Kitabı oxu: «Ein Trip quer durch das Chaos»

Şrift:

Ein Trip quer durch das Chaos

Die etwas andere Liebesgeschichte

Summer Alesilia

nach einer Idee von NessunoMass

Alle Jahre wieder ...

Der chaotische 32-jährige Mike ist leidenschaftlicher Künstler und genießt seine Freiheit weit entfernt von seinen konservativen und verklemmten Eltern.

Kurz vor den Feiertagen macht er sich mit seinem Oldtimer auf den Weg, um mit seiner Familie Weihnachten zu verbringen.

Als er unterwegs einen Anhalter aufsammelt, beginnt ein verrückter und ungeahnter Road-Trip quer durch Deutschland, der viele Überraschungen bereithält.

Ein ungeplanter Zwischenstopp und ein Alkoholexzess sind noch die geringsten Probleme, die ihn und seine Begleitung erwarten ...

Wird es ein Weihnachten wie von ihm befürchtet oder eines, dass er nie vergessen wird?

Na dann — gute Fahrt und frohe Weihnachten!

Weitere Titel der Autorin:

Only One Night – Between Temptation and Desire

(erscheint 2021 im Silberkrone Verlag)

Only One Night – Between Love and Danger

(erscheint 2022 im Silberkrone Verlag)

H2SO4! What?

Kurzgeschichte

Erschienen als EBook bei Amazon

November 2020

Summer Alesilia ist das Pseudonym einer in Deutschland lebenden Autorin. Mit ihrer Familie wohnt sie in der Nähe von Ulm. Sie hat schon immer gerne gelesen, der Gedanke, selbst ein Buch zu schreiben, kam ihr erst 2017.

Sie liebt es, Leidenschaft, Herzschmerz und Liebe aufs Papier zu bringen. Ebenso Cliffhanger, Dramatik und spannende zwischenmenschliche Beziehungen. Selten passt ihre Geschichte in nur ein einziges Genre, oft ist es eine komplexe Mischung. Von zarter Liebe bis harte Obsession ist bei ihr alles vertreten. Ob es immer ein Happy End für die Protagonisten sein muss?

Wenn sie nicht schreibt oder liest, schaut sie gern Serien und Filme oder unternimmt etwas mit ihrer Familie.

Ihre Ideen nimmt sie so gut wie immer aus alltäglichen Situationen, die Orte ihrer Geschichten kennt sie teilweise aus erster Hand.

Hauptberuflich ist sie wie die Protagonistin ihres Debütromans in der Männerbranche tätig.

Wie ihr Name andeutet, ist sie ein Sommermensch, liebt das Meer und das mediterrane Lebensgefühl. Dies lässt sie auch in ihre Geschichten einfließen.

1. Auflage

Deutsche Erstauflage Oktober 2020

© Summer Alesilia

Summer Alesilia

c/o Autorenservice Gorischek

Am Rinnergrund 14/5

8101 Gratkorn

Österreich

summeralesilia@gmail.com

Buchsatz: Summer Alesilia

Umschlaggestaltung: Massimo Pedicillo (NessunoMass1609)

Für M, E und A

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 1

Samstag

Das fiese Klingeln wollte nicht aufhören. Völlig verschlafen suchte Mike nach seinem Smartphone und wischte über den Bildschirm. Er hasste seinen Handywecker, den er mit Absicht laut gestellt hatte, um ihn überhaupt zu hören. Dennoch verfluchte er seine Entscheidung jedes Mal aufs Neue. Träge schob er das Telefon wieder unter das Kissen und dämmerte kurz darauf weg.

Als es das nächste Mal läutete, riss ihn das Telefon aus einem angenehmen Traum. Er fummelte erneut nach dem klingelnden Gerät und warf einen Blick darauf. Am Ton erkannte er, dass es ein Anruf war, und versuchte durch den schmalen Lidschlitz einen Namen auf dem Display zu erkennen. Als er die Buchstaben zu einem Wort zusammenfügte, schreckte er hoch.

»Ja«, rief er ins Handy und verschluckte sich beinahe an seinem Speichel.

»Es ist acht Uhr, ich hoffe, du bist bereits auf dem Weg«, fragte die weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung.

»Aber natürlich«, log er und schwang die Beine aus dem Bett.

»Das ist schön. Deine Geschwister sind seit gestern hier. Alle warten auf dich«, erklärte die Frau weiter.

»Ich weiß, aber ich musste gestern noch ein paar Sachen erledigen. Ich bin bis heute Abend bei euch. Versprochen.«

Ein leises Seufzen erklang. »Mike, du weißt, dass manches einfacher wird, wenn man einen Partner an seiner Seite hat. Du bist schon zweiunddreißig, es wird Zeit, dass du endlich erwachsen wirst und eine Familie gründest. Du magst doch Kinder oder?«

»Mama, lass uns jetzt nicht damit anfangen. Ich … ich muss Auto fahren«, schwindelte er und holte mit der anderen Hand seine Reisetasche unter dem Bett hervor. Es funktionierte.

»Ja du hast recht. Nicht dass du noch einen Unfall baust. Fahr vorsichtig und wir sehen uns heute Abend.« Ein Küsschen kam durch die Leitung.

»Warte Oma!«, kreischte eine Mädchenstimme im Hintergrund. »Will mit Onkel Mikey tetefonieren.«

»Oh das hätte ich beinahe vergessen«, sagte Mikes Mutter. »Deine Nichte will dich etwas fragen.« Es raschelte kurz im Lautsprecher.

»Onkel Mikey, ich bin es«, sagte das Mädchen und kicherte.

»Ja, das habe ich mir fast gedacht«, antwortete Mike und lachte. »Wie geht es dir? Freust du dich schon auf Weihnachten?« Für seine Nichte hielt er mit seinem Tun inne und setzte sich auf das Bett.

»Klaro. Ich bekomme bestimmt was für die Spielküche. Da brauche ich doch noch Töpfe und so.«

»Warst du auch brav und hast gemacht, was dir deine Mama gesagt hat«, erkundigte er sich.

»Na logo. Wann bist du da?«

»Heute Abend, ich hoffe, wir sehen uns noch.«

»Ich darf diese Woche immer lange aufbleiben.« Die Kleine lachte vergnügt. »Du, Onkel Mike, gehst du mit mir ins Spaßbad. Du hast es das letzte Mal versprochen.«

»Habe ich das? Hm?«, scherzte Mike.

»Klaro! Hoch und heilig versprochen, hast du es.«

»Gut, gut, wenn du dir so sicher bist, muss es stimmen. Ich nehme meine Badehose mit, also ich meine, die habe ich dabei«, korrigierte er sich eilig. Nicht das sich Emma aus Versehen verplauderte.

»Juhu, danke Mikey.«

»Für dich mache ich doch fast alles. Also bis bald, aingeal beag.«

»Tschüssi.«

Schnell drückte er den roten Button auf seinem Smartphone und warf es aufs Bett. Nicht das seiner Mutter einfiel sich nochmals zu Wort zu melden. Außerdem war er viel zu spät dran. Eine lange Fahrt lag vor ihm.

Eine halbe Stunde später, nach einer zügigen Dusche, stand Mike vor seinem hellen dreitürigen Kleiderschrank und ging in Gedanken seine Packliste durch. Sein Blick, den er auf das Bett mit den verstreuten und bereits herausgesuchten Kleidungsstücken warf, half ihm nur wenig bis gar nicht. Er fuhr sich mit einer Hand durch seine braunen, lockigen und länger gewordenen Haare und hinterließ auf seinen Kopf ein noch größeres Durcheinander, als dort ohnehin herrschte.

Seine Augen glitten über die vielen Bilder, die an einer der Wände in seinem Schlafzimmer hingen. Es befanden sich dort selbstgezeichnete Landschaftsbilder von der wunderschönen Umgebung Füssens. Diese wurden durch Porträts von Personen aus seinem Freundeskreis sowie seiner Familie ergänzt.

Es war zu früh für ihn und er hatte schlecht geschlafen. Dann dieser abrupte Weckruf seiner Mutter. Gähnend schweiften seine Gedanken ab.

Hier im Allgäu hatte es Anfang November das erste Mal geschneit und das frostige Weiß war einige Tage liegen geblieben. Deswegen war das erste große Verkehrschaos auf den Straßen entstanden und hatte all jene bestraft, die zu dieser Zeit noch mit Sommerreifen unterwegs waren. Das Telefon in der Kfz-Werkstatt hatte geglüht und kurzzeitig für mehr Arbeit gesorgt, als von seinen Kollegen und ihm zu bewältigen war. Noch bevor der letzte Reifenwechsel durchgeführt wurde, war der Schnee und die Minusgrade Geschichte.

Hier war es nichts Ungewöhnliches, dass Väterchen Frost im Spätherbst zu Besuch kam und weiße Flocken verteilte.

Ganz anders war es an seinem Reiseziel. Bei seiner Familie würde er vielmehr Gummistiefel, Regenschirm und eine wind- und wasserdichte Jacke brauchen. Die Aussicht war nicht gerade prickelnd im Dauerregen und ohne Schnee Weihnachten zu verbringen.

Pullover, T-Shirts, Jeans, Shorts und Socken in allen Varianten hatte er schon auf sein Bett geworfen. Der Haufen war ziemlich unübersichtlich.

Seine überschaubare Kulturtasche hatte er nach seiner morgendlichen Dusche gepackt. Seine warmen Boots würde er auf der Fahrt anziehen und das Paar Turnschuhe lag auf dem Boden am Fußende des Bettes.

Beinahe hätte er die Badehose vergessen. Schnell kramte er diese hervor und warf sie auf den Haufen aus Kleidungsstücken. Ein Schal und eine Mütze ergänzten das wilde Sammelsurium auf seiner Decke, die ebenfalls noch nicht ordentlich gefaltet war.

Für wen auch? Er wohnte hier alleine, und wenn Freunde zu Besuch kamen, störten sie sich nicht daran.

Zumindest hatte er gestern Morgen noch an die Mülltonne gedacht und sie herausgestellt. Oder besser gesagt, er war mit besagter Tonne bis zum übernächsten Haus gerannt, denn dort leerte der Müllwagen bereits die der Nachbarn.

Nun fragte er sich, warum er gestern nicht mehr seine Tasche gepackt hatte. Der Besuch bei seinem Kumpel schien ihm wichtiger. Die Playstation und die Aussicht auf einen lustigen Spieleabend waren zu verführerischer gewesen, als Kleidung in eine Tasche zu stopfen.

Er war absolut unorganisiert und dennoch gab es für ihn nichts Schöneres, als seine Unabhängigkeit. Herr über sein eigenes Leben und seine Entscheidungen zu sein, auch wenn es mitunter das pure Chaos war. Alles war besser, als sich mit über dreißig ständig Vorhaltungen von seinen Eltern anhören zu müssen. Diese wurde nur von den altklugen Sätzen seiner Geschwister übertroffen; zumindest von den meisten.

Findest du es gut, von einem schlecht bezahlten Job in den nächsten zu stolpern?

Meinst du wirklich, sie haben auf dich und deine Bilder gewartet?

Warum bist du immer noch Junggeselle? Alle deine Geschwister sind liiert oder verheiratet!

Kinder bereichern dein Leben. Willst du nicht endlich Verantwortung übernehmen?

Das waren nur einige Beispiele für die Besserwisserei seiner Familie. Diese ganzen Vorwürfe wollte er nicht mehr über sich ergehen lassen. Je öfter er solche Aussagen hörte, desto weniger wollte er sich fügen. Das war einer von vielen Gründen, weswegen er ans andere Ende von Deutschland gezogen war. Außerdem versprach er sich hier die besseren Chancen, um mit seinen Gemälden als Künstler Karriere zu machen. Er träumte davon, mit dem Zeichnen Geld zu verdienen. Zu seinem Leidwesen belächelten es die meisten, anstatt ihn zu unterstützen oder zumindest Mut zuzusprechen.

Nachdem er seinen Kram gepackt hatte, zog er sich warm an und ging mit dem Gepäck zu seinem Auto. Da es nachts sehr kalt gewesen war und er keine Garage hatte, musste er erst seine Scheibe freikratzen. Während er das tat, ließ er seinen Blick über den Ort gleiten. Sein Wohnhaus befand sich auf einer kleinen Anhöhe. Von der Straße aus konnte er die umliegenden Alpen sehen, deren Hänge eingeschneit waren. Es war ruhig an diesem Samstagmorgen. Aber das störte ihn nicht, im Gegenteil, er mochte die idyllische Ruhe.

Die Sicht war gut und ihn überkam die Lust, seinen Bleistift zu nehmen und den Kirchturm, der vor den Bergen emporragte, zu zeichnen. Aber das hatte er bereits unzählige Male zu den unterschiedlichsten Tages- und Jahreszeiten getan. Viel lieber hätte er jemanden porträtiert. Die Feinheiten und Details eines Gesichts einzufangen, waren schwieriger. Auch wenn er sich als faul und bequem bezeichnete, liebte er besondere Herausforderungen. Ein Bereich, in dem das zu hundert Prozent zutraf, war das Zeichnen. Dort konnte es nicht schwierig genug sein. Er versuchte sich an allem, musste jedoch manchmal feststellen, dass er scheiterte. Dennoch gab er nicht auf.

In seinen arbeitslosen Phasen hatte er richtige Mal- und Zeichenexzesse. Er verbrachte dann etliche Tage am Stück in seiner Wohnung, ohne vor die Tür zu gehen oder Kontakt zu seinen Freunden zu suchen. Bei gutem Wetter fand man ihn draußen, wie er durch die Gegend streifte. Stets auf der Suche nach einem unentdeckten Fleck, einem hübschen Gebäude, das sich zu malen lohnte oder unberührte Natur, die mit ihren Farben beeindruckte und seinen Blick reizte. In solchen Momenten wünschte er sich, in seiner Heimat zu sein. Irlands Natur suchte seines Gleichen. Dann fühlte er sich zu hundert Prozent irisch, auch wenn es dank seiner Mutter nur die Hälfte war.

Am Ende solcher Tage kam er farbbekleckert in seine Wohnung, stellte seine neu entstandenen Werke auf und fiel nach einer schnellen Dusche ins Bett. Viele verstanden ihn nicht, aber die, die es taten, stärkten ihm den Rücken. Diese Handvoll Menschen nannte er zu Recht wahre Kameraden.

Das, was er selbst höchstens als gut empfand, lobten seine Freunde oft ehrfürchtig. Etwas mussten seine Bilder also haben. Und genau diese seltene Wertschätzung war es, die ihn zum Weitermachen animierte. Aufgeben war keine Option, zumindest noch nicht.

Als er seine Autoscheiben von der Raureifschicht befreit hatte, stieg er ein und fuhr gemächlich die geschwungene Gasse hinab. Mit gemischten Gefühlen machte er sich auf den Weg.

Kapitel 2

Nachdem Mike sich beim Bäcker um die Ecke mit einem Energydrink und einem großen Kaffee eingedeckt hatte, stieg er in seinen Wagen. Beinahe schüttete er sich den heißen Inhalt beim Hinsetzen auf seine Hose. Ein kleiner Tropfen landete dennoch auf seiner Jeans und färbte den Jeansstoff noch dunkler. Ohne weitere Umwege oder Zwischenfälle steuerte er die Autobahn Richtung Norden an.

Selbst Samstagmorgen war hier einiges los. Kaum war er mit seinem alten Opel Kadett, der mehr Jahre auf dem Buckel hatte wie Mike, auf die Fernstraße gefahren, verließ ihn die Lust am Weiterfahren. Am liebsten würde er umdrehen und diese autofahrenden Idioten zum Teufel schicken.

Wann konnte man zuletzt gemütlich auf der Autobahn fahren? Vermutlich war das, noch bevor sein gelber Hardy das Fließband im Opelwerk verlassen hatte. Diese Zeit hatte er knapp verpasst.

In den Achtzigern und selbst in den Neunzigern war es noch besser. Er hasste dieses Gedränge auf den Straßen wie die Pest. Das Betätigen der Lichthupe aus einem halben Kilometer Entfernung nervte ihn am meisten. Wo sollte er hin, wenn er gerade dabei war, einen Lkw zu überholen? Sich ins All beamen, in Luft auflösen oder zwischen die Achsen des Aufliegers quetschen?

Nein danke, dafür hing er zu sehr an seinem Leben.

Und jeder, der einen Oldtimer fuhr, wusste, dass man mit seinem Baby sorgsam umgehen musste. Seiner war einer der Letzten, der damals im Jahre 1979 gebaut wurde. Vor einigen Jahren hatte er ihn günstig von einer alten Dame erworben. Ein Nachbar, der frisch seine Rente angetreten hatte und dem deshalb eine Beschäftigung fehlte, bot seine Hilfe bei der Instandsetzung und Restaurierung des alten Fahrzeugs an. Er hatte eine Laufbahn als Kfz-Meister hinter sich. Sein ganzes Leben hatte er mit Autos zu tun gehabt und das fehlte ihm, seit er im Ruhestand war. Mit seinem Fachwissen und jeder Menge von Mikes Schweiß und Muskelkraft wurde mit wenig finanziellem Aufwand aus einem schlichten alten Wagen sein Hardy. Damals hatte er diesen Namen noch nicht.

Er dachte an die Zeit seines begonnenen, aber nie abgeschlossenen Kunststudiums zurück. Während er die Schulbank drückte, hatte er etliche Nebenjobs. Aus diesem Fahrwasser kam er seither nicht mehr heraus. Seinen Geschwistern, alle mehr als erfolgreich und gut verdienend in den unterschiedlichsten Bereichen, konnte er nicht das Wasser reichen. Zumindest war das die Sichtweise seiner Eltern. Er fühlte sich seit seiner Jugend als schwarzes Schaf der Familie. Stets andersdenkend und -handelnd. Immerzu am Träumen und Zeichnen. Im Malen hatte er seine Muse gefunden. Es war seine Zuflucht und sein Seelenheil.

Knapp eine Stunde gemütlichen Fahrens war vergangen. Ständig musste er per Drehrädchen an seinem Autoradio nach einem neuen Sender suchen. Old School von Feinsten!

Gerade erst hatte er Ulm hinter sich gelassen, als es leicht zu schneien begann.

Der Innenraum des Opels war mittlerweile mollig warm, sodass er sich vor einigen Minuten seiner Jacke entledigt hatte. Auch der Kaffee war Geschichte. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es zehn Uhr war. Bei der nächsten Raststation würde er anhalten und eine Kleinigkeit essen sowie Benzin tanken. Da die Anzeige zu Beginn der Fahrt noch halb voll signalisierte, hatte er beschlossen, dies unterwegs zu erledigen.

Keine halbe Stunde später zeigte ihm ein Schild an, dass er bald sein Frühstück zu sich nehmen konnte. Mit leise knurrendem Magen fuhr er von der Schnellstraße ab.

Als er den Parkplatz ansteuerte, erntete er einige Blicke von Männern in diversen Altersstufen, die seinen Oldtimer interessiert betrachteten. Der Opel war des Öfteren ein Blickmagnet. Zurecht, wie er fand. Ein baugleiches Auto hatte bisher noch nicht seinen Weg gekreuzt. Ein kleinwenig stolz war er auf seine vollbrachte Leistung.

Nach seinem zweiten Cappuccino, einem belegten Brötchen und einem Tankstopp kehrte er auf die Autobahn zurück und setzte seinen Weg fort.

Der Vorstellung, mit seiner Familie die besinnlichen Feiertage zu verbringen, konnte er nach wie vor nichts Angenehmes abgewinnen. Jedoch besser, als alleine in seiner kleinen Wohnung Weihnachten zu feiern. Seine Eltern nötigten ihn schon eine Weile und ließen nicht locker, so hatte er letztendlich nachgegeben und zugestimmt.

Immerhin würde er mit seiner Nichte sowie seinem Neffentrio spielen und Spaß haben können, was das Beisammensein ein wenig vergnüglicher machen würde. Diese akzeptierten ihn immerhin so, wie er wirklich war. Ein chaotischer Junggeselle mit Träumen, die er zu verwirklichen versuchte und Gelegenheitsjobs, mit denen er seinen Lebensunterhalt finanzierte.

Bis Mitte Dezember hatte er bei einer freien Werkstatt ausgeholfen. Diese rief ihn an, wenn Not am Mann war und zur Räderwechselzeit im Frühjahr und im Herbst wurde er dort immer gebraucht. Ansonsten hatte er bereits Pakete ausgetragen, in diversen Lokalen gekellnert und selbst Gebäudereinigung konnte er auf seinem Lebenslauf vermerken.

Nicht gerade der Traummann aller Frauen, da machte er sich keine Illusionen.

Zumindest mit seinem Aussehen konnte er punkten. Von seinen Eltern hatte er nur die guten Gene des Aussehens geerbt, denn sein Charakter passte überhaupt nicht zum spießigen Rest. So wurde ihm mehrmals ein umwerfendes Lächeln bestätigt. Mit 1,85 m Körpergröße, kastanienbraunen, lockigen Haar und karamellbraunen Augen war er zwar kein Modell, aber es reichte, um gelegentlich in der Frauenwelt aufzufallen.

Da er meistens zu faul war, für sich Essen zuzubereiten, und auch keine Freundin hatte, die ihn regelmäßig bekochte, war er schlank. Ihm reichte es, sich eine Tiefkühlpizza im Ofen aufzubacken oder ein Fertiggericht in der Mikrowelle aufzuwärmen. Für mehr hatte er keinen Nerv. Viel lieber schwang er den Bleistift oder den Pinsel.

Mit jedem weiteren Kilometer, den er zurückließ, nahm der Schneefall zu. Bei Aalen befand er sich in einem ordentlichen Schneegestöber.

Den Agnesburgtunnel kannte er, dennoch staunte er nicht schlecht, als er ihn verließ und sich scheinbar in einer anderen Klimazone wiederfand. Ab hier schneite es nicht mehr und es war deutlich heller als anfangs. Die dichte Wolkendecke von zuvor wies bereits Lücken auf, durch die Sonnenstrahlen drangen.

Er war nicht böse, dass der Schneefall aufgehört hatte, denn so ließ es sich besser und entspannter Auto fahren.

Kilometer um Kilometer ließ Mike hinter sich. Die Sonne stand bald so ungünstig, dass sogar mit Sonnenbrille seine Sicht zu sehr beeinträchtigt war, um vernünftig weiterfahren zu können.

Auch wenn er nicht wollte, fuhr er die nächste Raststätte an. Es war Mittagszeit und entsprechend viel los. Er hatte nicht mal ein Drittel der Strecke geschafft, aber da er schon hier war, würde er gleich eine Kleinigkeit essen.

Ob er mit Absicht trödelte? Möglicherweise!

Er ließ seine Jacke im Wagen, stieg aus und lief zügig auf das kleine Restaurant neben der Tankstelle zu. Von außen sah es nicht sehr einladend aus, von innen hingegen war es gemütlich eingerichtet.

Er trat an die Theke und kaufte sich zwei große Stücke einer appetitlich aussehenden Pizza. Kurz fühlte er sich in seinen letzten Italienurlaub zurückversetzt, in dem er beinahe täglich davon gegessen hatte. Er liebte italienisches Essen und ebenso gehörten Espresso oder Cappuccino zu seinen Grundnahrungsmitteln.

Als ihm die Servicekraft seine beiden Stücke aufgebacken und überreicht hatte, suchte er sich einen Platz zum Essen. Während er auf dem Smartphone ein paar eingegangene Textnachrichten lass und darauf antwortete, aß er ohne Eile.

Als er fertig war, sondierte er die Lage in dem Lokal. Die unterschiedlichsten Gäste tummelten sich hier. Eltern mit ihren Kindern, Geschäftsleute, Pärchen und einzelne Reisende, so wie er einer war.

Sein Blick fiel auf eine Frau mit langen, dunklen Haaren, die in einiger Entfernung saß und einen Kaffee trank. Sie war sehr hübsch, wie er fand, hatte ebenmäßige Gesichtszüge und eine weibliche Figur, wirkte jedoch unruhig. Kurz trafen sich ihre Blicke, aber sie wirkte abgelenkt, schien ihn, wenn überhaupt, nur flüchtig zu bemerken.

Dann klingelte ihr Handy und sie begann aufgeregt mit jemandem zu telefonieren. Ihr Gesicht nahm einen enttäuschten, nahezu verzweifelten Ausdruck an und kurz darauf beendete sie das Telefonat.

Mike fragte sich unwillkürlich, was es war, dass sie so dreinblicken ließ. Mit entschlossener Mine stand sie auf und kippte sich den letzten Schluck ihres Kaffees in den Mund. Offenbar verschätzte sie sich mit der restlichen Menge. Während eine Hälfte in ihrem Mund landete, schwappte die andere über ihr Dekolleté und färbte ihren hellen Pullover mit braunen Flecken.

Mike wusste nicht, ob er ihr zu Hilfe eilen oder heimlich lachen sollte.

Sie sprang eilig auf, lief zur Toilette und nahm ihm somit die Entscheidung ab. Sie tat ihm leid, denn das war dem Anschein nach nicht ihr Tag.

Er wartete darauf, dass sie herauskam, warum wusste er nicht genau, schob es der Einfachheit halber auf menschliche Neugierde. Als sie auch Minuten später nicht kam, musste er einsehen, dass er sie entweder verpasst hatte oder es einen anderen Ausgang gab.

Nach etwa einer Viertelstunde war er mit essen fertig und machte sich auf den Weg zurück zu seinem Auto.

In Gedanken setzte er mit dem Wagen zurück und fuhr langsam vom Parkplatz. Als er an den letzten Parkbuchten vorbeifuhr, viel ihm eine Gestalt auf, die etwas Quadratisches in der Hand hielt. Als er langsam näherkam, wurde ihm klar, dass dort ein Anhalter stand.

Er hatte noch nie jemanden mitgenommen, aber als er auf dem Schild Hannover lesen konnte, folgte er einer inneren Eingebung und wurde langsamer.

Morgen war der vierte Advent und ihm tat die Person leid. Es handelte sich der Erscheinung nach um einen jungen Kerl, der wie er über die Feiertage zu jemandem wollte. Zudem würde er an Hannover vorbeifahren, also beschloss er, eine gute Tat zu vollbringen.

Er fuhr an die Seite. Die Person wartete noch einen Moment, ob er wirklich stoppen würde, und kam dann zügig auf sein Fahrzeug zu. Die Tür wurde geöffnet und ein mit Mütze und Schal vermummtes Gesicht beugte sich herunter.

»Nach Hannover?«, fragte Mike sofort.

Der Anhalter nickte eifrig.

»Stell deine Tasche auf die Rücksitzbank! Der Hebel befindet sich an der Seite des Sitzes, den musst du hochdrücken und dann die Lehne nach vorne ziehen«, gab Mike Anweisung.

Die Reisetasche wurde hinter dem Beifahrersitz platziert und wenige Sekunden später saß ein fremder Mensch neben ihm. Als er hinüberblickte, um sich sein Gegenüber genauer anzusehen, blieb ihm kurz die Luft weg.

Diese Augen waren definitiv nicht die eines jungen Kerls, wie er angenommen hatte. Er war mehr als überrascht. Sein Gegenüber lockerte den Schal und geschwungene Lippen kamen zum Vorschein.

Der neue Beifahrer streckte ihm die Hand zur Begrüßung entgegen und schob zeitgleich mit der anderen die Mütze vom Kopf. Ein Berg von langen braunen Haaren kam zum Vorschein.

»Hallo! Ich heiße Laura. Toll, dass du mich mitnimmst.«

Ihm strahlte ein dankbares Lächeln entgegen, bei dem er kurz vergaß, zu reagieren.

Die zu einem Schmunzeln verzogenen Lippen gehörten zu der ungeschickten Frau aus der Raststätte.

Kapitel 3

Was hatte Mike sich nur gedacht? Was zum Teufel war in ihn gefahren, einen Anhalter mitzunehmen? Das hatte er noch nie getan! Warum jetzt?

Und warum konnte es nicht wenigstens ein schweigsamer Kerl sein, der unablässig in sein Handy starrte oder schlief? Nein, er erwischte gerade diese tollpatschige Frau. Erst jetzt wurde ihm richtig bewusst, was er sich mit seiner spontanen Aktion aufgehalst hatte. Er hatte exakt die Person neben sich sitzen, die durch ihre ungeschickte Art vorhin in seinen Fokus geraten war.

Als wenn das nicht schlimm genug war und nicht vollkommen ausreichen würde, hatte sie unglaublich faszinierende Augen, die ihn aus einem wunderschönen Gesicht anblickten. Diese strahlenden Iriden sahen ihn direkt an und ließen ihn seinen Entschluss bereuen. Auf so etwas oder besser gesagt, auf so jemanden war er schlichtweg nicht vorbereitet.

Er betrachtete sie trotz allem neugierig. Ihre Pupillen waren nicht bloß braun. Wenn man genauer hinsah, konnte man blau, grau und grün darin ausmachen. Es war eine Mischung aus all diesen Farben. Zusammen ergab es eine funkelnde Mischung aus Nachthimmel, Saphir und Dschungel. Zumindest kamen ihm diese Wörter in den Sinn.

Ihre langen Haare hatten die gleiche Farbe wie seine kastanienbraun, sie waren zusätzlich von einigen goldenen Strähnen durchzogen. Ihre Mähne war leicht gewellt, sah weich und geschmeidig aus, nicht so strubbelig wie sein Haarschopf. Durch die herabgezogene Mütze war es chaotisch und wirr. Dann fielen ihm auf ihrer Stupsnase und ihren Wangenknochen die feinen Sommersprossen auf.

All diese kleinen Dinge hatte er vorhin in dem Schnellrestaurant von Weitem nicht erkannt.

Manchmal hasste er seinen Blick für Details. Diesen besaß er schon immer, sein Hobby hatte ihn noch verschärft und ließ sich im Alltag kaum abstellen.

Erst als er all seine abstrusen Gedanken geordnet hatte, wurde ihm bewusst, dass sie ihn wartend anblickte. Als Nächstes begriff er, dass er endlich sprechen sollte. Er blickte auf ihren Arm, den sie ihm noch immer entgegenstreckte. Er wandte sich ihr zu und nahm seine Finger vom Lenkrad, das er fest umklammert hatte.

Mike ergriff Lauras Hand, bewegte sie auf und ab und versuchte sich an einem Lächeln.

Reden! Worte benutzen! Er sollte antworten, mit ihr sprechen. Er räusperte sich vorsorglich, denn er traute seiner Stimme nicht, zumal sein Hals sich trocken und rau anfühlte. Die Anwesenheit seiner Beifahrerin nervte und verwirrte ihn gleichermaßen. Auf jeden Fall war er mit der Situation, in die er sich hineinmanövriert hatte, überfordert. Dass Laura attraktiv war, verbesserte seine Grundstimmung nicht wirklich.

»Hallo Laura, ich bin Mike. Schön, dass du bei mir bist!«

Was? Kacke! Was redete er da?

»Ähm, ich meine, ich freue mich, dich kennenzulernen.«

Ja, das war besser. Einerseits wahr und andererseits … nun, im Grunde wollte er niemanden kennenlernen und nur mit Ruhe bis in den Norden Deutschlands fahren.

»Freut mich auch Mike«, erwiderte sein Fahrgast amüsiert. Man sah deutlich, dass sie sich ein Lachen verkneifen musste. Sie dachte sich ihren Teil, fand es aber amüsant, dass er so einen Unsinn redete.

Lauras Stimme war nicht hell, sie ging eher in Richtung Altstimmlage oder als hätte sie als Baby Wodka statt Milch bekommen. Trotzdem war sie sehr melodisch.

Sie lächelte ihn an.

»Ich habe ehrlich gesagt mit einem alten Knacker gerechnet, nicht mit einem Mann in deinem Alter. Du fährst eine historische Karre, voll altmodisch.« Sie deutete auf den Innenraum und das gesamte Auto.

Das war typisch Frau, altes Fahrzeug ist gleich greiser Fahrer. Kein Verständnis für die schönen, betagten Dinge. Mike folgte ihrer Geste und blickte zu ihr.

»Das ist nicht nur ein Auto. Das ist ein Oldtimer! Er ist älter als ich«, erklärte er und konnte seinen genervten Ton nicht völlig abstellen.

Sie bemerkte es nicht, sah ihn lediglich abwartend an und lächelte.

»Ich mag alte Sachen, die haben wenigstens Charakter. Ganz besonders mein Hardy hier«, fügte Mike hinzu und sah, dass er sie neugierig gemacht hatte. Doch hatte er keine große Lust auf ein ausgedehntes Gespräch mit ihr.

Er war gedanklich längst in Kiel und wehrte sich gegen wiederkehrende Vorwürfe seiner Eltern. Ohne dass er es verhindern konnte, drückte das seine Laune in den Keller.

Lauras Stimme holte ihn zurück.

»Hardy? Sag jetzt nicht, dass du deinem Wagen einen Namen gegeben hast.«

»Doch natürlich. Er ist so einzigartig und speziell, dass er einen verdient hat.«

Laura lachte leise und erheitert.

Belächelte sie ihn oder machte sie sich über ihn lustig?

Mike konnte es nicht sagen.

»Also können wir los?«, fragte er und versuchte damit, das Thema zu wechseln. Sie nickte zur Bestätigung.

»Wohin musst du?«, fragte sie ihn interessiert.

»Ich fahre bis Kiel«, antwortete er und drückte auf das Gaspedal, um endlich von diesem Parkplatz zu kommen.

Laura schnallte sich eilig an, während Mike die Auffahrt befuhr. Nach kurzer Zeit begann es zu regnen und er schaltete die Scheibenwischer ein. Laura folgte der Bewegung der Wischer, die einem abgehakten Intervall folgten und völlig anders liefen als die eines modernen Autos. Sie ließ ihren Blick über den Innenraum des alten Opels gleiten. Alles war eckig und kantig. Das Radio mit manueller Senderwahl und Drehrädchen musste noch das Ursprüngliche sein.

Auch wenn sie mit altem Krempel nichts anfangen konnte, fand sie diesen in die Jahre gekommen Opel, originell und besonders. Obwohl sie ihn nicht kannte, fand sie, dass er gut zu ihm passte.

Sie blickte zu ihm hinüber und ihr Blick fiel auf seine lockigen und chaotischen Haare. Irgendwie sah es wie das Fell eines Lämmchens aus. Innerlich grinste sie über ihren Gedankengang. Sie erinnerte sich an das kürzlich geführte Gespräch.

»Du sagtest, das Auto ist älter als du? Was heißt das?« Sie sah ihn abwartend an.

»Neunundsiebzig gebaut«, war seine schlichte Antwort.

»Okay, dann bist du jünger als … einundvierzig«, stellte sie sachlich fest. »Siehst auch nicht so aus.«

»Hm«, gab er monoton von sich, ohne ein weiteres Wort hinzuzufügen.

Was war mit ihm los? Mike sah nett aus, war aber dem Anschein nach einer von der mürrischen Art und wirkte zusätzlich noch genervt.

Gut, er musste ihr keinen Roman erzählen, aber ein bisschen Small Talk konnte man doch halten. Sie beschloss, es erneut zu versuchen. Vielleicht wollte er nur nicht über sich reden.

»Hardy also? Wie kommt man auf diesen Namen?«

Er sah kurz zu ihr, bevor er den Blick wieder auf die Straße richtete.

»Interessiert dich das wirklich?«, fragte er brummend.

»Sonst hätte ich nicht gefragt. Außer du willst nicht mit mir reden.«

Mike blickte eine ganze Weile auf die Straße. Er schaltete den Wischer aus, da es aufgehört hatte zu regnen. Sie dachte schon, dass sie keine Antwort mehr bekäme.

»Hardy ist der Spitzname meines Nachbarn. Er hat mir bei der Restauration des Autos geholfen. Er ist nur wenige Monate, nachdem wir ihn fertig aufgebaut hatten, unerwartet verstorben. Das hat mich damals sehr getroffen. Mein Auto habe ich aus diesem Grund nach ihm benannt. Es ist ein Andenken an ihn und an die Arbeit, die wir zusammen gemacht haben«, begann er zu erklären.

Laura schwieg eine Weile. Es war eine faszinierende, wenn auch traurige Geschichte.

»Das tut mir leid. Woran ist er gestorben? Wenn er mit dir zusammengearbeitet hat, war er sicher körperlich fit.«

Mike schwieg eine Weile. Sollte er einer fremden Person solch ein persönliches Erlebnis erzählen. Genauso spontan, wie er sie mitgenommen hatte, beschloss er nun, ihr mehr zu erzählen. Was hatte er auch zu verlieren.

»Er war fit. Er war vierundsechzig und noch nicht lange in Pension. Hardy war Kfz-Meister und verfügte über umfangreiches Wissen. Wie ich später erfuhr, litt er an Magenkrebs, nahm seine Beschwerden aber nicht ernst genug, um zum Arzt zu gehen. Erst als es zu spät für eine sinnvolle Therapie war und die Symptome stärker wurden, ist er in ärztliche Behandlung.«

Ein flüchtiger Blick zu Laura verriet ihm, dass sie gespannt lauschte. Ihr Gesicht drückte Mitgefühl und Bedauern aus.

»Das hört sich schrecklich an«, murmelte sie.

»Als wir am Wagen gearbeitet haben, ließ er sich nichts anmerken. Vielleicht waren die Schmerzen nicht so stark, ich kann es nicht sagen. Bemerkt habe ich jedenfalls nichts. Es war auch keine Arbeit im wahren Sinn. Wir hatten Spaß. Er gab Anweisungen, was ich zu tun hatte, und er half mir, wenn es nötig war. Ich glaube, das Gefühl gebraucht zu werden und nicht vollkommen nutzlos zu sein, hat ihn alle Sorgen vergessen lassen. Oft saßen wir nach der Arbeit noch lange zusammen und haben geredet. Er erzählte Anekdoten von seinem Beruf und ich habe über mein Hobby gesprochen.«

»Dann hast du nicht nur einen Nachbarn, sondern vor allem einen Freund verloren. Das tut mir leid«, sprach Laura und wirkte betroffen.

Mike brummte. Beide schwiegen eine Weile.

»Du hast also diesen Opel zusammen mit deinem Nachbarn Hardy hergerichtet und ihn später so getauft?«

Mike nickte und sie erkannte ein verhaltenes Lächeln auf seinen Lippen.

»Eigentlich heißt er Harald. Aber er mochte diesen Namen nicht und wollte lieber Hardy genannt werden«, fügte er hinzu.

Laura wusste nicht, was sie darauf antworten sollte, also schwieg sie. Sie war froh, dass die gedrückte Stimme nicht länger vorherrschte.

Mike mochte die Stille aber nicht, wenn jemand bei ihm war. So bedrückte ihn das Schweigen und er überlegte fieberhaft, was er mit ihr reden konnte. Es kam ihm merkwürdig vor, dass eine Frau per Anhalter fuhr.

»Warum standst du am Parkplatz und hast eine Mitfahrgelegenheit gesucht? Das ist doch gefährlich. Ich könnte ein Verrückter sein.«

Mike lachte leise auf.

Laura fand seine Aussage witzig, was sie ihre Meinung über ihn revidieren ließ.

Als sie an die Situation von vorhin dachte, bekam sie direkt schlechte Laune.

»Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Erst hat eine Warnlampe in meinem Auto aufgeleuchtet, also bin ich direkt bei der nächsten Raststätte abgefahren. Ich war unsicher und wusste nicht, was ich machen soll. Da ist mir eingefallen, was ein Freund mal zu mir gesagt hat. Ich solle zuerst in der Bedienungsanleitung nachsehen, wenn eine Warnleuchte angeht und nicht in Panik geraten.

Also habe ich meinen Ford abgestellt und wollte in der Anleitung nachlesen, was das Symbol bedeutet. Da stand dann, dass eine Motorstörung vorliegt und ich umgehend eine Fachwerkstatt aufsuchen soll. Ich wollte zurückfahren, da ich nur eine halbe Stunde von Zuhause entfernt war. Aber mein Wagen ließ sich nicht mehr starten.

Ich wollte mir über die Pannennotrufnummer helfen lassen. Sie meinten nur, dass sie mein Fahrzeug erst am späten Nachmittag abschleppen könnten, weil gerade so viel los wäre. Einen Anspruch auf einen Leihwagen hätte ich nicht, da ich nicht weit genug von meinem Wohnort entfernt wäre.«

Laura beendete ihren Redeschwall. Sie wirkte aufgebracht. Mike fragte sich nach wie vor, warum sie per Anhalter fuhr. Sie hatte viel erklärt, aber er verstand den Grund nicht. Schließlich hätte sie auf den Pannendienst warten können oder sich von jemandem abholen lassen können.

Was war so dringend? Sollte er sie fragen?

Eigentlich war es ihm egal. Er war nicht für ihre Probleme zuständig. Ihre Wege würden sich bei Hannover trennen. Als er darüber nachdachte, spürte er ihren Blick auf sich und sah kurz hinüber. Eilig sah sie zurück auf die Straße vor sich.

Laura war klar, dass per Anhalter fahren eine gefährliche Sache war. Aber was sollte sie sonst machen? Sie musste heute unbedingt nach Hannover. Sonst würde es nur Diskussionen geben. Und enttäuschen wollte sie auch keinen.

Es war eine halbe Stunde Fahrt vergangen, in der keiner von beiden gesprochen hatte. Beide lauschten der Musik im Radio oder den Nachrichten.

Mike hatte sich damit abgefunden, keine weitere Erklärung von ihr zu bekommen, und erneut fragen wollte er auch nicht.

Plötzlich ertönte aus dem Fußraum der Beifahrerseite Musik. Eilig kramte Laura ihr Handy aus der Tasche hervor und nahm das Gespräch eilig an.

»Hallo … ja ich bin schon unterwegs … normal sollte ich bis heute Abend da sein … natürlich … bis dann.«

Mike blickte kurz zur Laura hinüber und bemerkte ihren strengen Gesichtsausdruck.

Das war einer der unerfreulichen Anrufe. Irgendwie wollte er sie aufmuntern, warum wusste er selbst nicht, schob es aber erneut seinem Bauchgefühl in die Schuhe.

»Möchtest du einen Energydrink?«

Sie antwortete nicht.

»Laura?«, fragte er vorsichtig nach. Sie reagierte weiterhin nicht. Mike sah zu ihr hinüber und entdeckte ihre angespannte Mimik. Er nahm seine Hand vom Schaltknauf und berührte vorsichtig ihre Schulter. Sie zuckte erschrocken zusammen.

»Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken, aber du hast nicht reagiert.«

»Schon gut. Was hast du gesagt?«, fragte Laura.

»Ich wollte wissen, ob du einen Energydrink willst.«

»Echt? Habe ich nicht gehört«, gab sie kleinlaut zur Antwort.

»Und möchtest du?«, wiederholte er die Frage.

»Ja gerne! Aber ich könnte durchaus etwas Stärkeres vertragen.«

Ihr glockenhelles Lachen forderte seine Aufmerksamkeit. Ihre Augen trafen sich und sie lächelten sich an.

Merkwürdigerweise empfand er es nicht mehr als unangenehm, dass er einen Anhalter, besser gesagt, dass er sie mitgenommen hatte.

»Leider habe ich gerade heute meinen Whiskey nicht dabei«, sagte er und lachte lauter, als er beabsichtigt hatte.

»Sollen wir uns die Dose teilen?«, fragte Laura, nachdem sie das Getränk gemäß Mikes Anweisung aus seiner Tasche geholt hatte.

»Ich habe keinen Becher oder Ähnliches.«

Sie blickte kurz auf die Dose in ihrer Hand und dann zu Mike hinüber.

Becher? Für was?

»Wegen mir brauchen wir keinen, ich sabbere bestimmt nicht in die Dose. Oder trink du als Erster?« Sie schmunzelte vor sich hin und war gespannt, was er erwidern würde.

»Ähm, entscheide du«, stotterte er. Warum hatte sie das geahnt? Okay, jetzt hatte sie den schwarzen Peter in der Hand! Kurzentschlossen öffnete sie die Dose und reichte sie ihm.

»Danke«, erwiderte Mike, griff nach der Dose und führte sie an seine Lippen.

»Bist du sicher, dass du nicht als Erstes trinken willst?«, erkundigte er sich abermals bei ihr. Als sie den Kopf schüttelte, zuckte er mit den Schultern und trank einige kleine Schlucke. Danach gab er die Dose an seine Beifahrerin zurück.

»Du kannst ruhig austrinken.«

Laura strich mit dem Daumen über das aufgedruckte Logo. Sie betrachtete die Dose eingehend, bevor sie trank.

Nun würde sie gleich die Stelle mit ihren Lippen berühren, an der vor einigen Sekunden sein Mund war. Sie kannte ihn erst seit gut einer Stunde und die Hälfte der Zeit hatten sie sich angeschwiegen. Aber irgendetwas sagte ihr, dass sie Mike vertrauen konnte.

Er wirkte nicht wie ein Bad Boy, dessen Körper mit sämtlichen ansteckenden Krankheiten in Kontakt gekommen war. Zudem würde sie mit ihm quer durch Deutschland fahren. Also vertraute sie auf ihr Bauchgefühl. Unter normalen Umständen würde sie das zwar nicht machen, aber heute war ohnehin nichts normal, wirklich rein gar nichts.

Entschlossen führte sie die Dose an ihren Mund und trank ebenfalls mehrere Schlucke.

Kapitel 4

Sie kamen am Autobahnkreuz A7/A6 vorbei und das sagte Mike, dass er das erste Drittel der Strecke geschafft hatte.

»Wenn du Hunger oder Durst hast oder auf die Toilette musst, sagst du mir Bescheid«, durchbrach er die neuerlich aufgekommene Stille.

»Ja klar, werde ich. Aber bisher ist alles bestens«, antwortete Laura gut gelaunt.

Sie lächelten sich gegenseitig einen kurzen Moment an.

Es war inzwischen früher Nachmittag und Hannover noch rund vierhundertvierzig Kilometer entfernt. Er hasste lange Autofahrten, aber mit dem Zug oder dem Flugzeug zu reisen war für ihn keine wirkliche Alternative. Er wollte bei seinen Eltern mobil und unabhängig sein. Theoretisch kommen und gehen können, wie er wollte. Er tat dies nicht, jedoch zu wissen, er konnte, wenn er wollte, reichte ihm.

Laura zog sich ihre Jacke aus und warf sie nach hinten auf ihre Reisetasche. Er sah zu ihr hinüber und erkannte, dass sie noch den Pullover mit dem Kaffeefleck trug.

Sollte er sie darauf ansprechen?

Oh ja, er fand mittlerweile Gefallen daran, mit ihr zu plaudern, anders als zu Beginn, denn da hatte er am liebsten die Zeit zurückgedreht.

»Bist du immer so ungeschickt?«

»Hm, was? Wie kommst du darauf?« Ihr Blick war geprägt von absoluter Verwirrung und totaler Ahnungslosigkeit. Er deutete auf den braunen Fleck und sie sah an sich hinunter. Ihre Wangen wurden augenblicklich rosa und eilig legte sie ihre Hände über den Makel. Als wenn das noch etwas bringen würde. Ganz offensichtlich war es ihr peinlich.

»Woher weißt du davon … oh Moment, du warst in dem Restaurant, stimmt's? Ich glaube, mich zu erinnern, dich dort gesehen zu haben.«

Mikes Grinsen wurde aus zweierlei Gründen breiter. Zum einen entsann Laura sich an ihn, was wohl für ihn sprach. Und zum anderen erinnerte er sich an die lustige Situation, sah sie regelrecht vor seinem geistigen Auge.

»Ja, ich war dort.«

»Oh«, gab sie beschämt von sich und blickte unsicher auf ihren Makel. »Wenn ich nervös bin, passieren mir oft solche Missgeschicke. Sag jetzt bitte nicht, dass du genau gesehen hast?«

Ihre Mimik verriet deutlich, dass es ihr enorm unangenehm sein musste.

Mike überlegte, ob er schwindeln und ihr somit die Peinlichkeit ersparen oder ihr die Wahrheit sagen sollte. Er entschloss sich, ehrlich zu sein, auch wenn es schönere Themen gab.

»Leider muss ich dir gestehen, dass ich alles gesehen habe und beinahe herzhaft gelacht hätte.«

Er schmunzelte sie an.

»Mir war leider überhaupt nicht zum Lachen zumute. Ich hatte vorher mit dem Abschleppunternehmen telefoniert und schlechte Nachrichten erhalten. Es ist wichtig, dass ich heute noch in Hannover ankomme.«

Sie machte ein verkniffenes Gesicht, was sein Mitgefühl weckte. Abermals fragte er sich, was es Dringendes gab.

»Entschuldigung, ich wollte mich nicht über dich lustig machen. Weißt du, normalerweise bin ich es, der so ein Chaos magisch anzieht. Es hatte für mich etwas Beruhigendes, als ich gesehen habe, dass es anderen auch so geht«, gestand er ihr.

Mike machte ein schuldbewusstes Gesicht und hoffte, ihr mit seinem Geständnis ein wenig Trost zu spenden.

Warum Laura bei seinem Gesichtsausdruck an einen Welpen denken musste, der gerade ausgeschimpft worden war, wusste sie nicht. Mike sah exakt so aus, als hätte man ihn bei etwas Verbotenem auf frischer Tat ertappt. Sie hatte das Gefühl, sich erklären zu müssen.

»Schon okay, es sah sicher lustig aus.«

»Wollen wir einfach das Thema wechseln?«, schlug Mike salopp vor.

»Was schlägst du vor?«, stellte sie die Gegenfrage.

»Was dir als Erstes einfällt!«, sagte er und sah sie herausfordernd an.

Im Radio kam gerade eine Berichterstattung über die gestrigen Bundesligaspiele, die sie interessiert verfolgt hatte.

Ohne darüber nachzudenken, sagte sie: »Fußball.«

»Fußball?«, echote Mike. »Das ist nicht dein Ernst«, sagte er entgeistert.

»Hast du in einem Verein gespielt? Interessierst du dich für diesen Sport?«, zählte sie zwei von unzähligen Fragen auf, ohne auf seine Verblüffung einzugehen.

»Ich habe, wie die meisten Jungs angefangen, Fußball zu spielen, ein paar Jahre durchgehalten und irgendwann aufgehört, weil ich weder besonders talentiert war, noch große Lust daran hatte. Um ehrlich zu sein, interessiere ich mich nicht sonderlich dafür. Verrate mir lieber, wie du gerade auf dieses Thema kommst?«

»Ich habe großes Interesse daran. Und möglicherweise habe ich selbst Fußball gespielt.«

Sie machte eine kurze Pause und wartete auf Mikes Reaktion. Er blickte immer wieder kurz zu ihr herüber, während er mit Richtgeschwindigkeit auf der rechten Spur der Autobahn fuhr. Er wirkte baff, aber nicht völlig schockiert.

»Leider durfte ich nicht weitermachen und dass, obwohl mir der Trainer ein besonderes Talent bescheinigt hatte. Ich musste aufhören. Mein Vater wollte, dass ich etwas anderes tue, etwas, das besser zu einem Mädchen passt.«

Leichtes Bedauern schwang in ihrer Stimme mit.

Der Blick von Mike zeigte weitere Regungen. Weder hatte er damit gerechnet, dass eine Frau wie Laura Interesse an Fußball hatte, noch dass ihr Vater trotzt Talent, das selbige verbot.

»Laura und Fußball! Wie passt das zusammen?«, erkundigte sich Mike.

Sollte sie über seine Bemerkung verärgert sein oder sich geschmeichelt fühlen?

Sie fragte sich ernsthaft, wie er es gemeint haben könnte. Immerhin lief es inzwischen besser mit ihnen, seine genervte und mürrische Art, die er zu Beginn hatte, war einer netten und aufmerksamen gewichen. Sie beschloss, ihn zu fragen.

»Soll ich das als Kompliment auffassen oder wolltest du mich beleidigen?«

Sie sah neugierig auf sein Profil und erkannte, dass er mit dieser Frage nicht gerechnet hatte. Nervös massierte er mit beiden Händen das Lenkrad.

»Ähm, als Beleidigung auf keinen Fall. Gütiger Gott, wie käme ich dazu? Ich wollte damit lediglich sagen, dass du nicht so wirkst, als hättest du Fußball gespielt. Das ist doch vielmehr so ein Männerdingens, oder?«

Er grinste schief.

Bei seinem Lächeln konnte sie nicht böse sein. Aber das war sie ohnehin nicht. Stattdessen entschied sie sich, mit ihm einen Spaß zu machen.

»Du bist schon ein Mann, oder?«, erkundigte sie sich, ohne richtig auf seine Frage eingegangen zu sein.

Mike sah kurz verwirrt zu ihr hinüber.

»Ja doch, ich glaube schon, zumindest steht das in meinem Pass. Und ich habe ein eindeutiges Merkmal, das mich von dir unterscheidet.« Er lachte herzhaft. »Wieso fragst du das jetzt?«

»Na ja, wenn du ein Mann bist, warum hast du mit diesem Sport nichts am Hut? Da widersprichst du deiner eigenen Theorie, dass Fußball ein Männerding sei.«

Sie sah ihn abwartend an und war sehr gespannt, was er erwidern würde.

»So ein Mist, jetzt hast du mich erwischt! Okay, ich merke selbst, dass ich Unsinn geredet habe. Aber eines ist trotzdem klar, und zwar, dass du viel zu hübsch bist, um Fußball zu spielen.«

Shit! Hatte er das jetzt laut gesagt?

Warum war seine Mund-Hirn-Verbindung so lahm. Seine Sprache war meist schneller als sein Denken. Und so konnte er es oft nicht verhindern, Dinge zu sagen, die man besser nicht sagte. Zumindest wäre es zuweilen sinnvoll, seine Worte zu überdenken, bevor sie unkontrolliert heraussprudelten.

Er versuchte sie anzusehen, ohne seinen Kopf zu ihr zu drehen, und schaffte es, aus dem Augenwinkel zu erkennen, dass sie schon wieder rosa Wangen hatte. Das musste ihr doch nicht peinlich sein.

»Danke«, flüsterte Laura.

Dann herrschte Stille und keiner wusste, was er sagen sollte.

Plötzlich wurde ihm bewusst, dass das Autoradio keinen Empfang hatte und es fürchterlich rauschte. Er wollte gerade an das Rädchen fassen, als auch sie ihre Finger darauf zu bewegte und sie sich für den Bruchteil einer Sekunde berührten. Dann sahen beide kurz auf.

»Entschuldigung, das ist schließlich deiner«, stammelte sie.

»Nein, nein, schon gut, du kannst es gerne bedienen. Such du uns einen neuen Kanal«, forderte Mike sie mit einem Lächeln auf.

Sie strich sich ihre Haarsträhne, die nach vorne gefallen war, aus dem Gesicht und beugte sich zu dem Gerät vor. Vorsichtig drehte sie an dem Rädchen, bis sie einen rauschfreien Sender gefunden hatte.

Gerade wurde ein altes Lied gespielt und sie erkannte sofort, dass es Ain't no mountain high enough von Marvin Gaye & Temmi Terrell war.

Sie kannte es gut, konnte mitsingen und tat es auch leise, als sie sich auf ihren Sitz zurücklehnte.

Mike blieb ihr Singen nicht verborgen. Er drehte an dem anderen Rädchen die Musik lauter und stieg bei dem Refrain mit ein.

'Cause baby there

Ain't no mountain high enough

Ain't no valley low enough

Ain't no river wide enough

To keep me from getting to you babe

Gab es das? Er konnte den Text ebenfalls. Gut, es war ein altes Lied, das außerdem mehrfach Filmmusik gewesen war, aber sie war dennoch baff.

Und wieder hatte Mike, ohne dass es ihr oder ihm bewusst gewesen wäre, einen Pluspunkt auf seinem Konto.

Als das Lied endete, war die Stimmung gelöst und so fuhren sie stetig nach Norden, immer ihrem Ziel entgegen.

Kapitel 5

Die nächsten drei Stunden fuhren sie, ohne anzuhalten. Die Kraftstoffanzeige meldete sich kurz vor achtzehn Uhr, als sie in der Nähe von Kassel waren. Tanken war nun unausweichlich. Und sicher tat beiden Bewegung, frische Luft sowie ein Abendessen gut.

»Laura, ich muss bei der nächsten Raststätte abfahren und tanken. Sollen wir auch etwas essen?«

Sie nickte, während sie ihr Handy aus der Tasche holte. Mit zusammen gezogenen Augenbrauen blickte sie darauf und tippte auf dem Display herum. Das hatte sie in den letzten Stunden bestimmt ein halbes Dutzend Mal gemacht und bei keinem einzigen Mal wirkte sie locker.

Mittlerweile hatte er das Gefühl, sie besser zu kennen, auch wenn das objektiv betrachtet nicht der Fall war. Er hatte überlegt, nach dem Grund ihrer Angespanntheit zu fragen. Sich bei ihr zu erkundigen, ob alles in Ordnung sei, aber er wollte nicht neugierig wirken.

Sie steckte es zurück in die Tasche und blickte auf die schwarze Straße vor ihnen. Inzwischen war es dunkel geworden und ihnen waren abwechselnd Regenschauer und leichter Schneefall begegnet. Aktuell war es trocken, was das Fahren für Mike um einiges angenehmer machte.

»Ich muss mir dringend die Beine vertreten. Mein Hintern fühlt sich ganz taub an. Außerdem möchte der Energydrink wieder heraus«, plapperte sie los und versuchte, die negativen Gedanken zu vertreiben.

»Warum hast du nichts gesagt?«, fragte er und sah sie vorwurfsvoll an. Sie konnte es nicht sehen, es war zu dunkel im Fahrzeuginneren.

»Weil es bisher nicht akut war. Erst als du davon angefangen hast, habe ich bemerkt, dass es langsam dringend wird.«

Sie kicherte leise.

»Du hast Glück. In fünf Kilometern kommt eine Raststätte.«

Er erkannte, dass sie auf ihrem Sitz hin und her rutschte. Innerlich lachte er über ihre undamenhafte Art.

Laura hingegen dachte an die letzte Nachricht auf ihrem Handy. Warum musste ihr Vater sich jede halbe Stunde erkundigen, wo sie war? Langsam gingen ihr die ständigen Kontrolltexte auf die Nerven. Wenn ihr alter Herr wüsste, dass sie mit einem wildfremden Kerl per Anhalter fuhr, würde er völlig durchdrehen. Aber das behielt sie schön für sich. An der Tankstelle würde sie sich nachher etwas kaufen, das ihre Nerven beruhigte.

Heute war so ein Tag, an dem sie sich nicht anderweitig ablenken konnte. Ihr Fahrer beschäftigte ihren Kopf zwar, aber nicht genügend, um die Gedanken an ihren strengen Vater zu verdrängen.

Sie blickte verstohlen zu Mike hinüber und betrachtete sein Profil. Es war sehr schön, markant, ein wenig eckig, genau wie ihr es gefiel. Auch gefiel ihr der kurze Bart, den er trug und der ihn maskuliner wirken ließ. Auf seinem linken Handrücken hatte er ein Tattoo, einen Schriftzug. Eigenartige Stelle, aber vielleicht nur eins von vielen weiteren. Aufgrund der Winterbekleidung konnte sie lediglich dieses erkennen.

In dem begrenzten Platz des Fahrzeugs konnte sie sein Parfum ausmachen, welches ihr ebenfalls gefiel. Es war ein extravaganter Mix aus etwas Frischem, vielleicht Minze, einer blumigen Nuance, die Lavendel oder Orangenblüte sein könnte und einer pudrigen Grundnote. Sie kannte den Duft, allerdings fiel ihr der Name nicht ein. Noch während sie darüber nachdachte, bemerkte sie, dass sie erschreckend viel von ihm ansprach.

Zu alldem kam, dass sie seine Art gut leiden konnte. Er schien locker zu sein. Zumindest dann, wenn er gute Laune hatte. Er war spontan, unkompliziert und hilfsbereit. Sie mochte ihn, richtig erklären konnte sie es nicht.

Sie straffte ihre Schultern und hörte, wie Mike den Blinker setzte. Als sie in die Dunkelheit vor sich blickte, erkannte sie in einiger Entfernung die Lichter der Raststätte. Sie freute sich auf ein bisschen Bewegung sowie Ablenkung von ihren Gedanken, die teilweise eine fragliche Richtung eingeschlagen hatten.

Lauras Entschluss festigte sich. Sie würde definitiv irgendetwas Alkoholisches kaufen, hoffentlich würde das auch ihre hitzigen Vorstellungen von Mike unterbinden oder wenigstens eindämmen.

Sie freute sich auf ihre Familie. Letztendlich war es nur ihr Vater, der schwierig war, der sie immer kontrollieren wollte. Ihre Mutter und ihr Bruder waren da ganz anders, viel lockerer. Sie seufzte bei dem Gedanken an das bevorstehende Wiedersehen.

Das Brummen des Motors verstummte. Der Opel stand in einer Parklücke, was das Signal zum Aussteigen war. Beide drückten zeitgleich auf den Knopf des Gurtschlosses. Ihre Hände berührten sich erneut. Sie bemerkte den Blick von Mike und sah auf. Ein Lächeln erschien auf beiden Gesichtern und er setzte zum Sprechen an.

»Zieh dir lieber deine Jacke an. Es ist sicher kalt draußen.«

»Natürlich.« Sie drehte sich auf ihrem Sitz und beugte sich darüber, neigte sich weiter und rief: »Soll ich dir deine auch geben?«

Sie drehte sich um und sein Blick fiel erst auf den Fleck unterhalb ihres Pulloverausschnitts, dann glitt er seitlich. Die Silhouette ihres Busens faszinierte ihn und ein bisschen wärmer wurde ihm auch. Als ihm jedoch bewusst wurde, was er da tat, ohrfeigte er sich in Gedanken und richtete seinen Blick weiter nach oben.

»Na klar, gib her«, antwortete er und kam ins Stocken, als er als Nächstes ihren in die Luft gereckten Hintern sah.

Ohne darauf zu achten, reichte sie ihm die Daunenjacke und zuckte bei der unbeabsichtigten Berührung mit seiner Hand leicht zurück.

Mike bemerkte ihre Reaktion.

Hatte er sie gekratzt?

Es war innerhalb kürzester Zeit der Dritte, wenn auch nur kurze Kontakt. Jetzt kribbelten genau die drei Finger an Lauras rechter Hand, die mit seinen auf Tuchfühlung gegangen waren. Das Gefühl beim ersten Mal hatte sie noch ignoriert, tat es als Einbildung ab. Beim zweiten Mal kam es ihr merkwürdig vor, dachte sich aber nichts weiter. Doch nun spürte sie den gleichen Effekt wie bei den ersten beiden Berührungen und wusste nicht so recht, was sie mit dieser Erkenntnis anfangen sollte. Sie beschloss, schnell an die frische Luft zu kommen.

Mike konnte sich nur kurz über das Geschehen wundern, denn sie drehte sich Richtung Tür, um auszusteigen. Irritiert sah er ihr zu, wie sie ihre Beine nach draußen schwang und sich aufrichtete. Dabei fiel sein Blick unweigerlich erneut auf ihren Po.

Vorhin war ihm nicht aufgefallen, wie eng diese Hose an ihrem Hintern saß, und nun würde er an nichts anderes mehr denken können. Er fuhr sich mit seiner leicht schwitzigen Hand durch die Haare und rieb sich anschließend über die geschlossenen Augen. Er musste dringend nach draußen an die kühle Luft. Beide zogen sich ihre Jacken an und schlossen die Autotüren.

»Hast du den Knopf reingedrückt?«

Sie schüttelte den Kopf, öffnete die Tür erneut und drückte den kleinen schwarzen Stift nach unten. Sie gab der Tür einen Schubs und prüfte, ob sie wirklich verschlossen war.

Mike schloss mit dem Autoschlüssel ab und steckte ihn ein. Hinter dem Wagen trafen sie sich und liefen gemeinsam auf das Bistro neben der Tankstelle zu.

Warme, leicht stickige Luft schlug ihnen entgegen. Die penetrante weihnachtliche Musik nervte ihn. Beide sondierten einen Moment die Lage vor Ort. Mike fand die Toilette als Erster und deutete darauf.

»Wenn wir fertig sind, treffen wir uns hier!« Sie nickte und ging voraus, bog nach links ab, während Mike nach rechts ging.

Nachdem er mit seinem Toilettengang fertig war, wusch er sich die Hände und blickte in den Spiegel. Ein wenig müde sah er aus, seine Haare standen in alle Richtungen ab und seine Ohren fühlten sich heiß an und waren schwach gerötet. Daran mussten die wechselnden Temperaturen schuld sein.

Mit den nassen Händen fuhr er zweimal durch seine Haare und trocknete den Rest der Feuchtigkeit mit einem Papiertuch. Ein wenig akkurater sah seine Frisur aus, aber war noch weit entfernt von ordentlich.

Er trat nach draußen, allerdings war von Laura weit und breit nichts zu sehen. Von hier aus konnte er lesen, was zum Essen angeboten wurde, und so vertrieb er sich die Zeit mit dem Studieren der Speisen.

Laura stand am Waschbecken und betrachtete sich im Spiegel. Dieser bescheuerte Kaffeefleck leuchtete ihr entgegen und ließ ihre Gedanken zu dem Moment fliegen, als er entstanden war. Sie entsann sich an das Telefonat und sie erinnerte sich an den jungen Mann, der etwas gegessen hatte. Nie im Leben hätte sie gedacht, dass sie Minuten später genau bei demselben Typen einsteigen würde. Unglaublich, wie das Schicksal manchmal spielte. Sie freute sich auf das gemeinsame Essen, sie freute sich auch auf weitere Gespräche mit Mike, aber auf Hannover freute sie sich weniger.

Das Glücksgefühl wurde aus zweierlei Gründen getrübt. Sie würde sich der Inquisition ihres Vaters stellen müssen und sie würde sich von Mike trennen müssen. Das Erste würde sie ertragen, aber das Zweite empfand sie als äußerst schade.

Nachdem sie ihre Hände gewaschen und ihre Haare ein wenig entwirrt hatte, verließ sie den Sanitärbereich und kehrte in das Bistro zurück.

Nach einigen Augenblicken tippte ihm jemand auf die Schulter und als er sich umdrehte, stand Laura hinter ihm.

»Bin soweit«, sagte sie und lächelte.

»Ich habe angefangen, ein Menü zusammenzustellen«, scherzte er.

Ihr Blick fiel auf die Karte an der Wand.

»Hast du dich schon entschieden?«, fragte sie ihn, während sie weiterhin die Auswahl prüfte.

»Ich wollte etwas essen, dass nicht schwer im Magen liegt. Ich habe heute Mittag schon fettig gegessen. Hier gibt es ein Fischfilet mit Salzkartoffeln und einem Salat. Das werde ich nehmen.«

»Vielleicht nehme ich die Gemüsenudeln«, dachte sie laut nach. »Okay stellen wir uns an, ich habe mich entschieden«, erklärte sie nach einigen Augenblicken entschlossen.

Sie nahmen sich jeder ein Tablett, stellten sich an das Ende der kurzen Schlage und warteten schweigend auf ihre Bedienung an der Theke.

»Soll ich uns noch was zu trinken besorgen?«, fragte Mike seine Begleitung.

»Gerne … eine Zitronenlimo bitte«, antwortete sie.

Mike trat an die gegenüberliegende Wand, nahm sich eine Flasche Spezi aus der Kühltheke und fand Lauras Getränkewunsch.

»Brauchst du ein Glas?«, rief er ihr zu und sie schüttelte den Kopf. Er griff ersatzweise nach zwei Strohhalmen und ging gemächlich an seinen Platz in der Schlange zurück.

Laura bestellte gerade ihre Gemüsenudeln und nannte auch die Bestellung für Mike. Keine Minute später wurden beide Gerichte auf die Glastheke gestellt. Sie nahmen sich ihre Teller und liefen an die Kasse.

»Würden Sie bitte beide Essen auf eine Rechnung schreiben«, bat Laura die Kassiererin freundlich.

»Was? Nein! Ich zahle natürlich selbst«, protestierte er eifrig.

»Auf keinen Fall! Ich fahre schließlich bei dir mit und trinke deine Energydrinks weg, dann ist bezahlen, das mindeste, was ich tun kann«, sprach sie energisch und mit einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete.

Mike blickte ihr einen Moment in die Augen, überlegte, ob er etwas sagen sollte, beschloss aber, es nicht auf eine Diskussion ankommen zu lassen.

Ihr Gesichtsausdruck drückte Entschlossenheit aus und wirkte, als wäre sie zu allem bereit.

»Also gut!«

Er zuckte mit den Schultern und fügte sich seinem Schicksal.

»Dafür suche ich den Platz aus«, sprach er grinsend, als sie mit ihren Gerichten in den Gastraum eintraten.

»Ja, ja, das darfst du.«

Sie kicherte leise.

Er blickte sich um und fand einen freien Zweiertisch am Fenster. Auf jedem der Tische war ein kleines Gesteck mit einer roten Kerze und den üblichen Dekorationsgegenständen der Weihnachtszeit. Sie setzten sich und begannen, ohne viel Umschweife zu essen. Nach einigen Bissen erhob Mike wieder das Wort.

»Schmeckt dein Essen?«, erkundigte er sich bei ihr.

Sie nickte kauend.

»Und wie ist deins?«

»Es ist gut, aber an einem Fischfilet mit Kartoffeln kann man nicht viel falsch machen.«

Sein breites Grinsen ließ Fältchen an seinen Augen entstehen.

Sie aßen weiter und verloren nur wenige Worte. Auf einmal wurde Mike bewusst, dass es bis Hannover nicht mehr weit war, vielleicht noch eine gute Stunde, eineinhalb, je nachdem wie der Verkehr war und wo er sie absetzen würde. Das Gefühl, welches auf diese Erkenntnis folgte, war kein angenehmes. Irgendwie hatte er sich an seine Beifahrerin gewöhnt. Mehr als das! Ihre natürliche und direkte Art empfand er als charmant. Auch von ihrem Äußeren war er mehr als angetan.

Aber gegen die Tatsache, dass es nur eine kurzzeitige Reisebekanntschaft war, konnte man nichts machen.

Kapitel 6

Laura war hungrig und aß zügig. Ihr Teller leerte sich schneller als der von Mike.

Er musste gestehen, dass er sich extra viel Zeit ließ, denn seine Gedanken kreisten um ihre baldige Verabschiedung. Es drückte auf sein Gemüt, mehr als er bereit war, sich im Augenblick einzugestehen.

Verflucht, wieso war das so?

Mike war aufgefallen, wie sie beim Essen unschlüssig zwischen ihm und den anderen Reisenden hin- und herblickte. Er überlegte, ob er mit ihr ein Gespräch anfangen sollte, um sie noch besser kennenzulernen. Während Laura mit dem Strohhalm einen Schluck Limo trank, fasste er einen Entschluss.

»Ich fahre über die Feiertage zu meiner Familie, um mit ihnen Weihnachten zu verbringen. Besuchst du jemanden?«

Erwartungsvoll sah er sie an, pikte ein Stück Kartoffel auf seine Gabel und steckte sie sich in den Mund. Unterdessen er auf eine Antwort von ihr wartete, kaute er gemächlich.

Sie ließ sich Zeit, weil sie nichts erzählen wollte. Ihr inzwischen ausdrucksloses Gesicht, zusammen mit ihren ineinander verschränkten Fingern wirkte auf Mike gezwungen und ließ ihn seine Frage bereuen.

»Ja«, antwortete sie emotionslos. Danach kam nichts mehr.

Wie? Was? War das alles? Was war mit ihr los?

»Ich muss mir noch was kaufen. Werde schnell in den Shop gehen, iss mit Ruhe auf, ich bin gleich zurück.«

Zügig stand sie auf und ließ ihn am Tisch sitzen. Ihr Themenwechsel kam absolut überraschend, ihr Aufbruch noch plötzlicher. Er konnte ihr nur nachsehen und sich wundern.

Er beförderte mithilfe seines Messers ein Stück Fisch auf seine Gabel und führte sie zum Mund. Er aß nach und nach seinen Teller leer, diesmal zügiger, da er alleine war.

Währenddessen fragte er sich, warum sie mit einem Mal so anders war, konnte es sich nicht im Ansatz erklären. Als er wenige Minuten später mit essen fertig war und seine Begleiterin immer noch nicht zurück war, keimte leichte Sorge auf.

Mike drehte sich herum, um nach ihr zu sehen, konnte sie aber nirgends entdecken. Da er nur einen kleinen Teil des Ladens überblicken konnte, stand er auf. Eilig trank er seinen letzten Schluck Spezi und nahm ihre Limo kurzerhand mit, da sie noch zur Hälfte voll war. Er räumte beide Tabletts ab und machte sich auf die Suche nach ihr. Ihre Jacke, die ebenfalls noch über dem Stuhl hing, nahm er an sich. Dabei stieg ihm ihr Parfum in die Nase, welches ihn auf angenehme Art in der Nase kitzelte. Schließlich ging er Gang für Gang des Shops ab, konnte sie aber in keinem finden.

Unruhig und mit Sorge ging er nach draußen. Beinahe wäre er in eine ältere Frau gerannt. Er entschuldigte sich eilig und ließ seinen Blick über den Platz vor dem Gebäude schweifen. In einiger Entfernung auf einer Bank erkannte er sie endlich.

Sie saß ohne Jacke und alleine hier draußen in der Kälte herum. Erleichtert atmete er aus und erzeugte eine kleine Dampfwolke. Mike lief zügig auf sie zu. Als er vor ihr zum Stehen kam, stemmte er die Hände in seine Seiten. Träge blickte sie an ihm hoch und er erkannte ihre traurigen und ausdruckslosen Augen.

Hatte er etwas falsch gemacht? Hatte es mit seiner Frage zu tun?

»Was machst du hier? Ich habe dich im ganzen Laden gesucht und als ich dich nicht finden konnte, habe ich mir schon Sorgen gemacht.«

Ihr freudloses Lachen wirkte verzerrt.

»Schön, dass du auf mich aufpasst!«

Ihr Satz troff nur so vor Sarkasmus.

Was zum Henker war hier los?

»Entschuldige vielmals, leider kann ich mit dieser Bemerkung wenig anfangen.«

Vergeblich wartete er auf eine Antwort. Frustriert fuhr er sich mit seinen Händen durch die Haare und schnaubte.

»Laura? Kannst du mir sagen, was hier los ist?«

Er versuchte es sanft und mit möglichst viel Verständnis in der Stimme.

Sie hob ihre rechte Hand, in der sie eine kleinere Flasche hielt und trank einen großen Schluck der klaren Flüssigkeit. Kaum hatte sie ihn heruntergeschluckt, fing sie zum Husten an und verzog das Gesicht. Mike griff nach der Flasche, da sie diese aber fest umklammert hielt und nicht losließ, konnte er sie nicht greifen.

»Was trinkst du da?«, fragte er schärfer als beabsichtigt.

Sie setzte erneut an und dann erkannte er den Schriftzug Absolut Vodka darauf. Kaum hatte sie diese von ihren Lippen abgesetzt, fing sie erneut zu husten an.

Kein Wunder bei diesem Spiritus!

Noch einmal griff er nach der Flasche und zog sie mit einem Ruck aus ihrer Hand. Dann stellte er sie hinter sich auf eine kleine Mauer.

»Hey! Was soll das?«, fauchte sie und funkelte ihm böse entgegen. »Du bist nicht mein Vater!«

»Ich werde nicht zulassen, dass du dich betrinkst. Und du hast recht, der bin ich nicht. Aber ich hätte trotzdem gerne eine Antwort auf meine Frage.«

Er klang bedrohlich. So kannte er sich nicht. Für gewöhnlich war er sehr besonnen, aber etwas sagte ihm, dass er nur so eine Erklärung von ihr bekam.

»Welche Frage?«, stellte sie sich dumm. An ihrer gedehnten Sprechweise konnte er hören, dass ihre Zunge schwer war.

Wie viel hatte sie getrunken?

Er warf einen Blick auf die Flasche und musste feststellen, dass deutlich mehr als zwei Schlucke fehlten. Es war keine große Flasche, aber es fehlte sicher ein Drittel, wenn nicht sogar die Hälfte. So lange war sie nicht alleine gewesen.

»Ich wollte wissen, warum du ohne Begründung rausgegangen bist«, erklärte er nun ruhiger.

»Und ich habe gesagt, dass du nicht mein Vater bist!«

Eine Pause von mehreren Sekunden herrschte. In dieser Zeit sahen sie sich abschätzend an. Endlich fing sie zu erzählen an.

»Ständig kontrolliert er mich und will über mein Leben bestimmen. Und genau zu diesem Menschen muss ich jetzt, ich habe keinen Bock auf diese Scheiße, verstehst du!«

Sie war aufgebracht, aber ihre Stimme deutlich von Alkohol beeinflusst.

»Weißt du, er hat sein Verhalten aus dem Wehrdienst übernommen. Dort herrschte ein strenger Ton, eiserne Disziplin, das alles musste man auch Zuhause bei seiner Familie anwenden.«

Ihr Lachen war künstlich und wirkte traurig.

»Und da kam ihm so ein tollpatschiges Kind, wie ich es war, gerade recht. Ständig hat er mich angebrüllt, mich zurechtgewiesen. Und das macht er bis heute noch.«

Sie stieß einen leisen, wütenden Schrei aus und Mike sah sich nervös um. Nicht das jemand falsche Schlüsse zog.

Laura beugte sich nach vorne, stützte ihre Ellenbogen auf den Oberschenkeln ab. Einige Momente verharrte sie so, dann richtete sie sich abrupt auf und stand direkt vor ihm.

Er bemerkte ihr leichtes Schwanken. Dann fiel ihm auf, dass er immer noch ihre Jacke in der Hand hielt. Die Limo stellte er neben die Wodkaflasche und gewann Abstand zu ihr.

»Laura hier, zieh deine Jacke an. Dir muss doch kalt sein.«

Er hielt sie ihr hin, sodass sie nur noch hineinschlüpfen musste. Kurz beäugte sie diese, tat aber nichts dergleichen.

Wollte sie ihn ärgern?

Entschlossen nahm er ihre Hand und musste feststellen, dass sie eiskalt war. Da war noch etwas anderes und das konnte er nicht auf ihre kühlen Finger schieben. Es fühlte sich an, als würde er einen Elektrozaun an einer Weide berühren. Es war wie ein kleiner Stromschlag, der ihn durchzuckte. Er wollte schon reflexartig seine Hand wegziehen, konnte sich aber noch bremsen. Er musste ihr in die Jacke helfen.

Laura fühlte sich gut. Sie hatte über ihren strengen alten Herren gewettert und sich eine kleine Last von der Seele geredet, auch wenn das noch lange nicht alles war. Außerdem hatte sie ein wärmendes Gefühl im Bauch. Als sie Mikes Hand um ihre fühlte, kribbelte es verstärkt in ihrem Magen.

Da sie es mit den Dates aufgegeben hatte, war die letzte Berührung eines Mannes entsprechend lange her. Sie hatte ganz vergessen, wie gut es sich anfühlte. Als er ihre Hand in die Jacke schieben wollte, machte sie sich einen Spaß daraus, ihm nicht zu helfen. Aber um ehrlich zu sein, konnte sie ihm auch nicht behilflich sein. Ihr Körper war träge und gehorchte ihr nicht zu hundert Prozent.

Mike schob ihre rechte Hand in den Ärmel, was ihm relativ gut gelang. Er fasste um sie herum und musste ihr dadurch zwangsläufig näherkommen. Auf der anderen Seite ihres Kopfes griff er wieder an die Jacke.

Ein kurzer Blick auf sie verriet ihm, dass sie Spaß hatte. Mit einem Grinsen und dem amüsierten Ausdruck, den nur ein angeheiterter oder betrunkener Mensch haben konnte, sah sie ihn an. Er biss sich von innen auf die Wange, um nicht ebenfalls zu lachen. Bis eben war er sauer auf sie, aber jetzt hatte sich die Situation um hundertachtzig Grad gedreht. Sie wehrte sich nicht, aber hilfsbereit war sie auch nicht. Hervorragende Konstellation!

Dann nahm er ihren linken Arm, der ebenfalls eisig war und beförderte ihn umständlich in den anderen Ärmel. Während er mit ihr zugange war, spürte er plötzlich ihre rechte Hand an seiner Seite. Er versteifte sich leicht, hielt kurz in der Bewegung inne, um sicherzugehen, dass er sich nichts davon einbildete.

Ihre Hand ging weiter auf Wanderschaft, streifte nun über seinen Bauch und fuhr weiter nach oben. Da er mit dem Anziehen beschäftigt war und nicht unterbrechen wollte, versuchte er ihre Berührungen mehr oder weniger zu ignorieren und schaffte es einigermaßen.

Als beide Arme ordnungsgemäß verstaut waren, zog er vorne an ihrer Jacke, um sie abschließend zu justieren. Er hatte ihre träge Reaktion nicht bedacht und sie mit seinem abrupten Ruck ebenso wenig, denn anstatt sich entgegenzustemmen oder stehenzubleiben, prallte sie gegen ihn.

»Hoppla«, entfuhr es ihr, dann kicherte sie. Sie stützte sich mit beiden Händen an seiner Brust ab und er konnte ihre kalten Finger durch den Pullover spüren. Die Gänsehaut ließ ihn kurz erschaudern. Sie starrten sich wenige Sekunden an, es fühlte sich jedoch viel länger an. Ihre Hände wanderten unter der Jacke von seiner Brust über seine Flanken nach hinten. Sie standen sich so nah, dass höchstens ein Buch zwischen sie gepasst hätte.

Er konnte ihren wodkaangereicherten Atem überdeutlich wahrnehmen. Im nächsten Moment hatte sie ihren Kopf an sein Schlüsselbein gelehnt und hauchte zarte Küsse auf seinen Hals.

Himmlisch!

Ihre Lippen waren warm und standen im krassen Gegensatz zu ihren Händen, was ihn nun völlig aus der Fassung brachte. Diese wunderschönen, geschwungenen Lippen, die er beim Essen noch unauffällig gemustert hatte.

Mike wusste nicht, wie ihm geschah, für den Bruchteil einer Sekunde kam es ihm so vor, als wäre er der Betrunkene.

Dennoch war sie die Angesäuselte und das konnte jeder Außenstehende deutlich erkennen. Es fühlte sich unfassbar gut an. Gegen jegliche Vernunft genoss er es einen Moment und ließ es geschehen.

Das letzte Mal, als eine Frau ihn auf diese Weise berührt hatte, war geraume Zeit her. Genau konnte er sich nicht mehr erinnern, er wusste nur, dass es im Sommer war. Fazit: Verdammt lange her.

Laura nahm seinen Duft und seine Wärme wahr. In diesem Moment sehnte sie sich nach Zuneigung. Sie spürte, dass ihr Körper kalt war, nahm es durch ihren Zustand nur unterschwellig wahr. Ihr Hände folgten einem Automatismus, den sie nicht wirklich kontrollieren konnte. Aber sie wollte es auch nicht, denn es war mehr als nur angenehm.

Sie rieb nun mit ihrer Nasenspitze über die Haut an seinem Hals und Kinn, gleichzeitig hörte er, wie sie tief einatmete. Als ihm schließlich in vollem Umfang bewusst wurde, was hier geschah, drückte er sie langsam, aber bestimmend an ihren Schultern von sich. Als Laura eine Armlänge von ihm entfernt war, ließ er seine Hände sinken. Sie hob ihren Blick und darin lag etwas, dass er nicht wirklich deuten konnte.

Er schüttelte den Kopf. Für solche Aktivitäten kannte er sie zu wenig und zudem waren sie mitten auf einem Autobahnparkplatz.

Sie trat erneut auf ihn zu und zog ihn an seinem Pullover an sich. Im Fahrzeug waren sie keinen Meter voneinander entfernt und doch waren sie sich jetzt so nah wie noch nie. Ihr Körper schmiegte sich an seinen und er spürte ihre weichen Rundungen auf seiner festen Brust. Erneut war er wie erstarrt. Weder wehrte er sich, noch erwiderte er ihre Berührungen. Und dann gingen ihre Hände abermals auf Entdeckungstour. Diesmal wanderten sie allerdings in südliche Richtung und dann schellten bei ihm sämtliche Alarmglocken.

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9783754180976
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