Kitabı oxu: «Die Rache der Mondgöttin»
Die Rache der Mondgöttin
Stefanie Kullick
Copyright © 2020 by

Drachenmond Verlag GmbH
Auf der Weide 6
50354 Hürth
http: www.drachenmond.de
E-Mail: info@drachenmond.de
Lektorat: Stephan R. Bellem
Korrektorat: Michaela Retetzki
Layout: Michelle N. Weber
Umschlagdesign: Alexander Kopainski
Bildmaterial: Shutterstock
ISBN 978-3-95991-699-8
Alle Rechte vorbehalten
Für Donatha,
weil wir uns rund um die Uhr zutexten können
und du mich verstehst,
auch wenn du manchmal so tust,
als wäre es nicht so.
Inhalt
Register der Namen
Playlist
Vor dreitausend Jahren
Prolog
1. Vom Skorpion, der auszog, einen Stier zu finden
2. Vertraue niemandem – schon gar nicht den eigenen Gefühlen
3. Du brauchst einen Plan
4. Du spielst zu viel GTA!
5. Eine unfreiwillige WG
6. Warum suchst du mich nicht?
7. Bei gebrochenen Knochen sparen Sie sich den Gang zum Apotheker und suchen Hilfe bei Ihrem Stern
8. Und wo geht’s hier nach Hause?
9. Typisch Stier
10. Wenn dein Gegenstück sich sorgt, mach dir Gedanken
11. Komm mir nicht zu nahe, du verrücktes Glühwürmchen!
12. Erwachen oder auch: Der Sprung ins Eiswasser
13. Eine geschafft, fehlen noch drei
14. Willkommen daheim
15. Merze aus, was dir Schmerzen bereitet
16. Vergangenes Leid ist heutiges Leid
17. Damals in Costa Rica
18. Spiel mit dem Feuer
19. Sieh mich an!
20. Auftragsmord für Anfänger
21. Die Waagschale kippt
22. Klappe halten, Herz, du bist nicht dran!
23. Ach, wärst du doch Mein
24. Wenn die Welt kopfsteht
25. Ja, ich will dich wirklich
26. Sobald du deinem Herz das Ruder überlässt, geht alles den Bach runter
27. Neu erwachende Gefühle
28. Wenn der Zweifel an dir nagt
29. Von verlorener Liebe
30. Wenn wir uns verlieren
31. Wasser, verdammt viel Wasser
32. Der Raserei verfallen
33. Ausgeliefert in mehrfacher Hinsicht
34. An deiner Seite
35. Freier Fall
36. Wohin des Weges?
37. Ich hab dich!
38. Wenn du nicht weißt wohin, halte dich an deine Freunde – vielleicht kennt einer von ihnen den Weg
39. Wer bist du für mich?
40. Das Orakel – muss man es vorher abfüllen?
41. Unbequeme Wahrheiten
42. Es war einmal
43. Und wenn wir fallen, dann gemeinsam
44. Ja, ich hab dich lieb und jetzt hau ab!
45. Alles auf eine Karte
46. Du hast zehn Minuten
47. Verzweifelte Zeiten erfordern verzweifelte Maßnahmen
48. Deine Entscheidung
49. Frei, endlich frei
Epilog
Anmerkungen zum Buch
Danksagung
Register der Namen
Sternzeichen und Sterne
Konstantin: Scorpio, der Skorpion; Schutzstern: Antares
Arianna: Taurus, der Stier; Schutzstern: Aldebaran
Leon: Leo, der Löwe; Schutzstern: Regulus
Viktoria: Virgo, die Jungfrau; Schutzstern: Spica
Antonia: Libra, die Waage; Schutzstern: Zubeneschamali
Pollux & Castor: Gemini, die Zwillinge; Schutzstern: Alhena
Jana: Cancer, der Krebs; Schutzstern: Altarf
Finn: Capricorn, der Steinbock; Schutzstern: Deneb Algedi
Laura: Sagittarius, der Schütze; Schutzstern: Kaus Australis
Emma: Aries, der Widder; Schutzstern: Hamal
Pisces, die Fische - aktueller Name unbekannt; Schutzstern: Kullat Nunu
Aquarius, der Wassermann - aktueller Name unbekannt; Schutzstern: Sadalsuud
Götter
Selene: Mondgöttin, der die Sternzeichen die Treue geschworen
haben
Zelos: Gott des Eifers
Nike: Göttin des Sieges
Kratos: Gott der Macht
Bia: Göttin der Gewalt
Menschen aus Konstantins bisherigem Leben
Julia: Jugendliebe und langjährige Freundin
Lukas: Bester Freund, studiert ebenfalls Jura
Philipp: Älterer Bruder
Playlist
Demons – Imagine Dragons Cover Version von KHS, MAX
und Sam Tsui (DER Song zu diesem Buch)
Bang Bang – Cover Version von KHS, MAX und Sam Tsui
Rewrite The Stars – Zac Efron & Zendaya
(The Greatest Showman OST)
Sweet But Psycho – Ava Max
Natural – Imagine Dragons
Look What You Made Me Do – Taylor Swift
Power Over Me – Dermot Kennedy
Be Alright – Dean Lewis
Without Me – Halsey
Ich bin bereit – Debby van Dooren (Vaiana OST)
Monster – Caissie Levy (Frozen The Broadway Musical)
Hold My Girl – George Ezra
Forgive Me Friend – Smith & Thell
Donner und Blitze – Vincent Malin
Willkommen Zuversicht – Kroner
Hurricane – Fleurie
A Million Pieces – Sam Tsui
Someone You Loved – Lewis Capaldi
Vor dreitausend Jahren
Nacht für Nacht zog Selenes Wagen über den Himmel. Mit ihr kamen die Dunkelheit, der Mond und die Sterne. Eifrig erfüllte die Göttin ihre Pflicht, bis sie eines Nachts über den Berg Latmos wanderte. Dort traf sie auf den Hirten Endymion und die beiden verliebten sich unsterblich ineinander. Von da an verbrachten sie die Nächte gemeinsam, umgeben von größtem Glück.
Doch war Endymion nur ein einfacher Mensch und somit sterblich. Von Angst erfüllt, den Geliebten zu verlieren, wandte die Mondgöttin sich an Zeus, damit er ihr in seiner Allmacht den Wunsch nach ewiger Jugend für Endymion gewährte. Der Göttervater erhörte ihr Flehen, doch verdrehte er das Ansinnen auf gar grausame Art.
Zwar segnete er den Hirten mit ewiger Jugend, doch die verbrachte er nicht an Selenes Seite, sondern in ewigem Schlaf. Betrogen und ihrer Liebe beraubt, verfluchte sie die Götter und schwor Rache. Selene holte die verbannten Sterne vom Himmel, auf dass diese ihr die Treue hielten, sie im Kampf unterstützten und zum Siege führten.

Prolog
Frankfurt am Main, Goethe Universität
12. März 2018 etwa 23:40 Uhr
Konstantin
Die Musik dröhnte aus den Boxen in den Ecken und die kleine Lichtorgel ließ fast so etwas wie Discoatmosphäre aufkommen. Gut, nicht wirklich, die sinkende Luftqualität sorgte eher für dieses Gefühl. In dem Kellerraum wurde es immer voller und stickiger.
Konstantin nippte an seinem Bier und beobachtete die Gäste. Heute war Montag, woran sich niemand störte. Die meisten von ihnen schwänzten morgen früh einfach die erste Vorlesung und schliefen aus. Die Leute ließen sich kaum noch zählen und sie alle waren wegen seiner Party gekommen. Nur mit Ellbogeneinsatz bahnte man sich einen Weg durch den Raum. Garantiert verstieß das gegen irgendwelche Brandschutzvorschriften. Andererseits hatte Konstantin beim Hausmeister des Studentenwohnheims einen Stein im Brett, sonst hätte er den Raum gar nicht erst nutzen dürfen.
Dieses Privileg gestattete Herr Schulz, der mit Argusaugen über den ihm zugewiesenen Gebäudekomplex wachte, nur wenigen. Konstantin wusste, wie man sich Freunde machte, und hatte direkt am Tag des Einzugs ins Wohnheim damit begonnen. Das Ergebnis der fast zweijährigen Bemühungen fand sich heute geballt auf knapp fünfzig Quadratmetern.
Von der Seite wurde er umschlungen und Julia drückte ihm einen Kuss auf den Hals. »Hallo, Geburtstagskind«, säuselte sie ihm beschwipst ins Ohr. »Genießt du die Party?«
Konstantin wollte sich zu seiner Freundin umdrehen, doch wurde er durch den Klammergriff daran gehindert. Daher rief er über die Schulter: »Noch habe ich nicht Geburtstag, aber ja, es ist nicht schlecht geworden.«
»Diese fünfzehn Minuten zählen doch nicht.« Julia verdrehte übertrieben die Augen. »Freust du dich auch schon aufs Geschenkeauspacken?« Sie drückte sich fester an ihn und presste die Brüste gegen seinen Arm. Dadurch gewährte sie Konstantin einen ausgezeichneten Blick in ihr Dekolleté. Unter dem tief ausgeschnittenen Top lugte ein roter Spitzen-BH hervor, den er ganz sicher noch nicht kannte. Anlässlich seines Geburtstags hatte sie sich in Schale geschmissen.
Sie waren seit dem Abi ein Paar, folglich kannte er sich mit Julias Unterwäsche bestens aus. »Auf dieses Geschenk freue ich mich ganz besonders«, beantwortete er die Frage grinsend. Konstantin, der einen Kopf größer war, beugte sich zu ihr und küsste sie.
Daraufhin lockerte Julia den Griff und gab ihm die Möglichkeit, sich in ihren Armen zu drehen. Kichernd öffnete sie die Lippen und neckte ihn mit der Zunge, dasselbe zu tun. Julia wusste, welche Wirkung sie auf ihn hatte, und nutzte das oftmals schamlos aus.
»Nehmt euch ein Zimmer!«, rief einer seiner Kumpel.
Jemand haute ihm kräftig auf die Schulter und beendete abrupt den Kuss. Sie schlugen mit den Zähnen aneinander und Konstantin drehte sich fluchend um.
»Das ist Erregung öffentlichen Ärgernisses!« Lukas sah ihn mit leuchtenden Augen an. Ganz offensichtlich hatte sein bester Freund schon tief ins Glas geschaut – oder eher in den Pappbecher.
»Sag mal, geht’s noch?!«, echauffierte sich Julia, wobei sie sich eine Hand auf den Mund drückte.
Lukas ignorierte sie komplett. Das Grinsen wurde immer breiter. »Kon, dafür könnte ich dich anzeigen.«
»Als ob, und selbst wenn, hättest du keine Chance. Meine Kreuzverhöre sind besser als deine. Das weißt du ganz genau.«
Bevor sein Kumpel etwas hätte erwidern können, kam Julia ihm zuvor: »Wenn das wieder ausartet, haue ich ab! Die Einzigen, die es lustig finden, sich Paragrafen und Gesetzestexte um die Ohren zu hauen, seid ihr selbst.« Ihr Schnauben war durch den Lärm nicht zu hören. Konstantin erkannte es daran, wie sich Julias Nasenflügel blähten.
»Lass dich nicht ärgern, Schatz. Lukas ist einfach neidisch und erträgt den Zustand als Dauersingle mit steigendem Pegel immer schlechter.« Er griff seine Freundin um die Taille und zog sie an sich. Ein kleiner Kuss auf die Wange würde die Wogen ausreichend glätten.
Julia wurde wieder locker und ließ die verschränkten Arme sinken. Jedoch ließ sie es sich nicht nehmen, Lukas einen finsteren Blick zuzuwerfen. Nüchtern waren sie ein Herz und eine Seele, besoffen gingen sie einander regelmäßig auf den Geist. Lukas wurde nervig und Julia zickig. Dann war es an Konstantin, zu vermitteln und zu verhindern, dass einer von beiden etwas sagte, was ihm mit klarem Kopf leidtäte.
Schlagartig verstummte die Musik und jemand rief laut: »Zehn!« Weitere Gäste stimmten ein. Bei »Acht!« hatte es auch der letzte begriffen und zählte den Countdown mit. Sobald sie bei null ankamen, wurden alle möglichen Glückwünsche durcheinandergebrüllt.
»Happy birthday!« Julia umfasste sein Gesicht und küsste ihn.
Konstantin war davon etwas überrumpelt und erwiderte den Kuss mit offenen Augen. Julia löste sich schnell von ihm. Offenbar wollte sie den anderen auch die Chance geben, ihm persönlich zu gratulieren. Seine Freunde hatten ihn umringt und warteten darauf, an die Reihe zu kommen.
»Alles Gute zur zweiten Null, Alter!«, rief Lukas hinter ihm und war der Meinung, ihm schon wieder auf die Schulter hauen zu müssen.
In ihrer Mitte leuchtete ein orangenes Licht auf und blendete ihn. Schützend hob er die Hand und schirmte die Augen ab. Konstantin befürchtete, etwas hätte Feuer gefangen. Das Licht wurde blasser und schrumpfte in sich zusammen, bis es einen Radius von etwa zehn Zentimetern hatte. Trudelnd schwebte es in der Luft.
»Hast du einen Geist gesehen?«, fragte Julia irritiert.
Konstantin konnte kaum den Blick abwenden. Trotzdem zwang er sich, seiner Freundin ins Gesicht zu sehen. »Woher soll ich denn wissen, ob das ein Geist oder was auch immer ist?« Nervös fuchtelte er in Richtung des Lichts, das gar nicht einsah, wieder zu verschwinden.
Julias Blick huschte in die Richtung, in die er deutete. Ihr Stirnrunzeln verstärkte sich. »Was siehst du denn da? Ist mit dir alles in Ordnung, Kon? Hast du zu viel getrunken?«
Gerade wollte Konstantin sie fragen, wie man diese Beinaheexplosion hätte übersehen können. Er klappte den Mund wieder zu. Stattdessen starrte er in die Gesichter seiner Freunde. Keiner von ihnen sah zum Licht. Sie alle blickten ihn an. Und die Blicke sprachen Bände. Von spöttisch über zweifelnd bis mitleidig war alles dabei.
Erlaubten sie sich einen Scherz mit ihm? War es ein Test? Nein, dann hätte spätestens jetzt einer von ihnen gelacht oder zu dem Licht gesehen, doch das tat niemand. Sie wollten ihn weder verarschen noch hielt irgendjemand das Handy hoch für eines dieser dämlichen Prank-Videos.
Außer ihm selbst sah niemand den fliegenden Lichtball. Aus dem erklang ein leises Kichern und Konstantin gingen fast die Augen über. Das Licht setzte sich in Bewegung und schwebte auf ihn zu. Er wich einen Schritt zurück und rempelte jemanden an.
»Kon, jetzt lass den Scheiß! Langsam machst du mir Angst.« Julias Stimmung schwankte zwischen wütend und besorgt.
Unbeeindruckt hielt das Licht auf ihn zu. Am liebsten wäre Konstantin weiter zurückgewichen. Spätestens dann hätten seine Freunde ihn für komplett irre erklärt. Jetzt schwebte es direkt vor seinem Gesicht. Es strahlte eine leichte Wärme aus. Konstantins Augen tränten, weil er den Blick nicht von dem Leuchten abwenden konnte. Das Licht stupste gegen seine Stirn. Wo es ihn berührte, prickelte die Haut.
Und dann geschah es.
»Antares«, hauchte Konstantin fassungslos.
Alle sahen ihn verwirrt an, aber das bekam er gar nicht mit. Bilder durchfluteten seinen Kopf in einem Tempo, das ihn schwindeln ließ. Konstantin fasste sich an die Stirn und stöhnte. Es war zu schnell, zu viel. Er vergaß, wo und wer er war. Was ging hier vor sich?
Als es vorbei war, wusste er nicht mehr, wie lange es gedauert hatte. Seine Gäste standen alle noch am selben Fleck. Es waren höchstens Minuten vergangen, falls überhaupt. Doch es hatte ausgereicht, ihn maßgeblich zu verändern.
Konstantin war nicht länger der Jurastudent aus gutem Haus, Bester seines Jahrgangs, in einer festen Beziehung mit dem hübschesten Mädchen der Sozialwissenschaftsstudenten. Alles, was er während der letzten zwanzig Jahre gewesen war oder hatte sein wollen, war nicht mehr wichtig. Dafür wog die Last der Erinnerungen von Jahrtausenden zu schwer.
»Immer wieder lustig zu sehen, was für ein blödes Gesicht du in diesem Moment machst, Scorpio«, begrüßte ihn das Licht spöttisch.
Sein Begleitstern hatte ihn pünktlich zum zwanzigsten Geburtstag geweckt. Konstantin zählte nicht mehr, wie oft sie sich schon in dieser Situation befunden hatten. Die Menschen, die ihn umringten, verloren jegliche Bedeutung. Er spürte nur einen schwachen Widerhall seiner Gefühle für sie, und auch dieser würde allzu bald verblassen.
»Es ist lange her. Lass uns gehen.« Mit einem letzten Blick in die Runde setzte Konstantin sich in Bewegung. Antares schwebte über seiner Schulter und begleitete ihn.
Weit kamen sie nicht. Jemand hielt ihn am Arm fest. Es war Julia. »Mit wem redest du?« Sie war kurz davor, in Tränen auszubrechen.
Konstantin seufzte. Wenigstens ein paar letzte Worte schuldete er ihr. »Es tut mir leid, ich kann nicht länger mit dir zusammen sein. Ich mach Schluss.«
Ihre Hand zitterte auf seiner Haut. Sie käme über ihn hinweg und fände schon bald einen anderen. Verehrer hatte Julia mehr als genug. Konstantin löste sich von ihr und steuerte die Tür an.
»Was soll das denn jetzt?!«, rief Lukas ihm hinterher.
»Am besten ihr vergesst alle, dass es mich jemals gegeben hat«, sagte Konstantin, ohne sich umzudrehen. Er verließ den stickigen Kellerraum und ging zur Treppe.
»Kon? Hey, Kon, ich rede mit dir!« Lukas steckte den Kopf durch den Türrahmen.
Konstantin ignorierte ihn und setzte seinen Weg fort.
Endlich war er aus dem Wohnheim draußen. Die kühle Nachtluft tat ihm gut. Er atmete tief ein und ordnete die endlosen Erinnerungen im Kopf.
»Das Dream-Team ist wieder vereint«, summte Antares fröhlich und das orangene Leuchten pulsierte leicht. Wie immer, wenn der Stern besonders guter Laune war.
Konstantin lächelte schief. »Das sind wir. Bring mich zu den anderen.« Das Bedürfnis, zu Selene zu eilen, wurde mit jeder Minute drängender. Nur wenn der Pakt erneuert wurde, ließ das Ziehen in der Brust nach. Die Magie der Mondgöttin band ihn schon jetzt. Gemeinsam verschwanden sie in der Nacht.
Scorpio war erwacht und mit ihm zehn weitere seiner Gefährten. Doch was war mit dem zwölften geschehen?
Zur selben Zeit in einer Höhle auf dem Berg Latmos
Selene
Die abnehmende Mondsichel war noch nicht aufgegangen, doch das war nicht von Belang. Sobald die Nacht anbrach, übernahm Selene die Herrschaft über den Himmel. Nur dann war es ihr möglich, hier zu sein. Sie saß am Lager ihres geliebten Endymion und betrachtete das vom Sternenlicht erleuchtete Antlitz. Zärtlich strich sie mit den Fingerspitzen über die schwarzen Locken.
Er hatte die Augen geschlossen und es fiel Selene schwer, sich an deren Farbe zu erinnern. Viel zu lange schon hatten sich diese wunderschönen Augen nicht mehr geöffnet. Nur das leichte Heben und Senken der Brust und der sanfte Herzschlag zeugten von Leben.
Mit bebenden Lippen küsste Selene ihn. Es war ein kurzer und einseitiger Kuss, der nicht erwidert wurde – noch nicht.
»Dieses Mal gelingt es. Das muss es einfach. Ich werde endlich den Bann brechen.« Langsam erhob sich Selene und verließ die Höhle. Sie sah über die Schulter und prägte sich das Bild ihres Geliebten gut ein. Bis zum Sommer bliebe sie diesem Ort fern. Man würde sie erwarten und ihr auflauern, nun, da ihre Getreuen erwacht waren.
Zeit für Besuche hatte sie ohnehin nicht. Es gab jede Menge zu tun und die Frist betrug lediglich vier Monate.
1

Vom Skorpion, der auszog, einen Stier zu finden
Frankfurt am Main, Sachsenhausen
29. März 2018
Konstantin
Mit dem Smartphone vor der Nase lief Konstantin am Mainufer entlang. Noch ein paar Hundert Meter und er erreichte die nächste Adresse. Die App führte ihn direkt in die verwinkelten Gassen von Sachsenhausen. Hoffentlich hatte er dieses Mal mehr Glück. Es war die siebte Frau, die er überprüfte. Die vorherigen hatten sich nicht als die gesuchte erwiesen. Die Wochen zogen ins Land, ohne dass er vorankam. Es war nervtötend.
Bei ihrem Zusammentreffen waren nur acht der Zeichen erschienen. So wenige wie nie zuvor. Mit Pisces und Aquarius rechnete ohnehin niemand mehr, die mussten zu ihrem Glück gezwungen werden. Bei Libra war es ein Glücksspiel, mal war sie motiviert, mal nicht. Doch es war zum ersten Mal passiert, dass es von Taurus’ Wiedergeburt kein Lebenszeichen gab.
Deshalb hatte Scorpio – oder Konstantin, wie er in diesem Leben hieß – beschlossen, Taurus als Erstes zu suchen. Wären sie in ländlicher Gegend geboren worden, würde es ihn vor keine große Herausforderung stellen. In einer Metropole wie Frankfurt und dem dicht besiedelten Umland wurde es ungleich schwieriger. Hier gab es zu viele Menschen, die am selben Tag Geburtstag hatten. Am effektivsten war das Ausschlussverfahren. Konstantin klapperte eine Adresse nach der anderen ab und hoffte aufs Beste.
Dabei nahm er sich zuerst diejenigen Zeichen vor, die in der Nähe geblieben waren. Zwar war es schon mal vorgekommen, dass eines der Zeichen in den ersten zwanzig Jahren seines Lebens nicht nur die Gegend, sondern das Land verlassen hatte. Zum Glück passierte das eher selten. Instinktiv blieben sie in der Nähe ihres Geburtsortes. Dieser war nicht zufällig. Schon überall auf der Welt waren sie wiedergeboren worden. Es geschah fast in jedem Jahrhundert. Immer in der Nacht einer Mondfinsternis, sofern dort zwanzig Jahre später eine totale Finsternis stattfände.
In ganz seltenen Fällen hatte eines der Zeichen den zwanzigsten Geburtstag gar nicht erst erlebt. Schon dreimal war einer von ihnen vorher durch Krankheit oder Unfall verstorben. Das war der beschissenste Fall von allen. In diesen Zyklen hatten sie von Anfang an verloren.
Die Navi-App führte Konstantin in die Paradiesgasse, was er irgendwie passend fand. Bisher war er nur nachts zum Feiern in diesem Viertel gewesen. Bei strahlendem Sonnenschein sah alles ungewohnt aus. Sein bisheriges Leben hatte sich größtenteils auf der anderen Seite des Mains abgespielt.
Die Karte auf dem Smartphone verschwand. Stattdessen lachte ihm ein Foto von Julia entgegen. Sie versuchte schon wieder, ihn anzurufen. Konstantin drückte sie weg und die Karte erschien erneut. Seit seinem Erwachen ignorierte er die Nachrichten und Anrufe von Freunden und Familie konsequent. Irgendwann würden sie aufgeben. Alle unerwünschten Nummern sollte er einfach blockieren. Dann hätte er seine Ruhe. Ein Rest Nostalgie für die Menschen aus seinem bisher unbeschwerten Leben hielt ihn noch davon ab.
Von sich selbst genervt sah Konstantin sich um und suchte nach der richtigen Hausnummer. Sobald er sie entdeckte, stahl sich ein Lächeln auf sein Gesicht. Es handelte sich um einen kleinen Blumenladen mit hübsch dekoriertem Eingangsbereich. Der Altbau war wie die meisten anderen Häuser der Straße mit Schiefer verkleidet. Das war vielversprechend!
Sollte es sich bei der Frau, die hier wohnte, tatsächlich um Taurus handeln, war Konstantin schon auf ihre Ausrede gespannt. Ihre Reaktion dürfte ebenfalls interessant werden, wenn man bedachte, wie sie beide zueinanderstanden. Astrologen sagten der Kombination von Stier und Skorpion feurige Leidenschaft voraus. Darüber konnte Konstantin nur müde lächeln, feurige Verachtung traf es besser.
Dabei konnte Taurus sich doch denken, dass es Scorpio wäre, der sie heimsuchte, wenn sie sich Selenes Ruf verweigerte. Seit Jahrtausenden war er die rechte Hand der Göttin.
Zielstrebig betrat Konstantin das kleine Geschäft. Ein Glöckchen klingelte, sobald es von der Tür angestoßen wurde. Hinter dem Tresen stand eine Frau mit welligen dunkelbraunen Haaren und band einen Blumenstrauß. Die Haarfarbe passte schon mal. Ganz egal, wie oft sie auch wiedergeboren wurden, sie sahen in jedem ihrer Leben ähnlich aus. Sie hob den Kopf und ihre Blicke trafen sich.
Volltreffer! Sein Gefühl bestätigte ihm augenblicklich, dass sie die Richtige war. Die Zeichen erkannten einander auf Anhieb. Dieses Mal hatte sie eindeutig Vorfahren aus dem Mittelmeerraum. Ihre Haut war gebräunt, was die Haare gut zur Geltung brachte.
Taurus lächelte ihn freundlich an. »Guten Tag! Kann ich dir helfen?«
Wie jetzt? Eigentlich müsste sie bei seinem Anblick genervt das Gesicht verziehen. Das machten sie immer so! Konstantin konnte es gar nicht leiden, wenn man jahrhundertealte Gewohnheiten ohne Vorankündigung einfach ablegte.
»Ich bin auf der Suche nach einem Blumenstrauß«, sagte er langsam und wartete darauf, Taurus aus der Reserve zu locken.
Sie lachte fröhlich. »Stell dir vor, ich habe so viele Blumen, dass ich sie sogar verkaufe.«
Okay … Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Taurus und er scherzten nicht. Nein. Niemals. »Kannst du mir etwas empfehlen?«
»Sicher, für wen sollen die Blumen denn sein? Deine Freundin?« Ihre braunen Augen leuchteten neckisch.
Flirtete sie ernsthaft mit ihm? Konstantin musterte sie noch einmal von Kopf bis Fuß. Sie war es. Daran bestand kein Zweifel. Die einzige Erklärung, die jetzt blieb, war diejenige, die ihm am wenigsten schmeckte. Taurus erkannte ihn nicht.
Vorsichtig sah er sich im ganzen Laden um. Es waren nur sie beide zusammen mit unzähligen bunten Blumen im Verkaufsraum. Das hieß jedoch nichts. Eines war sicher, er hatte sie zu spät gefunden. Jetzt wurde die Sache kompliziert.
»Nein, ich bin Single«, beantwortete Konstantin die indirekte Frage. »Sie sind für meine Mutter.«
Das Lächeln in ihrem Gesicht wurde breiter. »Hat sie Geburtstag?«
Klar, warum nicht? »Ja.«
»Kennst du zufällig ihre Lieblingsblumen?«
»Nicht wirklich.« Es war vollkommen egal, wie dieser blöde Strauß letztendlich aussah. So oder so würde er im nächsten Mülleimer landen.
»Okay, dann sag mir einfach, wie viel du ausgeben möchtest. Ich stelle dir etwas Schönes zusammen.« Während sie miteinander sprachen, hatte sie den Strauß, mit dem sie bisher zugange war, fertig gebunden.
»Dreißig Euro.« War das genug, um ihn wie einen liebenden Sohn aussehen zu lassen? Andererseits fragte Konstantin sich, ob er überhaupt so viel Geld im Portemonnaie hatte. Noch funktionierten seine Kreditkarten. Die Ungewissheit, wie lange das so blieb, verfolgte ihn seit ein paar Tagen. Gern hätte er einen größeren Betrag als Polster abgehoben. Bisher hatte er das nicht gewagt. Damit würde er eine Sperrung durch seinen Vater nur unnötig provozieren. Dieser hatte auf Konstantins Sinneswandel alles andere als positiv reagiert. Um vor Julia und den Studenten Ruhe zu haben, war er bisher nur ein Mal mitten in der Nacht ins Wohnheim zurückgekehrt. Dort hatte er die meisten seiner Klamotten in eine Reisetasche gestopft und war gleich wieder verschwunden. Stattdessen hatte er ein Zimmer in einem der zahlreichen Hostels angemietet.
Taurus kam hinter dem Tresen hervor und inspizierte die Ware. »Gerbera und Rosen gehen für Mütter immer.« Sie zupfte Blumen aus den Vasen und sammelte sie in der linken Hand.
Aus dem Hinterzimmer kam eine weitere Frau. Bei ihrem Anblick gefror das Blut in Konstantins Adern. Sie war hochgewachsen und hatte die langen blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst. Seine Anwesenheit ließ sie innehalten. Allerdings brachte er sie nur kurz aus der Fassung. Stattdessen schenkte sie ihm ein freches Grinsen. Ausgerechnet Nike hatte sich an Taurus geheftet. Die Göttin des Sieges zählte zu seinen vier persönlichen Plagegeistern.
Konstantin schluckte den Frust runter und lächelte zurück. Die vier tauchten immer auf, um den Zeichen das Leben schwer zu machen. In diesem Zyklus waren sie einfach früher dran als sonst. Es war ihnen verboten, einander zu töten. Das war die einzige Regel in diesem Spiel. Von schwerer Körperverletzung bis Gedächtnismanipulation – wie ganz offensichtlich bei Taurus geschehen – war alles erlaubt.
»Wie heißt du?«, fragte er sie, die Göttin ignorierend. Der einzige Weg, sein Ziel zu erreichen, war, ihr Vertrauen zu gewinnen. Konstantin hatte nicht damit gerechnet, ihr schmeicheln zu müssen. Zur Not bekäme er auch das hin. Es stand zu viel auf dem Spiel. Damit Taurus ihren Teil beitragen konnte, musste er sie aus den Fängen von Nike bekommen.
»Arianna, und du?«
Entschlossen machte er einen Schritt auf sie zu und hielt ihr die Hand hin. Die Göttin würde es nicht wagen, ihn anzugreifen, wenn sie die Täuschung aufrechterhalten wollte. »Konstantin Rauch, freut mich, dich kennenzulernen.«
Arianna ergriff seine Hand und schüttelte sie kurz und kräftig. Er spürte einen Ring an ihrem Finger. »Mich auch. Allerdings muss ich dich warnen, du brauchst dir keine Hoffnungen zu machen. Ich bin frisch verlobt.« Sie grinste liebestrunken.
Es könnte ein Zufall sein. Nikes siegessichere Lächeln, das er aus dem Augenwinkel sah, verhieß nichts Gutes. Hatte die Göttin Arianna verführt? Warum nicht? Wenn man nur nach dem Äußerlichen ging und außer Acht ließ, dass sie erklärte Todfeinde waren, wäre es ein echtes Schauspiel.
Um sich die Gedanken zu diesem Thema nicht anmerken zu lassen, strahlte Konstantin sie an. »Dann wären wohl Glückwünsche angebracht! Wann ist es so weit?«
»Danke, der Termin ist im August.«
War ja klar! Schließlich mussten die Götter Arianna nur bis Juli von ihren Gefährten fernhalten, damit sie diese Runde gewannen. Das Türglöckchen klingelte.
Das Leuchten in Ariannas Augen nahm zu. Ein junger Mann mit blonden Haaren schob sich an Konstantin vorbei, umfasste ihre Taille und drückte ihr einen schnellen Kuss auf die Lippen. »Hallo, Schatz!«
Ach. Du. Scheiße!
Nicht auch noch diese Pest von einem Gott! War Nike allein nicht schon schlimm genug? Musste sie wirklich ihren Bruder Zelos im Schlepptau haben?
Konstantin zwang sich, nicht das Gesicht zu verziehen, sondern höflich distanziert zu bleiben.
»Du bist heute aber früh«, wunderte Arianna sich.
Tja, wie das nur kam? Garantiert hatte Nike bei seinem Anblick einen Notruf abgesetzt. Immerhin wusste Konstantin nun, wer der zukünftige Bräutigam war.
»Du hast mir gefehlt. Da dachte ich, ich bummle ein paar Überstunden ab und komme früher nach Hause.« Zelos knabberte an ihrem Hals, wobei er Konstantin beobachtete. Seine Augen blitzten spöttisch.
Ja, danke! Auch ohne diese Vorstellung hatte er längst begriffen, wie sehr er am Arsch war.
Arianna kicherte und schob den Gott von sich. »Zac, ich habe Kundschaft. Das siehst du doch.«
»Tatsächlich? Ist mir nicht aufgefallen. Ich habe nur Augen für dich.«
Okay, jetzt wurde ihm so richtig schlecht. Ging es noch schwülstiger?
»Du bist unmöglich!«, rief sie aufgebracht. Doch Ariannas Blick sprach Bände. Sie genoss diese Zuwendung – zumindest glaubte sie das. »Entschuldige bitte, dass du warten musstest«, sagte sie an Konstantin gewandt und machte sich endgültig frei. »Ich binde den Strauß gleich fertig.«
»Alles gut, so ist das mit der jungen Liebe eben.« Er würde einen Teufel tun, mit nur einem Muskel zucken. Diese Befriedigung bliebe den Göttern verwehrt.
Arianna ging wieder hinter den Tresen und drapierte Blume für Blume mit großer Sorgfalt.
Wohingegen Zelos keine Anstalten machte, ihn vorbeizulassen. Selbst wenn, wäre Konstantin nicht so leichtsinnig, ihm den Rücken zuzukehren. Der Gott war der gefährlichste unter den Geschwistern.
Schon merkte er, wie sein Gegenüber versuchte, in seinen Kopf zu kommen. Während der letzten Jahrhunderte war dem Gott kein neuer Trick eingefallen. Die beste Verteidigungsmaßnahme gegen Zelos’ Beeinflussung war Ablenkung. Im Geiste sagte Konstantin Paragraf 203 aus dem Strafgesetzbuch auf. Die Verletzung von Privatgeheimnissen kam ihm passend vor. Etwa ab der Mitte verlor der Gott die Lust und brach die Attacke ab.
Wer hätte das gedacht? Ein Jurastudium eignete sich glatt als Schutzmaßnahme vor einem Gott. So schnell war Konstantin ihm noch nie vom Haken gekommen.
»Ich wäre fast eingeschlafen«, flüsterte Zelos. »Womit hast du in diesem Leben bisher deine Zeit verschwendet, Scorpio?«
»Versuch das noch mal und du bekommst eine weitere Kostprobe.« Sein Blick huschte zu Arianna. Sie hatte nichts bemerkt. Zelos ließ sie mental auf rosa Wolken schweben.
Kurz darauf war sie fertig und stutzte einen Augenblick, als sie die beiden Männer immer noch mitten im Verkaufsraum stehen sah. Konstantin warf Zelos einen drohenden Blick zu und der Gott trat beiseite. Auf dem Weg zum Tresen zog er zwei Geldscheine aus dem Portemonnaie.
Arianna hielt ihm den Strauß entgegen. »Gefällt er dir?«
»Ja, der ist echt klasse. Vielen Dank!«
Beschwingt drehte sie sich um und riss einen großen Papierbogen von der Rolle an der Wand. »Ich packe ihn dir noch ein, damit er den Transport überlebt.«
»Das ist nett.« Konnte sie sich nicht ein bisschen beeilen? Mit jeder Minute, die er auf winzigem Raum mit gleich zwei seiner Widersacher verbrachte, wurden Konstantins Nerven dünner.
Nike streckte die Hand aus. »Lass mich doch schon mal abrechnen«, sagte sie zuckersüß.
Er holte tief Luft und wappnete sich. Im Gegensatz zu Zelos nahm die Göttin den direkten Weg, daher wusste er, was auf ihn zukam. Langsam schob er die Scheine über den Tresen. Sie packte seine Hand.
Nike verbrannte die Haut, wo sie ihn berührte. Konstantin zuckte nicht mal. Damit hatte er gerechnet. Stattdessen benutzte er seine eigene Fähigkeit und vergiftete sie. Scorpios Gift tötete nur Menschen, keine Götter. Allerdings würde sie die ganze Nacht lang kotzen. Was war Nike auch so blöd, ihn freiwillig anzufassen, nur für ein paar Brandblasen?
Lächelnd nahm er den Strauß entgegen, verabschiedete sich und verließ das kleine Geschäft. Zu gern hätte er Zelos beim Gehen ebenfalls gestreift und vergiftet, doch leider funktionierte diese Fähigkeit nicht mehrmals hintereinander. Es dauerte einige Stunden, bis die Kraft sich regenerierte und ihm wieder zur Verfügung stand.
Sobald die Tür zugefallen war, kamen seine wahren Gefühle zum Vorschein. Gern hätte er Zelos eine verpasst. Das würde Arianna übernehmen, wenn sie wieder bei Sinnen war. Er wollte gar nicht daran denken, wozu der Gott Konstantins Gefährtin in ihrem Liebeswahn brachte und was er womöglich alles mit ihr anstellte. Sonst müsste er die ganze Nacht lang kotzen.
Apropos Nacht, wann ging endlich die Sonne unter? Er musste sich dringend mit Antares beraten. Sein Blick fiel zur Seite auf die Klingelschilder. Auf einem von ihnen stand: A. Gallo.
Konstantin zog das Smartphone aus der Tasche und prüfte die Uhrzeit. Bis Sonnenuntergang dauerte es noch fast zwei Stunden. Was konnte er in der Zwischenzeit machen? Direkt vor dem Laden herumlungern fiel aus. Arianna sollte Vertrauen zu ihm fassen und ihn nicht für ihren neuen Stalker halten.
Die Straße runter war ein Biergarten, an dem Konstantin auf dem Hinweg vorbeigekommen war. Dort würde er etwas essen und sich somit die Zeit vertreiben. Antares fand ihn überall. Seitdem sie ihre Verbindung neu belebt hatten, stand ihm sein Hilfsstern in jeder Nacht bei.
Konstantin nippte an der Cola und schmiegte sich fester in seine Jacke.
Vor einer Weile war die Sonne hinter den Häusern verschwunden und hatte die zarte Frühlingswärme gleich mitgenommen. Es dauerte nur noch Minuten, bis sie vollständig unterging. Auf dem Tisch vor ihm lag der Blumenstrauß. Er hatte seine Meinung geändert und ihn behalten. In dieser Nacht würde er einer Frau einen Besuch abstatten. Dafür konnte er ihn gebrauchen.
Neben ihm flackerte ein orangenes Licht auf und Konstantin lächelte.
»Was gibt’s Neues?«, fragte Antares gut gelaunt. »Du guckst, als wäre dein Haustier gestorben. Hast du Taurus immer noch nicht gefunden?«
In weiser Voraussicht hatte er sich in die hinterste Ecke gesetzt. Hier bekam man seine Selbstgespräche weniger mit. »Ich habe sie gefunden, und genau da liegt das Problem.«
»Sollte ihr Fund nicht dein vorhandenes Problem lösen, statt ein neues zu schaffen?«
Seufzend erzählte Konstantin von den Erlebnissen des Nachmittags. Antares schwirrte in der Zwischenzeit um ihn herum und lauschte. Sobald er fertig war, sagte der Stern: »Du steckst echt in der Scheiße!«
Konstantin knurrte genervt. Ein paar Tische weiter drehte sich ein Pärchen in seine Richtung und er zwang sich zur Beherrschung. »Was du nicht sagst, Captain Obvious!«, zischte er leise.
»Was hast du jetzt vor?«
»Wir gehen gemeinsam noch mal hin und spähen die Lage aus. Taurus wohnt über dem Laden. Vielleicht ist sie jetzt allein. Danach statten wir Selene einen Besuch ab. Hoffentlich hat sie eine Lösung. Immerhin ist es ihr Wille, Taurus zurückzubekommen.«
»Glaubst du wirklich, die Göttin wird uns helfen?«, Antares klang skeptisch.
»Nicht mit ihren eigenen Händen. Du weißt, dass sie den gewählten Zufluchtsort nach Möglichkeit nicht verlässt. Und wer kann es ihr verdenken?«
»Stimmt schon. Also hoffen wir auf einen Tipp. Immerhin besser als nichts.« Heute war Antares ganz besonders spitzfindig, erst recht für ein Wesen, das aus Sternenlicht bestand.
»Du solltest schwarz leuchten statt orange«, gab Konstantin augenrollend zurück.
»Schwarz? Das steht mir nicht. Ich bleibe bei meinem gesunden Teint.«
»Dann lass die Schwarzmalerei. Für Pessimismus bin ich zuständig.«
Der Stern kicherte und hüpfte auf und ab. »Können wir los?«
»Ich habe nur auf dich gewartet.« Konstantin winkte einer Kellnerin zu, zog einen kleinen Schein hervor und platzierte ihn auf dem Tisch.
Ariannas Laden war nicht weit entfernt. Nach wenigen Minuten waren sie da. Schon von Weitem entdeckten sie das rote Leuchten, das vor den Fenstern des ersten Stocks auf und ab schwebte.
Die beiden zogen sich in eine dunkle Straßenecke zurück. Konstantin stieß einen leisen Pfiff aus. Abrupt hielt das rubinfarbene Licht inne und sank zu ihnen herab.
»Was ihr hier macht, muss ich wohl nicht fragen«, sagte Taurus’ Schutzstern mit hoher Stimme.
»Die Frage sollte eher lauten: Was machst du hier, Aldebaran?«, erwiderte Konstantin kalt. »Deinen Job schon mal nicht.«
»Sei nett zu ihr«, warf Antares ein. Im Gegensatz zu den beiden Zeichen selbst, kamen ihre Sterne gut miteinander aus.
Aldebaran ignorierte ihn. Ihr Licht pulsierte wütend und sie sah aus wie ein Glühwürmchen im Blutrausch. »Ich kam zu spät. Als die Zeit gekommen war, hatte dieser widerliche … dieser ekelhafte …« Sie war so wütend, ihr fehlten die Worte.
»Dreckskerl, Schleimer, Lackaffe, Sohn eines Titanen und der Totenfluss-Göttin?«, half Konstantin weiter.
»Dieser … Mistkerl und seine vermaledeite Schwester lassen mich nicht an Arianna ran. Einer von beiden klebt immerzu an ihr. Ein Mal ist es mir gelungen. Sie hat mich noch nicht mal angesehen. Was ich auch mache, es wirkt nicht.« Sie schnaubte frustriert.
Konstantin traute seinen Ohren nicht. »Soll das heißen, du schwirrst jede Nacht vorm Fenster rum und bist nicht mal auf die Idee gekommen, dich bei Selene oder mir zu melden? Hast du eine Vorstellung davon, wie wir die letzten Wochen verbracht haben?« Er beantwortete die Frage selbst. »Wir haben nichts anderes getan, als auf der Suche nach Taurus junge Frauen zu suchen, zu finden und zu überprüfen. Hättest du dich gleich gemeldet, nachdem du sie nicht wecken konntest, hätten wir beide deutlich weniger unserer Zeit verschwenden müssen!«
Die Stimmung eines Sterns ließ sich nur am Leuchten und seinem Tonfall erkennen. Sie besaßen keine Gestalt, die zu Gesten oder gar Mimik fähig gewesen wäre. Aldebarans Licht wurde grell. Damit zeigte sie ihm quasi den Mittelfinger. »Und hast du eine Vorstellung davon, was dieser Gott«, sie ließ es wie eine wüste Beschimpfung klingen, »meine Taurus glauben lässt? Sie denkt doch tatsächlich, er wäre ihre große Liebe!«
»Erspare mir die Details, mir ist schon schlecht. Ich bin sicher, Taurus genießt es. Zumindest solange sie unter diesem Bann steht. Anstatt ihr Hilfe zu besorgen, damit sie sich irgendwann mal selbst helfen könnte, schwirrst du sinnlos vorm Fenster rum. Ich bin wirklich froh, dass du nicht mein Stern bist. Mit dir an meiner Seite wäre ich so was von aufgeschmissen.« Konstantin schnaubte verächtlich.
Schlagartig ließ Aldebarans Leuchten nach. »Ich kann sie unmöglich allein lassen. Ich muss doch an ihrer Seite bleiben.«
»Und dafür lässt du sie so lange in Zelos’ Fängen? Glaubst du, sie wird dir das danken?«
»Warum nur bist du immer so giftig?«, jammerte Aldebaran.
Konstantin wollte ihr gerade sagen, dass das in seiner Natur lag, doch so weit kam er nicht.
Antares schwebte an die Seite seiner Artgenossin. »Das reicht jetzt. Wir müssen eine Lösung finden, statt uns Vorwürfe zu machen.«
Missmutig verkniff Konstantin sich einen weiteren blöden Spruch. »Die Götter weichen nicht von Taurus’ Seite, sagst du?«
Das rote Leuchten nahm wieder zu. »Sie sind bei ihr eingezogen. Nachts sind Zelos und Nike bei ihr. Tagsüber meist nur Nike, wie ich herausgehört habe. Sie hält sich im Hintergrund. Sobald ich mich endlich nähern kann, kommt mir einer von ihnen in die Quere. Kaum ist die Sonne untergegangen, sind sie sehr vorsichtig.«
Das war zu erwarten gewesen. Am Tag konnten die Zeichen nur auf ihre jeweilige Fähigkeit zurückgreifen und waren nicht mehr als ein verfluchter Mensch – das war wortwörtlich zu verstehen und nicht beleidigend. Wenn der Mond den Himmel übernahm und die Sterne an ihre Seite traten, hatten sie gemeinsam ein paar Asse im Ärmel.
Versöhnlicher erwiderte Konstantin: »So war es heute auch. Zuerst war nur Nike da. Sobald sie mich entdeckte, dauerte es etwa fünf Minuten und Zelos stand auf der Matte. Es dürfte schwierig werden, an Taurus heranzukommen.«
»Was machen wir jetzt?«, fragte Aldebaran trostlos.
»Wir suchen Selene auf. Sie wird eher wissen, wie wir gegen diese Gedächtnismanipulation ankommen, wenn selbst deine Berührung nicht hilft.« Konstantin vergrub seine geballte Faust in der Jackentasche und stapfte die dunkle Straße entlang. Die beiden Sterne folgten ihm dichtauf. Ihr pulsierendes Leuchten in Orange und Rot täuschte das Auge. Aus dem Augenwinkel wirkte es, als stünden die Häuser hinter ihnen in Flammen.
Es war ein passendes Bild. Konstantin hatte das dumpfe Gefühl, dass die Sache mit Taurus ihm noch viele schlaflose Nächte bereiten würde. Warum hatten sich die Götter ausgerechnet sie schnappen müssen? Jedem anderen Zeichen wäre er lieber nachgejagt.
2

Vertraue niemandem – schon gar nicht den eigenen Gefühlen
Frankfurt am Main, Sachsenhausen
29. März 2018
Arianna
Arianna hatte sich auf einen schönen Nachmittag mit Zac gefreut. Es kam nicht oft vor, dass ihr Verlobter früher Feierabend machte. Stattdessen saß sie allein auf dem Sofa und zappte durch die Fernsehkanäle, weil er sich um seine Schwester kümmerte.
Schon nachmittags hatte Nicky sich schlecht gefühlt. Inzwischen blockierte sie seit Stunden das Badezimmer. Arianna erhöhte seufzend die Lautstärke. Beim lauten Würgen und Fluchen ihrer Schwägerin in spe wurde ihr ganz anders. Es war unbegreiflich, wie Zac es mit seiner Schwester so lange im selben Raum aushielt.
Sie liebte ihn für diese Art der Fürsorge, aber manchmal war die Schwesterliebe etwas übertrieben. Nicky lebte seit ein paar Wochen bei ihnen, während sie in Frankfurt auf Jobsuche war. Wie sie den finden wollte, wenn sie tagsüber nur in Ariannas kleinem Blumenladen rumhing, war ihr ein Rätsel. Zac zuliebe sagte sie nichts, denn Nicky war nicht allzu motiviert, von ihrer Seite zu weichen.
Arianna vermisste die Zweisamkeit. Auch wenn sie seit Jahren ein Paar waren, hatte sie von ihrem Freund noch lange nicht genug. Sie stutzte bei diesem Gedanken. Wann hatte sie Zac noch mal kennengelernt? Und vor allem wo? Es fiel ihr nicht ein. Ihre Gedanken fühlten sich verknotet an. Sie kannte Zac schon ihr halbes Leben lang. Wieso erinnerte sie sich dann nicht daran, wie er als Kind ausgesehen hatte oder ob sie zusammen zur Schule gegangen waren?
Beunruhigt setzte sie sich auf und schnappte sich ein Sofakissen. Wenn sie unruhig wurde, brauchten ihre Hände etwas zu tun. Nervös knetete sie das Kissen und dachte nach. Etwas stimmte nicht mit ihr, sonst hätte sie gewusst, wie lange sie und Zac schon ein Paar waren. Sie planten doch gerade ihre Hochzeit!
Unschlüssig betrachtete Arianna ihr Wohnzimmer. Es war genau so eingerichtet, wie sie es mochte, mit gedeckten Farben sowie vielen Pflanzen und Fotos. Zac hatte ihr beim Einzug vollkommen freie Hand gelassen. Nirgends war sein Einfluss zu sehen.
An den Kauf der Couch, auf der sie saß, erinnerte sich Arianna noch bestens. Eigentlich war das gute Stück zu groß für die Altbauwohnung. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen. Sie hatte ein paar Freunde aus der Berufsschule engagiert und die hatten fluchend und schwitzend die Garnitur nach oben geschleppt. Im Anschluss hatte Arianna allen Pizza und Bier spendiert. Es wurde eine der besten Partys, die diese Wohnung je gesehen hatte.
Etwas störte Arianna an der Erinnerung, auch wenn sie nicht benennen konnte, was. Inzwischen war der Stoff leicht abgewetzt und die letzte Party in ihren vier Wänden eine Weile her. Die Bilderrahmen, die auf der Wohnwand drapiert waren, zogen sie magisch an. Von der Sofa-Aktion war auch eines dabei und es zählte zu ihren liebsten Bildern.
Sie ließ das Kissen los und stand auf. Einem Impuls folgend, betrachtete sie besagtes Bild. Es zeigte Arianna umringt von ihren Schulfreunden bei einem Selfie in der neuen Wohnung. Eine Person fehlte, und zwar die wichtigste in ihrem Leben. Von Zac war auf diesem Schnappschuss nichts zu sehen. Warum hatte er ihr damals eigentlich nicht geholfen? Immerhin war er Ariannas Jugendliebe. So lange, wie sie sich kannten, wäre die Bezeichnung Sandkastenfreunde fast angebracht.
Ihr Blick schweifte zu den anderen Fotos. Auf fast allen war Arianna zu sehen, entweder mit Freunden oder ihrer Familie. Eine komische Ahnung stieg in ihr auf und sie betrachtete eingehend jedes Bild. Von Zac gab es genau ein einziges und das hatten sie vor ein paar Wochen beim Ausflug in den Vergnügungspark geschossen. Auf dieses Date hatte Arianna sich im Vorfeld lange gefreut, da Zac wegen der Arbeit monatelang kaum Zeit für so was gehabt hatte.
Warum gab es keine anderen Fotos von ihrem Verlobten oder seiner Familie? So nahe, wie er und Nicky sich standen, sodass er sogar ihre Haare hielt, wenn sie sich stundenlang übergab, sollte man doch meinen, es gäbe in seiner Wohnung ein Foto von ihr.
Seine Wohnung … nein, das stimmte nicht. Das hier war ihre Wohnung.
Wo war dieser Gedanke denn jetzt hergekommen? Arianna freute sich doch schon auf den gemeinsamen Nestbau. Warum schloss sie Zac aus? Beunruhigt nahm sie das Bild aus dem Vergnügungspark zur Hand. Mit dem Daumen strich sie über das Glas. Seit Jahren waren sie ein glückliches Paar. Wo waren die Fotos, die diese Liebe dokumentierten?
Im Flur klappte eine Tür. Nicky stöhnte gequält und rang sich ein paar Worte ab: »Wenn mir dieser Mistkerl das nächste Mal über den Weg läuft, lasse ich ihn dafür büßen.«
Zac schnaubte. »Du bist selbst schuld. Was lässt du ihn auch so nah an dich ran? Du solltest doch wissen, dass Scorpio gerissen ist und uns gefährlich werden kann.«
Verdutzt horchte Arianna auf. Worüber sprachen die beiden da nur? Ein Bild blitzte in ihrem Geist auf. Es war der junge Mann von heute Nachmittag, der einen Blumenstrauß für seine Mutter gekauft hatte. Er war ihr sofort bekannt vorgekommen, dabei war er ihr vollkommen fremd. Sie musste zugeben, dass er attraktiv war. Wäre sie mit Zac nicht so glücklich, hätte sie glatt schwach werden können bei diesen leuchtend grünen Augen und den schwarzen Haaren. Sie standen ihm gut. Wie war sein Name gewesen?
Konrad? Nein, Konstantin. Arianna kannte niemanden, der so hieß. Dieses Gefühl von Vertrautheit musste sie sich eingebildet haben.
Missmutig schüttelte sie den Kopf und betrachtete wieder das Bild in der Hand. In letzter Zeit schweiften ihre Gedanken öfter ab. Sie hatte den Geschwistern nebenan gar nicht mehr zugehört, so sehr war sie versunken.
»Du wirst deine Chance noch bekommen. Jetzt, wo er sie gefunden hat, kommt er garantiert wieder.«
Nicky gab ein unbestimmtes Brummen von sich, das in ein Röcheln überging und schlagartig nur noch halb so laut war. Die Dielen knarrten und Zac erschien im Türrahmen.
»Wovon sprecht ihr?«, fragte Arianna verwundert.
Ihr Freund sah sie mit großen Augen an. »Was machst du da? Ich dachte, du guckst fern.«
»Habe ich auch, dann wollte ich mir die Fotos ansehen. Warum gibt es nur das eine von uns? Wo sind all die anderen?«
Zacs Mundwinkel zuckte. Mit ausgreifenden Schritten durchquerte er das Wohnzimmer und nahm ihr das Bild ab. »Das ist nichts, worüber du dir Sorgen machen müsstest.«
Trotzdem war sie beunruhigt. Irgendetwas stimmte hier nicht. »Aber …«
»Sch …«, unterbrach Zac sie, »du liebst mich doch und vertraust mir? Es ist egal, wie viele Fotos wir haben.«
War es das wirklich?
»Sieh mir in die Augen«, forderte Zac und Arianna kam der Aufforderung bereitwillig nach.
Sie liebte diese Augen.
»Wir brauchen keine Fotos.« Seine Stimme war süß wie Honig. »Auf unserer Hochzeit werden wir ganz viele aufnehmen lassen.«
Ja, die Hochzeit. Warum hatte Arianna sich gesorgt? Es war doch alles gut!
Zac fuhr fort. »Du liebst mich und ich liebe dich, mehr musst du nicht wissen.«
Er hatte recht. Die Liebe zu ihm war das Wichtigste in ihrem Leben. Alles andere war zweitrangig.
Zärtlich ergriff Zac ihre Hand und zog sie mit sich. »Es ist spät, wir sollten ins Bett gehen.«
Bei seinem Blick über die Schulter wurde ihr ganz warm und Arianna ging mit Freuden mit. Zac liebte und respektierte sie so sehr, dass er – vom Küssen mal abgesehen – keinen Finger an sie legte, weil er bis zur Eheschließung damit warten wollte. Wie konnte sie da an ihm zweifeln? Mit jedem Schritt, den sie mit ihm ging, fühlte sie sich leichter. Hier wurde sie geliebt. Es war alles gut. Die Zweifel waren vergessen.
3

Du brauchst einen Plan
Frankfurt am Main, Innenstadt
29. März 2018
Konstantin
Eine Straßenbahnfahrt später stand Konstantin vor dem prunkvollen Hotel, in dem Selene sich dieses Mal einquartiert hatte. Nicht dass sie dafür bezahlte. Sie benutzte den gleichen Trick wie Zelos. Somit erfüllte ihr der Inhaber mit Freuden jeden Wunsch – egal wie exzentrisch oder teuer er war. So war es immer. Nicht dass es Konstantin störte. An einem solchen Ort waren seine Gefährten bis zur kommenden Mondfinsternis gut aufgehoben und beschützten einander.
Der Portier sah ihn inzwischen nicht mehr schief von der Seite an. Stattdessen nickte er zum Gruß. Während der ersten Tage hatte Konstantin mit der schwarzen Schlüsselkarte winken müssen, um überhaupt eingelassen zu werden. Man konnte es dem Mann nicht verdenken. Die Gäste, die das Luxushotel für gewöhnlich besuchten, trugen feine Anzüge oder schicke Kleider und kamen nicht in Jeans und Hemd, während sie ein Gesicht zogen, als stünde ihnen eine Darmspiegelung bevor.
Mit dem Blumenstrauß in der Hand und zwei Sternen im Rücken, die außer ihm niemand sah, durchquerte Konstantin zügig die Lobby. Ihre Pracht beeindruckte ihn nicht. Mit seinem Vater war er schon öfter in solchen Hotels abgestiegen. Alles glänzte, überall war Marmor, es gab einen Springbrunnen, einige ausgewählte exotische Pflanzen und die Mitarbeiter lächelten so breit, als hätte der Joker persönlich ihnen mit dem Messer die Mundwinkel erweitert. Das Einzige, was sich unterschied, war die jeweilige Anordnung.
Mit der Schlüsselkarte entriegelte Konstantin den Privatfahrstuhl. Die Türen öffneten sich mit einem melodiösen Ping. Antares und Aldebaran folgten ihm in die großzügige Kabine. Durch die Schlüsselkarte steuerten sie automatisch das richtige Stockwerk an. Sie verbrachten die Fahrt schweigend.
Als sich die Türen öffneten, schwebte Taurus’ Stern neugierig in den offen gestalteten Raum. Die Präsidentensuite, die Selene für sich und ihre Getreuen beanspruchte, war riesig. Sie bestand aus mehreren Zimmern und bot ausreichend Platz für allerlei Gäste. Die meisten seiner Gefährten lümmelten in den Sesseln, aßen, betranken sich oder sahen fern. Konstantins Erscheinen folgte interessiertes Gemurmel.
Er selbst gesellte sich eher selten zu den anderen. Dafür fehlte ihm schlichtweg die Zeit. Seine Aufgabe war zu wichtig, um unnötig zu trödeln. Darum wohnte er auch nie im Unterschlupf der Göttin. Die Gefährten hätten ihn abgelenkt. Klar wäre Konstantins Leben hier angenehmer gewesen, doch genau davor hatte er Angst. Wenn er sich dem Müßiggang hingäbe, würde er keine Ergebnisse mehr erzielen. Sobald alle Zeichen vereint waren, konnte er über einen Umzug nachdenken. Meist schaffte er es erst kurz vor der Mondfinsternis, sie alle zu Selene zu bringen – wenn überhaupt.
So blieb er der ungesellige Einzelgänger, der es tunlichst vermied, der Mondgöttin auf der Tasche zu liegen. Für ihn fühlte es sich falsch an, mehr von ihr zu nehmen, als unbedingt nötig war.
Beim Anblick des roten Sterns drehte sich Virgo, die dem Fahrstuhl am nächsten saß, zu ihnen um. Die schwarzen Korkenzieherlocken hüpften durch die schwungvolle Bewegung auf und ab. »Hast du sie endlich gefunden … Konstantin?« Sie gewöhnten sich erst an ihre neuen Namen.
»Ja…«
Aldebaran fuhr ihm über den Mund, schoss zur Verkörperung der Jungfrau und klagte ihr Leid. Spica, Virgos hellblauer Stern, stimmte augenblicklich in die Empörung ihrer Artgenossin ein. Warum nicht gleich so? Was Konstantin sich alles hätte sparen können, wäre dieser dämliche Stern früher aufgetaucht …
Das Geschnatter nervte ihn. Suchend sah er sich um, doch Selene war nirgends zu sehen. Aldebaran würde dafür sorgen, dass die Gefährten auf den neuesten Stand kamen. Es war Konstantins Pflicht, die Göttin auf dem Laufenden zu halten.
Leo bemerkte seinen Blick und deutete mit einem Kopfnicken zu einer der drei Schlafzimmertüren. »Sie ist da drin.«
»Warte hier auf mich«, sagte er an Antares gewandt.
Der Stern trudelte zu den anderen.
Bedächtig ging Konstantin in die ihm gewiesene Richtung. Wenn Selene sich trotz des kürzlichen Einbruchs der Nacht zurückgezogen hatte, wollte er sie eigentlich nicht stören. Nur war seine heutige Entdeckung zu wichtig.
Er klopfte an. »Hier ist Scorpio. Ich würde gern etwas mit dir besprechen.«
Nach wenigen Sekunden erhielt er eine Antwort. »Komm herein.«
Konstantin drückte die Klinke herunter und trat ein. Das Zimmer war nur spärlich beleuchtet. Die Mondgöttin lag lediglich mit einem Bademantel bekleidet auf dem Bett. Das schwarze Haar breitete sich in feuchten Wellen über den Kissen aus. Sie las in einer Zeitschrift, während sie mit Schokolade überzogene Erdbeeren aß.
Konstantin legte die rechte Faust auf die Brust und verneigte sich tief. »Ich grüße dich, Selene. Ich habe dir etwas mitgebracht.« Aus dem Augenwinkel behielt er sie im Blick und wartete darauf, sich wieder aufrichten zu dürfen, während er ihr den Blumenstrauß entgegenstreckte.
Ungeduldig wedelte sie mit der Hand. »Du brauchst doch nicht so förmlich zu sein.«
»Du kennst mich«, sagte er schmeichelnd und schenkte ihr ein Lächeln.
»Leg die Blumen auf den Tisch.« Selene nahm eine weitere Erdbeere und stand anmutig auf.
»Ich habe Taurus gefunden«, verkündete Konstantin, während er ihrer Aufforderung nachkam.
Nur kurz hielt sie inne. »Hat sie mich verraten?« Zorn flackerte in ihrem Gesicht auf.
Zwar war das Verhältnis beider Zeichen nicht herzlich, trotzdem wollte er Arianna nicht unnötig Ärger bereiten. »Sie ist nicht erwacht, von ihrer Bestimmung weiß sie nichts.«
Langsam kam Selene auf ihn zu und setzte sich in einen der beiden Sessel. »Wie kann das sein? Was ist mit dem Stern?« Die Göttin machte eine einladende Geste zu dem anderen Sessel.
Konstantin schnaubte, während er sich setzte. »Der kommt nicht an sie ran und beschwert sich gerade nebenan darüber. Nike und Zelos haben sich an Taurus’ Fersen geheftet. Zelos beeinflusst sie und Taurus glaubt, er würde sie bald heiraten.«
Selene verzog das Gesicht. »Das arme Ding! Was hast du jetzt vor?«
»Ich muss mir etwas einfallen lassen, wie ich an Taurus herankomme. Ich hatte gehofft, du könntest mir dabei helfen.«
»Erzähl mir, was du herausgefunden hast.«
Konstantin erstattete Bericht und erwähnte auch die Dinge, die Aldebaran ihm erzählt hatte. »Ich muss sie aus diesem Bann befreien, damit sie dir dienen kann.«
»Das kannst du nicht«, erwiderte die Göttin schlicht.
Konstantin, der sich in der Hoffnung auf göttlichen Beistand gerade entspannt hatte, fuhr erschrocken hoch. »Was soll das heißen? Ist sie in diesem Zyklus für uns verloren?«
»Du kannst den Bann nicht auflösen. Er könnte jedoch verblassen, wenn du Zelos die Gelegenheit nimmst, ihn zu erneuern. Eine solch große Beeinflussung des eigenen Wesens bedarf regelmäßiger Kontrolle und Verstärkung«, erklärte sie.
»Wenn nicht mal Aldebaran an den Göttern vorbeikommt, wie soll mir das gelingen? Ich kann nicht gegen beide gleichzeitig kämpfen.«
»Nein, das wäre selbst für dich zu viel.«
»Kann ich ihr nicht einfach die Wahrheit sagen? Besteht die Chance, den Bann damit lösen zu können?«
Selene legte den Kopf schief. »Das würde ich lassen. Womöglich sträubt sie sich gegen die Wahrheit und ihr vernebelter Verstand sperrt sich erst recht dagegen, zu erkennen.«
»Wie lange muss sie von Zelos getrennt sein, damit der Bann verblasst?«, wollte Konstantin wissen.
»Ein paar Tage dürften reichen.«
»Tage? Heute hatte ich vielleicht zwei Minuten mit ihr allein.«
»Es wird dir gelingen. Ich habe vollstes Vertrauen in deine Fähigkeiten. Bisher hast du mich noch nie enttäuscht. Denk in aller Ruhe darüber nach, dann wirst du eine Lösung finden.« Selene lächelte zärtlich.
Konstantin spürte die uralte Verbindung, die sie untereinander hatten. »Hab Dank, dass du mich angehört hast. Ich werde dich nicht länger stören.« Konstantin erhob und verneigte sich schnell. Zum stillen Sitzenbleiben und die Hände in den Schoß legen war er nicht der Typ. Untätigkeit machte ihn unruhig. Wenn er nervös war, kam sein Naturell besonders schnell zum Vorschein. Nur selten hatten sein schwarzer Humor und die bissigen Kommentare ihm gute Dienste geleistet. Was weitere Gründe dafür waren, sich besser von den meisten seiner Gefährten fernzuhalten. Manche von ihnen waren etwas … empfindlich.
»Scorpio!« An der Tür angekommen, rief Selene ihn zurück.
Lächelnd drehte er sich um. »Kann ich noch etwas für dich tun?«
»Leo kann dir helfen«, teilte sie ihm mit.
Das war doch etwas. Normalerweise erlaubte Selene es den Zeichen nur ungern, den Rückzugsort zu verlassen. Die Gefahr, den Feinden in die Hände zu fallen, war zu groß. Was dann mit ihnen passieren konnte, sah man gerade am Beispiel von Taurus. Konstantin war der Einzige, dem es gestattet war, nach Belieben zu kommen und zu gehen, weil er Selenes Botengänge erledigte. Er neigte den Kopf. »Danke, er wird mir eine große Hilfe sein.«
Sobald er die Tür hinter sich geschlossen hatte, schwirrte Antares zu ihm. »Was sagt sie?«
»Wir sind für heute noch nicht fertig.«
Antares’ Licht wurde ein bisschen schwächer. »Du bleibst dir also treu und weigerst dich nach wie vor zu lernen, was das Wort Feierabend bedeutet.«
»Komm mit.« Gemeinsam gingen sie zu Leo, dem Zeichen des Löwen. Mit ihm verstand Konstantin sich am besten. Sie waren sich ähnlich und eine lange Freundschaft verband sie.
Leo hatte sich neben Virgo auf eines der Sofas gesetzt. Im Fernseher lief eine Krimiserie. Ganz offensichtlich gehörte ein Netflix-Account zu den Annehmlichkeiten der Suite. Schlafmöglichkeiten, bester Zimmerservice rund um die Uhr und alle Blockbuster und Serien, die man sich nur wünschen konnte – bis zum Sommer wäre die Hälfte der Zeichen fett und man bräuchte ein Stemmeisen, um ihre Hintern vom Ledersofa zu lösen.
Selene wusste, wie sie es ihren Getreuen bequem machte. Alle zogen nach ihrem Erwachen kurzfristig zu ihr. Die einzige Ausnahme bildeten für gewöhnlich Scorpio, gelegentlich Libra und die Fahnenflüchtigen Aquarius und Pisces.
Gemeinsam lebten sie bis zu ihrem Einsatz sorgenfrei und sicher. Zelos und seine Geschwister wagten es nicht, den Stützpunkt der Mondgöttin offen anzugreifen. Das war verlockend. So müsste Konstantin sich keine Sorgen über die drohenden Geldprobleme machen. Doch kam es für ihn einfach nicht infrage. Er hatte das dringende Bedürfnis, nicht auf Selenes Gunst angewiesen zu sein, sondern sie sich zu verdienen. Das konnte ihm nur gelingen, wenn er alle Zeichen für sie versammelte.
»Hey«, begrüßte er Leo knapp.
»Na, was gibt’s?« Sein Kumpel grinste fröhlich und ließ die strahlend weißen Zähne sehen. Mit der blonden Lockenmähne und den goldbraunen Augen sah er wirklich wie ein Löwe aus. Hallo, Klischee! Trotzdem mochte Konstantin ihn, sein Herz war am rechten Fleck – ebenfalls ein Klischee. Was man von seiner großen Klappe nicht behaupten konnte. Oder doch? Immerhin waren Löwen für ihr Gebrüll bekannt.
»Du darfst mir helfen, Taurus zurückzubekommen.«
»Bin dabei. Aldebaran ist wirklich außer sich. Wenn ich nur dran denke.« Leo machte würgende Geräusche. Virgo streckte angewidert die Zunge raus.
»Wo ist der Stern?«, fragte Konstantin, dem erst jetzt das Fehlen des roten Lichtes bewusst wurde.
»Sie ist zurück zu Taurus«, erklärte Virgo. »Wie willst du ihr helfen?«
Mit dem Zeichen der Jungfrau hatte Konstantin kein Problem. Deshalb weihte er beide in den Plan ein. Zumindest in den Teil, der während der vergangenen zehn Minuten in seinem Kopf bereits Gestalt angenommen hatte.
Von da an beschattete Konstantin täglich den Blumenladen und kaufte einen Blumenstrauß. Dummerweise kamen ihm die Osterfeiertage dazwischen und er verlor wertvolle Zeit. Die Tage, an denen Ariannas Laden geschlossen hatte, waren für ihn nur schwer zu ertragen gewesen. Er musste herausfinden, wie lange es dauerte, bis die Götter ihn bemerkten. Es vergingen nur Minuten, bis Nike auf ihn aufmerksam wurde. Von diesem Zeitpunkt an waren es exakt fünf weitere, bis auch Zelos dazukam. Das Zeitfenster war winzig, obwohl Konstantin verschiedene Uhrzeiten ausprobierte. Arianna störte sich nicht an seinen täglichen Besuchen.
Nike hingegen erdolchte Konstantin mit Blicken, tat davon abgesehen jedoch nichts Verräterisches. Auch wahrte sie einen gewissen Abstand, um weiteren Magenbeschwerden vorzubeugen. Es war ihm nur recht. Bis Antares die Brandblasen nachts geheilt hatte, waren sie ziemlich schmerzhaft gewesen.
In der Zwischenzeit traf Leo die nötigen Vorkehrungen. Diese waren fast abgeschlossen und morgen Nachmittag würden sie zuschlagen. Wäre er gläubig gewesen, hätte er dafür gebetet, dass alles nach Plan verlaufen würde. Doch da er wusste, bei welchen Göttern ein solches Gebet im Zweifelsfall ankäme, sparte er es sich.
Die Tür fiel klappernd ins Schloss und Konstantin entfernte sich ein paar Schritte vom Laden. Er blieb in der Fußgängerzone stehen, schloss die Augen und genoss die Sonne. Sollte er Selene gleich Bericht erstatten oder erst später am Abend?
»Hey, Kon«, grüßte ihn jemand.
Wie vom Blitz getroffen riss er die Augen auf. »Julia!« Überrascht drehte er sich zu seiner Ex um.
Sie sah nicht gut aus. Ihr fehlte das übliche Strahlen und sie war blass. Außerdem wirkten ihre Haare strähnig, und das, obwohl sie immer auf ihr Äußeres und besonders ihre Frisur achtete.
»Was machst du hier?«, fragte er.
»Die Frage ist wohl eher, was machst du hier eigentlich jeden Tag? Stalkst du diese Blumenverkäuferin oder ist sie deine neue Freundin? Stehst du jetzt auf den einfachen Typ?«
Konstantin war perplex. Wieso wusste Julia von den täglichen Besuchen? »Davon abgesehen, dass dich das nichts mehr angeht, woher willst du das wissen?«
»Ich hab dein Handy geortet, Einstein. Seit Tagen pendelst du von einem Hostel in Bornheim zu einem Luxushotel oder diesem Laden und wieder zurück. Bitte komm wieder nach Hause. Ich vermisse dich und Lukas auch.«
Innerlich stöhnte er. In den Zeiten vor GPS und Smartphones war es definitiv leichter gewesen, in einer großen Stadt unterzutauchen und dem bisherigen Leben aus dem Weg zu gehen. »Ich komme nicht mehr zurück. Vergesst mich einfach.«
»Machst du irgendeine Krise durch? Ist dir das Studium vielleicht zu viel geworden? Kon, ich will dir beistehen, nur musst du mich auch lassen. Ich bin nicht die Einzige, die sich um dich sorgt. Deiner Familie geht es ebenso.«
Konstantin riskierte einen Blick zum Blumenladen. Im Schaufenster stand Zelos und beobachtete sie beide. Zu ihrem eigenen Schutz musste er Julia schnellstmöglich loswerden. Es war zu gefährlich, wenn sich der Gott für sie interessierte. Womöglich käme Zelos auf die Idee, über sie an Konstantin ranzukommen. Er musste improvisieren, damit sie in Sicherheit war. »Ich schlafe mit einer anderen, okay? Schreib mich lieber ab. Ich habe dich längst vergessen.«
Julia sah ihn an, als hätte er sie geschlagen. »Du lügst.« Ihre Stimme zitterte. Tränen sammelten sich in ihren Augen.
»Was glaubst du denn, für wen ich jeden Tag Blumen kaufe?« Konstantin gab sich bewusst gehässig. Julia tat ihm leid, doch es war sicherer für sie, nicht mit ihm gesehen zu werden.
Dicke Tränen liefen ihre Wangen hinab. »Du bist so ein Arsch!«, rief sie mit bebenden Lippen. Dann drehte sie sich um und lief davon.
Konstantin seufzte, das war nicht nett, aber nötig gewesen. Er zog sein Smartphone aus der Tasche und suchte nach einem Handyladen in der Nähe. Er brauchte dringend eine Prepaidkarte, deren Nummer niemand aus seinem alten Leben kannte.
4

Du spielst zu viel GTA!
Frankfurt am Main, Sachsenhausen
10. April 2018
Arianna
Die letzten Tage waren seltsam gewesen. Zac war viel öfter zu Hause. Entweder machte er früher Feierabend oder hatte etwas vergessen, ohne das er nicht durch den Tag kam. Nicky war seit der Magen-Darm-Grippe zickig. Sie war wohl noch nicht wieder auf dem Damm und es lag daran.
Arianna fragte sich, ob ihr neuer Stammkunde auch heute vorbeikäme. Seit seinem ersten Besuch war Konstantin jeden Tag hier gewesen und hatte Blumen gekauft. Da wurde sie glatt neidisch. Sie selbst hatte schon länger keine mehr bekommen. Niemand hielt es für nötig, dem Blumenmädchen welche zu schenken. Immerhin war Arianna den ganzen Tag von ihnen umgeben. Gedankenverloren drapierte sie ein paar Töpfe im Schaufenster.
Die Türglocke läutete und sie hob den Kopf. Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Da war er ja! Konstantin lächelte und begrüßte sie.
Sie freute sich wirklich, ihn zu sehen. Zwar hatte er nie viel Zeit, trotzdem wechselten sie immer ein paar nette Worte miteinander. »Was kann ich heute für dich tun?«
»Machst du auch Blumenschmuck für Autos bei Hochzeiten?«
»Ja, sicher, aber ich dachte, du wärst Single?«
Konstantin lachte leise. »Ich bin nur der Trauzeuge. Es geht um meinen Kumpel. Der ist allerdings fürchterlich pingelig, was den Lack betrifft. Sind seine Sorgen berechtigt?«
Arianna verdrehte die Augen. »Männer und ihre Spielsachen.«
»Da sagst du was.«
»Dem Auto passiert natürlich nichts.«
Konstantin spähte in den hinteren Teil des Ladens und fragte: »Könntest du ihm das vielleicht selbst sagen? Er parkt in der Seitenstraße und wartet da. Dann kannst du ihm gleich zeigen, wo man was befestigt und so. Seine Zukünftige wäre bestimmt erleichtert, wenn sie endlich den Blumenschmuck bestellen könnte.«
Eine Hochzeit war immer eine große Sache, nicht nur für das Brautpaar, sondern auch für die beteiligten Dienstleister. Deshalb freute Arianna sich, wenn sie einen solchen Auftrag an Land zog. Jedoch waren es sonst die Bräute, die mit besonderem Fingerspitzengefühl behandelt werden mussten, nicht deren Männer. »Klar, das ist kein Problem. Ich sage meiner Schwägerin nur noch Bescheid, dass ich kurz draußen bin.«
Konstantin musterte sie zerknirscht. »Wir haben leider echt nicht viel Zeit. Kannst du nicht schnell mitkommen und gucken? In spätestens fünf Minuten bist du wieder da.«
»Das dauert doch keine Minute«, antwortete Arianna verwundert.
»Bitte.« Konstantin sah ihr tief in die Augen.
Seufzend gab sie nach. Irgendetwas hatte er an sich, dass sie ihm vertraute. »Na schön, wenn wir uns beeilen.«
Konstantin strahlte und hielt ihr die Ladentür auf. Arianna schlängelte sich vorsichtig zwischen den Blumentöpfen hindurch und ging an ihm vorbei. Heute war es angenehm warm draußen. Der Frühling meinte es gut mit ihnen und man konnte an manchen Tagen schon auf eine Jacke verzichten.
»Wo ist das Auto?«
»Gleich da vorn um die Ecke.« Konstantin deutete die Straße entlang. Er blieb dicht an ihrer Seite.
»Weißt du, welche Blumen dem Brautpaar vorschweben?« Arianna wollte sich vorab ein Bild machen.
»Na ja, was man für Hochzeiten so nimmt. Rosen und so was.«
Skeptisch zog sie eine Augenbraue hoch. »Rosen und so was, wirklich?«
Er grinste frech. »Sehe ich so aus, als wüsste ich bei dem Thema Bescheid?«
Arianna betrachtete ihn demonstrativ von oben bis unten. »Zugegeben, du siehst nicht wie jemand aus, der sich für den Blumenschmuck einer Hochzeit interessiert. Bestimmt schenkst du den Kleidern mehr Aufmerksamkeit.«
»Den Kleidern? Warum sollte ich mich denn für die interessieren?«
»Da stellen sich als Trauzeuge schon ein paar Fragen, wenn man ewig neben einem Haufen Brautjungfern steht. Wie bekommt man das Ding auf? Oder: Wie würde das wohl vor meinem Bett aussehen?« Betont unschuldig wartete sie auf den Konter.
»Soll das heißen, du hältst mich für einen Aufreißer?«
»Willst du behaupten, ich irre mich?«, hielt Arianna dagegen.
Konstantin lachte und schob sie um die Ecke. »Glaub mir, ich bin vielschichtiger, als du denkst.«
Sie wollte etwas erwidern, doch brachte sein Verhalten sie zum Stutzen. Hatte er einen Blick über seine Schulter geworfen? Arianna wollte gerade fragen, ob alles in Ordnung war, da blieb Konstantin stehen.
Vor ihnen lehnte ein Mann an der Fahrertür eines silbernen Audi. Sobald sie in Sichtweite kamen, stellte er sich gerade hin und lockerte die verschränkten Arme. Konstantins Freund schenkte ihr ein Zahnpasta-Werbelächeln und streckte die Hand aus. »Es freut mich, dass du Zeit hast. Ich heiße Leon. Du kannst mich Leo nennen.«
Verwundert griff sie zu. Ihr war, als hätte sie ihn schon mal gesehen. »Leo …«, sagte sie langsam.
»Treffend, findest du nicht? Da haben meine Eltern Instinkt bewiesen. Wie heißt du?«
»Arianna. Du machst dir also Sorgen um dein Auto?«
»Ja«, rief er lächelnd aus und wirkte dabei alles andere als besorgt. Er öffnete die Tür hinter dem Fahrersitz und winkte Arianna näher. »Meine Verlobte will unbedingt eine riesige Schleife auf dem Dach, als wäre das Auto ein Geburtstagsgeschenk. Ich hab keine Ahnung, wie man die festmachen soll, ohne den Lack in Mitleidenschaft zu ziehen.«
Arianna ging näher heran. »Das ist eigentlich ganz einfach. Das Band selbst wird innen am Himmel befestigt und auf dem Lack ist nur der weiche Stoff.«
»Aha«, machte Leo skeptisch. »Wo würdest du es denn befestigen?«
Sie steckte den Kopf ins Fahrzeug und tippte auf den Bezug, mit dem der Himmel bespannt war. »Etwa hier.«
Konstantin beugte sich ebenfalls näher zu ihnen. »Wo genau?«
Bereitwillig tippte Arianna ein weiteres Mal an besagte Stelle, auch wenn sie sich von den beiden ein bisschen bedrängt fühlte. Er kam noch näher und schubste sie ohne Vorwarnung ins Auto. Gleichzeitig riss Leo die Fahrertür auf und warf sich auf den Sitz. Konstantin kletterte hinter Arianna auf die Rückbank und zog die Tür zu.
Sie begriff nicht, was hier passierte.
Er brüllte: »Fahr los!«
Mit lautem Röhren erwachte der Motor und das Auto machte einen Satz nach vorn. Aus dem Radio dröhnte Musik.
»Was soll denn das?«, rief Arianna verärgert vom Fahrzeugboden. Sie hatte sich das Knie und den Kopf gestoßen. Durch das Geschaukel des Wagens war es schwierig für sie, sich auf die Rückbank zu ziehen.
»Scheiße, da sind sie schon!«, rief Konstantin. »Gib Gas!«
»Danke, das weiß ich auch ohne deine schlauen Kommentare«, murrte Leo und trat das Gaspedal durch.
Arianna hatte sich so weit sortiert, dass sie aus dem Fenster sehen konnte. Zac lief über den Fußweg und versuchte sie einzuholen. Dicht hinter ihm waren Nicky und ein weiteres Paar. Diese beiden kannte sie nicht, doch offensichtlich wollten sie Zac helfen, sie zu befreien.
Erst jetzt begriff Arianna wirklich, was los war. Ihr netter neuer Stammkunde war dabei, sie zu entführen. Panisch riss sie an der Tür, um aus dem Auto zu springen. Noch fuhren sie nicht allzu schnell. Sie war verschlossen. Auch der elektrische Fensterheber versagte Arianna den Dienst. Sie war gefangen. Verzweifelt trommelte sie mit den Händen an die Scheibe und rief nach Zac.
»Du solltest dich lieber anschnallen«, riet Konstantin. »Die Fahrt wird holprig.« Nach vorn rief er: »Bia und Kratos sind auch aufgetaucht. Wenn sie uns kriegen, sind wir am Arsch!«
Sie fuhren um eine Kurve und von Zac war nichts mehr zu sehen. Eine ungeahnte Wut ergriff von Arianna Besitz. Anstatt sich anzuschnallen, stürzte sie sich auf Konstantin. Vielleicht ließ sich seine Seite öffnen. Er hielt sie fest. Sie schaffte es nicht, die Tür zu erreichen. Mit aller Kraft riss sie sich los und kratzte und schlug auf ihren Entführer ein. »Lasst mich hier raus, ihr Dreckskerle!« Arianna landete ein paar gute Treffer. Dann gelang es ihm, ihre Oberarme zu packen und nach hinten zu drücken. Jetzt saß sie halb auf seinem Schoß. Er atmete schwer und funkelte sie wütend an. Eine blutende Kratzspur verlief über die rechte Wange.
»Komm runter!«, blaffte er. »Ich hatte nicht vor, dich zu fesseln oder zu knebeln. Wenn du dich nicht beruhigst, werde ich es tun. Das alles hier ist zu deinem Besten.«
Arianna schnaubte und wollte sich befreien – vergeblich. »Erzählst du das allen, die du entführst, dass es zu ihrem Besten wäre? Hat das schon mal eine geglaubt?«
»Das hier ist keine Entführung, sondern eine Rettungsaktion«, gab Konstantin ruhiger zurück. »Du musst aus diesem Einfluss raus, dann wirst du es erkennen.«
»Was für einen Blödsinn redest du da eigentlich?« Arianna wollte mehr sagen,
Leo unterbrach sie.
»Ich störe nur ungern, aber wir bekommen Gesellschaft.«
Konstantin sah über die Schulter und fluchte. Er schob Arianna zur Seite. »Jetzt schnall dich endlich an und versuch, nichts Blödes anzustellen.«
Die Panik in ihr wurde immer größer. Seit wann hatte sie eine so schlechte Menschenkenntnis? Wieso war sie so leichtgläubig mit einem Entführer mitgegangen? Immerhin war sie keine sieben Jahre alt!
Sie schossen durch die Straßen von Sachsenhausen und wurden immer schneller. Arianna sah ebenfalls nach hinten. Durch den dichten Verkehr schlängelte sich ein schwarzer Wagen, den sie nur zu gut kannte. Zac hatte die Verfolgung aufgenommen. Er würde sie einholen und retten, ganz bestimmt!
Leo lenkte heftig nach rechts und Arianna wurde gegen die Tür gedrückt. Hinter ihnen ertönte ein wütendes Hupen.
»Kannst du das Radio ausmachen? Es nervt!«, rief Konstantin über die laute Hip-Hop-Musik hinweg.
»Weißt du, wer noch nervt?«, gab Leo zurück und drehte am Lautstärkeregler.
»Ich kapier nicht, wie du dich bei diesem Lärm auf die Straße konzentrieren kannst. Gibt dir das einen Kick? Ist die Aktion hier für dich wie ’ne Runde GTA? Gleich fängst du an, Polizeiwagen zu rammen, Prostituierte zu prellen und Passanten zu überfahren? Vielleicht finden wir noch einen Mafiaboss, den du abknallen kannst!«
»Sehr witzig!« Leo scherte aus und überholte das Auto vor ihnen. Durch den Gegenverkehr war er gezwungen, knapp einzuscheren, und fast wäre es zur Kollision gekommen.
Arianna kreischte erschrocken. Wenn das so weiterging, würde die Fahrt bald an einem Baum enden. Das Auto wurde immer schneller, obwohl die nächste Ampel eindeutig auf Rot stand.
»Halt an!«, schrie Arianna. Niemand hörte auf sie.
Der Wagen preschte über die Kreuzung und es gelang Leo gerade so, einem Kleintransporter auszuweichen. Sie hatte das Gesicht in den Händen vergraben. Arianna wollte nur hier raus und zurück in ihren Laden und zu Zac.
Etwas traf das Auto. Von der Erschütterung beunruhigt, hob Arianna den Kopf. Zacs schwarzer SUV war direkt hinter ihnen. Hatte er sie etwa gerammt? Mit grimmigem Gesicht steuerte ihr Verlobter den Wagen und gab Gas. Auf dem Beifahrersitz saß Nicky, die ebenso wütend wirkte. Der SUV rammte sie noch einmal und Arianna wurde kräftig durchgeschüttelt. Die Heckscheibe splitterte. Er sah sie doch! Wieso rammte er das Auto, in dem sie saß?
»Scheiße!« Leo wechselte die Spur. Zac folgte ihnen.
»Wir müssen sie loswerden! Sie dürfen nicht wissen, wohin wir wollen, sonst war die ganze Aktion umsonst.« Konstantin sah nervös nach hinten. Der Abstand zwischen den beiden Autos war schon wieder geschrumpft.
»Was glaubst du, was ich hier versuche?« Leo scherte in eine Lücke auf der Nebenspur ein.
Anstatt ihnen zu folgen, fuhr Zac schneller, bis sie auf einer Höhe waren. Dieses Mal rammte er sie von der Seite. Metall kreischte und Glas splitterte. Arianna fürchtete um ihr Leben. Sie war glücklich, dass Zac versuchte, sie zu retten. Nur wäre es schön, wenn sie die Rettung überlebte.
Eine der hinteren verdunkelten Scheiben des SUV fuhr herunter. Dort saßen die beiden, die hinter Zac gelaufen waren. Bei voller Fahrt kletterte die Brünette heraus und zog sich aufs Dach des SUV. Arianna fiel die Kinnlade herunter. Was hatte diese Irre vor? Wurde hier gerade ein Actionfilm gedreht und man hatte vergessen, ihr – der Hauptdarstellerin – vorher Bescheid zu sagen?
»Bia sitzt auf dem Dach!«, warnte Konstantin.
Leo wollte Abstand zwischen die beiden Autos bringen. Zac folgte beharrlich.
Mit offenem Mund sah Arianna dabei zu, wie die Frau, die offenbar Bia hieß, vom SUV sprang und auf dem Audi landete. Das Dach dellte sich.
»Häng sie ab!«
Leo fuhr wilde Schlangenlinien und Arianna könnte ihr Essen bald nicht länger bei sich behalten, wenn das so weiterging. Es knallte und sie war überzeugt, ihre Fahrt hätte ein jähes Ende genommen, doch dieses Mal hatten sie nichts gerammt. Arianna glaubte nicht, was sie sah. Sie musste sich täuschen! Im Himmel des Autos steckten ein paar manikürte Finger. Die rot lackierten Nägel gruben sich durch Stoff und Metall. Knirschend gab das Material nach.
Bia riss ein Loch ins Dach. Kaum hatte sie genug Platz für ihre zweite Hand, schob sie diese hinterher und vergrößerte den Spalt so weit, bis ein Mensch hindurchpasste. Dann streckte sie die Hand nach Arianna aus. Konstantin schlug sie weg.
Wieso war ein Mensch in der Lage, die Karosserie eines Autos mit bloßen Händen aufzureißen? Die Hoffnung, nur zu träumen, überkam sie. Etwas so Verrücktes konnte gar nicht passieren.
»Gib mir deine Hand, dann ziehe ich dich raus«, rief Bia über das Rauschen des Fahrtwindes und streckte die Hand ins Wageninnere.
Arianna zögerte. Ja, sie wollte gerettet werden, aber doch nicht, indem sie durch ein Loch, dessen Ränder aus scharfkantigem Metall bestanden, gezogen wurde. Sie sah jetzt schon Blut und Gedärm vom Rand tropfen.
Während Arianna mit sich rang, packte Konstantin Bias Unterarm. Mit bösem Lächeln sagte er: »Das hättest du nicht tun sollen.«
Er sah konzentriert aus. Zumindest so lange, bis Bia ebenfalls sein Handgelenk mit den langen Fingern umschloss. Über den Lärm hinweg hörte Arianna ein lautes Knacken. Konstantins Gesicht verzog sich und er schrie vor Schmerz auf. Trotzdem hielt er ihren Unterarm weiterhin umschlossen.
Leo warf nervöse Blicke durch den Rückspiegel. Durch seine geteilte Aufmerksamkeit geriet das Auto ins Schlingern. Bia war dabei, den Halt zu verlieren. Konstantin ließ ihren Arm los und stieß sie zurück. Zusätzlich vollführte Leo ein waghalsiges Lenkmanöver. Bia rutschte vom Dach ab, rollte über die Heckscheibe und fiel bei voller Fahrt auf die Straße.
Arianna sah erschrocken dabei zu, wie das nachkommende Auto auswich. Bia rappelte sich auf. Das nächste Auto bemerkte die Frau auf der Straße zu spät. Arianna war fassungslos, gleich würde sie überfahren werden. Ohne darauf zu achten, streckte Bia die Hand aus. Das Auto krachte gegen sie. Bia geriet nicht mal ins Straucheln. Stattdessen wurde der Wagen abrupt gebremst und dellte sich um das Hindernis herum.
Jetzt war Arianna sicher, dass sie träumte.
»Wie geht’s dir?«, fragte Leo von vorn.
»Sie hat mich erwischt. Ich werd’s überleben«, brummte Konstantin.
»Wenn du es sa…« Leo wurde vom Kreischen des Metalls unterbrochen. Sie alle wurden in die Sitze gepresst. Arianna schrie panisch, davon überzeugt, den heutigen Abend nicht mehr zu erleben.
Zac hatte sie von rechts gerammt. Leo blieb keine andere Möglichkeit, als auf den breiten Bordstein auszuweichen. Fußgänger sprangen panisch beiseite. Sie rauschten durch die Sitzgruppen eines kleinen Cafés und es grenzte an ein Wunder, dass sie neben Stühlen und Tischen keine Menschen erwischten.
Leo versuchte wieder auf die Straße einzuscheren, was Zac nicht zuließ und ihn abdrängte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie jemanden überfuhren. Schon bauten sich die nächsten Hindernisse vor ihnen auf. Eines davon musste den Wagen doch ausreichend beschädigen und zum Stillstand bringen.
Sie krachten gegen die Auslagen eines kleinen Geschäftes. Von ihrem Platz aus erkannte Arianna nicht, was sie dieses Mal gerammt hatten. Etwas Grünes flog durch die Luft und zerplatzte an der Windschutzscheibe. Sofort sprangen die Scheibenwischer an und wollten die Bescherung beseitigen. War das eine Wassermelone gewesen? Und klebten da am Rand Salatblätter?
»Ein Gemüsehändler, ernsthaft?«, schnaubte Konstantin. »Fehlt unserer Verfolgungsjagd noch ein Klischee, oder haben wir endlich alle?«
»Wenn du nichts Hilfreiches beizutragen hast, dann tu uns allen einen Gefallen und halt die Klappe!«, schnauzte Leo. Es gelang ihm, den Wagen auf die Straße zu lenken. Der Audi schoss quer über mehrere Fahrspuren. Ruckartig riss Leo am Lenkrad und steuerte auf die Alte Brücke zu. Zac war schon wieder an ihrer Seite und wollte sie erneut abdrängen.
»Jetzt habe ich die Schnauze voll!« Leo ließ die Scheibe des Beifahrerfensters herunter, wühlte in seiner Hosentasche und zog ein Benzinfeuerzeug hervor, das er sogleich aufklappte und entzündete. Eine Stichflamme schoss direkt auf die Fahrerseite des SUV. Das Feuer wurde immer größer und kroch gezielt über das andere Auto. Es handelte sich weder um einen Zufall noch konnte etwas daran natürlich sein.
Nach allem, was Arianna heute schon gesehen hatte, dürfte sie ein menschlicher Flammenwerfer nicht mehr überraschen, aber das tat er. Ganz eindeutig! Verängstigt schlang sie die Arme um den Kopf und hoffte, sich auf diese Weise zu schützen. Hinter dem Beifahrersitz wurde es schrecklich heiß.
»Pass auf, dass du uns nicht ebenfalls abfackelst.« Konstantin klang nervös. Das war sicher kein gutes Zeichen.
Arianna schielte aus dem Fenster und sah dabei zu, wie die Flamme Zacs Fahrertür traf. Das Feuer brannte, heißer als es normal war, denn augenblicklich warf der Lack Blasen und der Reifen entzündete sich. Wie es den Insassen erging, war durch die Feuersbrunst nicht zu erkennen.
Ihr selbst wurde immer heißer und Arianna wusste nicht, wie lange sie das noch ertrug. »Bitte hör auf«, flehte sie erstickt. Die glühende Luft brannte in der Lunge und schmerzte regelrecht.
»Leo, es reicht!«, rief jetzt auch Konstantin.
Durch den Ruf seines Freundes besann Leo sich und die Flamme verlosch abrupt. Das Feuerzeug schnappte zu und er schob es zurück in die Tasche. Sein Atem ging schwer und er sah mit grimmiger Genugtuung dabei zu, wie Zacs Auto weiter brannte und ins Schlingern geriet. Sie hatten die Brücke schon fast überquert.
Dieses Mal war es Leo, der ruckartig am Lenkrad drehte und das andere Fahrzeug rammte. Hilflos sah Arianna dabei zu, wie Zac die Kontrolle vollends verlor. War er durch das Feuer verletzt worden? Lebte er überhaupt noch?
Der SUV schoss über die Fahrbahn bis zum Bordstein des Fußweges. Dort durchschlug das große Auto das Brückengeländer und stürzte in den darunterliegenden Fluss.
»Endlich ist Ruhe«, sagte Leo zufrieden.
Arianna kreischte entsetzt. Entgegen aller Vernunft und wider besseres Wissen zerrte sie am Türgriff. Natürlich entriegelte er sich noch immer nicht. Sie fuhren an der Unfallstelle vorbei und Arianna sah zurück. »Wir müssen anhalten und ihnen helfen!«, rief sie. »Sonst werden sie ertrinken!«
Die beiden Männer, die sie in ihrer Gewalt hatten, kümmerte das Schicksal ihrer Widersacher nicht. Stattdessen wirkten sie erleichtert.
»Leider wird das nicht passieren.« Konstantin klang tatsächlich bedauernd.
Fassungslos drehte Arianna sich zu ihm um. Dass ihr die Tränen hemmungslos über die Wangen liefen, bemerkte sie kaum. »Wie kannst du so was sagen?«
»Eine solche Kleinigkeit bringt weder deinen Verlobten noch seine Geschwister um. Glaub mir, ich spreche aus Erfahrung.«
Ihr gefiel weder, was er sagte, noch wie er es sagte. »Sag mal, hast du sie noch alle? Die Chancen, bei einem solchen Unfall nicht zu ertrinken, sind unter normalen Umständen schon gering, auch ohne dass das halbe Auto brennt.«
»Für Menschen vielleicht«, sagte Leo von vorn. Die Brücke lag hinter ihnen und sie fuhren durch die Innenstadt. Es grenzte an ein Wunder, dass sie noch nicht von zahlreichen Streifenwagen verfolgt wurden. Wo war die Polizei, wenn man sie mal brauchte? Seit er Zac abgehängt hatte, fuhr Leo deutlich entspannter, obwohl das Auto reif für den Schrottplatz war.
Wo war sie bloß hineingeraten? In ihrem Kopf schwirrten zahllose Fragen. »Wieso sagst du Geschwister? Zac hat nur eine Schwester.«
»Wieder etwas, bei dem er dich belogen hat. Die anderen beiden gehören auch dazu. Sie sind zu viert. Bedauerlicherweise sind sie immer zu viert.«
Gern hätte sie Konstantin gesagt, dass sie ihm nicht glaubte, aber er sprach mit einer Gewissheit, die ihr Angst machte. Zweifel überkamen sie ein weiteres Mal. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Stattdessen meinte sie: »Zac liebt mich. Warum sollte er mich belügen?«
Konstantin verzog das Gesicht. »Kann ich dir nicht sagen. Noch nicht.«
»Noch nicht, aha. Und wann kannst du mir das sagen?«, bohrte sie weiter. Als er lediglich weiterhin schwieg und Leo ebenfalls gewissenhaft den Blick auf die Straße richtete, gab Arianna sich die Antwort selbst. »Lass mich raten, das kannst du mir auch nicht sagen.«
Wieder dachte sie daran, dass Zacs Auto mittlerweile auf dem Grund des Mains lag und er aller Wahrscheinlichkeit nach darin festsaß. Arianna kämpfte mit den Tränen und konnte ein Schluchzen nicht unterdrücken.
»Was hast du? Wurdest du verletzt?«, wollte Konstantin wissen.
»Können wir wenigstens den Rettungsdienst alarmieren?«, fragte Arianna verzweifelt.
Noch während sie sprach, fiel ihr etwas ein. Sie griff in die Hosentasche und zog ihr Handy heraus. Schon drückte sie die Kurzwahl für den Notruf, da versuchte Konstantin, sich das Telefon zu schnappen. Arianna hatte alle Hände voll damit zu tun, es aus seiner Reichweite zu halten. Aus dem Lautsprecher kam eine leise Stimme, die fragte, welche Art Notfall gemeldet werden sollte.
»Ich werde entführt!«, rief Arianna so laut sie konnte. »Außerdem ist ein Auto von der Alten Brücke gestürzt. Die brauchen dringend Hilfe!«
»Es geht ihnen gut, man muss sie nicht retten. Gib mir dein Handy«, forderte Konstantin.
»Warum sollte ich?«, fragte sie giftig zurück.
»Falls du es mir freiwillig gibst, schalte ich es nur aus und verwahre es ein paar Tage. Falls nicht, nehme ich es dir notfalls gewaltsam ab und schmeiße es aus dem Fenster.«
Arianna musterte ihn finster. Fast war sie versucht herauszufinden, ob Konstantin diesen Worten Taten folgen ließ. Ihr Blick blieb an seiner verletzten Hand hängen. Dunkelblaue und violette Flecken breiteten sich rund um das Gelenk aus. Auch der kleine Finger stand seltsam ab. Konstantin hatte die Hand in einer Schonhaltung auf den Oberschenkel gelegt.
Die Knochen waren gebrochen. Das hatte Arianna selbst gehört. Nach wie vor war ihr unbegreiflich, wie ein Mensch mit bloßen Händen Knochen brechen konnte. Andererseits hatte Bia mit denselben Händen Löcher ins Autodach gerissen. Nicht nur sie war übermenschlich, mindestens für Leo galt dasselbe. Zwischen wessen Fronten befand sie sich bloß?
Die Stimme am Telefon bat um weitere Details.
»Bist du fertig mit deinem inneren Monolog?« Konstantin riss sie aus ihren Gedanken.
»Du bist verletzt«, stellte sie das Offensichtliche fest. »Wie willst du dir so mein Handy holen?«
Er lächelte spöttisch. »Glaub mir, dich schaffe ich schon noch. Selbst wenn nicht, ist Leo auch noch da.«
Recht hatte er. Konstantin war groß und muskulös. Er könnte sie mit einer Hand besiegen. Leo war von ähnlicher Statur. Irgendwo hatte Arianna mal gelesen, dass man seine Überlebenschancen erhöhte, wenn man bei einem Überfall, Amoklauf oder sonst einem Verbrechen kooperierte. Sie wollte noch nicht sterben und ihr Handy verlöre sie so oder so in den nächsten Minuten. Dann konnte sie es auch freiwillig hergeben. Hoffentlich hatte der Notruf sie in der Zwischenzeit geortet. So was taten die doch, oder nicht?
»Na schön«, murrte sie und senkte die erhobene Hand. Schweren Herzens hielt sie Konstantin das kleine Gerät hin.
»So ist es brav.« Er legte auf, schaltete es wie angekündigt aus und ließ es in seiner Jackentasche verschwinden.
Kurz darauf hatten sie Frankfurt verlassen und fuhren auf der Autobahn. »Wohin bringt ihr mich? Oder darf ich das auch nicht wissen und gleich werden mir die Augen verbunden?«
»Dir wird nichts verbunden. Das habe ich schon gesagt. Solange du mitspielst, musst du dir keine Sorgen machen.«
Arianna blieb skeptisch. »Das heißt wohl eher, ich werde nicht zurückkehren und somit niemandem erzählen können, wo ich festgehalten wurde.«
»Du wirst es nicht erzählen wollen. Das ist ein Unterschied.« Konstantins selbstgefällige Art ging ihr zusehends auf die Nerven. Jetzt grinste er auch noch frech.
»Schon klar!«, rief Arianna wütend. »Bringt ihr mich zu einer Sekte, die mir eine Gehirnwäsche verpassen wird, und dann lebe ich fröhlich bis zum Rest meiner Tage in der Pampa? Dort bestelle ich das Feld oder erledige andere Arbeiten einer Leibeigenen, wenn ich nicht gerade einem durchgeknallten Guru huldige?«
Leo lachte herzlich. »Sie ist echt kreativ. Das habe ich schon vermisst.«
»Wenn du es sagst«, murmelte Konstantin.
Leo übernahm das Gespräch. »Ich habe uns für eine Woche ein kleines Ferienhaus mitten im Taunus gemietet. Es liegt tief im Wald. Dort ist es ruhig und es kommt keine Menschenseele vorbei.«
Arianna wurde blass und sah von einem zum anderen. Beide waren stattliche junge Männer, die sich bestimmt auch gern amüsierten. »Keine Sekte, sondern eine Orgie?!« Mist, ihre Stimme war eine Oktave zu hoch und hörte sich an wie das Quieken einer verängstigten Maus.
Konstantin verdrehte die Augen. »Garantiert nicht.«
Schnell versuchte Leo eine andere Erklärung. »Wir werden dir nichts tun, versprochen. Es geht nur darum, dass du dich ausruhen und den Kopf frei bekommen sollst.«
»So klingt es wie eine Kur.« Das war unmöglich. Niemand wurde entführt, damit er Urlaub machte. Für einen winzigen Augenblick glaubte Arianna, Zac spiele ihr einen Streich. Manchmal war er unberechenbar, und es war nicht abwegig, dass er die beiden dazu engagiert hatte, sie zu entführen, und als Überraschung mit ihr in den Urlaub fuhr. Das würde erklären, warum Konstantin sich so sicher war, dass es ihnen gut ging, obwohl Zacs SUV im Main versunken war.
Das war Blödsinn! Dazu war es zu echt. Autos waren zerstört und Menschen verletzt worden. Für einen Streich war das zu viel des Guten. Nein, diese Hoffnung begrub sie direkt. Sie wurde gerade wirklich entführt.
»Eine Entziehungskur, wenn du so willst. Du musst ausnüchtern.«
Sie hatte mit gar keiner Antwort gerechnet und war überrascht, doch eine zu bekommen. Jetzt klang Konstantin wieder freundlicher. Auch der Blick aus seinen grünen Augen wirkte sanft.
Was wurde hier gespielt? Arianna wurde einfach nicht schlau aus ihm. Doch wie es aussah, hätte sie von jetzt an ein paar Tage Zeit dazu – ob sie wollte oder nicht.
5

Eine unfreiwillige WG
Taunus, ein einsames Ferienhäuschen
10. April 2018
Konstantin
Etwa eine halbe Stunde später verließen sie die asphaltierte Straße und Leo bog auf einen schmalen Waldweg ab. Konstantin hatte keine Ahnung, wo genau die Hütte lag. Die Buchung und Vorbereitung hatte er Leo überlassen. Er selbst hatte in der Zwischenzeit Arianna beschattet und ausspioniert.
Die Heizung lief auf hoher Stufe. Trotzdem kämpfte sie vergeblich gegen den Fahrtwind, der durch das Loch im Dach und die kaputten Scheiben blies. Konstantin wickelte sich fester in die Jacke und riskierte einen Blick zu Arianna. Sie trug nur eine dünne Bluse und fror erbärmlich. Jedoch hatte sie sich deswegen nicht beklagt.
Seit ihrem Gespräch war sie schweigsam und starrte aus dem Fenster. Unweigerlich fragte sich Konstantin, was in ihrem Kopf vorging. Wie weit reichte Zelos’ Beeinflussung? War es mit ein paar Tagen Abstand getan? Hoffentlich!
»Wie lange fahren wir noch?«, wollte Konstantin wissen.
»Bestimmt dreißig Minuten. Von hier an geht es durch den Wald und ich muss teilweise sehr langsam fahren.« Leo sah konzentriert auf den Pfad vor ihnen und wich einem Schlagloch aus.
»Hast du an Brennholz gedacht?«
Leo warf ihm über den Rückspiegel einen Blick zu. »Ja und Vorräte für eine Woche. Wir müssen die Hütte so lange, wie es dauert, nicht verlassen.«
Je länger sie dortblieben, desto geringer war das Risiko, entdeckt zu werden. Auf ein baldiges Wiedersehen mit den Göttern konnten sie verzichten. Der Schmerz in Konstantins Hand war übel und er war froh, ihn nicht mehr lange ertragen zu müssen.
Sobald die Sonne unterging, würde Antares ihm helfen. Sein Stern heilte ein paar gebrochene Knochen schnell. Sie hatten schon Schlimmeres überstanden – viel Schlimmeres.
Wieder wanderte sein Blick zu Arianna. Sie zitterte leicht, nicht nur aus Angst. Seufzend nahm Konstantin beide Handys aus den Taschen und zog die Jacke umständlich aus. Dabei entfuhr ihm ein schmerzhaftes Zischen, als er versuchte, den rechten Ärmel über die Verletzung zu streifen.
»Was macht die Hand?«, fragte Leo.
»Geht schon«, gab Konstantin knapp zurück. Währenddessen gelang es ihm, die Jacke auszuziehen, und er hielt sie Arianna hin. »Hier.«
Sie schenkte ihm einen abfälligen Blick und drehte sich demonstrativ wieder zum Fenster. Sie wollte die Schweigsame geben? Kein Problem! Das wäre Konstantin sogar recht. Spätestens bei ihrem Erwachen in ein paar Tagen hätte sie genug Redebedarf.
»Nun nimm schon«, sagte er bemüht ruhig. Es wäre besser, wenn Arianna ein bisschen Vertrauen fasste. Das machte die nächsten Tage einfacher.
»Du kannst sie behalten. Ich will sie nicht«, gab sie würdevoll zurück.
Konstantin schnaubte. »Ich kann das Klappern deiner Zähne bis hierher hören. Niemandem ist geholfen, wenn du dich jetzt erkältest.«
Daraufhin bekam er keine Antwort mehr. Genervt warf Konstantin die Jacke in ihre Richtung. Sie landete auf Arianna und bedeckte ihre linke Seite, die dem Loch im Dach zugewandt war. Na immerhin. Sie rührte sich nicht und ließ die Jacke an ihrem Platz.
Ein paar Minuten später bemerkte Konstantin, wie sie die Zipfel möglichst unauffällig feststeckte. Arianna wollte doch nicht länger frieren. Nur war sie zu stolz, das zuzugeben. Ein schmales Lächeln stahl sich in sein Gesicht. Er sparte sich aus Höflichkeit jeglichen Kommentar.
Leo behielt recht. Die Hütte stand auf einer kleinen Lichtung, die mitten im Wald lag. Hier sollte sie niemand finden. Selbst Helios, der Sonnengott, dürfte nicht in der Lage sein, sie an diesem verlassenen Fleckchen zu entdecken – und der sah tagsüber angeblich alles.
Sobald der Wagen stand, sprang Konstantin raus und begutachtete den Schaden. Die eine Seite war vollkommen zerkratzt und der Spiegel fehlte, die Motorhaube war eingedrückt und voller Dellen. Kaum eine Scheibe war noch intakt. Das kaputte Dach war nichts Neues. Missmutig stapfte er zum Kofferraum, von dem so gut wie nichts übrig geblieben war.
Leo gesellte sich zu ihm. Er sah alles andere als begeistert aus. »Wenn wir hier fertig sind, müssen wir uns abholen lassen. Es überrascht mich, überhaupt so weit gekommen zu sein. Selbst wenn diese Schrottkarre den Rückweg packen könnte, wären wir viel zu auffällig.«
Konstantin stimmte nickend zu, dann fiel ihm etwas auf. »Warst du so schlau, die Nummernschilder vorher zu demontieren, oder haben wir die unterwegs verloren?«
»Keine Sorge, die habe ich vorher schon abgemacht.«
»Okay, so sollte uns wenigstens nicht auch noch die Polizei nerven.« Konstantin drückte an der Griffmulde des Kofferraums herum. Natürlich bekam er ihn dadurch nicht auf. Frustriert stützte er seinen Fuß darauf und übte Druck auf das lädierte Metall aus.
»Hey!«, rief es von drinnen. »Könnt ihr das machen, nachdem ihr mich rausgelassen habt?«
Leo sah zerknirscht aus und eilte zur hinteren Tür, die durch die Kindersicherung verriegelt war, und öffnete sie. »Sorry!«
Wütend sah Arianna sich um. Ob sie ihre Fluchtmöglichkeiten durchging?
»Komm nicht auf die Idee, abhauen zu wollen. Sonst müssen wir dich doch anbinden«, sagte Konstantin streng.
Sie würdigte ihn keiner Antwort.
An Leo gerichtet fragte er: »Hast du eine Brechstange oder so was? Irgendwie müssen wir an die Klamotten kommen.« Für sie alle lagen Wechselwäsche und diverse Hygieneartikel im Kofferraum.
»Ausgerechnet heute habe ich sie vergessen. Dabei gehe ich sonst nie ohne aus dem Haus.«
Konstantin verdrehte die Augen. »Man wird ja noch mal fragen dürfen. Vielleicht gibt es irgendwo Werkzeug. Passt du auf sie auf? Dann sehe ich mich mal um.«
»Geht klar! Komm, Arianna, ich zeige dir das Haus«, sagte Leo. Seine Hand lag auf ihrem Rücken und er schob sie sanft zur Tür. Widerwillig ließ sie es geschehen.
Neben dem Ferienhaus stand ein kleiner Schuppen. Konstantin steuerte ihn an. Er war verschlossen. Den Schlüssel fand er vermutlich im Haus. Anstatt seinen Gefährten direkt zu folgen, ging er einmal außenrum und sah sich gleich etwas um. Eines der Fenster war vergittert. Die Scheibe dahinter bestand aus Milchglas. Es musste sich um ein Badezimmer handeln. Sehr gut, so entwischte Arianna ihnen nicht, während sie vorgab, auf der Toilette zu sein.
Drinnen suchte er nach Leo. Mit der kaputten Hand bekäme Konstantin den zerstörten Kofferraum sowieso nicht auf. Das müsste sein Freund übernehmen. Im Erdgeschoss fand er die Küche, eine Gästetoilette und ein großzügiges Wohnzimmer. Immerhin gab es einen Fernseher und sogar Strom. Der Erbauer dieses Hauses hatte auf den Luxus der Zivilisation nicht verzichtet.
Unten war niemand zu sehen. Leos Stimme erklang von oben. Zwei Stufen auf einmal nehmend, lief Konstantin die Treppe hinauf. Er fand die beiden in einem Schlafzimmer.
»Ich dachte, du schläfst hier. Das Zimmer hat die schönere Aussicht. Kon und ich schlafen abwechselnd in dem anderen Zimmer«, erklärte Leo gerade.
»Wieso abwechselnd?«, wollte Arianna skeptisch wissen.
»Weil wir dich nicht aus den Augen lassen dürfen«, sagte Konstantin, während er eintrat.
Arianna wirbelte zu ihm herum. »Soll das heißen, einer von euch wird am Bett sitzen, wenn ich schlafe? Folgt ihr mir vielleicht sogar bis aufs Klo?«
»Ein Platz an der Tür sollte reichen«, erwiderte Konstantin. »Was das Bad betrifft, da darfst du allein rein. Wir werden vor der Tür warten und du musst alle zwei Minuten ein Lebenszeichen von dir geben, wenn du nicht willst, dass wir einfach so reinplatzen. Natürlich haben wir alle Schlüssel vorher entfernt.«
Seine Erklärung schmeckte Arianna gar nicht. Sie kaute auf ihrer Unterlippe und rang um Worte.
Konstantin wandte sich an Leo: »Kannst du in dem Schuppen nach Werkzeug suchen? Er ist abgeschlossen und ich vermute, du weißt, wo der Schlüssel ist.« Demonstrativ hielt er die gebrochene Hand in die Höhe. »Bis zur Nacht bin ich dir leider keine große Hilfe.«
Zum ersten Mal sah Leo sich die Verletzung genauer an. »Bia hat aber auch einen festen Händedruck.«
»Haha, ich lache dann später.«
Kameradschaftlich schlug Leo ihm auf die Schulter, während er sich an Konstantin vorbeischob und das Zimmer verließ. »Ach komm, mich hat sie auch schon öfter als einmal erwischt.«
»Ich glaube, das trifft auf jeden von uns zu«, murmelte Konstantin.
Arianna hatte ihn nicht aus den Augen gelassen. Ihre Mimik schwankte irgendwo zwischen Frust und Trauer. Schließlich seufzte sie und ihr Gesicht glättete sich. »Verrätst du mir jetzt, was ihr von mir wollt? Warum das ganze Theater? Ich bin niemand Besonderes, meine Eltern oder mein Verlobter sind nicht reich, es lohnt nicht, einen meiner Angehörigen zu erpressen.«
Konstantin musterte sie aufmerksam. Sie tat ihm leid, wie sie so verloren vor ihm stand und keine Ahnung hatte, wer sie eigentlich war und was es mit ihrer Bestimmung auf sich hatte. »Wir wollen dir nicht schaden und ebenso wenig jemanden erpressen«, erklärte er sanft. »Ich kann dir nicht viel verraten, das könnte den Prozess behindern, sonst würde ich es tun. Du wirst es in ein paar Tagen verstehen und dann wirst du dankbar sein. Bis dahin machen wir uns hier eine ruhige Zeit und warten.«
»Eine ruhige Zeit?! Sag mal, willst du mich jetzt völlig verarschen?«, fuhr Arianna ihn an.
»Ich will dir helfen«, hielt Konstantin dagegen.
»Du hast mich entführt!«
Konstantin versuchte, ruhig zu bleiben. »Ich habe dich gerettet. Gib mir drei Tage, höchstens vier. Dann wirst du es erkennen.«
»Was erkennen?«, fragte Arianna störrisch. Immerhin brüllte sie nicht mehr.
»Wie froh du über mein Eingreifen bist. Ich wette sogar mit dir. Wenn du zu deinem Verlobten zurückwillst, lasse ich dich gehen. Wenn du jedoch die Wahrheit erkennst, helfe ich dir dabei, ihm eine Abreibung zu verpassen.«
»Warum sollte ich Zac etwas antun wollen?«, fragte Arianna trotzig. Die braunen Augen schossen Blitze in seine Richtung.
»Frag mich das in vier Tagen noch mal.« Am liebsten hätte Konstantin sie einfach stehen lassen. Aus naheliegenden Gründen ging das nicht. Bei der erstbesten Gelegenheit startete Arianna einen Fluchtversuch, davon war er überzeugt.
Sein Herz raste und er riss sich zusammen, um ihr nichts an den Kopf zu werfen, was er später bereute. So endete es immer mit ihnen. Sie waren wie Feuer und Eis, Tag und Nacht, Wüste und Meer.
Ariannas Gesicht spiegelte seine eigenen Emotionen. Sie sah aus, als platze sie gleich. Dann holte sie tief Luft und Konstantin konnte ihr dabei zusehen, wie sie sich zur Ruhe zwang. »Na schön, warten wir vier Tage.«
Natürlich wusste er, dass Arianna ihn nur in Sicherheit wiegen wollte, um ihren Entführern zu gefallen. Von ihrem Standpunkt aus betrachtet, ergab das sogar Sinn, wenn sie befürchtete, er oder Leo könnten ihr jederzeit etwas antun oder über sie herfallen.
»Ich hab die Taschen«, rief sein Freund von unten und unterbrach die angespannte Stille.
Konstantin löste seinen Blick, der sich mit dem von Arianna verhakt hatte, und schielte zur Treppe. An deren Fuß stand Leo mit drei Reisetaschen in den Händen.
»Prima, lasst uns auspacken und danach etwas essen«, beschloss Konstantin.
6

Warum suchst du mich nicht?
Taunus, ein verdammtes Gefängnis
10. April 2018
Arianna
Arianna saß neben Konstantin auf dem Sofa und kaute lustlos auf einem Stück lauwarmer Pizza. Leo hatte sich in den Sessel gelümmelt. Insgeheim hoffte sie, sich die nächsten Tage nicht ausschließlich von Tiefkühlkost ernähren zu müssen. Mal war das okay, aber Arianna bevorzugte richtiges Essen.
Konstantin bemerkte ihre fehlende Begeisterung. »Ab morgen koche ich, wenn meine Hand wieder in Ordnung ist.«
Arianna runzelte die Stirn. Sie wollte ihn gerade fragen, wie das denn funktionieren sollte, als das Intro der Lokalnachrichten anfing. Auf keinen Fall durfte sie die verpassen!
In der Zusammenfassung war von einer halsbrecherischen Verfolgungsjagd die Rede. Nach ein paar anderen Einspielern über den verstauchten Knöchel eines Fußballspielers und Nachwuchs im Zoo ging es direkt mit dem Hauptthema los.
Ariannas Blick klebte am Bildschirm. Es wurden ein paar Szenen von oben gezeigt. Offenbar hatte ein Amateurflieger mitgefilmt. Die Aufnahmen waren verwackelt. Trotzdem sorgten sie bei ihr für eine Gänsehaut. Ein paar Mal war es knapp gewesen.
Als Nächstes kam ein Schnitt und ein scharfes Bild folgte. Das Team eines Abschleppunternehmens wurde dabei gefilmt, wie es Zacs schwarzen SUV aus dem Main barg. Von den Insassen fehlte jede Spur. Arianna stieß die angehaltene Luft hart aus. Dann waren sie wirklich noch am Leben und sie durfte sich Hoffnungen machen?
Während im Hintergrund die Bergung lief, sprach davor ein Reporter in sein Mikro: »Noch sind die genauen Umstände vollkommen unklar. Bisher hat die Polizei keine Anhaltspunkte auf die Identität der Fahrer oder ihr Motiv finden können. Zur selben Zeit ging in der Leitstelle der Notruf einer jungen Frau ein, die behauptete, entführt zu werden. Bedauerlicherweise brach der Anruf ab und konnte nicht zurückverfolgt werden. Ob beide Taten in einem Zusammenhang stehen, ist bisher rein spekulativ. Sachdienliche Hinweise nehmen die Beamten jederzeit entgegen. Wenn man den Schaden am Fahrzeug und die Zerstörung betrachtet, die beide Wagen auf ihrem Weg hinterlassen haben, grenzt es an ein Wunder, dass es zu keinem ernsthaften Personenschaden gekommen ist. Wir werden Sie diesbezüglich auf dem Laufenden halten. Zurück ins Studio.«
Damit war das Thema durch und jetzt ging es um den Fußballer. Was war mit Zac? Wieso stand er nicht vollkommen aufgelöst vor einer Kamera und flehte um die Freilassung seiner Verlobten? Immerhin war er ihnen doch hinterhergejagt, solange es ihm möglich gewesen war.
Arianna versuchte, den Kloß im Hals runterzuschlucken, doch es gelang ihr nicht. Fassungslos beobachtete sie Leo und Konstantin, die gemütlich auf ihren Plätzen saßen.
»Du wirst nicht namentlich in den Nachrichten auftauchen und die Polizei wird auch nicht nach dir suchen. Das werden dein feiner Verlobter und seine Geschwister schon zu verhindern wissen«, sagte Konstantin, sobald er ihren Blick bemerkte.
Woher wusste er so genau, was ihr gerade durch den Kopf ging?
Arianna wollte widersprechen, stattdessen blieb sie stumm. Innerlich spürte sie, dass das die Wahrheit war. Zac liebte sie doch! Warum setzte er nicht alles daran, sie zu finden und zu befreien? Er musste bei der Polizei doch unbedingt Anzeige erstatten.
Die Nachrichten kamen zum Ende und in der Zwischenzeit war die Sonne untergegangen.
»Na endlich«, seufzte Konstantin kurz darauf. Er stand auf und sah zu Leo. »Wir ziehen uns kurz zurück. Passt ihr solange auf sie auf?«
»Klar, lasst euch Zeit. Wenn du willst, kannst du auch direkt schlafen. Wir übernehmen die Nachtschicht.«
Konstantin schnaufte. »Mal sehen, vielleicht mache ich das sogar. Nach diesem Tag bin ich echt fertig. Solltest du zu müde werden, weck mich. Wir wollen doch nicht, dass du einschläfst und sie abhaut.«
»Geht klar«, erwiderte Leo fröhlich.
Warum sprachen sie voneinander in der Mehrzahl? War ihr Ego nach der geglückten Entführung so groß, dass es für eine Person nicht mehr reichte?
Leo sah in ihre Richtung und Arianna versteifte sich bei dem intensiven Blick. Allerdings sah er sie gar nicht direkt an, sondern starrte vielmehr auf einen Punkt über ihrer rechten Schulter. Verwirrt drehte sie den Kopf. Dort entdeckte sie nichts Außergewöhnliches. Was hatte er nur?
Es wurde ihr unheimlich und Arianna stand ruckartig auf. »Ich gehe auch ins Bett. Wenn hier jemand einen anstrengenden Tag hatte, dann ich!«
Sie wandte sich ab und marschierte zur Treppe. Leo erhob sich ebenfalls und folgte ihr dichtauf. Na, das konnte ja heiter werden!
7

Bei gebrochenen Knochen sparen Sie sich den Gang zum Apotheker und suchen Hilfe bei Ihrem Stern
Taunus, ein einsames Ferienhäuschen
10./11. April 2018
Konstantin
Antares schwirrte den ganzen Weg nach oben nervös um Konstantin herum wie ein Glühwürmchen auf Speed. »Es hat geklappt!«, jubelte er. »Ich hab doch gesagt, du schaffst das.«
Konstantin zog die Tür zum Schlafzimmer auf und wartete darauf, dass der Stern ihm hinterhertrudelte. »Ich mag es ja, wenn du mich anfeuerst, aber können wir uns erst mal wichtigeren Dingen widmen?«
Antares stellte das Hüpfen ein und das Leuchten nahm etwas ab. »Was ist los?«
Erschöpft sank Konstantin auf die Bettkante und hielt die verletzte Hand in die Höhe. »Bia hat mich erwischt. Es war echt knapp und wäre beinahe schiefgegangen.«
Beim Anblick der dunklen Flecken am Gelenk wurde Antares blass und schwirrte schnell zu ihm. »Das haben wir gleich.«
Der Stern ließ sich auf Konstantins Arm nieder und tauchte ihn in Licht. Es flutete das kleine Zimmer und erfüllte seinen ganzen Körper. Es blendete und er kniff die Augen zusammen. Prickelnde Wärme breitete sich im Handgelenk aus und vertrieb die Schmerzen. Unter der Haut spürte er, wie sich die Knochen zurück an ihren Platz schoben. Er wurde schläfrig, streifte die Schuhe ab und ließ sich zurücksinken. »Sorry, Antares«, murmelte Konstantin, »ich kann kaum noch die Augen offen halten. Du willst bestimmt hören, was passiert ist.«
Der Stern erhob sich und flog vor Konstantins Gesicht. »Ich weiß doch, dass eine Heilung dich müde macht. Leo kann es mir auch erzählen.«
Konstantin bekam es kaum mit. Seine Augen waren bereits geschlossen und er driftete ab in einen tiefen Schlaf.
Stunden später wurde er wach, weil ihn etwas blendete. Stöhnend rollte Konstantin sich zur Seite und hob den Arm vor die Augen. Antares leuchtete grell und pulsierend, um ihn zu wecken. »Komm schon, raus aus den Federn! Leo sagt, er braucht eine Pause und du musst ihn ablösen.«
Konstantin brummte etwas Unverständliches.
»Manchmal wünsche ich mir Hände«, sinnierte der Stern. »Dann würde ich dir jetzt einen angelutschten Finger ins Ohr stecken.«
»Du bist widerlich.« Trotzdem lachte Konstantin bei der Vorstellung.
Stattdessen schwebte Antares über seinem Ohr und strahlte Hitze ab.
»Au!«, rief Konstantin und versuchte, ihn mit der Hand zu verscheuchen. »Willst du mir die Haare abfackeln?« Er saß senkrecht im Bett und suchte den übermütigen Stern.
Antares schwebte unter der Decke und kicherte fröhlich.
Mit der Hand fuhr Konstantin sich übers Gesicht. »Wie spät ist es eigentlich?«
»Kurz vor fünf.«
»Was ist mit Arianna?«
Antares sank tiefer und kam wieder in Reichweite. »Taurus schläft seit ein paar Stunden. Zunächst lag sie ewig schmollend im Bett. Nach Mitternacht ist sie endlich eingeschlafen.«
Somit wurde es wirklich Zeit, aufzustehen und Leo das Bett zu überlassen. Neu motiviert zog Konstantin sich an und griff nach dem Kulturbeutel. Er lief am Badezimmer vorbei und steckte den Kopf in Ariannas Schlafzimmer. Sie lag ruhig im Bett. Aldebaran hatte sich neben ihr auf dem Kissen niedergelassen.
Leo hatte auf einem Stuhl an der Tür Stellung bezogen und flüsterte leise mit seinem Stern Regulus. Dessen dunkelblaue Farbe war deutlich angenehmer für die Augen als Aldebarans leuchtendes Rot. Wenn sie nicht besser aufpasste, weckte sie Arianna versehentlich.
»Ich mache mich kurz frisch und dann tauschen wir.«
Leo sah aus rot geränderten Augen zu ihm auf und nickte zustimmend.
In Rekordgeschwindigkeit machte Konstantin sich fertig und war wenige Minuten später wieder in Ariannas Schlafzimmer.
Wankend stand Leo auf und schlurfte an ihm vorbei. »Gute Nacht«, murmelte er, »wenn ihr mich braucht, weckt mich.«
»Na klar«, erwiderte Konstantin und nahm sich gleichzeitig vor, es nicht zu tun. Sein Freund musste sich dringend ausschlafen. Denn so wie es aussah, würde Leo auch die nächsten Nächte durchmachen. Jetzt, da sie mit diesem Rhythmus angefangen hatten.
Konstantin bezog seinen Posten und beobachtete Arianna. Obwohl sie schlief, wirkte sie erschöpft und traurig. Einem Teil von ihm tat es leid, dass sie das durchmachte. Wenn sie bald die Wahrheit erkannte, würde ihr aller Leben so viel leichter werden!
Arianna murmelte im Schlaf und wälzte sich auf die Seite.
»Vielleicht willst du ein bisschen Abstand halten? Mit deinem grellen Licht blendest du sie bloß und weckst sie.«
Doch Aldebaran rührte sich nicht vom Fleck. »Taurus sieht mich immer noch nicht. Ich kann sie gar nicht blenden.« Der Stern klang beleidigt.
Fast bekam Konstantin Mitleid mit ihr, wenn er an seine eigene Bindung zu Antares dachte. Zwischen sie beide passte nicht mal ein Blatt Papier. »Hab noch ein paar Tage Geduld, dann sollte sie erwachen. Bis dahin darfst du sie nicht drängen. Angeblich dauert es sonst länger.«
Aldebaran würdigte ihn keiner Antwort und spielte die beleidigte Diva – eine Rolle, die ihr fabelhaft stand. Stattdessen unterhielt Konstantin sich leise mit Antares und Regulus.
Eine Schlafende zu bewachen erwies sich als ausgesprochen langweilig. Es war ein Wunder, dass Leo so lange durchgehalten hatte.
Kaum graute der Morgen, wurden die Sterne unruhig. In wenigen Minuten verblassten sie und konnten erst nachts wieder zu ihnen kommen. Aldebaran schwirrte um Arianna herum und drückte gegen ihre Stirn. Ganz offensichtlich wollte der rote Stern das Erwachen seiner Herrin erzwingen.
»Jetzt lass sie in Ruhe«, knurrte Konstantin. Die Gefahr, Taurus länger als nötig zu babysitten, war groß und unbequem.
»Als ob ich auf dich hören würde«, erwiderte sie trotzig. Damit war es amtlich. Dieser dickköpfige Stern raubte ihm den letzten Nerv.
Arianna stöhnte leise und drehte sich von der Seite auf den Rücken.
Bedrohlich langsam stand Konstantin auf. »Und wie du auf mich hören wirst. Selene hat mich hiermit beauftragt, und ich werde nicht zulassen, dass du dieses Vorhaben in deinem Übereifer behinderst.« Erst jetzt bemerkte er, dass Arianna zwischenzeitlich die Augen geöffnet hatte.
Bei dem barschen Tonfall setzte sie sich ruckartig auf, wobei sie die Bettdecke um sich raffte. »Wovon sprichst du?«, fragte sie ängstlich.
Konstantin ignorierte sie und funkelte Aldebaran böse an. »Haben wir uns verstanden?«
Verwirrt folgte Arianna seinem Blick, der nicht auf ihr ruhte. »Oder sollte ich fragen, mit wem du sprichst?«
Er zwang sich zur Ruhe und einem müden Lächeln. »Mit niemand Wichtigem.« Aus dem Augenwinkel sah er Aldebarans Licht wütend pulsieren, während sie mit der aufgehenden Sonne allmählich verblasste und verschwand.
»Na wunderbar! Ich bin in den Fängen eines Irren gelandet, der wütend Selbstgespräche führt«, murmelte Arianna gerade laut genug, um gehört zu werden.
Konstantin horchte auf, dann zog er einen Mundwinkel hoch. »Bald wirst du sie sehen können. Wenn du mir einen Gefallen tun willst, sag ihr, sie soll aufhören, mich zu nerven. Auf dich hört sie vielleicht.«
»Soll das heißen, nach ein paar Tagen mit euch Wahnsinnigen werde ich genauso verrückt sein wie ihr? Nein danke, ich verzichte.«
Konstantin ignorierte ihren Kommentar komplett. »Wenn du eh wach bist, kannst du auch aufstehen. Ich mache Frühstück. Dir beim Schlafen zuzusehen war alles andere als spannend.«
8

Und wo geht’s hier nach Hause?
Taunus, ein verdammtes Gefängnis
11. April 2018
Arianna
»Wie bitte?«, entfuhr es Arianna. Wieso war dieser Kerl nur so dreist?
Jetzt grinste er auch noch frech. Weil sie nichts Besseres fand, griff sie nach einem Kissen und schleuderte es in Konstantins Richtung. Ehe es sein Gesicht traf, fing er es ab.
»Soll das die Einladung zu einer morgendlichen Kissenschlacht sein?«, fragte er süffisant.
Die bissige Antwort, die Arianna hatte geben wollen, blieb ihr im Hals stecken. Das war unmöglich! »Deine Hand …«
Konstantin ließ das Kissen aufs Bett fallen. »Was ist damit? Ich habe dir doch versprochen, dass ich ab heute für dich kochen werde. Auf Fast Food stehe ich auch nicht gerade.«
Arianna konnte nicht fassen, was sie sah. Konstantins gebrochene, wenn nicht gar zertrümmerte Hand sah vollkommen unversehrt aus. Selbst die tiefen Kratzer auf der Wange, die sie ihm verpasst hatte, waren nicht mehr zu sehen. Sie brachte kein vernünftiges Wort heraus. Ihr Hirn befand sich noch im Ruhemodus.
»Komm schon, du wirst es nicht bereuen. In ein paar Tagen wirst du auch das verstehen.« Sein Ton war einladend und Arianna musste sich daran erinnern, dass es ihr Entführer war, der hier vor ihr stand.
»Du wirst mir nicht dabei zusehen, wie ich mich umziehe!« Auch wenn Konstantin wirklich gut aussah, veranstaltete sie garantiert keinen Striptease für ihn! Eine Neuauflage des Stockholm-Syndroms würde es in dieser Hütte nicht geben.
»Danke, kein Bedarf. Nimm deine Klamotten mit ins Bad. Ich werde davor warten.«
Arianna schnaubte. Moment, war sie allen Ernstes gekränkt, weil er sie nicht nackt sehen wollte? Irgendetwas stimmte mit ihr in letzter Zeit wirklich nicht, wenn ihr schon solche Gedanken kamen. Manche Dinge ergaben in ihrem Kopf keinen richtigen Sinn. Jedoch war Arianna nicht in der Lage, den Finger daraufzulegen und den Ursprung für das Chaos zu finden. Es war ja wohl so was von egal, was Konstantin von ihr hielt! Sie liebte Zac und er sie ebenfalls. Oder etwa nicht? Schon wieder wurde sie von Zweifeln gequält.
Entschlossen stand Arianna auf und wühlte in der Reisetasche nach frischen Klamotten. Die Männer hatten an alles gedacht und sie musste nicht verwahrlosen. Nicht nur diverse Outfits, sondern auch eine Jacke und allerhand Hygieneprodukte waren dabei. Das war fast schon aufmerksam von ihnen. Nur wozu bräuchte sie für wenige Tage drei Packungen Tampons? Männer! Geduscht hatte sie gestern Abend, daher würde eine kurze Wäsche reichen.
Mit verschränkten Armen lehnte Konstantin im Türrahmen und wartete auf sie. Als sie alles beisammenhatte, fasste Arianna einen Entschluss. Erstens: Sie würde sich nicht unterkriegen lassen. Zweitens: Sobald sich eine Gelegenheit bot, floh sie von hier. Im Wald gab es jede Menge Möglichkeiten, sich zu verstecken.
Erhobenen Hauptes stapfte sie an Konstantin vorbei und steuerte das Bad an. Sobald sie drin war, knallte Arianna ihm die Tür vor der Nase zu. Diese kurze Zeit, in der sie niemand beobachtete, würde sie genießen und auskosten, solange es ging.
Im gestrigen Dämmerlicht hatte sie nicht mehr allzu viel erkannt, daher untersuchte sie das Dachfenster noch einmal. Blöderweise war es außerhalb ihrer Reichweite. Man öffnete es mit einer Griffverlängerung und selbst damit konnte es nur angekippt werden. Flucht durchs Fenster fiel aus.
»Arianna?«
Sie gab keine Antwort.
»Sag etwas oder ich komme rein«, drohte Konstantin.
Wütend schnaubte Arianna. »Ich sitze auf der Toilette! Zufrieden? Kannst du nicht wenigstens ein paar Schritte den Flur runter warten? Das ist echt peinlich, zu wissen, dass du direkt vor der Tür stehst.«
»Glaub mir, ich bin auch nicht scharf darauf, dir bei so was Gesellschaft zu leisten, geschweige denn dir dabei zuzuhören. Wir kommen beide nicht drum herum«, erwiderte er trocken.
Hatte er gerade wirklich zuhören gesagt?! Die Tage in Gefangenschaft würden zu einer schlimmeren Folter, als Arianna es bislang für möglich gehalten hatte! Mit knallrotem Kopf beendete sie die Morgentoilette und kam wieder auf den Flur.
Konstantin machte bei ihrem Anblick eine auffordernde Geste Richtung Treppe. »Ladys first.«
Als ob! Er wollte sie doch bloß nicht aus den Augen lassen. Garantiert fürchtete er, sie stieß ihn runter, sobald er ihr den Rücken zukehrte. Artig tat Arianna ihm den Gefallen und ging langsam die Treppe hinunter. Wenn die Flucht gelingen sollte, musste sie ihre Entführer zunächst in Sicherheit wiegen.
Sie wurde von Konstantin in die Küche geschoben. Dort steckte er den Kopf in den Kühlschrank. Die einzelnen Fächer quollen über vor lauter Lebensmitteln. Sie waren tatsächlich für eine Woche versorgt.
»Spiegel- oder Rühreier?«, fragte er über die Schulter.
»Rühreier«, gab sie knapp zurück.
Konstantin zog die Schachtel mit den Eiern hervor und stellte sie auf die Kochinsel. Arianna schwang sich auf einen der Barhocker und sah ihm zu. Das könnte interessant werden.
»Okay, Veganerin bist du schon mal nicht«, stellte er fest. »Vegetarierin?«
»Auch nicht.«
Nachdenklich kratzte Konstantin sich am Ohr. Er hielt eine Packung Speck in der Hand und machte keine Anstalten, sie zu den Eiern zu legen.
»Stimmt was nicht?«
»Ich habe das Gefühl, egal was ich sage, es wird falsch sein.«
Arianna kicherte unwillkürlich. »Falls du mich gerade möglichst taktvoll fragen willst, ob ich auch Speck möchte, dann ja, bitte. Ich liebe Speck!«
»Das wäre geklärt. Wie steht es mit Gluten oder Lactose? Hast du Allergien?«, wollte Konstantin als Nächstes wissen.
»Übertreibst du jetzt nicht ein bisschen?« Arianna zog verwundert die Augenbrauen hoch.
»Hey, ich versuche hier möglichst rücksichtsvoll zu sein, weil ich für uns kochen werde. Ich fände es einfach schade, wenn du, aus welchen Gründen auch immer, nicht mitessen könntest, und will dem vorbeugen.«
Das war überraschend aufmerksam von ihm. »Ich vertrage keine Haselnüsse.«
»Okay, mehr Nutella für mich«, stellte er mit frechem Grinsen fest.
Arianna grinste zurück. Das süße Teufelszeug durfte er gern behalten, wäre sowieso schlecht für die Figur.
Als Nächstes durchwühlte er die Küchenschränke, bis er zwei Pfannen zutage gefördert hatte. In der einen drapierte er die rohen Speckstreifen, in die andere schlug er die Eier, verquirlte und würzte sie. Das machte er definitiv nicht zum ersten Mal. Nebenbei fütterte er den Toaster mit Brot und schnitt Obst auf.
Ein köstlicher Geruch breitete sich in der Küche aus und Arianna sog ihn gierig ein. Sie wurde wehmütig. Das letzte Mal, dass ihr jemand Frühstück gemacht hatte, war mindestens zehn Jahre her. Damals war sie noch zur Grundschule gegangen und es war ihre Mutter gewesen. So was taten Mütter eben. Warum hatte Zac ihr eigentlich nie Frühstück gemacht? Wenigstens am Valentinstag. Wenn sie so darüber nachdachte, ließ ihr Verlobter sich ganz schön von ihr bedienen.
»Alles okay?« Konstantin beobachtete sie mit gerunzelter Stirn. Bei diesem Blick könnte man echt schwach werden. Dazu ein selbst gemachtes Frühstück in Kombination …
Vergiss. Nicht. Wer. Er. Ist!
Ja, war sie denn vollkommen verrückt und so leicht zu kaufen? Er wartete auf eine Antwort.
»Soll ich schon mal den Tisch decken?« Natürlich wich sie der Frage aus. Er konnte sie nicht zum Antworten zwingen. Obwohl, genau genommen könnte Konstantin das doch. Andererseits hatte er versprochen, ihr nichts anzutun, sie gut zu behandeln und nach ein paar Tagen sogar wieder gehen zu lassen. Es war verrückt, ein Teil von ihr glaubte ihm.
»Das wäre nett«, sagte Konstantin schließlich, als er einsah, keine andere Antwort von ihr zu erhalten.
Eifrig suchte Arianna nach Geschirr und Besteck sowie Untersetzer für die Pfannen und stellte alles auf den Wohnzimmertisch. Dann schaltete sie den Fernseher an. So musste sie nicht allzu viel mit Konstantin reden und war von ihren widersprüchlichen Gedanken abgelenkt.
Es lief ein Morgenmagazin. Auch heute war die gestrige Verfolgungsjagd das Tagesthema. Kraftlos sank Arianna auf einen Stuhl und lauschte dem Moderatorenpaar und einem Reporter. Die dramatisch in Szene gesetzten Ereignisse unterschieden sich kaum vom Bericht des vergangenen Abends. Es war nichts von Zac zu sehen oder zu hören, wie er darum bat, seine Verlobte schnellstmöglich zu finden.
»Warum sucht er mich denn nicht?«, flüsterte Arianna zu sich selbst und kämpfte mit den Tränen.
Konstantin stellte die Pfannen auf den Tisch und sie fuhr erschrocken zusammen. Sie wartete. Er sagte nichts.
»Was denn? Dieses Mal gibst du keinen spöttischen Kommentar ab?«
Konstantin schnaubte. »Wenn du nichts Nettes sagen kannst, sag besser gar nichts. Manchmal habe selbst ich so was wie Taktgefühl.«
Schweigend aßen sie und jeder hing den eigenen Gedanken nach. Es war lecker, nur hatte Arianna keinen großen Appetit mehr. Nach einer Weile stocherte sie lustlos in den Eiern herum.
Letztendlich war es Konstantin, der das Schweigen brach. »Es wird bald besser werden. Ich würde dir so gern alles erklären, aber das darf ich nicht.« Entweder meinte er es ernst oder er war ein guter Schauspieler.
»Was hindert dich denn daran?«, fragte Arianna müde.
»Es würde dir nicht helfen, sondern genau das Gegenteil bewirken.«
»Weil ich in Ruhe entgiften soll?« Skepsis schwang in ihrer Stimme mit.
Konstantins Gesicht hellte sich auf. »Ganz genau.«
Frustriert stöhnte Arianna. »Im Kryptische-Andeutungen-Machen bist du ein ganz Großer.«
Hatte er entgegen aller logischer Erklärungen wirklich den Schlüssel zu dem Chaos in ihren Gedanken, könnte er ihn Arianna doch einfach überlassen. Was war so schlimm daran?
Nachdem sie sich ein paar Minuten angeschwiegen hatten, räusperte Konstantin sich. »Bist du satt?«
Arianna nickte und sah ihm dabei zu, wie er aufstand und den Tisch abräumte.
Als alles wieder aufgeräumt war, fragte er: »Wollen wir das Wohnzimmer ein bisschen auf den Kopf stellen? Vielleicht finden wir irgendwo ein Kartenspiel oder ein Mensch ärgere Dich nicht oder wenigstens ein paar gute Bücher?«
Gekonnt zog Arianna eine Augenbraue hoch. »Ernsthaft?«
»Wir können auch den ganzen Tag schweigend herumsitzen und aus dem Fenster starren. Dann vergeht die Zeit erst recht nicht.«
Damit brachte er Arianna auf eine Idee. Forschend sah sie aus den bodentiefen Fenstern. Es wartete ein schöner Frühlingstag auf sie wie schon die ganze Woche über.
»Ich möchte hier nicht rumsitzen. Können wir vielleicht ein bisschen spazieren gehen und frische Luft schnappen?«
Jetzt war es an Konstantin, skeptisch dreinzuschauen.
»Sag bloß, du gehörst zur Fraktion Spaziermuffel?«, stichelte Arianna. Er sollte ihr die Bitte nicht allzu schnell abschlagen.
»Wir gehen ein Stück. Lass uns die Jacken holen. Morgens ist es zu kühl ohne.«
Mit neuem Elan rutschte Arianna vom Stuhl und flitzte möglichst lautlos die Treppe hoch. Leo sollte auf jeden Fall noch ein bisschen länger schlafen. Es wäre schon schwierig genug, Konstantin loszuwerden.
Fünf Minuten später standen sie vor der Hütte und gingen los. Schweigend liefen sie den Waldweg entlang. Arianna sah sich aufmerksam um und kundschaftete die Gegend aus. Wie gestern bereits befürchtet, waren sie im tiefsten Wald gelandet. Die Besorgnis, die deshalb in ihr aufstieg, schob sie rigoros beiseite. Arianna brauchte einen Plan, und zwar schnell.
Sobald sie Konstantin entwischte, konnte sie sich immer noch orientieren. Irgendwann käme sie dann schon zu einer Straße. Wenn sie erst mal wieder unter anderen Menschen war, half man ihr garantiert.
»Suchst du was?«, fragte Konstantin.
Ja, einen Fluchtweg … »Wieso fragst du?« Arianna gab sich möglichst unschuldig.
»Du siehst dich nach allen Seiten um, und das schon die ganze Zeit.«
Nervös biss sie in ihre Unterlippe. »Ich sehe mir nur die Blumen an«, antwortete sie schließlich. Es stimmte, der Waldboden war bedeckt von bunten Frühjahrsblühern. Auch wenn Arianna sie bis eben nicht beachtet hatte, so waren sie unleugbar schön. Ostern lag gerade erst hinter ihnen und der Frühling zeigte sich in seiner ganzen Pracht.
Jetzt sah auch Konstantin sich interessiert um. Ein leichtes Lächeln lag auf seinen Lippen. Was ihm wohl durch den Kopf ging? Andererseits konnte Arianna das herzlich egal sein. Sie witterte ihre Chance und nutzte sie.
»Die da hinten waren besonders hübsch«, sagte sie leichthin und deutete zurück.
Konstantin fiel tatsächlich darauf rein und drehte sich um. Entweder er war naiv oder sich seiner Sache zu sicher. Sofort rannte Arianna los. All ihre Kraft legte sie in diesen Sprint. Wenn sie es schaffte, aus seinem Blickfeld zu verschwinden, konnte sie ein Versteck finden und entkommen.
»Scheiße!«, fluchte Konstantin, sobald er den Fluchtversuch bemerkte, und stürmte ihr hinterher.
Zwar rannte Arianna so schnell wie sie konnte, trotzdem kamen Konstantins stapfende Schritte näher. »Bleib stehen!«, rief er atemlos. »Wenn du jetzt zurückgehst, wird es gefährlich für dich.«
Arianna hörte nicht auf ihn. An seiner Stelle würde sie sonst was erfinden, um ihr Opfer einzuwickeln. Sie tauchte unter einen tief hängenden Ast und sprang durch ein Gebüsch. An dessen stacheligen Zweigen blieb ihre Jacke hängen und Arianna hörte den Stoff reißen.
Sie hatte keine Zeit, sich damit zu befassen. Hinter dem Strauch fiel der schmale Weg steil ab. Panisch versuchte Arianna, einen Haken zu schlagen. Sie war zu schnell. Ihre Füße schlitterten durch den Matsch und sie knickte um. Gleich würde sie in den Abgrund stürzen. Panisch kniff sie die Augen zu. Sie wollte nicht sehen, was unter ihr lag.
Arianna verlor das Gleichgewicht und fiel. Konstantin erreichte sie und griff nach ihrem Arm. Er konnte sie auf dem abschüssigen Gelände nicht halten und wurde mit in die Tiefe gerissen.
9

Typisch Stier
Taunus, mitten im Wald
11. April 2018
Arianna
Starke Arme schlangen sich um ihre Taille und den Kopf. Gemeinsam rollten sie den Hang hinunter. Arianna verlor die Orientierung und konnte nicht sagen, wie lange der Sturz dauerte, ob es nur Sekunden oder sogar Minuten waren.
Abrupt hielten sie an. Konstantin stöhnte gequält auf. »Verfluchte Scheiße!«
Arianna schwirrte der Kopf. Sie wusste kaum, wo oben und unten war. Als sie sich sortiert hatte, wand sie den Kopf aus dem Klammergriff.
Bis auf den Fuß war sie unversehrt. Konstantin hatte die Augen fest zusammengepresst, sein Gesicht war schmerzverzerrt. Den Griff um ihre Taille lockerte er trotzdem nicht. Sie lagen Brust an Brust auf dem Waldboden. Ein Baum hatte sie gebremst. Wie es aussah, war Konstantin mit dem Rücken dagegengekracht. Arianna wollte sich befreien. Zwar war es fies, ihn hier liegen zu lassen, aber er war es, der sie entführt hatte, und nicht umgekehrt.
Sein Griff wurde fester und langsam öffnete Konstantin ein Auge. »Wenn du noch mal versuchst abzuhauen, war heute das erste und letzte Mal, dass ich dir Frühstück gemacht habe.«
Arianna hielt in ihren Bemühungen inne. Sie hatte mit Mordlust gerechnet. Das Einzige, was in seinem Blick aufblitzte, war freundlicher Spott. Sie wurde von dem Drang erfüllt, sich bei ihm zu entschuldigen. Damit die verräterischen Worte blieben, wo sie waren, biss sich Arianna auf die Lippe.
Langsam setzte Konstantin sich auf, wobei er den Griff ein wenig lockerte. »Ich habe doch glatt vergessen, wie dickköpfig und unbelehrbar du sein kannst. Typisch Stier.«
Was sollte das denn bedeuten? »Pah, du liegst falsch! Ich bin Fische.« Damit zufrieden, recht zu haben, grinste Arianna ihn an.
Konstantin war nicht überrascht. »Geboren am 13. März ’98. Genau wie ich oder Leo und noch ein paar andere. Laut chinesischem Horoskop wären wir alle Tiger. Das hat in unserem Fall nicht viel zu sagen.«
Woher wusste er …? »Wie lange spionierst du mich schon aus?«
Verwundert sah er sie an. »Deinen Geburtstag kannte ich schon. Schließlich ist er am selben Tag wie meiner. Zum ersten Mal gesehen habe ich dich an dem Tag, als ich in deinen Laden kam und du einen Strauß für meine Mutter binden solltest.«
»Was soll das heißen, endlich gefunden? Wieso hast du mich gesucht?« Dieses Mal ließ er Arianna aufstehen. Sie schwankte zwischen Angst, dem Drang, vor ihm wegzulaufen, und ihrer inneren Unruhe, die mehr erfahren und Antworten bekommen wollte.
»Ich habe schon wieder zu viel gesagt«, murmelte Konstantin und mied ihren Blick. »Kannst du nicht einfach noch ein paar Tage abwarten? Dann wirst du es von selbst wissen.«
»Wie soll das denn funktionie… aua!« In der Zwischenzeit hatte Arianna sich richtig hingestellt und den Fuß belastet, was sich als schwerer Fehler herausstellte. Ein stechender Schmerz zog durch das Gelenk und sie verzog das Gesicht.
»Was hast du?« Konstantin klang alarmiert und rappelte sich auf.
»Etwas ist mit meinem Fuß«, gab sie zerknirscht zu. Weglaufen fiel damit endgültig aus. Verdammter Mist!
Er kam ebenfalls auf die Beine und musterte Arianna von oben bis unten. In seinem schwarzen Haar und an der Jacke hingen Blätter. Die Jeans wies zahlreiche Matschflecken auf. Sie selbst sah kaum besser aus.
Einer seiner Mundwinkel hob sich. »Dann hat sich das mit dem Fluchtversuch wohl erst mal erledigt.«
So ein Arsch! Arianna sah ihn böse an. War ja klar, dass die Verletzung diesem Kerl gerade recht kam.
Konstantin ließ sich von ihrem Blick, bei dem er eigentlich hätte tot umfallen müssen, nicht aus der Ruhe bringen, sondern lachte leise. »Da hast du uns einen schönen Schlamassel eingebrockt.«
Auf einem Bein stehend sah Arianna sich um. Der Weg, von dem sie abgestürzt waren, lag mindestens zehn Meter über ihnen. Allerdings waren sie nicht bis hinunter ins Tal gerollt, sondern auf halber Höhe ausgebremst worden. Egal in welche Richtung sie kletterten, es käme auf etwa dieselbe Strecke hinaus. Wobei Arianna sicher war, nicht klettern zu können, weder nach oben noch nach unten. Dazu tat der Knöchel zu weh, selbst wenn sie, so wie jetzt, den Fuß nicht belastete.
Konstantin sah über die Schulter. »Runter wäre leichter. Da ich noch nie hier gewesen bin, habe ich keine Ahnung, ob es da unten einen Weg gibt, geschweige denn ob der uns wieder zur Hütte führt.«
»Warum rufst du nicht Leo an?«, fragte Arianna vorsichtig. »Vielleicht gibt es im Schuppen ein Seil und er kann uns hoch helfen.«
»Ich habe mein Handy nicht mit. Selbst wenn, würde ich es nicht einschalten, ist zu riskant.«
»Was denn«, setzte sie spöttisch an, »hast du etwa Angst, man könnte nicht nur meines, sondern auch deines orten?«
»Ist schon vorgekommen«, antwortete Konstantin leichthin.
»Das spricht nicht unbedingt für dich«, stichelte Arianna weiter.
»Oder für meine stalkende Ex«, gab er unbeeindruckt zurück. »So oder so bin ich der Einzige, der dich jetzt von diesem Hang schaffen kann, wenn wir nicht bis zur Abenddämmerung warten wollen. Daher sei so gut und spiel ausnahmsweise mit.«
»Was hast du denn vor?«
»Ich nehme dich auf den Rücken und klettere wieder hoch. Dabei werde ich allerdings meine Hände brauchen. Das heißt, du musst dich auch mit den Beinen an mir festhalten. Wenn wir oben sind, kannst du deinen Fuß entlasten. Den Weg zurück trage ich dich huckepack.« Konstantins Blick schweifte über den Hang.
»Hast du so was schon mal gemacht? Was, wenn wir noch weiter abstürzen?« Die Vorstellung, ihm so nahe zu sein, behagte Arianna nicht.
»Bisher nur gesichert an Kletterwänden und ohne Ballast auf dem Rücken. Wenn ich abrutsche, hat sich die Frage erledigt, ob wir unser Glück nicht lieber mit dem Tal versuchen sollen.«
Jetzt hätte Arianna sich gern darüber aufgeregt, von ihm als Ballast bezeichnet worden zu sein. Zu blöd, dass es leider der Wahrheit entsprach. Sie wollte nicht länger hierbleiben und musste sich wohl oder übel fügen. Die Aussicht, auf einem bequemen Sofa die Beine hochzulegen, war verlockend. »Dann versuchen wir es.«
Kommentarlos drehte Konstantin sich um, ging in die Hocke und streckte die Arme nach hinten. Arianna machte einen Schritt auf ihn zu, umschlang widerwillig seinen Hals und ließ es zu, dass er nach ihren Oberschenkeln griff. Ächzend stand Konstantin auf und stieß hart die Luft aus.
»Komm schon, so schwer bin ich auch nicht.« Sie verschränkte die Beine vor seinem Bauch, auch wenn der Schmerz dadurch stärker wurde.
»Niemals würde ich wagen, etwas Gegenteiliges zu behaupten.« Mit diesen Worten griff Konstantin nach einer Wurzel, die halb aus der weichen Erde lugte, und zog sie beide hoch.
Er schwankte gefährlich und Arianna fühlte sich wie ein Klammeraffe. Die Sorge, sie könnten abrutschen und in die Tiefe stürzen, wurde immer größer. Verdammte Höhenangst! Sie vergrub das Gesicht an Konstantins Hals und schloss die Augen. So bekam sie nicht bei jedem Schritt eine Panikattacke. Dadurch wurde sie sich des Mannes, an den sie sich klammerte, umso bewusster.
Die Haare in seinem Nacken kitzelten an der Nase. Sie atmete tief ein. Das Shampoo, das er benutzte, roch gut. In Kombination mit dem frischen Schweiß ließen der Geruch und das Schaukeln sie vergessen, mit wem sie hier war, und sie entspannte sich ein wenig.
Konstantin kletterte verbissen weiter und kam halbwegs voran. Arianna wagte es nicht, die Augen zu öffnen, um herauszufinden, wie weit es noch war. Der Ruck, der durch sie beide ging, kam überraschend. Sie kreischte erschrocken auf und verstärkte ihren Griff. Ein gutes Stück rutschten sie den Hang hinunter. Konstantin fing sich ab und bremste sie.
Sein Atem ging schwer. »Du erwürgst mich gleich.«
Widerwillig lockerte Arianna sich ein bisschen und zwang die verkrampften Muskeln, sich zu entspannen. »Tut mir leid«, murmelte sie und schlug die Augen auf. Verlöre Konstantin noch mal den Halt, käme es wenigstens nicht so überraschend.
Sie hatten schätzungsweise die Hälfte geschafft. Etwa zwei Meter weiter oben war die Erde aufgewühlt und eine breite Schleifspur zog sich zu ihnen runter. Eine dünne Wurzel ragte dort aus dem lockeren Waldboden. Offensichtlich war sie der Übeltäter und hatte ihr gemeinsames Gewicht nicht getragen.
»Auf ein Neues!« Konstantin suchte mit den Fingern nach einer Vertiefung und zog sich hoch.
Arianna wagte es nicht, sich zu bewegen oder auch nur den Mund aufzumachen, aus Angst, seine Konzentration zu stören.
Ein paar Minuten später, die ihr wie eine Ewigkeit vorkamen, hatten sie die obere Kante erreicht und Konstantin hievte sich auf den Weg. Er blieb keuchend auf allen vieren und rang nach Luft. Arianna rutschte von ihm runter, um ihm eine Pause zu gönnen.
»Geht gleich wieder.« Konstantin rappelte sich auf und setzte sich zu ihr auf den Waldboden. Vorsichtig warf er einen Blick den Hang hinunter.
Die schwarzen Haare klebten ihm verschwitzt im Gesicht und das schlechte Gewissen überkam Arianna erneut. Das war vollkommen bescheuert von ihr! Wie kam sie nur auf die Idee, Mitleid für ihren Entführer zu empfinden? Trotzdem konnte sie die Vertrautheit zwischen ihnen nicht leugnen. Sie war einfach da. Vielleicht lag sie darin begründet, dass Arianna das Gefühl nicht loswurde, Konstantin kannte sie, aus welchem Grund auch immer, besser als sie sich selbst.
Er wischte sich die Haare aus der Stirn und ging wieder in die Hocke. »Komm her. Der Rest wird dagegen ein Klacks.«
Arianna krabbelte zu ihm und zog sich auf seinen Rücken. Vorsichtig stand Konstantin auf und setzte sich augenblicklich in Bewegung. Dieses Mal ließ sie ihre Füße baumeln. Seine Hände waren warm und fassten ihre Oberschenkel von unten.
Den restlichen Weg über schwiegen sie beide. Wahrscheinlich sparte Konstantin seinen Atem, bis sie wieder in der Hütte waren. Dort würde er sie garantiert anbrüllen und in einer Ecke anbinden.
Am Ende des Weges kam das Ferienhaus in Sicht und beide atmeten erleichtert auf. Schnellen Schrittes lief Konstantin die letzten hundert Meter. Umständlich öffnete er die Tür und trat ein. Er steuerte den Wohnbereich des Hauses an und durchquerte die offen gebaute Küche. Hinter der Kochinsel stand Leo. Seine blonden Locken waren zerzaust. Er trug lediglich ein T-Shirt und Boxershorts. Gerade machte er sich gierig über die Reste des Frühstücks her und aß direkt aus der Pfanne.
Als er die Schritte hörte, sah er auf und ließ die Gabel auf halbem Weg zum Mund in der Luft verharren. »Was ist denn mit euch passiert?«
Konstantin schnaubte. »Wir waren picknicken.«
»Was du nicht sagst. Muss ja sehr romantisch gewesen sein, wenn man bedenkt, wie ihr euch über den Boden gewälzt haben müsst, um so auszusehen.«
»Nicht wahr? Ich habe sämtliche Geschütze aufgefahren. Sie konnte gar nicht anders, als mich direkt zu bespringen.«
Arianna traute ihren Ohren nicht. Rissen die beiden über den offensichtlichen Fluchtversuch wirklich Witze?
Vor dem Sofa hielt Konstantin an und setzte sie vorsichtig ab. »Ruh dich aus«, sagte er seufzend, während er die Sofadecke über ihr ausbreitete. Dann wandte er sich ab und drehte ihr den Rücken zu.
Das war alles? Wo blieben das Geschrei und die Androhung von Gewalt?
Perplex sah Arianna ihm hinterher. Auf dem Weg zur Treppe streifte Konstantin sich die schmutzige Jacke ab. »Passt du ein bisschen auf sie auf? Ich muss dringend duschen.«
»Klar, kein Problem«, antwortete Leo sofort.
Der Stoff von Konstantins T-Shirt war in der Mitte des Rückens dunkler. Der Rückweg musste für ihn verdammt anstrengend gewesen sein. Sobald er die Treppenstufen erreichte, zog er sich im Gehen das Shirt über den Kopf.
Erschrocken sog Arianna die Luft ein. Eine großflächige Verletzung verunstaltete die gebräunte Haut. Schürfwunden und rote Flecken waren über Konstantins breiten Rücken verteilt. Im Bereich der Lendenwirbelsäule war es besonders auffallend. Dort war er gegen den Baum gekracht, der ihren Fall gebremst hatte.
Das musste wahnsinnig wehtun. Trotzdem hatte Konstantin sie getragen, ohne sich zu beklagen. Was stimmte mit ihm bloß nicht? Er hätte allen Grund, unfassbar wütend auf sein Opfer zu sein. Stattdessen deckte er sie sogar zu.
»Soll ich dir einen Tee kochen?«, fragte Leo aus der Küche.
Arianna riss sich von Konstantins Anblick los. Er war ohnehin gerade im oberen Stockwerk verschwunden. »Das wäre sehr nett«, sagte sie hastig.
»Welche Sorte hättest du gern? Hast du eine spezielle Vorliebe?«
»Ganz egal, nur keinen Hibiskus in der Mischung. Der Geschmack übertüncht alles andere und ich mag ihn nicht.«
»Okay, ich guck mal, was wir dahaben.«
Fünf Minuten später hielt Arianna eine Tasse Pfefferminztee in den Händen und genoss die Wärme. Leo hatte ihr auch eine kalte Kompresse mitgebracht. Zusätzlich entzündete er den Kamin. Danach ließ er sich in einen der Sessel sinken und schaltete den Fernseher ein.
Nach einer Weile kam Konstantin wieder runter. Er hatte sich frische Klamotten angezogen. Seine Haare waren feucht und die Spitzen im Nacken kringelten sich leicht.
Ariannas Puls beschleunigte sich bei diesem Anblick. Sie spürte eine Mischung aus Angst und Aufregung. Konstantin warf einen Blick auf die große Uhr im Wohnzimmer. Es war kurz nach ein Uhr mittags.
»Wie sieht’s mit Essen aus? Habt ihr Hunger?«
»Na klar!«, rief Leo freudig aus.
Konstantin verdrehte die Augen. »Dich habe ich nicht gefragt. Dass du verfressen bist, weiß ich. Arianna?«
Sie wand sich unbehaglich. »Du kannst auch erst mal eine Pause machen.«
»Hast du Hunger?«, fragte er noch einmal.
Zur Antwort knurrte ihr Magen laut und Arianna wollte sich am liebsten unter der Decke verstecken. Vom Frühstück hatte sie kaum etwas gegessen und auch gestern war es nur wenig gewesen.
»Ich werte das als Ja.« Grinsend ging Konstantin in die Küche.
»Willst du in der Zwischenzeit vielleicht auch duschen?«, fragte Leo.
Arianna verzog das Gesicht. »Ich kann nicht richtig stehen und hätte allein womöglich Schwierigkeiten. Heute Abend werde ich es mal versuchen. Bestimmt geht es meinem Fuß dann besser.«
Leo nahm ihre Antwort hin und sah wieder zum Fernseher. Es interessierte ihn gar nicht, was genau vorgefallen war. Er zappte durch die Kanäle und konnte sich für nichts begeistern. »Ich vermisse unseren Netflix-Zugang.«
»Ein paar Tage wirst du ohne überleben«, erwiderte Konstantin. »Bald kannst du deinen Hintern wieder auf Selenes Sofa parken und weiter vor dich hin verblöden.«
»Hey!«, empörte sich Leo. »Das ist Qualitätsfernsehen. Du weißt doch, wie man sagt? Wenn man keine Ahnung hat …«
»Im Gegensatz zu dir habe ich mehr zu tun, als mir vorm Fernseher den Arsch platt zu sitzen«, meinte Konstantin.
Unwillkürlich lachte Arianna. Das Geplänkel der beiden war witzig. »Wie wäre es mit einer DVD? Haben wir welche hier?« Ein Film löste das Problem hoffentlich und brachte sie alle auf andere Gedanken.
Leo schenkte ihr ein anerkennendes Lächeln. »Ich mag deinen Pragmatismus.« Er stand auf und öffnete das Schränkchen unter dem Fernseher.
Darin befanden sich tatsächlich ein paar Plastikhüllen. Leo las die Titel vor: »Der Pate, Fightclub, Vier Fäuste für ein Halleluja, Titanic, The Fast and the Furious 2, oder nee, das müsste der dritte sein, Die Eiskönigin …«
»Oh, den liebe ich!«, rief Arianna begeistert.
»Dann gucken wir ihn.« Konzentriert schnippelte Konstantin vor sich hin und warf gerade etwas in einen Topf.
»Du hast versprochen, der Aufenthalt in diesem Haus würde nicht unangenehm!«, jammerte Leo.
»Arianna habe ich das versprochen, nicht dir«, stellte Konstantin klar, wobei er mit dem Messer in der Hand gestikulierte. »Leg den Film ein! Diese neunzig Minuten wirst du überleben.«
»Auf der Hülle steht, es sind hundertundeine Minute!«
»Und wenn es zweihundert wären, weniger meckern, mehr Film einlegen.«
Grummelnd gab Leo nach und kurz darauf summte Arianna das erste Lied schon mit.
Ein dampfender Teller wurde ihr unter die Nase gehalten. Konstantin lächelte aufmunternd.
Das Essen entpuppte sich als Penne all’arrabbiata. Bereits nach der ersten Nudel schloss Arianna genüsslich die Augen. Es hatte genau die richtige Schärfe. »Die sind echt lecker«, lobte sie ehrlich.
Konstantin, der selbst bedächtig kaute, nahm das Kompliment brummend zur Kenntnis. Ein schwaches Lächeln zierte sein Gesicht. Er freute sich.
»Wo hast du das gelernt?«, fragte sie interessiert.
»Man kann wohl sagen, ich habe mit den Jahren eine gewisse Erfahrung gesammelt.«
»Mit welchen Jahren denn? Du bist doch kaum älter als ich.«
Kurz verzog Konstantin das Gesicht. »Wir sind gleichaltrig. Das Thema hatten wir doch schon.«
»Stimmt, es fällt mir noch immer schwer, das zu glauben. Du kannst tatsächlich mehr als ein paar Eier braten.«
Leos Augen blitzten amüsiert. »Ich weiß, was du meinst. So etwas Produktives wie Kochen traut man diesem Miesepeter gar nicht zu.«
Konstantin musterte seinen Kumpel hochmütig. »Wer den Koch verstimmt, isst ab morgen wieder Tiefkühlpizza.«
Die Drohung zeigte Wirkung und Leo hörte auf, so frech zu grinsen. »Bin schon still.«
Den restlichen Nachmittag verbrachten sie auf der Couch. Ariannas Fuß tat kaum noch weh. Zumindest solange sie sich nicht rührte. Als sie zur Toilette humpelte, biss sie die Zähne fest zusammen.
Trotzdem wollte sie es wagen und sich heute Abend in die geräumige Dusche stellen. Sie starrte vor Dreck, was ihr der Blick in den Spiegel verraten hatte, und allmählich wurde es unangenehm.
Der Tag neigte sich dem Ende und draußen wurde es immer dunkler. Sie hatten gerade – ebenfalls vorm Fernseher – ihr Abendessen beendet und stellten die Teller zusammen.
Mitten in der Bewegung hielt Konstantin inne und sah auf. Genervt verzog er das Gesicht und Arianna fragte sich unweigerlich, woran das lag.
»Sie ist einen Hang runtergefallen«, sagte er.
Arianna spitzte die Ohren.
»Hey!«, rief er laut. »Jetzt komm mal runter und halt die Klappe. Dann könnte ich dir auch erzählen, was passiert ist.«
Mit wem verdammt noch mal sprach er da schon wieder? Kurz huschte Ariannas Blick zu Leo. Der hatte ebenfalls einen Punkt über dem Couchtisch fixiert und war nicht im Geringsten überrascht. Es sah so aus, als folgte er der einseitigen Unterhaltung.
»Arianna wollte abhauen. Ich habe sie aufgehalten und wir sind zusammen einen Hang hinuntergestürzt. Deshalb sieht sie so aus. Nein, das war ganz sicher nicht meine Schuld! Wenn ich sie nicht eigenhändig hoch- und hierhergetragen hätte, säßen wir immer noch dort fest, bis ihr uns jetzt erst gefunden hättet. Ja, am Fuß. Muss das sein? Sobald sie laufen kann, wird sie wieder versuchen zu fliehen. Noch ist sie nicht so weit. Sie sieht euch nicht mal.«
Jetzt sah Konstantin zu ihr und Arianna schluckte schwer. Tagsüber wirkte er ganz normal. Warum führte er nachts Selbstgespräche?
Leo mischte sich ein. »Ich muss Kon zustimmen. Es würde unseren Job wirklich erleichtern, wenn du noch einen oder zwei Tage warten könntest.«
Abrupt richtete Konstantin sich auf. »Was fällt dir ein? Natürlich bereitet es mir keine Freude, wenn Arianna Schmerzen hat. Untersteh dich, so was zu behaupten!« Er vergrub das Gesicht in den Händen und schnaubte.
Sprachlos hörte sie zu. Ihr Mund stand offen und sie schloss ihn geräuschvoll.
Konstantin sprang aus dem Sessel und stapfte zum Sofa, auf dem Arianna lag. Er sah stinksauer aus und sie zog instinktiv den Kopf ein. Ruckartig riss er die Decke von ihren Beinen und Arianna schrie erschrocken auf.
»Na schön, dann tu es! Wenn etwas schiefgeht, trägst du auch die Verantwortung. Komm nicht wieder zu uns, um dich auszuheulen, wenn sie entwischt und zu diesem Mistkerl zurückkehrt.« Er wandte sich zum ersten Mal direkt an Arianna. Das Grollen war aus seiner Stimme gewichen. Stattdessen klang er resigniert. »Welcher Fuß ist es?«
»Wie bitte?«, fiepte sie unbehaglich.
»Welchen Fuß hast du dir verletzt?«
»Den rechten«, sagte sie nach einer kurzen Pause.
Konstantin beugte sich vor und schob das Hosenbein hoch. Arianna entzog sich ihm, doch er hielt sie am Unterschenkel fest. »Halt still, es wird gleich besser.«
Etwas war in seinem Blick, was sie innehalten ließ. Sie sollte ihm misstrauen. Warum fiel es ihr mit jeder Stunde, die sie gemeinsam verbrachten, schwerer?
Unwillkürlich entspannte Arianna sich und ließ ihn gewähren. Als Nächstes zog er ihr langsam den Strumpf aus und gab sich die größte Mühe, ihr dabei nicht wehzutun.
»Gleich wird es ein bisschen warm. Erschreck dich deswegen nicht. Du darfst dich jetzt nicht bewegen, dann geht es schneller.«
Zaghaft nickte Arianna und betrachtete den verstauchten Knöchel. Er war nach wie vor geschwollen und der Schmerz pochte schwach im Gleichklang mit ihrem klopfenden Herz. Die beiden Männer starrten auf dieselbe Stelle.
Die Haut erhitzte sich. Obwohl Konstantin sie vorgewarnt hatte, japste sie erschrocken nach Luft. Wohlige Wärme kroch durch Ariannas Fuß bis hoch ins Bein. Der Schmerz verblasste und sie seufzte selig. Es fühlte sich gut und auf eine merkwürdige Art vertraut an. Obwohl Arianna sicher war, so etwas noch nie gefühlt zu haben, wusste sie, dass es nicht zum ersten Mal geschah. Was immer es war, das hier passierte.
Langsam zog sich die Wärme zurück und nahm den Schmerz mit sich. Ungläubig bewegte Arianna den Fuß, bis sie ihn kreisen ließ. Er fühlte sich an, als wäre nichts gewesen.
»Wie …?«, setzte sie an und kam nicht weiter.
Konstantin hielt ihr die Hand hin. »Auch das wirst du bald verstehen. Jetzt solltest du problemlos duschen können.«
Zögerlich griff Arianna zu und ließ sich von ihm aufhelfen. Immer noch skeptisch belastete sie den zuvor verletzten Fuß. Es tat nicht mehr weh.
Leo stand ebenfalls auf. »Komm, ich begleite dich nach oben.«
Widerstandslos ließ Arianna zu, dass er seine Hand auf ihren Rücken legte und sie zur Treppe schob. Dort angekommen, hielt sie inne und sah über die Schulter. Konstantin hatte sich nicht vom Fleck bewegt und sah ihr hinterher.
»Gute Nacht und … danke«, sagte Arianna leise zu ihm.
Überrascht hob Konstantin die Augenbrauen. »Gute Nacht.«
Arianna wandte sich ab und stieg dicht gefolgt von Leo die Treppe hoch.
10

Wenn dein Gegenstück sich sorgt, mach dir Gedanken
Taunus, ein einsames Ferienhäuschen
11. April 2018
Konstantin
»Du bist komisch«, stellte Antares fest, sobald sie allein waren.
»Ach ja? Warum?«
»Weil du nett zu ihr bist. Das ist ungewohnt.« Der Stern sank vor ihm auf den Couchtisch. Sein Licht flackerte, was auf Unruhe und Nervosität schließen ließ.
Konstantin setzte sich und schnaubte. »Meinst du wirklich? Ich finde, ich habe sie gerade ganz schön angefahren. Aldebaran hasst mich und wird nicht müde, mir das zu zeigen. Ich wiederum bin die meiste Zeit von ihr genervt und halte sie für unfähig.«
Antares hüpfte einmal in die Luft. »Was du nicht sagst! Das merkt man dir gar nicht an. Ich meine nicht Aldebaran, sondern Arianna. Für gewöhnlich behandelst du Taurus genauso.«
Er wollte widersprechen. Konstantin blieben die Worte im Hals stecken. »Ich darf sie nicht gegen mich aufbringen, wenn sie bald erwachen soll.«
»Mir gegenüber musst du keine Ausflüchte finden«, stellte Antares klar.
»Warum sollte ich Ausflüchte finden wollen?«
»Weil es nicht so aussieht, als müsstest du dir Mühe geben, nett zu ihr zu sein. Es geschieht einfach.«
Konstantin überdachte die Worte des Sterns. Unweigerlich kam er zu demselben Ergebnis. »Muss daran liegen, dass Arianna nicht weiß, wer ich bin. Ohne Erinnerung ist es angenehm mit ihr. Sie weiß nichts von unseren Diskrepanzen und ist, von der Geschichte mit der Entführung mal abgesehen, unvoreingenommen. Auch wenn sie manchmal in alte Muster verfällt und mich mit Blicken durchbohren will.«
»Heißt das, sobald sie erwacht, werdet ihr euch wieder in eurer gegenseitigen Verachtung suhlen?« Antares seufzte und wurde blass.
»Ich weiß es nicht«, gestand Konstantin. »Vermutlich schon. Wir hassen uns schon viel zu lange, als dass ein paar erzwungene Tage unter einem Dach das ändern könnten, schätze ich.«
»Weißt du überhaupt noch, wie es dazu gekommen ist?«, fragte Antares lauernd.
Sofort wollte Konstantin eine Antwort geben und stellte fest, nicht dazu in der Lage zu sein. »Ich werde alt und kann mich nicht mehr daran erinnern. Mit unseren verstreichenden Leben ist es zur Gewohnheit geworden.«
»Dachte ich es mir doch.« Antares hüpfte wie ein Flummi.
»Weißt du es noch?«
»Den genauen Grund habe ich nie wirklich gekannt. Ihr hattet euch früher mal verstanden. Das liegt mindestens zwei Jahrtausende zurück, wenn nicht sogar noch länger. Dann wurde euer Verhältnis schlechter und bald konntet ihr einander nicht mehr ausstehen. Damals dachte ich ja, du und Taurus …«
Konstantin verzog das Gesicht. »Sie und ich, was?«
»Ihr seid Gegenzeichen. Entweder ihr stoßt euch ab oder zieht euch an. Etwas dazwischen gibt es nicht.«
»Hattest du ein billiges Horoskop zum Abendessen?«, fragte er besorgt.
Hätte der Stern die Augen verdrehen können, er hätte es getan, dessen war Konstantin sicher. »Du hast mich nach dem Grund gefragt und so ist es eben. Es gab eine Zeit, da habt ihr beide euch blendend verstanden. Das änderte sich schlagartig.«
»Wann war das?« Konstantin wusste es wirklich nicht mehr. Die Antipathie erwachte gemeinsam mit ihrem wahren Ich. Für gewöhnlich gingen sie sich der Einfachheit halber aus dem Weg und vermieden Berührungspunkte.
Nachdenklich schaukelte Antares in der Luft. »Ein paar eurer Leben waren bereits vergangen. Wenn ich es recht bedenke, fing es bald darauf an, nachdem Selene dich zu ihrer rechten Hand gemacht hat.«
Konstantin schreckte hoch. »Ernsthaft?«
»Du hast dich in dieser Zeit verändert. Offenbar nicht zum Gefallen von Taurus«, sagte Antares vorsichtig.
Statt einer Antwort gab er ein unwirsches Brummen von sich.
Der Stern kam näher und ließ sich auf Konstantins Knie nieder. »Ich weiß, dass du der Mondgöttin nur helfen willst, ihren Geliebten zu erwecken. Das wollen wir alle. Wir verdanken ihr viel. Doch wirkst du dabei etwas verbissen. Erst recht, wenn du gerade auf der Jagd nach einem Ausreißer bist. Dann haben deine Gefährten manchmal Angst vor dir.«
»Bist du fertig oder willst du meine soziale Inkompetenz gegenüber Fahnenflüchtigen weiter vertiefen?«
»Dann eben nicht.« Antares’ Seufzen war so laut, Arianna hätte es unter der Dusche gehört, hätte sie von den Sternen bisher etwas mitbekommen.
»Ich sollte mich hinlegen«, beschloss Konstantin. »Immerhin muss ich morgen wieder früh raus.«
Der Stern trudelte schweigend neben ihm her, als er sich die Treppe hochschwang. Auf weitere tiefgründige Gesprächsthemen konnte Konstantin in dieser Nacht dankend verzichten.
11

Komm mir nicht zu nahe, du verrücktes Glühwürmchen!
Taunus, ein Gefängnis?
12. April 2018
Arianna
Der zweite Tag in der Hütte verging schnell. Sie spielten Karten, Konstantin kochte, Arianna scherzte mit Leo und gemeinsam sahen sie sich DVDs an. Heute oblag die Filmauswahl nicht allein ihr, stattdessen ging es der Reihe nach. Es hatte eine gewisse Klassenfahrtatmosphäre.
Ariannas bewusstes Denken warnte sie davor, sich fallen zu lassen. Doch ihr Unterbewusstsein hörte nicht zu. Sie fühlte sich aufgenommen und angekommen, und das, obwohl sie nicht freiwillig hier war. Immer seltener dachte sie an Zac und fragte sich, ob sie einander wirklich liebten. Sie wusste es nicht mehr.
Genau genommen war er nie besonders gut zu ihr gewesen. Er war ständig auf der Arbeit, tat fast nie etwas für sie und hatte auch noch seine bisweilen anstrengende Schwester in Ariannas Wohnung einquartiert. Außerdem enthielt Zac ihr Sachen vor, wenn Leo und Konstantin recht hatten und die beiden anderen im Auto tatsächlich seine Geschwister waren. Von einer solchen Großfamilie hatte er Arianna nie erzählt. Das wäre spätestens wichtig für die Sitzordnung bei der Hochzeit.
Da war er wieder, dieser Gedanke. Fast war es, als wollte er ihr klarmachen, dass Zac nicht dorthin gehörte. Weder in Ariannas Wohnung noch in ihr Leben. Der Teil, der sich dagegen sträubte und ihn behalten wollte, war überraschend klein. Waren sie beide wirklich füreinander bestimmt, wie Arianna bisher angenommen hatte? Mit jeder Stunde, die sie nicht an der Seite ihres Verlobten verbrachte, wurde sie unsicherer.
War sie mit Zac glücklich?
Bis vor wenigen Tagen hätte sie geschworen, er wäre ihr Seelenverwandter. Wieso vermisste Arianna ihn dann nicht? Stattdessen fühlte sie eine merkwürdige Entfremdung.
»Was hast du?« Konstantin hatte sich vorgebeugt und musterte sie aufmerksam. Wie lange hatte er ihrem angestrengten Brüten zugesehen?
»Es ist nichts«, wich Arianna aus. Wie sagte sie ihm, dass sie zweifelte und er womöglich recht hatte?
»Nichts sieht anders aus.« Er stand auf und räumte den Tisch ab.
Sie war versucht, ihm zu helfen, doch besann sich eines Besseren. Schließlich war Arianna hier das Opfer. So weit kam es noch, dass sie ihren Entführern bei der Hausarbeit unter die Arme griff, oder nicht?
Schon wieder war ein Tag vergangen und Arianna wusste immer weniger, was sie von alldem halten sollte. Sie zog sich in ihre Gedanken zurück. Da leuchteten bunte Lichter vor ihr auf. Mit offenem Mund sah Arianna dabei zu, wie sie immer heller wurden und sich nach und nach in Bewegung setzten. Hatte sie einen Schlag auf den Kopf bekommen, ohne es zu merken?
Der orangene Lichtball schwirrte knapp an ihr vorbei und flog in die Küche. Ein dunkelblauer schwebte langsam zu Leo. »Hey, wie war euer Tag?«
Moment mal?! Seit wann konnten Lampions sprechen? Die fremde Stimme war definitiv aus dem blauen Lichtball gekommen.
Leo schenkte ihm ein mildes Lächeln. »Ruhig«, antwortete er.
Das rote Licht schwebte immer näher an sie heran. Arianna zog den Kopf ein.
»Hallo, Arianna. Wie geht es dir?«, fragte eine hohe Stimme.
Ihr gingen fast die Augen über. Wieso kannte dieses Ding ihren Namen? Sie wollte etwas erwidern. Außer zusammenhanglosem Gestammel brachte sie nichts heraus.
»Siehst du mich etwa?!«, kreischte das rote Licht begeistert und schoss auf sie zu.
Instinktiv griff Arianna nach einem Sofakissen und hielt es sich vors Gesicht. »Komm mir nicht zu nahe, du verrücktes Glühwürmchen!«
Schlagartig verstummten alle Anwesenden und sie spürte die Blicke bis durch den provisorischen Schild. Langsam ließ Arianna ihn sinken und schielte über dessen Rand. »Was bist du?«
Das rote Leuchten wurde blasser. »Ich heiße Aldebaran. Ich bin dein Stern.«
»Mein Stern?«, fragte Arianna verständnislos.
Konstantin war aus der Küche zurückgekommen und stützte sich von hinten auf die Sofalehne. Der orangene Lichtball schwebte knapp über seiner Schulter. »Du kannst sie sehen? Das wäre ja mal ein Fortschritt.«
Ruckartig nickte Arianna, auch wenn sie die Begeisterung nicht teilte.
»Fortschritt?«, beschwerte sich Aldebaran. »Sie erkennt mich nicht.«
Konstantin verdrehte die Augen und Arianna war mit einem Mal sicher, dass er die vergangenen Tage mit dem Stern diskutiert hatte, sobald sie ihn bei einem vermeintlichen Selbstgespräch gesehen hatte.
»Das ist beim ersten Mal doch normal«, sagte Konstantin geduldig, »Antares lacht sich jedes Mal kringelig, wenn er zu Beginn eines neuen Zyklus bei mir auftaucht und ich Zitat: So richtig schön blöd aus der Wäsche gucke.«
Auf Ariannas verwunderten Blick hin deutete er auf das orangene Licht an seiner Seite. »Das ist Antares. Zu Leo gehört Regulus.«
Sie folgte dem Fingerzeig. Mit Regulus war das blaue Licht gemeint. Irgendwo hatte sie das schon mal gehört. Schlagartig überkam sie die Erkenntnis. Es waren die Namen von besonders hellen Sternen.
»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Arianna unbehaglich.
»Ich kann es dir zeigen«, sagte Aldebaran eifrig und schwebte vor ihr auf und ab.
Arianna zog den Kopf ein. Ihr war die ganze Sache nicht geheuer. »Ich weiß nicht recht.«
»Dann wirst du es endlich verstehen.« Aldebaran blieb beharrlich.
»Jetzt lass sie doch erst mal zu sich kommen.« Konstantin schaltete sich ein und klang alles andere als glücklich.
»Halt dich da raus! Das geht dich gar nichts an. Das würde Arianna dir auch sagen, wenn sie Bescheid wüsste«, zischte der rote Stern.
Wütend ballte Konstantin die Fäuste. »Und wie mich das etwas angeht. Du sollst sie nicht ständig bedrängen. Das Thema hatten wir schon.«
»Von dir lasse ich mir gar nichts sagen. Das darf nur Arianna. Im Gegenzug darf ich ihr alles sagen, was ich will. Wenn ich der Meinung bin, dass es hilft, die Wahrheit zu erfahren, dann werde ich sie ihr auch erzählen.«
»Ich stecke dich in einen Küchenschrank und nagele ihn zu, wenn du nicht augenblicklich die Klappe hältst!«, knurrte Konstantin ungehalten.
Aldebarans Leuchten schwoll an und sie schwebte nah an Arianna heran. »Willst du gar nichts dazu sagen? So ist er schon die ganze Zeit zu mir!«
Verwirrt sah sie von einem zum anderen. »Sollte ich denn?«
»Natürlich solltest du!«, jammerte der Stern.
Konstantin konnte sich nicht länger beherrschen und brach in schallendes Gelächter aus. »Jetzt ist sogar schon dein Gegenstück von dir genervt.«
»Wie kannst du es wagen?!« Wütend schoss Aldebaran gegen seine Schulter.
»Au!«, rief Konstantin aus und rieb sich die schmerzende Stelle.
Antares leuchtete grell auf und schob sich zwischen ihn und Aldebaran. »Lass ihn in Frieden!«, fauchte er bedrohlich. »Ich verstehe deine Frustration. Vergiss dabei jedoch nicht, was Konstantin alles für euch beide tut.«
Schniefend zog Aldebaran sich zurück und sank auf Ariannas Decke. Die Wärme, die von dem Leuchten ausging, kam ihr bekannt vor. Nach einer Weile bekam sie Mitleid mit dem Stern und streckte vorsichtig die Hand aus. »Du warst es, die mich gestern geheilt hat, oder nicht?«
»Natürlich habe ich das! Auch wenn dieser Grobian es nicht zulassen wollte.«
»Ich habe doch nachgegeben«, murrte Konstantin.
»Danke schön«, erwiderte Arianna und schob die Hand unter den Stern. »Du bist sehr hübsch.« Mit diesen Worten brachte sie Aldebaran zum Strahlen. »Und du gehörst wirklich zu mir?«
»Wir sind wie Pech und Schwefel!«
»Beim Pech muss ich zustimmen«, warf Konstantin ein. »Halt dich zurück oder ich stülpe einen Kochtopf über dich und lasse dich bis morgen früh darunter schmoren.«
Aldebaran ignorierte ihn. Stattdessen begann sie, pulsierend zu leuchten. Der Anblick beruhigte Arianna.
Zu Leo sagte Konstantin: »Behaltet ihr diesen vorwitzigen Stern im Auge? Dann haue ich mich für ein paar Stunden aufs Ohr.«
»Alles klar«, antwortete er locker. »Schlaf schön.«
Konstantin verließ die Runde, was Aldebaran mit einem Schnauben kommentierte. Noch eine Weile blieben die anderen im Wohnzimmer sitzen und unterhielten sich leise, bis auch Arianna zu müde wurde und ins Bett wollte.
Pulsuz fraqment bitdi.