Kitabı oxu: «Stanislaw Przybyszewski: Romane, Erzählungen & Essays»

Şrift:

Stanislaw Przybyszewski

Stanislaw Przybyszewski: Romane, Erzählungen & Essays

Die Gnosis des Bösen + Der Schrei + Satans Kinder + Androgyne + Homo Sapiens…

Books

- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -

musaicumbooks@okpublishing.info 2017 OK Publishing ISBN 978-80-272-0563-9

Inhaltsverzeichnis

Romane:

Homo sapiens

Über Bord

Unterwegs

Im Malstrom

Satans Kinder

Der Schrei

Erdensöhne

Erzählungen:

Totenmesse

Vigilien

De profundis

Epipsychidion

Introibo

Sonnenopfer

Helle Nächte

Am Meer

Androgyne

In diesem Erdental der Tränen

Am Meer

In Hac Lacrymarum Valle

Himmelfahrt

Essays:

Zur Psychologie des Individuums

Chopin und Nietzsche

Ola Hansson

Die Synagoge des Satan (Die Gnosis des Bösen)

Die Entstehung der Satanskirche

Der Kult der Satanskirche

Das Werk des Edvard Munch

Romane

Inhaltsverzeichnis

Homo sapiens
(Romantrilogie)

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Über Bord

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

XII.

XIII.

XIV.

XV.

XVII.

XVIII.

Unterwegs

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

XII.

XIII.

Im Malstrom

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

XII.

XIII.

XIV.

XV.

Über Bord

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung des Verfassers.

Dem Bildhauer

Gustav Vigeland gewidmet

Ich war durch verschiedene Umstände veranlaßt, das, was organisch zusammengehört, in einzelne Stücke zu zerreißen und die drei Teile des »Homo sapiens« einzeln herauszugeben. So kam es, daß der erste Teil zuletzt erscheint, aber es ist selbstverständlich, daß Menschen, die nicht die ehrliche Absicht haben, mich von vornherein mißzuverstehen, die Romanserie »Homo sapiens« jetzt im Zusammenhange noch einmal lesen und nicht einzelne Teile, sondern das Ganze beurteilen werden.

I.

Inhaltsverzeichnis

Falk sprang wütend auf.

Was war es denn?

Er wollte nicht in der Arbeit gestört werden, jetzt grade, wo er sich endlich entschlossen hatte, wieder zu arbeiten.

Gott sei Dank! Kein Freund. Nur ein Postbote.

Er wollte die Karte wegwerfen. Es hat Zeit. Da plötzlich: Mikita!

Es wurde ihm ganz heiß.

Mikita, mein teurer Mikita.

Er überflog die Karte: »Sei morgen Nachmittags zu Hause. Ich bin von Paris zurück.«

So viel hat er wohl schon lange nicht geschrieben, seit er sich vor vielen Jahren den berühmten Aufsatz geleistet hatte.

Falk lachte herzlich auf.

Dieser wunderbare Aufsatz! Daß er damals nicht ausgewiesen wurde ...

Neujahrseindrücke, abgefaßt in Form einer Neujahrsgratulation in den überschwenglichsten Phrasen; jeder Satz zwei Seiten lang.

Und dann. Nein, war das herrlich. Der alte Fränkel ... Wie er schimpfte! Nun, die Geschichte war brenzlich ...

Falk dachte nach, wie er Mikita überredet hatte, eine Apologie zu schreiben, in der ein wunderbarer Kalauer als Grunddominante durchging: Was einem Schiller erlaubt ist, sollte einem Schüler nicht erlaubt sein?

Und dann, am nächsten Tage. Sie schrieben die Apologie die ganze Nacht hindurch, legten sich am frühen Morgen schlafen und schickten zum Fränkel ein Entschuldigungsschreiben.

Falk konnte es noch nicht verstehen, wie so etwas durchgehen konnte.

Diese famose Entschuldigung: Es sei selbstverständlich, daß man in die Schule nicht kommen könne, wenn man die ganze Nacht hindurch an der Apologie gearbeitet habe.

Zwanzig Seiten lang ...

Nun mußte er aber arbeiten.

Er setzte sich wieder hin, aber die Arbeitsstimmung war vorbei. Er suchte sich zu zwingen, fischte ordentlich nach den Gedanken, kaute an dem Federhalter, schrieb auch ein paar Zeilen, die vollkommen banal waren: nein, es ging nicht.

Ein andres Mal hätte er sicherlich eine jener bekannten Grabesstimmungen bekommen, die er im Alkohol ersäufen mußte. Diesmal war er froh.

Er lehnte sich in den Stuhl zurück.

Deutlich sah er die furchtbare Mansarde, in der sie beide das letzte Jahr im Gymnasium gewohnt hatten. In der einen Wand drei Fenster, die nie geöffnet werden durften, weil sonst die Gefahr vorlag, daß die Scheiben rausfliegen könnten. Alle Wände mit Schimmelpilzen über und über bedeckt. Und kalt, daß sich Gott erbarme.

Wie sie einmal am frühen Morgen erwachten und sich erstaunt in dem Zimmer umsahen:

– Merkwürdig frische Luft hier, sagte Mikita.

– Ja, merkwürdig.

Und es war ein Staunen ohne Grenzen über dies seltsame Phänomen.

Ja, nachher wurde es klar. Es war eine Kälte, daß die Vögel erstarrt aus der Luft fielen.

Falk stand auf. Ja, das waren doch seine schönsten Erinnerungen.

Und der lange Kerl, der ihnen immer alle Bücher ausführte, wie hieß er doch nur?

Er konnte sich lange nicht auf den Namen besinnen. Ja endlich: Longinus.

Sonderbarer Mensch.

Falk dachte nach, wie Mikita sich heimlich zu der stets verschlossenen Bude des Longinus Zugang verschafft und ihm ein Buch weggenommen hatte, das er ihm nicht leihen wollte.

Plötzlich an einem Sonntag – ja, es war wohl wieder frische Luft im Zimmer ... Er wachte auf. Seltsame Szenerie: Mikita im Hemde, den Türschlüssel in der Hand, Longinus aufs Höchste empört, zitternd vor Wut.

– Mach die Tür auf! zischte Longinus mit theatralischem Pathos.

– Leg das Buch wieder hin, dann werd ich Dir aufmachen.

Longinus in Heldenpose mit großen Kothurnenschritten hin und her, hin und her.

– Mach die Tür auf! brüllte er heiser.

– Leg das Buch zurück.

Longinus schäumte. Plötzlich kam er an Falk heran.

– Du bist ein feiner, gebildeter Mann. Du kannst doch nicht leiden, daß ich in meinem Rechte nach irgend welcher Richtung hin beeinträchtigt werde.

Ja, Longinus pflegte immer in sehr gewählter und wohlgesetzter Rede zu sprechen.

– Ja, bedaure, Mikita hat den Schlüssel.

Nun schritt Longinus feierlich an Mikitas Bett heran:

– Ich spreche Dir jede Art Bildung ab.

Das war das größte Schimpfwort, das er je ausgesprochen hatte.

– Mach die Tür auf. Ich bin vergewaltigt und überlasse Dir das Buch.

Gott! wie sie gelacht haben. Und es war Sonntag. Sie sollten eigentlich in der Kirche sein. Die Kirche hatten sie immer geschwänzt. Sie waren doch gar zu überzeugungstreue Atheisten.

Aber gefährlich war es. Der fanatische Religionslehrer spionierte in der Kirche herum ...

Ha, ha, ha.

Falk dachte, wie er einmal in der Kirche seiner »Flamme« gegenübersaß – ja, er saß auf dem Katafalke, wollte recht graziös und interessant erscheinen und verharrte die ganze endlose Messe hindurch in einer recht unbequemen Stellung, in der er einmal Byron auf dem Grabe Shelleys abgebildet gesehen hatte.

Gab das einen Skandal!

Nun wollte er sich wieder zur Arbeit aufraffen, aber er konnte die Gedanken nicht sammeln. Das flog und schwirrte alles in seinem Gehirne herum um diese herrliche Zeit.

Er kaute gedankenlos an dem Federhalter und wiederholte: War das eine herrliche Zeit!

Wie sie plötzlich Ibsen entdeckt hatten, wie ihnen »Brand« den Kopf verdrehte.

Alles geben oder Nichts! Ja, nun wurde das ihre Parole.

Und sie suchten die Spelunken der Armen auf und scharten die Proletarierkinder um sich herum.

Wieder sah sich Falk in der Mansarde.

Fünf Uhr Morgens. Ein Gepolter von Holzschuhen auf den Treppen, als ob man eine Kanone nach oben schleppte.

Dann wurde die Türe aufgemacht und nun im Gänsemarsch: ein Junge, ein Mädchen – zwei Jungen – zwei Mädchen, die ganze Stube voll.

Alles am Ofen um den großen Eichentisch herum.

– Mikita, steh auf! Ich bin wahnsinnig müde.

Mikita fluchte.

Er könne nicht aufstehen. Er habe die ganze Nacht an dem lateinischen Aufsatz gearbeitet.

Mit einem Ruck waren sie beide auf, ganz wütend und haßerfüllt gegen einander.

Das Zähneklappern in dieser Kälte!

Und nun: er am Ofen, prustend und fluchend, weil das Holz kein Feuer fangen wollte, Mikita an dem großen Milchkessel, den er mit Spiritus erwärmte.

Allmählich wurden sie weicher gestimmt.

Die Kinder wie junge Raubtiere über die Milch und das Brot her – Mikita, von der Seite, strahlend, glücklich.

Und dann: Kinder hinaus!

Jetzt sahen sie sich regelmäßig freundlich an.

Falk wurde es ganz warm ums Herz.

Er hatte das längst vergessen. Es stak, weiß Gott, ein großer, schöner Inhalt da drin.

Dann, gewöhnlich Scham, weil sie sich auf Sentimentalität – nein, Ästhetik nannten sie es – ertappen ließen, und schließlich Zank.

– Nibelungenlied ist doch eigentlich ein leeres, dummes Gewäsch. Mikita kannte Falks schwache Seiten sehr gut.

Das wollte er selbstverständlich nicht zugeben. Er disputierte mit unglaublichem Eifer und schnitt das Brot zum Frühstück.

Mikita war schlau. Er verwickelte Falk immer in einen Disput und ließ sich das Brot schneiden, weil Falk im Eifer niemals merkte, wie beschwerlich es war.

Und plötzlich: Herrgott, zwei Minuten über voll. Die Bücher zusammengerafft und in eiligstem Galopp in die Schule. Er voran, Mikita hinterdrein, humpelnd. – Ob er das Überbein jetzt kuriert hatte? Nun merkte Falk gewöhnlich, daß er hungrig war, Mikita hatte das ganze Brot aufgegessen – der herrliche Kerl.

Dann ...

Falk stockte.

»Brand« aufs Erotische übertragen. Alles oder Nichts ...

Er stockte wieder.

Er hatte eigentlich Janinas ganze Zukunft zerstört. – Hm, warum sie nur von ihm nicht lassen konnte? Und wie er sie gequält hatte mit den Brandschen Forderungen und der Brandschen Härte.

Ja, er mußte wohl eine Art Hypnose auf sie ausgeübt haben. Wie war es sonst möglich, daß sie von zu Hause weglief und ihm nachreiste?

Unangenehm. Er hatte sie ja niemals geliebt. Er wollte ja nur zusehen, wie sich bei einem Mädchen die Liebe entwickelt. Ja, er wollte eine Biogenese der Liebe schreiben. Kein übler Gedanke für einen achtzehnjährigen Jungen. Nun, er hatte damals Büchner und das »triste cochon« Bourget gelesen.

Er mußte sie doch mal besuchen.

Nein lieber nicht. Wenn sie ihn nur vergessen könnte.

Falk stand auf und ging gedankenvoll auf und ab.

Es ist doch schändlich, sie immer von Neuem zu verführen und dann hinterdrein sich auf einen überlegenen Standpunkt zu stellen und klar zu machen, daß Liebe überwunden werden muß, daß sie ein rudimentäres Gefühl sei, eine Art pathologischen Ausschlags in dem Geistesleben des modernen Menschen.

Ja, darin war er unvergleichlich.

Wenn sie nur ein bißchen froher werden möchte.

Er hörte sie, wie sie ihm auf seine höhnenden Erklärungen antwortete:

– Ich würde Dir nur das eine wünschen, daß Du Dich einmal verliebst ...

Wie naiv sie war. Nein – nein ...

Liebe?! – Hm ...Was war das eigentlich?

Der alte Herr in Königsberg, der hat es durchschaut. Liebe ist doch wohl sicher eine krankhafte Äußerung ... Ja, er mußte es wissen.

Er zündete sich eine Zigarette an und legte sich lang hin aufs Sofa.

Was Mikita jetzt wohl malte?

Es war doch eine unglaubliche Kraft in dem Menschen. Sich so mühsam durchzuringen und nicht einen Strich vom Wege abzulenken.

Jetzt hätte er schon reich werden können, wenn er es wie die Andren machen wollte.

Diese schreckliche Zeit auf der Universität.

– Hast Du zehn Pfennig, Mikita?

Mikita hatte nichts, er hatte den ganzen Morgen alle Sachen durcheinandergeworfen in rastlosem Suchen nach dem 10 Pfennigstück, das sich doch irgendwo verkrochen haben mußte.

– So werden wir hungern.

– Allerdings. Mikita ließ sich in seiner Arbeit nicht stören. Du – übrigens ist das Geld jetzt sehr billig. Der russische Staat hat seine Schulden konvertiert.

– Ja, ja – ich weiß schon.

– Na also! Mikita malte weiter.

Und sie hungerten. Gräßlich!

Falk schüttelte sich.

Halb verrückt war er geworden. – Sonderbar, daß er es nicht ganz wurde. Wie er einmal ganz kraftlos auf der Straße stehen blieb und beinahe überfahren wurde.

Schließlich hatten sie nur eine Hose. Mikita mußte in Unterhosen malen, wenn Falk ins Kolleg ging.

Nun lachte Falk laut auf.

Er erinnerte sich, wie die Mutter den Gutsinspektor mit dem Gelde zu ihm schickte. Sie hatte den Wald verkauft. Dann gingen sie alle drei in eine Kneipe und verblieben da vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein. Der Inspektor kroch auf allen Vieren die Treppe hinauf. Mikita zog ihn beständig an einem Bein herunter, bis der Inspektor ihm in seiner Entrüstung einen starken Schlag mit dem Absatz grade auf die Nasenwurzel versetzte.

O Gott! Wie der Inspektor sich übergeben wollte und den Kopf durch die Scheibe hindurchsteckte, weil er das Fenster nicht aufmachen konnte ...

Und nun dachte Falk wieder an seine Hungerperiode und an die Mutter, die doch immer geholfen hatte.

Ihn überkam eine weiche Zärtlichkeit.

Ja, ja, die Mutter, die Mutter ...

Na, Mikita wird schön gehungert haben in Paris.

Die armen Bahnbrecher!

Er lachte höhnisch.

Aber nein! Zum Trotz! Nicht eine Linie nachgeben, lieber verhungern.

Er dachte nach.

Was war es eigentlich? Was hielt ihn aufrecht trotz all der Beschimpfungen, all der Mißerfolge?

Er legte sich wieder hin.

Die große, die herrliche Kunst, die eine neue Welt aufsucht, eine Welt, die hinter der Erscheinung, hinter dem Bewußt-Gedachten, hinter jeder Äußerungsform liegt – eine Welt, so unfaßbar fein, daß die Zusammenhänge sich verwischen und ineinanderfließen – eine Welt in einem Blick, einer Geste ...

Herrlich!

Und die neuen Symbole ... Ja, ja – das neue Wort, die neue Farbe, der neue Stimmungston ...

– Alles dagewesen ...

– Nein, nein, verehrter Herr, nicht Alles. Nicht der Schmerz, der über dem Schmerze steht, nicht die Freude, die zum Schmerze wird, nicht der ganze neue Vorstellungsinhalt, in dem alle Sinne ineinandermünden ... ja, ja ... all die tausend Empfindungswerte, die zwei, drei, höchstens zehn brave Zeitgenossen nachzuempfinden verstehen ... Das alles nicht dagewesen, sonst würde es auch schon die Menge verstehen, die hundert Jahre nötig hat, um einen Gedankenbrocken durchzukauen.

Nun, es war doch am Ende sehr gut, daß man nicht von jedem Preßbuben verstanden wurde, sonst müßte man sich vor sich selbst schämen ...

Er schaute der Rauchwelle nach, die sich in einem feinen Streifen von der Zigarette loslöste und sich in seltsamer Windung nach oben hinaufwand.

So sah er einmal einen Bach gemalt auf einem chinesischen Bilde.

Plötzlich kam ihm vor, als höre er Mikitas Stimme.

Ja, er erinnerte sich, nie wieder hatte er diese unsagbar mystische Stimmung erlebt. Er war damals krank, konnte nicht die Augen aufmachen, das ganze Gesicht war aufgeschwollen.

Mikita pflegte ihn; oh, er verstand mit ihm umzugehen! Tag und Nacht wachte er bei ihm. Und wenn Falk nicht einschlafen konnte, dann las er ihm vor. Ja, er las die Florentinischen Nächte von Heine.

Und Falk hörte ein monotones, weiches Singen – ja, Singen ... halb wie ein Gebet, das immer mehr verebbte, wie die letzten Wellen am Seestrand, wenn sich die See glättet – immer mehr, immer weicher ...

Er schlief ein.

II.

Inhaltsverzeichnis

– Mikita, mein teurer Bruder!

– Ja, ich bin es.

Beide Freunde umarmten sich herzlich.

Falk war sehr aufgeregt.

Er lief hin und her, kramte alle möglichen Sachen heraus und fragte unaufhörlich:

– Sag – sag, was willst Du haben? Bier? Schnaps ... Da, wart mal – richtig! Ich habe hier einen herrlichen Tokayer – von der Mutter bekommen – weißt Du, noch von Vaters Zeiten her. Er hat sich auf diese Dinge verstanden.

– So laß doch endlich. Setz Dich doch hin. Laß Dich sehen.

Endlich beruhigte sich Falk.

Sie sahen sich glücklich in die Augen und stießen mit den Gläsern an.

– Großartig! Aber Mensch, siehst Du schlecht aus. Du hast wohl viel geschrieben ... Potz Tausend! Dein letztes Buch – weißt Du, ich kam in eine solche Aufregung ... nein, war das merkwürdig! Ich kaufe mir das Buch, fange an auf der Straße zu lesen, bleibe stehen, das Buch packt mich derart, daß ich es auf der Straße auslesen muß und halb verrückt werde. Du bist doch ein ganzer Kerl!

Falk strahlte.

– Das macht mir große, große Freude. Du hast ja doch immer diese furchtbaren Ansprüche an mich gestellt. Also gefiel es Dir wirklich?

– Na!

Mikita machte mit der Hand einen weiten Kreis in der Luft.

Falk lachte.

– Da hast Du Dir eine neue Bewegung angewöhnt.

– Nun, weißt Du, sprechen kann man doch wirklich nicht mehr. Alle diese unerhört feinen Dinge, die lassen sich nur mit Gesten ausdrücken.

– Ja, Du hast Recht.

– Das ist nämlich die große Linie, verstehst Du, der große Zug, der heiße Unterstrom, das verstehen wenige. So bin ich in Paris zu Einem von den Großen gegangen, weißt Du, dem Oberhaupt der Naturalisten, oder wie sie da heißen ... Er verdient! Na ja, der Pöbel fängt jetzt an, das cinquième élément, das Napoleon in Polen entdeckte – la boue und ein paar Kartoffelstengel darauf zu kaufen. Früher waren es die Pfefferkuchenpuppen des Hoftapeziermeisters Seiner Apostolischen Majestät – Raffael hieß er, nicht wahr? Nun, jetzt sind es die Kartoffelmaler ...

Also ich frage das Oberhaupt, wozu man eigentlich das male, was in der Natur tausendmal besser sei und schließlich doch keine Bedeutung habe.

– Ach was! Bedeutung! Nämlich die Natur, verstehen Sie ...

Ja, ich verstand.

– Die Natur ist Bedeutung.

Aber doch nicht die Kartoffel?

Nun kam der Kartoffelmaler in eine große Begeisterung.

– Ja, grade die Kartoffel, das ist Natur, alles übrige Quatsch! Phantasie? Phantasie? Wissen Sie, Phantasie – lächerlich, Notbehelf!

Beide Freunde lachten herzlich.

Mikita dachte nach.

– Na aber jetzt sollen sie sehen. Herrgott, mein Kopf birst vor lauter Gedanken. Hätt ich tausend Hände, tausend Linien würde ich Dir vorfuchteln, dann würdest Du mich verstehen. Weißt Du, das Sprechen verlernt man nämlich. Ich war bei einem Bildhauer – na weißt Du, Du wirst Skizzen von ihm bei mir sehen ... Ich lag auf dem Bauch vor diesem Menschen. Ich sagte ihm: das ist herrlich! Was? Ich beschrieb ihm die Sache. Ach so, Sie meinen dies! Und nun beschrieb er in der Luft eine unerhört großartige Linie. Der hat es verstanden ... Aber Herrgott, ich rede, daß sich mir der Mund verdreht – wie geht es Dir? Nicht besonders, was?

– Nein, nicht besonders. Er habe viel Qual in der letzten Zeit ausgestanden. Diese tausend feinen Empfindungen, wofür es noch keine Laute gebe, diese tausend Stimmungen, die so momentan in Einem aufsteigen und die man nicht festhalten könne.

Mikita unterbrach ihn heftig.

– Ja, eben, grade dies. Siehst Du, der Bildhauer, der Prachtkerl – weißt Du, was er gesagt hat? Prachtvoll hat er es gesagt:

Sehen Sie, hier sind die fünf Finger, die kann man sehen und betasten – und nun spreizte er die Finger auseinander – aber hier, hier, das zwischen den Fingern, das kann man nicht sehen, kann man nicht betasten, und doch ist das die Hauptsache.

– Ja, ja, das ist die Hauptsache, aber lassen wir die Kunst.

– Du bist wohl ein wenig blasiert?

– Das nicht, aber zu Zeiten werde es doch ein wenig langweilig. Alles Leben nicht unmittelbar genießen zu können, sondern nur immer darauf hin zu leben, wie werde man es gestalten, wie werde man das verwerten können – und wozu eigentlich? Ihm werde schon ganz übel, wenn er daran denke, daß er kaum – fähig sei, Schmerz oder Freude nur als solche zu empfinden ...

– Du mußt einmal lieben.

– Mikita, Du? Das sagst Du?

– Ja, ja. Lieben. Das ist etwas, was nicht ideell wird, das läßt sich nicht mittelbar empfinden. Gibt es Glück, so könnte man in den Himmel springen, ohne zu bedenken, daß man sich dabei die Beine verrenken kann; gibt es Schmerz, so frißt es an Einem so reell, na weißt Du, das kann man nicht wegschreiben, das kann man nicht unter Gesichtspunkte ordnen ...

Mikita lächelte. – Ich bin nämlich verlobt.

– Du?! Verlobt?!

– Ja, und ich bin unerhört glücklich.

Falk konnte aus dem Erstaunen nicht herauskommen.

– Nun, das Wohl Deiner Verlobten!

Sie tranken die Flasche leer.

– Du, Mikita, wir bleiben doch den ganzen Tag zusammen.

– Freilich, selbstverständlich.

– Weißt Du, ich habe ein wunderbares Restaurant entdeckt ...

– Nein, Bruder, wir gehen zu meinem Fräulein.

– Ist sie denn hier?

– Ja, sie ist hier. In vier Wochen sollen wir uns heiraten. Zuerst nur noch eine Ausstellung in München, damit ich die nötigen Gelder habe, eine würdige Hochzeit zu feiern, ja, ein Fest, wie es noch kein Maleratelier gesehen hat.

Falk sträubte sich.

– Er habe sich so gefreut, heute, grade heute mit ihm allein zu sein. Erinnere er sich nicht mehr an die herrlichen heures de confidence mit den endlosen Disputen ...

Aber Mikita bestand hartnäckig auf seinem Vorschlag. Isa sei maßlos auf ihn neugierig. Er habe heilig versprochen, ihr das Wundertier von Falk in natura vorzuführen. – Nein, es ginge nicht mehr, sie mußten zu ihr gehen.

Falk mußte sich fügen.

Unterwegs sprach Mikita beständig von seinem großen Glück und gestikulierte lebhaft.

– Ja, ja, das ist merkwürdig, wie ein solches Gefühl Einen aufwühlen kann. Das Unterste kommt zu Oberst, es ist als ob sich ungeahnte Tiefen aufschließen. Zehn Welten kommen hinein. Und dann, was sich so alles an Fremdem, Unbekanntem regt ... Empfindungen, so unfaßbar, daß sie kaum ein Tausendstel Sekunde im Gehirne aufblitzen. Und doch steht man den ganzen Tag unter dem Einfluß dieses Dinges. Und wie die Natur Einem erscheint! Weißt Du, in der ersten Zeit, als sie sich sträubte – ich lag wie ein Hund vor ihrer Tür, mitten im Winter, in der fabelhaftesten Kälte hab ich die ganze Nacht vor ihrem Zimmer geschlafen – und ich zwang sie. Aber gelitten hab ich! Hast Du einen schreienden Himmel gesehen? Nein! Also weißt Du, ich habe ihn schreien gesehen. Es war, als öffne sich der Himmel zu tausend Mundhöhlen und schrie nun Farbe in die Welt hinaus. Der ganze Himmel eine unendliche Reihe von Streifen; dunkelrot, so ins Schwarze hinüber. Geronnenes Blut ... nein! eine Kotlache, in der sich die Abendröte spiegelt, und dann ein schmutziges Gelb! Häßlich, ekelhaft, aber großartig ... Gott ja, Mensch! Dann das Glück! Ich reckte mich und reckte – hinauf, daß ich an der Sonne meine Zigarette anzünden konnte!

Falk lachte auf.

Mikita, der ihm kaum an die Schultern reichte! Der wunderbare Kerl ...

– Nicht wahr? Komische Vorstellung. Ich an die Sonne reichen! Weißt Du, als ich in Paris war, sahen sich die Franzosen nach mir um. Ich hatte nämlich einen Freund, und neben ihm sah ich wie ein Riese aus.

Sie lachten beide.

Mikita drückte ihm warm die Hand.

– Weißt Du, Erik, ich weiß eigentlich nicht, wen ich mehr liebe ... Siehst Du, Liebe zum Weibe, das ist doch etwas Andres, man verlangt etwas, und schließlich, nicht wahr? Man liebt doch auf etwas hin ... Und nun siehst Du die Freundschaft –ja, Du Erik das ist das Unfaßbare, das Feine, das zwischen den Fingern ... Und nun, wenn man so drei Monate ununterbrochen mit einem Weibe zusammen ist ...

Falk unterbrach ihn.

– Du kannst Dir nicht vorstellen, wie ich mich manchmal nach Dir gesehnt habe. Hier unter diesem Schreibergesindel gibt es auch nicht einen Menschen ...

– Kann mirs denken. Nun, jetzt wollen wir die Zeit ausnutzen.

– Ja, wir wollen immer zusammen sein.

Sie kamen an.

– Du Erik, sie ist furchtbar gespannt auf Dich. Mach Dich nur interessant, sonst blamierst Du mich. Sehr interessant, das verstehst Du gut, Du Teufelskerl!

Sie traten ein.

Falk überkam ein Gefühl, als hätte er eine große, glatte Spiegelfläche um sich.

Dann wurde es ihm, als müßte er sich an etwas erinnern, was er schon längst einmal gesehen oder gehört hatte.

– Erik Falk, stellte Mikita vor.

Sie sah ihn an, wurde sehr verlegen, und streckte ihm dann herzlich die Hand entgegen:

– Sie sind es.

Falk wurde lebendig.

– Ja, ich bin es. Ich sehe doch nicht so merkwürdig aus. Sie mußten wohl nach Mikitas Beschreibung ein seltsames Tier erwartet haben?

Sie lächelte.

Falk bemerkte Etwas, wie einen rätselhaften Schleier, durch den dies seltsame Lächeln durchschimmerte.

– Ich war ganz eifersüchtig auf Sie geworden. Mikita hat die ganze Zeit nur über Sie gesprochen. Er ist ja wohl auch nur Ihretwegen nach Berlin gekommen.

Sonderbar! Derselbe Schleier in den Augen. Ein Schimmer wie von einem intensiven Lichte, das sich erst durch schwere Nebel Bahn brechen mußte. Was war es?

Sie setzten sich hin.

Falk sah sie an. Sie ihn auch. Beide lächelten verlegen.

– Mikita hat erzählt, daß Sie immer Cognac haben müssen. Ich habe eine ganze Flasche gekauft, aber er hat sie schon zur Hälfte ausgetrunken ... Wie viel darf ich Ihnen eingießen?

– Gott, genug!

– Ja, ich weiß nicht ... Sie sind doch aus Rußland her, es soll dort Sitte sein, Cognac aus Litergläsern zu trinken.

– Sie glaubt nämlich, erklärte Mikita, daß in Rußland Bären ins Haus kommen, um die Überreste aus den Töpfen zu schlecken.

Sie lachten alle.

Das Gespräch ging hin und her. Mikita sprach fortwährend und fuchtelte dabei mit den Händen.

– Siehst Du, Erik, wir lieben uns nämlich bis zur Verrücktheit ...

Falk bemerkte bei ihr ein verlegenes Lächeln, als glitte ganz leise ein Schamgefühl über ihr Gesicht.

– Du darfst Herrn Falk damit nicht langweilen.

Ein feiner Streifen Unmut huschte über Mikitas Gesicht.

Sie streichelte diskret seine Hand; Mikitas Gesicht hellte sich auf.

Sie weiß mit ihm Bescheid, dachte Falk.

Das Zimmer war in einer sonderbaren, zinnoberroten Beleuchtung. Etwas von einem dicken Rot, wie wenn man feine Rotlagen übereinander schichtete und das Licht sich in ihnen brechen ließe.

War es dies Licht?

Nein, es lag um die Mundwinkel, nein! Feine Streifen um die Augen ... Wieder verschwand es und legte sich in eine zarte Vertiefung in der Kaumuskulatur ... nein, es war unfaßbar.

– Du bist so still, Erik, was fehlt Dir?

– Gott, sind Sie schön!

Falk sprach das absichtlich mit einer solchen Nuance von Unwillkürlichkeit, daß selbst Mikita getäuscht wurde.

– Siehst Du, Isa, der Mann ist offen, nicht wahr?

Seltsamer Mensch! Dies Gesicht ... Isa mußte ihn immer wieder ansehen.

– Was hast Du eigentlich den ganzen Winter gemacht?

Falk raffte sich auf.

– Mit Iltis gebummelt.

– Wer ist Iltis?

– Das ist ein Spitzname für einen großen Mann, erklärte Mikita.

Isa lachte. Das war ein sonderbarer Spitzname.

– Sehen Sie, Fräulein, Iltis ist mir persönlich ein sehr sympathischer Mensch, ein guter Mensch und hält es mit den Jungen. Manchmal werden sie ihm zu toll, dann schleicht er sich still davon ...

– Was ist er denn?

– Er ist Bildhauer. Das ist aber bei ihm furchtbar Nebensache.

Na ja, er interessiert uns nur als Mensch. Und als Mensch wird er von der fixen Idee beherrscht, daß Jemand sich auf seine persönliche Suggestion hin erschießen müsse. Hypnose ist nämlich sein Reitpferd. So kam es, daß wir eine ganze Nacht durchgetrunken hatten. Das verehrte Publikum, das uns für die Priester der Kunst hält ...

– Priester der Kunst! Großartig ... Musentempel und Klio ... Ha, ha, ha. Mikita freute sich ungemein.

– Ja: das Publikum kann sich nicht denken, wie oft das bei den Priestern der Kunst vorkommt. Nach einer solchen Nacht bekommen also die Priester Verlangen nach frischer Luft. Die kleinen Priester fielen unterwegs ab. Nur der große Hierophant ...

– Hierophant! Iltis ein Hierophant!

Mikita schüttelte sich.

– Also der Hierophant und ich gehen zusammen. Plötzlich bleibt Iltis stehen. Ein Mann steht an der Mauer und »starrt in die Höhe«, wie es bei Schubert heißt.

– Mann! sagt Iltis mit einer unglaublichen Vibration in der Stimme.

Aber der Mann rührt sich nicht.

Iltis sprüht förmlich Funken mit seinen Augen.

– Paß auf! Der Mann ist hypnotisiert, flüstert er mir geheimnisvoll zu.

– Mann! Seine Stimme wird drohend und bekommt den Ton einer heiseren Trompete, mit der Jerichos Mauern erschüttert wurden ... Hier hast Du sechs Mark, kauf Dir einen Revolver und schieß Dich tot.

Der Mann streckt die Hand aus.

– Eine vollkommene Hypnose, raunt mir Iltis zu. Er legt mit einer unglaublich großartigen Handbewegung sechs Mark in die offene Hand des Mannes.

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
18+
Litresdə buraxılış tarixi:
05 fevral 2026
Həcm:
1370 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9788027205639
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı: