Kitabı oxu: «„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Die Lebensgeschichte der Susanne Bechstein»

Şrift:

„LIEBE DEINEN NÄCHSTEN WIE DICH SELBST!“

Die Lebensgeschichte der Susanne Bechstein

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2021

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

Copyright (2021) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte bei der Autorin

Titelbild © Arno Funke

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Einführung

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!

Die Bestimmung

Meine Kindheit und Jugend in Perleberg bis 1952

Unsere plötzliche Flucht nach Westberlin

Mit viel Zuversicht in die Zukunft

Er schaute schon durch mein Fenster!

Einführung

Es war das Jahr 2005, als ich nach meiner Pensionierung anfing, mein bewegtes und dramatisches Leben aufzuschreiben. Ich dachte, dass ich das, was ich erlebt hatte, auf diese Weise besser verarbeiten könnte. Leider war das ein Irrtum. Es wäre aber auch zu schön, wenn man alles, was einen bewegt, einem weißen Stück Papier anvertrauen könnte und damit auf einen Schlag keine schlaflosen Nächte und Albträume mehr hätte. Die Welt wäre dann wieder in Ordnung. Mit dem Aufschreiben ist das aber nicht getan. Unser menschliches Gehirn ist schließlich in der Lage, bestimmte Dinge zu speichern, die einen dann ein ganzes Leben lang verfolgen.

Im Jahr 2007 erschien der erste Teil meiner Autobiografie mit dem Titel „zeitwaise: SCHICKSAL EINER FRAU“, von dem meine Mutter nichts erfuhr, weil ich über meine Erlebnisse aus der Kindheit nie mit ihr gesprochen hatte. Heute bereue ich, dass ich dachte, dafür wäre noch genügend Zeit. Doch wir haben keinen Einfluss auf bestimmte Dinge im Leben. Meine Mutter war stolz auf mich, als ich ihr meine Gedichte schenkte und behauptete, dabei handle es sich um mein erstes Werk als Autorin. Für meine Bücher wählte ich ein Pseudonym. Unter dem Namen „Susanne Bechstein“ habe ich inzwischen elf Bücher veröffentlicht und muss feststellen, dass Schreiben offenbar süchtig macht. Ich habe in meinem Leben so viel erlebt, dass ich anderen Menschen auch heute noch einen Einblick gewähren möchte. Zuletzt habe ich angefangen, ein schreckliches Erlebnis aufzuschreiben, das mir vor einigen Jahrzehnten widerfahren ist. Dieser Vorfall hätte für mich auch tödlich enden können. Dabei hatte ich angenommen, das Erlebte längst aus meinem Gedächtnis gestrichen zu haben.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!

Wie steht es doch in der Bibel geschrieben? Wenn du Gott liebst, dann kannst auch du deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Wie können Menschen sich selbst lieben, die in ihrer Kindheit nur Schläge, Misshandlungen und Brutalität erfahren haben? Wie können diejenigen auch noch ihren Nächsten lieben, wenn sie nicht einmal wissen, was das Wort „Liebe“ für eine Bewandtnis hat. Und was versteht jeder einzelne Mensch unter Nächstenliebe? Kann man Menschen vergeben, die ein schlimmes Verbrechen begangen haben? Überwiegen da nicht der eigene Schmerz und die Frage, was ein Mensch in einer solchen Situation durchmachen musste? Wie ist es möglich zu vergeben, wenn Menschen überall auf der Welt getötet werden oder Familien ihre Kinder verlieren, die noch nicht einmal richtig gelebt und geliebt haben? Wo ist in solchen Momenten unser Gott Vater? Warum hat er es nicht verhindert? Oder wollte er die Menschheit damit bestrafen, dass sein Sohn Jesus Christus so viel Schmerz und Leid am Kreuz ertragen musste? Wie konnte Gott seinen Sohn opfern als Beweis für seine Liebe? Für mich ist das unvorstellbar! War Gott wirklich ein Mensch? Gott hat seinen Sohn bewusst sterben lassen, obwohl er von dessen Unschuld überzeugt war. Hat Judas Jesus wirklich verraten? Er war doch einer seiner Anhänger. Dennoch hat er ihn für 30 Silberlinge an die Hohepriester verraten. Warum hielten sie Jesus für einen Hochstapler und nicht für den angekündigten Messias? Das römische Volk hat Jesus vorgeworfen, sich als „König der Juden“ aufzuspielen und über das Land herrschen zu wollen. Daher verurteilte Pilatus ihn zum Tode am Kreuz. Hatte Geld im Christentum auch schon so eine große Bedeutung wie heute? Ein Menschenleben für 30 Silberlinge zu opfern, das ist meiner Meinung nach kaum vorstellbar! Wie man im Neuen Testament nachlesen kann, hat Judas seinen Verrat bereut und den Hohepriestern die Silberlinge vor die Füße geworfen. Angeblich hat sich Judas erhängt, weil er nicht voraussehen konnte, was sein Verrat für Folgen haben würde.

Jesus Christus hatte die Gabe, Wunder zu vollbringen. Durch ihn konnten blinde Menschen wieder sehen und Wasser wurde zu Wein. Vieles andere hat er durch seine Botschaften verkündet. Wird von Gott erwartet, dass er für immer und ewig seine schützende Hand über uns Menschen hält? Gott, der alle Menschen liebt, was auch immer sie tun? Oder weist er uns nur auf den rechten Weg hin, damit wir erkennen, was richtig und was falsch ist? Sollen wir am eigenen Leib erfahren, was Schmerz und Leid bedeuten? Sind wir für alles, was mit uns oder der Welt geschieht, selbst verantwortlich? Alle beten zu Gott, wenn sie in Not sind. Dazu gehören auch Menschen, die vorher gottlos waren. Ich kenne Gott nicht – nur das, was man über ihn hört und liest, und da bin ich doch sehr am Zweifeln. Soweit es in meiner Macht stand, habe ich immer versucht, Gutes zu tun. Vorurteile hatte ich nie! Den Umstand, dass ein Mensch beispielsweise als Obdachloser auf der Straße lebt, hat er sich bestimmt nicht selbst ausgesucht. Jedes Leben hat ja eine Vorgeschichte! Für mich persönlich ist Nächstenliebe von großer Bedeutung, deshalb hatte ich auch nie ein Problem damit, einen Menschen in den Arm zunehmen, der unter einer Brücke lebt und nicht so sauber aussieht wie seine Mitmenschen. Ich lasse mich gerne auf Gespräche mit solchen Menschen ein, denn aus Erfahrung weiß ich, wie dankbar sie sind, sich ihr Leid von der Seele sprechen zu können.

Leider gibt es in unserer Gesellschaft zu viele Vorurteile. Manche sagen in Bezug auf Obdachlose: „Die sind doch an ihrer Situation selbst schuld. Mir könnte so was nicht passieren!“ Ich finde solche Sprüche einfach großkotzig. Ständig muss ich diese Menschen verteidigen und es ist schon so manches Mal zu lautstarken Diskussionen gekommen. Wann immer ich versuche, meinen Standpunkt zu vertreten, stoße ich auf taube Ohren. Dabei sind es ja nicht nur Menschen, die aus armen Verhältnissen stammen, die ganz plötzlich den Boden unter ihren Füßen verlieren. Manche kommen aus zerrütteten Ehen, in denen es für den einen Partner von heute auf morgen keinen Platz mehr in der gemeinsamen Wohnung gibt und die auch sonst niemanden haben, der sie auffängt. Mein Bemühen, mich um obdachlose oder alte Menschen zu kümmern, kommt zwar im Allgemeinen gut an, doch jetzt kommt das „ABER“. Meine Mitmenschen waren bisher immer der Ansicht, dass es damit auch genug sein müsste. Mit so einem blöden Argument wollten sie mich zur Vernunft bringen und es hieß, ich solle mir lieber einen Freundeskreis suchen, der meiner würdig sei. Oh nein, so geht ihr nicht mir um! Meine Würde lasse ich mir von niemandem nehmen! Deshalb antworte ich diesen Menschen, die es nur gut mit mir meinen, ich hätte sehr wohl den richtigen Freundeskreis, schließlich kenne ich obdachlose Menschen, die aus der sogenannten „Oberschicht“ kommen, die sogar ein Studium absolviert haben und aus welchen Gründen auch immer heute auf der Straße leben. Sie erzählen mir gerne aus ihrem früheren Leben, als sie noch in einer gehobenen Position ihr Geld verdient haben und ihr Leben so verlief, dass andere es als „normal“ bezeichnen würden. In unserer hektischen Gesellschaft gibt es aber immer mehr Menschen, die ohne Tabletten den Druck im Berufsleben nicht aushalten. Da bleibt ein Burnout oftmals nicht aus. Auch wenn ich nicht so leben wollte und könnte wie diese Menschen, aber jeder Mensch muss doch für sich selbst entscheiden dürfen, was für ihn das Beste und Richtige ist. Manch einer hat darauf gar keinen Einfluss und gerät wie von selbst in eine Situation, die andere als anrüchig empfinden.

Natürlich haben meine Freundinnen ebenfalls ein gutes Herz. Auch sie sind großzügig und geben der einen oder dem anderen auf der Straße oft einen Euro oder auch etwas mehr oder kaufen diesen Menschen etwas zu essen. Für mich sind Menschen, die von vornherein ein Schwert brechen, einfach überheblich und sie wissen nicht, was Nächstenliebe tatsächlich bedeutet. Ich wünsche ihnen, dass sie nicht eines Tages selbst auf fremde Hilfe angewiesen sind, denn die Würde eines jeden Menschen ist unantastbar!

Natürlich habe auch ich über Jahrzehnte hinweg einen Prozess durchgemacht und nehme heutzutage Dinge nicht mehr so wichtig wie in meiner Jugendzeit. Auch ich war vor Jahrzehnten einmal in einer prekären Situation, die mich daran zweifeln ließ, ob meine Nächstenliebe in diesem Fall möglicherweise doch nicht angebracht war.

Im Jahr 2017 saß ich eines Abends vor meinem Fernsehgerät, um mir die Nachrichten anzuhören. Als die Ansagerin verkündete, dass in Berlin ein Mann mit einem Fahrrad unterwegs sei und Passanten im Vorbeifahren eine brennende Flüssigkeit ins Gesicht sprühe, holte mich meine Vergangenheit wieder ein, die ich doch längst aus meinem Gedächtnis gestrichen hatte – zumindest hatte ich das angenommen. Das war für mich der Auslöser, damit zu beginnen, das damals Erlebte zu Papier zu bringen. Wie gesagt, das Leben geht manchmal seltsame Wege! Du läufst und läufst, um das Ende deines Weges endlich zu erreichen, aber oftmals sind es Irrwege, die du beschreitest, weil du am Ende immer noch kein Licht für dich am Horizont entdecken konntest. Wenn du schon am Verzweifeln bist und die Absicht hast umzukehren und alles aufzugeben, was du besitzt, es dann aber doch nicht tust, wird auch für dich eines Tages am Ende des langen Tunnels ein Lichtstrahl leuchten. Dann weiß du, dass du endlich angekommen bist und es der richtige Weg war, auf dem du schon seit so langer Zeit gelaufen bist.

Die Bestimmung

Es war an einem Samstag im August, den ich mit meinen Freundinnen Katrin und Brigitte bei heißer Discomusik im Kasaleon, das sich in der Hasenheide in Berlin Neukölln befand, verbringen wollte. Wie immer war es gerammelt voll. Die Discokugel an der Decke drehte sich und verbreitete eine stimmungsvolle Atmosphäre. Auf der Tanzfläche war es sehr voll, sodass sich die vielen jungen Leute kaum bewegen konnten. Es war ein heißer Sommerabend und die Klimaanlage brachte an diesem Tag keine Erleichterung. Laut war es sowieso, sodass Schreien angesagt war, wenn man sich verständigen wollte. Alte und neue junge Leute trafen sich hier, die bester Stimmung waren. Man sagte „Hallo“ und „Schön, dich zu sehen“.

Meine Freundinnen hatten sehr schnell die passenden Tanzpartner gefunden und sie bewegten sich wie die Wilden bei Rock ’n’ Roll, Jazz und Twist. Ich stand etwas verloren da und mein Blick fiel auf einen jungen Mann, der offenbar gern auf Tuchfühlung tanzte. Ich dachte: Genau meine Art zu tanzen! Ich liebte nämlich unter anderem Tango und Blues. Das Tanzen wurde mir bereits in die Wiege gelegt oder ich habe die entsprechenden Gene von meiner Mutter geerbt. Jedenfalls konnte ich den Blick nicht von diesem jungen Mann wenden – er hatte mich in seinen Bann gezogen. Als er kurz zu mir herübersah, lächelte er. Nachdem der Tanz zu Ende war, kam er auf mich zu und fragte mich, ob ich tanzen wolle. „Ja, gerne sogar!“, antwortete ich. Er nahm mich in die Arme und wir tanzten eng zusammen, ohne dass es mir unangenehm war. Genau wie ich hatte er blondgelockte Haare und blaue Augen. Zum damaligen Zeitpunkt stand ich zwar eher auf Männer mit dunklem Haar und braunen Augen, aber hier passte es. Nach dem Tanz lud er mich auf einen Drink an die Bar ein und fragte mich, ob wir uns duzen wollten. Ich hatte nichts dagegen und stimmte ihm zu. Er reichte mir seine Hand und sagte: „Ich heiße Rudolf.“ Daraufhin nannte ich ihm meinen Namen.

„Doris – was für ein schöner Name!“, war Rudolfs Meinung. „Darauf müssen wir anstoßen. Was darf ich dir bestellen: Danziger Goldwasser, Escorial Grün oder lieber etwas anderes?“ Er sah mich fragend an.

„Weißt du, Rudolf, eigentlich trinke ich gar keinen Alkohol.“

„Ach, wirklich?“ Er sah mich ungläubig an.

Ich dachte, einer könne nicht schaden, und gab mir einen Ruck, zumal ich nicht als Memme dastehen wollte. So entschied ich mich für Danziger Goldwasser – ein Gewürzlikör, in dem etwas Goldenes schwamm, was faszinierend aussah. Rudolf bestellte bei der Dame hinter der Bar zwei Gläser Danziger Goldwasser und für sich ein neues Bier. Während wir auf die Getränke warteten, rauchten wir genüsslich eine Zigarette. Wenig später stießen wir an und ich nahm einen Schluck, der in einem Hustenanfall endete. Rudolf lachte und bestellte ein Glas Wasser für mich. Wir suchten uns ein gemütliches Plätzchen abseits vom Getümmel, wo wir uns ungestört unterhalten konnten. Zuerst sprachen wir über belanglose Dinge, zum Beispiel über seine Arbeit. Er sagte, er hätte Schreiner gelernt und arbeite derzeit bei der Fischfirma Loseid als Kraftfahrer. Aber unsere Themen wurden immer persönlicher und gingen dann doch sehr in die Tiefe. Jeder von uns hatte ja in seiner Kindheit und als Jugendlicher so einiges durchmachen müssen. Rudolf offenbarte mir, was er im Alter von sechs Jahren im Krieg erlebt hatte. Seine Mutter und zwei seiner Geschwister waren bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen. Er erzählte es mir in etwa wie folgt: „Normalerweise sind wir immer in einen der Luftschutzbunker in Berlin gegangen, wenn es Fliegeralarm gab. Mutter sagte: ‚Heute gehen wir in den Keller, und wenn sie Bomben abfeuern, werden sie bestimmt nicht auf unser kleines Haus zielen, sondern auf die großen, die daneben stehen.‘ Meine Mutter, meine Schwester Gerda und zwei weitere meiner Schwestern gingen daraufhin in den Keller, in dem wir uns sicher fühlten. Als dann die Bomben vom Himmel fielen, war es, als hätten sie sich ausgerechnet unser Haus ausgesucht. Berge von Steinen und Balken stürzten über uns zusammen und es brannte lichterloh. Wir hörten unsere Geschwister schreien. Meine Mutter wurde von einem Balken aufgespießt und auch eine meiner Schwestern war tot. Wenn wir nach oben schauten, sahen wir nur ein großes Loch, durch das der Himmel zu sehen war. Meine große Schwester Gerda war am Bein verletzt worden. Gemeinsam krabbelten wir die Schuttberge hinauf und krochen durch das Loch ins Freie. Das Haus brannte lichterloh und ich rannte hinein, weil ja noch eine meiner Schwestern in den Trümmern war. Ich konnte sie mit meinen sechs Jahren Gott sei Dank retten. Aber sie machte sich von meiner Hand los und sagte: ‚Wo Mutter ist, will ich auch sein!‘ Also rannte sie zurück ins Haus und verbrannte. Von meiner Mutter hat man später nur noch einen Schuh gefunden. Mein großer Bruder Fredi war im Krieg und unser Vater bei der Arbeit. Die anderen Geschwister waren in Sicherheit, wahrscheinlich in einem der Bunker, die es in Berlin gab. Die Tragödie konnte nicht schlimmer sein, als mein Vater nach Hause kam und vom Tod seiner Lieben erfuhr. Für ihn und meine anderen Geschwister brach eine Welt zusammen. Mein Vater starb einige Zeit später im Krankenhaus Friedrichshain an der Ruhr. Gerda hatte ihn mit dem Handwagen dort hingebracht. Keiner aus der Familie hat ihn jemals im Krankenhaus besucht und ich wusste später auch nicht, wo man ihn begraben hatte. Die Zeit danach verbrachte ich bei Pflegeeltern, die der Familie bekannt waren. Sie lebten am Schlesischen Bahnhof, wo es zur damaligen Zeitpunkt viele Laubenkolonien gab. Das Jugendamt setzte sich mit der Familie in Verbindung. Die wiederum erklärte sich bereit, mich aufzunehmen. Mir war es recht, da ich die Familie ja kannte und auf keinen Fall in ein Heim wollte. Meinen großen Geschwister war es wohl egal, da sie alle ihr eigenes Leben führten und viel älter waren als ich. Auch für sie war es nach dem Krieg nicht so einfach, denn unsere Familie hatte ja alles verloren – wir waren sechs Mal ausgebombt worden. Sie nahmen jedenfalls an, dass ich gut bei den Pflegeeltern aufgehoben war. Aus heutiger Sicht wäre ich wohl besser in ein Kinderheim gegangen. Bei meinen Pflegeeltern durchlebte ich die Hölle. Ich wurde brutal geschlagen, mein kleiner Körper war voller blauer Flecken. Einmal musste ich mit meinem Kopf in ein Ofenloch kriechen, dann schlug mein Pflegevater meinen Hintern mit einem Ledergurt grün und blau, nur weil ich die Katze vom Tisch gescheucht hatte, die von meinem Teller fressen wollte.“

Ich war von Rudolfs Schilderungen so schockiert, dass mir die Tränen über das Gesicht liefen. Er tat mir unendlich leid. Ich fragte ihn, warum seine Pflegemutter nicht eingegriffen hatte.

„Die wurde ja auch ständig von ihm geschlagen“, antwortete er. „Nach der Schule musste ich sofort nach Hause kommen. Und wehe, ich verspätete mich! Bereits auf dem Heimweg fing ich an zu zittern, weil ich wusste, was mich erwartete. In der Schule hatte ich zwei Freunde, Walter und Rolf, mit denen ich so gerne gespielt hätte. Aber es sollte nicht sein. Nachdem ich meine Schularbeiten gemacht hatte, musste ich mich um die Tauben und die Ziegen kümmern. Mein Pflegevater hatte eine große Taubenzucht und Tiere bedeuteten ihm mehr als Menschen. Schon als kleiner Junge musste ich den Tauben mit einem Beil den Kopf abschlagen und er ließ sie dann auf diese Weise verstümmelt herumfliegen. Noch heute sehe ich diese grausamen Bilder vor mir. Am Sonntag gab es immer Taubenbraten und ich hätte am liebsten quer über den Tisch gekotzt. Aus Angst vor Strafe aß ich meinen Teller jedoch leer.“

Ich sagte zu Robert: „Das ist ja grausam, was du erlebt hast!“ Dann fragte ich ihn, warum er das alles nicht der Frau vom Jugendamt erzählt hatte. Sie kam doch einmal im Monat ins Haus und wollte von ihm wissen, wie es ihm in der Familie gefiel.

„Weißt du, Doris, manchmal war mein Pflegevater auch nett zu mir. Dann schenkte er mir Geld, sodass ich mit meinen Freunden ins Kino gehen konnte. Außerdem hatte ich reichlich zu essen. Und was ganz wichtig war: Ich hatte Schuhe! Das konnte so kurz nach dem Krieg nicht jeder von sich behaupten. Also habe ich zu der Frau gesagt, dass es mir bei meinen Pflegeeltern gut gefiel.“

Weitere Einzelheiten möchte ich dem Leser ersparen, auch wenn heutzutage offen über solche Themen gesprochen wird. Roberts Erzählungen gingen aber weiter:

„Ich hatte die Schule beendet und wurde zusammen mit Walter und Rolf eingesegnet. Zu diesem Anlass bekam ich einen schönen Anzug. Wir Jungen waren an diesem Tag so glücklich. Anschließend begann ich eine Lehre als Schreiner. Mein Pflegevater vertrat die Meinung, dass es sich für mein späteres Leben auszahlen würde, wenn ich ein Handwerk erlernte. Von diesem Zeitpunkt an ließ ich mir nichts mehr von ihm gefallen. Wenn er mich schlagen wollte, drohte ich ihm damit, es dem Jugendamt zu melden. Als ich meine Lehre beendet hatte, mein eigenes Geld verdiente und mich häufig mit meinen Freunden traf, gab es immer öfter Streit, wenn ich spät heimkam. Als ich wieder einmal nicht pünktlich zum Essen nach Hause kam, erwartete er mich bereits an der Tür und schlug mir mit der Faust ins Gesicht. Jetzt war ich am Zuge. Ich stellte diesen alten Sadisten an die Wand und ließ meine ganze Wut und das Leid, das ich all die Jahre ertragen hatte, an ihm aus. Ich schlug so lange zu, bis er am Boden lag. Meine Pflegemutter – ich nenne sie mal „Frieda“ – griff nicht ein. Stattdessen nickte sie nur. Anschließend packte ich meinen Koffer und fuhr zu meinem Freund Walter und dessen Familie, die mich ohne zu zögern aufnahmen. Erst jetzt konnte ich mit jemandem über das Erlebte sprechen. Walters Familie war der Meinung, dass man den Mann anzeigen müsste. Ich habe meinen sadistischen Pflegevater nie wiedergesehen.“ Robert ließ das Gesagte kurz sacken und erzählte schließlich weiter:

„Walter arbeitete bei der Bahn und Rolf hatte die Absicht, Schauspieler zu werden, wie seine Eltern es waren. Sein Vater Franz hatte in dem Spielfilm „Kahn der fröhlichen Leute“ mitgespielt, der damals noch in Schwarz-Weiß gedreht wurde. Rolfs Idee zerplatzte allerdings schon bald wie eine Seifenblase. So beschlossen wir drei, gemeinsam zur Volksarmee zu gehen, um dem Volke in der DDR zu dienen. Allerdings wurde uns von nun an verboten, in den Westteil rüberzugehen. Das hielt uns jedoch nicht davon ab, wenn wir frei hatten und keine Uniform trugen, nach drüben zu gehen, wenn es einen neuen amerikanischen Spielfilm gab. Wir wurden überall eingesetzt. Beispielsweise mussten wir die Grenzen bewachen, nicht nur in Berlin, auch außerhalb im Osten. Wir unterhielten uns mit den Grenzsoldaten über die Sperrzonen, in denen die Soldaten aus dem Westen standen. Für uns junge Burschen war das alles aufregend und wir hatten viele Freunde, die bei der Armee waren. Der Westen reizte mich immer mehr, zumal es mir dort auch möglich war zu arbeiten. Immer mehr Menschen verließen den Osten, um in Westberlin ein besseres Leben zu führen. Wir mussten uns in Marienfelde im Aufnahmelager melden, um im Westen bleiben zu können.“ Hier unterbrach ich Rudolf und berichtete ihm, dass wir ebenfalls geflüchtet waren und Ähnliches durchgemacht hatten.

„Erzähl doch mal, wo ihr herkommt“, bat er mich. „Und warum seid ihr geflüchtet?“

Ich winkte ab. „Nein, Rudolf, dafür reicht die Zeit heute nicht aus. Es wäre eine zu lange Geschichte. Ein anderes Mal spreche ich gern darüber. Erzähl du ruhig weiter!“

Inzwischen waren wir fast die Letzten und es ging schon auf den Morgen zu. Wir hatten in dieser Samstagnacht unser Umfeld völlig vergessen, es gab nur noch uns beide. Tatsächlich sprach er weiter. Nach einer Weile sagte er: „Ich weiß gar nicht, warum ich dir das alles erzähle. Eigentlich spreche ich mit niemandem über mein Leben, aber zu dir hatte ich von Anfang an Vertrauen.“ Er lächelte und fuhr fort: „Natürlich wurden unsere Westbesuche beobachtet, und eines Tages wurden Walter, Rolf und ich aufgefordert, in das Büro unseres Kommandanten zu kommen. Uns ging natürlich ganz schön die Muffe. Doris, du glaubst nicht, was sie uns alles vorgeworfen haben! Angeblich hatten wir unseren Eid als Soldaten gebrochen und geplant, gemeinsam in den Westen zu fliehen. Was wir zu unserer Verteidigung vorzubringen hatten, wollten sie sich gar nicht anhören. Wir mussten unsere Waffen abgeben und wurden fürs Erste mit Arrest bestraft. Was hatten sie als Nächstes mit uns vor? Uns beherrschte die Angst, dass sie uns einsperren würden. Wir waren doch nur junge Burschen von nicht einmal zwanzig Jahren, die nichts Böses im Sinn hatten. Sie setzten sich mit unseren Familien in Verbindung. Walters Vater war ein hohes Tier bei der Partei, der, wie es schien, die Sache für uns in Ordnung brachte. Auf einmal durften wir wieder an allem teilnehmen, ohne dass man mit uns darüber sprach, was zu dieser Entscheidung geführt hatte. Und Fragen zu stellen, das kam für uns nicht infrage. Wir waren doch nur froh, dass die Sache für uns keine schlimmeren Folgen hatte. Aber der Westen reizte mich doch sehr, zumal ich keine Eltern hatte wie Walter und Rolf, die ja noch zu Hause lebten. Und weil ich wusste, wo meine noch lebenden Geschwister wohnten, war es für mich ein Leichtes, zu ihnen in den Westen zu flüchten. Ich dachte: Endlich bist du in Freiheit und kannst tun und lassen, was du willst. Ich nahm Kontakt zu meinen Geschwistern auf und Gerda bot mir an, bei ihr und ihrer Freundin Erna zu wohnen, bis ich im Aufnahmelager in Marienfelde alle Formalitäten hinter mich gebracht hatte. Nach meiner Anerkennung als Flüchtling suchte ich mir eine Stellung in meinen Beruf als Schreiner. Unseren Führerschein hatten wir drei Freunde bei der Volksarmee gemacht. Wie gesagt, ich arbeite inzwischen als Kraftfahrer, wo ich mehr Geld verdiene.“

Das war unser Kennenlernen an einem Samstag im August. Mein Herz hatte sich für diesen jungen Mann weit geöffnet, der mit seinen zweiundzwanzig Jahren innerlich zerbrochen war. Auf einmal hielt ich mein eigenes Leben nicht mehr für so wichtig. Am frühen Morgen – es wurde bereits hell – begleitete mich Rudolf bis zur U-Bahn. Ich fuhr in Richtung Innsbrucker Platz, wo ich bei einem älteren Ehepaar, das ebenso wie ich mit Nachnamen „Lange“ hieß, als Untermieterin wohnte. Von dem Tag an trafen wir uns, so oft es unsere Zeit erlaubte, und aus der anfänglichen Sympathie wurde Liebe. Und natürlich hegte ich Mitgefühl für Rudolfs Lebensgeschichte. Er lebte als Untermieter in einem möblierten Zimmer, das sich in Kreuzberg SO 36 in der Wrangelstraße befand. Wenn er Feierabend hatte, ging er in seine Eckkneipe, zumal die Wirtin für ihre Gäste auch Mittagessen kochte. So manches Mal trafen wir dort zusammen. In dieser Kneipe lernte ich auch Rudolfs Bruder Fredi kennen, der nach Feierabend gelegentlich dort sein Bierchen trank. Er und seine Frau Lilo lebten, verbunden mit einer Hauswartstelle, in einer Neubauwohnung in der Waldemarstraße/Ecke Pücklerstraße. An eine Neubauwohnung zu gelangen, war zu der damaligen Zeit schwierig.

Wenn ich Rudolf besuchte, um bei ihm zu nächtigen, zog ich mir schon im Flur die Schuhe aus, damit seine Vermieterin, Frau Schulz, nichts davon mitbekam. Trotzdem knarrten die verdammten Treppenstufen! Zur damaligen Zeit war es jungen Frauen, die noch nicht einundzwanzig waren, verboten, bei einem Mann zu schlafen, der keine eigene Wohnung hatte. Frau Schulz bekam natürlich mit, was unter ihrem Dach vor sich ging. Wenn ich nachts im Haus war, sah sie garantiert am nächsten Morgen aus dem Fenster und drohte mir und Rudolf mit dem Finger. Die Sache löste Rudolf schließlich auf seine Weise. Von diesem Zeitpunkt an gab es keine Probleme mehr. Mir stand sogar die Küche zur Verfügung und Rudolf brauchte nicht mehr in die Kneipe zu gehen, denn von jetzt an kochte ich.

Wie Frauen nun mal so sind, beschäftigte ich mich im Laufe der Zeit damit, Rudolfs Zimmer umzugestalten und es mit Deckchen, Blümchen und bunten Kissen zu verschönern, damit wir uns wohlfühlen konnten. Rudolf und ich wollten unbedingt zusammenziehen. Wir würden eine Monatsmiete sparen und das ständige Hin- und Herfahren hätte ebenfalls ein Ende. Aber wie sollten wir an eine Wohnung gelangen, zumal ich nicht mit Rudolf verheiratet und zudem auch noch nicht mündig war. Daraufhin ließ Rudolfs Schwester Gerda ihre Beziehungen spielen, was nach einiger Zeit auch zum Erfolg führte. Einer ihrer Bekannten, Herr Weinrich, hatte die Absicht, auf unbestimmte Zeit in sein Gartenhaus zu ziehen, und suchte jemanden, der seine Wohnung übernahm. Für wie lange, das stand in den Sternen. Dieses Angebot wurde für uns zum Glücksfall. Natürlich kamen Schwierigkeiten auf uns zu, weil wir nicht verheiratet waren. Herr Weinrich meinte jedoch, dass es der Hauseigentümer, Herr Berthold, vorerst nicht erfahren müsse. Außerdem verlangte Herr Weinrich für seine Möbel fünfhundert Mark Abstand. Doch woher nehmen und nicht stehlen? Da Rudolf und ich noch nicht besonders gut verdienten und erst recht kein Spargeld besaßen, wussten wir uns zunächst keinen Rat. Aber auch hier gab es einen rettenden Engel. Gerdas Freundin Erna stellte uns das Geld zur Verfügung und war damit einverstanden, dass wir es ihr in Raten zurückzahlten.

Von da an hatten wir eine Einzimmerwohnung mit einer Küche, einem schmalen Flur, einem Badezimmer samt Wanne, einem Waschbecken – darüber hing ein Spiegel – und zwei kleinen Schränkchen. Die Toilette befand sich zwei Etagen tiefer und wurde von allen Hausbewohnern benutzt. Letzteres stellte für Rudolf das größte Problem dar, weil er äußerst schamhaft war. Im Zimmer befanden sich ein Klappbett, ein Kleiderschrank, ein runder Tisch aus Omas Zeiten, zwei Sessel, ein Flickenläufer und an den Fenstern bunte Vorhänge zum Zuziehen, damit man vom Bahnsteig aus nicht hereinschauen konnte. Die anderen schönen Möbel hatte Herr Weinrich bestimmt mitgenommen. Rudolf und ich besaßen beide keinerlei Hausrat, nicht einmal einen Löffel oder eine Gabel, geschweige denn Teller. Freunde, die das alles bereits im Überfluss besaßen, schenkten uns eine Erstausstattung. Wir waren glücklich, dass wir jetzt jeden Tag zusammen sein konnten. An unsere neue Lebenssituation gewöhnten wir uns rasch. Das Einzige, was uns störte, war die Toilettensituation. Hatten war ein Bedürfnis, standen garantiert Mieter vor der Toilette und unterhielten sich. Oder das Örtchen war besetzt und wir mussten warten. So kam Rudolf oft unverrichteter Dinge wieder nach oben, es gab ja noch den Eimer, der im Grunde keine Lösung war.

Vom Wohnzimmer aus konnten wir direkt auf den Bahnsteig Prinzenstraße sehen und dort die Fahrgäste beobachten. Die erste Zeit konnten wir nicht schlafen, weil die einfahrenden Züge schon von Weitem zu hören waren. Daran mussten wir uns gezwungenermaßen gewöhnen, weil sich bestimmte Dinge im Leben eben nicht ändern ließen. Wir schliefen in unserem Klappbett und waren glücklich, die Nähe eines anderen Menschen zu spüren. Das war etwas, was wir in unserer Kindheit vermisst hatten. Am Morgen klappten wir das Bett hoch und zogen es mit einem bunten Vorhang zu.

Wir lebten sehr sparsam, und jede Mark, die wir erübrigen konnten, legten wir zur Seite. Als Kraftfahrer bei Loseid erhielt Rudolf, ebenso wie seine Kollegen, jede Woche ein Kilo frischen Fisch geschenkt, was unserem Speiseplan zugutekam. Ich arbeite in der Druckerei Bettin, wo ich vom Steindruck bis hin zum Offsetdruck alles kennenlernte.

Rudolf wünschte sich eine Musiktruhe, da er nur ein Kofferradio besaß. Weil wir keine großen Sprünge machen konnten und eine solche Anschaffung nicht bar bezahlen konnten, beschlossen wir, uns diese mittels Ratenzahlung zu leisten. Da wir nicht verheiratet waren, lief der Vertrag auf Rudolfs Namen.

Unser neues Zuhause wurde mit der Zeit immer gemütlicher und wir genossen jeden Tag, den wir zusammen verbringen konnten. Zu seinen Geschwistern hatte Rudolf wieder gute Beziehungen aufgebaut. Oft besuchten wir Fredi und Lilo in deren edel eingerichteter Neubauwohnung. Fredi war 1953 aus Ost-Berlin geflüchtete, als es den ersten Aufstand gegeben hatte. Er arbeitete auf dem Bau und verdiente schönes Geld. Aufgrund der Hauswartstelle brauchten er und Lilo nur die Hälfte der Miete zu bezahlen.

Nach einem Jahr Ehe auf Probe wurde uns von Herrn Weinrich regelrecht die Pistole auf die Brust gesetzt, zumal er die Absicht hatte, seine Wohnung zu kündigen. Er plante, weiterhin auf seinem Grundstück zu leben, und brauchte die Wohnung nicht mehr. Wir mussten also entweder umgehend heiraten oder uns stand der Auszug bevor. Da ich immer noch nicht volljährig war und daher auch noch nicht mündig, um diese Entscheidung für mich zu treffen, wurde die Situation für Rudolf und mich zum Problem. Ich benötigte das Einverständnis meines gesetzlichen Vormundes, den ich nicht kannte …

Meine Kindheit und Jugend in Perleberg bis 1952

Alles, was ich im Folgenden erzähle, habe ich während jahrzehntelanger Recherchen in Archiven, gleichzeitig aber auch aufgrund von Beobachtungen und Befragungen innerhalb meiner Familie herausgefunden. All dies machte mich zu einer starken und selbstsicheren Frau, und so spielte ich meine Rolle, wenn man es von außen betrachtete, sehr gut. Die Wirklichkeit sah jedoch anders aus, denn ich litt mein ganzes Leben lang an einem zerbrochenen Herzen.

Ich erblickte das Licht der Welt am 16. März 1939 vier Wochen zu früh in Perleberg. Diese Stadt wird auch „die Perle der Prignitz“ genannt. Ab 1772 war Perleberg Garnisonsstadt und hatte 300 Jahre Militär, Pest und Krieg überstanden. Ein romantisches Städtchen in der Prignitz am großen Markt Nummer 4 – ein Haus, das bis heute eines der ältesten Gebäude in der Stadt ist und unter Denkmalschutz steht. Das sogenannte Knaggenhaus, ein architektonisches Kleinod.

Beginnen wir bei meiner Familie bei meinem Opa, Max Lange, der am 15. November 1885 im Vogtland Reichenbach zur Welt kam. Er heiratete am 25. Juli 1903 seine Cousine Martha Lange, die am 20. Dezember 1883 in Altmannsgrün/Treuen Auerbach, Vogtland das Licht der Welt erblickte. Während ihrer Ehe brachte sie drei Jungen und drei Mädchen zur Welt. Das jüngste ihrer Kinder war meine Mutter Anna Irmgart Lange, geboren am 22. November 1919 in Perleberg. Und dann ist da noch mein Vater zu erwähnen, Alfred May, geboren am 17. April 1917 in Dortmund.

Meine Großmutter Martha verstarb am 27. Oktober 1930 in Perleberg an Kehlkopfkrebs. Sie wurde nur siebenundvierzig Jahre alt. Meine Mutter war zu der Zeit elf Jahre alt und liebte ihre Mutter abgöttisch. Der frühe Verlust belastete sie bis zu ihrem Tod im Jahre 2010. Martha war also meine richtige Oma, die ich leider nie kennengelernt habe.

Mein Opa Max war Oberschweizer (Melker) und Handelsmann von Beruf. Weil es ihm schwerfiel, seine große Familie zu ernähren, versuchte er sich in mehreren Berufen. Zum Beispiel war er eine Zeit lang Dorfpolizist, allerdings war ihm in dieser Funktion sein zu großes Herz im Wege. Eines Tages erhielt er den Befehl, zwei Diebe bei der Polizei abzuliefern. Als er sie zu dem begangenen Diebstahl befragte, behaupteten sie, sie seien hungrig gewesen und hätten etwas zu essen gestohlen. Opa ließ die Männer laufen und war damit seinen Posten los. Laut seinen Erzählungen hatte er es auch mit einem Zigarrengeschäft versucht. An dessen Eingang stand eine große Figur, ein Mohr, der mit dem Kopf nickte. Nach einigen Jahren ging Opa mit dem Geschäft pleite.

Nach dem Tod seiner Frau heiratete Opa ein zweites Mal. Hertha Palm aus Havelberg, die angeblich zwanzig Jahre jünger war als Opa, brachte ihre Tochter Gerda Palm mit in die Ehe. Diese wiederum war am 28. Februar 1925 geboren worden und somit sechs Jahre jünger als meine Mutter. Auf diese Weise kam meine Mutter zu einer Stiefmutter, mit der sie sich nicht verstand, und einer Stiefschwester, die in allen Belangen den ersten Platz einnahm.

Nach ihrem Schulabschluss arbeitete meine Mutter bei der Firma Borchert in Perleberg. Dabei handelte es sich um ein Schreibwarengeschäft. Kein Tanzboden war vor ihr sicher, was ihr bereits in jungen Jahren reichlich Ärger einbrachte. Wie ich in Erfahrung bringen konnte, kam es nicht selten vor, dass ihr Vater in den späten Abendstunden durch die Lokale streifte, um sie zu suchen. Fand er sie schließlich, prügelte er sie mit dem Teppichklopfer nach Hause.

Ab April 1935 und 1936 begann wieder der Flugbetrieb auf dem Fliegerhorst in Perleberg, der inzwischen neu angelegt worden war. Hier war mein Vater stationiert und hatte mittlerweile den Rang als Obergefreiter erreicht.

In Perleberg tobte von nun an das Leben. Laut den Erzählungen meiner Mutter lernte sie meinen Vater, den jungen Alfred May aus Dortmund, beim Tanzen im Bürgergarten im Hagen an der Stepenitz kennen. Angeblich war es Liebe auf den ersten Blick. Mein Vater war nur zwei Jahre älter als meine Mutter. Nach seinem Schulabschluss meldete er sich vor Kriegsbeginn freiwillig zum Militär, wo er zum Flugzeugmonteur und zum Fluglehrer ausgebildet wurde. Ab April 1936 war unter anderem das Kampfgeschwader III./KG 153 auf dem Fliegerhorst stationiert.

Meine Mutter war achtzehn, als sie schwanger wurde. Wie bereits erwähnt, kam ich vier Wochen zu früh zur Welt. Es war, wie damals üblich, eine Hausgeburt. Als mein Vater an dem Tag vom Dienst nach Hause kam und meine Mutter im Bett liegen sah, war er sehr erstaunt und fragte, ob sie krank sei. Das wohl nicht, antwortete sie, er solle aber mal in das Körbchen schauen, das am Ofen stand. Daraufhin sah er Mutter mit seinen großen blauen Augen erstaunt an, und als er erkannte, was sich in dem Körbchen befand, liefen ihm Freudentränen über das Gesicht. Vorsichtig hob er sein zerbrechliches Kind heraus und setzte sich zu meiner Mutter auf die Bettkante. „Ist es ein Junge oder ein Mädchen?“, wollte er wissen. „Ein Mädchen“, antwortete meine Mutter. Eines, das genau solche blonden Locken und ebenso blaue Augen hatte wie er. Mittlerweile hatte sich die ganze Familie um das Bett versammelt, um meinen Vater, der schon längst zur Familie gehörte, zu beglückwünschen. Oma Hertha kochte Kaffee und die Hebamme schilderte meinem Vater, wie die Geburt verlaufen war. Leider hatte sie keine so erfreuliche Mitteilung, denn während meiner Geburt hatte sich herausgestellt, dass meine Mutter mit Zwillingen schwanger gewesen war. Der Junge, der mein Bruder geworden wäre, war als Embryo im Mutterleib abgestorben, wahrscheinlich hatte das auch die Frühgeburt ausgelöst.

Wie aus dem Geburtenregister hervorgeht, erkannte mein Vater am 16. April 1939 die Geburt seines unehelichen Kindes an. Während dieser Zeit schloss er eine Lebensversicherung über 30.000 Reichsmark ab.

Nachdem sich meine Mutter von den Strapazen der Geburt erholt hatte, wurde das Aufgebot bestellt. Die Eltern meines Vaters lebten in Dortmund und durften von meiner Existenz nichts erfahren. Er war nämlich vonseiten seiner Familie einer anderen Frau aus reichem Hause versprochen worden, deren Familie ein großes Hotel in Dortmund besaß. Sein Vater Paul May, der krank war und im Rollstuhl saß, würde es angeblich nicht überleben, dass sein Sohn eine andere Frau liebte und zudem auch noch ein uneheliches Kind hatte.

Mein Vater liebte mich sehr. Wenn er dienstfrei hatte, wickelte er mich, gab mir das Fläschchen und schob mit stolzer Miene den Kinderwagen vor sich her. Das beweisen Fotos, die ich mir auch heute noch wehmütig ansehe. Wir waren eine glückliche Familie. Allerdings war das Geld knapp. Mutter konnte nicht arbeiten und mit dem Zigarrengeschäft ihres Vaters ließ sich keine fünfköpfige Familie ernähren. Das Kindergeld und das, was meine Mutter von meinem Vater erhielt, reichte zwar, aber große Sprünge konnte sie damit nicht machen. Dabei liebte sie das Leben und legte großen Wert auf elegante Kleidung.

Um mehr Geld für die Familie zu verdienen, meldete sich mein Vater freiwillig als Pilot und flog die Ju 52, in der er Flugschüler ausbildete. Damit war es ihm möglich, seiner kleinen Familie 50 Reichsmark im Monat mehr zukommen zu lassen. Das war noch vor dem Krieg. Der wiederum begann am 1. September 1939, als Hitler den Befehl gab, Polen anzugreifen.

Meine Mutter und meine Großeltern machten sich zu der Zeit Sorgen um meinen Vater, weil er nun nicht mehr zum Bodenpersonal gehörte und sich der Gefahr aussetzte, ein so großes Flugzeug zu fliegen. Wenn er morgens zum Flughafen fuhr, klopfte er zum Gruß von draußen an die Fensterscheibe. „Junge, pass bloß auf, dass dir nichts passiert!“, rief meine Oma Hertha ihm dann jedes Mal zu. Vater nahm es mit Humor, indem er sagte: „Ach Mutter, der Himmel hat doch Balken, da kann mir nichts passieren.“ Mir kommen die Tränen, während ich das schreibe, und mir wird das Herz schwer.

Von den Kriegsvorbereitungen bekam die Bevölkerung Perlebergs kaum etwas mit. Nur dass jetzt tagsüber und sogar nachts der Fluglärm in der gesamten Region zu hören war. Damals, im nationalsozialistischen Reich, war die Stimmung äußerst angespannt angesichts dessen, was die Bevölkerung aus dem Radio (Goebbelsschnauze) zu hören bekam. Hinter vorbehaltender Hand wurde gemunkelt, dass Adolf Hitler seit seiner Machtergreifung im Jahr 1933 etwas im Schilde führte, was sich ja später nicht nur mit der Vernichtung der Juden als wahr herausstellen sollte. Mein Vater machte meiner und seiner eigenen Familie in Dortmund gegenüber nur Andeutungen, um niemanden zu beunruhigen. Dass es womöglich bald Krieg geben würde, war ihm allerdings wohl schon klar.

Nicht nur der Fliegerhost wurde neu gestaltet und umgebaut, auch das Lyzeum wurde umfunktioniert und diente den Soldaten als Kaserne. Auch weiterhin waren die Tanzlokale jeden Abend der Mittelpunkt des Interesses und die Stimmung unter den Frauen konnte nicht besser sein. Hier verkehrten schmucke Fliegersoldaten, die in ihren Uniformen äußerst ansprechend aussahen. Die Frauen hatten freie Wahl, wenn es darum ging, den passenden Mann oder einen geeigneten Tanzpartner zu finden. Ich war bei meinen Großeltern gut aufgehoben, wenn meine Mutter und ihre Stiefschwester Gerda zum Tanzen ausgingen, was meinem Vater so gar nicht recht war.

Es war Mitte Mai 1939. Ich war inzwischen acht Wochen alt und schlief die meiste Zeit. Ich hatte ja vier Wochen nachzuholen, die ich normalerweise in meiner sicheren „Taucherglocke“ verbracht hätte. Sogar zu den Mahlzeiten musste meine Mutter mich wachmachen, wie sie mir später erzählte. Der 19. Mai – es war ein Freitag – war der schwärzeste Tag im Leben meiner Familie. Eigentlich hatte mein Vater endlich mal einen ganzen Tag frei. Diesen wollte er mit seiner kleinen Familie an der Stepenitz – ein Fluss, der durch Perleberg fließt – im Hagen verbringen. Aber wie ich schon schrieb, geht das Leben manchmal seltsame Wege, gegen die man einfach machtlos ist. Ein Fliegerkamerad und Freund meines Vaters kam am Abend des 18. Mai zu uns und bat meinen Vater, ob er dessen Dienst am nächsten Tag übernehmen könne. Er wolle sich an diesem Tag verloben und alle Vorbereitungen seien bereits getroffen. Natürlich war es unter Kameraden Ehrensache, dass der eine für den anderen da war. Also übernahm mein Vater diesen Dienst für seinen Freund. Es sollte sein letzter Flug werden, denn das Flugzeug, in dem er saß, stürzte am Nachmittag um 15:45 Uhr über dem östlichen Flugplatzhangar von Perleberg ab. Zwei seiner Kameraden waren sofort tot, während mein Vater zunächst noch lebte. Mit dem Krankenwagen sollte er in das Krankenhaus in der Bergstraße in Perleberg gebracht werden. Unterwegs – etwa auf Höhe der Bäckerstraße – murmelte er immer wieder Mutters Kosenamen: „Mulle, Mulle“, bevor er noch während der Fahrt verstarb.

Eine Freundin meiner Mutter, die unmittelbar am Flughafen wohnte, hatte den Absturz beobachtet und insgeheim gedacht: Hoffentlich war das nicht der Fred – so nannten ihn seine Freunde.


Mein Vater Alfred May 1938

Mutter hatte mich auf dem Arm und war im Begriff, mir das Fläschchen zu geben, als es am Abend an der Tür klopfte. Als Oma Hertha öffnete, standen zwei Herren in Uniform vor ihr und wollten Fräulein Lange sprechen. Sie ließ die Herren eintreten, woraufhin die beiden meiner Mutter die unfassbare Nachricht mitteilten. Daraufhin fiel sie in Ohnmacht! Gott sei Dank gelang es Oma Hertha, mich aufzufangen, bevor ich auf den Fußboden stürzte.

Von diesem Moment an geriet das Leben meiner Mutter völlig aus den Fugen. Sie war kaum noch ansprechbar und beweinte Tag und Nacht den Verlust ihres Liebsten, der nur sechsundzwanzig Jahre alt geworden war. Mein Vater wurde mit allen Ehren auf dem Fliegerhorst verabschiedet und schließlich nach Dortmund überführt. Damit erfuhr seine Familie auch von meiner Existenz, denn die Schwester meines Vaters, Emmi May, war von Dortmund nach Perleberg gereist, um der Überführung beizuwohnen und die nötigen Formalitäten zu erledigen. Völlig überrascht registrierte sie, dass ihr Bruder eine Familie gegründet hatte. Sie blieb einige Tage in Perleberg und wohnte im Hotel Deutscher Kaiser. Nachdem Emmi alle Formalitäten im Fliegerhorst und mit meiner Familie erledigt hatte, kehrte sie nach Dortmund zurück, wo sie bei ihren Eltern lebte und in einer Bank arbeitete.

Mit der Zeit entwickelte sich ein Briefwechsel zwischen Emmi und meiner Mutter. Von den Eltern meines Vaters war allerdings nie die Rede und sie meldeten sich auch nicht. Hin und wieder bekam meine Mutter ein Päckchen mit Babybekleidung und einmal auch eine Käte-Kruse-Puppe für mich. Ob und inwieweit meine Großeltern daran beteiligt waren, konnte meine Mutter nicht in Erfahrung bringen. Nur dass der Vater offenbar nicht tot umgefallen war, als er erfuhr, dass sein Sohn einen tödlichen Unfall gehabt hatte. Aber ein Enkelkind hätte angeblich seinen Tod bedeutet.

Von der Versicherungssumme, die der Familie meines Vaters zugesprochen worden war, bekam ich als sein Kind 3000 Reichsmark, die für mich mündelsicher angelegt wurden, damit ich später in der Schule und während der Zeit meiner Ausbildung versorgt war.

Am 23. Juli 1939 wurde ich in der St. Jacobi Kirche am Großen Markt auf den Namen Doris Martha Lange getauft. Wie in meiner Taufurkunde zu lesen ist, waren Fräulein Emmi May und Frau Hertha Lange meine Taufpaten.

Meine Mutter arbeitete wieder bei der Firma Borchert, die in der Zwischenzeit auf dem Fliegerhorst ein weiteres Schreibwarengeschäft eröffnet hatte. Ich frage mich, wie Mutter an dem Ort arbeiten konnte, an dem mein Vater zu Tode gekommen war. Sie hatte ihn doch beweint und um ihn getrauert! Ich habe später nie mit ihr über dieses Thema gesprochen. Schließlich dauerte es nicht lange, und Mutter hatte sich wieder in einen Flieger verliebt. Sie schwebte auf Wolke sieben. Sein Name war Erich Manke und er war besessen von meiner Mutter – wie alle Männer, die sie kennenlernten. Er wurde am 11. Oktober 1919 in Leipzig geboren und war Angehöriger der Einheit 1. Staffel I Kampfgeschwader 30.

Mutters Stiefschwester Gerda, war Dienstmädchen bei einem bekannten Arzt in Perleberg. Er war verheiratet und dessen Familie gehörte zu den gut betuchten Leuten. Sie waren Inhaber einer großen Fleischerei. Im Alter von sechzehn Jahren wurde Gerda schwanger. Wie sich herausstellte, war sie von ihrem Arbeitgeber vergewaltigt worden. Um einen Skandal zu vermeiden, wurde der Familie Lange eine beträchtliche Summe Schweigegeld angeboten. So einigte man sich und damit war das Problem für den Arzt und dessen Familie aus der Welt geschafft worden. Niemand erfuhr, wer der Vater von Gerdas Kind war.

Inzwischen war es September geworden und der Krieg mit Polen hatte begonnen. Jetzt starteten die Flugzeuge tagsüber und auch nachts vom Fliegerhorst und der Fluglärm war laut Schilderungen meiner Familie kaum zu ertragen. Trotzdem vergnügten sich die Frauen auf den Tanzböden, als sei die Welt noch in bester Ordnung. Sogar aus der näheren Umgebung wie zum Beispiel aus Wittenberge und aus anderen Städtchen oder Dörfern kamen Frauen, um sich mit den schmucken Fliegern zu zeigen und sich mit ihnen zu amüsieren. Natürlich waren meine Mutter und ihre Freundinnen auch dabei. Erich Manke, Mutters neue Liebe, bat sie, sich mehr um mich zu kümmern und ihr Versprechen einzuhalten, auf das Tanzengehen zu verzichten. Er sei schließlich im Krieg und kämpfe jeden Tag um sein Leben. Ein Foto meiner Mutter hatte er in der Kanzel angebracht, sodass sie ihn auf diese Weise während seiner Einsätze im Krieg begleitete. Erichs Warnung, seine Kameraden würden es ihm schon berichten, wenn meine Mutter doch tanzen ginge, hatte sie leichtfertig hingenommen. Sie nahm überhaupt das ganze Leben leicht und tat stets das, wonach ihr der Sinn stand, und dazu gehörte es, sich zu amüsieren.

Als Erich von einem seiner Einsätze zurückkehrte, trafen sich beide wie gewohnt im Hotel „Prinz Heinrich“, das sich ganz in der Nähe vom Bahnhof befand. Er brachte Geschenke mit, unter anderem Nylonstrümpfe, die sich zu der Zeit kaum eine Frau leisten konnte. Dann kam es zwischen ihnen zu einer Aussprache. Erichs Kameraden hatten ihm nämlich berichtet, dass meine Mutter tatsächlich zum Tanzen ausging und sich mit anderen Männern vergnügte. Sie war im Hotel Stadt Magdeburg und nicht nur dort gesehen worden. Erichs Gedanken waren bei jedem seiner Einsätze bei ihr, und weil er oft in brenzligen Situationen ums nackte Überleben kämpfte, wünschte er sich eine Frau, auf die er sich verlassen konnte. Er erklärte meiner Mutter, sie sei deshalb nicht die Richtige für ihn. So endete wieder einmal eine ihrer Liebesgeschichten. Diese eine Nacht verbrachten die beiden noch gemeinsam im Hotel, und dann war Schluss. Davon erzählte mir meine Mutter Jahrzehnte später und sie bedauerte, damals einen großen Fehler gemacht zu haben. Im Alter von dreiundachtzig Jahren erkundigte sie sich beim Roten Kreuz nach Erich, um zu erfahren, ob er den Krieg überlebt hatte. In dem Schreiben, das ich besitze, wurde ihr mitgeteilt, dass „Herr Erich Manke geb. 11. Oktober 1919 in Leipzig-Mockau, in unseren Unterlagen als Verschollener des II. Weltkrieges verzeichnet ist. Er wird seit dem 26. Juli 1943 nach einem Feindflug gegen die Hafenanlage La Valletta/Malta vermisst. Er war zu diesem Zeitpunkt Angehöriger der Einheit 1. Staffel 1 Kampfgeschwader 30. Meldungen über den Verbleib oder Tod des sogenannten liegen nicht vor.“ Meine Mutter meinte daraufhin, dass Erich sich im Falle seines Überlebens bestimmt bei ihr gemeldet hätte.

Am 20. März 1940 erblickte Monika, die Tochter von meiner Mutters Stiefschwester Gerda, das Licht der Welt. Genau wie ich war sie ein ungewolltes und ungeliebtes Kind. Ich war inzwischen ein Jahr alt.

Im Jahr 1935, genau genommen am 26. Juni, wurde der Reichsarbeitsdienst erlassen. Das war eine Organisation im nationalsozialistischen Deutschen Reich, um dem Reich zu dienen. Im Jahr 1938 führten die Nazis das Pflichtjahr für Mädchen im Alter zwischen vierzehn und fünfundzwanzig Jahren ein. Damit traf dieses Gesetz jetzt auch auf die Frauen in und um Perleberg zu. Sie wurden arbeitsverpflichtet und mussten in Wittenberge in der Zellwolle, in der Ölmühle und in anderen Bereichen dem Deutschen Reiche dienen. In den Fabriken herrschten eine strenge Hierarchie und strenge Vorgaben, über die meine Mutter und ihre Stiefschwester Gerda hinwegsahen. Wenn sie in den frühen Morgenstunden vom Tanzen nach Hause kamen, hatten sie natürlich keine Lust, sich dem strengen Gesetz der Nazis zu unterwerfen, und blieben der Arbeit fern. Wie oft wurden sie von ihren Freundinnen und Vorgesetzten ermahnt, ihrer Arbeit nachzukommen. Vermutlich stieß auch das bei beiden auf taube Ohren. Die Nazis sahen sich das nicht länger an. Meine Mutter war dreiundzwanzig Jahre alt, Gerda achtzehn, als sie im August 1942 abgeholt und nach Potsdam gebracht wurden, wo man sie vorübergehend in Gewahrsam nahm. Von dort wurden die beiden einige Wochen lang tagtäglich mit dem Auto zur Arbeit nach Wittenberge gebracht, bis über sie ein Urteil gefällt wurde. Beide wurden aus politischen Gründen am 2. Dezember 1942 in das größte Frauenkonzentrationslager Ravensbrück interniert. Unterlagen, die ich während meiner Nachforschungen erhielt, belegen diesen Umstand. Ich denke, die Haftnummer und der Stern, den die beiden tragen mussten, sind nicht wichtig für meine Leser. Oma Hertha wurde verurteilt, weil sie ihrer Aufsichtspflicht als Mutter nicht nachgekommen war, außerdem beschuldigte man sie der Kuppelei. Dafür kam sie für einige Zeit ins Gefängnis. Opa Max befand sich in Holland und erfüllte dort als Arbeitsvermittler seine Pflicht. Was er in Holland unter „Pflicht“ verstand, konnte ich bis heute nicht in Erfahrung bringen. So wurde eine Familie aufgrund ihres leichtsinnigen Lebenswandels zerstört. Zu der Zeit war ich drei Jahre alt. Monika wurde nach Wittenberge in ein Heim gegeben und auch ich wurde von einem Tag auf den anderen aus meiner vertrauten Umgebung gerissen. Ich kam in das Kinderheim in Perleberg und fand mich zwischen vielen anderen Kindern und Frauen in schwarz-weißen Gewändern wieder. Auf ihren Köpfen trugen die Frauen eine Haube mit einer Schleppe. Sie waren sehr lieb zu mir und den anderen Kindern und sie trösteten uns, wenn wir weinten. Kein einziges vertrautes Gesicht war mir geblieben. Ich hatte von nun an keine Mutter und keine Großeltern mehr, stattdessen war da eine Nonne, zu der wir Kinder „Mütterchen“ sagten.

Zusammen mit den anderen Kindern bewohnte ich einen großen Raum. Abends weinte ich mich in den Schlaf und hatte seltsame Träume, die ich in dem jungen Alter nicht zu deuten wusste. Ständig war ich auf der Suche nach meiner vertrauten Umgebung, nach Gesichtern, die mir vermittelten, dass ich geliebt wurde, aber ich fand nichts von alledem. Mit der Zeit gewöhnte ich mich an meine neue Umgebung, begriff aber noch lange nicht, was mit mir geschehen war.

Beim Frühstück saßen wir an einem langen Tisch und beteten jeden Morgen zu Gott, dass er seine schützende Hand über uns halten möge. Wer bereits singen konnte, sang mit den Nonnen. An manchen Tagen gingen wir mit Mütterchen und den anderen Nonnen auf den Markt, auf dem ein großer Mann aus Stein stand, der ein Schild und ein Schwert in der Hand hielt. Im Hagen, wo die Stepenitz fließt, tobten wir auf der Wiese und pflückten Butterblumen und Gänseblümchen, um daraus mit Mütterchens Unterstützung einen Blumenkranz zu flechten, den wir dann stolz auf unseren Köpfen trugen. Oder wir spielten auf dem Hof, wo wir mit Vergnügen schaukelten.

Als Weihnachten herangekommen war, beteten wir zu Gott und aßen gemeinsam zu Abend. Anschließend wurde das Zimmer geöffnet, in dem ein bunt geschmückter Weihnachtsbaum stand. Unsere Kinderaugen leuchteten, denn so etwas hatten wir bis zu dem Tag noch nie gesehen. Schließlich überreichte uns Mütterchen Geschenke. Ich bekam unter anderem einen kleinen Kochherd und ein paar Töpfe, mit denen ich richtig kochen konnte, wenn ich eine Kerze in den Herd stellte. Es gab selbstgebackene Kekse und Süßigkeiten, wie wir sie von den Nonnen nur selten bekamen. Das war natürlich das Schönste an Heiligabend für uns Kinder.

Dann wurde ich plötzlich sehr krank und sah die folgende Szene vor mir: Ich liege alleine in einem Zimmer. Ein Mann kommt zu mir und pikst mir mit einer Nadel in den Arm. Das tut so weh, dass ich mein ganzes Stimmenvolumen zum Einsatz bringe. Ich falle in einen tiefen Schlaf und habe wieder seltsame Träume. Viele Hände greifen nach mir; es sind dicke und dünne Männer, die mich aus meinem Bett zerren wollen. Ich wehre mich heftig und fange laut an zu schreien … Dann wachte ich auf.

Als Kind vergaß ich derartige Träume rasch, doch irgendwann holten sie mich wieder ein und ich sah immer neue Szenen: Ich stehe am Fenster und schaue nach draußen. Ich höre einen lauten Knall und sehe, wie ein Mann und sein Pferd plötzlich umfallen. Auf der Straße ist es sehr laut. Es wird geschossen und viele große Autos fahren an unserem Haus vorbei … Waren das alles tatsächlich nur Träume gewesen oder spiegelten diese Bilder die Realität wider? Seit meinem Einzug in das Kinderheim waren zweieinhalb Jahre vergangen und es wurde immer noch geschossen. Zahlreiche Bomben waren vom Himmel gefallen. Wir Kinder hatten große Angst, wenn Panzer durch unsere Stadt fuhren und zahlreiche Männer mit ihren Gewehren an die Häuser klopften. Menschen standen vor unserem Haus und gaben Befehle in einer Sprache, die wir nicht verstanden. Es waren böse Männer in Uniform und ihr Geschrei klang entsetzlich laut und wütend. Wir Kinder saßen im Keller und klammerten uns an Mütterchen und die anderen Nonnen. Die Frauen beruhigten uns und beteuerten, uns werde nichts passieren. Gott habe unsere Gebete erhört und die Männer seien unsere Befreier. „Der Krieg ist zu Ende“, erklärte Mütterchen. Wir Kinder konnten mit dem Wort „Krieg“ nichts anfangen. Nur dass es etwas Böses zu bedeuten hatte.

Der Krieg endete am 2. Mai 1945 und auf dem Kirchturm im Ort wurde durch Georg Müller die weiße Fahne gehisst. Es folgte eine kampflose Übergabe der Stadt Perleberg an die sowjetischen Truppen. Am 8. Mai 1945 wurde Rudolf Borsch als Bürgermeister eingesetzt, und zwar in Zusammenarbeit mit dem Kriegskommandanten Major Wasiljew. Für uns war der Krieg im Grunde noch nicht vorbei, weil die Russen in Perleberg mit ihren Panzern, Lastkraftwagen und Maschinengewehren Angst und Schrecken verbreiteten. Alles, was ihnen im Weg stand, walzten sie einfach nieder. Die deutsche Abwehr oder genau genommen das, was von ihr übrig war, flog immer noch über die Region, um sich dem Einmarsch zu widersetzen. Was natürlich zwecklos war, wir hatten den Krieg ja längst verloren.

Eines Tages kam Mütterchen zu mir und sagte: „Doris, dein Opa Max ist gekommen, um dich nach Hause zu holen. Ich sagte „Guten Tag“, machte einen Knicks und sah den Mann mit großen Augen an. Er erklärte, er sei mein Opa Max und wolle mich zu meiner Familie bringen, der Krieg sei vorbei. Ich kannte diesen Mann nicht und war entsprechend verunsichert. Mütterchen betonte noch einmal: „Doris, du musst mit ihm gehen, deine Familie wartet auf dich!“ Was war das – eine Familie? Ich kannte so etwas nicht. Wie sollte ich mich als Fünfjährige an das erinnern, was ich zwei Jahre zuvor im Alter von drei Jahren erlebt hatte? Ich hatte keinerlei Erinnerung an meine Vergangenheit, nur vage Erscheinungsbilder, die mich während der Nacht heimsuchten. Natürlich hatte ich große Angst und fing an zu weinen. In meiner Verzweiflung klammerte ich mich an Mütterchen. Der Mann, der mein Opa sein sollte, war nett zu mir. Er strich mir mit der Hand über den Kopf und zog an meinen langen blonden Zöpfen. Dabei lachte er mich mit seinen gütigen Augen freundlich an. „Komm, Doris“, sagte er, „wir müssen jetzt gehen, sie warten alle auf dich!“ Ich umarmte Mütterchen zum Abschied und die anderen Nonnen küssten und herzten mich ein letztes Mal. Die übrigen Kinder winkten mir zu und riefen auf Befehl: „Doris, auf Wiedersehen!“ Der fremde Mann hatte inzwischen meinen Koffer entgegengenommen und hielt meine kleine Hand ganz fest. Zögerlich lief ich neben ihm her und blickte zu ihm auf. Er war ein großer Mann!

Auf unserem kurzen Fußmarsch, der mich in mein neues Zuhause bringen sollte, sah ich mich um. Zahlreiche Häuser und Straßen waren von den Bomben zerstört worden. Ununterbrochen fuhren Lastwagen an uns vorbei, in denen Männer saßen, die lauthals sangen und lachten. Ich wollte von Opa Max wissen, wohin diese Autos mit den Männern fuhren und warum sie so fröhlich waren. Er erklärte mir, dass die Autos und die vielen Männer, die in Kolonnen marschierten, den Flugplatz besetzt hatten. Der hatte einst unseren deutschen Fliegern und Soldaten gehört und jetzt hatten die Russen ihn übernommen. Mit Opas Erläuterungen konnte ich natürlich nichts anfangen.

Wir waren vielleicht zehn Minuten gelaufen, da sagte Opa Max auf einmal, wir seien jetzt zu Hause. Wir befanden uns in einer kleinen Gasse und standen vor einem Haus, das größer war als das Kinderheim und zu dem eine große Toreinfahrt führte. Mein Zuhause befand sich also im Parterre des Hauses Nachtigallstraße 4, einem alten Gebäude mit Fensterklappen, wo ich tatsächlich bereits erwartet wurde. In den nächsten Stunden stürzte unendlich viel Neues auf mich ein. Fremde umarmten mich. Liebevolle Menschen küssten und streichelten mich. Sie sagten: „Du siehst aus wie dein Vater Fred. Er hatte ebenso blaue Augen wie du und sein Haar war genauso blond.“

„Wo ist mein Vater?“, wollte ich wissen.

„Doris, er ist nicht hier und er kommt auch nie wieder. Aber du bist noch zu klein, um das zu verstehen.“ Merkwürdig, eben war ich noch zu klein gewesen, und im nächsten Moment hieß es, ich sei groß geworden. Ich kannte diese Menschen nicht, keines ihrer Gesichter hatte ich jemals gesehen. Und alles, was sie zu mir sagten und was sie mir zu erklären versuchten, hatte für mich keine Bedeutung.

Dann sagte eine Frau zu mir: „Ich bin deine Oma Hertha, und das ist deine Tante Gerda.“ Ein kleines Mädchen, das mich mit großen braunen Augen ängstlich ansah, stellte sie mir als meine Cousine Monika vor. Ich ging zu der Kleinen, sagte guten Tag und nahm einfach ihre Hand. Da standen wir nun und sahen uns an: zwei Mädchen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Meine neue Oma zeigte mir ein Zimmer, in dem ich mit ihr und Opa Max in Zukunft das Bett teilen würde. Tante Gerda und Monika hatten ein eigenes Zimmer. Dann gab es noch ein drittes Zimmer, in dem Regale standen und Kisten mit Obst und Gemüse gelagert wurden. Ich fragte Oma Hertha, ob ich einen Apfel haben dürfe. „Natürlich darfst du dir einen Apfel nehmen!“, antwortete sie. Ich nahm mir einen aus der Kiste und Oma sagte, das seien Hasenköpfe. Ich drehte meinen Apfel hin und her, betrachtete ihn von allen Seiten und fragte, warum er „Hasenkopf“ heiße. „Weil er wie ein Hasenkopf aussieht“, bekam ich zur Antwort. Ich hatte noch nie einen Hasen gesehen und konnte Oma Hertha deshalb nicht folgen. Mit fragendem Blick sah ich sie an. „Schau mal, Doris, dieser Apfel ist nicht rund wie die anderen Äpfel in der Kiste.“ Sie nahm mir meinen Apfel aus der Hand und schüttelte ihn. „Hörst du, wie es in diesem Apfel klappert?“ Ich nickte und wollte wissen, warum es darin so klapperte. „Das sind die Kerne im Gehäuse. Erst wenn sie klappern, sind die Äpfel reif und wir können sie essen. Weißt du, meine Kleine, dein Opa Max hat einen sehr großen Garten. Da wachsen Gemüse, Kartoffeln und Johannisbeeren und es gibt viele Obstbäume. Aber das lernst du noch alles kennen.“ Sie erklärte mir, dass sie und die anderen meine richtige Familie seien. „Wir haben dich vermisst und lieben dich alle sehr.“ Als meine neue Oma mich ganz fest an sich drückte, schlang ich meine Arme um ihren Hals und hielt sie ebenfalls ganz fest.

In der großen Wohnküche, in der Tante Gerda das Mittagessen zubereitet hatte, befand sich auch die Toilette. Ich setzte mich brav an den großen Tisch, der bereits gedeckt war. Dann stellte Tante Gerda einen Topf auf den Tisch, in dem Grießsuppe war, dazu gab es trockenes Brot. Als alle Platz genommen hatten und die Teller bis zum Rand gefüllt waren, wünschte Opa Max uns einen guten Appetit. Ich hatte meine Hände gefaltet und wollte beten, wie ich es im Kinderheim gelernt hatte. Opa sah das und sagte: „Wir beten immer erst nach dem Essen.“

Während ich still dasaß und aß, redeten die anderen ohne Unterlass. So etwas hatte man uns im Kinderheim nicht erlaubt, weil es sich angeblich nicht gehörte, mit vollem Mund zu sprechen. Anstand und Sitte, das hatten uns die Nonnen beigebracht. Dennoch fand ich es, wie ich es in meinem neuen Zuhause erlebte, viel schöner. Ich konnte mit meiner Cousine und den Erwachsenen am Tisch sprechen und lachen, wie es mir gefiel. Ich weiß heute nicht mehr, was an meinem ersten Tag gesprochen wurde und worüber die anderen mich ausfragten. Aber eines weiß ich noch ganz genau: dass ich nämlich schon immer ein neugieriges Kind gewesen war und lange Ohren machte, wenn sich Erwachsene unterhielten.

Nach dem Essen kündigte Opa an, dass es an der Zeit sei zu beten. Ich faltete meine kleinen Hände, und alle sprachen nach, was Opa in seiner unnachahmlichen Art vorbetete: „Lieber Gott, wir danken dir, dass es uns wieder geschmackes hat. Amen!“

Ich integrierte mich rasch in meine neue Familie. Das erste Mal in meinem Leben spürte ich Liebe und Zärtlichkeit. Ich fühlte mich geborgen und es war, als ob ich schon immer im Kreise dieser Menschen gelebt hatte.

Meine Verwandtschaft wurde immer größer. Da waren noch die drei Cousinen Helma, Karin und Silvia und die drei Cousins Hermi, Hansi und Henri. Alle sechs waren die Kinder von meiner Tante Sally und ihren Mann Hermann Olbrich, der als Zauberkünstler sein Geld verdiente. Die Familie wohnte am Hohen Ende. Dort gab es eine Pferdeschwemme, in der die Bauern ihre Tiere tränkten und wuschen. Die sechs Kinder waren größer als ich und gingen alle schon zur Schule.

In der Franz-Grunik-Straße wohnten Tante Elli und mein Onkel Werner Köpp, der in einer Bank als Bücherrevisor arbeitete und sich zur Oberschicht der Gesellschaft zählte. Tante Elli war Sekretärin im größten und einzigen Schlachthof in Perleberg und der Prignitz. Den Perleberger Schlachthof gab es seit 1893. Gemeinsam mit dem Schlachthof in Wittenberge und dem in Pritzwalk hatte er die Bevölkerung der Westprignitz zu versorgen.

Schließlich gab es noch meinen Onkel Karl Gottlieb Lange, der als Drucker in einer Druckerei sein Geld verdiente und mit Grete Köpp verheiratet war.

Ich war glücklich, wenn ich zusammen mit Monika auf dem großen Hof spielen durfte. Wir spielten mit dem Ball oder „Vater, Mutter und Kind“ mit unseren Puppen. Auch Hopse und Seilspringen waren beliebte Beschäftigungsmöglichkeiten.

Wenn mich Oma Hertha abends zu Bett brachte, gab es ein Problem: Ich hatte Angst und weinte, weil ich es nicht gewohnt war, allein zu schlafen. Also legte sie sich neben mich, bis ich eingeschlafen war. Damit sie bei mir blieb, fasste ich ihr ans Ohrläppchen. Wenn Oma nach einer Weile annahm, dass ich fest schlief, versuchte sie vorsichtig aufzustehen. Doch ich bemerkte es und verstärkte meinen Griff.

Ich fühlte mich besonders von meiner Tante Gerda geliebt und es ging mir richtig gut. Monika sagte zu ihr „Mutti“. Warum sollte ich dann „Tante Gerda“ zu ihr sagen? Dafür fand ich keine Erklärung und deshalb sagte ich ebenfalls „Mutti“ zu meiner Tante – ich wollte schließlich auch eine Mutti haben. Monika protestierte, es sei ihre Mutti und nicht meine! Daraufhin versicherten mir Tante Gerda und Oma Hertha, ich hätte auch eine richtige Mutti und sie komme bald. Ich wollte wissen, warum sie nicht bei mir sei. Wie konnte sie mich so lange allein lassen, wenn ich doch ihre Tochter war? Darauf konnten oder wollten mir meine Tante und meine Oma keine plausible Antwort geben. Es sollten noch zwei Jahre vergehen, bis ich meine Mutter schließlich kennenlernte.

Ich fand mich als Kind sehr schnell mit meiner neuen Lebenssituation ab. Plötzlich hatte ich Menschen um mich, die mir Liebe schenkten. Dass Monika es nicht gut fand, dass sie die Aufmerksamkeit ihrer Mutter auf einmal mit mir teilen musste, habe ich ja schon erwähnt. Die Eifersucht hatte aber auch Gründe. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass Monika von ihrer Mutter Schläge bekam und sie sich daraufhin vor lauter Wut in die Ecke setzte und sich die Haare rausriss und weinte. Ich hingegen wurde ständig gelobt und mir gegenüber fiel kein böses Wort. Ich bekam auch mit, dass Tante Gerda des Öfteren „Du Aas!“ zu ihrer Tochter sagte. Natürlich verstand ich nicht, was das bedeutete, Monika tat mir nicht einmal leid. Ich fand es sogar toll, wenn Kinder weinten. Ob das etwas mit meiner Vergangenheit im Kinderheim zu tun hatte? Ich wusste es nicht.

„Am schönsten war es für uns Kinder, wenn wir zusammen mit Opa Max, der den Handwagen zog, in den Garten gehen durften. Dort fühlten Monika und ich uns am wohlsten. Der Weg dorthin war beschwerlich: immer die Feldstraße geradeaus und am Tonkital vorbei bis zur Wiesenstraße. Die vielen Äpfel und die dunklen Kirschen an den Bäumen sahen sehr verlockend aus. Leider waren es Schattenmorellen und keine Süßkirschen, die uns bestimmt besser geschmeckt hätten. Wir durften Opa zur Hand gehen, wenn er die großen Kürbisse und die Gurken erntete und sie in den Handwagen legte. Es gab schöne Blumen in allen Farben, die herrlich dufteten. Die roten Erdbeeren hatten es uns besonders angetan. Während wir sie pflückten, wanderten die meisten in unsere Münder und nicht in den Korb, wie es uns Opa befohlen hatte. Opa schimpfte, als er es bemerkte, denn er hatte die Absicht, die Beeren auf dem Großen Markt zu verkaufen.

Das Essen nach dem Krieg war knapp und aus allem Möglichen wurden unsere Mahlzeiten zubereitet. Beispielsweise gab es Nährflocken, die in einer Pfanne mit Wasser zubereitet wurden. Wurden den Flocken Gewürze zugesetzt, schmeckten sie auf Brot gar nicht mal schlecht. Aus dicken Bohnen wurde ein Mus gekocht, das Oma Hertha durch ein Sieb strich und mit Fett – wenn wir denn welches hatten – und Kräutern verfeinerte. Gott sei Dank hatten wir ausreichend Gemüse und Früchte. Aus Johannisbeeren kochte Oma Hertha Marmelade, die so sauer war, dass es mich schüttelte, wenn ich davon probierte. Zucker und alle anderen Nahrungsmittel gab es nur auf Lebensmittelkarten und wurden den Familien zugeteilt. Natürlich reichte das kaum aus. Wenn wir Weißkohl geerntet hatten, saß die Familie in der Küche am Tisch und schnitt den Kohl in feine Streifen, die wiederum in einem großen Holzfass als Sauerkraut eingelegt wurden. Ein anderes Mal ernteten wir Gurken und legten sie ein. Aus Zuckerrüben wurde so ein schwarzer Honig gekocht. Auch Kartoffeln ernteten wir reichlich. Oft gab es Kartoffelpuffer, die beim Braten in der Pfanne nach irgendeinem Fett stanken – es könnte Lebertran gewesen sein. Das Apfelmus, das wir zu den Kartoffelpuffern aßen, übertünchte den ekligen Geschmack. Das Kartoffelkraut wurde auf einen großen Haufen gelegt, und wenn es trocken war, steckte Opa es an und wir warfen Kartoffeln hinein. Diese waren anschließend rabenschwarz, schmeckten aber köstlich, nachdem wir die schwarze Pelle entfernt hatten. Dank unseres Gartens waren wir zum Teil Selbstversorger und litten keinen Hunger. Ich weiß allerdings nicht, was meine Familie im Krieg durchmachen musste.

An bestimmten Tagen gab es beim Fleischer Wurstbrühe. In langen Schlangen standen die Menschen mit einer Milchkanne oder einem Topf vor der Fleischerei. Auch meine Verwandten standen stundenlang an, um in den Genuss zu kommen, aus der Brühe ein kräftiges Essen zu kochen.

Wir Kinder hatten mit unseren Befreiern, die inzwischen ganz Perleberg eingenommen hatten, keine Probleme. Die Männer in ihren Uniformen schenkten uns Bonbons oder Schokolade, wenn wir draußen rumtobten. Und auf dem Großen Markt bei Bäcker Valentin standen die Russen mit ihren großen Lastwagen, um das sogenannte Russenbrot abzuholen, das die Bäckerei für die Befreier Tag und Nacht backen musste. Sie schenkten uns Kindern dann ein warmes Brot, das wir stolz nach Hause brachten. Es schmeckte einfach besser als das aus Maismehl, das Oma Hertha backte.

Die vielen Schäden, die der Krieg angerichtet hatte, wurden beinahe zur Normalität. Ganz Perleberg war auf den Beinen, um zu retten, was von dem Hab und Gut der Bewohner übrig geblieben war. Aufgrund der Besetzung durch die Russen war es natürlich ein Problem, diese alle unterzubringen, und täglich wurden es mehr! Tagsüber ebenso wie nachts marschierten sie in Perleberg ein und ihre Panzer richteten in der Stadt erhebliche Schäden an.

Der Kommandant, „Major Wasiljew“ traf die Entscheidung, dass Bewohner, die über zu viel Wohnraum verfügten, Russen aufzunehmen hatten. So traf es auch unsere Familie. Es hieß, es sei nur vorübergehend, bis genügend Unterkünfte geschaffen worden seien. Die Russen beschlagnahmten unser drittes Zimmer. Unsere Möbel, die darin standen, brachten wir in den anderen beiden Räumen unter. Opa Max zeigte den Russen die übrigen Räumlichkeiten. Da er kein Russisch sprach, zeigte er ihnen, wie die Toilette funktionierte, indem er an der Kette zog, um zu spülen. Einige der Russen liefen weg, andere schauten in das Becken hinein und konnten es nicht fassen, wo das Wasser abgeblieben war. Jetzt betätigten auch sie die Klospülung. Mein Opa meinte, die Russen würden bei sich zu Hause noch in ein Loch scheißen. In ihrem Zimmer wurde Stroh auf dem Fußboden ausgelegt, und so schliefen sie in der Nacht, während sie die Tage auf dem Flughafen verbrachten, der wieder funktionsfähig aufgebaut werden musste.

Unsere Familie lebte ziemlich beengt, seit wir uns auf zwei Zimmer beschränken mussten. Positiv war, dass die Russen eine Kuh mitgebracht hatten, die auf dem Hof stand und uns Milch einbrachte – ein Segen für uns Hausbewohner. In der ersten Etage wohnte eine Familie Kirsch mit einem Kleinkind. Sie hatten einen großen Sack Würfelzucker mitgebracht, der uns das Leben versüßte, indem wir daraus Karamellbonbons in der Pfanne machten.

Am Ende unserer Straße befand sich ein freies Gelände, auf dem ein Haus stand, das unsere Besatzer in Beschlag genommen hatten. Darin hatten sie vorübergehend die Kommandantur eingerichtet. Meine Oma Hertha wurde verpflichtet, für die Russen zu kochen. Von dem Tag an brachte sie jeden Tag Fleisch, Butter, fetten Speck und Brot mit nach Hause. Auf einmal hatten wir alles, wovon andere Menschen nur träumen konnten.

Auf dem größten Schlachthof in der Prignitz wurden jetzt täglich Schweine, Rinder und alles, was vier Beine hatte, geschlachtet. Die Bauern in den umliegenden Dörfern mussten ihr Vieh an die Russen abgeben.

Meine Mutti – Tante Gerda – versteckte sich bei meiner Tante Sally, die in der Straße Am Hohen Ende wohnte. Sie hatte Angst, von den Russen vergewaltigt zu werden. So war es vielen anderen Frauen bereits ergangen. Beim ihrem Einmarsch hatten die Russen die Erlaubnis bekommen, an drei Tagen jede Frau, die ihnen in die Finger kam, zu vergewaltigen. Danach war eine solche Tat bei Strafe verboten. In einer uns bekannten Familie, die zwei Töchter im Erwachsenenalter hatten, wurde eine der beiden von den Russen zehn Mal hintereinander vergewaltigt. Die junge Frau wurde davon irre und musste in eine Nervenheilanstalt, die sie erst zehn Jahre später wieder verlassen konnte. Während ihre Mutter nicht da war, schlief Monika mit in unserem Bett.

Opa Max eröffnete nach dem Krieg am Schuhmarkt/Ecke Wollweberstraße ein Spielzeuggeschäft. Sein Zigarrengeschäft war inzwischen pleitegegangen. Woher er die ganzen Spielsachen hatte, wusste außer ihm niemand; sie waren einfach da, als ob sie vom Himmel gefallen wären. In seinem Geschäft gab es alles, was Kinderaugen zum Strahlen brachte. So schöne Spielsachen hatten Monika und ich noch nie gesehen. Gelegentlich fuhr Opa nach Berlin auf den Schwarzmarkt und brachte immer neue Überraschungen mit, die er dann zum Verkauf anbot. Der Schwarzmarkt blühte, seit der Krieg vorbei war. Man nannte meinen Opa auch Schieber-Maxe und er war in Perleberg bekannt wie ein bunter Hund. Diesen Spitznamen riefen ihm die Kinder hinterher, um ihn zu ärgern. Mein Opa war jedoch clever und zudem ein Schelm. Wenn sich die Kinder vor Begeisterung ihre Nasen an der Fensterscheibe plattdrückten, sagte Opa scheinheilig: „Kommt doch rein und schaut euch die schönen Spielsachen an!“ Natürlich trauten sie ihm nicht über den Weg, was auch besser war. Wenn er nämlich einen der Lästerer erwischte hatte, steckte er ihm Juckpulver in den Kragen, was gewiss kein Vergnügen für denjenigen war.

In Opas Geschäft gab es große Puppen, die laufen konnten, wenn man sie an die Hand nahm, bunte Brummkreisel, die wunderbar tanzten, nachdem man sie aufgezogen hatte, und nicht zuletzt Puppenstuben mit richtigen Möbeln. Das Schöne war, wir durften mit allem spielen! Wenn Opa in Berlin war oder im Garten arbeiten musste, war Oma Hertha im Laden.

Die Tanzlokale wie „Stadt Berlin“, der Bürgergarten und „Stadt Magdeburg“ öffneten wieder, um die Menschen nach dem Krieg auf andere Gedanken zu bringen. Einst waren es unsere deutschen Soldaten gewesen, die sich dort vergnügt hatten, die im Krieg ihr Leben für Volk und Vaterland eingesetzt und in Gefangenschaft in Russland – und nicht nur dort – vor sich hin vegetiert hatten und gestorben waren. Und jetzt vergnügten sich hier unsere Befreier, die Russen, was für uns Kinder und die Bevölkerung mit der Zeit zum Stadtbild dazugehörte. Opa Max war abends, wenn im „Stadt Berlin“, getanzt wurde, dort als Toilettenmann tätig. Auf dem Weg zum Tanzlokal trug er stets einen weißen Kittel und unter dem Arm einen Schuhputzkasten. Die Wegstrecke, die er zu Fuß bewältigte, war weit. Nur wenige Menschen konnten sich zu der Zeit ein Auto leisten, und wenn sie eins besaßen, nahmen die Russen es ihnen kurzerhand weg. So verdiente sich mein Opa unterwegs mit Schuheputzen einen „Pinkelgroschen“ für unseren Lebensunterhalt hinzu. Und das war nicht wenig! Wenn der Erlös am Morgen gezählt wurde, war ich dabei und steckte mir so manchen Groschen in die eigene Tasche. Bestimmt bemerkte Opa das, aber er ließ mich gewähren. Ich liebte diese Groschen und steckte sie in meine Spardose.

Inzwischen betrachteten unsere Befreier unser romantisches Städtchen als ihr Eigentum. Auf Gedeih und Verderb beanspruchten die Russen alles, was ihnen in die Finger kam. Ihr Domizil war der Flughafen. Hier fanden sie all jenes, was von den deutschen Fliegern und den Militärs zurückgelassen worden war. In der Franz-Grunik-Straße, in der meine Tante Elli und mein Onkel Werner wohnten, errichteten die Russen einen Schlagbaum mit zwei Kontrollhäusern. Die Umgebung am Bayernteich nutzten sie für ihre privaten Unterkünfte. Für unsere Besatzer wurden nicht nur neue Häuser errichtet, sie besetzten auch alles, was nach dem Krieg noch stand, sodass die Menschen hier am Ort ihre Häuser verlassen mussten.

Dank meiner Cousinen und Cousins, die Monika und mich nie fragten, wo wir so lange gewesen waren, kannte ich inzwischen fast jeden Winkel und jedes Gässchen in Perleberg. Auch Tante Salli und Onkel Hermann sprachen uns nie darauf an, wenn wir mal wieder etwas länger weg gewesen waren. Sie sagten auch nicht: „Schön, dass ihr wieder zu Hause seid!“ Wahrscheinlich weil wir noch Kinder waren, die es sowieso nicht verstanden, was damals geschah.

Inzwischen war ich sechs Jahre alt. Der Schulbetrieb begann wieder am 1. Oktober 1945. Nun war es auch für mich so weit, dass ich zur Schule kam. In meinem Ranzen befand sich eine Schiefertafel, an der ein Band mit einem Schwamm befestigt war, der wiederum aus meinen Ranzen heraushing. Ob ich zu meiner Einschulung eine Schultüte bekam, kann ich heute nicht mehr sagen. Ich kann mir zumindest nicht vorstellen, dass so etwas nach dem Krieg überhaupt möglich war, wo doch die Bevölkerung Tag für Tag um das nackte Überleben kämpfte.

Der erste Tag in der Schule war die Hölle für mich. Als Erstes wurden wir Kinder geimpft. Dazu führte man uns in einen Raum, in dem sich ein Mann und drei Frauen befanden. In ihren weißen Kitteln befahlen sie uns, den rechten Ärmel hochzukrempeln. Ich vernahm Schreie und das Wimmern einiger Kinder, was mich regelrecht in Panik versetzte. Dann war ich an der Reihe. Als ich die lange Nadel sah, wollte ich fluchtartig den Raum verlassen, doch die Frauen hielten mich fest. Ich schlug um mich und setzte sogar meine Beine ein, um mich zu wehren, aber es nützte mir nichts. Der böse Mann schrie mich an und haute mir die Nadel besonders tief in den Oberarm. Das war ein Schock für mein weiteres Leben, denn bis heute mache ich Theater, wenn ich zur Blutabnahme muss, und frage vorsichtshalber, ob es wehtun wird und ob die Arzthelferin über ausreichend Erfahrung verfügt.

In der damaligen Zeit lernten wir ja noch das ABC und hatten die Fächer Lesen, Schreiben, Rechnen, Erdkunde und Singen. Mit großem Interesse sang ich eifrig alles nach, was uns unsere Lehrerin vorsang. Meine Stimme war glockenklar. Ich sang wie eine Nachtigall und hatte mir in den Kopf gesetzt, dass ich Sängerin werden wollte. Vom Musikunterricht einmal abgesehen, fand ich die Schule doof und fragte mich, warum ich das alles lernen sollte. Viel lieber spielte ich mit Monika und den anderen Kindern auf der Straße Hopse, Verstecken, Ball und mit unseren Puppen. Ich fand, ich war ein schlaues Kind, schließlich konnte ich schon bis hundert zählen. Das Einzige, was mir neben dem Singen in der Schule gefiel, war die Pause, in der wir auf dem Schulhof herumtoben konnten. Und weil es meine Art war, den Ton anzugeben, mussten die anderen Kinder nach meiner Pfeife tanzen.

Die leckere Schulspeisung, die es jeden Tag gab, machte einiges wieder wett. Ich war ein guter Futterverwerter und aß gerne – allein schon dafür lohnte es sich, zur Schule zu gehen. Das Stillsitzen fiel mir besonders schwer und zu allem Überfluss sollte ich mich auch noch mit sämtlichen Mitschülern gut verstehen. Aber ich habe ja schon erzählt, dass ich meinen eigenen Kopf hatte, was mir so manchen Tadel einhandelte. Deshalb gehörte die Ecke im Klassenzimmer meistens mir. Meine Mitschüler hatten ihren Spaß und bewarfen mich mit Papierröllchen. Postwendend streckte ich ihnen die Zunge raus und zeigte Peter meine kleine Faust, was im Anschluss an die Schulstunde in eine Prügelei auf dem Schulhof ausartete.

Unsere Lehrerin, Frau Meier, so eine Alte mit einer dicken, schwarzen Hornbrille, teilte meinem Opa Max mit, was ich doch für ein aufsässiges Kind sei und dass ich laufend den Unterricht störe. Opa bat mich daraufhin, brav zu sein, sonst käme ich in eine Schule für schwer erziehbare Kinder. Weil mich die Vorstellung ängstigte, nahm ich mich in der Folgezeit etwas zurück.

Lust zum Lernen hatte ich nur selten, weil ich dachte, alles das, was ich von Opa Max gelernt hatte, würde völlig ausreichen. Mein Opa war schließlich mein Lieferant für die Dinge, die für mich im Leben wichtig waren. Natürlich sah die Realität anders aus.

Ich kannte dank meines Opas fast jeden Baum. Im Herbst sammelten wir Kinder bunte Blätter und legten diese in ein Heft, um sie zu pressen. Das verstärkte mein Interesse für die Natur. Zudem brachte Opa mir im Garten so allerlei bei, weil er der Meinung war, ich würde mich für das Veredeln von Bäumen interessieren. Ich fand es toll, wenn Äpfel und Birnen an ein und demselben Baum wuchsen. Nur mit dem Lesen haperte es bei mir gewaltig. Nicht dass ich nicht lesen konnte, oh nein, ich konnte nur nicht laut vorlesen wie meine Mitschüler. Stattdessen zitterte ich, wenn ich an der Reihe war, einen kleinen Absatz aus meinem Schulheft vorzulesen. Für meine Mitschüler bedeuteten diese Momente einen Heidenspaß. Irgendwann gab ich mir einen Ruck und brachte mir das Vorlesen im stillen Kämmerlein selbst bei.

Die Russen hatten unsere Wohnung nach einem Jahr wieder verlassen, denn inzwischen waren am Bayernring neue Häuser und Kasernen erbaut worden. Das Lyzeum nutzten sie auch weiterhin als Kaserne. Meine Tante Gerda hatte im Krieg einen Franzosen kennengelernt und ihn bald darauf geheiratet. Von da an hieß sie nicht mehr Gerda Palm, sondern Gerda Chevalier. Bald darauf wurde sie schwanger und brachte im Alter von vierundzwanzig Jahren Christiane zur Welt, ein süßes Baby, das ich stolz im Kinderwagen spazieren fuhr. Die Heirat sollte Tante Gerda noch sehr viel Ärger einbringen, denn ihr Mann wurde gesucht. Angeblich war er bei der Waffen-SS gewesen. Er musste Freunde gehabt haben, die ihn warnten, denn eines Nachts machte er sich aus dem Staub. Wieder ein Schock für die Familie! Damit waren wir drei Kinder, die keine Väter zum Anfassen hatten.

Es war im Sommer des Jahres 1947, als für mich als Kind von fast acht Jahren ein gravierender Lebensabschnitt begann. Eines Morgens – wir schliefen noch alle – klopfte es draußen an unsere Fensterläden. Oma Hertha, die davon wach wurde, fragte energisch: „Wer ist da?“


Meine schöne Mutter 1947

„Ich bin es, Anna!“, lautete die Antwort.

Oma weckte mich mit den Worten: „Doris, deine Mutti ist gekommen!“

Meine Mutter? Ich konnte nicht glauben, dass sie doch noch zu mir gekommen war. Meine Familie war aufgeregter als ich. Im Nachthemd stürzte Oma förmlich an die Tür und öffnete sie. Alles, was ich sah, war eine junge, hübsche und elegant gekleidete Frau. Das Kleid, das sie trug, war so schön wie die Kleider, die ich aus Märchenbüchern kannte. An ihrer Seite war ein Mann namens Gerhard Neumann. Aus dem Standesamtsregister geht hervor, dass er am 18. Juli 1920 in Schneidemühl geboren wurde. Sein Vater war Johannes Wilhelm Neumann, Architekt in Berlin, verstorben im Jahre 1936. Seine Mutter, Hedwig Neumann, geborene Kellner, wurde in Deutschkrone, Westpreußen geboren. Sie starb im Jahre 1939 in Berlin.

Die Frau kam auf mich zu und sagte, sie sei meine Mutter und hätte mich so sehr vermisst. Sie nahm mich auf den Schoß. Ich trug ein rosa Nachthemd mit Blümchen auf dem Kragen. Sie küsste und herzte mich, drückte mich an sich. „Du siehst wie Fred aus, dein Vater. Der hatte auch so schöne blaue Augen.“

Ich sah sie nur groß an, denn Freude verspürte ich in diesem Moment nicht, schließlich kannte ich diese schöne, fremde Frau nicht.

Alles in mir sträubte sich gegen ihre Nähe. Ich hatte ja Tante Gerda, zu der ich mich hingezogen fühlte – sie und niemand anderes war meine Mutti!

An diesem Tag herrschte große Aufregung. Die Erwachsenen fielen sich um den Hals und weinten vor Freude. Nur in Opa Max’ Gesicht sah ich keine Regung. Er war inzwischen zweiundsechzig Jahre alt und hatte in seinem Leben sehr viel Leid erlebt. Im Krieg hatte er seinen Lieblingssohn Rudolf im Alter von zweiunddreißig Jahren verloren. Dieser starb am 7. Juni 1940 in Frankreich für Deutschlands Ehre und Freiheit. Sein Nachruf lautete:


„Treu seinem Fahneneid gab im Westen für Führer und Vaterland sein Leben der Telegraphenarbeiter Rudolf Lange, Unteroffizier in einem Pionier-Bataillon. Wir verlieren in ihm einen pflichtbewußten Kameraden, dem wir ein gutes Andenken bewahren werden. TELEGRAPHENBAUAMT POTSDAM UND GEFOLGSCHAFT (Müller, Oberpostrat)“

Diese Annonce vom 7. Juni 1940 stand in der West Prignitzer Zeitung, wie einer der nachfolgend aufgeführten Zeitungsausschnitte belegt.

Opas anderer Sohn Richard hatte sich aus Liebeskummer aufgehängt, weil seine große Liebe einen anderen Mann geheiratet hatte. Da war seine Tochter Anna wohl das kleinste Übel von allen und Freudentränen sah ich bei ihm nicht.

Mutter ging zu ihm, umarmte ihn und sagte: „Da bin ich wieder.“

„Es wurde auch Zeit“, erwiderte Opa. „Du bist inzwischen einunddreißig Jahre alt. Wo warst du so lange?“

„Ich komme direkt aus Bad Reichenhall, Vater, eine lange Geschichte. Ich hoffe, dass du anders über mich denken wirst, wenn ich sie dir erzählt habe.“

„Schau dir deine Tochter an! Wusstest du, dass sie Doris und Monika in ein Kinderheim gebracht haben, nachdem sie euch abgeholt hatten?“

„Nein, Vater, das wusste ich nicht. Woher auch?“

Ungerührt fuhr Opa fort: „Und Hertha wurde der Kuppelei bezichtigt. Außerdem hat man ihr vorgeworfen, ihre Aufsichtspflicht als Mutter verletzt zu haben. Sie wurde zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Du hast an deiner Tochter so einiges wiedergutzumachen. Und denk mal darüber nach, was ihr uns alles angetan habt!“

Aus einiger Entfernung lauschte ich diesem Gespräch und wunderte mich, das mein Opa so böse auf diese Frau war. Meine neue Mutter erzählte, der Mann an ihrer Seite sei ihr Ehemann und sie hätten am 15. November 1945 in Bad Reichenhall geheiratet. Dort arbeite er als Oberkellner im Bad Luisenhotel, wo auch meine Mutter nach dem KZ als Küchenhilfe hatte arbeiten müssen. Gerhard Neumann sah gut aus. Er hatte schöne weiße Zähne, wirkte sehr gepflegt und roch nach Eau de Cologne. Das war also der Mann, der bei mir die Vaterstelle einnehmen sollte.

Nachdem sich die Gemüter etwas beruhigt hatten, wurden Koffer ausgepackt und es gab Geschenke im Übermaß für alle. Schöne Kleider für Monika und mich. Perlonstrümpfe, wie sie kaum eine Frau besaß. Und vor allem Schokolade, die unsere Kinderaugen zum Leuchten brachte. Zu diesem besonderen Anlass gab es richtigen Bohnenkaffee und nicht den sonst üblichen Muckefuck. Opa Max bekam teure Zigarren und die West Zigaretten gingen an diesem Tag nicht aus. Meine Mutter und ihr Mann kamen wohl aus dem Schlaraffenland angereist. Für uns alle war es unvorstellbar, was sich an diesem Tag bei uns abspielte. Die Erwachsenen führten scheinbar endlose Gespräche, deren Inhalt ich natürlich nicht verstand, obwohl ich genau zuhörte. Soviel ich mitbekam, sollte ich mein geliebtes Perleberg verlassen und zu meiner neuen Mutter und ihrem Mann nach Bad Reichenhall ziehen. Sie besaßen ein Visum für drei Monate. Ich sollte also meinen Opa, meine Oma Hertha, die immer lieb zu mir war, und auch meine Tante Gerda, zu der ich „Mutti“ sagte, verlassen. Ich sollte nicht mehr mit Christiane, die noch klein war, und Monika spielen. Meine neue Mutter malte mir den Umzug nach Bad Reichenhall in den buntesten Farben aus, als ob ich in Zukunft in einem Paradies leben sollte, in dem es hohe Berge gab. Ich wusste doch noch nicht einmal, wie Berge aussahen! Sogar ein eigenes schönes Zimmer würde ich bekommen. Ich verstand die Welt nicht mehr. Warum sollte ich mein geliebtes Perleberg verlassen, wo ich doch jetzt so glücklich war. Warum sagte Opa Max nichts dazu? Er hatte schließlich die Vormundschaft für mich übernommen, als meine Mutter 1942 ins KZ Ravensbrück interniert wurde. Jetzt hatte ich auf einmal zwei Mütter und sah mich als Kind hin und her gerissen. Ich konnte doch nicht von jetzt auf gleich wieder „Tante Gerda“ statt „Mutti“ sagen!

All dieses Grübeln änderte nichts an der Tatsache: Ich musste mich dem, was längst beschlossen war, fügen. Auf einmal hatte ich eine Mutter, die über mich bestimmte. Ich musste pünktlich von der Schule nach Hause kommen. Dann kontrollierte sie meine Hausaufgaben. Stundenlang saß ich in der Küche und sollte lernen. Ich heulte, weil ich nicht, wie ich es gewohnt war, mit den anderen Kindern draußen spielen durfte. Am Abend legte sie mir schon die Kleidung für die Schule raus. Ich hatte ja von ihr Kleider, Röcke und schöne Blusen bekommen – Hosen kannten wir damals noch nicht. Wir trugen ein Leibchen und Strümpfe, an denen sich ein Knopf befand, an dem das Gummiband vom Leibchen befestigt wurde. Meine Mutter wusch mich, bevor ich zur Schule ging, und sagte: „Auf deinem Hals könnte man Petersilie aussäen, so dreckig ist der!“ Meine Oma hatte so etwas nie zu mir gesagt. Meine Mutter schnitt mir die Fingernägel. Aua, das tat weh! In der Schule mussten wir der Lehrerin unsere Hände zeigen und sie überprüfte, ob diese auch sauber waren. Wenn nicht, bekamen wir mit dem Deckel vom Griffelkasten einen kräftigen Schlag. Wie oft schimpfte ich sie insgeheim eine „blöde Kuh“!

Auch meine Haare kämmte meine Mutter, was höllisch ziepte, woraufhin ich Schmerzenslaute ausstieß und jedes Mal heulte. Vorher hatte ich meine Haare nur einmal in der Woche flüchtig durchgekämmt, weil ich meine Zöpfe nicht jeden Tag neu flechten wollte. Natürlich waren sie mit der Zeit verfilzt und ich erinnerte mich daran, dass Oma Hertha eines Tages gesagt hatte, die Zöpfe müssten abgeschnitten werden und es sei eine Quälerei, mit dem Kamm da durchzukommen. Ich hatte protestiert, denn ich wollte um jeden Preis meine langen Zöpfe behalten. Mal wurden diese zu Affenschaukeln gebunden, mal zu Schnecken gesteckt, was mir sehr gut gefiel. Oma Hertha hatte argumentiert, dass die meisten Kinder in der Schule Läuse hätten. Tatsächlich war auch Monika davon nicht verschont geblieben. Oma kämmte Monikas Haare jeden Tag mit einem Läusekamm aus, die auf einem weißen Stück Papier landeten, woraufhin Oma sie mit ihren Daumen totknackte. Bei diesem Anblick, daran erinnerte ich mich, hatte es gewaltig auf meinem Kopf gejuckt. Dann hatte Monika eine stinkende Flüssigkeit auf ihren Kopf bekommen und ihr Kopf war mit einem Handtuch umwickelt worden. Nach einigen Stunden war sie ihre Läuse los gewesen.

Wir wohnten während der Zeit, die Mutters Visum gültig war, zu acht in der viel zu kleinen Wohnung in Perleberg. So etwas war Mutters Ehemann Gerhard offenbar nicht gewohnt. Man muss sich mal vorstellen, wie das ist, wenn sich die Toilette in der Küche befindet und jedes Geräusch zu hören ist, egal ob gerade gefrühstückt wird oder was auch immer. Auch ein Badezimmer oder eine Dusche kannten wir nicht. Wenn wir reif für die Wanne waren, gingen wir mit Oma Hertha in die städtische Badeanstalt und mussten lange warten, bis wir endlich dran waren. Unsere Waschküche befand sich auf dem Hof, wo Oma Hertha unsere Wäsche in einem Kessel kochte, um sich anschließend die Finger auf einem Waschbrett blutig zu schrubben. Für uns gehörte das zur Normalität, da wir nichts anderes kannten. Aber so ein feiner Pinkel wie mein angehender Vater schwelgte ja in Bad Reichenhall im Wohlstand, da lag das Geld unter den Teppich versteckt. Stolz erzählte er, dass er Geschäfte mit den Juden gemacht hätte.

An den Abenden gingen meine Mutter und ihre Stiefschwester wieder ihren alten Gewohnheiten nach. Sie kannten sich ja bestens aus mit dem, womit sie sich vor dem Krieg vergnügt hatten. Nur das jetzt Mutters Mann mit von der Partie war und mehr trank, als er vertrug.

Durch den Krieg waren viele der schönen Fachwerkhäuser beschädigt worden. Das große Rathaus und die St. Jakobi Kirche hatten kaum etwas abbekommen, nur zwei der schönen bunten Kirchenfenster waren zu Bruch gegangen. Das Hotel Deutscher Kaiser mit seinem Ballsaal existierte noch. Hier hatte angeblich der deutsche Kaiser übernachtet. Seine Büste auf einem Sockel steht vorne im Empfang. Und im Ballsaal hängt immer noch der große Lüster aus einer anderen Epoche. 1945 war das Hotel von Otto Brinker übernommen worden und nannte sich seitdem „Hotel Brinker“. Auch das Hotel Stadt Magdeburg mit seiner bunten, gläsernen Tanzfläche hatte den Krieg überlebt.

Meine Mutter besaß die schönsten Kleider, die auch ihrer Stiefschwester passten. Wir Kinder sahen ihnen interessiert zu, wenn sie sich für den Tanzboden zurechtmachten. Für die Augenbrauen benutzten sie abgebrannte Streichhölzer und die Wimpern wurden mit Spucke und schwarzer Farbe getuscht. Wenn sie sich die Haare gewaschen hatten, drehten sie sich diese mit Zuckerwasser ein, da es zu der Zeit noch kein Haarspray gab. Auf diese Idee muss man erst einmal kommen!

Mutter trug Unterwäsche aus Fallschirmseide. Ihre Handtaschen und das Portemonnaie waren aus Schlangenleder. Ich fragte mich, wieso es ihr und Gerhard so gut ging. Woher hatten sie das viele Geld, wo es doch anderen Menschen so schlecht ging. Opa Max und Oma Hertha arbeiteten schwer, um uns alle zu versorgen. Wenn er nicht im Garten arbeitete, sammelte Opa im Wald Holz und Borke und ging wie jeder in Perleberg Stubben roden für unseren großen Kochherd und die Kachelöfen. Dann gab es Bratäpfel, die lecker schmeckten.

Opa kehrte von der Straße Pferdeäpfel auf, die es wegen der berittenen russischen Soldaten in der Stadt reichlich gab, und verwendete sie als Dünger. Dafür wurden wir mit dem größten Gemüse – Kürbis, Kohl und Gurken – und dicken Kartoffeln belohnt. Wie gut, dass wir Selbstversorger waren!

Fleisch war auch nach dem Krieg noch für alle eine Rarität. Stundenlang standen wir an, wenn es hieß, dass der Schlachthof an einem bestimmten Tag in der Woche Wellfleisch verkaufte. Tante Elli arbeitete ja im Schlachthof als Sekretärin und informierte uns jedes Mal vorab, damit uns die Gelegenheit nicht entging. Für alle Lebensmittel benötigte man seit dem 28. August 1939 – das war vier Tage vor Beginn des Krieges – Lebensmittelmarken und Bezugsscheine für Benzin und Kohlen. Auf Zuckerkarten gab es Brot, Fleisch, Fett und Marmelade. Darauf war genau festgelegt, was jeder Familie zustand. Wer beim Fleisch Selbstversorger war, bekam eine geringere Menge zugeteilt.

Gerhard konnte oder wollte sich offenbar mit unserem Lebensumständen nicht abfinden. Eines Tages gab er vor, nach Bad Reichenhall zurückzumüssen, weil dort wichtige Geschäfte auf ihn warteten. Meiner Mutter schien das nichts auszumachen, da ihr Visum ja noch einige Wochen gültig war. Sie rechnete fest damit, dass Gerhard rechtzeitig zurückkam, um sie und mich abzuholen. Meine Mutter hatte sich sehr schnell an das Leben bei uns in Perleberg gewöhnt und sich einen neuen Freundeskreis gesucht, mit dem sie sich prächtig verstand. Dazu gehörte die Tochter der Familie Kirsch aus der ersten Etage. Sie war die erste Freundin meiner Mutter, die sich zum Tanzen ein Kleid von ihr auslieh. Und so wanderten die Sachen von der einen zu der anderen, denn so schicke Kleidung besaß nach dem Krieg kaum eine Frau.

Wir Kinder lebten unbeschwert, aber seitdem meine Mutter wieder in Perleberg war, verhielten sich einige ihrer Freundinnen von früher sehr eigenartig. Sie hatten sich von ihr abgewandt, denn mit einer, die im KZ gewesen war, wo Hunderttausende unschuldiger Menschen ihr Leben gelassen hatten, und die jetzt auch noch so elegant daherkam, wollten sie nichts zu tun haben. Auch ihren Bruder Karl und ihre Schwester Elli durften wir nur besuchen, wenn unser Onkel nicht zu Hause war. Aber was hatten wir Kinder mit all dem zu tun? Waren Monika und ich nicht die Leidtragenden in der ganzen Geschichte? Jahrelang hatten wir ohne Mütter auskommen müssen, was zudem auch noch unsere gesamte Verwandtschaft belastet hatte.

Unseren Cousinen Helma, Karin und Silvia und unsere Cousins Hermi, Hansi und Henri durften wir nur noch besuchen, wenn deren Vater nicht zu Hause war. Einmal hätte er uns fast erwischt, weil wir nicht bemerkt hatten, dass er bereits im Flur stand. Wir flüchteten dann durch das Fenster auf die Straße. Zum Glück war das möglich, da die Familie zu ebener Erde wohnte. So verhielt sich Onkel Hermann erst, seit meine Mutter wieder zu Hause war. „Die Langes kommen nicht mehr in unsere Wohnung!“, hatte er gesagt. Monika und ich verstanden das nicht und unseren Müttern schien es nichts auszumachen. Auch Opa und Oma hatten sich mit der Situation abgefunden. Natürlich waren sie glücklich, dass ihre Tochter nach so vielen Jahren endlich wieder zu Hause war.

Neugierig, wie ich war, machte ich lange Ohren, wenn sich Erwachsene unterhielten. Und es gab viel zu erfahren, was meine Mutter betraf. Das Wort „KZ“ fiel immer wieder. Deshalb fragte ich Oma eines Tages, was es damit auf sich hatte. Oma erklärte es mir mit einfachen Worten: „Ein KZ ist ein Haus, in dem deine Mutter arbeiten musste.“ Diese Antwort stellte mich zufrieden.

Ich weiß bis heute nicht, wie lange Tante Gerda im Jugendkonzentrationslager in der Uckermark war, darüber konnte ich mit meinen Nachforschungen nichts herausfinden. Mir wurde lediglich mitgeteilt, dass die meisten Unterlagen im Krieg durch Brand vernichtet wurden. Als Monika nach dem Krieg aus dem Kinderheim nach Hause geholt wurde, hatte sie ja eine Mutter, daher war ihr Verhalten auch anders als meins. Hinzu kommt, dass sie erst zwei Jahre alt war, als sie in das Kinderheim nach Wittenberge kam.

Die Wochen vergingen und meine Mutter wurde immer unruhiger. Sie rauchte eine Zigarette nach der anderen. Mein Opa hatte darauf bestanden, dass sie sich endlich um eine Arbeitsstelle bemühte, da sie offenbar nicht die Absicht hatte, nach Bad Reichenhall zurückzugehen. Vergeblich hatte sie darauf gewartet, dass ihr Mann sie und mich abholte. Mir konnte das nur recht sein.

Mutter meldete sich als Heimkehrerin in den Osten an und erhielt dementsprechend ihre Lebensmittelkarten von der Stadt. So konnte sie etwas zu unserem gemeinsamen Leben beitragen. Mit ihr hatten Oma und Opa eine Arbeitskraft mehr, wenn es um die Ernte von Johannisbeeren und das Kirschenpflücken im Garten ging. Wenigstens tagsüber solle sie endlich ihre feine Kleidung ablegen und sich vernünftige Schuhe anziehen, nicht diese „hohen Stelzen“, wie Opa zu ihren Schuhen sagte. Meiner Mutter passte es gar nicht, dass sie jetzt arbeiten sollte. Viel lieber ging sie zu ihrer Freundin Erika und ließ sich die Karten legen. Die vorausgesagte Zukunft fiel wohl zu Mutters Bedauern nicht gerade befriedigend aus. Es soll ja Menschen geben, die an Außerirdisches, Mystisches oder Spirituelles glauben. Kartenlegen war jedenfalls damals in Mode. Meine Oma Hertha verfügte ebenfalls über eine besondere Gabe, wie mir meine Mutter später erzählte. Sie hatte als Kind ein paar Warzen an ihrer Hand gehabt. Als es eines Abends dunkel geworden war, war Oma mit Mutter nach draußen gegangen, hatte ihre Hand gestreichelt und etwas Unverständliches gesagt. Nach etwa zwei Wochen waren Mutters Warzen wie von Geisterhand verschwunden. Der Mond hatte dabei angeblich eine ganz besondere Rolle gespielt.

Endlich erklärte sich Mutter bereit, sich mit ihrer Arbeitskraft einzubringen. Als Erstes entfernte sie den roten Lack von ihren Fingernägeln. Dann kaufte sie sich bequeme Schuhe, in denen sie tagsüber gut laufen konnte. Mal half sie Opa im Garten, mal löste sie Oma im Geschäft ab. Schnell war klar, dass es nicht ihre Welt war, auf diese Weise zu unserem Lebensunterhalt beizutragen. Nach etwas mehr als einem Jahr teilte sie uns mit, dass sie bei den Russen auf dem Flughafen im Casino arbeiten wolle. Ich war zu klein, um ihren Wunsch nachvollziehen zu können, wo doch mein Vater dort sein Leben gelassen hatte. Meine Mutter schien sich aber mit ihrer Entscheidung wohlzufühlen, schwärmte sie doch regelecht, was es für hübsche Russen gebe. Jeden Tag, den sie im Casino arbeitete, brachte sie für uns etwas zu essen mit, zum Beispiel so eine komische rote Kohlsuppe, die angeblich eine Spezialität sein sollte und die sich Kapustasuppe nannte. Die schmeckte mir gar nicht mal schlecht. Mutter hatte jetzt immer Bohnenkaffee zur Verfügung. Und vor allem Zigaretten – Papirossa genannt – mit dem langen Mundstück. Das war ihre Welt, in der sie sich wohlfühlte.

Im Sommer musste sie mit ins Russenlager fahren, das sich in Zechlin befand. Das bedeutete, dass ich für drei Monate wieder keine Mutter hatte, was mich allerdings nicht störte, denn ich hatte ja Oma Hertha und Tante Gerda, die ich beide über alles liebte.

Nach dem Schulunterricht besuchten Monika und ich so manches Mal unsere liebe Oma im Laden. Oma schloss den Laden dann für eine Weile zu und ging mit uns ins Stadtcafé schräg gegenüber, wo es leckeren Kuchen gab. Meiner Mutter gefiel das nicht. Sie meinte, Oma Hertha würde uns noch pleite machen, weil der Kuchen zu viele Zuckermarken und Geld kostete.

Allmählich kehrte jetzt nach dem Krieg wieder so etwas wie Normalität ein – wenn man überhaupt von Normalität sprechen konnte. Ich fand, dass sich die Menschen notgedrungen der Situation anpassen mussten. Meine Mutter sprach nicht mehr von Bad Reichenhall und sie fühlte sich offenbar in ihrer aktuellen Lebenssituation sehr wohl – frei wie ein Vogel, der aus dem Nest gefallen war und der den tiefen Sturz – ihren Aufenthalt im KZ – gut verkraftet hatte.

Mir gelang es mal gut und mal weniger gut, mein früheres Leben aus dem Gedächtnis zu verbannen. Wenn ich an manchen Tagen Mütterchen auf der Straße sah, wie sie mit den Kindern an der Hand spazieren ging, blieb ich stehen und schaute ihnen nach.

Seit meinem Aufenthalt im Heim waren zwei Jahre vergangen. Es war Winter geworden und es herrschte Eiseskälte. Sogar die Stepenitz war zugefroren, was uns Kindern großes Vergnügen bereitete. Monika und ich lernten Schlittschuhlaufen. Einmal brach ich ins Eis ein, weil ich mal wieder meinen eigenen Kopf durchsetzen wollte und nicht auf die Warnung meiner Cousine Helma hörte, die der Meinung war, dass die betreffende Stelle der Stepenitz noch nicht dick genug war, um darauf Schlittschuh zu laufen. Bis zu den Hüften steckte ich im eiskalten Wasser. Durchgefroren und mit vereisten Strümpfen stand ich wenig später zitternd vor meiner Familie. Das Donnerwetter kann man sich ja wohl vorstellen. Ich wurde sofort ausgezogen und trocken gerubbelt. Ein warmer Ziegelstein, der immer in der Ofenröhre lag, sollte mich im Bett wärmen. Das Zittern nahm gar kein Ende. Oma Hertha brachte mir heißen Kamillentee, den ich in kleinen Schlucken trinken musste. Natürlich hatte ich mir eine dicke Erkältung zugezogen und musste ständig zur Toilette. Oma bereitete mir kalte Wadenwickel, damit das Fieber runterging. Natürlich konnte ich für ein paar Tage die Schule nicht besuchen, was ich klasse fand.

Ansonsten lebten wir Kinder unbeschwert und genossen jede Jahreszeit. Wenn es im Sommer ordentlich regnete, falteten wir Papierboote und ließen sie im Rinnstein die Straße hinunterschwimmen. Überhaupt gehörten die Straßen in Perleberg uns Kindern. Da es kaum Autos gab, war Völkerball auf der Straße für uns eine sichere Angelegenheit. Opa Max, der sehr erfinderisch war, zimmerte Stelzen aus Bäumen, allerdings war es gar nicht so einfach, damit zu laufen. Es gab noch vieles mehr, was uns die Zeit vertrieb. Wir waren Kinder, denen es nie langweilig wurde und die sich auf den Straßen und in den kleinen romantischen Gässchen wohlfühlten.

Das Schwimmen lernte ich in der Stepenitz. Als wäre ich eine bleierne Ente, ließ ich zur Sicherheit und weil ich Angst hatte, mich nicht über Wasser halten zu können, die ganze Zeit ein Bein auf dem Grund, zumal das Flüsschen nicht tief war. Als mich Peter einen Feigling schimpfte, weil er und die anderen Kinder schon schwimmen konnten, wollte ich das natürlich nicht auf mir sitzen lassen. Also nahm ich auch das zweite Bein hoch und stellte fest, dass ich tatsächlich schwimmen konnte. In bestimmten Dingen war ich sehr vorsichtig, auch wenn ich eine große Klappe hatte.

Oma Hertha klagte jetzt immer öfter über Rückenschmerzen. Ich fragte sie, warum sie nicht zu einem Doktor ging. Oma meinte daraufhin, er könne ihr auch nicht helfen. Stattdessen gab sie ein weißes Pulver in ein Glas Wasser und trank es leer. Wenn ich an die Zeit zurückdenke, fällt mir auf, dass ich Oma nie lachend gesehen habe. Das beweist auch das kleine Foto, das ich von ihr besitze und das ich immer bei mir trage.

Als meine Mutter schon ein Jahr bei uns in Perleberg lebte, sagte Opa Max eines Tages, er könne die Miete nicht mehr bezahlen und wir würden in eine Zweizimmerwohnung umziehen. Er hatte sich die Wohnung bereits angesehen. Sie befand sich in der Schuhstraße Nr. 2 in der Nähe vom Hagen.

Das Haus, das den Krieg überstanden hatte, war grau verputzt und an den Fenstern blätterte die weiße Farbe ab. Unsere Wohnung lag im Hochparterre und es gab nur noch eine Etage über uns. Dort wohnte eine Familie mit einem behinderten Kind, dessen Vater als Postbote arbeitete. Die Toilette befand sich auf dem Flur und wurde von allen genutzt, die in dem Haus lebten. Mein Schulweg bis zur Beguinenwiese war länger als der vorherige.

Das Schönste an unserem neuen Zuhause war, dass nebenan das Rolandkino war. Opa nannte es auch das Pantoffelkino. Der Haupteingang befand sich auf den Großen Markt, auf dem der Roland stand – ein großer Mann aus Stein, der ein Schild und ein Schwert trug. Wenn der Film zu Ende war, konnten wir den hinteren Ausgang nehmen und standen schon fast vor unserer Haustür. Neben dem Kino befand sich auch der Hinterhof der Firma Steinke, ein Geschäft für Eisenwaren und Werkzeuge.

Unsere beiden Zimmer wurden von Opa Max so aufgeteilt, dass Mutter und ich das hintere Zimmer mit Ausblick auf den Hof bekamen. Meine Großeltern bezogen das andere Zimmer, das zur Straßenseite zeigte. Es gab eine große Küche, in der wir auch essen konnten. Die Waschküche befand sich im Keller und war ausgestattet mit einem großen Kessel, in dem die Wäsche gekocht werden konnte.

Der Umzug fand innerhalb von nur wenigen Tagen statt. Jeder aus unserer großen Familie musste mit anpacken. Unsere Cousins und Cousinen halfen, die Kisten mit Inventar vollzupacken. Das Mobiliar wurde mit dem Handwagen oder einer großen Karre transportiert und in der neuen Wohnung gleich wieder aufgestellt. Wir Kinder fanden es sehr aufregend, dass wir umzogen, denn der Bäcker Valentin, der für die Russen Brot backen musste, befand sich nur ein paar Häuser von unserer neuen Wohnung entfernt. Schon nach kurzer Zeit lernte ich Christa, die Tochter vom Bäcker Valentin, kennen. Sie war genauso alt wie ich.

Meine Familie, vor allem aber meine Mutter, gestaltete unser Zimmer gemütlich mit unseren alten Möbeln. Die Zimmertür, in der sich Scheiben befanden, hängte Mutter mit buntem Stoff zu, sodass von nebenan niemand hineinsehen konnte. In jedem Zimmer stand ein Kachelofen, der im Winter viel Holz und Kohle erforderte, die es nur auf Bezugschein gab. Zur damaligen Zeit gab es nur Kachelöfen mit einer Bank davor und ich liebte es, mich im Winter an die warmen Kacheln zu lehnen. Meine Mutter und ich schliefen jetzt gemeinsam in einem Bett was ziemlich eng war. Oma und Opa hatten immerhin ihre Ehebetten. Den Rest an Möbeln, die wir nicht unterbringen konnten, erhielt Tante Gerda für ihre Einzimmerwohnung. Sie war schon einige Wochen zuvor in die Bäckerstraße umgezogen.

Opa Max baute auf dem Hof Karnickel- und Hühnerställe. Ein Freund von ihm besaß eine Zucht und verkaufte ihm einige kleine Kaninchen. Deren Ställe wurden mit Heu und Stroh ausgelegt, damit sie es schön weich hatten. Monika und ich suchten uns je eins der Kaninchen aus, das Opa uns schließlich in den Arm legte. Wir streichelten deren Fell, das sich wunderbar seidig anfühlte. Die Kleinen bewegten ihre Nasen so putzig, dass sie einfach süß aussahen. Wir halfen beim Füttern mit Gras aus dem Garten und gingen im Sommer mit in den Hagen, um Butterblumen auszustechen. Angeblich war das die Lieblingsspeise der Kaninchen. Im Winter bekamen sie Getreide und Möhren zu fressen.

Auch die zahlreichen weißen Hühner und ein bunter Hahn hatten reichlich Platz in ihrem Gehege. Die Hühner legten Eier. Oma Hertha wusste jedes Mal schon vorher, wie viele Eier wir suchen mussten. Sie hatte nämlich den Hühnern einen Finger ins Poloch gesteckt und gefühlt, ob sich ein Ei darin befand.

Eines Tages verkündete Opa, an Weihnachten gebe es Kaninchenbraten. Monika und ich bettelten, er solle unsere beiden Lieblinge nicht totmachen, die seien doch so niedlich. Ungerührt sagte er: „Die Kaninchen gehören auf den Teller!“ Es gab nämlich viel zu wenig Fleisch auf den Lebensmittelkarten.

Meine Mutter und ich lebten nun räumlich noch enger zusammen. Trotzdem konnte ich keine rechte Beziehung zu ihr aufbauen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich jemals das Bedürfnis verspürte, mich an sie zu kuscheln, wie ich es mit meiner Tante Gerda und mit Oma Hertha erlebte. Meine Mutter sah das nicht gerne, denn sie sah in Oma die böse Stiefmutter.

Aus Wollresten strickte Oma für uns Pullover und Socken. Manchmal räufelte sie auch alte Pullover auf und verwendete das Garn für neue. Wie oft musste ich meine Hände hochhalten, und sie wickelte die Wolle darum, bis sich ein Knäuel gebildet hatte. Auch unsere Puppenkinder bekamen aus den Wollresten neue Kleider.

Eines Tages kam Opa mit einer großen Überraschung für Monika, Christiane und mich. Er schenkte jedem von uns einen aus Korb geflochtenen Puppenwagen. Opa hatte sie bei einem Freund bestellt, der in Perleberg eine Korbflechterei betrieb. Vor Freude fielen wir Opa um den Hals und er freute sich mit uns. Stolz fuhren wir Mädchen von nun an unsere Puppen auf der Straße spazieren. Opa überraschte uns immer wieder. Mal war es eine Zither, die er mitbrachte, und mal eine Art Akkordeon – ich glaube, dass es eine alte Quetsche war. Ach wie glücklich waren wir Kinder, so einen Opa und eine so liebe Oma zu haben! Opa konnte übrigens wunderbar Mundharmonika spielen.

Mit unserer neuen Lebenssituation in der viel zu kleinen Wohnung hatten wir uns nach einiger Zeit mehr oder weniger abgefunden. Da wir Kinder uns nach der Schule und dem Erledigen der Schularbeiten sowieso meistens im Freien aufhielten, war die beengte Wohnung zumindest für uns kein Problem. Oder wir besuchten unsere Tante Salli am Hohen Ende und verbrachten dort mit unseren Cousinen und Cousins glückliche Stunden.

In dieser Zeit lernte ich Irmgart und ihren Bruder Reinhart kennen. Sie waren einige Monate später als wir in die Schuhstraße gezogen und bewohnten das Haus, das unserem gegenüberlag. Die beiden lebten mit ihrer Oma Luise zusammen, da ihre Eltern schon früh verstorben waren. Wie Irmgart mir erzählte, war ihr Vater nicht aus dem Krieg zurückgekehrt und ihre Mutter war 1946 an einer Gallenoperation gestorben. Wir wurden richtige Freundinnen und puppten zusammen im Hinterhof auf den Treppen, die zur Waschküche führten. Ich fühlte mich bei Irmgart zu Hause sehr wohl, denn es war alles so friedlich und keiner meckerte mit mir herum. Wir saßen gemeinsam am Tisch und sangen schöne, manchmal auch traurige Lieder. Reinhart, der in Karl-Marx-Stadt zur Schule ging, kam nur am Wochenende nach Hause. Wenn ich von der Schule nach Hause kam, machte ich meine Schularbeiten, soweit ich überhaupt Lust hatte, nur flüchtig. Meine Mutter bekam das nicht mit, da sie ja auf dem Flughafen arbeitete. Alles das, was ich nicht wusste, würde ich vor Beginn des Unterrichts von meiner Freundin Edelgard abschreiben. Bisher hatte das immer wunderbar geklappt. Nur einmal hatte ich offenbar den gleichen Fehler gemacht wie meine Schulfreundin. Da wusste Frau Lehrerin, dass die Uhr dreizehn geschlagen hatte. Das Donnerwetter höre ich heute noch. Als Erstes setzte uns die Lehrerin auseinander. Warum war ich bloß so besessen davon, mich mit anderen Dingen zu beschäftigen, anstatt zu lernen? Meine Cousinen und Cousins fanden die Schule wunderbar. Silvia zum Beispiel konnte sehr gut zeichnen und beabsichtigte, Modezeichnerin zu werden. Helma war im Rechnen so schlau wie Albert Einstein, und wer es nicht weiß, dem sei gesagt, dass aus ihm ein Genie wurde, obwohl er Legastheniker war. Immerhin konnte ich gut singen und zeigte großes Interesse am Kochen. Wenn Oma Hertha in der Küche stand und unser Essen zubereitete, bestand ich fast immer darauf, ihr zu helfen. Vor allem wenn es einmal in der Woche bei Fleischer Langner Lungenwurst zu kaufen gab. Dann gab es unser Traditionsessen aus der Prignitz: Quetschkartoffel Lungenwurst und süßsaure Soße. Die Soße war eher wie eine dicke Pampe mit vielen Klümpchen darin. Wenn es dieses Essen gab, bestand ich jedes Mal darauf, dass Oma für mich die Soße durch ein Sieb rührte. Ich stand daneben und passte genau auf, dass sie es auch sorgfältig machte. In dieser Hinsicht hat sich bis heute nichts geändert – ich hasse Mehlsoßen!

Die ersten Schuljahre überstand ich gerade mal so. Obwohl ich mehr schlechte als gute Noten bekam, wurde ich versetzt. Stolz zeigte ich meiner Familie mein Zeugnis. Mutter wetterte gleich los. Ihrer Meinung nach sah es für meine Zukunft schlecht aus, wenn ich auch weiterhin keine Lust zum Lernen hätte. Was wusste ich schon von der Zukunft?

In den Sommerferien fuhren wir Kinder mit Tante Gerda aufs Land, um Kartoffeln zu sammeln. Das kleine Dörfchen Düpow war nicht weit von Perleberg entfernt. Bei einem Bauern erhielten wir Unterkunft und Verpflegung für zwei Wochen. Natürlich ging es Tante Gerda vor allem um das Geld, das sie verdienen würde. Die erste Nacht war grauenhaft! Wir schliefen in alten Betten, in denen die Unterlagen aus Heu und Stroh bestanden, und über uns tanzten die Mäuse jede Nacht Samba. Aber was taten wir nicht alles, um in den Genuss zu kommen, am Morgen an einem reich gedeckten Tisch zu sitzen. Die Hitze auf dem Feld war für uns drei Kinder unerträglich. Wir tranken viel Wasser, das an einer Pumpe in große Kanister abgefüllt wurde und vom Bauern mit seinem Pferdewagen aufs Feld gefahren wurde. Das Mittagessen brachte uns die Bäuerin auf ihrem Handwagen. Wir ruhten uns unter einem großen Baum aus und wären vor Erschöpfung beinahe eingeschlafen. Meistens gab es Eintopf, den ich normalerweise gerne aß. An Erbseneintopf mit Backpflaumen konnte ich mich allerdings nicht gewöhnen, die Pflaumen blieben mir regelrecht im Halse stecken. Dafür entschädigte mich das Abendbrot, das wir gemeinsam mit den Bauersleuten einnahmen. Die große Pfanne mit den dampfenden Bratkartoffeln stand mitten auf den Tisch und insbesondere die eingelegten Heringe hatten es mir angetan. Es gab Schinken und Wurst von selbst geschlachteten Schweinen und frisches Brot, das die Bäuerin gebacken hatte. Schon dafür hatte es sich gelohnt, bei der Kartoffelernte zu helfen, auch wenn uns der Rücken von Tag zu Tag mehr wehtat.

Auch diese Zeit ging vorbei und es war offensichtlich, dass ich einige Pfunde zugenommen hatte. Dies machte sich vor allem an meinen Brüsten bemerkbar. Der Bauer brachte uns mit seinem Pferdewagen nach Hause und hoffte auf unsere erneute Hilfe im kommenden Jahr.

Zu Hause gab mir Tante Gerda Geld, damit ich mir für den nächsten Winter ein Paar Stiefel kaufen konnte. Das Geld steckte ich vorerst in meine Spardose. Wie ich schon einmal erwähnte, fand ich es bereits als Kind wunderbar, wenn es in meiner Spardose so richtig klapperte. Dementsprechend war ich ein sparsames Mädchen.

Wir hatten immer noch Ferien und mussten Opa bei der Ernte der Johannisbeeren und beim Kirschenpflücken helfen. Seit dem Gründungsjahr der DDR, genauer gesagt seit dem 7. Oktober 1949, war jeder verpflichtet, von seinen Besitztümern, und sei es nur Obst, einen Teil an den Staat abzugeben. Begeisterung löste das Ernten bei uns nicht gerade aus. Wir Kinder wären lieber mit Mutter und unseren Freundinnen nach Arendsee zum Baden gefahren. Dort hatte Karl Gustaf Nagel im Jahr 1910 ein Seegrundstück gekauft und ein Sonnen- und Brausebad in einer Holzbaracke eingerichtet. Später baute er einen Tempel am See und sandte seine Tempelbotschaften aus. Der Mann war ein sonderbarer Heiliger, ein Höhlenbewohner, Naturheiler und Vegetarier, der seine eigenwillige, unangepasste Lebensweise bitter bezahlen musste. Im Jahre 1900 entmündigte ihn die Stadt, was die Leute nicht daran hinderte, in Scharen zu seinen Vorträgen zu kommen und seinen Naturgarten zu bewundern. Von 1902 bis 1903 wanderte er nach Jerusalem und kehrte 1904 über Konstantinopel nach Arendsee zurück. Weil er nach der Machtergreifung Hitlers gegen die Judenverfolgung und gegen den Krieg predigte, wurde er 1943 verhaftet und ins Konzentrationslager nach Dachau gebracht, von dort 1944 in die Nervenheilanstalt Uchtspringe bei Stendal. Sichtlich gezeichnet wurde er 1945 aus der Anstalt entlassen, er wurde aber nach fünf Jahren dort wieder eingewiesen. Karl Gustaf Nagel, der seltsame Dichter und Heilige, starb 1952 im Alter von achtundsiebzig Jahren in der Nervenheilanstalt Uchtspringe. Die Ruinen der Tempelanlagen waren zu meiner Kindheit noch vorhanden. Mit Begeisterung durchforsteten wir das alte Gemäuer. Diese Geschichte hatte uns meine Mutter erzählt, als wir eines Tages auf den Überresten der Anlage herumgeturnt waren.

Zurück zu Opa Max, der gegenüber uns Kindern knallhart war, indem er sagte: „Essen wollt ihr doch auch!“ Er könne in seinem Alter nicht mehr auf die Leiter steigen, um Kirschen zu pflücken. Wie recht er doch mit seinen neunundsechzig Jahren hatte!

Wenn die Blaubeeren im Wald reif waren, war ganz Perleberg unterwegs, doch das Pflücken war mühsam. Wir hatten eine Schnur um den Hals, an der eine Blechdose befestigt war. Da die Beeren sehr klein waren, dauerte es eine Ewigkeit, bis die Dose voll war – die meisten Beeren wanderten sowieso in unsere Münder.

Wir lebten nun schon seit etwa einem Jahr in unserer neuen Wohnung und meiner lieben Oma Hertha ging es immer schlechter. Opa brachte sie zu einem Arzt, der Oma sofort in das Krankenhaus in der Bergstraße einwies. Dort praktizierte Dr. med. Hermann Henneberg, ein vierundvierzigjähriger Chirurg, der gleichzeitig Chefarzt war. Er hatte die Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion überstanden und anschließend für das Gesundheitswesen in Perleberg viel getan, was ihm zahlreiche Auszeichnungen eingebracht hatte. Bei ihm und seinem Team war Oma Hertha in guten Händen. Nach einer eingehenden Untersuchung waren die Ärzte der Ansicht, Oma müsse sofort operiert werden. Einen Tag vor der Operation besuchten wir sie. Oma sah so weiß aus und ihre Augen blickten ins Leere. Tante Gerda saß bei ihr, hielt ihr die Hand und tröstete sie mit den Worten: „Alles ist gut, Mutter!“ Oma Hertha erzählte uns, in der Nacht hätte eine Krähe geschrien und das sei ein schlechtes Zeichen. Die Krähe sei gekommen, um sie zu holen. Wir Kinder verstanden nicht, was Oma uns damit sagen wollte. Als wir uns an diesem Tag von ihr verabschiedeten, küssten wir sie. An der Tür drehte ich mich noch einmal zu ihr um und sie winkte mir zu. Am liebsten wäre ich zu ihr ins Bett gekrochen und hätte mich an sie gekuschelt.

Das war das letzte Mal, dass wir unsere Oma sahen. Opa erzählte uns später, die Ärzte hätten sie aufgeschnitten und gleich darauf wieder zugemacht. Oma hatte einen großen, inoperablen Tumor an der Wirbelsäule, deshalb auch ihr ständiges Klagen über Rückenschmerzen. Einfach so ging Oma mit ihren siebenundfünfzig Jahren von uns. Für die Familie war das unfassbar. Nur meine Mutter hatte damit kein Problem.

Nach Omas Tod musste Mutter ihre Stellung auf dem Flughafen aufgeben, darauf bestand ihr Vater. Es gab einen Riesenkrach zwischen den beiden, denn Mutter wollte nicht einsehen, dass sie jetzt an der Reihe war, die Verantwortung für unsere Familie zu übernehmen. Ihr blieb keine andere Wahl, als sich zu fügen, denn ansonsten, so Opas Worte, könne sie dorthin zurückgehen, woher sie hergekommen sei.

Omas Trauerfeier fand einige Wochen später in der St. Jakobi-Kirche statt. All unsere Verwandten waren gekommen. Opa Max und Tante Gerda saßen ganz vorne in der ersten Reihe. Ich saß neben meiner Mutter und weinte. Sie fragte mich: „Warum weinst du? Deine richtige Oma ist schon lange tot.“ Ich sah meine Mutter verständnislos an. Nie zuvor hatte mir jemand erzählt, dass Oma Hertha nicht meine richtige Oma war. Ich kannte sie ja nur als „Oma Hertha“, die uns Kinder geliebt und uns Zärtlichkeiten geschenkt hatte. Der große Sarg war mit vielen schönen Blumen geschmückt worden und in der Kirche brannten unzählige Kerzen. Einige Kränze, an denen Schleifen hingen, lagen vor dem Sarg. Ich konnte nicht begreifen, dass meine liebe Oma in dieser Holzkiste lag und für immer schlief. Der Pfarrer hielt von der Kanzel aus eine lange Rede. Er sprach tröstende Worte über Gott und den Himmel, wo Oma Hertha jetzt in Ruhe wohnen würde. Monika und ich falteten die Hände, als ein Lied angestimmt wurde: „So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich.“ Als die Trauerfeier zu Ende war, wurde der Sarg in ein Auto geladen, in dem Opa Max und der Pfarrer mitfahren durften. Alle anderen folgten dem Wagen zu Fuß zum Friedhof, auf dem bereits ein tiefes Loch gegraben worden war. Die Männer ließen den Sarg an dicken Seilen in das Loch hinunter. Und wieder sprach der Pfarrer und machte drei Kreuze. Am Ende bewarfen alle Trauergäste Oma mit Sand. Ich fand die ganze Zeremonie schrecklich, weil ich gedacht hatte, dass Oma in den Himmel käme und nicht in ein tiefes, schwarzes Loch. Opa weinte so sehr und erweckte damit den Eindruck, als wäre er am liebsten mit Oma zusammen beerdigt worden. Ich sagte zu meiner Mutter, der Herr Pfarrer hätte gelogen, Oma wäre ja gar nicht in den Himmel gekommen. Mutter winkte ab und meinte, das würde ich nicht verstehen.

Nach der Beerdigung gingen die Trauergäste in den Ratskeller, der sich auf dem Großen Markt befand. Opa sagte, das tue man, um „das Fell zu versaufen“. Meine Tante Gerda, die den Verlust ihrer Mutter nicht begreifen konnte, wollte lieber mit Monika und Christiane allein sein und nicht wie die übrige Verwandtschaft feucht-fröhlich feiern. Meiner Mutter machte der Tod ihrer Stiefmutter nichts aus und sie nahm mich gleich mit nach Hause. Dort begann sie sofort damit, unser Zimmer umzugestalten. Sie sagte zu mir: „Von jetzt an wirst du mit deinem Opa zusammen in Omas Bett schlafen. Da hast du viel mehr Platz als auf dem engen Sofa.“ Mir war es zu einen egal, zum anderen würde ich dann in Zukunft nicht mehr jedes Mal wach werden, wenn Mutter in der Nacht vom Tanzen heimkam.

Opa kam an diesem Tag erst spät am Abend nach Hause. Er war ganz schön angetüddelt, und was den Alkohol betraf, war er gewiss kein Kostverächter. Opa hatte nichts dagegen, dass ich jetzt neben ihm schlief.

Ich fand es so traurig, dass unsere Oma nicht mehr da war. Oft weinte ich mich in den Schlaf, denn jetzt hatte ich nur noch Tante Gerda, die lieb zu mir war. Außerdem war Oma eine Koryphäe in der Haushaltführung gewesen, was nach dem Krieg ganz gewiss nicht einfach gewesen war.

Ab sofort war es Mutters Aufgabe, den Haushalt zu führen und dafür zu sorgen, dass das Mittagessen auf dem Tisch stand, wenn ich aus der Schule kam und wenn Opa am Abend von unserem Laden oder vom Feld zurückkehrte. Ein großes Problem war es, dass Mutter jetzt in der Waschküche stand und für saubere Wäsche zu sorgen hatte. Sie beklagte sich über das Waschbrett und meinte, unter dem ewigen Rubbeln würden ihre schönen Hände leiden. Wegen ihres mangelnden Interesses am Kochen bestand sie darauf, dass ich ihr half. Das machte mir natürlich mehr Spaß, als für die Schule zu lernen. Aber das mit dem Kochen war so eine Sache, vor allem weil es für die Bevölkerung kaum genug Fleisch zu kaufen gab. Die Russen waren die größten Konsumenten von Fleisch und Wurst und auf dem Schlachthof wurde rund um die Uhr gearbeitet, damit sie sich auf unsere Kosten die Bäuche vollstopfen konnten. Unsere Befreier brauchten keine Lebensmittelkarten wie die arme Bevölkerung in unserer Region und die vielen Menschen, die Hunger litten. Nur an zwei Tagen in der Woche wurde für die Bevölkerung geschlachtet und immer noch gingen Menschen über Land hamstern und versetzten Gegenstände, die ihnen ans Herz gewachsen waren. Mutters Schwester Elli erhielt in ihrer Eigenschaft als Sekretärin auf dem Schlachthof wöchentlich ein Extrabudget an Fleischwaren, das sie sich mit ihren Schwestern Salli und meiner Mutter teilte. Meistens handelte es sich um Schweineohren, Spitzbeine und Schweineschwänze. Tante Gerda, Monika und Christiane kamen jeden Tag zu uns, weil ihre Versorgung über die Lebensmittelmarken nicht ausreichend war. Umso besser schmeckte ihnen das Essen, das Mutter und ich auf den Tisch zauberten.

Nun war Oma Hertha schon ein Jahr tot und unser Leben pendelte sich allmählich wieder ein. Mutter hatte jetzt ein sturmfreies Zimmer, in dem sich auch ihre Freundinnen sehr wohlfühlten. Eine von ihnen, Margot, hatte furchtbar dicke Waden und zog beim Sprechen immer eine Augenbraue hoch. Wahrscheinlich übte das auf Männer eine besondere Wirkung aus. Eine andere Freundin, Anneliese, hatte kaum Busen. Wenn sie tanzen ging, stopfte sie sich vorher Watte in ihren BH. Auch Mutter hatte ein Manko zu verzeichnen. Ihr fehlte vorne ein Zahn. So war sie auch schon in Perleberg angekommen, wir hatten es nur zunächst nicht bemerkt. Immer wenn es Essen gab, hatte sich Mutter ein Taschentuch vor den Mund gehalten und etwas darin eingewickelt. Nach dem Essen war sie aufgestanden, hatte das unbekannte Etwas wieder ausgewickelt und es sich in den Mund gesteckt. Natürlich hatte das meine Neugierde geweckt, weshalb ich sie darauf ansprach und erfuhr, dass sie vorne in ihrem Oberkiefer einen Zahn rausnehmen konnte. Ich zog an meinen Zähnen und stellte fest, dass sie sich nicht rausnehmen ließen. Meine Mutter erklärte mir, ihr fehle ein Zahn und sie hätte sich deshalb einen Ersatzzahn aus Wachs geformt. Diesen müsse sie aber beim Essen rausnehmen, um ihn nicht aus Versehen zu verschlucken. Weich werden durfte er natürlich auch nicht, indem er mit heißen Speisen in Berührung kam. Für einen neuen Zähne hatte Mutter leider kein Geld. Ich fand das spannend und fragte Mutter, wie man Zähne aus Wachs formen konnte. „Komm, wir gehen in mein Zimmer, dann zeige ich es dir!“

Als wir beide in ihrem Zimmer waren, holte sie eine kleine Schachtel aus ihrem Nachschränkchen, in dem noch einige Zähne mehr lagen. „Also, ich nehme etwas Watte und eine weiße Kerze, stecke diese an und träufle einige Tropfen Wachs darauf. Wie du sehen kannst, lasse ich das Wachs etwas fest werden, nehme alles zwischen meine Finger und forme mir daraus eine kleine Kugel. Die stecke ich mir in die Zahnlücke und modelliere den passenden Zahn. Nun brauche ich nur noch zu warten, bis der künstliche Zahn fest geworden ist.“ Sie sah mich abwartend an. „Und, Doris, was sagst du dazu?“

„Mutti, das ist einfach toll!“, sprudelte es aus mir heraus.

Sie war der Meinung, dass wir beide jetzt ein Geheimnis hätten.

„Ja, stimmt, ich erzähle es keinem Menschen, Ehrenwort!“

Der alte Zahn kam in das kleine Schächtelchen. So hatte Mutter immer einen Ersatzzahn, wenn sie doch mal einen verschlucken sollte. Ich fand das sehr lustig.

Opa Max hatte sich nach dem Tod von Oma Hertha allmählich wieder erholt. Er fand es gut, dass Mutters Freundinnen bei uns ein und aus gingen. Er war nie ein Kostverächter in Bezug auf Frauen gewesen, und so griff er ihnen ständig an den Hintern, was Mutters Freundinnen wiederum unverschämt fanden. Irgendwann beschwerten sie sich bei Mutter, die daraufhin zu Opa ging und ihn aufforderte, so etwas in Zukunft zu unterlassen. „Die Weiber sollten sich nicht so anstellen!“, antwortete er. „Was ist denn schon dabei?“

In der Schule mussten wir jetzt auch noch Russisch lernen, und das nur, weil unsere Besatzer bei uns in Perleberg lebten. Ich drückte mich vor allem, worauf ich keine Lust verspürte. Dazu zählte auch der Konfirmandenunterricht. Der Herr Pfarrer kam höchstpersönlich zu uns nach Hause, um meine Familie zu ermahnen, ich möge doch bitte am Unterricht teilnehmen, ansonsten würde Gott mich bestraffen und ich würde nicht eingesegnet werden.

Opa gefiel das gar nicht. „Doris, ab sofort bringe ich dich zum Konfirmandenunterricht“, sagte er.

„Nein, Opa, ich gehe da nicht hin! Der Herr Pfarrer hat gelogen, als er sagte, dass Oma in den Himmel kommen würde. Stattdessen ist sie in ein tiefes, schwarzes Loch gekommen. Sie fehlt mir so sehr, keiner hat mich mehr lieb!“

Er tätschelte meine Wange und erwiderte: „Wir haben dich doch alle lieb, meine Kleine!“

Doch was ich nicht wollte, dazu konnte man mich nicht zwingen. Also büxte ich einfach aus und erfand die unglaublichsten Geschichten.

Im Sommer fuhren wir mit der Schule aufs Land, um Kartoffelkäfer zu sammeln. Ich fand die kleinen gestreiften Käfer niedlich und konnte nicht verstehen, dass es Schädlinge waren, die unsere Kartoffelernte vernichteten. Immerhin gab es für jeden Käfer, den wir in ein Glas hatten, einen Pfennig. Inzwischen waren in meiner Spardose drei Mark und fünfundneunzig Pfennige.

Eigentlich hatte ich, egal wie man es betrachtete, bisher eine glückliche Kindheit gehabt. Doch wenn es Abend wurde und Mutter mich allein ließ, weil sie sich lieber mit ihren Freundinnen traf, kam ich mir verlassen vor und hatte unruhige Nächte. Einmal vernahm ich seltsame Geräusche und vermutete, meine Mutter sei endlich heimgekommen. Tatsächlich hörte ich ihre Stimme. Aber sie war nicht allein. Sie unterhielt sich mit einem Mann. Das weckte meine Neugierde. Leise richtete ich mich auf und stieg aus dem Bett. Das Licht wollte ich nicht anmachen, damit Opa nicht wach wurde. Ich tastete mich bis zur Tür, um nachzusehen, wer der Mann war, mit dem Mutter sprach. Dumm war nur, dass die Zimmertür abgeschlossen und die Scheibe in der Tür zugehängt war. So blieb mir nur das Schlüsselloch. Als ich hindurchspähte, erstarrte ich. Was ich sah, erschien mir unvorstellbar. Mutter und der Mann lagen nackt auf dem Sofa. Mutter hatte ihre Beine gespreizt und der Mann lag auf ihr drauf und machte komische Bewegungen. Beide schienen Spaß zu haben, denn ich hörte sie lachen. Als der Mann von Mutter runterging, wurden meine Augen immer größer, denn er hatte unten etwas Dickes, Langes zu hängen. Ich wusste, dass die Jungs und Opa Max in der Nacht in den Nachttopf, der unter unserem Bett stand, Pipi machten. Auch bei ihnen hatte ich unten herum schon so etwas Komisches hängen sehen. Aber was man noch damit machen konnte außer Pipi, davon hatte ich keine Ahnung. Ich war inzwischen ein Mädchen von zehn Jahren und wusste, dass das, was ich sah, nicht richtig sein konnte. Ratlos ging ich wieder zu Bett.

Als Mutter mich am Morgen weckte, war der Mann nicht mehr da. Voller Abscheu sah ich sie an. Natürlich erzählte ich ihr nicht, was ich durch das Schlüsselloch beobachtet hatte. In der Küche stand eine große Kiste aus Holz, die an diesem Morgen furchtbar stank. Ich fragte meine Mutter, was sich in der Kiste befinde. „Das sind geräucherte Bücklinge“, antwortete sie. „Eine Delikatesse, die es nur im Westen gibt.“

„Und woher hast du die?“, wollte ich wissen.

„Du weißt doch, Doris, dass die Fernfahrer, die aus dem Westen kommen und nach Hamburg fahren, durch Perleberg müssen. Sie machen auf dem Großen Markt Halt, um sich bis zum Morgen auszuruhen. Manchmal gehen sie auch tanzen und amüsieren sich.“ Sie verriet mir, dass einer dieser Männer ihr die Kiste geschenkt hätte. Ich schämte mich für meine Mutter und aß nichts von den Bücklingen. Umso lieber griffen Opa Max und die restliche Verwandtschaft zu, um sich an dem außergewöhnlichen Gaumenschmaus zu erfreuen. Ich fand, dass der Fisch bis zum Himmel stank, und stellte fest, dass ich mich nicht nur vor den Bücklingen ekelte, sondern auch vor meiner eigenen Mutter.

Dieses ungewöhnliche Erlebnis löste in mir etwas aus. Von nun an wartete ich jede Nacht, bis Mutter nach Hause kam. Meist war sie in Begleitung eines Mannes. Rasch nahm ich meinen Platz am Schlüsselloch wieder ein. In meinem Kopf und in meiner Seele fand eine Revolution statt. Ich sah Dinge, die für mich als Kind unvorstellbar waren. Das führte dazu, dass ich gegenüber meiner Mutter frech und aufmüpfig wurde. Manchmal drohte sie mir Schläge an. In diesen Momenten warf ich den Kopf in den Nacken und sagte: „Das tust du ja doch nicht!“

Wenn ich aus der Schule kam, sagte meine Mutter: „Du kannst gleich von meinem Teller essen.“

„Nein“, erwiderte ich, „ich möchte einen sauberen Teller haben und nicht von deinem essen.“

Meine Mutter sah mich fragend an. „Was ist denn plötzlich in dich gefahren? Du hast doch bisher immer von meinem Teller gegessen.“

„Aber jetzt nicht mehr!“, konterte ich. Dabei blieb es auch.

Diese Ereignisse führten dazu, dass ich mein Herz verschloss. Den nächtlichen Platz am Schlüsselloch nahm ich vorerst nicht mehr ein.

Wenn Muttis Freundinnen zu Besuch waren, gab es nur ein Thema: Männer und wer sich mal wieder den schönsten von ihnen geangelt hatte. Und jetzt waren es eben die Russen in ihren braunen und grauen Uniformen. Natürlich gab sich meine Mutter nicht mit Muschkoten ab, es mussten im Rang höhergestellte Russen sein. Einmal spürte ich im Schlaf Hände, die meinen Körper streichelten und mich zu sich heranzogen, und irgendetwas Hartes wurde mir zwischen die Beine geschoben. In diesem Moment drehte ich mich um und stieß mit der Faust in die betreffende Richtung. Am nächsten Morgen hatte ich den Traum wieder vergessen.

Wie jeden Morgen weckte mich eines Tages meine Mutter, damit ich pünktlich zur Schule aufbrach. Eine Schüssel mit warmem Wasser stand auf einem Schemel vor dem Kachelofen, damit ich mich waschen konnte. Es war kalt in der Küche. Der Kachelofen war über Nacht ausgegangen, an manchen Tagen glomm morgens die Kohle noch schwach. Mutter kontrollierte natürlich meine Ohren und meinen Hals, um nachzusehen, ob ich mich richtig gewaschen hatte. Sie hatte mir meine warme Winterbekleidung schon zurechtgelegt. Mein warmes Unterhemd und das Leibchen mit Gummistrapsen für meine dicken Wollstrümpfe. Mein Kleid, das mir immer noch passte. Die Pudelmütze mit einer langen bunten Bommel und meine Fäustlinge, die Oma Hertha noch gestrickt hatte. Meinen Mantel hatte eine Freundin aus einer alten, mollig warmen Decke genäht. Wenn ich aus meinen Sachen rausgewachsen war, wurden sie von Christiane oder Monika getragen. In der Küche lag auf einem Holzbrett mein Marmeladenbrot, daneben stand mein heißer Tee, den ich im Winter trinken musste. Für die Pause hatte mir Mutter eine Stulle vorbereitet. Ein warmes Mittagessen gab es ja als Schulspeisung.

Als Opa Max am Abend nach Hause kam, ging er gleich auf den Hof, um die Kaninchen zu füttern. Ich folgte ihm und fragte, ob ich ihm dabei helfen dürfe. Er wandte mir den Rücken zu, und als er sich zu mir umdrehte und mich ansah, bekam ich einen großen Schreck. Opa hatte ein blaues Auge! Ich wollte wissen, was passiert war und ob es wehtat. Opa versicherte mir, es sei nichts Schlimmes, er hätte sich im Laden gestoßen. Seine Antwort war nachvollziehbar. Gemeinsam fütterten wir die Hasen, die inzwischen sehr groß geworden waren. Monikas und mein kleines Kaninchen waren von den anderen nicht mehr zu unterscheiden. Wir versorgten sie mit Heu und Stroh und hängten im Winter ihren Stall mit Säcken zu. Wieder einmal sagte Opa, dass er sich schon auf den Braten an Weihnachten freue.

In diesem Jahr herrschte eine Eiseskälte, die Perleberg über Nacht in eine weiße Winterlandschaft verwandelte. Wie von Geisterhand hatten sich an den Fensterscheiben Eisblumen gebildet. Sie sahen wie gemalt aus und waren wunderschön. Leider waren die Eisblumen verschwunden, wenn ich nach der Schule nach Hause kam, dafür hatten unsere warmen Kachelöfen gesorgt.

Wir Kinder erfreuten uns an Schneeballschlachten und mit unseren Schuhen aus Plastik ließ es sich besonders gut schlittern. Am Wochenende fuhren meine Freundinnen und ich zum Schlittenfahren in den Stadtpark. Was für ein Vergnügen! Wir waren außer Rand und Band und unsere Gesichter waren gut durchblutet. Wenn die Stepenitz zugefroren war, liefen wir Schlittschuh. Nicht jedes der Kinder besaß richtige Schlittschuhe. Stattdessen hatten manche von uns so komische Dinger, die man mit einem Schlüssel an den Schuhen festmachte, die aber meistens nicht an den Plastiksohlen hielten. Doch das hinderte uns nicht daran, uns zu vergnügen. Natürlich durfte der große Schneemann, den wir gemeinsam bauten, wenn es geschneit hatte, nicht fehlen. Am Abend fielen wir dann erschöpft in unsere Betten und schliefen vermutlich traumlos.

Weihnachten rückte immer näher! Opa Max hatte darauf bestanden, dass alle seine Kinder den ersten Weihnachtstag bei ihm verbrachten. So war es immer gewesen, als Oma Hertha noch lebte. Obwohl die Wohnung viel zu klein war, machte er sich keinerlei Gedanken, wo wir alle sitzen würden. Auch in diesem Jahr war Opa wieder ins Erzgebirge gefahren, um Spielsachen zu kaufen. Weil wir Kinder das mitbekommen hatten, sehnten wir den Heiligabend herbei. Da wir Weihnachtsferien hatten, tobten wir bis zum Abend auf der Straße und vergaßen darüber Gott und die Welt. Vor dem Haus von Bäcker Valentin standen die Russen mit ihren großen Lastwagen und wir erbettelten frisches Russenbrot. Meine Freundinnen und ich teilten uns im Hagen das frische Brot und stopften es in uns hinein. Die Enten, die am Ufer der zugefrorenen Stepenitz hockten, schnappten gierig nach jeder Brotkrume, die wir ihnen zuwarfen. Zwischen ihnen entfachte sich ein regelrechter Machtkampf.

Endlich stand Weihnachten kurz bevor. Opa war schon einen Tag vor Heiligabend in der Früh mit seinem Handwagen in den Wald aufgebrochen, um uns einen Tannenbaum zu holen. Er kehrte mit einer schönen Kiefer zurück, die er zurechtsägte, damit der Stamm in unseren Baumständer passte. Anschließend wollten Tante Gerda, Monika, Christiane und ich den Baum schmücken. Für gewöhnlich war in solchen Momenten die Aufregung groß, doch in diesem Jahr lag Traurigkeit auf unseren Seelen, weil Oma Hertha nicht mehr bei uns war. Die vielen Kisten mit Weihnachtsschmuck bewahrte Opa im Keller auf. Dabei handelte es sich um bunte Vögel, wunderschöne Kugeln in allen Farben, Sterne aus Stroh, geflochtene Eiszapfen aus Glas und reichlich Lametta sowie Engelshaar. Wir hatten lange zu tun und schmückten mit Begeisterung unseren Baum, was wie jedes Jahr nicht ohne Diskussionen zwischen uns Kindern ablief. Schließlich fehlte obenauf noch die schöne Spitze. Dafür benötigte Tante Gerda die große Leiter. Zuletzt drehte Opa die langen Kerzenhalter in den Baum und steckte weiße Kerzen hinein. Ein großer Eimer mit Wasser stand neben den Baum für den Fall, dass der Baum Feuer fing. Damals gab es ja nichts anderes als Wachskerzen, und die waren nicht ganz ungefährlich. Monika, Christiane und ich waren glücklich und wir freuten uns auf das, was kommen würde. Klar war, dass wir auch in diesem Jahr 1949 den schönsten geschmückten Weihnachtsbaum der Welt hatten. Nur einmal noch schlafen, dann gab es Geschenke für uns alle.

Als der Baum fertig geschmückt war, saßen wir zusammen in der Küche und aßen Erbsensuppe mit Speck – Gott sei Dank nicht mit Backpflaumen! Wie immer wurde gebetet. Anschließend half Tante Gerda meiner Mutter beim Abwaschen. Nebenbei pafften sie eine Zigarette nach der anderen. Wir Kinder spielten währenddessen am Küchentisch Käsekästchen. Opa war in sein Zimmer gegangen, um sein Mittagsschläfchen zu halten. Als dann auch Tante Gerda, Monika und Christiane nach Hause gingen, fragte ich meine Mutter, ob ich zu Irmgart gehen dürfe. „Ja, aber um 18 Uhr bist du mir wieder zu Hause!“ Ich zog mir meine dicke Jacke an und flitzte über die Straße. Die Haustür stand offen. Ich rannte die zwei Treppen nach oben und klingelte. Als die Tür aufging, stand Irmgarts Bruder Reinhart vor mir. Ich begrüßte ihn und er fragte mich, was ich wolle. „Ich möchte Irmgart besuchen“, antwortete ich. „Ist sie nicht zu Hause?“

„Komm rein, meine Schwester ist in der Küche, sie hilft Oma beim Plätzchenbacken.“

Ich zog mir die Jacke aus und setzte mich etwas schüchtern an den großen Tisch im Wohnzimmer, in dem es herrlich nach Plätzchen duftete. Als ich mich umsah, stellte ich fest, dass es hier viel sauberer war als bei uns zu Hause. Kein Wunder, denn Opa Max machte nie seine Schuhe sauber, wenn er von draußen hereinkam. Da war es verständlich, dass Mutter ihn ständig anmeckerte.

Endlich kam meine Freundin, die ein Jahr älter war als ich. Sie freute sich, mich zu sehen. Ihre Oma Luise fragte mich, was es bei uns zum Weihnachtsfest zu essen gebe, und ich erzählte von unseren armen Kaninchen, die ich bestimmt nicht essen würde. Irmgart sagte, bei ihnen gebe es eingelegtes Herz, sie würde aber viel lieber Kaninchen essen. Da kam mir eine Idee: „Soll ich Mutter fragen, ob du zu uns zum Essen kommen kannst?“

Sie schüttelte den Kopf. „Bloß nicht! Das würde meine Oma nie zulassen, und mein Bruder Reinhart schon gar nicht. Er sagt immer, wir seien arme Leute, aber man dürfe sich das nie anmerken lassen.“

Mit meinen zehn Jahren wusste ich nicht, was das alles für eine Bedeutung hatte. Ich betrachtete mich nicht als armes Kind und wahrscheinlich hatten wir mehr als andere Leute.

Irmgart und ich tranken heißen Pfefferminztee und Oma Luise stellte uns einen Teller mit Weihnachtsplätzchen auf den Tisch. Das war natürlich was für mich! Ich weiß nicht, worüber wir uns als Kinder unterhielten, aber wenn ich heute mit Irmgart telefoniere, heißt es meistens: „Weiß du noch?“ Oder: „Kannst du dich noch daran erinnern?“ Meine Freundin hatte als Jugendliche hochgesteckte Ziele, sie wollte unbedingt Kapitän auf einem großen Schiff werden. Natürlich kam alles ganz anders. Sie studierte in Ostberlin und wurde Lehrerin. Das erfuhr ich aber erst Jahrzehnte später.

Pünktlich um 18 Uhr war ich zum Abendbrot zu Hause. Es gab Schmalzstullen mit Harzer Käse, einen roten Winterapfel aus unserem Garten und heiße Milch. Opa Max tunkte sein Brot in die Milch, da er nicht mehr alle Zähne besaß. Nach dem Essen spielte ich noch mit meinen Puppen, während Mutter in der Küche saß, rauchte und in einem der alten Liebesromane las, die sie von ihrer Schwester Salli bekam, wenn sie diese ausgelesen hatte. Am Abend wurde ich von Mutter in der Küche gewaschen und ins Bett gebracht. Ich fragte sie, ob ich nicht mal wieder bei ihr schlafen dürfe. „Nein, das geht nicht“, antwortete sie mir. „Ich muss noch mal weggehen.“ Opa Max saß am warmen Kachelofen und las seine Zeitung. Unter meiner Bettdecke heulte ich mich leise in den Schlaf.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war das Bett neben mir leer. Opa musste bereits aufgestanden sein. Schlaftrunken ging ich hinüber in Mutters Zimmer, wo sie noch fest schlief. Ich fasste sie am Arm – keine Reaktion. Jetzt schüttelte ich sie und sagte: „Du musst aufstehen, wir haben Hunger!“

Sie rieb sich die Augen. „Was ist denn? Kann man nicht mal ausschlafen?“ Allmählich kam sie zu sich. „Ach, Kind, du bist es!“

„Ja, Mutter, Opa ist längst aufgestanden, aber ich kann ihn nicht finden.“

„Er wird in der Waschküche sein und ein Bad nehmen“, erwiderte meine Mutter. „Geh schon mal in die Küche und stell den Schemel vor den Ofen. Ich ziehe mich schnell an und mache nur Katzenwäsche.“

In der Küche trat ich ans Fenster und sah, dass die Kaninchen schon abgedeckt waren. Endlich kam Mutter, sie hatte sich ihre Kittelschürze übergezogen. „So, es kann losgehen!“ Während ich mir das Nachthemd auszog, goss Mutter warmes Wasser aus dem Kessel in die Schüssel. Mit Seiflappen und Kernseife wusch sie mich von oben bis unten. Irgendwann sagte sie: „Mach deine Beine auseinander, ich muss dich dort auch waschen.“ Ich machte mich stocksteif, weil ich sofort wieder vor Augen hatte, was ich in Mutters Zimmer gesehen hatte. „Nun mach schon!“, forderte sie mich auf. „Was ist denn in letzter Zeit mit dir los?“

Ich antwortete, ich sei schon groß und könne mich selbst waschen, wie meine Freundin Irmgart es tat. Oder ich könne in die Badeanstalt gehen wie sonst immer mit Oma Hertha.

„Oma lebt nicht mehr und du tust, was ich dir sage! Hast du mich verstanden?“ Mutter machten den Eindruck, als sei sie ungeduldig.

Mit genervtem Ton antwortete ich: „Ich bin doch nicht schwerhörig.“

„Sei nicht so frech, sonst bekommst du eine von mir, auch wenn wir heute Heiligabend haben.“ Als sie mich gewaschen hatte, legte sie den Seiflappen zur Seite und sah mich an. „Und nun zieh dich an, dann können wir frühstücken. Und geh Opa suchen!“

Opa war längst in seinem Zimmer und legte Holz im Ofen nach. „Guten Morgen, Opa“, begrüßte ich ihn. „Wo warst du?“

„Guten Morgen, Doris. Ich war in der Waschküche und habe gebadet. Ist das Frühstück fertig?“

„Ja, Mutter sagte, dass wir frühstücken können.“ Sie hatte inzwischen den Muckefuck aufgebrüht und Marmeladenbrote geschmiert. Opa aß lieber den schwarzen Honig aus Zuckerrüben, den er selbst hergestellt hatte und der fürchterlich an den Fingern klebte, weil er schneller vom Brot lief als in den Mund.

Nach dem Frühstück kam auch schon meine Tante Gerda, um Mutter bei der Zubereitung für das Abendessen zu helfen. Opa und ich gingen währenddessen zu den Kaninchenställen. Er fütterte die Tiere und nahm zwei von ihnen aus dem Stall. Mit der einen Hand hielt er sie an ihren langen Ohren fest und mit der anderen schlug er die Kaninchen einfach tot. Ich fand es schrecklich und weinte. Opa schickte mich ins Haus. „Das musst du dir nicht ansehen“, meinte er.

„Ich bleibe hier!“, protestiere ich.

„Hör zu“, fuhr Opa fort, „es ist kein schöner Anblick, wenn ich den Kaninchen das Fell über die Ohren ziehe. Ich lasse es gerben, denn es ist schön warm und heilt meine Rückenschmerzen.“

Ich schwieg und rührte mich nicht von der Stelle. Opa wickelte Strippen um die Pfoten und schließlich jede einzelne um einen der vier Nägel, die er zuvor an die Schuppentür genagelt hatte. Mit einem scharfen Messer schnitt er den armen Kaninchen den Bauch auf. Fluchtartig stürzte ich zu Mutter in die Küche und erzählte ihr, was Opa gerade machte. Mutter sagte, sie werde sowieso keinen Kaninchenbraten essen. Dafür werde sich unsere Verwandtschaft am ersten Feiertag umso mehr auf den Braten freuen. Wieder fragte ich mich, wie es Opa gelingen würde, uns in der kleinen Wohnung alle an einen Tisch zu bekommen. Aber Mutter und Tante Gerda würden das schon irgendwie hinbekommen.

Ich ging in die Stube, setzte mich an den warmen Kachelofen und las in „Max und Moritz“. Mutter verbrachte zusammen mit ihrer Stiefschwester Gerda, die mehr Erfahrung und Lust hatte, was das Kochen anging, den halben Tag in der Küche. Am heutigen Heiligabend würde es Kartoffelsalat und Pferdewürstchen geben und zum Nachtisch Mohnpielen. Den Mohn hatte Opa im Garten angebaut und Bäcker Valentin hatte ihn gemahlen. Wir Kinder aßen gerne reifen Mohn, allerdings war Opa der Meinung, zu viel Mohn mache doof. Vielleicht war das der Grund, weshalb ich in der Schule keine Leuchte war. Die Kaninchen wurden mit Speck gespickt und bis zum ersten Weihnachtstag in die Speisekammer gelegt.

Den Rotkohl, den wir auch aus unserem Garten hatten, hatte Mutter schon gestern zubereitet, sodass er zwischendurch nur noch aufgekocht werden musste. Mutter sagte, umso besser würde er schmecken. Dazu sollte es Grüne Klöße geben, wie Oma Hertha sie immer zubereitet hatte.

Opa kam mit einer Kippe in die Küche und brachte gehacktes Holz für den Kochherd. Mutter wetterte sogleich los: „Kannst du dir nicht die Schuhe sauber machen, bevor du reinkommst? Du bringst uns den ganzen Schneematsch ins Haus!“. Und was tat Opa? Er schüttete die Kippe mit dem Holz mitten in der Küche aus und sagte: „Dann kannst du jetzt ja richtig sauber machen.“ Und weg war er. Mutter war sprachlos und ich freute mich insgeheim über Opas Reaktion.

Mutter hatte einen großen Topf mit Kartoffeln aufgesetzt, und als sie gar waren, pellten wir sie gemeinsam. Die Schalen bekamen unsere Kaninchen zu fressen. Ich durfte beim Kleinschneiden der Kartoffeln helfen und lauschte gespannt, worüber sich Mutter und Tante Gerda unterhielten. Es ging um einen Maskenball, der im „Deutschen Kaiser“, stattfinden sollte und den sie und ihre Freundinnen besuchen wollten. Das Zwiebelpellen lehnte ich ab, weil ich dabei immer weinen musste und mir die Augen brannten. Das Ergebnis unserer Vorbereitungen war eine große Schüssel Salat nach Oma Herthas Rezept. Als nichts mehr zu tun war, ging Tante Gerda nach Hause. Gegen 19 Uhr wollte sie mit Monika und Christiane wiederkommen. Bis dahin waren es noch Stunden, die mir viel zu lang vorkamen. Mutter machte sauber und ich ging mit Opa in den Laden, denn seit Kurzem befanden sich in dem Terrarium, das er dort aufgestellt hatte, weiße Mäuse, die er am Schwanz fasste und auf seinen Arm setzte. Daraufhin ließ er die Biester an sich hochkrabbeln. Ich mochte keine Mäuse, und Ratten schon gar nicht. Bei uns zu Hause hatte sich einmal eine Ratte in der Toilette versteckt. Als Oma Hertha auf die Toilette gehen wollte und die Tür aufmachte, saß die Ratte auf dem Spülkasten und sprang sie an. Oma schrie so laut, dass Herr Müller von oben angerannt kam und fragte, ob etwas passiert sei. Sie erzählte ihm, was sie mit der Ratte erlebt hatte. „Frau Lange“, sagte er, „als wir hier einzogen, hatte ich sogar Ratten in der Küche, die sich vom Keller bis zu uns in die Küche nach oben gefressen haben. In der Nacht hörten wir immer so komische Geräusche, und dann entdeckte ich das Loch hinter dem Kochherd. Ich habe es mit Glasscherben vollgestopft und eine Falle aufgestellt. Aber Ratten sind ja schlaue Biester, die haben den Braten wohl gerochen. Jedenfalls sind sie seitdem verschwunden.“ Herr Müller erzählte weiter, dass es jetzt nach dem Krieg überall Ratten gebe, meistens kämen sie aus zerbombten Häusern. Oma hatte nach ihrem Erlebnis jedes Mal Angst gehabt, wenn sie auf die Toilette musste. Sobald ich Opas weiße Mäuse sah, musste ich daran denken. Für Opa waren die Nager eine Sensation, um Kunden anzulocken. Viele Kinder kamen extra in den Laden, um sich die Mäuse aus der Nähe anzusehen. Opa nahm sie dann aus dem Terrarium und gab sie den Kindern in die Hand. Die meisten fanden sie total süß und streichelten sie. Opa führte dann gerne seine Kunststücke mit den Mäusen vor. Dazu ließ er sie in sein Hosenbein krabbeln und wenig später schauten die Mäuse an seinem Halsausschnitt heraus. Ich fand das überhaupt nicht lustig.

Während des Weihnachtsgeschäfts hatte Opa viele Spielsachen verkauft, darunter auch die Gehpuppen mit ihren Schlafaugen, die Monika, Christiane und ich so gerne gehabt hätten. Im Laden war es die ganze Zeit über sehr kalt gewesen, da es dort keinen Ofen gab. Warm angezogen half ich Opa, die Spielsachen aus den Kisten in die Regale zu stellen. Dabei zog ich alles auf, was sich bewegen ließ. Eine Spieluhr aus Lack hatte es mir besonders angetan. Wenn ich sie mit dem Schlüssel aufzog, öffnete sich der Deckel und eine kleine Tänzerin drehte sich nach der Musik und tanzte. Ein bunter Brummkreisel flitzte über den Fußboden und ein großer Teddy brachte meine Augen zum Leuchten. „Opa, so einen Teddy hätte ich auch gerne! Den würde ich mit in mein Bett nehmen, dann wäre ich nicht mehr so alleine. Mutter kommt ja immer spät nach Hause. Es war so schön, als Oma noch lebte, und jetzt ist alles so doof.“

„Ja, Doris, ich bin auch sehr traurig, dass sie nun im Himmel wohnt.“

„Opa, das stimmt doch gar nicht!“ Zornig stampfte ich mit dem Fuß auf. „Der Herr Pfarrer ist ein Lügner!“

Opa sah mich fragend an. „Was meinst du mit Lügner?“

„Na ja, du hast doch gesehen, dass Oma in ein tiefes Loch gekommen ist und nicht in den Himmel.“

„Das stimmt natürlich, meine Kleine. Jeder Mensch hat eine Seele, und die fliegt zum Himmel, sobald man gestorben ist.“

„Ach, so ist das, Opa, das konnte ich ja nicht wissen.“

„Habt ihr das nicht im Konfirmandenunterricht durchgenommen?“

Ich war auf diese Frage nicht vorbereitet und stotterte, bis ich die richtigen Worte fand. „So weit sind wir noch nicht“, sagte ich lässig. „Wir sind erst bei Jesus Christus, du weißt schon, der mit dem Kreuz.“

Opa meinte, dann würde ich das mit den Seelen und dem Himmel auch noch lernen.

„Ja ganz bestimmt“, erwiderte ich und dachte: Jetzt fange ich auch noch an zu lügen.

Opa und ich beendeten unser Gespräch und freuten uns auf das, was der Heiligabend für uns bereithielt. Es hatte wieder angefangen zu schneien. Dicke Schneeflocken schwebten vom Himmel und es sah aus, als ob sie tanzten. Der Schnee knirschte unter unseren Schuhsohlen, als ich Opas Hand suchte. Bei ihm fühlte ich mich geborgen. Wir liefen über den Schuhmarkt und konnten von dort aus direkt die Schuhstraße runterlaufen. Vorbei an Bäcker Valentin, wo auch heute die Planwagen der Russen standen. Menschen hasteten an uns vorüber und hinter den Fensterscheiben sahen wir Kerzen brennen. Ich fragte mich, ob an einem Fest wie Heiligabend alle Menschen glücklich waren. Die Kinder bestimmt, denn mit Geschenken konnte man sie glücklich machen.

Man schloss damals die Haustüren nicht ab, und so betraten wir den Flur. Wir schüttelten unsere Bekleidung aus, denn wir waren ganz schön eingeschneit. Opa ging in sein Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Nachdem ich meinen nassen Mantel ausgezogen und ihn an der Garderobe aufgehängt hatte, schlüpfte ich in meine warmen Pantoffeln. Dann betrat ich die Küche und sagte zu Mutter, Opa und ich seien wieder da.

„Das sehe ich“, erwiderte Mutter, „und wie war es in Laden?“

Ich habe Opa beim Aufräumen geholfen. Dann kamen noch Peter, Jürgen und Horst wegen der weißen Mäuse vorbei.“

„Und sonst?“, wollte sie wissen. „War das alles?“

„Die großen Puppen sind nicht mehr da“, antwortete ich traurig.

„Die hat Opa bestimmt verkauft, viele Kinder wünschen sich zu Weihnachten so schöne Puppen. Wir müssen Geldverdienen, damit wir genug zu essen haben.“

Ich hätte auch gerne so eine Puppe gehabt und war enttäuscht, weil sich mein Wunsch vermutlich nicht erfüllen würde. „Mutti, ich habe Hunger und Durst!“, quengelte ich. „Opa bestimmt auch.“

„Hast du dir die Hände gewaschen?“ Mutter besah sich meine Hände. „Offenbar nicht. Hier ist Seife!“

Ich wusch mir die Hände über dem Becken und dachte: Immer das blöde Waschen!

Im nächsten Moment sagte Mutter: „Geh und hol Opa Max, ihr könnt den Kuchen probieren. Du kannst durch mein Zimmer gehen.“

Au fein, es gab Kuchen! Ich rannte durch Mutters Zimmer, die Durchgangstür war ausnahmsweise nicht abgeschlossen. Ich klopfte und rief: „Opa, mach auf, es gibt Kaffee und Kuchen für uns!“

„Sehr schön“, hörte ich ihn antworten. „Ich komme!“

„Es gab Streuselkuchen und Abgeriebenen, den Opa am liebsten aß. Auch mir lief beim Anblick das Wasser im Munde zusammen. Opa war der Meinung, dass dem Bäcker Valentin der Kuchen in diesem Jahr besonders gut gelungen war.

„Ach, Vater“, entgegnete Mutter, „der Bäcker braucht doch bloß unsere Bleche in seinen Backofen zu schieben. Und das Backen ist ja nun wirklich keine Kunst. Dieses Mal hatte ich ja richtige Eier zur Verfügung und kein Eipulver, das den Teig gelb färbt. Und die Butter ist natürlich etwas ganz Besonderes dank deiner Tauschgeschäfte über Land.“

Ich verschlang den Kuchen förmlich mit den Augen, weil es ihn viel zu selten gab. Als ich den ersten Bissen nahm, schmeckte es einfach traumhaft. Nach einer Weile fragte ich Mutter, ob ich noch ein Stück haben dürfe.

„Du hast schon drei Stück gegessen!“, begann sie, doch dann erlaubte sie mir, ein weiteres Stück zu nehmen.

„Danke, Mutti.“

Opa tunkte den Kuchen in seinen Kaffee – mittlerweile war das schon so eine Art Ritual. Ich konnte mal wieder die Klappe nicht halten und sagte zu Opa: „Den Kuchen kannst du auch ohne Zähne essen, den brauchst du nicht einzutunken. Mutter muss ihren vorderen Zahn auch immer rausnehmen.“

Opa sah Mutter erstaunt an. „Wieso, Anna, fehlt dir vorne etwa ein Zahn?“

„So ein Quatsch!“, protestierte sie. „Wo fehlt mir ein Zahn?“ Sie zeigte ihre Zähne, es waren alle da. „Doris, deinen alten Opa so zu veräppeln, macht dir wohl Spaß!“ Am liebsten hätte mich Mutter wohl mit ihren Blicken aufgefressen. Ich schämte mich, weil ich meinen Eid gebrochen hatte.

Opa setzte sich ans Fenster und rauchte genussvoll seine Pfeife. Sie war sehr lang und hatte einen bemalten Pfeifenkopf. Inzwischen legte Mutter ein weißes Damast-Tischtuch und passende Servietten auf den Küchentisch. Dann holte sie das schöne Geschirr mit dem Goldrand herauf und bat mich, ihr beim Aufdecken zu helfen. Sie zeigte mir, wie man die einzelnen Teile richtig platzierte, und ich lernte, dass die Schneide eines Messers immer nach innen gehörte. Mutter hätte all dies angeblich im „Bad Luisenhotel“ in Bad Reichenhall gelernt. Als wir fertig waren, schickte sie mich in mein Zimmer. „Zieh dich schon mal aus, damit ich dich waschen kann.“

„Aber Mutter, ich habe mich doch heute Morgen gründlich gewaschen!“ Musste das denn schon wieder sein?

„Ich weiß, mein Kind, aber du bist doch völlig durchgeschwitzt.“ Um mich zu ärgern, sang Mutter wie so oft das Lied „Dorle hat ein schwarzes Ohrle“, das mich jedes Mal wütend machte. Widerstand war in diesem Fall zwecklos.

Im Zimmer war es mollig warm und der Topf mit dem angewärmten Wasser stand in der Ofenröhre. Dann traute ich meinen Augen nicht. Auf dem Sofa lag nicht nur mein Leibchen und saubere Unterwäsche, dort lag auch ein neues Kleid. Erst vor Kurzem hatte ich es im Schaufenster des Kaufhauses „Magnet“ bewundert. Es war rot-schwarz kariert, unten hatte es Rüschen. Ich stellte mich damit vor den großen Spiegel, drehte mich in alle Richtungen und fand mich todschick. Dann ging ich mit dem Kleid in die Küche, umarmte meine Mutter, was ich höchst selten tat, und sagte: „Danke, ich freue mich so über das neue Kleid!“

„Dann musst du es nur noch anprobieren und schauen, ob es dir passt.“

„Ganz bestimmt passt es mir, ich gebe es nicht mehr her! Glücklich drückte ich es an mich. Mutter, der meine Freude nicht verborgen blieb, schmunzelte. Ich ging zurück ins Zimmer und schnökerte überall herum. Mutter hatte dort einiges an Nippes stehen. Mein Blick fiel auf einige Fotos von meinem Vater in Fliegeruniform. Ich sah aus wie er, hatte dieselben blauen Augen und ebensolche blonden Haare. Traurig, dass er nicht bei mir war, küsste ich das Foto. Ich hätte so gerne einen Vater gehabt.

Das Waschen verlief heute ohne Probleme. Mutter war mir beim Anziehen behilflich, indem sie mir das Leibchen und das neue Kleid zuknöpfte. Es passte wie angegossen. Dann folgte die ungeliebte Prozedur, meine langen Zöpfe zu lösen und die Haare durchzukämmen. Wie ich es gewohnt war, ging Mutter nicht gerade zimperlich mit mir um. Ich heulte und schrie: „Aua, das ziept so doll!“

„Stell dich nicht so an!“, erwiderte sie. „Am besten wäre es, wenn du einen Kurzhaarschnitt bekommst wie Monika und Christiane, dann kannst du dir deine Haare ebenfalls selbst kämmen.

„Ich will keinen Kurzhaarschnitt, ich will meine Zöpfe behalten!“

„Dann halt auch still und heule nicht jedes Mal.“

Meine Gedanken, die ich in solchen Situationen meiner Mutter gegenüber hegte, werde ich vorerst für mich behalten.

Im Flur hörten wir Schritte und Fußtritte. Jemand befreite sich vom Schnee. Ich öffnete die Tür, sah zuerst Tante Gerda und fiel ihr um den Hals. Sie küsste mich und drückte mich an sich. Wieder einmal wurde mir bewusst, wie sehr ich das doch alles vermisste. Die nassen Sachen wurden an den warmen Kachelofen gehängt, während die Schuhe im Flur stehen blieben und gegen Pantoffeln ausgetauscht wurden. Monika ging zu meiner Mutter und umarmte sie für meinen Geschmack viel zu lange. Auf einmal verspürte ich Eifersucht. Warum war Monika zu meiner Mutter so lieb? Sie sagte: „Tante Anna, wir freuen uns so auf das leckere Essen und auf die Geschenke!“

Tante Gerda sah sich um und erkundigte sich, wo Opa Max sei. „In seinem Zimmer“, antwortete ich, „er zieht sich gerade um.“

Währenddessen schielte mich Monika von der Seite an. Vermutlich bewunderte sie mein neues Kleid. „Wie findest du das Kleid?“, fragte ich sie und drehte mich einmal um die eigene Achse.

„Es sieht schön aus“, antwortete sie. „Ich hätte auch gerne mal was Neues, aber meine Mutter sagt immer, dass sie für so was kein Geld hat. Stattdessen sollen wir erst die alten Sachen auftragen.“

Endlich gesellte sich Opa zu uns. Geschniegelt und gestriegelt sah er gut aus in seinem neuen Hemd und der schicken Hose. Mutti bat uns, Platz zu nehmen, und wünschte uns einen guten Appetit. Die dicken Pferdewürstchen dampften im Kochtopf. Opa hielt ihr seinen Teller entgegen und bekam zwei Würstchen und einen ordentlichen Schlag Kartoffelsalat. Uns Kindern gab Mutter nur jeweils eine Wurst, weil wir ja noch klein waren und nicht arbeiten mussten wie die Erwachsenen. Ich schielte Mutter von der Seite an, denn ich wollte nicht verpassen, dass sie sich ihren Wachszahn rausnahm. Meine Oberlippe zuckte und ich musste es mir verkneifen, laut loszulachen. Stattdessen hielt ich mir die Hand vor den Mund. Opa hatte Probleme, die harte Wurstpelle zu zerbeißen. Kurzerhand nahm er erst die eine, dann die andere Wurst in die Hand und entfernte die Pelle.

An diesem Tag war es ungewöhnlich still. Kaum ein Gespräch wurde während des Essens geführt. Ich bemerkte, dass Tante Gerda kurz davor war zu weinen. Natürlich dachte sie an ihre Mutter Hertha, genauso wie ich es tat. Ich holte tief Luft, damit ich nicht weinen musste, und mein Herz holperte für einen kurzen Moment.

„So“, Opa hob sein Glas, „dann wollen wir darauf anstoßen, dass wir wieder so einen reich gedeckten Tisch haben.“ Die Erwachsenen ließen ihre Gläser aneinander klingen. Den Wein hatte Opa aus Kirschen aus unserem Garten in einem riesigen Glasballon selbst gemacht. Wir Kinder tranken unsere süße Limonade in einem Zug aus.

„Den Nachtisch gibt es später“, sagte Mutter.

Dann war es endlich so weit und unsere Herzen schlugen vor Aufregung schneller. Gemeinsam gingen wir auf den Flur und Opa fragte uns Kinder, ob wir unser Gedicht aufsagen wollten. Alle drei riefen wir: „Ja!“

„Und wer will anfangen?“

Ich stupste Monika an. „Ich fange an“, sagte sie und begann, das Gedicht „Von draußen, vom Walde komm ich her“ aufzusagen. Als ich als Nächste an der Reihe war, begann ich zu schwitzen. Monika gab mir einen Tritt auf den Fuß und alle sahen mich gespannt an. Nach kurzem Zögern fiel mir der Anfang wieder ein. „Denkt euch, ich habe das Christkind gesehen …“ Schließlich war Christiane dran. Beim Aufsagen ihres Gedichts überschlug sie sich fast: „Lieber guter Weihnachtsmann, schau mich nicht so böse an …“ Sie machte ihre Sache am besten und strahlte wie ein Honigkuchenpferd. Alle applaudierten und im selben Moment ertönte das Glöckchen. Opa öffnete die Tür zum Wohnzimmer und das alte Grammophon spielte „Alle Jahre wieder“. Die Kerzen am Weihnachtsbaum brannten und alles erstrahlte im Lichterschein. Eine im Erzgebirge gefertigte Pyramide aus Holz, die Opa Max vor dem Krieg gekauft hatte, drehte sich. Als ich mich umsah, bemerkte ich, dass der Weihnachtsmann viele süße Sachen aus Fondant an den Weihnachtsbaum gehängt hatte. Im nächsten Moment sahen wir Kinder die großen Gehpuppen. „Sieh mal, Mutter“, rief ich, „Opa hat sie doch nicht verkauft!“ Monika, Christiane und ich waren völlig aus dem Häuschen. Glückselig setzten wir uns unter den Baum und strahlten, weil wir so viele Geschenke bekommen hatten. Sogar ein Poesiealbum, in das unsere Freundinnen und Schulkameraden etwas hineinschreiben konnten, fanden wir unter den vielen Geschenken. Schließlich durften wir uns einige Fondantkringel vom Baum nehmen. Das war für uns etwas Besonderes, denn Süßes gab es ja nur begrenzt, weil die Zuckermarken für andere Nahrungsmittel benötigt wurden.

„Tante Anna, schau, was ich für einen schönen Rock und Pullover vom Weihnachtsmann bekommen habe!“ Monika stand mit ihren neuen Sachen vor meiner Mutter und strahlte vor Glück.

„Das ist aber sehr lieb vom Weihnachtsmann!“, erwiderte meine Mutter. „Ich würde die schönen Sachen gleich mal anprobieren.“ Im Nu hatte Monika sich ausgezogen und meine Mutti half ihr, den Pullover über den Kopf zu ziehen.

„Der gefällt mir ganz toll!“, schwärmte Monika. „Darf ich den anbehalten?“

„Natürlich, mein Kind.“

Es gab so viel auszupacken, dementsprechend glühten unsere Gesichter. Auch Christiane bekam warme Kleidung, doch noch mehr freute sie sich über das Schaukelpferd und die Puppe, die sie an die Hand nahm, um mit ihr umherzuspazieren. Die Erwachsenen saßen am Tisch, tauschten kleine Überraschungen aus und prosteten sich mit dem Wein zu.

„Wer möchte jetzt Mohnpielen essen?“, fragte meine Mutter in die Runde.

„Wir alle!“ hörte ich mein vorlautes Mundwerk sagen. Wenig später saßen wir Kinder mit unseren Puppen am Tisch und aßen die süße Nachspeise.

Die Luft im Zimmer wurde unerträglich. Opa hatte Zigarren bekommen und qualmte wie eine alte Dampflok. Die Kippen im Aschenbecher wurden immer mehr. Mutters Vorrat an Zigaretten schien auch heute nicht auszugehen. Endlich wurde das Fenster geöffnet und ich sah hinüber zum Haus meiner Freundin Irmgart. Deren Wohnzimmer war hell erleuchtet und ich fragte mich, wie sie und ihre Familie den Heiligabend verbrachten. Am liebsten wäre ich rübergegangen und hätte ihr meine Geschenke gezeigt.

Inzwischen war es spät geworden. Lust, ins Bett zu gehen, hatten Monika, Christiane und ich nicht, dazu waren wir viel zu aufgedreht. Nun ergriff Opa das Wort: „Normalerweise gehen wir an Heiligabend immer zur Mitternachtsmesse. Ich bin der Ansicht, dass wir das in diesem Jahr aufgrund der Umstände nicht machen sollten, schließlich ist alles schon traurig genug.“

„Ja, Vater“, sagte Tante Gerda und nickte. „Für diese Entscheidung bin ich dir sehr dankbar.“ Sie wandte sich Monika und Christiane zu. „Also los, Kinder, wir gehen dann mal nach Hause. Sammelt eure Geschenke ein, das Schaukelpferd nehmen wir ein anderes Mal mit. Morgen früh sind wir ja wieder hier. Ich darf gar nicht daran denken, was das für ein Chaos geben wird.“ Mit Blick auf meine Mutter sagte sie: „Anna, ich frage mich, wo wir alle sitzen werden. In der großen Wohnung war das mit so vielen Leuten kein Problem, aber hier?“

Opa winkte ab. „Ach, Gerda, das werden wir schon hinbekommen. Raum ist bekanntlich in der kleinsten Hütte!“

„Also dann bis morgen“, sagte Mutter. „Christiane, setz deine Pudelmütze auf und haltet draußen den Schal vor euren Mund, es weht ein eisiger Wind.“

Als wir wieder unter uns waren half ich, den Tisch abzuräumen. Als ich meinte, einen günstigen Moment erwischt zu haben, fragte ich vorsichtig: „Mutti, darf ich heute Nacht bei dir schlafen?“

„Meinetwegen, weil Weihnachten ist. Ich brauchte an diesem Tag nur meine Zähne zu putzen und die Hände zu waschen. Nachdem ich mir mein Nachthemd übergestreift hatte, ging ich zu Opa, der ebenfalls im Begriff war, schlafen zu gehen, wünschte ihm eine gute Nacht und erzählte ihm, dass ich bei Mutter schlafen dürfe. Bevor ich in Mutters Zimmer hinüberging, küsste ich ihn.

Wenig später kuschelte ich mich in die warme Decke und schlief wohl sofort ein. Ich bemerkte nicht einmal mehr, dass sich Mutter zu mir legte.

Ich wurde erst wach, als der Wecker zu rappeln begann. „Doris, du kannst erst mal liegen bleiben“, sagte Mutter zu mir. „Es ist noch sehr früh. Ich hole dich, wenn es in der Küche warm ist.“ Nebenan polterte bereits Opa Max. Offenbar kratzte er mit dem Feuerhaken die Asche durch den Rost und legte Holz in den Kachelofen, um das Zimmer zu heizen. Als ich nach einer Weile aufgestanden war, war alles wie gewohnt. Mutter und ich warteten auf Opa, der auf dem Hof war und die Kaninchen fütterte. Es schneite immer noch. Gemeinsam aßen wir unser Brot, das heute, am ersten Feiertag, etwas üppiger ausfiel als an den anderen Tagen. Es gab Harzer Käse und Schmalz, das Mutter aus fettem Speck zubereitet hatte. Zu Opas Freude gab es Zuckerrübenhonig. Er und Mutter tranken Muckefuck und für mich gab es heiße Milch, die ich literweise trinken konnte.

In etwa einer Stunde würde bei uns in der Küche die Hölle los sein. Ich freute mich auf Monika und Christiane und nahm an, dass wir, bevor die übrige Verwandtschaft eintraf, bestimmt noch in den Hagen gehen würden, um Schlitten zu fahren. Mutter schob die beiden von Opa geschlachteten Kaninchen, die mit Speck gespickt in der großen Schmorpfanne lagen, in den Bratofen. Mir war auf einmal ganz komisch zumute. Ich sah die kleinen süßen Kaninchen vor mir, wie sie putzmunter im Stall herumhoppelten. Und jetzt sollten wir sie zum Mittag essen? Nein, das konnte ich nicht! Ich hatte Mutter angeboten, ihr zu helfen, doch sie hatte mit der Begründung, ich könne noch keine Kartoffeln schälen, abgelehnt. „Setz dich aber gern an den Küchentisch“, schlug sie vor. „Vielleicht kannst du ja etwas von mir lernen.“ Sie saß vor einem großen Korb Kartoffeln, den sie für die grünen Klöße schälen wollte, die Opa so gerne aß.

„Mutti“, begann ich, „darf ich, wenn Monika und Christiane da sind, mit ihnen in den Hagen gehen? Wir könnten unsere Schlitten mitnehmen.“

Mutter zögerte mit der Antwort. „Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist.“

„Aber warum denn nicht?“, wollte ich wissen.

„Ganz einfach: Zuerst müsstest du dir deine warmen Sachen anziehen, und wenn du von draußen reinkommst, geht die Sache umgekehrt. Verstehst du, was ich meine?“ Ich nickte, obwohl ich gar nichts begriff. „Ihr könnt euch stattdessen im Zimmer mit deinen Spielsachen beschäftigen, du hast doch gestern so viel Schönes bekommen.“

Das war nicht das, was ich hören wollte. Ich war mal wieder sauer auf meine Mutter. Enttäuscht ging ich zu Opa ins Zimmer, setzte mich ans Fenster, hauchte die Fensterscheiben an und malte mit meinem Finger Fantasiebilder. Opa legte eine Platte auf und zog mit der Kurbel das Grammophon auf. Wenn es zu leiern begann, musste man es erneut aufziehen. Das Grammophon gehörte uns nicht, es war eine Leihgabe für die Feiertage. Ich inspizierte den Tannenbaum und mopste mir einen braunen Fondantkringel, den ich mir heimlich in den Mund steckte. Die Zeit wollte einfach nicht vergehen! Gelangweilt nahm ich meine Strickliesel und den Häkelhaken und fing an, ein langes Strickband zu häkeln, das Mutter in meine Zöpfe einflechten konnte. In der Schule hatte ich im Handarbeitsunterricht Stricken und Häkeln gelernt. Voller Ungeduld wartete ich auf meine Cousinen. Die große Standuhr im Wohnzimmer schlug schon das zehnte Mal. Jetzt wurde es mir zu bunt. Ich holte mir meine Jacke, schlüpfte in die Stiefel, hängte mir den Muff um und sagte zu Opa: „Ich geh mal vor die Tür, um zu schauen, wo Tante Gerda bleibt. Sag Mutter Bescheid, falls sie nach mir fragt.“ Ich eilte nach draußen und lief bis zur Gänseburg. Auf einmal sah ich Tante Gerda, Monika und Christiane um die Ecke biegen. Freudig winkte ich ihnen zu und lief schneller. Weil es sehr glatt war, rutschte ich auf dem unebenen Kopfsteinpflaster aus und fiel der Länge nach hin. Da lag ich nun im hohen Schnee und rappelte mich allmählich wieder auf.

Monika war als Erste bei mir! „Hast du dir wehgetan?“, fragte sie mit besorgter Stimme.

Zum Glück war der Schnee weich und ich hatte nur eine Bauchlandung hingelegt. Jetzt waren auch Tante Gerda und Christiane bei mir.

„Doris, mein Kind, was machst du hier?“, wollte Tante Gerda wissen.

„Ich wollte nachsehen, wo ihr so lange bleibt. Außerdem war mir langweilig.“

Zehn Minuten später waren wir zu Hause und es roch bereits im Flur nach dem Braten.

Nachdem sich Tante Gerda und Opa Max begrüßt hatten, drückte Christiane Opa einen Kuss auf die Wange. Wir gingen zu Mutter in die Küche.

„Mutti, du schälst ja immer noch Kartoffeln!“, stellte ich fest.

Sie lächelte. „Wir sind ja heute auch viele Leute.“

„Guten Morgen, Anna“, sagte Tante Gerda. „Hier riecht es herrlich nach Kaninchenbraten.“

Das Lächeln meiner Mutter wurde noch eine Spur breiter. „Schau dir den Braten an, und wenn du schon dabei bist, schmecke bitte die Soße ab, falls noch etwas daran fehlt.“

„Einen Moment, ich wasche mir nur rasch die Hände, dann kann es losgehen.“ Tante Gerda sah sich suchend um. „Wo ist denn meine Kittelschürze?“

„Am Haken in der Speisekammer, wo du sie zuletzt hingehängt hast.“

Ich lauschte dem Gespräch zwischen meiner Mutter und Tante Gerda:

„Die Soße schmeckt schon sehr gut“, sagte meine Tante. „Ich denke, eine Prise Salz und etwas Pfeffer könnten nicht schaden. Allerdings ist es viel zu wenig für uns alle.“

„Gerda, Wasser kommt aus dem Hahn. Das ist das Einzige, das wir nicht bezahlen müssen.“

„Ach, darauf wäre ich gar nicht gekommen. Und das Fleisch ist wirklich sehr zart. Es schmeckt … ich weiß gar nicht, womit sich der Geschmack vergleichen lässt. Hast du es schon probiert, Anna?“

„Wie sollte ich? Auf keinen Fall esse ich Kaninchen!“

„Du spinnst doch! Und das, obwohl es auf unseren Karten nur sechshundert Gramm Fleisch im Monat zu kaufen gibt. Und in dem HO-Laden, der am 10. Februar 1949 in der Bäckerstraße eröffnet wurde und in dem wir ohne Karten einkaufen können, aber wer kann schon für ein Pfund Butter achtzehn Mark auf den Tisch legen? Mir läuft schon beim bloßen Anblick das Wasser im Munde zusammen. Aber wenn du nicht willst, freut sich der Rest der Familie umso mehr über den Braten.

„Bestimmt, Gerda.“ Meine Mutter nahm die letzte Kartoffel aus dem Korb und begann sie zu schälen.

Jetzt traute ich mich, eine Frage zu stellen. „Mutti, dürfen wir nicht doch noch rausgehen?“

„Meinetwegen, du gibst ja ansonsten keine Ruhe. Aber um 13 Uhr seid ihr wieder zu Hause, ihr hört ja die Uhr vom Kirchturm schlagen.“

Monika, Christiane und ich stürmten aus der Küche, holten unsere Schlitten aus dem Schuppen und liefen zum Bahnhof, in dessen unmittelbarer Umgebung sich der Berg befand, von dem wir zu Ostern immer Eier herunterrollen ließen. Viele unserer Schulfreundinnen und auch ein paar Jungs waren gerade dabei, den Berg zunächst zu erklimmen, um ihn gleich darauf im schnellen Tempo wieder herunterzufahren.

Jemand rief meinen Namen. „Hallo Doris! Schön, dass ihr auch gekommen seid!“

„Hallo Brigitte, hallo Peter!“ Ich erzählte den beiden, dass ich ziemlich lange hatte betteln müssen, damit wir vor dem Essen noch nach draußen gehen durften. Eigentlich hatte ich meiner Mutter gesagt, wir würden in den Hagen gehen, aber hier machte es viel mehr Spaß.

„Wollen wir zusammen runterfahren?“, fragte mich Brigitte.

„Na klar! Mal sehen, wer schneller ist. Monika, machst du mit?“

„Ja, schon, aber was ist mit Christiane?“

„Die nehme ich auf meinem Schlitten mit.“ Christiane sah mich mit großen Augen an und sagte, sie hätte Angst. Ich versuchte sie zu beruhigen. „Das brauchst du nicht! Du setzt dich vor den Schlitten und hältst dich vorne an den Holzgriffen fest. Ich setze mich hinter dich und passe auf, dass du nicht runterfällst. Wollen wir das so machen?“ Sie nickte zögerlich. „Gut, dann setz dich schon mal auf den Schlitten.“

Brigitte und Monika waren inzwischen bereit und warteten auf das Startzeichen. Ich umklammerte meine kleine Cousine, während Peter, ein Junge aus meiner Klasse, fragte, ob er uns einen Schubs geben solle.

„Klar“, sagte ich, „einen richtig dollen!“

Peter ließ sich das nicht zweimal sagen und zog unseren Schlitten zuerst ein ganzes Stück zurück. Dann nahm er Anlauf, stieß den Schlitten nach vorn, und schon sausten wir in rasantem Tempo den Berg hinunter. Ich fand es wunderbar und Christiane juchzte vor Begeisterung, sodass wir kein Ende fanden. Nach jeder Abfahrt kraxelten wir mit unserem Schlitten den Berg wieder hinauf. Weil wir schwitzten und schon bald völlig außer Atem waren, befreiten wir uns von unseren Pudelmützen und den Schals. Darüber vergaßen wir die Zeit und hörten auch nicht die Kirchturmuhr. Irgendwann sagte ich zu Monika: „Nimm deinen Schlitten, wir gehen nach Hause.“

Monika sah mich fragend an. Warum denn jetzt schon?

„Ich habe die Uhr nicht schlagen hören. Vielleicht ist es inzwischen sogar später als 13 Uhr. In dem Fall bekommen wir Ärger.“

„Frag doch die Frau da hinten“, schlug Monika vor. „Die hat bestimmt eine Uhr.“

Ich ging hinüber zu der Frau, auf die Monika zeigte, entschuldigte mich für die Störung und fragte nach der Zeit.

„Warte, ich schaue nach“, sagte sie. Einen Moment später nannte sie mir die Zeit. „Wir haben genau 12:30 Uhr. Ihr müsst wohl nach Hause, oder?“ Sie sah erst Monika und Christiane und dann mich an.

„Ja, das stimmt!“, antwortete ich. „Wir schaffen es noch rechtzeitig, danke.“ An meine beiden Cousinen gewandt fuhr ich fort: „Los, wir müssen gehen, sonst kommen wir zu spät zum Essen.“ Als wir uns von Brigitte verabschieden wollten, sagte sie: „Wartet, ich begleite euch ein Stück.“

Wir zogen unsere Schlitten die Lindenstraße entlang immer geradeaus bis zum Schuhmarkt, wo sich unser Laden befand. Vor der Fensterscheibe blieben wir stehen, um uns die weißen Mäuse anzusehen, die wie verrückt in ihrem Käfig hin und her liefen und offenbar nach Futter suchten.

„Die haben ja gar nichts zu fressen“, stellte Brigitte fest.

Oje, das musste ich Opa sagen. Er hatte wohl vergessen, die Mäuse zu füttern. Ich fragte Brigitte, was ihr der Weihnachtsmann gebracht hatte. Sie machte eine lässige Handbewegung. „Ein paar neue Sachen zum Anziehen, einen bunten Ball und ganz viel Schokolade und Bonbons aus Westberlin. Da wohnt nämlich meine Tante, und die schickt uns öfter mal ein Paket. Ich bekomme übrigens bald Schuhe mit einer Kreppsohle!“

Was wussten wir Kinder denn schon, was eine Kreppsohle war? Um auch etwas Tolles berichten zu können, sagte ich: „Das klingt ja alles sehr schön. Bei uns am Weihnachtsbaum hängen Kringel aus Fondant. Die schmecken besonders lecker!“ Schokolade hatten wir natürlich nicht bekommen.

„So, ich bin zu Hause“, sagte Brigitte. „Wir können uns ja nach Weihnachten auf dem Großen Mark treffen und Ball spielen.“

„Mal sehen“, entgegnete ich, „ich weiß nicht, was Mutter so vorhat.“

Vier Häuser weiter waren auch wir zu Hause. Als Erstes brachten wir die Schlitten in den Schuppen. Im Flur angekommen, fanden wir für unsere Mäntel keinen Platz, denn die Garderobe war vollgehängt und auf der Ablage lagen die Hüte unserer Onkel. Also nahmen wir unsere Mäntel mit in die Küche. „Wir sind wieder da!“ rief ich. „Mutter, wo sollen wir unsere Sachen aufhängen? Die Garderobe ist voll.“

„Legt die Sachen auf mein Sofa zu der anderen Garderobe. Schuhe ausziehen und Hände waschen! Und zieh dir das neue Kleid an, Doris, es hängt im Schrank.“

Wir waren völlig durchgeschwitzt und unsere Gesichter glühten. Wie meine Mutter gesagt hatte, legten wir unsere Mäntel einfach auf die anderen, egal wie nass und schmutzig sie waren. Dann nahm ich das Kleid vom Bügel und zog es mir an. Ich schwitzte immer noch.

„Monika, machst du mir die Knöpfe zu?“, bat ich meine Cousine.

„Ja klar, dreh dich um!“ Sie sagte, sie und Christiane hätten keine Sachen zum Wechseln mitgebracht.

„Ach, ist doch egal“, winkte ich ab. „Ich hätte mich auch nicht umgezogen, aber du kennst ja meine Mutter.“

„Ja, richtig.“ Monika lächelte und beteuerte, sie habe meine Mutter sehr lieb.

Christiane nickte. „Das stimmt, Tante Anna ist immer lieb zu uns.“

Wir gingen zurück in die Küche und begrüßten Tante Salli und Tante Elli, die gerade den Kaninchenbraten auf großen Platten anrichteten.

„Na, wie war euer Schlittenfahren?“, erkundigte sich Tante Salli.

„Ganz toll“, sagte ich. „Wir waren im Stadtpark und sind immer wieder den Berg runtergefahren. Es waren viele Kinder aus unserer Schule da.“ Unschlüssig standen Monika, Christiane und ich in der Küche herum.

„Geht schon mal zu Opa ins Zimmer und wünscht euren Verwandten schöne Weihnachten.“ Offenbar konnte uns meine Mutter in der Küche nicht gebrauchen.

„Wir haben aber Durst!“, protestierte ich.

„Jetzt nervt uns nicht! Ihr seht doch, dass wir alle Hände voll zu tun haben. Hier sind Gläser, das Wasser könnt ihr euch selbst nehmen.“

Nachdem wir ein Glas Wasser getrunken hatten, gingen Monika, Christiane und ich ins Wohnzimmer und begrüßten unsere Cousinen und Cousins sowie deren Väter. Sie alle saßen bereits um den großen Tisch herum und schienen bester Stimmung zu sein. Unsere Verwandten herzten uns und nahmen uns in den Arm.

„Du hast ein sehr schönes Kleid an“, sagte meine Cousine Helma. Sie sah mich bewundernd an. „So eins könnte mir auch gefallen.“

Karin war inzwischen fünfzehn Jahre alt und hatte eine Lehrstelle bei einem Fotografen begonnen. Silvia, die ein Jahr älter war, lernte Modezeichnerin. Helma ging noch zur Schule. Sie hatte viele Ideen, was sie einmal werden wollte.

Obwohl unsere Wohnung für so viele Gäste zu klein war, waren unsere Verwandten bester Stimmung. Die Erwachsenen tranken Bier, Schnaps und Wein, pafften Zigaretten und Zigarren und verwandelten das Wohnzimmer in eine stinkende und qualmende Hölle. Wir Kinder zählten im Geiste die Gedecke auf dem Tisch und stellten fest, dass sie nicht für alle reichten. Monika fragte mich, wo wir Kinder sitzen würden. Das interessierte mich auch. Ich lief in die Küche und fragte meine Mutter: „Sag mal, wo werden wir Kinder eigentlich essen?“

Statt mir zu antworten, fing sie an, sich zu verteidigen. „Hör zu, Doris: Niemand kann etwas dafür, dass wir so wenig Platz haben. Dein Opa hat diese Wohnung gemietet und wir müssen es nehmen, wie es ist, ganz gleich, ob es uns gefällt. Fangt bloß nicht an rumzumaulen, wenn ich euch jetzt sage, dass ihr in der Küche essen werdet.“

Pulsuz fraqment bitdi.

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23 dekabr 2023
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9783969405543
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