Kitabı oxu: «Schweigen ist meine Muttersprache»

Şrift:

Sulaiman Addonia

Schweigen ist meine Muttersprache

Aus dem Englischen von

Bernhard Jendricke

und Rita Seuß

Inhalt

Der Prozess

Die Ankunft

Die Moschee im Sand

Die abgelaufenen Sardinenbüchsen

Das Freiluftklo

Die Hebamme

Das Fernsehen

Das Blut

Fernsehen: Die Befreiung eines Mannes

Die neue Decke

Die gebrauchten Kleider

Ekel ist anerzogen

Reis

Der Ältestenrat

Der Geschäftsmann

Männer sind leicht zu durchschauen

Die Prostituierte

Der Name der Mutter

Miteinander teilen

Das Rasiermesser

Frauen, die wie Männer sterben

Der Laden

Fleisch

Der erste Jungfräulichkeitstest

Eine Frau

Die gebrochene Sprache

Freie Liebe, eingezäunt

Das weiße Tuch

Der Tanz

Der Ziegenbock

Cinema Silenzioso

Die Karte des Landes

Die Hochzeit

Freiheit: Der doppelte Preis

Geteilte Liebe

Die Abreise

Dank

Für die Mädchen in unserem Flüchtlingslager, die meine Spielkameradinnen waren. Wir hatten keine Spielsachen, nur unsere Fantasie. An diesem Ort des Mangels war es unsere Freude am Spiel, die unseren Schmerz linderte. Immer wenn ich nah daran war aufzugeben, dachte ich an euch und an die Freunde aus der Kindheit, die wir zu Grabe trugen. Dieses Buch ist für euch.

Wir wissen nichts über die Beschaffenheit des himmlischen Hirsches (vielleicht weil niemand ihn jemals hat klar erblicken können), aber wir wissen, dass diese unglückseligen Tiere unter der Erde umherwandern und kein anderes Begehren kennen als das, ans Tageslicht zu gelangen.

Jorge Luis Borges

Der Prozess

Cinema Silenzioso

Am Abend, als der Gerichtsbote des Lagers den Prozess gegen Saba ankündigte, saß ich vor meiner Kinoleinwand auf einem Hocker. Cinema Silenzioso.

Auf die strohgedeckten Dächer senkte sich die Dämmerung herab. Über dem Lager, das ich durch meine Leinwand betrachtete, ging der Vollmond auf. Sein Licht sprenkelte die Mauern und Gassen wie dicke blaue Tintenkleckse, und die mit Holz befeuerten Herdstellen glühten rot.

Ich sah den Gerichtsboten auf seinem Esel durch die staubigen schmalen Straßen reiten. Seine Silhouette huschte zwischen den Hütten hindurch.

Ihr seid aufgefordert, an Sabas Prozess teilzunehmen, verkündete er über Megaphon. Der Gerichtssaal wird auf das Kinogelände verlegt.

Als ich ihren Namen hörte, sprang ich auf. Meine Zeichnung von Saba baumelte über dem offenen Feuer neben mir. Im Schein der Glut glänzten die Kohlestriche ihrer Brustwarzen. Ich blickte auf Sabas Quartier, das durch die Leinwand betrachtet aussah wie ein Gemälde. Sie selbst war nirgends zu entdecken. Ihr Limettenbaum stand reglos vor dem Lehmbraun der umliegenden Hütten. An den Halmen des Zuckerrohrs vor ihrem Fenster hingen Heuschrecken.

Als ich anfing, auf meinem Areal ein Kino zu errichten, inspirierte mich die Erinnerung an die fünfundvierzig Bullaugenlampen auf der Fassade des italienischen Cinema Impero in Asmara, wo ich gearbeitet hatte, bevor ich ins Lager flüchtete. Meine Kinoleinwand war ein großes weißes Bettlaken, das ich gebügelt und an zwei in den Boden gestampfte Holzpflöcke gebunden hatte, mit einem großen rechteckigen Ausschnitt in der Mitte. Ich platzierte sie ein Stück unterhalb des Hügelkamms, auf dem sich mein Quartier befand. Viele dachten, ich wollte auf diese Weise die Akteure auf der offenen Leinwand im vollen Licht des Mondes und der Sterne erscheinen lassen, mit dem abgegrenzten Flüchtlingscamp im Hintergrund. Wie ein Wandgemälde, ein Kunstgriff aus vergangenen Zeiten.

Der wahre Grund war ein anderer. Wenn man bei richtigem Licht von hier oben durch die Leinwand schaute, konnte man in Sabas Quartier blicken. Es war auf drei Seiten umzäunt, und der Hügel mit dem Kino diente als vierte Begrenzung. So konnte ich sie die ganze Zeit beobachten, und ihre Welt wurde ein Teil von meiner.

Das Problem war, dass ich wie viele andere auch mir vormachte, das Betttuch wäre tatsächlich eine Leinwand, und alles, was man darauf sah, ein richtiger Film, Szene für Szene aufgenommen an einem weit entfernten Ort. Mit jedem Tag, den ich vor meiner Kinoleinwand verbrachte, nistete sich diese Illusion stärker in meinem Leben ein. Und die beiden Welten – die reale, in der Saba lebte, und die virtuelle des Films, den ich sah, eine Welt, in der nichts ist, wie es scheint – fügten sich harmonisch ineinander.

Ich sah sie kochen, lesen, bügeln, die Hausarbeit verrichten, Erwachsenen das Lesen und Schreiben beibringen, aber ich schaute ihr auch bei dem zu, was Menschen tun, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Und während ich jetzt erzähle, läuft in meinem Kopf eine zufällige Sequenz von Bildern ab, in denen sie auftaucht. Da war dieser Abend, als sie hinter der Latrine masturbierte, während ihr Bruder für sie und ihren Mann einen Doro Wot kochte, einen Hühnereintopf.

Doch diese Szene wird sofort von einer anderen überblendet: wie Saba vor dem großen, muldenförmig vertieften Stein am Boden auf ihren Fersen saß und sich ihr Po hob, während sie Getreidekörner zerstieß. Wie der Saum ihres schwarzen Kleides flatterte und ihre Schultern vor und zurück glitten, als sie das Getreide mit kleineren Steinen zermahlte. Ihre Oberschenkel mit der verbrannten Haut leuchteten wie Kerzen – alte Wunden, eingehüllt in eine Wolke aus weißem Mehl, die vor ihr aufstieg und in die ihr Kopf eintauchte, um mit weißen Haaren wieder aufzutauchen. Sabas mehlbestäubtes Gesicht existiert in meiner Vorstellung neben ihrem geschminkten Gesicht am Abend ihrer Hochzeit, als sie Seite an Seite mit ihrem Bräutigam saß, einem Mann mittleren Alters, und das Kleid einer Toten trug. In unserem Lager wird alles wiederverwendet, das Glück ebenso wie die Verzweiflung.

Und immer wieder kehren meine Gedanken zu ihrer Hochzeitsnacht zurück. Mich schaudert heute noch, wenn ich mich daran erinnere, wie sich ihr Bruder auf Zehenspitzen zu ihrem Schlafzimmer schlich, lange nachdem die Musik geendet hatte und die Gäste gegangen waren, damit Braut und Bräutigam die Ehe vollziehen konnten. Wie er sich verrenkte, als er sein Ohr an die Wand presste. Und als ich so über Saba nachdachte, über ihr Vergehen und den bevorstehenden Gerichtsprozess, trat sie aus ihrer Hütte und erschien in ihrem schwarzen Kleid, ihrer zweiten Haut, auf der Leinwand. Ich setzte mich wieder auf den Hocker, um meinen Film und damit Saba weiter anzuschauen. Mit einem Buch in der Hand kauerte sie auf ihrem Bett unter dem Limettenbaum. Die Öllampe neben ihrem Bett flackerte. Saba schlief immer unter freiem Himmel, und ich beobachtete sie jeden Abend, wenn sich das Licht von Mond und Sternen über ihre straffe Haut ergoss.

Bestimmt las sie wieder in ihrem Buch, Tschechows Dame mit dem Hündchen, das der englische Hilfskoordinator neben seiner britischen Zeitung in unserem Lager zurückgelassen und das sie schon mehrmals gelesen hatte. Als würde, wenn sie die Erzählung immer wieder las, auch ihre Liebesgeschichte ein glückliches Ende nehmen. Aber wen liebte sie?

Die Leinwand meines Kinos erzitterte. Saba schaltete ihr Radio ein. Musik durchbrach die Stille des Abends. Und Augenblicke später, als ich einen Topf Milch auf das Feuer stellte, hörte ich Schritte. Ich hob den Kopf und sah sie den Hügel herauf auf mich zukommen, wie ein Geist glitt sie zwischen den Büschen und Kakteen hindurch. Ich beugte mich vor und stocherte in der Glut.

In ihrem schwarzen Kleid und den Riemchensandalen stand sie vor mir neben dem bunten Stuhl, eine Tasche in der Hand. Sie war wie eine Figur aus einem italienischen Film. Eine Ausgeburt meiner Fantasie? Aber ich konnte sie ja sehen. Konnte den Duft ihres Körpers riechen.

Sie entfernte sich von der Leinwand und hängte ihr schwarzes Kleid über den niedrigen Ast eines Hibiskusbaums am Rand des Hügels. Nackt kehrte sie auf die Leinwand zurück und setzte sich auf den bunten Plastikstuhl, auf dem die Akteure Platz nahmen, um Geschichten zu erzählen, um das Leben in unserer Heimat zu beschwören, wie es vor dem Krieg, vor unserem Exil gewesen war. Ich forderte die Akteure im Kino oft auf, sich ganz frei zu fühlen und zu sagen und zu tun, was sie wollten. Aber die Menschen standen im Bann ihres Lebens im Exil. Ich wusste, dass ich Saba nicht daran zu erinnern brauchte.

Ameisen krabbelten über ihre Zehen, die Hagos am Abend zuvor pedikürt hatte.

Saba nahm eine Schere aus ihrer Tasche und fing an, sich die Haare abzuschneiden. Der silbrig weiße Schein des Himmels erleuchtete die Leinwand. Während lange schwarze Strähnen zu Boden fielen, sah sie mich durch ihre dichten Wimpern unverwandt an. Das Weiß ihrer Augen war verstörend klar.

Wind kam auf. Funken stoben in alle Richtungen. Die Milch im Topf kochte hoch, wölbte sich zu einer Kuppel aus Schaum und erstickte die Flamme.

Saba streckte den Arm durch den Leinwandausschnitt und nahm die Zigarette, die ich vor ihrer Ankunft am offenen Feuer angezündet hatte. Ich hätte gern ihre Hand gehalten, nur für einen Augenblick, aber damit hätte ich alles infrage gestellt, an das ich bisher geglaubt hatte. Das hier ist ein Kino in einem Flüchtlingslager, sagte ich mir. Und Saba ist eine Schauspielerin in einem Film, der in einem fremden Land gedreht wurde.

Sie blies Zigarettenrauch in die Luft. Ihr Gesicht verschwand in der Wolke. Saba war schon öfter verschwunden und wieder aufgetaucht. Und für einen kurzen Moment war auf der Leinwand niemand zu sehen. Nicht einmal das Lager. Saba war eine Lüge und dieses Lager eine Illusion. Doch aus dem Lager hinter ihr stiegen übelriechende Dünste auf und hielten mich in der Wirklichkeit fest. Der Geruch des feuchten gelben Strohs der Dächer, der mit Dung gefüllten Lehmmauern, des offenen Feldes, das wir alle als Toilette benutzten und wo ich Saba so viele Male begegnet war.

Ein Adler landete auf dem Hibiskusbaum meines Kinos und öffnete den Schnabel, als wäre Sabas schwarzes Kleid mit blutigen Erinnerungen durchzogen und ihr Körper der Faden, der diesen Stoff zusammenhielt.

Der Mond verschwand hinter den Wolken. In diesem kurzen Moment der Dunkelheit war Saba nicht mehr zu sehen, ihr Gesicht erschien erst wieder, als sie erneut einen Zug aus ihrer Zigarette nahm. Doch die Dunkelheit kehrte immer wieder an diesen Ort zurück: Den Lampen ging das Öl aus, Batterien leerten sich. Wir verbrachten unser halbes Leben in Dunkelheit.

Sprich doch, drängte ich Saba. Bitte sag etwas.

Und das tat sie, nachdem der Adler weggeflogen war. Ich war immer überzeugt, begann sie. Ich war immer überzeugt, dass unsere Traditionen in uns verankert bleiben, auch wenn wir aus unserer Heimat fliehen und all unseren Besitz zurücklassen. Sie begleiten uns, wohin wir auch gehen.

Sie hielt inne und blickte in den Himmel.

Was wollte sie mir damit sagen? Worauf versuchte sie mich vorzubereiten? Hatte es etwas mit dem Prozess zu tun?

Ein Windstoß erweckte die zischende Kohle wieder zum Leben. Funken streiften mein Gesicht. Tränen stiegen mir in die Augen. Ich war es, der das Publikum ermunterte, keine Angst zu haben, wenn sie meine Filmleinwand betraten. Ich drängte sie, nicht wieder ihre tragischen Geschichten im Lager zu erzählen, sondern von ihren Träumen zu sprechen, um sie an diesem abgelegenen Ort in einen Fantasy-Film zu verwandeln. Sobald sie den Raum meines Kinos betraten, waren sie keine Geflüchteten mehr. Sie standen nicht mehr im Bann ihres Exils, sondern konnten sagen oder tun, was sie wollten. Denn, so erklärte ich ihnen immer und immer wieder, ihr seid Figuren in einem Film, der irgendwo weit weg an einem Ort der Freiheit entstanden ist.

Und einige glaubten es tatsächlich. Da war der Junge, der seinen Fantasien über die Frau seines Onkels freien Lauf ließ. Seine Brüder zerrten ihn durch das Loch aus der Leinwand heraus und prügelten ihn bis zur Bewusstlosigkeit. Oder das Mädchen, das von ihren Eltern verheiratet werden sollte, sich aber von der Illusion meines Kinos fesseln ließ und in dem Moment, als sie die Leinwand betrat, den Namen ihrer wahren Liebe preisgab. Sie wurde von ihren Eltern verstoßen.

Und nun hatte sich auch Saba von meiner Erfindung anstecken lassen. Ich wollte die Wahrheit nicht hören. Ich griff nach einem Stück Kohle und stand auf, um sie gegen die Leinwand zu schleudern. Um mein Kino ein für alle Mal abzubrennen und damit auch meine Fantasien und Saba und um all die bruchstückhaften Szenen zu zerstören, die ich von ihr gesammelt und zusammengefügt hatte. Szenen, die mir geholfen hatten zu überleben. Mein Leben war ein Trugbild, weil Saba ein Trugbild war.

Mach die Lampe aus, sagte sie.

Ich ließ den Feuerball fallen. Und als ich tat, worum sie gebeten hatte, verblassten ihre Konturen, doch ihre purpurroten Oberschenkel und der Stuhl unter ihrem dunklen Körper schimmerten im Mondlicht. Ihre eine Hälfte wurde zu einer sitzenden Silhouette, als wäre sie das Negativ einer Fotografie und als befände sich die reale Person hinter diesem Foto irgendwo anders.

Bei jedem Zug an ihrer Zigarette tauchten ihre Gesichtszüge Zentimeter für Zentimeter wieder auf, der Dunkelheit entrissen, wie sie es wollte, als wäre sie bereit, all die Geschichten, die über sie erzählt wurden, durch ihre eigenen Worte zu ersetzen.

Aber dann hörte ich das Klopfen, das ich gefürchtet hatte. Laut und beharrlich.

Jamal, wir wissen, dass du hier drin bist.

Es war der Gerichtsbote, und er rief mich durch die geschlossene Tür.

Jamal, mach sofort auf. Führst du wieder Selbstgespräche?

Ich streckte meine Hände durch die Leinwand, berührte Sabas purpurrote Schenkel und hielt den Atem an angesichts der Gewalt, die in ihre Haut eingeprägt war. Als wäre die Berührung ihrer Wunden die einzige Möglichkeit, mich ihrer Existenz zu vergewissern und ihrer Unsichtbarkeit in meinem Kopf zu widersprechen.

Jamal, mach die Tür auf, sonst schlag ich sie ein, rief der Gerichtsbote.

Saba zoomte sich aus der Leinwand heraus. Ich ließ die glimmende Spitze ihrer Zigarette nicht aus den Augen, als sie Richtung Hügel davonschritt. Die Wolken zerstreuten sich.

Ihr Prozess begann unter einem klaren Himmel.

Und als ich das Tor zu meinem Kino öffnete, trat der Gerichtsbote ein, gefolgt von einem Pulk von Leuten.

Mädchen mit Brennholz trotteten hintereinander her, die Äste auf ihrem Rücken knackten. Ihnen folgten Männer mit Turbanen und gabis, die sie um ihre Jacken geschlungen hatten, und blockierten den Eingang. Sie schwelgten in Erinnerungen an Asmara. Seitdem ich hier bin, sagte der Älteste von ihnen, sehe ich, wenn ich die Augen schließe, Mussolini auf dem zentralen Boulevard, der seinen Namen trug.

Sie fassten sich an den Händen, gingen gemeinsam weiter und teilten ihre Erinnerungen miteinander. Buonasera, Jamal, begrüßten sie mich und setzten sich in die erste Reihe. Eine Hirtin trat ein, sie schüttelte weiter ihren mit Milch gefüllten Sack aus Ziegenleder, um tesmi zu machen. Der Geruch der Butter verflog, als eine Prostituierte in der Tür erschien und den Duft von Schwarzkümmelöl mit Zimtaroma auf ihrer Haut hereintrug.

Asmarische Jungen kamen in mein Quartier, sie hatten sich Strickjacken um den Hals geschlungen und die Spielkarten noch in der Hand. Der Spaßvogel unter ihnen mimte mit den Händen eine Explosion, als Frauen, Kanister mit Flusswasser auf den Köpfen balancierend, durch das Tor traten. Aber die Frauen lächelten nur. Sie hatten die Hände in die Seiten gestemmt und schwangen ihre Hüften. Ihr Geschnatter hörte auf, als eine über Achtzigjährige auf ihrem Esel kam, deren Tochter und Enkelin im Kampf für die Unabhängigkeit unseres Landes an der Front zu Tode gefoltert worden waren. Der Esel schrie, als sie abstieg.

Ich stand auf und überließ meinen Stuhl dieser Frau, deren Schoß Löwinnen getragen hatte. Saba ist frei, sagte sie und drückte meine Hand. Saba ist frei. Eine Frau ist frei, auch wenn ihr Land noch nicht befreit ist.

Ich küsste ihre Stirn.

Der Richter und die Ältesten waren immer noch nicht da. Eine Frau klagte, wie absonderlich es sei, dass man einander vor Gericht stellte, als ob das Leben im Lager nicht Prüfung genug wäre.

Doch schon bald lachten die Leute wieder, als der Friseur unseres Lagers mich fragte, ob ich denn endlich meine Jungfräulichkeit an die unbeschnittene Frau verloren hätte, die im Hilfszentrum arbeitete und für die ich aus dem Englischen ins Tigrinische und ins Arabische übersetzte. Ich hätte eine zweifellos lange Diskussion gern schnell beendet, indem ich eingestand, dass ich meine Jungfräulichkeit an einen unbeschnittenen Mann verloren hatte. Aber ich tat es nicht. Ich lächelte nur und behielt die Maske der Verstellung auf.

Doch mein Schweigen stachelte die Neugier nur noch weiter an. Forschende Augen suchten meine Maske zu durchdringen. Ich straffte mich, um meine Männlichkeit zu bekräftigen und das Feminine zu bekämpfen, das meine Knochen befallen hatte wie Ameisen, die Löcher in den Boden graben. Irgendwie sammelte ich meinen fragmentierten Körper und richtete mich kerzengerade auf wie eine Doum-Palme.

Der Richter wird bald da sein, sagte der Gerichtsbote.

Und als gälte es, die Zeit totzuschlagen, bis der Prozess begann, drückte ein Mann mir und dem Sohn unseres sufistischen Imams ein Schwert in die Hand. Die Zeit, so geht ein Sprichwort, ist wie ein Schwert: Wenn du sie nicht zerschneidest, zerschneidet sie dich.

Der Mystiker und ich sollten in die Luft springen, um Gott näher zu kommen, um dem Rausch des Glücks näherzukommen und auf den Boden zurückzukehren mit Gottes Liebe. Der Sohn des Imams und ich sprangen, wir erhoben uns hoch über meine Behausung und das Lager und entschwebten in den beerenfarbenen Himmel. Die Klingen unserer Schwerter prallten in der Luft zusammen, und wir stießen unsere Waffen in den eintönigen Himmel, bis er blutete. Die Dämmerung brach herein. Blut füllte das Rund der strohgedeckten Dächer.

Mein Freund und ich fielen kichernd auf den Boden zurück. Wir umarmten uns, das Schwert hinter dem Rücken des anderen. An diesem isolierten, verwahrlosten Ort ist es dein Freund, vor dem du dich in Acht nehmen musst, hatte Saba einmal zu mir gesagt.

Jetzt erinnerte ich mich wieder an ihre Worte. Ich drückte meinen Handballen fest in sein Schulterblatt, und mein Freund tat dasselbe. Wir prägten uns einander tief ins Gedächtnis ein und kehrten lachend auf unsere Plätze zurück.

Wo bleibt denn der Richter?, fragte ich, um diese Farce möglichst schnell zu beenden. Nicht dass ich der anderen Flüchtlinge überdrüssig gewesen wäre. Im Gegenteil. Es wäre keine Übertreibung zu sagen, dass ich die ersten Wochen und Monate im Lager nur dank ihrer mitfühlenden Solidarität überlebt hatte. Einige Familien hatten mir gestattet, das Bett ihrer Kinder und die wenigen Kleidungsstücke zu teilen, die sie besaßen. Und so schliefen ihre Kinder und ich nackt, während unsere Kleider über Nacht im Freien trockneten. Unsere Arme und Beine verschränkten sich, Schweiß klebte uns aneinander.

Und bevor ich die Hütte eines Mannes bekam, der im Fluss ertrunken war, schlief ich lange in verschiedenen Hütten und legte meinen Kopf auf dasselbe Kissen wie ein Dichter, ein Vergewaltiger, ein Witwer, ein Ehebrecher, ein Fantast und zwanghafter Lügner, ein Imam, ein Homosexueller, ein Priester, ein verkappter Transvestit, ein Mann, der seinen Sohn missbrauchte, und eine Mutter, die ihre Kinder schlug, bis auf deren Haut ihre Wut eingebrannt war. Eine Zeit lang wohnte ich bei einer jungen Witwe, die ihre Nächte auf allen Vieren auf dem Boden ihrer Hütte verbrachte und ihren nackten Körper dem Geist ihres verstorbenen Mannes darbot, sodass ich mit dem Geruch ihres sexuellen Begehrens in der Lunge einschlief.

Die Träume dieser Menschen, ihre Ängste und Untaten wurden meine Träume, meine Ängste und meine Untaten. Und ich fragte mich, ob ich am Ende ein Träumer werden würde, ein Wanderer zwischen Ländern und Liebschaften, jemand, der seinem Opfer durch dunkle Gassen nachstellt, oder ein Mann der Worte. Oder ob ich mich durch göttliche Macht in eine Frau wie Saba verwandeln würde, deren Rundungen ich mir im Schimmer des Mondlichts als meine eigenen vorgestellt hatte.

Die Zeit meines Heranwachsens war voller Möglichkeiten, dies oder das zu werden, und ich war Wünschen ausgeliefert, die sich mit jeder Nacht in einer neuen Hütte änderten, wenn ich den Herzen derjenigen lauschte, die ihren Kopf neben meinen betteten, und deren Atem erschreckende, aber auch sinnliche und mitleidvolle Gedanken in mir wachriefen. Ich bin nichts als die Summe der Gedanken all dieser Gefährten. Denn ohne dass sie etwas ahnten, wurde ich vieles zugleich: ein Abbild ihrer Großzügigkeit, eine Fallstudie ihrer edlen Überzeugungen und der Träger ihrer unerträglichsten Geheimnisse.

Jetzt bin ich hier, dachte ich, und warte auf Sabas Prozess, während ich inmitten der Guten und der Bösen sitze, inmitten derer, die ihre Verbrechen und Schandtaten in aller Stille begingen.

Hier gab es keine Polizeistation. Es gab nur uns und unser Gewissen. Das ungeschriebene Gesetz des Schweigens, der Familienehre, der Solidarität der Entrechteten und die Verwandtschaftsbeziehungen durch innerfamiliäre Heirat sorgten dafür, dass das Lager von diesem Pfad der Reinheit nicht abwich wie ein Strom, der zwischen Felsen und Bergen dahinfließt und dessen Sedimente sich auf seinem Grund ablagern. Sogar Gott wurde von uns betrogen, sagte einmal ein Mädchen zu Saba. Sie war nach einer Vergewaltigung schwanger geworden und starb mit nicht einmal fünfzehn Jahren bei der Geburt des Kindes.

Aber weil wir Gott nach unserem Bild erschaffen haben, betrügen wir nur uns selbst, gab Saba zurück.

Als ich mich umsah, verstand ich, warum der Richter mein Kino und nicht seine eigene Hütte, die sonst als Gerichtssaal diente, für den Prozess ausgewählt hatte. Der Ältestenrat hatte das ganze Lager hier versammelt, damit dessen Bewohner Zeugen von Sabas Verurteilung wurden.

In dem großen Areal, das ich bewohnte, drängten sich die Menschen. Die Stühle unter dem Baum füllten sich. Halbwüchsige Jungs hockten wie Adler auf den Mauern und beäugten die Mädchen, die einander auf dem Schoß saßen. Auf diese Weise lebten wir schon eine lange Zeit, dicht nebeneinander, den prüfenden Blicken der anderen ausgesetzt. Wir haben einander überwacht, verurteilt und eingesperrt. Wie hatte Saba unserem strengen Blick entkommen können?

Säuglinge krochen unter den Stühlen herum, den Mund mit Muttermilch verschmiert. Die einzige Katze im Lager spitzte die Ohren. In der Hitze stiegen von den dicht gedrängten Körpern Gerüche auf. Der Gerichtsbote schritt mit einem Räuchergefäß die Sitzreihen auf und ab. Ich neigte mich in Richtung des Weihraucharomas.

Und als er um Ruhe bat und verkündete, die Ältesten seien im Anmarsch, ging ich durch die Reihen und umarmte meine entwurzelten Schicksalsgenossen, um mich in ihren Armen meiner Existenz zu vergewissern.

Ich umarmte den Vergewaltiger und hob das Kinn seines Nachbarn, eines Jungen, der immer noch mit gesenktem Kopf herumlief. Ich dankte dem Kinderschänder und seiner Frau dafür, dass sie mir vor all den Monaten etwas zu essen gegeben hatten, und tätschelte seinen unehelichen Sohn und seine Tochter, mit der ich ein Bett geteilt hatte. Ich überlegte, ob die Zeit reif war, seiner Tochter zu sagen, dass ihr Vater, nachdem er mit ihr fertig war, zu mir gekommen war. Sie zu fragen, ob sie meine erstickten Schreie gehört hatte wie ich die ihren. Nein. Nichts dergleichen. Wir gaben uns die Hand. Dann wandte ich mich der nächsten totgeschwiegenen Schuld zu. Ich bat die Ehebrecherin eindringlich, nicht zu vergessen, nach dem Prozess das Milchpulver mitzunehmen, das ich bekommen hatte, und es ihren unterernährten Kindern zu geben. Sie hatte ihren Mann vergiftet und seinen Tod Gott zugeschrieben. Aber im Schlaf hatte sie ein Bekenntnis abgelegt und sich zugleich aufgemuntert, ich hatte es mit eigenen Ohren gehört. Ich habe einen Mistkerl getötet, hatte sie gesagt, aber wie viele von ihnen hat Gott selbst von uns genommen?

Alle aufstehen!, brüllte der Gerichtsbote.

Das Geplapper verstummte, jetzt hörte man scharrende Geräusche, als sich die Anwesenden von ihren Stühlen erhoben. Der Richter trat ein, begleitet von seinen drei Assistenten.

Mein Blick wandte sich von ihm ab und der Leinwand zu. Cinema Silenzioso. Sabas Name hallte durch mein Quartier. Ich fragte mich, ob die Leute jenseits der Leinwand, vor die der Gerichtsbote einen Tisch und vier Stühle gestellt hatte, in Sabas Unterkunft blicken konnten. Saba saß immer noch auf ihrem Bett unter dem Limettenbaum, mit dem Rücken zum Gericht. Öllampen flackerten. Sie nahm an ihrem eigenen Gerichtsprozess nicht teil.

Der Richter erhob sich und stand lange schweigend da. Er nahm die Versammlung scharf in den Blick. Einige schnappten nach Luft. Dann senkte er den Kopf und brach zusammen. Er schluchzte so hemmungslos, dass er anfing zu zittern, und sank auf seinen Stuhl.

Die Männer des Ältestenrats schlossen die Augen. Nachdem er einen Schluck Wasser getrunken hatte, das ihm der Gerichtsbote brachte, erhob sich der Richter erneut. Er holte tief Luft und gewann seine gebieterische Stimme zurück. Meine Damen und Herren, begann er. Es schmerzt mich, sagen zu müssen, dass wir Saba eines grotesken sexuellen Akts gegen einen unglückseligen Mann angeklagt haben. Gegen ihren eigenen behinderten Bruder.

Schweigen. Dann erschrockenes Japsen, aus dem ein schrilles Kreischen wurde, als eine Frau in einer weißen zuria vortrat, die Arme in die Luft warf und weinte. Und fast als dirigierte sie ein Orchester, erzwang sie einen Ausbruch kollektiver Trauer. Ein kleiner Junge stimmte in den lärmenden Chor ein und klagte: Warum wir? Warum können wir nicht in Frieden leben?

Ich sah mich um. Einige blickten zu Boden, andere schüttelten den Kopf, hin und her gerissen zwischen Bestürzung und Ungläubigkeit. Ich entdeckte Zweifel in den Augen derjenigen, die blinzelten, während sie murmelnd ihrer Entrüstung Ausdruck verliehen. Kummer ist wunderbar, wenn er nur gespielt ist. Das spürte ich umso mehr, als eine beleibte Frau sich forschend umsah, um sich zu vergewissern, dass alle sie beobachteten, bevor sie in Ohnmacht fiel und eine andere Frau und zwei Männer mit sich zu Boden riss. Einer war mein Vergewaltiger.

Mein Inneres glühte wie ein Kohlebügeleisen. Vögel, die in meinem Kino auf den Büschen saßen, flogen davon, sammelten sich über Sabas strohgedecktem Dach und verschwanden zu den zerklüfteten Hügeln.

Eine Windböe ließ Sabas schwarzes Kleid auf dem Hibiskusbaum meiner Leinwand flattern. Ihr Duft verbreitete sich überall. Der Wind, so stellte ich mir vor, trug auch ihre Traurigkeit überallhin.

Saba hat Hagos missbraucht. Eine Frau weinte und schlug sich auf die Brust. Saba hat den armen Hagos missbraucht. Unsere Ärztin hier im Lager, die Hebamme, ging mit einer aufgeschnittenen Zwiebel durch die Reihen und hielt sie den Ohnmächtigen vor die Nase. Der Richter war wieder aufgestanden. Ruhe. Ruhe.

Er sammelte sich. Seine Hände zitterten nicht mehr. Er straffte den Rücken. Hinter ihm im Cinema Silenzioso summten Moskitos und umschwirrten Sabas Kleid. Blutdurst wallte auf, als ein Mann aufstand und Sabas Kopf forderte, ohne dass ihr der Prozess gemacht wurde.

Dieser Prozess muss geführt werden, sagte der Richter.

Die Menge beruhigte sich. Er senkte die Stimme. Meine Brüder und Schwestern, fuhr er fort. Ich habe wochenlang darüber nachgedacht, ob es in Anbetracht der Schwere der Anklage nicht besser wäre, den Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu führen, aber ich habe mich dagegen entschieden. Wir müssen die Fakten feststellen. Wie hat es diese Frau geschafft, sich an einem armen Mann schadlos zu halten, vor unseren Augen? Wir müssen daraus Lehren ziehen, damit ein so abscheuliches Verbrechen nie wieder geschieht.

Schweigen.

Der Richter fuhr mit der Verhandlung fort. Er rief nach seinem Gerichtsschreiber, den er eigens für den Prozess ernannt hatte. Ein schmächtiger junger Mann trat vor. Er war im Lager dafür bekannt, dass sein Herz so tief war wie ein Brunnen, in dem er die Geheimnisse der Menschen bewahrte. Und doch war er leicht wie eine Feder, als er nach vorn trat und auf dem Stuhl rechts vom Richter Platz nahm.

Nachdem der Richter Sabas Vor- und Zunamen hatte aufnehmen lassen, fragte er die Hebamme, ob sie wisse, wie alt Saba sei. Er beharrte auf einem korrekten Protokoll, wie er es vom Gericht in Asmara kannte. Zwar war die Hebamme bei Sabas Geburt dabei gewesen, aber sie erinnerte sich nicht. Doch sie lieferte ein paar Anhaltspunkte in Form von politischen Ereignissen aus der Zeit von Sabas Geburt.

Der Richter wies seinen Schreiber an, ihr Alter mit fast zwanzig anzugeben.

Als der Schreiber eine hölzerne Tafel aus der Tasche zog, wie man sie in Kirchen und Moscheen benutzte, um Verse aus dem heiligen Buch darauf zu schreiben, bot ich dem Gericht mein Notizheft an.

Der Schreiber musste mein halb fertiges Drehbuch zu Saba überblättern, um ihre Personalien festzuhalten. Es war die Vorlage für einen Film, den ich machen wollte, sobald wir in unser befreites Land zurückgekehrt waren. In meinem Kopf und in meinem Notizheft lebten die reale und die imaginierte Saba Seite an Seite.

Das Rätsel von Sabas Nationalität zu lösen, dauerte länger. Ihre Mutter ist Äthiopierin, sagte die Hebamme. Aber soweit ich mich erinnere, war ihr Vater Eritreer.

Ich glaube deinen Worten, sagte der Richter. Er wollte offenbar zügig vorankommen.

Nein, sagte ein Mann. Seine Augen traten aus den Höhlen, als er hinzufügte: Wenn ihr Vater Eritreer ist, ist sie auch Eritreerin. Die Identität eines Kindes richtet sich nach dem Vater.

Der Sohn einer getöteten Kämpferin sprang auf. Meine Mutter hat nicht bis zu ihrem Tod gekämpft, sagte er, damit einer wie du behaupten kann, ihre Identität sei weniger wichtig.

Bei diesem Wortwechsel fing ein junger Mann ganz hinten an, sarkastisch zu lachen. Er trat vor und schwenkte seinen Ausweis, den er von der UN erhalten hatte. Seht her, sagte er. Für mich, für euch bin ich Eritreer, aber in diesem Pass hier steht, dass ich kein Land habe. Warum? Na? Na, warum?

Mir war klar, dass er den entscheidenden Punkt seiner Argumentation verfehlte. Deshalb riss ich ihm den Ausweis aus der Hand, um den Versammelten zu erklären, was ich in seinem ruhigen Gesicht zu lesen glaubte. Dieser Mann, sagte ich und wandte mich ans Publikum, möchte uns daran erinnern, dass für die Außenwelt Sabas Nationalität strittig ist, weil sich unser Land immer noch in einem Unabhängigkeitskrieg befindet.

Warum?, wiederholte der Mann.

Einige Zuhörer lachten leise.

Ich kehrte auf meinen Platz zurück und blickte auf die Kinoleinwand. Sabas Hütte war deutlich zu erkennen. Saba saß auf ihrem Bett, ein Buch in der Hand. Sie trug jetzt ihr Nachthemd. Ich musste zweimal hinschauen. Ich bin mir der Tücke meines Kinos bewusst: Manchmal, wenn ich Erinnerungen wachrief, wurden sie auf meiner Leinwand ganz real, ganz lebendig. Und ich hatte viele Erinnerungen an Saba.

Wenig später geriet der Prozessablauf erneut ins Stocken, diesmal mangels Belegen für Sabas Religionszugehörigkeit. Nicht überzeugt von Aussagen, ihr Vater könnte ein Muslim sein und ihre Mutter eine Christin, ließ der Richter die Frage offen. Religion unbekannt, sagte er zu dem Schreiber.

Ein Mann stand auf und fragte: Wie kann es sein, dass Saba all diese Jahre hier unter uns gelebt hat und wir so wenig über sie wissen?

Da es im Lager keine Polizeibehörde gab, musste der Richter auch die Ermittlungen führen. Er rief die Hauptzeugin auf.

Hinter ihm, weit entfernt, war Saba immer noch in ihr Buch vertieft, und ihr Quartier erstrahlte im gelben Licht der Öllampen, die sie die Mauer entlang aufgereiht hatte.

Die Hebamme nahm im Zeugenstand Platz. Sie schwor den Eid und murmelte Gebete. Ihre kummervolle Miene verschwand, als sie mit ihrer Schilderung begann:

Dass zwischen Saba, sie sei verflucht, und Hagos etwas vorging, argwöhnte ich, seitdem ich an jenem Nachmittag, ein paar Monate nach unserer Ankunft im Lager, ihre Hütte betrat und sie nebeneinander auf einer Decke liegen sah. Gott der Herr möge mir vergeben, dass ich das vor Ihnen wiederhole, Euer Ehren, aber ich habe festgestellt, dass sie sich seit unserer Ankunft im Lager eine Decke geteilt haben. Ich musste mich zwingen, diesem schamlosen Mädchen nicht ins Gesicht zu schlagen. Aber Prügel hätten auch nichts geändert. Hätte ihre Mutter doch nur auf mich gehört und sie zu Hause zurückgelassen, statt so viel Geld zu bezahlen, um sie in dieses Lager mitzunehmen. Du wirst mit ihr nie deine Ruhe haben, hatte ich zu ihr gesagt. Ich bitte Sie darum, Herr Richter, ihr eine schwere Strafe aufzuerlegen.

Fahren Sie mit Ihrer Zeugenaussage fort und überlassen Sie das Urteil uns, sagte der Richter.

Die Hebamme nickte. Doch dann wandte sie sich uns zu, stand auf und schwenkte drohend den Zeigefinger in Richtung der Väter im Publikum. Seid besonders wachsam und streng gegenüber euren Töchtern. Wir sind hier zwar in einem Lager, aber das Land eines Mädchens ist ihr Vater, und wenn sie einen Vater an ihrer Seite hat, wird sie aus ihrer Kultur und ihren Traditionen niemals verbannt werden.

Würden Sie sich bitte setzen und fortfahren, sagte der Richter und rutschte auf seinem Stuhl hin und her.

Wie Sie wünschen, Herr Richter, sagte die Hebamme. Nun also, ich gab der Mutter meine eigene Decke, damit ihr Sohn von diesem Mädchen getrennt schlafen konnte. Jetzt weiß ich auch, warum Saba, als der Geschäftsmann ihr einen Heiratsantrag machte, sofort einwilligte, ohne zu protestieren, wie ich es erwartet hatte. Ich werde niemals heiraten, bevor ich mit der Schule fertig bin, hatte sie immer wieder zu ihrer Mutter gesagt. Aber als ich ihr den Heiratsantrag überbrachte, vergoss sie keine Träne. Das Einzige, worum sie bat, ja, worauf sie bestand, war, dass ihr Bruder mit ihr käme. Es war ja nicht so, dass sie in ein anderes Dorf zog, aber der gutherzige und langmütige Geschäftsmann war einverstanden.

Doch ich war immer noch verblendet. Wie kann ich oder sonst jemand hier akzeptieren, dass so etwas in unserer Gemeinschaft passiert? Ich hoffte weiter, dass alles nur ein Missverständnis war. Mein Verdacht erhärtete sich jedoch, als gleich nach der Hochzeit Saba jeden daran hinderte, ihr Areal zu betreten, sogar ihre eigene Mutter.

All das nahm ich wahr und es verwirrte mich, aber ich habe nie mit jemandem darüber gesprochen. Nur mit dem Herrn im Himmel. Und dann, vor ein paar Monaten, erhielt ich die zweifelsfreie Bestätigung, als Hagos mitten in der Nacht von einer Schlange gebissen wurde und der Geschäftsmann zu mir kam und um Hilfe bat. Es musste also erst etwas Lebensbedrohliches passieren, damit sie einem Außenstehenden das Tor öffneten, und ich weise nie jemanden ab, der in Not ist. Ich ging also hin und fand Hagos’ Hütte voll mit Frauenkleidern. In seinem Bett lagen Höschen und BHs. Demnach hatte Saba die ganze Zeit in seiner Hütte gewohnt und muss das Bett mit ihm geteilt haben.

Die Hebamme war am Ende ihrer Schilderung angelangt. Sie blickte auf und murmelte Gebete.

Die Stille im Gerichtssaal dauerte an.

Ich hatte Saba lange durch die Leinwand beobachtet und versuchte mich jetzt zu erinnern, ob mir etwas Verdächtiges aufgefallen war. Der Richter rief den nächsten Zeugen auf, einen jungen Mann, der als der Beschnittene bekannt war, obwohl wir alle beschnitten waren. Aber er zählte zu den wenigen, die nach der Beschneidung durch die Hebamme dauerhaft verstümmelt waren.

Mit zerzausten Haaren, das Hemd voller Stroh und feuchtem Lehm, humpelte er zum Zeugenstuhl. Ich war überzeugt, dass der Richter seine Anklage akribisch vorbereitet hatte, um Saba als Sexualstraftäterin zu präsentieren, als eine Frau, die in dieser Extremsituation des menschlichen Überlebenskampfes ihre sexuellen Perversionen befriedigte. Und deshalb betete ich, dass er nicht noch einmal eine Aussage von mir wollte. Er war ein Mann des Gesetzes, der seinen Beruf bei den Briten gelernt hatte. Mit Überraschungen war also immer zu rechnen.

Der Beschnittene murmelte etwas, das niemand verstand. Für einen Straßenjungen war er sehr schüchtern. Aber auch in diesem Fall zeigte sich, dass Menschen, die alles verloren haben, besonders hartnäckig an dem festhalten, was in ihnen ist. Der junge Mann sprach im Flüsterton und mit gesenktem Kopf. Seine Stimme hob sich, sobald er neben dem Richter auf dem Zeugenstuhl saß. Als hätten die Verantwortung und die geballte Aufmerksamkeit der Zuhörer seinen ersterbenden Mut befreit.

Saba sei seine erste Geliebte gewesen, sagte er. Und es stimmt, dass man diejenige, die einem den ersten Orgasmus seines Lebens verschafft, niemals vergisst.

Die Ältesten äußerten murmelnd ihre Missbilligung, aber der Hüter des Gesetzes überging ihren Einwand und forderte den jungen Mann auf fortzufahren.

Herr Richter, ich erinnere mich nur noch an Sabas Gesicht, das im Fenster erschien, nachdem die Hebamme ihre Arbeit getan und das Blut vom Rasiermesser gewischt hatte. Dann wurde ich ohnmächtig. Nach meiner Beschneidung dauerte es mehrere Tage, bis ich schwankend vom Bett aufstehen konnte, und es war Saba, die mich stützte, als meine Beine einknickten.

Bleib liegen, sagte sie.

Ich erstarrte, als ich sie hereinkommen sah. Es war, als würde sie mir im Traum erscheinen. Ich berührte ihre Hand, spürte ihre Wärme. Wo ist meine Mutter?

Ich habe zu ihr gesagt, sie soll sich ausruhen, erwiderte Saba. Jetzt bin ich hier.

Ich wusste nicht, dass ihr euch kennt, du und meine Mutter.

Saba lächelte: Jetzt schon.

Ich möchte aufstehen, sagte ich.

Saba hielt mich am Arm fest, und ich merkte, dass meine unsicheren Schritte, langsam und qualvoll wie die eines alten Mannes, sie zusammenzucken ließen, als wäre sie es, die Schmerzen litt.

Nachdem ich eine Weile herumgetaumelt war, sagte ich, dass ich pinkeln müsse. Ich erwartete, dass sie einen Mann holte, der mich zum Freiluftklo tragen würde, aber sie brachte mir nur einen großen leeren Topf, der neben der Tür stand, und stellte ihn mitten auf den Boden. Und nachdem sie mir geholfen hatte, mich am Mittelpfosten der Hütte festzuhalten, wandte sie sich zum Gehen. Saba, warte, sagte ich. Würdest du mir mit meinem Gewand helfen? Ich kann mich nicht bücken.

Ich presste die Zähne zusammen, legte den Kopf zurück und biss mir auf die Lippen. Meine Knie zitterten. Saba, sagte ich, ich verstehe nicht, warum meine Mutter mich unbedingt hier an diesem Ort beschneiden lassen musste.

Die Traditionen begleiten uns, wohin wir auch gehen, sagte Saba, als sie den Saum meines weiten Gewandes hob, das auf der Vorderseite rote Flecken hatte. Sie drehte ihr Gesicht nicht weg, wie ich es erwartet hatte. Ich rückte näher zu ihr und lehnte mich bei ihr an. Lange Minuten vergingen, in der Hütte war es vollkommen still. Dann endlich hörte ich einen Tropfen in den Blechtopf fallen. Ich schrie auf. Und verstummte wieder.

Durch das Fenster wehte ein warmer Wind herein. Ihr flatterndes Haar kitzelte meinen Nacken. Heb mein Gewand höher, Saba, du tust mir weh.

Ich presste erneut. Ein paar Minuten vergingen, immer noch nichts. Ich weinte.

Mach dir keine Sorgen, sagte Saba und wischte mir die Tränen aus den Augen. Ich helfe dir.

Es war, als würde sie meine verbrannte Hand in kaltes Wasser legen oder als würde ich ein Aspirin nehmen. Ich stöhnte, als sie meinen wunden Penis in ihren Handteller legte. Und als sie ihn drückte, verwandelte sich der Schmerz in ein ungekanntes Gefühl. Ich konnte nicht aufhören zu weinen. Und dann bemerkte ich in ihrer blutbenetzten Hand ein weißes Rinnsal. Saba war meine erste Liebe.

Der Richter stand auf und schrie, so laut er konnte, um die Erregung der Menge zu besänftigen. Was ist das für ein Gericht, das den Worten eines Straßenjungen Glauben schenkt?

Ruhe. Ruhe! Es gelang ihm, den Lärm einzudämmen, indem er drohte, die Zuhörer des Gerichtssaals zu verweisen und die Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit fortzusetzen.

Stille.

Herr Jamal, rief der Richter.

Ich war mit meiner Zeugenaussage an der Reihe. Der Zeugenstuhl war noch warm, und ich spürte ein Kribbeln meinen Rücken hochkriechen. Ich schlug die Beine übereinander. Ich bin bereit, sagte ich.

Gut, fangen wir an, sagte der Richter. Erzählen Sie uns alles, was Sie über Saba wissen. Und vergessen Sie nicht: Jeder Hinweis kann uns helfen. Uns geht es um Gerechtigkeit.

Ich möchte von Anfang an erzählen.

Ich habe Saba zum ersten Mal am Fluss gesehen, an unserem ersten Abend im Lager, als sie ihrem Bruder ins Wasser nachsprang, um einen Kanister herauszuholen, den die Strömung einer Frau aus der Hand gerissen hatte. Nachdem sie ihn gerettet hatten, kehrten die beiden triefend nass zu ihrer Hütte zurück, Saba mit einem Eimer Wasser auf dem Kopf. Ich stand da und betrachtete sie, regungslos und selbst ganz durchnässt. Denn obwohl ich gezögert hatte, in den Fluss zu springen, um Saba zu retten, hatte ich das Gleichgewicht verloren und war ins Wasser gefallen.

Ich eilte zum Lager zurück, als mir der dicke Packen Birr-Scheine einfiel. Ich hatte sie in einer Tasche versteckt, die ich mir am Abend vor der Flucht aus der Heimat in meine Unterhose eingenäht hatte. Ich musste die Geldscheine auf dem Fußboden meiner Hütte ausbreiten, damit sie trockneten. Aber im Lager angekommen, stellte ich fest, dass ich nicht mehr wusste, wo meine Hütte war. Andere, die vom Fluss zurückkehrten, hatten Angehörige, die vor ihrer Hütte standen und sie erwarteten. Überall wurden Namen gerufen, ich jedoch war allein, und es gab keine Möglichkeit, meine Hütte wiederzufinden. Ich hatte nicht einmal etwas darin zurückgelassen, um sie in Besitz zu nehmen.

Ich öffnete eine Hütte zu meiner Linken, und da lagen mindestens fünf Personen, in weiße gabis gehüllt, dicht nebeneinander auf dem Boden. Ich zuckte zurück, denn ich dachte, der Tod wäre auch bereits hierhergekommen. Aber als ich ihre tiefen Atemzüge hörte, schloss ich die Tür und versuchte es bei der Hütte nebenan. Diesmal stürmte ich nicht einfach hinein, sondern öffnete die Tür nur einen Spalt breit und spähte hinein. Ein greiser Mann saß neben einer Frau und blickte triefäugig zur Tür. Habe ich euch geweckt, aboi?, fragte ich.

Nein, mein Sohn, erwiderte der Alte. Heutzutage kommt der Schlaf nur sehr schwer.

Ich erklärte ihm, dass ich meine Hütte suchte. Er sagte, hier wohnten er und seine Frau, aber wenn ich meine Hütte nicht fand, könne ich gern bei ihnen bleiben. Deine Hütte oder meine Hütte gibt es nicht, sagte er. Hier an diesem Ort gehören die Hütten allen und keinem.

Das hatten unsere Kämpfer zu Hause oft gesagt. Bist du Kommunist?, fragte ich ihn.

Tut mir leid, dass ich dich enttäuschen muss, mein Sohn, aber ich bin nicht gebildet. Mitgefühl ist etwas, das ich in meinem Dorf gelernt habe.

Das Paar in der Hütte daneben kniete am Boden und betete, die Köpfe gesenkt, die Augen geschlossen. Sie hörten nicht einmal, wie ich die Tür öffnete. Der Gedanke, dass andere meine Hütte bezogen hatten, machte mich wütend. Und mit dieser Wut kam ich zur nächsten Hütte. Ich stieß die Tür mit dem Fuß auf. Ein Mädchen, das sich gerade ihr Nachthemd überstreifte, huschte davon, um sich zu bedecken. Ich hielt die Hand vor meine Augen und schloss die Tür. Aber als ich an dem kleinen Fenster vorbeikam, warf ich noch einmal einen Blick hinein. Es war Saba, das Mädchen, das mit ihrem Bruder den Kanister aus dem Wasser geholt hatte. Ich kauerte mich unter ihr Fenster, das auf den menschenleeren Platz blickte. Als der Morgen graute, drehte ich mich um und spähte vorsichtig in die Hütte. In dem Moment hob Saba ihre Knie. Sie strich mit den Händen über ihre Oberschenkel und öffnete ihre Pobacken. Ich fragte mich, ob sie eine Wunde betastete oder ob sie sich Lust verschaffte. Ihr Körper zitterte. Ein Stöhnen kam aus ihrem Mund.

Ich blieb sitzen, während alle um mich herum zu schreien anfingen. Ich fuhr mit meiner Zeugenaussage fort und sprach sehr laut, um das Geschrei zu übertönen.

Der Richter rief die Zuschauer zur Ordnung und bat mich weiterzusprechen.

Ich konnte sie sehen.

Was sehen, Herr Jamal?

Ich sah Saba vor mir stehen.

Stehen? Wo? Wann?

Im Freiluftklo, an unserem ersten Abend im Lager. Ich konnte sie nicht mit einem Räuspern warnen, weil die Kälte meine Stimmbänder angegriffen hatte. Und so legte sie die Taschenlampe auf den Boden, ohne dass sie mich bemerkte. Ich sah sie von hinten, ihre purpurroten Schenkel. Sie zog ihr Kleid hoch und ging in die Hocke. Ich beobachtete, wie sie Steine aufhob, und als ein Käfer auf ihrem Hintern landete, sprang sie auf und lief davon. Ich rappelte mich hoch und teilte das hohe Gras mit zitternden Händen. Schweiß lief mir übers Gesicht, als strahlte die Stelle, wo Saba gesessen hatte, eine menschliche Wärme aus, nach der ich lange gesucht hatte.

Tumult. Er lügt. Werft ihn raus.

Ich möchte Sie an dieser Stelle unterbrechen, wandte sich der Richter an mich.

Ich aber fuhr fort: Meine Saba gibt es wirklich. Schaut auf die Kinoleinwand, dann seht ihr sie. Ihr denkt, die Saba, die ich kenne, kann nur die Ausgeburt eines kranken Geistes sein. Als würden reale Frauen den Rippen von Männern entspringen und imaginäre Frauen deren fantasierenden Köpfen.

Genug, sagte der Richter.

Er wies die Wache an, mich aus dem Zeugenstand wegzuführen. Dann wandte er sich an die Hebamme und sagte: Gehen Sie zu Saba und fordern Sie sie auf, ins Gericht zu kommen. Das ist ihre letzte Chance. Wenn sie nicht kommt, schicken wir den Gerichtsboten, damit er sie mit Gewalt herbringt.

Das Gericht wartete auf die Rückkehr der Hebamme. Der Richter beriet sich mit den Ältesten. Aus den Reihen der Zuschauer kam Gemurmel. Erneut wurden Gerüchte laut. Ich konzentrierte mich auf mein Kino. Saba lag auf dem Bauch und las in dem Buch, das sie gegen ein Kissen gestützt hatte.

Ich blickte zu dem Käfig neben meiner Hütte, in dem ich Tauben hielt. Vorsichtig wie eine Ballerina balancierte die Katze über den Zaun aus Stroh. Einsperren kann manchmal das Leben verlängern, dachte ich, während ich erneut das Areal betrachtete, in dem Saba wohnte.

Saba öffnete der Hebamme das Tor. Sie redeten miteinander. Von diesem Stummfilm, der jetzt vor mir ablief, konnte ich nichts hören, ich sah jedoch, wie sie gestikulierten und mit den Händen fuchtelten. Saba drehte sich einmal um sich selbst. Sie zog ihr Nachthemd aus und legte sich aufs Bett.

Ich erinnerte mich daran, dass Monate vor Sabas Hochzeit die Hebamme das Mädchen nachts aus der Hütte des Khwaja hatte kommen sehen und das Schlimmste argwöhnte. Und deshalb hatte sie darauf bestanden, Sabas Unschuld zu prüfen. Zwei ihrer Finger in Sabas Vagina bestätigten damals ihre Jungfräulichkeit. An jenem Tag stieß Sabas Mutter Freudentriller aus, als hätte die Hebamme geholfen, ein Baby auf die Welt zu bringen.

Aber warum überprüft die Hebamme jetzt Sabas Jungfräulichkeit, wo sie doch seit Monaten mit dem Geschäftsmann verheiratet ist?, fragte ich mich.

Als die Hebamme den Ärmel hochkrempelte und sich mit zwei Fingern Sabas gespreizten Beinen näherte, war ich drauf und dran, durch die Leinwand meines Kinos zu stürmen und zu Saba hinunterzulaufen. Die Gerichtswache hielt mich zurück. Bleiben Sie sitzen. Bleiben Sie sitzen.

Als man mich zu meinem Stuhl zurückdrängte, sah ich Saba auf ihrem Bett, den Kopf in den Händen. Dann ging das Tor zu meinem Areal auf. Die Hebamme trat ein und stieß Freudentriller aus. Saba hat ihren Bruder nicht missbraucht. Saba ist unschuldig, sagte sie. Saba ist noch Jungfrau.

Schweigen.

Wieder einer dieser unerträglichen Momente ohrenbetäubender Stille. Erst als ein beidseitig amputierter ehemaliger Freiheitskämpfer mit seiner Kalaschnikow in die Luft feuerte, entlud sich ein kollektiver Glücksschrei und ließ die Grundfesten meines Quartiers erzittern. Männer reckten triumphierend die Fäuste in die Luft. Frauen stießen Freudentriller aus. Immer mehr Menschen strömten von draußen in mein Kino, um an der improvisierten Feier der Unschuld Sabas und der Unbescholtenheit des Lagers teilzunehmen, das eine Insel der Reinheit inmitten dieses Buschlands geblieben war. Wie sich unsere Gemeinschaft in dieser Wüste ihre geistige Gesundheit bewahrt hat, sagte der Richter, ist ein Beweis für unsere kollektive Wachsamkeit. Wie überwachen einander, weil wir einander lieben wie uns selbst.

Die Sängerin des Lagers stieg auf den Richtertisch. Dieses Lager hat viele von uns hinweggerafft, es hat uns viel geraubt, aber nicht unsere Menschlichkeit, sang sie. Saba hat uns nicht unserer Menschlichkeit beraubt, wie der Krieg unserer Heimat die Menschlichkeit geraubt hat. Wir haben nichts als unsere Ehre. Danke, shukor Saba. Danke, reine Saba.

Die Sängerin hielt ihre Krar nah an ihrem Herzen. Ich hatte sie noch nie so singen hören. Ihre Stimme wurde immer wieder übertönt von Freudentrillern und Händeklatschen, von Rufen und Jauchzern des Glücks.

Die hohen Töne der Krar brachten noch mehr Leute auf die Beine, und während sie im Kreis die Leinwand umrundeten und das Cinema Silenzioso betraten und wieder verließen, dachte ich an etwas, das Saba einmal gesagt hatte: dass unser Tanz unserer Geschichte nachgestaltet ist, die immer und immer wieder von denselben blutigen Ereignissen getrübt wurde.

Saba war die Frau, die es gewagt hatte, nach ihren eigenen Gesetzen zu leben, und die man jetzt mit einem Gerichtsprozess wieder in Reih und Glied zurückbringen wollte.

Aber niemand hatte gefragt, wie es sein konnte, dass Saba nach so vielen Monaten der Ehe noch Jungfrau war. Warum hatten sie und ihr Mann nicht die Ehe vollzogen? Vielleicht kannten alle die Antwort, schwiegen aber in der Hoffnung, dass etwas, das nicht ausgesprochen wurde, seine destabilisierende Kraft verlor.

Die Ankunft

Tahir? Tahir, ist das hier das Lager?

Der Fahrer antwortete nicht. Er kniff die Augen zusammen und beugte sich vor, das Kinn auf dem Lenkrad. Der Lkw schlingerte, und als Tahir das Steuer herumriss, um einem Schlagloch auszuweichen, schrammten die Äste eines Akazienbaums über die Längsseite des Wagens.

Der Fahrer beschleunigte. Vögel mit kräftigen, gelben Beinen und weißgefleckten Flügeln, die auf einem Hang umherstreiften, stoben auseinander. Die untergehende Sonne färbte den Himmel leuchtend rot. Zart bernsteinfarbene Wolken sprenkelten den Horizont.

Saba suchte im Seitenspiegel nach ihren Mitreisenden. Dutzende Lastwagen waren im Morgengrauen von der Stadt aufgebrochen, in die sie auf ihrer Flucht vor dem Krieg gekommen waren, doch jetzt war ihr Lkw der einzige auf der Straße. Sabas Mutter neben ihr murmelte ein Gebet, das sie seit ihrem Aufbruch von zu Hause unablässig wiederholte. Hagos, ihr Bruder, saß auf der Ladefläche inmitten der wenigen Habseligkeiten, mit denen sie geflohen waren.

Herr, erleuchte unseren Weg in die Sicherheit.

Über der Talsenke brach die Nacht herein. Die Scheinwerfer des bergab steuernden Lkw durchschnitten die Dunkelheit. Ein flaches, mit Hütten übersätes Gelände tauchte vor ihnen auf. Bestehen Flüchtlingslager nicht aus Zelten?, fragte sich Saba.

Sie befürchtete, ein Blinzeln, und alles wäre ausgelöscht. Und die endlose Reise, die vor vielen Tagen auf Kamelen begonnen hatte, würde weitergehen. Sie hielt sich am Armaturenbrett fest und konzentrierte sich auf das Bild vor ihren Augen. Doch als Tahir erneut das Steuer herumriss, um einem Schlagloch auszuweichen, holperte der Wagen über eine Unebenheit. Der Stoß warf den Fahrer in seinem Sitz zurück, und Saba griff nach dem Lenkrad. Je tiefer es ins Tal hineinging, desto mehr ruckelte das Fahrzeug, und der Lichtstrahl der Scheinwerfer schwenkte von den Hütten zum Buschland und wieder zurück. Tahir bremste.

Da sind wir, sagte er und rückte seinen Turban zurecht. Saba, das ist dein Lager.

Saba hielt sich die Nase zu.

Dung.

Überall Dunggeruch.

Tahir stellte den Motor ab. In der Stille wirkte der Ort sehr viel entlegener und verlassener, als Saba es sich jemals vorgestellt hatte. Sie blickte in den Himmel. Es gab keine Kampfflugzeuge, nur einen halben Mond. Er hing am Himmel wie der sichelförmige goldene Ring, den ihre Großmutter in der Nase getragen hatte.

Saba betrachtete die Hütte im Scheinwerferlicht. Ihre Mutter murmelte Gebete und weinte. Saba konnte sich nicht erinnern, wann sie ihre Mutter zum letzten Mal hatte lächeln sehen oder lachen hören.

Tahir kletterte aus der Kabine und humpelte zur Vorderseite seines Wagens. Als er die Motorhaube öffnete, qualmte es. Saba trat hinaus in die Dunkelheit. Wir sind die Ersten im Lager, dachte sie. Außer ihnen war niemand zu sehen, nicht einmal ein Beamter zu ihrem Empfang. Sie wollte Tahir fragen, als sie von einem Lichtschein in ihrem Rücken abgelenkt wurde. Sie drehte sich zur Ladefläche um, wo Hagos auf Jutesäcken saß. Seine Taschenlampe beleuchtete einen runden Handspiegel, in dem er sein Gesicht von allen Seiten begutachtete.

Als Saba zu Hause ihre Bücher einpacken wollte, hatte ihre Mutter sie daran gehindert, denn die Schmuggler verlangten für jede zusätzliche Tasche extra Geld. Und während sie Kleider und Unterwäsche in mehreren Schichten übereinander tragen konnte, war das mit Büchern nicht möglich. Deshalb hatte sie vor dem Aufbruch Tag und Nacht ihre Lieblingspassagen auswendig gelernt.

Hagos jedoch hatte diesen fragilen Gegenstand mitgenommen, obwohl die Schmuggler die Flüchtlinge vor dem Aufbruch gewarnt hatten: Sogar Menschen zerbrechen auf dem Weg in die Sicherheit, sagten sie, und Spiegel erst recht.

Hagos kletterte vom Lkw und sank in Sabas ausgebreitete Arme. Seine Haut duftete nach Jasmin, als sie ihn fester an sich drückte. Sie griff nach seiner Hand, den Blick auf eine runde Hütte mit einem konisch geformten Strohdach gerichtet. Auf einem der Büsche, die die Hütte säumten, saß ein Nachtfalter. Die fluoreszierenden Kreise auf seinen Flügeln leuchteten im Licht der Scheinwerfer.

Ein fernes Brummen steigerte sich zu einem lauten Getöse, als ein Lkw nach dem anderen im Lager eintraf. Lärm brach los. Kinder kreischten. Gott wurde angerufen. Freudentriller vermischten sich mit Schluchzern. Und als sich die Lkws verteilt hatten und verschiedene Areale erhellten, sah man Bruchstücke des Lagers aufleuchten, die einander zu spiegeln und sich im Schlagschatten der Hütten zu vervielfältigen schienen.

Die Leute stiegen von ihren Lastwagen herunter. Ihre Silhouetten wanderten über die Wände der Hütten. Männer und Frauen, emsig wie Ameisen, trugen ihre Habseligkeiten auf dem Rücken und auf dem Kopf. Jutesäcke. In Tücher oder gabis gewickelte Kleider. Herde mit Kochplatten aus Lehm. Kinder, festgebunden auf dem Rücken ihrer Mutter. Eine Frau hatte ihren Mann huckepack genommen, er schlang die Beine um ihre Hüften und die Arme um ihren Hals. Keuchend schleppte sie sich an Saba vorbei.

Bevor Tahir aufbrach, zog er einen Stift aus der Tasche. Hagos, sagte er, in deinem Alter war ich wie du. Auch ich war schweigsam, bis ich einen Stift fand.

Aber Hagos griff nicht nach dem Stift.

Mein Sohn kann weder schreiben noch lesen noch sprechen, sagte seine Mutter.

Tahir sah den Zwanzigjährigen an. Ist das wahr, Hagos?

Hagos starrte an Tahir vorbei vor sich hin.

Saba nickte. Ja, es ist wahr.

Tahir fuhr los. Und sofort vermisste Saba den Geruch der Fahrerkabine, die sonnengedörrten Früchte auf dem mit Wildleder überzogenen Armaturenbrett und die Datteln, die seine Eltern am Nilbogen geerntet hatten. Sie vermisste die Freigebigkeit, die aus Tahirs Hand floss. Seine Hand, die ihr Orangen und Wasser gereicht und gestikuliert hatte, als er von seiner Kindheit unter britischer Herrschaft erzählte. Er hatte seine Zunge in kaltes Wasser tauchen müssen, als könnte er nur dann wie die Menschen im Norden sprechen, wenn er seine Wurzeln erfrieren ließ. Auch seine Art, Arabisch zu sprechen, hatte er beibehalten, und er dehnte die Wörter so, dass auf seiner Zungenspitze jede Silbe ihr Leben verlängerte. Im Lager würde Saba diesen Akzent kaum wieder hören. Ihre Gedanken verdüsterten sich, als immer mehr Lkws aufbrachen.

Sie musterte die Holztür, deren Risse im Licht der Taschenlampe sichtbar wurden. Gestank drang heraus. Und Dunkelheit. Hagos hielt ihre Hand, als er die Tür aufstieß. Sabas Brust zog sich zusammen. Sie drehte sich um und rang nach Luft. Ein Nagel in dem niedrigen Türrahmen riss ihr die Haarnadel heraus. Die verschwitzten Locken fielen ihr ins Gesicht und über die Augen.

Hier werden wir wohnen, sagte ihre Mutter und band das Tuch fester um ihre Hüften, um die Kreuzschmerzen zu lindern. Seit ihrem Aufbruch, als sie alle drei auf dem Rücken eines Kamels auf einer Matratze zusammengekauert saßen, tat ihr das Kreuz weh.

Hagos band Sabas dickes langes Haar im Nacken zu einem Knoten zusammen. Seine Schwester folgte ihm ins Innere der nach Dung stinkenden Hütte. Der Strahl seiner Taschenlampe wanderte durch den Raum. Aus dem Strohdach schossen Insekten hervor. Saba beobachtete einen Nachtfalter, dessen Flügel in der schweren Luft flatterten. Hagos reichte ihr die Taschenlampe und ging hinaus.

Der Holzpfahl in der Mitte der Hütte war aus einem dünnen knorrigen Baumstamm gezimmert. Er verlief bis ganz nach oben und trug das Dach. Saba hoffte, nicht dagegen zu stoßen.

Hagos kam mit Jutesäcken zurück, sein Gesicht erleuchtet von dem grellen Licht in Sabas Hand. Während er die Säcke entlang der Wand aneinanderreihte, versuchte auch sie, die Fassung wiederzugewinnen. Ihre Mutter musste sich dringend ausruhen. Das wurde Saba klar, als Hagos aus einem der Säcke eine Decke herauszog. Sie beobachtete seine Bewegungen und fragte sich, ob sie für ihre Mutter jemals so gut würde sorgen können wie er.

Die dünnen Decken seien vorerst ihre Schlafmatten, erklärte die Mutter.

Saba und Hagos packten die Decke an den Enden, schüttelten sie aus und legten sie auf den nackten Boden neben der Wand. Sie husteten im Chor. Saba streifte den Staub von ihrem schwarzen Kleid, während Hagos der Mutter half, sich auf ihre Decke zu legen. Ihr Bett. Er faltete einen Schal zu einem Kissen zusammen und schob es ihr unter den Kopf. Dann küsste er sie auf die Stirn und deckte sie mit seinem gabi zu, den ihm die Hebamme, die auch Beschneidungen durchführte, bei der Feier seiner rituellen Reinheit überreicht hatte.

Die andere Decke breitete Saba an der gegenüberliegenden Wand aus. Hier würden Hagos und sie schlafen. Sie würden ihre Träume miteinander teilen. Und ein neues Leben. Dies würde ein Ort der Wiedervereinigung sein. Sie würden nächtelang reden. Lachen. Singen. Einander Geschichten von zu Hause erzählen. Und Kindheitserinnerungen austauschen. All die Jahre, in denen sie Hagos vernachlässigt hatte, würde Saba jetzt wiedergutmachen. Jahre, in denen sie nichts anderes im Kopf gehabt hatte als ihre Schulbücher. Doch der Krieg hatte sie dem Menschen nähergebracht, in dessen Gesicht sie geblickt hatte, als sie zum ersten Mal ihre Augen aufschlug. Ihre Mutter hatte ihr oft erzählt, dass die neugeborene Saba, erst wenige Stunden alt, an Hagos’ Brust Milch hatte saugen wollen. Hagos war auch das erste Wort gewesen, das sie sprach. Hag. Die anderen Buchstaben – o und s – kamen später hinzu. Und wie sein Name würde auch er selbst in ihrem Leben jetzt allmählich wieder mehr Raum gewinnen.

Saba sah aus dem Fenster. Ein paar Männer betraten den Platz. Ihre Öllampen flackerten, und ihre Schatten verschmolzen zu einem einzigen gestaltlosen Körper. Träge und schwer.

Die Gruppe war aufgebrochen, um den Fluss zu suchen. Nach Auskunft der Lkw-Fahrer lag er westlich des Lagers. Aber sie waren erfolglos zurückgekommen. Dort gab es nur Buschland.

Wir müssen morgen früh nochmal los, sagte ein Mann in weißer Dschallabija und schwarzer Weste. Wir haben nur das Zischen von Schlangen gehört. Was da draußen sonst noch ist, wissen wir nicht.

Skorpione. Antilopen. Krokodile. Elefanten. Löwen. Saba wusste nicht, in welchem Teil dieses Landes sie sich befanden, und befürchtete, dass es hier alle möglichen wilden Tiere gab. Ein Lager mitten im Busch.

Der Platz wurde immer voller, die Leute standen bis vor Sabas Hütte. Seid ihr sicher, dass der Fluss westlich des Lagers liegt?, fragte ein Junge, der sich seinen kleinen Bruder auf den Rücken gebunden hatte. Unser Fahrer hat gesagt, er liegt dort drüben.

Der Junge deutete in die Richtung entgegengesetzt zu der, aus der die Männer gekommen waren. Er ist nicht älter als zwölf, dachte Saba und beobachtete, wie er sein Brüderchen auf seinem Rücken schaukelte. Schlaf, mein süßer kleiner Bruder. Schlaf doch.

Mit Stöcken und Öllampen bewaffnet teilten sich die Männer in vier Gruppen auf, um in verschiedene Richtungen auszuschwärmen. Saba und Hagos schlossen sich der Gruppe an, die von einem athletisch aussehenden jungen Mann in einem Trainingsanzug angeführt wurde.

Doch der Athlet trennte Sabas Hand von der ihres Bruders. Das ist kein Abenteuer für Mädchen und Frauen, sagte er.

Saba drängte sich an ihm vorbei und hakte sich bei Hagos unter. Eine Hand zog sie zurück. Bitte lass die Leute gehen, sagte der Junge mit dem weinenden Baby. Mein Brüderchen hat Durst.

Die Männer brachen auf. Saba rührte sich nicht vom Fleck. Ihre Augen suchten die dunkle Grenze des Lagers ab, die näher rückte, als das Licht der Öllampen erstarb. Mit der Dunkelheit kamen besorgte Gedanken. Was, wenn Hagos von einer Schlange oder einem Skorpion gebissen wurde? Wenn ein Krokodil ihn verschlang?

Sie nahm ihr Tuch von den Schultern. Eine warme Brise strich über ihren Nacken und umfing sie, ohne ihr schweres Herz zu erleichtern. Sie schwitzte.

Links von ihr tauchten Lichtpunkte auf. Im flackernden Lampenschein kehrten die Männer mit lautem Geschrei und Freudensprüngen von ihrer Suche westlich des Lagers zurück. Sie hatten durch die Wildnis aus Gras, Steinen, Büschen und Hügeln eine Schneise geschlagen. Der Fluss ist weit weg, aber wir haben zumindest Wasser, sagte der Athlet mit lauter Stimme.

Saba war überzeugt, dass es Hagos war, der den Fluss als Erster entdeckt hatte. Er trug eine Miene zur Schau, die ihr vertraut war, denselben Entdeckerstolz wie damals, als er ein Foto ihrer Großmutter gefunden hatte, wie sie von Kaiser Haile Selassie ausgezeichnet wurde. Seine stummen Lippen wurden breit und schmal, als er die Hand zur Faust ballte. Aber es war der Athlet, der alles Lob für sich einheimste: Du bist ein furchtloser Löwe. Dank deiner werden unsere Kinder nicht verdursten.

Frauen stießen Freudentriller aus.

Saba umarmte Hagos und legte ihm ihr Tuch um die Schultern. Die Finger ineinander verschränkt, gingen sie zu ihrer Hütte zurück.

Das ganze Lager brach zum Fluss auf. Laternen und Taschenlampen beleuchteten den Boden, den Lebensraum gefährlicher Kreaturen. Die Menge trampelte über Gras und Büsche hinweg, und als sie auf einen schmalen Weg gelangte, wich der Geruch des Laubs dem Aroma überreifer Kaktusfrüchte. Doch bald erfüllte nur noch Schweißgeruch die Luft.

Saba drängte sich an Hagos. Sie klammerte sich an ihn, den Unerschrockenen, dessen Heldenmut verhindert hatte, dass Kinder, Männer und Frauen verdursteten. Sie konnte sein Gesicht nicht sehen, aber sie wusste, dass er lächelte bei den Worten, die sie ihm zuflüsterte. Lächelte wie immer.

Murmelnd plätscherte der Fluss über die Steine. Saba atmete den Geruch von frischem Schlamm ein. Der Fluss muss erst vor kurzem über die Ufer getreten sein, dachte sie.

Die Leute stellten ihre Öllampen hinter sich ab und reihten sich am Ufer entlang auf. Zwischen ihren Beinen glitzerte der Fluss, doch die Landschaft war in Dunkel gehüllt. Saba drückte ihren gelben Eimer an ihre Brust. Behälter schepperten, Kanister schlugen gegeneinander. Die silbernen Armbänder einer Frau vor ihr klimperten, als sie ihren Kanister ins Wasser tauchte. Während sie sich tiefer hinunterbeugte, umspielte ihr adalkana-Kleid, leuchtend wie die Farben des Regenbogens vor einem pechschwarzen Himmel, ihre Hüften. Der Kanister glitt ihr aus den Händen und wurde sofort vom Fluss fortgetragen. Hagos lief ins Wasser. Laternen wurden hochgehoben, Taschenlampen auf ihn gerichtet. Warum tut er das?, fragte ein Mann. Weil jetzt auch die geringsten Dinge einen Wert besitzen, sagte ein anderer. Hagos rutschte aus. Das wogende, goldglänzende Wasser verschlang ihn. Saba dachte an das letzte Mal, als ihr Bruder, noch zu Hause, in einen vom Regen angeschwollenen Fluss gesprungen war, um einen Mann zu retten, der vor den Derg-Soldaten floh. Einer Gefahr zu trotzen war für ihn ein Weg, wahrgenommen zu werden. Und Saba tat, was sie immer getan hatte. Sie sprang ihm hinterher.

Bruder und Schwester verschwanden unter Wasser. Eine Ewigkeit verging, bis ihre Köpfe wiederauftauchten. Fast gleichzeitig und erleuchtet von Taschenlampen.

Als Hagos mit dem gefüllten Kanister vor der Frau stand, legte sie ihm ihre hennagefärbte Hand auf die Schulter. Danke, sagte sie. Das war mutig von dir.

Gern geschehen, sagte Saba neben ihrem Bruder. Er freut sich, wenn er helfen kann.

Als sie nass und zitternd vom Fluss nach Hause zurückkehrten, stand ihre Mutter vor der Hütte und murmelte vor sich hin.

Wie könnt ihr nur ins Wasser springen, sagte sie.

Es war nicht gefährlich, sagte Saba.

Die Gefahr stand den Männern in die Augen geschrieben.

Ich habe schon größere Gefahren überstanden, Mutter, das weißt du.

Weißt du, was Rahwa über dich sagt? Die Stimme ihrer Mutter brach. Ihre Finger zitterten, während sie an ihrem Tuch herumnestelte.

Die Hebamme ist hier? Saba drehte sich um und kickte mit dem Fuß in die Luft. Staub wirbelte auf.

Als Saba die Hütte betrat, sah sie, dass Hagos die Hände seiner Mutter hielt und küsste, bis sie sich beruhigt hatten.

Gott segne dich, mein geliebtes Kind, sagte die Mutter.

Hagos führte sie in die Hütte, während Saba in ihrem durchnässten schwarzen Kleid an der Tür stand und zuschaute. Er setzte sich neben seine Mutter und massierte ihr die Arme. Saba zog sich hinter die Hütte zurück, um ihr Nachthemd anzuziehen. Das Licht der Taschenlampe, die sie auf den Boden gestellt hatte, tauchte die Nachbarhütte in einen gespenstischen Glanz. Die Tür stand offen. Ein Fuß trat in den Lichtkreis, der ein Fußgelenk umspielte. Ich kann überall gesehen werden, dachte Saba. Drinnen wie draußen.

Sie suchte Zuflucht in der Hütte. Hagos hatte sich auf einer Seite der Decke zusammengerollt. Saba stieg über ihn hinweg und zwängte sich in den schmalen Spalt neben der aus Dung gemauerten Wand. Ihr Gesicht lag neben Hagos’ Füßen. Kleine Steinchen stachen durch die dünne Decke. Saba kuschelte sich zwischen die gewölbte Wand und den zusammengekauerten Hagos.

Die Moschee im Sand

Mit geschlossenen Augen lag Saba auf der Decke und berührte sich, wie sie es zu Hause immer getan hatte in jenen Augenblicken vor Anbruch der Morgendämmerung, wenn ihr Körper ihr gehörte.

Doch an jenem ersten Morgen im Lager, die Brust über dem Boden gewölbt, straff wie ein Tautropfen auf einem Blatt, hörte sie ihre Mutter im Schlaf murmeln. Sabas lustvolles Stöhnen erstarb hinter ihren zusammengepressten Zähnen. Sie setzte sich auf und rückte von Hagos weg. Ein trockener Zweig in der Lehmmauer kratzte über ihr Bein. Sie schlug mit der Faust gegen die Wand.

Ihr Zimmer zu Hause ging auf den Garten eines Innenhofes mit Steinfußboden und Terrakottatöpfen voller Kräuter. Das Zimmer hatte sie von ihrer Großmutter übernommen. Hier hatte sich ihre Großmutter in den Nachbarn verliebt und ihm ihre Liebessehnsucht dadurch bekundet, dass sie Blumen an der Mauer pflanzte, die sie von ihm trennte. Sie war elternlos aufgewachsen, hatte sich aber das Lesen und Schreiben selbst beigebracht. Noch keine zwanzig Jahre alt, gründete sie ein Geschäft und reiste von einem Land ins andere, von einem Liebhaber zum nächsten. Ihr langes Leben verdankte sie dem Honigwein Tej, dem Khat und dem Sex.

An der Wand über ihrem Bett hatte Saba das Foto ihrer Großmutter aufgehängt und ansonsten ihr Zimmer mit Bildern aus dem Atelier des Landbesitzers geschmückt, bei dem ihre Mutter als Dienstmagd arbeitete. Dieser Mann war mit den Träumen seiner Heimatstadt als Student nach Europa gegangen, hatte sich dort aber mit einem Kunsthochschuldiplom nur seinen eigenen Traum erfüllt, bevor er zurückkehrte. Er hatte sich zu Sabas und Hagos’ Patenonkel erklärt. Eines der Fotos, die Saba aus seinem Atelier mit nach Hause genommen hatte, zeigte eine junge Frau mit einer Kalaschnikow über der Schulter. Hinter der Freiheitskämpferin war durch einen Kunstgriff des Fotografen die Hauptstraße von Asmara zu sehen, die in der jüngeren Vergangenheit drei Mal umbenannt worden war – von Viale Mussolini in Queen Victoria Avenue und dann in Kaiser-Haile-Selassie-Straße – und die jetzt, unter der Militärdiktatur des Derg, Nationalstraße hieß. Vor dem Hintergrund dieser vielfach bezwungenen Straße stand die Kämpferin so unerschütterlich und fest verwurzelt wie die Palmen, die den breiten Boulevard säumten. Saba studierte diese Pose ein, um sie in ihrer an der Grenze gelegenen Stadt vorzuführen.

Neben der Kämpferin hing die Kopie eines Gemäldes an der Wand, das ihr der Landbesitzer geschenkt hatte. Die helle Haut einer nackten Frau, die irgendwo in Paris ein Bad nimmt, schimmerte selbst dann noch, wenn Saba vor dem Schlafengehen das Licht herunterdrehte.

Bücher bedeckten den Fußboden und Sabas Bett. Geschichtsbücher in Tigrinisch, amharische Übersetzungen russischer Romane, Gedichte auf Arabisch. Bleistifte. Kugelschreiber. Radiergummis. Politik. Kunst. Freiheit. Afrika. Europa. Und Saba. All das wetteiferte um einen Platz in ihrem kleinen, unordentlichen Zimmer.

Die Erkenntnis, wo sie sich jetzt befand, holte sie aus ihren Träumereien. Sie spürte die dicken Lehmwände um sich herum und begrub das Gesicht in ihren Händen. Sie setzte sich auf die Knie. Der erdige Geruch der Büsche vor dem Fenster vermischte sich mit der dunggeschwängerten Morgenluft. Sie hob die Finger an ihr Gesicht und sog den Duft ihrer Schenkel ein.

Taumelnd trat sie aus der Hütte. Orangerote Lichtstreifen, wie Kamelhöcker gekrümmt, erschienen am Horizont. Sie hörte Schritte, die über den sandigen Boden schlurften. Aus einer schmalen Gasse tauchte ein Mann auf. Mitten auf dem Platz blieb er stehen und stellte seine Öllampe neben sich auf den Boden, sodass ein strahlender Lichtkreis um seine Füße entstand. Er rief zum ersten Gebet des Tages.

Niemand reagierte. Er wartete mit verschränkten Armen. Staub lag auf seinen Sandalen. Ohne seinen Turban, seinen gabi und seinen Teppich, ohne ein Minarett, eine Kuppel, vier Wände und eine Gebetsrichtung, dachte Saba, ruht die Autorität des Imams allein in der schmalen, langen Silhouette seines Schattens auf der nackten Erde des Lagers.

Er rief zum Gebet, immer und immer wieder. Seine Stimme wurde heiser. Keine Antwort. Schließlich verstummte er. Er stampfte mit dem Fuß auf, zog den Fuß durch den Sand und markierte auf diese Weise den Grundriss eines Gebetsraums. Dann hielt er inne und schaute zurück. Die schwachen Linien hinter ihm im Sand verblassten, als er sich mit seiner Öllampe in der Hand wieder in Bewegung setzte. Er kehrte zum Ausgangspunkt zurück und begann von vorne. Ein abgehärteter Kämpfer, der sich selbst dann nicht geschlagen gibt, wenn er keine Waffen mehr hat. Dieser Gedanke schoss Saba durch den Kopf, während sie auf ihn zuging, in seine Spuren trat und ihren Fuß hinter ihm noch fester und tiefer in den Sand grub, um der menschlichen Präsenz in dieser Wildnis Nachdruck zu verleihen.

Der Imam hob seine Lampe. Sabas Gesicht leuchtete auf wie eine Antwort auf sein Lächeln. Er räusperte sich. Seine Stimme kehrte zurück.

Das müsste reichen, sagte er nach einer Weile. Aber wenn nötig, können wir die Fläche erweitern. Es ist schließlich nur eine Linie im Sand.

Wo ist die Gebetsrichtung?, fragte Saba.

Der Imam hob die Hand mit der Öllampe hoch zum Himmel. Lichtstrahlen flossen von seinem Arm. Gott ist überall, sagte er.

Die Moschee im Sand war fertig. Leichtfüßig lief Saba zu ihrer Hütte zurück, als hätte sie am Bau einer richtigen Moschee mitgewirkt, die ihr eigenes irdisches Leben überdauern würde. Doch der Gedanke ließ sie erschaudern. Was, wenn das Leben im Lager am Ende nur so beständig war wie diese Spur im Sand?

Der Imam betete allein. Seine Dschallabija flatterte in der Brise, der weiße Stoff hob sich aus der Dunkelheit hervor. Saba griff nach ihrer Taschenlampe und machte sich auf die Suche nach einer Schule im Lager. Als ihre Mutter den Entschluss gefasst hatte, mit ihren Kindern zu fliehen, hatte Saba wissen wollen, ob es auf der anderen Seite der Grenze eine Schule gab. Ihre Mutter hatte einen Schuh nach ihr geworfen. Unsere Nachbarn sind getötet worden, sagte sie. Wir verlassen unser Zuhause, und du hast nur die Schule im Kopf.

Eine Cousine, die gekommen war, um sich zu verabschieden, nahm Saba beiseite. Du musst geduldig sein und den richtigen Zeitpunkt für deine Fragen wählen. Aber hab keine Sorge, ihr geht in das größte Land Afrikas. Und dort gibt es sehr viele gebildete und kluge Leute.

Nicht einmal der Krieg also würde Saba an der Verwirklichung ihres Traums hindern, sondern sie über Umwege ans Ziel bringen. Wie der Nil würde sie Hügel, Berge und Wälder überwinden und einen Weg finden, viele Länder zu durchqueren.

Die Gassen des Lagers waren ein Labyrinth, in dem sie sich verirren konnte. Saba tauchte ein in die Dunkelheit. Sie stolperte über Stroh, das neben Holz, Zweigen und Schnüren nutzlos herumlag. Die Erbauer des Lagers mussten es eilig gehabt haben, von hier wegzukommen, dachte sie. Saba stieg über achtlos weggeworfenen Müll und bog nach links in eine andere Gasse ein. Türen waren geschlossen. Die vertrauten morgendlichen Geräusche fehlten. Es gab keine Hähne, die den Tagesanbruch ankündigten. Kein Aroma frisch gerösteter Kaffeebohnen lag in der Luft. Kein Hauch von mit Ghee vermischtem Berbere, von Aftershave und Duftessenzen. Es war ein anderer Morgen, der ihr hier begegnete. Ein Morgen ohne das rhythmisch schmatzende Geräusch, wenn Teig auf die Herdplatte der Mogogo-Öfen geklatscht wird, ohne das Klappern von Löffeln in den Töpfen, wenn die Frauen Mehl rühren, um Ga’at-Brei zu kochen. Saba hörte keine stotternden Automotoren. Keine klapprigen Fahrräder in den Hügeln. Hier gab es keine Frauen und Männer, die auf die Felder oder zum Markt eilten, keine Schüler, die aus ihren Schulbüchern laut vorlasen. Es war ein stiller Morgen.

Und wo ist die Schule?, fragte sich Saba und richtete ihre Taschenlampe auf die gelben Dächer, deren Spitzen durch das dunkle Firmament stachen. Als könnte dort oben eine Schule sein, ein Luftschloss über den Wolken.

An ihre Hütte gelehnt beobachtete Saba, wie die Sonne die letzten Reste der Nacht vertrieb. Ein junger Mann mit einer gelben Schiebermütze starrte sie mit offenem Mund an, den Kopf zur Seite geneigt. Womöglich verwechselte er sie mit jemandem, den er zurückgelassen hatte, oder mit jemandem, der im Krieg getötet worden war. Die Sonne wurde stärker. Hitze stieg vom Boden in den Rock ihres schwarzen Kleides. Ihre Vorliebe für schwarze Kleider reichte zurück in die Zeit, als sie Verbrennungen an den Oberschenkeln erlitt und ihre Haut purpurrot wurde. Saba trug schwarz, um sich an das zu erinnern, was sie geliebt und für immer verloren hatte.

Guten Morgen, sagte der junge Mann. Ich bin Jamal.

Saba antwortete nicht.

Schnaubend wandte er sich dem Platz zu. In diesem Lager gibt es keinen Laden, sagte er. Es gibt nichts. Nichts. Nichts.

Beruhige dich, sagte ein anderer, der vorbeikam.

Saba stand auf und musterte diesen hellhäutigen Mann mit den schmalen Schultern und den glatten schwarzen Haaren. Er trug eine blaue Strickjacke über einem blauen Hemd, eine blaue Hose und glänzende schwarze Schuhe. Unter seinem Arm klemmte ein Buch mit einem englischen Titel.

Der Mann nickte Saba zu, tätschelte Jamal den Rücken und sagte: Vergiss nicht, es ist die Abwesenheit von Dingen, die die Menschen kreativ werden lässt. Alles wird sich ändern.

Wie denn?, fragte Jamal. Haben Sie sich hier umgeschaut? Vielleicht sollten Sie Ihre Brille aufsetzen.

Der Mann nahm seine Brille von der Stirn und setzte sie sich auf die Nase. Was für eine herrliche Sonne, sagte er. Ich glaube, es wird ein wunderschöner Tag.

Das hier ist Afrika, sagte Jamal. Hier scheint immer die Sonne, und so war es auch an dem Tag, als der Krieg zu uns kam. Das Wetter hat nichts damit zu tun, wie großartig ein Tag wird.

Der Mann gluckste, seine Schultern bebten. Fast wäre ihm das Buch unter seinem Arm entglitten, aber er fing es auf, bevor es zu Boden fiel.

Haben Sie Stift und Papier, Khwaja?, fragte Jamal. Ich muss an meinem Filmdrehbuch schreiben.

Müssen ist kein Wort, das hier noch angemessen wäre, sagte der Mann, ohne sich daran zu stören, dass Jamal ihn mit dem Spitznamen für jemanden aus dem Westen angesprochen hatte. Ja, ich habe einen Stift, aber ich möchte ihn lieber behalten. Denn du hast recht, in diesem Lager gibt es keinen Laden.

Ich glaube, ich habe Sie im Cinema Impero gesehen, als ich dort gearbeitet habe, sagte Jamal.

Kann sein, sagte der Khwaja und lachte. Ich freue mich, in einem Flüchtlingslager einem Landsmann aus Asmara zu begegnen. Die Welt ist klein, sagt man.

Er steckte die Hände in die Hosentaschen und lächelte Saba an. Buongiorno, shokorina, sagte er. Che bella giornata.

Damit ging er weiter und grüßte die Leute in verschiedenen Sprachen, auch in jenen, die die Kolonisatoren mitgebracht hatten. Saba fragte sich, ob sein innerer Frieden daher kam, dass die Konflikte seines gemischten Bluts in der Vergangenheit lagen. Für Saba selbst aber, halb Eritreerin und halb Äthiopierin, zur einen Hälfte aus einem besetzten Land und zur anderen Hälfte aus dem Land der Besatzer, war der Konflikt nicht zu Ende. Ihre eine Hälfte stand im Krieg mit der anderen. Deshalb war sie in einem Lager.

Saba ließ Jamal stehen und folgte dem Khwaja auf seinem Weg durch das Lager. Seine Kleidung ganz in Blau erinnerte sie an ihren Vater an jenem Morgen, als er sie zur Schule brachte, damit sie Hagos’ Platz einnahm. Ihre Eltern hatten ihren Bruder von der Schule genommen, nachdem ein Arzt seine Stummheit diagnostiziert hatte. An jenem Morgen versteckte sich Hagos draußen vor der Schule hinter einem Baum. Sie winkte ihm zu. Er rannte weinend davon.

Saba folgte dem Khwaja, wie er sich zwischen den vielen Leuten hindurch seinen Weg bahnte, ihnen auswich, sorry sagte, scusami, pardon me, a’thazouli, asmhoelee. Bei einer Gruppe von Männern, die sich um eine zerrissene, in Fetzen hängende Zeitung drängten, blieb er stehen. Ein Mann schnitt die Zeitung in Stücke wie einen Laib Brot und verteilte sie unter seinen Begleitern. Die Männer gingen in verschiedene Richtungen davon, mit unvollständigen Sätzen, als müsse nichts einen Sinn ergeben.

Musik erschallte. Eine Sängerin stimmte ihre Krar. Die hellen Klänge lockten Leute herbei. Von nun an, sagte die Sängerin mit honigsüßer Stimme, würde sie nur noch vom Krieg singen, damit niemand vergaß, warum sie hier waren. Doch ihr Neffe flüsterte Saba und anderen neben ihm zu, er trage die Erinnerung an alle ihre Liebeslieder und an den Rhythmus seiner zweifelligen Trommel in sich. Er versprach, das Blut der Entrechteten mit der einen Seite der Koboro zu erhitzen und mit der anderen Seite die Herzen der Liebenden zu beruhigen.

Ein Stück weiter hatte sich eine junge Witwe für ihren ersten Gang durch das Lager herausgeputzt. Sie trug ein grünes Kleid, dessen breiter Saum mit glitzernden Pailletten besetzt war. Sie habe ihr Trauerkleid ganz unten in ihren Jutesack gelegt, sagte sie zu den Umstehenden. Eine Frau trauere, aber eine Frau müsse die Trauer auch hinter sich lassen. Der Khwaja tätschelte ihr den Rücken und hinterließ den Abdruck seiner staubigen Hand auf ihrem grünen Kleid.

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27 yanvar 2025
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9783944666976
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