Kitabı oxu: «Eine schräge Geschichte, die böse endet»
Stefan G. Wolf
Eine schräge Geschichte, die böse endet
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Ein Wort vorab
Lieber ein Anfang mit Schrecken
Dreh dich nicht um in Lasolita
Taleesha auf Coke
Jetzt ist er weg
Es ist noch Kartoffelsalat da
Im Auge des Tornados
Ein Wiedersehen in Holiday City
New York! New York!
Liebe Mama!
Unter Schmugglern
Märchenstunde
Der Himmel auf Erden
Genoveva und der Koch
Ein Geschenk zum Verlieben
Eine Verschwörung
Wandertag im Dschungel
Fluss ohne Wiederkehr
Wie man Freunde gewinnt
Das Haus in Montevideo
Ein Kapitel mit vielen Büchern
Nadel und Heuhaufen
Ein Brief kommt an
Von Luzern auf Weggis zu
Getanzte Leidenschaft
Ein Stern geht auf
Amerigo weiß was
Gotthold, böser Hund!
Im kleinen Horrorladen
Auf dem Friedhof von Piñeta
Die wundersame Welt der Greta Rivera
Es gibt viel zu tun
Ein Rendezvous
Ein heißer Ritt
Fly me to the Moon!
Unterwegs mit einem Klugscheißer
Leuchtspur im antarktischen Himmel
Nichts wie weg (mal wieder)
Im Namen der Königin
Ein Geheimnis wird gelüftet
Überraschende Wendung
Zauber der Manege
Das böse Ende kommt auf mich zu
Und vom selben Autor – überall wo es Bücher gibt
Impressum neobooks
Ein Wort vorab
So, so, eine schräge Geschichte also, die böse endet. Nun ja, ich hätte dem Roman auch einen anderen Titel geben können, und wenn es nach meinem Lektor gegangen wäre, dann hätte er auch einen anderen bekommen. Erstens, so meinte er, seien die Erwartungen der Leser, was schräge Geschichten betrifft, heute sehr hoch, andererseits nehme der Titel ja schon den Ausgang vorweg, und das sei ja wie … und dann wedelte er mit der Rechten, die den roten Stift hielt, ziellos durch die Luft, ohne einen passenden Vergleich zu finden, so dass ich ihm aushalf: Das ist wie Tod eines Handlungsreisenden, sagte ich. Genau, zum Beispiel, stimmte er mir ohne Begeisterung zu. Nun denke ich mir, dass ein Buch, dem man, sagen wir mal, Anna Karenina auf den Umschlag gedruckt hat (oder Im Namen der Rose oder gar Hundert Jahre Einsamkeit), dass ein solches Buch überhaupt niemanden zum Lesen reizt, jedenfalls nicht, wenn es bloß vom Titel abhängen sollte. Ich aber spiele von Anfang an mit offenen Karten: Die Geschichte ist irgendwie schräg und sie endet wirklich böse. Immerhin gibt es darin noch so verrückte Sachen wie die menschlichen Echsen, so überraschende wie das Mädchen, das vom Tornado herbeigeweht wird, und so spannende wie ein brennender Fesselballon in der Antarktis. Und da ich schon einmal dabei bin: Alles, was ich erzähle, hat sich in jedem Detail genau so zugetragen, also zum Beispiel das mit den Knöpfen an Taleeshas Bluse oder Tante Mabels Kartoffelsalat oder meine starken Empfindungen, als Mette sich im Kino in Oslo auf meinen Schoß gesetzt hat, das stimmt alles, nur das große Ganze, die Geschichte selbst, die, das gebe ich gerne zu, ist frei erfunden.
Lieber ein Anfang mit Schrecken
Opas Fallschirm öffnete sich nicht, wehte nur wie ein fadenscheiniges Fähnchen hinter ihm her. »Das war’s«, dachte ich laut, aber wenigstens hatte ich noch Funkkontakt.
»Was ist nun mit dem Wohnwagen?«, brüllte ich gegen den Wind an, der seit Tagen von Norden hereinblies.
»Kannste haben«, rauschte es aus dem Funkgerät, und Opas Stimme klang wie die eines Stummfilmschauspielers, der zum ersten Mal Gedichte über den Volksempfänger verbreitet.
»Und der Zapaca-Rum?«
»Kannste haben.« Die Flasche war genau so alt wie Opa, und wenn das hier so weiterging, dann würde sie morgen erstmals älter sein als er.
»Und Taleesha?«, schrie ich völlig panisch ins Mikrofon, denn jetzt konnte ich schon die angstvollen Fürze hören, die der alte Mann auf dem Weg nach unten fliegen ließ.
»Kannste«, war das letzte bedeutungsschwere Wort, das mein Opa von sich gab. In diesem Augenblick erfasste ihn eine Bö, und er wurde noch einmal in die Höhe gerissen. »Juhuu«, jubelte er, während ihn der kalte Morgenwind über die Grenze nach La Buena Vista de los Ángeles de la Madre de Dios trieb.
Ich kannte den Ort, hatte mich dort vor der Kirche gleichen Namens ein paar Tage zuvor ausgekotzt, und alle Einwohner hatten mir dabei zugesehen. Das ist der einzige Ort auf der Welt, der weniger Einwohner hat als Buchstaben im Ortsnamen, behaupte ich jetzt mal so. Ich hätte Opa dieselbe Aufmerksamkeit für seinen Touch-down gewünscht, aber da war nur ein Tohono O’Odham-Indianer, der sich gerade zur Entleerung seines Darms hinter einen Chaparralbusch zurückgezogen hatte, während ihm Opa vor die Füße fiel. Mir wäre es lieber, ich könnte einfach sagen, er sei ein Navajo gewesen oder ein Hopi, weil ich mir die Namen besser merken kann, aber ich will ja bei der Wahrheit bleiben, gerade in den Details. Ich musste still in mich hineinlachen, weil ich schon den ganzen Morgen Angst gehabt hatte, dass er beim Landen auf einem dieser Säulenkaktusse niederkommt (kann man das so sagen: dass er auf einem Säulenkaktus niederkommt?), aber wenigstens das hatte er ja vermeiden können. Ich drehte mich einmal um mich selbst, um sicherzustellen, dass ihn niemand sonst bei seinem Sturzflug beobachtet hatte, aber es war einsam hier unten, Arizona ist so verdammt leer, und der Indianer, der sich eine gute Meile entfernt die Hose hochzog, ohne Opa dabei aus den Augen zu lassen, zählte nicht, denn da, wo er war, war schon Mexiko.
Das Flugzeug, aus dem der alte Herr ausgestiegen war, hatte sich längst laut schnurrend entfernt und war nur noch ein Punkt mit Kondensationsschweif über den Ajo Mountains. Ozzy Montero und seine altersschwache Piper waren auf dem Weg zurück nach Why, wo Taleesha im Wohnwagen auf uns wartete. Hoffentlich wurde es ihr nicht zu langweilig, dann übertrieb sie es nämlich gern, und wenn sie zu viel geraucht hatte, konnte sie unberechenbar werden, auch schon am frühen Morgen. Opa kannte sie noch nicht lange, die beiden waren so was von verrückt aufeinander, das war schon manchmal peinlich - ich meine, er war 62 und sie, ich weiß nicht genau: fünfunddreißig? dreißig?
Die Sonne stand inzwischen über den Ajo Mountains und ihr Licht kroch die Bergflanken gegenüber hinunter ins Tal. Außer mir und dem Indianer hatte niemand Opas letzte Kapriole miterlebt, ich dachte nach, was ich tun konnte, um dem Ganzen einen versöhnlichen Schluss zu geben. Von hier bis dorthin, wo er jetzt lag, hatte ich freien Blick, aber keine freie Fahrt, denn das war sehr ungemütliches Gelände hier am Anfang der Sonora-Wüste. Man musste verdammt aufpassen, sobald man die schmale unbefestigte Straße nach Lukeville verlassen hatte, und dann standen auch noch überall diese Kakteen und trockenen Büsche rum. Aber, was soll ich sagen: Er war mein Opa, er war der Mann, der mir beigebracht hat, wie man Mundharmonika spielt, wie man sich durchsetzt, wenn es um eine Handvoll Kronenscheine geht, der mir gezeigt hat, warum es sich nicht lohnt, Angst zu haben. Wie hat er immer gesagt? Du brauchst nur ein Prozent mehr Mut als Angst, dann kann dir alles gelingen. Und das mit der Prozentrechnung hat er mir auch beigebracht. Also habe ich mich in den himmelblauen Travelette gesetzt, den Opa zusammen mit dem Wohnwagen in Iowa gekauft hatte, und bin losgebrettert Richtung Süden.
Der Kothaufen des Indianers dampfte noch in der kühlen Morgenluft, aber Opa begann schon kalt zu werden. Eigentlich hatte ich erwartet, dass er gleich die Augen öffnen und auf die Füße springen würde. ›Buhuu! Hast du dir etwa Sorgen gemacht? Nun nimm mir doch endlich den verdammten Fallschirmsack vom Rücken, das verfluchte Ding hatte seine eigenen Pläne.‹ Ich blieb ein paar Minuten bei ihm stehen, weil ich immer noch darauf wartete, dass er sich etwas für mich einfallen lassen würde. Aber nein, von seiner Seite kam nichts mehr. Also holte ich den Klappspaten von der Ladefläche und stieß ihn in den trocknen Boden.
* 11. November 1899 zu Nikolaiken (Masuren), † 16. August 1961 zu La Buena Vista de los Ángeles de la Madre de Dios. Das passt auf keinen Grabstein, dachte ich, während ich mich abmühte, ein Loch in die Wüste zu graben, von dem, was der Steinmetz allein für die Inschrift berechnet hätte, ganz zu schweigen.
Als ich schließlich mit meiner Arbeit zu einem erfolgreichen Ende kam – six feet deep, six feet long, aber für die Tiefe konnte ich nicht garantieren – hatte der Schweiß mein Hemd auf dem Rücken festgeklebt. Ich warf den Spaten über den Rand des Lochs und für eine halbe Sekunde stand das Spatenblatt so, dass es die Sonne auffing und den Strahl auf mein Gesicht lenkte. »Schon klar, Opa«, sagte ich, »für dich immer«. Ich zog mich hoch und krabbelte aus dem Loch. Da standen sie, siebzehn Männer, Frauen und Kinder, bereit, meinem Opa die letzte Ehre zu erweisen. Ein alter Mann mit einem prächtigen Pigalle-Sombrero trat vor, schüttelte mir die Hand und sagte etwas auf Spanisch, was ich nicht verstand. Vielleicht war es ja auch – wie heißt das? – Tohono O’Odhamisch, wer weiß das schon. Dann gab der mit dem Sombrero zwei Männern einen Wink, die packten den Körper und trugen ihn zum Grab. »¡Momento!« rief ich dazwischen.
Sie setzten ihn wieder ab, seinen Rücken gegen die Beine eines der beiden gelehnt – he, dachte ich, da sitzt du und schaust bei deiner eigenen Beerdigung zu. Ich nahm seine Brieftasche aus der Jacke, seine Zigarren und die kleine Echo Harp von Hohner, die ich ihm mal zum Geburtstag geschenkt hatte, die hatte er immer bei sich. Und dann war da noch dieser Zettel, ein Ausriss von einem Briefumschlag, noch die Briefmarken in einer Ecke, da stand was von Hand Geschriebenes, aber das konnte ich so schnell nicht entziffern, also habe ich den Zettel in seine Brieftasche gesteckt und alles zusammen in meinen Rucksack. Inzwischen hatten die beiden Trauergäste Opa in sein Grab gerollt, und ich brach ein paar der gelben Blüten von dem Chaparralstrauch, neben dem er gelandet war, um sie auf ihn zu verstreuen. Später habe ich gelesen, dass die Indianer die Blätter als Heilmittel verwenden bei Lebererkrankung, Harnröhrenentzündung, Magenbeschwerden, Hämorrhoiden und Bluthochdruck – passt ja, dachte ich.
Als das Loch wieder gefüllt war, legten die Jungs ein paar schwere Steine auf den Erdhaufen, ich weiß nicht, ob es die Kojoten vom Buddeln abhalten sollte oder ein alter indianischer Brauch war, ähnlich wie die Juden Steine auf die Gräber legen oder die Tibetaner auf den Bergpässen im Himalaja kleine Steinhügel aufschichten. Ich gab jedem Einwohner von La Buena Vista-und-so-weiter die Hand, stieg in den Pick-up und ließ Opa zurück. Er hatte übrigens Johann Friedrich Wuttke von Trettow geheißen, was ja für sich schon zu lang ist für eine Grabinschrift.
Dreh dich nicht um in Lasolita
Ich nahm die Straße, denn ich wollte nicht noch mal durch die Wüste rumpeln, und außerdem befürchtete ich, dass ich die Schotterpiste, die durch das Kaktustal führt, nicht wiederfinden würde. Also machte ich mich auf nach La Solita, ein Kaff direkt an der Grenze, das fast übergangslos zu Lasolita auf der amerikanischen Seite wird. Die Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten war damals nichts, was einen beunruhigen musste, es sei denn, die Arizona Diamondbacks hatten mal wieder ein Match verloren oder die Frau vom Patrouillenchef war unpässlich, dann ließen sie es einen schon mal spüren. Heute war offensichtlich so ein Tag, und darum hielten mich die Grenzer an. Einer postierte sich vor dem Kühler, die Hand am Revolver, der andere kam breitbeinig auf meine Seite.
»Motor aus und die Hände dahin, wo ich sie sehen kann!«, sagte er betont ruhig. Ich drehte den Schlüssel um und legte die Hände auf das Steuerrad. »Wo geht’s denn hin Chicano?« Ich brachte das jetzt gerade nicht zusammen: seine Frage und die Situation, ich, er. Ich war wahrscheinlich so ziemlich der blondeste und blauäugigste Chicano, auf den die Sonne Arizonas jemals niederbrannte, während über seinem Mund ein dicker schwarzer Bigote die Frage nach dem Stammbaum stellte.
»Wohin?«, bellte er, und ich antwortete: »Nach Why.« Wenn es nicht so ein kurzer Ortsname gewesen wäre, hätte ich ihn gewiss gestammelt, aber so kam er einigermaßen am Stück heraus.
»Why?«, fragte er, und ich sagte: »Na, weil da mein Wohnwagen steht.« Also, der ganze Dialog funktioniert ja eigentlich nur auf Englisch, wegen Why – Warum, deswegen überspringe ich das jetzt mal.
Ob auf Englisch oder Deutsch, jedenfalls endete das Gespräch damit, dass der Officer mir befahl auszusteigen, aber schön langsam, »eine falsche Bewegung und ich kann meinem Kumpel nicht verdenken, wenn er nervös wird«, warnte er mich. Im Rücken der zwei Grenzpolizisten fuhr gerade ein unverschämt langes und unverschämt breites Kabriolett von Norden nach Süden, vollbesetzt mit einer unverschämt jungen und unverschämt lauten Gesellschaft beiderlei Geschlechts, und ich hielt die Luft an, um nicht von den süßen Schwaden des mildtätigen Krauts, die herüberwehten, high zu werden. Doch die beiden Grenzer hielten die Aufmerksamkeit hoch, die sie mir widmeten, da war kein Platz für nichts anderes, da hätte die gesamte mexikanische Armee in Arizona einmarschieren können: Ich war jetzt der gefährlichste Mann der westlichen Hemisphäre. Der Officer, der neben der Fahrertür stand, war ins Schwitzen gekommen und schnaufte bedenklich, als er mich – Beine breit, Hände aufs Autodach – am ganzen Körper abtastete. Dann zog er doch noch seine Waffe, um mich mit ihrer Hilfe zu dem kleinen Postenhäuschen am Straßenrand zu dirigieren, auf dessen Dach das Sternenbanner schlappgemacht hatte.
Als ich das Innere betrat – genau genommen wurde ich hineingestoßen –, also, wie soll ich sagen: Ich bin ziemlich bewandert in Filmen wie Todesmeilen nach Las Cruces, Ein Mann ohne Furcht, Wer tötet Riley Quinn?, das war ja auch der Grund, warum ich unbedingt mit Opa mal hierher wollte, aber jetzt … Ich sah mich unwillkürlich nach der Kamera um: Dreh dich nicht um in Lasolita, Klappe die Erste, oder so ähnlich. Denn hinter einem schweren Schreibtisch aus dunkler Eiche saß ein Kerl mit so etwas wie einem Sheriffstern, seinen Stuhl hatte er nach hinten gekippt und die Füße (samt Buckaroo-Stiefeln!) auf die Tischplatte gelegt. Ich trau mich gar nicht, dass hier hinzuschreiben, aber er bewegte doch tatsächlich ein Streichholz von einem Mundwinkel zum anderen und zurück. Vor dem Schreibtisch teilte eine hölzerne Barriere den Raum, in der Ecke stand ein alter Schrank, der überquoll von Papieren, daneben zwei Wanted-Plakate mit Fotos von Leuten, die aussahen, als hätten sie dafür stundenlang in der Maske gesessen. Auf einem Sideboard hinter dem Stiefel-Mann stand eine Kanne Kaffee auf der Wärmeplatte und über ihm drehte sich ein Deckenventilator, der bei jeder Umdrehung einmal gequält quietschte. Weniger amüsant fand ich allerdings das, was ich an der Rückwand des Raumes entdeckte. Dort gab es eine Türöffnung, die ließ den Blick frei auf ein winziges fensterloses Kabuff, dessen einzige Einrichtung eine hölzerne Bank war. Die Tür bestand aus Gitterstäben. Bitte nicht dort hinein, bitte nicht! war alles, was ich mir in diesem Augenblick wünschte.
»Wie?«, fragte ich fahrig, denn ich hatte verpasst, was der Mann hinterm Schreibtisch zu mir gesagt hatte, so sehr rasten jetzt meine Gedanken und suchten einen Ausweg aus dem Schlamassel. Wenn meine Erklärungen den Verdächtigungen der Officers zu sehr widersprachen, würden sie mich in den Raum dort hinten sperren, bis – wie heißt das?: die Angelegenheit geklärt war; wenn ich ihnen einen Schritt zu weit entgegenkam, würden sie das als Eingeständnis meiner fiesen Absichten einordnen und mich erst recht hierbehalten. Einer der beiden, die mich aus dem Auto geholt hatten, gab mir einen Stoß in den Rücken.
»Ich habe dich gefragt, was wohl ein Chicano in einem Pick-up mit Kennzeichen aus Iowa vorhat, wenn er unberechtigt die Grenze überschreitet.«
»Unberechtigt?«, entfuhr es mir, was mir einen weiteren Rempler von hinten einbrachte.
»Du und deine Leute«, sagte der Boss und schnippte ein Stäubchen von seinem linken Stiefel. »Böse, böse. Sehr böse Leute. Und ihr werdet immer raffinierter. Aber nicht raffiniert genug. Du meinst, weil du blond bist und blaue Augen hast, könntest du uns täuschen.« Dann lachte er auf und sagte zu seinen Untergebenen: »Meint ihr, er kann mich täuschen?«
»Nein, Boss!«, kam es wie aus einem Mund, und zur Bekräftigung gab es wieder einen Stoß in den Rücken.
»Also, mach es uns allen hier leichter: Wem gehört das Auto?«
Ich dachte noch: Die Wahrheit ist der gerade Weg in die Hölle, aber da hatte ich schon geantwortet: »meinem Opa.«
»Und wo ist dieser Opa?«, fragte der Stiefelmann höhnisch. Darauf konnte ich kaum wahrheitsgemäß antworten: Vor drei Tagen angekommen in Why, aufgefahren in den Himmel, herabgefallen auf die Erde, begraben in der Wüste, irgendwo hinter La Buena Vista-und-so-weiter.
In diesem Augenblick zog eine Mariachi-Band in rot-grünen Uniformen mit aberwitzig großen weißen Sombreros vorbei, die spielten ¡Viva México! ¡Viva América!, und ihnen folgte eine bunte Schar schräger Vögel in Fantasiekostümen, zwei Elefanten, drei Vicuñas, ein Mädchen mit Prinzessinnenkrönchen, das einen Tanzbär am Nasenring führte, und ein junger Mann, der mit brennenden Fackeln jonglierte und einen kleinwüchsigen Clown auf seinen Schultern sitzen hatte, der ihm ständig den Schweiß von der Stirn wischte. Den Abschluss machte eine Frau, die etwa zwei Köpfe größer war als ich und ein Kreuz wie ein Wrestler hatte. Ihre Attraktion aber waren die drei Brüste, die sich unter ihrem leuchtendgrünen Crêpe de Chine-Kleid abzeichneten. Ich starrte wie gebannt auf diese Szenerie, die ich durch das Fenster hinter dem Stiefelmann wie auf einer Guckkastenbühne beobachten konnte, doch keiner der Anwesenden folgte meinem Blick, geschweige denn unterband jemand den Grenzübertritt der verrückten Truppe.
»Schweigen hilft dir nicht, Amigo«, sagte der Stiefelmann, der sich eine Zigarre aus der Brusttasche gezogen hatte und ein Streichholz an der Stiefelsohle anriss.
»Mein Name ist Laurens Baltruscheit Iversen und ich habe einen dänischen Pass«, kotzte ich ihm meine Identität vor die bestiefelten Füße.
»Einen dämlichen däppischen dänischen Pass«, äffte der Boss. »Was soll das sein: ein dänischer Pass? Habt ihr schon mal was von einem Land gehört, das Dänien heißt?«
»Nein, Boss«, bestätigten ihm die beiden den Erfolg ihrer Schulbildung, und der Boss fuhr fort: »Dänien, gleich neben Hernien und südlich von Spermien«, und alle schütteten sich aus vor Lachen.
In diesem Augenblick erschien die Rettung in Gestalt eines kleinen schwarzhaarigen Jungen, der auf den schmutzigsten nackten Füßen, die ich je gesehen habe, hereinspazierte und »¡A comer!« rief, »¡A comer! ¡A comer!«, gar nicht mehr aufhörte mit seinem Geschrei und dann in Packpapier gewickelte Burritos, Tortillas, Enchiladas, Fajitas oder was auch immer auf der hölzernen Barriere ausbreitete. »Ah, ah«, ließ sich der Boss vernehmen, »oh, ah«, riefen die beiden hinter mir aus und schoben mich zur Seite, »¡qué bueno!« rief der eine, »na endlich!« der andere, beide zückten je einen Dollarschein aus ihren Uniformtaschen und legten sie ebenfalls auf die Barriere, wo sie der Junge aufsammelte und – »¡provecho!« – verschwand.
Und ich mit ihm. Ich ging so gemächlich nach draußen, wie es mir angesichts der Situation möglich war, stieg langsam in meinen Pick-up, schloss leise die Tür, ließ ihn ein wenig nach rückwärts aus dem Blickfeld rollen, startete den Motor und verschwand über die Grenze.
Kurz danach machte die Straße einen Knick nach Westen. Nachdem ich etwa zwanzig Minuten weitergefahren war, bemerkte ich, dass ich wieder auf der mexikanischen Seite der Grenze war, wenn ich so weiterfahren würde, käme ich in einer halben Stunde nach Los Vidrios, einen Ort mit einer sehr nachtragenden Bewohnerschaft. Ich wollte mich in diesem Kaff nicht mehr sehen lassen, das hätte mir heute noch gefehlt. Vielleicht ist der Ort ja so zu seinem Namen gekommen: »¡Paga los vidrios rotos!«, hatte der Kneipenwirt gerufen und meinen Nacken mit seiner Pranke wie in einer Schraubzwinge gehalten, »bezahl die zerbrochenen Fenster!«, obwohl ich kein einziges seiner dreckstarrenden Fenster auch nur berührt hatte. Später lernte ich, dass das nur im übertragenen Sinn gemeint war, so ähnlich wie wenn wir vom Kerbholz sprechen oder der Hutschnur, einfach nur eine Redensart. Tatsächlich meinte er die Flasche Tequila, die mein Nachbar an der Bar geleert hatte, bevor er davonstolperte ohne zu bezahlen, und für die ich jetzt die Pesos auf die Theke legen sollte, was aber ein abgekartetes Spiel war (noch so eine Redensart), denn das machten die wohl hier immer so mit Fremden, die nichts begriffen von zerbrochenen Fenstern. Daher, so denke ich, heißt der Ort von alters her Los Vidrios, die Fenster, wahrscheinlich, kann doch sein, oder?
Ich drehte also um und fuhr zurück, und um nicht noch einmal Bekanntschaft mit dem Filmcast an der Grenze zu machen, bog ich nach links auf eine Piste ab, die schnurgerade nach Norden führte. Ich war noch nicht weit gefahren, da sah ich vor mir einen großen Menschenauflauf. Als ich näherkam, erkannte ich die bunte Zirkustruppe. Sie hatten sich malerisch zwischen den Kakteen verteilt, während zwei Vicuñas mitten auf der Straße ihre Gefühle auslebten. Die jungfräuliche Prinzessin mit dem Tanzbären senkte ihren Blick beschämt zu Boden, während andere dabeistanden und applaudierten. »¡Hay! ¡Hay! ¡Hay!« riefen sie und »¡Esto marcha!« und die Mariachiband spielte Los ojos de mi chamaca. Kaum war ich ausgestiegen, kam die große Frau in Grün auf mich zu und versprach, mir ihre Anatomie zu zeigen, wenn ich nur fünf Dollar aufbringen könnte. Auf mein Kopfschütteln korrigierte sie ihr Angebot: einmal anfassen für zwei Dollar. Am Ende ließ ich mir aus der Hand lesen, das war mir den Dollar wert, den sie in ihrem Ausschnitt verschwinden ließ, und ich hatte ganz kurz die Vorstellung von einem Hütchenspieler – wo ist der Dollar: zwischen Brust eins und zwei oder zwischen Brust zwei und drei oder …?
Nachdem ich alles erfahren hatte über die kleine Blonde, vor der ich mich in Acht nehmen sollte, über den Geldsegen, der mich erwartete, und das große Haus mit dem Rosengarten, in dem ich mein Glück finden würde, ging ich dorthin, wo die Männer kleine rote Würstchen auf Saguarodornen gespießt hatten und über den Fackeln des Jongleurs brieten. Sie luden mich ein, ein Spießchen zu nehmen und mich zu ihnen zu setzen. Als ich mich auf eine dieser bunten Decken fallen ließ, merkte ich, wie müde ich war. Zwei Wurstspießchen und drei Corona-Bier später war ich eingeschlafen, und während ich davonflog, um mit Opa hoch über den Orgelpfeifen des Kakteenwaldes zu kreisen, merkte ich nur noch, dass mir jemand einen Hut übers Gesicht legte. »Johann!«, rief ich meinem Opa zu, der gerade einen vollendeten gehechteten Delfinsalto in das unfassbare Blau des südlichen Himmels schrieb, »Johann! Ich kann nichts mehr sehen, ich glaube, ich bin blind!«
Als ich erwachte, kroch das letzte Licht der untergehenden Sonne die Hänge der Ajo Mountains hinauf. Was war das bloß für ein seltsamer Traum, in dem sich Schwielensohler paarten, eine dreibrüstige Frau mir aus der Hand las und Mariachis Würstchen grillten? Im Kakteental war es schon ziemlich duster, doch nicht duster genug, um die Bierfläschchen, die hier und da zwischen den Büschen herumlagen, zu übersehen. Und wo kam der Sombrero her, der mich vor einem Sonnenbrand gerettet hatte, und die bunte Decke mit einer Spur von Erbrochenem an einer Ecke? Ich war ein klein wenig orientierungslos und zitterig.
Als ich mich auf den Fahrersitz von Opas Travelette gewuchtet hatte, stellte ich fest, dass der Schlüssel noch im Zündschloss steckte, beste Voraussetzungen für die Rückfahrt nach Why.
Taleesha auf Coke
Taleesha fand ich schließlich dort, wo sich die State Route Nr. 86 gabelt und dabei die Nr. 85 nach Süden entlässt. Sie saß im Schneidersitz am Straßenrand, hatte eine leere Cola-Flasche in der Hand und starrte auf den Liquor Store auf der anderen Straßenseite. »Mann, einhundertsiebenundsechzig Einwohner, aber ein Schnapsladen!«, sagte ich, als ich mich neben sie setzte.
»Die haben auch Cola und Sprite«, gab sie mir zur Antwort. Wir schwiegen, während die kalte Wüstenluft, die immer noch beständig aus dem Norden blies, unsere Nackenhaare aufstellte. Ein paar Knöpfe ihrer Bluse hatten ihr Loch nicht gefunden, und ich genoss es, bis ich vor meinem geistigen Auge sah, wie Opas Mund Taleeshas Brustwarzen umschloss, und ich wusste, warum sie ihn und nicht mich gewählt hatte. »Und Rice Krispies und Pretzels und Fritos Corn Chips«, ergänzte sie die Angebotspalette des Spritladens. Sie schaute mich traurig an, so dass ich mich entschloss, noch nicht über das Unvermeidliche zu reden. Vielleicht wusste sie es ja auch schon, wegen Frauen, Hormone, siebter Sinn, irgendsoetwas. Ich nahm ihr die Cola-Flasche aus der Hand und roch daran, aber ich konnte nichts entdecken außer einem süßlichen Aroma von Koffein-Citrat, Karamell und Kokablatt-Extrakt. »Und Marshmallows«, sagte sie, dabei kam ihre Stimme mit dem Wüstenwind herangeweht und die Silben klangen wie in Daunen gepackt.
»Ich nehm’ das Gleiche, was du hattest«, antwortete ich, aber sie hob nur ihre leere Flasche und schwenkte sie ein paarmal hin und her, während sie eine rosafarbene Kaugummiblase platzen ließ. »Und Wrigley’s.«
Ich versuchte es mit einer Runde Wer-weiß-denn-sowas. »Wusstest du schon, warum Why Why heißt?«
»Why?«, fragte sie ohne Zögern und Nachdenken.
»Deswegen!« antwortete ich und zeigte auf die beiden Straßen, die rechts und links von uns auseinanderstrebten. »Ursprünglich hieß der Ort Y, weil hier die State Routes Nr. 85« (ich zeigte nach rechts) »und Nr. 86« (ich zeigte nach links) »in einer Y-Form auseinandergehen. Oder zusammentreffen, von wo aus man das halt sehen will. Aber es gab im Staat Arizona ein Gesetz, das vorschrieb, dass Ortsnamen mindestens aus drei Buchstaben bestehen müssen. Und so entschieden sich die Leute für den Namen Why, was ja genauso ausgesprochen wird wie der Buchstabe Y. ¿Entiendes?«
»Hm«, brummelte sie, »verstehe ich vollkommen.« Dann nickte sie ein paar Mal und noch ein paar Mal zuviel. »Macht Sinn.«
Ich müsste hier mehrere Zeilen leer lassen, so lange haben wir unser Schweigen genossen. Die Sterne am nachtschwarzen Himmel schleuderten ihr kaltes Feuer auf uns herunter und der Dreiviertelmond, der hinter San Luis aufgegangen war, lächelte verlegen.
»Und weißt du, warum Arizona Arizona heißt?« Es war Taleeshas Runde.
Ich dachte immerhin einige Sekunden nach, bevor ich aufgab. »Sag, warum?«
Taleesha richtete sich ein wenig auf und machte irgendwie einen wacheren Eindruck. »Also«, begann sie, »ich habe zwei Erklärungen: Es könnte aus der Sprache der Tohono O’Odham kommen, wo Ali Sonak kleine Quelle bedeutet.«
»Dann müsste es aber irgendwas wie Alisona heißen«, gab ich zu bedenken.
»Gut mitgedacht!«, lobte sie mich, »und deswegen gibt es ja auch eine zweite These, dass nämlich baskische Einwanderer das Gebiet Aritz Ona genannt haben, das heißt gute Eiche.«
»Was du alles weißt«, staunte ich sie an.
»Zufall«, gab sie zu, »und American Guide Series: Arizona, the Grand Canyon State, ich hab’ vorhin drin geblättert, als ich auf« – und hier zögerte sie für einen winzigen Wimpernschlag – »auf euch gewartet habe.«
Das alles ist jetzt fast vierzig Jahre her, aber ich habe in manchen Nächten immer noch den Geruch ihrer Haut in der Nase, eine Kopfnote von Schweiß und Avons Unforgettable, eine Herznote von frischem Heu und Staub mit einem Tröpfchen Cola und einem Hauch Tabak. »Du musst doch nicht im Auto schlafen«, sagte sie und hielt die Tür des Wohnwagens auf. Das war bisher ihr Wohnwagen gewesen, Opas und Taleeshas, meine ich, und ich hatte mich jede Nacht auf der Rückbank des Pick-ups zusammengerollt. Manchmal, wenn ich noch mal draußen war, weil ich mich erleichtern wollte oder noch eine rauchen, dann hörte ich gedämpfte Geräusche, die mich neidisch machten. Wir hatten Taleesha am Lake El Dorado aufgesammelt, es hatte zwei Tage lang geregnet und sie sah zum Erbarmen aus. Wir überließen ihr den Wohnwagen und quetschten uns selbst in den Pick-up, aber schon am nächsten Tag ergab es sich irgendwie, dass sie mit Opa das Bett teilte. Opa hatte es drauf, schon immer. Er war immerhin der Kerl, der sein Kindermädchen geschwängert hatte, also wohlgemerkt: sein eigenes, das war von da an meine Oma, so ging das los. Und selbst jetzt, zusammen mit Taleesha im Klappbett, löffelchenweise, respektierte ich Opa und gestattete mir keine schlechten Gedanken. Ich hörte und spürte, dass das Mädchen leise weinte, und ich genoss ihre Wärme und Nähe. Dann schliefen wir ein. Keine Träume.
Taleesha saß auf dem Campingstuhl vor dem Wohnwagen, als ich herauskam. Ich setzte mich auf die Stufen des Trailers und beide begrüßten wir den neuen Tag wie aus einem Mund: »Und jetzt?«
Keiner wusste darauf eine Antwort. Sie warf mir die Packung Winston zu und ich steckte mir eine an. Eigentlich rauchte ich nur gelegentlich abends, aber ich wollte Taleesha die unverbindliche gemeinschaftsstiftende Wirkung der gemeinsamen Zigarette nicht abschlagen. Nach ein paar Zügen war mein Kopf klar, und mir fiel ein, was ich nicht bedacht hatte.
»Scheiße!« rief ich aus, »wir müssen ihn noch mal da rausholen.« Taleesha sah mich verständnislos an. »Ich habe nicht daran gedacht, dass wir einen Totenschein brauchen oder wie das heißt. Seine Frau, der Kiosk, sein Bankkonto, hier das Auto, der Trailer – das funktioniert ohne Totenschein nicht. Am Ende sitzen wir beide hinter Gittern, weil sie uns anhängen, wir hätten ihn umgebracht und in irgend so einen beschissenen Canyon geworfen.« Ich sah den grinsenden Sheriff von Lasolita vor mir und mir wurde schlecht.
So machten wir uns auf, die 85 hinunter und dann, kurz vor Lukeville, quer durch die Kaktuswüste nach La Buena Vista-und-so-weiter. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als ich endlich den Platz wiederfand, an dem ich Opa einen Tag zuvor beerdigt hatte. Taleesha weinte, als sie den Sandhügel mit den Steinen obendrauf sah, aber es half nichts, wir mussten ihn ausgraben. Es war leichter, als ich gedacht hatte, denn die Erde war noch locker, und ihn zu sehen war nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Er war äußerlich tipptopp, als hätte er sich gerade mal für ein Nickerchen in den Schatten gelegt. Wir hoben ihn aus seinem Grab, und ich war froh, dass sich Taleesha nicht ekelte oder einen Nervenzusammenbruch bekam. Wir legten ihn auf die Rückbank und fuhren nach Osten Richtung Nogales, als wir auf einen kleinen Ort namens El Sásabe trafen. Ein mittelgroßes Dorf, aber die Straßen waren von Nord nach Süd mit Ziffern und von West nach Ost mit Buchstaben bezeichnet, als wären wir in einer amerikanischen Millionenstadt. Auf einer Straße, die Calle Tercera hieß, fuhren wir in den Ort hinein, und Taleesha entdeckte an der Ecke Calle B das Schild eines Veterinärs.
Ich öffnete das Fliegengitter und klopfte gegen die Eingangstür. Nach ein paar Minuten erschien ein junger Mann, und ich fragte ihn, ob der Doktor zu sprechen sei.
»Ich bin der Doktor«, sagte er, »wo steht die Kuh, das Pferd, das Schwein?«
»Mein Opa«, sagte ich und zeigte auf den Pick-up. »Er wollte noch mal das Meer sehen, meiner Schwester und mir zeigen, wo er Großmutter zum ersten Mal geküsst hat, und dann …« Ich überließ es der Fantasie des Tierarztes, die Geschichte zu Ende zu spinnen.
»Herzschlag?«, fragte er, ich zuckte mit den Schultern und nickte mit dem Kopf.
»Dann hilft ihm wohl kein Einlauf«, sagte der Doktor, der ein ordentliches Amerikanisch sprach, jedenfalls glaubte ich, das Wort Clyster gehört zu haben.
»Es geht uns um den Totenschein«, ich hatte nach dem Wort Death Certificate gesucht, sagte aber Death Licence. Der Doktor verzog jedoch keine Miene.
»Sie müssen ihn hereinbringen«, befahl er, und so schleppten Taleesha und ich den Alten ins Sprechzimmer und legten ihn auf den Stahltisch, auf dem sonst Katzen und Hunde kastriert wurden. (Wenn ich allerdings jetzt darüber nachdenke, bin ich mir nicht sicher, ob in Mexiko jemals ein Hund oder eine Katze kastriert wurde, und wenn, dann wahrscheinlich eher nicht bei einem Veterinär mit Hochschuldiplom, das hier an der Wand hing.)
Der Arzt drehte Opa nach links und nach rechts, offensichtlich suchte er nach den üblichen Einschusslöchern, dann fand er eine Platzwunde am Hinterkopf, und ich erklärte ihm: »Er ist hingefallen, als es passierte.« Der Doktor nickte und ließ sich auch durch die Pilotenbrille, die Opa auf den letzten Metern in der Luft auf die Stirn geschoben hatte, die wattierte Weste mit dem Abzeichen der Sky Dancers und die Chaparralblüten auf seiner Brust nicht irritieren. Er setzte sich an seinen Schreibtisch, zog ein Formular aus der Schublade, das er ausfüllte, und übertrug die Daten in eine Kladde. Opas Namen und Geburtsort musste ich ihm buchstabieren, aber alles in allem waren wir zehn Minuten und fünfzig Dollar später wieder draußen.
Eigentlich hätten wir jetzt den wenig genutzten Grenzübergang und die Arizona State Route 286 nach Norden nehmen können, aber mit Opa auf der Rückbank und der Aussicht auf ein sauber ausgehobenes Grab 25 Meilen weiter westlich fuhren wir auf demselben Weg zurück, auf dem wir gekommen waren. Opa ist, jedenfalls soweit ich weiß, das erste Familienmitglied, das innerhalb von 36 Stunden zweimal beerdigt wurde.
Jetzt ist er weg
Jetzt war hier unten alles erledigt, eine Nacht noch, dann würden wir uns auf den Weg machen. On the Road Again, diesmal ich hinterm Lenkrad. King of the Road. Abschied von Opa, und ich ahnte, dass es diesmal für sehr lange sein würde.
In der Nacht schlief jeder auf seiner Seite, und als ich aufwachte, war Taleesha schon angezogen und hatte einen Becher Kaffee in der Hand. Ich stützte mich auf den Ellbogen, ließ die Jalousie am rückwärtigen Fenster hochschnellen und erschrak. Ganz deutlich waren dort Opas Hände auf der Scheibe zu sehen, so wie das aussieht, wenn Kinder mit Fingerfarben die Kindergartenfenster dekorieren, Handballen, fünf Finger, vom Daumen nur das vordere Glied, schräg zu den anderen vier. Opas Hände, grau-braun und rot. Jetzt erinnerte ich mich: Da war das Kaninchen gewesen, das hatte er geschossen, und nachdem er es ausgenommen und ihm das Fell über die Ohren gezogen hatte, war er gestolpert und hatte sich mit beiden Händen an der Scheibe abgestützt. Opas Hände, grau-braun und rot.
»Was machst du?«, fragte Taleesha, als ich mit einem Eimer loszog, ein Slalom um übermannshohe Kakteen und überalterte Wohnwagen, um am Waschhäuschen des Coyote Howl Trailer Parks Wasser zu holen.
»Nach was sieht’s aus?«, fragte ich zurück. Als ich wieder zum Wagen kam, hatte auch sie Opas Hände entdeckt. »Kein Gruß aus dem Jenseits«, beruhigte ich sie und erinnerte sie an den Vorfall zwei Tage zuvor.
»Aber wir haben das gestern nicht gesehen«, wandte sie ein.
»Weil wir müde waren«, gab ich zurück, »und wir haben auch die Jalousie nicht hochgemacht.« Ich schüttete schwallweise das Wasser über die Rückfront und Opas Hände verliefen sich über die Karosserie des Wohnwagens.
Taleesha und ich, wir beide hatten ein gemeinsames Ziel, deshalb verschwendeten wir auch nicht mehr viele Worte und machten uns auf den Weg. Ich hängte den Wohnwagen an den Travelette und wir zuckelten los. Wir wollten beide nach New York, das hatten wir gestern Abend beschlossen. Taleesha träumte, warum sollte sie nicht? Jetzt hatte sie ja fast nichts mehr als diesen Traum, in dem sie sich in New York sah, auf einer Bühne, gern auch Broadway, singend, tanzend, vom Beifall umtost. Oh doch, sie konnte singen – I’m sorry, Paper Roses, Blue Bayou sang sie, ein wenig kehlig, aber angenehm, mit warmem Timbre. Wo hast du …? wollte ich fragen, aber sie kam mir zuvor. »Ich singe, solange ich denken kann, du weißt, alle schwarzen Mädchen fangen im Kirchenchor mit dem Singen an.« Und sie begann wieder: Precious Lord, Take My Hands.
Ich hatte Taleesha versprochen, so weit wie möglich nach Norden zu fahren, bevor wir Richtung Ostküste abbogen, denn ein schwarzes Mädchen und ein weißer Mann auf dem Weg durch die Südstaaten, das konnte für beide böse enden. Ich hatte ein verblasstes Kartenblatt vor meinem geistigen Auge, wollte über Phoenix, Flagstaff und Albuquerque Denver ansteuern, von wo aus der Highway Nr. 70 ziemlich geradewegs nach Osten führt.
Am ersten Tag kamen wir nur bis Holbrook, ich war es nicht gewohnt, so lange Strecken zu fahren, muss ich zugeben, also stellten wir den Wohnwagen zwischen dem Puerco River und den Eisenbahnschienen in einem Gebüsch ab. Wir hatten unterwegs ein paar Donuts gegessen, jetzt holten wir das Bier aus dem Kühlschrank und hingen einfach nur rum, dösten, wechselten ein paar Sätze, alberten, bedauerten Opa (oder Johnny, wie Taleesha sagte) und dösten wieder ein. Irgendwann wurde es kühl, wir wechselten nach drinnen, hörten Radio Phoenix (Where The Valley Comes To Talk) und schliefen schließlich auf dem Klappbett ein.
Als ich wieder erwachte, war Taleesha schon angezogen und hatte einen Becher Kaffee in der Hand. Ich stützte mich auf den Ellbogen, ließ die Jalousie am rückwärtigen Fenster hochschnellen und erschrak. Ganz deutlich waren dort Opas Hände auf der Scheibe zu sehen, grau-braun und rot, wie die Abdrücke zweier mit Fingerfarben angemalten Hände. Ich sprang aus dem Bett und fiel fast mit der Tür nach draußen. Wir hatten uns seit gestern früh offensichtlich keinen Inch von unserem alten Stellplatz gerührt, der Wohnwagen stand abgekoppelt neben dem Pick-up zwischen den blöden Kakteen des Coyote Howl Parks. »Ganz ruhig, Schätzchen«, raunte ich Taleesha zu, als gelte es, eine Klapperschlange nicht im Schlaf zu stören.
»Das ist nicht Holbrook«, sagte sie nur tonlos, glücklicherweise keine Spur von Hysterie.
»Nein, das ist definitiv nicht Holbrook, absolutely positively not. Er will uns etwas sagen.«
Taleesha blickte nach oben, in das strahlende Blau des Himmels, während ich nur in die unendlich eintönigen Fernen der Sonora-Wüste schaute. »Du weißt doch auch, dass wir gestern Morgen von hier losgefahren sind, oder?«
»Ich glaube schon«, antwortete ich, »andererseits …«
Ich sah es Taleesha an, dass sie versuchte, dem Ganzen einen Sinn abzukämpfen, doch es kam nichts mehr von ihrer Seite. Also zog ich wieder los, um Wasser zu holen und den Dreck abzuwaschen. Der war schließlich ganz von dieser Welt. Wieder koppelten wir den Trailer an den Pick-up und zockelten nach Norden – Ajo, Casa Grande, Phoenix. In Camp Verde nahmen wir wieder Donuts auf, und der pickelige Highschool-Jüngling hinter dem Tresen sah uns an, als hätte er uns schon einmal gesehen. »Kann ich dir irgendwie helfen?«, fragte ich ihn. Taleesha stieß mir in die Seite, aber mich ritt der Teufel.
»Ah, Sir, keine Ahnung …«, stotterte der Junge.
»Keine Ahnung von was?«
»Ich hab’ nur gedacht, ich hätte Sie schon mal gestern …« Er fuhr mit dem Zeigefinger durch die Luft, rechts-links, rechts-links. Genau, dachte ich, da hast du vollkommen Recht.
»Gibt’s wahrscheinlich nicht so häufig hier«, bohrte ich weiter, »ein blonder Kerl mit dänischem Akzent und ein schwarzes Mädchen von solcher Schönheit, wie Salomo sie von der Königin von Saba rühmt.«
»Nein, Sir«, sagte der Junge, und fühlte sich nach meiner Rede befugt, Taleeshas Brüste ausgiebig zu begutachten, »Salomo kenne ich hier keinen.«
Wir fuhren erneut nur bis Holbrook und stellten den Wohnwagen wieder zwischen dem Puerco River und den Eisenbahnschienen in einem Gebüsch ab. Wir änderten nichts, machten dasselbe wie am Tag zuvor, bis ich sagte: »Normalerweise passiert ja in allen Geschichten so etwas dreimal, dann kommt die Erlösung oder die Katastrophe, je nachdem, ob es darum geht, dass der Held standhaft bleibt oder dass er dreimal Gelegenheit hatte, die Handlung zum Guten zu wenden.«
Taleesha stand auf, kam zu mir herüber, zog mich aus meinem Hocker hoch und führte mich zum Wohnwagen. »Ich will aber nicht dreimal denselben Scheißhorror erleben, Laury, lass es uns jetzt ändern!«
Niemals hätte ich gewagt, sie unter diesem Vorwand rumzukriegen. Aber sie durfte das, natürlich, so war das damals. Ich hatte ja bisher nur Annemarie kennengelernt, und die hat mir nach unserem zweiten Mal hinter dem Fahrradschuppen der Uni den Laufpass gegeben, irgendetwas muss ich verkehrt gemacht haben. An Mette dachte ich in dem Moment gar nicht, ich weiß nicht wieso, aber Mette war wie ausgelöscht in meinem Kopf, und es sollte noch Monate dauern, bis mir Mette wieder einfiel.
Bei Taleesha aber war alles gut, es war, als wäre es gleichzeitig das erste und das hundertste Mal, aufregend neu und doch ohne diese Prüfungsangst, die Jungs unter euch wissen, was ich meine. Ich dachte – also bitte, das war 1961 und ich habe mir damals nichts dabei denken können – ich dachte: das zweite Mädchen, und dann so eine (ich denke, in meinem inneren Monolog sagte ich wirklich: so eine) mit dieser exotisch schwarzen Haut und den tollen Brüsten und dann der Hintern, Entschuldigung, aber das ist Originalton 60er und ich will nichts beschönigen.
Zehn Minuten später, als ich mich erholt hatte, bemerkte ich irgendwie, dass Taleesha nicht genauso zufrieden war wie ich, aber mit dieser Erkenntnis wusste ich damals nichts anzufangen. »Wir könnten jetzt gleich weiterfahren«, schlug sie vor, »nur um diesmal wirklich alles anders zu machen«.
»Mitten in der Nacht?«, wandte ich ein, »das geht nicht, das ist mir zu dunkel«. Wie meistens nachts.
Sie lachte. »Dann schlafen wir halt«, sagte sie, und das war wahrscheinlich das Beste, was wir tun konnten.
Als ich erneut an diesem Ort erwachte, hoffte ich inständig, dass es diesmal wirklich dieser Ort war, und trotzdem beugte ich mich zuerst zu Taleesha hinüber, um ihr einen Kuss auf die schlafenden Lippen zu hauchen. Doch sie drehte den Kopf zur Seite, als ob sie die Annäherung meines nachtfaulen Atems schon geahnt hätte. Ersatzweise ließ ich meine Hand unter der Decke nach unten wandern, aber da war sie schon wach und schob mich weg. »Lass das!«, fauchte sie leise, »keine Chance, was war, war, und jetzt ist es, wie es ist. Hast du denn überhaupt schon nachgesehen?« Mit einer nachdrücklichen Kopfbewegung deutete sie auf das rückwärtige Fenster. Ich stieg über sie hinweg aus dem Klappbett und öffnete die Tür. Da war die Eisenbahnlinie, auf der anderen Seite der Rio Puerco, um uns Büsche und Sträucher. Keine Kakteen. Und keine Fingerabdrücke auf der Scheibe. Taleesha hatte sich in die Bettdecke gewickelt, die sie fest an Brust und Bauch drückte. »Er ist weg«, sagte sie leise.
Es ist noch Kartoffelsalat da
In fünf Tagen sollten wir es bis New York City schaffen, und ich fürchtete die Fahrt als eine endlose Abfolge von Asphalt, braunen, gelben und grünen Landschaften in allen Schattierungen, Diners, die sich glichen wie ein Fried egg overeasy dem anderen. Aber es kam anders. Und vor allem war da ja auch noch Taleesha, die ab dem Moment, an dem uns zum ersten Mal die Morgensonne von vorne beschien, plapperte, sang, Kaugummi-Bubbles blies, sang und plapperte.
Ich hörte kaum zu, hing meinen Gedanken nach, manchmal auch laut, dann schlief sie ein, weil sie nicht verstand, was ich auf Deutsch oder Dänisch erzählte, und weil da draußen doch nur Asphalt und braune, gelbe und grüne Landschaften in allen Schattierungen vorbeizogen. Ich dachte darüber nach, was ich von Opa wirklich wusste, und was ich wusste, was er wusste. Hat er alles mit ins Grab genommen, sagte ich zu dem Little Tree, der am Innenspiegel hing. Der wackelte vor sich hin und duftete ungerührt nach Grünem Apfel. Es ist immer alles für immer hin, fuhr ich genauso ungerührt fort, dieser ganze Hirnkram, knips, aus, vorbei. Dabei hätte ich gerne gewusst, was Opa gewusst hatte, erlebt und gesehen und gefühlt und gehört. Wie war das, als er mit seinem Kindermädchen gebumst hatte? (Oder wie hat man wohl damals dazu gesagt, ich meine: 1914 in Masuren? Wahrscheinlich hat man gar nicht lang geredet, mir wäre das auch lieber gewesen.) Was hat er im Krieg gesehen, im ersten, im zweiten? Ich erinnerte mich dunkel an ebenso dunkle Familiengeschichten, da war irgendetwas mit Spionage oder Fahnenflucht. Oder war es dabei um meinen Vater gegangen, also meinen richtigen Vater, der war doch auch nicht mehr aufgetaucht? Ich hieb mit der flachen Hand aufs Lenkrad, verdammt! Ich hatte Zeit gehabt, ihn zu fragen, und was habe ich gemacht? Wir haben über Elvis, Kennedy und die diversen Hintern von Filmschauspielerinnen gesprochen und wir haben uns gestritten: Ich war für Horst Buchholz und Die Glorreichen Sieben, er für Jean-Paul Belmondo und Außer Atem. Ich war für Kirk Douglas und Spartacus, er für Marcello Mastroianni und Dolce Vita. Ich habe viel von ihm über Dramatik und Filmkunst gelernt, aber rein gar nichts über ihn. Nicht über Opa, über Oma, meinen Vater, seine Frau – du meine Güte: Gerade eben merkte ich, dass ich so gut wie nichts über meine Familie wusste! Jedenfalls nicht aus erster Hand. Ich konnte etwas über ihn lernen, wenn ich etwas von ihm lernte, aber dazu hätte ich nachdenken müssen, unsere Gespräche reflektieren. Aus. Vorbei. Für immer!
Heute ärgere ich mich, dass ich nie Tagebuch geführt habe, versuche mich in mein vergangenes Leben hineinzuversetzen, um festzuhalten, was es ausmachte. Aber, ach, man wird uns ja doch vergessen. Alles, was wir für bemerkenswert und wesentlich gehalten haben, wird mit der Zeit vergessen sein oder unwichtig erscheinen. Und wir können jetzt überhaupt noch nicht wissen, was man in Zukunft einmal bedeutend und wichtig nennen wird. Vielleicht wird es ja gar keinen Begriff von Bedeutsamkeit mehr geben. ›Was meinst du mit bedeutsam?‹ wird man fragen, mit den Schultern zucken und weitergehen.
Doch jetzt war erst mal damals, und damals bin ich in Denver dann doch nicht auf die 70, sondern auf die 76 gefahren, die später in die 80 übergeht, hoch nach Nebraska, weiter Richtung Iowa, kurz vor Des Moines noch mal Halt machen bei den Verwandten in Ole Crossing, dänische Blutsbande, noch mal Großtante Margret sehen, Onkel Jasper, Tante Mabel und so weiter. Die Leute in Earlham oder Dexter oder Winterset denken, dass Ole Crossing so heißt, weil hier eine alte Furt über den Middle Creek führt (Ole im Sinn von: Ol’ Man River), aber es war Ole Olsen aus Store Thorlund, der 1847 hier einen Schweinestall gebaut hat – erst einen Schweinestall, dann sein Wohnhaus, und nach dem ist die Furt durch den Middle Creek benannt.
Es ist Samstagabend in Ole Crossing und alle sind draußen unterwegs, Straße fegen, die Kirche mit Blümchen schmücken, Heu einbringen, Kleid von der Schneiderin holen, Kinder zum Baden einsammeln, einfach nur geschäftig sein, hin- und herlaufen, sich sehen lassen. »Hej, Arne, dejlig aften.« – »Ja, det kan du sige.« Worte, die hin- und herfliegen, tausendmal gesprochen, belanglos der Inhalt, dennoch wichtig. Jetzt aber: großes Hallo bei unserer Ankunft. »Wie war’s bei den Chicos?« – »Wir können aber auch ganz schön heiß hier oben.« – »Hast du Mabel ’nen Kaktus mitgebracht?« – »Nun mal her mit dem Tequila!« – »Treffen sich zwei Mexikaner beim Metzger …« – lauter solche Sachen, über die man zwischen all dem Händeschütteln und Schulterklopfen und Umarmen nur hinweggrinst. Bis zu dem Augenblick, wo Großtante Margret die Frage aller Fragen stellt: »Wo habt ihr denn Hänschen gelassen?«
Ich weiß bis heute nicht, welchen Teil meiner Erzählung sie geglaubt haben: Das mit dem Fallschirm, das mit dem lutherischen Pastor, der zufällig vorbeikam und Opa beerdigt hat, oder das mit seinen letzten Worten. »Hat er noch etwas gesagt?« – »Ja, doch, ich hielt ihn in den Armen, etwa so, und er schaute mich glücklich lächelnd an.« – »Und was hat er gesagt?« Mir fiel nichts Besseres ein als: »O Junge, wir sind dem Bertil noch einen Hahn schuldig, entrichte ihm den, und versäum es ja nicht.« – »Ja, so war er, treu und gewissenhaft bis zum Ende«, sagte Mabel und alle nickten, obwohl sie ihn erst wenige Wochen zuvor persönlich kennengelernt hatten.
Es wurde dann doch noch ein lustiger Samstagabend. Ich erzählte natürlich noch die Geschichte von der Grenze und der Zirkustruppe, »det er opfundet«, warf Onkel Jasper aufgebracht ein.
»Nein, so wahr ich hier sitze, es ist nichts erfunden«, entgegnete ich und war so angestachelt, dass ich beinahe die Sache mit den blutigen Händen zum Besten gegeben hätte. Noch bevor mir Taleesha ihren Ellbogen in die Rippen rammen konnte, setzte die Musik ein, jemand hatte Fidel und Banjo geholt und es wurde gesungen.
Morten kam rübergeschlendert, reckte vor mir die Brust raus und sagte: »Lass sie doch mal tanzen, Negerweiber können doch so gut tanzen, das wär’ doch ’n Spaß.«
»Frag sie doch selber!«, gab ich zurück.
Morten schaute nur aus den Augenwinkeln zu Taleesha hinüber, beugte sich zu mir herunter und flüsterte laut genug: »Und wie ist sie so?« Zum Glück legte jemand von hinten Morten die Hand auf die Schulter, »machst du mit?«, fragte er ihn, und Morten nickte und drehte ab.
»Nein, nein, kommt nicht in Frage«, sagte Margret später, »du schläfst nicht in dieser Kiste da.« Sie meinte den Wohnwagen, den ihr Neffe Jake aus Bevington uns bei unserem ersten Halt auf dem Weg in den Süden verkauft hatte. »Du schläfst im Haus, und die« – sie zeigte auf Taleesha –, »Brenda, Liebes, warum bringst du sie nicht zu der Hütte, wo die Erntehelfer immer schlafen« – und im gleichen Atemzug an mich gewandt: »Sie ist doch reinlich, oder?«
Ich hatte die Nase voll, aber Taleesha beruhigte mich: »Lass nur, ist schon gut, ich kenne das.«
»Ich war immer gut zu meinen Negern«, sagte Margret, die mitbekommen hatte, dass ich sauer war, »und Neil und Kirk durften immer mit ihnen spielen. Frag Yetty!« Sie zeigte auf eine alte Frau, die abseits unter einem Ahornbaum saß und an einer Flasche Cola nuckelte. Sie war die einzige schwarze Einwohnerin des Ortes und mit ihren einhundertundzwei Jahren hätte sie eine Menge Geschichten auf Lager haben können. »Wenn sie noch richtig im Kopf wäre, könnte sie dir erzählen, wie gut wir immer für alle gesorgt haben. Das ist nicht der Süden, wir sind hier in Iowa, und Großvater hat für die Union seinen linken Arm gegeben.«
Woher kommt das, dass man manchmal einfach das Falsche sagt oder tut, gar nicht böse gemeint, einfach so, ohne nachzudenken, und alles ist verdorben, und man mag sich nicht mehr im Spiegel ansehen und noch Jahre später quält einen die Scham, wann immer man an diesen Augenblick denkt. Und manchmal sagt und tut man genau das Richtige, das einzige, was angemessen ist, ehrlich, aufrichtig, und so sagte ich: »Nein, Taleesha bleibt bei mir.«
Taleesha schlief im Wohnwagen und ich auf der Rückbank des Pick-ups, so weit wollte ich dann doch nicht gehen, dass ich mit einem Negermädchen im selben Bett liege, sozusagen vor aller Augen. Auch in Iowa – ups! – brennen zuweilen Hütten.
Sonntag, Kirchgang. Das war wie zuhause in meiner Kindheit: leiernde Choräle (von einem Lied haben wir vierzehn Strophen gesungen!), gemurmelte Gebete, eine endlose Predigt (ich nahm sie als Buße für all meine Sünden der letzten Tage), Fürbitte für den Präsidenten, die Verworfenen dieser Welt und Peter Peterson, der sich vergangene Woche ein Bein und einige Rippen gebrochen hatte, als er seinen Zuchteber bändigen wollte. Auf den geistlichen Segen folgte der Segen der dänisch-amerikanischen Küche: riesige Hackbraten, in deren Innerem sich Hühnerleber, Käsewürfel, Lauchringe und ganze gekochte Eier verbargen, gegrillte Schweinebäuche, geräucherter Speck, Hühnerschenkel, luftgetrocknete Hartwürste, buttertriefende Maiskolben, Berge von Kartoffelsalat (deren Herstellung und Zutaten ein unerschöpfliches Gesprächsthema während des Essens waren, wie wahrscheinlich schon seit hundert Jahren), verschiedene Weißkrautsalate, mit Käse überbackener Blumenkohlauflauf, schließlich mehrere Lagkage, zwischen deren Schichten sich die Beerenernte des gesamten Countys drängte (was man aber erst erkennen konnte, wenn man sich durch die Schlagsahne gearbeitet hatte), dazu Hefezöpfe, gefüllt mit Pflaumenmus. Ständig kam eine der Frauen vorbei, um eines ihrer Werke anzupreisen und zur Überprüfung der Werthaltigkeit ihrer Worte auch gleich auf den Teller zu häufen. Nach den Wochen schmaler Kost befürchtete ich das Schlimmste für meine Verdauungsorgane, doch halt!: dafür gab es ja den Akvavit!
Wir müssen morgen früh los, entschuldigte ich uns am frühen Abend, und wir umarmten uns und sagten »Ses snart!« und »See you!« und »Tak for gæstfriheden!« und »Danke für alles!«, und dann zogen wir uns in den Wohnwagen zurück. Lass uns gleich abhauen! schlug ich vor, doch Taleesha sagte etwas von Höflichkeit und Müdigkeit und Dunkelheit, und so legte ich mich im Pick-up schlafen und so war es auch gut.
Der Abschied war versöhnlich, wir bekamen noch einen Kaffee, und Großtante Margret belud den Pick-up eigenhändig mit Bergen von Plastikbehältern, bis zum Rand gefüllt mit Schinken und Würsten, mit Kartoffelsalat und Roter Grütze, damit wir nicht schon am ersten Tag unserer Weiterreise verhungerten. »Hilsen mit hjem«, bat mich Margret, und ich versprach, beim nächsten Besuch eine Tüte mit Heimaterde mitzubringen.
Im Auge des Tornados
Taleesha wollte unbedingt nach Des Moines, weil ihr Onkel vor mehreren Jahren mit seiner Familie dorthin gegangen war. »Er wollte einfach nur weg aus dem Süden. Ich habe zuhause über meinem Bett immer noch die erste Ansichtskarte angepinnt, die er uns geschrieben hat. ›Hier ist es wunderbar, kommt auch, es gibt Arbeit für alle.‹ Auf der Vorderseite war das Iowa State Capitol abgebildet, das hat eine Kuppel aus echtem Gold.« Deswegen wollte sie, dass wir dort anhielten, sie wollte das Kapitol mit der goldenen Kuppel sehen, das war für sie so etwas wie das Versprechen an alle, goldene Zukunft und so.
»Magst du deinen Onkel besuchen?«, fragte ich, »weißt du, wo er wohnt?«
»Ja, doch, weiß ich.«
»Dann lass uns hinfahren, oder?«
Taleesha gab zunächst keine Antwort, dann sagte sie: »Glendale Graveyard«.
»Der Friedhof? Was ist passiert?« Ich war geschockt.
»Keine Ahnung, irgendeinem Cop zu lange in die Augen geschaut oder die Hand nicht aus der Hosentasche genommen oder die Hand zu schnell aus der Hosentasche genommen, wie gesagt: keine Ahnung.« Wir schwiegen eine Dreiviertel Meile lang. Dann sagte sie: »Mein Cousin liegt auch dort.«
»Und deine Tante? Und die anderen?«
»Keine Ahnung, nie mehr was gehört.«
Aber die goldene Kuppel, die wollte sie doch sehen, also parkten wir da, wo der Des Moines River und der Raccoon River zusammenfließen, und spazierten hoch zum Kapitol, das am Ende nichts anderes ist als ein riesiger Kasten mit einer furchteinflößenden hohen Treppe und riesigen Säulen und einer im Verhältnis viel zu kleinen Kuppel, und ja: sie ist vergoldet. Wir ließen uns unsere Enttäuschung nicht anmerken, tranken auf dem Rückweg zum Auto eine Cola und suchten wieder Anschluss an die Route 80.
Es war früher Nachmittag, das Autoradio dudelte gerade Somewhere Over The Rainbow, als sich vor uns eine schwarze Wand aufbaute. Das muss kurz vor Genoa Bluff gewesen sein, und ich verfluchte Des Moines, denn eigentlich sollten wir schon viel weitergekommen sein. »O je«, sagte ich, »von wegen Rainbow, wie’s aussieht, fahren wir direkt in ein Unwetter.« Es war gespenstisch, rechts und links und hinter uns brannte die Sonne, die abgeernteten Mais- und Weizenfelder glänzten in ihrem Schein, und vor uns hatte irgendetwas alles Licht aufgesaugt.
»Nein, Laury«, erwiderte Taleesha ernst, »wir fahren nicht hinein, es kommt auf uns zu«. Jetzt sah ich es auch, halbrechts löste sich ein Streifen, der noch dunkler war als das dunkle Schwarz, das ihn umgab, und der von der Erde bis in den Himmel reichte. Er bewegte sich in unsere Richtung, bis er auf eine halbe Meile herangekommen war. Ich hatte so etwas noch nie zuvor gesehen: Eine Wolkensäule, vielleicht hundert Meter im Durchmesser, die sich mit rasender Geschwindigkeit um sich selbst drehte. »Ein Tornado«, sagte Taleesha mit Ehrfurcht in der Stimme, »Laury, wir müssen hier raus«.
»Ich kann doch nicht hier stehen bleiben, mitten auf der Landstraße«, wandte ich ein, aber sie war schon draußen und rannte zum Straßengraben. Die Wolkensäule war jetzt ganz nah. Sie hielt kurz an der Landstraße an, als sei sie sich nicht sicher, ob sie Vorfahrt hat, und kam dann direkt auf uns zu. Ich sprang Taleesha hinterher und warf mich auf sie in den Graben. Irrigation ditch, dachte ich – verrückt, welche Wörter aus dem Schulunterricht einem manchmal noch so einfallen. Wenn ich irrigation ditch denke, dann denke ich gleichzeitig immer auch an den Französisch-Kurs: fièvre paludienne, werde ich nie brauchen, aber auch nie vergessen. Kann sein, wenn ich mal wieder einen Tornado sehe, werde ich denken: irrigation ditch, fièvre paludienne. Was das Gehirn so mit einem macht …
Auf einmal war er da. Ich weiß nicht, wie ich das jetzt beschreiben soll: Ich bebte, ich glaube, das trifft’s am besten, alles in und an mir bebte, dann fand ich mich plötzlich neben dem Graben im Feld, alles war gelb vom trockenen Staub, dann wurde ich auf die Knie gehoben und es war still. Erst in diesem Augenblick merkte ich, welch einen Höllenlärm aus der Wolkensäule gekommen war, wie Propellermotoren einer ganzen Flugzeugarmada. Doch jetzt war es still – kein Laut, kein Wind, kein Stäubchen bewegte sich. Ich stand auf. Etwa zehn Meter weiter sah ich Taleesha, sie blickte nach oben, und ich folgte ihrem Blick. Wir standen inmitten einer Wolkenkathedrale, deren Wände sich um uns drehten, unten schwarz, dann allmählich heller werdend, bis sie in strahlendem Weiß den Himmel berührten. Der schaute in einem makellos hellen Blau zu uns herunter, das Blau, wie ihn der Mantel der Gottesmutter auf manchen Gemälden hat, so ein Alles-wird-gut-Blau, ein Wohlfühl-Blau, ein Willkommen-im-Paradies-Blau. Ich hatte einen starken Verdacht, aber noch schienen wir zu leben.
Das Blau des Himmels hatte etwas Tröstliches, Verheißungsvolles, denn hier unten waren alle Farben verschwunden, und das nicht nur in irgendeinem übertragenen Sinn, sondern ganz real. Taleesha war schwarz und ihre Augen weiß mit einem schwarzen Klecks in der Mitte, meine Hände und Arme waren grau, grau waren unsere Kleider, grau der Boden unter unseren grauen Schuhen, als hätte plötzlich jemand mitten im Film von Technicolor auf Schwarz-Weiß umgeschaltet.
Und dann sahen wir sie beide zur gleichen Zeit, und sie sah uns. Etwa fünfzig Meter entfernt, mitten in dieser Halle des Lichts und der Stille, stand ein Mädchen. Es war etwa sechszehn oder siebzehn Jahre alt, auch wenn es auf den ersten Blick jünger ausgesehen hatte, wohl weil es so kindisch angezogen war und seine Haare in zwei dicken Zöpfen über die Schultern fielen, und wohl auch, weil es still vor sich hin weinte. Taleesha lief hinüber, nahm es in den Arm, und ich ging auf die beiden zu.
»Ist das hier Kansas?«, fragte das Mädchen.
»Nein, ich glaube, wir sind in Iowa«, sagte ich ernsthaft, obwohl ich wusste, dass das jetzt nicht wirklich wichtig war.
»Iowa?«, wiederholte sie erschrocken und schaute sich um, als wollte sie überprüfen, ob sie mir Glauben schenken dürfte.
Da hörten wir diese Klänge, ein gewaltiges Brausen erhob sich, und ganz klar konnte man einzelne Töne vernehmen, die ineinander übergingen, es klang fast wie eine gewaltige himmlische Glasharmonika. Ich werde die Melodie nie vergessen, eigentlich waren es nur gebrochene Akkorde, und jetzt, im Rückblick, kann ich sagen, dass sie den Anfangstakten von Stairway To Heaven verdammt ähnlich waren. Ich habe versucht herauszufinden, wo Jimmy Page Anfang September 1961 war, aber da ging er wohl noch zur Schule. Die Musik klang überirdisch, sie war überall, füllte diese Kathedrale, und als ich nach oben blickte, glaubte ich zu sehen, dass sie sogar das Marianische Blau ein wenig verschleierte.
Da packte mich Taleesha am Arm und schüttelte mich. »Wir müssen uns auf den Boden legen und ganz dicht beieinanderbleiben«, schrie sie mich an. »Wenn sich der Tornado weiterbewegt, müssen wir uns so gut wie möglich sichern.« Wir fanden den Straßengraben wieder und schmiegten uns an die Erde, unter mir Taleesha, unter ihr das Mädchen, und alle mit ineinander verschränkten Armen und Beinen. Dann begann der Hölle zweiter Teil, die Erde bebte, und ich hatte das Gefühl, dass mir alle Glieder ausgerissen würden. Dann wurde es ruhiger, ein starker Sturm blies übers Feld, der sich schnell legte, das Donnern wurde zu einem Brausen, zu einem Sausen, einem Säuseln. Stille.
Wir setzen uns auf und entfernten Staubkörner und Strohhalme, so gut es ging, aus den Haaren und von den Kleidern. »Wie es wohl Tante Emily geht?«, fragte das Mädchen, das jetzt seine Farbe zurückgewonnen hatte. Ihr Haar war mittelbraun, sie trug ein blaues Trägerkleid, eine weiße Bluse und ihre Füße steckten in blauen Söckchen und roten Schuhen.
»Tante Emily?«, fragte Taleesha zurück.
»Ja, die Tante in Good Intent.«
»Was ist Good Intent?«, fragte ich.
»Das ist da, wo wir wohnen, Tante Emily, Onkel Henry, ich, Hunk, Hickory, Zeke, das heißt Good Intent.«
Ich betrachtete sie eingehend, und ich schwöre, sie war ziemliche siebzehn, ganz anders als ihre Frisur und ihre Kleider Glauben machen wollten. »Und du bist?«, fragte ich.
»Dorothy«, gab sie zur Antwort und schaute beschämt unter sich.
»Was ist passiert?«
»Ich weiß nicht, ich kann mich nicht erinnern. Ich denke, ich bin weggelaufen.«
»Von Tante Emily?«
»Ja, nein, mehr von Onkel Henry.« Sie schaute kurz auf, um sich unserer Reaktion zu vergewissern.
»Dein Onkel Henry, hat er …?« Sie zuckte nur heftig mit den Schultern. »Hat er dir etwas getan?« Dorothy schaute weiter nur unter sich.
»Plötzlich kam Sturm auf«, nahm sie ihre Erzählung wieder auf, »und dann …« Sie schaute wie zur Erklärung um sich. Überall im Feld und auf der Straße lagen Trümmerteile und in der Ferne drehte sich die schwarze Wolkensäule Richtung Carnforth weiter.
»Und jetzt?«, fragte ich in die Runde, und Taleesha sagte munter: »Jetzt bringen wir die Kleine erst mal wieder nach Hause.«
»Nein!«, schrie das Mädchen panisch, und das anschließende Schweigen war lauter als ihr Aufschrei.
»Wir müssen weiter nach New York«, gab ich zu bedenken, doch sie nickte nur.
»New York ist gut, alles klar, New York!« Dann zog sie geräuschvoll die Nase hoch.
Ich gebe zu, dass wir in dieser Situation alle ein klein wenig überfordert waren. Ist erst mal ein Tornado über dich hinweggegangen, dann funktioniert im Kopf nicht mehr alles so, wie es sollte. Ich stand auf und schaute mich um, wo ich den Wagen und den Trailer geparkt hatte. Den Travelette fand ich ein wenig abseits der Straße im Feld, und er schien so weit in Ordnung zu sein. Doch der Wohnwagen war verschwunden, nur die Tür mit dem Aufkleber Come In To Be Outside lag ein paar Meter vom Auto entfernt. ›Oh je‹, dachte ich, ›jetzt regnet es irgendwo Blech und Plastik und Würstchen mit Kartoffelsalat‹.
Ich bugsierte die Karre zurück auf die Straße, auf der es jetzt fast so aussah wie auf der Piste durch die Wüste vor ein paar Tagen. Als ich wieder zu den beiden anderen stieß, hörte ich, wie Taleesha sagte: »Aber du musst doch wieder nach Hause!«
»Ich will aber nicht zurück in das Good Fucking Intent«, schrie Dorothy sie mit zusammengebissenen Zähnen an, und ich musste lachen. »Was gibt’s denn da zu lachen?«, fauchte das Mädchen so aufgebracht, wie es nur ein Teenie kann.
»Na, wenn ich dich so ansehe«, ich ließ meinen Blick wandern, von den Zopfspangen bis zu den roten Schuhen mit den Schleifchen, »also, wenn ich dich so ansehe, denke ich, dass Fucking nicht die angemessene Sprache für dich ist. Du siehst eher aus, als ob du deinen Teddy vermisst.«
Dorothy riss sich die Spangen aus dem Haar, öffnete die Zöpfe, fuhr mit beiden Händen durch ihren Schopf, beugte sich vor und wieder zurück, um die ganze Pracht um ihren Kopf und auf ihren Schultern zu verteilen und sah mich von unten durch ihr Pony an: »Besser so?«
»Definitiv«, sagte ich, »jetzt brauchst du nur noch einen Petticoat mit Polka Dots oder Jeans und so eine von den Blusen, die du überm Bauch knotest …«
»Meingott, Männer!«, stoppte mich Taleesha. Also gut, ich hielt die Klappe und klemmte mich hinters Lenkrad. Zwei Tage, zwei Nächte, so dachte ich, dann bin ich sie endlich wieder los. Leider.
Bald – was auf amerikanischen Highways ›bald‹ heißt – erreichten wir den Lake Michigan, und ich bog auf eine kleinere Straße ab, auf der wir dem See näher sein konnten.
Ich muss so sieben oder acht gewesen sein, Opa gehörte noch nicht lange zu unserem Leben, da kamen wir von einem Badetag an der Ostsee zurück, Opa und ich. Schon in der Haustür platzte es aus mir heraus: »Opa ist heute übers Wasser gelaufen!«, erzählte ich aufgeregt meinen Eltern.
Mein Vater gab mir einen Klaps auf den Hinterkopf und sagte: »Du sollst nicht lügen!«
»Aber es ist doch wahr!« Ich stampfte mit dem Fuß auf.
Opa schaute zugleich betreten und herausfordernd. Weil er hinter mir stand, konnte ich freilich nicht sehen, wie er schaute, doch in den Augen meiner Mutter erkannte ich den Widerschein des Betretenseins und die Augen meines Vaters gaben das Spiegelbild der Herausforderung ab. »Ist doch keine große Sache«, sagte mein Opa, und meinte es beschwichtigend, doch meine Mutter antwortete umgehend: »Das wäre auch das erste Mal, dass du zu einer großen Sache fähig wärst.«
»Na, dann schau dir aber mal den Buben an«, gab er ohne Zögern zur Antwort, und Mutter fauchte ihn an: »Kein Wort mehr, sonst hast du ihn gesehen!« Ich verstand von alledem nichts, und weil er bemerkte, dass hinter meiner Stirn eine große Frage Gestalt annahm, scheuchte Vater mich in mein Zimmer.
Das war es, woran ich denken musste, als wir an diesem Lake Michigan entlangfuhren, der ein See ist, jedoch vom Ufer aus betrachtet so groß wie ein Meer. »Mein Opa konnte übers Wasser gehen«, sagte ich laut zu den beiden anderen, die es sich auf der Rückbank bequem gemacht hatten.
»O Jesus!«, entfuhr es Taleesha, »ohne Scheiß jetzt?«, fragte Dorothy, und ich nickte. »Mann, cool«, fügte Dorothy hinzu und Taleesha ließ ein »Wie konnte er …« unvollendet stehen.
»Keine große Sache«, antwortete ich mit Opas Worten, und ich weiß nicht, was mich geritten hat, aber es rutschte mir einfach so heraus: »Kann ich auch.« So kam es, dass ich an einem Donnerstag, dem 7. September 1961 über die Wasser des Michigan-Sees gewandelt bin – nur für den Fall, dass ihr eine Sekte gründen wollt, wir können das auf Franchise-Basis machen. In Amerika würde das gut laufen, da bin ich mir sicher.
Soweit ich mich erinnern kann – mein Gott, das ist wie gesagt eine Ewigkeit her – sind wir bei Burns Harbor ans Ufer runtergegangen, und ich habe mir vorsorglich Schuhe und Strümpfe ausgezogen. Der Wind blies sanft, aber beständig aus Süden, als ich die Wasserfläche betrat. Wahrscheinlich hat sich keiner so sehr gewundert wie ich, als ich tatsächlich die ersten Schritte machte. Die kleinen Wellen kitzelten an den Fußsohlen, aber sonst war alles ok. Vom Ufer her trug der Wind die erstickten Aufschreie der beiden Mädchen heran, und ich spürte einen Flow, der mich weitertrug. Wenn man mal den ersten Schritt gemacht hat, dann geht es wie von selbst, glaubt mir.
Ich schritt also über die Wasser des Michigan-Sees und erhob dabei – ich kann es nicht anders sagen – meine Seele zum Herrn. Es hatte etwas von einem Erweckungserlebnis, ich riss die Arme hoch, legte den Kopf in den Nacken, schaute in den Himmel, auf dem leichte weiße Wolken nach Norden getrieben wurden und immer wieder die Sonne verdeckten, und schrie so laut »Halleluja«, dass die Menschen in Chicago und Milwaukee zueinander sagten: »Hast du die Stimme vernommen, die da Halleluja gerufen hat?« Ach, was sage ich: Von Sheboygan bis Itchi-iti-kipi Spring und von Ludington bis Saint Ignace, rund um den ganzen großen See schauten sich die Menschen an, ob Amerikaner oder Kanadier oder Menschen der Ersten Nation, und lachten und sagten: »Er hat den Herrn gepriesen!«
In diesem Augenblick entschloss sich eine Silbermöwe, einen gewaltigen Schwall Scheiße fahren zu lassen, der mich mit einer solchen überraschenden Wucht auf die Stirn traf, dass er meine Sinne benebelte. Ich hatte einen dicken weißen Misthaufen auf dem Vorderlappen meiner linken Gehirnhälfte, und mir war sofort klar, dass das nichts Spirituelles war, auch wenn es von oben kam. »Scheiße!« rief ich aus, so laut, dass … na, ihr könnt es euch denken, und die Leute in Sheboygan und Saint Ignace zuckten zusammen und kehrten schnell und ein bisschen beleidigt zu ihren alltäglichen Beschäftigungen zurück. Doch jetzt war ich aus dem Tritt gekommen, strauchelte, stolperte, und ehe ich mich versah, war ich bis zu den Waden in den Fluten eingesunken. Ich fing an, mit den Armen zu rudern, trat heftig mit den Füßen, als wollte ich Rahm zu Butter verarbeiten, doch das Michigan-Wasser blieb eine sehr flüssige Angelegenheit. Ich versank.
Man kann sich unschwer die Gesichter der beiden Mädels vorstellen, als ich nach einem minutenlangen Kampf gegen den immer noch ablandigen Wind und die höher schlagenden Wellen das Ufer zurückgewonnen hatte. Jetzt, da ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte, war ihre Besorgnis gewichen und hatte einem ganz leichten Anflug von Schadenfreude Platz gemacht, die sie meisterlich unter Ausrufen des Bedauerns und Trostes und Gesten der Fürsorge verbargen.
»Du musst die nassen Kleider ausziehen«, befahl Taleesha, »sonst holst du dir den Tod.«
»Ja, zieh deine Kleider aus«, nickte Dorothy beifällig.
Die Sonne war inzwischen völlig hinter grauen Wolken verschwunden und der Wind drehte auf Ost, es war ziemlich frisch geworden. »Aber ich kann doch nicht …« Es war ein schwacher Versuch, geboren aus doppelter Scham: Als Wasserläufer versagt zu haben und mich hier vor den Augen der Mädchen meiner nassen Kleider entledigen zu sollen.
Doch es half nichts, sie zogen und zerrten hinten und vorn, knöpften Knöpfe auf und zogen an den Ärmeln und an den Hosenbeinen, und Taleesha befahl: »alles!«, und so stand ich da, der Mann, der die Gesetze der Natur herausgefordert und beinahe besiegt hatte, und dann an einem Möwenschiss gescheitert war, nackt, nass und zitternd. Als ich bemerkte, dass Dorothy den Kopf leicht zur Seite neigte und intensiv meine unterkühlte Männlichkeit betrachtete, sprang ich ins Auto. »Einsteigen!«, rief ich, »wir fahren.«
Ein Wiedersehen in Holiday City
Als ich den Motor anließ, stieß der betagte Travelette eine schwarze Wolke aus und hinterließ auf der Pfütze unter dem Motorblock einen öligen Schimmer. Der Zustand der Karre bereitete mir schon seit einiger Zeit Kopfschmerzen, wir sollten so flott wie möglich unser Ziel erreichen.
»Keine goldenen Kuppeln mehr, keine Tornados, keine spirituellen Experimente«, sagte ich, während ich folgenlos eine rote Ampel überfuhr. »Wir dürfen unser Ziel nicht aus den Augen verlieren.«
»New York!«, rief es von der Rückbank wie aus einem Mund.
»Ja, genau: New York«, bestätigte ich, und die beiden begannen zu singen: »Start spreadin’ the news, I’m leaving today, I want to be a part of it: New York, New York!« Auf der Ladefläche des Pick-Up flatterten meine Kleider im Wind, und ich hoffte, dass sie bis zum Abend so weit trocken sein würden, dass ich nicht länger splitterfasernackt durch Amerika fahren musste. Taleesha hatte mir eine Jacke mit einer großen rosa Schleife umgehängt, damit ich nicht zu viel Aufsehen erregte, aber wahrscheinlich erregt ein Mann, der mit bloßem Oberkörper einen Pick-up steuert, im Mittleren Westen weniger Aufsehen als einer, der dabei eine rosa Jacke trägt.
Wir kamen an diesem Tag noch bis in die Nähe von Holiday City in Ohio, das klang so aufmunternd, dass ich entschied: genug für heute. Gleich am Ortsanfang lagen sich zwei Diners gegenüber, das eine hieß South Side Soda Shop und lag an der Südseite der Route 80, auf der anderen Straßenseite war Howie’s Diner. Wenn ich ein Schriftsteller wäre, der Geschichten einfach so erfindet, dann könnte ich mir jetzt alles Mögliche einfallen lassen. Ich könnte den Pick-up vor dem Soda Shop stoppen, dort wo schon zwei andere Wagen parkten, ich könnte Laurens seine inzwischen trockenen Kleider im Schutz des Wagens anziehen lassen und so tun, als ob er mit den Mädels den South Side Soda Shop betreten wollte. Oder ich könnte ihn das Gaspedal durchtreten und weiterfahren lassen bis, sagen wir: Elmira oder Ottokee. Als richtiger Schriftsteller wäre ich genauso frei in meinen Entscheidungen wie Laurens selbst es damals war: Lag es nicht ganz allein an ihm, was jetzt geschah? Das ist doch im ganzen Leben so, sage ich jetzt mal im Rückblick, heute, da ich älter bin als mein Opa je war, und die Reste des Zapaca-Rums sogar doppelt so alt. Man meint immer, man müsste, sollte, dabei kann man immer alles tun, was einem gerade einfällt. Ob dieser Laurens damals erst die Hose und dann das Hemd anzog oder umgekehrt? Oder ob er gar nackt die Straße überquerte und bei Howie’s gebackene Stierhoden bestellte? – und dass mir jetzt keiner einen Joke macht!
Aber ich bin kein Schriftsteller und ich muss wahrheitsgemäß berichten, was wirklich geschah, denn Laurens, frei in seiner Entscheidung, wendete den Wagen in der Ortsmitte und brauste zurück zu Howie’s Diner. Ich weiß heute nicht mehr wieso, aber ich hatte schon immer ein untrügliches Gespür für Gasthäuser, in denen einem etwas für sein Geld geboten wird. Auf dem Parkplatz vor Howie’s ließ ich den Wagen ausrollen und mir von den Mädels die Kleider reichen. Das Anziehen hinter dem Lenkrad erforderte einiges an körperlicher Tüchtigkeit, so dass mir die beiden helfen mussten, und ja, ich konnte eine gewisse Erregung dabei nicht verbergen, und nochmal ja, Dorothy ließ sich dabei zu kleinen Handgreiflichkeiten und derben Sprüchen hinreißen, was mich in meiner Meinung bestärkte, dass es sich um das wildeste brave Mädchen handelte, das jemals in einem Tornado vom Himmel gefallen war. Taleesha hatte ihr unterwegs in einem Anfall von schwesterlicher Vertrautheit erzählt, dass wir miteinander geschlafen hatten, und seitdem schaute mich Dorothy ihrerseits ganz unschwesterlich an.
Doch Howie’s Diner änderte alles, was über die Beziehung zwischen mir und Dorothy in irgendeiner Weise zu sagen gewesen wäre, von dem, was ich mir an diesem Tag vielleicht erhoffte, ganz zu schweigen. Das Gasthaus war gut besucht, an den meisten Tischen saßen Gäste – Männer, einzeln und in Gruppen, Paare, auch zwei Familien mit Kindern jeglichen Alters. Auch an der Bar standen ein paar Männer, die sich angeregt unterhielten. Der namengebende Howie war ein zierlicher Mann mit gepflegtem Oberlippenbärtchen, der die ganze Länge seiner Arme aufbieten musste, um an die Gläser im Regal zu langen, und der bei einer Kneipenschlägerei gewiss als erster hinter der Theke abtauchen würde. Wir hatten uns gerade an einen Tisch am Fenster gesetzt, von dem aus ich den Parkplatz und meinen Pick-up im Auge behalten konnte. (Habe ich schon erwähnt, dass ich die Flasche Zapaca-Rum aus dem Sturm gerettet hatte? Sie lag jetzt wohlverwahrt in meinem Rucksack unter der Rückbank.) Plötzlich löste sich ein Mann aus der Thekentruppe, der mir bereits durch seine ungewöhnlich große und magere Gestalt aufgefallen war, und setzte sich ohne Weiteres zu uns. Normalerweise saßen die Mädels immer nebeneinander und überließen mir die gegenüberliegende Tischseite, diesmal jedoch hatte sich Taleesha neben mich gesetzt, vielleicht wollte sie mich vor Dorothy beschützen, ich weiß es nicht. Der Fremde setzte sich folglich auf den einzigen freien Platz neben Dorothy, die so vertieft in die Speisekarte war, dass sie erst aufschaute, als ich schon das Wort ergriffen hatte.
»He, was soll das? Wer sind Sie, was wollen Sie?« - irgendetwas in der Art. Doch Dorothys Reaktion ließ mich augenblicklich verstummen. Sie fiel dem Langen um den Hals, küsste seine Stirn, seine Wangen, schließlich seinen Mund, und rief dazwischen immer wieder, atemlos: »Hunk! Mein Hunk! Mein Darling!« Während dieses überschwänglichen Gefühlsausbruchs beobachtete Howie ein wenig geistesabwesend die Szene, wobei er mit dem linken Zeigefinger auf Abenteuerreise in seiner Nase unterwegs war. Unsere Blicke trafen sich, und er rollte mit den Augen, ohne sich den Genuss zu versagen, den ihm der Zeigefinger bei der Penetration seiner Nase verschaffte.
Als Dorothy endlich mit einem tiefen, randvoll mit Glück gefüllten Seufzer (»Ach, mein Hunk!«) von ihm abgelassen hatte, nahm er seinen Hut ab, einen schmutzig-grauen und völlig verbeulten Hut, dessen Krempe sich in Auflösung befand und der am Kniff, dort wo er immer wieder zum Auf- und Absetzen angefasst wurde, ganz speckig war, und er sagte in die Runde: »Ja, da bin ich jetzt!«, gerade so, als hätten wir nichts sehnlicher erwartet als sein Erscheinen bei Howie’s in Holiday City. Dorothys Erwiderung war vorhersehbar, sie küsste ihn wieder ab, drückte sich an ihn und infizierte dabei ihr hübsches blaues Kleid mit einem beträchtlichen Teil des Staubs und des Schmutzes, der seinen einstmals grünen Overall und das karierte Flanellhemd bedeckte. Es sah gerade so aus, als hätte man ihn mit allem bekleidet, was eigentlich seine Zeit hinter sich hatte, wie man es mit einer Vogelscheuche machen würde, indem man sagte: Ach, für Hunk geht das noch.
Hunk war auch im Sitzen groß, was ihn dazu verleitete, immer den Kopf ein wenig einzuziehen, dabei die Schultern zu heben, die wie die zwei Enden eines umgedrehten Kleiderbügels unter dem Hemd hervorstachen. Hunk war dünn, fast dürr, und die Farbe seiner Haut bewegte sich irgendwo zwischen Grau und Gelb. Sein Gesicht war so unnatürlich lang wie es sein ganzer Körper war, beginnend in einer hohen glatten Stirn, unter der zwei kohlrabenschwarze Augen unergründlich auf die Welt blickten, gefolgt von einer schmalen, spitzen Nase, die geradewegs vom Gesicht abstand und mich an Pinocchio erinnerte (und mich in den Tagen unseres Zusammenseins dazu veranlasste, sie zu beobachten, ob sie wohl auch mal länger wurde oder schrumpfte). Den Mund umfassten die schmalsten Lippen, die ich je an einem Menschen gesehen hatte, und wenn sie sich öffneten, gaben sie den Blick frei auf ein wirres Gehege von Zähnen. Muss ich noch erwähnen, wie spitz sein Kinn war? Er schlug sich mit dem Hut auf das linke Bein, das nicht mehr unter den Tisch gepasst hatte, und fuhr sich mit der anderen Hand durch die gelben Haare, in denen die einzelnen Strohhalme nicht weiter auffielen. »Ja, hier bin ich!« wiederholte er, und das war in der Tat unbestreitbar.
»Das ist mein Hunk«, stellte Dorothy ihn vor, und dann, nach einem Augenblick voller Seligkeit, auf uns deutend, »und das ist Laurens und das ist Taleesha. Die beiden haben mich gerettet.«
»Danke«, sagte Hunk, als hätte ihm einer von uns beiden das Milchkännchen gereicht.
»Wie kommst du denn hierher?«, fragte Dorothy aufgeregt, und Hunk erwiderte: »Das Gleiche könnte ich dich fragen!«
»Ja, halt … hier … die …« antwortete Dorothy und zeigte auf uns beide. »Hast du denn schon was gegessen?«, wechselte sie das Thema und vertiefte sich wieder in die Speisekarte. Mir blieb nichts anderes übrig, als den Familienvorstand zu geben. »Sie sind natürlich mein Gast«, sagte ich und zählte im Geist meine Dollars.
Wenn ich das richtig verstanden habe, war er zu der Zeit, als der Tornado wie ein Wirbelwind durchs Land fegte, in Atchison bei Doc Shicklegroover, »Hämorrhoiden, weißt du, eklig, kennst du?«, fragte er mich und schob eine Gabel voll Weißkrautsalat in seinen Mund. »Das juckt und juckt, zum Wahnsinnigwerden. Und immer mal wieder dieses Blut, kannst du dir das vorstellen?« Er spießte dabei mit seinen krummen Gabelzinken die Erbsen auf und ließ sie zwischen uns in der Luft schweben. »Na ja, ich hatte gerade meine Hosen runtergelassen und mich nach vorn gebeugt, damit Doc Shicklegroover ’ne bessere Sicht hat – isst du das nicht mehr, Darling?«, fragte er Dorothy, die ihr Besteck zur Seite gelegt hatte, und stach mit seiner Gabel in das letzte Stück Fleisch auf dem Teller des Mädchens, so dass noch ein wenig rotbrauner Fleischsaft herausfloss. »Und dann war der Doc weg, und mit ihm das halbe Haus. Gerade da, wo ich stand, hatte der Tornado die Vorderfront vom Haus abgerissen und zusammen mit dem Doc und dem Schreibtisch und dem grinsenden Skelett, das immer in der Ecke gestanden hat, und dem Schrank mit den Spritzen und so einfach weggeblasen.« Hunk blies mit vollen Backen und spitzen Lippen aus, um den wilden Wind nachzumachen, und ich konnte mir tatsächlich sehr anschaulich vorstellen, was da alles durch die Luft geflogen war.
Hunk setzte seine Erzählung fort, und Dorothy staunte ihn mit offenem Mund an. »Da habe ich mir schnell die Hosen hochgezogen und sehe doch, wie der Tornado gerade vor Hodgkins Grand Railroad Hotel & Bar Lounge anhält, als hätte er beim Blick über die Schulter bemerkt, dass er mich vergessen hat. Der Wirbel dreht auf, die Luft ist voller Dröhnen, er kommt zurück, zurück, zurück zu mir und – dann weiß ich nichts mehr. Doch, Moment! Erst kam Squirt vorbei, der Hund aus dem Barber Shop, wahrscheinlich weil er kleiner und leichter war, flog er schneller hinauf in den Wolkentrichter. Dann flog ich an General Denver vorbei, der hatte mit dem ganzen Gusseisen und dem Granit unter seinen Stiefeln natürlich nicht so viel Auftrieb. Irgendwo da oben sah ich dann das Harmonium aus der Shiloh Baptist Church auf mich zufliegen, und ob ihr’s glaubt oder nicht: Es spielte von selbst Onward, Christian Soldiers! Dann bekam ich einen Schlag gegen meinen Allerwertesten« – er griff sich dabei an den Kopf – »und das war’s!«
»Aber wie bist du bis hierher … ich meine: Wir sind hier in Ohio?« Dorothy sagte O-HAI-OOH und machte aus dem Namen eine lustige kleine Melodie. Doch Hunk schob nur die Kleiderbügel in seinen Schultern nach oben. »Das Wichtigste ist doch, dass wir uns wiederhaben.«
»Oh ja«, Dorothy strahlte und gab ihm einen Kuss auf die stoppelbärtige Wange. »Wir fahren nach New York«, sagte sie, und Hunk machte »Hmm, hmm.« Dann dachte er einen langen Moment nach, bis er das Ergebnis verkündete. »Ich kenne da niemand. Und dann gibt’s da ja auch keine Farm, ich glaube, die kommen ganz ohne Farmer aus.«
»Oh, du, da mach dir mal keine Gedanken«, plapperte Dorothy, »wir finden schon was. Ich hab’ da einen Onkel, bei dem können wir doch erst mal bleiben.«
»Noch’n Onkel?«, entfuhr es Hunk argwöhnisch.
»Nicht so einer wie Onkel Henry«, beeilte sich Dorothy den unausgesprochenen Einwand zu entkräften.
»Was ist mit Onkel Henry verkehrt?«, mischte ich mich ein, in der Hoffnung, vielleicht doch noch ein bisschen mehr über die Affäre Henry zu erfahren.
Dorothy presste die Lippen aufeinander und schaute Hunk unverwandt an. Der löste endlich seinen Blick und wandte sich uns zu. »Henry hat seine Hände überall, wo sie einfach nicht hingehören. Kommt sonntags aus der Kirche und nimmt die Kleine zum Spaziergang ins Maisfeld mit. Badet so gern mit ihr, wenn Tante Emily bei den Sisters of Mercy zum Patchworken ist. Lass mich, Dorothy, das muss jetzt gesagt werden.« Er schüttelte ihre Hand ab, die sie beschwichtigend auf seinen Arm gelegt hatte. »Wir sprechen das jetzt einmal aus, und dann denken wir nie wieder an ihn. Hat ihre Muschi geleckt, da hatte ich noch nicht gewagt, ihr einen Kuss auf die Wange zu geben, und sein Ding …« Da schoss Dorothys Hand vor und hielt ihm den Mund zu.
»Ist alles vergessen«, rief sie aufgebracht und in einem fast fröhlichen Singsang und schüttelte ihren Kopf mit geschlossenen Augen, »alles vergessen, alles vergessen. Jetzt gehöre ich nur dir, verstehst du, ich bin deine Dorothy, dein sauberes Mädchen. Alles vergessen.« Sie schaute uns an und nickte heftig. »Alles vergessen!« Das duldete keinen Widerspruch.
Wir fuhren ein Stück weiter, da gibt es hinter Holiday City ein kleines Wäldchen, dort haben wir übernachtet, die zwei Frauen vorne und Hunk und ich hinten auf der Ladefläche. Ich hatte noch Segeltuch, in das haben wir uns eingewickelt, ging schon, ich habe sogar geträumt, aber darüber will ich jetzt nicht reden.
New York! New York!
»Weißt du denn, wo dein Onkel wohnt, ich meine, der andere?«, fragte ich nach hinten, als wir am nächsten Morgen weiter ostwärts fuhren. Hunk saß neben mir und klaubte Kletten aus seiner Hose, die beiden Damen wie üblich hinten.
»So ein bisschen«, antwortete Dorothy unbestimmt.
»Und?«, bohrte ich weiter.
»Das muss Yellow Brick Road heißen, oder die Straße ist mit gelben Ziegelsteinen gepflastert, weiß nicht, eins von beiden. Tante Emily hat von ihm erzählt, er ist ihr Stiefbruder, aber Stiefbruder ist nichts Schlimmes, das ist ganz normal, viele Leute haben Stief«, beeilte sie sich anzufügen.
»Und wie heißt er?«
»Onkel Ozzy. Er ist Zauberer, also natürlich kein richtiger Zauberer wie im Märchen.« Dorothy kicherte ihr Kleinmädchen-Kichern, das mit den Zöpfen. »Er tritt auf«, sagte sie, und es klang gerade so, als hätte sie nicht den blassesten Dunst, was das heißen könnte: auftreten.
»Du kannst ja vielleicht seine Assistentin werden«, schlug Taleesha vor. »Viele Zauberer haben Assistentinnen, und die meisten sind noch nicht mal so hübsch wie du!«
»Was macht denn ’ne Sistentin?«, fragte Dorothy und kaute auf der Unterlippe.
»Eine As-sistentin, also, die hilft dem anderen, also dem Chef oder wem sie halt assistiert.«
»Ich glaube, Onkel Ozzy braucht keine As-sistentin, der braucht niemanden, der ihm beim Zaubern hilft«, beeilte sich Dorothy um Klarstellung.
Irgendwo war ich falsch abgebogen und fand mich irgendwann, weil ich abkürzen wollte, auf Nebenstraßen von Nebenstraßen wieder. Nach den endlosen, menschenleeren Weiten in Gelb-Braun-Grün war die Fahrt durch die Appalachen die reinste Achterbahnfahrt, na ja, vielleicht auch eine Geisterbahnfahrt, wenn ich an die Typen in den Diners, Tankstellen und Cafés denke. In der letzten Nacht vor New York haben wir dann in einem Motel übernachtet, damit wir wenigstens sauber geduscht in der Stadt ankamen. Ich war ja der einzige, der in den vergangenen Tagen Wasserberührung gehabt hatte, und das nur wegen dieser Folge-dem-Rabbi-Geschichte.
Das Motel in der Nähe von Hemlock Glen nannte sich Grandview Comfort Inn Suites, Grandview weil die riesigen alten Eiben, die ihre Zweige bis in die Fenster streckten und für 24/7 Dämmerung sorgten, den Ausblick auf das Zementwerk im Tal gnädig verbargen, Comfort, weil jedes Zimmer über einen Kunstledersessel unbestimmter Farbe verfügte, Inn, weil in der Anmeldung ein mannshoher Automat Käsesandwichs, Snickers und Root Beer bereithielt, und Suites, weil jedes Zimmer eine Verbindungstür zu den beiden Nachbarzimmern besaß, so dass man, wenn man bereit war, alle Zimmer zu buchen, eine Wohnfläche zur Verfügung hatte, die nahe an die der Präsidentensuite im Waldorf Astoria heranreichte.
Die alte Dame an der Anmeldung war nett, sie nahm wirklich Anteil am Leben ihrer Gäste, fragte nach dem Woher und Wohin, den verwandtschaftlichen Banden, die uns aneinander schmiedeten, womit wir unseren Lebensunterhalt verdienten und welcher Konfession wir anhingen. Und zu jeder unserer Antworten wusste sie ein Erlebnis, eine Beurteilung oder eine Lebensweisheit beizutragen. Dabei verband sie überraschend tiefgründige Allgemeinbildung mit hanebüchenen Aussagen. »Ah, Dänemark«, sagte sie, »da habt ihr doch diesen Hamlet: Sein oder Nichtsein …« Ich war einigermaßen erstaunt, bis sie mich fragte: »Und, hat er sich schon entschieden?« Und ohne eine Antwort abzuwarten, stellte sie Hunk in Sachen Mähdrescher auf die Probe: »Gleaner, John Deere oder Case IH? Na ja, so was wie Hangausgleich braucht ihr in Kansas ja nicht, da ist ja alles so flach wie das Fräuleinchen hier«, und sie kniff Dorothy in die Wange, nur um im selben Atemzug Taleesha um ihre Stimme zu beneiden: »Schwarze Baptistenfrauen haben die schönsten Stimmen«, stellte sie fest. Doch dann sang sie selbst mit ihrer dünnen, klirrenden Altweiber-Stimme: »Ring the bells of heaven, there is joy today.«
Mit der Zimmerverteilung hatte sie ihre liebe Not: Sie konnte ja wohl kaum zulassen, dass wir Männer mit je einer der Frauen ein Zimmer teilten (in welcher Kombination auch immer), noch konnte sie es über sich bringen, dass Taleesha und Dorothy die Nacht gemeinsam verbrachten, weil das bedeutete, dass wir Männer unter einer Bettdecke stecken würden. Das war wohl ihr Schicksal: Immer musste sie zwischen zwei gleich schlechten Alternativen entscheiden, das machte sie völlig fertig. Überließ sie ihrer Stieftochter sonntags die Anmeldung, konnte sie sicher sein, dass einige Zehn-Dollarscheine in die falsche Tasche wanderten; sie hatte sogar den Verdacht, dass noch der eine oder andere Zehner dazukam, wenn sie alleinreisenden Männern das Zimmer und seine Annehmlichkeiten zeigte. Kümmerte sie sich selbst um die Gäste, konnte sie aber ihren Enkel nicht sehen. Oder: Ließ sie die Leuchtreklame an der Straße nachts ihre Botschaft verkünden
The shades of the yew
guard your sleep in Grandview
kostete sie das genau soviel Stromgeld, wie sie verdiente, wenn die Lichter noch ein, zwei Gäste anzogen. So war das immer, und so wie ich sie einschätzte, wusste sie sogar, dass man das Dilemma nennt.
»Wissen Sie was, Rosemary«, sagte ich, um der Rumdruckserei ein Ende zu machen, »wir nehmen nur ein Zimmer und passen alle schön aufeinander auf«. Das hatte sie jetzt davon, und für uns war ein Kingsize-Bett allemal ausreichend. Hunk und Dorothy waren zusammen so breit wie jeder einzelne von uns beiden anderen, und so wickelten wir uns nach dem Duschen in unsere Badetücher, legten die Mädels in die Mitte und wir Männer sicherten das Lager rechts und links.
Als ich morgens aufwachte, lagen alle noch so da, wie sie sich abends gebettet hatten, außer Dorothy. Sie war nach unten vom Bett gerutscht und hatte gerade ihr Badetuch fallen lassen, als ich die Augen öffnete. Sie war bemüht, kein Geräusch zu machen, und ich beschloss, es ihr gleichzutun, um den Anblick niemals zu vergessen, dieses Zwielicht aus Herbstnebel, Sonnenaufgang und Eibendickicht, das einen Streifen Glanz auf ihren jugendlichen Körper und auf ihr reizendes Gesicht zauberte, auf ihre, ja, verdammt noch mal, wenn es doch so war: rosigen Wangen, ihre wunderschön geschwungenen Lippen, ihre glatte hohe Stirn, hinter der sie ganz kindlich vertieft war in das, was sie tat. Sie schaute an sich hinunter, wiegte sich dabei in der Hüfte, und sah plötzlich zum Bett herüber, da trafen sich unsere Blicke. Sie hielt einen Moment inne, für den Bruchteil einer Sekunde aus ihren Gedanken gerissen und erschrocken, dann drehte sie sich mir zu, breitete die Arme aus, lächelte fast unmerklich und verschwand im Bad.
Als wir uns New York näherten, so etwa nach den letzten Hügeln vor Roxbury, wurde der Verkehr dichter und die Bebauung ebenfalls. »He, Leute«, sagte ich, »wir machen’s so: Ich habe keine Lust mit der Karre durch New York zu kreuzen, außerdem brauche ich das Geld, das ich noch dafür kriegen kann, so lange die Kiste überhaupt noch einen Stoffwechsel hat. Ich verkaufe den Wagen, bevor wir in die Stadt reinfahren, und wir nehmen dann den Bus.« Alle fügten sich in ihr Schicksal, und ich glaube, sie waren viel zu sehr mit ihrer ferneren Zukunft beschäftigt, als dass sie über solche naheliegenden praktischen Dinge nachdenken wollten.
Für den Wagen bekam ich in Hackensack dreihundert Dollar. Vom Ortsschild an (Hackensack, pop. 32,127 – A City In Motion) konnte ich mich vier Blocks lang vor Lachen nicht halten: Hackensack, wie bescheuert klang das denn! Da wusste ich noch nicht, dass der Autohändler, der die Karre mit verkniffener Mine begutachtete und jedes Stäubchen auf dem Blech in Abzug brachte, Walter John Sackenhack hieß. Trusted Cars and a Trusted Name: Sackenhack in Hackensack.
Von Hackensack ist es nur noch ein Katzensprung über den Hudson hinein ins pralle Menschenleben New Yorks. Wir stiegen am Grand Central aus, und ich folgte den anderen wie ein herrenloser Hund, als sie wie besoffen durch die Straßen torkelten, immer mit dem Kopf im Nacken und Aahs und Oohs und Guck-mal-das und He!-Habt-ihr-gesehen? Irgendwann war ich’s leid. »Leute, macht ihr allein weiter, wir treffen uns in zwei Stunden genau hier, könnt ihr euch das merken? Broadway« – ich zeigte die Straße hinauf – »Canal Street« – ich bewegte die Arme von rechts nach links. »Genau hier! Habt ihr verstanden?« Alle nickten.
Und was soll ich sagen? Sie waren pünktlich alle wieder am vereinbarten Treffpunkt. »Prima!«, lobte ich, »erste Aufgabe bestanden«. Gemeinsam schlenderten wir nach Süden, bogen irgendwo Richtung Hudson ab und suchten uns ein Diner, denn es war schon später Nachmittag. Inmitten all der Radiogeschäfte und -reparaturläden auf der Cortlandt Street fanden wir einen Deli, der Kosher Knish, Lachsbagel, Corned Beef-Pastrami-Sandwich mit sauren Gürkchen und solche Sachen anbot. »Was ist denn Knockwurst?«, fragte Dorothy, »und Kreplach Soup?«, fragte Hunk. »Ich weiß nicht«, sagte ich, »bestellt’s, dann seht ihr’s, oder esst, was ihr kennt.«
Für den Abend hatte jeder einen anderen Plan: Dorothy wollte unbedingt ins Kino, Hunk auf das Empire State Building und Taleesha hatte einen Jazz Club gefunden, wo sie SCHON DIREKT HEUTE ABEND vorsingen sollte. Ich hatte mittlerweile herausgefunden, dass es tatsächlich eine Yellow Brick Road gab.
»Taleesha muss wissen, was sie tut, aber ihr zwei solltet euch in die Bahn setzen und nach Northport gondeln, das ist auf Long Island und da ist nämlich diese Straße, in der Onkel Ozzy wohnen soll. Je früher, umso besser«, und ich dachte: das gilt für Erfolg wie für Enttäuschung.
»Und du?«, fragten alle wie aus einem Mund.
»Ich werde sehen, dass ich noch heute ein Schiff finde, dass einen Seemann wie mich braucht, um nach Europa zurückzuschippern.«
Waren wir Freunde? Keine Ahnung, wir hatten wahrscheinlich nicht ausreichend Gelegenheit gehabt, das auszuprobieren, obgleich wir uns ja nah genug gekommen waren (der eine mehr, der andere weniger). Taleesha, der Opa und ich, das war die eine Geschichte, Dorothy, vom Winde verweht, und ihr seltsamer Lover, das war eine andere. Und alle hatten wir den Anfang eines langen Fadens in der Hand. Irgendwo dort, ein paar Handbreit oder ein paar Armlängen weiter mochten sich die Fäden verwirren oder es wartete jemand mit einer scharfen Schere. Vielleicht war es aber auch dem einen oder anderen vergönnt, Hand über Hand die Spule abzuwickeln, bis der Faden auf natürliche Weise aufgebraucht war.
Ob wir uns noch mal wiedersehen, fragte ausgerechnet Hunk, dem ich so viel Empfindsamkeit und Weitblick gar nicht zugetraut hätte. Niemand antwortete darauf sofort. Nach einer Weile sagte ich: »Ok, so machen wir’s! Hier, genau hier, und zwar am selben Tag in … wie vielen Jahren?«
»Fünf«, rief Dorothy in die Runde, aber Taleesha gab zu bedenken, dass wir das wohl nicht schaffen würden, »ich meine, Laurens muss ja extra übers Meer kommen, und in fünf Jahren ist ja wahrscheinlich auch noch nicht so viel passiert.«
Mein Blick fiel auf die Menükarte vor uns auf dem Tisch. 40 Jahre Jaffah Kosher Deli stand oben drauf. »Was haltet ihr von vierzig Jahren? Mit Kindern, Gehhilfe und falschen Zähnen!« Alle lachten. »Ja, so machen wir’s, aber dann schon zum Frühstück, damit wir genügend Zeit haben«, – »ja, ja zum Frühstück, so halb neun, neun, am 11. September 2001«, (»du meine Güte: geht das denn überhaupt, ich meine das mit den Zweitausend?«, gab Dorothy zu bedenken), »genau hier in der Cortlandt Street 17. Das wird bestimmt ein Mordsspaß!«.
Liebe Mama!
Mutter hatte schon lange nichts mehr von mir gehört, und deswegen dachte ich, es wäre ganz gut, wenn ich ihr jetzt mal einen Brief schriebe, bevor ich wieder aufs Schiff gehe. Seit Vater im Rosenborg war, ging es ihr zwar besser, aber sie war doch ziemlich allein, na ja, das Ganze hat sie einige Freundschaften im Ort gekostet.
Ich hatte mir Schreibpapier besorgt und mich in den Batterypark gesetzt, geradewegs mit Blick auf die Freiheitsstatue, und ich begann zu schreiben.
›Liebe Mama, ich bin jetzt wieder in New York und denke, dass ich bald eine Passage über den Teich bekomme, dann komme ich erst mal nach Hause. Seit ich ohne Opa unterwegs bin, ist viel passiert, aber das erzähle ich dir, wenn wir uns wiedersehen, und das wird ja schon bald sein. Ich hatte nette Reisegesellschaft, so ist es mir auf der Fahrt hierher nicht langweilig geworden.‹
Ich hielt inne. So weit, so gut. Ich wollte bewusst nichts von den Mädchen schreiben, sonst würde sie sich alles Mögliche ausdenken.
Weiter geht’s.
›Ich soll dich auch schön von Großtante Margret, Tante Mabel, Onkel Jasper und von Kiley und Kirk und Pete und allen, die du nicht kennst, grüßen. Ich habe sie zweimal besucht, einmal auf dem Hinweg in den Süden und einmal auf dem Rückweg. Es geht ihnen allen gut.‹ Schon seltsam: Da kennt man die Verwandtschaft jahrelang nur aus Briefen und kleinen Schwarz-Weiß-Fotos, und dann liegt man sich eines Tages in den Armen, als sei ein Sonntagnachmittagbesuch in Iowa das Selbstverständlichste auf der Welt.
›Wie geht es eigentlich Vater? Hat er sich eingelebt im Rosenborg? Sind die Schwestern nett?‹
Ja, Vater, das war so eine Geschichte für sich. Eines Sonntagmorgens vor etwa anderthalb Jahren haben wir uns für den Kirchgang zurecht gemacht, ich hatte eine Tasse Kaffee im Stehen, half Mutter, die Knöpfe ihres Kleides auf dem Rücken zuzumachen, zog schon meine Schuhe an, da hörte ich aus dem Elternschlafzimmer, wie sie mit Vater laut wurde.
»Du musst jetzt endlich mal aufstehen, Vilmer, wir sind schon fast fertig und du liegst noch im Bett«, fuhr Mutter ihn an.
»Lass mich!«, antwortete Vater, deutlich leiser und ein wenig matt.
»Ich kann dich aber nicht lassen, ich muss dir jetzt die Decke wegziehen«, und dann hörte ich einen Aufschrei meines Vaters.
»Gib mir die Decke zurück, was soll das denn, du gemeine Frau. Lass mir meine Ruhe!«
Nach einem Moment der Stille, in der von oben nur das Gruscheln des Bettzeugs und das Gaksen des Bettgestells zu hören war, hatte sich Mutters Stimme verändert: Sie war nicht mehr ärgerlich, sondern eher verstört und fast verzweifelt. »Vilmer Iversen, würdest du mir bitte mal erklären, was das hier soll?« Es klang so unheimlich, dass ich die Treppe hinaufstieg, um nach dem Rechten zu sehen.
»Es soll, was es ist, was es bleibt, was es wird, was es sein kann, sein muss«, hörte ich Vater streng sagen. In dem Augenblick, da ich das Zimmer betrat, warf er sich herum und setzte sich auf, schaute meine Mutter böse an und fragte: »Kann mir mal einer sagen, warum ich heute, wo ich gern ein wenig länger schlafen möchte, un-be-dingt in die blöde Kirche gehen muss?«
Und Mutter und ich sagten wie aus einem Mund: »Weil du der Pfarrer bist!«
Vater lachte nur, als er das hörte. »Ihr seid ja völlig verrückt.« Er warf sich in die Kissen, aus denen es dunkel hervormurmelte: »Ich, der Pfarrer, ihr müsst ja wirklich beide völlig verrückt sein.«
Es kam dann die Zeit, in der er ab und an den Schlüssel aus der Garderobenschublade nahm und in die Kirche ging, die Kanzel bestieg und predigte. Das konnte gern an einem Dienstagvormittag sein oder einem Samstagabend, und wer draußen vorbeiging oder hinter der Kirche die Blumen auf einem Grab goss, der hörte ihn reden mit seinem schönen, klangvollen, modulierenden Bariton. Manchmal sprach er über Psalm 14 und die Torheit der Gottlosen, manchmal über die Geldwechsler im Tempel und die neue Abwasserumlage der Gemeinde, und manchmal auch über das letzte Spiel von Esbjerg gegen Odense. Wenn er alles gesagt hatte, was er glaubte sagen zu müssen, stieg er von der Kanzel herunter, ging durch die Sakristei nach draußen und schloss sorgfältig ab.
Eines Tages kam der Bischof von Aarhus herübergefahren und schloss sich mit Vater in der Studierstube ein. Nach nur zwanzig Minuten saß er wieder in seinem Mercedes und ließ sich zurückfahren. Vater kam verwirrt zu uns in die Küche. »Er will mir eine Wohnung bei seinem Vater anbieten, versteht ihr das?« Wir sahen ihn zweifelnd an. »Doch, er hat gesagt, dass es in seines Vaters Haus viele Wohnungen gibt. Aber in den Weinberg will er mich nicht mehr schicken, da sollen jetzt andere ran, dabei hat doch das Bistum seit dem Mittelalter schon keine Weinberge mehr.« Er schüttelte den Kopf und ging nach draußen, um den Gartenzaun zu gießen.
Das war auch die Zeit, in der er sich am Büffet der Landfrauen eine Gabel nahm und den Heringssalat direkt aus der Schüssel aß. Mutter konnte ihm gerade noch das Essbesteck entwenden, bevor er es in den Schokoladenpudding tauchte. Zuweilen ging er auch zu Olsens oder Bjarnesens oder Dahls, trat dort durch die Haustüren ein, die wie üblich bei uns im Ort ja selten verschlossen waren, setzte sich an den Wohnzimmertisch und fragte, wo das Essen bleibe. Oder er ging zu den Norups, da war es schon spät abends und alle lagen im Bett, und als sie am nächsten Morgen herunterkamen, da saß Vater im Sessel und war vor dem Fernseher eingeschlafen.
Dass er eines Nachts, etwa um zwei oder halb drei, die Kirchenglocken läutete und erklärte, die Wikinger kämen von Dyngby her über den Storskov, war noch nicht das entscheidende Ereignis, das meine Mutter endgültig darin bestärkte, Vater wegzugeben, doch es wird immer so dargestellt. In Wirklichkeit brachte jedoch das, was drei Nächte später folgte, das Fass zum Überlaufen. Vater nämlich schlich sich wieder einmal unbemerkt nach draußen, nur mit dem leichten Sommerschlafanzug und den Hausschuhen bekleidet, und er ging geradewegs zum Haus von Derke Reenberg, jener Derke, die sich im Frauenkreis immer so hervortat mit ihrem Blumenschmuck für die Kirche und, Herr Pfarrer vorn, Herr Pfarrer hinten, immer um Vater herumschwänzelte. Sie war die Hebamme des Ortes, hatte aber selbst weder Mann noch Kind und erlaubte sich seit einiger Zeit, Vater mit seinem Vornamen anzusprechen. Sie war so adrett und ansehnlich, wie eine dänische Landfrau jenseits der Jugend sein kann, ihr Gesicht strahlte etwas Angenehmes aus, eine Zugewandtheit, wie man sie hier oben nicht überall findet, ansonsten waren ihre Brüste klein und ihr Hintern erheblich.
Vater also, so wurde der Tatverlauf später rekonstruiert (von Mutter, nebenbei), ging zu Derke, betrat unbehelligt das Haus, stieß in der Küche zunächst gegen die Milchschüssel der beiden Katzen, drehte dann um, sich des Grundrisses erinnernd, und fand ohne Weiteres das Schlafzimmer. Derke hat sich wohl nicht gewehrt, es war vielmehr die Nacht, die ihr schon vor langer Zeit verheißen worden war. Und so entjungferte mein Vater, Pfarrer außer Dienst Vilmer Iversen, die Hebamme Derke Reenberg in ihrem achtunddreißigsten Jahr. Und soll ich was sagen: Ich habe es beiden gegönnt. Nur dass Derke den Bub, den sie neun Monate später allein entband (da muss so etwas wie Berufsstolz dabei gewesen sein) Laurens nannte, das hat mich getroffen.
›Hat er im Rosenborg alles, was er braucht‹, schrieb ich weiter, ›zumindest, was man ihm ohne Verletzung von Anstand und ohne großes Aufsehen zugestehen kann?‹
Mein Blick fiel auf die ersten Worte des Briefes und ich stellte fest, dass Mutter noch nichts davon wusste, dass ihr Vater tot war. ›Liebe Mama, jetzt muss ich dir von Opa erzählen. Das mit dem Fallschirmsprung war ja sein größter Wunsch, es ging ja auch anfangs alles gut, eigentlich fast bis zum Schluss. Ich habe ihm ein schönes Grab bereitet dort unten, und ein paar Indianer waren auch dabei, ich glaube, das hätte ihm gefallen.‹
So, jetzt war’s raus, ich atmete erleichtert auf, aber eigentlich war ja noch gar nichts passiert, denn der Brief lag noch auf meinen Knien.
›Liebe Mutter‹, fuhr ich also fort, ›ich freue mich darauf, bald wieder zuhause zu sein. Ich habe mir gerade eine Passage besorgt auf einem kleinen Frachtschiff. Die Piet Heyn fährt nach Rotterdam, wenn alles gut geht, bin ich spätestens in zwei Wochen bei dir. Die Überfahrt kostet mich nichts, dafür muss ich aber auch zupacken, alles was es so auf und unter Deck für einen wie mich zu tun gibt.‹
Dann fiel mir nichts mehr ein. Ich schrieb ein paar ungelenke letzte Worte und grüßte ganz lieb, herzlich und mit Küssen. Dann steckte ich den Brief in meinen Rucksack, bis ich einen Postkasten finden würde.
Unter Schmugglern
Die Piet Heyn fuhr nicht nach Rotterdam. Ich bin kein Seemann und auf dem Atlantik gibt es auch keine Straßenschilder, aber mir war schnell klar: Die Piet Heyn fuhr nicht nach Rotterdam, nicht nach Antwerpen und nicht nach Hamburg, auch nicht nach Southampton oder Le Havre, sie fuhr überhaupt nicht nach Osten. Selbst wenn man wie ich die meiste Zeit unter Deck verbringen musste, hat man doch irgendwann mal die Sonne an Backbord aufgehen und an Steuerbord untergehen sehen. Wir fuhren also geradewegs nach Süden. Dennoch hielt ich an dem Tag, an dem mir das klar wurde, den Erstbesten an, der mir im Gang entgegenkam, ein kleiner Bengale mit riesengroßen Glupschaugen. Ich deutete auf den Fußboden und fragte: »Nach Rotterdam?«, gerade so als ob das der Bus von Vejlby nach Skaade sei und Tante Liv mich an der Haltestelle Fredens Kirkegaard erwartete. Er schaute mich verwirrt an und zuckte mit den Schultern. »Donnoh«, sagte er und war schon verschwunden.
Auch die Gedanken der drei Seeleute, die mit mir die Kajüte teilten, blieben hinter den fremden Klängen ihrer Dialekte verborgen: Shkodran war Albaner, Panjang Malaie und Eduardo, den alle Eddy nannten, kam aus Chile. Vom Steuermannsmaat, einem rotblonden Schotten mit stechendem Blick, bekam ich zum ersten Mal in meinem Erwachsenenleben einen Tritt in den Hintern, als ich ihn nach dem nächsten Hafen fragte. Wenn mir die Richtung nicht passe, so rief er mir sinngemäß hinterher, als ich mich von den Planken aufgerappelt hatte und durch die nächste Luke unter Deck verschwand, wenn mir die Richtung nicht passe, könne ich ja von Bord gehen. Er lachte dazu noch nicht einmal!
Eines Abends hieß es, wir sollten uns unter Deck bereithalten, gleich würden wir anlegen und dann sofort alle Mann die Ladung löschen, um am nächsten Tag die Fracht für Rotterdam aufzunehmen. Es war schon schwarze Nacht, als wir die typischen Geräusche und Schiffsbewegungen spürten, die anzeigten, dass wir angelegt hatten. Dann ging alles ganz schnell, der Schotte, der Lademeister und zwei seiner Schergen, schlimme Kerle mit stahlharten Fäusten, trieben uns an, wir wuchteten die großen Holzkisten an Deck und dann, immer zu zweit, über die Gangway auf den Kai, wo ein paar dunkle Gestalten sie sofort auf einem Lastwagen stapelten. Bei aller Hetze und Mühe bekam ich doch mit, dass der ganze Bereich des Hafens nur von ein paar schwachen Laternen beleuchtet wurde, die kaum heller waren als der Vollmond, der am wolkenlosen Himmel stand.
Ich hatte gerade meine dritte Kiste abgesetzt, da brach die Hölle los: Von allen Seiten stürmten Männer in Uniform auf uns zu und schossen in die Luft. »Hou op! Politie! Handen omhoog!«, riefen sie, und ich war für einen Augenblick verwirrt. Nicht nur wegen des Zugriffs, des Lärms, des Schießens, das die stille Nacht am Hafen erfüllte, sondern weil sich die Uniformierten eindeutig des Holländischen bedienten. »Niemand beweegt«, rief einer der Polizisten, doch da ich auf dem Rückweg war, die Gangway hinauf und schon fast wieder das Deck erreicht hatte, verbarg mich das Dunkel, und ich lief gebückt zur nächsten Luke und rutschte über die Treppen abwärts bis zum Kajütdeck. Ich wusste, dass der einzige Fluchtweg vom Schiff, auf dem ich unentdeckt bleiben würde, über die Wasserseite führte, und mich schauderte bei dem Gedanken an das Hafenwasser und den Gestank, den ich tagelang nicht aus den Kleidern bekommen würde.
Auf dem Weg durch die Gänge unter Deck beschäftigte mich die Sache mit dem Holländischen. Erst hatte ich gedacht, na ja, ist ja ein holländisches Schiff, aber dann war mir klar, dass keine Polizei der Welt bei einem solchen Zugriff die Höflichkeit besaß, die Leute, die sie dingfest machen will, in ihrer Muttersprache anzurufen. ›Leute, morgen Razzia auf dem chinesischen Lastkahn, für alle, die dabei sein werden jetzt eine Stunde Chinesisch für Anfänger!‹ Nein, so geht das nicht. Also waren wir wohl nach Süden gefahren und in Holland gelandet?
Ich unterbrach den interessanten Gedankengang, denn jetzt hatte ich die Kajüte erreicht, tastete mich hinein und zu meiner Koje, links unten. Ich schnappte mir meinen Rucksack, kniete mich vor das Bett, griff panisch nach allem, was noch herumlag, und stopfte es in den Sack. Als ich mich an Shkodrans Koje festhielt, um mich auf die Füße zu ziehen, bekam ich etwas zu greifen, was ich zu erkennen glaubte. Er hatte es mir am ersten Abend gezeigt, als wir von New York ablegten. Geistesgegenwärtig griff ich danach und rannte nach draußen, durch das Labyrinth der Gänge und die Treppen hinauf, bis ich auf der Wasserseite stand, geschützt durch die Aufbauten des Brückendecks. Ich warf die Jakobsleiter, die dort zusammengerollt lag, über die Reling und ließ mich an ihr hinunter. Etwa zwei Meter über dem Wasserspiegel riss ich die Hülle von dem Souvenir, das Shkodran seinem kleinen Sohn hatte mitbringen wollen, ertastete das Ventil und blies hinein. Langsam entfaltete sich das Plastikding, blau und rot, etwas mehr als ein Meter im Durchmesser, und an der Seite gegenüber dem Ventil, in das ich hektisch blies, richteten sich Hals und Kopf von Goofy mit seiner langen Schnauze und den Hängeohren auf. Ich drückte den Stopfen in das Ventil, stieg noch ein paar Sprossen nach unten, ließ das Bootchen langsam aufs Wasser und stieg hinein. Kniend paddelte ich mit den bloßen Händen davon, ein paar Dutzend Meter vom Schiff entfernt war ich nur noch ein Schatten zwischen den Reflexen, die das Mondlicht auf den Wellen erzeugte.
Die Strömung erfasste mich und zog mich weg vom Land. Goofy nickte bedächtig und strahlte kindlich-naiv übers ganze Gesicht: Er freute sich offensichtlich über die vorzeitige Gelegenheit zur persönlichen Entfaltung und den unvermuteten Ausflug. Bei mir wich die Freude über die gelungene Flucht langsam der Besorgnis, denn es war nicht nur die Strömung, die es mir unmöglich machte, dem Ufer auch nur eine Handbreit näherzukommen, jetzt blies auch noch ein sanfter, aber beständiger Wind vom Land her und brachte den Geruch von exotischen Blüten und Pferdeäpfeln mit. Niemals kann das Holland sein, sagte ich mir, wohl wissend, dass Goofy genau dort einige Wochen oder Monate später anlanden könnte, wahrscheinlich jedoch ohne mich.
In diesem Augenblick nahm ich ein Licht vor mir wahr und eine Bewegung hinter mir. Das Licht vor mir schien von einem Schiff zu kommen, die Bewegung hinter mir von einem Fisch, einem sehr großen Fisch. Ich schaute über die Schulter nach hinten, ganz vorsichtig, um in meiner Nussschale nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten, und sah langes goldblondes Haar, wasserblaue Augen, Sommersprossen, eine Stupsnase und einen kirschroten Mund, gerade so wie die Galionsfigur an der Valkyrien, die ich mal in irgendeinem Schifffahrtsmuseum auf Seeland gesehen hatte. Der Kopf hob sich aus den Wellen und spie einen Schwall Salzwasser aus, lachte mich an und klimperte mit den Wimpern, an denen Tropfen im Mondlicht funkelten wie Diamanten. Zwei schlanke, aber kräftige Hände legten sich auf den Gummiwulst, in dessen Mitte ich um meine Zukunft und die meiner Kinder und Kindeskinder kämpfte, und mit den Schlägen ihrer silbrigschimmernden Flossen trieb sie Goofy voran, direkt auf das Licht zu. Wie hätte ich den Blick von ihr wenden können? Ab und zu hob sich ihr blanker Rücken aus dem Wasser, dann wieder ihr muskulöser geschuppter Unterleib mit den Flossen, dann wieder sah sie mich an, lächelnd, als ob es ihr keinerlei Mühe bereitete, mich durch die kabbelige See voranzuschieben.
»Heh, kijk daar!«, rief es vom Schiff. Jetzt sah ich die beiden Männer an der Reling, ein großer, breitschultriger, und einer, der eher untersetzt war. Beide hatten sie Ferngläser in den Händen, sahen jetzt aber direkt zu mir herunter, da ich schon auf etwa fünf Meter herangekommen war. »Wie ben jij?«, rief der Große. »Waar kom jij vandaan?«
»Ich habe damit nichts zu tun!«, rief ich hinauf, denn ich sah, dass der Mann eine Uniform trug und auf dem Bug des Schiffs, eher ein Küstenboot oder eine Jacht, stand Waterpolitie und am Heck flatterte die rot-weiß-blaue Flagge. »Ich bin da nur zufällig reingeraten!«, rief ich, und der Kleinere fragte den Größeren: »Wat zegt hij?« – »Dat hij onschuldig is«, gab der Uniformierte zurück, und der Kleine antwortete: »Dat zeggen ze allemaal.«
Ich drehte mich um, aber die Seejungfrau war verschwunden. Meine Bewegung muss ein wenig zu hastig gewesen sein, denn Goofy schwankte, ich parierte zu heftig, Goofy legte sich auf die andere Seite, und ich kippte ins Wasser. »Hilfe!«, rief ich hinauf, wo die zwei Männer meinen Kampf mit den Elementen teilnahmslos betrachteten. Goofy tanzte zwei, drei Meter entfernt auf den Wellen und grinste mich blöde an, während ich versuchte, mich über Wasser zu halten. Immer wieder klatschte mir eine Welle ins Gesicht, manchmal genau dann, wenn ich den Mund weit geöffnet hatte, um Luft zu holen. Ich spuckte, das Salzwasser brannte in Kehle und Nase, und ich merkte, wie ich immer seltener den Kopf aus dem Wasser bekam. Dann gab ich auf.
Die Bewegungen der Meerjungfrau waren bewundernswert kontrolliert, dennoch geschmeidig und – wie soll ich sagen – auch ein wenig geziert. Eine Unterwasser-Rumba, eine Atlantik-Beguine oder eher eine karibische Quadrille? Ich hörte keine Musik, aber einen deutlich wahrnehmbaren Taktschlag wie von einem Metronom aus Glas. Das war mein Puls, mein Herzschlag, den ich jetzt nicht nur in der Brust, sondern auch im Bauch und im Kopf spürte. Die Meerjungfrau kam ganz nah zu mir, umschlang mich, und sie war gar nicht so kalt und glatt, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich wollte etwas sagen, aber sie drückte ihre Lippen auf meinen Mund und küsste mich und presste dabei all das Salzwasser in meine Lungen.
Jetzt lag ich da, auf dem Grund des Meeres, in meinem nassen Grab, niemand weiß wo, noch nicht einmal ich selbst wusste es. So war das also, ertrinken: der Todeskuss einer Meerjungfrau. Mir war kalt und mir war kalt. Außerdem war mir kalt, ich zitterte am ganzen Körper, doch meine klammen Finger konnten die Decke nicht greifen, die mich hätte wärmen können. Ich zitterte, wie ich noch nie im Leben gezittert hatte, der ganze Körper bäumte sich dabei in Schüben auf, das ließ sich gar nicht unterdrücken. Und dann dieser stechende Schmerz, als ob mir jemand mit den Stiefelspitzen in die Nieren treten würde. »Laurens Baltruscheit Iversen, mach die Augen auf!«, brüllte mich der Herrgott an. Wahrscheinlich wollte er endlich über mich zu Gericht sitzen, und auch er hatte ja seine Zeit nicht gestohlen. »Verdammt, mach die Augen auf!« Der Herrgott fluchte, und das mit eindeutig holländischem Akzent.
Ich tat wie befohlen, schlug die Augen auf, und hinter mir sagte jemand »Na, eindelijk. Was macht ein Laurens Baltruscheit Iversen aus Oldrup in Jütland auf einem Schiff, das Waffen nach Guayana schmuggelt?« Ich verstand nur unvollkommen, was er damit sagen wollte. War das eine Frage? Sollte ich darauf irgendetwas antworten? War des Herrgotts himmlisches Tribunal jetzt ein königlich-niederländisches Amtsgericht? Ich sah den großen Polizisten an, holte Luft und musste die Reste des Salzwassers aus der Kehle husten. Da sprang ein dunkelhäutiger Mann auf mich zu, zwei Fäuste packten mich, zogen mich auf die Füße, nur um mich durch einen kräftigen Schlag in die Magengrube wieder auf die Planken zu schicken. »Ach, egal«, sagte der Große, der wohl das Kommando führte, »wir haben die Bande, wir haben die Waffen, und bald kennen wir auch das Netzwerk«.
»De koningin zal blij zijn«, sagte die Stimme hinter mir, wohl der kleinere der beiden, und der andere wiederholte es, »ja, die wird sich freuen«. Und der Kleine wieder: »Den brauchen wir nicht mehr, werft ihn über Bord.«
»Nein!«, schrie ich, »auf keinen Fall gehe ich wieder ins Wasser! Ich bin der Sohn des Konsuls in …« Da fiel mir ein, dass ich immer noch nicht wusste, wo wir uns befanden. »… der Konsul hier, der Sohn bin ich«, schloss ich so drohend wie ich konnte. Ich muss ein sehr beeindruckendes Bild abgegeben haben: halbnackt, nass und stinkend, mit blutigen Schrammen, zitternd vor Kälte und Angst, aber ansonsten zu allem entschlossen.
Und dann erschien SIE. »Wie is dat?«, fragte sie in die Runde, leicht amüsiert. Sie näherte sich mir und – kam es mir nur so vor oder wichen tatsächlich alle anwesenden Männer einen Schritt zurück? Der Kontrast hätte kaum größer sein können: Hier ich, in Unterhose und Socken (ich korrigiere: es war mir nur eine Socke geblieben), nass und zitternd, mit aufgeplatzter Augenbraue und faustgroßem Hämatom auf dem käsbleichen Bauch, ein Rinnsal der erbrochenen Erbsensuppe vom Abend hatte sich an meinem Kinn gesammelt; und dann: sie, die Dame in einem seidenen weißen Hosenanzug, silbernen Mokassins, die unglaublich bequem und unglaublich teuer aussahen, die blonden Haare frisch toupiert, mit dezentem Makeup, das ihre harten blauen Augen und ihre schmalen Lippen weichzeichnete, dabei die kleinen scharfen Falten rund um Augen und Mund kaschierte – und dann dieser Duft! Ich sage das jetzt einfach mal: Sie sah mir in die Augen und erkannte meine Seele. Und jeder dort erkannte im selben Augenblick das Offensichtliche, nämlich dass da was lief zwischen uns: Wir waren vom Schicksal füreinander bestimmt. Meine Güte! Glaubte ich das wirklich? Das musste die Wirkung des Sauerstoffdefizits auf das zentrale Nervensystem sein. Eigentlich konnte ich doch in diesem Augenblick an nichts anderes denken als an die Rettung meines Lebens, die Unversehrtheit meines Leibes und die Bekleidung meiner Blöße. Okay – ein Bier und ein Schnaps wären auch nicht schlecht gewesen.
O je, jetzt stand sie so dicht vor mir, dass ich die Limette und den Ingwer, die sie in ihrem Gin hatte, auf meiner Zunge schmecken konnte. »Geen angst«, hauchte sie mehr, als dass sie sprach. Es war nicht mehr als ein Versprechen, aber für mich öffnete sich in diesem Augenblick der Himmel, und ich sah, dass dort kein Herrgott über mich zu Gericht saß. »De jongen komt met mij mee«, sagte sie in den Raum hinein, ohne jemanden direkt anzusprechen. Dann nickte sie mir auffordernd zu, und ich trabte hinter ihr her. Sie brachte mich in eine Kajüte, so was hätte ich auf einem Polizeiboot nicht vermutet: geräumig, fast luxuriös, mit edelsten Tropenhölzern ausgeschlagen, Ledersessel, ein Bett und – eine Dusche. »Maak jezelf representatief«, hauchte sie mir zu und zog sich rücksichtsvoll zurück. Ich entledigte mich meiner Socke und meiner Unterhose und tauchte in das heiße Wasser ein, das so freigiebig aus dem Duschkopf strömte.
Märchenstunde
In den Kleidern, die mir jemand in der Kabine auf das Bett gelegt hatte, trat ich auf den Gang und suchte den Weg nach oben. Sie stand an der Reling, rauchte und schaute Richtung Land, dessen trübe Lichter langsam näherkamen. (Schon klar: natürlich waren wir es, die den Lichtern näherkamen, aber ich lass das mal hier so stehen, schließlich war ich ja noch ein wenig benommen.) »Na, Goofy …« Die Worte schwebten im warmen Wind wie der Rauch ihrer Filterzigarette, der ihrem Mund entströmte.
»Repräsentativ ist irgendwie anders«, wagte ich einzuwenden und schaute an mir herunter. Ich trug kurze Hosen, dazu Kniestrümpfe, die Füße steckten in klobigen Schuhen, das kurzärmelige Hemd war mehrere Nummern zu weit und alles in Khaki, Ton in Ton.
»So etwas trägt man hier«, gab sie zur Antwort.
»Hier?«, fragte ich zurück, »wo ist hier?«.
Sie drehte sich wieder dem Land zu, es kam eine Flussmündung in Sicht, schmutzig braunes Wasser vermischte sich mit dem Blau des Meeres, das Boot folgte dem Fluss in einer großen Schleife, dann waren Häuser zu sehen, eine Stadt. Der Platz, an dem sich die Polizeiaktion abgespielt hatte, war offensichtlich nicht der Hafen gewesen, mehr eine provisorische Landestelle, denn erst hier kamen uns im ersten Morgenlicht größere Schiffe entgegen. Sie stieß wieder eine Wolke Zigarettenrauch aus und antwortete, indem sie jede einzelne Silbe betonte: »Pa-ra-ma-ri-bo.« Und da sie zu Recht annehmen konnte, dass ich nicht den blassesten Schimmer hatte, wo das sein sollte, fügte sie hinzu: »Guayana, der Teil von Guayana, der Königin Juliana untertan ist.«
»Ich wollte aber nach Rotterdam«, sagte ich etwas einfältig. Sie lachte kurz auf.
»Ach, Goofy, da hast du dich aber ein wenig in der Richtung geirrt.«
»Und jetzt? Wie komme ich nach Hause?«
»Das hat Zeit.« Sie warf ihre Zigarette ins Meer, »jetzt kommst du erst einmal mit mir … mit uns«.
Sie hieß Wilhelmina und wollte auch so genannt werden, nicht Frau Buytendijk de Touseul, auch nicht Baronin oder Madame, schon gar nicht Wilma, Willy oder Mina, und ich hielt mich von Anfang bis Ende daran, auch wenn sie mich selbst niemals (und schon gar nicht auf mein Bitten hin) Laurens rief.
Mit einem Mal war die Sonne da, sie war links von uns über den Hütten auf der anderen Flussseite aufgegangen, etwas verwirrend, aber ich erinnerte mich daran, dass man an der Küste von Guayana tatsächlich nach Norden aufs Meer blickt, genau wie in Torup, Kollerup und Svinkløv. Wir legten an einem belebten Abschnitt der Uferbefestigung an, und ich bemerkte, dass ein Teil der Menschen, die sich dort aufhielten, bei unserem Eintreffen verschwand, der andere Teil sich aber diensteifrig dem Boot näherte. Jemand drückte mir meinen Rucksack in die Hand – er hatte überlebt! – und Wilhelmina trieb mich an: »Vorwärts! Los! Runter hier! Es gibt noch genug zu tun!«
Und was es noch alles zu tun gab! Wilhelmina scheuchte mich durch die Straßen, die hier Verlengde Gemendelandsweg, Zwartenhovenbrugstraat, Drambrandersgracht und so ähnlich hießen, mit meist zweigeschossigen Holzhäusern bebaut waren, deren Weiß unter dem tropischen blauen Himmel in den Augen brannte (in einem der ersten Läden bekam ich eine Sonnenbrille verpasst). Sie jagte mich durch Geschäfte und über Märkte, und am Ende war nicht nur ich, sondern waren auch die drei braunen Burschen, die sie irgendwoher organisiert hatte, bepackt. Während sie die Packesel zur Waterkant schickte – woher nahm sie das Zutrauen, dass ihre Einkäufe nicht unterwegs Liebhaber finden würden? – zog sie mich zu einem Gebäude in der Poststraat, das unten aussah wie eine Nordseekate, in der Mitte wie ein Louisiana-Haus und oben wie eine Pagode. »Zeit für Tee«, sagte sie und lotste mich an einen Tisch auf der Terrasse, von wo aus sie die Straße beobachten konnte und von allen gesehen wurde. Es kamen Rühreier auf den Tisch, Weiß-, Schwarz- und Rosinenbrot, Butter, Käse, Schinken, Salami, Marmelade, ein Schälchen mit etwas, das aussah wie geraspelte Schokolade und sich als geraspelte Schokolade entpuppte, dazu Tee (»oder magst du lieber Kaffee?«), Orangensaft und Buttermilch. Es war absurd: Da liefen Menschen durch die Straßen, die aussahen, als hätte sich die halbe Welt hier verabredet, die Sonne brannte vom Himmel, vor dem Haus gegenüber wehten Palmen im Wind und eine mannshohe Bougainvillea wand sich an der Mauer empor, und wir saßen hier bei einem holländischen Frühstück – nein, halt: ich vermisste den Matjes.
Frederik Wilhelmus Buytendijk Baron de Touseul war ein Mann, dem es angeboren war zu befehlen und dem man nicht widersprach. Er war es auch gewesen, der mich auf dem Polizeiboot hatte über Bord werfen lassen wollen, und wie viele Männer, die nicht ganz ausgewachsen sind, war er mit einem unbändigen Ehrgeiz, mit Hochmut und Rachsucht geschlagen. Dass Wilhelmina mich jetzt in ihrem Tross duldete, mir gar einen besonderen Platz einräumte, das fraß sichtlich an dem kleinen Despoten – aber die eigene Frau, vor allem eine wie Wilhelmina, war dann doch etwas anderes als unterwürfige Marrons, kumpelhafte Kaffee- und Kakaohändler oder geschmierte Polizeichefs. So beschränkte er sich darauf, die Träger und Bootsleute zu schikanieren. Ich hatte bis dahin geglaubt, Schaufelraddampfer gäbe es nur auf dem Mississippi, doch die Suriname Rivier Vervoer Maatschapij BV ließ ihr Flaggschiff Trots en Eer auf dem Suriname-Fluss hoch- und runterfahren. Das hätte ich gern mal erlebt, eine Flussfahrt durch den Regenwald, aber der Herr Baron, kaum dass die Kisten und Ballen an Bord verstaut waren, scheuchte uns zu einem Pick-up, ähnlich dem, den ich quer durch die Staaten gelenkt hatte. Auf der Ladefläche stapelten sich Kästen, Tüten und Säcke, einiges davon erkannte ich von unserer Einkaufstour wieder, und während das Paar vorne bei dem einheimischen Fahrer einstieg, verwies mich der Herr Baron auf die Ladefläche. »Nein, nein, Goofy kommt mit nach vorn«, widersprach Wilhelmina wieder einmal, »das wäre ja noch schöner.«
Als wir die letzten Holzhäuser Paramaribos hinter uns gelassen hatten, begann das Verhör.
»Was bist du eigentlich von Beruf, Däne? Seemann bist du ja wohl nicht.« Ich war einigermaßen überrascht, dass sich der Baron für mich interessierte, und überlegte, ob irgendeine Strategie für das Gespräch hilfreich und irgendeine Information schädlich für mich sein könnte, aber ich war mit solchen Spielchen schon immer überfordert. Also redete ich freiweg.
»Ich habe drei Semester Theologie in Aarhus studiert«, begann ich, »dann gab es etwas, das mich gezwungen hat, die Universität zu verlassen.«
»Erzähl, wir sind ganz Ohr!«
»Ach, vielleicht ein anderes Mal«, versuchte ich den Baron zu vertrösten. Ich hätte mich ohrfeigen können, dass mir das mit der Exmatrikulation rausgerutscht war. Zunächst versuchte ich es mit Schweigen, aber der Baron hatte Witterung aufgenommen.
»Na komm, wir haben zehn Stunden Fahrt vor uns, da kannst du uns doch ein wenig unterhalten!« Es machte ihm offensichtlich einen diebischen Spaß, mich in die Enge zu treiben. Also tat ich ihm den Gefallen.
»Unser Dekan war ein eigenwilliger Mann, sehr verschroben, wie man sich einen alten Theologie-Professor vorstellt, denken Sie sich alle Vorurteile und Karikaturen und schlechten Witze zusammen: das war Professor Severin Rundbladt. Vor dem Sonntagsgottesdienst in der Universitätskirche mussten wir Studenten alles vorbereiten: den Ornat mit der Stola und dem gefältelten Kragen raushängen, die Kerzen anzünden, Hostienschale und Kelche für das Abendmahl auf den Altar stellen, die Liedtafeln aushängen, sein Predigtmanuskript auf der Kanzel bereitlegen und so weiter. Rundbladt war ein kluger, zuweilen aufregend scharfsinniger Kopf, aber ein armseliger Prediger, all die luziden Gedanken und raffinierten Volten seiner Argumente verbarg er unter einem Wust von Worten, die er ohne irgendeine Gefühlsregung, ohne eine Modulation in der Stimme vortrug, ja eigentlich Wort für Wort ablas, als ob ein anderer für ihn die Predigt geschrieben hätte. Na ja, was soll ich sagen, Sie können es sich schon denken.«
»Nein, können wir nicht«, unterbrach mich der Baron, »kom nu op!«
Also setzte ich meine Erzählung fort. »Na, eines Sonntagmorgens halt, da habe ich das letzte Blatt seines Manuskripts an mich genommen, bin schnell in mein Zimmer im Wohnheim gelaufen, das gleich hinter der Kirche lag, habe die Vorderseite abgetippt und auf der Rückseite ein wenig frei formuliert.«
»Was hast du geschrieben?«, fragte Wilhelmina, und ich glaube, sie hielt vor Spannung die Luft an. Ah, die Macht der Märchenerzähler!
»Langsam, das kommt noch. Professor Rundbladt bestieg also die Kanzel, alle machten es sich schon für ein dämmriges halbes Stündchen in den Kirchenbänken bequem, und Rundbladt las vor, Paulus, die Korinther, der Geist Gottes und der Menschen Geist, Erkenntnis und Glaube, und dann die Liebe, hätte ich die Liebe nicht usw. Dann kam das letzte Blatt, blablabla, und dann kam er zum Ende des letzten Blattes und er las weiter unbeteiligt und unbeeindruckt: ›Wenn aber der Apostel Paulus die Korinther ermahnt und zu diesem schönen Schluss führt, dass uns nämlich bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen, so frage ich …‹ er blätterte um und fuhr fort, ›dich, liebe Penilla: Willst du meine Frau werden?‹ Als er den Namen vorgelesen hatte, weckte er sich sozusagen selbst aus seinem Singsang auf, ein Anblick, der allein es schon wert war, und Penilla, die fünfundvierzigjährige unverheiratete Tochter des Apothekers, fuhr mit hochrotem Kopf aus ihrem Halbschlaf hoch, und da Rundbladt vor Schreck an dieser Stelle aufgehört hatte weiterzulesen, stand das Fragezeichen laut dröhnend zwischen Kanzel und Gemeinde. Es war mucksmäuschenstill, und Penilla antwortete von der Kirchenbank her mit ihrer dunklen, etwas rauen Stimme: ›Ja, ich will.‹ Rundbladt murmelte etwas vom Wort des Herrn, das Fuß deiner Leuchte sei, und weg mit dem Licht und ähnlich verqueren Unsinn, der nicht in der Gudstjenesteordning for Den Danske Folkekirke stand, und verschwand in der Sakristei. Der Rest des Gottesdienstes fiel aus.«
Ich machte eine dramatische Pause. »Und dann?«, fragte Wilhelmina.
»Das könnt ihr euch ja denken. Zu meinem Unglück hatte der Professor gesehen, dass ich der Letzte war, der das Predigtmanuskript in der Hand gehabt hatte, das war zwar kein Beweis im juristischen Sinn, aber ich hätte keinen Fuß mehr auf den Boden der theologischen Fakultät bekommen. Also habe ich meinen verdienten Abschied genommen. Rundbladt und Penilla sind dann übrigens doch nicht Mann und Frau geworden, aber sie hat immer von dem Dekan als ›meinem Verlobten‹ gesprochen.«
»Und dann, Goofy?«, fragte Wilhelmina.
»Dann bin ich nach Grönland gegangen.«
»Nach Grönland?«, riefen beide entsetzt.
»Ja, als Landvermessergehilfe.«
»Aber in Grönland ist es kalt«, wandte Wilhelmina ein und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
»Im Sommer ist es da auch nicht kälter als im Winter in Dänemark. Ich denke, die ganze Sache habe ich Kai Lindberg, dem Grönlandminister im warmen Kopenhagen zu verdanken, lange Geschichte.«
»Wie gesagt, wir haben Zeit«, ließ sich der Baron von vorn vernehmen.
»Lass ihn doch mal erzählen«, fuhr ihn seine Frau an, und ich erzählte.
»Wir waren nordwestlich von Myggbukta.«
»Myggbukta, wie das klingt.«
»Es war genauso, wie es klingt: Mückenbucht. Doch mit den Mücken wurde es besser, je weiter wir ins Landesinnere kamen. Per Olsen war schon zigmal in Grönland gewesen, ich fühlte mich richtig gut aufgehoben bei ihm, genau wie die Hunde, die den Schlitten zogen, und das ist da draußen das Wichtigste.«
»Da kommt doch noch was, Goofy«, argwöhnte Wilhelmina.
»Hm«, sagte ich nur und nahm erst mal einen Schluck aus der Wasserflasche. »Also, was soll ich sagen, eines Morgens wache ich auf, weil Per gegen mich getreten hat, als er das Zelt verlassen wollte, um zu pinkeln. Man hat dort oben im Sommer ja kein Zeitgefühl, weil es fast immer hell ist. Also schaue ich auf die Uhr, kurz nach sechs am Morgen, kann man so stehenlassen, habe ich gedacht, noch ein Stündchen, Schneefelder vermessen in Grönland eilt ja nun nicht so. Ich muss noch mal kurz eingenickt sein, Mann, …«, ich nahm noch einen Schluck.
»Mach’s nicht so spannend«, quengelte der Baron gequält.
»… na ja, wie ich rausgehe, sehe ich diese Eisbärin mit ihrem Jungen, das war schon ein Hingucker, das schneeweiße Fell und dann die tiefroten Flecken um die Schnauze und auf der Brust. Sie stellt sich auf die Hinterbeine, hat etwas in den Tatzen, das sah aus, als ob jemand aus Per Olsens Trainingsanzug einen Sack genäht hätte, und ich denke noch, man sagt ja immer so, letzte Worte, also, Pers letzte Worte waren, als er über mich gestolpert ist: ›Tschuldigung, muss mal pissen‹. Seiner Witwe habe ich natürlich später erzählt, dass er ganz deutlich ›Smilla, meine Smilla!‹ gerufen hat. Und dann dachte ich: zum Glück ist Per rausgegangen, sonst hätte es vielleicht die Hunde erwischt, keine Ahnung.
Als die Bärin weg war, bin ich sofort auf den Schlitten und ab durch die Mitte. Irgendwann kamen wir zu einer Siedlung, na ja, was heißt irgendwann! Das hat drei Tage und drei Nächte gedauert, ich war völlig fertig, bis wir ankamen. Ok, ich muss zugeben, tatsächlich waren es die Hunde, die ankamen, ich war ein paar Kilometer vorher vom Schlitten gefallen.
Nanuq hat mich gefunden und in seinem Iglu aufgepäppelt. Er war Künstler, hat Tupilak geschnitzt, tolle Sachen aus Walross-Elfenbein. Er war bekannt in der ganzen Gegend, und das können in Ost-Grönland schon mal ein paar tausend Quadratkilometer sein. Die Schamanen sind zu ihm gekommen und haben sich ihre Tupilak schnitzen lassen, wegen der Geister. Ich hab’s bei ihm gelernt, ein bisschen jedenfalls, also wenn ihr mal Walross-Elfenbein zu viel habt …«
»Wir beschwören unsere Geister mit Rum«, bemerkte Wilhelmina sarkastisch, »die guten wie die bösen, nicht war Freddy?« Ich bekam zum ersten Mal mit, dass sie ihren Mann mit so etwas wie einem Kosenamen anredete.
»Nanuq war sehr nett, nicht nur, dass er mir das Leben gerettet hat. Er hat auch fürs Essen gesorgt, war ein prima Jäger, und er hat seine Frauen Ataqatigiit und Miilaaraq angestiftet, in meinen Schlafsack zu schlüpfen, wenn ihr versteht, was ich meine, da sind die Eskimos ganz entspannt.«
»Jeetje«, entfuhr es Wilhelmina.
»Im Winter ist es halt lange dunkel«, gab ich zu bedenken.
»Schmieren die sich nicht Pisse ins Haar, damit es glänzt, und reiben sich mit Walrosstran ein gegen die Kälte?«, fragte der Baron.
»Ja, nun …« war alles, was ich dazu zu sagen hatte.
»Wie lange warst du bei diesem Schnitzweltmeister und seinen Damen?«
»Bis zum nächsten Frühjahr, also so etwa Mai. Da haben sie die Überreste der Gerätschaften gefunden, das Zelt und was von Per übrig war. Dann haben sich mich eingesammelt. Ich musste in Kopenhagen alles zu Protokoll geben, es gab einen, der wollte mir unbedingt nachweisen, dass ich Per aufgefressen habe, und als sich das als zu blöd herausgestellt hat, wollte er Schadenersatz für die Instrumente, die sie nicht mehr gefunden haben, und mein Gehalt wollten sie auch nicht zahlen. Da bin ich abgehauen, aufs nächste Schiff und hoch nach Oslo. Da gibt’s eine Tante, die hat mich aufgenommen.«
Pulsuz fraqment bitdi.