Kitabı oxu: «Im Netz des Lemming»
Stefan Slupetzky
Im Netz des Lemming
Kriminalroman
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
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Stefan Slupetzky
Zum Autor
Impressum
1
„Hast du den armen kleinen Kauz gesehen?“
„Wen meinst du?“ Klara wirft den Ärztemantel auf die Küchenbank und schraubt die silberne Kaffeemaschine auf. „Ich hab zwar einen Papagei und eine Eule unter meinen Patienten, aber keinen Kauz.“
Der Lemming lässt die Zeitung sinken. „Na, den neuen Freund vom Ben.“ Er deutet Richtung Tür. „Der Kleine ist heut nach der Schule mit zu uns gekommen.“
„Schön. Und warum ist er arm?“, fragt Klara, während sie Kaffeepulver in die Maschine füllt.
„Na, erstens wegen … Ach, du wirst schon sehen. Und zweitens wegen seines Namens. Wer tauft seinen Buben bitte Loll?“
„Bist du dir sicher? Loll?“
„Natürlich bin ich sicher. Jedenfalls hat er sich so genannt, und auch der Ben hat immer Loll zu ihm gesagt. Das ist mein Vater, Loll, schau her, Loll, gehen wir in mein Zimmer, Loll … Ich hab zuerst gedacht, es ist ein Spitzname, nur woher soll der kommen? Von Lolitus?“
Klaras Lachen ähnelt einem hellen Glockenklang. Sie wendet sich zum Lemming um und sieht ihn an. „Du glaubst das wirklich, oder?“
„Was?“
„Na, dass der Kleine Loll heißt.“
„Warum soll ich es nicht glauben?“
Klara neigt den Kopf zur Seite. „Manchmal könnt ich mich in dich verlieben, Poldi“, meint sie mit glänzenden Augen.
„Danke. Ganz besonders für den Konjunktiv. Sag, steh ich auf der Leitung oder hab ich was verpasst?“
„Nicht viel. Nur dreißig Jahre Internet, den Vormarsch der sozialen Medien und den untrennbar damit verbundenen Wortschatz unseres Sohnes.“
„Mama, dürfen wir was Süßes?“ Benjamin schiebt seinen strubbeligen Haarschopf durch die Küchentür, und hinter ihm erscheint ein weiterer Kopf, dessen Gesicht in schmerzhaftem Kontrast zu seinen engelsgleichen blondgelockten Haaren steht: unter der niedrigen, zurückweichenden Stirn zwei große blaue Augen, zwischen diesen eine kleine knubbelige Nase und darunter eine tiefe, dunkelrote Narbe in der Oberlippe – eine so genannte Hasenscharte. Beiderseits des Einschnitts wölben sich die Lippenflügel prall nach außen, so, als steckten große Erbsen oder kleine Weinbeeren darunter.
„Sicher dürft ihr etwas Süßes“, lächelt Klara. „Aber nur, wenn du mir vorher deinen Freund vorstellst. Ich bin Bens Mutter“, wendet sie sich an den Blondschopf. „Allerdings heiß ich nicht wie der Ben. Nicht Wallisch, sondern Breitner. Klara Breitner.“
„Lol“, antwortet Loll.
„Lol, Digga“, kichert Ben. „Gib Check, Digga!“
„Okay … Ich glaube, ihr wollt doch nichts Süßes.“ Klara zuckt die Achseln und stellt die Kaffeemaschine auf den Herd, während die Buben halb erstaunte, halb bestürzte Blicke wechseln.
„Wetehaa“, raunt Ben.
„Entschuldigung“, gibt Loll sich endlich einen Ruck. „Ich heiße Mario. Mario Rampersberg.“
Der Lemming ist bis jetzt mit offenem Mund und großen Augen dagesessen. Er hat eindeutig etwas verpasst. Als hätte man ihn in der Blüte seiner Jugend eingefroren und erst dreißig Jahre später wieder aufgetaut. Jetzt aber horcht er auf.
„So wie der Regisseur?“, fragt er. „Kurt Rampersberg? Bist du mit ihm verwandt?“
Der Kleine nickt. „Mein Vater.“
Nur mit Mühe kann der Lemming sich den Kommentar verkneifen, der ihm auf der Zunge liegt. Du armer kleiner Kauz, denkt er im Stillen …
Kurt Rampersberg war bis vor Kurzem einer jener Regisseure, deren Filme es nur selten in die Kinos schaffen und, wenn überhaupt, dann erst zu nachtschlafender Zeit im Fernsehen laufen. Seine Dokumentationen waren weder pornografisch noch politisch, sondern bestenfalls poetisch: stille, unscheinbare Kieselsteine unter all den schillernden Juwelen der Filmkunst. Aber eben Steine ohne das Gefunkel elitärer Wichtigtuerei. Sie trugen Titel wie Die Hütehüter – über den Verein zur Pflege der Tiroler Hutkultur oder Gemustert ausgemustert – wenn Soldaten Rentner werden. Cineasten älteren Semesters mag der Filmemacher ein Begriff gewesen sein, doch war er meilenweit von dem entfernt, was man als prominent bezeichnet. Dann aber, vor knapp zwei Jahren, ist die Tragödie passiert: Rampersbergs Frau – Marios Mutter – ist an einem Sommerabend auf dem Heimweg überfallen, mit Fausthieben traktiert und vergewaltigt worden. Tags darauf ist sie im Krankenhaus ihren Verletzungen erlegen.
Dass die Zeitungen sehr ausführlich über den Fall berichteten, lag weniger am medialen Sommerloch als an der Grausamkeit der Tat und an der Herkunft des Verbrechers: Milad H., ein junger Flüchtling aus Afghanistan, der über den Iran und die Türkei in die EU gekommen war.
Die Diskussion über die kulturelle Unvereinbarkeit von Islam und Christentum, von Orient und Okzident flammte von Neuem auf, und während immer lauter rigorose Maßnahmen zur Eindämmung des Flüchtlingsstroms gefordert wurden, führten nur noch wenige den Wert der Nächstenliebe und Barmherzigkeit ins Treffen. Wie auch immer man zu dieser Frage stehen mochte: Die brutale Tat bewegte alle Österreicher, alle trauerten mit Rampersberg, das ganze Land stand hinter ihm. Geteilt waren nur die Ansichten darüber, wie die Politik auf das Verbrechen reagieren sollte.
„O Em Dschi!“, stört Ben die Gedanken des Lemming. „Echt? Dein Vater ist ein Filmemacher?“
„Ja“, sagt Mario mit einem Achselzucken. Er wirkt nicht gerade stolz, das Thema scheint ihm Unbehagen zu bereiten. Fast erleichtert horcht er auf, als ein Geräusch aus seiner Hosentasche dringt: der Klang einer elektrischen Gitarre, die die ersten beiden Takte von Smoke on the Water intoniert.
„Was geht?“, fragt Ben.
Mario zieht ein Smartphone aus der Tasche. Er wischt einen nicht vorhandenen Schmutzfleck vom Display und lauscht ein paar Sekunden lang mit unverhohlener Unlust in den Hörer. „Jetzt schon?“, sagt er. „Ja, okay, wenn’s sein muss.“ Dann steckt er das Handy wieder weg. „Mein Dad. Ich muss jetzt heimfahren.“
„Junge! Chill dein Leben!“, zetert Ben. „Was ist jetzt mit was Süßem?“
„Wenn du magst, geb ich dir etwas mit“, meint Klara und zieht eine Lade auf. „Als Marschverpflegung.“
„Marschverpflegung“, brummt der Lemming. „So, als ob er nach … nach Russland müsste.“ Und weil ihm inzwischen dämmert, was der eine oder andere exotische Begriff der beiden Buben zu bedeuten hat, fügt er ein dezidiertes „Loll!“ hinzu.
„Voll episch!“, nickt Ben anerkennend. „Alles klar!“
„Wo wohnst du, Mario?“, fragt Klara, während sie dem Kleinen einen Schokoladenriegel hinhält.
„Gleich beim Zoo. In der Maxingstraße.“
„Echt? Da haben wir ja denselben Weg.“ Der Lemming schaut zur Küchenuhr. „Ich muss jetzt sowieso auch aufbrechen.“
„Mein Dad ist nämlich so was wie ein Cop“, fügt Ben hinzu. „Im Tiergarten.“
„Damit dort in der Nacht kein Elefant gestohlen wird“, grinst der Lemming.
Mario betrachtet ihn mit ernster Miene. „Lol“, sagt er dann leise.
Eine Viertelstunde später sitzen sie nebeneinander in der Straßenbahn, der fünfundfünfzigjährige ergraute Nachtwächter Leopold Wallisch und der elfjährige blonde Schüler Mario Rampersberg. Vor ihnen liegen zwölf Stationen: eine halbe Stunde Reisezeit, die mit Gesprächen überbrückt sein will, wenn sie sich nicht in jenem bleischweren, betretenen Schweigen festfahren soll, das man aus Aufzügen und Wartezimmern kennt. Im Wagen sitzen auch noch andere Fahrgäste, die meisten spielen mit ihren Smartphones, manche mustern Mario mit verstohlen-mitleidigen Blicken. Nur ein alter Mann mit einem grünen Trachtenhut starrt den Lemming vorwurfsvoll an. Wahrscheinlich hält er ihn für Marios Vater und gibt ihm die Schuld an dessen schlecht vernarbter Lippenspalte. Vielleicht ist er aber auch der Meinung, dass Missbildungen in Straßenbahnen nichts zu suchen haben – so wie übrigens auch Kinderlachen, Obdachlose, Ausländer und Schwule.
„Gehst du mit dem Ben in eine Klasse?“, fragt der Lemming.
„Nein.“
„Aha. Ich dachte … Aber in dieselbe Schule?“
„Ja.“
„Bist du schon in der Dritten?“
„Nein.“
„Auch in der Zweiten?“
„Ja.“
„Das heißt, ihr geht in Parallelklassen?“
Der Kleine nickt, ohne den Lemming anzusehen. Beinah entschuldigend senkt er den Kopf und sagt: „In meiner Klasse hab ich keine Freunde. Und der Ben … Ich find ihn nett. Er schämt sich nicht, mit mir zu reden.“
Unversehens steigen dem Lemming Tränen in die Augen. Nicht nur, weil ihm Mario so leidtut, sondern auch, weil er so stolz auf Ben ist. „Warum soll er sich denn schämen?“, fragt er mit belegter Stimme, und am liebsten würde er den kleinen blonden Buben in den Arm nehmen, um ihn zu halten und zu trösten.
„Schauen Sie mich doch an. Ich bin ein Freak.“
„Das bist du nicht. Wie kommst du denn auf die Idee?“
„Ich schaue aus wie die totale Missgeburt. Wie eine Strafe Gottes. Wahrscheinlich hat der Araber meine Mama deshalb umgebracht.“
Der Lemming klappt den Mund ein paar Mal auf und zu, ihm bleibt die Sprache weg. Woher um alles in der Welt hat Mario dieses selbstzerstörerische Denken? Wie um seine stummen Mundbewegungen zu untermalen, schallt plötzlich ein Geräusch durch den Wagen: das Quaken eines Froschs. Marios Handy.
„Jabberpal.“ Der Kleine wischt über das Display, malt ein großes M darauf, um es zu entsperren, und liest dann eine Nachricht. Gegenüber stößt der Alte mit dem Trachtenhut ein indigniertes Räuspern aus. Der Lemming kramt in seiner Jackentasche, bis er findet, was er sucht: ein Päckchen Malzbonbons.
„Wollen Sie ein Hustenzuckerl?“ Herausfordernd hält er dem Mann die Schachtel hin. Der Alte tut, als habe er es nicht bemerkt; er rümpft die Nase, dreht sich weg und schließt die Augen.
„Jabberpal?“, wendet der Lemming sich jetzt wieder Mario zu. „Was ist das?“
„Eine Plattform.“
„Ah … Und wofür braucht man das?“
„Zum Posten und zum Chatten. Es ist ein soziales Netzwerk.“
„Ah … Und wofür ist das gut?“
Zum ersten Mal, seit sie vor einer Viertelstunde aufgebrochen sind, schenkt Mario dem Lemming einen Blick. Einen verblüfften, ungläubigen Blick. „Im Ernst jetzt? Lol. Sie wissen nicht, was ein soziales Netzwerk ist?“
„Na ja, ein bisserl hab ich schon davon gehört: Da treffen sich verschiedene Leute im Computer und erzählen sich, was sie gerade frühstücken oder wo sie auf Urlaub waren.“
„So zirka.“ Mario wiegt den Kopf. „Das Schöne ist, man kann dort unter einem ausgedachten Namen mit den anderen reden, ohne dass sie wissen, wie man ausschaut oder wie man heißt.“
„Da reden also Fantasiefiguren miteinander?“
„Meistens schon. Ich hab dort fast nur Freunde, die mich gar nicht kennen. Nur der Ben und zwei, drei andere wissen, wer ich wirklich bin …“
„Der Ben ist auch auf dieser Dings, auf dieser Plattform?“
„Sicher.“
Klara, denkt der Lemming jetzt bestürzt, hat vorhin untertrieben: Er hat nicht nur die Entwicklung des Internets verpasst, sondern auch die Entwicklung seines Sohnes. Benjamin, der gestern noch auf allen vieren gekrabbelt ist, tanzt heute schon auf virtuellen Plattformen, die er, der Lemming, nie betreten hat. Wenn er den Anschluss nicht verpassen, das Verständnis für Bens Lebenswelten nicht verlieren will, muss er handeln, und er darf das nicht erst morgen tun.
„Ich glaub, ich könnt noch manches von dir lernen“, lächelt er Mario zu. „Magst du mir zeigen, wie das funktioniert mit diesem Netzwerk?“
Marios Physiognomie mag ja vielleicht der eines Hasen ähneln, aber seine Reaktion gleicht eher der eines bedrohten Igels. Eines Igels, der sich flugs zusammenrollt und seine Stacheln aufstellt.
„Sie müssen nicht nett zu mir sein, nur weil ich hässlich bin!“
Der Kleine spuckt die Worte aus wie etwas Bitteres, das einem auf der Zunge liegt; der Lemming aber sitzt schon wieder sprachlos da und ringt die Hände, hin- und hergerissen zwischen Mitleid und Verärgerung. Wie kann er diesem Kind nur seinen Selbsthass nehmen, seine Frustration und seine barsche Art der Selbstzerfleischung? Wie um Himmels willen kommt Ben mit Marios Zurückweisung zurecht, sobald er ihn als Freund behandelt? Oder spielt sich die Kommunikation zwischen den beiden ohnehin vollkommen anders ab? Im Loll- und Wetehaa- und Digga-Universum?
Trost, so überlegt der Lemming, nährt sich immer aus sich selbst: Es geht nicht um die Sachlichkeit und Logik mitfühlender, ermutigender Worte, sondern um den Akt des Tröstens an sich. Darum, dass da jemand ist, der Anteil nimmt. Der einem Hoffnung geben will. So wie ja auch der Sinn des Lebens einzig und allein das Leben selbst ist. Aber das Misstrauen, das Mario der Welt entgegenbringt, macht es der Welt nicht leicht, ihm einen Platz zu bieten, ihn mit offenen Armen aufzunehmen. Kurz gesagt: Er steckt in einem Teufelskreis, den nur ein Außenstehender durchbrechen kann.
„Weißt du, dass ich vor vielen Jahren wirklich bei der Polizei gewesen bin?“, versucht der Lemming es erneut. „Sogar ein Krimineser? Und dass man mich hochkant rausgeworfen hat? Ich sag dir auch, warum: Weil ich zu den Verbrechern netter war als zu mir selbst. Weil ich erst lernen musste, auf mich achtzugeben und mir selbst ein Freund zu sein …“
„Mich würden sie erst gar nicht nehmen bei der Polizei“, fällt Mario ihm ins Wort. „Ich meine, Bullen haben keine Hasenscharten.“
„Stimmt doch gar nicht. Nimm zum Beispiel diesen coolen Typen aus den Achtzigern, wie hat der noch geheißen … Hammer, ja, Mike Hammer! Der war sogar Fernsehdetektiv! Okay, er hatte einen Schnurrbart, aber …“
„Nie im Leben“, unterbricht ihn Mario, „bringt mich irgendwer zum Film – mit oder ohne Bart. Ich lass mich doch nicht fertigmachen wie mein Papa … Darf ich?“ Er zeigt auf die Malzbonbons.
„Ja, sicher.“
Mario bedient sich, und er steckt sich das Bonbon gerade in den Mund, als wieder das groteske Quaken seines virtuellen Froschs ertönt. Sofort zieht er das Smartphone aus der Tasche.
Mittlerweile fahren sie am Bett des Wienflusses entlang, in dem – neben dem in Beton gezwängten und zum Rinnsal regulierten Fluss – die Gleise der U4 verlaufen. Links vor ihnen spannt sich die Kennedybrücke über Fluss und U-Bahngleise, dort befindet sich auch eine Straßenbahnstation, die vorletzte vor dem von Mario und dem Lemming anvisierten Reiseziel. Schon geht die Tramway in die Kurve.
„Jabberpal?“ Der Lemming lächelt Mario zu.
Der Kleine aber lächelt nicht zurück. Den Kopf nach vorn geneigt, starrt er das Handydisplay an. Ein Display, dessen grüner Schimmer sich wie eine jähe Übelkeit auf Marios Gesicht legt, sich in seinen Augen widerspiegelt.
Feuchte Augen.
„Ich muss raus.“ Der Bub springt auf und stürzt zur Tür, gerade als die Straßenbahn in die Station einfährt. Bevor der Lemming reagieren kann, öffnet sich die Falttür, und Mario springt ins Freie.
„Warte!“ Auch der Lemming ist jetzt aufgesprungen, um dem Kleinen nachzulaufen. Fluchend zwängt er sich durch die schon wieder zuklappende Tür, fünf Meter hinter Mario, der die Straße überquert und auf das eiserne Brückengeländer zusteuert, ohne auf den Verkehr zu achten. Bremsen quietschen, Autos hupen, Fäuste ballen sich hinter Wagenfenstern. Mario läuft einfach weiter. Läuft auf das Geländer zu.
„Bleib stehen!“ Der Schrecken steht dem Lemming ins Gesicht geschrieben; wie der Trailer eines Films spielt sich das Kommende vor seinem inneren Auge ab. Nur dass der Bub in seiner Tagtraum-Fantasie nicht Mario ist, sondern Benjamin. Sein Sohn, das Zentrum seines Lebens. Ben.
Der Schrecken wird zum Grauen, das Hämmern seines Herzens sprengt ihm fast die Brust. „Herrgott, so bleib doch stehen!“ Mit einem Hechtsprung weicht der Lemming einem Motorroller aus, rennt weiter. Fast hat er den Buben, der gerade auf die Brüstung klettert, eingeholt. Er schnellt nach vorn, mit ausgestrecktem Arm, erfasst den Ranzen, der auf Marios Rücken hängt, greift mit der Rechten nach und krallt die Hand in Marios Jackenkragen.
Doch der Kleine ist bereits gesprungen. Schon sackt er nach unten, bis der Klammergriff des Lemming ihn zum Stillstand kommen lässt. Jetzt hängt er stumm in seinen Jackenärmeln, acht Meter über den U-Bahngleisen, und der Lemming hakt sein rechtes Bein in eine Strebe des Geländers, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Er wird nicht loslassen, wird seinen Griff nicht lockern. Nicht in diesem Leben.
„Hilf mir, Mario …“, ächzt er. „Halt dich vorne an den Rucksackgurten fest … Wir schaffen das, wir beide …“
„Lol“, sagt Mario und hebt die Arme.
Wie ein Windhauch klingt es, als er aus den Ärmeln schlüpft. Dann fällt er, und dem Windhauch folgt das dumpfe Poltern seines Kinderkörpers, der gegen die Windschutzscheibe einer einfahrenden U-Bahn schlägt.
2
Diese bleierne Müdigkeit. Als wäre man von Kopf bis Fuß in eine schwere Steppdecke gehüllt. Und trotzdem diese Kälte in den Gliedern. Vor dem weitläufigen Wolfsgehege flattern Fledermäuse durch die Dunkelheit: Es gibt hier auch ein Leben außerhalb der Käfige und Volieren, ein freies, wildes Leben.
Sternenklar spannt sich der Nachthimmel über den Zoo. Der Lemming sitzt auf einer der Besucherbänke, um die letzten Stunden noch einmal Revue passieren zu lassen. Fast fünf Stunden, um genau zu sein.
Am Anfang war es völlig leer in seinem Kopf. Er ist nur dagestanden, Marios Rucksack, Marios Jacke in den Händen, und hat über das Geländer auf den Gleiskörper gestarrt. Da unten war es ruhig, so ruhig, als hätte irgendein verrückter Gott die Uhren angehalten. Dann der erste eigentümliche Gedanke: Wenn die Zeit stillstehen kann, muss man sie doch auch zurückdrehen können. Und der zweite: Wie wird Ben diese Tragödie verkraften …
Nach gefühlten fünf Sekunden sind auch schon die Einsatzwägen eingetroffen. Unten auf den Gleisen weiße Rettungssanitäter, oben auf der Brücke blaue Polizisten. Doch die Sanitäter haben bald den dunkelgrauen Herren von der Bestattung Platz gemacht.
„Haben Sie was mitbekommen?“ Eine junge Polizistin hat den Lemming fragend angesehen. Auf sein stummes Nicken hin hat sie den Blick gesenkt und Marios Schultasche gemustert. „Ist das Ihre?“
Sie hat ihm den Ranzen abgenommen, Marios rote Jacke aber schlichtweg übersehen. Ihm selbst ist auch nicht in den Sinn gekommen, sie der Polizei zu übergeben, schließlich hatte er sich ja noch kurz davor geschworen, sie nicht loszulassen. Stunden später erst, bei seinem Eintreffen im Tiergarten, hat er die Jacke auf die Kleiderablage im Wächterhaus gehängt.
Ja, er ist arbeiten gegangen, hat sich – zwar verspätet, aber doch – zu seinem Nachtdienst in Schönbrunn gemeldet. Nur nicht heimfahren, nur nicht dahin, wo am späten Nachmittag alles begonnen hat. Stattdessen einfach nur allein sein mit sich und dem nachtschwarzen Zoo, den verschlafenen Urwald durchstreifen, der das Dickicht seiner wild mäandernden Gedanken widerspiegelt.
In der Finsternis des Wolfsgeheges glimmen gelbe Augenpaare auf, um nach Sekundenbruchteilen wieder zu verlöschen.
Marios Vater. Wer wird es ihm sagen? Wahrscheinlich hat ihn die Polizei schon informiert. Das Elend dieses Mannes ist nicht vorstellbar, so einen Schmerz kann doch kein Mensch aus Fleisch und Blut ertragen: Vor drei Jahren hat er auf die brutalste Art die Frau verloren, und jetzt … Wie soll man jemals wieder froh werden, wenn einem so etwas geschieht? Wie soll man überhaupt noch weiterleben, essen, schlafen, atmen können, Tag für Tag gefangen in der eigenen zerstörten Existenz?
Der Lemming denkt an Ben und Klara, und er stellt sich vor, das Schicksal Rampersbergs hätte ihn selbst ereilt. Die Vorstellung zerreißt ihn förmlich. Er schluchzt auf, schlägt sich die Hände vors Gesicht. Er beugt sich vor, den Kopf noch immer in den Händen, und weint stumm. Erst als die Tränen nach und nach versiegen, mischt sich eine Spur von Dankbarkeit in seine Trauer. Dankbarkeit dafür, dass er ein besseres Los gezogen hat als Marios Vater, Dankbarkeit für diese große Ungerechtigkeit des Schicksals. Und obwohl er sich für seine Regung schämt, so ist es dennoch eine Scham, mit der er besser leben kann als mit dem Tod seiner Familie.
Marios Tod wirft seinen Schatten trotzdem auch auf sie.
Wie soll ich es nur Ben erklären, überlegt der Lemming. Auf dem Herweg hat er Klara angerufen, lange haben sie gesprochen und am Schluss entschieden, Ben am nächsten Tag nicht in die Schule gehen zu lassen. Wenn der Lemming morgen heimkommt, werden sie versuchen, ihrem Sohn den Selbstmord seines Freundes schonend beizubringen.
Von Südwesten her ertönt mit einem Mal ein heiserer Ruf, gefolgt von einem harten Klappern. Dort steht die Voliere der Habichtskäuze, die einander so vor Eindringlingen warnen. Vielleicht streift ein Marder durch den Wald.
Warum hat Mario das getan? Der Lemming ruft sich die Straßenbahnfahrt in Erinnerung, Marios seltsames, teils Nähe suchendes, teils schnippisches Verhalten, seinen Hang zur Selbsterniedrigung. Hat ihn der Mord an seiner Mutter so gebrochen? Oder war sein angeknackstes Selbstbewusstsein wirklich nur die Folge seiner Oberlippenspalte?
Wieder dieses klappernde Geräusch. Dann, aus der Richtung des Regenwaldhauses, wo sich die Teiche des Freilandaquariums befinden, ein sonores Quaken: Es herrscht Laichzeit bei den Springfröschen.
Ein Quaken? Hat die Katastrophe denn nicht überhaupt erst mit dem unseligen Quaken von Marios Handy angefangen? Er hat eine Mitteilung bekommen, und in dieser Nachricht muss etwas gestanden sein, das ihn – im wahrsten Sinn des Wortes – aus der Bahn geworfen hat. Aber das Handy liegt jetzt wohl zerschmettert auf den Schwellen der U4.
Die Habichtskäuze spielen heute Nacht verrückt. Schon wieder dieser heisere Warnruf, dieses Schnabelklappern. Seufzend steht der Lemming auf; er kann den nachtwachenden Käuzen schließlich nicht die ganze Arbeit überlassen. Dienst ist Dienst.
Er steigt den Waldweg zum Tirolerhof bergan. Das Mondlicht bricht nur hin und wieder durch die Baumkronen; die Taschenlampe hat er wie so oft im Wächterhaus vergessen. Achtsam setzt er Schritt vor Schritt, nach einer Weile aber bleibt er stehen und lauscht. Tatsächlich: Er vernimmt ein leises Scharren, ein Scharren wie von Pfoten oder Hufen auf dem trockenen Boden. Ehe er weiß, wie ihm geschieht, kommt aus der Dunkelheit ein Schatten auf ihn zu, ein breiter, untersetzter Schatten, ja ein Schatten wie … von einem Bären.
Jetzt nur keinen Fehler machen: keine Drohgebärden, keine hastigen Bewegungen, vor allem keine Furcht zeigen, ganz ruhig bleiben und nicht davonlaufen. Der Angstschweiß bricht dem Lemming aus den Poren.
Immer näher kommt der Schatten, trottet direkt auf ihn zu. Vielleicht hat ihn das Tier ja überhaupt noch nicht bemerkt; erst vor zwei Monaten hat Klara ihm erzählt, dass Bären zwar einen vortrefflichen Geruchssinn haben, aber keine guten Augen. Noch acht Meter, noch sechs, dann nur noch vier … Der Lemming richtet sich zu seiner vollen Größe auf. Er breitet ruckartig die Arme aus und brüllt, so laut er kann: „Geh scheißen, Bär!“
Der Schatten zuckt so jäh zurück, dass er ins Straucheln kommt; mit einem heiseren Schrei stürzt er zu Boden.
Ein Moment der Stille. Dann eine erboste Männerstimme: „Sagen S’, Wallisch, sind Sie völlig wahnsinnig geworden? Um ein Haar hätt mich der Schlag getroffen!“ Fluchend rappelt sich der Schatten hoch, um sich den Staub von seinem Tweed-Sakko zu wischen.
„Chefinspektor?“, fragt der Lemming. „Chefinspektor Polivka?“
„Wer sonst? Sie werden doch wohl nicht wirklich einen Bären erwartet haben.“
„Nein, natürlich nicht. Mit Ihnen hab ich trotzdem nicht gerechnet. Wie sind Sie denn überhaupt ins Tiergartengelände reingekommen?“
Polivka schnaubt halb belustigt, halb gelangweilt auf. „Ich bin ein Krimineser, Wallisch. Schon vergessen?“
Nein, natürlich hat der Lemming nicht vergessen, dass der gute Polivka Ermittler bei der Kriminalabteilung für Gewaltverbrechen ist. Erst vor zwei Jahren haben sie mit vereinten Kräften eine Mehrfachmörderin verfolgt, der Lemming, weil ihn Klaras Neffe dazu überredet hat, und Polivka, weil er vom Lemming in die Sache mit hineingezogen wurde. Dass die beiden Männer wider Willen eine gewisse Sympathie verbindet, findet ab und zu in der gemeinsamen inbrünstigen Vernichtung alkoholischer Getränke seinen Niederschlag. Wenn sie einander dann in fortgeschrittenem Stadium das eine oder andere persönliche Geheimnis anvertrauen, tun sie das aber nach wie vor mit einem distanzierten Sie. Das Duzen ist und bleibt tabu.
Verwunderlich nur, dass der Chefinspektor relativ gemäßigt auf den Schrecken reagiert, den ihm der Lemming eingejagt hat. Denn im Grunde passt das gar nicht zu seiner cholerischen und nachtragenden Art. Mag sein, dass ihm sein klammheimliches Eindringen ins Zooterrain auf dem Gewissen lastet. Oder dass er schlichtweg aus der Übung ist: Seit seine Frau Mama mit seinem Vorgesetzten Oberst Schröck ein Techtelmechtel angefangen hat, scheint Polivka nur noch sporadisch mit der alten Frau zu streiten. Nicht, dass er die Liaison goutieren würde, aber wenn er nach der Arbeit heimkommt und die Mutter wieder einmal ausgeflogen ist, fehlt schlicht der Anlass für Zerwürfnisse. Ja, Polivka wohnt immer noch in seinem Elternhaus: Statt eine eigene Wohnung anzuschaffen, steckt er seinen Lohn lieber in Flugtickets nach Frankreich, wo Sophie lebt, seine Herzensdame, seine gallische Geliebte, seine Gauloise.
„Jetzt sagen Sie schon, Chefinspektor, was führt Sie zu nachtschlafender Stunde in den Tiergarten?“
„Wir müssen reden, Wallisch.“
„Und worüber?“
„Kommen Sie.“
Polivka zieht den Lemming Richtung Elefantenpark, hinter dem sich der Wirtschaftshof, die Flugvolieren und das Wächterhaus befinden. Allerdings ist dieses Wächterhaus vor ein paar Jahren zur Sicherheitszentrale hochgerüstet worden: Auf sechs Monitoren flackern Bilder der unzähligen am Tiergartengelände installierten Überwachungskameras. Der Lemming müsste also gar nicht mehr hinaus, er könnte sich bei seinen Nachtdiensten auf virtuelle Rundgänge beschränken.
Nachdenklich betrachtet Polivka die Bildschirme und setzt sich auf ein kleines, abgewetztes Sofa, das neben dem Schaltpult steht. „Okay“, sagt er, ohne den Lemming anzusehen, „warum ich hergekommen bin, ist, sagen wir, ein bisserl eine heikle Angelegenheit … Mit anderen Worten: Es gibt ein gehöriges Problem.“
„Das wär ja ganz was Neues“, antwortet der Lemming bitter. „Aber gut, erzählen Sie, mich kann heute ohnehin nichts mehr erschüttern.“
Polivka atmet tief durch und räuspert sich. „Es ist da vorhin eine Sache bei uns reingekommen, der ich nachgehen muss. Ein Mordfall, noch dazu ein ausgesprochen ungustiöser. Heut am Nachmittag hat sich im Zehner, also in der Straßenbahn, ein älterer Mann an einen elfjährigen Schulbuben herangemacht. Hat sich laut einer Zeugenaussage schon drüben in Ottakring im halbleeren Wagen zu ihm gesetzt, ihn angesprochen und ihm Zuckerln angeboten. Klassische Geschichte. Aber wie der Bub dann bei der Kennedybrücke aus der Tram gesprungen und vor ihm davongelaufen ist, ist er dem Kleinen nach. Er hat den Buben eingeholt, gepackt und über das Geländer auf das U-Bahngleis geworfen.“
Mich kann heute ohnehin nichts mehr erschüttern … Hat der Lemming das gerade noch gesagt? Jetzt steht er da, mit weichen Knien und einer Farbe im Gesicht, die jener der blassgrauen Bilder auf den Monitoren gleicht.
„Die Polizei hat Ihre Daten aufgenommen, Wallisch, also bin ich gleich hierhergekommen, noch bevor sich die Kollegen auf den Weg machen. Jetzt setzen Sie sich einmal hin, sonst klappen S’ mir am Ende noch zusammen. Gut, und jetzt erzählen Sie: Wie hat sich die Sache abgespielt?“
Der Lemming tut es. Langsam, stockend kommen ihm die Worte aus dem Mund, es ist eine Tortur, sich mit der Schilderung des echten Grauens von falschen Vorhaltungen reinwaschen zu müssen. Polivka hört zu, mit ernster, konzentrierter Miene.
„Also hat der Kleine anscheinend auf eine Nachricht reagiert, die jemand ihm geschickt hat“, brummt er schließlich. „Und wo ist jetzt dieses Handy?“
„Keine Ahnung. Hat die Spurensicherung es nicht gefunden? Unten auf den Schienen?“
„Nein“, meint Polivka und fügt dann stirnrunzelnd hinzu: „Sagen Sie, Wallisch, haben Sie das gerade auch gehört? Sind Ihnen vielleicht irgendwelche Frösche ausgekommen?“
„Frösche?“ Eben hat der Lemming wieder etwas Farbe angenommen, als er neuerlich erbleicht. Er starrt Polivka an, springt auf und läuft zur Kleiderablage, auf der das letzte Stück Erinnerung an ein kleines, unerfülltes Leben hängt: Marios rote Jacke.
In der rechten Außentasche steckt das Smartphone.
An Broodalkiller – privat
von Bowserzorn
14. Mai 2019, 21:55
Hey broodal, hast du meinen Dad gut abgeliefert? Schläfst du schon? Ich hab den Mama 77-Scheiß gerade erst gelesen: Omg, wie krank ist das denn! Aber denk an den SI-Kurs, lass dich nicht von so was unterkriegen!
Also dann bis morgen in der Schule, B
„Warum die Buben in dem Alter immer gar so martialisch sein müssen“, knurrt Polivka. „Ich meine: Broodalkiller, Bowserzorn … Aber wahrscheinlich waren wir ja als Kinder auch so.“
„Wenn es nur die Kinder wären“, antwortet der Lemming. „Bowserzorn muss jedenfalls der Ben sein. Broodal, Bowser, das sind, glaub ich, Charaktere aus einem Computerspiel.“
„Aus Super Mario“, nickt der Chefinspektor – und errötet. „So was weiß man eben, wenn man nicht von gestern ist. Jetzt scrollen Sie endlich weiter, Wallisch.“
Was der Lemming ohnehin bereits getan hat. „Schauen Sie her: Dreiviertel sechs, das muss die Nachricht sein.“
An Broodalkiller – öffentlich
von Mama 77
14. Mai 2019, 17:43
Nur, damit ihr wisst, mit wem ihr es zu tun habt: „Broodalkiller“ ist kein anderer als die Hasenfratze Mario Rampersberg: das Krüppelkind des Asylanten-Propagandaregisseurs und selbst ernannten Gutmenschen Kurt Rampersberg. Die Islamistenfreunde seines Vaters haben dem kleinen Trottl vor zwei Jahren die Mutter totgefickt. Schon irgenwie gerecht, dass ihn der Alte jetzt allein am Hals hat. Teilt die Nachricht fleißig weiter!
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„Mein Gott“, flüstert Polivka, und dann, nach einer langen Zeit des Schweigens, noch einmal: „Mein Gott …“
Der Lemming nickt nur stumm. Vor seinem inneren Auge erscheint Marios Gesicht, aus dem das Blut gewichen ist, seine entsetzten Augen – zu entsetzt zum Weinen. Ein paar kurze Zeilen haben seine Kinderseele ausgelöscht wie einen Wassertropfen, der auf einer heißen Herdplatte verdampft. Wie hätte denn der Bub diesen monströsen Angriff auch an sich abperlen lassen können? Nicht einmal den abgeklärtesten Erwachsenen ließe eine solche Nachricht kalt.
„Und dann auch noch ein öffentlicher Kommentar“, sagt Polivka, „damit ihn alle seine Freunde lesen können. Wer um Himmels willen tut so was, wem bringt das was, ein Kind fertigzumachen?“
„Eines, das an seinem Schicksal ohnehin schon schwer zu tragen hat“, ergänzt der Lemming. „Das Gesicht verunstaltet, die Mutter umgebracht, von seinen Schulkollegen ignoriert … Was ich nur überhaupt nicht nachvollziehen kann, ist der Satz mit seinem Vater. Warum Asylanten-Propagandaregisseur und Islamistenfreunde?“
„Wissen Sie das nicht? Haben Sie noch nichts von seinem neuen Film gehört?“ Der Chefinspektor seufzt und lässt sich wieder auf das Sofa sinken. „Dass Sie mit dem Internet nicht viel am Hut haben, weiß ich schon, seit wir uns kennen, Wallisch. Aber lesen Sie auch keine Zeitung?“
„Doch, aber ich schaff es manchmal nicht bis zum Kulturteil“, antwortet der Lemming schuldbewusst. „Was ist mit diesem Film?“
„Der ist vor einer Woche in den Kinos angelaufen. Und anscheinend ist er völlig anders als die altbekannten Wald- und Wiesenfilme, die der Rampersberg davor gedreht hat. Schon allein der Titel: Regen des Hasses, Traufe des Zorns.“
„Ein Spielfilm?“
„Eine Dokumentation. Es geht um einige Asylbewerber aus Afghanistan, um junge Männer, die nach Österreich geflohen sind.“
„Ausgerechnet“, wirft der Lemming ein.
„Ja, ausgerechnet. Jedenfalls, der Rampersberg begleitet sie auf ihren Wegen durch die Ämter und Behörden, filmt sie ohne große Kommentare auf der Straße und in ihren Unterkünften. Und jetzt kommt die Überraschung: Wenn man den Kritiken glauben darf, beschreibt er sie als ungebildete, zum Teil verrohte, aber auch allein gelassene, gedemütigte Menschen, junge Leute, deren Selbstwert eh schon angekratzt ist und die an der kalten Abneigung des saturierten Westens endgültig zerbrechen. Kurz gesagt, der Film bezieht eindeutig Stellung für die Flüchtlinge, und seine Botschaft lautet: Geht auf diese Menschen zu und kümmert euch um sie. Was dann der Rampersberg am Schluss auch selber tut. Er bietet einem der Afghanen vor der Kamera eine Unterkunft in seiner Wohnung an.“
„Das ist … erstaunlich, nach dem Mord an seiner Frau.“
„Nach Meinung unserer Medien ist es nicht nur erstaunlich, sondern provokant und pietätlos. Deshalb haben sie in den Zeitungen auch mehr über den Geisteszustand vom Kurt Rampersberg geschrieben als über die Qualität des Films. Zum Beispiel in der Reinen Wahrheit, so in der Art ‚Warum bringt ein Mann, der seine Frau auf die abscheulichste, brutalste Art verloren hat, so viel Verständnis für gerade jene Menschengruppe auf, aus der der Täter kommt?‘ Und in dem rosafarbenen Blatt, Sie wissen schon …“
„Die Regel“, nickt der Lemming. „Nein, Das Mittelmaß …“
„Der Maßstab, Wallisch.“ Polivka verdreht die Augen. „Dort haben sie einen Kommentar mit den sinnigen Worten Rampersbergs Stockholm-Syndrom übertitelt. Dann kommt noch das Internet dazu: Was sich seit ein paar Tagen in verschiedenen sozialen Netzwerken und Foren abspielt, können Sie sich gar nicht vorstellen. Eine Flut des Hasses, die sich da über den Rampersberg ergießt.“
„Ein Scheißsturm.“
„Was?“
„Ein Scheißsturm“, insistiert der Lemming. „Den Begriff hab ich letzthin im Fernsehen aufgeschnappt.“
„Ein Shitstorm, Wallisch. Aber abgesehen von der Bezeichnung trifft es das punktgenau.“
„Wenn mir ein solcher Scheißsturm um die Ohren pfeifen tät, ich würd es nicht einmal bemerken. Das passiert doch alles nur im virtuellen Raum.“
Polivka sieht den Lemming an. „So wie der Selbstmord eines elfjährigen Buben?“
Auf dem Schaltpult liegt Marios Handy im Schimmer der Bildschirme. Die beiden Männer betrachten es schweigend.
„Eigentlich“, murmelt der Lemming dann, „ist mir vollkommen wurscht, worum es in dem Film geht oder wen der Rampersberg in seiner Wohnung aufnimmt. Vielleicht hat er religiöse Gründe oder Freunde in Afghanistan, vielleicht haben er und seine Frau sich schon vor ihrem Tod für Asylanten engagiert. Vielleicht ist er auch einfach nur ein guter Mensch. Egal. Die Frage ist doch, was sein Sohn dafür kann. Und wer diesen unsäglichen Dreck geschrieben hat!“ So leise er am Anfang noch gesprochen hat, so laut kommen ihm jetzt die Worte aus dem Mund. Der Lemming hat sich warmgeredet, heißgeschimpft. Er ballt die Fäuste, seine Lippen zittern.
„Das“, sagt Polivka, „ist tatsächlich die Frage. Aber eines steht schon jetzt fest: nämlich, dass nicht Sie die Antwort darauf suchen werden, sondern ich.“
„Aber …“
„Nichts aber, Wallisch. Oder muss ich Sie daran erinnern, dass man Sie vor zwanzig Jahren aus dem Polizeidienst rausgeschmissen hat? Sie bleiben hier und zählen in aller Ruhe Ihre Zebrastreifen oder Sie erschrecken Bären oder was Sie sonst so tun im Dienst, und ich geh auf die Jagd nach dieser Drecksau. Haben wir uns verstanden?“
„Wo wollen Sie beginnen?“, weicht der Lemming Polivka mit einer Gegenfrage aus.
„Begonnen hab ich schon. Bei Ihnen, Wallisch. Aber leider sind Sie keine heiße Spur. Ich muss also mit unserem IT-Experten reden …“
„Ihrem was?“
„Unserem Internetversteher. Aber vorher werd ich noch dem Herrn einen Besuch abstatten, der Sie bei uns denunziert hat, und ihm für den Fall, dass er noch einmal meine Zeit vergeudet, ein paar Watschen antragen. Ist das in Ihrem Sinne?“
„Absolut, Herr Chefinspektor. Und …“ Der Lemming zögert.
„Was und?“
„Halten Sie mich auf dem Laufenden?“
„Damit Sie mir ins Handwerk pfuschen können?“ Polivka steht auf. „Wir werden sehen. Es wird sich alles weisen, Wallisch.“
3
Dass auf einen so verhängnisvollen Dienstag ein so katastrophaler Mittwoch folgen kann. Vom Regen in die Traufe, oder besser: von der Traufe in das Schlammbad. Ja, es ist ein Schlammbadmittwoch. Nicht einmal das Bier schmeckt heute auch nur halbwegs gut.
„Herr Ober, bringen S’ mir ein Viertel Weißen!“, ruft der Lemming grimmig.
„Zwei!“, fügt Chefinspektor Polivka kein bisschen freundlicher hinzu.
Auch Polivka ist heute im Morast gelandet, und gemeinsam sitzen sie nun im weiträumigen Gastgarten des Café Polanski, um sich gegenseitig anzuschweigen und diversen alkoholischen Getränken zuzusprechen. Während sie auf ihre halb geleerten Seidel stieren und auf ihre Viertel warten, lässt der Lemming diesen, man kann es nicht anders sagen, Scheißtag innerlich Revue passieren.
Natürlich hat der Selbstmord seines Freundes Ben schockiert und bis ins Mark erschüttert, aber seine Tränen waren nicht nur der Traurigkeit geschuldet, sondern auch der Wut. In erster Linie der Wut auf jenen Unbekannten, mit dessen gehässigen Zeilen das Unglück seinen Lauf genommen hat, in zweiter der Wut auf den Lemming.
„Dieser Bulle, dieser Polivka, sagt Kusch zu dir, und du ziehst gleich den Schwanz ein!“, hat er seinen Vater angebrüllt. „Was ist, wenn einer mir oder der Mama so was antut? Wirst du dann auch nur herumsitzen und chillen? Mach doch etwas! Mach was, Papa!“
Und der Lemming hat tatsächlich was gemacht. So ruhig, wie es ihm möglich war, hat er die Hand über den Tisch gestreckt. „Dein Handy, Ben. Gib mir dein Telefon.“
„Machst du dich auf die Suche?“ Ben hat Hoffnung geschöpft. „Ich kann dir auch erklären, wie alles funktioniert, du weißt schon, Jabberpal und so.“ Mit einem flinken Griff hat er sein Smartphone aus dem Hosensack gezogen und dem Lemming in die Hand gedrückt.
Der aber hat es einfach eingesteckt. „Du kriegst es bald zurück“, hat er zum fassungslosen Ben gesagt. „Aber ich will nicht, dass du dich auf diesen Plattformen herumtreibst. Vorläufig zumindest.“
Neue Tränen. Und ein neuer Wutausbruch. Nach einer Weile ist der Lemming aufgestanden und hat langsam, Schritt für Schritt, den Tisch umrundet, um sich Ben – wie einem sehr gefährlichen oder sehr scheuen Tier – zu nähern. Endlich war er bei ihm und hat ihn ganz sanft an sich gezogen. Lange hat er Ben umarmt, und Ben, jetzt nur noch leise vor sich hin schluchzend, hat sich an ihn geklammert.
„Also gut“, hat ihm der Lemming irgendwann ins Ohr geflüstert. „Ich versuch es. Aber nur mit deiner Hilfe. Gut?“
Ben hat genickt, ohne den Lemming loszulassen.
„Weißt du, ob der Mario Feinde hatte? Jemand, der ihn abgrundtief gehasst hat? Der ihm Böses wollte?“
Anfangs ist es Ben noch schwergefallen zu sprechen, aber schon nach kurzer Zeit sind ihm die Worte nur so aus dem Mund gesprudelt.
„Feinde? Nein, nicht wirklich. Aber richtig mögen hat ihn auch keiner. Die meisten haben ihn gar nicht erst beachtet, und nur selten hat ihn wer gedisst …“
„Gedisst?“
„Na, ihn sekkiert. Auf ihm herumgehackt. Der Mario war halt anders als die anderen, und wenn man dazugehören wollte, hat man sich nicht mit ihm abgegeben. Ganz normaler Schulalltag.“
„Und du?“
„Was ich?“
„Du hast dich mit ihm abgegeben.“
„Sicher. Er war eigentlich ganz nett, und außerdem hat er mir leidgetan.“
„Heißt das …“, der Lemming hat den Satz nur zögerlich beendet, „dass du nicht dazugehörst?“
„Geh, Papa. Reden wir jetzt über mich oder den Mario?“
„Okay, okay. Ich will halt nicht, dass über dich auch so ein Dreck verbreitet wird. Du hast das doch gelesen.“
„Ja …“ Bens Augen haben wieder feucht geglänzt.
„Du weißt aber nicht zufällig, wer diese Mama 77 ist?“
Ein Kopfschütteln. „Die ist in meinen Chats oder auf meiner Seite noch nie aufgetaucht.“
„Kann man denn rauskriegen, wer hinter so einem Alias steckt?“
„Nicht leicht. Es gibt Adressen, also Nummern, die man zugewiesen kriegt, wenn man im Internet herumsurft, postet oder etwas mailt. Es wissen aber nur die Telefonfirmen, wer wirklich welche Nummer hat.“
„Und dort kann man nicht fragen?“
„Fragen kostet nichts“, hat Ben geschmunzelt. „Das sagst du doch immer, Papa. Aber Antwort wirst du keine kriegen.“
„Ich verstehe: Datenschutz. Wahrscheinlich braucht man eine richterliche Anordnung. Aber woher hat diese Mama 77 dann erfahren, dass der Mario unter dem Namen Broodalkiller postet?“
„Keine Ahnung. Eigentlich weiß das nur eine Handvoll Schüler, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass von denen einer diesen Scheiß herumgepostet hat. Ich weiß da aber wen, der sich in diesen Sachen besser auskennt.“
„Ach, und wen?“
„Die ersten Klassen haben vor einer Woche einen Kurs gehabt, da war so eine Frau, Georgette hat die geheißen, die hat uns erklärt, worauf man achten muss im Internet, wo die Gefahren sind und so weiter.“
„Dann war das dieser SI-Kurs, über den du auch dem Mario geschrieben hast?“
„Genau. SI heißt Sicheres Internet. Der neue Mathelehrer, der Professor Zotti, hat das arrangiert und die Georgette zu uns gebracht; den kann ich nach der Nummer fragen.“
„Mach das. Aber jetzt …“
„Bekomm ich jetzt mein Handy wieder?“
„Nein, Ben, nicht sofort.“
„Das ist so ungerecht!“, hat Ben gebrüllt, und wieder sind ihm dicke Tränen über das Gesicht gelaufen.
In diesem Moment hat Klara die Küche betreten, und sie hat natürlich angenommen, dass sich Bens Gebrüll auf Marios Tod bezieht. „Ja, ungerecht, das ist es. Aber leider gibt es nicht nur gute Menschen auf der Welt, mein Schatz. Und vor den bösen sollte man versuchen sich zu schützen.“
„Gut! Dann sag mir doch, wie ich mich vor dem Papa schützen soll!“ Ohne die Antwort abzuwarten, ist Ben aus der Tür gestürzt.
„Was hat er denn? Ich meine, außer …“ Klara ist verstummt und hat erstaunt den Kopf geschüttelt.
„Jedenfalls kein Handy mehr.“
„Du hast es ihm …?“
„Ich hab’s ihm weggenommen. Vorläufig.“
„Vielleicht ist es ja besser so“, hat Klara – wenn auch erst nach einer Weile – nachdenklich gesagt. „Du, Poldi, etwas anderes: Hast du eine Ahnung, ob gerade irgendwelche Staatsbesuche oder gröbere Verkehrsstaus sind?“
„Nicht dass ich wüsste. Warum fragst du?“
„Weil mir heut die Patienten wegbleiben. Sogar die angemeldeten. Bis jetzt war nur der alte Kunz mit seinem Dackel da.“
„Das ist ja seltsam.“
Seltsam, ja, das war es. Seltsam und beunruhigend, mit anderen Worten: diesem Schlammbadmittwoch durchaus angemessen. So wie auch der Anruf, den der Lemming kurz darauf erhalten hat. Am anderen Ende Doktor Stropek, Chef der Personalabteilung des Schönbrunner Tiergartens. Obwohl prinzipiell ein Freund der Höflichkeit, hat Stropek nicht einmal gegrüßt.
„Hören S’ mir jetzt gut zu, und keine Widerworte, Wallisch!“, hat er das Gespräch eröffnet, und mit diesem Satz nahm er den monologischen Charakter des Gesprächs vorweg. „Wissen Sie, Wallisch, vieles, wirklich vieles hab ich Ihnen durchgehen lassen in den ganzen Jahren, ich sag nur: aufgehängte Pinguine! Aber was Sie sich da jetzt geleistet haben, also das geht ja nun gar nicht, Wallisch, überhaupt bei uns, wo wir seit jeher eine Anlaufstelle für die Wiener Kinder sind. Wir haben ja nicht nur irgendeinen Dienstleistungsbetrieb, bei uns geht’s ja auch um die Vorbildwirkung! Also Folgendes, damit wir uns die Hässlichkeiten einer Fristlosen ersparen: Sie kommen morgen Früh und holen Ihr Zeug, und zwar in aller Ruhe, und ich geb Ihnen dafür ein Zeugnis mit, dass Sie ein halbwegs akkurater Mitarbeiter waren. Meinetwegen schreib ich auch statt halbwegs akkurat was anderes hin, zum Beispiel so was wie passabel. Und dann nehmen Sie den Wisch und Ihren Hut und gehen nach Haus. Ich will Sie nicht mehr bei uns sehen, am Tag nicht und schon gar nicht in der Nacht. Und was Sie in der Rente anstellen, will ich auch nicht wissen, das werd ich wahrscheinlich eh bald aus den Zeitungen erfahren. Habe die Ehre, Wallisch.“
„Zweimal Sorgenbrecher. Prost, die Herren.“ Der Ober stellt die Gläser ab und macht sich aus dem Staub, so rasch er kann. Polivkas Mienenspiel verheißt nichts Gutes, und als Kellner im Polanski, wo das Trinkgeld ohnehin nicht eben fürstlich auszufallen pflegt, will man sich nicht auch noch beschimpfen lassen.
„Sie mit Ihren Zuckerln!“, bricht Polivka das Schweigen, während er zu seinem Viertel greift und es betrachtet wie ein Gärtner den verhassten Löwenzahn auf seinem Rasen.
„Ah, dann bin jetzt also ich schuld an der ganzen Sauerei!“ Der Lemming stürzt sein Glas in einem Zug hinunter, setzt es unsanft ab und fügt hinzu: „Ich hab die Sache wenigstens nicht überall hinausposaunt, damit sie brühwarm in den Medien landet!“
„Als ob ich …“ Polivka schnappt nach Luft, er ist die fleischgewordene Empörung, dabei wirkt er ohnehin schon wie ein aufgeblasener Ballon kurz vor dem Platzen. „Unsereiner muss halt Protokolle und Berichte schreiben, anders als so ein dahergelaufener Waran- und Waschbärenwachel! Und wenn’s dann einen Verräter in den eigenen Reihen gibt, irgendein Kollegenschwein, das solche Polizeiinterna seinen Freunden bei der Presse flüstert, geben Sie mir noch die Schuld dafür? Als hätt ich’s darauf angelegt, mich selbst in die Rue de la Gack zu manövrieren? Herr Ober! Noch ein Viertel!“
„Zwei!“
Sie kommen morgen Früh und holen Ihr Zeug … Habe die Ehre, Wallisch. Das waren endgültige Worte. Worte, die erst langsam in das Hirn des Lemming sickern mussten. Doktor Stropeks Monolog hat ihn, wie man so sagt, am linken Fuß erwischt und ihm die Beine unter dem Körper weggezogen. Plötzlich ist er in der Luft gehangen. Aber noch bevor er auf dem Boden aufschlug, hat das Telefon erneut geläutet.
Wieder keinerlei Begrüßung, wieder ein erboster Redeschwall, doch diesmal war es Polivka.
„Ein Horror, Wallisch! Ein verfluchter Horror! Haben Sie eine Ahnung, was mir grad passiert ist? Nein, natürlich nicht! Also, ich komm ins Kommissariat, direkt von diesem Misthund, der Sie bei uns angeschwärzt hat, übrigens ein Rentner namens Hussak, der in seinem Leben nichts mehr anderes zu tun hat, als den jungen Mädels hinterherzugaffen und im Park die Tauben zu vergiften, also ich komm ins Büro, und stante pede lässt der Schröck mich zu sich rufen. Ich hab schon geglaubt, der Hussak hat womöglich angerufen und sich über mich beschwert, er hätt auch allen Grund dazu gehabt, das sag ich Ihnen, Wallisch, weil dem alten Knacker hab ich kräftig eingeschenkt. Ich geh also zum Schröck hinein, der wieder einmal hinter seinem Schreibtisch hängt wie ein verdorrtes Zimmerpflanzerl, und jetzt kommt’s: Der Schröck fangt an herumzuseufzen, wie er’s immer tut, wenn ihn was langweilt oder ihm was peinlich ist, und dann sagt er: ‚Mein lieber Polivka, Sie wissen ja, dass ich und Ihre Frau Mama, also dass zwischen uns gewisse zarte Bande und so weiter, woraus sich ergibt, dass Sie, mein lieber Polivka, und ich ja fast so etwas wie Familie sind, ganz abgesehen von der Arbeit. Umso schwerer, und das können Sie mir glauben, fällt es mir, Ihnen zu sagen, was ich Ihnen jetzt zu sagen habe.‘“
Polivka hat kurz nach Luft geschnappt, wie um dem Ungeheuerlichen, dem Undenkbaren noch mehr Gewicht geben zu wollen.
„Der Schröck hat mich beurlaubt“, hat er dann gesagt. „Verstehen Sie, Wallisch? Einfach suspendiert. Aber das sag ich Ihnen: Nicht mit mir! Das hab ich auch dem Schröck gesagt. ‚Herr Oberst‘, hab ich ihm gesagt, ‚ich möchte höflich darauf hinweisen, dass ich seit dreißig Jahren im Staatsdienst bin, dass ich mir nie etwas zuschulden habe kommen lassen, dass auch nichts gegen mich vorliegt und eine Beurlaubung somit nicht akzeptabel ist …‘“
Der Lemming musste einmal mehr seine Gedanken ordnen, die wie ein hysterischer Hornissenschwarm durch seinen Schädel schwirrten. „Aber …“, ist er Polivka ins Wort gefallen, „aber was ist denn passiert? Was wirft Ihnen der Schröck denn vor?“
„Er wirft mir gar nichts vor. ‚Das müssen S’ doch verstehen, mein lieber Polivka‘, hat er gesagt, ‚als Dienststellenleiter hab ich auf den Ruf der Dienststelle zu achten. Die Dienststelle ist unser aller Mutter, wir sind ihre Kinder, finden Schutz in ihrem Schoß und nähren uns an ihren Zitzen, um es einmal blumig auszudrücken. Aber eine Mutter will halt auch, dass ihre Kinder zu ihr stehen, und nichts anderes haben wir in diesem Fall zu tun. Denn wenn die Dienststelle Gefahr läuft, von den Medien kompromittiert und von der öffentlichen Meinung angepatzt zu werden, muss ihr Leiter stante pede reagieren. Waren Sie heut schon im Internet?‘“
Der Kopf des Lemming hat sich angefühlt wie ein Ballon kurz vor dem Platzen. „Nein, wieso?“
„Nicht Sie! Der Schröck hat mich gefragt: ‚Waren Sie heut schon im Internet?‘ Und ich: ‚Melde gehorsamst, nein, Herr Oberst.‘ Worauf er mich näher winkt und auf den Bildschirm vor sich zeigt. Sie müssen sich das anschauen, Wallisch …“
dermassstab.at
15. Mai 2019, 06:53
Wien – Ein elfjähriger Schüler ist am späten Montagnachmittag durch einen Sturz von der Kennedybrücke ums Leben gekommen. Laut Zeugenaussagen soll der Bub von einem Mann belästigt und anschließend über die Brüstung auf die U-Bahngleise gestoßen worden sein. Der Verdächtige, der noch am Abend von der Polizei vernommen wurde, blieb auf freiem Fuß.
Leserkommentare
Homo erectus – 06:57
Wieder einmal wird uns von der linkslinken Systempresse die Nationalität des Kinderschänders und Mörders verschwiegen. Wetten, dass es sich um einen Mehmet oder Djamal handelt, der unser rückständiges Land mit seiner „Hochkultur“ beehrt, während er sich von uns durchfüttern lässt?
Weiser Riese – 07:02
Was ist das nur für eine Schandpolizei?! Wie kann man so einen Dahergelaufenen nur laufen lassen?!!!
dermassstab.at
Update 07:48
Neuen Informationen zufolge handelt es sich bei dem zu Tode gekommenen Elfjährigen um den Sohn des Filmemachers Kurt Rampersberg, dessen umstrittener Dokumentarfilm „Regen des Hasses, Traufe des Zorns“ erst vor kurzem in den Kinos angelaufen ist (siehe: Rampersbergs Stockholm-Syndrom, 7. Mai 2018).
Leserkommentare
Zartes Pflänzchen – 07:51
Na, da hat es endlich mal den Richtigen erwischt. Dass unsere ach so armen arabischen „Freunde“ eh schon seine Frau auf dem Gewissen haben, ist ja dem Herrn „Regisseur“ noch nicht genug gewesen. Jetzt hat auch sein Sohn dran glauben müssen. Aber vielleicht braucht er das für seine künstlerische Phantasie und dreht gleich einen neuen Islamisten-Welcome-Film!
„Okay, ich hab’s vor mir“, hat der Lemming drei Minuten später in den Hörer gemurmelt. „Fast achthundert Kommentare, einer widerlicher als der andere, ich will mir das gar nicht alles durchsehen. Aber ich kann trotzdem nicht verstehen, warum der Schröck Sie suspendiert hat.“
„Na, dann schauen Sie einmal auf die Website von der Reinen Wahrheit, Wallisch. Ihnen sollte klar sein, dass Sie Ihren Job womöglich auch verlieren werden.“
„Schon geschehen“, hat der Lemming Polivka geantwortet.
diereine.at
15. Mai 2019, 09:56
Polizeiskandal: Ist es ein Pädophilenring?
Im Fall des gestern belästigten und getöteten Kindes (die REINE berichtete) könnte sich ein Polizeiskandal abzeichnen. Laut wohlinformierten Kreisen handelt es sich beim Täter (es gilt die Unschuldsvermutung) um den ehemaligen Kriminalbeamten Leopold W., der als Wachorgan im Tiergarten Schönbrunn beschäftigt ist. Dass W. sich nach wie vor auf freiem Fuß befindet, könnte an seinen guten Kontakten zur Exekutive liegen: Der zuständige Chefinspektor P., der W. trotz der angeblich klaren Faktenlage nicht verhaftete, soll diesem schon seit langem freundschaftlich verbunden sein. Ein pädophiles Netzwerk, das bis in die höchsten Ebenen der Polizei reicht, ist nicht auszuschließen.
Aus dem Bauch des Lemming ist ein tiefes Grollen erklungen. Ein Rumoren in den Eingeweiden, dann ein scharfes Brennen, das ihm durch die Speiseröhre hochgestiegen ist und ihm das Gaumenzäpfchen angesengt hat. Kurz entschlossen hat er Klaras Tablet abgedreht.
„Polanski? Um halb acht?“, hat Polivka gefragt.
Ein stummes Nicken in den Hörer.
„Wallisch?“
„Ja.“ Mehr hat der Lemming nicht herausgebracht; selbst dieses Ja war kraftraubend wie eine Bergbesteigung.
„Scheiß auf meinen Job, scheiß auf Schönbrunn“, murmelt er jetzt. „Aber es geht nicht nur um mich. Nach unserem Telefonat bin ich in die Ordination hinüber, um der Klara dieses … Ding zurückzugeben.“ Angewidert zeigt der Lemming auf das Tablet, das er schließlich doch noch ins Polanski mitgenommen hat. „Im Wartezimmer, das um diese Uhrzeit immer brechend voll ist, ist ein einziger Mann mit seinem Rottweiler gesessen. Springerstiefel, Bomberjacke, abrasierte Haare – also nicht der Hund, sondern der Mann. Und wie ich reinkomm, steht er auf und glotzt mich an. Nicht etwa feindlich oder angeekelt, sondern fast“, der Lemming ringt die Hände vor Erbitterung, „fast ehrfürchtig wie einen Heiligen! Verstehen Sie, er hat schon gewusst, dass ich der Leopold W. bin, über den sie in der Zeitung schreiben, und wahrscheinlich ist er überhaupt nur deshalb bei uns aufgetaucht. Der Typ hat offenbar geglaubt, dass ich den Mario ermordet hab, um seinen Vater zu bestrafen, für den Kinofilm und dafür, dass er einen Flüchtling bei sich aufgenommen hat! Und dieses miese Nazischwein hat mich auch noch dafür bewundert!“
„Nur die Ruhe, Wallisch. Regen Sie sich ab.“
Im selben Maß, wie sich die Lautstärke des Lemming während seiner Schilderung erhöht hat, ist sie bei den anderen Gästen des Polanski abgeflaut. Man schweigt betreten, während man Polivka und den Lemming mit verstohlenen Blicken mustert.
„Nicht nur, dass der Nazi da war, aber von den anderen Patienten ist heut fast keiner gekommen“, zischt der Lemming jetzt. „Die einen halten mich für einen Kinderschänder und die anderen für einen politisch motivierten Killer. Wie zur Hölle kann sich ein Gerücht so schnell verbreiten?“
„Internet“, gibt Polivka zurück. „Im Gegensatz zu Ihnen, Wallisch, treiben sich die meisten dort herum. Was haben Sie gestern noch vom virtuellen Raum gefaselt? Dass Sie es nicht einmal merken würden, wenn Ihnen ein solcher Scheißsturm um die Ohren pfeift?“
„Man muss doch irgendwas dagegen unternehmen können! Wie soll ich den Ben je wieder in die Schule schicken? Und wie soll die Klara ihre Arbeit weitermachen? Sie ist vollkommen verzweifelt; lieber sperrt sie ihre Praxis zu, hat sie am Nachmittag gesagt, als dass sie bis zur Pensionierung nur noch Nazikampfhunde behandelt! Also sagen Sie, Herr Chefinspektor …“
„Lassen S’ mir den Chefinspektor weg“, unterbricht Polivka. „Inspektor gibt’s keinen. Nicht mehr. Ich hab dem Schröck gekündigt.“
„Wie jetzt? Ganz im Ernst?“
Polivka nickt. „Ich lass mich nicht auf die Ersatzbank setzen, nur weil sich der Trainer von den Hooligans dazu genötigt fühlt.“
„Was machen Sie denn jetzt?“
„Das sehen Sie doch. Herr Ober! Noch ein Viertel!“
„Zwei!“
„Ich glaub“, sagt Polivka und zieht sein Smartphone aus dem Tweed-Sakko, „wir sollten uns auf Jabberpal ein Konto einrichten. Damit wir uns dort auch ein bissel umschauen können.“
„Konto? Kostet denn das was?“
„Ja, Wallisch. Zeit und Nerven.“
„Nehmen Sie.“ Der Lemming schiebt Polivka Klaras Tablet hin. „Der Spaß soll Sie nicht auch noch Ihre Sehkraft kosten.“
Polivka macht sich sofort ans Werk, drückt auf dem Monitor herum, wischt kurz darüber, wartet und beobachtet, beginnt wieder zu tippen. Er erinnert an ein Baby auf der Jagd nach unsichtbaren Ameisen.
Der Lemming trinkt. Als ein orangefarben gekleideter Zeitungsverkäufer das Lokal betritt, winkt er ihn zu sich, um ihm eine Abendausgabe der Reinen Wahrheit abzukaufen.
Die REINE WAHRHEIT vom 16. Mai 2019
Polizist aus dem Verkehr gezogen
Knalleffekt im Mordfall Mario Rampersberg: Der ins Visier der Medien geratene ermittelnde Beamte Chefinspektor P. (Name der Redaktion bekannt) ist noch am Mittwoch aus dem Polizeidienst ausgeschieden. Alles deutet darauf hin, dass P. aufgrund einer persönlich motivierten widerrechtlichen Begünstigung des Hauptverdächtigen, des Wachmanns Leopold W. (Name der Redaktion bekannt), den Dienst quittieren musste.
Laut offiziellen Stellen befindet W. sich aber nach wie vor auf freiem Fuß. Die Rede ist von einer für eine Verhaftung unzureichenden Beweislage. Die REINE aber fragt: Hat P. die Spuren verwischt, um seinem Freund zu helfen? Oder reicht der kriminelle Filz bei unserer Polizei bis in die Chefetage? Schließlich hat der Vater des am Montag in den Tod gestürzten Schulbuben, der Regisseur Kurt Rampersberg, mit seinem Film Regen des Hasses, Traufe des Zorns erst kürzlich unser Land gespalten (die REINE berichtete).
„Herr Ober! Noch ein Viertel!“
„Zwei!“
„Und einen Aschenbecher!“
„Zwei!“, ruft Polivka, dessen Konzentration noch immer ganz dem Tablet gilt. „Da, schauen Sie, wir sind drin.“ Er dreht das Notebook zum Lemming. „Jabberpal. Ich hab uns unter dem sinnreichen Namen Polpo angemeldet.“
„Und was soll das heißen?“
„Poldi Polivka. Wir sind jetzt sozusagen eine – Gott sei Dank nur virtuelle – Einheit.“
„Super“, meint der Lemming, aber sein Gesichtsausdruck spricht eine andere Sprache.
„Oben gibt es eine Suchfunktion. Probieren wir’s mit Mama 77.“
Nach Sekundenbruchteilen flackert das enttäuschende Ergebnis auf: Bis auf die Zeilen, die Polivka und der Lemming ohnehin schon kennen, finden sich hier nur die Reaktionen anderer Besucher von Marios Jabberpal-Account. Die einen zeigen sich entsetzt über die Grausamkeit des Kommentars, die anderen versuchen, seinen bösartigen Tonfall noch zu übertreffen.
Dromed-Arier
14. Mai 2019, 20:05
Von wegen Hasenfratze! Eher ein Kamelgesicht! Ich wette, seine Mutter hat sich auch schon früher mit Kameltreibern vergnügt.
Zapletal der Prächtige
15. Mai 2019, 13:30
Schäm dich, Mama 77! Du bist auch nicht besser als sein Mörder, dieser kranke alte Nazi aus der Straßenbahn. Wahrscheinlich bist du selbst der alte Kinderschänder und versteckst dich hinter deinem Pseudonym.
„Das reicht jetzt“, meint der Lemming heiser. „Suchen wir nach etwas anderem. Zum Beispiel Mario Rampersberg.“
Polivka tippt die Worte ein, und schon erscheinen die Suchergebnisse auf dem Bildschirm: vierzehntausend Kommentare und fünf Fotos.
„Bitte keine Kommentare mehr, von denen hab ich heut genug gelesen. Schauen wir uns die Bilder an.“
Ein Foto, das vor vielen Jahren aufgenommen worden sein muss: Mario mit seinen Eltern. Klein und pummelig sitzt er auf einem Dreirad, seine Lippenspalte dunkelrot, wie eben operiert. Kurt Rampersberg in einem hellen Sommeranzug, hochgewachsen, schlaksig und bereits im fortgeschrittenen Alter. Freundlich, aber auch ein bisschen selbstgefällig blickt er in die Kamera. Daneben Marios Mutter, jung und hübsch und lächelnd steht sie da, ein Sonnenschein im Sonnenschein.
Das nächste Bild zeigt Mario mit seinen Schulkollegen; es ist eines jener Fotos, wie sie wohl in jeder Klasse für Jahresberichte, elterliche Hausaltäre, Alben und Archive aufgenommen werden. Die Kinder sind im Breitformat vor einer Schultafel drapiert, Mario steht links vorne, neben ihm der Klassenvorstand: Brille, Kinnbart, schütteres Haar. Ein Lehrer wie aus einem Lehrbuch.
„Jetzt wird’s interessant“, knurrt Polivka und greift wie nebenher zu seinem Viertel, um sich daran festzuhalten. Sein Gesichtsausdruck verheißt nichts Gutes.
Pulsuz fraqment bitdi.