dafür hören.«

Bojskov, der etwas leger in den Sessel gerutscht war, richtete sich auf und legte gleichzeitig seine Pfeife weg. »Sehr richtig, du warst es, der mich auf diesen Gedanken gebracht hat«, begann er. »Wir dürfen doch wegen dieser verfluchten Kameras und Monitore möglichst gar nicht in die Nähe des Außenministeriums kommen. Somit sind uns die primären Quellen verschlossen, wenn ich das mal so sagen darf. Aber ohne die CPR-Nummer3 sämtlicher Angestellter können wir unser Ziel nicht erreichen, und daran hat sich doch nichts geändert, oder?«

»Selbstverständlich nicht. Sonst hättest du es erfahren.«

»Dann dürfte die schmerzfreieste Methode darin bestehen, das Material aus der zentralen Lohnbuchhaltung der Verwaltung oder aber aus dem Steueramt zu holen. Wie du selbst gesehen hast, empfehle ich die letzte Möglichkeit, und genau hierzu brauche ich einen jungen Juristen. Den Namen können wir offenlassen. Ich glaube nämlich nicht, daß irgend jemand im Steueramt – gehen wir vom Steuerdirektorat des Staates aus – sich darüber wundern wird, wenn das Dezernat für Wirtschaftskriminalität darum bittet, einen jungen Bevollmächtigten schicken zu dürfen, damit der etwas über Steuertransaktionen lernen kann. Jeder Jurist weiß, daß gerade die Wirtschaftskripo äußerst schwach dasteht. Ja, die Kollegen im Steuerdirektorat haben vielleicht sogar ein bißchen Mitleid mit der Kleinen, die sich bei der Wirtschaft hat anstellen lassen.«

»Aber du hast mir weder beschrieben noch erzählt, wie Bente Riskjær in den Besitz der Namenslisten kommen soll. Das erfordert mehr als nur durch die Schwingtüren in den Steuerpalast zu treten«, wandte John Møller ein.

»Der Plan ist eine Zusammenfassung. Ich habe nicht damit gerechnet, daß du alle Details schwarz auf weiß willst.«

»Das ist auch nicht nötig, aber mündlich möchte ich die Löcher doch gestopft bekommen.«

»Meine Absicht ist«, erläuterte Bojskov, »Bente Riskjær ans Staatssteuerdirektorat zu versetzen, wenn sie mit einer Tarnfunktion bei der Wirtschaftskripo versehen ist. Im Steuerdirektorat bekommt sie einen Schreibtisch und ein Telefon, damit auch eventuelle Skeptiker herzlich willkommen sind, die ihre Identität checken möchten.«

»Aber bei den Namenslisten und CPR-Nummern sind wir immer noch nicht«, nölte John Møller.

»Das kommt. Ich spanne dich bloß auf die Folter, weil ich glaube, daß ich mir etwas ganz Raffiniertes ausgedacht habe. Jedes Jahr gibt es einige sogenannte Anmerkungen in dem Teil der Haushaltsvorlage, die das Außenministerium betrifft. Eine dieser Anmerkungen gibt dem Ministerium die Handhabe, für Bank- und Sparkassenkredite zu bürgen, wenn im Außendienst arbeitende Mitarbeiter zum Beispiel ein Auto kaufen. Früher war die Regelung noch vorteilhafter. Da vergab das Ministerium nämlich direkte Kredite, zu einem ziemlich niedrigen Zinssatz von sechs Prozent.

Bei einer Privatfirma hätte das Finanzamt vermutlich längst festgestellt, daß es sich hier um unzulässige Zuwendungen handelt, nur hat sich bisher niemand dafür interessiert, was im Außenministerium allgemeine Praxis ist. Hier kommt Bente Riskjær ins Spiel. Sie soll nämlich im Staatssteuerdirektorat bleiben, bis sie eine kleine Untersuchung angefangen hat.«

»Mein lieber Bojskov, hast du jemals was von Aktenzeichen gehört? Hast du daran gedacht, daß jeder Brief – ja, ab und an auch Telefonanrufe – im Staatssteuerdirektorat registriert werden? Deine Idee klingt mir ein wenig nach James Bond.«

»Ich bin über das System der Aktenzeichen orientiert. Mein Mittelsmann hat mir inzwischen aber auch erzählt, daß es so etwas wie Zuwendungen unter der Hand gibt, und daß dieser Verkehr recht bedeutend sei.«

»Ja und?«

»Damit bin ich, mit Verlaub, bei meiner Pointe. Bente Riskjær soll ans Telefon gehen und einem Kollegen der staatlichen Gehaltsstelle von der traurigen Geschichte erzählen, die sich da anbahnt, gemeint ist die Untersuchung der unzulässigen Zuwendungen im Außenministerium. Sie soll fragen, ob sie unter der Hand eine Abschrift aller Lohnstreifen haben kann – im Vertrauen gesagt –, weil es sich erst einmal um einleitende, inoffizielle Stichproben handelt. Hoffentlich fällt das alles auf fruchtbaren Boden, denn Staatsinstitutionen jagen einander gewöhnlich ja nicht, jedenfalls nicht so.«

»Ob das funktioniert?«

»Ich bin überzeugt davon. Bente Riskjær hinterläßt ihre Telefonnummer im Staatssteuerdirektorat, falls der Kollege bei der Gehaltsstelle Zweifel bekommt.«

»Aber es braucht eine verdammt lange Zeit, diese Kulisse aufzubauen.«

»Ich denke mir, daß wir auf zwei Ebenen arbeiten sollten. Während Bente Riskjær im Finanzamt sitzt, arbeiten wir mit den Personen, die wir als offene Kanäle finden können.

Das sind gar nicht mal so wenige. Ein großer Teil ist im Hofund Staatskalender verzeichnet, in anderen Fällen müssen wir – nur ausnahmsweise – unsere Informationen im Ausland holen.«

»Über Reisen sprechen wir im Einzelfall. Das Reisekonto platzt nicht gerade in diesen Zeiten. Allgemein gilt, daß wir engen Kontakt halten. Ich denke insbesondere an Riskjær – und zu meiner Überraschung stehe ich selbst auf der Besetzungsliste. Du nimmst dir ziemlich viel heraus, was, Bojskov?«

»Ich habe mir gedacht, daß Riskjærs Transit über die Wirtschaftskripo zum Finanzamt auf Chefebene laufen muß. Anders wird das kaum klappen.«

»Nein, nein. Ich werde jetzt in aller Ruhe alle Aspekte deines Plans überdenken, und dann kriegst du eine Rückmeldung. Bevor du gehst, da ist noch eine Sache, die ich gern wissen möchte. Was hat dich eigentlich zu dem Codewort ›Operation Schuhmacher‹ gebracht? Man muß doch inzwischen fast ein Paar Schuhe ablaufen, bevor man überhaupt jemanden findet, der noch Schuhe besohlt oder flickt.«

»Es ist ausgezeichnet, daß dich das Codewort verwirrt. In Anbetracht der Empfindlichkeit der Aufgabe fand ich es nur angemessen, eine Bezeichnung zu finden, die nicht die geringste Beziehung zu dem hat, was wir vorhaben. Aber dir gegenüber will ich doch gern zugeben, daß ich an die Seeskorpione im Teich am Asiatisk Plads gedacht habe.«

»Bei uns hießen die Kopenhagener. Ich habe als Junge auch geangelt.« John Møllers Gedanken gingen einen kurzen Moment zurück an das Bollwerk in Nykøbing Falster, wo er als Junge mit einem Stock gefischt hatte. Dann stieß er hervor:

»Verflucht nochmal, du bist gerissen, Bojskov.«

»Woran denkst du im einzelnen, Meister?«

»Ich denke daran, daß die Stachel der männlichen Skorpione in der Paarungszeit giftig werden, und wenn ich mich richtig erinnere, ist der Bauch des Männchens dann auch rotgefleckt. Ich denke, die Vorstellung wird Trapp amüsieren.«

Bojskov schaute etwas desorientiert drein, er verstand nicht recht, was an dem Codewort so komisch war.

»Feine Symbolik, das muß ich dir lassen. Du hörst von mir, Bojskov.«

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