Kitabı oxu: «Die Tote im Stadl»

Şrift:

Stefan Maiwald

DIE TOTE IM STADL

Ein Bad-Kleinkirchheim-Krimi


Diese Geschichte ist frei erfunden. Tatsächlich existierende Personen und Firmen wurden verändert und/oder vom Autor ausgedacht, Geschehnisse anderen und/oder fiktiven Personen zugeordnet. Verbleibende Übereinstimmungen mit etwaigen realen Personen wären somit rein zufällig und sind nicht gewollt.

Sämtliche Angaben in diesem Werk erfolgen trotz sorgfältiger

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1. Auflage 2020

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Salzburg – München, eine Marke der Red Bull Media House GmbH,

Wals bei Salzburg

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ISBN: 978-3-7104-0239-5

eISBN: 978-3-7104-5029-7

CHEFINSPEKTOR KERSCHBAUMER WIRD IM URLAUB GESTÖRT

INHALT

1.Weg mit dem Speck

2.Ernstls Skigruppe macht eine Entdeckung

TAG 1 DER ERMITTLUNGEN

3.Fastenbrechen

4.Blutige Spuren

5.Im ersten Haus des Ortes

6.Kleinere Nebengeschäfte

7.Schnipsel & Notizen

TAG 2 DER ERMITTLUNGEN

8.Der rasende Mirko

9.Journalistenauftrieb

10. Ein Sprung in die Adria

11. Pfeffersteak mit Hilde

TAG 3 DER ERMITTLUNGEN

12. Ein Waschbrettbauch aus dem Nichts

13. Die taffe Chefin

14. Besuch beim Verletzten

15. Der Besuch der alten Dame

16. Olegs Geheimnis

TAG 4 DER ERMITTLUNGEN

17. Werners Geständnis

18. Eine merkwürdige Begegnung

19. Hoch oben Richtung Maibrunn

20. Ernstls Gespür für Schnee

TAG 5 DER ERMITTLUNGEN

21. Auf ins Nobelhotel

22. Die schöne Chefin ist wütend

23. Ein verschwundener Yorkshire-Terrier

24. Ein Konflikt auf Russisch

TAG 6 DER ERMITTLUNGEN

25. Das nun aber endgültige Ende der Kerschbaumer’schen Diät

26. Ein Italiener ohne Alibi

27. Der Nerd aus dem Norden

28. Zischelnde Hoteliers

29. Es brennt!

TAG 7 DER ERMITTLUNGEN

30. Im Büro des Dorfvorstehers

31. Mirko redet, ein bisschen

32. Ordnung ins Schlamassel

33. Gewinner und Verlierer

34. Inspektion des Baugrundes

35. Eine unergiebige Zapfstation

36. Die Beerdigung in der Einkehr

TAG 8 DER ERMITTLUNGEN

37. Ein erster Verdächtiger

HORROR IM BERGIDYLL!

38. Anzès Mini-Geständnis

39. Trevisol mischt sich ein

40. Die taffe Chefin, plötzlich ganz zahm

41. Ein Geier der unteren Hackordnung

TAG 9 DER ERMITTLUNGEN

42. Wasser-Reich

43. Franz Ferdinand ziert sich

44. Der Hinterminator

45. Feiersinger hat Probleme und erklärt seine Cent-Theorie

46. Werner und die Reflexion

47. Ein sehr, sehr blutiges Steak

48. Der Anschlag

49. Die Rettung

TAG 10 DER ERMITTLUNGEN

50. Spuren im Schnee

51. Ein rätselhaftes Detail

52. Ein ganz illegaler Zugriff

53. Der Besucherstuhl als Hauptdarsteller

54. Ein Kaffee und ein Feuerkelch

ANHANG eine kulinarische Tatortbegehung

NACHWORT

1.Weg mit dem Speck

Die Hantelscheiben waren rot, knallrot, genau wie Kerschbaumers Gesicht. Kerschbaumer machte »AAAAAAaaaaarrgh«, während Nieselregen sich an den von Schweiß und Narzissmus beschlagenen Scheiben abarbeitete. Links neben ihm turnte eine Frau, die mit ihrem Pferdeschwanz, dem Stirnband und den Stulpen aussah wie frisch aus einem Aerobic-Video der 1980er-Jahre. Allerdings legte sie einen einwandfreien Spagat hin, sie musste also neueren Jahrgangs sein. Außerdem war ihr Outfit, wie Kerschbaumer neulich beim Friseur gelesen hatte, jetzt wieder modern. Rechts neben ihm mühte sich ein mehr zeitgemäß gekleideter, dafür sehr übergewichtiger Mann ab. Als ob es ums Ganze ging, radelte er gegen seinen Kalorienüberschuss an, den er sich in jahrelanger, konzentrierter Arbeit in den Kärntner Wirtshäusern erarbeitet hatte.

Doch Wendelin Kerschbaumer wusste, dass Häme fehl am Platz war. Als er die Olympia-Langhantel nach dem dritten Satz Schulterdrücken zu Boden ließ und dabei an sich hinabblickte, war das Problem allzu offensichtlich und nicht zu leugnen: Er hatte bäuchlings zugelegt nach der Scheidung. Dabei müsste es doch genau gegenteilig sein, hatte er immer wieder gelesen: Eine Scheidung sorge für einen Neuanfang, ein neues und besseres Ich. Man war wieder auf dem Markt, man musste sich präsentabel halten. Doch Kerschbaumer hatte sich ordentlich Kummer angefuttert.

Das, fand er, war keine vernünftige Strategie bei der Suche nach einer neuen Partnerin. Also hatte sich der Chefinspektor der Landespolizeidirektion Wien, dreiundvierzig Jahre alt, recht ansehnlich mit dem dichten Haar und der gesunden Gesichtsfarbe, zu einer zweiwöchigen Sportkur zurückgezogen. In die Berge von Bad Kleinkirchheim, jenes hübschen, etwas zerfasert an der Landesstraße B88 liegenden Ortes im Herzen von Kärnten, der mit viel Fleiß und Glück seit etwa zwei Generationen zu einem der touristischen Hotspots der Alpen geworden war. Es war Anfang Dezember und bereits kühl, und unten im Tal wollte sich der Nieselregen einfach nicht verfestigen. Immerhin lagen oben auf der Piste schon ein paar solide Zentimeter, während die Schneekanonen Tag und Nacht ihren monotonen Job erledigten.

Der Wintertourismus lief gerade an, doch der große Ansturm würde erst am achten Dezember kommen, der Maria Immacolata, jenem italienischen Feiertag, der in diesem Jahr besonders günstig auf einem Freitag lag und zu einer üppigen Brücke ermunterte.

Nun war aber ausgerechnet der Fitnessraum von Kerschbaumers Hotel wegen eines Wasserschadens gesperrt, und er hatte auf ein echtes Gym ausweichen müssen, das weiter unten in Radenthein lag, einem Ort, der sich bemühte, ein klein wenig von den Reiseströmen zu den Bergen umzuleiten und sich deswegen den fragwürdigen Slogan »Die facettenreiche GranatStadt« verpasste, nur echt mit dem Binnenmajuskel.

Werner, der freundliche Muskelberg im Fitnessstudio Ruckizucki Fit, mixte Kerschbaumer nach seinem Training einen Proteindrink. Der Shaker sah in Werners Pranken aus wie ein Playmobil-Modell. Kerschbaumer trank aus und hatte fertig.


Auf der gewundenen Straße ging es vierhundert Höhenmeter und einige äußerst spitze Serpentinen zurück hinauf in den Wintersportort. Auf dieser Straße trafen saturierte 50-km/h-Schleicher aus holländischen Neubaugebieten auf aufgemotzte Dorfjugend-GTIs mit 110 km/h. Für letztere galt Mario Andrettis Motto: »Wenn du dein Fahrzeug unter Kontrolle hast, bist du nicht schnell genug.«

Die hiesigen Autofahrer trugen das SP im Nummernschild, denn die Gemeinde mit ihren eintausendsiebenhundert Einwohnern gehörte zum Bezirk Spittal an der Drau. In einem Tal der Gurktaler Alpen gelegen und von den Nockbergen umgeben, soll der erste Kurgast einer Legende nach schon im elften Jahrhundert hierhergekommen sein, nämlich der im Kampf verwundete Pfalzgraf Boto Graf von Ottenstein. Seine Wunden pflegte er erfolgreich im guten Bad Kleinkirchheimer Quellwasser, und weil die Quelle praktischerweise ihm gehörte, überschrieb er sie im Jahr 1070 an das Benediktinerkloster Stift Millstatt, was ebenfalls ganz einfach ging, war das Kloster doch seine eigene Gründung.

Kerschbaumer schaffte es ohne Zwischenfälle bis nach ganz oben, bog im Ortskern nach rechts auf den Maibrunnenweg ab, fuhr den Italienerhügel hinauf, der so hieß, weil ab eintausendfünfzig Metern Höhe alle, wirklich alle Apartments im Privatbesitz italienischer Familien waren, und gelangte schließlich in sein Hotel Kirchheimerhof, wo er, den Bauch einziehend, noch kurz mit den beiden hübschen Rezeptionistinnen flirtete, bevor er ausatmete und auf sein Zimmer ging.

2.Ernstls Skigruppe macht
eine Entdeckung

Wer sich den unverständlichsten Kärntner Bergdialekt vorstellt und ihn mit zehn multipliziert, bekommt in etwa eine Vorstellung von Ernstl Tiefenhauer, seiner Ausdrucksweise und seiner Welt. Ernstl, blond und hager, war der beliebteste Ski- und Snowboardlehrer der Ski- und Snowboardschule Kraxler, die sich ein Monopol erarbeitet hatte und in der Hochsaison, die bald beginnen sollte, mit siebzig angestellten Skilehrern bis zu eintausendvierhundert Schüler pro Woche über die Pisten scheuchte.

Derzeit waren nur zwei Kindergruppen zu betreuen, und die Eltern wollten unbedingt Ernstl. Sein völlig unverständliches Gemurmel hatte etwas angenehm Sedierendes, und Skifahren, guter Gott, das konnte er wie kein zweiter. Selbst auf tiefschwarzen Pisten wie der Franz-Klammer-Abfahrt fuhr der Zweiundzwanzigjährige rückwärts vor seiner Gruppe her und gab Tipps und Korrekturen, die keiner verstand. Außerdem lächelte er immer freundlich. Also musste er auch schon in der Nebensaison ran, denn alle, die ihn noch vom Vorjahr kannten, verlangten nach ihm.

Dabei hatte es erst gestern ein kleines Malheur gegeben. Er war oben mit zwölf Kindern gestartet und unten mit elf Kindern angekommen. Einer der Kleinen musste mal Pipi und konnte es durch seine Sturmhaube nicht kommunizieren, und so war er einfach eigenmächtig ausgeschert. Die Aufregung war überall groß, außer bei Ernstl, der anschließend im Büro der Skischule meinte, man solle ihm einfach die jungen Holländerinnen geben statt kleiner Kinder. Die Sekretärinnen der Skischule verstanden, was Ernstl sagte. Aber nur ein bisschen.

Heute war es etwas besser, denn Ernstl hatte eine Kindergruppe bekommen, die schon sicherer auf den Skiern stand (keine »Pizza« und »Spaghetti« mehr – »Pizza« hieß Schneepflug, »Spaghetti« paralleles Fahren). Mit diesen fortgeschrittenen Rackern verließ er auf der Maibrunnabfahrt auf eintausendsiebenhundert Metern, wo bereits echter Schnee lag, die Piste und stieb durch die Wälder.

Zwei Kinder prallten gegen Bäume, ein drittes fädelte die Skispitzen ein und überschlug sich, ein viertes verkantete und rutschte einen Abhang hinab. Der übliche Schwund bei Ernstls Kindergruppen; alle hatten ihren Spaß. Ernstl schnallte sich die Skier ab, um Kind Nummer vier zu bergen, das unten zwischen zwei Baumstümpfen auf dem Rücken lag, aber dabei recht fröhlich winkte.

Während des Skischuh-Gestapfes hangabwärts blitzte ihm vom Waldrand etwas in die Augen: ein Stich Neon von links, ein ungewöhnlicher Farbblitz in diesem hochalpinen Ensemble von Weiß und Grün. Ernstl blinzelte und wandte den Kopf. In der offenen Holztür eines Stadls, der mittlerweile als Lagerschuppen einer nahen Almhütte diente, lag etwas – nein, das war … ja, das war zweifellos eine Person.

Genauer gesagt war es ein Mädchen mit langen blonden Haaren, die auf ihren teuren bunten Skianzug von Bogner fielen. Eintausendzweihundert Euro kostete so ein Skianzug, wusste Ernstl, denn damit kannte sich der Bergbauernbub aus.

Nein, es war kein Mädchen, wohl eher eine junge Frau, erkannte Ernstl beim Näherstapfen. Es sah beinahe so aus, als ob sie schlief. Wäre da nicht das verstörende Detail eines Messers, das bis zum Schaft in ihre Brust gerammt war.

TAG 1 DER ERMITTLUNGEN
Dienstag, 5. Dezember
WETTER

Kühle, graue, äußerst missmutige Wolkendecke, mit vereinzelt nachteiliger Auswirkung aufs Gemüt.

PISTENBERICHT

Eine belgische Mutter mit burschikoser Kurzhaarfrisur beschwerte sich über Ernstls Ausflüge mit der Kindergruppe abseits der Piste. Wegen der Lawinengefahr. Sie wollte »den Inhaber sprechen« und zog erst wieder ab, als sie zehn Prozent Ermäßigung bekam.

3.Fastenbrechen

Im Hotel gibt es zwei Arten von Menschen. Die einen fragen, ab wann es Frühstück gibt. Die anderen fragen, bis wann es Frühstück gibt. Wendelin Kerschbaumer, sonst Frühaufsteher, ließ es sich hier nicht nehmen, die Disponibilität des Servicepersonals aufs Äußerste auszureizen. Zu einer guten Kur, befand er, gehörte ein guter Schlaf.

Leider gehörte zu einer guten Kur auch eine gesunde Ernährung. Müsli, Obst, Tee und ähnlich freudloses Zeug. Keine der köstlichen, warmen, duftenden Semmeln, keine der in allen Rottönen lockenden Marmeladen, und schon gar nicht Spiegelei mit Speck oder ein milchiger, extragroßer Cappuccino. Und während er noch einen letzten, verzweifelten Blick auf die Brotkörbe warf, führte sein Handy rund um den erbärmlichen Müslischleim, den er sich vorgesetzt hatte, einen lautlosen Vibrationstanz auf.

»Hallo?«

Nachdem das Telefonat zu Ende geführt war, hatte sich die Sache mit dem Kururlaub vorerst erledigt. Das änderte zwar nichts an dem trüben Blick aus dem Fenster ins erbärmliche Grau dieses Vormittags, es änderte aber wohl etwas am Müslischleim. Das Erste, was Kerschbaumer tat: Er ging zum Buffet und holte sich zwei Spiegeleier mit knusprigem Speck. Dann bestellte er sich einen milchigen, extragroßen Cappuccino. Schließlich mussten die Nachrichten aus Wien erst mal verdaut werden.

Am Telefon war der atemlose Isidor Kruschannig gewesen, der Abteilungsleiter der Landespolizeidirektion Wien. Der atemlose Kruschannig war Kerschbaumers Vorgesetzter. Er hieß überall nur Annig, denn am Telefon meldete er sich so hastig, dass man nur den letzten Teil seines Namens verstand. Sein Ruhepuls musste bei etwa hundertfünfzig Schlägen pro Minute liegen. Zum Sanguiniker fehlte ihm allerdings das heitere Gemüt, denn er trug schwer an seiner Verantwortung. Am Telefon hatte er gefiept und gejapst, und allen Kollegen – auch ihm selbst – war klar, dass ein fulminanter Herzinfarkt praktisch an der nächsten Straßenecke auf ihn wartete, in hochhackigen Schuhen und verführerischen Netzstrümpfen. Vielleicht nicht heute, und vielleicht auch nicht morgen, aber doch lange vor der Wiederkehr des Halleyschen Kometen.

Das Telefonat, dessen Inhalt hier in klarem Deutsch statt in hechelndem Wienerisch zusammengefasst werden soll: Es hatte einen Mord in Bad Kleinkirchheim gegeben. Übrigens den ersten seit elf Jahren – den Selbstmord eines störrischen Bergbauern nicht mitgerechnet, der ganz aus Versehen am Abend Rattengift im Obstbrand zu sich genommen hatte und dessen Grundstück danach von den Erben endlich gewinnbringend an einen ausländischen Investor verkauft werden konnte. Jedenfalls hatte sich der zuständige Chefinspektor von der Landespolizeidirektion Kärnten, ein gewisser Hartmut Trevisol, beim Gletscherskifahren überschätzt und lag nun mit einem Schien- und Wadenbeinbruch im Klinikum Klagenfurt. Die Landespolizei hatte auf seiner Dienstebene bei den Kollegen um Hilfe gebeten, denn die Sicherheitskräfte vor Ort hätten zwar Erfahrung mit falsch parkenden Eltern, die ihre Kinder nur mal schnell zum Kinderkurs bringen wollten, sowie mit betrunkenen Nordländern in Après-Ski-Hütten, aber zu einem waschechten Mord fehle ihnen dann doch die Kompetenz. Da habe Annig sogleich den Kerschbaumer ins Spiel gebracht, wo der doch, wie Annig zwischen zwei Atemzüge schob, seit der Sache mit dem Raubmord im vierten Wiener Bezirk gewissermaßen österreichweit ein Held der Sicherheitsexekutive sei, inklusive Auftritt bei den deutschen Freunden von »Aktenzeichen XY«.

Der Landespolizeidirektor aus Kärnten habe Annigs Vorschlag dankbar angenommen; Sonderzahlungen und großzügige Anrechnung von Kerschbaumers Urlaub seien selbstverständlich, versicherte Annig. Die Spurensicherer aus Klagenfurt seien schon unterwegs, und die Bad Kleinkirchheimer Kollegen erwarteten ihn noch am heutigen Tag.

4.Blutige Spuren

Ja, die Sache mit dem Raubmord im vierten Bezirk. Der Fall hatte Kerschbaumer monatelang ordentlich auf Trab gehalten. Ein stadtbekannter Juwelier war am Abend vor seiner Haustür überfallen worden, ausgerechnet als er seine teuerste Uhr trug, eine Patek Philippe Nautilus Sonderedition zum fünfzigjährigen Bestehen der Reihe, Listenpreis 275 900 Euro, unter Liebhabern wegen ihrer Seltenheit durchaus auch 400 000 Euro und mehr wert. Bei dem Überfall versagte vor Aufregung sein Herz, was die Staatsanwältin nicht als Totschlag, sondern als Mord einstufte, weil die Räuber außergewöhnlich brutal vorgegangen waren. Kerschbaumer hatte schließlich herausgefunden, dass zwei Angestellte des Juweliers hinter dem Überfall steckten und zwei Freunde zur Tat angestiftet hatten. Lange war ein Insiderjob vermutet worden, doch keinem Angestellten war etwas nachzuweisen. Erst ein Überwachungsvideo mit einem Detail, das die Forensiker übersehen hatten, brachte Kerschbaumer auf die Spur: Einer der Täter hatte eine Hose mit Camouflage-Aufdruck getragen. Diese Aufdrucke sind auch in der Massenproduktion nie genau gleich, und so fanden Kerschbaumer und seine Kollegen in der Wohnung eines der Verdächtigen tatsächlich eine Hose, die perfekt zur Aufnahme der Überwachungskamera passte. Alle vier Täter saßen nun in der Justizanstalt Wien Mittersteig, die den ganz schweren Jungs vorbehalten war. Die Uhr blieb allerdings verschwunden; vermutlich war sie über mehrere Hehler am Arm eines orientalischen Prinzen gelandet.


Wiens Straßen waren so weit entfernt wie eine andere Galaxie hinter einem schwarzen Loch. Denn Kerschbaumer stand mitten im Wald. Tannen mit feinem Schneeüberzug ragten über ihm weit in den bleiernen Himmel. Und vor ihm lag etwas, was einmal eine Person mit Gefühlen und Träumen gewesen war. Wo immer diese Gefühle und Träume jetzt waren: In der Person waren sie jedenfalls nicht mehr. Die Frau lag auf dem Rücken im Eingang des Stadls und war außergewöhnlich hellblond, vermutlich färbte sie, aber der Ansatz war kaum zu sehen. Ihre Haare waren aufgeföhnt und elegant gewellt, selbst jetzt noch, wo sie sich auf der festgetretenen Erde ausbreiteten. Die Augen waren halb offen und blickten wie über ein Kochrezept sinnierend zur Seite. Der Mund war geschlossen, was auf einen Tod erst in den letzten vierundzwanzig Stunden hindeutete – die Kiefermuskulatur stand noch unter Spannung. Vom Brustbereich abwärts schillerte ihr Körper purpurn, und auch um sie herum hatte sich eine große, dunkle Pfütze gebildet. Sie musste nahezu ihr gesamtes Blut verloren haben. Hinter ihr stapelten sich leere Getränkekisten von der Unterwirt Hüttn, der nahe gelegenen Berghütte, die einmal pro Woche über den hier vorbeiführenden Versorgungsweg abtransportiert wurden.

»Das ist ja eine schöne Sauerei«, schimpfte Viktor Kriechnitz von der Abteilung Spurensicherung der Landespolizeidirektion Kärnten, während zwei Kollegen die Fußspuren fotografierten und die Umgebung nach verwertbaren Schnipseln absuchten. Kriechnitz hielt sich dabei auffallend zurück. Wie ein erfahrener italienischer Wirt in seiner Osteria dirigierte er die Untergebenen mit dem Kinn, das immer wieder hervorzuckte und in eine bestimmte Richtung wies. Er war verdammt stolz auf sich, auch beim Anblick einer Leiche den coolen Hund zu mimen. Revierinspektor Volker Feiersinger dagegen blickte betreten, und auch seine Kollegin, Inspektorin Hilde Hofgärtner, schluckte. Kerschbaumer ließ der Anblick ebenfalls nicht kalt. Feiersinger und Hofgärtner waren die beiden Polizeibeamten, die in Bad Kleinkirchheim ein beschauliches Leben führten, das nun auf so dramatische Art unterbrochen worden war.

»Sie hatte ihren Ausweis dabei. Eine Slowenin. Swetlana Kastelic. Einundzwanzig Jahre alt, das arme Ding«, erklärte Inspektorin Hofgärtner. »Sie arbeitete als Putzfrau im Hotel Pulracher.«

»Das heißt Zimmerservice«, verbesserte Revierinspektor Feiersinger.

»Das heißt graduierte Raumkosmetikerin«, schmunzelte Kriechnitz. Seine gute Laune hing so irritierend in der Luft wie WC-Spray. Kerschbaumer blickte ihn scharf an, doch der wütende Blick prallte an einer Mauer aus Arroganz ab und zersprang am Boden in tausend Stücke. Dann sprach Kerschbaumer mit Ernstl, dem Entdecker der Leiche, doch das Kärntnerisch schaffte ihn, und der Skilehrer hatte auch nicht mehr zu sagen als das, was er schon längst zu Protokoll gegeben hatte.

Notgedrungen wandte Kerschbaumer sich also wieder an Kriechnitz. »Schnee. Gut, oder?«, fragte er und deutete auf die Fußspuren, die vom Tatort wegführten und in denen sich ebenfalls Blut fand.

»Ja, vielleicht haben wir Glück und können sogar die Marke der Schuhe ermitteln.« Kriechnitz ordnete Fotos der Spuren an, und die digitalen Kameras klickten ihre monotone Melodie.

Kerschbaumer betrachtete Swetlanas Halbschuhe. »Nicht gerade geeignet zum Wandern, oder?«

»Nein.«

»Was wollte sie hier? Sie hatte doch sicher nicht vor, Pfandflaschen zu klauen.«

»Hmm, nein.« Die Assistenten bekamen ein Kinn von Kriechnitz und erweiterten ihren Radius.

Kerschbaumer blickte die Tote an. »Haben Sie Handschuhe gefunden?«

»Was meinen Sie?«

Kerschbaumer betrachtete die rosa lackierten Fingernägel der Leiche. »Sie trägt eine dicke Daunenjacke und einen mehrfach gewickelten Schal, aber keine Handschuhe. Finden Sie das nicht ungewöhnlich?«

»Hmmm«, machte Kriechnitz.

»Darf ich?«, fragte Kerschbaumer. Kriechnitz gab ihm ein paar Plastikhandschuhe. Damit tastete der Wiener Chefinspektor vorsichtig die teure Jacke ab. Die Handschuhe steckten in den beiden tiefen Außentaschen.

»Na, da haben Sie Ihre Handschuhe«, lächelte Kriechnitz.

Kerschbaumer nickte, aber es kam ihm trotzdem seltsam vor. »Was ist mit ihrem Handy?«

»Bislang noch nix.«

»Sie geht am Abend aus dem Haus und hat ihren Ausweis dabei, aber nicht ihr Handy. Eher ungewöhnlich für eine Einundzwanzigjährige.«

Kriechnitz blickte Kerschbaumer verschlagen an. Augenscheinlich mochte er keine klugen Menschen. »Wir haben ihre Nummer im Hotel erfragt, bereits eine Handyortung beantragt und aufgrund der Dringlichkeit genehmigt bekommen.«

»Und?«

»Leider ohne Ergebnis.«

»Das ist mysteriös.«

»Entweder es ist ausgeschaltet, der Akku ist leer, es liegt in einer Höhle oder es wurde äußerst gründlich und fachmännisch mit einem Hammer zerstört.«

Kerschbaumer erinnerte sich an den Haschischdealerring in Wien, der seine alten Handys stets in kochendes Wasser warf. »Das heißt dann vermutlich, dass es absichtlich, nun ja, entsorgt wurde. Versuchen Sie es mit einer Funkzellenabfrage. Das sollte kein Problem sein.« Mit dieser Abfrage konnten die Ermittler mit etwas Glück den Weg eines Handys über die letzten Tage nachverfolgen.

»Schauen S’ mal hier, wir haben noch etwas gefunden.« Kriechnitz holte ein bereits in Zellophan verpacktes potenzielles Asservat hervor. Es war ein dunkelbrauner Aktenkoffer aus Leder im Börsenmaklerstil der 1980er-Jahre mit vergoldetem Zahlenschloss.

»Offen, leer und nass«, erklärte der Chef der Spurensicherung. »Wir wissen allerdings nicht, ob er etwas mit dem Mord zu tun hat.«

»Wo lag er?«

»Da hinten, unter den beiden Fichten.« Kriechnitz zeigte auf eine Stelle in etwa zwanzig Metern Entfernung vom Tatort.

»Fußspuren?«, fragte Kerschbaumer.

»Nein. Aber er könnte auch dorthin geschleudert worden sein. Lange liegt er jedenfalls noch nicht im Freien.«

»Dann untersuchen Sie ihn mal auf Fingerabdrücke und alles Sonstige.«

»Selbstverständlich.« Kriechnitz verdrehte ungeniert die Augen. Wollte dieser Wiener ihm etwa erklären, wie Ermittlungsarbeit funktioniert?

Über den Waldweg hatte sich inzwischen eine Ambulanz bis auf zweihundert Meter genähert. Die Sanitäter mussten den restlichen Weg zu Fuß zurücklegen, um die Trage heranzubringen. Mit etwas Mühe legten sie den Körper darauf. Und Kerschbaumer fiel dabei auf, dass Swetlana recht groß war, bestimmt an die eins achtzig.

Dann kam ein weiteres Fahrzeug herangefahren, ein Lieferwagen. Auf den Seitentüren stand: »Der flinke Fischer – Denkmal-, Fassaden- und Gebäudereinigungsmeister, Inh. Horst Fischer«.

Auch nach zwanzig Jahren im Beruf und unzähligen Begegnungen zuckte Kerschbaumer immer noch zusammen, wenn diese Menschen mit Kriminalfällen zu schaffen hatten. In Österreich durften ausgebildete Denkmal-, Fassaden- und Gebäudereiniger mit Meisterbrief nämlich auch Tatorte reinigen.

»Wir brauchen hier noch eine Weile«, rief Kriechnitz, als sich der Fahrer näherte.

»Ich hab Zeit, die Arbeit läuft ja nicht weg«, entgegnete Inh. Horst Fischer fröhlich, ging zum Wagen zurück und öffnete die Hintertüren, um erste Gerätschaften hervorzuholen.

»Bis wann können wir mit den Ergebnissen rechnen?«, fragte Kerschbaumer.

»Die Todesursache kann ich Ihnen auch sofort sagen«, schmunzelte Kriechnitz, der verfluchte Spaßbolzen.

5.Im ersten Haus des Ortes

Swetlana hatte ein Zimmer in einer Pension bewohnt, gemeinsam mit ihrer Kollegin Martina, einer stämmigen Belgierin mit tschechischem Vater, die im Spa des Pulracher als Masseurin arbeitete. Die Pension war von der einfacheren Sorte und ganzjährig vom Hotel fürs Personal angemietet worden. Es war ein karger, aber sauberer Raum mit zwei Betten und zwei Nachttischen, einem großen Schrank und einem WC mit, immerhin, Badewanne. Von dem kleinen Fenster konnten die beiden Bewohnerinnen den Ausblick auf ihre Arbeitsstelle genießen. Wie romantisch. Beide hatten sich etwas wohnlicher eingerichtet, mit Postern und Fotos über ihren Betten. Bei Swetlana waren es italienische und amerikanische Schauspieler mit einem deutlichen Tom-Holland-Schwerpunkt, dem aktuellen Spider-Man. Über Martina, die mit verheulten Augen auf ihrem Bett saß, hingen jede Menge Familienfotos.

»Es tut mir sehr leid um Ihre Kollegin«, sagte Kerschbaumer.

»Freundin«, verbesserte Martina und schluchzte auf.

»Ich weiß, es ist jetzt sehr schwer, darüber zu sprechen. Aber können Sie sich vorstellen, wer zu einer solchen Tat fähig wäre?«

Martina schüttelte energisch den Kopf. Kerschbaumers Hand bekam eine Träne ab.

»Ist Ihnen in der letzten Zeit etwas Ungewöhnliches aufgefallen? War Swetlana irgendwie verändert?«

»Sie war wie immer«, brachte Martina mit erstickter Stimme hervor.

»Hatte Swetlana einen Freund?«

Martina schüttelte den Kopf. Und Kerschbaumer erkannte, dass hier und heute wenig zu holen war.

»Die Spurensicherung wird gleich da sein«, sagte er. »Ich bitte Sie, das Zimmer zu verlassen und nichts mitzunehmen. Hier ist noch meine Karte. Melden Sie sich, wenn Ihnen noch etwas einfällt.«

Martina blickte verdutzt auf Kerschbaumers Visitenkarte, eine Reaktion, die er in den letzten Jahren immer wieder bei jungen Leuten beobachtet hatte, denen Visitenkarten mit aufgedruckten Namen und Telefonnummer drauf wie ein geheimnisvolles Relikt aus der Zeit der Pyramiden vorkamen.


Hinter dem Rezeptionstisch des Hotels Pulracher kam ein serviler Kerl hervorgeschossen (Krawatte, Siegelring), der sich als »Guest Manager« vorstellte. Den Kopf unter dem gegelten und scharf zurückgekämmten Haar permanent schräg haltend, entschuldigte er die Abwesenheit der Chefin: »Frau Pulracher ist auf einem wichtigen Termin in Wien«, hechelte er. »Sie ist soeben von uns unterrichtet worden und kommt gleich morgen Vormittag zurück.«

Kerschbaumer nickte. »Ich würde gern mit einigen Ihrer Mitarbeiter sprechen.«

»Aber selbstverständlich, selbstverständlich. Sie haben nichts dagegen, wenn ich dabei sein werde?«

Kerschbaumer hatte etwas dagegen.

Doch auch hier zeigte sich schnell, was Kerschbaumer schon von vielen Ermittlungen kannte: Unter dem Schock einer schweren Straftat stehend, gab das Umfeld nur Gestammel und Banalitäten von sich. Er sprach mit den Mitarbeitern des Zimmerservice, mit Köchen und mit einer weiteren Spa-Mitarbeiterin, mit der Swetlana in der letzten Saison zusammengewohnt hatte. Sie war, bestätigten alle, fröhlich und beliebt gewesen (niemand sagte je etwas anderes über eine frisch Ermordete), niemand könne sich auch nur irgendetwas erklären. Kerschbaumer seufzte. Hier war nicht viel zu holen. Er würde ein paar Tage vergehen lassen müssen. Und er wusste jetzt schon, dass dieses Zeitfenster niemandem schmeckte. Nicht den Vorgesetzten, nicht den Medien, und genau genommen nicht einmal ihm selbst.

6.Kleinere Nebengeschäfte

Die Polizeiwache in Bad Kleinkirchheim lag im ersten Stock eines schmucklosen Neubaus an der Hauptstraße des Ortes, direkt über der Bäckerei Weissensteiner, aus der unaufhörlich der Duft frischen Brotes an Wendelin Kerschbaumers unter Entzugserscheinungen leidende Nase drang. Leckereien aus Weizenmehl hatte er sich für die Dauer seiner In-Form-kommen-Diät untersagt. Wenigstens diesbezüglich wollte er standhaft bleiben. Und bestimmt gab es dort doch auch Vollkornprodukte …

Die Wachstube, die über einen gewöhnlichen Hauseingang zu erreichen war und von dessen Flur auch noch andere Wohnungen abgingen, wirkte nicht gerade wie ein agiles Zentrum zur Verbrechensbekämpfung. Aber schwere Straftaten waren ja auch selten.

An der Wand neben dem Eingang hing eine Karte Kärntens. Das Bundesland eignet sich wie kein zweites für eine kartografische Darstellung, ähnelt es doch einem relativ gleichmäßig gestürzten Rechteck und passt sich somit wunderbar einer Kartendarstellung an. Bad Kleinkirchheim liegt ziemlich genau dort, wo man das Bundesland, wäre es ausgeschnitten und aus Karton, auf dem Zeigefinger balancieren würde. Bis der Kurbetrieb anlief, dauerte es zwar knappe neunhundert Jahre, doch seitdem gehört »BKK« (wie die Österreicher sagen) oder »Bad« (wie es die Italiener nennen) zu einem der meistbesuchten Urlaubsorte Österreichs. BKK, auf tausend Metern gelegen, hat zudem das Glück, nicht nur Winter-, sondern auch Sommertouristen anzulocken. Es liegt mit seinen tausend Metern hoch genug für schneebedeckte Pisten und gleichzeitig flach genug für lauschige Sommerabende bei angenehmen 25 Grad Celsius.

Doch weil es ja immer noch mehr Touristen geben kann, wurde ständig an mehrsprachigen Kampagnen getüftelt. Ein Pfiffikus vom Tourismusverband versuchte beispielsweise seit Jahren, für die Nockberge den Begriff Nocky Mountains durchzusetzen.

Abgesehen von Auswüchsen solcher Art hatten die Touristiker aber durchaus Erfolg, was an Wendelin Kerschbaumer exemplarisch belegt werden konnte. Der Wiener hatte einmal zu oft über den Ort gelesen und ihn daher zum Refugium erkoren, zumal die Hotelpreise zu Saisonbeginn günstig waren. Auch die Verkehrsanbindung war perfekt, nur zwanzig Kilometer vom Autobahnknoten Villach, wo sich A2, A10 und A11 trafen, dreieinhalb Stunden hatte er von Wien gebraucht.

Feiersinger schien die Kärnten-Karte an der Wand der Wache zu lieben und hatte einige Orte mit Stecknadeln mit roten Köpfen markiert – und zwar jene, in denen er schon ermitteln durfte. Die meisten Stecknadeln kreisten um Bad Kleinkirchheim. Aktenschränke nahmen eine Seite des Raums ein. Sie waren akkurat beschriftet, von A bis Z perfekt geordnet und offenbar staubfrei. Kerschbaumer ahnte, dass auch hierfür Feiersinger verantwortlich war.

Die klobigen Computer, die auf den zwei Schreibtischen thronten, flackerten mit giftgrünem Display, nur Inspektorin Hofgärtner arbeitete mit flinken Fingern auf einem schmalen Laptop der Marke Apple. Die Telefonapparate mit ihren vielen Knöpfen gehörten wie die Computer eher ins Museum für Völkerkunde. Kerschbaumer wunderte sich, aber die Verbrechensstatistik rechtfertigte anscheinend keine Erneuerung technischer Gerätschaften.

In der Küchenecke kämpfte eine Filtermaschine der Marke Privileg ein stilles Rückzugsgefecht gegen eine Kapselmaschine der Marke Nespresso, ein harter nord-südlicher Kulturkampf, Goethe gegen Dante, Butter gegen Olivenöl, Filterkaffee gegen caffè espresso. Der Norden war auf dem Papier zum Scheitern verurteilt, punktete aber durch weitgehende Wartungsresistenz, wohingegen die Filterflüssigkeit für die Entkalkung der Nespresso-Maschine bestellt, aber noch nicht eingetroffen war. Also regierte vorerst die Privileg-Filtermaschine. Kerschbaumer entkam ein schweres Seufzen.

»Sind die Angehörigen schon verständigt worden?«, fragte er schließlich und schob die Tageszeitungen zusammen, die von dem Mord berichteten.

»Wir haben schon mit den slowenischen Kollegen gesprochen. Viele Verwandte gibt es nicht«, referierte Feiersinger. »Der Vater ist schon vor vielen Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, die Mutter ist mit schwerer Multipler Sklerose ans Bett gefesselt und nicht nur körperlich, sondern offenbar inzwischen auch geistig angeschlagen. Einen Bruder gibt es, Mirko, wir haben ihm eine Nachricht auf seiner Mailbox hinterlassen. Er hat sich noch nicht gemeldet.«

Kerschbaumers neue Kollegen machten einen angenehmen Eindruck. Sie hatten ihm sogar eine kleine Ecke des Doppelschreibtischs freigeräumt und einen der Computer dort platziert.

Revierinspektor Volker Feiersinger, ein hagerer, kleiner Kerl um die dreißig, nickte stets freundlich und bewegte die Lippen, wann immer Kerschbaumer etwas sagte, als wollte er dessen Worte in seinem eigenen Mund auf Tauglichkeit überprüfen oder sie im Gaumen auf ihre tiefere Bedeutung schwenken wie einen Schluck Rotwein. Er trug eine Frisur, der man ansah, dass man sie ihm irgendwann mit zwölf Jahren verpasst hatte und dass er sie bis zu seinem Lebensende nicht mehr zu ändern gedachte.

Inspektorin Hofgärtner trug ihr Haar zusammengebunden in einem Pferdeschwanz und eine schwarz geränderte Brille, hinter der hellblaue Augen neugierig in die Welt blickten. Ihre helle, völlig makellose Haut schimmerte wie Porzellan. Kerschbaumer besah sich ihre Figur, aber nicht aus sinnlichem, sondern aus sportlich-diätetischem Interesse. Redete er sich ein. Definitiv athletisch, dachte er anerkennend und strich sich über den eigenen, definitiv unathletischen Bauchansatz.

»Gut. Gibt es irgendetwas über das Opfer, das wir wissen müssen?«

»Nein, keinerlei Einträge bei Interpol, eine blitzsaubere Akte. Der Bruder hingegen – na, sehen Sie selbst.«

Kerschbaumer beugte sich über Hofgärtners Schulter und freute sich über das angenehme Parfüm, das irgendwie vanillig roch. Er war diesbezüglich kein großer Experte, aber es duftete gut. An den Bewegungen ihrer schmalen Hände bemerkte er, dass sie ihren Computer beherrschte.

Bruder Mirko jedenfalls, acht Jahre älter als Swetlana, war in seinem nur neunundzwanzigjährigen Leben schon vier Mal verurteilt worden, zwei Mal wegen Fahrens ohne Führerschein und zwei Mal wegen Hehlerei. Auch die Strafen wegen Hehlerei, je sechs Monate Haft und beim zweiten Mal sechs Monate Hausarrest obendrauf, hatten mit Autos zu tun. Er hatte es offenbar mit Motoren.

Es hatte an der Tür geklingelt, eine Empfangsperson besaß die Wache in Bad Kleinkirchheim jedoch nicht. Also drückte Revierinspektor Feiersinger auf den Summer, und schwer atmend stand bald ein Mann im ersten Stock in der Tür der Polizeiwache. Hofgärtner bot ihm einen Platz auf dem Besucherstuhl an. Noch im Dankesagen plumpste er in die Plastikschale, die für Gäste vorgesehen war und von wackligen, verchromten, wenig Vertrauen einflößenden Streben gehalten wurde.

Alles an dem Besucher war üppig: die fleischigen Lippen, die geplatzten Äderchen rund um die dicke Nase, die großen, hervorstehenden Augen, das bürstendichte, rotstichige Haar. Der Besucher war nicht dick, eher von oben bis unten breit, wie eine Litfaßsäule. Er trug eine Zehntausend-Euro-Uhr, was Kerschbaumer seit dem Raubmord im vierten Bezirk sofort abschätzen konnte, und wie immer bei solchen Uhren fragte man sich unwillkürlich, ob dieser Mann sehr gut oder sehr schlecht mit Geld umgehen konnte.

Wilhelm Wiedehopf war Bayer und Stammgast im Hotel Pulracher. Er war auf geschmacklose Art teuer angezogen, mit Loden und Hirschleder behangen, was ihn wie den Laiendarsteller eines alpinen Paten wirken ließ. Allerdings kullerten aus seinen Glupschaugen Tränen. Dicke, fleischig wirkende Tränen.

Kerschbaumer trank Orangensaft, den er sich von der Bäckerei geholt hatte. Er schmeckte, als wäre jemand eine Wette eingegangen, dass er Orangensaft machen könnte, ohne eine einzige Orange zu benutzen.

»Ach, Swetlana«, schluchzte die Litfaßsäule.

»Kannten Sie sie näher?«, fragte Feiersinger einfühlsam.

»Sie war so süß, sie war so zart … Wie ein Engel, so ein unschuldiges, rührendes Ding …«

»Demnach waren Sie miteinander gut bekannt. Haben Sie einen Verdacht, wer …?«

»Ach, und im Bett, ich sag’s Ihnen«, Wiedehopf tupfte sich die Tränen mit einem weiß-blau karierten Stofftaschentuch aus den Augen, »da war sie eine Granate, wie ich nie eine hatte.«

Der Löffel, mit dem Feiersinger seinen Kaffee umgerührt hatte, verharrte in seiner Position. Hilde Hofgärtner schluckte, aber die Luft blieb ihr auf halbem Weg im Hals stecken. Die Plastikmoleküle in Kerschbaumers Orangenersatztrank hielten kurz in ihrem schändlichen Treiben inne. Die Wolken zogen nicht mehr vorbei, die Erde hörte auf, sich zu drehen. Das gesamte Universum riss die Augen auf und zog die Brauen empor.

»Äh?«, fragte Revierinspektor Feiersinger, und Kerschbaumer fand, dass dies genau die passende Reaktion war. Eine bessere wäre ihm auch nicht eingefallen.

Die hübsche Swetlana habe nebenbei noch etwas hinzuverdient, berichtete Wilhelm Wiedehopf. Er habe sie zwar sehr gemocht, sei aber nicht der Einzige gewesen, erklärte er bedauernd. Ihre Tarife konnten mit großstädtischen Escort-Damen der höheren Ränge mithalten, aber Bad Kleinkirchheims Touristen – und die Einwohner, die von ihnen lebten – seien ja auch eine wohlhabende Gruppe.

Sie war bildhübsch und sie wusste es, wie ihr Instagram-Account verriet, den Feiersinger sofort am Bildschirm aufrief. Sie posierte vorzugsweise und sehr gekonnt im Bikini. Wenig passend zur Jahreszeit, aber eindeutig überzeugend. Im Pulracher traf sie zudem auf zahlungskräftige Kundschaft, die sich darüber hinaus in Urlaubs-, also Spendierlaune befand.

»Und darum bin ich bereit, zehntausend Euro aus eigener Tasche für Hinweise auszuloben, die zur Aufklärung dieses furchtbaren Verbrechens führen«, erklärte der rustikale Bayer. Ansonsten könne er aber leider nur wenig Hilfreiches aussagen, war er doch erst am Vortag angereist. Er habe sich schon sehr auf Swetlana gefreut, die er zuletzt im Sommer gesehen hatte, in Zimmer 203, wie er zwinkernd hinzufügte.

»Sechs Knöpfe links, einer fehlt«, murmelte Feiersinger wie zu sich selbst, nachdem der Bayer gegangen war. Er meinte offenbar den Lodenmantel des spendierfreudigen Zeugen.

»Machen Sie sich nichts draus«, flüsterte Inspektorin Hofgärtner, »er hat einen Zahlentick.«

Kerschbaumer nickte. »In einem Agatha-Christie-Krimi wäre das im Lauf der Ermittlungen vielleicht irgendwann sehr nützlich.«

7.Schnipsel & Notizen

»Ich denke, ein bisschen was haben wir herausgefunden«, schnarrte Kriechnitz aus dem Telefonlautsprecher. »Zunächst die Tatzeit: ziemlich genau Mitternacht, plus minus eine Stunde.«

»Ist die Hütte oder der Weg dorthin beleuchtet?«, fragte Kerschbaumer seine mithörenden Kollegen.

Hofgärtner schüttelte den Kopf.

»Die Schuhspuren, die zum Tatort und auch von ihm weg führen, gehören zu Stiefeln der Marke Timberland, Größe siebenundvierzig.«

»Das ist groß und definitiv männlich.«

»Ja, auch die Tiefe des Stichs spricht für einen männlichen Täter, sagt unser Doc. Ziemlich sicher Rechtshänder außerdem.«

»Hmmm«, schrieb Kerschbaumer mit.

»Eine kleine Überraschung habe ich dann doch noch für Sie«, frohlockte Kriechnitz. »Swetlana ist nicht erstochen worden.«

»Wie bitte?«

»Unter dem Schal waren heftige Würgespuren, der Kehlkopf war eingedrückt. Sie war vermutlich schon tot, als das Messer sie traf. Allerdings liegen das Würgen und der Messerstich zeitlich so nah beieinander, dass nicht hundertprozentig auszumachen ist, was nun die finale Todesursache war. Ein, hihi, Doppelmord, könnte man sagen.«

»Warum beides?«

»Der Mörder wollte auf Nummer sicher gehen?«, überlegte Hofgärtner.

Kerschbaumer nickte wie abwesend, war aber nicht überzeugt von ihrer These. Solcherlei Morde kamen in der Realität so gut wie nie vor. Sollte hier ein Zeichen gesetzt werden?

»Wir haben außerdem am Tatort noch zwei Zeitungsschnipsel gefunden und in der Wohnung des Opfers ein aufschlussreiches Notizbuch.«

»Ein Notizbuch, sieh an. Kein Handy?«

»Nein, leider nicht. Ich schicke Ihnen alles per Kurier vorbei, die Spuren haben wir gesichert. War aber nicht viel, nichts bei den Zeitungsschnipseln, nur ein Haar im Notizbuch, wohl von Swetlana. In einer Stunde haben Sie alles.«

»Was ist mit dem Koffer?«

»Jetzt verderben Sie mir doch nicht die größte Überraschung«, gluckste Kriechnitz, der Spaßvogel. »Auf dem Aktenkoffer, Marke Goldpfeil übrigens, Produktionsjahr um 1995, konnten wir tatsächlich Swetlanas Fingerabdrücke feststellen.«

Kerschbaumer setzte sich ruckartig auf. »Das ist ja ein Ding. Und sonst?«

»Nur Spuren von Druckerschwärze, vielleicht lagen Zeitungen darin.«

»Zeitungen …« Kerschbaumer grübelte.

Kerschbaumer betrachtete zunächst die Schnipsel. Es waren zwei gleich große Zeitungsausschnitte aus dem Sportteil der Krone, doch in beiden Fällen waren die Artikel merkwürdig gestutzt, sodass einmal (Spielbericht der Ersten Eishockeyliga zwischen dem Rekordmeister Klagenfurter AC und den Erzrivalen Vienna Capitals) der Beginn fehlte und einmal (Anna Gassers Training auf den Gletschern in Obertauern) das Ende. Ein Teil der Druckerschwärze war verwischt, weil die Schnipsel im Schnee gelegen hatten.

Währenddessen hatte Feiersinger das Notizbuch durchgeblättert, ein hübsches, liniertes A-bis-Z-Verzeichnis, in Leder eingebunden. »Vierunddreißig Namen. Die meisten, sechs, unter dem Buchstaben H.«

»Identifizierbar?«

»Viele sind nur mit Kürzeln drin, aber die Telefonnummern, wenn sie nicht in irgendeiner Form codiert sind, sollten wir nachvollziehen können. Der Vorwahl nach sind es fünf aus Deutschland, drei aus den Niederlanden, elf aus Italien, zwei aus Slowenien. Der Rest aus Österreich.«

»Gut. Bitten Sie die zuständigen Stellen um Amtshilfe. Die Kollegen sollen erfragen, in welchem Verhältnis die jeweilige Person zu Swetlana stand, wann sie sie das letzte Mal gesehen hat und so weiter. Außerdem will ich ein Alibi. Von allen, die mehr als dreihundert Kilometer entfernt sind, reicht mir eines für den Nachmittag. Bei allen, die näher wohnen, will ich eines für den Abend.«

»Das wird eine Mordsarbeit«, greinte Feiersinger.

»Wer am Telefon nichts sagen will, soll schleunigst einen Urlaub in Bad Kleinkirchheim buchen. Sonst schicken wir die Kollegen in voller Mannstärke zu ihnen. In die Arbeit, daheim, wohin auch immer.«

Feiersinger lächelte. »Das ist eine gute Idee.«

Kerschbaumer bekam einen Anruf vom Polizeipräsidium in Kärnten. Die Pressekonferenz war für den morgigen Tag, sechzehn Uhr, in Bad Kleinkirchheim anberaumt worden. Eine schlau gewählte Zeit, wie ihm der Polizeipräsident kichernd versicherte: Die Medien bekamen ihre News, hatten aber nicht mehr allzu viel Zeit zum Nachbohren.

Der Abend kam schnell, und nach einem gehaltvollen Holzknechtpfandl im Landhausstüberl fuhr Kerschbaumer in sein Hotel zurück. Als Mann der Großstadt konnte er die Stille nicht leiden, daher hatte er sich im Kirchheimerhof ein Zimmer möglichst nah an der Piste geben lassen, sodass er am Abend und am Morgen das Brummen und Piepen der Pistenraupen hören konnte. Tagsüber sollte mit der beginnenden Skisaison bald noch der eine oder andere Rettungshubschrauber hinzukommen.

TAG 2 DER ERMITTLUNGEN
Mittwoch, 6. Dezember, Nikolaustag
WETTER

Unschlüssige Wolkenbildung, vereinzelte Sonnenflecken, am Abend ergiebiger Schneefall.

PISTENBERICHT

Einem illegal unterrichtenden Skilehrer aus Polen wurden die Reifen seines Toyota Corolla zerstochen.

8.Der rasende Mirko

Kerschbaumer hatte seinen Koffer konsequent ausgeräumt und alles in den wuchtigen Schrank sowie in die Kommode verräumt. Das war für ihn ein wichtiges Ritual, immer wenn er ein Hotelzimmer bezog, das er auch beherzigte, wenn er für Schulungen oder Vorträge irgendwo nur eine Nacht blieb. Heimat schaffen, nannte er das.

Ein weiteres Ritual war das konsequente und beinahe tägliche Entleeren der Knabbereien aus der Minibar, Diät hin oder her. Zwar lebte er mit seinen Bezügen nicht auf ganz großem Fuß, aber es war für ihn eine Frage der Ehre, sich nicht von acht Euro für hundert Gramm versalzene Erdnüsse abschrecken zu lassen.

Außerdem mochte er den Luxus eines schönen Hotels. Bei Schulungen und Vorträgen war er meist in üblen Hütten mit welligen Tapeten und Schmutzrändern im Bad untergebracht. Jeden Augenblick erwartete er, Norman Bates an der Rezeption oder ein staubiges Skelett in irgendeinem Sessel zu finden. Im Kirchheimerhof drohte das glücklicherweise nicht: In seinem Zimmer gab es dezente Beleuchtung, Parkettboden, ein Bett mit elegant geschwungenem Kopfende und einen Flachbildfernseher zum Ausziehen – doch, das hätte sogar seiner anspruchsvollen Ex-Frau gefallen. Auch wenn für sie der Flachbildfernseher gern etwas größer hätte sein dürfen, das Kopfende des Bettes eleganter geschwungen, die Beleuchtung noch dezenter, der Parkettboden irgendwie parkettiger. Es war, erinnerte sich Kerschbaumer mit einem wohligen Schaudern, nie einfach gewesen mit ihr.

Besonders gern setzte er sich nach dem Frühstück noch an die Bar, trank einen Espresso und blickte aus dem Fenster. Cappuccino wäre ihm lieber gewesen, aber diese verflixte Diät … Andererseits fühlte er sich mit der Pfütze im Glas wie ein echter Italiener, ein lässiger gentiluomo, der mit zwei Fingern die kleine Tasse elegant an die Lippen hebt. Und immerhin hatte er ja italienisches Blut in den Adern. Den Barmann konnte er mit seinem Gehabe allerdings nicht beeindrucken, denn der kam aus Bosnien.


Swetlanas Bruder Mirko war am Morgen in Bad Kleinkirchheim eingetroffen. Er war sehr groß, noch einmal deutlich größer als seine Schwester, mindestens eins neunzig, hatte eingefallene Wangen und tief in den Höhlen liegende Augen. Es schien, als könne die Gesichtshaut nur mit größter Mühe den Schädel umspannen. Insgesamt hatte er die Aura eines sadistischen Rausschmeißers, der seine Schlägereien durch pure Verschlagenheit gewann.

»Wer war?«, fragte er auf der Wache in bestem gebelltem slawischem Deutsch. Das Einzige, was vage an seine Schwester erinnerte, waren die schönen, vollen blonden Haare, die an ihm allerdings zu allen Seiten abstanden und wie eine Perücke wirkten.

»Wir haben Sie zu erreichen versucht«, bemühte sich Revierinspektor Feiersinger in vorbildhaftem Bürokratendeutsch.

»War verreist. Handy ist alte Nummer.«

Mirko wirkte nicht gerade traurig, sondern eher zornig. Was allerdings, wie Kerschbaumer aus Erfahrung wusste, keine ungewöhnliche Reaktion enger Angehöriger bei schweren Straftaten war, insbesondere junger Männer. So schonend wie möglich brachte Kerschbaumer Mirko bei, dass seine kleine Schwester einige Männerbekanntschaften unterhielt, die ihr Einkommen aufbesserten, doch man stehe noch am Beginn der Ermittlungen und man wisse nicht, ob diese Tätigkeit in einem Zusammenhang mit dem Mord stünde, man forsche in alle Richtungen.

Mirko hörte aufmerksam zu und nickte dabei langsam. »Ich bleibe hier, bis aufgeklart«, sagte er schließlich, was ein verständlicher Wunsch war, bei Kerschbaumer aber aus einem unbestimmten Grund Unbehagen auslöste.

»Es kann dauern, bis wir greifbare Ergebnisse bekommen. Machen Sie sich keine Umstände. Außerdem ist Slowenien ja nicht weit. Auch bei der Überführung Ihrer Schwester können wir helfen, damit wir nicht …«

»Danke, lieber hier.«

Das roch nach Komplikationen, aber Kerschbaumer konnte Mirko das Bleiben in Bad Kleinkirchheim schlecht verbieten.

Nachdem Mirko sich mit einem recht nachdrücklichen Nicken verabschiedet hatte, blickte der Chefinspektor aus dem Fenster auf den Parkplatz und sah dort nur ein einziges Auto mit slowenischem Kennzeichen: einen mit Goldfolie verklebten Golf R. Tatsächlich stieg Mirko in den Wagen ein. Höher motorisiert bekam man das Wolfsburger Modell nicht, wusste Kerschbaumer, mit seinen dreihundert PS und dem geringen Gewicht konnte er es mit jedem Porsche aufnehmen. Es musste Mirko gejuckt haben, mit quietschenden Reifen vom Polizeiparkplatz davonzuschießen, aber er beherrschte sich.


Am Nachmittag, zur Identifizierung der Leiche im Krankenhaus Spittal, kam Mirko nicht allein. Zwei Männer etwa in seinem Alter saßen mit im Auto. Bizarrerweise saßen sie beide im Fond, der Beifahrersitz blieb frei. Nur Mirko stieg aus; an der Seite von Kerschbaumer erledigte er im grell ausgeleuchteten Untergeschoss der Klinik die leidige Pflicht, seine Schwester zu identifizieren. Die Spuren der Obduktion verhüllte das Leichentuch, nur der Kopf war abgedeckt. Mirko blieb ruhig und hatte die ohnehin schmalen Lippen im Kühlraum noch weiter zusammengekniffen, sodass sie wie ein schwacher Strich wirkten. Mit einem Nicken bestätigte er, dass es sich um Swetlana handelte; der zuständige Arzt ließ ihn anschließend ein paar Formulare ausfüllen, um eine Überführung der Toten in ihre Heimat in die Wege zu leiten.

Als sie endlich wieder vor die Tür traten, blinzelte Kerschbaumer durch die kühle Dezembersonne, die sich durch die Wolken stahl und den goldenen Golf besonders hübsch funkeln ließ. Die beiden Passagiere waren inzwischen ausgestiegen, lehnten am Auto und rauchten. Mirko fuhr sie scharf an, woraufhin sie hastig ihre Zigaretten wegwarfen und wieder auf dem Rücksitz verschwanden. Sie waren beide von ähnlicher Gestalt, nicht groß und nicht klein, von blasser Gesichtsfarbe und einer Physiognomie, die man schnell vergessen hatte.

»Wer sind die beiden?«

»Freunde.«

»Aha.«

»Tschip und Tschop.«

Mehr Mitteilungsbedürfnis hatte Mirko nicht, und Kerschbaumer ließ ihn davonfahren. Die beiden Burschen im Fond hatten quer über ihre Stirn das Wort »Ärger« tätowiert.

9.Journalistenauftrieb

So etwas hatte Bad Kleinkirchheim noch nicht gesehen: Bei der Pressekonferenz waren gleich acht, nein, fast zehn Journalisten anwesend, also sozusagen die ganze Welt. Sogar echte Fernsehkameras wurden aufgebaut. Ein Urlaubsblogger aus Spittal mit dreihundertzweiundachtzig Followern auf Instagram filmte außerdem mit einer Handykamera. Volker Feiersinger hatte sich eine Krawatte umgebunden, die aber so schlecht saß, dass sie den obersten Knopf seines Hemdes freigab. Hilde Hofgärtner überspielte ihre Aufgeregtheit, indem sie Wasser und Saft verteilte sowie eine frische Kanne Kaffee und Gebäck aus der Bäckerei Weissensteiner heranbrachte. Sie stammte aus einer alteingesessenen Wirtsfamilie, außerdem hatte sie ein Gespür dafür, dass nur satte Journalisten zufriedene Journalisten waren. Das galt auch für Chefinspektoren, doch Kerschbaumer hielt sich aufgrund seiner Diätbestrebungen zurück. Schon bald wurde munter gemurmelt und gescherzt, neidisch beäugt von Kerschbaumer.

Kärntens Polizeipräsident Lutz-Heiko Heil sprach sich mit Kerschbaumer ab. Er teilte dem Wiener im Wesentlichen mit, dass er selbst alles Wichtige zu sagen gedenke, was Kerschbaumer mehr als recht war, denn Pressekonferenzen waren, wie generell alle öffentlichen Auftritte, noch nie seine Stärke gewesen.

Der Polizeipräsident – Kerschbaumer kannte ihn bereits von einigen gemeinsamen Sicherheitstagungen – war ein blutjunger Jurist, der auf dem Ticket der Regierungspartei eine rasche Karriere gemacht hatte. Mit seinen zurückgegelten Haaren sah Lutz-Heiko dem Politiker Sebastian Kurz nicht unähnlich, hatte aber ein nicht ganz so windschnittiges Gesicht. Er wirkte insgesamt eher wie ein Investmentbanker, allerdings überraschenderweise wie einer, dem man vertrauen konnte. Und das waren ja gemeinhin die gefährlichsten.

Die Pressekonferenz wurde im zweiten Raum der Polizeiwache abgehalten, der von den Büroplanern einst optimistisch als »Konferenzraum« bezeichnet worden war, nun aber mangels Konferenzen oder sonstiger Besprechungen in größerer Runde als Rumpelkammer diente und unter anderem ausrangierte Computermonitore und Feiersingers Skiausrüstung beherbergte. Feiersinger hatte alles in eine Ecke geschoben und notdürftig unter Wärmedecken versteckt. Außerdem hatte er einen Tapeziertisch aufgebaut, der für den Zweck eigentlich gut geeignet schien, bis sich herausstellte, dass die Platte zu dünn war, um die Mikrofonklemmen zu halten.

Von links nach rechts saßen jetzt Feiersinger, Kärntens Polizeipräsident Heil, Kerschbaumer und Hofgärtner am Tapeziertisch vor den Journalisten, die im Halbkreis von links nach rechts das Krone Hitradio, die beiden Tageszeitungen Kleine Zeitung und Krone, das neue Magazin Österreich Heute Aktuell und den Regional-TV-Sender ORF Kärnten repräsentierten. Ein Mann mit Standkamera, auf der ORF stand, filmte das Geschehen, was den Reiseblogger mit der Handykamera um seine Exklusivrechte brachte. In einem nachgeordneten Mini-Halbkreis hatten eben dieser Reiseblogger und eine Redakteurin von Radio Kärnten Eins Platz genommen. Zudem war ein Vertreter der APA da, der Austria Presse Agentur, der für eine Verbreitung der Meldung in nachgeordneten Medien sorgen dürfte. Der Bürgermeister Bad Kleinkirchheims, an dem die farbige Brille auffiel, war ebenfalls hereingekommen, hielt sich aber im Hintergrund, ebenso sein Stellvertreter, ein älterer, massiger Mann, der die Journalisten so abschätzig anblickte, als wären sie ein Wiener Schnitzel aus Schweinestatt aus Kalbfleisch.

Der Investmentbanker hatte die Meute ganz gut im Griff. Lutz-Heiko Heil berichtete kurz, was es zu berichten gab, und er blieb geschickt dürr, sachlich und souverän. »Sie werden verstehen, dass wir aus ermittlungstechnischen Gründen zu diesem Zeitpunkt keine weiteren Angaben machen können«, schloss er. Die Journalisten nickten verständnisvoll. Manche konnten auch nicht anders als nicken, weil sie die Backen voller Kekse hatten. Ach, das war hier doch etwas anderes als in Wien.

»Aber ob es einen Verdacht gibt, können Sie doch sicher sagen, ohne konkret zu werden?«, schnitt eine Zwischenfrage scharf durch die harmonische Blase.

»Nein.«

»Nein, dass es keinen konkreten Verdacht gibt, oder nein, dass sie es nicht konkret sagen können?«

All diese Fragen kamen vom Vertreter von Österreich Heute Aktuell, jener neuen, ambitionierten Zeitung, die ausschließlich mit klugen Reportagen und spektakulären Enthüllungen glänzen wollte und sich in der Werbekampagne neckisch ÖHA! abkürzte, stets mit aufdringlichem Ausrufezeichen (aktueller Slogan: »ÖHA! Für das tägliche AHA-Erlebnis!«). Die Reportagen waren flott geschrieben, doch der große Pflock im Boden, der das Magazin dauerhaft etablieren konnte, war bislang noch ausgeblieben. Fragesteller Franz Ferdinand Kluibnschädl, knapp über dreißig Jahre, hatte helle Haut, die leicht fiebrig wirkte. Er sah aus wie jemand, der viel zu lange in seinem Leben auf einen Computerbildschirm geblickt hatte. Im Mundwinkel flammte ein Pickel auf, an dem er sich offenbar schon ein wenig mit den Fingernägeln abgearbeitet hatte. Aber nun hatte er ja die Pressekonferenz, die seine gesamte Energie beanspruchte und rote Flecken auf seiner Haut produzierte.

»Letzteres«, antwortete ein leicht irritierter Heil.

»Fassen wir zusammen: Der Mörder läuft also noch frei herum, und in ein paar Tagen beginnt die Skisaison?«

10.Ein Sprung in die Adria

Draußen war es längst dunkel, Feiersinger hatte den Tag nach der Pressekonferenz für beendet erklärt, Kerschbaumer und Hofgärtner saßen noch vor den Computern.

»Hast du was über Mirkos Begleiter herausgefunden?«, fragte er Hilde.

»Ja. Und nein. Sie heißen Tomislav Dolinšek und Bogdan Pavlović.«

Kerschbaumer ließ die Namen ein paar Mal lautlos über seine Zunge gleiten, dann sagte er: »Ich denke, wir bleiben bei Tschip und Tschop.«

»Völlig unbeleckte Gestalten, neunzehn und zwanzig Jahre alt. Cousins. Was vielleicht erklärt, warum sie sich ähnlich sehen.«

»Sich ähnlich sehen ist eine charmante Untertreibung. Sie wirken wie Zwillinge.«

»Abgebrochene Schule, Gelegenheitsjobs, keine Vorstrafen. Einmal drei Monate Fahrverbot wegen zu schnellen Fahrens.«

»Tschip oder Tschop?«

»Tschop.«

»Mit schnellem Fahren haben sie es ja. Sonst nichts?«

Hilde hob bedauernd die Schultern.

Kerschbaumer surfte schließlich selbst ein wenig herum und kam auf Swetlanas Instagram-Account. Urplötzlich stand er im adriatischen Sommer, mit den Füßen im Sand. Sah Swetlana, wie sie im Bikini an den österreichischen Badeseen posierte, aber auch in fescher Tracht vor einem Holzstoß, als Wanderin in Funktionskleidung in einer Waldlichtung, die Hände freudig ausbreitend vor einem Weihnachtsmarkt, bei einem Kaffee in einer schicken Innenstadt-Bar.

Natürlich war das alles inszeniert, aber die Illusion des Glücks war nahezu perfekt. Und diese Bilder jetzt anschauen zu müssen tat erstaunlich weh. Die Unmittelbarkeit des Glückstheaters, der schreckliche Anblick der Leiche mit dem gerade in der winterlichen Kälte sich klar abhebenden Blutgeruch – das war eine arge Sache, auch für einen robusten Kerl wie Kerschbaumer, der in seinen bisherigen Dienstjahren schon viel gesehen hatte.

Auf dem Instagram-Account fiel ihm aber noch etwas auf. Es waren die Bikini-Fotos. Er schaute aufs Datum, und es gab keinen Zweifel: Swetlana hatte innerhalb weniger Wochen sehr, sehr viele Kilos verloren, mindestens fünf bis sieben, schätzte er. Was war da los? Bei der Obduktion wurde die Leiche routinemäßig auch auf Krankheiten und Tumore untersucht, aber bei Swetlana war nichts gefunden worden. Ein pumperlgsunds Mädl, wie seine Ex-Frau sagen würde. Und jedenfalls nichts, was diesen ziemlich auffälligen Gewichtsverlust erklären würde. Doch Kerschbaumer hatte ja einen Experten für Körperkult an der Hand.

Er beschloss, gleich am nächsten Tag Werner nach einer möglichen Erklärung zu fragen.

11.Pfeffersteak mit Hilde

So viel zur Diät: Kerschbaumer arbeitete sich mit großem Vergnügen an einem Pfeffersteak vom Nockalmrind ab, jenen Tieren, die das gute Gras der umliegenden Almen genießen können und sich mit dem Ruf, besonders zartes Fleisch zu geben, schmücken dürfen. Als Großstädter war er aufgeräumte Portionen gewöhnt, denn in jedem Beisl kam das Hauptgericht neuerdings mit Schäumchen, Sphären und Chichi daher. Sattwerden galt in der von Selbstoptimierern beherrschten Großstadt als Sünde. Und nun hatte auch noch sein Lieblingslokal La Pergola im sechsten Bezirk, eine der wenigen rühmlichen Ausnahmen, wegen der verrückt hohen Mietforderungen schließen müssen. Umso mehr genoss er hier in Kärnten die schamlos üppigen Portionen, die fingerdicke Rahmsoße, den mächtigen Salat, die Kartoffelachtel. Er achtete ja schon tagsüber auf seine Ernährung, und er war strikt dagegen, Prinzipien mit in den Vorabend zu nehmen.

Derzeit befand er sich in der Gaststätte Sportalm in Bad Kleinkirchheims höher gelegenem Ortsteil St. Oswald. Auf dem Weg dorthin war ihm ein Fuchs vors Auto gelaufen, doch Kerschbaumer hatte rechtzeitig gebremst. Der Fuchs blieb stehen, Kerschbaumer blieb sitzen. Beide schauten einander lange an, dann ging der Fuchs ohne Hast weiter. Es waren diese Begegnungen, die Kerschbaumer zeigten, wie sehr ihm die Natur fehlte. In Wien wäre der Fuchs eine Kanalratte gewesen. Und hätte einfach aus Boshaftigkeit in den Reifen gebissen oder ihm den Mittelfinger gezeigt.

Er kehrte bereits zum zweiten Mal in der Sportalm ein, denn hier fühlte er sich sehr wohl. Irgendwo knisterte ein Kamin, die Wirtin brachte ihm das Weißbier schon unaufgefordert, und der Wirt schaffte es, mit jedem Gast ein Schnapserl zu trinken, ohne erkennbare Wirkung zu zeigen – es musste da einen Trick geben, auf den Kerschbaumer schon noch kommen würde. Mit Kerschbaumer übrigens trank der Wirt keinen Schnaps, es blieb bei einer freundlichen Begrüßung, der Chefinspektor rührte keinen harten Alkohol an. In Sachen harte Alkoholika hatte es nämlich ein unschönes Erlebnis in Kerschbaumers Jugend gegeben, in dem eine Wette, eine Flasche Wodka und eine Flasche Whisky involviert waren – und eine Nacht im Spital.

Natürlich wusste hier jeder, wer er war, aber das war in Wien ja nicht anders. Hier oben fühlte sich das Abendessen dennoch fast an wie im Kreis der Familie.

Und die Vertrautheiten nahmen kein Ende, denn auf einmal stand eine Frau vor ihm. »Guten Appetit!« Es war Inspektorin Hilde Hofgärtner.

Kerschbaumer erhob sich, was nicht einfach war, hatte er sich in dem Ecktisch doch ziemlich umständlich verräumt und musste seine Gliedmaßen erst einmal sortieren. Außerdem hatte er gerade einen großen Bissen Pfefferrahmsteak im Mund, was ihn insgesamt nicht wie Paul Newman wirken ließ. Um ein Haar verfehlte er mit dem Kopf die Lampe in dem schmiedeeisernen Gestell, die sehr tief über dem Tisch baumelte.

»Wollen Sie vielleicht Platz nehmen und mit mir …?«, fragte Kerschbaumer.

»Aber gern, wenn ich Sie nicht störe?«

»Wobei denn, wobei denn?«

Nun also war der anstrengende Part erledigt, die Hofgärtner hatte die Brille abgelegt und sich ein alkoholfreies Weißbier bestellt.

»Was machen Sie denn so allein hier oben?«, fragte Kerschbaumer und ärgerte sich sogleich über die Frage. In Sachen Small Talk war er eindeutig aus der Übung gekommen.

»Wissen Sie, manchmal genieße ich es, einen Abend für mich zu verbringen.«

»Ah.«

»Und heute hatte ich außerdem Ärger mit meinem … Freund.«

»Oh. Äh. Wollen Sie darüber reden?«

Hofgärtner schüttelte den Kopf, und der Pferdeschwanz liebkoste dabei ihre Schultern. Dann wollte sie aber doch sehr gern darüber reden, über diesen Nichtsnutz, der von seinen Eltern eine kleine, von selbst funktionierende Pension geerbt hatte und nun den ganzen Tag nichts anderes tat als Skifahren (Winter), Tennis und Padel spielen (Sommer) und auf Instagram vor seinem Auto posieren (Porsche Targa 4S). Gerne war er auch mal aufbrausend, wenn es nicht nach seiner Nase lief. Ein verwöhnter Schnösel, der das echte Interesse an ihr schnell verloren hatte, kaum dass sie zusammen waren. Das waren sie jetzt zum Glück aber nicht mehr. Und obwohl es Inspektorin Hofgärtner nachzuhängen schien, machte sie doch einen sehr erleichterten Eindruck.

Es begann zu schneien, große Flocken blieben an den Fenstern der Sportalm kleben, bis sie schmolzen und auf die Fensterbänke tropften. Vom Privaten hatten sie inzwischen auf ihre Fälle gewechselt. Kerschbaumer berichtete von all den kleinen Gaunereien der Großstadt, den Enkel- und Online- und Telefontricks, den Versicherungsbetrügereien und Unterschlagungen und professionellen Ladendiebstählen und von der halben Rapid-Fußballmannschaft, der ein windiger Bauunternehmer Wohnungen zum 38-Fachen der Nettojahresmiete verkauft hatte. Hofgärtner erzählte, wie sie neulich zwei deutsche Touristinnen gerettet hatten, die mit Stöckelschuhen im Wald unterwegs gewesen waren und sich verlaufen hatten. Kerschbaumer hörte mit großem Vergnügen zu. Es war, als lebten die Inspektoren von Bad Kleinkirchheim in einem Lausbuben-Film der 1950er-Jahre, wo es keinen Menschenhandel gab, keine Raubüberfälle, keine Drogendelikte und keine tiefen Abgründe. Jedenfalls bis jetzt nicht. Die Hofgärtner vertilgte mit viel Appetit einen großen Salat und sogar ein echtes Weißbier, und am Ende war man beim Du.

»Hilde? Passt so gar nicht zu dir.«

»Na ja, Wendelin ist auch nicht gerade geeignet, um die Frauen in Ohnmacht fallen zu lassen«, schoss sie mit einem Grinsen zurück.

Kerschbaumer biss sich auf die Lippen. Der Name war sein wunder Punkt. Seine Mutter hatte ein Faible für ausgefallene Vornamen gehabt, das lag in der Familie. Als sie dem kleinen Wendelin einmal die Alternativen nannte, die zur Wahl gestanden hatten (Erasmus, Dante, Fiesbert), war er um Wendelin recht froh gewesen und musste sich immer wieder in Erinnerung rufen, dass er es noch verhältnismäßig erträglich erwischt hatte.

»Und noch etwas«, fragte Hilde beinahe schüchtern. »Dein Dialekt klingt, nun ja, irgendwie eigenartig.«

Kerschbaumer lächelte, denn das bekam er öfter zu hören. »Mein Vater ist Südtiroler.« Das war die Kurzversion, denn die längere Version von Kerschbaumers Familiengeschichte würde jeden Seitenplan sprengen, enthielt sie doch Abstecher nach Tirol, Hamburg und Sizilien, führte aber in jedem Fall dazu, dass er ein relativ normales Deutsch sprach und sein Wienerisch nur herausholte, wenn es seiner Ermittlungstätigkeit diente. Hier in der Provinz wäre es eher kontraproduktiv, den Hauptstädter heraushängen zu lassen. Das wusste Kerschbaumer, wie es jeder kluge Wiener ebenfalls wusste. Als Wiener zählte man nur in Wien viel.

Insgesamt hatte Kerschbaumer, wie er fand, einen sehr schönen Abend verbracht. Der viele Schnee, der in den letzten beiden Stunden gefallen war, tauchte den Ort in eine samtene Stille und bildete eine dicke, weiche Daunendecke, auf der Kerschbaumer mit seinem Auto vergnügt zu Tal glitt.

TAG 3 DER ERMITTLUNGEN
Donnerstag, 7. Dezember
WETTER

Den ganzen Tag über kühl und dunkel, erst am späten Nachmittag aufklarend.

PISTENBERICHT

Dem Klagenfurter Unternehmersohn und selbst ernannten Influencer Peer A. wurden vor dem Gasthof Einkehr die handgefertigten Skier der Schweizer Firma »Holzski« gestohlen. Wert: 1600 Franken. Seine Instastory ging innerhalb weniger Minuten viral.

12.Ein Waschbrettbauch aus dem Nichts

Werner war da. Das sah Kerschbaumer an dem zerbeulten Passat, der direkt vor dem Fitnessstudio stand und auf dessen Rückscheibe ein sinniger Aufkleber verkündete: »Es kommt nicht darauf an, welches Auto du fährst. Es kommt auf den Arm an, der aus dem Fenster hängt.«

Als Kerschbaumer durch die Tür von Ruckizucki Fit trat, hatte Werner gerade einen ambitionierten Bodybuilder aus Millstatt in der Mangel, der noch mehr Muskeln als Werner selbst hatte. Er sah aus, als hätten seine Muskeln ihrerseits Muskeln.

»Es gibt keinen Stillstand – entweder du wächst, oder du stirbst!«, brüllte Werner den Millstätter an, als der mit zwei Dreißig-Kilo-Hanteln seine Bizepse aufpumpte und dabei ein Gesicht machte, als würde man ihm mit einem Hammer auf die Zehen hauen. Die Geräusche aus dem Millstätter Mund waren eine Mischung aus Gegurgel und Hilfeschrei. Ja, der Weg an die Spitze war hart.

»Hast du kurz Zeit?«, fragte Kerschbaumer Werner. Die beiden zogen sich in eine Ecke zurück, und der Chefinspektor scrollte durch Swetlanas Instagram-Account.

»Das ist die Tote im Stadl«, sagte Werner verblüfft.

»Genau. Woher weißt du das?«

Werner grinste. »Wir reden über nichts anderes. Willst du was wissen, musst du ins Fitnessstudio gehen, sag ich immer, Herr Chefinspektor. Mehr Tratsch hörst du nirgends. Hübsches Mädl übrigens.«

»Ja, aber schau mal hier.« Kerschbaumer deutete auf zwei Fotos, die im Abstand von vier Wochen aufgenommen worden waren, beide am Afritzer See.

»Photoshop?«, schlug Werner vor.

»Unsere Experten halten das für ausgeschlossen«, mogelte sich Kerschbaumer eine Antwort zurecht. » Auf natürlichem Weg ist ein solcher Gewichtsverlust wohl kaum möglich.« Reflexhaft strich er sich über den Bauch. »Wie erklärst du dir das?«

Und dann passierte etwas Seltsames: Werner wurde ein bisschen rot, und er begann ein bisschen zu stottern. »Das … das ist schon, zugegeben, ein sehr ordentliches Ergebnis, aber nicht ausgeschlossen in vier Wochen mit einer … strikten Diät und viel Training.« Dann eilte er zurück zu dem Millstätter Muskelmann. Und Kerschbaumer war nicht viel schlauer als vorher.

13.Die taffe Chefin

Auf der Wache stapelten sich die Zeitungen vor Kerschbaumer. Die Schlagzeilen hielten sich glücklicherweise noch in Grenzen. Bei Standard, Presse, Heute, Kleine Zeitung, Krone und Kurier war die Meldung innen versteckt, zwischen Seite zwei und sechs, also zwar hinter den weltbewegenden Nachrichten, aber noch vor dem Sportteil. Bloß Österreich und Österreich Heute Aktuell hatten den Mord auf die Titelseite gepackt. Auch der Messaggero Veneto und der Il Piccolo hatten den Mord vermeldet, ebenfalls eher dürr und innen.

Die Funkzellenabfrage von Swetlanas Handy hatte unterdessen nichts ergeben; die letzte nachvollziehbare Spur stammte von drei Tagen vor ihrem Tod aus der unmittelbaren Nähe des Pulracher. Eine Spur ergab sich daraus nicht. So weit, so ernüchternd.

Also telefonierte Kerschbaumer mit Lutz-Heiko Heil. Der Ermittler verlangte das Unmögliche, und am anderen Ende der Leitung wurde zugleich gestöhnt und gelacht, was insgesamt ein übles Röcheln ergab.

»Ich wiederhole: Sie wollen achtzig Handybesitzer per Funkzellenabfrage überwachen?«

»Vielleicht auch mehr. Die genaue Zahl kann ich Ihnen erst nennen, wenn meine ersten Befragungen abgeschlossen sind.«

»Ich kann Ihnen keine achtzig Genehmigungen geben. Die Presse würde uns lynchen. Sie würden uns vorwerfen, wir überwachten einen ganzen Ort.«

»Wie viele können Sie rausschlagen?«

»Höchstens fünf, und auch das nur, wenn Sie mir jeden einzelnen Fall gut begründen. Sonst macht da kein Richter mit.«

»Zwanzig.«

»Acht.«

»Zehn.«

Kerschbaumer atmete aus. »Bald bekommen Sie die Namen. Samt Begründung.«

»Lassen Sie sie möglichst blumig ausfallen.«


Dann stand für Kerschbaumer die erste Verabredung des Tages an. Revierinspektor Feiersinger wollte unbedingt dabei sein, obwohl er mit dem Notizbuch noch nicht durch war. Inspektorin Hofgärtner bot an zu übernehmen. Und Kerschbaumer fiel auf, dass Feiersinger ordentlich Parfüm aufgelegt hatte.

Hotelchefin Marianne Pulracher verbreitete einen Duft von Jasmin, Bergkräutern und Wohlerzogenheit. Sie war eine schmale, schöne Frau mit dunkelbraunen Locken, die über ihre Schultern fielen und wie ein barocker Bilderrahmen ihr Dekolleté einfassten. Sie tat sehr viel dafür, in diesem appetitlichen Zustand zu bleiben – tägliches Spinning, Massagen im hauseigenen Spa (natürlich nur, wenn es noch offiziell geschlossen hatte, niemand sollte die Chefin sehen, das würde der Autorität schaden), Packungen und Peelings und Bleachings, neuerdings sogar vegane Ernährung. Und sie war, so viel verstand Kerschbaumer inzwischen von Frauen, eine mächtige Nervensäge, und für diesen Eindruck brauchte er gar nicht erst die hastige, etwas respektlose Begrüßung abzuwarten. Sie hatte siebzig Angestellte und war es gewohnt, dass Dinge nach ihrem Willen geschahen.

»Ich hätte sehr gern mit Ihnen vor Ihrer Pressekonferenz gesprochen«, schnarrte sie spitz und blickte zuerst Kerschbaumer und dann Feiersinger mit einem geradezu spürbaren Blick an, wie um sich zu versichern, dass beiden der Ernst und die Bedeutung ihrer Worte klar wurden.

In Kerschbaumer stieg Groll auf, so unangenehm wie modriger Duft nach einem Regenguss, doch er ließ den Moder mit einigen meditativen Atemzügen wieder hinabsinken und lächelte stattdessen liebenswürdig.

»Und warum hätten wir das tun sollen?«

»Mussten Sie unbedingt unser Pulracher erwähnen?«

»Glauben Sie ernsthaft, das hätten wir geheim halten können?«

»Sie werden verstehen, dass dies für uns nicht gerade die beste PR ist. Die Saisoneröffnung steht unmittelbar bevor, wir erwarten das erste große Wochenende, die ersten ausgebuchten Tage.« Der Tod Swetlanas hatte sie erkennbar mitgenommen. So mitgenommen wie der Tod einer Stubenfliege auf der Fensterbank.

»Glücklicherweise kommen ja hauptsächlich Italiener, die eher selten österreichische Nachrichten verfolgen, nicht wahr?«

»Schlechte Werbung bleibt es, und auch in Italien ist die Meldung erschienen.«

»Nun ja, ich verstehe nicht viel von Werbung und Marketing. Aber ich weiß, dass wir einen Mord aufzuklären haben.«

Die erste Angriffswelle der Pulracher war an Kerschbaumer zerschellt. »Wie kann ich Ihnen dabei helfen?«, gab sie sich ein klein wenig versöhnlicher, aber vielleicht nur, um einen neuen, unleidlichen Anlauf zu nehmen, das Gespräch wieder zu dominieren.

»Seit wann arbeitete Swetlana Kastelic bei Ihnen?«

»Die zweite Wintersaison. Ich habe sie im Sommer letzten Jahres eingestellt. Ein fleißiges Mädchen, gute Referenzen, immer pünktlich, immer ehrlich. Es gab nie Grund zur Klage.«

»Was meinen Sie mit ehrlich?«

Marianne Pulracher kicherte kokett. »Wenn Sie wüssten, was Gäste so alles in ihren Zimmern vergessen. Bargeld, Schmuck, Uhren, Handys. Swetlana hat immer alles klaglos abgegeben, sogar das Kleingeld, das am Abend aus der Hosentasche fällt und unters Bett rollt. Das kennen wir Hotelbetreiber auch ganz anders. Besonders bei einem Bündel Bargeld, das im Hotelsafe bleibt, fehlen schon mal ein paar Scheine. Selbstverständlich nicht bei unserem Personal, ich rede im Allgemeinen.«

»Aha, im Allgemeinen.« Die Möglichkeit, sich auf diese Weise im Service zu bereichern, war Kerschbaumer bislang gar nicht in den Sinn gekommen. »Wussten Sie, dass Swetlana sich bei einigen Ihrer Gäste möglicherweise etwas dazuverdient hatte, allerdings nicht auf die von Ihnen beschriebene Art?«

»Nein«, log sie.

»Ist Ihnen zuletzt irgendetwas an ihr aufgefallen? Eine Veränderung?«, fragte nun Feiersinger.

Die Pulracher schüttelte den Kopf.

»Hatte sie Feinde? Ärger im Beruf?«

»Nein, wie schon gesagt …«

»Ja, richtig, ein vorbildliches Mädchen«, sagte Kerschbaumer wie zu sich selbst. »Nahezu perfekt. Bis auf dieses Messer in der Brust …«

Marianne Pulracher schüttelte sich fröstelnd. »Was ist Ihre Vermutung?«

»Oh, wir ermitteln in alle Richtungen. Und es wird nicht ausbleiben, dass wir neben dem Personal in den nächsten Tagen und Wochen den einen oder anderen Ihrer Gäste befragen müssen.«

»Das ist nicht im Sinne unseres Betriebes. Ich werde dazu meinen Anwalt befragen, inwieweit ich Ihnen das gestatten muss und wo ich Grenzen ziehen darf, um die Saisoneröffnung nicht zu gefährden.« Ihre Locken tanzten erregt um ihr feines Gesicht.

Kerschbaumer erhob sich. »Das steht Ihnen selbstverständlich frei.«

Feiersinger war schon wieder nervös, aber anders als bei der Pressekonferenz. Er war die ganze Zeit auf dem Sessel hin- und hergerutscht und verabschiedete sich hastig.

Kerschbaumer erkannte: Feiersinger war Hals über Kopf in die schöne Hotelchefin verliebt. Na servus.

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