Kitabı oxu: «Das falsche Paradies»
Tagebuch
Mein Tagebuch, 28. August 2002
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Montag, 19. August 2002
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Mein Tagebuch, 12. Januar 2000
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Dienstag, 20. August 2002
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Mein Tagebuch, 12. Januar 2000
Mittwoch, 21. August 2002
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Mein Tagebuch, 23. April 2000
Mein Tagebuch, 7. Mai 2000
Mein Tagebuch, 21. Mai 2000
Mein Tagebuch, 29. Mai 2000
10
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Mein Tagebuch, 29. Mai 2000
12 Donnerstag, 22. August 2002
Mein Tagebuch, 13. Juni 2000
13
14
Mein Tagebuch, 30. Juni 2000
Mein Tagebuch, 22. August 2000
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Freitag, 23. August, 2002
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Mein Tagebuch, 23. August 2000
Samstag, 24. August 2002
18
Sonntag, 25. August 2002
19
Mein Tagebuch, 15. September 2000
Sonntag, 25. August 2002, 10:00 Uhr
20 Montag, 26. August 2002
Mein Tagebuch, 17. September 2000
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Mein Tagebuch, 01. Oktober 2000
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Dienstag, 27. August 2002
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Mein Tagebuch, 22. Oktober 2000
Dienstag, 27. August 2002, 14:20 Uhr
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27
Mein Tagebuch, 05. Dezember 2000
Dienstag, 27. August 2002, 20:00 Uhr
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Mittwoch, 28. August 2002
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Mein Tagebuch, 19. März 2001
30
Mein Tagebuch, 5. April 2001
Mittwoch, 28. August 2002, 18:45 Uhr
Mein Tagebuch, 29. Juni 2001
Donnerstag, 29. August 2002
Mein Tagebuch, 27. Juli 2001
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Mein Tagebuch, 29. August 2002
Samstag, 31. August 2002
Stefan Bouxsein
Das falsche Paradies
Kriminalroman
Der Autor
Stefan Bouxsein wurde 1969 in Frankfurt/Main geboren. Studium der Verfahrenstechnik und des Wirtschaftsingenieurwesens an der FH Frankfurt. Seit 2006 verlegt er seine Bücher im eigenen Traumwelt Verlag.
Bisher erschienen von Stefan Bouxsein:
Krimi-Reihe mit Siebels und Till:
Das falsche Paradies, 2006
Die verlorene Vergangenheit, 2007
Die böse Begierde, 2008
Die kalte Braut, 2010
Das tödliche Spiel, 2011
Die vergessene Schuld, 2013
Die tödlichen Gedanken, 2014
Die Kronzeugin, 2015
Projekt GALILEI, 2018
Seelensplitterkind, 2021
Der böse Clown (Kurzkrimi), 2014
Außerdem:
Kurz & Blutig (Vier Kurzkrimis), 2015
Humor: Idioten-Reihe mit Hans Bremer:
Der nackte Idiot, 2014
Hotel subKult und die BDSM-Idioten, 2016
Erotischer Roman von Suann Bonnard:
Die schamlose Studentin, 2017
Mein perfekter Liebhaber, 2019
Erfahren Sie mehr über meine Bücher auf:
www.stefan-bouxsein.de
© 2021 by Traumwelt Verlag
Stefan Bouxsein
Johanna-Kirchner-Str. 20 · 60488 Frankfurt/Main
www.traumwelt-verlag.de · info@traumwelt-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlaggestaltung und Titelbild:
Nuilani – Design und Kommunikation, Ralf Heller
www.nuilani.de · info@nuilani.de
ISBN 978-3-939362-06-7
5. Auflage, 2021
Tagebuch
Mein Tagebuch, 28. August 2002
Heute ist es genau ein Jahr her. Jetzt sehe ich die Dinge, die geschehen sind, mit anderen Augen. Doch es ist zu spät. Was geschehen ist, kann ich nicht mehr rückgängig machen. Was mir bleibt, sind einige schöne und noch mehr weniger schöne Erinnerungen. An den Abend des 28. August vor einem Jahr erinnere ich mich aber nur noch schemenhaft.
Ich fühlte mich nicht wohl, als ich mich von ihnen verabschiedete. In meinem Kopf drehte sich alles, ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Auch mein Magen drehte sich. Ich hätte nicht so viel Alkohol trinken sollen. Ich trank ja auch sonst nie Alkohol, weil ich wusste, dass ich ihn nicht vertrug. Und dann diese bunten Pillen, die ich geschluckt hatte. Noch nie in meinem Leben hatte ich Pillen geschluckt. Aber sie hatten darauf bestanden. Orangensaft mit Wodka. Drei volle Gläser. Und dann gaben sie mir diese bunten Pillen. Sie sagten mir, dass ich sie schlucken solle, es wäre gut für mich. Und ich schluckte die Pillen. Natürlich schluckte ich die Pillen. Und natürlich trank ich den Wodka. Ich tat alles, was sie von mir verlangten. Sie waren doch meine Familie, endlich kümmerten sie sich wieder um mich. Ich liebte sie doch, liebte sie alle, war nur glücklich, wenn ich bei ihnen sein durfte, wenn sie mir sagten, was ich tun solle.
Ich stieg in mein Auto, schlug die Tür hinter mir zu, öffnete sie wieder, kotzte vor meinen Wagen, entleerte meinen rebellierenden Magen, schlug die Tür erneut zu. Ich startete den Motor und fuhr los. Nur verschwommen sah ich die Schilder, die den Weg nach Frankfurt wiesen. Ich kam auf die Schnellstraße, dachte, ich müsste mich wieder übergeben, doch das flaue Gefühl im Magen ging vorüber. Ich sah auf den Tacho. Einhundertzehn Stundenkilometer zeigte die Nadel, aber ich musste lange hinschauen, um es zu erkennen. Ich fuhr die Rosa-Luxemburg-Straße, die Schnellstraße, die in den Norden Frankfurts führt. Die Ausfahrt zum Nordwestzentrum wollte ich abfahren. Beinahe wäre ich daran vorbeigefahren. Ich sah alles so verschwommen. Ich hätte früher vom Gas runtergehen sollen. Mein Wagen krachte mit hoher Geschwindigkeit gegen die Leitplanke, die die Abfahrt von der Schnellstraße trennte. Ich war nicht angeschnallt, prallte mit voller Wucht gegen die Windschutzscheibe.
Fünf Minuten später lag ich im Rettungswagen, die Fahrt zum Nordwest-Krankenhaus dauerte nur zwei Minuten. Die Sanitäter pumpten mir noch im Fahrzeug den vergifteten Magen aus. In der Notaufnahme wurde schließlich ein Schädelbasisbruch festgestellt, drei Wirbel waren gebrochen, mein Leben hing am seidenen Faden. Die Ärzte versetzten mich in ein künstliches Koma.
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Montag, 19. August 2002
Till war bereits um 6:00 Uhr morgens wach. Es versprach ein angenehmer Tag zu werden. 25 °C und Sonnenschein waren vorhergesagt und es sah so aus, als ob die Wettervorhersage wieder einmal stimmen würde. Till schlüpfte in kurze Shorts, zog seine Laufschuhe an und machte sich auf in Richtung Rebstockpark. Diese morgendliche Routine würde bald ein Ende haben, der Park sollte einem neuen Stadtteil weichen. Die ersten Bagger standen bereits auf dem weitläufigen Gelände. Till drehte seine Runde wie so oft am frühen Morgen, drei Kilometer lief er in circa zwanzig Minuten. Während er im gemächlichen Tempo seine Strecke lief, wanderten seine Gedanken zurück zum letzten Freitag. Er hatte sich zu einer Übung auf der neuen Schießanlage im Präsidium eingefunden. Jeder Polizist sollte mindestens sechs Mal im Jahr seine Fertigkeiten mit der Schusswaffe trainieren. Es muss an dem guten Wetter gelegen haben, dass der Gaul mit ihm durchgegangen war, beim Training auf der interaktiven Schießanlage. Er fing unwillkürlich an zu lachen, als er an den Gesichtsausdruck von Schneider dachte. Schneider war einer der Ausbilder auf der Anlage. Till hatte das Reh, das plötzlich auf der Leinwand erschien, mit einem sauberen Blattschuss erlegt. Schneider hatte getobt, Tills Kommentar, dass das tollwütige Reh keinen Schaden mehr anrichten würde, hatte Schneider dann endgültig auf die Palme gebracht. Aber Till hatte noch einen draufgesetzt. Auf der nächsten Leinwand war eine Geisel aufgetaucht, eingerahmt von zwei bewaffneten Männern. Mit drei schnell hintereinander abgefeuerten Schüssen aus zehn Metern Entfernung hatte Till der Geisel drei Kugeln in die Stirn gejagt. Schneider war außer sich gewesen, jeder wusste, dass Till der beste Schütze im Präsidium war.
Als er leicht verschwitzt wieder in seiner Wohnung in dem neuen Stadtteil City West ankam, duschte er sich kalt ab, schmierte sich schnell ein paar Brote und wollte sich dann auf den Weg ins neue Präsidium machen. Mittlerweile hatte er sich an seine neue Arbeitsstelle gewöhnt. Das neue Präsidium an der Adickesallee war erst vor wenigen Wochen fertiggestellt worden. Seit ihrem Umzug ins neue Büro gab es nur Routinefälle, alles plätscherte so vor sich hin. Till nahm seinen Nierengurt und seinen Jet-Helm und wollte gerade zur Tür hinaus, als das Telefon klingelte. »Till Krüger«, meldete er sich, obwohl ihm klar war, dass nur einer um diese Zeit bei ihm anrufen konnte.
»Hallo Till, Steffen hier. Gut, dass du noch da bist, wir treffen uns in einer halben Stunde im Brentano-Bad. Leichenfund auf der Liegewiese.«
»Eine Leiche im Brentano-Bad? Morgens um halb sieben? Wie kommt die denn dahin?«
»Frag nicht, wir sehen uns in einer halben Stunde am Haupteingang.« Steffen legte wieder auf, ohne auf eine Antwort von Till zu warten.
Zwei Minuten später verließ Till seine Drei-Zimmer-Eigentumswohnung und holte seine Honda Gold Wing GL 1500 SE aus der Garage. Einen Traum, den er sich erst im letzten Jahr erfüllt hatte. Er bestieg die über vierhundert Kilogramm schwere Maschine, betätigte den Starter und schwebte wie ein König auf zwei Rädern über die Ludwig-Landmann-Straße in Richtung Brentano-Bad. Der Sound des Motors vermischte sich mit den Klängen von Hells Bells, AC/DC ertönte aus den integrierten Lautsprechern. Till wäre jetzt gerne stundenlang weitergefahren, doch bis zum Brentano-Bad waren es nur zwei Kilometer. Er wechselte im Kreisverkehr am Fischstein auf die gegenüberliegende Fahrbahn und bog gleich darauf rechts ab, zum Haupteingang von Frankfurts größtem Freibad.
Steffen Siebels wartete schon am Kassenhäuschen auf ihn. Neben Siebels standen zwei weitere Männer. Der eine war in seiner weißen Bekleidung unschwer als Bademeister auszumachen, der andere hatte eine Kamera umhängen. Till und Steffen schüttelten sich die Hände, anschließend begrüßte Till die anderen beiden Männer. Steffen Siebels stellte sie ihm vor.
»Das ist Lutz Neumann, Herr Neumann ist der leitende Bademeister, die Kollegen von der Streife haben ihn vor einer halben Stunde verständigt. Die Kollegen sind übrigens schon im Bad bei der Leiche. Und dieser Herr hat die Tote gefunden und auch gleich fotografiert.«
»Guten Morgen, Sven Fischer ist mein Name, ich arbeite als freier Journalist und habe einen anonymen Hinweis erhalten. Daraufhin bin ich um 5:30 Uhr heute früh über das Eingangstor geklettert und habe auf der Liegewiese die Frau gefunden, Sie werden ja gleich sehen.«
Neumann, der Bademeister, führte die vier Männer zunächst über die große Ballsport-Wiese, vorbei an der riesigen Leinwand.
»War gestern Abend eine Vorstellung im Open-Air-Kino?«, erkundigte sich Steffen Siebels beim Bademeister.
»Ja, es lief STAR WARS, die zweite Episode. Das war die letzte Vorführung für diese Saison.«
Im Sommer lief auf der Ballsportwiese im Schwimmbad das Open-Air-Kino-Programm. Die Kinobesucher machten es sich mit Decken oder Stühlen auf der Wiese bequem und verfolgten in heißen Sommernächten alte Kinoklassiker oder aktuelle Filme auf der Leinwand.
»Wissen Sie, wie viele Besucher die Vorstellung besucht haben?«, erkundigte sich Siebels. Die vier Männer gingen gerade am Planschbecken für die Kleinkinder vorbei, bis zum Tatort waren es noch ungefähr zweihundert Meter.
»Nein, das kann ich nicht sagen, aber da es gestern Abend sehr warm war, bestimmt noch über 23 ºC nach 22:00 Uhr und der Film sehr beliebt ist, würde ich vermuten, dass mindestens fünfhundert Leute den Film gesehen haben.«
Die vier Männer erreichten die große Liegewiese, die sich um das ovale dreihundert Meter große Schwimmbecken dehnte. Neben der Rutsche auf der rechten Seite des Wasserbeckens konnte Till jetzt die zwei Kollegen von der Streife ausmachen.
»Wie haben Sie denn den anonymen Hinweis erhalten?«, fragte Till den freien Journalisten Sven Fischer.
»Es war heute Morgen, so gegen 5:00 Uhr. Ich lag im Bett, schlief noch fest, als mein Handy läutete. Es dauerte eine Weile, bis ich es registrierte. Ich war immer noch ziemlich verschlafen, als ich mich endlich meldete. Es war ein Mann. Er sprach mit verstellter Stimme. Auf der Liegewiese im Brentano-Bad liegt eine Story, beeil dich, dann hast du sie exklusiv. Ein Freund. Das waren seine Worte. Ich bin sofort hierhergefahren, über das Tor geklettert und habe sie hier gefunden, so, wie sie jetzt da liegt. Ich habe ein paar Fotos geschossen und dann per Handy über Notruf die Polizei gerufen. Und nun sind Sie hier.«
Die vier Männer standen vor der Leiche. Till begrüßte die Kollegen von der Streife, die er noch aus früheren Tagen gut kannte.
Till Krüger ging direkt nach dem Abitur auf die Verwaltungsfachhochschule der Polizei und wurde Jahrgangsbester, ohne sich dafür großartig anstrengen zu müssen. Anschließend verbrachte er drei Jahre als Kommissar bei der Bereitschaftspolizei, die meiste Zeit davon im Bahnhofsviertel. Im Gegensatz zu seinen Kollegen fand er die Arbeit im Stadtkern, wo die Kriminalitätsrate am höchsten ist, immer spannend und abwechslungsreich. Prostitution, Drogendealer, Hütchenspieler, illegale Einwanderer. Ihn faszinierten dieses Bild der Stadt und die Geschichte der Menschen, die sich hinter diesem Bild verbargen. Gleichzeitig nahm er einige Fortbildungskurse der Polizei in Anspruch, hauptsächlich in der Kriminalitätsbekämpfung, aber auch im Bereich Sport/Schießausbildung. Bei einer Razzia in einem illegalen Spielclub im Bahnhofsviertel machte er dann auf sich aufmerksam, als er zwei flüchtige Kosovo-Albaner durch das gesamte Viertel verfolgte und sie schließlich am Mainufer stellte, ohne bei dieser Aktion unbeteiligte Passanten zu gefährden. In seinen Beurteilungen wurde er als stressresistent und draufgängerisch beschrieben. Er galt als ehrgeizig und war ein ausgezeichneter Sportler und Schütze. Sein ausgeprägter Sinn für Humor hatte ihm allerdings schon so manchen Ärger eingebracht, die Aktion auf dem Schießstand war kein Einzelfall. Polizeihauptkommissar Steffen Siebels suchte zu dieser Zeit einen neuen Mitarbeiter, er wurde auf Till aufmerksam und holte ihn zu sich. Seit zwei Jahren arbeiteten sie nun als harmonisches Team bei der Kriminaldirektion K11. Das K11 befasste sich mit Tötungsdelikten, Leichen- und Vermisstensachen. Till wurde zum Polizeioberkommissar befördert, die Aufklärungsquote der beiden gehörte zu den höchsten in ganz Deutschland.
Das beste Team vom K11, Steffen Siebels und Till Krüger, stand nun vor der Leiche im Brentano-Bad. Sie lag auf dem Bauch, keine Blutspuren, keine Wunden. Sie war vielleicht Mitte zwanzig. Bildhübsch, eine Figur, mit der sie als Model Karriere hätte machen können. Die hellblonden Haare reichten bis knapp über die Schultern. Sie war nur mit einem Bikini-Höschen bekleidet und das war ihr bis zu den Kniekehlen heruntergezogen. Etwa einen Meter neben ihr lag das dazugehörige Oberteil. Sie lag im Schatten unter der alten Linde. Es sah aus, als würde sie schlafen.
»Das ist also die Story«, Till deutete auf den Rücken der toten Frau. »Ich bin eine kleine geile Schlampe«, stand mit roten Buchstaben auf ihrer Haut geschrieben.
»Na wunderbar«, seufzte Steffen Siebels. »Da war wohl einer nicht gut zu sprechen auf die junge Dame.«
Till sah sich die nähere Umgebung an. »Nichts als grüne Wiese. Keine Tasche, keine Schlüssel, keine Klamotten, rein gar nichts – nur ein halbnacktes totes Mädchen mit einer nicht sehr netten Botschaft auf dem Rücken. Und irgendjemand scheint das für eine tolle Story zu halten.«
»Dahinten kommen die Kollegen von der Spurensicherung und der Doc ist auch dabei«, Steffen Siebels deutete mit dem Finger in die Richtung der Truppe, die sich ihnen näherte.
Fünf Minuten später untersuchte der Polizeiarzt die Leiche, das Team von der Spurensicherung nahm den Tatort in Augenschein.
»Können Sie schon eine erste Angabe zum Todeszeitpunkt machen?«
Siebels schaute den Polizeiarzt Doktor Petri hoffnungsvoll an. Petri schaute auf seine Uhr. »Jetzt ist es 7:30 Uhr, ich würde sagen so zwischen 3:00 und 4:00 Uhr heute Morgen. Aber viel länger als drei bis fünf Stunden ist der Todeszeitpunkt noch nicht her. Sie wurde wahrscheinlich erwürgt. Schauen Sie hier. Sie hat Würgespuren am Hals und Punktblutungen im Gesichtsbereich. Sehen Sie die Punkte, insbesondere um die Augenregion, das ist ein sicheres Zeichen für einen Erstickungstod. So wie die Würgespuren ausgeprägt sind, würde ich vermuten, dass der Täter hinter ihr stand, als er sie würgte. Aber Genaueres erfahren Sie spätestens morgen aus dem Obduktionsbericht. Ich werde veranlassen, dass die Leiche in die Gerichtsmedizin kommt, das ist doch wunderschönes Anschauungsmaterial für unsere Studenten. Einfach wunderbar ausgebildet, diese Tardieu’schen Flecken, finden Sie nicht?«
Der Arzt deutete auf die Verfärbungen im Gesicht der Toten. Siebels zündete sich eine Zigarette an. So früh am Morgen hatte er noch keinen Sinn für den Humor von dem alten Doktor Petri.
Petri betrachtete sich die roten Buchstaben auf dem Rücken der Toten. »Vermutlich mit Lippenstift geschrieben«, murmelte er vor sich hin.
»Sind Sie sicher?« Siebels kniete sich neben Petri und begutachtete die rötlich schimmernden Buchstaben auf der kalten Haut.
»Hören Sie schlecht? Ich sagte: Vermutlich. Sicher ist nur das, was später in meinem Bericht steht, so wie immer.«
»Ja ja,«, wiegelte Siebels den Kommentar von seinem alten Spezi ab. Sven Fischer, der Journalist, der die Leiche gefunden hatte, ging auf Siebels zu.
»Hören Sie, Herr Siebels, Sie haben bestimmt noch einige Fragen an mich. Ich würde Sie bitten, mich zunächst gehen zu lassen, damit ich die Fotos auf den PC überspielen und einen kurzen Artikel über den Fall schreiben kann. Wie es aussieht, bin ich der Einzige von der Presse, der von der Sache weiß. Das bringt mir ein bisschen was ein, finanziell gesehen. Und ich habe es leider mehr als nötig.«
Siebels überlegte einen Moment lang. »Einverstanden. Unter einer Bedingung. Sie erwähnen mit keinem Wort den Spruch auf dem Rücken des Opfers, das bleibt vorerst unter uns.«
Fischer schaute sich noch einmal die Tote an, die Spurensicherung machte gerade Fotos aus allen erdenklichen Blickwinkeln. »In Ordnung, dann verraten Sie es aber auch nicht an meine Kollegen der schreibenden Zunft.«
»Wenn es an die Öffentlichkeit soll, dann sind Sie der Erste, der es schreibt. Aber erst wenn ich mein O. K. gegeben habe. Wir sehen Sie dann um 14:00 Uhr auf dem Präsidium, in der Adickesallee. Fragen Sie nach Polizeihauptkommissar Siebels.«
»Ich werde pünktlich sein«, erwiderte Fischer und machte sich auf den Weg.
Till sah ihm nachdenklich hinterher. »Könnte dieser Fischer nicht auch der Täter sein?«
»Möglich wäre es. Aber mein Gefühl spricht dagegen. Ich habe mir aber seine Personalien notiert, als du auf dem Weg hierher warst. Er wird heute Mittag bestimmt kommen. Ob Täter oder nicht. Wenn er der Täter ist, dann ist er ganz schön dreist, wenn nicht, sollten wir mit ihm zusammenarbeiten. Eine Verbindung zum Mörder gibt es nämlich ganz sicher, wenn seine Geschichte stimmt. Und falls wir bis Mittag die ersten Ergebnisse von der Spurensicherung haben, können wir ihm auch schon mal auf den Zahn fühlen.«
Die beiden Kommissare schenkten ihre Aufmerksamkeit nun wieder der Toten. Sie lag jetzt auf dem Rücken, der Arzt untersuchte sie noch. Körbchengröße 75 C tippte Till in Gedanken. Sie war rasiert. Unter den Achseln, im Intimbereich und an den Beinen. Es war kein Haar auf ihrem Körper zu entdecken. Keine Ringe an den Fingern, keine Halskette, kein Hinweis auf ihre Identität.
»Was denken Sie, wann wir das Bad öffnen können?«, unterbrach der Bademeister die Gedanken von Steffen Siebels.
»Das müssen Sie mit den Kollegen von der Spurensicherung klären. Kommt auch darauf an, ob noch etwas Wesentliches gefunden wird.« Siebels zeigte auf den Chef der Spurensicherung. »Kollege Müngersdorf wird Ihnen Bescheid geben, wenn die Spurensuche abgeschlossen ist. Gibt es noch andere Eingänge zum Bad?«
»Ja, auf der gegenüberliegenden Seite gibt es noch einen Zugang.«
»Und wie gelangt man nachts am besten ins Bad?«
»Am einfachsten ist es, an einem der beiden Eingänge über das Tor zu klettern. Am Haupteingang, durch den auch wir hereingekommen sind, ist die Gefahr entdeckt zu werden am geringsten, weil der Parkplatz davor liegt und es nachts stockdunkel ist. Der Seiteneingang liegt an einer kleinen Straße. Nachts fährt dort zwar selten ein Auto vorbei, aber auf der anderen Straßenseite stehen Wohnhäuser. Dort über das Tor zu klettern ist wesentlich ungünstiger, wenn man nicht erwischt werden will. Und auf der Stirnseite«, der Bademeister deutete hinter die Startblöcke am Beckenende, »liegt direkt eine Rollschuhbahn an unserem Gelände. Wenn man von dort ins Bad will, muss man auch noch das Eingangstor an der Rollschuhbahn überwinden. Und auf dieser Seite vom Bad«, der Bademeister deutete mit dem Finger zu dem zehn Meter entfernten Zaun, »fließt hinter dem Zaun die Nidda. Während der Öffnungszeiten versuchen immer wieder mal ein paar Jugendliche, über die Uferböschung zum Zaun zu gelangen. Im Zaun finde ich dann auch ständig Löcher, die wir regelmäßig flicken. Aber nachts in der Dunkelheit macht es keinen Sinn, über die Nidda-Seite ins Bad zu kommen.«
»Also am wahrscheinlichsten ist es, dass das Opfer und der Täter gemeinsam über das Tor vom Haupteingang in das Bad gelangt sind«, resümierte Siebels.
»Es sei denn, sie haben sich am Abend den Film im Open-Air-Kino angesehen und sind dann auf dem Gelände geblieben«, warf Till ein.
»Ja, daran habe ich auch schon gedacht. Aber dann hätten sie wohl einige Stunden im Bad sein müssen, ehe es zum Mord kam. Das halte ich für unwahrscheinlich, ist aber eine Möglichkeit.«
»Wann war der Film denn zu Ende?« Till schaute fragend zum Bademeister.
»Genau weiß ich das nicht, ich habe ihn ja nicht gesehen, aber da es um diese Jahreszeit erst nach 21:00 Uhr dunkel wird und der Film erst bei Anbruch der Dämmerung beginnt, endete die Vorstellung wahrscheinlich gegen Mitternacht.«
»Das wären noch circa vier Stunden bis zur Tatzeit, eine lange Zeit für eine Runde Nachtschwimmen«, überlegte Siebels laut.
Till sah in das große Schwimmbecken aus Naturstein, das Wasser war klar und stand vollkommen still. Er war schon oft hier zum Schwimmen, aber so ruhig und idyllisch hatte er das Wasser und die Liegewiese noch nie gesehen. Er wäre zu gern hineingesprungen, wäre gern mutterseelenallein in dem großen Becken ein paar Bahnen Schmetterling geschwommen. Die Sonne schien angenehm warm auf seine Haut. Siebels riss ihn aus seinen Träumen.
»Wir fahren erst mal zum Präsidium. Bis die Jungs mit der Spurensuche fertig sind, kann es noch dauern.«
Die beiden Beamten reichten dem Bademeister ihre Visitenkarten, falls ihm noch etwas einfallen würde. Till notierte sich die Adresse und Telefonnummer von Neumann, dann verließen sie das Bad. Am Parkplatz trafen sie auf den Mercedes des Bestattungsunternehmens, das die Leiche erst mal in die Gerichtsmedizin transportieren würde.
Till schwang sich auf seine klobige Gold Wing. Er fuhr über die Stadtautobahn Richtung Miquellallee zum Präsidium, Siebels folgte ihm in seinem BMW.