Kitabı oxu: «Mein Garten, mein Paradies»
Susanne Wiborg
Mein Garten, mein Paradies
Mit Bildern von
Rotraut Susanne Berner

Verlag Antje Kunstmann

Neues vom Alten: Burgunder
Rauhes Klima, Sandboden, Regen überreichlich: Weinbaugebiet sieht irgendwie anders aus. Weil ich trotzdem von prächtigen Reben geträumt habe, waren Enttäuschungen lange reihenweise vorprogrammiert: Sorten, die unser Klima angeblich vertragen sollten, taten es mitnichten. So hatte mich die harte Heide-Realität irgendwann gelehrt, dankbar zu sein, falls sich wenigstens ein paar Blätter bis zur Herbstfärbung hielten, und weitergehende Winzer-Träume aufzugeben.
Bis der Alte kam. Genauer gesagt: Er kam nicht, ich entführte ihn. Unter dem wartenden Abrissbagger weg schaffte ich es noch, einige Ranken von einem uralten Weinstock zu bergen, der mich an der Wand eines kleinen, jahrelang leer stehenden Bauernhauses schon lange fasziniert hatte. Dort, längst tief im Schatten und inmitten von Müll und Verfall, war er als lebende Unmöglichkeit nicht nur zu einem sagenhaft üppigen und gesunden, sicher gut hundertjährigen Stock herangewachsen, der zum Schluss das ganze Haus überwucherte, sondern hatte auch noch unermüdlich Unmengen kleiner dunkelblauer Trauben getragen. Kurzum: Unter den denkbar ungünstigsten Umständen verkörperte er die größte Stärke von Vitis vinifera: diese fröhliche, schier unbezähmbare Vitalität.
Die zeigte sich auch an den Stecklingen: Alle trieben prompt aus, und bald war ich stolze Besitzerin von mehreren kräftigen kleinen Reben. Einige zogen um, um das alte Backhaus eines emsländischen Bauernhofes zu besiedeln, die anderen lieferten mir den willkommenen Grund, endlich einiges vom überalterten Vorbesitzer-Gestrüpp aus dem Revier zu verbannen. Bisher hatte ich es aus Pietät nicht angetastet, doch nun brauchte mein Nachwuchs eine Pergola, also: Rotwein statt Riesenberberitzen!
Der erste Frühjahrsaustrieb lehrte mich dann, die Neuzuwächse wirklich zu lieben: Er war von einem wunderschönen, intensiven Burgunderrosa, die Triebspitzen weiß bepudert. Schien die Sonne, funkelte die aparte Farbe regelrecht über dem frisch ergrünten Garten – ein absolut bezaubernder Effekt. Später waren die großen, rauen dunkelgrünen Blätter rund, nur leicht gekerbt und unterseits weißlich-rosa. Über mieseste Regenperioden hinweg blieben sie gesund, und die Stöcke wucherten mit genau diesem Überschwang, der die Weinrebe zum Symbol von Lebensfreude und Fruchtbarkeit gemacht hat.
Da entging mir vor Entzücken zunächst völlig, dass es mit der Fruchtbarkeit nicht weit her war: Mein sorgfältig nach Winzer-Rat gestutzter Wein blühte nicht und trug erst recht keine Früchte. Aus dem Emsland kam indessen schon die Kunde von einem ganzen Backhaus voller üppiger Trauben – Erfolgsgeheimnis: einfach in Ruhe lassen. Ich verzichtete also auf jeden Rückschnitt, und im vierten Standjahr war es so weit: Meine Weinstöcke blühten reichlich, und im Herbst baumelten von der Pergola blauschwarze Trauben gesunder Beeren, viel dicker, als sie es am Ursprungsstandort je gewesen waren. Ein Anblick, von dem ich im eigenen Garten schon längst nicht einmal mehr zu träumen gewagt hätte. Profis würden die Trauben zwar vermutlich als höchstens mittelgroß einschätzen, aber für diese Gegend ist das schon dicht am Paradies. Sie hatten derart dicke Schalen, dass sowohl Wespen als auch Vögel sie in Ruhe ließen, kein Mistwetter und kein Pilz brachten sie zum Platzen, und ihr Aroma wurde noch über den ersten Frost hinaus jeden Tag besser, sodass ich schließlich bis tief in den Herbst hinein frische Trauben ernten konnte.
Sie schmecken nach Burgunder, aber mit wem genau wir es zu tun haben, wissen wir immer noch nicht. Die Beschreibung des Schwarzrieslings, wegen des wie mehlbestäubten Austriebs auch »Müllerrebe« genannt, kommt dem Alten recht nahe, passt aber nicht ganz. Vermutlich ist es einfach eine lokale Bauerngarten-Sorte aus Kaisers Zeiten, die so robust war, dass sie sogar das raue Heide-Leben bereitwillig versüßte, und die mit dem Abriss des alten Hauses endgültig in der Vergessenheit verschwunden wäre. Vor diesem Schicksal vieler lokaler Kulturpflanzen hat ihre Vitalität sie zum Glück einstweilen bewahrt: Im Emsland hat sie – außer dem Backhaus – inzwischen eine komplette Stallwand erobert, Tendenz buchstäblich: steigend, und längst gedeiht sie auch weithin im Freundeskreis.
Selbst hier, auf dem so ärgerlich beschränkten Raum, grüble ich schon wieder, wo noch eine Pflanze mehr hinpassen könnte. Was schwer werden dürfte, denn einen Nachteil hat der wuchskräftige Beinahe-Wildling leider doch: Er hasst Einschränkungen. Muss ich die Reben hart zurückschneiden, nehmen sie das schwer übel, treiben weniger stark aus und tragen im folgenden Jahr kaum. Dürfen sie sich frei entfalten, was bedeutet: bedecken, was immer ihnen vor die Ranken kommt, hängen sie prompt voller Trauben. Also eher ein Bauernhof- als ein Minigarten-Mitbewohner, doch wo ein Wille ist, ist für eine Kletterpflanze ja bekanntlich meist auch ein Weg – nach oben. Mangelnder Wille ist wirklich das Letzte, was man dem Alten nachsagen könnte, und so wird es für ihn hoffentlich auch weiterhin heißen: Fortsetzung folgt!

Einer geht immer: Efeu
Typisch Februar: Sobald die Sonne schon steigt, der Frühling aber noch hoffnungslos weit weg scheint, übersteigt mein gärtnerischer Frustpegel regelmäßig den Intelligenzquotienten. Die Weihnachts-Gartenbücher sind längst gelesen, die Kataloge sowieso, und immer noch zieht sich der Winterrest dermaßen zähe, dass ich in einem Anfall akuten Grünentzugs sogar schon im Schuppen die Werkzeuge geölt habe. Ich will endlich wieder raus, aber was kann ich da bloß machen?
Als die Sonne zum ersten Mal mühsam über die Nachbarsfichten geklettert war und es frühlingshaft warm zu werden schien, fiel mein gartengieriges Auge auf ein paar alte Blätter hinter dem Birnbaum. Normalerweise hätte ich die nicht mal registriert und gern den Regenwürmern überlassen. Aber es war eben nicht normal, es war Februar. Ich war fast ein Vierteljahr lang nur noch in dickem Regenzeug durchs Revier gehuscht, hatte höchstens mal Schneematsch räumen dürfen und die Nase voll vom Winter. Also schnappte ich mir die Fächerharke und stürzte mich mit vollem Frühlings-Elan auf die Blätter – nur um dann festzustellen, dass sie allesamt am Boden angefroren waren.
Während dieses slapstickverdächtigen Leerlauf-Harkens zupfte mich jemand unablässig an Haar und Jackenkragen: Der Efeu am Birnbaum reckte schon wieder kecke Ranken in die Luft. Hedera helix ist so ziemlich der Einzige hier, dem nicht nur die Jahreszeiten beneidenswert egal zu sein scheinen, sondern der sich im immer tieferen Fichtendunkel auch uneingeschränkt wohlfühlt. Einst haben ihn die Vögel mitgebracht, und seine Anfänge waren zart und täuschend niedlich: apart geschnittene und gemusterte Blättchen, die sich bescheiden in den Schatten duckten. Allerdings nicht lange. Inzwischen gilt: Wo ich dem Efeu keinen Platzverweis erteile, gehört alles ihm.
»Es gibt kaum ein treueres Grün«, begeistert sich ein Gartenbuch aus Kaisers Zeiten, »eine idealere Blattform, eine herrlichere Liane als den Efeu.« »Treu« ist hier allerdings ein absolutes Understatement. Was der Efeu hat, das hat er. Seine Festklammer-Fähigkeit grenzt an Magie, und wie schwer es ist, die vitale Liane auch nur einigermaßen im Zaum zu halten, brauche ich niemandem zu erklären, der mit Hedera helix ein kleineres Revier teilen muss als eine zünftige Burgruine.
Neuaustriebe, denen man zum zigsten Mal die Einbruchsversuche durch jede Fensterritze verwehren will, knicken dabei ständig ganz kurz ab, bis die Fingernägel brechen, und bei alten Ranken gibt im Zweifelsfall zuerst der Putz nach. Anschließend folgt der Magie zweiter Teil: Hat man endlich freigelegt, was der Efeu nicht haben soll, braucht man ihm nur den Rücken zu drehen, und er ist sofort wieder da.
Was im Sommer eher entnervend wird, kommt für Februar mehr als recht: Wenn im Garten sonst nichts geht, Efeubändigen geht eigentlich immer: Die erlaubte Hauswandhöhe war schon längst wieder deutlich überschritten, von den nächsten Einsteigversuchen gar nicht zu reden. So zerrte, kratzte und riss ich alles, was sich schon wieder zwischen Mauerwerk und Fenster zu mogeln versuchte, in Ministücken von der Hauswand. Während ich die gemauerten Fensterbretter freilegte, ließ der reichlich mitkommende Fünfzigerjahre-Mörtel die Ruinen-Vorliebe von Hedera helix in einem ziemlich düsteren Licht erscheinen: Offenbar lässt er auch hier nichts unversucht, um sich ein artgerechtes Biotop zu erschaffen.
Nach diesem Aufwärmen kamen Apfel- und Birnbaum an die Reihe, die mit ihren knapp mannshohen grünen Pullovern gewöhnlich sehr adrett aussehen, ganz zu schweigen davon, dass ihr Efeupelz ein beliebtes Weinbergschnecken- und Zaunkönigdomizil ist. Im Moment war da allerdings nichts mehr mit adrett: Die beiden erinnerten eher an indignierte alte Damen, die erschrocken aus einem heftig ausfransenden Spitzenkragen spähten, so energisch strebte der Efeu schon wieder kronenwärts. Der Uralt-Apfelbaum hatte deutlich unter seiner malerischen Umklammerung gelitten, denn beim Efeu-Abreißen kam nicht nur die Rinde in ganzen Stücken mit, vielmehr sah das Freigelegte auch noch unerfreulich modrig aus. So verordnete ich Malus kurzerhand eine Efeupause zum Erholen, sprich: Ich legte den Stamm und seine Umgebung so weit frei, dass der Wucherer einige Zeit für den Rückweg brauchen würde. Dass dabei für mich endlich auch richtige Gartenarbeit raussprang, war der Vorteil am Rande: Das Ziehen der langen Triebe war anstrengend und daher wunderbar befriedigend, und die Belohnung folgte buchstäblich auf dem Fuße: auf dem des Apfelbaums nämlich. Überall rundum kamen jetzt die ersten zaghaften Spitzen der Krokusse zum Vorschein, die ich unter mehreren Schichten Efeu längst vergessen hatte. Während ich wie ein wandernder, tentakelgeschmückter Riesenbusch einen Schwung Endlosranken nach dem anderen kompostwärts beförderte, genoss ich die allerbeste Saisonauftakt-Laune dabei von Herzen: Zum ersten Mal nach all den dunklen Monaten konnte ich wirklich glauben, dass selbst im fiesen Februar der Frühling eigentlich schon um die Ecke wartet.

Spontane Zwerge: Elfenkrokus
Es gibt zwei Sorten von Vorfrühlings-Blühern: die Geduldigen und die Spontanen. Die Ersten erlauben es winterfrustrierten Gärtnern netterweise, sich über die längsten, dunkelsten Monate des Jahres hinweg wenigstens an ihrem Wachstum mitzufreuen. Narzissen und Schneeglöckchen gehören dazu, deren elegante grüne Spieße im Stop-and-Go-Verfahren jedes bisschen Wärme mit einem vielversprechenden Schub quittieren, um dann bei Kälte wieder still abzuwarten. Oder die Helleborus, die meine ewigen gärtnerischen Ungeduldstouren rund ums Revier schon sehr früh mit sichtbaren Knospenansätzen belohnen. Die ducken sich dann wochenlang an die Hauswand wie winzige, in eine üppige Krause gekuschelte Eier – das lebende, tröstliche Prinzip Frühlings-Hoffnung.
Auf der anderen Seite steht der botanische Knalleffekt: Blüten, die mit der ersten kräftigen Vorfrühlingssonne so urplötzlich da sind, dass ich eigentlich nur noch auf ein fröhliches »Peng!« warte, wenn sie aus der Erde und mir buchstäblich in den Weg zu springen scheinen. Denn dass diese temperamentvollen Typen auch noch eine Vorliebe für unkonventionelle Standortwahl haben und jede Pflasterritze nutzen, versteht sich von selbst. Prototyp solcher Schnellblüher sind hier die zierlichen Elfenkrokusse: Zwar weiß ich eigentlich, wo sie stehen, aber ihr blitzschnelles Erscheinen ist jedes Mal eine glückliche Frühlingsüberraschung: Ist es wirklich endlich so weit? Abends schien noch alles kahl, aber in der ersten vollen Sonne leuchten sie dann überall: helle, fast durchsichtig violette Kelche, von Flieder bis dicht an Purpur, in der Mitte ein aparter safrangelber Stempel. Crocus tommasinianus wirkt ganz besonders zart und elegant, weil die Unterseite nicht – wie bei vielen anderen Krokussen – kräftig gestrichelt, sondern einfarbig hell ist. Dieses matte, pudrige Silberweiß verstärkt das Blassviolett der Kelche, und so schimmern dann lauter graziöse kleine Amethyste da, wo eben noch winterliche Tristesse herrschte.
Ich liebe Elfenkrokusse nicht nur wegen ihres unwiderstehlichen Charmes, ich liebe sie ebenso, weil sie mich lieben. Oder vielmehr: Sie lieben meinen Garten – und das ist alles andere als selbstverständlich. Die meisten Krokusse tendieren hier dazu, sich von der Kombination aus bindigem Boden und rauem Klima unverzüglich schaudernd zu verabschieden. Die Elfenkrokusse aber blühen und vermehren sich gleichermaßen üppig, ohne dass sie dabei mehr Unterstützung benötigen als gar keine. Sie möchten einfach nur in Ruhe gelassen werden, bis sie Samen gebildet und eingezogen haben. Beides geht sehr schnell, und sobald sie wieder in der Zwiebel ruhen, stört sie nichts mehr, weder Dürre noch Dauerregen. Die violetten Zwerge sind also ebenso robust wie dekorativ – und was mehr kann man von einer Pflanze verlangen?
Hier in Norddeutschland gehört der Elfenkrokus, der ursprünglich aus Dalmatien stammt, zu den »Stinsenpflanzen«, abgeleitet vom friesischen Wort für »Steinhaus«. Steinhäuser waren einst den Wohlhabenden vorbehalten, die es sich auch leisten konnten, ihre Residenzen mit seltenen Pflanzen zu umgeben. Viele von ihnen, etwa Märzenbecher und Milchsterne, verwilderten später, sowohl in der Natur als auch am Ursprungsstandort. Berühmtestes Beispiel ist der jahrhundertealte, überwältigende Krokusteppich am Husumer Schloss mit seinen etwa fünf Millionen Crocusnapolitanus-Pflanzen.
Wer ähnliche Pracht en miniature nachpflanzen möchte, findet dafür in dem robusten Elfenkrokus einen willigen Partner auch an ungünstigeren Standorten. Es muss nicht gleich ein Schlosspark, es muss nicht einmal Rasen sein: Am Gehölz- und Wegrand macht der kleine Violette eine wunderbare Figur, und meine Beete sind inzwischen voller eingewanderter Elfenkrokusse, die sich nach der Blüte, ihr verwelkendes Laub bestens verdeckt durch andere Pflanzen, fröhlich vermehren, während der Ruhephase gärtnerische Aktivitäten in keiner Weise übel nehmen und mit ihrem großen Vorfrühlings-Auftritt sowohl mich als auch die ersten Insekten restlos begeistern.
Elfenkrokusse en masse haben eigentlich nur einen einzigen Nachteil: Man muss sie erstmal ansiedeln. Die Zwiebeln sind winzig und überdies im Großhandel verlockend preiswert – eine tückische Kombination: Im ersten hochsommerlichen Anfänger-Überschwang bestellte ich gleich neunhundert, und die verpassten mir im Herbst eine Art gärtnerischen Realitätsschock. Verstärkt wurde der noch dadurch, dass die Zwiebelchen so dankenswert robust sind wie die ganze Pflanze und ich daher prompt der Versuchung erlag, all die Empfindlicheren vorzuziehen. Und weil eine Blumenzwiebel bekanntlich nie allein kommt – bei mir schon mal gar nicht – wurde es Advent, bis die Elfenkrokusse endlich an der Reihe waren. In düster-feuchter Kälte kniend, mit klammen Fingern all diese Minis einzeln einzubuddeln, war schon ein Gartenerlebnis der besonderen Art. Aber wie sehr sich so etwas schließlich lohnt, brauche ich ja keinem glücklich verrückten Gärtner zu erzählen – erst recht nicht jetzt zum Saisonbeginn!

Das Gewässer des Grauens
Dass der schöne letzte Arktiswinter auch einen hohen Preis kosten würde, zeichnete sich schon beim ersten Zwischen-Tauwetter ab: Etwas Rötliches leuchtete unter dem Teicheis hervor. Es war Shui. Glänzend in sattem Orange, von langen Flossen umwallt, makellos bis zur letzten blanken Schuppe – aber tot. Ausgerechnet Shui! Sie war nicht nur die Schönste meiner Goldfische, sie und Feng waren auch die, mit denen das Wasser im Garten buchstäblich gewachsen war: vom Holzfass über die Riesen-Mörtelwanne zogen die Fische schließlich in einen kleinen Teich. Dass sie den nicht einmal mehr vorübergehend zu verlassen gedachten, machten sie mir dann schon im ersten Herbst nachdrücklich klar. Sie verschwanden unauffindbar ins mehr als Metertiefe, sobald es kalt wurde, und ins Wohnzimmer-Aquarium zog stattdessen ihr Nachwuchs: winzige schwarze Fischchen, die über den Winter eine fast magische Verwandlung vollführten: Sie wechselten zunächst in eine metallische Messingfarbe, dann in reines Gold und schließlich ins erwachsene Strahlendrot. Einige hatten von Mutter Shui die lang gezogenen Flossen und das lebhafte Temperament geerbt, andere schlugen mehr nach Fengs behäbiger Karpfenseite – und alle sahen sie verschieden aus.
Ja, ich weiß: Goldfische sind der flossentragende Horror ökologisch korrekter Teichbesitzer, aber mir war das egal: Ohne Feng und Shui hätte es hier überhaupt keinen Teich gegeben, und ich liebte sie einfach allesamt. In seinem grünen Rahmen brachte der Schwarm gleichzeitig Leben und Ruhe in die Gartenmitte, und wenn die schimmernden roten Rücken auftauchten und mit dieser lautlosen, fast meditativen Gelassenheit wieder versanken, verstand ich genau, weshalb Goldfische, das allererste Luxus-Haustier der Menschheit, in so vielen Kulturen als Glückssymbole gelten. Nützlich waren meine übrigens auch, denn sie vertilgten begeistert so ziemlich alles Krabbelzeug, das ich im Garten loswerden wollte, am liebsten massenhaft Blattläuse.
Im Winter leisteten mir einige Fische im Haus Gesellschaft, die anderen überwinterten problemlos draußen, selbst bei längerem Frost. Als letzten Herbst jedoch Terrier Erbse einzog, entschloss ich mich, zum ersten Mal auf das große Aquarium zu verzichten. Kabel und Wasserschläuche im Wohnzimmer sind mit einem überaus nagefreudigen Junghund nur sehr bedingt kompatibel, und im Teich hatte es jahrelang nie Verluste gegeben. Es sollte also gut gehen. Eigentlich. Doch spätestens, als nach Rekordschneefall, Tauwetter und dann hartem Frost sogar der Eisfreihalter komplett im massiven, undurchsichtigen Gefrorenen verschwunden war, wurde klar, dass es diesmal kaum gut gehen konnte.
Es ging auch nicht gut: Im März schaukelten gleich im ersten getauten Spalt zwischen Eis und Teichwand traurig zwei leblose Goldfische, und was dann unter den schmelzenden Schollen hervorkam, war nichts als Tod und Verwesung. War der Verlust der Fische besonders schmerzhaft, weil er etwas wie den Abschied von vertrauten Freunden bedeutete, so erinnerten die vielen toten Frösche an einen ganz besonders brechreizerregenden Horrorfilm. Die armen Viecher hatten sich zwischen den Steinen im Flachen verkrochen und waren da monatelang komplett ins Eis eingeschlossen gewesen. Jetzt ragten überall erst lange bläulichblasse Beine wie gruselige Tentakel aus den verhängnisvollen Verstecken hervor, denen dann aufgequollene Körper folgten – ein Anblick, der mich inständig wünschen ließ, das Gewässer des Grauens kurzerhand zuzuschütten und schnurstracks in die Karibik zu fliehen. Immer neue Leichen rutschten aus jeder Spalte nach, und je weiter der Frühling fortschritt, desto weniger ansprechend sahen sie aus.
Der Massenbeerdigung folgte dann eine Grundreinigung per Teichsauger – jedenfalls bis dessen Abfluss verstopfte und ich versuchte, mit den Fingern zu entfernen, was ich für alte Blätter hielt. Mit einem satten »pflopp« löste sich schließlich der Pfropfen, und blitzschnell wickelten sich in einem Schwall eisigen Wassers sehr lange und nicht mehr sehr frische Froschbeine wie winzige Gummihandschuhe um meine Finger, gefolgt von einer amorphen, gallertartigen Masse. Der Schock war so groß, dass er sogar den Fluchtreflex ausschaltete: Ich glotzte fassungslos auf den surrealen Anblick und verstand erst mit Verzögerung, was ich da eigentlich anstarrte. Dafür wurde ich in den nächsten Tagen schon beim bloßen Gedanken an meinen Teich von unheimlicher, garantiert psychosomatischer Übelkeit geplagt.
Inzwischen ist das kleine Gewässer längst wieder ansehnlich und ökologisch einwandfrei dazu. Selbstverständlich freut es mich, dass es von Libellenlarven nur so wimmelt, aber die kleinen grauen Killer-Torpedos – die übrigens die spärliche Brut der wenigen überlebenden Frösche komplett vertilgt haben – besitzen nun einmal nicht die dekorativen Qualitäten schimmernder Goldfische, von den meditativen ganz zu schweigen. Feng, Shui und Familie werden hier zwar keine Nachfolger bekommen, weil ich ein derartiges Desaster nie wieder erleben möchte – aber sie fehlen schon sehr!
»… während du eifrig andere Pläne machst«: Scharbockskraut
»Das Leben«, hat John Lennon gewusst, »ist das, was dir passiert, während du eifrig andere Pläne machst.« Die Einsicht, wie recht er damit hatte, wuchs mir letztes Frühjahr buchstäblich zu – und das ausgerechnet, nachdem ein Plan so grandios aufgegangen schien: Ich hatte es tatsächlich geschafft, eine beträchtliche Menge Giersch zu kompostieren. Spurlos und ohne dass er, wie von Nachbarn mit diesem genüsslich katastrophenträchtigen Unterton vorhergesagt, schon beim Versuch den ganzen Garten überrannte.
Das dominante Doldengewächs – eine der wenigen Pflanzen, deren Eroberungszügen militärische Terminologie absolut angemessen ist – hatte im vorhergehenden Frühsommer von seinem Rückzugsgebiet unter den alten Sträuchern aus unerfreulich breitflächige Geländegewinne verzeichnet und war dabei dicht an einige Pflanzen vorgerückt, auf deren Anwesenheit ich deutlich mehr Wert lege. Also grub ich eine stattliche Giersch-Menge aus und hatte ein Problem: Das üppige Laub und die viele anhängende Erde waren viel zu schade zum Wegwerfen, aber schon beim bloßen Gedanken, alle – alle! – weißen Würzelchen penibel auslesen zu müssen, spürte ich ein unterschwelliges nervöses Kribbeln. Dann lieber komplett kompostieren – unter verschärften Sicherheitsbedingungen, versteht sich.
Aus einem Schnellkomposter konstruierte ich so etwas wie einen Spezialknast für besonders gefährliche Pflanzen: Standort auf offenem Boden, damit ich jeden Ausbruch im Keim ersticken konnte, dickes Sackleinen zuunterst, darauf Strauchwerk, dann halbreifer Kompost. Dann erst kam der Giersch, mit reichlich Pferdemist unterfüttert, durchmischt und zugedeckt, damit er schleunigst möglichst hoch erhitzt wurde. Es klappte bestens: Der Giersch verging in seiner Hitzepackung so schnell, dass ihm nicht einmal mehr Zeit blieb, letzte Fluchtversuche durch die Ritzen des Komposters zu starten. Alles fiel rasant in sich zusammen, massenhaft Würmer fanden sich ein, und ich konnte auf jeder Gartenrunde mit tiefer Genugtuung den Deckel heben, um mich am rapiden Wandel des grünen Eroberers in besten Dünger zu weiden. So etwas mag Nicht-Gärtnern zwar kindisch klingen – aber Triumphe über Aegopodium podagraria sollte man wirklich mit vollem Herzen auskosten: Sie sind selten genug.
Im Herbst war alles waldduftende Erde, die ich im Hochgefühl einer gemeisterten Herausforderung über den ganzen Garten verteilte. Zurück blieb ein Rest, mit dem ich im Frühjahr die Kübelpflanzen verwöhnen wollte. So der Plan, doch es kam anders: Anfang April war der braune Hügel plötzlich dunkelgrün, flächendeckend von glänzenden herzförmigen Blättchen überzogen. Überall dort, wo ich beim Verteilen gekrümelt hatte, zogen sich ebenfalls saftig grüne Bahnen. Das konnte doch nicht etwa …? Doch. Es war Scharbockskraut – und zwar in Massen. Dass es an einigen Stellen den Giersch durchzog, hatte ich im Sommer, in dem es längst eingezogen hatte, schlicht vergessen, und damit, dass seine Brut- und Wurzelknöllchen so absolut kochfest sind, hätte ich ohnehin niemals gerechnet. So hatte mich hinterrücks das botanische Leben eingeholt: Das Scharbockskraut hatte bestens überstanden, was sogar dem Giersch den Garaus gemacht hatte, und meinen Rundum-Verbreitungsservice unverzüglich genutzt: Überall glänzten bald die typischen dunklen Blätterherzchen.
Es war die totale Niederlage, denn über viele Jahre hinweg hat es mich reichlich Handarbeit gekostet, das vermehrungsfreudige Grünzeug auf den einzigen Platz zu beschränken, auf dem es willkommen ist: auf eine dünn mit Erde bedeckte alte Betonplatte. Hier, wo – außer dem Giersch natürlich – alles andere aufgibt, öffnet es im zeitigen Frühjahr mit jedem Sonnenstrahl seine unzähligen Sternchen in einer intensiv dottergelben Leuchtfarbe, die mir normalerweise viel zu krass wäre. Nach einem langen, düsteren Winter aber ist sie nicht nur für die massenhaft anfliegenden Insekten, sondern auch für die entzugsgeplagte Gärtnerseele so etwas wie Balsam. Leider denkt etwas derart Konkurrenzkräftiges natürlich nicht daran, sich kampflos domestizieren und einschränken zu lassen, und in meiner Anfänger-Naivität hielt ich die gelben Sternchen überall zunächst auch noch für eine nette Bereicherung. Seit ich aber reichlich kraftlos um Hilfe winkende Mitgewächse aus den erstickenden grünen Teppichen befreien musste, weiß ich’s besser und schränke die wuchernde Wildpflanze rigoros ein. Entgegenkommenderweise verrät sie sich ja über eine kurze Zeitspanne durch dieses unübersehbare Gelb, leicht zu ziehen ist sie dann auch, und so kamen wir alles in allem ganz gut miteinander aus.
Bis jetzt: Diesen Frühling werde ich wohl rekordverdächtig jäten müssen, wenn nicht alles flächendeckend unter Scharbockskraut verschwinden soll, denn letztes Jahr dürfte mir während der kurzen Vegetationsperiode ein guter Teil der selbstverursachten Invasion entwischt sein. Immerhin reichlich Gelegenheit, in Ruhe darüber nachzudenken, wie sehr John Lennons weise Erkenntnis auch auf das Gärtner-Leben zutrifft!
Frühlingsgefühle
Das Wunderbare am Mai ist die Qual der Wahl. Ich weiß nie, worüber ich mich am meisten freuen soll: frisches Grün, duftende blassviolette Nachtviolenschleier, verheißungsvoll anschwellende Mohn- und Rosenknospen – oder ist es etwa doch mein ebenso winziger wie üppiger Nutzgarten? Der misst, großzügig gerechnet, etwa zwei auf zwei Meter und liegt zwischen dem großen Apfel- und dem kleinen Quittenbaum. Auf der einen Seite begrenzt ihn der rötlich knospende Burgunder am Zaun, auf der anderen das Grasfleckchen, das »Rasen« zu nennen eine Vermessenheit wäre. Um diese Jahreszeit bekommt das Stückchen Erde dazwischen noch so viel Licht, dass ich mich hier auch mal so richtig selbstversorgertüchtig und autark fühlen darf – zumindest, was Salat und Kräuter betrifft.
»MS Fischland«, das überall in Haus und Garten verbaute Schiff meines uralten Kapitäns-Vorgängers, hat lange dabei geholfen: Eine ihrer Ladeluken aus massiver Eiche ergab ein perfektes Hochbeet. In diesem silbrig verwitterten Rahmen war alles dekorativ: Lollo Rosso plus Kopfsalat, beide so eng in Reihen gesetzt, dass sie statt Köpfen besser dosierbaren Pflücksalat ergaben, ein üppiger Kresserand rundum. Rot zu Maigrün, durchsichtig-zarte zu stabilen gekrausten Blättern, dazu lila Schnittlauchblüten-Tupfer und moosgrüne Petersilie – das war unter den blühenden Bäumen so hübsch, dass es richtig schwerfiel, Löcher in dieses lebende Bild zu pflücken. Ein großer silbriger Estragon, ein bisschen Rauke, Kapuzinerkresse und reichlich von meinem Lieblingskraut Borretsch kamen dazu. Im Halbschatten hielt sich alles erstaunlich lange lecker, bevor der Salat schoss und der himmelblau blühende Borretsch übernahm.
Im letzten Frühjahr allerdings flog die keimende Kressesaat ungewohnt großflächig aus dem Beet. Das schrieb ich zunächst den Amseln zu und buchte es unter »etwas Schwund ist immer« ab. Als der gut eingewurzelte Salat nicht nur aus-, sondern auch noch zu Hügelchen aufgescharrt wurde, wunderte ich mich doch. Allerdings nicht lange: Kurz darauf rekelte sich auf dem Gras vor dem Beet eine dicke schwarze Katze, bedauerlicherweise eine mit mangelndem Urteilsvermögen: Als sie Terrier Erbse sah, blies sie sich zum doppelten Umfang auf, zischte wie ein ärgerlicher Igel und stakste dem deutlich kleineren Hund drohend entgegen. Daraufhin explodierte Erbse regelrecht, und der aggressive Eindringling schaffte es nur noch mit knapper Not über den Zaun.
Nun war alles klar: Mein Küchengarten war ein Katzenklo. Nach lauter Rasen- und Betonplatten-Biotopen rundum bot sich hier wunderschöne lockere Erde – ein Komfort, den die Mieze keinesfalls aufzugeben bereit war: Essiggetränkte Lappen am Beetrand interessierten sie kein Stück, stacheliger Rosenschnitt, der solche Probleme bisher immer gelöst hatte, zerriss mir die Finger und zerfledderte die Gewächse jämmerlich, wenn ihn die Katze allnächtlich ungerührt beiseitekratzte. Kükendraht ermunterte die nächtliche Besucherin zu akrobatischen Höchstleistungen: Sie kackte tatsächlich ungerührt durchs Gitter, überließ aber fortan mir die Aufgabe, das von ihrem Körpergewicht heruntergebogene Geflecht von ihren Hinterlassenschaften zu trennen. Der Appetit war mir längst vergangen, und so war es eine reine Trotzreaktion, als ich mit stabilerem Draht nachrüstete. Für mich waren die verbarrikadierten Gewächse nun kaum noch zu erreichen, und die Mieze wich ungerührt ins Beet direkt unter meinem Küchenfenster aus. Was nicht nur meinen Kochspaß noch weiter schmälerte, sondern auch der Katze zu einigen Nahtoderfahrungen bei unverhofften Zusammentreffen mit Erbse verhalf. Die hatte angesichts dieser ständigen Verletzung ihrer Hausrechte inzwischen den blanken Mord im Auge.
Mein Grünzeug war ungenießbar. Mein Hochbeet erinnerte an einen Raubtierkäfig. Mein Hund strich knurrend durchs Revier und fing an, ebenfalls an strategischen Punkten zu markieren. Gartenspaß im schönen Mai stelle ich mir irgendwie anders vor. Zumal die Mieze nun auch noch dazu überging, mit ihren Liebhabern olfaktorische Verabredungen zu treffen. Sprich: Immer mehr Katzen mit Frühlingsgefühlen markierten mein Hochbeet dermaßen intensiv, dass die verwitterten Bohlen bald rochen wie eine öffentliche Toilette der zweifelhaftesten Sorte. Dem nächtlichen Gekreische nach zu urteilen, ging es dort auch ganz ähnlich zu.
Was nun? Da ich weder auf mein essbares Frühlingsgrün verzichten, noch gärtnern wollte, um mich zu ärgern, blieb mir nur noch, das Beste aus allem zu machen und mir kurzentschlossen das lang ersehnte kleine Gewächshaus zuzulegen. Es wurde nicht die Gusseisen-Orangerie aller Träume, ist leider lange nicht so romantisch wie »MS Fischland«, aber es bedeutet eine Tür zwischen dem Katzen-Nachtleben und meinem Salat. Und es ist mal wieder ein Muster für Wunscherfüllung auf ziemlich skurrilen Umwegen. Nachdem das geklappt hat, fehlt mir nun eigentlich nur noch der zwingend perfekte Grund, mir endlich Hühner anzuschaffen …

Der Kokos-Killer
Der Mai war gekommen, und prompt schlugen nicht nur die Bäume aus, sondern auch noch die Rambler zu. So war es jedenfalls im letzten Frühjahr. Immer dasselbe: Entweder hatte es geregnet, und die an der Pergola aufgebundenen Ranken der Rosengiganten waren nass und schwer, wenn ich sie passierte. Oder ich zog sie ungeduldig zu mir herab, um zu sehen, ob da nicht doch schon was aufblühte. Und dann: Die scheinbar stabile Anbinde-Kokosschnur riss, und ich sah mich unversehens dem vehementen Luftangriff einer Riesenrose ausgesetzt. Zunächst schob ich das regelmäßige Malheur auf eines der großen ungelösten Rätsel der Gartenwelt: Warum kann die Menschheit eigentlich zum Mond fliegen, ist aber außerstande, Anbindematerialien zu produzieren, die gleichermaßen haltbar, pflanzenfreundlich und optisch akzeptabel sind?
Der klassische Bindebast ist zwar nett zu den Gewächsen, reißt aber in der Nässe norddeutscher Sommer schon unter geringer Belastung. Auf Fotos stören die vielen hellen Strippen in üppigem Clematisranken-Grün überdies ebensosehr wie in natura. Kunstbast wäre da, abgesehen von den herbstlichen Häcksler-Komplikationen, wenn man ihn nicht sorgfältig genug entfernt, schon eher geeignet, aber: Er ist hier kaum in einer annehmbaren Farbe aufzutreiben. Vielleicht bin ich ja pingelig, aber ein Krassgrün mit Metallicschimmer soll meinen Pflanzen nun mal nicht die Schau stehlen. Toll waren die dezent braun ummantelten Binder aus dem Weinbau, aber auch die gaben dann viel zu schnell auf. Ähnlich der Bindedraht, der komischerweise auch fast nur in scheußlich auffallender Farbe zu haben ist. Um Kaliber wie die Rambler-Rosen zur Ortstreue zu verdonnern, bedarf es ohnehin eines Drahtes in Zaunbau-Stärke. Das unnachgiebige Material zerscheuert dann irgendwann die Rosen-Rinde, und die Pilze lassen nicht auf sich warten.
Kräftige Kokosschnur war da immer ein akzeptabler Kompromiss. Bis zu jenem Frühjahr, in dem das merkwürdige Phänomen auftrat: Die Schlingen rissen nicht nur dauernd, ich fand sogar morgens welche abgefallen unter der Pergola. Aber wieso, und wieso so plötzlich? Kleine Singvögel, die Kokosfasern zur Brutzeit gern als Nistmaterial benutzen, waren für so viel Schaden eher nicht kräftig genug. Eichhörnchen? Aber weshalb, und weshalb nahmen sie das schöne Baumaterial dann nicht mit? Der Wind, der die Schnur auf der Pergolakante zerscheuerte? Gute Theorie, die sich aber erledigte, als ich eines sonnigen, total windstillen Morgens das abends gezogene Band schon wieder auf dem Rasen fand – ausgefranst und durchgerissen.
Ich hätte den chronischen Schnurschwund wohl ebenfalls unter den ewig ungelösten Rätseln verbucht, hätte ich nicht eines frühen Maimorgens durchs offene Fenster ein seltsames Geräusch gehört, eine Mischung aus Luftkampf und animiertem ornithologischem Selbstgespräch: Gekrächze, kleine Gesangsstrophen dazwischen und immer wieder Flügelschlagen. Vorsichtig peilte ich aus dem Fenster – und da sah ich ihn endlich, den Kokos-Killer: Ein blanker, schmucker Eichelhäher saß auf der Pergola und zerrte wie verrückt an der Schnur, die ich erst am Vortag so sorgfältig verknotet hatte. Die Inbrunst, mit der er dabei vorging, war erstaunlich: Er zog und riss, er flatterte mit vollem Körpereinsatz rückwärts, bis er sich auf seine gespreizten Schwanzfedern setzte, er schüttelte das Objekt seiner Begierde wie ein Welpe einen Lappen. Als nichts half, hüpfte er auf die Schnur und zupfte mit seinem kräftigen Schnabel büschelweise Fasern heraus, bevor er die immer fransigere Schnur wieder rückwärtszerrte. Zwischendurch hielt er inne, krächzte und sang, so, als würde er sich selbst anfeuern. Und schließlich hatte er Erfolg: Die Schnur riss. Doch der Vogel nahm die schwer erkämpfte Trophäe nicht etwa zum Nestbau mit, wie ich eigentlich gewettet hätte. Er schleuderte sie einfach weg und ließ sie fallen. Einen Moment lang sah er ihr mit schiefem Kopf nach, gab ein kleines, wie beifälliges Geräusch von sich, dann hopste er weiter die Pergola entlang, bis er den nächsten Kokosknoten erreicht hatte. Daran zerrte er wieder mit viel Geflatter und einem Einsatz, der verdächtig nach Vergnügen aussah.
Und erst in diesem Moment wurde mir klar, was ich da eigentlich Verblüffendes beobachtete: Der Häher spielte! Der clevere Rabenvogel verfolgte tatsächlich keinen Zweck. Es ging ihm weder um Nistmaterial noch um Beute – es ging ihm einfach, auf irgendeine vogelige Weise, um seinen Spaß. Den hatte er anscheinend so sehr, dass er noch eine ganze Zeit lang täglich wiederkam, bis ihn offenbar der Ernst des Brutzeit-Lebens samt Elternpflichten doch noch einholte: Irgendwann blieben die Schnüre heil. Zwar hatte ich da längst dicken Zaundraht durch meine absturzgefährdeten Rambler gezogen und seitdem wieder Ruhe, aber die Kokosschnur ließ ich trotzdem hängen, extra für den Häher. So verrückt es klingt: Ich brachte es einfach nicht fertig, meinen so unerwartet kreativen gefiederten Gast zu enttäuschen. Er wollte doch nur spielen!
Schwereloses Violett: Zierlauch
Ich brauche mich bloß ins Gras zu setzen. Aus dieser Perspektive sieht es dann aus, als würden sie schweben: ein ganzer Schwarm schwerelos aufgeplusterter violetter Zierlauch-Kugeln hoch über der niedrigen Buchsbaumhecke. Mit rosa, weißen und dunkelblauen Akeleien-Tupfen und einigen Tulpen dazwischen ist Allium aflatunense jetzt ein um so verblüffenderer Anblick, als dieses stimmungsvolle Frühlingsbild beinahe von selbst buchstäblich erblüht ist.
Geplant hatte ich eigentlich jede Menge lilienblütiger Tulpen überall, Noblesse pur auf hohen Stielen, und höchstens ein paar Zierlauch-Kugeln als einzelne Akzente dazwischen. Un-eigentlich kam dann mal wieder alles anders: Tulpen vertragen meinen bindigen Boden nicht, der Grauschimmel rafft sie kollektiv dahin. Daher pflanze ich schon lange nur noch einige wenige Tulpen in kleine Töpfe, die ich nach der Blüte leicht ziehen kann und hoffe, so irgendwann wieder halbwegs pilzfrei zu werden. Bisher allerdings war da alle Mühe vergeblich
Doch während ich jahrelang mit dem Gammel-Schicksal der edlen Tulpen haderte, war jemand anders längst bereit gewesen, die schmerzliche Frühjahrs-Lücke zu füllen: Allium aflatunense, eigentlich nur für eine Nebenrolle vorgesehen, gedieh im nassen, sandigen Lehm nicht nur allerbestens, sondern honorierte darüber hinaus auch alles, was ich eigentlich nur unternahm, um es den empfindlicheren Zwiebelpflanzen recht zu machen. Egal, ob ich es mit Kompost oder Asche, Umgraben oder Urgesteinsmehl versuchte: Die Tulpen starben trotzdem, die Lilien desgleichen, der Zierlauch aber schien vor Wohlbefinden geradezu zu explodieren. Wo zunächst eine Blüte gewesen war, prangten längst viele, und beim herbstlichen Nachgraben fand ich ganze Klumpen praller weißer Zwiebeln. Was genaugenommen verrückt ist: Allium aflatunense, auch »Iranlauch« genannt, ist ursprünglich Steppenbewohner und sollte mit seinen ungeschützten Bulben den feuchten Halbschatten eigentlich noch schlechter vertragen, noch anfälliger für Grauschimmel sein als die Tulpenzwiebeln in ihren festen Hüllen. Doch glücklicherweise scheint er das nicht zu wissen und lebt hier entsprechend unbefangen. Seit ich auch noch Zwiebeln der dunkler blühenden Sorte »Purple Sensation« gesetzt habe, schimmert der ganze Hof im April in allen möglichen Violetttönen, vom schlichten Schnittlauchlila bis hin zum üppigen, vollen Purpur.
Ein bezaubernder Anblick in fast unfrühlingshaft dunklen und tiefen Farben, und ebenso bezaubernd ist der Zierlauch auch aus der Nähe: Jede einzelne seiner Kugeln besteht aus vielen grazilen sechszackigen Sternchen mit einem grünen Punkt in der Mitte. Da die Blüte sich erst schmal, etwa wie beim Schnittlauch, öffnet, und dann zur vollen Kugel aufspringt, erinnert sie sehr an ein Miniaturfeuerwerk, ist aber glücklicherweise nicht annähernd so flüchtig. Zwar werden die einziehenden großen Zierlauchblätter so schnell so unansehnlich, dass er am besten zwischen möglichst üppigen Stauden aufgehoben ist, die Blüten aber bieten dafür eine um so längere Zugabe. Die filigranen Kugeln der Samenstände setzen noch lange grüne Ruhepunkte ins Bunte und betonen den flammenden Überschwang der Türkenmohn-Blüten wie eine feine, lebendige Grafik. Bei frühsommerlichem Dauerregen machen sie niemals verzagt schlapp wie der Mohn oder die alten Rosen, sondern wechseln aufrecht vom Grün ins Goldgelb, um schließlich im Sommer – zu durchsichtigem hellbraunem Papier verbrannt – massenhaft schwarze Samen freizugeben. Die keimen üppig, wo sie gefallen sind, und was zunächst wie ein Büschel Gras aussieht, ergibt später reichlich winzige Zwiebelchen. Auch sie können bestens für sich selbst sorgen, ganz ohne aufwendigen Extra-Service: Bei sommerlichen Erdarbeiten oder mit dem Kompost verteilen sie sich allmählich durch den ganzen Garten. Irgendwann stehen dann auch da, wo ich sie nie erwartet hätte, neue kleine Kugeln in ihrem betörenden Violett.
Falls sich nach einer so mitreißenden Vorstellung unversehens die gärtnerische Wehmut einschleicht – schon wieder alles vorbei, für ein ganzes Jahr …? – gibt es zum Trost noch eine Steigerung: Nach Allium aflatunense blüht Allium christophii, der Sternkugellauch. Während die Blüten seines Vorgängers immer ein bisschen gedämpft, fast wie gepudert aussehen, prangen die riesigen Kugeln von Allium christophii in glänzender metallischer Amethystfarbe. Es gibt zwar kaum einen schmuckeren Rosen-Begleiter, aber für meinen immer schattigeren Garten hat dieses Prachtstück leider einen Nachteil: Es braucht viel Licht. Dennoch tauchte eine seiner Kugeln ausgerechnet zwischen den Himbeeren unter dem alten Kirschbaum auf, eigentlich an einem völlig unpassenden Standort. Die Blüte war denn auch ziemlich klein, ihre Wirkung dafür um so dekorativer: Sie schimmerte fast magisch aus dem grünen Schatten, und wenn sie glitzernd jeden Lichtstrahl reflektierte, stach sie für diesen kurzen, glänzenden Moment sogar die Rosen als Blickfang aus. Was für ein Segen, dass Pflanzen keine Gartenbücher lesen!
Pulsuz fraqment bitdi.