Kitabı oxu: «Deutsch als Zweitsprache in der Schule»

Der Autor
Apl. Prof. Dr. Stefan Jeuk studierte Sonderschulehramt und arbeitete als Sonderschullehrer. Er promovierte zum Zweitspracherwerb mehrsprachiger Kinder in Kindertageseinrichtungen. Zurzeit lehrt er am Institut für deutsche Sprache und Literatur der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und leitet dort das Sprachdidaktische Zentrum. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören Zweitspracherwerb und Mehrsprachigkeit, Schriftspracherwerb sowie Anfangsunterricht im Deutschunterricht der Grundschule.
Stefan Jeuk
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5., überarbeitete Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
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ISBN 978-3-17-039002-7
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Geleitwort
Die großen internationalen Vergleichsstudien zu Schul- und Schülerleistungen vom Beginn des Jahrhunderts haben spürbare Innovationen im gesamten Bildungssystem bis hinein in die konkreten unterrichtlichen Praktiken mit sich gebracht. Auch die Forschungslandschaft rund um das Lehren und das Lernen wurde durch diese Impulse nachhaltig beeinflusst und wirkt ihrerseits weiter auf die Entwicklung von Schule und Unterricht ein.
Eine der Lehren aus diesen Studien war die Anerkennung der Notwendigkeit von Interdisziplinarität: Lehren und Lernen, wissenschaftlich betrieben, kann nur durch das Zusammenspiel pädagogischer, psychologischer, fachwissenschaftlicher und fachdidaktischer Theorien und Befunde befriedigend erklärt und gesteuert werden. In der pädagogischen Praxis kann keine Lerntheorie ohne Bezug auf eine konkrete Inhaltsdomäne und keine Lehrmethode ohne Curriculumsbezug und ohne Beachtung der individuellen Lernvoraussetzungen erfolgreich sein. Die je eigenen Perspektiven und Erkenntnisse der Psychologie, der Pädagogik und der beiden schulisch zentralen Fachdidaktiken Mathematik und Deutsch, vertreten in den Disziplinen der Herausgebenden, sollen in den einzelnen Bänden dieser Reihe jeweils zu einem kohärente Gesamtbild zusammengeführt werden. Neben der Interdisziplinarität liegt besonderer Wert auf einer – weit verstandenen – Empirie: Erfahrungswissenschaftlich gewonnene Erkenntnisse zum Lehren und Lernen stehen jeweils im Mittelpunkt der Darstellung. Schließlich fokussieren alle Bände der Reihe den Anwendungsbezug: Die entfalteten Themen, Diskurse und Fachgebiete sind jeweils unmittelbar bedeutend für Schule und Unterricht. Insgesamt präsentieren die Bände die wichtigsten unterrichtlich relevanten Forschungsthemen und -ergebnisse aus den unterschiedlichen Disziplinen.
Die vorliegende Reihe umfasst thematisch den Vorschul-, Grundschul- und weiterführenden Schulbereich bis etwa zur zehnten Klassenstufe. Konzipiert ist sie für (zukünftige) Lehrende, auch für PädagogInnen und PsychologInnen in weiteren Anwendungsfeldern im Bildungssystem. Mit dem »Lehren und Lernen« werden die oben angesprochenen politisch-praktischen Veränderungen im pädagogischen und fachlichen Feld und in der Aus- und Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern aufgegriffen, indem die Ergebnisse der empirischen Forschung in den zentralen Bereichen des Lehrens und Lernens aus interdisziplinärer Perspektive für professionelle Anwender verständlich und kompakt dargestellt werden.
Andreas Gold, Cornelia Rosebrock, Renate Valtin & Rose Vogel
Inhalt
1 Geleitwort
2 Vorwort
3 Einleitung
4 1 Deutsch als Zweitsprache in Deutschland
5 1.1 Begriffsbestimmung
6 1.2 Bildungsbenachteiligung
7 1.3 Deutsch als Zweitsprache als Bildungsaufgabe in der Schule
8 2 Zweitspracherwerb
9 2.1 Kindliche Sprachaneignung
10 2.2 Zweitspracherwerbstheorien
11 2.3 Einflussfaktoren auf den Zweitspracherwerb
12 2.4 Der Einfluss der Erstsprache
13 3 Verlauf des Zweitspracherwerbs und Lernschwierigkeiten
14 3.1 Alltagskommunikation und Bildungssprache
15 3.2 Zweitspracherwerb im Vorschul- und Schulalter
16 3.3 Schwierigkeiten beim mündlichen Sprachgebrauch
17 3.4 Schwierigkeiten beim schriftlichen Sprachgebrauch
18 3.5 Mehrsprachigkeit und Behinderung
19 4 Sprachstandserhebung und Leistungsbewertung
20 4.1 Aufgaben und Ziele von Sprachstandserhebungen
21 4.2 Standardisierte Verfahren
22 4.3 Informelle Verfahren
23 4.4 Fehleranalysen und die Frage der Leistungsbewertung
24 5 Pädagogische und didaktische Modelle
25 5.1 Migrationspädagogik
26 5.2 Modelle zweisprachiger Erziehung
27 5.3 Didaktische Modelle des DaF-Unterrichts
28 5.4 Didaktische Modelle des DaZ-Unterrichts
29 6 Methoden der Sprachförderung und des Sprachunterrichts
30 6.1 Sprachförderung im Elementarbereich
31 6.2 Sprachunterricht und Sprachförderung in der Schule
32 6.3 Spezielle Methoden des Sprachunterrichts und der Sprachförderung
33 Literatur
34 Stichwortverzeichnis
Vorwort
Sehr viele Kinder und Jugendliche wachsen in Deutschland mehrsprachig auf. Lehrkräfte sowie Erzieherinnen und Erzieher werden jedoch nicht immer ausreichend auf diesen Umstand vorbereitetet. In Bildungsplänen und Beschlüssen der Kultusministerkonferenz findet sich häufig ein Verweis auf die Kompetenzen der mehrsprachigen Lernenden und die Vorgabe, dass diese Kompetenzen wertgeschätzt und in den Unterricht und die Förderung einbezogen werden sollen. In der Praxis werden mehrsprachige Kinder und Jugendliche jedoch häufig als Problemgruppe wahrgenommen.
Meine Auseinandersetzung mit dem Thema begann Anfang der 1990er Jahre mit meiner Arbeit als Sonderschullehrer für sprach- und lernbehinderte Kinder: In der Praxis hatte ich viele mehrsprachige Kinder, die Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache hatten, in meiner Ausbildung hatte ich jedoch keine Kompetenzen hinsichtlich des Umgangs mit mehrsprachigen Kindern erworben. Obwohl im Studium der Sprachbehindertenpädagogik das Thema Spracherwerb einen Studienschwerpunkt bildete, stand hier ausschließlich der Erwerb einer Sprache im Fokus. Wie mehrsprachige Spracherwerbs- und Bildungsprozesse ablaufen, wurde nicht diskutiert. Dies hat sich in den letzten Jahren geändert, im Arbeitsbereich »Deutsch als Zweitsprache« sind einige erfreuliche Entwicklungen zu beobachten.
Seit 1999 befasse ich mich auch wissenschaftlich mit diesem Thema, und ich musste feststellen, dass es auf die komplexe Frage, wie mehrsprachige und heterogene Lerngruppen am besten unterrichtet werden können, keine einfachen Antworten gibt; vieles ist noch ungeklärt, und manches lässt sich auch nicht ohne Weiteres klären. Meine Erfahrungen und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema »Deutsch als Zweitsprache« bilden die Basis dieses Bandes. Einige Inhalte sind bereits in anderen Publikationen vorgestellt worden, neu ist jedoch die Orientierung an der Zielgruppe der Lehrkräfte und der Versuch, eine Reihe von konkret handhabbaren Vorschlägen in die Erörterungen einzuflechten. In diesem Band wird versucht, eine Zusammenfassung der wichtigsten Grundlagen des Unterrichts mit mehrsprachigen Lerngruppen vorzulegen. Das Thema wird so aufbereitet, dass Lehrkräfte, Erzieherinnen und Erzieher sich möglichst viele Grundlagen aneignen können, die sie für ihren pädagogischen Alltag benötigen.
Ich danke allen Kolleginnen und Kollegen, die mich in den letzten Jahren bei meiner Arbeit unterstützt haben, vor allem Elke Grundler und Joachim Schäfer für vielfältige Korrektur- und Überarbeitungsvorschläge. Außerdem danke ich dem Kohlhammer-Verlag, insbesondere Ulrike Albrecht, sowie den Herausgeberinnen und dem Herausgeber der Reihe für ihre umfangreiche Unterstützung. Mein besonderer Dank gilt jedoch allen Kindern und Familien, mit denen ich im Laufe meiner Forschungstätigkeiten zusammenarbeiten durfte. Ihre Offenheit und Bereitschaft zur Zusammenarbeit bildet die Basis aller meiner Untersuchungen.
Ludwigsburg, im Januar 2010 Stefan Jeuk
Für die Neuauflage wurde der Text korrigiert und geringfügig überarbeitet, dabei wurden aktuelle Entwicklungen berücksichtigt. Ich danke Esin IsilGülbeyaz für wichtige Korrektur- und Überarbeitungsvorschläge. Ludwigsburg, im Januar 2013 Stefan Jeuk
Für die dritte Auflage wurde der Text überarbeitet und ergänzt, hierbei wurden aktuelle Entwicklungen berücksichtigt. Neu hinzugekommen ist ein Kapitel zu Mehrsprachigkeit und Behinderung (
Kap. 3.5). Insbesondere Kapitel 6 wurde um aktuelle Ansätze erweitert. Ich danke allen Kolleginnen und Kollegen für ihre Unterstützung und für hilfreiche Hinweise. Insbesondere danke ich den Kolleginnen und Kollegen am Sprachdidaktischen Zentrum der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg für die intensive und überaus gewinnbringende Zusammenarbeit.
Seit der Erstauflage des Bandes im Jahr 2010 hat sich der Arbeitsbereich »Deutsch als Zweitsprache« gemeinsam mit der Mehrsprachigkeitsforschung in Deutschland zu einem äußerst dynamischen und vielfältigen Arbeitsbereich entwickelt. Dazu beigetragen hat unter anderem der von Bernt Ahrenholz initiierte Workshop »Deutsch als Zweitsprache, Migration und Mehrsprachigkeit«, der im Jahr 2019 zum 15. Mal stattfand. Bernt Ahrenholz verstarb im November 2019 zu unserer großen Bestürzung kurz vor Stattfinden des Workshops. Ihm ist diese Überarbeitung gewidmet.
Für die 5. Auflage wurde der Text erneut überarbeitet und ergänzt. Insbesondere die Kapitel 1, 2 und 5 wurden aktuellen Entwicklungen angepasst. Ich danke allen Kolleg*innen des Workshops und der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, insbesondere den Mitarbeiter*innen des Sprachdidaktischen Zentrums, für vielfältige Anregungen, Hinweise und Kritik.
Ludwigsburg, im Herbst 2020, Stefan Jeuk
Einleitung
Es herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass mehrsprachige Kinder und Jugendliche im Laufe der Schulzeit nicht immer den Sprachstand in der Zweitsprache Deutsch erreichen, der notwendig wäre, um ohne zusätzliche Sprachförderung gemeinsam mit deutschen Kindern nach einheitlichen Bildungsstandards beschult zu werden. Mehrsprachige Schüler*innen weisen signifikant häufiger einen sonderpädagogischen Förderbedarf auf oder besuchen eine Schulform, die nicht zum Abitur führt, als einsprachig deutsche Schüler*innen, dafür besuchen vergleichsweise weniger mehrsprachige Jugendliche ein Gymnasium. Die Gründe für die Bildungsbenachteiligung sind nicht immer auf individuelle Lernschwierigkeiten zurückzuführen, sondern auch auf Defizite auf Seiten der Bildungseinrichtungen. Ein Aspekt hiervon ist, dass es an einsprachig (= monolingual) verfassten Schulen nur wenige konzeptionelle Überlegungen gibt, wie mit Mehrsprachigkeit umzugehen sei. Häufig wird davon ausgegangen, dass der Erwerb zweier Sprachen im Prinzip kein Problem sei und dass es im Vorschulalter gelingen müsse, Deutsch als Zweitsprache so zu erwerben, dass eine Beschulung gemeinsam mit einsprachig deutschen Kindern problemlos möglich sei.
Schwierigkeiten und Defizite beim Erwerb der Zweitsprache Deutsch führen im Lauf der Schulzeit unter Umständen zu immer größeren Lernschwierigkeiten, die sich auch auf die Sachfächer auswirken. Die Kompetenzen in den Herkunftssprachen der Kinder spielen hingegen in der deutschen Schule kaum eine Rolle. So werden mehrsprachige Kinder häufig als Defizitträger wahrgenommen, da sie von Beginn der Schulzeit an mit einsprachig deutschen Kindern verglichen werden, die nur in einer Sprache kommunizieren müssen und die zum Zeitpunkt der Einschulung in der Regel, soweit es sich nicht um Kinder aus gravierend soziokulturell benachteiligenden Verhältnissen oder um sprachbehinderte Kinder handelt, die Unterrichtssprache altersgemäß beherrschen.
Ein anderer Zusammenhang wird bei der Interpretation der Ergebnisse internationaler Studien deutlich: Schüler*innen mit einem sogenannten Migrationshintergrund sind im deutschen Schulsystem erfolgreicher, wenn man sie mit denjenigen deutschen Kindern und Jugendlichen vergleicht, die unter denselben benachteiligenden sozialen Umständen leben. Die starke Abhängigkeit des Bildungserfolgs von der sozialen Herkunft trifft diese Schüler*innen in besonderem Maße. Im schulischen Alltag vermischen sich in der Wahrnehmung häufig soziale und migrationsbedingte Aspekte. Es kann davon ausgegangen werden, dass vieles, was in den Augen der Lehrkräfte migrationsbedingte oder kulturelle Differenzen sind, auf sozioökonomische Differenzen zurückzuführen bzw. ein Ergebnis komplexer soziokultureller Wechselwirkungen ist.
In den sozialen Bedingungen ist nur ein Grund für die Bildungsbenachteiligung zu sehen. Ein anderer liegt darin, dass viele mehrsprachige Kinder in Kindergarten und Grundschule nicht ausreichend gute Gelegenheiten haben, sich die deutsche Sprache angemessen anzueignen. Mehrsprachige Kinder, die viele Kontakte zur Zweitsprache Deutsch haben, haben auch wenig Probleme, die deutsche Sprache zu erwerben. Darüber hinaus scheint die Qualität der vorschulischen und schulischen Sprachförderung eine entscheidende Rolle zu spielen. Erst in den letzten Jahren wurde deutlich, dass sprachliche Fähigkeiten, die vielfach als Voraussetzung für schulische Bildung gesehen werden, im Kindergarten und in der Schule erst noch vermittelt werden müssen.
Aus dem Gesagten ergibt sich zweierlei: Zum einen ist die Förderung der Zweitsprache Deutsch bei mehrsprachigen Kindern genuine Aufgabe von Kindertageseinrichtungen und Schulen. Eine zentrale Aufgabe kommt hier dem Deutschunterricht zu, da im Verlauf des Schriftspracherwerbs und des weiterführenden Lese- und Schreibunterrichts bestimmte sprachliche Formen, die eben für die Schriftlichkeit kennzeichnend sind, erst vermittelt werden. Zum anderen ist die Unterstützung des Zweitspracherwerbs in allen Fächern über die gesamte Schulzeit hinweg eine zentrale Aufgabe, da in allen Fächern Verknüpfungen zu Weltwissen und somit zum Wortschatz- und Bedeutungserwerb gelegt werden.
Mit diesem Band sollen Lehrkräften aller Schularten Hilfen an die Hand gegeben werden, wie Kinder mit Deutsch als Zweitsprache unterstützt werden können. Hierzu wird zunächst die Lebens- und Bildungssituation mehrsprachiger Kinder in Deutschland dargestellt. Die Kenntnis der lebensweltlichen Mehrsprachigkeit ist eine wichtige Voraussetzung dafür, mehrsprachige Kinder in Deutschland besser zu verstehen (
Kap. 1). Im 2. Kapitel werden Ergebnisse der aktuellen Zweitspracherwerbsforschung vorgestellt, sofern sie für schulische Lernprozesse relevant sind; im 3. Kapitel geht es um die sprachlichen Bereiche, die für mehrsprachige Kinder besonders schwer zu erwerben sind. Das 4. Kapitel widmet sich der Sprachstandsfeststellung und der Sprachdiagnostik. Dies ist ein Thema, das in jüngerer Zeit zunehmend an Bedeutung gewann, wird doch von Lehrkräften erwartet, Förderung und Unterricht aufgrund von Lernstandsanalysen und individuellen Beobachtungen zu konzipieren. Auch im Rahmen von Zuweisungsentscheidungen (z. B. Zurückstellung vom Schulbesuch oder Zuweisung zusätzlicher Sprachförderangebote) werden diagnostische Vorgehensweisen immer wichtiger. Im 5. und 6. Kapitel stehen die Förderung und der Unterricht im Zentrum. Ausgehend von den Prämissen einer interkulturellen Pädagogik werden in Kapitel 5 didaktische Modelle vorgestellt und diskutiert, in Kapitel 6 werden die Überlegungen auf Fragen der Sprachförderung und des Sprachunterrichts übertragen.
Die Konzeption dieses Bandes wird von der Vorstellung geleitet, dass Deutsch als Zweitsprache eine Bildungsaufgabe ist, die mehrsprachige Schüler*innen über die ganze Kindergarten- und Schulzeit und noch darüber hinaus begleitet und dass dieser Bereich deshalb eine fächerübergreifende Aufgabe für alle Lehrer*innen in allen Schularten darstellt.
1 Deutsch als Zweitsprache in Deutschland
Unter optimalen Bedingungen sind Kinder in der Lage, zwei oder mehr Sprachen ohne besondere Schwierigkeiten zu lernen. Diese Bedingungen sind häufig, aber nicht zwingend, in mehrsprachigen Familien gegeben. Da der Erfolg beim Erwerb mehrerer Sprachen auch von den Lernbedingungen abhängig ist, ist es nicht möglich, aus der zweifellos faszinierenden Sprachlernfähigkeit von Kindern pauschal zu schließen, dass der Erwerb mehrerer Sprachen in jedem Fall problemlos verlaufen müsse. Um sich der Frage, unter welchen Bedingungen eine (zweite oder weitere) Sprache erfolgreich gelernt werden kann, zu stellen, muss zunächst geklärt werden, in welchem Rahmen das Lernen erfolgt. Im Rahmen der migrationsbedingten Mehrsprachigkeit werden mehrsprachige Kinder und Jugendliche häufig als Personen wahrgenommen, die in der Schule Lernschwierigkeiten haben.
Viele mehrsprachige Kinder und Jugendliche, die deutsche Schulen besuchen, haben zum Zeitpunkt der Einschulung hohe Kompetenzen in ihrer Erstsprache. Außerdem haben einige von ihnen schon viel in der Zweitsprache Deutsch gelernt. Damit können sie mehr als die meisten einsprachig deutschen Kinder, die ja nur in einer Sprache kommunizieren können. Die Kompetenzen in der Zweitsprache Deutsch reichen aber bei einigen Kindern nicht aus, um dem Unterricht, der für einsprachige Kinder konzipiert ist, ohne Weiteres zu folgen. Da sich die Sprachschwierigkeiten auf alle schulischen Lernbereiche auswirken, ist es auch Aufgabe aller Lehrkräfte, die besonderen Lernvoraussetzungen mehrsprachiger Kinder und Jugendlicher zu berücksichtigen und diese bei der Aneignung der Zweitsprache Deutsch zu unterstützen. Andere Kinder wandern erst im Laufe der Schulzeit nach Deutschland ein. Für sie gilt es, Angebote so zu konzipieren, dass sie möglichst schnell zu den einsprachigen Kindern aufschließen können.
1.1 Begriffsbestimmung
Im Gegensatz zu Deutschland und anderen (europäischen) Nationalstaaten ist Mehrsprachigkeit in den meisten Ländern der Welt der Normalfall (Crystal, 1995, S. 360). Dies gilt z. B. für die Länder, in denen neben der Sprache der ehemaligen Kolonialmächte, die häufig als Verständigungs- und Verwaltungssprache dient, verschiedene Regionalsprachen in unterschiedlichen Gewichtungen gebraucht werden. Historisch gesehen sind einsprachige (monolinguale) Staaten erst im Zeitalter des Nationalismus entstanden, und häufig ist die Einsprachigkeit mittels staatlicher Repressionen durchgesetzt worden. So gab es z. B. auf dem Staatsgebiet des heutigen Frankreichs bis ins 19. Jahrhundert hinein eine Reihe von Sprachen: Katalanisch, Baskisch, Okzitanisch, Provenzalisch und Bretonisch, um nur die wichtigsten zu nennen. Eine Minderheit sprach Französisch. Um sich in diesem mehrsprachigen Land verständigen zu können, mussten die Menschen selbstverständlich verschiedene Sprachen beherrschen. Erst eine repressive Sprachenpolitik, die im 16. Jahrhundert begonnen hatte, sorgte dafür, dass sich Französisch nach und nach als einzige Nationalsprache durchsetzte (vgl. Klünemann & Arnauld-Kreutzer, 2008). Dieser Prozess führte zum Aussterben oder zumindest zur Abwertung von Sprachen, um deren Erhalt man sich heute wieder bemüht. Da die Entstehung von Staaten mit einer Sprache als Nationalsprache eng mit dem Nationalismus verknüpft ist, wird die Ansicht, dass es in einer Nation eine Sprache gäbe, die als Muttersprache und als Sprache der Bildung für alle Menschen gleichermaßen in standardisierter Form gelten müsse, als Linguizismus (lingua = lat. Sprache) bezeichnet (vgl. Gogolin, 1994).
Selbst in sprachlich relativ homogenen Staaten gibt es Sprachminderheiten, deren Mehrsprachigkeit dauerhaft ist, wie zum Beispiel in Sachsen und Brandenburg bei der sorbischen Sprachminderheit. Dort sind zwei oder mehr Sprachen über mehrere Generationen hinweg Familiensprachen. In Deutschland sind Dänisch, Sorbisch, Romani und Friesisch im Rahmen der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen besonders geschützt. Dieser Schutz gilt allerdings nicht für die Sprachen eingewanderter Sprachminderheiten. Innerhalb der Nationalstaaten kommt dem Begriff Muttersprache erhebliche Bedeutung zu. Damit wird die Sprache bezeichnet, die das Kind als erste erwirbt, die in der Regel die Sprache der Mutter bzw. der Eltern ist, die es am besten beherrscht und die es emotional bevorzugt (Skutnabb-Kangas, 1992, S. 43). Der Begriff Muttersprache wird in vielen Spracherwerbskontexten problematisch: Es kommt z. B. häufig vor, dass Kinder aufgrund von Migration in jungen Jahren weitere Sprachen lernen, wenn die erste gelernte Sprache nicht weiter gefördert wird, kann es zum Sprachverlust kommen. Dies ist z. B. bei manchen deutschen Auswanderern in die USA der Fall. Ein weiteres Beispiel sei genannt: In Marokko wachsen manche Kinder viersprachig auf: Französisch, marokkanisches Arabisch, regionale Berbersprache der Mutter, regionale Berbersprache des Vaters. Vermutlich gibt es dort wenige Menschen, die alle vier Sprachen vollständig und in allen Registern beherrschen. Vermutlich werden die Sprachen in verschiedenen Lebensbereichen, je nach Verwendung, unterschiedlich gut beherrscht. Es wird jedoch deutlich, dass es in diesem Fall kaum möglich ist zu bestimmen, welche Muttersprache ein Kind hat. Die Beispiele zeigen, dass die Frage, wie und mit welchen Zielen der Erwerb einer (zweiten) Sprache gefördert werden soll, nicht ohne Berücksichtigung des soziokulturellen Umfelds beantwortet werden kann. Aufgrund der vielfältigen Facetten des Begriffs »Muttersprache« wird in der Forschung dem Begriff »Erstsprache« der Vorzug gegeben, damit wird die Sprache benannt, die ein Kind als erstes erwirbt (Ahrenholz, 2017a, 3f).
Der Begriff »Muttersprache« schlägt sich auch in der durchaus üblichen Bezeichnung »Muttersprachlicher Unterricht« nieder, wenn vom Unterricht in der Mehrheitssprache die Rede ist. Dies ist unter anderem deshalb problematisch, weil die Sprache, um die es in der Schule geht, ein konzeptionell schriftliches Register ist und somit keineswegs mit dem eher mündlichen Sprachgebrauch der ›Muttersprache‹ in den Familien gleichzusetzen ist (
Kap. 3.1). Da außerdem eine Vielzahl von Schüler*innen keine »Muttersprachler« sind, schlägt Haueis (2007) den Terminus »Unterricht in der Landessprache« vor.
Wenn im Folgenden von Erstsprache (S1) und Zweitsprache (S2) die Rede ist, bezieht sich dies auf die Reihenfolge des Erwerbs. Eine Wertigkeit, insbesondere im Hinblick auf die mehr oder weniger gute Beherrschung einer Sprache, kommt damit nicht zum Ausdruck. Auf den Begriff Muttersprache wird so weit wie möglich verzichtet und dem Begriff Familiensprache der Vorzug gegeben. Damit ist die Sprache gemeint, die in der Regel in der Familie gesprochen wird. Mit diesem Begriff bleiben der Grad der Beherrschung und der emotionale Bezug offen, es wird lediglich die Kommunikationssituation gekennzeichnet. In vielen Familien gibt es mehrere Familiensprachen, da z. B. die Zweitsprache Deutsch mit der Dauer des Aufenthalts häufig auch in der Familie mehr und mehr gebraucht wird. Deutsch wird dann zu einer zweiten Familiensprache. Erwirbt ein Kind zwei Sprachen von Geburt an, z. B. in zweisprachigen Familien, so ist von früher Zweisprachigkeit oder vom simultanen Erwerb zweier Sprachen die Rede. Sukzessiver Bilingualismus bzw. sukzessiver Zweitspracherwerb steht für den Erwerb einer zweiten Sprache nach der ersten, etwa ab drei Jahren. Frühe Zweisprachigkeit ist in Familien zu beobachten, in denen die beiden Elternteile unterschiedliche Sprachen mit dem Kind sprechen. Da dies häufig in Akademikerfamilien dokumentiert ist, wird es auch als »Elitebilingualismus« (Tracy, 1996, S. 77) bezeichnet.
Forschungsergebnisse
Der französische Sprachwissenschaftler Jules Ronjat (2013) verfasste die erste Fallstudie zum bilingualen Erstspracherwerb (vgl. Schneider, 2015). Er beobachtete die bilinguale Entwicklung seines Sohnes Louis. Die Familie lebte in Frankreich, die Mutter sprach Deutsch mit dem Kind, der Vater Französisch. Ronjat stellte fest, dass Zweisprachigkeit die kindliche Entwicklung nicht bremst oder negativ beeinflusst. Louis war sich seiner Zweisprachigkeit früh bewusst, die Entwicklung verlief in beiden Sprachen nahezu parallel, allerdings war die eine oder andere Sprache zwischenzeitlich die stärkere. Ronjat nahm darüber hinaus an, dass ein Kind beide Sprachen erfolgreich erwerben könne, wenn die Eltern das Prinzip »une personne – une langue« (eine Person – eine Sprache) berücksichtigen. Montanari & Panagiotopoulou (2019) nehmen aufgrund neuerer Studien demgegenüber an, dass das Mischen von Sprachen keine Gefahr für den bilingualen Spracherwerb darstellt.
In vielen Fällen wird beschrieben, dass mehrsprachig aufwachsende Kinder zwei Sprachen so erwerben, dass ihre Fähigkeiten denen eines native speaker (= Muttersprachler) in beiden Sprachen gleichen. Allerdings befinden sich die Sprachen selten im Gleichgewicht. Je nach Gebrauch, Umfeld, familiärer Situation und Umgebungssprache ist die eine oder andere Sprache mehr oder weniger dominant. Tracy (1996, S. 71) illustriert dies anhand eines Beispiels: Ein zweisprachiges Kind spielt mit dem englischsprachigen Elternteil mit der Eisenbahn und spricht dabei Englisch. In Bezug auf Eisenbahnen wird es über einen Wortschatz verfügen, der dem einsprachig englischer Kinder entspricht. Wenn der deutschsprachige Elternteil mit dem Kind nie mit der Eisenbahn spielt, das Kind folglich auf Deutsch auch nie darüber spricht, wird es in diesem Bereich mit deutschsprachigen Gesprächspartnern ein anderes Verhalten an den Tag legen: Es ist wortkarg, bezeichnet unterschiedliche Objekte als Ding oder entlehnt englische Wörter.
Beim sukzessiven Zweitspracherwerb sind die Kinder in einer anderen Situation als in bilingualen Familien. Die Erzieherinnen und Lehrkräfte sind in der Regel einsprachig, die Sprachentrennung erfolgt nach dem Prinzip: Familiensprache zu Hause, Umgebungssprache im Kindergarten. Der Gebrauch zweier Sprachen hat für die Kinder eine andere Bedeutung, da häufig nur zu Hause die Familiensprache (oft neben anderen Sprachen) und im Kindergarten nur die Umgebungssprache gesprochen wird. So wird z. B. der Wortschatz bestimmter Lebensbereiche, die kennzeichnend für den Kindergarten sind, auch nur in der Umgebungssprache erworben.
Aufgrund der Beobachtung, dass der Erwerb zweier Sprachen in bilingualen Familien häufig erfolgreich bewältigt wird, wird zu Recht geschlossen, dass Mehrsprachigkeit im Prinzip kein Problem sei. Die Lernbedingungen müssen hierfür jedoch optimal sein. Vor allem muss davor gewarnt werden, dass bei Kindern, die mehrere Sprachen lernen und die in der einen oder anderen Sprache Defizite aufweisen, Probleme ausschließlich auf Seiten des Kindes gesehen werden. Kommen mehrsprachige Kinder im Alter von drei Jahren in eine Kindertageseinrichtung, ist dies häufig der Beginn des institutionellen Zweitspracherwerbs. Werden dann zum Zeitpunkt der Einschulung sprachliche Kompetenzen erwartet, die mit denen einsprachiger Kinder vergleichbar sind, bleiben den Kindern bis dahin nur drei Jahre Zeit. In der Schule kann dies zu Problemen führen, wenn das sprachliche Lernen mit dem Leistungsvergleich mit einsprachigen Kindern, die in der Regel sechs Jahre Zeit hatten, um sich eine Sprache anzueignen, und mit der Leistungsbewertung verbunden wird. Ein weiteres Problem entsteht dann, wenn in der Einrichtung viele Kinder sind, die ebenfalls die Umgebungssprache lernen müssen. Es entstehen Situationen, in denen die Erzieherinnen oder die Lehrkräfte nahezu die einzigen Sprachvorbilder in der Umgebungssprache Deutsch sind.
Eingewanderte Menschen in monolingualen Gesellschaften müssen die Mehrheitssprache als wichtigstes Kommunikationsmittel akzeptieren und mit der Abwertung ihrer Herkunftssprachen leben. Die Kinder und Jugendlichen sind jedoch auf die Bewahrung ihrer Mehrsprachigkeit als Basis für die Entfaltung von Handlungsfähigkeit, Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Teilhabe angewiesen, denn in ihren Familien und in vielen sozialen Kontexten ist die Herkunftssprache nach wie vor fest verankert (vgl. Kracht, 2007). Wie Chlosta & Ostermann (2017) zeigen, sind mehrsprachige Lebenswelten in Deutschland vielfältig und differenziert, in vielen Familien spielen die Herkunftssprachen über mehrere Generationen eine Rolle, immer wieder handelt es sich um mehrere Herkunftssprachen (z. B. Kurdisch und Türkisch oder marokkanisches Arabisch, Französisch und eine Berbersprache). Deutsch ist häufig eine weitere Familiensprache. Die einsprachige Mehrheitsgesellschaft ist geneigt, diesen Umstand zu ignorieren. Häufig wird auf kulturelle Differenzen verwiesen, verbunden mit einem negativ-abwertenden Unterton (vgl. die Rede von der »deutschen Leitkultur«). Dabei ist in der bildungspolitischen Debatte durchaus eine Wertigkeit der Sprachen zu beobachten: Englisch und Französisch werden mit großem institutionellen Aufwand gefördert, in vielen Bundesländen ist eine der beiden Sprachen ab der 1. oder 3. Klasse zweistündiges Unterrichtsfach. Vor dem Hintergrund, dass in den 1980er und 1990er Jahren Förderstunden für mehrsprachige Kinder radikal gekürzt wurden, wird deutlich, dass es anerkannte und wichtige Sprachen einerseits und eher als unbedeutsam empfundene Sprachen andererseits gibt.
Eine weitere wichtige Unterscheidung ist die zwischen Fremdspracherwerb und Zweitspracherwerb. Fremdspracherwerb bedeutet, dass die zweite Sprache in einem Land erworben wird, in dem diese Sprache nicht gesprochen wird. Englischunterricht an deutschen Schulen ist Fremdsprachunterricht, ebenso Deutschunterricht in England. Von Zweitspracherwerb wird hingegen gesprochen, wenn die zu lernende Sprache zur gleichen Zeit die Umgebungssprache ist. Er vollzieht sich unter mehr oder weniger pädagogischer Einflussnahme und führt zu mehr oder weniger gutem Beherrschen zweier oder mehrerer Sprachen. Mit dieser Unterscheidung geht eine weitere Differenzierung einher: Eine Fremdsprache muss man lernen, eine Zweitsprache wird hingegen eher in ungesteuerten Kontexten erworben. Bei der Unterscheidung zwischen Fremd- und Zweitspracherwerb muss zudem beachtet werden, dass die Ziele des Lernprozesses höchst unterschiedlich sein können. Im Rahmen des institutionell organisierten Fremdsprachenunterrichts steht häufig die Beherrschung des schriftsprachlichen Registers im Vordergrund. Die Unterweisung kann einer systematischen Progression folgen, die der Logik des Sprachsystems geschuldet ist. Beim Zweitspracherwerb müssen die Lernenden demgegenüber von Beginn an in der Zweitsprache kommunizieren. Für erwachsene Arbeitsmigranten ergibt sich z. B. nicht immer die Notwendigkeit, in der Zweitsprache schriftlich zu kommunizieren. Die Kommunikation im Alltag erfordert vielmehr einen bestimmten Wortschatz und die sprachliche Korrektheit wird der kommunikativen Absicht untergeordnet. So kann es geschehen, dass sich bei Erwachsenen die sprachlichen Fähigkeiten in der Zweitsprache nur so weit entwickeln, wie dies zur erfolgreichen Kommunikation im Alltag benötigt wird.
1.2 Bildungsbenachteiligung
Bis zum Beginn der 2000er Jahre war die Frage der ausländischen Staatsangehörigkeit eine zentrale Größe in der Bildungsstatistik. Seit der Änderung des Staatsbügerschaftsrechts im Jahre 2003 ist der Passbesitz jedoch keine Kategorie, mit der sich die Vielsprachigkeit der Schüler*innen erfassen lässt. Seit dem Jahr 2003 wird in Bildungsstatistiken die Kategorie »Migrationshintergrund« angewendet (Beauftragte, 2020, S. 12ff). Demnach hat eine Person einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht in Deutschland geboren ist oder keinen deutschen Pass hat. In der Schulstatistik wird darüber hinaus häufig der nicht deutsche Sprachgebrauch als Teilaspekt des Migrationshintergrunds erfasst. Nach den Zahlen des Statistischen Bundesamts hatten im Jahr 2018 20,8 Millionen Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund, das sind 25,5 %, davon hatte etwa die Hälfte einen ausländischen Pass. Die Zahlen zum sogenannten Migrationshintergrund sagen nicht unbedingt etwas über die Mehrsprachigkeit der Familien aus. So gibt es Familien mit Migrationshintergrund, in denen fast ausschließlich Deutsch gesprochen wird, andererseits gibt es nicht wenige Familien der sogenannten dritten Generation, in denen die Herkunftssprache(n) der Großelterngeneration nach wie vor eine der Familiensprachen ist (sind). So ist davon auszugehen, dass die deutsche Gesellschaft insgesamt wesentlich vielsprachiger ist, als es die Zahlen vermuten lassen (Chlosta & Ostermann, 2017)
Der Begriff Migrationshintergrund wird von Seiten der Migrationspädagogik kritisiert (Mecheril 2010; Dirim & Mecheril, 2018): Mit der Betonung auf dieses eine Merkmal wird eine Differenzkategorie zur wichtigsten Variable, andere Kategorien, wie z. B. der sozioökonomische Status, werden erfasst, verschwinden aber in der öffentlichen Wahrnehmung. Dirim & Mecheril (2018, S. 171) sprechen von der »Essentialisierung der Differenz«: Ein Merkmal wird überbetont und die Schlechterstellung im Schulsystem wird mit einer einzelnen Eigenschaft der Schüler*innen erklärt. So hat der Begriff in der Alltagsverwendung häufig eine negative Konnotation. Bei der folgenden Darstellung muss also genau unterschieden werden zwischen der statistisch belegten Schlechterstellung der Schüler*innen mit Migrationshintergrund einerseits und den Ursachen für diese Schlechterstellung andererseits.
Trotz des seit Mitte der 1980er Jahre zu beobachtenden Trends zu höherer Bildungsbeteiligung gehören Schüler*innen mit Migrationshintergrund in Deutschland nach wie vor zu den Bildungsbenachteiligten. Im Bericht der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung (2020) wird festgestellt, dass in Deutschland lebende junge Erwachsene mit »Migrationshintergrund« im Vergleich zu deutschen Jugendlichen über ein niedrigeres Bildungsniveau verfügen. Damit verbunden sind eine Reihe sozialer Folgeprobleme: »Mit 28,6 % ist das Armutsrisiko bei Menschen mit Migrationshintergrund mehr als doppelt so hoch wie in der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund (11,8 %)« (Beauftragte, 2020, S. 25). In Bezug auf den Schulbesuch lässt sich die Bildungsbenachteiligung exemplarisch an den Zahlen in Baden-Württemberg zeigen (
Tab. 1.1): Schüler*innen mit Migrationshintergrund sind überproportional an Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren vertreten (35 % der Sonderschüler*innen,
Kap. 3.5), dafür sind Kinder mit Migrationshintergrund an Gymnasien unterrepräsentiert (14 % der Gymnasiasten). Dabei ist allerdings zu beachten, dass Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf zunehmend Regelschulen besuchen.
Trotz leichter Verbesserungen ist der Trend seit Jahren stabil. Die folgende
Tabelle 1.1 zeigt die Zahlen des Schuljahres 2018/2019. Deutschlandweit verlassen ungefähr 8 % der deutschen Jugendlichen die Schule ohne Abschluss gegenüber ca. 15 % der Jugendlichen mit Migrationshintergrund (Beauftragte, 2020, S. 160).
Tab. 1.1: Schulbesuch in Baden-Württemberg nach Schularten im Schuljahr 2018/2019, vgl. Statistik Baden-Württemberg.

SchuleAlle Schüler*innen ca.Darunter Schüler*innen mit »Migrationshintergrund«
Die Ursachen für die Bildungsbenachteiligung werden in verschiedenen Faktoren gesehen. In Schulleistungsstudien wird ein Zusammenhang zwischen der Beherrschung der deutschen Sprache und dem Schulerfolg hergestellt (Stanat et al., 2017). Eine Ursache für die Bildungsbenachteiligung wird in der sozialen und gesellschaftlichen Benachteiligung der Familien gesehen: Im Durchschnitt haben Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland einen geringeren Bildungsstand und Lebensstandard als Deutsche, die Arbeitslosenquote liegt mehr als doppelt so hoch wie bei einsprachig deutschen Familien (Beauftragte, 2020, S. 202). Überdurchschnittlich viele Familien leben in Sozialwohnungen, in vielen Großstädten gibt es Kindertageseinrichtungen, in denen die Mehrzahl der Kinder ausländischer Herkunft ist. Die hohe Dichte von Migrationsfamilien in einzelnen Stadtteilen wird als eine Ursache dafür gesehen, dass sich die Deutschkenntnisse von einzuschulenden Kindern im Vergleich zu früheren Jahren eher verschlechtert haben. Eine Annahme ist, dass hier die Anreize fehlen, Deutsch zu lernen, da es zu wenige Kontakte mit der deutschen Umgebungssprache gibt.
Forschungsergebnisse
Als wichtigster Faktor für Bildungsbeteiligung wird unabhängig vom Migrationshintergrund der sozioökonomische Status einer Familie gesehen (Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2018, S. 36). In einigen internationalen Vergleichsstudien fällt die Bildungsbenachteiligung von Schüler*innen mit Migrationshintergrund weg, wenn man sie mit den einsprachig deutschen Schüler*innen derselben sozialen Lage vergleicht.
In einer Studie des IQB (Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen) stellen Stanat u. a. (2017) fest, dass in den Fächern Deutsch und Mathematik migrationsbedingte Nachteile vor allem für Kinder und Jugendliche bestehen, deren Familien aus der Türkei, einem arabischsprachigen Land oder aus dem ehemaligen Jugoslawien eingewandert sind. Dabei lässt sich zeigen, dass in der zweiten Generation die Bildungsbenachteiligung in einigen Bereichen nicht mehr nachweisbar ist, zudem gibt es große Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern.
Gomolla & Radke (2009) sehen einen wichtigen Faktor in der »Institutionellen Diskriminierung«, indem das Schulsystem nicht auf Schüler*innen mit Migrationshintergrund eingestellt ist (
Kap. 5.1). Bonefeld & Dickhäuser (2018) zeigen in einer Studie mit Lehramtsstudierenden, dass bei der Bewertung von Diktaten Schüler*innen mit türkischem Namen signifikant schlechter bewertet werden, als Schüler*innen mit einem deutschen Namen. Es könnte also sein, dass Vorannahmen von Lehrkräften nicht unbeteiligt an der Schlechterbewertung von Schüler*innen mit Migrationshintergrund sind.
Statistische Darstellungen zur Bildungsbenachteiligung bergen die Gefahr einseitiger Zuschreibungen. Die Schlechterstellung der Schüler*innen mit Migrationshintergrund darf nicht als »Fehlleistung« einer Gruppe aufgefasst werden, sondern verweist darauf, dass die deutsche Gesellschaft derzeit »nicht in der Lage ist, eine Schule anzubieten, die allen Kindern und Jugendlichen die von ihr selbst erwarteten Kompetenzen vermittelt (Chlosta & Ostermann 2017, S. 38).
1.3 Deutsch als Zweitsprache als Bildungsaufgabe in der Schule
Deutsch als Zweitsprache als Bildungsaufgabe
In allen Bundesländern gibt es Bemühungen, sprachliche Kompetenzen mehrsprachiger Kinder und Jugendlicher zu fördern. Dies beginnt lange vor der Einschulung, häufig werden bereits 4-jährige Kinder im Hinblick auf Schwierigkeiten beim (Zweit-)Spracherwerb untersucht (Neugebauer & Becker-Mrotzek, 2013). Durch eine Reihe von Maßnahmen soll die sprachliche Kompetenz bereits im Vorschulalter umfangreich gefördert werden. Doch diese Maßnahmen reichen offenbar nicht aus; in der Grundschule haben noch viele Kinder Sprachförderbedarf und auch in der Sekundarstufe sind sprachliche Schwierigkeiten mehrsprachiger Jugendlicher ein drängendes Problem (Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration 2020, S. 153ff).
Schwierigkeiten bei der Aneignung in der Zweitsprache im Vorschulalter lassen sich folgendermaßen erklären:
1. Die Aneignung einer zweiten Sprache im Vorschulalter kann dann gelingen, wenn die Lernbedingungen optimal sind (
Kap. 2.3). Wenn die Zahl der mehrsprachigen Kinder in der Einrichtung sehr hoch ist, sind allerdings die Gelegenheiten begrenzt die deutsche Sprache zu gebrauchen. Die Kommunikation unter Kindern (Peer-Kommunikation, vgl. Viernickel, 2010) in der Zweitsprache Deutsch, die für die Sprachaneignung ein wichtiger Faktor ist, ist deutlich eingeschränkt.
2. In diesen Kontexten wird die Erzieherin nahezu zum alleinigen Sprachvorbild. Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass die Zeit, in der es einer Erzieherin in Gruppen mit 20 bis 25 Kindern tatsächlich möglich ist, so zu kommunizieren, dass die Sprachaneignung des Kindes optimal unterstützt wird, sehr begrenzt ist (vgl. Röhner et al., 2007).
3. Viele mehrsprachige Kinder leben in sozialen Kontexten, die zumindest zum Teil von prekären Verhältnissen geprägt sind (vgl. auch Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration 2020, S. 26ff). So gibt es bei einigen Kindern auch in der Lebenswelt außerhalb der Kindertageseinrichtung wenige Gelegenheiten, die Zweitsprache Deutsch zu hören, zu verarbeiten und zu erproben.
Setzt man diese Sachverhalte in Beziehung zu den Bedingungen, von denen wir wissen, dass sie für einen erfolgreichen (Zweit-)Spracherwerb notwendig sind (
Kap. 2.3), dann müssen wir feststellen, dass viele mehrsprachige Kinder zum Zeitpunkt der Einschulung einen Sprachstand in der Zweitsprache Deutsch erreicht haben, der, gemessen an den Rahmenbedingungen, gut ist (
Kap. 3). Er reicht aber nicht bei allen Kindern aus, um am Unterricht sinnvoll partizipieren zu können. Dies verweist darauf, dass auch in der Schule die Aneignung in der Zweitsprache Deutsch weiterhin unterstützt werden muss. Ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Es gibt, in jüngerer Zeit zunehmend, sogenannte »Seiteneinsteiger«, die im Laufe der Schulzeit nach Deutschland einwandern. Auch sie benötigen umfassende Unterstützung beim Erwerb der Zweitsprache Deutsch.
Bei vielen Kindern fallen Schwierigkeiten in der mündlichen Kommunikation nicht immer auf und Probleme werden erst evident, wenn in der Schule im Zusammenhang mit dem schriftlichen Ausdruck weitergehende Fähigkeiten verlangt werden. Knapp (1999) spricht von »verdeckten Sprachschwierigkeiten«. Die Kinder haben gelernt, im Alltag in der Zweitsprache zu kommunizieren. In der Schule sind jedoch darüber hinausgehende sprachliche Kompetenzen gefordert (
Kap. 3.1). Da der gesamte Unterricht mit der Zeit schriftlich wird, wirken sich bereits geringfügige Sprachschwierigkeiten aus, die im Alltag nicht oder nur wenig ins Gewicht fallen (
Kap. 3.2). Ein Schwerpunkt sprachlicher Schwierigkeiten liegt, wie wir noch sehen werden, darin, dass die Kinder über einen eingeschränkten Wortschatz verfügen bzw. nicht immer die Bedeutungen der Wörter in allen Verwendungskontexten kennen. In der Alltagskommunikation kann dieses Problem durch Mimik, Gestik und Kontextinformationen gut kompensiert werden, in der schriftlichen Kommunikation ist dies bedeutend schwieriger. Da der Kindergarten und die Schule die wichtigsten Orte des Erwerbs eines umfangreichen und elaborierten Wortschatzes sind, folgt daraus, dass nicht nur im Deutschunterricht, sondern in allen Fächern die spezifischen Lernbedingungen mehrsprachiger Kinder berücksichtigt werden müssen. Wenn es stimmt, dass die sprachlichen Schwierigkeiten vor allem auf mangelnder Spracherfahrung beruhen, ist jede Situation, in der in der deutschen Sprache kommuniziert wird, eine potenzielle Spracherwerbssituation. Insbesondere die Sachfächer sind somit zentrale Orte der Sprachaneignung. Im Laufe der Schulzeit verschiebt sich natürlich die Gewichtung erheblich (
Kap. 5). Darüber hinaus besteht in der nationalen und internationalen Forschung Einigkeit darüber, dass mehrsprachige Jugendliche eine zusätzliche Unterstützung über die gesamte Schulzeit hinweg benötigen (Chlosta & Ostermann, 2017). Dass Förderunterricht in der Sekundarstufe zu nachhaltigen Erfolgen führen kann, zeigt beispielsweise der Erfolg des Projekts der Stiftung Mercator (vgl. Barzl & Salek, 2007;
Kap. 5.2).
Bildungspolitisch ist nach wie vor die Tendenz zu beobachten, dass sprachliche Schwierigkeiten von mehrsprachigen Schüler*innen als individuelles Problem gesehen werden und es nur wenige Überlegungen gibt, konzeptionell oder curricular darauf einzugehen. Dies hat sich mit den neuen Bildungsplänen zwar zum Teil geändert, indem häufig davon die Rede ist, dass Deutschunterricht auch Unterricht für Kinder und Jugendliche mit Deutsch als Zweitsprache sein müsse. In der Formulierung der Bildungsstandards wird jedoch auf spezifische Bedürfnisse mehrsprachiger Schüler*innen kaum eingegangen. So ist z. B. eines der größten Lernfelder für mehrsprachige Kinder in der Zweitsprache Deutsch die Genus- und Kasusmarkierung der Nomen. Diese Bereiche werden in den Lehrplänen nicht genannt und in den Lehrbüchern werden sie nicht thematisiert. Denn es wird davon ausgegangen, dass einsprachig deutsche Schüler*innen dies ja können, und einsprachig deutsche Schüler*innen sind das Maß und der Standard, an dem sich mehrsprachige Lernende unhinterfragt zu orientieren haben. Genus und Kasus sind zwar Begriffe, die im Rahmen des Grammatikunterrichts ab Klasse 5 erwähnt werden, hier geht es jedoch nicht um die Vermittlung der Gebrauchsbedingungen, sondern um das Lernen grammatischer Termini im Rahmen eines »muttersprachlichen« Deutschunterrichts. So gibt es auch in der didaktischen Fachliteratur nur wenige Veröffentlichungen darüber, wie man Kinder bei der Aneignung der Genera (grammatisches Geschlecht der Nomen) unterstützen kann (vgl. Jeuk, 2018a). Die Mängel der Bildungsstandards im Hinblick auf (Zweit-)Spracherwerbsprozesse zeigen sich im Allgemeinen darin, dass die Vermittlung von Kompetenzen in der gesprochenen Sprache, unter anderem als eine wesentliche Grundlage zum Erwerb konzeptioneller Schriftlichkeit, insgesamt kaum erwähnt wird. Implizit wird davon ausgegangen, dass die Kinder zum Zeitpunkt der Einschulung die wesentlichen Grundlagen der deutschen Sprache erworben haben. Es gibt allerdings in nahezu allen Bundesländern Bildungspläne oder Handreichungen für den DaZ-Unterricht. Hier werden Lernziele in den Bereichen Wortschatz, Sprachhandlungen, Kommunikation, Grammatik usw. genannt, die auch für alle Fächer gelten (vgl. Aschenbrenner et al., 2016). Diese Handreichungen werden jedoch bisher vor allem in Klassen für neu eingewanderte Kinder und Jugendliche umgesetzt.
Die Vermittlung sprachlicher Qualifikationen steht allein im sonderpädagogischen Förderschwerpunkt Sprache explizit im Zentrum des Unterrichts und der Förderung. Allerdings orientiert man sich hier an Sprachschwierigkeiten einsprachig deutscher Kinder. Dabei ist es bisher differentialdiagnostisch nicht immer möglich, zwischen Kindern, die aufgrund einer spezifischen Sprachentwicklungsstörung (SSES) der besonderen Förderung bedürfen, und Kindern, die aufgrund ungünstiger Lernbedingungen Schwierigkeiten beim Spracherwerb haben, zu unterscheiden (vgl. Jeuk, 2018b). Somit ergibt sich eine weitere Benachteiligung mehrsprachiger Kinder: Einsprachig deutsche Kinder, die wegen schlechter Lernbedingungen Schwierigkeiten in der gesprochenen Sprache haben, erhalten häufig eine differenzierte Förderung an Schulen für Sprachbehinderte oder in Sprachförderklassen. Mehrsprachige Kinder, die wegen schlechter Lernbedingungen Schwierigkeiten beim Zweitspracherwerb haben, werden eher in Grundschulen oder in Förderschulen unterrichtet, in beiden Fällen wird nicht immer explizit auf Sprachschwierigkeiten eingegangen. Darüber hinaus ist bisher ungeklärt, ob und inwieweit Konzeptionen der Sprachtherapie und -förderung für einsprachige Kinder auf Kinder mit Schwierigkeiten beim Erwerb der Zweitsprache übertragen werden können (
Kap. 3.5).
Das Ziel dürfte unstrittig sein, dass am Ende der Schulzeit auch mehrsprachige Jugendliche über Kompetenzen verfügen, die mit denen der einsprachig deutschen Jugendlichen vergleichbar sind. Genauso klar muss aber sein, dass der Weg zu diesem Ziel nur dann beschritten werden kann, wenn auf die spezifischen Lernbedürfnisse und Möglichkeiten der mehrsprachigen Kinder eingegangen wird. Dass es möglich ist, bildungspolitisch umzustellen und z. B. bei der Leistungsbeurteilung auf individuelle Bedingungen mit einer individuumsorientierten Beurteilung zu reagieren, zeigt die Tatsache, dass es in allen Bundesländern Erlasse gibt, wie mit Kindern, die Schwierigkeiten beim Erwerb der Schrift und der Schriftsprache haben, umzugehen sei. Ein Element dieser »LRS-Erlasse« ist z. B. die Möglichkeit, über einen bestimmten Zeitraum Notenschutz zu gewähren. Auch die Umgangsweise mit Heterogenität und Nachteilsausgleich an finnischen Schulen verweist darauf, dass eine einseitige Orientierung an einer Altersnorm nicht der einzig mögliche Weg der schulischen Beurteilung sein muss.
Wertschätzung von Mehrsprachigkeit
Viele mehrsprachige Jugendliche machen von Beginn ihres schulischen Lernens an die Erfahrung, dass ihre Leistungen im Vergleich zu den einsprachig deutschen Jugendlichen schlechter sind. Dass sie in einer Sprache Kompetenzen haben, welche die einsprachig deutschen Kinder in der Regel nicht beherrschen, findet wenig Anerkennung. Dies hat möglicherweise Auswirkungen auf das (sprachliche) Selbstkonzept, also die Sichtweise der Schüler*innen von ihren eigenen Stärken und Schwächen. Neben den intellektuellen Fähigkeiten ist das Selbstkonzept eines der Merkmale, dem zur Erklärung von Unterschieden in Schulleistungen große Bedeutung zukommt. Ein negatives Selbstkonzept bezüglich der Leistungs- und Lernfähigkeit geht in der Regel mit schlechteren Schulleistungen einher. Zudem neigen Schüler*innen mit negativem Selbstkonzept dazu, Erfolge als Zufall zu interpretieren und nicht der eigenen Leistungsfähigkeit zuzuschreiben.
Forschungsergebnisse
In einer sozialpsychologischen Untersuchung in der Schweiz untersuchte Müller (1997) 347 Jugendliche der Klassen 6–10. Die Datenerhebung erfolgte mittels ausführlicher Interviews. Müller kommt zu folgendem Ergebnis: »Wenn die zweisprachigen SchülerInnen im Verlaufe ihrer schulischen Karriere fast täglich zur Kenntnis nehmen müssen, dass ihre schulische S2-Kompetenz im Vergleich zu den einsprachigen SchülerInnen in der negativen Richtung abweicht, wenn sie aufgrund ihrer ethnolinguistischen Herkunft wenig konkrete sprachliche Hilfe von zu Hause erwarten können, wenn schliesslich die Schule – ungeachtet dieser typischen Situation – den S2-sprachlichen Lernprozess der SchülerInnen der Bewertung und Selektion unterzieht und wenn zugleich die S1 des Kindes als irrelevant und oft als Problem und nicht als Fähigkeit betrachtet wird, so ist schulisches S2-sprachliches Versagen wahrscheinlich« (Müller, 1997, S. 289). Viele der zweisprachigen Schüler*innen nehmen sich dann so wahr, wie sie es zurückgemeldet bekommen: Deine schulsprachlichen Leistungen sind unterdurchschnittlich oder gar mangelhaft.
Eine Möglichkeit, das Selbstkonzept mehrsprachiger Schüler*innen zu stärken, ist, ihre Kompetenzen in der Erstsprache anzusprechen und ihnen die Chance zu geben, ihr Wissen in den Unterricht einzubringen (Montanari & Panagiotopoulou, 2019). Dies kann z. B. im Grammatikunterricht im Rahmen von Sprachvergleichen geschehen (
Kap. 6.3) oder auch im Fachunterricht, wenn Wörter und Begriffe, welche die Schüler*innen im Deutschen nicht kennen, in Begriffsnetze eingebunden werden, die von Wörtern aus der Erstsprache unterstützt werden. Die Lehrkraft muss hierzu die Erstsprache der Kinder nicht beherrschen, sie muss aber deren Übersetzungsfähigkeit unterstützen und fördern, indem sie beispielsweise entsprechende Wörterbücher zur Verfügung stellt. Von einem solchen Unterricht können auch die einsprachig deutschen Jugendlichen profitieren (
Kap. 6.3).
Es dürfte klar sein, dass die Förderung eines positiven (sprachlichen) Selbstkonzepts mehrsprachiger Kinder und Jugendlicher nicht nur eine Aufgabe des Deutschunterrichts, sondern aller Lehrer*innen ist. Umstritten ist allerdings, welche Ziele die Schule bei mehrsprachigen Kindern und Jugendlichen verfolgen soll. Spätestens seit den 1980er Jahren werden, ausgelöst durch die Untersuchungen von Cummins (vgl. Cummins, 2000) in Canada, die Vorteile zweisprachiger schulischer Bildung diskutiert. In diesen Projekten ist das Ziel, dass die Schüler*innen beide Sprachen, ihre Herkunftssprache und die Umgebungssprache, weiterentwickeln können. Solche Modelle sind allerdings nur dann möglich, wenn die Lerngruppe zweisprachig ist. In Deutschland ist dies zum Beispiel in den staatlichen Europaschulen in Berlin der Fall. In Lerngruppen, in denen viele Sprachen präsent sind, müssen andere Modelle erwogen werden.
Von Seiten einer interkulturellen Sprachdidaktik wird die Ansicht vertreten, dass interkulturelle und multilinguale Aspekte berücksichtigt werden sollten. Das Erziehungsziel der Schule solle so weit wie möglich in Richtung »Mehrsprachigkeit« gehen (
Kap. 5.2). Eine andere Position gibt zu bedenken, dass die Förderung des Deutschen als Zweitsprache im Zentrum zu stehen habe, denn die Jugendlichen müssten vor allem auf ein Leben in der deutschen Gesellschaft vorbereitet werden (vgl. Rösch, 2017). In der vorliegenden Publikation wird der Ansatz vertreten, dass die Förderung des Deutschen als Zweitsprache ein zentraler Aufgabenbereich für alle Lehrkräfte sein muss. Darüber hinaus sollen sich Schulen auf den Weg machen, sich so weit wie möglich interkulturell zu öffnen und die Mehrsprachigkeit der Schüler*innen so weit wie möglich zu unterstützen und zu fördern. Diese Öffnung kann nur ein langer Prozess sein, an dem sich nicht nur die Lehrkräfte und Schüler*innen, sondern auch die Eltern und die umliegende Gemeinde beteiligen. Letztlich ist es ein Weg, den eine Schule kaum alleine gehen kann, denn auf diesen Weg muss sich die ganze Gesellschaft machen.
Zusammenfassung
Zu Beginn dieses Kapitels wurden die wichtigsten Kontexte, in denen eine zweite Sprache erworben werden kann, vorgestellt. Ein wichtiger Unterschied in den Erwerbskontexten besteht darin, ob die Sprache in der Schule, also institutionell gefördert, gelernt wird, oder ob sie innerhalb der alltäglichen Kommunikation erworben wird. Wie wir gesehen haben, sind die Sprachlernbedingungen entscheidend für den Lernerfolg; die Bildungsbenachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit einem sogenannten Migrationshintergrund in Deutschland hat ganz entscheidend damit zu tun. Daraus folgt unter anderem, dass die Schule den Schüler*innen, wann immer dies möglich ist, Lernchancen in der Zweitsprache Deutsch eröffnen muss. Darüber hinaus sollte die Mehrsprachigkeit unterstützt werden.
2 Zweitspracherwerb
Spracherwerb und Sprachentwicklung werden seit etwas mehr als 100 Jahren systematisch erforscht. Sowohl in der Erst- als auch in der Zweitspracherwerbsforschung sind die wichtigsten Datengrundlagen Langzeiterhebungen, die nur wenige Einzelfälle zum Gegenstand haben. Denn um die Aneignung von Sprachen auf den verschiedenen Ebenen analysieren und interpretieren zu können, sind umfangreiche qualitative Daten notwendig, die über einen langen Zeitraum erhoben werden müssen. Auf der Grundlage dieser Studien entstanden eine Reihe von Hypothesen oder Theorien, mit denen versucht wird, Erwerbsprozesse so umfassend wie möglich zu erklären. Keine Theorie kann bisher alleinige Gültigkeit beanspruchen.
Auch die lange Zeit geltende Annahme, dass Kinder eine Zweitsprache schneller und besser lernen als Erwachsene, ist in dieser Pauschalität nicht aufrechtzuerhalten. Sie verstellt den Blick darauf, dass Kinder anders lernen als Erwachsene und, um ihre Fähigkeiten entfalten zu können, besondere Bedingungen benötigen. Um eine zweite Sprache erfolgreich zu lernen, müssen verschiedene Faktoren in optimaler Weise zusammenwirken. Ein wichtiger Einflussfaktor beim Zweitspracherwerb wird in der Erstsprache gesehen. Dieser Einfluss ist jedoch nicht auf allen Ebenen gleich, z. B. scheint die Erstsprache auf den Erwerb sprachlicher Oberflächenstruktruren in der Zweitsprache bei Kindern eher einen punktuellen Einfluss zu haben. Der Wortschatz- und Bedeutungserwerb ist jedoch aufgrund seiner Verbindung mit dem Weltwissen in höchstem Maße abhängig von jeder Art von Vorerfahrung.
2.1 Kindliche Sprachaneignung
Wie andere Bereiche der kindlichen Entwicklung ist auch die Erforschung kindlicher Sprachaneignung von kontroversen Diskussionen geprägt. Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass die wichtigsten Disziplinen, die sich mit diesem Thema befassen, die Linguistik und die Psychologie, auf unterschiedlichen Traditionen beruhen; zudem gibt es innerhalb dieser Disziplinen konkurrierende Paradigmen. So ist es bis heute nicht gelungen, einen Konsens in der Frage zu erzielen, was die wichtigsten Triebkräfte der so faszinierenden Tatsache sind, dass sich Kinder innerhalb kürzester Zeit unglaublich komplexe Strukturen und umfangreiche Inhalte aneignen können (vgl. Kauschke 2012).
Bereits die Frage ist umstritten, welcher Begriff zugrunde gelegt werden soll: In der Psychologie wird tendenziell von Sprachentwicklung gesprochen und diese den allgemeinen Prinzipien kindlicher Entwicklung zugeordnet. In der Sprachwissenschaft ist eher von Spracherwerb die Rede. Damit wird der Fokus darauf gelegt, dass das Kind die Sprache, die ihm die Umwelt zur Verfügung stellt, erwirbt. Allerdings werden die Begriffe im Alltag häufig synonym gebraucht. In jüngerer Zeit hat sich in Anlehnung an Vygotskij (2002) der Begriff Sprachaneignung durchgesetzt; mit ihm rückt das aktiv tätige Kind ins Zentrum der Betrachtung.
Die Frage, welche Faktoren die kindliche Entwicklung bestimmen, hat die Philosophie bereits seit der Antike beschäftigt. Heute wie damals wird die Diskussion von Grundannahmen geprägt, die Dittmann (2012) mit den Begriffen »Von-außen-nach-innen« und »Von-innen-nach-außen« umschreibt. Wird bei den »Von-außen-nach-innen«-Theorien in der sozialen Umwelt des Kindes die wichtigste Triebfeder gesehen, so sehen Vertreter der »Von-innen-nach-außen«-Theorien angeborene bzw. genetische Faktoren als wichtiger an. Hervorzuheben ist allerdings, dass sich die Diskussion im letzten Jahrhundert vor allem um die Frage drehte, wie es einem Kind gelingt, sich die komplexen Strukturen der Grammatik seiner Muttersprache innerhalb von nur etwa zwei Jahren anzueignen, ohne dass ihm dabei jemand direkt geholfen hätte. Andere Bereiche, wie z. B. der Erwerb des Wortschatzes, sind zum einen weniger gut untersucht, zum anderen viel seltener Gegenstand von Grundsatzdiskussionen. Die folgende Darstellung ist der Versuch, die wichtigsten Theorien und deren Protagonisten zueinander in Beziehung zu setzen (
Tab. 2.1). Die Darstellung ist stark vereinfacht, zur Diskussion vgl. Klann-Delius (2008) Dittmann (2012) und Kauschke (2012).
Tab. 2.1: Zuordnung von Entwicklungstheorien, in Anlehnung an Weiß (1989, S. 22)

Eine der ersten Theorien zum Spracherwerb wurde von Skinner (1957) formuliert. Er sieht die Sprachentwicklung als Ergebnis eines Reiz-Reaktions-Prozesses (Behaviorismus). Wörter und Strukturen, die das Kind hört, werden von ihm aufgegriffen und nachgeahmt. Entspricht das sprachliche Verhalten den Erwartungen der Umwelt, so erfährt das Kind eine positive Reaktion, es wird in seinem Verhalten bestärkt und wird dieses wieder zeigen. Entspricht das Verhalten nicht den Erwartungen, so wird es nicht verstärkt und das Kind wird das Verhalten nicht mehr zeigen. Die Annahmen Skinners wurden von Chomsky (1957) widerlegt.
Forschungsergebnisse
Chomsky wurde 1957 berühmt, als er in seinem Buch »Syntactic Structures« so grundlegende Argumente gegen den bis dahin allgemein anerkannten Behaviorismus anführte, dass dieser heute nicht mehr als ernstzunehmende Spracherwerbstheorie diskutiert wird. Chomsky führte drei wesentliche Argumente gegen Skinner ins Feld: Erstens produzieren Kinder bereits von Beginn des Spracherwerbs an sprachliche Strukturen, die sie nie zuvor gehört haben. Dies zeigt sich z. B. beim Grammatikerwerb in der Bildung einfacher Zweiwortsätze (»Mama spielen«), die zwar aus Sicht der Umwelt grammatikalisch falsch sind, die aber ihr kommunikatives Ziel erreichen. Zweitens drohen Kindern keine negativen Konsequenzen, auch dann, wenn die Strukturen falsch sind. Im Gegenteil wird die Mutter der Aufforderung des Kindes folgen und es damit sogar belohnen. Ein anderthalbjähriges Kind wird von der Mutter vermutlich nicht einmal korrigiert. Drittens enthält der Input, den das Kind hört, auch viele Fehler und ist keineswegs perfekt, dennoch beherrscht ein Kind ab etwa 3;6 bis 4;0 Jahren die wesentlichen Strukturen seiner Erstsprache und es kann Sätze bilden, die es noch nie zuvor gehört hat.
Chomsky geht davon aus, dass die wesentliche Triebfeder des Spracherwerbs in angeborenen Strukturen liegt und dass sich im Laufe der Entwicklung der Spracherwerbsmechanismus (engl. Language Acquisition Devicee, LAD) entfalte. Dem Input kommt in dieser Theorie eine marginale Rolle zu, indem das Kind ihm entnehmen kann, welche Sprache bzw. welche konkreten Strukturen es erwerben soll. Chomskys Leistung besteht in erster Linie darin, eine komplexe Syntaxtheorie entwickelt zu haben, der in der Linguistik große Bedeutung zukommt. Die Grundlage seiner Spracherwerbstheorie waren keine empirischen Daten, sondern rationalistische Überlegungen. Auf der Grundlage dieser Annahmen entstanden Entwicklungs- bzw. Phasenmodelle, die aus der heutigen Spracherwerbsforschung nicht mehr wegzudenken sind. Sie beziehen sich jedoch schwerpunktmäßig auf den Erwerb der Grammatik.
Einen anderen Zugang wählt Piaget. Ebenso wie Chomsky publizierte er über einen Zeitraum von mehr als 50 Jahren. Piaget befasste sich nur in seinen frühen Arbeiten explizit mit der Sprachentwicklung. Darin sieht er den Spracherwerb als Ableitung der kognitiven Entwicklung, was bedeutet, dass Sprache das Denken zwar beeinflusst, aber nicht bedingt. Sprachliche Entwicklung ist so gesehen immer eine Folge der kognitiven Entwicklung. Das Kind kann nur das sprachlich ausdrücken, was es versteht; die Komplexität seiner Äußerungen entspricht seinem kognitiven Entwicklungsstand. Ein wichtiger Baustein von Piagets Theorie sind Phasenmodelle der kognitiven Entwicklung, in denen, wie bei Chomsky, die Reifung eine zentrale Rolle spielt (vgl. Piaget & Inhelder, 1972). Dabei ist für Piaget aber zentral, dass das Kind sich als aktiv handelndes Individuum auf der Grundlage seiner Wahrnehmung und in Auseinandersetzung mit anderen Menschen die Wirklichkeit gewissermaßen selbst konstruiert.
Ausgangspunkt der interaktionistischen Spracherwerbstheorie sind die Überlegungen von Vygotskij (2002, Original 1934). In Abgrenzung zu Piaget geht er davon aus, dass für die sprachliche und geistige Entwicklung des Kindes nicht primär entwicklungspsychologische Universalien grundlegend sind, sondern das soziale Umfeld, in dem das Kind aufwächst. Folglich kommt der Sprache als wichtigstem Interaktionsmittel in diesem sozialen Umfeld, eine besondere Rolle zu. Nach Bruner (1987) beginnt der Spracherwerb direkt nach der Geburt im ersten interaktiven Austausch zwischen Bezugsperson und Kind. Er stellt die These auf, dass das Kind sich kommunikativ verständigen kann, bevor es spricht. Während der vorsprachlichen Interaktion entstehen gemeinsame Handlungsmuster auf der Grundlage, dass Eltern bewusst oder unbewusst annehmen, dass Säuglinge kommunikative Absichten verfolgen. Erste Bedeutungen entstehen beim Kind dadurch, dass die Eltern den sprachlichen Äußerungen des Kindes diese Bedeutungen zuweisen. Bei dieser pragmatischen Sicht des Spracherwerbs wird davon ausgegangen, dass die Sprachentwicklung nicht allein die Leistung eines Individuums, sondern ein dialogisches Geschehen ist, an dem der Partner ebenso wichtigen Anteil hat wie das Kind selbst.
Für die interaktionistische Sicht des Sprechenlernens postuliert Bruner (1987), dass die Eltern mit einem LASS (Language Acquisition Support System) ausgestattet sind, in dem er die notwendige Ergänzung zum LAD Chomskys sieht. Ein Aspekt des LASS ist die Sprache, die Eltern an ihre Kinder richten. Sie ist geprägt von der Absicht, Kommunikation mit dem Kind herzustellen bzw. aufrechtzuerhalten. Die Äußerungen sind langsamer, in einer höheren Tonlage, Segmentierungen sind besser wahrnehmbar und die Sätze sind kürzer und weniger komplex. Es werden viele Fragen formuliert, dafür werden weniger Funktionswörter verwendet. Die Eltern verfolgen das unbewusste Ziel, dem Kind die Sprache zu lehren.
Dieser Ansatz wird in neueren Entwicklungen der sogenannten gebrauchsbasierten Spracherwerbstheorie weiterverfolgt. Tomasello (2003) geht davon aus, dass die Grundlage der kindlichen Sprachaneignung die Identifikation des Kindes mit einer Bezugsperson in einem Raum geteilter Aufmerksamkeit ist. Indem das Kind und die Bezugsperson gemeinsame Ziele verfolgen, nutzen sie sprachliche Mittel zum sozialen Austausch über die Wirklichkeit. Sprachliche Strukturen bzw. sogenannte Konstruktionen erwirbt das Kind durch allgemeine kognitive Prinzipien wie Musterbildung, Generalisierung und Verfestigung frequenter Strukturen. In diesem Ansatz kommt auch der Nachahmung von Ganzheiten große Bedeutung zu.
Im Unterricht: Die Lehrerin als Sprachvorbild
Aus der interaktionistischen Spracherwerbstheorie ergibt sich, dass die Anpassung des sprachlichen Verhaltens der Bezugsperson an die Möglichkeiten des Kindes eine wichtige Voraussetzung ist, damit Sprachaneignung gelingen kann. Hier lassen sich einige Verhaltensweisen beschreiben, die allerdings in Abhängigkeit vom Alter und den Kompetenzen des Kindes oder Jugendlichen in ihrer Ausprägung variieren (Wendlandt, 2010, S. 66ff). Entscheidend ist die Grundhaltung der Lehrkraft, dass in jeder Kommunikation ein sprachfördernder Anteil enthalten ist.
1. Zugang zum Schüler bzw. zur Schülerin
Zeit für ein Gespräch nehmen; Blickkontakt herstellen; körperliche Zuwendung; …
2. Sprachliche Basis:
Anpassung an die sprachlichen Fähigkeiten der Schüler*innen; aufmerksam zuhören; Gesprächsbeginn und Gesprächsende beachten; ehrliche Fragen stellen; Äußerungen aufgreifen; nicht über, sondern mit dem Kind bzw. Jugendlichen sprechen; ausreden lassen; …
3. Sprachgebrauch
Nicht zu schnell sprechen; auf eine deutliche Aussprache achten; grammatische Endungen nicht verschlucken; Wörter wählen, die die Schüler*innen verstehen können; keine komplizierten Sätze verwenden; …
4. Sprachfördernde Aspekte:
Handlungsbegleitendes Sprechen; ausdrücken, was verstanden wurde; nachfragen; explizite Korrekturen vorsichtig einsetzen; nicht nachsprechen lassen; Äußerungen aufgreifen und in der richtigen Form wiederholen; …
(
Kap. 6.1)
Festzuhalten bleibt, dass die verschiedenen Ansätze sich bereits in grundlegenden Begriffen unterscheiden. So wird z. B. nach Chomsky unter Spracherwerb tendenziell Grammatikerwerb verstanden, Tomasello (2003) wendet sich demgegenüber eher sozial-kommunikativen Aspekten zu. In jüngerer Zeit ist eine gewisse Annäherung der Positionen zu beobachten, eine Reihe von Forschungen bemüht sich darum, die Vorteile der einzelnen Zugänge zu betonen und ein übergreifendes Modell zu entwickeln. Beispielsweise ist es zwar Konsens, dass das behavioristische Modell als grundlegender Erklärungsansatz untauglich ist, andererseits muss durchaus anerkannt werden, dass Nachahmung und Verstärkung wichtige Faktoren sind. Ein übergreifendes Modell, das sogenannte Competition-Modell, sieht Spracherwerb als einen Prozess, der auf verschiedenen, konkurrierenden kognitiven Prozessen beruht. So sind Phasenmodelle in der Spracherwerbsforschung nicht mehr wegzudenken und eine wichtige Grundlage diagnostischer Zugänge (vgl. Thoma & Tracy, 2006; zur Diskussion der Ansätze vgl. Kauschke, 2012, 137ff).
2.2 Zweitspracherwerbstheorien
Eine Theorie, die den Erwerb einer zweiten Sprache in seiner Ganzheit erklären kann, müsste in der Lage sein, verschiedene Faktoren zueinander in Beziehung zu setzen. Dazu gehören nicht zuletzt das Alter oder die Sozialisationsbedingungen der Lernenden (
Kap. 2.3). Keine der Theorien kann diesen Anspruch erfüllen. Zu unterschiedlich sind die Grundannahmen und die empirische Basis. So verwundert es nicht, dass, abhängig von der spezifischen Ausrichtung des Forschungskontextes, höchst unterschiedliche Hypothesen formuliert wurden. In der Folge werden die wichtigsten der klassischen Zweitspracherwerbstheorien vorgestellt, diese lassen sich teilweise, wiederum vereinfachend, den Spracherwerbstheorien (
Tab. 2.1) zuordnen: Die Kontrastivhypothese ist einem behavioristischen Ansatz zuzuordenen, die Identitätshypothese ist im Kontext der nativistischen Forschungen entstanden und somit eher eine Reifungstheorie. Die Interlanguagehypothese wiederum ist am ehesten als kognitive Lerntheorie zu bezeichnen und die Annahme der getrennten Entwicklung entstammt der interaktionistischen Theoriebildung. Es gibt eine Reihe weiterer Annahmen, für einen Überblick s. Ahrenholz (2017b).
Kontrastivhypothese und Identitätshypothese
Eine der ersten Theorien zum Erwerb einer zweiten Sprache entstand in den 1940er Jahren und geht auf Fries und Lado zurück (Huneke & Steinig, 2013, S. 32). Der Zweitspracherwerbprozess wird auf der Grundlage des beobachtbaren, äußeren Sprachverhaltens beschrieben; es handelt sich also um einen behavioristischen Zugang. Bei der Kontrastivhypothese wird davon ausgegangen, dass beim Lernen einer zweiten Sprache Eigenschaften und Strukturen der Erstsprache (S1) auf die Zweitsprache (S2) übertragen werden. Besteht zwischen S1 und S2 in einem bestimmten Bereich Gleichheit, beispielsweise bei der Wortstellung im Aussagesatz, ist eine positive Übertragung zu erwarten. Bei großen Unterschieden sind negative Ergebnisse zu erwarten. Für den Spracherwerbsprozess würde das bedeuten, dass sich ähnliche Sprachen leichter erlernen lassen als verschiedene; Fehler bei der Aneignung wären aufgrund des Kontrasts der Sprachen zu erklären.
Diese Hypothese ist auf Grundlage der Erforschung schulischen Fremdsprachenlernens entstanden. In der Tat lassen sich immer wieder Fehlbildungen beobachten, die auf Strukturen der Erstsprache zurückzuführen sind (I have to school gone). Jedoch wird auch beim schulischen Fremdspracherwerb häufig beobachtet, dass große Unterschiede von Sprachen problemlos gelernt werden und ähnliche Strukturen manchmal schwer zu lernen sind. Insofern ist eine starke Version der Kontrastivhypothese, nach den Fehlbildungen von Lernenden allein aufgrund von sprachlichem Transfer erklärt werden können, unwahrscheinlich. Nach Ahrenholz (2017b, 111) sind Einzelaspekte des Zweitspracherwerbs durchaus durch den Einfluss der Erstsprache zu erklären, allerdings werden durch eine einseitige kontrastive Annahme zu viele Aspekte des Zweitspracherwerbs ausgeblendet. Z. B. produzieren Lernende häufig Strukturen, die weder in der Erst- noch in der Zweitsprache existieren. Kontrastive Analysen können also immer nur einzelne Aspekte des Zweitspracherwerbs erklären. (
Kap. 2.4).
In Abgrenzung zur Kontrastivhypothese wurde die Identitätshypothese formuliert. Nach einer starken Version folgt der Erwerb verschiedener Sprachen den gleichen Gesetzmäßigkeiten: Da alle Sprachen auf der Basis angeborener Strukturen und Prozesse gelernt werden (im Sinne Chomskys), spielt es kaum eine Rolle, ob bereits eine Sprache gelernt wurde oder nicht. In jedem Fall wird die zu erlernende Sprache nachkonstruiert, indem die lernende Person Hypothesen bildet, überprüft und revidiert. Dabei sind Fehlleistungen produktive Zwischenschritte und nicht mit der Struktur bereits gelernter Sprachen erklärbar. In einer schwachen Version wird davon ausgegangen, dass sich der Erwerb verschiedener Sprachen in wesentlichen Zügen ähnelt.
Für Ahrenholz (2017b, S. 112) ist die Identitätshypothese ebenfalls nicht in der Lage, Spracherwerbsprozesse in ihrer ganzen Komplexität zu erfassen. Die Beobachtung, dass es Gemeinsamkeiten zwischen Erst- und Zweitspracherwerb gibt, lässt sich aus dem menschlichen Sprachvermögen oder aus der Logik kommunikativer Bedingungen erklären. Z. B. ist es mehr als wahrscheinlich, dass einfache, regelmäßige und häufig auftretende Strukturen vor schwierigen, unregelmäßigen und selten auftretenden Strukturen gelernt werden. Klein (1992, S. 36) kommt zu dem Schluss, dass sich die Identitätshypothese nur aufrechterhalten lasse, »wenn man Unterschiede in der kognitiven und sozialen Entwicklung sowie alles, was daraus für die Sprache folgt, für marginal hält«.
Die Annahme der getrennten Entwicklung
Auf der Basis einer linguistischen Analyse der Sprachentwicklung von bilingual aufwachsenden Kindern entwickelt De Houwer (1994) die Separate Development Hypothesis (vgl. Schneider, 2015, 97ff): Sie besagt, dass die beiden Sprachen im Wesentlichen getrennten Entwicklungslinien folgen und sich die grammatischen Systeme kaum wechselseitig beeinflussen. Es wird nicht davon ausgegangen, dass die beiden Sprachsysteme völlig unabhängig voneinander erworben werden, es wird lediglich angenommen, dass die jeweiligen grammatischen Systeme ihren spezifischen Entwicklungslinien folgen. Der Sprachwechsel wird interaktionistisch begründet, sprachliche Strukturen entwickeln sich in Abhängigkeit von den Kommunikationsbedingungen.
Forschungsergebnisse
De Houwer (1994) beobachtete über einen Zeitraum von ca. zwei Jahren das zweisprachig aufwachsende Kind Kate (Flämisch und Englisch), deren Eltern der Devise »eine Person – eine Sprache« folgten. Bis zu einem Alter von ca. zwei Jahren mischte Kate Wörter der beiden Sprachen so, dass nicht immer zu erkennen war, in welcher Sprache sie sich äußerte. Ab diesem Alter war sie jedoch in der Lage, die grammatischen Systeme beider Sprachen getrennt voneinander zu gebrauchen. Es gab keine Anzeichen dafür, dass Strukturen und Regeln der einen in die andere Sprache übertragen wurden. In den seltenen Fällen von Sprachmischungen (insgesamt 7 %) kann eine »Gastgebersprache« und eine »Gastsprache« ausgemacht werden: Wenn über die Hälfte einer Äußerung in einer Sprache ist, folgt die grammatische Struktur der Äußerung den Regeln dieser Sprache (Gastgebersprache). Werden Elemente der zweiten Sprache (Gastsprache) eingefügt, passen sie sich der Struktur der Gastgebersprache an. In der Regel handelt es sich um einzelne Nomen (de Houwer, 1994, S. 42). Mit drei Jahren konnte Kate beide Sprachen so gebrauchen, wie dies bei einsprachigen Kindern der Fall ist. Kate hatte offenbar ein Gespür dafür, was sie ihren Gesprächspartnern »zumuten« konnte, denn in der Regel antwortete sie in der Sprache, in der sie angesprochen wurde. Wenn das Gegenüber beide Sprachen verstand, fügte sie mehr Gastwörter in ihre Äußerungen, als wenn dies nicht der Fall war.
Unter den Theorien zum Zweitspracherwerb nimmt die Annahme der getrennten Entwicklung eine Sonderstellung ein, da sie sich nur auf einen Spracherwerbskontext, den frühen Bilingualismus, bezieht und nicht davon ausgeht, dass Zweit- oder Fremdspracherwerb in seiner Gesamtheit erklärt werden können. Die interaktive Natur des Sprachenlernens wird in den Mittelpunkt gestellt. Getrennte Entwicklungslinien sind grundsätzlich wahrscheinlich, wenn der Input getrennt erfolgt. Einige Autoren gehen davon aus, dass die Trennung der grammatischen Systeme beim bilingualen Erwerb zweier Sprachen auch dann erfolgt, wenn die Bezugspersonen die Sprachen nicht trennen (Montanari & Panagiotopoulou, 2019). Demnach wäre die Sprachentrennung nicht primär inputorientiert, sondern eher ein Resultat sprachlicher oder sozialer Kommunikationsbedingungen.
Für den Unterricht mit mehrsprachigen Kindern folgt aus dieser Annahme, dass es für Kinder prinzipiell gut möglich ist, die grammatischen Systeme verschiedener Sprachen getrennt voneinander zu erwerben. Es scheint wenig Gefahr zu bestehen, dass sich die Systeme gegenseitig beeinflussen. Insofern wird, zumindest für den frühen Zweitspracherwerb und in Bezug auf den Erwerb der Grammatik, die Kontrastivhypothese widerlegt. Vermutlich gilt diese Annahme jedoch weniger für ältere Menschen, denn mit zunehmendem Alter und zunehmender Sprachbewusstheit ist damit zu rechnen, dass die Lernenden eher auf grammatische Systeme bereits gelernter Sprachen zurückgreifen (
Kap. 2.4).
Die Interlanguage-Hypothese (Lernersprachen-Hypothese)
Auch die Interlanguage-Hypothese ist, wie die Kontrastivhypothese, im Kontext schulischen Sprachunterrichts entstanden. Ihr liegt die Annahme zugrunde, dass eine lernende Person beim Fremd- oder Zweitspracherwerb zunächst ein Sprachsystem ausbildet, das Züge von Erst- und Zweitsprache sowie Merkmale aufweist, die nicht aus der Erst- oder Zweitsprache abzuleiten sind (Huneke & Steinig, 2013, S. 40f). Dieses Sprachsystem entwickelt sich in verschiedenen Stufen, den sogenannten Lernersprachen, ihr Aufbau erfolgt nach verschiedenen Prinzipien:
• Übertragung aus der Erstsprache: In Anlehnung an die Kontrastivhypothese wird angenommen, dass Strukturähnlichkeiten von Sprachen eine Rolle spielen.
• Übungstransfer: Hier werden Muster, die mithilfe von Übungsmaterial erworben wurden, erprobt, z. B. wenn Lernende eine Regel in verschiedenen Übungssätzen anwenden müssen.
• Strategien des Sprachenlernens: Bei diesen von den Lernenden entwickelten Strategien werden Regeln zur Hypothesenbildung und -überprüfung angewendet. Z. B. findet jemand möglicherweise unbewusst die Regel, dass im deutschen Hauptsatz das Prädikat nach dem Subjekt steht. Mit dieser Strategie ist er in sehr vielen Fällen erfolgreich (ich gehe nach Hause), scheitert aber, wenn z. B. ein Adverbial an der ersten Satzposition steht (Dann ich gehe nach Hause).
• Kommunikationsstrategien: Hierbei handelt es sich um Verhaltensweisen, die in konkreten Kommunikationssituationen Hilfestellung bieten. Dazu gehören funktionelle Reduktionsstrategien wie Themenvermeidung, Codewechsel, Entlehnung, Wortneubildung, Umstrukturierung, Gestik, Mimik und diskursbezogene Strategien.
• Übergeneralisierung: Hierbei werden Regeln, die korrekt erworben wurden, auf Bereiche übertragen, in denen sie keine Gültigkeit besitzen, z. B. wenn die Konjugation der regelmäßigen Verben auf unregelmäßige Verben übertragen wird (ich bin gegeht).
Sofern die Lernersprache Merkmale aufweist, die weder der Erstsprache noch der Zielsprache entlehnt sind, wird sie als drittes System aufgefasst, dessen Entwicklung über Zwischenschritte erfolgt. Diese werden als Interlanguages (= Lernersprachen, vgl. Dimroth, 2019) bezeichnet. Anhand von Verhaltensweisen von Lernenden, die häufig als Fehler wahrgenommen werden, kann beurteilt werden, was diese bereits wissen. Daraus können Rückschlüsse auf den Stand der Interlanguage gezogen werden. Beispielsweise zeigt sich in Übergeneralisierungen, dass ein Lerner in einem bestimmten Bereich in der Lage ist, Regeln anzuwenden.
Bleibt eine Person auf einer Entwicklungsstufe stehen, so spricht man von Fossilierung. Damit ist gemeint, dass bei vielen Lernenden die Motivation, sprachliche Perfektion zu erreichen, dann nachlässt, wenn die Sprachbeherrschung auf einem für sie akzeptablen Niveau angelangt ist. Fossilierung wird häufig so erklärt, dass durch die Begegnung mit einer dominanten Sprache eine Verunsicherung entsteht. Er muss sich ihr anpassen, um sich verständigen zu können, vermeidet jedoch alles, was seine soziale und sprachliche Identität bedrohen könnte. Bei Kindern könnten ungünstige Inputbedingungen ein Faktor sein, um einen Stillstand in der Zweitsprachentwicklung zu erklären. Die Interlanguage-Hypothese ist eine wichtige Grundlage für die Teachability-Hypothese.
Im Unterricht
Im Unterricht mit Schüler*innen, die Deutsch als Zweitsprache erwerben, ist es von großer Bedeutung, die Normabweichungen, die sich in ihren mündlichen und schriftlichen Äußerungen zeigen, als notwendigen Bestandteil ihrer Erwerbsprozesse zu sehen. Entscheidend ist dabei die Frage, welche Entwicklungen und Veränderungen sich in ihren Lernersprachen beobachten lassen. Diese Haltung ist jedoch nicht selbstverständlich, denn von mehrsprachigen Schüler*innen wird, wenn sie nicht eine Vorbereitungsklasse besuchen, erwartet, dass sich ihre schulischen Leistungen mit denen der einsprachigen Schüler*innen vergleichen lassen. Möglicherweise ist eine Ursache für den mangelnden Schulerfolg mehrsprachiger Jugendlicher, dass auf ihre Lernersprachen zu wenig eingegangen wird und dass zu früh sehr hohe sprachliche Kompetenzen erwartet werden (
Kap. 4).
Die Teachability-Hypothese (Lehrbarkeits-Hypothese)
Mit der Teachability-Hypothese versuchen Pienemann et al. (2006) die Spracherwerbsforschung und die Sprachlehrforschung miteinander zu verbinden. Die Annahme, die im Kontext des Fremdsprachenunterrichts entstanden ist, hat wegen des starken Bezugs auf die Spracherwerbsforschung für den Deutsch-als-Zweitsprache-Unterricht hohe Relevanz. Die Spracherwerbsforschung geht traditionell vom Lernenden aus; es wird versucht, Gesetzmäßigkeiten und individuelle Faktoren beim (Zweit-)Spracherwerb zu beschreiben. In der Sprachlehrforschung interessiert hingegen, wie der Sprachlernprozess durch Faktoren wie Curriculum, Lehrmethoden und Lehrmaterialien beeinflusst werden kann (Pienemann et al., 2006, S. 33f). Werden die Perspektiven verbunden, müssen zunächst Spracherwerbsprozesse möglichst genau beschrieben werden, um in einem zweiten Schritt untersuchen zu können, wo und wie es möglich ist, effektiv auf die Prozesse einzuwirken. Wie bei der Interlanguage-Hypothese wird angenommen, dass Normabweichungen von den Lernenden notwendige Zwischenschritte beim Erwerbsprozess sind. Die Kenntnis von Erwerbsverläufen ist somit eine zentrale Grundlage für die Anregung von Lernprozessen. Denn wenn die Auswahl der Gegenstände und Methoden nicht auf die Lernenden abgestimmt ist, können diese nichts lernen (
Kap. 4).
Die zentrale Annahme ist nun, dass die Lernersprachen bei verschiedenen Lernenden eine gewisse Ähnlichkeit aufweisen und die Lernenden die sprachlichen Aufgaben in Stadien lösen, die vergleichbar sind. Das würde bedeuten, dass beim Fremdsprachenunterricht ähnliche Abläufe zu beobachten sind wie beim frühen Spracherwerb oder beim sukzessiven Zweitspracherwerb. Solche Stadien- oder Phasenmodelle sind für das Deutsche beschrieben. Sie werden in
Kap. 3.2 erläutert. Wie es zu diesen Phasen kommt, kann, je nach zugrunde gelegter Theorie, unterschiedlich erklärt werden (
Kap. 2.1). Es ist auffallend und durchaus einer Logik folgend, dass regelmäßige Strukturen meist vor Ausnahmen gelernt werden. Im Englischen wie im Deutschen gilt in allen Erwerbskontexten, dass die regelmäßige Verbkonjugation vor der unregelmäßigen gelernt wird. Eine Folge sind z. B. Übergeneralisierungsfehler (ich habe gesingt). Da Lernende nur das reproduzieren können, was sie verarbeiten können, muss sich der Unterricht an den natürlichen Erwerbsphasen orientieren. Sprachunterricht, der zu weit vorausgreift, kann die Entwicklung sogar verzögern (Pienemann et al., 2006, S. 47).
Forschungsergebnisse
Diehl et al. (2000) untersuchten schriftliche Texte bei französischsprachigen Jugendlichen der 6. bis 8. Klasse in der Schweiz, die Deutsch als Fremdsprache lernen. Die Fortschritte der einzelnen Schüler*innen konnten so über drei Jahre hinweg analysiert werden. Die Aneignungsschritte in der Grammatik weisen dabei eine sehr große Übereinstimmung mit den Phasen des Erstspracherwerbs auf. Demgegenüber weichen sie teilweise erheblich von der im Curriculum vorgegebenen grammatischen Progression ab. Das bedeutet, dass sich die Kompetenzen der Schüler*innen tendenziell so entwickelten, wie dies im ungesteuerten Spracherwerb beobachtet wird (
Kap. 3.2). So beherrschten die Schüler*innen einzelne Formen, die ausführlich im Unterricht behandelt wurden, auch nach mehreren Lernjahren nicht. Diehl et al. (2000) kommen zu dem Schluss, dass der traditionelle Grammatikunterricht »für der Katz« (sic!) sei, sofern er nicht den natürlichen Aneignungsschritten folgt.
Ein Problem bei der Teachability-Hypothese ist, dass sie sehr stark auf den Erwerb der Grammatik der Zielsprache ausgerichtet ist. Dies hängt auch damit zusammen, dass Erwerbsverläufe in der Grammatik besonders gut zu beschreiben sind. Für den Unterricht und die Sprachförderung bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist die Orientierung an Erwerbsphasen eine wichtige Grundlage. Allerdings ergibt sich das Problem, dass die kommunikativen Anforderungen des Alltags und des Unterrichts häufig den sprachlichen Fähigkeiten vorausgreifen. Auch wenn die Lernenden zusätzliche Unterstützung erhalten, indem sie auf der Grundlage ihrer sprachlichen Fähigkeiten gefördert werden, müssen sie außerhalb des Unterrichts häufig damit klarkommen, dass sprachliche Anforderungen an sie gestellt werden, die sie eigentlich noch nicht bewältigen können.
Die Vorstellung verschiedener Theorien zeigt, dass kein Ansatz allein in der Lage ist, den Zweitspracherwerbprozess zu erklären. Die empirische Basis der vorgestellten Theorien ist höchst unterschiedlich. Kein Erklärungsansatz bezieht sich auf den Zweitspracherwerb von Kindern und Jugendlichen im Kontext von Migration. Einige Einsichten können jedoch aus der Betrachtung der Hypothesen geschlossen werden: Werden Normabweichungen im Zweitspracherwerb als legitime Zwischenstufen betrachtet, wie in der Interlanguage-Hypothese vorgeschlagen, hat dies didaktische Konsequenzen: In schulischen Kontexten ist die Lehrkraft aufgefordert, mögliche Fehlbildungen der Kinder als Merkmal ihrer Lernersprache zu akzeptieren. Darüber hinaus wird nicht nur das psycholinguistische System, sondern das gesamte Lernerverhalten betrachtet. Dazu gehört die Fähigkeit, in der Zweitsprache zu kommunizieren. Lernende setzen Kommunikationsstrategien ein, um das begrenzte zur Verfügung stehende Wissen der Zielsprache möglichst effektiv zu nutzen. Hierzu gehören, je nach Alter und Lernkontext, auch Bezüge zu den bereits gelernten Sprachen (
Kap. 2.4). Ein weiterer Aspekt ist die Frage, inwieweit Erwerbsverläufe so beschrieben werden können, dass Phasenmodelle entstehen, an denen sich die Lehrkraft orientieren kann (
Kap. 4).
Eine Theorie, die sich auf Lernschwierigkeiten mehrsprachiger Jugendlicher mit einem sogenannten Migrationshintergrund bezieht, ist die Interdependenzhypothese (Cummins, 2000). Diese Annahme ist keine psycholinguistische Hypothese, da aus dem Erfolg oder Misserfolg bestimmter Schulmodelle auf Aneignungsprozesse geschlossen wird. Es handelt sich eher um eine erziehungswissenschaftliche Hypothese, zu deren Verständnis eine Reihe weiterer Faktoren beachtet werden müssen. Diese Annahme wird in
Kap. 3.1 gesondert behandelt.
2.3 Einflussfaktoren auf den Zweitspracherwerb
Die Frage, welche Faktoren den Zweitspracherwerb beeinflussen, beschäftigt die Forschung schon lange. Ein Problem ist, dass eine Reihe dieser Faktoren nicht direkt beobachtbar und somit nur schwer zu fassen ist (Kniffka & Siebert-Ott, 2012, S. 59). Schumann (1986) nennt z. B. soziale Faktoren wie die Umstände der Migration, den Grad der Assimilation (Anpassung) oder der Subordination (Unterordnung unter gesellschaftliche Anforderungen), emotionale Faktoren wie die Lernmotivation, kognitive und begabungsbedingte Faktoren sowie Inputfaktoren und die Lernbedingungen. Auf Klein (1992) geht die Kategorisierung in drei Bündel zurück: Antrieb, Sprachvermögen und Zugang. Diese drei Kategorien finden sich mit unterschiedlichen Termini in der psychologischen und linguistischen Forschung. In Anlehnung an die Kognitionspsychologie wird an dieser Stelle die folgende Einteilung gewählt:
• Motivation oder Antrieb (motivation): Dazu gehören die Interessen und die Leistungsbereitschaft, die persönlichen Wünsche, die unmittelbare Lernmotivation, emotionale Beziehungen zu Sprechern der Zielsprache, individuelle positive oder negative Lernerfahrungen usw.
• Fähigkeit oder individuelle Merkmale und Sprachvermögen (ability): Hierzu gehören die Intelligenz, das vorhandene Sprachwissen, Lernerfahrungen, vorhandene Lernstrategien, Reflexivität und Impulsivität sowie das Alter.
• Gelegenheit oder Zugang (opportunity): Hierzu gehören die zur Verfügung stehende Zeit und Energie, die Kommunikations- und Kontaktmöglichkeiten, die Qualität der Kommunikationsbedingungen, die Konzeption und Qualität des Unterrichts usw.
Das Zusammenwirken dieser drei Faktorenbündel wird in der folgenden Abbildung veranschaulicht (
Abb. 2.1). Ein erfolgreicher Zweitspracherwerb ist in der Schnittmenge der drei Kreise gegeben. Im Folgenden werden einige wichtige Aspekte aufgegriffen.

Abb. 2.1: Faktoren des Zweitspracherwerbs
Motivation
Die Bedeutung affektiver Faktoren für den Zweitspracherwerb ist unbestritten. Fthenakis (1985) geht davon aus, dass, zumal bei kleineren Kindern, der Widerstand gegen den Erwerb einer Zweitsprache geringer sei als bei älteren Lernenden, weil bei Letzteren der Lernprozess durch frühere Erfahrungen und aktuelle Einstellungen behindert werden könne. So kann z. B. begründet werden, wieso bei älteren Arbeitsmigranten der Lernprozess häufig stagniert, insbesondere dann, wenn die Person im alltäglichen Leben mit ihrer Erstsprache ausreichend kommunizieren kann und wenig Notwendigkeit besteht, die Zweitsprache weiterzuentwickeln. Im Gegensatz dazu sind bei Kindern gesellschaftliche Bindungen nicht so stark ausgeprägt, weshalb von ihnen eine größere Offenheit und Lernbereitschaft zu erwarten ist. Kinder, die eine deutsche Schule besuchen müssen, beugen sich leichter einem Anpassungsdruck als Erwachsene, unter anderem weil der Wille dazuzugehören ein starker Antrieb sein kann.
Auf Gardner und Lambert (1972) geht das Konzept der integrativen und der instrumentellen Motivation beim Sprachenlernen zurück: Instrumentell ist die Motivation dann, wenn sie sich auf Nützlichkeitserwägungen des Lernenden bezieht (Verbesserung der Berufschancen, Lesen bestimmter Literatur, Interesse an der Sprache), integrative Motivation hingegen bezieht sich auf den Wunsch, am Leben einer bestimmten Gruppe teilhaben zu wollen. Mit der integrativen Motivation geht eine größere Identifikation mit der zu lernenden Sprache einher, weshalb Gardner und Lampert annahmen, dass eine integrative Orientierung für einen erfolgreichen Fremdsprachenerwerb wichtig sei. Bei Kindern im Vor- und Grundschulalter steht zu vermuten, dass die Motivation, eine zweite Sprache zu lernen, nahezu ausschließlich integrativer Natur ist. Kinder lernen eine zweite Sprache, um Mitglied einer Gruppe oder einer Klasse zu werden; sie wollen dazugehören und mitreden können.
Dörnyei (2003) legt ein Motivationsmodell zum Zweitspracherwerb vor. Die Motivation, eine zweite Sprache zu lernen, setzt sich demzufolge aus mehreren Komponenten zusammen. Neben der Einstellung der Lernenden hinsichtlich der Zielsprache (im Sinne von instrumenteller und integrativer Motivation) spielen kognitive und affektive Aspekte eine bedeutende Rolle. An erster Stelle ist hier das sprachliche Selbstkonzept zu nennen (
Kap. 1.3). Außerdem gehören hierzu die Erwartung von Schwierigkeiten und Erfolg, die Abschätzung des Lernaufwands, vorangegangene Lernerfahrungen und allgemeine Sprachlernfähigkeiten. Auch die Lernsituation (Unterricht oder Alltagssituation), das Curriculum, die Lehrperson, die Lehrmethoden, Aspekte der Lerngruppe usw. beeinflussen die Motivation, eine Sprache zu lernen. Problematisch scheint an diesem differenzierten Motivationsmodell, dass die meisten Faktoren auch einen direkten Einfluss auf den Lernerfolg ausüben (s. u.). Des Weiteren ist zu beachten, dass die genannten Aspekte keinesfalls statisch und unverändert sind, sondern stetigem Wandel unterliegen und in einer komplexen Wechselbeziehung zueinanderstehen (vgl. Holstein & Wildenauer-Józsa, 2017, S. 131f).
Forschungsergebnisse
Pagonis (2009) untersucht die Frage, ob es Kindern in der Regel besser gelingt, eine Zweitsprache zu lernen, als Jugendliche oder Erwachsenen. Aufgrund der Analyse der vielfältigen widersprüchlichen Forschungsergebnisse zu dieser Frage und zweier Fallbeispiele kommt er zu dem Schluss, dass die altersspezifische Bereitschaft zur sprachlichen Anpassung der wichtigste Faktor des Lernerfolgs von Kindern beim Zweitspracherwerb ist. Die Vermutung, dass das kindliche Gehirn prinzipiell besser in der Lage sei, Sprachen zu lernen als das erwachsene, lässt sich nicht bestätigen, unbestritten ist jedoch, dass Kinder anders lernen als Erwachsene.
Überträgt man diese Forschungsergebnisse auf die spezifische Lernsituation mehrsprachig aufwachsender Kinder und Jugendlicher in Deutschland, so wird deutlich, dass positive Kontakte zur aufnehmenden Gesellschaft und die subjektiv empfundene Notwendigkeit, eine Sprache zu lernen, wichtige Faktoren sind. Hierzu gehört aber auch, dass die Kinder und Jugendlichen sich mit ihrer Mehrsprachigkeit und Multikulturalität akzeptiert fühlen. Dabei scheint die Einstellung der Eltern und der (pädagogischen) Umwelt ein wichtiger Aspekt zu sein. Der Prozess der Sprachaneignung und der damit verbundenen Identitätsbildung folgt besonderen Gesetzmäßigkeiten. Die lebensweltliche Zweisprachigkeit ist ein wesentliches Kennzeichen der sozialen und emotionalen Situation mehrsprachiger Kinder (vgl. Chlosta & Ostermann, 2017). So scheint ein wichtiger Faktor zu sein, wie sich die Eltern bzw. die Familie zu der Zweitsprache verhalten. Dabei ist es keinesfalls notwendig, dass die Zweitsprache Deutsch zu Hause gesprochen wird, denn die Eltern sollen die Sprache mit ihren Kindern sprechen, die sie selbst am besten beherrschen. Vielmehr ist es hilfreich, wenn die Kinder wahrnehmen, dass sich auch die Eltern in positivem Sinne mit der deutschen Sprache und Kultur auseinandersetzen. Das macht deutlich, wie wichtig in schulischen Kontexten die Zusammenarbeit mit Eltern ist. Diese kann nur gelingen, wenn die Eltern sich ihrerseits in ihrer Kultur und Sprache angenommen und wertgeschätzt fühlen.
Individuelle Fähigkeiten
Die neurophysiologische Annahme Lennebergs (critical period hypothesis, 1967), nach der es nur in einer bestimmten Phase der frühen Kindheit möglich sei, Sprachen ohne großen Aufwand zu lernen, ist in dieser Einfachheit sicher nicht korrekt. Richtig ist, dass das menschliche Gehirn weit über die Pubertät hinaus lernfähig ist. Allerdings werden mit dem Älterwerden andere Lernmechanismen wirksam. So sind in Bezug auf systematisch-analytische Lernstrategien, vor allem in gesteuerten Situationen, ältere Lernende gegenüber jüngeren im Vorteil. In einer Reihe von Studien konnte gezeigt werden, dass Jugendliche und Erwachsene beim Wortschatzlernen Kindern überlegen sind. Andererseits sind Kinder für intuitiv ganzheitliche Vorgehensweisen offener, wie sie für natürliche Erwerbssituationen kennzeichnend sind. Unbestritten ist, dass Kindern der Erwerb der Aussprache leichter fällt; Erwachsene sind in ihren motorischen Prozessen festgelegter (Wode, 1992, S. 214). Diese Fähigkeit sagt jedoch relativ wenig über andere Entwicklungspotenziale aus. Vielmehr besteht im Gegenzug die Gefahr, dass Kinder aufgrund ihrer akzentfreien Aussprache überschätzt werden, was zu einer Überbewertung ihrer sprachlichen Fähigkeiten führen kann (vgl. Apeltauer, 1992).
Es besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass weitere individuelle Faktoren, wie die Intelligenz, die Sprachbegabung, das Wissen in anderen Sprachen, vorhandene Lernerfahrungen und Lernstrategien den Erfolg beim Zweitspracherwerb nachhaltig beeinflussen. Da wir uns dem Neuen immer auf der Grundlage von etwas Bekanntem nähern, ist es eine wichtige Lernstrategie, Wissen aus einer bereits gelernten Sprache zum Erwerb einer zweiten Sprache einzusetzen. Dieses Wissen zeigt sich u. a. in Sprachmischungen (
Kap. 2.4). Weitere individuelle Faktoren sind z. B. persönliche Lernstile und Erfahrungen. So macht es einen Unterschied, ob ein Mensch eher impulsiv und spontan oder zurückhaltend und reflexiv auf neue Anforderungen reagiert. Auch die Frage, inwieweit ein Kind oder Jugendlicher bereit ist, sich auf widersprüchliche oder schwierige Anforderungen einzulassen (Ambiguitätstoleranz), ist entscheidend (Kniffka & Siebert-Ott, 2012, S. 62).
Lerngelegenheiten
Ein wichtiger Faktor, der die Qualität des Zweitspracherwerbs beeinflusst, ist die zur Verfügung stehende Zeit. Decker-Ernst (2019, S. 141) gibt zu bedenken, dass für mehrsprachige Kinder die Zeit des Deutschlernens im Vergleich zu einsprachig deutschen Kindern kurz ist. Da manche von ihnen erst im Alter von drei bis vier Jahren der Zweitsprache begegnen, bleibt ihnen weniger als die halbe Lernzeit, denn sie sind häufig in der Kindertageseinrichtung und der Schule nur wenige Stunden täglich in Kontakt mit der Zweitsprache. Die Lernzeit kann zusätzlich verkürzt sein, wenn in der Einrichtung vergleichsweise wenige einsprachig deutsche Kinder und Jugendliche sind. Die für den (Zweit-) Spracherwerb so wichtige Peer-Kommunikation ist dann ebenfalls begrenzt. Somit kommt der erwachsenen Bezugsperson die Rolle als wichtigster Sprachvermittler zu. Ein häufiger Kontakt zu einsprachig deutschen Kindern korreliert hoch signifikant mit guten Leistungen in der deutschen Sprache.
Die Lernzeit ist natürlich nur ein Aspekt der Frage, über welche Kommunikationsmöglichkeiten der Lernende verfügt und wie sich die Kommunikationspartner seinem sprachlichen Können anpassen. Insgesamt sind die Quantität und die Qualität des Sprachkontakts entscheidend.
Forschungsergebnisse
Röhr-Sendlmeier (1985) erforscht den Zusammenhang zwischen Spracherwerb und Migrationsbedingungen. Bei der Untersuchung des Sprachstandes von 47 7 bis 8-jährigen türkischen Migrantenkindern, die Vorbereitungsklassen besucht haben, stellt sich heraus, dass ein häufiger Kontakt zu Deutschen hoch signifikant mit guten Leistungen in der deutschen Sprache korreliert. Dazu gehören ebenso Kontakte zu Kindern auf dem Pausenhof und dem Spielplatz als auch Kontakte zu Erwachsenen beim täglichen Einkaufen. Sie bezieht in die Untersuchung Einflussgrößen wie Dauer des Aufenthalts, Kontakt zu deutschen Personen, Bildungsstand der Eltern, Einstellung zum Leben in der Bundesrepublik Deutschland usw. mit ein. Kein Zusammenhang lässt sich hingegen zwischen der Bindung der Familie an die Türkei und den Deutschkenntnissen der Eltern und Kinder ableiten.
In Anlehnung an eine interaktionistische Spracherwerbstheorie wird davon ausgegangen, dass es sehr wichtig ist, dass die Bezugsperson ihr Verhalten an die sprachlichen Fähigkeiten der Lernenden anpasst (
Kap. 2.1). Dies kann auch mit der Teachability-Hypothese begründet werden. Dabei ist das kommunikative Verhalten der Lehrkraft eingebettet in einen Unterricht, in dem alle Anforderungen optimal auf die Fähigkeiten der Lernenden abgestimmt sind. Dies bedeutet eine Orientierung des Lehrverhaltens an Regelmäßigkeiten des ungesteuerten Spracherwerbs. Die Kunst der Lehrkraft besteht darin, sich den sprachlichen Fähigkeiten anzupassen und dennoch das Kind kognitiv nicht zu unterfordern. Gibbons (2002) bezeichnet diesen Prozess als scaffolding(
Kap. 6.2). Eine Anpassung an sprachliche Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen ist in der Kommunikation mit einem einzelnen Kind sicherlich gut möglich. Schwieriger ist die Aufgabe für Lehrkräfte und Erzieherinnen in heterogenen Lerngruppen, da sie in der Unterrichtskommunikation Kindern und Jugendlichen gerecht werden müssen, die höchst unterschiedliche sprachliche Kompetenzen haben.
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