Kitabı oxu: «Das heilige römische Reich deutscher Nation Canossa - die Entzauberung der Welt Kaiser Friedrich Barbarossa Der Staufer Friedrich II.»
Prof. Dr. Stefan Weinfurter
Vier Vorlesungen zur Geschichte des Mittelalters
DAS HEILIGE RÖMISCHE REICH DEUTSCHER NATION IM MITTELALTER
CANOSSA – DIE ENTZAUBERUNG DER WELT
KAISER FRIEDRICH BARBAROSSA UND DAS HEILIGE REICH
DER STAUFER-KAISER FRIEDRICH II. UND SEINE ZEIT
GESCHICHTE /
MITTELALTER
© Verlag KOMPLETT-MEDIA GmbH
2011, München/Grünwald
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Inhaltsverzeichnis
I. Das heilige Römische Reich deutscher Nation im Mittelalter
1. Das Reich
2. Römisches Reich
3. Das Heilige Reich
4. Die deutsche Nation
5. Literaturhinweise
II. Canossa. Die Entzauberung der „Welt“
1. Die Hierarchie des Gehorsams
2. Der Kampf zwischen den Guten und den Bösen
3. Die Definition des Weltlichen
4. Literaturhinweise
III. Kaiser Friedrich Barbarossa und das Heilige Reich
1. Der Mythos Barbarossa
2. Aufbruch und Ehre des Reiches
3. Das neue Programm der Heiligkeit
4. Barbarossas Scheitern in Italien
5. Der Sturz Heinrichs des Löwen
6. Weltkaisertum und Kreuzzugstragik
7. Literaturhinweise
IV. Der Stauferkaiser Friedrich II. und seine Zeit
1. Das „Staunen der Welt“
2. Kreuzzug als „Leitidee“ der Epoche
3. Fürstenherrschaft, Macht und Geld
4. Das Königreich Sizilien und die Strenge des Gesetzes
5. Alternative Lebensentwürfe und die Kraft des Fegefeuers
6. Der „Hammer der Welt“
7. Literaturhinweise
Verzeichnis der Vorlesungen bei UNI AUDITORIUM Geschichte des Mittelalters

DAS HEILIGE RÖMISCHE REICH DEUTSCHER NATION IM MITTELALTER
In einem Zeitraum von 1000 Jahren bildete sich das Reich heraus, das am Ende des Mittelalters den Titel „Heiliges Römisches Reich deutscher Nation“ trug.
Aus dem fränkischen Reich der Merowinger und Karolinger löste sich allmählich ein politisches Gebilde heraus, das die Grundlagen für das spätere Deutschland darstellen sollte.
Was waren die entscheidenden Wendepunkte dieser Entwicklung, welche Rolle spielten Kaiser und Papst dabei, weshalb wurde dieses Reich „römisch“ und dann auch noch „heilig“ genannt, bevor es ganz am Ende auch noch „deutsch“ wurde?
Eine dramatische Epoche voller Dynamik, tief greifenden Veränderungen und dem Ringen um Macht zwischen Fürsten, Königen, Kaisern und Päpsten.
I. Das Heilige Römische Reich deutscher Nation im Mittelalter
Vor mehr als zwei Jahrhunderten, 1806, ging das Heilige Römische Reich deutscher Nation zu Ende. Der habsburgische Kaiser Franz II. legte die Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches nieder. Ein politisches Gebilde von ganz eigener und besonderer Art ging damit unter, ein Reich, das fast 1000 Jahre Bestand gehabt hatte. Diese Auflösung hatte viele Gründe.
Der Nationalstaat war im Begriff, sich allerorten durchzusetzen. Die Aufklärung trieb die Säkularisation der geistlichen Fürstentümer voran. Vor allem aber war es die Neugestaltung Europas, die durch Napoleon vorgenommen wurde.
Für den Rheinländer Joseph Görres war das Alte Reich schon 1797 mit der Eroberung der Stadt Mainz durch die Franzosen ins Herz getroffen. Am 7. Januar 1798 schrieb er seine „Rede auf den Untergang des Heiligen Römischen Reiches“ und schloss sie mit den Versen:
„Von der Sense des Todes gemäht,
atemlos und bleich,
Liegt hier das heilige römische Reich.
Wandrer, schleiche dich leise vorbey,
du mögest es wecken,
(…).
Ach! Wären die Franzosen nicht gewesen,
Es würde nicht unter diesem Steine verwesen.“
Requiescat in Pace.“
Aber so rasch verschwindet eine über 1000 Jahre gewachsene politische und gesellschaftliche Ordnung nun doch nicht. Vieles, was das Heilige Römische Reich ausgemacht hat, wirkt bis heute nach. Am deutlichsten wird das am föderativen Prinzip unserer modernen Staatsordnung. Aber auch im kulturellen Bereich, in der Gestalt unserer Städte, Dörfer, Klöster, Kirchen, Burgen und Schlösser haben sich wesentliche Inhalte dessen, was das Heilige Römische Reich ausgemacht hat, erhalten.
Die folgenden Ausführungen wollen ein Bild davon vermitteln, wie sich dieses Reich in verschiedenen Etappen herausgebildet hat, und der Frage nachgehen, wie die einzelnen Bestandteile des Reichstitels zustande kamen und was sie bedeuteten: „Heiliges Römisches Reich deutscher Nation“. Ich beginne mit
1. Das Reich
Am Anfang war das Reich – könnte man denken. Das stimmt und stimmt auch wieder nicht. Eine von der Ausdehnung her gesehen feste Größe eines Reichs gab es nie. Und außerdem: Von welchem Reich sprechen wir eigentlich?
Am Anfang stand jedenfalls nicht ein deutsches Reich, sondern ein Reich der Franken, ein regnum Francorum. Es waren kleine fränkische Volksgruppen, die sich am Niederrhein und am Mittelrhein niedergelassen hatten und im 4. und 5. Jahrhundert nach Christus in den Raum zwischen Aachen und Paris, also in das alte Römische Reich, einsickerten. Ich verwende das Wort „einsickern“, weil man gar nicht genau weiß, wie dieser Prozess vor sich ging. Es war die Zeit des Zerfalls des West-Römischen Reichs.
Dennoch war es keineswegs so, als hätten die Franken nun Teile des Römischen Reichs einfach erobert. Vielmehr wurden sie als besonders gute Krieger im 4. und 5. Jahrhundert nach Christus in die Römischen Legionen eingegliedert. Sie bewährten sich so gut, dass sie Schritt um Schritt das Kommando übernahmen. Es handelte sich also um einen Integrationsprozess auf dem Wege militärischer Leistungen. Am Anfang des Reichs, so könnte man sagen, standen Kriegertum und militärische Bewährung.
Aber die Franken waren nicht sehr zahlreich. Man schätzt, dass es vielleicht 10000 oder 20000 kampffähige Männer waren, doch das ist reine Spekulation. Sie waren jedenfalls so wenige, dass sie in den gallo-römischen Regionen noch nicht einmal in der Lage waren, die Sprache der Bevölkerung zu beeinflussen. Aber sie übernahmen die politische Führung.
Dabei setzte sich die Familie der Merowinger gegen Ende des 5. Jahrhunderts an die Spitze. Einer aus dieser Familie mit dem Namen Chlodwig zeigte sich besonders durchsetzungsstark. Planmäßig brachte er alle anderen männlichen Mitglieder seiner Familie um, bis er als einziger übrig blieb. In einer Chronik aus dieser Zeit heißt es, er habe manchmal bitterlich Tränen vergossen, weil es nun niemanden mehr gab, den er noch hätte umbringen lassen können.
Dieser Chlodwig glaubte bald zu erkennen, dass er sich auf den christlichen Gott als Sieghelfer verlassen könne. Als er die Westgoten, die ganz Südfrankreich ihrer Herrschaft unterworfen hatten, angreifen wollte, befragte er den heiligen Martin an dessen Grab in Tours, ob er denn nun losschlagen könne. Als seine Boten die Kirche betraten, hörten sie, wie der Priester gerade den Psalm 18 anstimmte: „Herr, Du wirst Deine Feinde zu Staub zermalmen und in alle Winde zerstreuen.“ Das klang gut, und diese Worte nahmen die Boten als Orakelspruch mit in das Zelt ihres Kriegsherrn. Daraufhin erteilte dieser den Marschbefehl. Die Westgoten wurden in der Tat vernichtend und für immer geschlagen.
Schon vorher, um 500, hatte sich Chlodwig in Reims taufen lassen und den christlichen Glauben angenommen. Seit seinen großen militärischen Erfolgen verehrte er vor allem den heiligen Martin, und überall, wo die Franken siegreich ihre Lanze in den Boden stießen, übernahm der heilige Martin die Regie in den wichtigsten Kirchen. Die Bischofskirche von Mainz, auf deren Dachfirst der heilige Martin noch heute hoch zu Pferde zu sehen ist, kann als Beispiel dafür genannt werden.
Chlodwig und seine Nachfolger ließen den halben Mantel von Martin ständig am Königshof mitführen. Der Mantel heißt lateinisch cappa, und deshalb nannte man die geistlichen Bewacher dieser cappa die Kapläne.
Diese Vorgänge hatten gewaltige Konsequenzen für die ganze Geschichte Europas. Denn damit war die Grundlage dafür geschaffen, dass sich die neue politische und kriegerische Führung mit der alten römischen und christlichen Bevölkerung mit ihren christlich-antiken Wertekategorien und mit wesentlichen Teilen ihrer Kulturgüter vereinigen konnte. Nun konnte ein Volk der Franken entstehen, ein populus Francorum, das sich aus Galliern, Kelten, Römern, Goten, Burgundern – und auch aus Franken selbst zusammensetzte.
Dieses Reich, das durch militärische Eroberungen in Westeuropa immer größer wurde, zusammenzuhalten, war allerdings ein schwieriges Unterfangen. Die alten römischen Einrichtungen, die Straßen und Militärstützpunkte, die Stadt- und Provinzverwaltungen funktionierten noch eine ganze Weile, aber mit der Zeit machten sich einzelne Provinzfürsten oder Bischöfe immer selbständiger.
Die Zentrale des fränkischen Reichs brauchte eine Erneuerung, und diese ging schließlich von der Familie der Karolinger aus. Diese Familie mit ihrem Besitzzentrum in und um Aachen hatte schon längere Zeit das Amt des fränkischen Hausmeiers inne. Das bedeutete ganz einfach: Sie besaßen den Oberbefehl über den Königshof und über das fränkische Kriegerheer. Mit Pippin dem Jüngeren übernahmen sie 751 die Königsgewalt. Wieder ging die Erneuerung vom Militärwesen aus, so könnte man sagen.
Die wirkmächtigste Gestalt dieser karolingischen Erneuerung war Karl der Große, der von 768 bis 814, also ein halbes Jahrhundert lang, regierte. Was hat ihn groß gemacht, was waren seine Leistungen?
Karl der Große war, das verwundert uns jetzt nicht mehr, in erster Linie ein ausgezeichneter und höchst erfolgreicher Kriegsführer. Seine erste Devise lautete daher: Das Reich kann nur zusammengehalten werden, wenn seine fränkischen Krieger in ihrem Überlegenheitsgefühl durch ständige Kriegserfolge immer wieder bestätigt werden. Dann gab es Beute zu verteilen, alle konnten große Geschichten von ihrer Tapferkeit verbreiten, überall kehrte Zufriedenheit ein und alle wollten Franken sein. Das Motto lautete also: Integration des fränkischen Reichs durch regelmäßige kriegerische Überfälle auf die Nachbarvölker.
Aber ganz so einfach war das auch wieder nicht. Die Überfälle mussten eine moralische Rechtfertigung vorweisen. Sie mussten also einer höheren Idee untergeordnet sein. Diese moralische Rechtfertigung lieferte die christliche Religion.
Hier muss man sogleich hinzufügen, dass die christliche Religion nicht nur eine Sache des Glaubens war. Von ihr wurde vielmehr die gesamte gesellschaftliche, moralische und kulturelle Werteordnung bestimmt.
Wenn also Karl der Große und seine Krieger das Christentum gewaltsam in die Nachbarvölker einpflanzten, dann taten sie das in der Überzeugung, damit die bestmögliche Lebens- und Gesellschaftsordnung ihrer Zeit zu verbreiten und durchzusetzen. Wenn man sich diese Zusammenhänge vor Augen führt, ist leicht zu erkennen, dass sich ganz ähnliche Prozesse in der Geschichte ständig wiederholt haben – bis zum heutigen Tag.
Es ging und geht immer auch um die Frage, wer das Gute und wer das Böse vertritt. Die Franken standen für das Gute, da gab es für sie keinen Zweifel. Sie sahen sich als das von Gott auserwählte Volk, dessen Pflicht es sei, den anderen Völkern die Werte der christlichen Lebensordnung aufzuzwingen.
Damit hängt die zweite Devise in der Herrschaft Karls des Großen zusammen. Sie lautete: Durchsetzung des Christentums als gottgewollte, bestmögliche Gesellschaftsordnung nicht nur im Reich der Franken, sondern auch in der gesamten, erreichbaren Welt.
Diese Grundkonzeption in der Herrschaft Karls des Großen hatte erhebliche Konsequenzen für die künftige kulturelle und politische Gestalt Europas. Das Christentum wurde als eine Art Grundgesetz für die gesamte Lebensordnung im fränkischen Reich systematisch verbreitet und umgesetzt. Um dies zu erreichen, wurde ein Kirchensystem mit Erzbistümern und zugeordneten Suffraganbischöfen geschaffen. Überhaupt übernahmen nun die Bischöfe die wichtigsten Ämter im Reich. Sie wurden die entscheidenden Berater der Könige und erhielten umfangreiche Besitzungen, Rechte, Einkünfte, Ämter und staatliche Aufgaben.
Mainz, Köln, Trier und Salzburg stiegen zu kirchlich-politischen Zentralorten des Reichs auf. Der König selbst, Karl der Große, ließ sich in Aachen, wo er sich regelmäßig im Winter in den warmen Quellen von den Strapazen des Kriegführens erholte, eine prächtige Hofkirche, das Marienstift, errichten.
Noch wichtiger war es, dass Karl der Große erkannte, dass man für ein europäisches, christlich fundiertes Großreich eine gemeinsame Sprache und eine gemeinsame Schrift benötigte. Nur dann konnte auch gewährleistet werden, dass die Regeln der Heiligen Schrift und der Kirche überall verstanden und korrekt befolgt würden. So wurde Latein als Amtssprache eingeführt, und mit der karolingischen Minuskel entstand die Schrift, die wir heute noch verwenden und die wir als lateinische Schrift bezeichnen.
Den Äbten der großen Klöster erteilte Karl der Große den Auftrag, im Zuge der neuen Bildungsoffensive die antiken lateinischen Schriftsteller abzuschreiben und in Bibliotheken zugänglich zu machen. Das Kloster Lorsch an der Bergstraße, von dem noch die karolingische Torhalle als Weltkulturerbe erhalten ist, hat sich hierbei besonders hervorgetan. Über 90 Prozent aller klassischen Werke sind uns einzig über die karolingischen Klöster erhalten geblieben, denn die Mönche haben nicht mehr auf brüchigem Papyrus geschrieben wie die antiken Autoren, sondern auf haltbarem Pergament.
Bischöfe und Äbte waren auch gefordert, als es darum ging, die neu eroberten Völker zu christianisieren. Eines der berühmtesten Beispiele dafür bietet das Kloster Fulda an der Werra, wo Bonifatius begraben liegt und wo sich ebenfalls noch eine Kirche aus karolingischer Zeit befindet. Hier, in Fulda, entstand neben dem Bistum Paderborn und dem Kloster Corvey bei Höxter der wichtigste Vorposten für die Zwangschristianisierung der Sachsen.
Der damit verbundene Unterwerfungskrieg dauerte mehr als 30 Jahre, denn die Sachsen wehrten sich tapfer gegen die neue Ordnung des fränkischen Christentums. Die Folge war, dass die Mönche von Fulda, die den christlichen Glauben einpflanzen sollten, auch immer in die blutigen Kriege verwickelt wurden. Bei den Untersuchungen der Gräber von Fulda konnte man nachweisen, dass man damals in das Kloster Fulda junge Mönche schickte, zwischen 16 und 20 Jahre alt, und dass diese Mönche kaum älter wurden als 30 Jahre. Spätestens dann waren sie von den Sachsen erschlagen worden.
Aber es half den Sachsen nichts. Am Ende, kurz nach 800, waren sie besiegt. Sie ergaben sich in ihr fränkisch-christliches Schicksal und wurden zur „Magd der Franken“, wie es 100 Jahre später ein sächsischer Geschichtsschreiber, Widukind von Corvey, formulierte. Auch die Schwaben und ebenso die Bayern wurden in das Reich Karls des Großen zwangsintegriert.
In Bayern hatte sich Herzog Tassilo III. eine königsgleiche Stellung geschaffen, bevor er 788 von Karl dem Großen zur Unterwerfung gezwungen wurde. Der Bayernherzog wurde, wie auch seine Frau und seine Kinder, in Klosterhaft genommen und verschwand für immer hinter Klostermauern – möglicherweise im schon genannten Kloster Lorsch an der Bergstraße. Mächtige Klöster dienten damals bisweilen als eine Art von Staatsgefängnissen.
Einige Jahre zuvor, 773/774, hatte sich Karl der Große schon das Reich der Langobarden in Oberitalien einverleibt, und im Südosten dehnte er sein Reich in Richtung des Balkans weiter aus.
Damit umfasste dieses Reich schon erhebliche Teile des westlichen und mittleren Europa. Nun wurde es immer dringlicher, Einrichtungen zu schaffen, mit denen das Völkergemisch zusammenzuhalten war. Der militärische Aufwand wurde immer größer. Kontrollbehörden wurden geschaffen, vor allem in Form der Königsboten (missi dominici), die regelmäßig in den Provinzen nach dem Rechten schauen sollten. Die Impulse der Vereinheitlichung gingen weiter und bezogen sich auch auf ganz praktische Dinge. So sollten im karolingischen Großreich die Gewichte und die Maße vereinheitlicht werden und ebenso die Währung. Der erste Euro, so könnte man sagen, wurde in der Zeit Karls des Großen eingeführt.
Aber dieses Reich Karls des Großen hatte einen entscheidenden Fehler: Es gab keine staatstheoretische Grundlage. Das mag für uns heute ganz unverständlich klingen, aber es war so. Man hatte kein Modell für ein transpersonales Staatsgebilde. Das Reich Karls des Großen wurde wie ein Familienunternehmen geführt. Es gehörte gewissermaßen der Familie der Karolinger. Der König war der Hausvater, der Patriarch, und das Reich war so etwas wie sein vergrößertes Haus, für das er zu sorgen hatte.
Seine Söhne waren im Hinblick auf das Königtum folglich seine Erben. In diesem Sinne verlangte jeder der Söhne seinen Anteil, auch wenn er darum bis zum Familienuntergang kämpfen musste. Davon war die Geschichte des fränkischen Reichs im 9. Jahrhundert geprägt. Es wurde als Erbe immer wieder unter den Söhnen aufgeteilt. Wenn diese mit ihrem Anteil nicht zufrieden waren, kam es zu schrecklichen Vernichtungskriegen.
Im 9. Jahrhundert kämpfte man nicht mehr gegen äußere Feinde, sondern richtete die ganze kriegerische Energie nach innen. Auf diese Weise bildeten sich bis etwa 900 nach vielen Wirren mehrere Teilreiche heraus, ein Westreich (Neustrien), ein Ostreich (Austrien), ein Reich in Italien und ein burgundisches Reich. Aber diese Teilreiche waren noch keineswegs feste Gebilde und befanden sich in einem labilen Zustand. Zudem machten sich von allen Seiten feindliche Krieger, vor allem die Wikinger und die Ungarn, daran, die schwachen Reiche zu plündern und zu zerschlagen.
Da kam die Rettung aus dem Osten. Das Volk der Sachsen war erwacht, so könnte man sagen. Es war ein Jahrhundert nach seiner Unterwerfung so weit gediehen, sich das neue christliche Selbstwertgefühl voll anzueignen. Ja mehr noch: Man sah sich geradezu als Vorkämpfer des Christentums. Der Gedanke, das christliche Volk jetzt im Überlebenskampf anzuführen, hat die sächsischen Fürsten gewaltig motiviert und geleitet. Unter ihnen ragte die Familie der Liudolfinger heraus. Sie hatte ihre Zentren in Gandersheim, um Hildesheim herum und vor allem in Quedlinburg. Später kam noch Magdeburg hinzu.
Heinrich I., derjenige, der nach der Volkslegende am Vogelherd saß, war der erste aus dieser sächsischen Familie, der sich 919 zum König machen ließ und daraufhin für seinen Herrschaftsbereich geeignete Überlebensstrategien entwickelte. Er schloss die Völker im ostfränkischen Reich, also die Sachsen, die Franken, die Schwaben und die Bayern, zu einer Schicksalsgemeinschaft auf Freundschaftsbasis zusammen und errichtete eine schlagkräftige Elitekriegertruppe.
Sein Sohn und Nachfolger, Otto der Große, konnte darauf aufbauen und die Ungarn in der Schlacht auf dem Lechfeld 955 vernichtend schlagen. Damit waren das Fortleben und auch die Eigenständigkeit des ostfränkischen Teilreichs fürs erste gesichert. Diese dritte Etappe in der Entwicklung des Reichs, die in das 10. Jahrhundert zu setzen ist, beruhte also auf der Idee des Überlebenskampfes eines christlichen Volkes unter der Führung eines sächsischen Königs.
Diese Phase im 10. Jahrhundert brachte wieder eine Reihe von Weichenstellungen für das Reich. Zum einen war damit eine Verlagerung der Schwerkraft in den Norden und Osten des Reichs verbunden. Die Sachsen empfanden sich als das neue Herrenvolk. Dieses Volk, so fasste der Geschichtsschreiber Widukind von Corvey jenes Selbstgefühl zusammen, sei jetzt aus einer Magd zu einer Herrin geworden.
Das Königtum der sächsischen Herrscher, der Ottonen, wie sie gewöhnlich genannt werden, wurde gedanklich in hohem Maße mit dem Königtum des Alten Testaments verknüpft. So wie Melchisedek oder andere biblische Könige hatten sie das vom Untergang bedrohte, von Gott auserwählte Volk vor den Feinden gerettet und mit Hilfe der Heiligen zu neuem Glanz erhoben. Die „Heilige Lanze“ mit einem Nagel vom Kreuz Christi, die heute im Kunsthistorischen Museum in Wien aufbewahrt wird, wurde zum wichtigsten Herrschaftszeichen dieser Könige. In die Reichskrone, die wahrscheinlich in die Zeit Ottos des Großen gehört, wurde der Satz eingeschmolzen: Per me reges regnant, „Durch mich regieren die Könige“. In den Quellen dieser Zeit ist nun vom neuen „Goldenen Zeitalter“ die Rede – in Anlehnung an das Goldene Zeitalter unter König David im Alten Testament.
Das Reich, das auf diese Weise im Entstehen begriffen war, war vom Ansatz her ein Reich der Kirche, ja mehr noch: ein Reich Gottes. Für dieses Reich wurde der Name „Haus Gottes“ (domus dei) verwendet. Das neue Reich der Ottonen, die Grundlage für das spätere deutsche Reich, war also als Haus Gottes konzipiert – eine Konzeption von größter Tragweite!
Eine Konsequenz, vielleicht die wichtigste Konsequenz dieser Konzeption war die Sakralität und die Unteilbarkeit des Königtums. Das war eine geradezu sensationelle Neuerung. Sie beruhte auf dem Gedanken, dass der König des Himmels, Christus, den sächsischen König als seinen Stellvertreter auf Erden eingesetzt habe. Das wiederum bedeutete, dass nur ein einziger das Königsamt übernehmen konnte, eben derjenige, der von Christus als sein Erbe im Königtum bestimmt wurde.
Man erkennt sogleich, von welcher Wirkmacht diese neue Auffassung war: Die bisherigen Erbansprüche aller Söhne eines Königs auf die Königswürde wurden damit vom Tisch geräumt. Das Königtum war nicht mehr teilbar. Nun entstand die „Ein-Herrschaft“, oder in griechischer Bezeichnung: die „Monarchie“. Wenn aber das Königtum nicht mehr teilbar war, dann war von nun an auch das Reich selbst nicht mehr teilbar. Aus der Unteilbarkeit des Königtums entwickelte sich die Unteilbarkeit des Reichs.
Es liegt klar auf der Hand, dass wir uns hier an einer Schlüsselstelle der Entwicklung des Reichs befinden. In seiner biblisch-christlichen Verankerung war es von nun an in seinem Bestand gesichert.
Allerdings war es nicht einfach, diesem neuen Reich einen Namen zu geben. Die Sachsenkönige konnten sich zwar dessen rühmen, dass sie dieses Reich gerettet und damit in gewissem Sinne errichtet hatten, aber es war kein sächsisches Reich. Von der Tradition her war es der Ostteil des alten karolingischen Frankenreichs und wurde daher bisweilen ostfränkisches Reich genannt (regnum Francorum orientalium).
Aber die Franken waren nicht mehr das allein bestimmende Volk dieses Reichs, sondern gehörten nun zum Völkerverbund von Sachsen, Franken, Schwaben und Bayern. Noch wichtiger bei dieser Frage war die Überzeugung, dass dieses Reich gar nicht von Menschen, sondern von Christus, dem König aller Könige, selbst geschaffen worden war.
Es war, wie gesagt, das Reich Christi auf Erden, und man verwendete als Metapher dafür das Bild des Leibes Christi, des corpus Christi. In diesem Körper waren Kirche und Welt wie die Glieder eines menschlichen Körpers vereint und aufeinander ausgerichtet. Der König bildete das Haupt dieses Körpers, in den der gesamte irdische Kosmos eingebunden war.
Wir sehen: Erneut gab es keine eigentliche staatstheoretische Grundlage für dieses Reich, sondern dieses Mal war es ein rein theologisch-christlicher Entwurf. Man nannte dieses Gebilde daher bald einfach nur noch „das Reich“ (regnum) ohne irgendeinen Zusatz, denn als Reich Christi und seiner Kirche war es ja einzigartig.
Diese Konzeption vom Reich bestimmte auch noch die Zeit der salischen Herrscher, also das 11. Jahrhundert. Hier findet sich sogar noch eine Steigerung, denn die Idee von der gottgewollten Monarchie schlug sich in einer neuartigen dynastischen Grablege nieder. Nicht nur der einzelne Herrscher, sondern auch seine Dynastie war nach dieser Konzeption von Christus bestimmt worden. Diese Gemeinschaft sollte auch in der Herrschermemoria, also in der Verehrung der königlichen Vorfahren, zum Ausdruck gebracht werden.
Die salischen Herrscher errichteten zu diesem Zweck den großartigen Dom in Speyer mit seiner eindrucksvollen, einzigartig prächtigen Krypta und der Grablege der Könige. Wichtig war dabei, dass der Dom zu Speyer der heiligen Maria geweiht ist. Sie ist die Mutter des himmlischen Königs, und damit galt sie auch als zuständig für das Wohl und für den Bestand der irdischen Stellvertretung ihres Sohnes, also des salischen Königtums, das sich in dieser Zeit bereits mit dem römischen Kaisertum verbunden hatte.
Damitkommen wirzum zweiten Bestandteil des Reichstitels:
2. Römisches Reich
Erstmals finden wir das imperium Romanum im Titel Kaiser Konrads II., der von 1024 bis 1039 regierte. Wie kam es zu dieser Bezeichnung? Römisch, so die Antwort, war das Kaisertum. Ein anderes Kaisertum war in dieser Zeit gar nicht denkbar. Im Christentum war seit der Spätantike die Überzeugung verbreitet, dass sich die gesamte Weltgeschichte in der Abfolge von vier Großreichen ereigne.
Am Anfang habe das babylonische Reich gestanden, das vom persischen Reich abgelöst worden sei. Diesem wiederum sei das griechische Reich Alexanders des Großen gefolgt. Das letzte aller Reiche, so legten es die theologischen Gelehrten immer wieder dar, sei das römische Reich: Mit seinem Untergang müsse auch die Welt vergehen.
Als sich Karl der Große zu Weihnachten 800 in Rom vom Papst die Kaiserkrone aufsetzen ließ, konnte man darin also nur eine Fortsetzung des römischen Kaisertums erblikken. Das römische Kaisertum lebte weiter im fränkischen Kaiser. In diesem Zusammenhang entstand eine berühmte Fälschung, die „Konstantinische Schenkung“.
In ihr wurde die Behauptung aufgestellt, dass der römische Kaiser Konstantin der Große, als er im 4. Jahrhundert seinen Sitz von Rom nach Konstantinopel verlegte, das westliche Kaisertum dem Papst überlassen habe. Dazu gehörten der kaiserliche Lateranpalast in Rom, ja überhaupt alle kaiserlichen Ehrenzeichen, und dazu gehörten große Besitzungen, aus denen später der Kirchenstaat entstand. Vor allem leitete der Papst daraus das Recht ab, die Kaiserwürde an einen Herrscher übertragen zu können. Durch die Krönung des neuen Kaisers durch den Papst in Rom ging, wie man meinte, das römische Kaisertum von den Römern auf die Franken über.
Als sich dann 962 Otto der Große in Rom zum Kaiser krönen ließ, wurde das Kaisertum auf die Sachsenherrscher übertragen. Auch Otto sah sich – wie alle seine Nachfolger – als imperator Romanorum, als Kaiser der Römer.
Man kann sich fragen, weshalb ein Karl der Große oder ein Otto der Große die Kaiserwürde übernahmen. Möglicherweise hat die heilsgeschichtliche Überzeugung dabei eine Rolle gespielt. Noch wichtiger scheint mir aber zu sein, dass mit dem Kaisertum eine ‚Ordnungsfigur’ verknüpft war. Man konnte damit die Idee einer politischen Ordnung verbinden.
Entscheidend war dabei, dass die Ordnungsfigur des Kaisertums über einzelne Völker oder Königreiche hinausreichte. Man konnte sich einen solchen übergreifenden Zusammenschluss der Völker und Reiche im Mittelalter lange Zeit überhaupt nur über die Denkfigur des römischen Kaisertums vorstellen. Noch dazu war das römische Kaisertum seit der Spätantike christlich aufgeladen, so dass damit auch der Großraum einer Glaubens- und Wertegemeinschaft abgesteckt werden konnte.
Aber wie weit reichte das Kaisertum? Das war eine schwierige Frage im Mittelalter. Einerseits war der Kaiser für die ganze Christenheit zuständig. Aber auf der anderen Seite konnte er sich im politischen Alltag nicht so leicht über einen König von Frankreich oder von England stellen. Nur das Königreich Italien gehörte seit den ottonischen Herrschern fest zum Kaisertum. Dazu kam dann im Jahr 1033 noch das Königreich Burgund.
Diese kaiserliche Dimension, die Herrschaft über drei Reiche, wurde von den Saliern stark betont, ebenso wie dann im 12. Jahrhundert auch von den Staufern. Das ging so weit, dass die salischen Könige damit begannen, sich schon vor ihrer Kaiserkrönung „König der Römer“ zu nennen: rex Romanorum.
Wir können also sehen, dass Rom und das römische Kaisertum im Mittelalter den Ausgang und das Modell jeder übergreifenden Ordnungs-und Friedensidee bildeten. In diesem Sinne wurde auf den Siegeln der Könige seit Konrad II. die Devise eingeprägt: „Rom, das Haupt der Welt, lenkt die Zügel des Erdkreises“ (Roma caput mundi regit orbis frena rotundi). Kaiser Otto III. wollte sogar noch weiter gehen und um die erste Jahrtausendwende seinen Hauptsitz wieder nach Rom verlegen. Manche Herrscher wie Otto III. oder Friedrich II. hielten sich südlich der Alpen länger auf als nördlich der Alpen, und auch ein Otto der Große oder ein Friedrich Barbarossa verbrachten viele Jahre in Italien.
Man schmückte sich mit römischen Herrschafts- und Hoheitszeichen. Vor allem der Adler als Reichswappentier, aus dem sich schließlich unser Bundesadler entwickelte, ist aus dem römischen Adler hervorgegangen. Seit dem 12. Jahrhundert ist er nachzuweisen: ein schwarzer Adler auf goldenem Hintergrund mit roten Fängen und rotem Schnabel. Die Farben Schwarz, Rot, Gold, so deutet sich an, haben hier ihre Ursprünge. Aus Rom oder auch aus dem kaiserlichen Ravenna brachte man antike Säulen und Triumphbögen in den Norden wie die Säulen im Dom von Magdeburg oder den bronzenen Pinienzapfen im Marienstift von Aachen. Im Dom von Hildesheim bildete man eine Triumphsäule des Forum Romanum nach.
Der Kaiser, der sich ganz in die römische Tradition stellte und sich als römischer Kaiser sah, konnte schließlich auch wie ein antiker Kaiser die oberste Verantwortung hinsichtlich der römischen Kirche und des Papstes beanspruchen. Das führte dazu, dass zwischen 962 und 1046 mehrere Päpste von den Kaisern über entsprechende Synodalurteile abgesetzt wurden. Friedrich Barbarossa hat sich später direkt darauf berufen, dass er wie ein antiker Kaiser ein Konzil einberufen könne, um über ein Papstschisma zu befinden.
Das „römische Reich“ war nun unaufhaltsam auf dem Vormarsch. Das geschah just in dem Moment, in dem im 11. Jahrhundert nach Modellen für einen neuen großräumigen Ordnungsrahmen in der westlichen Christenheit gesucht wurde. Dabei erwuchs dem Kaiser freilich ganz unversehens schärfste Konkurrenz, und zwar durch den Papst in Rom selbst.
Den Anfang machte Papst Gregor VII., der von 1073 bis 1085 amtierte. Durch seine Legaten ließ er in der westlichen Kirche unermüdlich die Ansicht verbreiten, dass der Papst im orbis Romanus die höchste Autorität darstelle. Sogar Könige und auch der Kaiser hätten sich dieser Autorität zu beugen.
Damit wurde eine ganz neue Formel für einen europäischen Ordnungsrahmen ins Spiel gebracht: der orbis Romanus, der „Römische Erdkreis“. Das war der Raum, der von der Autorität des Papstes abgesteckt wurde und in dem alle, egal ob Bischöfe oder Fürsten, ob Könige oder Kaiser, dem Papst zu gehorchen hätten. Um deutlich zu machen, dass sich auch der römische König nicht aus diesem Kreis der Gehorsamen herauszunehmen habe, bezeichnete ihn der Papst konsequent als „deutschen König“, und dessen Reich nannte er „deutsches Reich“ (regnum teutonicum). Die Bezeichnung „deutsches Reich“, regnum teutonicum, war also in ihren Anfängen eine Kampfparole, die vom Papst ausgegeben wurde. Sie gehörte zum Konzept Gregors VII., nach dem alle christlichen Könige Europas gleichrangig sein sollten: der König von Frankreich, der König von England, der König von Polen, der König von Dänemark, der König von Ungarn. Es war das Konzept gleichgestellter europäischer Könige in einer Gemeinschaft der Gehorsamen.
Erneut waren die Konsequenzen für das Reich, aber auch für Europa gewaltig. König Heinrich IV., der sich ungehorsam zeigte, wurde 1076 von Gregor VII. abgesetzt – in den Augen der Zeitgenossen ein ungeheuerlicher Vorgang. Niemals zuvor hatte ein Papst gewagt, einen Herrscher abzusetzen. Die Folge war der Canossagang von 1077 mit dem dreitägigen Bußakt des Königs vor den Toren der Burg Canossa. Heinrich IV. konnte sein Königtum zwar retten, aber das bisherige Fundament seiner Autorität war zerstört.
Als „wahrer Kaiser“ sah sich jetzt der Papst. So wurde er jedenfalls schon im 12. Jahrhundert von Rechtsgelehrten bezeichnet: „Der wahre Kaiser ist der Papst“, so lautete die Formel für die neue Ordnung Europas. Der Papst, bis dahin im Vatikan untergebracht, bezog nun demonstrativ wieder den kaiserlichen Lateran in Rom als seinen päpstlichen Palast. Dort ließ er Bilder anbringen, auf denen der Kaiser als Lehensmann des Papstes dargestellt wurde. Auch die westlichen Könige brachten zum Ausdruck, dass sie von der Autorität des Kaisers nicht mehr sonderlich beeindruckt seien.
Er selbst sei in seinem Reich der Kaiser, so ließ der König von Frankreich im 12. Jahrhundert verlauten. Vom Hof Barbarossas wiederum wurde er als regulus herabgestuft, als „Königlein“. Das war erneut Ursache genug, um empörte Reaktionen in Frankreich und England auszulösen, wie diejenige des Bischofs John of Salisbury: „Wer hat denn diese Deutschen zu Richtern über die Völker gemacht? Wer hat diesen plumpen und wilden Menschen das Recht gegeben, nach Willkür einen Herrn über die Häupter der Menschenkinder zu setzen?“
Eine der Folgen war, dass die staufischen Könige im 12. Jahrhundert die römische Komponente ihres König- und Kaisertums nun mit besonderem Nachdruck herausstellten. Schon vor ihrer Krönung durch den Papst seien sie eigentlich römische Kaiser, so lautete ihr Standpunkt. Es entwikkelte sich geradezu eine Romhysterie, so könnte man sagen, eine intoxication of antiquity, wie Robert Benson, ein amerikanischer Kollege, es einmal nannte. Unermüdlich war Friedrich Barbarossa damit beschäftigt, Rom unter seine Herrschaft zu bringen, um über die Wurzeln seiner Autorität auch wirklich verfügen zu können. Dasselbe versuchte sein Enkel, Friedrich II. – beide am Ende vergebens.
Eine andere Folge war, dass sich die Vorstellung und die Definition vom Reich selbst zu ändern begannen. Damit komme ich zu meinem dritten Punkt:
3. Das Heilige Reich
In einem Brief Friedrich Barbarossas aus dem Jahre 1157 an die Fürsten des Reichs wird zum ersten Mal in einer Verlautbarung vom Königshof vom sacrum imperium gesprochen, vom „heiligen Reich“. In dem Brief geht es darum, dass man die Stadt Mailand wegen ihrer Übeltaten bestrafen müsse. Die Stadt habe dem „heiligen Reich“ Schmach angetan, das „heilige Reich“ sei beleidigt worden. Nun müsse die volle Härte der Strafe zur Anwendung kommen.
In der Tat kam es in den folgenden Jahren zu mehreren Kriegszügen gegen Mailand und auch zur völligen Zerstörung der Stadt. Das „heilige Reich“ schlug unerbittlich zu.
Warum wurde das Reich heilig? Ganz allgemein wird man dazu sagen können, dass Heiligkeit immer ein Weg zur Verstetigung war. Was heilig ist, kann kein Ende haben, denn Heiligkeit ist für die Ewigkeit. Ein heiliges Reich war deshalb in seinem Bestand für alle Ewigkeit geschützt. Das ist das eine.
Das andere ist, dass Heiligkeit auch eine bestimmte Eigenwertigkeit verleiht. Was heilig ist, hat von sich aus Substanz und muss nicht von einer anderen Größe abgeleitet werden. Dieser zweite Gesichtspunkt ist von enormer Wichtigkeit für die Entwicklung des Reichs. Wir können daran nämlich erkennen, dass das Reich nun nicht mehr als Haus Gottes angesehen wurde und auch nicht mehr nur als Aktionsrahmen des Königs, sondern dass es eine eigenständige Größe wurde, juristisch gesprochen eine eigene Rechtsperson. Vor allem aber wurde ein „heiliges Reich“ ganz klar abgesetzt und unterschieden von der „heiligen Kirche“, der sancta ecclesia.
Die Formel von der sancta ecclesia spielte für die Päpste, die seit dem Ende des 11. Jahrhunderts eine universale Oberhoheit über die europäischen Reiche aufzubauen suchten, eine wichtige Rolle. Sie ersetzte die Formel vom „Haus Gottes“. Damit wurde implizit zum Ausdruck gebracht, dass die Leitung in der Welt an die Kirche übergehen sollte. Genau dagegen wurde nun das „heilige Reich“ gesetzt, das sich damit gegenüber der Kirche als selbständig darstellte. Die Sakralität des Reichs war von der Kirche unabhängig. Sakralität bedeutete vielmehr die Aura einer Unantastbarkeit, die von sich aus gegeben war.
So eigenartig es klingt: Mit dem „heiligen Reich“ wurde ein erster Schritt getan zur Schaffung eigener Grundlagen für ein weltliches Staatswesen, das sich gleichrangig mit der Institution der Kirche sehen konnte.
Die Integrität dieser neuen, unantastbaren Größe „Reich“ musste mit größtem Einsatz geschützt werden. Von dieser Überzeugung waren Friedrich Barbarossa und die Fürsten erfüllt. Deshalb reagierten sie so heftig auf jede Beleidigung, denn damit sahen sie die „Ehre“, den honor des Reichs verletzt. Außerdem sorgten sie dafür, dass die Heiligkeit des Reichs auch sichtbar wurde. Zu diesem Zweck ließ Friedrich Barbarossa 1165 Karl den Großen aus seinem Grab in Aachen holen und heiligsprechen. Der „Urvater des Reiches“ war nun ein Heiliger, und er war damit geeignet, das heilige Reich zu personifizieren. Aber damit gab man sich noch nicht zufrieden.
1164 entdeckte der engste Ratgeber Barbarossas, der Kölner Erzbischof Rainald von Dassel, in Mailand das Grab der Heiligen Drei Könige. Nie hatte man vorher etwas davon gewusst oder gehört. Erst mit dem Auffinden des Grabes begann auch die Existenz der drei heiligen Könige. Sogleich wurden die Gebeine nach Köln überführt und in herausragender Weise verehrt. Das heilige Königtum, so wurde damit signalisiert, ging schon auf die Zeit von Christi Geburt zurück. Damals gab es noch gar keinen Papst, so dass dessen Ansprüche auf irgendeinen Vorrang gegenüber der weltlichen Gewalt als völlig abwegig erscheinen mussten.
Aber die Formel vom „heiligen Reich“ bekam schon bald einen empfindlichen Dämpfer: Friedrich Barbarossa musste sich 1177 in Venedig Papst Alexander III., den er 18 Jahre lang bekämpft hatte, unterwerfen. Mit einer Gondel wurde der Kaiser zur Anlegestelle des Markusplatzes gefahren. Vor der Markuskirche war ein großes Gerüst aufgestellt, auf dem der Papst, die Kardinäle und die hohe Geistlichkeit Platz genommen hatten. Mit bloßen Füßen und im Büßergewand musste sich Barbarossa vor dem Papst zu Boden werfen. Dann küsste er dessen Füße bis zum Knie, wie ein englischer Beobachter berichtet. Auf dem Markusplatz hatten sich an die 6000 Personen aus ganz Europa versammelt, um diesem Spektakel beizuwohnen.
Dieser Akt vor dem Markusdom bedeutete einen tiefen Einschnitt in der Entwicklung des Kaisertums und auch des Reichs. Von nun an war der Weg dafür geöffnet, dass das Papsttum eine Kontrollfunktion nicht nur über den Kaiser, sondern auch über den König aufbauen konnte. Papst Innocenz III. war der erste, der infolge dieser Vorgänge dann im deutschen Thronstreit um 1200 bestimmte, wer als König anerkannt werden müsse.
Das „heilige Reich“ trat nun für geraume Zeit wieder in den Hintergrund. Doch im 13. Jahrhundert, unter Kaiser Friedrich II., wurde die Formel wieder aktiviert und fort-an mit der römischen Komponente kombiniert. Römische Notare, so weiß man heute, haben diese Formel in die Welt gesetzt, um die Ansprüche Friedrichs II. gegen den Papst zu unterstützen.
Damit war endlich das „Heilige Römische Reich“ als Name etabliert, interessanterweise zu dem Zeitpunkt, zu dem der Kaiser in den Endkampf mit dem Papst eintrat. Geradezu ein apokalyptischer Kampf wurde zwischen 1240 und 1250 zwischen dem Stauferkaiser Friedrich II. und den Päpsten Gregor IX. und Innocenz IV. ausgetragen. Gegenseitig verunglimpfte man sich als Antichrist und als Ungeheuer, das aus dem Meer aufsteigt, um die Welt zu vernichten. Es war ein Kampf, den der staufische Kaiser am Ende verlor.
Das „Heilige Römische Reich“ war eine wahrlich inhaltsschwere Bezeichnung mit stolzem Klang. Aber sie kam eigentlich zu spät, denn im 13. Jahrhundert drohte sie schon rasch zu einer leeren Formel zu werden. Nach Friedrichs II. Tod 1250 gab es erstmals über ein halbes Jahrhundert lang überhaupt keinen Kaiser mehr. Je bombastischer der Name, umso kläglicher die Wirklichkeit, so könnte man zu dieser Entwicklung sagen.
Nun setzte ein ganz anderer Prozess ein, auf die inneren Kräfte dessen gerichtet, was das Reich ausmachte, auf die Fürsten, die Bischöfe, die Herren und Städte. Nun schlug die Stunde der deutschen Provinzialität, die zur Formel von der „deutschen Nation“ führte.
4. Die deutsche Nation
Seit dem 13. Jahrhundert entfaltete sich das Fürstenreich ganz ungehemmt. Jetzt bildete sich das Kurfürstenkollegium heraus, das allein den König wählte. Im 14. Jahrhundert konnte es mit der „Goldenen Bulle“ sogar durchsetzen, dass der Papst aus der Königswahl wieder ganz ausgeschaltet wurde. So ist es nicht verwunderlich, dass die Kurfürsten auch auf den Bildern vom Reich erscheinen wollten. In Mainz wurden ihre Skulpturen auf das Stadthaus im Zentrum gestellt. Der Reichsadler erscheint nun mit zwei Köpfen, als Doppeladler, um die beiden Würden von Kaiser und Reich darzustellen.
Dieses Modell konnte man noch weiter ausbauen, so dass kurz nach 1500 ein sogenannter „Quaternionen-Adler“ erscheint. In diesen Adler waren die Herzöge, Markgrafen, Landgrafen, Burggrafen, Grafen, Edelfreie, Ritter, Städte, Dörfer und Bauern des Reichs hineingesetzt und vereinigt. Aus ihrem Dasein und aus ihrem Willen heraus, so wurde damit zum Ausdruck gebracht, existierte auch das Reich, das im Körper des Adlers versinnbildlicht war. Ja mehr noch: Sie alle zusammen bildeten selbst das Reich.
Damit war eine weitere, prägende Stufe in der Entwicklung des Reichs beschritten. Das Reich wurde nun als korporatives Gebilde verstanden, und dies vollständig aus einem säkularen Blickwinkel heraus. Der König oder Kaiser – darauf kam es immer weniger an – übernahm dabei eine eher symbolische Rolle. Er versinnbildlichte das Prinzip der Freiheit und Gleichrangigkeit aller Mitglieder dieser Korporation, auch wenn diese unterschiedlich mächtig waren. Die Bürger der Reichsstädte stellten daher Büsten und Figuren der Kaiser auf ihren Marktplätzen und Rathäusern auf. Deren Stein- und Gipsköpfe symbolisierten die Autorität, mit der die Werte der Reichsordnung in ihrer Verbindlichkeit gestärkt werden sollten: Freiheit, Treue, Gerechtigkeit und Glaube. Besonders die Freiheit galt es zu verteidigen gegen den Zugriff der Territorialherren.
Mit den Figuren oder Köpfen der Könige holte man sich eine fiktive Reichspräsenz in die eigenen Mauern. Gleichzeitig fügte man sich selbst ein in das „geheiligte“ Herrschaftskollektiv des Reichs. Den real existierenden Herrscher schätzte man in den Städten dagegen weniger, denn der stellte eher lästige Geldforderungen.
Überall begegnet uns jetzt, beginnend im 13. Jahrhundert, vor allem aber im 14. und 15. Jahrhundert, das Bild von der Vielfalt der Herrschaften, Lebensbereiche und Kulturen. In den Städten entstanden die Bruderschaften der Zünfte und Gilden, überall bildeten sich Dorf-, Rechts-, Kampf- und sonstige Gemeinschaften heraus. Die Hansen, also die Kaufmannsverbünde, spielten eine wichtige Rolle, aber auch Vereinigungen von Klöstern, Ritterorden und natürlich alle Kreise von Freunden und Verwandten. Der Nepotismus begann zu blühen. Die kulturelle Pluralität darf als ein Kennzeichen des spätmittelalterlichen Reichs gelten.
Je mehr nun die Kraft des Königtums zurückging, desto mehr entwickelten sich auf anderen Ebenen strenge Ordnungsgrenzen. Man grenzte sich gegenüber benachbarten Ordnungen gezielt und konsequent ab. Es entstand so etwas wie eine Vielfalt der ‚Gegenkulturen’.
Die Reichen in den Städten hielten sich ihre Armen in eigens gestifteten Armenhäusern. Das ehrbare Bürgertum hielt sich ein „Milieu der Nacht“, in dem Juden, Bettler und Dirnen zu einer Kultur des Bösen zusammengefasst wurden. Es tritt uns nun ein ganz anderes Mittelalter entgegen mit einer geradezu unüberschaubar vielgestaltigen Entwicklung.
Zu den Kulturen des Reichs zählt auch die Sprache seiner Bewohner. Auch hier ist zunächst die Vielfalt hervorzuheben. Der Sammelbegriff der diutschen Sprache ist in der Regel als Abgrenzung gegenüber der lateinisch-romanischen Sprache zu verstehen.
Eine einheitliche Sprache hat es nicht gegeben. Vielmehr war die Sprache von Dialekten geprägt, die sich eher auseinander entwickelten. Aber immerhin begann die Volkssprache auch im politischen und öffentlichen Leben seit dem 13. Jahrhundert eine zunehmend wichtige Rolle zu spielen. Das ging sogar so weit, dass ein berühmtes Rechtsbuch, der „Sachsenspiegel“, um 1230 behaupten konnte, „Der König von Böhmen ist kein Kurfürst, weil er kein Deutscher ist.“
Deutsch war überall auf dem Vormarsch: Urkunden wurden nun erstmals in diutsch abgefasst. 1240 stellte König Konrad IV. die erste diutsche Königsurkunde aus. Schon der berühmte „Mainzer Reichsfrieden“ von 1235, der die Stellung und Macht der Fürsten im Reich absicherte, wurde in diutsch abgefasst, um überall verstanden zu werden: über alle diutsch rich, so heißt es darin. Die „diutschen Landen“ begannen sich als neue Ordnungsstrukturen zu etablieren. Die lateinische Sprache dagegen büßte Schritt um Schritt ihren Monopolcharakter ein.
Auch in der Dichtung trat die diutsche Sprache seit dem 13. Jahrhundert in den Vordergrund, und zwar auch im politischen Diskurs. Die Spruchdichtung und Sangvers-Lyrik war dafür bestens geeignet. Singend und reimend übte man Kritik an den Zuständen der Politik und der Gesellschaft. Die Könige und Kaiser blieben dabei nicht verschont. Ob Walther von der Vogelweide, ob Friedrich von Sonnenburg oder gar Rudolf der Unverzagte, alle konnten sie mit beißender Ironie die Herrschenden angreifen. Der König wurde gleichsam volksnah und dichterisch „geohrfeigt“. Fast ist man geneigt zu sagen, dass Politik nun auch eine Sache des Volkes wurde.
Diese vielen Kulturen des Reichs wurden – wie heute – in starkem Maße vom Bildungsstand bestimmt. Seit dem 14. Jahrhundert entstanden Universitäten im Reich. Prag (1348) sollte man heute nicht mehr als deutsche Universität bezeichnen, so dass man mit Wien 1365 und Heidelberg 1386 beginnen kann.
Bei näherem Hinsehen wird man aber doch auch feststellen, dass es mit dem akademischen Bildungsstand des spätmittelalterlichen Reichs nicht so weit her war: Die Deutschen studierten wenig. Außerdem ist seit 1400 eine zunehmend kritische Einstellung gegenüber den Studierten herauszuhören. „Je gelehrter, je verkehrter“, so hörte man aus dem Volk. Wenn man schon studierte, dann das Falsche, nämlich die Artes liberales, also die Geisteswissenschaften. Gegenüber Frankreich und Italien, wo die Juristen und Ärzte nur so sprossen, nimmt sich dieser Befund, wie es scheint, ernüchternd aus. Sind die Deutschen schon auf Grund ihres spätmittelalterlichen Vorlaufs ein hoffnungsloser Fall im europäischen Bildungswettbewerb?
Möglicherweise, so möchte man mit einem Augenzwinkern hinzufügen, hat „Pisa“ ganz andere Wurzeln als wir bisher dachten. Aber der eigentliche Grund für das Studierverhalten unserer Vorfahren im 14. und 15. Jahrhundert dürfte einfach darin zu suchen sein, dass die Deutschen zu arm waren. Die Urbanisierung hinkte derjenigen in Flandern oder Oberitalien weit hinterher. Städte wie Köln und Nürnberg waren wirtschaftlich wahrlich nicht unbedeutend, aber im Vergleich mit Städten in Italien oder Flandern blieb dies alles doch bescheiden.
Die deutsche Kaufmannskultur war im Vergleich so unterentwickelt, dass sich in Venedig Spott über sie ergoss: Die deutschen Händler seien blind, nur die Nürnberger seien wenigstens einäugig. So sehen wir im Reich des späten Mittelalters zwar eine imposante kulturelle Vielfalt, aber aus wirtschaftlichen Gründen auch eine Kultur des kleinen Radius’, der Enge und der eingeschränkten Möglichkeiten. Immerhin hielt die Vielfalt der deutschen Länder, Regionen und Städte Optionen für Intensivierung und Spezialisierung bereit. Doch nur mühsam wurde der Abstand zu anderen Ländern und Regionen bis zum Ausgang des Mittelalters so weit verkürzt, dass sich im 16. Jahrhundert endlich die Aufholjagd zu lohnen begann.
Dieses Reich konnte nun, im 15. Jahrhundert, endlich als ein deutsches Reich verstanden werden. Seit 1474 lautete der offizielle Reichstitel dementsprechend „Heiliges Römisches Reich deutscher Nation“. Schon im Verlauf des 15. Jahrhunderts war der Begriff „Nation“ immer mehr in den Vordergrund gerückt. Auf den großen Kirchenkonzilien in Konstanz und Basel gliederte man die Teilnehmer in nationes. Mehr und mehr wurde der Begriff auch mit nationalem Gedankengut gefüllt.
Ein Beispiel dafür ist das „Buch der hundert Kapitel“, auch als „Oberrheinischer Revolutionär“ bekannt, entstanden um 1500 im Elsaß. Den Deutschen, so kann man da lesen, sei im Heilsplan Gottes eine besondere Rolle zugedacht. Ihre Sprache sei Ausdruck der kollektiven Erhabenheit aller Deutschen, denn Deutsch sei die Ursprache der Menschheit. „Adam ist ein tuscher man gewesen“, so wusste der Autor.
Die Deutschen würden vielfach immer noch Alemannen genannt, weil vor dem Turmbau zu Babel alle Männer deutsch gesprochen hätten. Da aber die deutsche Sprache die erste gewesen sei, müsse sie auch die letzte sein. Vor dem Ende der Zeiten werde daher die lateinische Sprache vernichtet und die deutsche wieder an den ihr gebührenden Platz gesetzt. In der ganzen Welt werde man dann deutsch sprechen, zumal Latein ohnehin die Sprache der Sklaven sei.
Die übelsten Lateiner aber hätten sich in Rom versammelt, und von dort komme ununterbrochen das Übel in die Welt. Allen Welschen könne man nur mit größter Verachtung und Feindschaft begegnen.
Diesem Urteil entsprach in auffälliger Weise die Propaganda, die vom Hof Kaiser Maximilians I. um 1500 ausging. Seine Kanzlei produzierte Mandate an die Reichsstände in großer Zahl. Darin stilisierte sich der Kaiser als Vertreter der deutschen Nation. Für einen Triumphzug, den er plante, sollte eine deutsche Frau „das Reich Germaniae“ darstellen, mit blondem offenem Haar und einer Krone auf dem Haupt, in den ausgebreiteten Armen Schwert und Szepter haltend, zu ihren Füßen der Reichsapfel.
Die Dame „Germania“, so sollte damit zum Ausdruck gebracht werden, sitze an der Stelle des Kaisers, in entsprechendem Ornat und mit denselben Herrschaftsinsignien. In den kaiserlichen Mandaten wetterte Kaiser Maximilian auch gegen die Franzosen – von ihm als „Erbfeind“ bezeichnet –, die sich die linksrheinischen Gebiete aneignen wollten. In der Einladung zum Reichstag nach Worms ist die Rede von „unser aller Erbfeind“.
Der Erbfeind in der christlichen Tradition war der Teufel. Nun wurde dieses christliche Stereotyp auf die politische Bühne übertragen. Auch die Türken wurden in solche Bilder einbezogen. Maximilians Deutschland-Entwurf brachte auf diese Weise erstmals ganz offiziell den nationalen Impuls in das Verständnis vom Reich.
In eine ähnliche Richtung gingen dann im 16. Jahrhundert auch die Bestrebungen bei den humanistischen Nationalisten. Sie forderten einen Wettkampf der Nationen. Dann werde sich zeigen, dass die Deutschen und die deutsche Nation allen anderen überlegen seien. Vor allem seien sie die einzigen in der Weltgeschichte, die nur aus Glaubenseifer heraus sich um die Welt gekümmert hätten. Alle anderen Imperien, so der Humanist Heinrich Bebel in einer Rede vor Kaiser Maximilian, seien reine Gewaltreiche gewesen. Allein bei den Deutschen sei dem Kaisertum Dauer beschieden. „Die Unsrigen nämlich“, so führte er aus, „haben alle Beschwernisse, alle Gefahren, überhaupt jeden Kriegszug auf sich genommen für Gott, für den Glauben, um die christliche Religion zu stärken.“
Auch das Klima begann man in den nationalen Dienst zu stellen. So stellte der Humanist Jakob Wimpfeling fest: „Deutschland steht allen voran wegen des wohltuenden Wehens der Winde, der Menge an breiten Flüssen und warmen Quellen, der angenehmen Nutzbarkeit von Forsten und Bergwäldern, des Mangels an grausamen und wilden Tieren, der großen Fruchtbarkeit des Bodens. Nichts von dem, was das Leben braucht, hat Gott Deutschland versagt: Reichtümer, Weiden, Seen, Feldfrüchte, Weinberge und Weine verschiedener Art, (…) Wolle, Leinen, Kleidung, Rinder, Pferde, Metalle: Gold, Silber, Kupfer, Eisen. Nicht nur die Berge, sondern auch die Flüsse Rhein und Donau sorgen dafür, dass Deutschland weder dem Paktolos noch dem Tajo nachsteht. Weit ab liegt es dagegen vom Meer, das Plato den Lehrmeister der Unredlichkeit nennt.“ Und Bebel fügte noch hinzu: „Es gibt kein Land der Welt, das so volkreich wäre, wo so viel Mut und Kraft wachse, was ja auch die fernsten Völker wissen. (…) Welches Volk hat seine Landesgrenzen so weit in alle Erdenwinkel ausgedehnt wie das unsere?“
Mit diesen humanistischen Feststellungen zur Lage der Nation kann die Geschichte des Reichs im Mittelalter abgeschlossen werden. Bis zum 16. Jahrhundert war es ein langer Weg mit ganz unterschiedlichen Konzeptionen von Reich und Herrschaft. Stets war dieses Reich, sei es nun ein fränkisches, ein ostfränkisches, ein römisches oder ein deutsches, eng verflochten mit Europa.
Dafür gibt es verschiedene Gründe, aber der vielleicht wichtigste war der, dass es kein Volk und kein anderes staatliches Gebilde in Europa gab und gibt, das von Nachbarn dichter umgeben ist als das Reich. Es war daher stets in vielfältiger und auch in besonderer Weise auf andere Völker und Staaten Europas bezogen. Dies konnte in einem intensiven transkulturellen Austausch geschehen, aber auch in einer Politik dezidierter Abgrenzung, die dann zur Identitätsbildung neuer Reiche in Europa nicht unerheblich beigetragen hat. Der französische König beispielsweise hat sich gerade in Auseinandersetzung mit dem Kaiser im 12. Jahrhundert emanzipieren und sich mit der Oriflamme des heiligen Dionysius eine eigene Sakralität zulegen können. Und noch ein letztes sei bemerkt: Mit dem Kaisertum war im Mittelalter stets die Vorstellung eines Friedensbringers verbunden. Vor allem im späten Mittelalter, als die tatsächliche kaiserliche Autorität immer schwächer wurde, wurde die Sehnsucht nach dem ‚Friedenskaiser’ laut. Berühmte Dichter wie Francesco Petrarca haben sie in pathetische Worte gegossen.
Frieden zu bringen, das könnte auch eine Aufgabe der heutigen Deutschen sein, sogar über Europa hinaus.
Pulsuz fraqment bitdi.