Kitabı oxu: «Der Teufel ist blond»
Susann Teoman
Der Teufel ist blond
Saga
Der Teufel ist blondCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 2008, 2019 Susann Teoman und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726255546
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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1. Der Heiratsantrag
Seien wir doch mal ehrlich. Klamotten sind eine ernst zu nehmende Angelegenheit!
Letztes Jahr zu Weihnachten beispielsweise ist Tom losgezogen, um mir ein ganz besonderes Geschenk zu kaufen.
Mit freudig geröteten Wangen stand er vor dem Tannenbaum und sah mir beim Auspacken zu. Ich hoffte so sehr auf die schicke Gucci-Lederjacke, die ich ihm neulich gezeigt hatte, dass ich den Karton vor lauter Eifer beinahe in den Kamin fallen ließ, als er ihn mir überreichte. Mit klopfendem Herzen riss ich das hübsche Geschenkpapier vom Karton, öffnete den Deckel mit vor Aufregung klammen Fingern und schob das Seidenpapier beinahe ehrfürchtig beiseite. Ich runzelte angestrengt die Stirn. Es war kein Gucci in dem hübschen Paket.
Im Nachhinein frage ich mich noch immer, ob es meine Schuld war, dass er mich für »Roseanne« hielt. Klar, ich habe nun einmal meine Problemzonen, wie jede Frau, aber trotzdem trage ich Kleidergröße sechsunddreißig/achtunddreißig, das sieht doch wohl jeder! Okay, unten herum passt eine achtunddreißig so gut, dass ich manchmal auf eine Größe vierzig zurückgreife.
Jedenfalls beförderte ich aus dem schicken Karton eines elend teuren Ladens ein Zweimannzelt mit gelben und violetten Streifen.
Links unten prangte in fetzigem Schriftzug das Designerlabel, aber das machte die Sache auch nicht besser.
»Und?«, hatte Tom aufgeregt gefragt, »Gefällt es dir?«
Mehr als ein »Ähm ...« brachte ich nicht heraus, weil ich versuchte herauszufinden, was das für ein Ding war.
»Das ist ein Kleid«, half er mir schließlich weiter.
Darauf wäre ich wirklich nie im Leben gekommen.
»Nett, ehrlich, ist toll«, versicherte ich ihm hastig und musterte unauffällig das Etikett, auf dem die Konfektionsgröße vermerkt war.
Achtundvierzig!
»Zieh es doch mal an!«, bat Tom mit Dackelaugen, und ich versuchte auch, ihm den Gefallen zu tun. Es ist nur schwer, ein Kleid von der Größe eines Fallschirms auf dem Körper zu behalten.
»Passt wie angegossen«, strahlte ich ihn herzlich an, während Tom immer röter wurde und nachdenklich meinen abgestreiften, hautengen Rolli in die Hände nahm.
»Äh, ich dachte, besser man kauft es groß, dann hast du mehr Platz«, wand er sich zaghaft.
Platz wofür?, fragte ich mich. Um damit vom Kölner Dom zu springen?
Seither habe ich jedenfalls keine Kleider mehr von Tom geschenkt bekommen, was ich schade finde. Irgendwann hätte er den richtigen Weg beziehungsweise die richtige Konfektionsgröße schon gefunden, da bin ich mir sicher!
Tja, so war das damals. Und jetzt muss ich für unser Essen sofort einen tollen Fummel zum Anziehen finden, weil Tom mich gleich fragen wird, ob ich ihn heiraten möchte. Davon bin ich jedenfalls überzeugt. Anders kann ich mir seinen Anruf nicht erklären. Kaum ist er wieder auf Kölner Boden gelandet, da ruft er mich auch schon an und erklärt, er hätte etwas Wichtiges mit mir zu besprechen und zwar sofort! Naja, man muss kein Einstein sein, um zu wissen, was er mir sagen will, oder? Immerhin sind wir schon ziemlich lange zusammen und das wäre der nächste, logische Schritt.
Der Kleiderschrank betrachtet mich mit anklagend aufgerissener Schnauze.
Ich bin noch immer genauso weit wie vor einer Stunde. Was soll ich anziehen?
Lassen wir das erst einmal, ich werde mich erst um meine strohblonden Haare kümmern, denn die sind inzwischen knochentrocken. Das sind sie auch dann, wenn sie nass sind. Stahlwolle wird ja bekannterweise nicht richtig nass.
Ich bin übrigens eine Kreuzung aus Whitney Houston, Madonna und Carrie aus Sex and the City, nur mal so nebenher bemerkt. Nicht, dass ich ihre besten Attribute teile! Im Gegenteil, meine Haare wirken enorm afroamerikanisch, ich bin haargenau so klein wie Madonna und besitze deshalb, genau wie Carrie, eindeutig zu viele, zu teure Schuhe mit viel zu hohen Absätzen.
Auf dem Spülkasten im Badezimmer liegt das niegelnagelneue Glätteeisen Clairol 2034, das laut Packungsaufschrift eigens für besonders störrische Haare entwickelt wurde. Das habe ich noch nicht ausprobiert und deshalb natürlich sofort gekauft. Und ich habe in meinem Leben schon eine ganze Menge versucht, um meine Haare zu glätten.
Als kleines Mädchen habe ich beispielsweise einmal auf dem Friedhof zur Walpurgisnacht eine Serie von Hexentänzen im Mondschein veranstaltet, von denen ich in einem Buch gelesen hatte. Meine beste Freundin Mia war natürlich dabei, wie immer völlig wider Willen und schlotternd vor Angst. Dieses etwas unorthodoxe Mittel der Haarglättung hätte vielleicht auch geholfen, wenn wir nicht eines Nachts vom Friedhofswächter verfolgt und dann auf die Polizeiwache geschleppt worden wären, wo man uns eindringlich ins Gewissen redete. Meine Mutter und Mias Vater holten uns dann ab und danach durfte Mia eine ganze Weile nicht mehr bei mir übernachten.
Sieben plattgequetschte Strähnen weiter riskiere ich einen angestrengten Blick auf meine Armbanduhr. Mensch, dauert das lange! Aufgeben kommt für mich aber nicht mehr infrage, zumal eine Seite nun matschiger ausschaut als die andere und ich so nicht vor die Tür gehen kann. Aber wozu bin ich schließlich Frau? Multitasking ist gefragt! Mit einer Hand klemme ich mir fix eine weitere Strähne ins Glätteeisen, und mit der andern Hand schminke ich mich. Na bitte, wer sagt’s denn!
Ich überlege weiterhin, was ich anziehen könnte.
Etwas, das meine Kehrseite kaschiert, wäre vielleicht empfehlenswert. Mein Körper ist okay, ich sehe wirklich ganz gut aus. Nur unterhalb der Taille bin ich vielleicht normaler als beispielsweise Heidi Klum. Ich habe nämlich einen rechtwinkeligen Po. Manchmal habe ich das Gefühl, er läuft einen Meter hinter mir her und ich muss aufpassen, dass ich ihn nicht in den Türspalt klemme, wenn ich einen Raum betrete und die Tür schließen will.
Während ich eine neue Strähne in das Haarbügeleisen zwänge, lackiere ich mir mit der freien Hand die Fußnägel. Ich puste sie trocken und halte plötzlich inne. Ich schnüffle angestrengt. Merkwürdig riecht es hier. Meine Nachbarin kocht sicher wieder eine perverse Köstlichkeit wie geräucherten Pansen für ihren Rottweiler. Ich schenke dem Geruch keine weitere Beachtung.
Irgendwie riecht es hier nun doch stärker ... nach etwas Verbranntem ... das ist doch nicht ... Mistmistmist!
Habe mir eine Haarsträhne abgeflammt! Hektisch haue ich mir auf den Kopf und hoffe so, die Rauchschwaden, die von meiner Kopfhaut emporschweben, zu ersticken. Ich muss husten und meine Augen tränen, als hätte ich gerade hundert Kilo Zwiebeln geschält. Endlich lässt der Qualm ein wenig nach. Kritisch beäuge ich mich im Spiegel und atme tief ein. Ob Tom die paar frisch verbrannten Stoppeln wohl bemerkt? Es schwelt noch immer. Wusste gar nicht, dass verbrannte Haare so intensiv stinken können. Was soll’s! Bei so vielen Haaren fällt die eine Strähne mehr oder weniger bestimmt nicht auf.
Schon Viertel vor acht!
Nur mit meinem knallrosa Glückstanga bekleidet, renne ich zurück in das Krisengebiet Schlafzimmer und luge sehr viel panischer als eben in den Kleiderschrank. Die Zeit rast wie Schumi zu Glanzzeiten. Langsam wird’s eng. Und noch immer kein passendes Kleidungsstück in Sicht.
Mein Blick bleibt an dem hübschen Seidenkleid hängen, das ich ursprünglich für Mias Hochzeit gekauft hatte. Aber sie hätte ja wohl nichts dagegen, wenn ich meinen eigenen Heiratsantrag in diesem Outfit entgegennehme, oder? Ich meine, ich werde es ihr ganz sicher nicht verraten. Also her damit!
Obwohl sie es sicher herausfinden und mich dann vorwurfsvoll mit langem Gesicht ansehen wird. Wenn ich ihr morgen erzähle, dass Tom mir einen Antrag gemacht hat, wird ihre nächste Frage nämlich sofort lauten: »Was hattest du an?«
Immerhin gehört das als Modedesignerin zu ihrem Job. Dann müsste ich es ihr erzählen, denn ich lüge grottenschlecht. Leider werde ich unter meinen Zillionen Sommersprossen nämlich sofort rot wie ein Zimtbonbon, wenn ich es versuche.
Nervös kaue ich auf meiner Unterlippe herum.
Ein Blick in den Spiegel mahnt mich, das gefälligst sein zu lassen, solange ich das kaffeebraune Gloss trage, es neigt leider dazu, stark über die Konturen zu quellen, so dass ich aussehe, als hätte ich meinen Unterkiefer in ein Stück Schokoladensahnetorte vergraben.
Zehn nach acht.
Cool bleiben. Ob ich das »Ja« sagen üben muss? Kann nicht schaden. Ich durchquere mein Wohnzimmer, um mir den Taschenspiegel aus der Kommodenschublade zu holen. Das geht schnell. Ich bin schließlich stolze Mieterin einer Nuklearwohnung. Für das ganze »Durchqueren« braucht man nur drei Schritte, dann muss man eine Kehrtwende machen, wenn man sich weiter bewegen will. Ich nenne mein Heim deshalb kurz den Schuhkarton, denn viel mehr kann man hier auch nicht hineinstellen. Alles, was ich an Möbeln besitze, ist von mir persönlich überarbeitet worden. Manche Stühle waren verschrammt und der Couchbezug war an den Lehnen speckiger als die Sitzfläche, aber Mia und ich haben genäht, ausgebessert, gemalt und lackiert und das Ergebnis ist außerordentlich fröhlich.
Naja gut, auf manche Möbel darf man beim Sitzen nicht das ganze Gewicht verlagern. Ich sehe das nicht so eng. Auch die Tatsache, dass der Tisch wie ein besoffener Matrose hin- und herschunkelt, wenn man die Gabel zu kräftig auf den Teller piekst, und ich deshalb unter dem linken unteren Tischbein eine Anti-Wackelvorrichtung aus »Marie Claire« Schnipselchen zusammengebaut habe, die im Übrigen prima funktioniert, und dass die Stühle alle verschieden sind, stört mich nicht, im Gegenteil. Ich finde, jedes Stück hat einen eigenen Charakter und ein gewisses, unverwechselbares Flair.
Wo bleibt Tom nur?
Dass Männer warten müssen, ist ja klar, das gehört zum guten Ton. Eine Frau, die etwas auf sich hält, verspätet sich mindestens um zehn, besser fünfzehn Minuten. Männer sind daran gewöhnt. Aber ein Mann hat einfach pünktlich zu sein. Vor allem bei so wichtigen Verabredungen wie heute.
Tom ist übrigens genauso pünktlich, wie seine Wohnung hochmodern eingerichtet ist. Sagt er. Ich finde seine Bleibe nur entsetzlich groß und entsetzlich leer. Wie eine große, graue Wüste. Außerdem ist seine Nachbarschaft der reinste Auswurf der Hölle. Toms Nachbarn sind unsichtbar. Sie zeigen sich nicht. Niemals. Dass es sie überhaupt gibt, merkt man nur daran, dass sie die Bullen rufen, wenn wir gerade ausgelassen Spaß im Bett haben. Neeee, danke! Da lobe ich mir Molly von oben, die, die ihrem Rottweiler »Püppi« immer so komisches Zeug kocht. Lästermolly, die eigentlich Molly Beckmann heißt, hat den Vorteil, dass man sie auch mal ordentlich anbrüllen kann, wenn man mal wieder Dampf ablassen will und sie oder ihr Köter glücklicherweise auch noch etwas angestellt haben, was ohnehin meistens der Fall ist. Das ist besser als Tae-Bo, wenn man Frust abbauen muss.
Ich klappe den Taschenspiegel auf und lächele mir strahlend zu.
»Ja!«, hauche ich geziert.
Das klingt total bescheuert. Das muss natürlicher werden.
»Ja, ich will!«, rufe ich energisch. Also so geht das auch nicht. Das hört sich zu sehr nach Lackleder und Reitpeitsche an.
Zum tausendsten Mal schiele ich durch das Fenster auf die Straße. Kein Tom ist in Sicht. Mit schweißnassen Fingern fahre ich über meine kostbare Frisur.
Es wäre so viel leichter gewesen, den Haarbusch, wie immer, oben auf meinem Kopf mit der riesigen Spange, die wie die überdimensionale Feder aus der Matratze eines Nationalbasketballspielers aussieht, zusammenzustecken. Schließlich ist es ja Sommer. Ob ich das noch schnell tun sollte?
Die Türklingel schreckt mich vom Sofa.
Ein letzter gehetzter Blick in den Spiegel: Kein Lippenstift auf den Zähnen? Wimperntusche noch intakt? Liegen die Haare noch? Alles in Ordnung. Atmen, Lisa, atmen!
Die Tasche nicht vergessen. Noch einmal tief durchatmen und dann möglichst lässig die Treppen hinuntergehen. Nein, halt, schnell noch mal Mundspray benutzen. Wie man wohl darauf kommt, dass das Zeug beim Küssen angenehme Assoziationen auslöst? Schmeckt mehr nach Zahnarzt, Bohrer und Wurzelbehandlung.
Cool bleiben. Niemand frisst dich, also stell das alberne Zittern auf der Stelle ab. Ein Heiratsantrag ist das Normalste auf der Welt. Wenigstens fünfzig Prozent aller Frauen wissen, wie es ist, einen Heiratsantrag zu bekommen. Ganz bestimmt war jede einzelne davon vorher höllisch aufgeregt, immer vorausgesetzt, sie ahnten, was da auf sie zukam.
Tom steht im Licht der untergehenden Junisonne an die Tür seines blauen Geländewagens gelehnt und telefoniert. Sein Gesicht hat einen angestrengten Ausdruck, er bemerkt mich zunächst nicht.
Wenn Tom länger weg ist, neige ich irrsinnigerweise dazu, zu vergessen, was für eine Wucht er eigentlich ist. Natürlich würde ich ihm das nie offen ins Gesicht sagen, das tun nur weich gekochte Frauen. Die, die während sie Sex haben gedanklich eine Einkaufsliste für den nächsten Tag zusammenstellen, um ihren Schatz zu verköstigen, und darüber nachdenken, welches Öl er gerne für seine Massage hätte, die sie ihm gleich anbieten. Wir hartgesottenen Beziehungsprofis lassen uns nicht zu so erniedrigenden Gesten verleiten! Jedenfalls nicht so schnell.
Ich finde es besonders süß, dass erst seine Grübchen und seine Augen lächeln, bevor sein Mund es tut.
»Hallo, kleine Hexe!«, grüßt Tom vorlaut.
Oberflächlich gesehen, ist er ja das stereotypische Beispiel eines Spießers wie aus der »Zeitschrift für Bürohengste«. Stets ist er hinter Karriere und Geld her und folgsam wie ein Lamm, wenn sein Chef etwas von ihm will. Ansonsten ist er Gott sei Dank nicht auf den Mund gefallen. Muss zugeben, es gefällt mir, wenn ein Mann sich gegen meine Verbalattacken verteidigen kann. Bisher war das bedauerlicherweise nicht der Fall.
Ich setze gerade zu einer schlagfertigen Antwort an, als er mir den Mund mit einem herrlichen, bartstoppeligen Kuss versiegelt. Okay, das mit der Antwort hat auch Zeit bis später.
»Hast du mich vermisst?«, fragt er leise.
Schelmisch schnuppert er an meinem Hals.
Ich lieeebe es, wenn jemand meinen Hals beschnuppert! Das ist sozusagen meine erogene Zone. Wenn ich da beschnuppert werde, werde ich zur reißenden Löwin. Eigentlich könnte man ... gleich hier ...
Ein älteres Ehepaar spaziert an uns vorbei. Die Oma hat ein faltiges Gesicht wie ein Basset, zieht ihre Millionen Falten kraus und rügt: »Ts, ts, ts! Die sollten sich wirklich schämen. Und das mitten auf der Straße!«
»Wir sollten uns lieber verdrücken«, zwinkert Tom mir verschwörerisch zu.
Na gut, ich kann warten. Hat auch seine Vorteile, wenn wir erst nach dem Antrag über einander herfallen, dann gerät meine Frisur wenigstens eine Zeit lang nicht in Unordnung.
Verglichen mit meinem Suzuki Alto, Baujahr 1983, ist Toms Jeep der pure Luxus. Meine Suzi hingegen ist ein echtes Traditionsfahrzeug mit Kultstatus. Mama hat sie mir zum Abi geschenkt, da war sie gerade mal zehn und noch rüstig unter der knallroten Motorhaube. Der Wagen natürlich, nicht meine Mama.
Mia und ich wollten sofort eine Landpartie unternehmen und fuhren aufgeregt schnatternd los. Nach einem kurzen Tankstopp konnte die vierstündige Fahrt beginnen. Abenteuerluft wehte um unser feuerrotes Mobil, und mit glänzenden Augen saß Mia mit zusammengefalteten Beinen und einer Landkarte ausgerüstet neben mir, bis wir nach einer Viertelstunde notgedrungen den Seitenstreifen anfahren mussten. Der Tacho zeigte an, dass Suzi gestillt werden wollte. Aber sie hatte doch eben erst eine volle Mahlzeit zu sich genommen!
Okay, sie war vielleicht nicht die Jüngste, aber auch die anderen Blechsenioren, die gediegen an uns vorbeirauschten, fraßen nicht so viel und fuhren erheblich schneller. Mia schaute mich ängstlich an und ich musste vor lauter Schreck wieder einmal Pipi. Ich schaltete das Warnblinklicht an und beauftragte Mia, das Warndreieck hundert Schritte hinter Suzi aufzustellen.
Mia, die wie Rübezahl in der Schubkarre eines Gartenzwergs auf ihrem Sitz eingeklemmt war, hatte alle Mühe, ihre langen Beine aus Suzis engem Innenraum zu schwingen. Ich lächelte ihr aufmunternder zu, als ich mich eigentlich fühlte, dann stieg ich aus, klappte die Motorhaube hoch und untersuchte angestrengt Suzis Gedärme.
Sah alles ganz normal aus, mal abgesehen davon, dass ich noch nie mit einem Auto so intim gewesen war und folglich null Ahnung vom Innenleben eines Fahrzeuges hatte. Ratlos klappte ich die Haube wieder zu. Da winkte mir schon Mia.
Der Tankdeckel fehlte!
Hatte wohl vergessen, ihn draufzuschrauben, als ich tanken war, kann ja passieren. Aber weiterfahren wollte ich nicht, wer weiß, vielleicht würde Suzi ja explodieren, und ich wollte ihre Gesundheit nicht unnötig aufs Spiel setzen. Ratlos schauten Mia und ich uns an. Zufällig schweifte mein Blick über den prall gefüllten Picknickkorb und schon schnappte ich mir ein Brötchen, wickelte es in zwei Plastiktüten und stopfte es in das Tankloch. Der improvisierte Korken hielt, was er versprach, und so hatten Mia, ich und Suzi unseren Ausflug erfolgreich gerettet. Suzi und mich verbindet deshalb eine echte Freundschaft, immerhin habe ich ihr Leben gerettet und trage nun die Verantwortung dafür. Ich kann sie also nicht einfach so verkaufen und gegen ein jüngeres Modell eintauschen.
Wir verlassen den Stadtverkehr.
Ich sehe schon, dass wir zu Carmelitas fahren, denn ab hier gibt es nur noch öde Pampa und dieses exklusive, spanische Restaurant Carmelitas.
Zu Carmelitas kommt man, wenn man einen besonderen Anlass feiert oder wenn man prominent und stinkreich ist, wenn man ein Mann ist und seine neueste Eroberung beeindrucken will oder wenn man ohne besonderen Grund protzen will, dass die Wände wackeln.
Hierher hatte Tom mich übrigens auch ausgeführt, als wir uns das erste Mal verabredet hatten. Meine mit schlechtem Gewissen geheuchelten »Ohs«, »Ahs« und »Wie wünderschöns« haben ihn damals vielleicht mehr beeindruckt, als mir lieb war.
Das Restaurant ist im Modern-Country-Stil eingerichtet.
So nennt man das, wenn alles neu ist, aber alt aussehen soll, also wie der Schuhkarton, nur umgekehrt. Ist nett hier, muss man sagen. Der hell erleuchtete, bogenförmige Eingang wird links und rechts von überdimensionalen Weidenkörben mit bunten Sommerblumen gesäumt, die nach Sonne und Wiese duften. Ein Kellner mit Fliege und Frack begrüßt uns und führt uns an unseren Tisch. Auch der Tisch ist mit Blumen dekoriert, mit wilden Rosenränkchen, die sich an den Tischkanten entlangschlängeln und Mohnblumen, weißen Freesien und Margeriten. Ich liebe Blumen!
Der Kellner ist untersetzt, hat eine glänzende Halbglatze und einen beachtlichen Bauch, den er wie eine Kanonenkugel ächzend vor sich her schiebt. Der kleine schwarze, halbkreisförmige Haarring, der seinen kahlen Kopf umrahmt, ist mit erschreckend kräftigen, schwarzen Löckchen bestückt. Ich will gar nicht wissen, wie sein Rücken aussieht, sonst vergeht mir der Appetit. Sein langer, wie eine Stimmgabel vibrierender und sorgfältig nach oben gezwirbelter Schnurrbart zittert leicht, während er spricht. »Oh, Señorrrrrita, bitte warrrten Sie, isch helfe Ihnen.« Eilfertig schiebt er meinen Stuhl ein wenig zurück und rückt ihn, nachdem ich rittlings auf die Stuhlfläche geplumpst bin, wieder etwas an den Tisch heran, wobei ich ehrlich von seiner Behändigkeit erstaunt bin. Der Mann ist gar nicht so unfit, wie er aussieht, das muss man ihm lassen.
Auch Tom setzt sich, er lächelt leicht.
»Was wünschen die Herrrrrschaften als Aperrrritif?« Der Kellner, seinem Namensschildchen zufolge heißt er Juan, zückt seinen Kuli und seinen Notizblock und wartet höflich.
Tom strahlt. »Bitte, bringen Sie uns eine Flasche Champagner.« Der Kellner lacht dröhnend und meiner Meinung nach völlig grundlos und erwidert mit seinem rollenden Deutsch: »Si, Señior, gerrrne.«
Champagner! Er will mir also tatsächlich etwas Besonderes mitteilen! Ich wusste es!
Juan gleitet lautlos wie ein Jedi-Ritter in Richtung Küche davon.
»Wie war es denn so in New York?«, hauche ich mit interessiertem Augenaufschlag.
»Naja, anstrengend.« Sein Grinsen wirkt müde.
Während wir genüsslich an unserem Champagner nippen, mustere ich ihn beiläufig. Etwas stimmt nicht. Ich kann den Finger nicht darauf legen, aber etwas ist anders an Tom. Woran liegt das nur? Jetlag? Ärger mit der Familie? Vielleicht war es nur die lange Geschäftsreise. Ob er mich jetzt gleich fragt oder bis zum Dessert wartet? Gespannt streiche ich mir eine Locke aus der Stirn und beschließe, ihm Zeit zu lassen.
»Habe ich dir eigentlich schon gesagt, wie bildhübsch du heute Abend aussiehst?«
»Danke.«
Jetzt nimmt er meine Hand, dreht sie um und küsst sanft die weiche Innenfläche. Huuuuuuuu! Wonnnig! Vier Wochen abstinente Bettruhe machen sich lautstark bemerkbar.
»Du bist auch nicht übel, Süßer!« Verlockend klimpere ich mit den Wimpern. Tom lacht belustigt.
»Was ich an dir am meisten liebe, ist, dass du dich einfach nicht verstellen kannst!«
Er meint, ich kann nicht lügen. Aber das hatten wir ja schon.
»Wen habe ich da am Telefon eigentlich eben abgewürgt?«, wechsele ich das Thema deshalb schnell.
»Ach, das war nur Mama.« Tom macht eine wegwerfende Handbewegung. »Meine Cousine Maria heiratet demnächst, und das ist natürlich ein Grund für sie, mich über unsere Zukunftspläne auszuquetschen.«
»Aha.«
Unsere Zukunftspläne, Ahaa Aahaaaaaa!
Ich halte für einen Moment die Klappe. Was kann man denn dazu noch fragen? Etwa so etwas wie: »Wie sehen unsere Pläne für die Zukunft denn aus?« Ist mir zu klischeehaft. Total unter meinem Niveau.
Immerhin will er mir einen Heiratsantrag machen und nicht umgekehrt. Das heißt doch, dass er eine Vorstellung davon haben muss, wie unsere gemeinsame Zukunft aussehen soll.
Komm schon Tommy, ich mache es dir auch leicht, Ehrenwort! Männer kapieren ja leider nicht immer ganz so schnell. Besser, ich gebe ihm ein Stichwort in Richtung Heirat oder Hochzeit, dann muss er ja nur noch so etwas wie: »Apropos heiraten ...« sagen und schwups! ist die Frage auch schon aus dem Sack. Eigentlich supersimpel. Sollte sogar ein Mann verstehen.
Ich will andererseits nichts übereilen. Irgendwo spielt ein Piano in der hintersten Ecke eine fröhliche Melodie und die letzten Vögel des Tages verabschieden sich mit leisem Gezwitscher. Wenn man genau darüber nachdenkt, ist die Stimmung für einen Heiratsantrag genau richtig. Romantisch und eine Spur kitschig.
Tom erzählt von seinem Job, und ich gebe mir redlich Mühe, eine aufmerksame Zuhörerin zu sein.
Leider verstehe ich nicht die Bohne von Wirtschaftsindex, innerbetrieblichen Controllingprozessen, Bilanzen, Marktanalysen, Assets und Cashflow. Deshalb nicke ich nach kurzer Zeit nur noch mechanisch und frage mich, wann wir uns wirklich unterhalten werden.
Die Minuten quälen sich zu einer Viertelstunde dahin. Mein Magen zieht sich hörbar zusammen, was Tom nicht im Geringsten stört. Jetzt werde ich unaufmerksam und auch ein wenig zappelig, die Stillettos sind eng und unbequem, und ich kann förmlich fühlen, wie meine Knöchel anschwellen. Ich puste mir eine Locke aus den Augen und wartete auf eine passende Gelegenheit, Tom ein Stichwort zu geben, das ihn wieder auf den Teppich bringt und ihm beim Erinnern an den Zweck unserer Zusammenkunft hilft. Aber er quatscht entspannt über Börsenkurse und Aktien weiter, froh, eine aufmerksame Zuhörerin zu haben. Soso, dann sollte ich vielleicht doch etwas direkter werden.
»Weißt du schon, dass Mia und Alex auch bald heiraten werden?«
Völlig unsinnig im Zusammenhang mit DAX und Co ist diese Bemerkung ja eigentlich nicht, denn Alex, Mias Verlobter, ist Broker. In unserem Freundeskreis wird Mias Antrag in den schillerndsten Farben weitergetratscht. Diese Fassung sieht so aus:
Alex hatte Mia aus ihrem Atelier abgeholt und dann saßen die beiden plötzlich in einem Flugzeug. Mia wusste nicht einmal, wohin es geht, bis sie im Flieger saßen. Als sie dann auf Hawaii landeten, wurden sie von einem weißen Cabrio abgeholt, das sie an irgendeinen abgelegenen Strand fuhr. Auf Hawaii ging gerade die Sonne unter und am Strand hat sich Alex dann niedergekniet, ja, so richtig runtergekniet, man stelle sich das vor! und hat Mia gebeten, seine Frau zu werden. Waaahnsinnig romantisch, oder?
Das ist die offizielle Version ihres Heiratsantrages.
Nur ich weiß, wie es wirklich war.
Alex hatte Mia wirklich von ihrem Atelier abgeholt. So weit stimmt alles.
Dann hatte er sie an den Heiderbergsee in Brühl gefahren und dort haben sie dann auf der Wiese gesessen und sich gesonnt. Irgendwann meinte Alex dann: »So, Schatz, du kannst ja dann schon einmal anfangen, eine Liste zu machen.«
»Liste?«, fragte Mia verständnislos.
»Ja, für die Hochzeit.«
Mia hat zehn Minuten gebraucht, bis sie verstanden hatte, dass dies ein Antrag gewesen ist.
»War das etwa deine Art, mich zu bitten, deine Frau zu werden?«, fragte sie nach einer Weile entsetzt.
Alex hatte ihr nur beruhigend die Hand getätschelt. »Ja.«
Mia schwieg. Aber sie verstand, dass sie einem Heiratsantrag nicht mehr näher kommen würde. Also hat sie am nächsten Tag die Liste begonnen.
Das heißt nicht, dass Alex und Mia sich nicht lieben. Das ist doch nur wieder ein Beispiel dafür, dass die meisten Männer hoffnungslos pragmatisch und unromantisch veranlagt sind. Die können gar nichts dafür!
»Nein, ich wusste nicht, dass er sie schon gefragt hat«, antwortet Tom mit hochgezogenen Brauen.
»Tja, er hat ihr sogar einen traumhaft schönen Heiratsantrag gemacht«, belehre ich ihn. Er schaut etwa so vergnügt wie die toten Krabben an meinem Tellerrand.
»Jaja, echt toll«, murmelt er verdrießlich.
Mein Gott! Ob ich ihn damit verschreckt habe?
»Und nun planen sie eine gigantische Feier, wird sicher lustig«, fahre ich deshalb unsicher fort.
» Hmmm ... wirklich interessant ...«, grummelt Tom abwesend.
Ich Vollidiotin! Jetzt wird er ganz bestimmt nicht mehr mit der Sprache herausrücken.
Oder?
Endlich kommt der Hauptgang.
Bei dem herrlichen Duft jubelt mein Magen hörbar auf, und Tom, der dies gehört hat, lässt wieder seine Grübchen spielen, weil ich mich in Sekundenschnelle in eine Tomate verwandle. Peinlich.
Ich neige leider dazu, mich ständig zu blamieren. Das ist genetisch bedingt, genau wie der rechtwinkelige Po. Ich kann da gar nichts dafür, ehrlich. Mama ist an allem Schuld.
Mama heißt Jessica Teufel, und als sie mich bekam, war sie gerade einmal neunzehn Jahre alt.
In den Siebzigern war sie ein Hippie und folglich sind wir uns auch nicht wirklich darüber im Klaren, wer mein Vater sein könnte. Die Liste der zeugungsfähigen Männer, mit denen Jessica Teufel, stoned von etlichen Joints, Sex gehabt haben könnte, ist ellenlang. Natürlich hat sie sich auch nie die Mühe gemacht, Recherchen anzustellen. Warum auch? Ich war »ihr kleiner Engel« und das reichte ihr. Mir auch. Jedenfalls bis ich in den Kindergarten kam. Da fiel mir zum ersten Mal auf, dass die anderen Kinder immer denselben Mann »Papa« nannten. Mein Papa wechselte hingegen mindestens jährlich, wenn nicht öfter. Ich habe mich bis dahin nur darüber gewundert, wie es sein kann, dass es so viele Männer auf der Welt gibt, die mit Vornamen »Papa« heißen.
Mama ist eine ältere Fassung von mir. Leider.
Das bedeutet, dass meine Chancen, irgendwann ein normaler Mensch zu werden, gleich null sind. Wieder leider.
Jessica Teufel ist selbst jetzt noch eine Venusfliegenfalle. Die Männer haben an ihr geklebt wie Fliegen am Kuhfladen.
Das ist noch immer so. Irgendwie hat sie es geschafft, immer noch wie Anfang vierzig auszusehen, obwohl sie eigentlich bald fünfzig wird.
Als Teenager fand ich das nicht besonders toll. Wer will schon eine Mama haben, die sexy ist?
Die Jungen in meiner Klasse haben reihenweise gesabbert, wenn Frau Teufel in einer hautengen Jeans, die ihre perfekten Beine und den neunzig-Grad Po vollends zur Geltung brachte, und in einem sexy Shirt zur Schule kam, um mich abzuholen. Widerlieh.
Ich habe mir immer eine Mutter gewünscht, die daheim Kuchen backt und mir bei den Mathe-Hausaufgaben hilft. Kein Gedanke! Wenn ich Mama gefragt habe, ob sie mir bei den Hausaufgaben helfen kann, hat sie mir nur mitleidig den Kopf gestreichelt und gesagt: »Mäuschen, da musst du allein durch.«
Deshalb habe ich auch Kunst studiert. Weil ich in Mathe derart schlecht war, dass Mia mich nur mit Mühe und Not vor dem Sitzen bleiben bewahren konnte.
Seit einer Stunde hocken wir schon hier, haben bisher nur gehungert, getrunken (mir dreht sich schon leicht der Kopf, um ehrlich zu sein) und uns mit Dingen vollgequatscht, die entweder mich oder ihn nicht sonderlich zu interessieren scheinen. Allmählich fühle ich doch eine leichte Ungeduld aufkommen. Warum rückt er nicht endlich mit der Sprache heraus?
Aufgebracht werfe ich mein Haar zurück. Nun habe ich ihm schon so eine tolle Chance gegeben, und er dreht nur verlegen seine Gabel in der Hand herum! Mensch Meier! Der ist doch sonst nicht so schüchtern! Vielleicht muss ich ihm nur noch ein wenig Zeit geben. Andererseits scheint die Zeit nur so davon zu galoppieren.
»Sofort essen, mit der Auf-die-Uhr-Glotzerei aufhören und Schnauze halten!«, befehle ich mir streng und beginne, mein Pfeffersteak zu zerschneiden.
»Lisa«, sagt er plötzlich sehr leise und sehr ernst in die spannungsgeladene Stille hinein.
Vor lauter Schreck verschlucke ich mich an dem Stück Fleisch, das ich gerade im Mund habe und beginne heftig zu husten und zu würgen, so heftig, dass ich auf dem spiegelnden Griff meines Messers sehe, wie ich rotviolett anlaufe und meine sorgfältig gestylte Mähne sich unvorteilhaft aufplustert.
Männer! Konnte er denn nicht bis zum Kaffee oder wenigstens bis zum Dessert warten? Da habe ich mich so auf diesen wichtigen Moment gefreut und nun überrascht er mich mit einem riesigen Stück Kuh im Mund, das verdammt noch mal nicht runterrutschen will. Man stelle sich die Schlagzeile vor: »Frau von Kuh ermordet«. Wie ein geölter Blitz eilt Kellner Juan herbei und reicht mir ein Glas Wasser, das ich mit einem Zug hinunterspüle. Welche Wohltat! Ich fühle, wie der Happen Fleisch sich langsam seinen Weg hinunter durch die Speiseröhre erkämpft. Auch Juan scheint erleichtert, zumal er nun doch keinen Krankenwagen bestellen muss und trabt froh wieder von dannen. Vor lauter Husten tränen mir nun die Augen. Energisch wische ich mir die Tränen mit der Leinenserviette fort und lächele Tom liebenswürdig zu. Am besten so tun, als sei nichts geschehen!
»Ja, Schatz?«, krächze ich charmant.
Tom sieht mich erst verdattert an, und plötzlich merke ich, wie seine Grübchen sich tiefer in die Wangen eingraben. Er wird rot, ein Zittern durchläuft seinen Körper und er hält sich die Serviette vor den Mund.
»Mein Gott!«, denke ich, »er hat sich auch verschluckt!« Aber da platzt er auch schon explosionsartig mit einem johlenden Gelächter heraus.
»Was ist denn?«, frage ich verständnislos.
Wiehernd zeigt er auf mein Auge. Ich spiegele mich unauffällig im Messerrücken und sehe zwei Pandaaugen.
Haaaarr haaarr! Scherzkeks! Wirklich enorm witzig. Na und? Dann ist meine Wimperntusche eben bis an meine Augenbrauen verwischt. Und wem habe ich das zu verdanken? Schon mal etwas vom »richtigen Zeitpunkt« gehört? Ich bin ein wenig gekränkt. Immerhin habe ich Stunden gebraucht, um mich aufzudonnern. Männer haben überhaupt keinen Schimmer, wie das mit der Schönheit so ist. Sie setzen es als selbstverständlich voraus, dass Frauen nett frisiert sind und dass ihre Augen auch nach durchzechten Nächten strahlen.
Dann haltet euch mal fest, Jungs, denn das ist gar nicht selbstverständlich! Habt ihr überhaupt eine Ahnung, wie viele Stunden Frauen jährlich damit verbringen, sich für die Männerdomäne schön zu machen? Hunderte! Abertausende! Männer dagegen duschen und rasieren sich und halten sich danach für ungemein attraktiv.
Und genau so einer sitzt in aller Seelenruhe da und lacht sich halbtot! Er lacht, dass die Wände wackeln, nur weil die Schminke ein bisschen verwischt ist. Aufgebracht krame ich in meiner Tasche nach einem Spiegel.
Taschen sind ja auch so eine Sache, die Männern fremd sind.
In Taschen tragen Frauen wie ich ihr halbes Leben mit sich herum. Neben Lippenstift, Spiegel, Puder, Tampons und Schlüsseln, sowie dem obligatorischen Portmonee befinden sich in meiner Tasche ein Reserveschlüpfer, eine Reisezahnbürste, Parfüm, ein Schokoriegel, ein Handy und ein Kondom. Man muss ja auf alles vorbereitet sein, oder? Ungeniert lege ich den Tampon, das Handy, die Schlüssel und den Reserveschlüpfer auf den Tisch, um besser an den Spiegel, der ganz nach unten gerutscht ist, heranzukommen.
Tom blickt sich verlegen um. Als wenn die Leute den knallroten Tanga auf unserem Tisch überhaupt bemerken würden. Lächerlich! Ich klappe den Spiegel ungeniert auf und retuschiere den Schaden hektisch.
Ruhig Blut!, rede ich mir schließlich selbst Mut zu und vergewaltige das Fleisch vor mir brutal mit dem riesigen Messer, während ich leise vor mich hinfluche.
Auch Tom beruhigt sich wieder und senkt schuldbewusst den Kopf über seinen Teller.
Der Hauptgang vergeht in eisiger Stille.
»Señorrre Señoirrrita, Deserrt gefällisch? Wir haben Frrrüschte der Saison und Torrrten ...« Ganz in seinem Element erklärt Juan uns die vielen Törtchen, Küchlein und Cremespeisen, ohne einen Blick auf uns zu werfen und wendet sich dann höflich mir zu.
»Señorita, welche der herrrrrliche Köstlichkeiten darrrrf isch ...« Juan erstarrt bei meinem Anblick.
»Ähm ... danke, ich nehme nur einen Espresso«, erkläre ich schnell.
»Dasselbe für mich«, nickt Tom verständnisvoll.
Verwirrt blickt Juan erst Tom und dann mich und dann wieder Tom an. Ich komme mir vor wie bei einem Tennisspiel und will gerade protestieren, da ist Juan bereits wortlos mit dem quietschenden Servierwagen und hoch erhobenem Schnurrbart davongerollt.
Ich sinke erleichtert in mir zusammen.
»Ich dachte, der geht nie!«, seufze ich laut. Ob ich Tom wohl doch noch dazu überreden könnte, mir den Antrag zu machen? Vielleicht sollte ich mich besser wieder zuversichtlicher und verständnisvoll zeigen.
»Du wolltest mir etwas Wichtiges sagen, nicht wahr, Liebling?«, ermuntere ich ihn hoffnungsvoll.
»Naja, weißt du, stimmt, aber ... ich denke ... denkst du ... ich meine, vielleicht sollten wir ein andermal darüber reden ...«, stottert er und schaut mich unsicher an.
»Ach, Schatz, warum denn? Es geht mir blendend, ehrlich! Das bisschen Make-up kann uns doch nicht den Abend verderben!« Ich lache gekünstelt und hoffe dabei, es hört sich echt an.
Nun spuck’s schon aus! Ich will weg von hier und zwar dalli!
Ich will mein Gesicht waschen und mich mit dir und meinem brandneuen Verlobungsring im Bett wälzen! Das will ich! Also sprich!
»Tja, ähm ... bist du da ganz sicher? Ich meine, wir können das Ganze auch bei dir besprechen oder bei mir oder ...«
»Ich bin völlig sicher«, knurre ich leise.
» Wie bitte?«, fragt Tom verdutzt.
»Lass es uns hier besprechen, Schätzchen. Das ist doch so ein schöner Abend, oder? Wir wollen ihn doch nicht ruinieren«, flöte ich fröhlich und sehe ihn gespannt an. Jede Frau hätte den Wink schon hundertmal verstanden! Ah, endlich! Hingebungsvoll hänge ich an seinen Lippen. Gleich, gleich ist es so weit! Gleich wird er mich endlich um meine Hand bitten!
»Okay. Ähm ... liebste Lisa«, beginnt er zaghaft und umschließt meine vor Nervosität kalte Hand mit seinen rauen Händen.
Mit galoppierendem Puls lausche ich ihm.
»Du weißt, dass ich dich liebe, Lisa-Schatz.«
Ernst schaut er mir tief in die Augen. In meinem Kopf lausehe ich im Hintergrund seiner Stimme dem Titellied von Love Story. Ich gebe mir Mühe, mir jedes Detail seines Gesichtes einzuprägen, damit ich auch meinen Kindeskindern vom Heiratsantrag ihres Großvaters erzählen kann.
»Liebling, natürlich weiß ich das, und ich liebe dich auch! Sogar sehr!«, erwidere ich freudig.
»Ja, das hatte ich gehofft.« Er wirkt erleichtert.
»Lisa, was ich dir nun zu sagen habe, fällt mir sicher nicht leicht«, fährt er fort und senkt seinen Blick.
»Ja?«, frage ich aufmunternd. Mit steigender Spannung wird die Love Story Platte in meinem Kopf lauter.
»Es ist ein wenig schwierig, weißt du. Ich stehe momentan sehr unter Druck. Der Job, meine Eltern, ... verstehst du?« Hilfe suchend schaut er mich an.
»Ja doch! Ja!«, rufe ich erregt. Oh ja, ich soll einen Teil des Druckes von seinen Schultern nehmen, das versucht er mir zu sagen. Natürlich werde ich ihn unterstützen, in guten wie in schlechten Zeiten, bis dass der Tod uns scheidet! Gerührt schaue ich ihn an.
Er stockt für einen Moment. »Lisa, ich fände es gut, wenn wir uns für eine Weile trennen würden«, leiert er schnell hinunter und schluckt dann heftig, während er meinen Blick meidet.
Ich bin taub.
Die Schallplatte mit Love Story in meinem Kopf endet so abrupt, als hätte eine riesige Faust sie zerschmettert. Menschen können ganz bestimmt ihr Gehör von einem Moment auf den anderen verlieren. Das gibt es, wirklich. Oder ich habe mir das gerade eingebildet. Ich träume und in Wirklichkeit liege ich gerade im Bett und schlafe. Gleich wache ich auf und lache über den blöden Traum. Er hat so etwas nicht gesagt. Oder vielleicht bin ich wahnsinnig und habe Halluzinationen. Unmöglich. Nicht wahr. Irreal. Surrealistisch wie Salvador Dalís Bilder.
»W ... Was ... hast du gerade gesagt?« Ich werde ganz sicher ohnmächtig werden, das kann ich fühlen. Meine Knie unter dem hübsch dekorierten Tisch zittern und stoßen dabei ans Tischbein, sodass der gesamte Tisch mitbibbert und das Geschirr darauf munter klirrt und klimpert. Ganz sicher ist das nur ein Traum. Aufwachen, es ist schon Morgen!
»Ich ... Wir ... sollten uns eine Weile nicht mehr sehen. Nur so lange, bis ich die Beförderung in der Tasche habe. Du ... du lenkst mich zu sehr ab«, flüstert Tom unsicher und zieht den Kopf ein wenig ein.
Noch immer traue ich meinen Sinnen nicht.
»Okay, ich habe wohl ein Problem mit den Ohren. Kannst du das etwas lauter wiederholen?«, hauche ich paralysiert.
»Wir sollten uns für eine kurze Zeit trennen!«, brüllt er mit verzweifelter Lautstärke.
»Schrei’ mich gefälligst nicht so an! Der Rest des Restaurants muss ja nicht mithören, wie du mich in aller Öffentlichkeit demütigst!«, schreie ich mit tränenerstickter Stimme zurück.
»Ich schreie nicht, du schreist!« ruft er, unbehaglich um sich blickend, zurück.
»Das stimmt gar nicht!«, keife ich und haue heftig mit der Faust auf den Tisch. Das Rotweinglas zu meiner Rechten gibt der Erschütterung nach und fällt gnadenlos auf meinen Schoß. Ich merke kaum, wie der Wein meine Schenkel hinabtropft. »Warum?«, schreie ich nur.
»Schscht ... die Leute gucken schon alle«, versucht Tom mich zu beruhigen.
»Dann lass die verdammten Leute doch meinetwegen gucken!«, kreische ich hysterisch.
»Warum? Jetzt antworte mir gefälligst!« Ich will am liebsten heulen und um mich schlagen, aber ich kann mich nicht einmal bewegen.
»Lisa, der Job braucht meine volle Konzentration. Ich muss doch erst einmal etwas aufbauen, verstehst du das denn nicht?«
»Du hast mein Leben versaut, was gibt’s denn da noch zu verstehen?«, heule ich mit bebender Unterlippe.
»Bitte versteh’ doch, ich stehe im Moment sehr unter Druck, mein Chef setzt mir zu, weil er denkt, ich arbeite nicht hart genug an meiner Karriere und ... unter solchen Umständen ist doch auf keinen Fall an eine Hochzeit zu denken.« Flehend greift er nach meiner zitternden Hand.
»Du willst also nicht heiraten. Mich nicht heiraten oder grundsätzlich nicht heiraten?«, hake ich erschüttert nach.
»Naja, irgendwann einmal, vielleicht, aber jetzt auf gar keinen Fall ...«, versucht er zu erklären.
»Wann denn?«
»Naja später, wenn ich keinen Stress mehr und eine leitende Position habe«, versucht er sich zu verteidigen.
»Du ... du lenkst mich ab, verstehst du? Wenn ich mit dir zusammen bin, kann ich mich nicht mehr auf den Job konzentrieren«, flüstert er leise.
»Ich lenke dich ab?«, heule ich und verstehe die Welt nicht mehr.
»Dann heirate doch das hier!«, brülle ich verzweifelt. Das Eiswasser aus dem Sektkühler, der auf dem Servierwagen neben dem Tisch steht, fließt ihm in einem herrlichen Schwall über seinen Schoß.
»Ich werde dich niemals heiraten, selbst dann nicht, wenn du auf blanken Knochen angekrochen kommst!«, schluchze ich abgehackt.
»Ach ja? Das passt ja gut! Ich werde dich nämlich niemals fragen!«, brüllt Tom wütend zurück und wirft den Aluminiumeimer polternd fort.
Längst ist das geschäftige Murmeln um uns herum verstummt. Selbst der unauffälligste Furz hätte diese Stille laut wie ein Trompetenstoß durchschnitten.
»Juan! Rufen Sie mir sofort ein Taxi!«, befehle ich donnernd.
Kellner Juan, der in heller Panik um uns herumgetrabt ist, eilt sogleich ans Telefon, während ich mit tränenverschmiertem Gesicht aus dem Raum stürme.
2. Spanferkel und Schlauchbootlippen
Mein persönliches Scheusal ist nicht irgendein Scheusal, sondern meine Strafe für alle schlechten, abgrundtief bösen Sünden, die in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft auf meine Rechnung gehen.
Anders kann ich mir dieses Phänomen »Chef« nicht erklären.
Wenn man das überhaupt so nennen kann. Mein Chef ist die Inkarnation von allem, was man sich an einem Vorgesetzten nicht wünscht: Er ist ein Nörgler, ein Langeweiler, ein Paragraphenreiter, er ist unfreundlich, sehreit gerne und oft und hält sich für Casanova höchstpersönlich. Man muss meinem Chef aber auch Gutes anrechnen: Er hält einen immer ganz schön beschäftigt, das lenkt mich dann wenigstens tagsüber etwas ab.
»Junge Frau! Wie schön, dass Sie uns auch wieder einmal beehren!«, poltert es auch schon ironisch hinter mir. Ach was, auch schon da. Ungewöhnlich früh, im Übrigen. Sonst taucht er immer erst so gegen zehn Uhr auf.
Dr. Tief engrund ist ein kleiner, dicker Mann mit einer Halbglatze, die er mit einem ungeheuer schlecht sitzenden Toupet stets zu kaschieren bemüht ist. Das Toupet fällt nicht nur durch die schlechte Passform auf, sondern auch dadurch, dass es heller ist als seine eigenen Haare. Schaut ein bisschen so aus wie Janoschs Tigerente, wenn ich es mir recht überlege. Dr. Tiefengrund ist wegen seines enormen Leibesumfanges immer außer Atem und hat, weil er immer atemlos ist, stets einen hochroten Kopf. Kann man nachvollziehen, finde ich. Atmen ist ja auch anstrengend!
Weil er unheimlich unfit ist und sich ständig am Rande eines Herzinfarktes bewegt, ist er stets übel gelaunt. Er sieht ein wenig aus wie ein Schwein, finde ich. Deshalb nenne ich ihn immer »Spanferkel«, wenn ich über ihn spreche, das verleiht ihm wenigstens einen Hauch von Humor. Böse Zungen würden sagen, dass ich die Reputation meines Vorgesetzten auf diese Weise zerstöre, aber es ist überhaupt nicht nötig, seinen Ruf zu schädigen. Der ist schon hin. Über mein Spanferkelchen quatscht man vom ersten bis ins sechste Stockwerk mehr als genug. Die Skandale kleben an ihm wie sein ständiger Mundgeruch.
Neulich beispielsweise hat er eine Kundin, die sich telefornisch beschweren wollte, furchtbar abgekanzelt. Sogar hinter verschlossener Tür war sein Gebrüll noch zu verstehen. Keine fünfzehn Minuten später ist jemand aus der sechsten Etage heruntergekommen. Die sechste kann man sich als unseren Olymp vorstellen, denn die Götter, denen wir huldigen, sitzen dort in tadellos sitzenden Nadelstreifenanzügen und beobachten uns mit Argusaugen. Dann gibt es noch die Halbgöttinnen, das sind die rechten Hände unserer Vorstände in der sechsten Etage, die makellosen Mega-Assistentinnen.
Und so eine gut gekleidete rechte Hand stolzierte ohne ein Begrüßungswort an mir vorbei, öffnete die Tür zum Spanferkel und verkündete mit arktischer Stimme: »Herr Dr. Salz möchte Sie unverzüglich sprechen.« Es stellte sich heraus, dass die Kundin, Frau Dr. Salz, die Frau des Vorstandsvorsitzenden gewesen war.
Lange erzählte man sich diesen Mythos hinter vorgehaltenen Händen und amüsierte sich königlich. Und mein Ferkelchen hatte von all den Gerüchten nie auch nur den Hauch einer Ahnung. Manchmal frage ich mich, ob er einfach nur ignorant ist und nichts merkt oder ob er das Getuschel im Flur gar nicht bemerken will.
»Guten Morgen«, grüße ich höflich.
»Kommen Se gleich in mein Büro, ja? Frau Baduse wird mich heute früh aufsuchen, und ich will dann nicht weiter gestört werden. Wie Sie ja bereits wissen, ist sie eine wichtige Klientin und verlangt meine volle Aufmerksamkeit«, schnauft Chefchen lokomotivartig und walzt dann in seine Gemächer. Aha! Daher weht der Wind! Morgendlicher Sex mit seiner Freundin ist angesagt. Also hatte das Spanferkelchen gestern Nacht Stress mit der Gattin. Was die an ihm gefunden hat, ist uns allen hier ein Rätsel. Frau Tiefengrund ist nämlich eine wirklich intelligente und schöne Frau. Man hätte ihr mehr als diese Art von Göttergatte zugetraut.
Der Vormittag fliegt dahin.
Ich lege Dokumente in Ordnern ab, nehme unzählige Telefonate entgegen, schreibe einige Briefe und beantworte die wichtigsten E-Mails. Die Tür, die das Büro des Spanferkels mit meiner verbindet, ist, wie üblich, geschlossen. Das empfinde ich durchaus als Wohltat. So kann er mich wenigstens nicht alle fünf Minuten nerven.
Was gibt es denn Neues? Aha, eine Kundenbeschwerde. Das Beantworten schriftlicher Beschwerden ist seit dem Vorfall mk Frau Dr. Salz mein Job.
»Sehr geehrter Herr ...«, beginne ich konzentriert. Nachdenklich kaue ich an meinem Bleistift. Vielleicht sollte ich doch besser anru ...
»Peng!«
Erschrocken lasse ich den Bleistift fallen. Das Spanferkel ist ja seines Titels ein würdiger »Creative-Director«, sein Erfindungsgeist kennt also folglich keine Grenzen. Er erfindet ständig neue Methoden, mich in sein Büro zu beordern. Vor einem Jahr beispielsweise hat er lauthals »Frrrraauuu Teuuuufeeeell!« durch die geschlossene Tür geschrien. Schwer zu ignorieren, so ein Gebrüll. Als ihm das nach einiger Zeit zu langweilig erschien, hat er einen Gong aus Messing geschlagen, den er neben seinem Tisch angebracht hatte. Der war ihm jedoch nicht laut genug, so dass ich das leise »Boiiing!« oft erfolgreich ignorieren konnte. Der Gong ist dann einer goldenen Kuhglocke gewichen. Deren Läuten hat mich immer stark an eine dahinsiechende Kuh im Todeskampf erinnert. Das »Peng« ist allerdings neu. Hört sich an wie ein Pistolenschuss. Ob er sich neuerdings ein Luftgewehr gekauft hat? Genervt seufzte ich auf und trete an die Tür, als ich dicht vor meinem Kopf ein erneutes »Peng« vernehme. Die Tür erzittert kurz und ich schrecke zurück und warte mit klopfendem Herzen einige Sekunden ab.
Zaghaft öffne ich die Tür und luge vorsichtig durch den Spalt.
Bin versucht, eine weiße Fahne zu schwingen, leider sind die Tempos gerade alle.
»Aaaahhh! Endlich! Sind heute wohl net ganz helle, was? Kommense rein, Frau, kommense rein!« Er winkt mich heftig herein.
Tapfer begebe ich mich ins Minengebiet und überschreite die Türschwelle. Um mich herum liegen fröhlich bunte Radiergummis auf dem Boden verstreut. Was denn, Radiergummigeschosse können so ’nen Radau verursachen?
»Also Se apportiern ma jetzt die Radiergummis in meine Schale hier,« er weist auf eine rote Glasschüssel, die randvoll mit Radiergummis ist, »un so nehmen Se jetzt immer ihre Order entgegen, ja?« Freudig reibt sich das Spanferkel die fetten Hände. Fehlt nur noch, dass er sich quiekend vor mir auf dem Teppich wälzt.
Während ich mich bücke, glotzt das Spanferkel mir abwechselnd in den Ausschnitt, auf die Beine oder den Hintern. Tja, was soll ich sagen? Er kann ja gar nichts dafür, schlechtes Benehmen liegt im Naturell aller Schweine. Nun weiß ich jedenfalls, warum er das mit den Radiergummigeschossen eingeführt hat. Schweinische Gelüste und so. Braucht wohl so etwas wie eine Warm-up Runde für Baduse.
Jedenfalls ist mir heute nicht danach, mich ansabbern zu lassen, nicht einmal mit der sicheren Schreibtischbarriere zwischen uns. Sonst bin ich ja nachsichtig und schiebe seine schlechten Manieren darauf, dass kein Schwein so etwas wissen kann, aber heute sollte er doch besser vorsichtig sein. »Wehe dem, der mir heute auf die Füße tritt!« sage ich nur. Noch ehe das Spanferkel eine Order loswerden kann, klingelt es vorne an meinem Schreibtisch. Ha! Schwein gehabt!
Der Elf-Uhr-Termin, Erika Baduse, die fleischgewordene Manifestation der puren Idiotie, wie sie wogt und bebt, steht vorne an meinem Schreibtisch.
Wenn es einen Preis für das dümmste Geschöpf der Welt gäbe, könnte sie keiner schlagen. Und wenn es einen Preis für die meisten Schönheitsoperationen gäbe, würde sie nur mit Pokalen in der Hand herumlaufen. Ob es wohl irgendeinen Bereich ihres deformierten Körpers gibt, an dem nicht irgendwie herumgenäht, gesaugt oder gepiekst oder gepumpt worden ist? Neeee, sicher nicht. Die Frau ist so prall gefüllt mit Silikon, dass sie stellenweise wie eine Wassermelone aussieht. Nehmen wir doch einmal Baduses Lippen. Ach was, das waren irgendwann einmal Lippen, aber jetzt sind sie aufgedunsen und bewegungsunfähig, wie zwei übereinander liegende, kirschrote Bananen. Offiziell ist sie eine Kundin, die Inhaberin einer Autogalerie, die ihr geschiedener Mann mit viel harter Arbeit aufgebaut hatte und die sie ihm dann im Scheidungsprozess abgeknöpft hat. Jeder in der Firma weiß, dass die Wasserstoffsuperoxyd-gebleichte Tussi mit dem Spanferkel mehr tut als sich über Werbekampagnen für Autos zu unterhalten.
Just in diesem Moment tritt Baduse durch die Tür.
Meine Güte! Sie sollte sich ihre Brüste besser nicht noch mehr auf pusten lassen, sonst werde ich Bleigewichte an ihren Beinen befestigen müssen, wenn sie zu uns in den vierten Stock kommt, damit sie nicht davonfliegt!
Baduse grüßt mich nicht, sondern nickt mir nur hochnäsig zu und tritt unaufgefordert in das Büro ein.
Naja, wie soll sie auch grüßen, es fällt ihr sicher schwer, die Lippen zu bewegen, womöglich platzen sie, denke ich hämisch.
»Hallo Ferkelchen!«, flötet Baduse geziert.
Ich kann ein Kichern nicht unterdrücken. Na ja, was Spanferkels Namen angeht, scheinen wir uns doch wenigstens einig zu sein.
»Erika! Schön, dass de endlich da bist. Komm’ her, Süße, und lass dich anschauen. Toll siehste aus, wirklich! Keinen Tag älter als achtzehn!«, schmeichelt Dr. Tiefengrund salbungsvoll.
Erika lacht fiepend. Habe ich erwähnt, dass sie mich unglaublich an Spaghetti Napoli erinnert, mit dem tomatenroten Minikleidchen, das die solariengebräunten Schenkel gerade über der Schamachse bedeckt und den nudelgelben, spaghettidünnen Haaren, die im Verhältnis zum grellroten Mund und der tiefen Bräune ihres Gesichtes wie ein kosmetischer Unfall wirken?
Spanferkels Gesicht ist tiefrot angelaufen, seine Schweinsäuglein kullern glücklich über ihre Beine, den gelifteten Po und den drallen Busen.
»Schatzi, sach deiner Tippse, dass ich Latte will«, quengelt sie mit schmollend vorgeschobener, rotlackierter Lippe, was ich vom wissenschaftlichen Standpunkt her gesehen hochinteressant finde. Dachte wirklich nicht, dass ihre Schlauchboote so mobil sind! Ob sie platzen, wenn man da eine Nadel reinsticht?
»Frau Teufel! Ich will einen Latte Macchiato für Frau Baduse, aber dalli!«, schreit Dr. Tiefengrund wichtigtuerisch.
»Jaja«, knurre ich ungehalten. So’n Vollidiot! Wie wäre es mit »bitte« und »danke«? Das wäre ja wirklich mal eine innovative Verbesserung!
Missmutig bringe ich ihnen den Latte Macchiato, den ich frisch von der Maschine im Flur gezapft habe.
»Schatz, sach der, der Latte is nich heiß genuch. Ich will aber heißen Latte!«
»Warum bringen Se Frau Baduse kalten Kaffee, Frau Teufel?«, fragt Dr. Tiefengrund scharf.
»Schatzi, sach’ der, die soll dat wieda mitnehmen, jetzt mach ich ihn nimmer.«
»Nehmen Sie das Zeug gefälligst wieder mit! «, blafft er mich an.
»Schatzi, die kuckt mich bös’ an. Sach’ der, die soll nich’ so kucken!« Verängstigt kauert Baduse sich eng an ihn.
»Frau Teufel!«, donnert er wütend, »Was fällt Ihnen ein, eine derart wichtige Person wie Frau Baduse so unverschämt anzustarren? Hinaus mit Ihnen, aber ein bisschen dalli, dalli!«, schreit Dr. Tiefengrund.
Verblüfft schaue ich vom einen zum anderen, wobei mir der schadenfrohe Blick und das gemeine Lächeln der Baduse nicht entgehen. Schlecht gelaunt hoffe ich, dass ihr Lächeln in Tausend Silikonbläschen explodiert.
»Schon gut!«, knurre ich wütend und stolziere mit dem Latte Macchiato in der Hand davon.
»Bitte stellen Sie nun keine Anrufe durch und stören Sie uns in den nächsten beiden Stunden nicht mehr, Frau Teufel. Habe ich mich verständlich ausgedrückt?«, ruft er mir nach, während Baduse eifrig auf seinen Schoß klettert und ihr Silikon vertrauensvoll in seine Hände legt.
Laut knalle ich die Tür zu und stelle den Latte Macchiato so heftig auf den Tisch, dass er überschwappt und ein cremefarbener Schaum auf die Glasplatte tropft.
Was für ein Blödmann und was für eine elende Schlampe! Wofür hält die sich eigentlich? Als ob nicht jeder weiß, was er und Schlauchbootlippe da drinnen nun treiben! Lächerlich!
Ich schnappe mir einen Haufen Dokumente, die dringend durch den Kopierer gejagt werden müssen und schlendere in den Korridor, wo er steht, der niegelnagelneue Develop 2035, mit digitalem Display, automatischem Zoom und eleganter Loch- und Heftfunktion. Es gibt Kollegen, die finden, dass dies ein irre hochtechnologisches, supermodernes Gerät ist. Das sind dieselben Leute, die morgens auf ihrem Hollandrad in die Tiefgarage rollen und sich gebärden, als hätten sie gerade einen heißen Ritt auf einer Harley hinter sich. Mir ist das Ding jedenfalls nicht geheuer. Irre finde ich es auch, aber in einem ganz anderen Kontext. Der Kopierer kann mich nicht leiden, davon bin ich felsenfest überzeugt. Vorsichtig schleiche ich mich an ihn heran.
Sein Display blinkt gefährlich grün und rot auf. Ein wenig sieht er aus, wie der »Terminator« im Todeskampf. Behutsam lege ich die Seiten in das Fach und drücke den Knopf, der die Maschine in Gang setzen soll. Leider passiert nichts. Ich drücke noch mal und dann noch zwei weitere Male. Unsicher schaue ich mich um.
»Los, mach’ schon!«, rede ich ihm gut zu, als ich mich unbeobachtet fühle und tatsächlich gibt er nun kleine Lebenszeichen von sich. Er rattert eine Weile und spuckt dann ein kohlschwarzes Blatt Papier aus.
Ich streichele ihn und versuche es nochmal. Ist ja immerhin ein Anfang. Endlich wirkt er beschäftigt, doch er schluckt lediglich meine Originale und wirft quietschend viele weiße Blätter heraus. Dafür mag er meine Kopiervorlagen nicht mehr hergeben. Das komplette Display blinkt feuerrot und eine blecherne Stimme erklärt mir immer wieder: »Papierstau, Papierstau!«
Als wenn ich selbst nicht darauf gekommen wäre! Ich öffne die Plastikhaube und betrachte das Innenleben der modernen Technik. Glücklicherweise sehe ich die Originale, der Kopierer fand es wohl lustig, alles wie ein Akkordeon zusammenzufalten. Das Spanferkel wird das nicht lustig finden, da bin ich mir sicher. Ich streiche die Seiten geduldig glatt und lege sie dem Kopierer wieder ins Maul. Er spuckt wieder nur eine Seite aus.
Da höre ich schon die Stimme der Kollegin Meier, die hat mir gerade noch gefehlt! »Sie bekommen ja auch gar nichts auf die Reihe, Frau Teufel, nichts für ungut. Sie dürfen Kritik nicht negativ verstehen, ich meine es nur gut mit Ihnen.«
Ich ziehe eine Grimasse. Bestimmte Menschen auf unserem Planeten leben nur, weil es auch Klugscheißer geben muss.
»Lassen Sie mich mal ran, ich habe es eilig.« Frau Meier kann alles, weiß alles besser und ist perfekt. Das denkt sie jedenfallsj und ich finde es zu mühselig, sie eines Besseren zu belehren. Soll sie es doch versuchen, sie wird schon sehen, was sie davon hat! Ich trete stumm beiseite. Lässig legt sie ihre Blätter ein, drückt ein Knöpfchen und stellt sich abwartend daneben. Der Kopierer gibt vor so viel geballter Autorität nach und vervielfältigt sorgfältig ihre Seiten. Kaum zu fassen! Ich gehe lieber wieder an meinen Platz und verschiebe das Kopieren auf später.
Frustriert hacke ich auf meiner Tastatur herum, als das Telefon klingelt.
»Vorzimmer Dr. Tiefengrund, mein Name ist Teufel?«, melde ich mich automatisch.
»Hallo, Frau Teufel! Schön, dass Sie da sind! Ich bin gerade in der Stadt und wollte meinen Mann besuchen. Ist er da?« Frau Tiefengrund ist Mutter von drei Kindern, Präsidentin des Museums in der Nordstadt und eine ungeheuer kultivierte und erstaunlich nette Frau.
»Er ist ähm ... gerade in einer Besprechung ... kann er Sie nicht gleich zurückrufen?«, stottere ich unbeholfen. Wie, bitte, hält man eine Ehefrau davon ab, ihrem Mann einen spontanen Besuch abzustatten?
»Es ist ein äußerst wichtiges Meeting, wissen Sie, es geht da um die Fusion ... und, äh, es sind auch noch externe Gäste dabei, das ist immer eine ernste Sache, ich weiß nicht, ob sie bis zur Mittagszeit schon fertig sein werden ... «, versuche ich Zeit zu schinden.
»Ach, ich bin mir sicher, er wird nichts gegen eine nette Unterbrechung haben«, sagt seine Frau leichthin.
»Oh, na ja, nein, eigentlich nicht, aber vielleicht doch, aber wie wäre es denn ... wollen wir Sie nicht lieber zum Mittagessen einplanen, ja? Dann hätten Sie ihn ganz für sich und müssten nicht so zwischen Tür und Angel Hallo sägen, das ist doch eine echt tolle Idee, oder?«, frage ich atemlos. Allmählich gerate ich ins Schwitzen.
»Ach was! Ich stehe ja schon so gut wie vor der Tür. Ich wollte nur mal nach ihm sehen. Ich halte ihn schon nicht zu lange auf.«
»Aber er will auf gar keinen Fall gestört werden ...«
»Bis gleich!«, ruft die Ehefrau freundlich und legt auf.
Oh Gott! Ich muss Pipi. Was soll ich nun machen? Jetzt ist mir auch noch übel.
In panischer Angst greife ich noch einmal nach dem Telefonhörer, der durch meine nassen Finger gleitet und trotzig auf die Glasplatte meines Schreibtisches plumpst.
»Mistding!«, fahre ich den Hörer nervös an, klemme mir den Hörer zwischen Kinn und Brust und lasse das Telefon des Spanferkels Sturm klingeln.
»Jetzt nicht!«, schreit eine gedämpfte Stimme hinter der Tür.
Ich warte fünf Minuten, dann wähle ich noch einmal. »Jetzt nicht!«, wiederholt die dumpfe Stimme eine Spur ärgerlicher.
Nach weiteren fünf Minuten klopfe ich energisch an die Tür. Niemand antwortet. Ich klopfe wieder laut und werfe einen hektischen Blick auf die Uhr. Mistmistmist.
» Chef ...«, setze ich zaghaft an.
»Ich sagte, ich will nicht gestört werden! Sind Sie denn so schwer von Begriff?«, brüllt er.
»Aber Chef, es ist wichtig ...«, versuche ich es verzweifelt.
»Schnauze halten!«
So! Ende! Was nun? Ich muss diese nette, unschuldige Frau Tiefengrund unbedingt davor bewahren, ihren Mann in Flagranti zu ertappen! Es wird ihr das Herz zerreißen! Die armen Kinderchen werden ohne ihren Papa auskommen müssen! Ich habe null Zweifel daran, dass die Ehe und das traute Familienleben der Tiefengrunds schlagartig vorbei sein werden, wenn seine Frau ihn ertappt.
Was soll ich nur tun? Ich streiche mir immer wieder dieselbe Locke aus der verschwitzten Stirn und denke fieberhaft nach.
»Hallo Frau Teufel!« schreckt mich eine freundliche Stimme hinter mir auf.
Erschrocken kreische ich leise auf und wirbele herum.
Frau Tiefengrund lacht.
»Ich wollte Sie wirklich nicht erschrecken. Alles in Ordnung?«
Nein, ich decke nur gerade Ihren Mann, der da drinnen schwer mit seiner Freundin beschäftigt ist, ich will gar nicht wissen, was und wie sie es da treiben, aber sicher treiben sie es doli, danke der Nachfrage, schießt es mir durch den Kopf.
»Ja, danke«, stottere ich stattdessen. Nicht sehr originell, ich weiß.
»Wo ist denn mein kleiner Querkopf?« Neugierig späht seine Frau über meine Schulter zur verschlossenen Bürotür.
»Der ist ... er hat ...«
»Die Besprechung dauert wohl noch an, ja?«
»Ja, so ist es.« Ich muss entsetzlich dringend für kleine Mädchen. Ich fühle mich als Verräterin an meinem Geschlecht. So muss das Spanferkel sich Tag für Tag fühlen.
»Er wird sicher nichts dagegen haben, wenn ich ihn störe.« Ich blockiere noch immer krampfhaft die Tür.
Frau Tiefengrund sieht mich verwundert an und ich gebe mich geschlagen. Soll es kommen, wie es kommen muss. Ich bin unschuldig.
Leichten Schrittes tritt Frau Tiefengrund an die Tür heran und klopft fröhlich.
»Hauen Sie gefälligst ab!«, stöhnt das Spanferkel.
Frau Tiefengrunds Lächeln gefriert sekundenschnell auf ihren Lippen. So stelle ich mir das Schockfrosten von Gemüse vor. Sie blickt von der Tür zu mir und ich merke, wie mir sehr heiß wird. Bestimmt bin ich wieder rot angelaufen, kein gutes Zeichen.
»Hat er Sie etwa damit gemeint?«, fragt sie zutiefst schockiert.
Ich nicke kleinlaut. Die Frau schnappt empört nach Luft.
»So wird er nie wieder mit Ihnen sprechen! Also ehrlich! Das ist ja unverschämt! Dem werde ich was erzählen!«, faucht sie energisch und öffnet mit einem Ruck die Tür. Oh Gott! Ich kann das nicht mit ansehen, wie diese nette Frau ins Verderben schreitet. Ich schließe die Augen und halte den Atem an.
Es ist zu still. Ich blinzle neugierig.
Die unheimliche, schrecklich lang anhaltende Stille, in der Frau Tiefengrund wortlos zusieht, wie die Baduse auf dem halb entblößten Spanferkel sitzt und seine schmalen Lippen mit ihren Schlauchbootlippen aufsaugt und helle Stöhner zum Besten gibt, besiegelt sein Schicksal.
Ich beobachte mit erschrockener Faszination, wie Baduses prall gefüllte Airbags vorne und hinten rhythmisch und vollkommen synchron auf und ab hopsen.
Frau Tief engrund dagegen schweigt noch immer.
»Hans-Jürgen!« Ihre Stimme durchschneidet endlich die Luft so scharf wie ein heißes Messer die Butter.
Endlich öffnet Dr. Tiefengrund seine Augen. Er wirkt zunächst verärgert über die Störung, dann erkennt er seine Frau und sein hochrotes Speckgesicht wird leichenblass.
»Schatzi, hat das kleine Ferkelchen wieder mal einen Durchhänger?«, flötet Baduse atemlos. Die dumme Kuh hatte die betrogene Ehefrau immer noch nicht gesehen! Kaum zu fassen!
»Ich mach’ das schon!«, säuselt sie eifrig und nestelt unter seiner Gürtellinie herum.
Er schaut perplex von Baduse zu seiner Frau und wieder zurück. Schließlich sieht es so aus, als ob die Angst vor seiner Frau das Rennen gemacht hätte.
»Was wollen Sie von mir, Sie Schlampe? Lassen Sie mich gefälligst in Ruhe!«, ruft er mit gespieltem Entsetzen und wirft die halbnackte Baduse in hohem Bogen polternd zu Boden.
Verwirrt und ein wenig verletzt schaut die Silikonfrau zu ihm auf. Ihre Nudelhaare sind ein Vogelnest auf ihrem Hinterkopf, das vom Sturz noch immer erschüttert auf und ab wackelt. Schließlich folgt sie seinem Blick und erblickt endlich seine Frau, die mit weit aufgerissenen Augen von Baduse zu ihrem Mann blickt. Nun zittern auch die verschmierten, kirschroten Lippen der Baduse verängstigt. Die betrogene Frau Tiefengrund holt tief Luft und sagt: »Mein Anwalt wird sich mit deinem in Verbindung setzen« und macht dann eine eindrucksvolle Kehrtwendung.
Frau Tief engrund stürmt ohne ein weiteres Wort an mir vorbei.
»Schatz! Die Frau hier hat mich vergewaltigt! Das ist sexuelle Belästigung! Ich wollte das nicht! Die hat mich ausgezogen und sich dann einfach über mich hergemacht! Ich war vollkommen wehrlos!«, jammert das Spanferkel und läuft seiner Frau halbnackt hinterher. Er trägt nur schwarze Socken, die seine kurzen, krummen Beinchen noch kürzer aussehen lassen und rosafarbene Boxershorts mit kleinen, roten Herzchen darauf, sein Toupet hängt auf der einen Seite hinunter und entblößt seine rosafarbene Glatze.
Aber seine Frau ist längst verschwunden. Ein lang gezogener Pfiff ertönt. »Wow! Chef, so sollten Sie öfter arbeiten kommen. Wirklich tolle Dessous, die Sie da tragen!«, ruft jemand. Alles lacht. Die Gesichtsfarbe des Spanferkels wechselte von weiß zu hochrot. Der Korridor steht voller Kollegen, die laut witzeln und brüllend lachen. In seiner Panik hat er weder seinen Aufzug bemerkt, noch hat er daran gedacht, dass die Türen zum Flur, auf dem er lief, aus Glas sind und er so für alle wunderbar sichtbar ist. Er schnappt heftig nach Luft.
Sicherheitshalber halte ich den Telefonhörer schon griffbereit in der Hand, um den Notruf zu wählen, denn es sieht so aus, als wäre nun der richtige Zeitpunkt für seinen ersten Herzinfarkt. Ich drücke ihm jedenfalls die Daumen, na, immerhin könnten viele seiner Probleme – und die hat er, das ist klar! – so gelöst werden. Ich kann mir übrigens nicht vorstellen, dass seine Frau ihn in einem solchen Fall besuchen würde. Aber das Spanferkel denkt gar nicht daran, vor allen Kollegen halbnackt nach Luft japsend aus den schwarzen Nylonsocken zu kippen.
»Dafür werden Sie büßen!«, faucht er mich stattdessen wütend an, als er an mir vorbei zurück in sein Büro flüchtet und weiterhin lauthals fluchend die sehr undamenhaft zu Boden gekickte Baduse einsammelt, die ihrerseits fluchend und heulend ihre Siebensachen anzieht und dann den Rückzug antritt. Der Flur applaudiert ihr, und Pfiffe und Rufe begleiteten sie hinaus. Ich muss schon sagen, ich bin froh, wieder arbeiten gekommen zu sein. Habe in den letzten zwei Stunden nur drei Mal an Tom gedacht.
»Frau Teufel, dafür sind Sie allein verantwortlich!«, schreit Dr. Tiefengrund, während er und sein Bäuchlein wieder aus dem Büro hervorhüpfen. Er hat inzwischen sein weißes Hemd halb angezogen und nestelt vergeblich mit zitternden Fingern an den Knöpfen herum. Er schafft es irgendwie, sein Hemd an zwei verschiedenen Stellen zusammenzuknöpfen und streifte sich nun die Krawatte über.
»Ich?«, empöre ich mich, »Ich habe doch verzweifelt versucht, Sie zu warnen!«
»Dann hätten Sie es eben besser versuchen sollen!«, keift er atemlos. Inzwischen pocht eine blauviolette Ader auf seiner Stirn und seine Augen glupschen recht ungesund aus ihren Höhlen hervor.
»Nun machen Sie mal halblang, Sie ... Sie notgeiles Cocktailwürstchen!«, schreie ich. »Wenn Sie ihre Frau schon betrügen müssen, können Sie es wenigstens in einem Stundenhotel tun und nicht in ihrem gottverdammten Büro!« Das ist der reine Selbsterhaltungstrieb. Man muss sich nicht immer alles gefallen lassen und ich sowieso nicht.
»Solche Unverschämtheiten muss ich mir von einer kleinen Tippse nicht bieten lassen! Sie können nicht mal richtig Kaffee kochen!«, keucht er zornig.
Die Schar sensationslüsterner Kollegen hat sich zwischenzeitlich vor meiner Bürotür angesammelt. Fehlt nur noch Popcorn und Cola in Pappbechern, dann ist die Kinoatmosphäre perfekt.
»Kochen Sie sich Ihren verfluchten Kaffee doch selber! Oder lassen Sie ihn sich künftig von Ihrem silikongeblähten Kuheuter kochen!«, gebe ich schlagfertig zurück.
»Darauf können Sie Gift nehmen, Sie untalentierte Schnepfe!«
Das war’s! Das war mein Stichwort. Der rote Vorhang übernimmt die Regie und ich schnappe mir den Latte Macchiato, den die Baduse verschmäht hat und schütte ihn über das pinkglänzende Haupt des Spanferkels. Der Mann braucht unbedingt eine Abkühlung. Womöglich überhitzt er sich sonst.
»So! Jetzt sind Sie wenigstens ein Spanferkel mit Guss!«, erkläre ich tief befriedigt.
Für den Bruchteil eines Momentes schweigt Dr. Tiefengrund verblüfft. Er sieht wirklich zu komisch aus mit der rosaroten Glatze, dem schiefen Toupet und den Herzchenshorts, die missbilligend an seinen mageren Beinchen herabschlackern, und dem Latte Macchiato, der über dem gesamten Spanferkel verteilt ist und das weiße Hemd mit einem hippen Design schmückt und leise tröpfelnd auf den Boden fällt. Ich kann nicht anders. In die Stille hinein lache ich hell und laut auf. Längst schon haben auch die Kollegen in mein Lachen eingestimmt.
Mit vor Zorn und Hilflosigkeit bebendem Speckbäuchlein blickt Dr. Tiefengrund sich panisch um und flüchtet endlich in sein Büro. Während ich meine Habseligkeiten schon zusammenpacke schreit er noch: »Sie sind gefeuert!«
3. Mia leistet erste Hilfe
Scheißtypen! Allesamt! War ja klar, dass mir früher oder später so etwas passiert. Pech kommt doch immer im Doppelpack! Nehmen wir doch mal das Beispiel Tom. Ich dumme Kuh gehe mit ihm aus, in der festen Annahme, einen Antrag zu bekommen, und er will mich bloß abservieren. Und das, wo wir schon seit vier Jahren ein Paar sind. Ich kann es kaum fassen.
Das Einzige, was jetzt noch hilft, ist Mia.
»Hallo?«, piepse ich ins Telefon.
»Lisa, bist du das?«
»MIIIIIIHIIIIAAAA!«, schluchze ich. Mit einem Mal kann ich einfach nicht mehr. Es ist mir alles zu viel und die Welt ist ein großer Misthaufen.
Mia sagt sofort alarmiert: »Bleib’ im Schuhkarton. Ich bin gleich da. Und stell bloß keinen Blödsinn an, verstanden?« Sie legt auf.
Als wenn ich jetzt noch in der Lage wäre, zu Molly nach oben zu gehen und einen Streit wegen Rottweiler »Püppi« vom Zaun zu brechen. Er hat zwar neulich einen großen Haufen in den Hauseingang gesetzt, aber ich habe gerade keine Energie, um die beiden ordentlich anzubrüllen. Ich bin so am Ende mit den Nerven, dass ich sie vermutlich eher umarmen und ihre Schulter mit meinem Rotz durchweichen würde.
Mia ist, wie schon zuvor erwähnt, meine beste Freundin.
Bei all meinen prägenden guten und schlechten Erfahrungen in meinem Leben war sie stets dabei. Oder wir haben einander intensiv bei der Verarbeitung der Nachwehen von Trennungen beigestanden.
Egal, ob gerade eine von uns einen heißen Typen an der Angel hatte, mit dem Fallschirm von der Zoobrücke sprang oder mit Dünnpfiff auf dem Klo hockte. Wir zwei haben uns schon durch so manche Krise geschlemmt und gesoffen und dabei geheult, was das Zeug hält.
Als Mias Zwergkaninchen Pluto beispielsweise das Zeitliche gesegnet hat, war Mia vollkommen am Boden zerstört.
Wir beide waren etwa acht, ich, fasziniert von Knetgummi und Buntstiften, wollte schon damals eine große Künstlerin werden. Mia dagegen hatte da noch völlig andere berufliche Ambitionen. Sie wollte unbedingt Astronautin werden. Deshalb hieß Pluto ja auch Pluto.
Mias Zimmer war gespickt mit Bildern von Sternchen, Planeten, Milchstraßen und Postern von Astronauten auf dem Mond. Sie hatte vor Kurzem sogar den »Moonwalk« gelernt und war irre stolz darauf. Es waren die Achtziger und Michael Jackson war noch hip. Aber der Moonwalk reichte ihr noch nicht aus.
Mia wollte zum Mond fliegen und verschlang alles, was im Fernsehen so über Astronauten an Beiträgen gebracht wurde.
Irgendwann hatte sie im Fernsehen einen Simulator gesehen und in diesem Simulator saß ein Affe. Der Simulator drehte sich, er wurde wild von einem großen Metallarm geschleudert. Der Affe sollte sich so an den Raketenstart gewöhnen.
Großzügig beschloss Mia, den armen Pluto auch an einem Astronauten-Programm teilhaben zu lassen.
Sie setze ihn in ihren rosaroten Barbiekoffer und schloss den Deckel. Am Griff befestigte sie ein Springseil. Dann summte sie ehrfurchtsvoll die Nationalhymne und ließ ihren selbstgebastelten Simulator starten.
Sie wirbelte das Springseil mit dem Köfferchen begeistert wie ein kleiner Cowboy durch die Luft. Wie lange genau sie das durchgehalten hat, weiß ich nicht, aber es muss wohl eine ganze Weile gedauert haben, denn als sie den Koffer öffnete, schwankte Pluto noch kurz heraus, ließ ein paar Köttel fallen und fiel um. Sie hat den Verlust ganz gut verarbeitet, finde ich im Nachhinein. Wir haben nur vier Tafeln Schokolade dafür gebraucht.
Heute sieht das allerdings anders aus.
Ohne Merlot und Häagen Dazs können wir Krisen heutzutage gar nicht mehr bewältigen.
Man denke nur an meine Trennung von Florian zurück.
Flo Kerlchen war meine erste große Liebe. Im Rückblick ist mir noch heute schleierhaft, was ich je an ihm gefunden habe. Flo war zwar groß und auf den ersten Blick intelligent. Er hatte weiche Gesichtskonturen, ein wenig wie einer von Botticellis Engeln, mit etwas zu eng beieinander stehenden, blauen Augen und blonden Samtlöckchen. Auf den ersten Blick ein wahrhafter Hingucker. Auf den ersten Blick.
Flos Hauptbeschäftigung war nämlich das Aufräumen.
Wo er ging und stand, räumte er auf. Am Anfang war es noch ganz angenehm, dass mein Freund meine Wohnung so rührend putzte und schrubbte. Auch, dass er ständig versuchte, mich selbst aufzuräumen, fand ich irgendwie süß. Wann immer wir uns leidenschaftlich knutschten, merkte ich, wie er versuchte, meine Haare glattzustreichen, meine Bluse ordentlich zuzuknöpfen und glänzende Partien an meiner Stirn mit Puder abzudecken. Okay, jetzt übertreibe ich gerade. Das mit dem Puder stimmt nicht. Alles andere aber schon. Der Mann hat pausenlos aufgeräumt, gebügelt, gewienert und poliert.
Nicht dass ich da sonderlich pingelig wäre. Jedem das seine.
Am schlimmsten aber war das dauernde Geschiebe meiner Möbel im Schuhkarton. Da bin ich wirklich empfindlich. Ich mag meine Möbel immer gerne quer. Das ist Gift für einen neurotischen Pedanten, sage ich euch!
Immer, wenn er zu mir kam, hat er sich erst einmal seine blaukarierte Schürze umgebunden, mit dem Wedel unangenehmen Hausstaub verjagt und alles gerade gerückt. Seeeehr zeitaufwändig und seeeehr lästig. Danach steht einem nicht mehr so der Sinn nach einer heißen Liebesnacht.
Irgendwann habe ich Flo schließlich dabei erwischt, dass er die Deckenecken mit einem feinen Haarpinsel und Deckweiß nachgezogen hat, weil das seiner Meinung nach ordentlicher wirkte. Hier habe ich noch eisern geschwiegen. Man muss die Schwächen seines Partners ja auch tolerieren.
Als ich dann meinen Alibertschrank im Bad öffnete und meine Make-up-Utensilien alphabetisch nach Markennamen wie Zinnsoldaten in Reih und Glied aufgestellt sah, stürmte ich wutentbrannt ins Wohnzimmer, wo ich zu meinem Schrecken bemerkte, dass die Couch von einem durchsichtigen Plastikschonbezug erstickt wurde.
Kam mir fast so vor, als würde die Plastikdecke mir die Luft zum Atmen nehmen. Aber ich wollte noch immer nicht vorschnell urteilen.
Ich ließ mich also zwecks Probesitzen und damit Beweis meiner Großmut vorsichtig auf dem Plastikbezug nieder, auf dem ich quietschend nach vorne rutschte. Es war Sommer und als ich wenig später aufstehen wollte, klebten meine beiden Pobacken auf dem Plastikbezug fest, und die verdammte Folie hinterließ einen schwitzigen, roten Abruck auf meiner Kehrseite. Äußerst unangenehm.
Also machte ich kurzen Prozess, überging meine tiefen Gefühle für Flo, warf den Plastikbezug, Flo und sein Putzzeug ins Treppenhaus und wünschte alle zum Teufel. Dann haben Mia und ich das ganze Wochenende lang die Bude auf den Kopf gestellt und Junkfood in uns hineingeschüttet, dass die Waage krachte. Flo ist nun professioneller Aufräumer und verdient zweitausendfünfhundert Euro am Tag, während ich noch immer im Schuhkarton mit den quergestellten Möbeln hocke und mich frage, warum alles in meinem Leben schief läuft.
Es klingelt.
Mia muss mit einem Affenzahn durch die Stadt gefahren sein, um so schnell zu mir zu kommen. Ich wanke zur Tür und wische mir dabei die laufende Nase an meinem Arm ab, was zugegebenermaßen unappetitlich aussieht und sehr undamenhaft ist. Meine Augen brennen und ich fühle mich heiß an, als hätte ich Fieber. Gut, ist vielleicht auch ein bisschen Einbildung dabei, will ich nicht leugnen.
Das Schloss klickt zwei Mal, als ich den Schlüssel herumdrehe, und leise quietschend öffnet sich die Tür.
Mia blickt auf und versucht, ein zuversichtliches Lächeln zu Stande zu bringen.
In dem Moment, als sie mich sieht, gefriert das Lächeln auf ihren Lippen, und sie starrt mich ungläubig an.
»Lisa, was ist passiert?«, fragt Mia erschrocken.
Mit sanfter Gewalt schiebt sie mich einen Schritt ins Wohnzimmer und hievt den schweren Korb, den sie mitgebracht hat, auf den Couchtisch.
»So, es sieht ganz danach aus, als müssten wir deine Nerven erst einmal etwas beruhigen«, erklärt sie energisch und packt eine Familienpackung Macadamia-Nuss-Eis und zwei Flaschen Merlot aus. Dann legt sie mir eine rote Wolldecke um meine Schultern, gießt den Wein in zwei Gläser und steckt zwei Löffel in das Eis. Mia und ich essen das Eis grundsätzlich sofort aus der Packung, das spart Zeit, denn wir essen es immer gleich bis auf den letzten Splitter auf. Wir sind da sehr kompromisslos.
»Trink das«, befiehlt sie mir sanft und reicht mir ein Glas.
Weil ich so verzweifelt und überhaupt ein armes Würstchen bin, leere ich den gesamten Inhalt in einem Zug. Kommentarlos schenkt Mia mir nach.
»... und er hat mich ausgelacht, Mia, stell’ dir das vor, und die ganze Zeit hat er herumgedruckst, obwohl ich es ihm doch so leicht gemacht hatte ...« Ich fühle, wie sich in meinen Augen wieder kleine Seen sammeln, die sofort aus meinen geschwollenen Lidern herausquellen und ärgere mich darüber, eine heulende, dumme Kuh zu sein. Aber es tut trotzdem gut. Mia lauscht aufmerksam und beschimpft an genau den richtigen Stellen Tom mit absolut standesunkonformen, richtigen Kraftausdrücken.
Nachdem wir mit dem Spanferkel auf ähnliche Weise verfahren sind, schweigen wir einige Minuten lang.
»Also hör’mal, wenn Tom dich nicht heiraten möchte, dann ist das eben so. Er verdient dich einfach nicht«, versucht Mia mich zu trösten. »Und wegen des Spanferkels mach’ dir nicht so viele Gedanken. Du mochtest den Job doch sowieso nicht, oder?«
»Du verstehst das nicht.«
»Doch, klar, jeder versteht das«, meint Mia verständnisvoll.
Ich starre nur trübsinnig vor mich hin.
»Ach, Lisa, sicher lernst du bald einen anderen Mann kennen, der sich nichts Schöneres vorstellen kann, als dich zu heiraten, davon bin ich fest überzeugt, und es kann doch gar nicht schwer sein, einen neuen Job zu finden«, versucht Mia mich zu überzeugen.
»Nun lass’ doch mal das Spanferkel beiseite«, brause ich auf.
Mia schaut mich verdattert und mit großen Augen an.
Ich atme tief durch und beginne zögernd: »Als ich ein kleines Mädchen war, habe ich mir geschworen, niemals eine Familie zu gründen, ohne den passenden Mann gefunden zu haben.« Meine Unterlippe zittert heftig.
»Du hast doch noch jede Menge Zeit, eine Familie zu gründen, Süße«, tröstet Mia.
»Nein. Habe ich nicht.«
Mias Augen weiten sich.
»Wie meinst du das?«, fragt sie.
Ich schaue sie direkt an und ziehe die Brauen hoch.
»Lisa, bist du ... du bist doch nicht ... etwa schwanger?«, fragt sie ungläubig.
Ich starre Mia lange stumpf an und merke, wie meine Nase läuft.
»Also?«, fragt Mia scharf und ihre braunen Augen glänzen besorgt. Ich sage nichts. Wozu auch?
»Du bekommst also ein Baby!«, stellt Mia sprachlos fest.
Ich heule schon wieder. »Ich bin mir ja noch gar nicht wirklich sichter, ich meine ...« aber Mia unterbricht: »Wann hattest du deine letzte Periode?«
»Vor sechs Wochen.«
»Heiliger Torpedo, Lisa! Hast du schon einen Test gemacht?«
»Nein«, erwidere ich kleinlaut.
»Ein Schwangerschaftstest hat so etwas Endgültiges. Wenn ich einen mache und er ist negativ, bin ich wahrscheinlich erleichtert, aber irgendwie sicher auch traurig, denn eigentlich mag ich Babys und hätte gerne auch selbst Kinder. Und wer weiß, ob ich jemals wieder eine Chance bekomme, schwanger zu werden. Und wenn der Test positiv ausfällt, werde ich schockiert sein und in helle Panik ausbrechen, weil ich dann allein erziehende Mutter wäre und damit nicht besser als meine Mutter, und die kennst du ja. Ich wüßte ja gar nicht, ob ich es schaffen würde, ein Baby allein großzuziehen. Deshalb habe ich noch keinen Test gemacht, weil das Ergebnis auf jeden Fall schockierend und beängstigend wäre und ich vor beiden Resultaten Angst habe. Und nun wäre es gleich doppelt schlimm, schwanger zu sein, weil ich nicht nur keinen Vater für das Baby hätte, sondern auch keinen Job mehr habe!«, sprudelt es aus mir hervor.
»Ich verstehe.«
Mia schaut mich einige Minuten lang schweigend an, dann zieht sie mich ins Bad, setzte mich unsanft auf den hölzernen Klodeckel und lässt Wasser in die Wanne einlaufen.
»Ein heißes Bad wird dir gut tun. Wir reden später weiter.« Das hört sich eher an, als würde sie versuchen, sich selbst zu beruhigen.
Ich bedanke mich und strecke mich kurze Zeit später in der Wanne aus, dann ziehe ich den zartrosa Flanellpyjama an, den meine Freundin mir hereinreicht.
Nach dem Bad lasse ich mich müde in mein Bett führen.
»Schlaf’ jetzt«, flüstert sie freundlich. »Morgen wird alles besser aussehen.« Ich höre noch, wie die Tür ins Schloss fällt, dann lasse ich mich in den Sog wilder Träume hinabgleiten.
Irgendwann muss ich auf die Toilette.
Also gebe ich meine strapazierten Augen dem Sonnenlicht preis, das warm und grell meine Bettdecke zu entzünden scheint. Wie spät es wohl ist? Plötzlich erinnere ich mich an gestern und setze mich abrupt auf. Im selben Moment durchzuckt mich ein intensives Schwindelgefühl und mir wird speiübel. Stöhnend schaffe ich es gerade noch, den Klodeckel anzuheben, bevor ich kraftlos niederknie, den Kopf in die Kloschüssel stecke und mich krampfhaft erbreche. Oh Gott, ist mir schlecht! Suchend taste ich nach einem Handtuch.
»Hier.« Mia steht plötzlich in der Tür und reicht es mir.
»Danke«, krächze ich kleinlaut.
»Komm’ erst mal in die Küche und trink’ einen Tee. Der wir dir gut tun.«
Tröstend hilft sie mir auf die Beine und schleift mich bis zum hübsch gedeckten Frühstückstisch. In solchen Momenten bin ich überaus dankbar, eine so tolle beste Freundin zu haben. »Setzen, essen und trinken! « befiehlt Mia streng.
Ich werfe einen Blick auf die Uhr. Es ist acht. Ich kann mich kaum erinnern, wann ich an einem Dienstag zum letzten Mal so spät aufgestanden bin. Mia scheint schon eine ganze Weile auf den Beinen zu sein. Frische Vollkornbrötchen und Croissants, die geradewegs vom Bäcker kommen, ruhen friedlich im Brotkorb.
»Hattest du eigentlich Verwandte, die SS-Offiziere waren?«, stichele ich übellaunig.
»Was glaubst du, wofür mein zweiter Name ›Adolfa‹ steht? Du bist schwanger, das Baby braucht Nahrung, also essen!«, ordnet Mia an.
Ich lächele gepresst und knabbere Mia zuliebe wortlos an einem Vollkornbrötchen.
»Brav!«, lobt Mia.
»Hast du eigentlich hier übernachtet?«
»Nein, ich war zwar zu Hause, habe aber kaum geschlafen. Da dachte ich, ich könnte genauso gut Brötchen holen, um mit dir zu frühstücken«, erklärt sie sachlich.
Mia beobachtet mich aufmerksam. »Hör’ zu: Das mit Tom war bestimmt nur ein Missverständnis. Ich bin mir sicher, dass sich alles aufklären wird, wenn du Tom anrufst. Hier.« Sie hält mir den Telefonhörer vor die Nase.
»Nein! Mag’ ja sein, dass ich mir falsche Hoffnungen gemacht habe, blöde wie ich war, aber die Tatsache, dass er mit mir Schluss gemacht hat, ist ein Fakt und kein Missverständnis. Ich habe mich selbst zum Idioten gemacht und das wird mir sicher kein zweites Mal passieren!«, wehre ich mich heftig.
»Aber ...«, wendet Mia ein.
»Kein aber! Ich will mit Tom nichts mehr zu tun haben! Jedenfalls werde ich mir nie wieder idiotische Hoffnungen auf einen Schein-Antrag machen!«, schreie ich energisch.
Mia schweigt betroffen.
»Aber du ... du bist wahrscheinlich schwanger, bald seid ihr eine Familie, du, Tom und das Baby. Ich meine, okay, heirate ihn nicht, meinetwegen geht getrennte Wege, aber er sollte doch wissen, dass du sein Baby erwartest. Meinst du nicht auch, dass das sein Recht als Vater ist?«, fragt Mia ratlos.
»Nein! Wenn ich schwanger sein sollte, darf er es auf keinen Fall erfahren, hörst du, Mia? Das sieht doch so aus, als wäre das Baby nur Mittel zum Zweck, ihn zurückzubekommen! Das ist erbärmlich und eindeutig unter meiner Würde! Versprichst du mir, es ihm niemals zu sagen, egal, was passiert?«, verlange ich entschieden.
»Okay, okay!« Mia schüttelt vorwurfsvoll den braunhaarigen Kopf. Für sie scheint es schon festzustehen, dass ich Mutter werde.
»Du wirst sehen, bestimmt bekomme ich morgen oder übermorgen meine Tage und die Sache hat sich erledigt«, erkläre ich.
Nach dem Frühstück geht Mia, nicht, ohne angedroht zu haben, bald wieder vorbeizukommen. Bin total kaputt. Könnte mich sofort wieder hinlegen, obwohl ich gerade erst aufgestanden bin. Warum eigentlich nicht? Ich trotte zurück in mein Schlafzimmer. Kurz entschlossen sperre ich den strahlenden Junitag aus und ziehe die Rollos herunter. Ein Blick in die Küche: Der Käse trocknet an den Ecken schon an. Sieht verdammt ekelig aus. Egal! Lasse die Küche so, wie sie ist, aufräumen kann ich auch später noch.
Ich lege mich in mein Bett und frage mich nach dem Sinn des Lebens, meines Lebens. Ich verstehe die Welt noch immer nicht. Ich fühle mich furchtbar.
Der Fairness halber sollte ich klarstellen, dass Tom von meiner Vermutung, dass ich schwanger bin, nichts weiß. Ich wollte es eigentlich niemandem erzählen, bevor ich sicher bin, was ich tun soll. Ich meine, ein Baby zu bekommen ist ja nicht allein eine Sache des guten Willens. Ich habe ja nicht einmal genug Geld, mich selbst über Wasser zu halten, wie sollte ich mich da um ein Kind kümmern? Dass ich Mia gestern Abend von einer bloßen Vermutung erzählt habe, ärgert mich ein wenig. Es kommt doch immer mal vor, dass sich meine Periode mal verspätet, was ist denn schon dabei? Bestimmt kam das nur durch die Aufregung wegen Mias Hochzeit und dem Stress auf der Arbeit. Sicher merke ich jeden Moment, dass ich falsch liege und kann mein Leben erleichtert und ohne vor dem Zwang einer wichtigen Entscheidung zu stehen, wieder neu sortieren. Aber selbst, wenn ich nicht schwanger bin, sitzt der Schmerz, den Tom mir zugefügt hat, doch erstaunlich tief. Es ist auch so schon alles schwer genug, ohne schwanger und arbeitslos zu sein.
Ich stutze.
Da liegt etwas auf meinem Nachttisch. Ein rosafarbenes Buch.
Ich lese niemals rosafarbene Bücher. Das sind entweder schwülstige Liebesromane oder, genau, schwülstige Liebesromane. Ich hasse schwülstige Liebesromane. Folglich kenne ich das Buch da auch nicht. Folglich gehört es mir auch nicht.
Trotzdem bin ich neugierig. Ich nehme das Buch in die Hand. »Schwangerschaft und die ersten Babyjahre«, erklärt mir das Cover wichtigtuerisch. Ich schlage es auf, und eine kleine Anne-Geddes-Postkarte fällt mir entgegen.
»Ich bin mir sicher, du triffst die richtige Entscheidung«, lautet der einfache Satz in Mias Handschrift.
Anscheinend hat sie heute früh nicht nur Brötchen mitgebracht.
Naja, wo ich so ein Buch schon hier habe, kann ich es ja einmal durchblättern, oder?
Die Bilder auf den ersten Seiten zeigen die ersten drei Monate der embryonalen Entwicklung. Interessant.
Was wäre denn, wenn ich tatsächlich ein Baby bekäme?
Ich möchte nicht, dass mein Kind einmal sagen muss: »Meine Mama ist Sekretärin und sie hasst ihren Job. Einen Papa habe ich nicht.« Zwei wirklich unschöne Aussagen, mit denen ich auch nicht gut leben könnte
Außerdem liebe ich schöne Klamotten. Hätte ich ein Kind, könnte ich mir erstens aus Platzgründen und zweitens aus finanziellen Gründen keine neuen Kleider mehr leisten, jedenfalls nicht in diesem Ausmaß. Immer vorausgesetzt, ich finde wieder Arbeit. Und ich müsste dem Kind ständig neue Kleider kaufen. Ich meine, die wachsen doch sehr schnell, oder?
Und was wäre mit dem Schuhkarton? Den müsste ich auch aufgeben. Mehr als einer kann hier nicht leben. Die Wohnung würde ich wegen ihrer zentralen Lage und wegen der günstigen Miete wirklich nur sehr ungern verlassen. Und wer stellt überhaupt eine schwangere Frau ein?
Aber Abtreibung?
Das ist ein unheimlicher Gedanke, finde ich. Wenn ich schwanger sein sollte, dann gibt es für mich nicht denselben Unterschied, den die Mediziner uns weismachen möchten, dass ein Embryo bis zum dritten Monat noch kein richtiger Mensch ist, meine ich. Woher wollen die das denn bitteschön wissen? Es ist ja nicht so, als würde das Baby von da drinnen an Mamas Bauch klopfen und sagen: »Halooohhooo, ich bin jetzt auch ein Mensch!«
Mit diesen und ähnlichen Gedanken gleite ich allmählich in die warme Dämmerung eines sommerlichen Mittagsschlafes.
Als ich erwache, ist mir schwindelig. Ich sehe auf den Wecker. Es ist acht Uhr. Ich blinzele noch einmal und sehe wieder auf das Zifferblatt. Acht Uhr! Das kann unmöglich wahr sein! Als ich mich hingelegt habe, war es zehn, da bin ich mir sicher. Ich schalte den Fernseher und den Videotext an.
Mein Wecker tickt richtig, es ist nun eine Minute nach acht. Es ist Mittwoch morgen und ich haben beinahe vierundzwanzig Stunden geschlafen.
Im Fünfminutentakt renne ich auf die Toilette und schaue nach, ob ich endlich meine Periode bekommen habe. Vergeblich.
Ans Telefon gehe ich schon lange nicht mehr. Der Anrufbeantworter sammelt fleißig alle Nachrichten, die ich ohnehin nie beantworten werde.
Das Telefon klingelt. Zum achtunddreißigsten Mal. Bestimmt ist es Mama. Oder wieder Tom. Mein treuer Anrufbeantworter schaltete sich ein und verkündet mit meiner Stimme fröhlich: »Gleich piept’s!«
Pulsuz fraqment bitdi.