Kitabı oxu: «Aus Liebe zu den Pflanzen»
Zum Buch
In diesem Buch stellt Stefano Mancuso Entdecker vor, die sich den Pflanzen mit Leidenschaft gewidmet haben – eine inspirierende Anthologie, ein Geschenk für jeden Naturliebhaber.
Ein neuer Blick für die Natur, leidenschaftliche Aufmerksamkeit und Forschergeist können unsere Vorstellung von der Welt verändern. Der Biologe Stefano Mancuso lässt in seinem neuen Buch Botaniker, Genetiker und Philosophen, aber auch Landwirte und schlichte Liebhaber aus fünf Jahrhunderten Revue passieren, denen aus inbrünstiger Beschäftigung mit der Welt der Pflanzen entscheidende Entdeckungen gelangen.
Da ist George Washington Carver, der als erster Schwarzer an einer Universität studiert und die Amerikaner von der Essbarkeit der Erdnuss überzeugt. Oder Nikolai Wawilow, der Russland durch eine gigantische Samenbank Nahrungssicherheit schenken will – und selbst in einem Gefängnis Stalins verhungert. Darwin entwickelt eine »Theorie zum Wurzelgehirn«; Leonardo da Vinci studiert, wie Blätter Sonnenlicht einfangen; Goethe ist, auf der Suche nach der Urpflanze, dem einheitlichen Organisationsplan des Lebens auf der Spur.
Wahre »Amateure« sind sie alle, die als »liebende Forscher« einen neuen Blick wagten und damit zu Pionieren wurden. Mancusos inspirierende Anthologie der Begeisterung ist zugleich selbst ein überzeugendes Plädoyer dafür, die Naturforschung aus den Händen der Molekularbiologen zu erretten.
Über den Autor
Stefano Mancuso, international renommierter Pflanzenforscher, ist Professor an der Universität Florenz und leitet das Laboratorio Internazionale di Neurobiologia Vegetale. In Deutschland wurde er mit seinem Buch Die Intelligenz der Pflanzen (Kunstmann 2015) einem breiten Publikum bekannt. Zuletzt erschien von ihm das Gesprächsbuch Die Wurzeln des guten Geschmacks mit dem Slow-Food-Gründer Carlo Petrini (Kunstmann 2015).
Stefano Mancuso
AUS LIEBE ZU
DEN PFLANZEN
Geschichten von Entdeckern,
die die Welt veränderten
Aus dem Italienischen von
Christine Ammann
Verlag Antje Kunstmann
Für meinen Lehrer Franco Scaramuzzi,
einen Liebhaber der Pflanzen
Inhalt
Vorwort
1. Ein Mensch im Tausch für ein Pferd
George Washington Carver und die Erdnuss
2. Das sowjetische Supergetreide
Nikolai Iwanowitsch Wawilow, der die Russen satt machen wollte und den Hungertod starb
3. In den Weintrauben liegt die Wahrheit
Ephraim Wales Bull und die Concord-Traube
4. Das Geheimnis der Phyllotaxis
Leonardo da Vinci und die Botanik
5. Vom Einfachen zum Komplizierten
Marcello Malpighi, der Begründer der Pflanzenanatomie
6. Schmetterlinge und andere Familiengeschichten
Die Darwins und die Botanik
7. Die besondere Beziehung zwischen Pflanzen und Ameisen
Federico Delpino und die Myrmekophilie
8. Ein Blattstiel, groß wie ein Baumstamm
Odoardo Beccari entdeckt Amorphophallus titanum
9. Die Vererbung und ihre Regeln
Gregor Johann Mendel: der Abt, der die Genetik begründete
10. Auf der Suche nach der Urpflanze
Johann Wolfgang von Goethe, der letzte Universalgelehrte
11. Die Botanik wird populär
Der Literat und Philosoph Jean-Jacques Rousseau
12. Die Entdeckung des Heuschnupfens
Charles Harrison Blackley, der Mann mit dem Roggen unterm Hut
Anmerkungen
Vorwort
Aus Liebe zu den Pflanzen ist zwar nach meinem Buch Die Intelligenz der Pflanzen entstanden, bildet aber gewissermaßen den Prolog dazu. Denn dass ich Pflanzen heute als komplexe Wesen mit kommunikativen Fähigkeiten, raffinierten Verteidigungsstrategien und sozialen Beziehungen betrachte, verdanke ich zu einem großen Teil den Protagonisten dieses Buchs, Menschen, die die Natur, die Lebewesen und ihre vielfältigen Beziehungen als ein Ganzes begriffen haben. Es fällt uns meiner Meinung nach nämlich auch deshalb so schwer, die Probleme unserer modernen Welt zu lösen, weil uns diese Sicht inzwischen abhandengekommen ist und einer extremen Wissensspezialisierung Platz gemacht hat. Wir werden jedoch nur dann imstande sein, nachhaltig zu produzieren, dem Klimawandel Einhalt zu gebieten und die zahlreichen bedrohten Arten zu schützen, wenn wir lernen, über unseren eigenen Tellerrand hinauszublicken. Vielleicht liegt es daran, dass ich in Florenz, der Wiege des Humanismus, lebe, aber ich denke, wir brauchen heute dringender denn je einen neuen Humanismus, eine neue Allianz des Wissens, die uns eine neue Sicht auf die Rolle erlaubt, die wir auf unserem Planeten spielen.
Die Personen, die im Folgenden die Bühne betreten werden, eint eine seltene, für jedoch Forscher unverzichtbare Fähigkeit: unsere Umwelt und insbesondere die vielen Erscheinungsformen der belebten Welt mit teilnehmender Aufmerksamkeit zu betrachten. Jeder gute Naturforscher sollte sich beharrlich darum bemühen, die Welt mit Respekt und – ich scheue mich nicht vor diesem Wort – mit Liebe zu ergründen. Die Protagonisten der folgenden Lebensgeschichten, so unterschiedlich sie verliefen, besaßen diese Fähigkeit.
Im Lauf der Jahre bin ich über meine Arbeit oder per Zufall auf diese Menschen gestoßen und immer wieder, wenn auch oft nur sporadisch, auf sie zurückgekommen. Sie waren gewissermaßen ständig präsent, ein wenig wie alte Freunde. Manche sind mir sympathisch, andere sind mir wirklich ans Herz gewachsen, doch meine Bewunderung und mein Dank gelten allen. Gemeinsam ist ihnen, dass ihr Wirken auf dem Gebiet der Pflanzen im Allgemeinen wenig bekannt ist. Vermutlich kennt jeder den Schöpfer der Mona Lisa, und viele wissen, dass er ein guter Ingenieur war, aber wer hat je davon gehört, was Leonardo da Vinci auf dem Gebiet der Botanik geleistet hat? Andere Protagonisten meiner Geschichten, wie Washington Carver, sind zwar in ihrem Heimatland sehr bekannt, aber kaum im Ausland. Und manche kennt höchstens eine Handvoll Spezialisten.
Wer der Menschheit so viel gegeben hat, dem steht, so meine ich, auch ein angemessener Platz im allgemeinen Bewusstsein zu. Niemand veröffentlicht ein Foto der Mona Lisa ohne den Namen des Malers, aber bei einem Bild der Titanwurz sagt uns kaum jemand, wer die Pflanze zuerst entdeckt, klassifiziert und in die botanischen Gärten der halben Welt eingeführt hat. Ich bin wahrlich ein großer Kunstliebhaber, aber als Forscher schmerzt es mich immer wieder, dass wissenschaftliche Erkenntnisse weniger Anerkennung finden als künstlerische Leistungen. Die Namen der Wissenschaftler, die mit ihrer unermüdlichen, häufig schlecht bezahlten Arbeit das Wissen der Menschheit gemehrt haben und sich dabei vielfach gegen Widerstände durchsetzen mussten, werden oft schlicht vergessen oder gedankenlos verwechselt.
Das ist nicht nur ungerecht, sondern auch unklug, denn die Unternehmungen, Ziele und Träume dieser Pioniere der Wissenschaft könnten Anreiz, Motivation und Leitfaden für unser eigenes Leben sein. Ihre Fehlschläge und die Feindschaften, denen sie ausgesetzt waren, weil sie hartnäckig an ihren Ideen festhielten, verraten uns viel über das Leben und die Liebe zur Wissenschaft.
Viele Entdeckungen, über die ich in diesem Buch berichte, haben unsere Welt verändert. Wenn wir die wachsende Weltbevölkerung mit ihrem zunehmenden Energiebedarf in den nächsten Jahrzehnten ernähren wollen, dann brauchen wir die visionäre Kraft, die die Protagonisten dieses Buchs besaßen. Laut Welternährungsorganisation muss die Landwirtschaftsproduktion bis 2050 um siebzig Prozent zunehmen, wenn sie der wachsenden Weltbevölkerung – die dann bei 9,3 Milliarden liegen dürfte – und ihren zu erwartenden veränderten Ernährungs- und Konsumgewohnheiten gerecht werden soll. Ich bin davon überzeugt, dass eine solche Produktionssteigerung nur gelingen kann, wenn sich unsere Vorstellung von Landwirtschaft grundlegend wandelt und wir auch die Meere als landwirtschaftliche Produktionsstätte nutzen.
Die Forschungsgruppe, die ich an der Universität Florenz leite, hat deshalb gemeinsam mit Pnat, dem Spin-off unserer Universität (www.pnat.net), ein autarkes schwimmendes Gewächshaus entwickelt, das, so unsere Hoffnung, dazu beitragen kann, das Problem des steigenden Nahrungsbedarfs auf unserer Erde zu lösen. Das schwimmende Gewächshaus ist in puncto Boden, Wasser und Energie vollkommen autonom. Anders gesagt: Weil es auf dem Meer schwimmt, benötigt es keine Erde; weil es Meerwasser entsalzen kann, kein Süßwasser; und weil es seinen Strom aus Sonnenlicht und Wellenbewegungen bezieht, kann es sich selbst mit Energie versorgen. Wir konnten die simple Meeresfabrik, in der viel innovative Technologie steckt, auf der Expo 2015 präsentieren, deren Hauptmotto ja lautete: »Den Planeten ernähren«.
Ist das nun Fantasterei? Ich glaube nicht, eher eine veränderte Einstellung oder, wenn man so will, eine neue Sicht auf die Dinge. So ähnlich wie der Perspektivwechsel, den viele Protagonisten dieses Buches gewagt haben, weil sie – ob als Botaniker, Genetiker, Philosophen, Landwirte oder schlichte Naturliebhaber – unbeirrt an die Wissenschaft glaubten und sie zum Vorteil des Menschen nutzten.
Die meisten Städter haben heute im Grunde keine Beziehung mehr zur Pflanzenwelt. Pflanzen sind für sie nur noch angenehmes Beiwerk oder Bestandteile eines hübschen Landschaftsbildes. Aber der Fortschritt, den wir zu Recht anstreben, darf uns nicht unseren Wurzeln entfremden und unsere Beziehung zur Natur beeinträchtigen. Die zunehmende Abholzung des Regenwalds führt schon heute zu enormen Schäden und verändert oder zerstört das sensible Gleichgewicht der vorhandenen Ökosysteme. Die Folgen des ökonomischen Irrwegs werden sich allerdings erst in vollem Umfang zeigen, wenn der Schaden irreparabel geworden ist. Wenn bislang unerforschte Pflanzenarten aussterben, ist das allein unter Nutzengesichtspunkten ein unschätzbarer Verlust an Ernährungs- und Heilungschancen. So werden beispielsweise über sechzig Prozent der heute eingesetzten oder getesteten Mittel zur Krebsbekämpfung größtenteils aus Pflanzen gewonnen. Es liegt also auf der Hand, dass die Bewahrung der Artenvielfalt für unser eigenes Überleben von fundamentaler Bedeutung ist.
Die Geschwindigkeit, mit der wir die Ressourcen unserer Erde verbrauchen, hat in den letzten Jahren besorgniserregend zugenommen. Es ist eine Geschwindigkeit, die keine Erholung der Ressourcen mehr zulässt. Wenn man von einem Bankkonto laufend Geld abhebt, und zwar schneller, als das Konto wieder aufgefüllt wird, ist jedem klar, dass große Probleme oder ein Bankrott die Folge sein werden. Doch während uns die alltägliche Erfahrung die negativen Folgen eines unklugen Finanzgebarens umgehend vor Augen führt, lehrt unser Alltag uns nicht, welche furchtbaren Folgen der Missbrauch unserer begrenzten irdischen Ressourcen hat.
Nur wenn wir vor allem junge Menschen für solche Themen sensibilisieren können, wie es, nebenbei bemerkt, Papst Franziskus mit seiner Umweltenzyklika versucht hat, werden wir das Wohlergehen der Menschheit und der Erde – als Ganzes begriffen – sicherstellen können. Junge Menschen werden die Gefühle und die Begeisterung, die die Protagonisten dieses Buches angetrieben haben, vermutlich am ehesten verstehen. Und wir brauchen heute mehr denn je Vorbilder, die uns zum Gemeinsinn, zum Schutz der Natur und dem Respekt gegenüber allen Lebewesen ermuntern – statt zur persönlichen Vorteilnahme. In diesem Sinne ist es auch heute unser aller Aufgabe, Menschen zu fördern, deren Talent sonst verschwendet wäre.
Die Reihenfolge der Lebensgeschichten in diesem Buch orientiert sich an keiner Chronologie oder wie auch immer gearteten Skala der Bedeutsamkeit. Um ehrlich zu sein, fiel mir erst im Nachhinein auf, dass sie dennoch einer gewissen Logik gehorcht: Die ersten drei Protagonisten sind Landwirte, die folgenden sechs Naturwissenschaftler, und die letzten drei haben auf anderen Gebieten Berühmtheit erlangt und sich sozusagen nur als Hobby mit Pflanzen beschäftigt. Nennen wir sie Liebhaber.
Einige der Protagonisten mussten gegen erhebliche Schwierigkeiten und Vorurteile kämpfen, ehe ihre Ideen – manchmal erst lange nach ihrem Tod – Anerkennung fanden. Der eine starb im Kerker, andere wurden verlacht oder verarmten. Und manche sind wahre Helden: Die Bedeutung ihrer Forschungsarbeit wirkt weit über ihre Zeit hinaus. Ich bin allen gleichermaßen dankbar für das, was ich von ihnen lernen durfte, und ich erzähle ihre Geschichten in der Hoffnung, damit andere Pflanzenliebhaber, ob Wissenschaftler oder Laien, zu inspirieren. Als Visionäre und Pioniere besaßen sie nämlich den Mut, ein Stück weiter zu denken, und jeder von ihnen hat – von seiner Liebe zu den Pflanzen ausgehend – die Welt ein wenig verändert. Es gibt vielleicht andere Möglichkeiten, das zu tun, doch keiner, glaube ich, wohnt ein solcher Zauber inne.
Jemand hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass alle Protagonisten dieses Buches Männer sind. Meine Auswahl hat jedoch sicher nichts mit Frauenfeindlichkeit zu tun. Selbstverständlich gibt und gab es berühmte Botanikerinnen, wenn auch bedauerlicherweise nicht viele. Es wären sicherlich mehr, wenn Frauen immer dieselben Bildungschancen gehabt hätten wie Männer. Doch selbst als Frauen studieren durften, war es für sie aufgrund einer diffusen Frauenfeindlichkeit schwer, ihre Arbeit öffentlich sichtbar zu machen. Fest steht aber auch, dass zur Zeit unserer Urahnen die Männer auf die Jagd gingen, während die Frauen die Früchte des Bodens sammelten. Sie lernten so als Erste, Pflanzenarten zu erkennen, giftige von unschädlichen und Nahrungs- von Heilpflanzen zu unterscheiden. Darum denke ich, dass die Frauen ihre Vorrangstellung in puncto Pflanzenwissen schon bald zurückerobern werden. Jedenfalls sind sie unter meinen Studierenden zweifellos in der Mehrzahl. Außerdem hoffe ich, dass ich den Mangel in Kürze wettmachen kann: mit einem weiteren Buch über das Leben von Frauen und Männern, die die Pflanzen lieben. Aber das wird auch davon abhängen, wie Ihnen dieses Buch gefällt. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen jedenfalls viel Spaß bei der Lektüre.

George Washington Carver (1864–1943)
ERSTES KAPITEL
EIN MENSCH IM TAUSCH FÜR EIN PFERD
George Washington Carver und die Erdnuss
GEORGE WASHINGTON CARVER kam im amerikanischen Bürgerkrieg, um das Jahr 1864, in der ärmlichen Hütte einer Südstaatenfarm zur Welt. Sein genaues Geburtsdatum ist unbekannt. »Ich wüsste auch gern, wann genau ich geboren wurde«, sagte er einmal, »aber niemand machte sich damals die Mühe, das Geburtsdatum eines Sklavenkinds festzuhalten, und da war ich keine Ausnahme.« Wer 1864 in den amerikanischen Südstaaten Sklave war, besaß buchstäblich nichts, nicht einmal einen Namen. George Washington Carver war eigentlich George Washington des Moses Carver. Georges Mutter gehörte zum Eigentum des mittelmäßig wohlhabenden Farmers Carver in Missouri.1
Als Sklave und Sohn von Sklaven auf einer Farm im tiefen amerikanischen Süden steht Carvers abenteuerreiches Leben zunächst unter keinem guten Stern und scheint sich sogar bald noch zum Schlechteren zu wenden: Als sechs Wochen alter Säugling wird er zusammen mit seiner Mutter und einer Schwester von einer Bande geraubt, die es auf Tiere und Sklaven abgesehen hat, und in Arkansas verkauft. Doch glücklicherweise ist Moses Carver ein fürsorglicher Sklavenhalter und erträgt es vor allem nicht, wenn ihm jemand etwas wegnehmen will. Er begibt sich auf die Suche: Nach wenigen Wochen hat er die Bande aufgetrieben, und es gelingt ihm, George nach kurzen Verhandlungen gegen ein 300-Dollar-Rennpferd einzutauschen. Von Mutter und Tochter fehlt hingegen jede Spur.
Wenn das Leben eines Menschen so stürmisch beginnt wie das von George Washington und er das nicht nur überlebt, sondern sich noch dazu seinen Wissensdurst und sein Vertrauen in die Welt bewahrt, dann muss er aus einem besonderen Holz geschnitzt sein. George Carver, dieser schwarze Sohn Amerikas, hat das mit jedem Tag seines langen und ruhmreichen Lebens bewiesen.
Nach der Abschaffung der Sklaverei2 in den USA lebte er noch ungefähr zehn Jahre auf der Farm seines ehemaligen Besitzers und entwickelte durch den engen Kontakt mit der Natur ein reges Interesse für Pflanzen, das ihn ein Leben lang begleiten sollte. Später erinnert er sich:
Tag für Tag streifte ich durch die Wälder, sammelte meine floralen Schönheiten und pflanzte sie in meinen kleinen Garten. (…) Seltsamerweise schienen alle Pflanzen durch meine Pflege aufzublühen. Schon bald war ich als Pflanzendoktor bekannt, und man brachte mir von weit her Pflanzen, damit ich sie behandelte.
Zu Carvers weiteren Interessengebieten jener von »unsystematischem Wissensdurst« geprägten Tage gehörten Musik und Malerei.
George Carver ist lernbegierig. Mit wenigen Hilfsmitteln bringt er sich das Lesen bei, erlernt Sprache und Grammatik.3 Doch das unmethodische Lernen stellt ihn nicht zufrieden; er spürt, dass er regelmäßigen Unterricht braucht.
Er beschließt darum, die kleine Schule im Städtchen Neosho zu besuchen, fünfzehn Kilometer von der Farm entfernt. Die Carvers legen ihm keine Steine in den Weg, sind aber auch nicht bereit, ihn finanziell zu unterstützen. So macht sich George, kaum älter als zehn Jahre und ohne einen Cent in der Tasche, auf den mühseligen Weg in ein neues Leben. Er durchquert Felder, erklimmt Hügel, überwindet Hecken und Bretterzäune und erreicht schließlich an einem Spätnachmittag des Jahres 1875 das ihm völlig unbekannte Neosho. Erstmals im Leben allein auf sich gestellt und weit weg von der Farm, steht er vor zahlreichen Herausforderungen und Schwierigkeiten. Er hat kein Geld. Wie er sich später erinnert, »besaß ich keinen Cent, kannte niemanden und wusste nicht, wo ich schlafen sollte«. Doch er richtet sich in einem alten Heuschober ein und kann sich mit Hilfsarbeiten über Wasser halten. Obwohl er allein und obdachlos ist und nur dank körperlich anstrengender Arbeiten überleben kann, schafft er es, die Schule von Neosho mit Erfolg zu besuchen, eine Schule, mit der es nach seinen eigenen Worten nicht weit her ist:
Der Lehrer war unvorbereitet. Das Schulgebäude war eine einfache Holzhütte, die im Sommer stickig heiß und im Winter bitterkalt war. Die Schulbänke besaßen keine Rückenlehne und waren so hoch, dass die Schüler mit den Füßen nicht den Boden erreichten. Von einer schulischen Ausstattung hatte man dort noch nichts gehört. Was immer man sich an Unannehmlichkeiten vorstellen kann, gab es, würde ich sagen, an dieser Schule.
Doch selbst die bescheidene Schule und der unzulängliche Lehrer konnten die Fantasie des Jungen anregen. Wie George W. Carver Jahre später erzählt, begreift er dort, was er im Leben wirklich will: ein »Pflanzenfachmann« werden.
Nach einem Jahr hat er alles gelernt, was ihm die Schule von Neosho zu bieten hat, und zieht weiter; er nimmt in verschiedenen Orten der amerikanischen Südstaaten Gelegenheitsarbeiten an und beendet die weiterführende Schule schließlich in Fort Scott in Kansas. Dann schmiedet er Pläne für ein Universitätsstudium.
Im Jahr 1890 war es für einen Schwarzen nicht leicht, zu studieren. Genauer gesagt: Es war in den Vereinigten Staaten, einem Land, in dem Apartheit und Rassismus noch jahrzehntelang an der Tagesordnung sein sollten, noch nie vorgekommen. Man darf nicht vergessen, dass wir uns im Jahr 1890 befinden. Es sollten noch fünfundsechzig Jahre vergehen, bevor der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten von Amerika verkündete, dass Universitäten Bewerber nicht aufgrund ihrer Hautfarbe ablehnen dürfen.
Dass in seinem Land noch nie ein Schwarzer studiert hat, schreckt George Carver nicht ab. Als er von einer ihm passend scheinenden Universität in Iowa erfährt, schickt er seine Bewerbungsunterlagen dorthin. Und hält eine Woche später die Aufnahmebestätigung in der Hand. Glücklich, dass alles so unkompliziert verläuft, macht er sich umgehend nach Iowa auf. Die Reise verschlingt seine letzten Ersparnisse, und am Ziel warten schlechte Nachrichten auf ihn: Das College bedauere seinen Fehler außerordentlich, aber das winzige Detail der Hautfarbe, auf das Carver in seiner Bewerbung vorsichtshalber hingewiesen hatte, sei von einem unaufmerksamen Angestellten, der damit vermutlich nicht gerechnet habe, übersehen worden. Die Verantwortlichen bedauerten außerordentlich, aber der Schwarze Carver könne die Vorlesungen der Universität leider nicht besuchen.
Doch einmal mehr verliert Carver nicht den Mut. Da bräuchte es schon anderes; außerdem hatte er damit gerechnet, dass es nicht einfach würde. Im Jahr 1890 nimmt das Simpson College in Indianola den schwarzen Studenten schließlich auf. Jetzt trennt Carver nur noch eins von seinem Lebenstraum: das Geld, um das College zu bezahlen. Er nimmt jede Arbeit an, die er kriegen kann: Teppichreiniger, Wäscher, Pferdeknecht oder erster Hotelkoch. Nach einem Jahr hat er so viel Geld zur Seite gelegt, dass er die Aufnahmegebühr begleichen kann.
Seine finanzielle Situation war so miserabel, erinnert sich Carver, dass ihm nach Begleichung der Einschreibegebühr »noch genau zehn Cent blieben. Für fünf Cent kaufte ich Maismehl und für die anderen fünf Schweinefett. Davon konnte ich dann eine Woche leben.«4
Doch das Simpson College in Indianola ist vor allem auf die schönen Künste spezialisiert, die Naturwissenschaften haben dort nur einen untergeordneten Stellenwert. Carver möchte aber unbedingt die Pflanzenwelt erforschen. Wieder lässt er sich nicht entmutigen, und nach endlosen Anläufen wechselt er schließlich an das Iowa State College von Ames, wo er 1894 die Bachelorprüfung in Agrarwissenschaften ablegt – als erster schwarzer Universitätsabsolvent in den Vereinigten Staaten – und zwei Jahre später den Master. Am Iowa State College arbeitet er – wiederum als erster Schwarzer – als Assistent für Botanik. Professor James Wilson, später Landwirtschaftsminister unter den Präsidenten McKinley, Roosevelt und Taft, hat ihn unter seine Fittiche genommen. Als der Bundesstaat Alabama 1897 ein Gesetz zum Aufbau einer Landwirtschaftsschule und Versuchsstation für Schwarze am Tuskegee Institute erlässt, steht George Washington Carver schon in den Startlöchern. Auf das Schreiben des Institutsleiters, mit dem dieser ihn einlädt, dem Lehrkörper der Landwirtschaftsschule beizutreten und das dortige Lehrprogramm zu leiten, antwortet Carver voller Selbstbewusstsein:

George Washington Carver (Mitte, vorn) mit dem Lehrkörper des Tuskegee Institute im US-Bundesstaat Alabama

Arbeiterinnen an einem der ersten Fließbänder zum Abfüllen von Erdnussbutter
Es war stets mein großer Lebenstraum, möglichst vielen Angehörigen meines Volkes möglichst viel Gutes zu tun, und auf dieses Ziel habe ich viele Jahre meines Lebens hingearbeitet, denn ich glaube, dass das Bildungssystem der Schlüssel ist, um meinem Volk das goldene Tor der Freiheit zu öffnen.
Carver blieb siebenundvierzig Jahre, bis zu seinem Tod im Jahr 1943, in Tuskegee. Er unternimmt während dieser Zeit unzählige Anstrengungen, um das Bildungsniveau der ehemaligen Sklaven anzuheben, die in den Südstaaten nun großteils als arme Bauern lebten. So entwickelt er ein ambulantes Lehrpult, mit dem er und andere Lehrkräfte aus Tuskegee die Höfe – per Pferdekarren – aufsuchen und die Bauern, ob weiß oder schwarz, über neue Anbaumethoden unterrichten und ihnen helfen, Fehler bei der Bestellung der Äcker zu vermeiden.
Zu den gefährlichsten Fehlern zählt für Carver die Baumwollmonokultur – womit er, bedenkt man die gewaltigen aktuellen Probleme durch Monokulturen, seiner Zeit weit voraus ist. Er erkennt, dass die Böden durch Monokulturen ausgelaugt werden, die Ernten zurückgehen und, was ihn am meisten beschäftigt, dass die Bauern verarmen. Er entwickelt und propagiert daher ein Fruchtfolgesystem, bei dem im Wechsel Erdnüsse und Baumwolle angebaut werden. Sein System wird allgemein angenommen, so gut sogar, dass er beinah zum Opfer seines eigenen Erfolgs wird. Als die Landwirte auf Carvers Geheiß abwechselnd Erdnüsse und Baumwolle anbauen, erzielen sie verblüffende Erntemengen; doch obwohl die meisten Erdnüsse als Viehfutter Verwendung finden, sammeln sich schon bald enorme Restbestände an, die in den Scheunen verfaulen.
Carver sucht nach neuen Verwendungsmöglichkeiten für Erdnüsse – wohlgemerkt zu einer Zeit, als diese vom Menschen noch verschmäht wurden. Ein Klacks für ein Genie wie Carver. Schon bald hatte er dreihundert neue Möglichkeiten gefunden, wie man die Restbestände verwenden konnte, beispielsweise – nur um sich eine Vorstellung von seinem außergewöhnlichen Erfindergeist zu machen – als Erdnussderivat bei der Produktion von Klebstoff, Pomade, Bleichmittel, Chilisauce, Brennstoffplatten – die wir heute Biobrennstoff nennen würden –, Tinte, Löskaffee, Gesichtscreme, Shampoo, Seife, Linoleum, Mayonnaise, Metallreiniger, Papier, Kunststoff, Rasiercreme, Schuhputzmittel, Synthetikgummi, Straßenbelag, Talkum oder Fleckentferner für Möbel. Und natürlich in Form von Lebensmitteln wie Erdnussbutter, Milch, Käse oder Erdnussöl. Seine Ideen sollten die amerikanischen Nahrungsgewohnheiten – und die Landwirtschaft – für immer verändern. Und Carver beschränkte sich nicht auf Erdnüsse. Offenbar hatten die Bauern auch Probleme mit der Vermarktung anderer Anbauprodukte: Carver entwickelte auch Hunderte neuer Verwendungsmöglichkeiten für Süßkartoffeln, Sojabohnen oder Pekannüsse.
Carver arbeitet unermüdlich. Nicht nur als Forscher; er veröffentlicht seine Ideen zur Verwendung von Tomaten, die in den USA damals noch als ungenießbar galten, von Süßkartoffeln oder Erdnüssen auch in Mitteilungsblättern, die in die Geschichte der amerikanischen Landwirtschaft eingehen sollten. Die Titel seiner Mitteilungen – Wie man Tomaten anbaut und auf 115 Arten zubereitet, Wie man Haselnüsse anbaut und auf 105 Arten zubereiten kann, Wie man Süßkartoffeln haltbar machen und zubereiten kann – belegen, wie sehr er davon überzeugt ist, dass seine Forschungsergebnisse das Universitätslabor verlassen und den Bauern durch geeignete Publikationen bekannt gemacht werden müssen.
Jedenfalls ist es dem Erfindergeist und der Arbeit von George W. Carver zu verdanken, dass der Erdnusspreis, der wenige Jahre zuvor noch gegen null tendiert hatte, während der Großen Depression einen ungeahnten Höhenflug erlebte und in den Südstaaten ein Markt im Wert von über 250 Millionen Dollar entstand. Allein durch den Verkauf von Erdnussöl konnten die Bauern 60 Millionen Dollar erwirtschaften, und in nur wenigen Jahren entwickelte sich die Erdnussbutter zum amerikanischen Nahrungsmittel schlechthin.
Carvers Lebensgeschichte scheint umso bemerkenswerter und nötigt einem noch mehr Bewunderung ab, wenn man weiß, dass seine großartigen Leistungen, die den Wohlstand seines Landes mehrten, ihm selbst keinen Cent einbrachten. George W. Carver lebte bescheiden und steckte den Großteil seines Gehalts – und einzigen Einkommens – in die von ihm gegründete Stiftung zur Förderung der Agrarforschung. Von den fünfhundert Verwendungsmöglichkeiten landwirtschaftlicher Derivate, die er entwickelte, ließ er sich nur drei Erdnussderivate für die Kosmetik patentieren. Und wenn ihm jemand die enormen Gewinne vor Augen führte, die ihm dadurch entgingen, antwortete er nur: »Als Gott die Nüsse erschuf, präsentierte er uns auch keine Rechnung. Wieso sollte ich dann an Erdnussderivaten verdienen?«
Thomas Alva Edison, der dagegen mit Argusaugen über seine Erfindungen wachte, versuchte mit allen Mitteln, Carver als Mitarbeiter zu gewinnen. »Carver ist eine Goldgrube«, sagte er und bot ihm astronomische Summen – die Carver regelmäßig ablehnte.

George W. Carver in seinem Labor
George Washington Carver zählt zweifellos zu den bekanntesten amerikanischen Persönlichkeiten an der Wende zum 20. Jahrhundert und war vermutlich der berühmteste schwarze US-Amerikaner seiner Zeit. Henry Ford sagte über ihn: »Professor Carver hat den Platz Thomas Edisons als größter lebender amerikanischer Wissenschaftler eingenommen.« Und Senator Champ Clark nannte ihn »einen der weltweit bedeutendsten Forscher aller Zeiten«.
Als Carver am 5. Januar 1943 starb, überzeugte Präsident Franklin D. Roosevelt den amerikanischen Kongress, Carvers Geburtshaus zum nationalen Denkmal zu erklären, eine Ehre, die bis dahin nur George Washington und Abraham Lincoln zuteilgeworden war. Seit 1977 ist Carvers Name zudem in der New Yorker »Hall of Fame« verewigt, und am 5. Januar jeden Jahres ehren die Amerikaner Carver und seine revolutionären Erfindungen auf dem Gebiet der Agrarwissenschaften mit dem »George Washington Carver Recognition Day«.

Nikolai Iwanowitsch Wawilow (1887–1943)
ZWEITES KAPITEL
DAS SOWJETISCHE SUPERGETREIDE
Nikolai Iwanowitsch Wawilow, der die Russen satt machen wollte und den Hungertod starb
NIKOLAI IWANOWITSCH WAWILOW kommt am 25. November 1887 als Sohn einer reichen Moskauer Kaufmannsfamilie zur Welt. Seinen Vater Iwan, ein bettelarmes Bauernkind, hatte man dank seiner wundervollen Stimme im Alter von zehn Jahren aus einem gottverlassenen Dorf in den endlosen Weiten Russlands nach Moskau geschickt, um in einem Kirchenchor zu singen. Damit begannen Aufstieg und Glück der Familie Wawilow. Obwohl Iwan Wawilow über keinerlei Bildung verfügt, macht ihn sein guter Geschäftssinn schon bald zum wohlhabenden Miteigentümer und Leiter einer der größten Textilfabriken des Landes. Seine beiden Söhne, die nach dem Wunsch des Vaters eigentlich in die Firma einsteigen sollen, werden berühmte Wissenschaftler. Nikolai, der Ältere, wird zu einem der Gründerväter der Pflanzengenetik und Sergei ein renommierter Physiker, der jahrzehntelang Präsident der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften und Mitentdecker des Wawilow-Tscherenkow-Effekts ist, für den Tscherenkow 1958, sieben Jahre nach Sergei Wawilows Tod, den Nobelpreis für Physik erhalten sollte.
Nikolai Wawilows wissenschaftliche Laufbahn beginnt 1906: Mit einem Handelsschulabschluss in der Tasche schreibt er sich am Landwirtschaftlichen Institut in Moskau ein, einer der renommiertesten Hochschulen des Landes. Von Anfang an zeichnet er sich durch ein gewaltiges Arbeitspensum und außerordentliche Fähigkeiten aus: 1908 nimmt er an einer Forschungsreise in den Kaukasus teil, 1909 schreibt er eine Abhandlung über Darwins Abstammungslehre, und 1910 beschäftigt er sich in seiner Abschlussarbeit mit der Frage, wie man Nutzpflanzen vor Krankheitskeimen schützen kann. Und schon 1912 legt Wawilow seine bahnbrechende Forschungsarbeit Genetik und Agrarwissenschaften vor, in der er detailliert das Arbeitsprogramm entwickelt, an dem er sein Leben lang unbeirrt festhalten wird: nämlich mithilfe der Genetik die Eigenschaften von Nutzpflanzen zu verbessern. In den Jahren 1913 und 1914 rundet er sein Hochschulstudium schließlich durch Auslandsreisen ab, die ihn zu den angesehensten europäischen Forschungslaboren führen: nach Cambridge in Großbritannien, wo William Bateson sein Labor hat, nach Paris in das Institut Pasteur und nach Deutschland.
Besonders der Besuch bei Bateson, dem wir das Wort »Genetik« verdanken und der einer der Gründerväter der gerade aufkommenden Wissenschaft ist, beeindruckt Nikolai Wawilow nachhaltig und bestärkt ihn in der Überzeugung, dass man Nutzpflanzen mithilfe der Vererbungslehre wesentlich wirksamer verbessern könne als durch herkömmliche Zuchtmethoden. Der Agrarwissenschaftler Nikolai Wawilow ist der Erste, der die praktischen Anwendungsmöglichkeiten der Genetik erkennt und das revolutionäre Potenzial, das sie für die Landwirtschaft bereithält.
Seine Lebensaufgabe sieht Wawilow ab nun darin, neue genetische Nutzpflanzenvarianten mit außergewöhnlichen Eigenschaften zu entwickeln. Dabei geht es um mehr als bloße Leidenschaft: Er ist überzeugt davon, dass das Schicksal der UdSSR von Superpflanzen abhängt, die er hoffentlich entwickeln wird. Die russische Revolution hat die Landwirtschaft ins Chaos gestürzt. Die neue Sowjetunion, einst die Kornkammer Europas, kann sich nicht einmal mehr selbst ernähren.
Wawilows Plan ist ebenso einfach wie genial: Er will die besten Eigenschaften aller weltweiten Varianten der bedeutsamen Kulturpflanzen in einer Reihe von Superpflanzen vereinigen, die das Land ernähren werden. Er ist überzeugt, dass sich die besten Pflanzenmerkmale quasi wie in der Werkshalle zu Supervarianten montieren lassen: zu Obstbäumen, die gegen jeden Erreger resistent sind, oder zu Supergetreidesorten, die die Erträge von Flachlandvarianten mit der Frostbeständigkeit von Bergvarianten verbinden. Er steht somit vor einer Herkulesaufgabe, die viel Zeit und Geld erfordert. Denn die Arten mit den gewünschten positiven Eigenschaften sind vor Ort natürlich nicht alle verfügbar. Es sind also umfangreiche Forschungsreisen erforderlich, mit dem alleinigen Ziel, Pflanzenexemplare zu sammeln und ihre Samen in Russland zu konservieren.

Nikolai Wawilow auf einer seiner Forschungsreisen im Iran, wo er nach Getreidesamen suchte

Russische Bäuerinnen einer Kolchose marschieren in Richtung Arbeitsplatz. Sie ersetzen die Männer, die als sowjetische Soldaten gegen Weißrussland kämpfen.
Als man Wawilow 1916 in den Iran schickt, um herauszufinden, warum dort so viele russische Soldaten mit Vergiftungserscheinungen sterben, erkennt er schnell, dass das Getreide, das man dort zum Brotbacken verwendet, von Fusarium, einem Schimmelpilz, befallen ist. Und er nutzt die günstige Gelegenheit, um die Pflanzen zu erforschen, die man im Iran und in den Bergen von Turkmenistan und Tadschikistan anbaut. Bei seiner Rückkehr nach Russland hat er Zigtausende Pflanzenexemplare im Gepäck: die Grundlage seiner außerordentlichen Sammlung.
In den 1920er-Jahren bis Anfang der 30er-Jahre leitet Wawilow schließlich ein Expeditionsprogramm, um weltweit Nutzpflanzen zu erforschen. Er organisiert – und führt häufig selbst hoch zu Ross – hundertfünfzehn Expeditionen in vierundsechzig Länder, unter anderem in den Iran, nach Afghanistan, Taiwan, Korea, Spanien, Algerien, Palästina, Eritrea, Argentinien, Bolivien, Peru, Brasilien, Mexiko oder Kalifornien, Florida und Arizona in den Vereinigten Staaten. Bei seiner Pflanzensuche konzentriert er sich auf »Gegenden, in denen von alters her Landwirtschaft betrieben wird und eine autochthone Kultur entstanden ist«.
Auf der Grundlage der Erfahrungen, die er auf seinen zahlreichen Expeditionen gesammelt hat, kann Wawilow schließlich in seinem Werk Ursprung, Variation, Immunität und Kreuzung von Nutzpflanzen seine Theorie von den Ursprungszentren der Nutzpflanzen darlegen, die er 1926 weiter präzisiert: Das Ursprungszentrum einer Art ist die Region mit der größten Diversität. Diese Zentren liegen nach Wawilow in eng umgrenzten geografischen Regionen der Welt, vor allem in den Bergländern Asiens und Afrikas, entlang der Mittelmeerküste sowie in Mittel- und Südamerika. Wawilow entdeckt, dass ungefähr ein Drittel aller weltweiten Nutzpflanzenarten ursprünglich aus Südostasien stammt, die wichtigsten fruchttragenden Pflanzen in Asien und dem Mittelmeerraum beheimatet sind und Wurzel-, Knollenpflanzen und tropische Früchte vorwiegend aus Mittelamerika und den Anden kommen.
Die Ausbeute seiner Expeditionsreisen baut Wawilow zu einer riesigen Sammlung auf: Er lagert über fünfzigtausend Wildpflanzenarten und einunddreißigtausend Getreidesorten in einem gewaltigen unterirdischen Bunker seines Instituts in Sankt Petersburg. Und von jeder gesammelten Pflanze bewahrt er die Samen auf. Er weiß, dass das Samenkorn eine widerstandsfähige Überlebenskapsel ist, die nicht nur den Embryo der Pflanze, sondern auch dessen Nahrung enthält. Um das genetische Erbe zu bewahren, gibt es nichts Besseres als das Samenkorn.
Auch hier erweist sich Wawilow als Pionier. Er begreift, dass man mit einem Samenkorn das bewahren kann, was wir heute Biodiversität nennen, und baut als Erster eine riesige Samengutbank auf – die bis heute funktionstüchtig ist. Sein Beispiel findet in den folgenden Jahren zahlreiche Nachahmer: Überall auf der Welt entstehen Keimplasmabanken. Doch für Wawilow ist die Sammlung in Sankt Petersburg – damals Leningrad – nur der erste Schritt seines komplexen, aufwendigen Projekts, eine Generation von Superkulturen hervorzubringen.
Lenin ist von Wawilows Zukunftsvision der sowjetischen Landwirtschaft überzeugt und ernennt ihn zum Leiter der wichtigsten agrarwissenschaftlichen Institute des Landes. Schon bald hat Wawilow bedeutende Ämter inne: Präsident der Geografischen Gesellschaft der Sowjetunion, Leiter des Sowjetischen Instituts für Genetik, Leiter des Allumons-Instituts für Pflanzenzüchtung und schließlich das prestigeträchtigste Amt: Präsident des Lenininstituts für Agrarwissenschaften. Auf Wawilows Schultern ruht nun eine immense Verantwortung, und als Wissenschaftler verfügt er endlich über optimale Möglichkeiten, um sein ehrgeiziges Programm der genetischen Züchtung in die Praxis umzusetzen.
Die Züchtung neuer Pflanzensorten mit vorteilhaften Merkmalen hat bis dahin buchstäblich Jahrzehnte gedauert, wenn nicht gar Jahrhunderte. Und Wawilow ist klar, dass die Kenntnis der Vererbungsgesetze zwar eine wesentlich schnellere Arbeitsweise ermöglicht, sein Vorhaben aber selbst bei optimistischer Schätzung noch immer langwierig bleibt. Die Zeitfrage ist für Wawilow der entscheidende Punkt. Das sowjetische Volk stirbt vor Hunger; es ist Eile geboten.
Man arbeitet in rasender Geschwindigkeit: Expeditionen, Erforschung der Merkmale der mitgebrachten Pflanzen – in der ganzen Sowjetunion entsteht ein Netzwerk aus Versuchsstationen, an denen die Leistungsfähigkeit der neuen Sorten erprobt wird. Und zwar in nur wenigen Jahren. Wie Wawilows Mitarbeiter berichten, lautet ein Lieblingssatz von Wawilow: »Das Leben ist kurz, man muss sich beeilen.« Und da weiß er noch nicht, wie recht er behalten sollte.

Propaganda des Sowjetregimes: »Kommt zu uns in die Kolchose!«

Plakat, das zum Kampf gegen Nahrungsmittelspekulanten aufruft
Seit 1929 ächzt die Sowjetunion unter Josef Stalins Knute. Dem neuen russischen Führer mangelt es an jeglicher wissenschaftlichen Kenntnis; für Wawilow hegt er keinerlei Sympathien. Unter dem Einfluss seines Hof-Pseudowissenschaftlers Trofim Lyssenko ist Stalin der Meinung, die Ernteerträge ließen sich ausschließlich durch neue Techniken steigern. Er will nicht auf Wawilows Ergebnisse warten. Man hat ihm eingeflüstert, es gäbe keine Gene, was zähle, sei allein das Umfeld einer Pflanze. Diese Vorstellung passt erheblich besser in die marxistische Ideologie, für die die Abstammung bedeutungslos ist.
Schon bald wird die Genetik zu einer Erfindung der »westlichen bürgerlichen Propaganda« erklärt. Bedeutende sowjetische Genetiker verschwinden plötzlich von der Bildfläche.
In jenen Jahren zwingen mehrere katastrophale Ernten die Sowjetunion in die Knie. Stalin braucht einen Sündenbock. Wawilow, ein ungeliebter Konkurrent mit beneidenswerten wissenschaftlichen Erfolgen, wird von Lyssenko und seinen Mitarbeitern mehrfach denunziert. Bei einem Empfang im Kreml im März 1939 äußert Lyssenko gegenüber Stalin und Beria, dass seine eigene Arbeit zum Nutzen der sozialistischen Wirtschaft durch Wawilow behindert werde, und fordert entsprechende Konsequenzen. Damit ist Wawilows Schicksal besiegelt. Am 10. August 1940 wird er von Stalins Geheimpolizei NKWD in den Bergen der Ukraine, wo er gerade nach neuen Pflanzen sucht, verhaftet. Dasselbe Schicksal ereilt in den darauffolgenden Tagen seine engsten Mitarbeiter, die Wissenschaftler Karapatschenko, Lewitzki, Goworow und Kowalew.
Nach elf Monaten Untersuchungshaft und 1700 Stunden brutaler Verhörmethoden – mit mehr als 400 Verhören von teils über 13 Stunden – wird Wawilow im Juli 1941 vor dem Militärkolleg des Obersten Gerichtshofs angeklagt. Der Prozess dauert nur wenige Minuten und endet mit der Höchststrafe, dem Todesurteil, da Wawilow sich der »Beteiligung an einer rechten Verschwörung, der Spionage zugunsten Großbritanniens, der Sabotage der Landwirtschaft und der Beziehung zu weißrussischen Emigranten« schuldig gemacht habe. Die Todesstrafe wird später in zwanzig Jahre Haft umgewandelt, doch die Haftbedingungen im Gefängnis von Saratow sind unmenschlich: Ein Jahr lang darf Wawilow seine winzige Zelle ohne Waschgelegenheit nicht verlassen. Es gibt keine Toilette, er ist unterernährt.
Während Wawilow im Gefängnis um sein Leben kämpft, gerät auch sein wichtigstes Werk, die Samengutbank, in höchste Gefahr. Nach Hitlers Überfall auf Russland – dem sogenannten »Unternehmen Barbarossa« – wird Leningrad 1941 eingekesselt. Die riesige Sammlung wird zur begehrten Beute: für nationalsozialistische Vererbungsforscher wie Heinz Brücher, aber auch für die hungernde russische Bevölkerung. Noch ehe Hitlers Truppen die Stadt erreichen, ordnet Stalin die Auslagerung der Kunstsammlung aus der Ermitage und dem Winterpalast und von allem an, was er sonst in Leningrad für wertvoll hält. Die Samengutbank von Wawilow gehört nicht dazu. Sie gilt als Liebhaberei der »bürgerlichen Wissenschaften«.
Stalin mag den Wert der Samen nicht begreifen, die Deutschen kennen ihn aber sehr wohl. Die Frage der Lebensmittelautarkie beschäftigt Nazideutschland auf obsessive Weise, Wawilows Sammlung wäre eine wichtige Kriegsbeute. Die Eroberung der russischen Forschungszentren wurde schon vor Hitlers Russlandfeldzug von Wissenschaftlern des Kaiser-Wilhelm-Instituts, dem Vorläufer des jetzigen Max-Planck-Instituts, minutiös geplant. Die Botaniker folgen den vorrückenden Soldaten auf dem Fuße, und Anfang 1943 plündern deutsche Wissenschaftler ungefähr zweihundert Versuchsstationen in Russland und der Ukraine und bringen die Sammlungen nach Deutschland. Doch Wawilows Hauptsammlung sollte ihnen nicht in die Hände fallen. Dank des Heldenmuts von Wawilows wissenschaftlichen Mitarbeitern ist sie während der neunhundert Tage dauernden Belagerung Leningrads hinter den Institutsmauern sicher verwahrt.
Das Institut beherbergte damals Samen von ungefähr zweihunderttausend Pflanzensorten, viele davon für Menschen genießbar. Doch niemand rührte die Samen an. Die neun verbliebenen Forscher des Wawilow-Instituts – wie es nach der Rehabilitierung seines Gründers 1956 erneut hieß – verhungerten lieber, als von den kostbaren Samen zu essen, die man ihnen anvertraut hatte. Mithilfe der Samen, davon waren sie felsenfest überzeugt, könnte man, wenn dem zerstörerischen Wüten Hitlers erst einmal ein Ende gesetzt wäre, neue Pflanzen züchten und den Hunger endgültig besiegen.
Und niemand kann heimlich schummeln. Die Kontrollen sind streng: Kein Mitarbeiter darf sich allein in den Räumen der Sammlung aufhalten, die Schlüssel sind im Tresor eines Institutsleiters verwahrt, und der Inhalt der Samenbehälter wird wöchentlich kontrolliert. Aber wie die beiden einzigen Überlebenden, dank derer wir von dieser Heldentat wissen, erzählt haben, hätte sowieso keiner auch nur im Traum daran gedacht, sich an den Samen zu vergreifen.
Als Erstes stirbt im Januar 1942 der Erdnussexperte Alexander Schukin, an seinem Schreibtisch. Es folgen der Pflanzenmediziner Georgi Krijer, der Chef der Reissammlung Dimitri Iwanow und später Lilija Rodina, M. Steheglow, G. Kowaleski, N. Leontjewski, A. Malygina und A. Korzum. Als Leningrad am 18. Januar 1944 endlich befreit wird, liegt der Großteil der Sammlung längst an einem sicheren Ort im Uralgebirge, der nur nach einem langen, beschwerlichen Fußmarsch entlang eines freien Korridors über den zugefrorenen Ladogasee zu erreichen ist, über die »Straße des Lebens«.
Die Samen werden gerettet, nicht jedoch Wawilow. Der Mann, der die Sowjetunion mit aller Kraft und Leidenschaft vor dem Hunger bewahren wollte, stirbt nach langen, quälenden Monaten am 26. Januar 1943 im Stalin-Gefängnis von Saratow den Hungertod und wird in einem Massengrab verscharrt.
Und mit ihm stirbt die großartige Schule der russischen Genetik.

Ähren verschiedener Getreidesorten

Ephraim Wales Bull (1806–1895)
DRITTES KAPITEL
IN DEN WEINTRAUBEN LIEGT DIE WAHRHEIT
Ephraim Wales Bull und die Concord-Traube
WIR EUROPÄER SIND AUF UNSERE TRADITION, Wein aus Vitis vinifera-Trauben zu gewinnen, mächtig stolz. Nur selten machen wir uns bewusst, dass es auch in Nordamerika Weinbau gab und gibt. Als die Wikinger um das Jahr 1000 die amerikanischen Küsten erkundeten, tauften sie diese Gegend sogar Vineland. Und 1621 schrieb Edward Wislow über New England, dort würden »sehr süße und schmackhafte weiße und blaue Trauben« wachsen. Die ersten Jesuitenmissionare, die sich in Kalifornien niederließen, versuchten bereits, aus den üppig wachsenden Wildtrauben Wein zu gewinnen. Allerdings wohl mit wenig ermutigenden Ergebnissen, denn bald schon konvertierten sie zur europäischen Vitis vinifera und bauten die berühmte Weinrebe Mission an – wie sonst hätte sie heißen sollen. Die Rebe missionierte den Kontinent ein gutes Jahrhundert lang, von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis 1860, und war schließlich die verbreitetste Sorte – bis die ersten europäischen Weinreben nach Nordamerika importiert wurden.
Einheimische amerikanische Sorten wie Vitis lambrusca, Vitis aestivalis oder Vitis rotundifolia waren eher Tafeltrauben und für die Weinproduktion kaum geeignet. Doch weil die Weinherstellung damals wie heute wirtschaftlich lukrativer war, setzten die ersten amerikanischen Winzer vor allem darauf – mit kläglichem Ergebnis. Nicht gerade rosige Aussichten also für den amerikanischen Traubenanbau. Das sollte sich erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts ändern, weil die meisten Winzer nun gesunden Menschenverstand bewiesen und überwiegend zum Anbau von Tafeltrauben übergingen. Ihre kluge Entscheidung hing vor allem mit einer neuen Rebsorte zusammen, der Concord: Die qualitativ außergewöhnlich hochwertige Traube entwickelte sich in nur wenigen Jahren zur wichtigsten Rebe des Kontinents. Ihr Schöpfer Ephraim Wales Bull und seine Traube sollen auf den folgenden Seiten die Hauptrolle spielen.
Ephraim Wales Bull wurde am 4. März 1806 in Boston, Massachusetts, geboren, als ältester Sohn des Silberschmieds Epaphras Bull. Die Familie wohnte in der Milk Street, nur wenige Hundert Meter von dem Haus entfernt, in dem etwa ein Jahrhundert zuvor Benjamin Franklin zur Welt gekommen war. Heute liegt die Milk Street mitten in Boston, doch damals befanden sich hinter den Häusern weitläufige Gärten. In einem davon entdeckte der junge Ephraim seine Liebe zu den Pflanzen und experimentierte mit dem Traubenanbau. Ephraim ist hochbegabt und gewinnt mehrere Schulwettbewerbe. Zugleich erlernt er das Goldschmiedehandwerk. Er spezialisiert sich auf sehr dünnes Blattgold und ist bald ein geschätzter und gefragter Kunsthandwerker.
Doch seine Gesundheit leidet unter dem Staub, den er bei der Goldschmiedearbeit einatmet, und schließlich sind seine Lungen so geschwächt, dass er seinen Beruf aufgeben muss. Zunächst scheint seine Erkrankung nicht dramatisch, aber dann verschlechtert sich sein Zustand rapide und zwingt ihn, Boston mit seinem kalten Nordwind zu verlassen. Er zieht nach Concord, in ein ländliches Städtchen ungefähr dreißig Kilometer nordwestlich von Boston. Der Zwangsumzug ist für Ephraim Bull aber offensichtlich keine Tragödie. Zwar kann er sich nicht mehr mit kostbaren Metallen beschäftigen, aber ihm bleibt seine große Pflanzenleidenschaft. Nun kann er aus seinem Hobby endlich seine Hauptbeschäftigung machen. Ende 1836 wird Ephraim Bull zum glücklichen Besitzer einer bescheidenen, siebzig Morgen großen Farm in Concord, wo er seiner Leidenschaft für den Traubenanbau frönen kann.
Dass der Schauplatz dieser Geschichte Concord ist, ist kein Randdetail. Im Gegenteil. Wäre Bulls Wahl nicht auf diesen Ort gefallen, gäbe es vermutlich nicht viel zu erzählen. Oder vielleicht doch, wer weiß. Jedenfalls war Concord damals kein x-beliebiges Dorf auf dem Land, sondern das Schicksal hatte es gewollt, dass gerade in diesem kleinen Städtchen in Massachusetts verschiedene bedeutsame historische und literarische Ereignisse der Vereinigten Staaten von Amerika stattfanden. Der amerikanische Unabhängigkeitskrieg hatte im Jahre 1775 dort seinen Anfang genommen, und einige Jahrzehnte darauf begründete der Schriftsteller und Philosoph Ralph Waldo Emerson in Concord die Dichterbewegung des American Transcendentalism, zu der Intellektuelle wie die Familie Alcott oder Henry David Thoreau gehörten. Auch der Schriftsteller Nathaniel Hawthorne wohnte in Concord, als Ephraim Bulls Nachbar. Beide Männer waren Charakterköpfe und teilten die Leidenschaft für Wein, Hawthorne allerdings mehr als Konsument. Da konnte es nicht ausbleiben, dass sich zwischen beiden eine enge Freundschaft entwickelte. Julian Hawthorne, der Sohn von Nathaniel Hawthorne, beschreibt Bull in seinem Werk Hawthorne and his circle:
Ephraim Wales Bull, der Erfinder der Concord-Traube, war nicht weniger exzentrisch als sein Name. Mein Vater mochte den aufrichtigen, ehrlichen Mann sehr. Und die Sympathie beruhte auf Gegenseitigkeit. Der kleine, kräftige Bull, mit langen Armen, großem Kopf, reichlich Haar und Vollbart, blickte einen aus hellen Augen durchdringend an. Er besaß kräftige, geschickte Hände und war dennoch intelligent. Drei Viertel der Arbeit im Weinbau erledigte er selbst, wobei er sich um jede einzelne Pflanze kümmerte (…) Häufig kam er herüber und saß mit meinem Vater im Garten, wo sie über Politik, Soziologie (die damals vermutlich noch anders hieß), Moral und manchmal auch über Rebsorten sprachen.
Dank seiner Farm und des inspirierenden kulturellen Umfelds konnte sich Ephraim Bulls Interesse für Trauben also in Concord bestens entfalten. Mit der ganzen Kraft der wiederentdeckten Leidenschaft stürzt er sich in endlose Versuche, um die Qualität seiner Trauben zu verbessern. Doch Massachusetts ist nicht gerade das Eldorado des Weinbaus. Das harte Klima, das die Trauben nicht wirklich reifen lässt, führt zu mancher Enttäuschung. Aber Ephraim Bull lässt sich nicht entmutigen. Um 1841 nimmt er den Fehdehandschuh auf und versucht, eine amerikanische Rebsorte zu entwickeln, die früher reift. Vor den Herbstfrösten. Und wie es der glückliche Zufall wollte, hatte der belgische Chemiker, Botaniker und Pomologe Jean-Baptiste van Mons (1765–1842), Professor für Chemie und Agrarwissenschaften in Löwen, nur wenige Jahre zuvor, 1835, in seinem Buch Arbres Fruitiers erstmals ein Programm zur Zucht neuer Sorten (in diesem Fall Birnen) durch Samenaussaat beschrieben. Van Mons verrät darin, wie er seine bis dahin undenkbaren Ergebnisse erzielen konnte:
Ich habe die Kunst entdeckt, in direkter Abstammungslinie und schnellstmöglich eine verbesserte Sorte hervorzubringen, indem man darauf achtet, keine Generation auszulassen. Säen, wieder säen und noch mal säen, immer wieder säen, kurzum, nichts tun als säen. An dieses Vorgehen muss man sich halten und darf nicht davon abweichen. Kurzum: Das ist das Geheimnis meiner Kunst.
Ephraim Bull ist wild entschlossen, es van Mons gleichzutun. Dazu reist er kreuz und quer durch Massachusetts und sucht nach Wildreben, die einige der gewünschten Eigenschaften besitzen, um die Kerne der vielversprechendsten Sorten später auszusäen und durch strenge Zuchtwahl vermehren zu können. Schließlich findet er am Fuße eines Hügels unweit seiner Farm eine einzelne Pflanze, die mehrere der gesuchten Merkmale zu besitzen scheint. Sie sollte zur Stammmutter der Concord-Traube werden: Vitis lambrusca, eine amerikanische Rebsorte, die nicht nur ertragreich war, sondern auch früh ausreifte. Offenbar wurde die Traube schon im letzten Augustdrittel reif:

Ephraim Wales Bull im Alter neben seinen Weinreben
Als Erstes musste ich die beste und früheste Rebsorte finden, um ihre Samen zu verwenden, und glücklicherweise fand ich sie am Fuße des Hügels. Sie trug reichlich, und für eine Wildsorte waren die Trauben von guter Qualität.
Bull ist zu Recht der Ansicht, dass nächste Generationen noch bessere Ergebnisse erzielen würden, und verpflanzt Vitis lambrusca auf seine Farm, wo sie vermutlich auf natürliche Weise von dortigen Reben bestäubt wird.

Ephraim Wales Bulls bescheidenes Haus in Concord
Ich säte die Kerne im Herbst 1843. Die einzigen Setzlinge, die es verdienten, weitergezüchtet zu werden, waren die der Concord.
Nachdem Bull durch Zuchtwahl die dritte Generation hervorgebracht hat, ist er 1848 schließlich bereit, seine Pflanze der Welt zu präsentieren. Zunächst lässt er Nachbarn im näheren und weiteren Umkreis von der Traube kosten. Stets mit Erfolg. Alle Freunde, denen er die schönen Trauben bringt, sagen, nie hätten Trauben besser gemundet.
Und so beschreibt Ephraim Bull seine Traube:
Die Fruchtstände sind angenehm groß und voll und wiegen bis zu einem Pfund. Die einzelne Weinbeere ist bis zu einem Zoll Durchmesser groß und ihre Farbe schwarz mit rötlichen Abstufungen. Sie ist von einer tief pflaumenblauen Wachsschicht umhüllt und die Schale hauchdünn. Sie schmeckt süß, saftig und aromatisch. Sie hat sehr wenig Fruchtfleisch. Das Holz ist widerstandsfähig, das Blattwerk dicht, die Blätter sind groß, mit kräftigen Blattadern und Flaum auf der Blattunterseite. Die Beeren setzen keinen Rost oder Mehltau an. Sie werden am zehnten September reif.
In den folgenden fünf Jahren verbreitet sich der Ruhm der ebenso schmackhaften wie frostbeständigen Concord-Traube überall in den USA. Bei einem Treffen der Massachusetts Horticultural Society 1853 wird sie auch in die Bostoner Gesellschaft eingeführt. Die Trauben, die Ephraim Bull für die Ausstellung einsendet, sind für amerikanische Verhältnisse so groß, dass Standmitarbeiter sie nicht für Obst halten, sondern in der Gemüseabteilung ausstellen. Doch schnell ist das Problem der falschen Zuordnung gelöst, und Bulls Traube wird ein Riesenerfolg. Wie die Mitglieder der Horticultural Society in ihrer Beurteilung schreiben, gebe es nun »endlich eine Rebsorte, die in New England wächst und gedeiht und noch dazu größer und besser ist als alle anderen«.
Die Rebsorte wird immer beliebter, weil sie anderen in den Staaten damals angebauten Trauben deutlich überlegen ist, und die Nachfrage nach Setzlingen nimmt schwindelerregende Ausmaße an. Um der Nachfrage Herr zu werden, sucht sich Ephraim Bull ein Bostoner Unternehmen, das die Setzlinge als sein Partner produziert und vertreibt. Er malt sich schon eine Zukunft als reicher Großgärtnereibesitzer aus. Warum auch nicht? Im ganzen Land spricht man von nichts anderem als der neuen Sorte, und die sich gerade entwickelnde amerikanische Lebensmittelindustrie verlangt nach ständig mehr Concord-Trauben. Wer immer ein Stück Land sein Eigen nennt, möchte die außergewöhnliche Pflanze anbauen. Und Bulls neue Geschäftstätigkeit scheint zunächst finanziell vielversprechend: Im ersten Verkaufsjahr, das Pflänzchen kostet fünf Dollar, verdient Bull 3200 Dollar, damals eine erkleckliche Summe. Das Geschäft läuft gut, doch dann kommt der Einbruch: Obwohl die Concord-Traube immer berühmter wird, gehen die Verkäufe zurück, zuerst nur langsam, dann immer schneller, und nach wenigen Jahren wird kaum noch ein Pflänzchen verkauft. Was war passiert? Ganz einfach: Damals gab es für Erfinder neuer Pflanzensorten keinen Patentschutz, der sollte in den Staaten erst 1930 eingeführt werden. Plötzlich rochen zahlreiche Gärtnereien ein Riesengeschäft und bauten Millionen Concord-Setzlinge an, ohne dass ihr Erfinder nur einen Cent daran verdiente.

Louisa May Alcott

Ralph Waldo Emerson
Da es für die Schöpfer neuer Pflanzensorten keinerlei Schutz gibt, sind Bull die Hände gebunden. Er muss zusehen, wie sich sein wohlbegründeter Traum vom Reichtum in Luft auflöst, und das bekommt vermutlich niemandem gut. Ephraim Bull jedenfalls nicht. Er traut bald keinem mehr über den Weg und zieht sich immer mehr zurück. Er wurde, sagen wir, ein komischer Kauz.
Doch auch wenn er nicht reich geworden ist, ist er doch berühmt. Ephraim Bull beschließt, sich das zunutze zu machen und in die Politik zu gehen. Schon bald wird er ins Repräsentantenhaus von Massachusetts gewählt und Präsident des Landwirtschaftsausschusses. Doch damals wie heute scheint Politik nichts für Menschen zu sein, die in erster Linie Pflanzen lieben. Bulls politische Karriere währt nur kurz, und bald kehrt er zu seiner einstigen Leidenschaft zurück: der Zucht neuer Pflanzensorten. In den folgenden Jahren züchtet er zweiundzwanzig außergewöhnliche Rebsorten, über die des Langen und Breiten spekuliert wird, weil niemand sie anbauen darf. Nach seinen Erfahrungen mit der Concord-Traube hütet er sie wie seinen Augapfel. Heute würden wir Bulls Verhalten vermutlich paranoid nennen. Fest steht, man hat vieles versucht, Anfragen, Besuche, Drohungen und Schmeicheleien, aber vergebens. Bulls Pflanzen durfte sich niemand nähern.

Nathaniel Hawthorne

Henry David Thoreau
Trotz seiner Gesundheitsprobleme in der Jugend war Ephraim Bull ein langes Leben beschieden. Noch mit fünfundachtzig Jahren kümmerte er sich höchstpersönlich um seine Rebstöcke. Doch er war ein anderer geworden: ein mürrischer Mann, voller Groll gegenüber allen Pflanzenhändlern. Wer ihn fragte, warum er die zahlreichen Rebsorten, die er im Lauf der Jahre gezüchtet hatte, nicht verkaufte, dem antwortete er verbittert: »Die Pflanzenhändler sind doch alles Diebe und wollen mir die auch noch stehlen.« Im Herbst 1893 fällt Ephraim Bull beim Beschneiden seiner Reben von der Leiter. Nun braucht er dauerhaft Pflege. Man bringt den einsamen, verarmten Mann ins Altersheim von Concord, ein Städtchen, aus dem er niemals hatte weggehen wollen. Die Zeitschrift Meehan’s Monthly würdigte Ephraim Bull und seine Pflanzen 1894 so:
Man muss sich nur einmal vorstellen, wie unsere Gesellschaft ohne diese köstliche Frucht aussähe. Man darf wohl sagen, dass wir dann um jährlich mehrere Tausend Dollar ärmer wären. Für das, was Bull für sein Land geleistet hat, hätte er dieselbe Anerkennung verdient wie Colt oder Singer. Er nahm eine x-beliebige Traube, die jeder Bauer als wertlos bezeichnet und den Vögeln überlassen hätte, und verbrachte Jahre seines Lebens damit zu, sie durch langwierige, mühselige Zuchtwahl so lange zu verbessern, bis er uns ein schmackhaftes, preiswertes und gesundes Nahrungsmittel schenken konnte, das noch weitere Generationen und Millionen von Menschen sättigen und erfreuen wird.
Pulsuz fraqment bitdi.