Kitabı oxu: «Mantel der Gerechtigkeit»

Şrift:

Susanne Zwing

Mantel der Gerechtigkeit

Roman

Über die Autorin:

Susanne Zwing wurde 1968 in Ravensburg geboren. Sie studierte Biologie in Ulm und lebt mit ihrer Familie in Süddeutschland.

Von Susanne Zwing außerdem erschienen:

Das Bekenntnis

Lieber Leser, besuchen Sie die Autorin auf: www.reaching-hearts.de

Roman

Mantel

der

Gerechtigkeit

Der Ruf nach Freiheit und Macht

Susanne Zwing


1. Auflage 2020

Texte: © Copyright by Susanne Zwing

Umschlaggestaltung: © Copyright by Tamara Zwing

Illustrationen: © Copyright by Tamara Zwing

Alle Rechte vorbehalten

Selbstverlag Susanne Zwing

Lektorat: Christa Alexander

Korrektorat: Christa Alexander

Vertrieb: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Für alle meine Leser –

danke dafür, dass ihr euch darauf einlasst,

von diesem Buch inspiriert zu werden.


Die Prophetie

Gemeinsam werden sie gegen IHN Krieg führen.

Doch ER wird sie besiegen,

weil ER König über alle Könige ist.

Und die, die zu IHM gehören,

werden die Berufenen und die Auserwählten

und die Treuen genannt.{1}

Gestrandet

Er wachte auf und wusste, dass sich etwas verändert hatte.

Noch immer hörte er das sanfte Schlagen der Wellen. Doch die wogenden Bewegungen des Wassers, das ihn zwei Tage getragen hatte, waren einem festen Untergrund gewichen.

Die hölzerne Planke, an die er sich geklammert hatte, lag noch neben ihm, als er die Augen aufschlug.

Mühsam richtete er sich langsam auf. Ein Stöhnen der Erleichterung entfuhr unwillkürlich seiner Kehle, als ihm bewusst wurde, dass er überlebt hatte.

Ob noch einer der Männer am Leben war, die mit ihm auf dem Boot unterwegs gewesen waren? Zwei waren vor seinen Augen in den dunklen Tiefen des Meeres untergegangen. Die anderen fünf waren sofort von der Finsternis der stürmischen Nacht verschluckt worden.

Seine Zunge klebte am Gaumen fest und fühlte sich dick geschwollen an. Langsam richtete er sich ganz auf und sah sich um.

Vor ihm lag das Meer, ruhig und unschuldig. Er selbst schien sich auf einer steinigen Insel zu befinden. Nur hier und da ragten dürr vertrocknete Grasbüschel zwischen den Steinen heraus. Rings um ihn war das Meer von kleineren und größeren steinernen Inseln unterbrochen, die nicht anders aussahen als die, auf der er sich befand. Sanft erhoben sie sich aus dem Meer.

In der Ferne verdunkelte sich der Himmel mehr und mehr. Er konnte erkennen, wo der Regen bereits niederging. In dicken, dunklen Strichen verband sich dort der Himmel mit dem Meer. Schnell näherte sich die Regenwand seiner Insel. Schon konnte er sehen, wie das Meer dort aufspritzte.

Er schaute sich um, ob er einen Unterschlupf finden konnte. Doch da war nichts als spitzes Gestein, das ihm in die Füße stach.

Rasch kam die dunkle Front näher und er spürte die ersten dicken Regentropfen auf seinem Gesicht. Schnell kam der Regen, prasselnd und voll. Er riss seinen Mund weit auf, um möglichst viel aufzufangen. Der Regen wusch ihm die Salzkrusten von der Haut und löschte seinen schlimmsten Durst. Der Regen rettete ihm das Leben.

Hätte er gewusst, wem er dafür danken könnte, er hätte es getan. Auch für die Schiffsplanke, die im Sturm gegen ihn gestoßen war. Immer und immer wieder, bis er endlich danach gegriffen hatte. Sie war groß genug gewesen, um sich draufzulegen und sie umklammern zu können, wie die Frau, an die er in diesen Stunden oft gedacht hatte.

Als sich zu seiner rechten Seite die tief hängende Wolkendecke verzogen hatte, gab sie den Blick auf eine nahe liegende Bergkette frei, die hoch emporragte. Aus der Ferne meinte er, dort dunkle Stellen zu erkennen, die sich von dem hellen Gestein, aus dem die ganzen Inseln zu bestehen schienen, deutlich abhoben.

Sein Blick fiel auf die Planke vor ihm, die ihn zwei Tage durchs Wasser getragen hatte. Noch einmal ließ er seinen Blick ringsum schweifen. Nichts als Steine, kein einziger Baum. Auch die Inseln in Sichtweite schienen sich nicht von dem Flecken Land zu unterscheiden, auf dem er sich befand.

Er bückte sich, um das Gewicht des Holzes zu prüfen. Mit einem Ruck hievte er es auf seine breiten Schultern. Ein Stück weit konnte er es tragen, auch wenn es schwer war, noch vom Wasser durchtränkt.

Entlang des Wassers suchte er sich eine Stelle, die ihn möglichst nahe zum gegenüberliegenden Ufer brachte. Es war machbar. Ja!

Bald schon hatte er eine Landzunge erreicht, die direkt zum Festland hinausragte und die flach genug ins Wasser verlief. Mit letzten Kräften und blutigen Füßen stolperte er dorthin. Rote Spuren zeichneten seinen Weg über das spitze Gestein.

Die Sonne stand noch hoch genug. Ein paar Stunden hatte er noch Licht. Das sollte genügen.

Ächzend legte er das Brett ab und schob es ins Wasser. Ein kleines Stück schob er es vor sich her. Dann legte er sich bäuchlings darauf. Mit den Armen schob er das Wasser weg und paddelte zusätzlich mit den Füßen, das andere Ufer fest im Blick.

Was anfangs leicht ging, wurde bald mühsam und für seine Muskeln schmerzhaft. Nur kleine Pausen gönnte er sich. Wie in den Tagen zuvor, brannte ihm das Meerwasser in den Augen.

Mechanisch schob er seine Arme im Wasser nach vorne, drückte das Meer hinter sich und kam so Zug um Zug ans andere Ufer, das ihm mit demselben spitzen Gestein Füße und Arme aufschnitt. Mit letzter Kraft zog er sich beim schwindenden Tageslicht ans höher gelegene Ufer, blieb liegen und schlief sofort völlig ermattet ein.

Erst die wärmende Sonne weckte ihn am späten Morgen. Wieder lag dick und taub seine Zunge im Mund. Der Hunger nagte erbärmlich an ihm. Nur Steine und sein Brett. Stumpf starrte er ins Wasser, das hier in kleinen Buchten flach auf das Land traf. Zuerst nahm er die kleinen Bewegungen nicht bewusst wahr. Dann aber erkannte er darin fingerlange Fische, die sich in kleinen Schwärmen dort aufhielten. Sehr langsam trat er Schritt für Schritt ins Wasser, bis er hüfttief stand. Seine Hand tauchte unter Wasser. Reglos stand er dort, bis die Schwärme zurückkamen und um ihn herum schwammen.

Schnell griff er zu, wieder und wieder, bis er endlich mit der Hand einen der Fische umschlossen hatte. Ohne Zögern schnellte sein Arm zu seinem Mund und entlud dort die zappelnde Beute.

Er kaute nur wenige Male und schluckte.

Zweimal noch gelang ihm sein Unterfangen. Dann beendete er es enttäuscht, denn nur der salzige Geschmack im Mund war ihm übriggeblieben und sein Körper verlangte nach weit mehr als dreier erbärmlich kleiner Fische.

Wieder richtete er seinen Blick auf die nahe Bergkette, und so folgte er diesem über mehrere Hügelkämme. Hitze stieg aus den Steinen in seine Füße und von oben in seinen unbedeckten Kopf.

Abrupt endete sein Weg, als die Felsen vor ihm steil ins Meer abbrachen. Wieder trennte ihn das Meer vom Festland, wie er bitter erkennen musste. Er befand sich erneut auf einer Insel, wenn auch näher zum Festland gelegen. Seine Holzplanke hatte er liegen gelassen, im Glauben sie nicht mehr zu brauchen. Kein einziger Baum war zu sehen.

Schritt für Schritt kämpfte er sich auf dem Grat entlang, um wiederum einen möglichst kurzen Meeresweg zu finden. Eine Stunde, in seinem Zustand vielleicht zwei Stunden, vermochte er zu schwimmen. Das Wasser war ruhig. Heftig atmete er ein und aus.

Doch plötzlich löste sich das lose Gestein unter ihm und er rutschte mitsamt Geröll über den steilen Hang hinab ins Meer.

Laut klatschend versank er zusammen mit den Steinen im Wasser. Panik wollte sich seiner bemächtigen, doch er zwang sich, nach oben zu tauchen. Dort schnappte er laut prustend nach Luft. Seine Gliedmaßen konnte er alle bewegen. Dankbar registrierte er, dass er sich bei seinem Sturz nichts gebrochen hatte.

Den hoch aufragenden Bergkamm vor sich, begann er zu schwimmen. Gedankenleer nahm er Zug um Zug. Wenn er dort nicht Wasser und Nahrung fand, würde er ohnehin nicht mehr lange überleben.

Die Hand

Zuerst hörte er nur Stimmen.

Dann aber spürte er, wie ihn etwas am Kopf traf. Erschrocken versuchte er, es abzustreifen.

Da wieder. Stimmen! Näher!

Erneut traf ihn etwas Hartes.

Doch sein Mund ließ sich zu keinem Laut öffnen, um auf sich aufmerksam zu machen.

Das kleine Fischerboot kam in sein Blickfeld. Er sah zwei dunkle Schatten im blendenden Gegenlicht, die wild fuchtelten. Sie hatten ihm ein festes Seil entgegengeworfen, immer und immer wieder. Aber erst jetzt sah er es. Er griff danach. Spürte sofort einen Zug. Und hielt fest. Er wurde zum Boot gezogen. Starke Arme packten ihn unsanft unter den Schultern und er glitt wie ein nasser Fisch über den Bug in die Mitte des Bootes. Dort blieb er inmitten des Fanges liegen.

Heftig atmete er aus und ein, bevor er die Augen öffnete. Die Schatten hatten sich zu ihm herabgebeugt und sprachen immerfort in einer ihm völlig unbekannten Sprache auf ihn ein.

Ein faltiges, sonnengebräuntes Gesicht über ihm nahm Konturen an. Der große sprechende Mund. Wild und zerzaust umrahmten die sonnengebleichten Haare das fremde Gesicht.

Langsam drehte er seinen Kopf zu der jüngeren Stimme. Ein braungebrannter Jungmännerkörper ragte vor ihm auf. Stolze, freudig strahlende Augen trafen die seinen.

Da erst ließ seine ganze Anspannung nach und er verzog sein Gesicht zu einem ebenso breiten Grinsen, wie das des Jünglings über ihm.

„Joško.“ Dabei hämmerte der Jüngling auf seine Brust. Sein Grinsen steigerte sich zu einem glucksenden Lachen.

„Joško, Joško“, wiederholte er und zeigte dann auf ihn. Seine dunklen Augenbrauen zogen sich in Erwartung einer Antwort nach oben.

Er hatte ihn wohl verstanden. Aber seine Frage zu beantworten fiel ihm nicht leicht.

„C…“ Seine Zunge wollte ihm einfach nicht gehorchen. Die ältere Stimme befahl dem Jungen etwas. Dieser wandte sich um und angelte aus einem Korb einen ledernen Beutel. Vorsichtig löste er in dem schwankenden Boot den korkenen Stöpsel. Rasch ging sein Blick zu dem Älteren. Wahrscheinlich nickte er ihm zu, denn nun beugte er sich zu ihm herunter, um ihm die Öffnung an den Mund zu halten. Ein dicker Strahl Wassers ergoss sich ihm in den Mund. Er verschluckte sich daran und begann zu husten. Beim nächsten Versuch legte Joško ihm die Hand unter den Kopf und hob ihn etwas an. Kurz ließ er ihn schlucken. Eins ums andere Mal, bis er genug hatte.

Erneut versuchte er seine Zunge zu bewegen. Dieses Mal gehorchte sie ihm, wenn auch nicht so kräftig, wie normalerweise seine Stimme war.

„Cédric“, kam es schwach aus seinem Mund. Aber Joško verstand und lachte auf.

„Cédric“, wiederholte dieser und hatte offensichtlich Freude daran.

Cédric nickte.

Der junge Mann griff ihm unter die Schultern und gab ihm so zu verstehen, dass er sich aufrichten sollte. Das kleine Boot unter ihnen kam heftig ins Schaukeln, als Joško ihn auf die Bank im Bug zog. Ihm gegenüber nahm Joško seinen Platz ein und griff nach den Rudern. Mit gleichmäßigen Zügen zog er die Ruder durch das Wasser und sie näherten sich rasch dem Ufer.

Dieses hob sich wild zerklüftet aus dem Wasser. Sie steuerten eine kleine Bucht an, an deren Hang sich mehrere Häuser befanden. Zwischen den spitz aus dem Wasser ragenden Felsen lenkte Joško sie sicher hindurch. Die Bucht endete an einer kleinen Anlegestelle. Stufen waren dort aus dem Stein geschlagen und führten zu einem hölzernen Tor, das zwischen Fels und Mauerwerk eingebettet war. Eine aus dem Felsen gehauene Treppe führte zu dem höher gelegenen Haus. Joško und der Ältere halfen ihm aus dem Boot.

Sie brauchten nicht viele Worte, Cédric verstand auch so, was ihnen der Ältere bedeutete. Er sollte mit Joško mitgehen, während er selbst das Boot entlud und im Kellerraum hinter dem Tor ihren Fang versorgte.

Joško griff ihm herzhaft unter die Arme, sodass er sich auf ihn stützen konnte. Dankbar nahm er diese Hilfe an, denn der Boden schwankte bedenklich unter ihm. Noch ehe sie sich an die steilen Treppenstufen he-ranmachten, begrüßte sie eine aufgeregte Mädchenstimme von oben, die sich von der Terrasse oberhalb des Kellers zu ihnen herunterbeugte.

„Joško, koga bi?“

Cédric sah in zwei freudig aufblitzende Augen.

„Moja sestra!“, grinste ihn Joško mit einem verschwörerischen Lächeln an. Und schon war sie die Stufen hinuntergesprungen, um den seltsamen Fang ohne jede Scheu genauer zu begutachten. Von seiner einstigen Kleidung waren nur noch Fetzen der Hose übrig geblieben. Seine dunkel behaarte breite Brust verbarg die vielen Narben. Die dunkle verworrene Mähne gab ihm ein zusätzlich wildes Aussehen und stand im krassen Gegensatz zu dem ordentlich hell leuchtenden Zopf, der ihr lang geflochten über die Schultern nach vorne fiel.

Er überragte Joško kaum, obwohl dieser sicher noch nicht ausgewachsen war. Seine Muskelpakete waren dagegen deutlich mehr ausgeprägt und zeigten sein ausgereiftes Mannesalter. Er wusste, dass ihn die Frauen gerne betrachteten, und so störte er sich auch nicht an den neugierigen Blicken des Mädchens. Sie waren nie abgeneigt … Ein kurzer Schatten huschte über sein Gesicht.

Joško unterbrach ihr gegenseitiges Begutachten.

„Moja sestra“, wiederholte er.

„Mila“, kam sie schnell sprudelnd zuvor.

Mila, Joško. Nun war er wieder an der Reihe sich vorzustellen.

„Cédric.“

Mühelos sprach sie seinen Namen nach, wie schon ihr Bruder zuvor.

Der ältere Fischer – Cédric nahm an, dass es ihr Vater war – trat aus dem Dunkel des geöffneten Kellerraumes heraus und scheuchte sie nach oben.

„Dein Vater?“, fragte Cédric, an Joško gewandt.

Dieser nickte. „Da, moj otac.“

Langsam fand Cédric an dieser neuen Sprache Gefallen.

Sein Atem ging heftig, nachdem sie die engen Stufen zum Haus hinauf hinter sich hatten. Ein großer freier Platz, der in eine weitläufige offene Veranda überging, empfing ihn freundlich. Wie auch die Frau, die in ebendiesem Moment mit einer dampfenden Schüssel aus dem Haus trat. Sie nickte ihm zu, ging aber zuerst zu der langen hölzernen Tafel, auf dem sie ihre schwere Schüssel abstellte. Gleich darauf kam Mila, ebenso voll beladen mit einem Korb voller Brot, herausgestürmt. Sie schien immer zu „stürmen“, wie er amüsiert feststellte, denn ihre Mutter warf ihr einen ermahnenden Blick zu.

Joško hatte ihn inzwischen unter die überdachte Veranda geführt. Dort übernahm die Mutter das Kommando und zog ihn sachte auf einen großen, mit Kissen gepolsterten Stuhl. Cédric zögerte, weil er so schmutzig war. Aber sie spürte es sofort und nickte ihm auffordernd zu. Joško zuckte hinter dem Rücken seiner Mutter mit den Schultern und gab ihm so zu verstehen, dass er alles richtig machte, wenn er ihr gehorchte. Er kam um den Tisch herum und setzte sich neben ihn. Mila hatte inzwischen hölzerne Schalen und Löffel aus dem Innern des Hauses gebracht und setzte sich ebenso an den Tisch. Cédric gegenüber.

Weitere Kinder erschienen kreischend mit der Mutter und rasch war der Tisch gefüllt. Erschöpft ließ sich auch der Vater neben Cédric nieder. Als sie sich alle gesetzt hatten, wurde es eigentümlich ruhig. Niemand griff nach dem Essen. Cédric blickte erstaunt in die Runde und hielt den Atem an, als der Vater neben ihm leise die Stimme anhob. Sie wurde lauter und heftiger, um dann abrupt innezuhalten. Seine Frau führte das seltsame Selbstgespräch weiter, noch heftiger als er. Erst als sie geendet hatte, gab es ein allgemeines Aufhorchen und die Kinder begannen loszukichern. Ein jeder streckte seine Schale aus und die Mutter kam kaum nach, sie alle zu füllen. Nur hier und da warfen sie ihm einen neugierigen Blick zu. Aber nur so, als wären sie es gewohnt, fremde Gesichter am Tisch zu sehen. Selbst ein solch verwahrlostes, wie er es gerade bot. Nur Mila starrte ihn immerzu an.

Nachdem auch er und der Vater den ersten Hunger gestillt hatten, versuchte der Hausherr ein Gespräch.

„Bojan“, stellte er sich vor. Cédric nickte verstehend. Dann zeigte er auf seine Frau.

„Draga.“ Draga nickte ihm lächelnd zu, hatte aber mit den Kindern reichlich zu tun.

Mila hatte einen Riesenspaß, ihm Löffel und Schale unter die Nase zu halten, und gab nicht eher Ruhe, bis er ihr die seltsam klingenden Worte nachgesprochen hatte. Mit jedem Wort, das er ihr richtig nachsprach, fiel sie in einen Jubelschrei aus.

Die Dämmerung war inzwischen hereingebrochen und mehrere Kerzen wurden entzündet. Die Kleinen waren längst davongesprungen. Doch Bojan und Draga hatten anscheinend viel zu besprechen. Davon verstand er kein Wort. Und sie gaben sich auch nicht die Mühe ihm zu erklären, worum es ging. Joško wurde die Arbeit für den morgigen Tag erklärt, wie sich Cédric zusammenreimte. Mila schien nicht immer einverstanden zu sein mit dem, was man ihr auftrug. Mürrisch knurrte sie dazwischen und ihr Vater musste sie mehrfach ermahnen.

Draga wurde immer häufiger in ihrem Gespräch abgelenkt, als Cédric seine Erschöpfung nicht länger verbergen konnte. Sie warf Bojan einen auffordernden Blick zu.

„Kommt mit mir, mein junger Freund“, sagte Bojan, an Cédric gewandt. Bojan stand auf und nickte Cédric auffordernd zu. Mila sah seine Unsicherheit und stupste Cédric am Arm. Sie grinste ihn belustigt an.

„Du sollst mit ihm gehen.“ Dabei wies sie mit dem Kopf auf Bojan und stand ebenfalls auf.

Cédric versuchte genauso schnell aufzuhüpfen wie dieses junge Mädchen. Aber die letzten Tage forderten ihren Tribut und ein Ächzen entfuhr ihm ungewollt, als er begann seine schweren Gliedmaßen in Gang zu bringen. Mila grinste noch breiter, verwehrte sich aber jeden Kommentar, als der ernste Blick ihres Vaters sie traf.

Draga nahm ihre Tochter am Arm und gemeinsam gingen sie ins Hausinnere.

Bojan schnappte sich die Laterne vom Tisch und nach einem kurzen Zögern griff er auch nach dem Rest des Brotlaibes und dem Wasserkrug.

Aus dem hell erleuchteten Inneren trat Draga an die Türschwelle. In ihren Armen hielt sie ein Bündel sauberer Wäsche, das sie Cédric mit einem freundlichen Blick entgegenstreckte. Ehrlich dankbar nahm er es ihr ab und in seiner Sprache raunte er ein „Merci beaucoup“.

Bojan war inzwischen vorausgegangen. Ein nah gelegener Stall war sein Ziel. Durch die seitlich offene Stallung trat er ein und wartete dort auf Cédric. Das Brot und den Wasserkrug stellte er auf dem Arbeitstisch ab. Mit der Laterne wies er auf eine Leiter, die hinauf auf den Heuboden führte. Cédric verstand. Suchend schaute sich Bojan um, bis er fand, wonach er suchte. Einen sauberen hölzernen Eimer. Er bedeutete Cédric, ihm mit dem Eimer zu folgen. Dieser schnappte danach, legte sein Bündel ebenso auf den Arbeitstisch und sie gingen noch einmal hinaus ins Dunkle. Dort hielt Bojan am Wassertrog inne, der mit einer Handpumpe gefüllt werden konnte. Cédric stellte seinen Eimer darunter und fing an auf und ab zu pumpen, bis er zur Hälfte gefüllt war. Bojan nickte und sie gingen zurück in den Stall.

Bojan wartete noch, bis Cédric die Leiter hochgeklettert war, dann ging er mit der Laterne zurück zum Haus.

Mitten in der Nacht wachte Bojan auf. Das rasche Atmen Dragas zeigte ihm, dass auch sie nicht schlief.

„Horch, sein Schreien.“ Sie hörten es bis in ihre Kammer. Gemeinsam begannen sie für den fremden jungen Mann zu beten. Eine Weile noch lauschten sie in die Nacht hinaus, bis das Stöhnen und Aufschreien verebbt war. Erst dann fielen sie selbst wieder in einen tiefen Schlaf.

Cédric erwachte spät am nächsten Morgen. Er merkte es daran, dass die Sonne durch die Fugen an seiner Seite hindurchstrahlte. Erst jetzt hörte er das laute Muhen und Scharren der Tiere unter ihm. Wie tief hatte er geschlafen, dass er sogar das morgendliche Füttern überhört hatte? Er richtete sich auf und strich sich durch das wirre Haar. Die Erinnerung an seinen nächtlichen Alptraum kehrte zurück. Cédric hielt sich die Hände vor die Augen, um die quälenden Bilder von sich fernzuhalten. Aber sie kehrten immer und immer wieder zurück und peinigten ihn. Er stöhnte auf. Er hatte es nicht unter Kontrolle. Tagsüber fütterte er sich mit den Bildern des Tages, aber im Schlaf war er seiner Vergangenheit schutzlos ausgeliefert. Und sie erinnerte ihn an alles. Kein Detail verblasste, wie sehr er sich auch danach sehnte.

Er stand auf und streifte sich das Heu vom Körper. Schweißgebadet und innerlich ausgetrocknet erinnerte er sich an den vollgefüllten Eimer. „Draga und Bojan“, murmelte er sich die Namen vor. „Mila und Joško.“ Von den kleinen Kindern war es ihm entgangen, wie sie sich angeredet hatten.

Die letzten Sprossen der Leiter sprang er schon weit behänder als am vorigen Tag hinunter. Die schmutzigen Fetzen seiner verbliebenen Kleidung streifte er in einem Zug herunter. Er tauchte einen Teil davon ins Wasser und benutze es, um sich damit am ganzen Körper abzuwaschen. Mit dem noch trockenen Teil trocknete er sich notdürftig ab. Dann griff er nach dem Kleiderbündel, das ihm Draga gegeben hatte. Eine kurze Pumphose, in die er hineinschlüpfte und die so geschnitten war, dass sie jedem gepasst hätte. Mit dem dazugelegten einfachen Gürtel zog er sie an der Hüfte zusammen. Das ärmellose Obergewand war ebenso praktisch geschnitten, wie er mit einem Grinsen feststellte. Der leichte Leinenstoff fühlte sich frisch auf seiner Haut an und bei der warmen Luft war es ausreichend.

Hastig trank er aus dem Krug und löschte seinen Durst. Das Brot riss er sich entzwei und verschlang es schnell. Noch einmal trank er gierig, dann wagte er den Gang ins Freie. Er schaute sich um. Aus dem Haus hörte er die Stimmen der Kinder und Dragas. Zum Meer hin sah er Joško am Boot arbeiten.

„Cédric“, hörte er aus etwas Entfernung seinen Namen rufen. Er drehte sich in diese Richtung und sah Bojan, wie er ihn hinter das Haus heranwinkte. Dieser stand neben einem Steinhaufen und begutachtete seine Arbeit. Als er Cédric neben sich stehen wusste, zeigte er mit den Armen auf das Fundament, das er im Begriff war zu bauen. Er zeigte auf das bestehende Haus und sprach dabei die fremden Worte. Dann auf seinen Anbau. Cédric wiederholte die fremden Worte und Bojan lachte erfreut auf. Eingehend betrachtete Bojan seinen Haufen aus Steinen der unterschiedlichsten Größe. Dann wieder seine begonnene Fundamentmauer. Cédric beobachtete ihn. Auch als Bojan anfing, gezielt nach einem Stein zu greifen und ihn auf eine Lücke gekonnt platzierte. Aus einem Eimer verteilte er weiter Mörtel. Nun war es an Cédric, denn Bojan wies auf einen besonders großen, schweren Stein. Immer begleitet von einfachen Worten, die Cédric schnell verstand. Überrascht vom schweren Gewicht hievte er den Gesteinsbrocken auf die angegebene Stelle. Bojan wies ihn an, die gerade Seite nach außen zu drehen.

„Er muss ganz satt sitzen, sodass er nicht wackelt, wenn du darauf stehst.“ Bojan stand auf dem Stein. Er drehte ihn so lange leicht hin und her, bis er einen festen Sitz hatte. So ging es Stein für Stein weiter. Fasziniert über Bojans passgenauen Blick, fand er bald Gefallen an dieser Arbeit. Auch wenn sein Körper durchtrainiert war, schmerzten ihn bald die Arme.

„Lerne einzuschätzen, welcher Stein passgenau ist.“

Bojan schüttelte den Kopf, als Cédric seinen ersten Versuch allein machte. Seine Hand wies auf den Gesteinsverlauf und zeigte auf eine Stelle, die ähnlich spiegelbildlich war. Auffordernd sprach er weiter, ihn an diese Stelle zu setzen. Cédric spürte es, wie der Stein sich einpasste. Er rüttelte daran, stand selbst darauf und lachte zusammen mit Bojan über seinen Erfolg.

Viel zu schnell war der Haufen aufgebraucht.

Bojan führte ihn an eine Stelle im Wald, wo der Fels steil nach oben ragte und an dessen Fuß Geröll lag, das im Laufe der Zeit abgebrochen war. Mit der mitgeführten Karre fuhren sie ein um den anderen Stein zu ihrer Baustelle.

Mila wartete bereits auf sie.

„Mama sagt, ihr sollt zum Essen kommen und mal eine Pause machen.“

Das Wort Essen verstand er bereits und wiederholte es mit einer hungrigen Grimasse.

Wie am Abend zuvor versammelten sie sich im angenehmen Schatten der Terrasse. Es gab gebratenen Fisch, den sie vom vorigen Tag mitgebracht hatten, Käse und frisches Brot.

Alle ließen sich Zeit. Erst als sich alle satt und zufrieden zurücklehnten, begann Draga die Reste der Mahlzeit in ein Tuch einzuwickeln und in einem einfachen Beutel zu verstauen. Cedric überkam ein eigenartiges Gefühl in der Magengegend. Packte sie sein Abschiedsmahl ein? Im Bruchteil einer Sekunde wurde ihm klar, dass er noch nicht von hier fort wollte. Er konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern, wann er zuletzt solchen Frieden erlebt hatte wie hier. Bojan und Draga verschwanden wild gestikulierend im Haus. Mila blieb neben ihm sitzen und machte keinerlei Anstalten aufzustehen. Vielmehr versuchte sie Cédric weitere Worte beizubringen, woran sie großen Gefallen hatte und auch eine erfolgreiche Lehrmeisterin war.

Erstaunt blickte er auf, als ihn Bojan ansprach. Er hatte nicht bemerkt, wie er zurückgekommen war. Noch erstaunter war er, Bojan in frischer Reisekleidung zu sehen. Unter dem Arm eine zusammengerollte Decke. In der anderen Hand eine hölzerne Truhe.

„Komm bitte mit, Cédric!“

Cédric warf Mila einen ungewissen Blick zu und trat auf Bojan zu. Dieser stellte seine Sachen auf dem Tisch ab. Dann gingen sie zurück zur Baustelle.

„Ich werde für ein paar Tage fort sein.“ Er wies auf den nahen Bergkamm.

„Baue du hier weiter, wie du es bei mir gesehen hast.“ Cédric glaubte nicht, was er da zu verstehen meinte. Sagte der Bauherr gerade zu ihm, er solle hier fortsetzen, was er erst am Morgen begonnen hatte zu lernen? Cédric suchte fassungslos Bojans Blick.

„Du hast schon richtig verstanden.“ Bojan nickte mehrmals, ging entlang der Fundamentmauer und bedeutete ihm, wo er weitermachen sollte. Mit einer Latte zeigte er ihm die Neigung, die das Fundament haben sollte und wie hoch die Mauer werden sollte.

Cédric war völlig überrumpelt. Bojan meinte es ernst. Er klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter und grinste ihn schelmisch an. Offensichtlich hatte dieser Freude an der Überraschung Cédrics. Bedenken über Cedrics Fähigkeiten schien er keine zu haben.

Bojan ließ ihn dort zurück und ging selbst in den Stall, um sein Pferd zu satteln. Er führte es über den Platz, befestigte die Truhe, seinen Beutel und die Decke. Seine Frau umarmte er innig und drückte ihr einen endlos scheinenden Kuss auf die Lippen. Jedes seiner Kinder kam johlend zu ihm gerannt, um von ihm geherzt zu werden. Er stieg auf, drehte sich zu Cédric, um noch einmal festen Blickkontakt mit ihm aufzunehmen.

Es war Cédric, als sage er: „Ich weiß, dass du es kannst. Geh nicht fort, ehe ich zurück bin.“

Gefangen

Cédric verstand sich selbst nicht, als er am anderen Morgen bereits bei Sonnenaufgang vor der gemauerten Mauer stand und sie anstarrte. Er versuchte sich an alle Einzelheiten zu erinnern, die er gestern von Bojan verstanden hatte. Wenn er dessen Worte überhaupt richtig übersetzt hatte, verbesserte er sich. Was ihn aber irritierte, war, dass er diesen Bojan, den er erst einen Tag kannte, nicht enttäuschen wollte.

Gebannt starrte er auf die oberste Steinreihe und versuchte, sich die Formen einzuprägen. Dann wendete er sich, um die entsprechenden Gegenstücke zu finden. Bevor er den Mörtel anrührte, wollte er sicher sein, die passenden Steine parat zu haben.

Ein Gesicht tauchte vor seinem inneren Auge auf. Ein grausames Gesicht, das ihn verspottete. Verächtlich lachte die Grimasse über ihn, wie er hier Steine schleppte.

Cédric stöhnte auf und sah die Steine vor sich liegen, die sie gestern angehäuft hatten. Innerlich spürte er einen viel schwereren Haufen, den er angehäuft hatte. Diese Brocken konnte er bewegen, doch die in seinem Inneren nicht. Ebenso wenig den Berg an Pfandschulden, den er in einer längst vergangenen Welt auf sich geladen hatte. Und nie beglichen hatte.

Ein Lachen hinter ihm schreckte ihn auf. Er zitterte. Er brauchte eine Sekunde, bis er sich gefasst hatte. Die Schritte hatte er nicht kommen hören. Wieder höhnte die Stimme in seinem Inneren: „So plötzlich werde ich vor dir stehen, und du wirst bezahlen mit Zins und Zinseszins!“

Cédric graute. Schweiß trat ihm auf die Stirn, der nicht von der schweren Arbeit kam. Denn es war noch früh am Morgen und die Luft frisch und angenehm.

Es war Milas Stimme, die ihn nun ansprach. Sich den Schweiß von der Stirn wischend, drehte er sich um.

„Hast du Hunger?“ Mila sah ihn unbekümmert an.

Als erwache er aus einem Traum, war er noch einen weiteren Augenblick benommen. Mila wiederholte ihre Frage und bewegte ihre Hand kreisend vor ihrem Bauch und führte sie dann zum Mund. Sie stopfte sich scheinbar etwas in den Mund und begann zu kauen.

Cédric lachte laut auf. Und Mila mit ihm.

Er hatte sie sehr wohl verstanden und versuchte die Worte nachzusprechen. Mila grinste über das ganze Gesicht und sagte noch einmal: „Hast du Hunger?“ Er wiederholte. Und sie nickte zufrieden.

Sie winkte ihm, mit ihr zu kommen.

Cédric wischte sich die schmutzigen Hände an der Hose ab und bemerkte, wie Mila eine Augenbraue nach oben zog. Da erfasste es ihn wieder. Er konnte nichts dagegen tun. Es kam einfach über ihn. Er wusste, sie sah nur den Schmutz an seinen Händen. Aber er sah das Blut an seinen Händen haften. Er sah die roten Spuren auf seiner Hose. Es klebte überall an ihm. Er sah in ihre Augen und bemerkte, wie sie sich verengten. Wie eine leise Furcht in diese schönen klaren hellen Augen kam, da, wo gerade noch ein freudiges Funkeln gewesen war. Sie drehte sich abrupt um und lief zum Haus zurück. Einmal drehte sie sich nach ihm um, aber er war reglos stehen geblieben.

Er kannte diesen Augenblick der Frauen und Mädchen, in dem das Grauen sie packte und sie versuchten, dem Entsetzen zu entfliehen. Nicht nur er hatte den Bewohnern Gewalt angetan. Sie hatten erst aufgehört, als ebenso das Haus, das Land in ihrer Gewalt verbrannt war. Cédric schauderte. Weshalb kam all dies gerade jetzt zurück?

Cédric rührte sich nicht von der Stelle. Langsam bückte er sich und nahm den nächstbesten Stein auf. Er setzte einen Schritt vor den anderen. Polternd fiel er ihm aus der Hand und knallte auf die Mauer und auf den Boden. Streifte dabei sein Bein und schürfte ihm die Haut auf. Blutstropfen drangen heraus, bildeten einen kleines Rinnsal, bis sein Blut in den Staub tropfte.

Er atmete auf, keuchte seinen Atem hinaus. Wieder nahm er den Stein auf und setzte ihn in die Mauer.

Er hörte ihr Schreien um Hilfe, den Schrei ihrer Schmerzen und ihrer Todesfurcht.

Cédric nahm den nächsten Stein auf und setzte ihn daneben. Und wieder und wieder. Jeder Stein ein Hilfeschrei. Er hatte nicht geholfen. Er hatte das Unheil getan. Weh ihm.{2}

Es nahm kein Ende. Selbst hier nicht. Weit entfernt von seinem bisherigen Leben.

Der Bruchteil des Augenblicks, in dem er Mila eben gesehen hatte, reichte aus, um in ihm die Gier auszulösen. Nackt und entblößt sah er das Mädchen vor seinem geistigen Auge stehen. Mit ihren Rundungen und Schönheiten.

Gier, sie hatte ihn vernichtet, und noch immer war er in ihrem Würgegriff gefangen. Er schämte sich dafür und wusste, er hatte das Unheil mit hierher gebracht. Dieses ES, das er nicht mehr losbekam. Es war wie eine Decke, durch die er nicht mehr hindurch kam. Er weinte über sich selbst, denn er war in seinem eigenen Gefängnis verschlossen.

Er hörte die Stimmen derer, die ihn beschimpften und ihm den Tod wünschten für all das Böse, das er getan hatte. Sie waren alle im Recht, doch wussten sie nicht, dass er längst tot war.

Cédric strich sich den Schweiß vom Gesicht, der sich mit seinen Tränen vermischt hatte. Wie hatte Bojan so dumm sein können und ihn hier mit seiner Familie allein gelassen.

Sein Magen knurrte und er spürte, wie ihn die Kräfte verließen. Für einen kurzen Moment setzte er sich in den Schatten des Olivenbaumes. Er sollte von hier verschwinden, sofort. Das wäre das Beste für diese Familie, die ihm das Leben gerettet hatte. Bevor er ihr Leben vergiftete.

Aus der Ferne beobachtete er Joško, wie er unten am Wasser am Boot arbeitete. Joško, ein aufrichtiger Bursche. Ein Sohn, wie ihn sich jeder Vater wünschen würde. Nicht so wie er. Zum ersten Mal überkam ihn eine Traurigkeit darüber. Er hatte seinen eigenen Vater getäuscht und ihn und alle anderen glauben gemacht, er sei tot. Er dachte, es sei leichter so für seine Familie. Aber es fühlte sich schwer an, verdammt schwer.

Es war lange her, dass jemand gewagt hatte ihm zu sagen, was er tun solle. Und wenn es jemand versucht hatte, wie es sein Vater anfänglich getan hatte, so war es ihm gleichgültig gewesen. Nun saß er hier. Bojan war fort. Und er hatte Hunger.

Langsam stand Cédric auf. Sein Schritt war verhalten. Am Brunnen pumpte er den bereitstehenden Eimer voll und säuberte sich sein Gesicht und Hände. Dann pumpte er noch einmal und trank sich direkt an dem heraussprudelnden Wasser satt.

Er hatte das noch nie getan.

Aber etwas in ihm sagte: „Geh zu ihnen.“ Er war sich nicht sicher, was das in ihm war, das ihn dazu drängte und er dieser Stimme sogar nachgab.

Zögerlich trat er auf das Wohngebäude zu. Sie sahen ihn kommen. Sie saßen im Schutz der schattenspendenden Veranda beim Essen zusammen. Joško war ebenso dazugekommen.

Sie blickten alle auf ihn. In Milas Augen sah er Unsicherheit, in den Augen der Mutter ein tiefes Wissen.

Cédric hielt inne. Nur wenige Meter von ihnen entfernt, ohne dass einer von ihnen einen Ton gesprochen hätte. Sollte er nicht doch besser sofort kehrt machen und abhauen? Was sollte er hier?

Es war die Mutter, Draga, die das Wort aufnahm. Sie sprach langsam und nur wenige Worte. Und sie wiederholte sie. Zeigte dabei auf den freien Platz bei den kleinen Kindern auf der langgestreckten Holzbank, die sofort eifrig zusammenrückten. Sie lachten ihn an und zeigten keine Furcht.

Er nickte und setzte sich mit dazu. Dabei grinste er die Kleinen an und tat so, als fiele er gleich wieder von der Bank herunter. Sie kicherten und machten ihm noch mehr Platz.

Als er aufsah, blickte er direkt in Milas meerblaue Augen, die ihn fixierten. Sie sagten: „Was sollte das vorhin?“

Er zeigte ihr sein schiefes Schmunzeln und sie musste ebenfalls grinsen.

Cédric atmete erleichtert auf, während ihm Mila die noch freie Schale bis zum Rand mit köstlich duftendem Eintopf füllte. Der Kleine neben ihm reichte ihm den Brotfladen, von dem er sich wie die anderen ein Stück abriss. Er biss hinein, während sie ihn alle beobachteten. Und als er sie alle sehen ließ, wie gut es ihm schmeckte, lachten sie auf und das kinderquirlige Schwatzen setzte ein. Der Bann war gebrochen. Sein Bann.

Bittere Stunden

Cédric erwachte unruhig mitten in der Nacht. Er hörte den Sturm draußen. Das starke Rauschen der Bäume, das an- und abschwoll. Der Regen donnerte auf das Dach und wurde gegen die Seitenwand gepeitscht. Er brauchte einige Zeit, um sich zu orientieren und bis er sich sicher war, wo er war. An Land.

Nicht auf dem Meer. Es war wie an jenem Tag. Die Sonne stand am wolkenlosen Himmel und er hatte nicht erkennen können, dass irgendwoher Gefahr drohte. Sie wollten nur hinausfahren, johlten und tranken den starken Wein aus den Schläuchen, die sie erst kurz zuvor der alten Bäuerin entwendet hatten. Sie hatten nur mitgenommen, was sie hatten tragen können. Den Rest hatten sie über den Boden verteilt, waren so lange darauf he-rumgetrampelt, bis der rote Saft wie Blut herausgespritzt war. Es hatte sie toll gemacht und das Klagen der zahnlosen Alten hatte sie wütend gemacht, sodass sie sie, wie zuvor die Weinschläuche, hinein in die rote Lache geworfen hatten. Achtlos. Dann waren sie in das gestohlene Boot geklettert und hinausgefahren.

Sie wollten nur ein kleines Stück entlang dem Ufer rudern. Doch in ihrem Suff waren sie eingeschlafen. Und als der Erste wach geworden war und die anderen mit seinem Schreien geweckt hatte, war tiefste Dunkelheit um sie her. Nirgends ein Licht. Sie hatten nicht mehr gewusst, wo Festland und wo das offene Meer war. Nur Wasser um sie her. Wie Blinde hilflos umhertappen, fanden auch sie keinen Ausweg. Streit hatte begonnen. Sie ruderten mal dorthin, mal in die andere Richtung. Zwei Tage lang, ohne dass sie irgendetwas entdeckt hätten. Und ohne jede Vorräte an Bord.

In der dritten Nacht war der Sturm losgebrochen und ihr Todeskampf hatte begonnen. Sie kämpften die ganze Nacht hindurch: schöpften Wasser mit den bloßen Händen aus dem Boot, banden sich fest, um von den harten Wellen nicht über Bord gerissen zu werden, als ihre Kräfte nachließen.

Cédric wie auch die anderen spürten es. Dies also war der große Tag, an dem sie alle sterben würden. Hinweggerafft. Diese Stunden, sie schmeckten bitter.{3} Mehr als das Salzwasser, das ihm unaufhörlich ins Gesicht spritzte und auf der wunden Haut brannte wie Höllenfeuer. Der Geschmack des Todes breitete sich auch in seinem Inneren aus. Wo waren sie, die Helden? Dies würde ihre letzte Erfahrung sein. Er schaute sie an, die Männer, die vor keiner noch so großen Schandtat zurückgeschreckt waren. Sie schrien und heulten, die Gesichter zu grimmigen Masken verzerrt. Unter einem wolkendunklen Himmel, der zu ihren düsteren Seelen passte. Dieses letzte Mal richtete sich ihr Kampfgeschrei gegen sie selbst. In Todesangst, wie sie es mit ihren unschuldigen Opfern getan hatten, deren Blut sie in den Staub geschüttet hatten und deren Eingeweide sie wie Kot angewidert weggeworfen hatten. All ihr Silber und Gold, das sie geraubt hatten, rettete sie nicht. Sie würden vernichtet von Wasser und Wind, das ihnen peitschend ins Gesicht schlug und ihnen die Luft zum Atmen nahm. Nun erlebten sie ihre eigene Vernichtung und das Entsetzen griff nach ihnen. Erbarmungslos. Verlassen. Ohne Rettung verloren.

Cédrics Atem ging keuchend. Panisch wischte er sich einen Wassertropfen aus dem Gesicht, der durch das Dach hindurchgedrungen war. Für einen kurzen Moment sah er sich wieder im Dunkel der Meerestiefe untergehen. Er konnte noch immer diesen Sog spüren. Die Hilflosigkeit war das Schlimmste gewesen. Nichts hatte er dagegen ausrichten können, zu sinken. Immer tiefer.

Cédric schauderte. Wieder und wieder durchlebte er diesen Moment, in dem ihm das Leben weggenommen wurde. Aber er schauderte, weil er in eben diesem Moment des Todes erkannt hatte, wer ihm sein Leben nahm. Er war es selbst gewesen. Mit all seinen Vergehungen hatte er sich selbst den Tod gebracht. Was danach geschah, verstand er noch viel weniger. Und würde er es versuchen jemandem zu erzählen, er würde ihn für völlig verrückt erklären. Wie sollte er beschreiben, dass in diesen dunklen Meerestiefen plötzlich ein heller Lichtstrahl von oben zu ihm heruntergedrungen war. Und dass sich darin etwas auf ihn zubewegt hatte. Er hatte sie deutlich gesehen, diese Hand. Sie hatte ihn gepackt und nach oben gezogen aus der Tiefe. Er war mit dem Kopf aus dem Wasser geschnellt, hatte nach Luft gejapst, als etwas Hartes gegen ihn gestoßen war. Wieder und wieder, bis sein Verstand endlich zu ihm hatte durchdringen können und ihm sagte, er solle danach greifen und sich daran festhalten. Ein Brett, das Brett, an dem er sich festgeklammert hatte.

Noch mehr beunruhigte ihn allerdings, wie er das zweite Mal aus dem Wasser gezogen worden war. Er hätte schwören können, dass es dieselbe Hand war. Diese starke Hand, die sich ihm entgegenstreckte. Sie hatte fest zugepackt, ihn umschlossen und nicht mehr losgelassen. Stark und braungebrannt, runzlig und von harter Arbeit gezeichnet. Es war die Hand Bojans gewesen.

Cédric wusste, es war nicht dieselbe Hand. Und dennoch hatte er gespürt, dass dieselbe Kraft ihn gezogen hatte. Er konnte sich dies nicht erklären.

Müde verkroch er sich tiefer in das nach Sonne duftende Heu und schlief schließlich wieder ein.

Geschenkt

„Dobro jutro!“

„Dobro jutroooo!“

Cédric hörte Worte im Schlaf. Überrascht schlug er die Augen auf. Wieder hörte er die fremden Laute von draußen. Er schnellte in die Höhe.

Was in der Nacht noch nach sonnig duftendem Heu gerochen hatte, war nun wirklich warm und duftend um ihn, denn die Morgensonne hatte längst ihre warmen Strahlen durch den luftig zusammengezimmerten Heustall gefunden.

„Mist.“ Cédric sprang mit einem Satz hoch, öffnete die kleine Luke und spähte nach draußen.

Unter ihm strahlte ihn Mila an. Er wunderte sich, wie sie immerzu ein solch glückliches Leuchten im Gesicht haben konnte.

„Dobro jutro!“, rief er ihr zurück, in der Annahme, dass es ein Morgengruß bedeuten sollte.

Mila lachte laut auf und nickte ihm zu.

Rasch wischte er sich das Heu von den Kleidern und sprang die Leiter hinunter. Mila wartete auf ihn und er folgte ihr zurück zum Haus.

Er sah und hörte aufgeregtes Stimmengewirr vor dem Haus, wo sie alle um ihren Vater herumsprangen. Bojan schien gerade erst zurückgekehrt zu sein, denn er herzte noch immer die Kleinsten seiner Kinderschar. Als er sie kommen sah, blickte er auf. Bojan hatte dasselbe zufriedene Strahlen im Gesicht wie seine Tochter. Oder war es anders herum? Mila hatte es von ihrem Vater geerbt. Es rief in ihm eine Erinnerung wach, an seine Mutter, seine kleine Schwester. Einst hatte auch er dieses Glück gehabt. Aber es war verloren gegangen, begraben und verschüttet in unendlichen Tiefen. Gestorben war sein Gefühl, Teil einer Familie zu sein. Bojan und Cédric traten aufeinander zu und er klopfte auch ihm freundschaftlich auf die Schulter.

„Geht dir Junge gutt?“ Überrascht lachte Cédric auf. Bojan hatte in seiner Sprache gesprochen. Wenn auch nicht korrekt.

„Oui, Monsieur! Ça va bien“, antwortete er in seiner Muttersprache.

Noch immer um die Schultern gefasst, führte Bojan ihn in den Kreis seiner Familie.

Geöffnete, hölzerne Truhen standen über den Boden verteilt. Draga und die Mädchen umfassten Stoffe und Garne in den unterschiedlichsten Farben. Die Jungs wetteiferten um die Gunst ihres Vaters, die neuen Messer in die Hand nehmen zu dürfen. Joško beaufsichtigte die Kleinen, als die Messer verteilt wurden. So zogen sie einer nach dem anderen funkelnde Klingen aus kleinen Köchern.

Cédric staunte über die Fülle von Geschenken, die Bojan von seiner Reise zurückgebracht hatte. Nur die größte der Truhen war leer. Bojan wies stolz darauf und Draga strahlte. Während sich die Kleinen mit den neuen Schätzen verzogen, setzte sich Bojan mit Draga an den Tisch. Cédric blieb unschlüssig stehen und beobachtete Mila. Sie hatte ihre Webarbeit wieder aufgenommen. Täglich standen Mila und ihre Mutter für mehrere Stunden an ihren großen Webrahmen, die geschützt unter der lang gezogenen überdachten Veranda aufgereiht waren. Eine kleine Truhe mit verschiedenen Garnen stand vor ihr auf dem Tisch. Draga wies sie auf die neu mitgebrachte Wolle hin und ermutigte Mila, davon zu nehmen. Zumindest reimte er es sich so zusammen und eilte schnell, die Truhe für Mila zu holen und zu der anderen dazuzustellen. Er hatte wohl alles richtig gedeutet, denn sie strahlte noch mehr. Anerkennend nickte Bojan ihm zu.

Zum ersten Mal stand Cédric so dicht vor den gewebten Wandarbeiten. Er hatte noch nie jemanden im Stehen weben gesehen. In Milas Webrahmen waren ganz neu die Kettfäden in den Webrahmen eingespannt. Als er näher herantrat, sah er durch die von oben nach unten verlaufenden Kettfäden ein buntes Muster schimmern, das dahinter auf einer Papierhaut aufgezeichnet war. Überrascht schaute er zu Mila hinüber, die ihn beobachtet hatte.

„Hast du dies gezeichnet?“

Sie trat neben ihn, fasste mit ihren Fingern hinter die Kettfäden und fuhr sachte das Muster nach. Mila nickte. Cédric sog anerkennend die Luft ein und machte seine Augen groß, sodass Mila loskicherte.

Cédric wandte seinen Blick Dragas Kunstwerk zu. Anders als bei Mila hatte sie bereits einen guten Teil eingewebt. Helles Blau vermischte sich mit dunklen Wogen, Schaumkronen und aufgepeitschten Wellen. Unweigerlich erinnerte es ihn an die Tage, die er auf dem Meer um sein Überleben gekämpft hatte. Er schluckte hart und vermied es, Mila anzuschauen.

Erleichtert wandte er sich um, als er die Stimme Joškos nach ihm rufen hörte, der ihn zu sich winkte. Cédric sprang rasch und folgte ihm die schmale Außentreppe hinab zum Wasser.

Träume der Nacht

Bojan und Draga lagen wach in ihrem Bett.

„Wirst du etwas tun?“, fragte Draga ihren Mann.

„Es geht jede Nacht so mit ihm.“

„Hmm. Bojan überlegte. Es machte auch ihn unruhig. Nacht für Nacht hörten sie sein Aufschreien. Sahen, wie seine Laterne entzündet und wieder gelöscht wurde.

„Du weißt, was mit ihm geschieht?“ Er nahm sie in seinen Arm.

„Wirst du mit ihm reden?“, fragte ihn Draga drängend.

Cédric war bereits mehrere Wochen bei ihnen. Er lernte schnell ihre Sprache. Und er selbst beherrschte ein wenig Französisch, das er auf seinen Reisen aufgeschnappt hatte. So waren sie schnell über die anfänglichen Sprachbarrieren hinweggekommen und sie konnten sich bereits mit einfachen Sätzen problemlos verständigen.

„Liebste, lass uns noch etwas warten, bis er die Sprache besser spricht. Du siehst, etwas hält ihn hier und er drängt nicht fortzugehen. Bist du einverstanden?“

„Hast du gesehen, wie ihn Mila anhimmelt? Ich habe gesehen, wie sie ihn beobachtet, wenn er sich wäscht.“

Bojan schaute sie verdutzt an.

„Naja, er ist ein stattlicher junger Mann und sein muskelbepackter Oberkörper ist ja auch schön anzusehen.“ Draga fuhr ihrem Mann zärtlich über seine Brust und kniff ihn liebevoll in seine starken Oberarme. „So wie du, mein Schatz.“

Bojan knurrte wohlig und zog seine Frau noch enger an sich heran.

Wann immer er ihre Haut so nahe spürte, begann es in ihm zu prickeln. Liebevoll umfasste er sie. Und als er spürte, dass auch sie seine Nähe genoss, liebten sie sich.

Als Cédric im Morgengrauen erwachte, fühlte er sich grauenvoll. Wie jede Nacht. Hörte es denn nie auf, nicht einmal hier? Weit abgeschieden vom Rest der Welt.

Die Fremden, die Bojan und Draga fast täglich aufsuchten, interessierten sich nicht für ihn. Er war noch nicht dahinter gekommen, was für Handelsgeschäfte Bojan führte. Oft saß er mit den Fremden zusammen, um zu reden oder vor sich hin zu murmeln. Hin und wieder lag ein kleines Lederbüchlein auf dem Tisch, in dem sich Bojan Notizen machte. Für ihn ergab das keinen Sinn.

Diese Nacht war er wieder von seinem eigenen Aufschreien wach geworden. Langsam schämte er sich vor den anderen. Er wusste nicht, ob sie ihn hörten. Schweiß klebte an seinem Körper. Genauso wie die Erinnerung. Sie ließ sich nicht abwaschen. Cédric hielt sich die Hände vor die Augen, doch selbst als er sie fortreiben wollte, waren die Bilder noch da. Die Bilder der Nacht und die Bilder seines Lebens. Er wusste, woher sie kamen, die Bilder. Er hatte sie schließlich geschaffen durch seine Taten. Nur war er heute Nacht das Opfer gewesen.

Sie waren in das Haus eingedrungen und stachen auf den Vater ein. Seinen Vater. Er starb.

Sie verletzten seine Mutter. Doch sie konnte zum Arzt gebracht werden und überlebte. Seine Schwestern, sie schrien, so laut, so voller Angst. Sie konnten entkommen. Er überlebte, weil er nicht zu Hause war. Seine Mutter schickte ihn fort. „Du bist mein einziger Sohn. Sie werden zurückkommen und dich töten.“ So ging der Sohn fort. Und er vermisste seine Mutter.

Cédric stand auf und wusch sich am Brunnen. Er fürchtete sich vor sich selbst.

Mila hatte beinahe alle Arbeiten, die ihr für den Tag aufgetragen worden waren, erledigt. Nur das Federvieh fehlte noch. Sie wusste, sie war etwas zu früh, aber sie wollte fort. Die Hühner ließen sich aber nicht so einfach einfangen und in den Stall drängen. Immer wieder wichen sie aus. Nur mit ein paar Körnern ließen sie sich ins Innere des Stalles locken, damit sie die Falltür für die Nacht schließen konnte.

Mehrmals zählte sie durch, musste wieder hinaus, bis sie auch die letzten zwei gefunden und für die Nacht hineingetrieben hatte. Dann erst war sie fertig. Ein letzter Rundblick nach den noch kleinen Gemüsepflänzchen, die sie herangezogen hatte.

In den leichten Schuhen begann ihr bereits kalt zu werden und sie blieb nicht länger als unbedingt nötig draußen. Die Erwartung trieb sie rascher voran, um den Küchenraum noch in Ordnung zu bringen. Letzte Krüge und Schüsseln mussten noch gespült werden. Das Brot vor den Mäusen sicher verpackt werden. Die Milch verschlossen und alle Fenster für die Nacht verriegelt werden. All das dauerte ihr heute viel zu lange und es wurde bereits merklich dunkler. Sie würde die warmen Schuhe wählen müssen, um nicht zu schlottern, falls sie dort auf ihn warten musste.

Bei jedem Gang an ein Fenster schaute sie hinaus, ob sie ihn womöglich irgendwo sehen konnte. Doch der Hof blieb leer. Alle waren sie froh, bei der kühlen, feuchten Luft nach dem Regen sich in der warmen Stube wärmen zu können. Noch einmal legte sie Holz und Torfwasen in den Kamin, damit die Glut noch nicht ausging. Sie hörte ihre Mutter im Nebenzimmer mit den Kleinen scherzen. Sie ging zu ihrem Vater und gab ihm eine kurze Umarmung zur Nacht und ging in ihre kleine Kammer, die sie für sich allein hatte. Wieder horchte sie. Im Hof regte sich weiterhin nichts.

Gespannte Aufregung ergriff Mila immer mehr. Ihr Herz hämmerte. Sie wollte nicht länger warten.

In ihrer Kammer zog sie warme wollene Unterkleider an und nahm sich gleich zwei Umhänge mit, die sie wärmen würden. Kurz hielt sie den Griff ihrer Laterne in der Hand. Sollte sie sie mitnehmen?

„Hmmm.“ Würde Cédric da sein, so hoffte sie, von ihm heimbegleitet zu werden. Sollte er nicht da sein, würde sie sich auf den Heimweg machen, noch bevor es komplett dunkel war. So ließ sie die Laterne an ihrem Platz.

Ein letztes Horchen und sie schlüpfte über die hintere Tür hinaus.

Worte, Gesten bildeten sich in ihrem Kopf. Sie gestand sich ein, dass sie hoffte, er würde zärtliche Worte sprechen. Durfte sie hoffen, von ihm umarmt gehalten zu werden?

Würde er auch Sehnsucht nach ihr ausdrücken, wie sie es für ihn empfand? Oder was erwartete sie? Den Gedanken, sie habe es falsch verstanden und er warte nirgends auf sie, wollte sie nicht gewähren lassen.

Auf ihrem ganzen Weg zur Höhle sah sie niemanden. Nur kalte Tropfen von den nassen Bäumen trafen sie. Die Holzclogs hielten ihre Füße trocken. Doch der Saum ihres Rockes wurde schwerer und sie spürte, wie er sich vom nassen Gras vollsaugte und ihr kalt gegen die Beine schlug.

Vor dem dunklen Höhleneingang hielt sie inne. Dunkel und schwarz verhüllte er alles. Das letzte Abendlicht reichte nicht einmal mehr aus, den Eingang zu erhellen.

Sie trat nicht ein, sondern blieb davor stehen.

„Cédric, bist du da?“ Leise kamen ihr die Worte schwer über die Lippen.

Nichts regte sich. Sie schaute sich in alle Richtungen um.

Noch einmal versuchte sie es etwas lauter. Sie wagte sich dabei einen Schritt weiter hinein.

„Cédric?“ Unschlüssig blieb sie regungslos stehen. Sie würde warten, solange es das letzte Tageslicht ihr zuließ.

Unruhig lehnte sie gegen die kalte Höhlenwand. Ohne Laterne wollte sie nicht alleine ins Dunkle der Höhle gehen. Konnte es sein, dass er im hinteren Teil der Höhle war und sie nicht gehört hatte?

Noch immer verharrte sie. Nichts regte sich. Wieder suchte sie den Waldrand ab. Nichts.

Minuten verstrichen und die Düsternis nahm schnell zu.

Da, war da ein kleiner Lichtschein, der sich bewegte? Dort zwischen den dunklen Schatten der Bäume.

Mila trat einen Schritt von der Felswand weg, um besser sehen zu können. Unverwandt hielt sie ihren Blick auf das kleine Signal gerichtet. Ja, es war noch da und kam näher.

Doch dann verschwand es, wurde weniger. Leise Enttäuschung machte sich in ihr breit. Sie konnte nicht ewig hier warten. Vielleicht hatte er es anders gemeint?

Sie zog sich den Überhang über die Haare, um sich vor der Kühle zu schützen. Oder vor der Kühle, die ihr Herz bedrohte. Würde ihr Herz und Kopf denn nie Ruhe geben? Würde sie ihn je wieder loswerden, so fest, wie er sich bereits jetzt in sie hineingegraben hatte?

Unruhig schritt sie nach rechts und links. Vor dem Eingang blieb sie wieder stehen und ging vorbei. Dann wieder zurück. Sie würde etwas hineingehen, sprach sie sich selbst Mut zu. Ihr Herz klopfte, als sie in das Dunkle trat: „Cédric?“ Sie wartete und horchte.

„Bist du hier irgendwo?“ Sie hatte es laut genug gesagt und ging wieder hinaus. Lange würde sie nicht mehr warten können.

Bleiern legte sich die Müdigkeit auf sie, während sie Minute um Minute wartete. Eine letzte Minute noch. Dann würde sie sich auf den Rückweg machen. Sie schloss die Augen, um ruhig zu werden. Etwas traurig, aber auch befreit löste sie sich von der Felswand und ging zurück.

Sie legte ihre feucht gewordenen Kleider ab und zog ihr Nachtgewand über. Sie löste ihre Haare, fuhr sich mit den Fingern hinein und massierte ihren Kopf. Dann nahm sie den Stein aus dem Kamin, den sie sich für kühle Nächte stets wärmte. Rasch legte sie ihn ans Fußende, schlüpfte unter ihre Bettdecken und schmiegte ihre kalt gewordenen Füße an den aufgeheizten Stein. Müde schloss sie sich in ihre Höhle aus Decken ein, bis sie sich warm und sicher fühlte.

Hoffnung machte sich in ihr breit: Ja, sie würde es auch ohne ihn schaffen. Sie würde nicht klagend untergehen. Ihr Atem wurde ruhig und sie schlief ein.

In der Morgendämmerung wachte sie erfrischt auf. Sie dachte an den zurückliegenden Abend. Erleichtert stellte sie fest, dass sie noch immer ohne Herzschmerz war.

Rasch stand sie auf und ging hinaus in den Stall.

Er stand im Innern. Mila schreckte überrascht auf. Unverwandt und stark schaute er sie an. Er ließ sie für keinen Wimpernschlag aus den Augen. Noch immer hatte sie sich nicht vom Eingang bewegt. Doch Cédric kam auf sie zu, ohne den Blick von ihr abzuwenden.

Ohne ein Wort umfasste er ihre Schultern und küsste sie zuerst auf die Stirn, dann ihren Hals. Natürlich und sanft, dann wild. Liebevoll raunte er ihr ins Ohr, immer und immer wieder: „Ich liebe dich sooo, Mila.“

Ihr Herz schlug schneller. Sie hatte Cédric überhaupt nicht erwartet. Schon gar nicht das, was gerade geschehen war.

Ihre Knie wurden weich und ihr Herz flammte erneut auf. Schlagartig, schnell und stark.

Sie erwiderte seine Umarmung und umschlang mit ihren beiden Armen seinen muskulösen Oberkörper. Schmiegte sich an seine Brust, während er sie fest umschlungen hielt. Eine Hand auf ihrem Kopf. Sie spürte seine Küsse auf ihrem Haar.

Oh, sie war verliebt.

Cédric raunte: „Du bist so erstaunlich.“ Er sagte es so liebevoll, lobend und ehrlich in ihr Ohr. „Du bist so übervoll beschäftigt mit Gutem tun, die ganze Woche.“

Kurz hielt er inne. Nur um fortzufahren: „So zuverlässig, fleißig und immer fröhlich, meine Mila. Ich liebe dich, Mila. Ich war da. Nach Einbruch der Dunkelheit.“

Mila flüsterte: „Ich war auch da.“

Cédrics Umarmung wurde noch fester: „Ich umfange dich jetzt umso fester. Ich musste so stark an dich denken. Darum musste ich jetzt zu dir kommen.“

Cédric schob sie vom Eingang tiefer in den Stall.

„Joško läuft draußen umher.“

„Hast du Angst?“

„Nein“, log Cédric.

Sachte lösten sie sich voneinander. Cédric schlüpfte hinaus aus dem Stall und ließ Mila allein zurück.

Mila atmete tief ein und wieder aus. War dies gerade wirklich geschehen?

Den ganzen Tag lächelte sie bei ihrer Arbeit. Wann immer ihr Cédric alleine begegnete, kam er nahe an sie heran. So nahe, dass er sie sachte am Arm streicheln konnte.

In einem Moment, da sie niemand sehen konnte, gab sie ihm einen flüchtigen Kuss, dorthin, wo seine Tunika geöffnet war.

Cedric stöhnte auf und drückte sie innig und endlos lange, wie ihr schien. Sie erwiderte seine Umarmung und gab ihm erneut einen Kuss an seinen Hals. Nicht auf den Mund. Das traute sie sich nicht. Und Cédric hatte es auch nicht getan.

Cédric raufte sich die Haare. Er hatte es schon wieder getan. Wie hatte er sie nur so unverhohlen anlügen können. Er liebte Mila nicht. Er wusste überhaupt nicht, was Liebe war. Ihr Duft, das strahlende Lächeln, das ihm frisch und unbekümmert erschien. Ja, dies mochte er an Mila. Für kurze Momente ließ sie ihn vergessen, wie schmutzig er sich innerlich fühlte.

Er wagte es nicht, mit Bojan zu reden oder ihm gar in die Augen zu sehen. Wann immer er ein Gespräch versuchte, tat er, als verstünde er nichts. Obwohl er inzwischen nahezu alles verstand. Es fiel ihm leicht, sich die fremden Laute einzuprägen und sie akzentfrei nachzusprechen.

Sie hatten den Mittag über gemeinsam das Fundament fertiggestellt und Bojan hatte ihn für seine Arbeit daran gelobt. Wüsste dieser, wie er am Morgen seiner Tochter nahe gekommen war, er würde ihn sofort vom Hof schicken. Zumindest, wenn er klug war. Und das war Bojan mit Sicherheit.

Er selbst wusste nicht, wie er dagegen angehen sollte. Die Mädchen und Frauen waren schon immer gern in seiner Nähe gewesen. Nie hatte er sich darum bemüht. Und er liebte ihre Gerüche, die Weichheit ihrer Haut, lange Haare, in die er sich vergraben konnte. Nur einmal hatte er Schmerz erlebt. Unsäglichen Schmerz, an den er nicht mehr denken wollte. Cédric war verwirrt. Seither hatte er niemals mehr wieder einen Gedanken daran verschwendet, ob sein Tun für irgendjemand schmerzvoll war.

Bojan hielt mit seiner Arbeit inne und forderte Cédric mit eindringlichem Blick auf zu sprechen.

Doch er konnte nicht. Auch wenn dieser Blick ihn drängte zu sprechen und alles preiszugeben. Sah er nicht auch so seine tiefsten verborgenen Abgründe? Dennoch lag kein Vorwurf in seinem Blick. Auch nicht in seinen Worten, als er ihn bat, das übriggebliebene Material aufzuräumen.

Bojan ging zurück zum Haus. Er selbst packte Stein für Stein und warf sie in das nahe Gebüsch.

Sein Körper prickelte, als ihm Mila wieder in den Sinn kam. Das mochte er. Aber Liebe? Nein, davon war er weit entfernt.

Peitschenhiebe

Der Mond schien hell. Cédric stürzte ins Freie. Sein ganzer Körper war nass und wieder einmal fühlte er das Blut an sich kleben. Überall. Stöhnend warf er sich an den Wassertrog und mit den Händen wusch er verzweifelt sein Gesicht. Seine Tränen vermischten sich mit dem kalten Wasser. Hier und jetzt konnte er ihnen freien Lauf lassen. Leise schrie er auf. Er war ein Gefangener. Und sein Gefängnis hatte er sich selbst gebaut. Wütend riss er sich sein Hemd über den Kopf, das an ihm klebte. Wäre nicht das Haus so nahe, er würde seine Verzweiflung laut brüllend hinausschreien. Stattdessen griff er den nächstbesten Eimer, tauchte ihn in den Trog, zog ihn hindurch und mit voller Kraft riss er den schweren Eimer heraus, um ihn im nächsten Moment über seinen nackten Körper auszuschütten. Er spürte den Kälteschmerz. Aber dieser war nichts im Vergleich zu dem Schmerz, der sein Herz zu zerreißen drohte. Wieder und wieder pflügte er den Eimer durch das Wasser, schleuderte das Nass gegen sich, bis er schlotterte.

„Junge, es ist genug!“ Leise, aber eindringlich nahm die Stimme ihm den Eimer aus der Hand.

„Was weißt du schon, alter Mann?“ Cédric bäumte sich auf. Wut kochte in ihm auf und es war ihm egal, wie völlig entblößt er vor Bojan stand.{4}

„Ich sehe dich, Cédric. Und ich höre, wie Nacht für Nacht ein Heer über dich einfällt, dich verfolgt und du überwältigt wirst.“

Wie ein verletztes Tier jaulte Cédric auf.

„Wie lange soll das noch so weitergehen?“ Bojans Stimme ließ ihn nicht los. Genauso wenig, wie seine Augen, die ihn nicht gehen ließen.

Cédric wich einen Schritt zurück. Bojan fasste nach ihm. Er wollte nicht, dass Cédric gerade jetzt davonlief.

Doch Cédric schüttelte Bojans Hand wütend ab.

„Ich komme nicht davon los. Es ist an mir. In mir. So wie ich die Farbe meiner Haut nicht ändern könnte, auch wenn ich es wollte. Dieses Böse hat von mir Besitz ergriffen. Es ist mein Schicksal. Ich bin verloren und es wird mich zerstören!“ Cédric spie seine Worte in Bojans Gesicht.

„Komm mit mir ins Haus.“ Bojan hatte sich bislang nicht bewegt. Doch nun zog er sein Obergewand aus und gab es Cédric.

„Zieh das hier an.“

Cédric gehorchte dieser Stimme. Er wusste nicht weshalb. Was sollte er Besseres tun.

Bojan legte Cédric die Hand auf die Schulter.

Cédric zuckte zusammen. Es war das erste Mal, dass Bojan ihn so berührte. Fast sanft. Seine Muskeln spannten sich unwillkürlich zum Schlag an. Bojan spürte es. Doch unbeirrt lag seine Hand auf Cédric.

Etwas Eigenartiges ging von dieser Hand aus. Es drang in ihn ein. Als träfe ihn ein Pfeil, der sich seinen Weg durch das Fleisch nahm. Aber statt Schmerz, strahlte es Heilung aus. Oder war es Ruhe, Friede? Er spürte, wie es sich ausbreitete. Kurz ließ er es zu. Schnell verhärtete er sich. Er schirmte sich ab, bevor dieses Etwas sein Herz erreichen konnte.

„Gehen wir. Lass uns etwas essen und uns ankleiden. Dann fahren wir hinaus aufs Meer und holen die Netze ein.“

Cédric ging mit Bojan. Doch schon nach wenigen Metern blieb Cédric erneut stehen. Bojan hielt ebenso inne.

„Erzähl mir von deinem Traum. Was verfolgt dich?“

Cédric rührte sich nicht vom Fleck. Bojan blieb bei ihm stehen.

Sein Blick ging zurück, zu dem, was er gesehen hatte. Die Worte sprudelten aus ihm heraus, die Bilder, sie waren so real.

„Ich weiß nicht, wer er ist. Er ist überall. Er hat diese Peitsche, mit der er wahllos um sich schlägt. Er will nur töten, verletzen und Angst einjagen. Wen es trifft, ist ihm egal. Er schlägt sogar seine eigenen Leute, weil er Angst verbreiten will.

Diese mächtige Peitsche, sie hat auch mich getroffen. Hin und her geworfen.

Ich sehe, wie ich schreie, mich aufbäume, mich versuche zu wehren. Aber ich habe keine Chance. Weder kann ich mich schützen, noch andere.“ Cédric stöhnte auf.

Seine Stimme drohte zu brechen, als er fortfuhr: „Ich bin so machtlos und muss mit ansehen, wie er sie schlägt. Seine Peitsche trifft sie, wieder und wieder. Sie ist doch schwanger.“ Cédric schaute zu Bojan auf. Fragend. Als solle er ihm erklären, wie so etwas möglich sei.

„Er hat so lange auf sie eingeschlagen, bis sie tot war. Mitsamt dem Kind. Meinem Kind. Ich höre ihr Schreien, sie leidet so furchtbar. Ich sehe, wie sie kriechend am Boden weiter und weiter getroffen wird. Hin und her geschleudert wird, von dieser riesigen Peitsche.

Die Peitsche trifft auch mich wieder und ich werde weggeschleudert wie eine Puppe über die Landkarte. Irgendwo pralle ich auf. Aber ich kann nicht zurück. Viel zu weit entfernt bin ich.

Ich sehe sie noch. Und sie sieht mich an. Aber es gibt keinen Weg zurück. Und sie erkennt das. Da erlischt ihr Lebenswille vor meinen Augen und ich sehe aus der Ferne, wie sie stirbt.

Ich renne und renne über die Landkarte, aber ich komme ihr nicht näher. Ich breche keuchend zusammen. Es ist ein unmögliches Unterfangen.

Dabei sehe ich mich von oben. Wie aussichtslos mein Versuch ist, ihr nahe zu kommen. Hunderte von Kilometern bin ich entfernt von ihr. Keine Chance. Aber ihren Tod sehe ich.“

Wie aus weiter Ferne nahm er Bojans Stimme neben sich wahr: „Wie war ihr Name?“

Cédric reagierte nicht.

„Du hast sie geliebt. Und dein Kind. Was geschah danach?“

Kurz blickte er auf. Ja, Bojan hatte verstanden.

„Ich bin fortgerannt. Rastlos bin ich von einem Ort zum nächsten gezogen. Ich fing an genauso zu morden, zu quälen und zu rauben. Ich habe alles verloren, was ich je geliebt habe. Ich konnte niemanden ertragen, der das hatte, was ich verloren habe. Ich habe sie so lange gequält, bis ich dieselbe Furcht und Angst in ihren Gesichtern gesehen habe. Ich habe nicht vorher aufgehört.“

Qualvoll kamen die Worte aus Cédrics Kehle.

„Ich habe sie angeschrien. Die Mütter, die Kinder: Schau mich an! Ich wollte die Qual der Mütter sehen, wenn ihr Kind stirbt. Es war meine Art der Rache.

Ich habe mir eine Peitsche besorgt und wie ein Irrer um mich geschlagen. Bojan, ich bin diese Bestie.“ Verzweifelt stöhnte Cédric auf.

„Ich habe zugesehen, wie ihre Haut aufplatzt, Gesichter entstellt werden. Kinder, die wie Puppen durch die Luft geschleudert wurden in meiner Wut. Ich habe für meine Wut keinen anderen Weg gefunden als in diesem Zorn.

Aber es fand kein Ende. Es hat nie aufgehört. Es wurde nie besser. Egal, wie viel ich gequält habe, meine Qual wurde nicht weniger.“

Cédric wischte sich die Augen trocken.

„Ich sehe es immer und immer wieder.“ Tonlos richtete er sich an Bojan.

„Komm nun, mein Junge.“

Bojan trat auf das Haus zu. Die Tür stand offen. Sie traten ein. Es war dunkel im Haus. Zum ersten Mal setzte Cédric seinen Fuß über die Schwelle des Hauses. Er zögerte und blieb am Eingang stehen.

Wieso öffnete Bojan sein Haus gerade in jenem Moment, da er die Schwärze seiner Seele sehen konnte? Oder glaubte ihm Bojan nicht?

Bojan war im Dunkeln des Hauses verschwunden. Es dauerte nicht lange, bis er ihm eine Arbeitshose entgegenstreckte.

„Das gebe ich dir.“

Cédric streckte langsam seine Hand danach aus. Und zog sie wieder zurück.

Es war wie eine Kraft, die Cédric nach außen zog. Und er hörte dieselbe Stimme, wie er sie aus seinen Träumen kannte: „Du gehörst mir!“

„Komm herein.“ Bojans Stimme war nah und fest.

„Furcht hat keinen Platz in meinem Haus.“{5}

Langsam trat er ein. Als bliebe ein Teil seiner selbst außerhalb dieser Mauern.

„Hier, zieh das an. Sie gehört dir.“

Bojan hielt ihm erneut eine gut gearbeitete Arbeitshose hin und rührte sich nicht von der Stelle. Sie war neu, das wusste Cédric, denn er hatte Draga daran arbeiten sehen.

Cédric nahm sie ihm ab und schlüpfte hinein. Bojan reichte ihm einen Strick, den er sich um die Hüfte band und so die Pluderhose festhielt.

Mit sicherem Schritt ging Bojan zum Tisch und entzündete eine Kerze.

„Setz dich, Junge“, flüsterte ihm Bojan zu.

Cédric gehorchte. Bojan reichte ihm Brot. „Schneide uns etwas herunter.“

Zwei Becher, ein Krug mit Wasser. Bojan wickelte noch harten Käse aus einem Tuch. Dann fingen sie an zu essen. Sie redeten nicht. Cédric beobachtete Bojan vorsichtig. Eine eigentümliche Ruhe ging von ihm aus, wie auch von diesem Heim. Er konnte sich nicht erklären, wie so etwas möglich war. Nie zuvor hatte er so einen Menschen kennengelernt. Und wie konnte er ihn in sein Haus hineinlassen, wo er ihm doch gerade erst gestanden hatte, dass ihm nicht zu trauen war?

„Hast du keine Angst vor mir?“

Bojan zuckte nicht im Geringsten.

„Es ist meine Hoffnung für dich, dass du aus dieser Schlinge, in der du dich verfangen hast, herauskommst.{6} Bleibe in der Falle deiner Angst, die dich gefangen hält, oder treibe sie hinaus!“ Bojan flüsterte, doch jedes seiner Worte hörte Cédric klar und deutlich.

Cédric höhnte verzweifelt: „Hinaustreiben? Mit welchen Waffen denn?“

„Die Liebe ist deine Waffe.“ Bojan ließ seinen Blick nicht von Cédric.

„Sie ist nicht in mir, diese Liebe, die ihr wohl habt, die ich jedoch nicht besitze.“

Eine Stille folgte.

„So bin ich also verloren.“ Bestürzt hörte Cédric seine verzerrte Stimme.

Bojan lächelte ihn an. Ein Strahlen überzog sein Gesicht.

„Ja! So ist es.“

Cédric starrte ihn an. Entsetzt.

„Wie könnt Ihr dabei auch noch lachen? Freut Ihr Euch, wenn ich verfangen in dieser Falle vollends umkomme? Wozu habt Ihr mich dann aus dem Wasser gezogen?“

„Besinne dich.“

Ruhig fuhr Bojan fort: „Ich freue mich darüber, dass du diese Falle siehst und wie du darin gefangen bist.“

Bojan ging nicht weiter darauf ein und aß sein Brot zu Ende.

Cédric aß so lange wie Bojan. Nicht länger. Er stand mit ihm zusammen auf.

„Pack den Rest ein“, wies in Bojan an.

Währenddessen entzündete Bojan zwei Laternen. Er reichte eine davon Cédric. Ohne weitere Worte gingen sie leise hinaus, schlossen die Tür und gingen die enge Treppe hinunter zum Wasser. Bojan ging voraus.

„Und wie komme ich da heraus?“

Cédrics Stimme war laut geworden, nun, da sie bereits die ersten Stufen hinabgestiegen waren.

„Folge mir einfach.“

Cédric hörte die Freude in Bojans Stimme, der bei seiner Antwort nicht innegehalten hatte.

Cédric stöhnte und folgte dem Mann vor ihm hinaus aufs Wasser.

Zündfunken

Mila war aufgewacht, als sie die Stimme ihres Vaters in der Küche hörte. Es war ungewöhnlich früh und er redete mit jemandem. Zuerst erkannte sie die andere Stimme im Haus nicht. Sie hatte sie auch noch nie hier im Innern des Hauses vernommen.

Cédric, erkannte sie. Was machte er so früh mit ihrem Vater?

Sie lag wach im Bett und malte sich in Gedanken aus, wie es wohl sein würde, ihr Vater würde sie mit Cédric mit einem seiner vielen Aufträge betrauen. Sie zusammen für zwei Tage in ein fernes Dorf schicken. Nur zwei Tage, die nur ihr und Cédric gehörten.

Milas Gedanken ließen sich nicht aufhalten oder sie wollte sie nicht aufhalten lassen.

Sie genoss die Vorstellung, mit ihm gemeinsam zu reiten. Wie sie abends Rast machten. Er ihr nahe kam, sie berührte und wie er ihr nach und nach die Kleider auszog und sie liebkoste.

Sie stellte sich vor, wie sie unter freiem Himmel eng aneinander lagen. Und wie es wohl war, seine warme Haut zu spüren. Nah, ganz nah. Einzuschlafen und am Morgen zu erwachen und er noch immer neben ihr lag.

Ihre Gedanken erregten sie. Auch wenn ihr Sehnen von leiser Wehmut gedämpft wurde. Denn wie sollte je ihr Verlangen Wirklichkeit werden?

Sie war noch jung, gerade erst zur Frau geworden. Er, ein reifer Mann. So schön von Gestalt mit seinem starken Oberkörper und seiner braungebrannten Haut.

Erst wenige Tage war es her, da sie das Gespräch ihrer Eltern mit angehört hatte, ob sie ihn fortschicken sollten. Augenblicklich hatte es ihr Herz zusammengezogen. Sie wollte nicht, dass er wieder fortging. Und sie würde alles dafür tun, dass er in ihrer Nähe blieb. Was auch immer er von ihr begehrte.

Mit diesen Gedanken schlief sie ein.

Den ganzen Morgen über hielt sie Ausschau nach ihm. Ihr Blick wanderte hinaus aufs Meer, und als sie die beiden endlich zurückkehren sah, freute sie sich.

Während sie an ihrer Webarbeit arbeitete, konnte sie hören, wie sie unten das Boot und den Fang bearbeiteten. Doch sie traute sich nicht hinunter zu ihnen. Sie wollte nicht, dass ihr Vater bemerkte, wie sehr sie Cédrics Nähe suchte. Und als es Mittag geworden war, war er verschwunden. Und sie hörte und sah nichts von ihm.

Selbst beim Abendbrot saß er nicht, wie sonst, bei ihnen draußen unter der Veranda.

Nur aus dem Wenigen, was ihre Eltern an Worten ihm bezüglich austauschten, konnte sie entnehmen, dass ihr Vater ihn in das nahe Dorf geschickt hatte, um einen Teil des Fanges zu verkaufen.

Längst war es dunkel geworden, als sie endlich die Laterne oben im Stall angehen sah.

Milas Herz hüpfte vor Freude. Sofort begann sich diese unsinnige kleine Hoffnung in ihr zu regen, dass sie ihm noch an diesem Abend begegnen würde. Fast war ihr diese Sehnsucht lästig, aber der Wunsch nach seiner Nähe war größer.

„Ich sehe noch einmal nach den Küken. Die Antwort ihrer Mutter wollte sie nicht hören und erst recht nicht ihren Gesichtsausdruck sehen. Sie schnappte sich eine der Laternen und huschte rasch hinüber zum Stallgebäude. Die kleinen Küken saßen alle eng versammelt im Nest. Nur als sie ihre Ruhe störte, gackerten die Hennen etwas auf. Was konnte sie tun, damit Cédric sie bemerkte?

Leise sprach sie mit den Küken und nahm eines davon auf. Es fühlte sich weich und warm an und sie umschloss es sanft mit ihren Handflächen. Wie dumm sie doch war! Sie schämte sich für ihr Verhalten. Sachte setzte sie das Kleine zurück zu seiner Mutter. Ein letzter Blick nach oben, von wo sie nichts hörte. Wesentlich langsamer ging sie zurück zum Haus.

„Ich gehe schlafen“, raunte sie den anderen im Vorübergehen zu, und schon war sie im Haus und in ihrer Kammer, die sie für sich allein hatte, verschwunden.

Mila schlug die Augen auf. Sie hatte tief und fest geschlafen. Normalerweise stand sie sofort auf. Doch heute wollte sie nicht, denn ihre Gedanken wanderten sofort wieder zu Cédric. Allzu gern hätte sie diese abgeschüttelt, doch sie hingen so fest an ihr, dass sie nicht so einfach abfielen.

Mila stöhnte in ihre Bettdecke hinein. Sie hatte sich immer so sehr gewünscht, verliebt zu sein. Hatte sich ausgemalt, wie es wäre, den Einen kennenzulernen, der sie ebenso lieben würde. Auf dieses Wechselbad der Gefühle war sie nicht vorbereitet. Das endlose Kreisen ihrer Gedanken machte sie müde. Langsam schlug sie ihre Decke zurück und setzte sich auf den Bettrand. Sie konnte nicht umhin und öffnete ihr kleines Fenster. Von hier aus konnte sie einen Teil des Hofes und des Stalles erkennen. Bestimmt waren die anderen schon auf und es würde nicht mehr lange dauern, bis ihre Mutter zu ihr ins Zimmer schauen würde, um nach ihr zu sehen. Joško lief vorüber und entdeckte sie.

„Hey, kleine Schlafmütze. Worauf wartest du? Hast du keine Arbeit?“, rief er ihr in seinem liebevoll brüderlichen Ton zu und grinste vergnügt dabei.

Ihr fiel heute keine passende schnelle Antwort ein und so grinste sie nur zurück. Sie konnte die Stimme ihres Vaters hören und auch die von Cédric, der ihm etwas antwortete, das sie nicht verstand. Rasch zog sie sich von dem Fenster zurück. Von diesen beiden wollte sie nicht gesehen werden. Die Schritte wurden lauter, doch anstatt vorüberzugehen, hielten sie nahe ihres Fensters inne.

Zu dumm, dachte Mila und verhielt sich mucksmäuschenstill. Anstatt weiterzugehen, fing ihr Vater ein Gespräch an. Sie kannte diesen Ton. Und wusste, dass sich ihr Vater für diese Art Gespräch reichlich Zeit nahm. Nichts konnte ihn stoppen, wenn er eine Chance sah, jemandem zu helfen ein guter Mensch zu werden, wie er sich gern ausdrückte.

Mila errötete, als sie hörte, wovon sie sprachen:

„Du bist nicht alleine mit deiner Lust an Frauen. Wir Männer kennen es alle, wie es uns zieht an den Busen einer Frau. Frauen, die nicht die unseren sind. Doch lass dir raten, mein Junge.

Hast du es nicht am eigenen Leib bereits erlebt? Du berauschst dich in der Nacht, doch was kommt danach. Deine Ehre ist dahin, wie viel mehr noch die des armen Mädchens, das in deinen Armen lag. So sehr ihr beide es auch genossen habt. Grausame Menschen werden dein Leben zugrunde richten.“{7}

Sie hörte Cédric aufstöhnen. Oder schluchzte er sogar?

„Hast du es nicht so bereits erlebt?“, hörte sie wieder ihren Vater sanft und doch bestimmend.

„Vauchot …“ war alles, was Mila verstehen konnte.

„Solche Menschen werden nicht eher Ruhe geben, bis sie all deinen Besitz an sich gerissen haben. Und sie werden dich verhöhnen, sich freuen an dem, was eigentlich dein Eigentum wäre und sie es sich genommen haben. Es ist ihre Rache für das, was du ihnen genommen hast.

Höre auf den Rat, den ich dir gebe. Lass dich unterweisen in einen Weg, der dich davor bewahrt, vollständig ins Unglück zu geraten.

Dein Weg bleibt niemals verborgen.“

Mila traute sich kaum zu atmen. Wenn nur ihre Mutter nicht hereinkam und sie allen verraten würde, dass sie hier mithörte.

„Du bist von schöner Gestalt, Cédric, und es ist ein Leichtes für dich, dich an den Brüsten der Mädchen und Frauen zu berauschen. Sie liegen dir in den Armen. Doch es ist ein Vergehen, das dich gefangen nimmt. Sieh diesen Strick, er umfängt dich so leicht und hält dich fest. Du kannst dich nicht mehr frei bewegen.“

Mila hörte das Rascheln.

„Du wirst unweigerlich vom rechten Weg abweichen.“

Cédrics Worte konnte sie nicht mehr verstehen. Sie schienen sich abzuwenden.

„Diese Schuld wird jemand tragen müssen!“ Das waren die letzten Worte, die sie von ihrem Vater verstand.

Vorsichtig spähte sie aus dem Fenster. Die beiden Männer waren aus ihrem Blickfeld verschwunden. Sofort huschte sie aus dem Zimmer und hoffte inständig, dass niemand sie ansprechen würde.

Durch die Stallwand hindurch hörte Cédric Milas Singen. Unwillkürlich hielt er inne und lauschte dieser Stimme. Er verstand nicht alle Worte, aber es berührte sein Herz. Ihre Stimme, die sehr reif klang, nicht wie die eines Mädchens. Er sah sie als Mädchen, doch sie war eine junge Frau.

Ihre Stimme schwoll an, wurde wieder leiser. Offenbar entfernte sie sich. Gerne hätte er ihr länger zugehört.

Es weckte in ihm die Erinnerung an das Schöne, das auch seine Mutter geliebt hatte. Es hatte ihr aller Leben reicher und voller gemacht. Und nach dem Tod seiner Mutter hatte dieses Leben gefehlt. Sie hatte ihm gefehlt und eine eisige Kälte in ihm hinterlassen.

Diese Kälte, die ihn begleitet hatte, bis er hier gestrandet war. Plötzlich stand ihm klar vor Augen, dass die Kälte nicht hier war.

Er schaute hinüber zum Wohnhaus und konnte Draga an ihrem Webstuhl arbeiten sehen. Bestimmt summte auch sie vor sich hin. Sie tat es nur leise, aber immer mit einem feinen Lächeln im Gesicht.

Draga hörte die Stimmen vor ihm, denn sie wandte den Kopf um und unterbrach ihre Arbeit.

Cédric folgte ihrem Blick, neugierig, weshalb Draga innegehalten hatte und besorgt in Richtung des Weges schaute.

Bojan kam von dort mit einem ihm fremden Mann an seiner Seite. Die Stimme des Fremden war laut und zornig. Bojans Worte konnte er nicht hören, doch auch aus der Entfernung war klar zu sehen, dass Bojan sich alle Mühe gab, beschwichtigend auf den Mann einzuwirken. Immer wieder wies der Mann mit der Hand auf das Wohnhaus.

Cédric konnte dort nichts Außergewöhnliches erkennen. Lediglich die hölzerne Truhe stand vor dem Haus. Der Fremde versuchte nun näher an das Haus zu kommen. Eindeutig stellte sich ihm Bojan in den Weg.

Auch Draga war aufgestanden und beobachtete das Geschehen. Beunruhigt von Dragas sorgenvollem Gesicht näherte er sich vorsichtig. Sie waren nicht mehr weit vom Haus entfernt. Nur noch der Haufen des frisch gefällten Holzes lag zwischen ihnen.

Er konnte ihr Gespräch noch immer nicht genau verstehen, aber der Wortschwall des zornigen Mannes ergoss sich wie ein wütend tobender Sturm über den gesamten Hof.

Cédrics Nackenhaare sträubten sich. Er kannte diesen Ton. Das Schwarze, das sich dahinter verbarg. Nichts Gutes. Diese Macht war ihm allzu gut vertraut.

Fester wurde sein Griff um den Hammer in seinen Händen. Bereit, einzugreifen. Das Gesicht des Mannes begann rot vor Zorn zu glühen.

Cédric ließ sie nicht aus den Augen. Er sah, wie der Fremde immer wieder während des Gesprächs auf den Holzhaufen schielte. Auf die Axt, die im Hackstock eingeschlagen war.

Cédric fröstelte. Er kannte die Gedankengänge eines Mannes, der nur einen letzten Zündfunken braucht, damit seine Wut unkontrolliert ausbricht.

Schweiß trat ihm auf die Stirn. Denn er hätte nach der Axt gegriffen.

Alle seine Muskeln spannten sich an. Und noch ehe Cédric einen weiteren Gedanken spinnen konnte, sprang der Mann mit zwei Schritten an den Axtstock. Mit einem lauten, bestialischen Aufschrei riss er die Axt aus dem Holz.

Er sah es, wusste es, er würde es nicht rechtzeitig schaffen und sprang los.

„Bojan!“ Übermenschlich laut rief er den Namen seines Freundes aus, wie er in diesem Moment erkannte. Mehr noch. Vater, Lehrer, Tröster, der wichtigste Mensch in eben diesem Augenblick.

Im Sprung sah er den Wütenden ausholen zu einem tödlichen Schlag. Bojan schien erstarrt und bewegte sich nicht. Die Axt fuhr nieder.

Mit unmenschlicher Kraft stieß Cédric sich ab und riss Bojan mit sich zu Boden. Doch die Axt vollendete ihren Lauf und schlug in Bojans Rücken ein. Cédric rollte vom Schwung herum, sprang sofort wieder auf die Beine, riss die Axt aus Bojan heraus, sprungbereit, sie nun selbst zu benutzen. Verzerrt starrte ihn der Fremde an, sie maßen ihre Kräfte. Der Mann stockte, verlagerte sein Gewicht von einem Bein auf das andere. Drehte abrupt und lief davon.

Knurrend wie ein wild gewordenes Tier richtete sich Cédric völlig auf, bereit, ihm nachzusetzen. Doch er spürte Bojans Griff, der ihn an seiner Fessel zurückhielt. Cédric kniete sich keuchend zu ihm nieder.

„Lass ihn gehen. Er wird sich selbst in den Tod stürzen.“

Bojan stöhnte auf, während Cédric weiterhin knurrende Laute von sich gab und sich die Axt in seinen Hosenbund steckte. Tief beugte er sich zu Bojan hinunter und schob ihm seinen Arm unter die unverletzte Seite. Vorsichtig zog er ihn nach oben, indem er sich Bojans gesunden Arm um die Schulter legte und ihn mit seiner Linken festhielt. Mit seinem rechten Arm umfasste er Bojans Rücken. Er spürte das warme Blut über seine Hand fließen.

Joško, Draga und Mila liefen ihm bereits entgegen. Joško stützte seinen Vater sofort von der rechten Seite. Schmerzvoll stöhnte Bojan auf, behielt aber sein Bewusstsein. Mila und Draga rannten zurück zum Haus. Öffneten weit die Tür, schoben Stühle, Eimer und alles zur Seite, um den Weg für sie frei zu machen. Bäuchlings legten sie ihn auf die hölzerne Liege. Rasch schob Mila ihrem Vater ein Kissen unter das Kinn.

„Hol frisches Wasser!“, wies Draga ihren Sohn an und öffnete selbst den Schrank, in dem sie ihre leinene Wäsche aufbewahrte. Sie nahm das Oberste, ohne darauf zu achten, wie wertvoll es war, und riss es ohne zu zögern in Streifen. Sie tauchte einen davon in das Wasser, das Joško keuchend gebracht hatte und dabei die Hälfte unterwegs und in der Küche verschüttet hatte. Die Mutter wrang es aus und tupfte damit die Wunde sauber. Vorsichtig riss sie die Tunika auf.

„Es ist nicht allzu tief“, beruhigte sie sich selbst und die Umstehenden.

„Mila, bring mir die Nadel!“

Mila verstand sofort. Sie griff nach einem Kästchen aus demselben Schrank, öffnete es und griff nach dem Geforderten. Mit zitternden Fingern fädelte sie ein langes Rosshaar ein und reichte es ihrer Mutter.

Cédric hatte Draga noch nie so gesehen. Ohne zu zögern presste sie die Wunde ihres Mannes zusammen, der lediglich ein langgezogenes Stöhnen von sich gab, und stieß die Nadel durch die Haut.

Kein Zaudern, kein Innehalten. Schon knotete sie und biss mit den Zähnen ab. Sechs weitere Male wiederholte sie gekonnt ihren Stich. Noch ehe die anderen ihren Atem beruhigt hatten, war Draga mit ihrer Näharbeit fertig.

Langsam ließ Cédric die aufgestaute Luft aus seiner Lunge entweichen.

Wieder benetzte Draga einen Stoffstreifen und tupfte behutsam die Haut sauber. Es drangen nur mehr kleine Tröpfchen aus der Wunde heraus.

Auch Mila starrte gebannt auf die flinken Hände ihrer Mutter.

„Mila, gib mir die Streifen. Mila, Kind, wach auf!“

Mila gehorchte.

Mehrfach faltete Draga einen Streifen zusammen und legte ihn auf die Wunde. Dann legte sie einen Streifen darüber.

„Helft mir, ihn anzuheben.“

Joško und Cédric eilten sofort jeder auf eine Seite und hoben ihn nur so viel an, dass Draga das Tuch hindurchschieben konnte. Mila kniete sich nieder und fuhr mit ihrer schmalen Hand unter den Brustkorb ihres Vaters und zog den Streifen hindurch. Dies wiederholten sie mehrmals und umwickelten ebenfalls die Schulter, bis ein fester Verband Bojans Rücken umgab.

Vorsichtig riss Draga die Reste seiner Tunika vollends auf und entfernte sie.

Zufrieden richtete sie sich auf.

„Ich denke, es ist gut so.“

Draga legte ihre Hand auf die verletzte Stelle ihres Mannes. Joško und Mila folgten ihrem Beispiel sofort. Kraftvoll sprachen sie Worte des Schutzes für ihren Mann und Vater aus. Cédric zögerte. Seine Hand zuckte.

Erst als sie ruhig geworden waren, richtete sich Bojan vorsichtig auf und ließ seine Beine über die Liege baumeln, während ihn alle gebannt anstarrten.

„Mir schwindelt nur leicht, macht euch keine Sorgen.“

Ein kurzes Nicken Dragas zu den jungen Männern. Sie verstanden und folgten dem Befehl sofort und boten ihm ihre starken Schultern an. Vorsichtig fuhren sie ihm unter die Arme, sodass sich Bojan mit ihrer Hilfe aufrichten konnte. Sie folgten Draga ins Schlafzimmer.

„Lege dich auf den Bauch, Bojan.“

Bojan schaute auf und grinste schwach: „Nun bin ich in bester Obhut. Ich danke euch.“ Sein Blick blieb für einen Moment länger auf Cédric.

„Ich danke dir, Junge.“ Er meinte es ernst und Cédric hatte eine Träne im Auge. Er war so erleichtert, Bojan am Leben zu sehen. Nur leicht verletzt und bereits versorgt. Sein Herz hörte erst jetzt auf zu beben. Er konnte nicht mehr als zu nicken. Dann ging er einen Schritt rückwärts. Mila stand im Türrahmen und beobachtete ihn. Als er sich umdrehte und an ihr vorbeikam, streifte sie ihn kurz am Arm. Sie war noch bleich. Aber die Erleichterung entspannte langsam auch ihre Züge.

Cédric trat ins helle Abendlicht hinaus und fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar.

„Ich danke dir, wo du auch bist, für das Leben dieses Mannes“, und blickte nach oben.

Draga war von hinten zu ihm herangetreten und legte ihm kurz dankend die Hand auf die Schulter.

„Du bist ein guter Mensch, Cédric. Sei dir unserer Liebe für alle Zeit gewiss.“

Cédric konnte sie nicht anschauen. Denn sein Herz war tief berührt. Draga verstand und ging zurück ins Haus.

Joško und Mila setzen sich an den Tisch, um zur Ruhe zu kommen.

Joško sprach: „Setz dich zu uns, Cédric.“ So tat er.

Wer bin ich?

Sie hatten alle ein paar Tage gebraucht, um sich von diesem Angriff auf Bojan zu erholen. Alle außer Bojan, der kein Wort darüber verlor. Bereits am nächsten Tag war er wieder aufgestanden. Auch wenn er sich schonte, so war er doch unablässig tätig. Er verbrachte die meiste Zeit am großen Tisch mit seinen Büchern und schien selbst diese Zeit zu genießen. Cédric war eifrig bemüht, ihm sämtliche schweren Arbeiten abzunehmen. Noch immer arbeitete er den Holzstoß ab, und bei jedem Axtschlag, der heruntersauste, hörte er das Toben des Mannes und das seines eigenen Herzens. Bojans Verhalten wühlte ihn auf. Noch nie hatte er einen Mann erlebt, der angegriffen wurde, sich aber nicht angegriffen fühlte und sich nicht dementsprechend verhielt. Kein Wort des Ärgers oder Klagens kam über Bojans Lippen.

Es beunruhigte ihn, weil es ihn insgeheim beeindruckte.

Cédric arbeitete an den letzten Scheiten, sie zu spalten, als er ihn kommen sah. Ihm stockte für einen kurzen Moment der Atem und er musste sich vergewissern, dass es derselbe Mann war, der Bojan vor wenigen Tagen angegriffen hatte.

Wut stieg in ihm hoch. Fest umfasste er die Axt mit beiden Händen. Sein freier Oberkörper war schweißüberströmt vom Spalten des Holzes, aber er war voller Kraft. Seine Muskeln spannten sich an und mit der Axt in der Hand stellte er sich dem Mann in den Weg, sodass dieser ihn bereits von Weitem sehen konnte. Cédric rief ihm zu: „Bist du hier, deinen Tod zu besiegeln?“ Seine Stimme war gewaltig und signalisierte dem Fremden, dass er zu Gewalt bereit war.

Ungeduldig warf er die Axt von einer Hand in die andere, bereit, wie eine Katze zum Sprung auf die Maus, die er nicht einen Augenblick aus den Augen ließ. Mit langsamen Schritten kam der Mann näher und wies mit dem Kopf auf das Haus.

„Du kommst keinen Schritt an mir vorbei“, fauchte Cédric gefährlich und versperrte ihm den Weg zum Haus.

Der Mann machte einen weiteren Schritt. Cédric baute sich zu voller Größe vor ihm auf. Auch wenn er kleiner als sein Gegenüber war, er war gewillt, sofort zuzuschlagen.

„Du kommst nicht lebend an mir vorbei.“ Er knurrte wie eine wild gewordene Raubkatze und begann zu tänzeln.

Cédric sah das Zucken in dessen Körper und wie er seinen Blick auf etwas hinter Cédric richtete.

Aber er ließ seinen Blick nicht von ihm los.

„Cédric!“ Bojans Stimme hinter ihm verlangte nach seiner Aufmerksamkeit.

„Er kommt keinen Schritt näher oder ich bringe ihn um.“

„Leg die Axt weg, Cédric!“ Bojans Stimme wurde bestimmter und er trat neben ihn. Bojan stand fest. Und ging auf den Mann zu.

Cédric japste auf.

„Bojan! Der Kerl hat Euch beinahe umgebracht!“

Noch immer starrte Cédric auf den Mann, der unruhig wurde.

„Du bist mir noch immer etwas schuldig“, warf dieser Bojan wie einen Köder vor die Beine. „Ich will es haben!“

„Von was spricht der Kerl?“, zischte Cédric zu Bojan hinüber.

Stattdessen ging Bojan nicht darauf ein.

„Lass uns reden …“ Bojans Stimme brach ab, als sich der andere ruckartig auf Bojan zubewegte.

Es war eine Regung zu viel, denn Cédric warf die Axt weit von sich und stürzte sich auf ihn.

Gemeinsam fielen sie zu Boden. Cédric hatte die Oberhand und schlug auf den am Boden Liegenden ein. Sie wälzten sich auf dem Boden und sprangen beide wieder auf die Beine.

Bojan stellte sich zwischen sie. Doch sie umkreisten ihn, wie Löwen ihre Beute. Cédric hörte und sah nichts von dem, was Bojan auf ihn einzureden versuchte. Wild griff er abermals den Mann an. Doch Bojans Griff war schnell und er packte ihn am Arm, um ihn zurückzuhalten.

„Lass ab! Junge, lass sofort ab!“

Cédric wurde von Bojan weggezogen, dennoch wurde er von den Schlägen des Kerls getroffen.

„Seid Ihr von Sinnen?“ Keuchend wand sich Cédric aus Bojans Griff frei und sprang zwei Schritte zurück.

Cedric riss die Augen weit auf, denn in eben diesem Moment fiel der Mann vor Bojan auf die Knie. Ungläubig starrte er auf das Bild, das sich vor seinen Augen abspielte.

„Vergib mir, ich war von Sinnen“, hörte er die Stimme des Übeltäters stottern.

Bojan keuchte vor Schmerz auf. Cédrics Blick fiel auf seinen Rücken. Doch kein frisches Blut war zu sehen. Die Wunde schien nicht wieder aufgeplatzt zu sein. Frisches Blut, es hätte ihn zurückschlagen lassen.

Bojan streckte dem niedergebeugten Mann die Hand hin und richtete ihn auf.

„Was gebt Ihr Euch mit diesem Kerl ab?“ Verständnislos schrie Cédric auf.

„Wer entscheidet das? Ich bin es nicht“, überraschte ihn Bojans Antwort. „Wenn El Redi ihn ruft, wer bin ich, dass ich mich dagegenstellen könnte.“ Eiserne Festigkeit lag in Bojans Stimme. Kein Zweifel. Nur ruhige Gewissheit.

Cédric verstand nichts von dem, was Bojan mit seinen Worten meinte. Aber er verstand, wie ernst es Bojan war.

„Wer ist El Redi, dass er so jemanden rufen sollte?“ Cédric spie die Worte verächtlich aus.

Bojan blieb ihm die Antwort schuldig. Leise und ruhig begann er mit dem Mann zu sprechen mit Worten, die Cédric nicht verstand. Doch er sah eine Veränderung an dem Mann, der völlig ruhig wurde und vor Bojan seinen Kopf neigte. Cédric japste nach Luft, als Bojan ihn auch noch in die Arme nahm. Bojan wies mit dem Kopf zum Meer und nebeneinander gingen sie Richtung Ufer. Cédric folgte ihnen.

Nur kurz hielt Bojan am Haus inne, öffnete die hölzerne Truhe, die seit Tagen unverändert am Haus gestanden hatte, und entnahm daraus ein Stoffbündel.

Cédrics Augen schwankten von einem zum anderen. Noch immer bereit, sofort einzugreifen. Bojan bemerkte seine Blicke. Ohne Worte forderte er ihn auf, ruhig zu bleiben.

Die beiden gingen hinunter zum Wasser. Langsam folgte Cédric und beobachtete das Geschehen von oben. Cédric holte tief Luft. Was er sah, raubte ihm den Atem. Bojan tauchte den Mann unter Wasser. Mit einem kräftigen Ruck zog er ihn wieder heraus. Dieser japste nach Luft und stieß einen gellenden Schrei aus, der dem eines Jubelschreies glich.

Zusammen kletterten sie aus dem Wasser. Bojan legte ihm den Stoff um, der als einfacher Mantel gearbeitet war. Kurz redeten sie noch. Dann huschte der Mann auf einem Trampelpfad Richtung Dorf davon.

Bojan blieb noch einen Moment ruhig stehen und blickte über das Meer. Dann kam er die Treppen herauf.

Cédric erstarrte: Bojans Gesicht strahlte vor Freude.

Gefangen im Bann

Niemand gab erklärende Worte von sich. Was für Cédric ein Rätsel blieb, schien allen anderen offenbar.

Dennoch zog ihn etwas an, das er nicht benennen konnte. Und damit meinte er nicht nur Mila. Sein Verlangen sie zu küssen wurde von Tag zu Tag größer. Seine Lust führte ihn in so manchen Nächten in wilde Abenteuer mit ihr, in denen sie meist unbekleidet war. Doch während des Tages nahm er Joškos warnende Blicke wahr. Auch wenn sie nie darüber sprachen, Cédric verstand nur allzu gut: „Vergehe dich nicht an meiner kleinen Schwester!“, hießen sie.

Milas Blicke dagegen sprachen von ganz anderen Sehnsüchten. Wann immer sie sich unbeobachtet fühlten, suchte sie seine Nähe. Und er die ihre. Sie lachten zusammen und noch immer fand sie eine große Freude darin, ihm ihre Sprache beizubringen, auch wenn er sich bereits gut verständigen konnte und nahezu alles verstand.

Inzwischen hatte er nun schon mehrfach erlebt, wie sich immer wieder die verschiedensten Menschen hier sammelten. Auch heute waren Gäste zu erwarten, denn Draga hatte das Regiment übernommen und sie alle bei Sonnenaufgang ans Wasser hinab befohlen. Joško und Bojan waren eben von ihrem Fischfang zurückgekehrt.

In den gefüllten Netzen, die seitlich am Boot befestigt waren, zappelte die Beute.

Vater und Sohn strahlten, dank der reichen Beute, die sie gemacht hatten.

Eben vertäuten sie das Boot am Steg.

„Cédric, komm bitte hierher zu uns ins Wasser!“, rief ihm Bojan zu. Ohne zu zögern folgte er Bojans Anweisung.

„Mach es wie ich.“

Er griff ins Netz und packte mit einer raschen Bewegung einen zappelnden Fisch an der Schwanzwurzel, legte ihn auf das Holz und tötete den Fisch sofort mit einem Schlag auf den Kopf durch den Knüppel, den er in der anderen Hand hielt. Mit einem langen Messer schlitzte er den Fisch vom Kopf bis zum Schwanz auf, fasste ins Innere, um die Innereien zu packen, und warf diese ins Meer zurück. Den Fisch wusch er sauber im Wasser aus.

Nun galt es alle Fische aufzuschlitzen, die Innereien zu entfernen und die ausgenommenen Fische im Wasser zu säubern. Draga hatte eine salzige Gewürzmischung vorbereitet, die herrlich nach frischer Zitrone und duftenden Kräutern roch. Dennoch klebte der derbe Fischgeruch an Cédrics Händen. Auf dem engen Bootsanlegeplatz arbeiteten sie alle eng gedrängt aneinander. Cédric stand im Wasser, um die Fische auszuwaschen, und hatte einen guten Blick über die Familie. Nach und nach waren für ihn Fremde hinzugekommen und halfen routiniert bei der Arbeit mit.

Von seinem Platz im Wasser konnte er das dichte Treiben beobachten und auch Milas Blicke suchen, ohne dass es auffiel. Auch sie suchte den Blickkontakt zu ihm. Eifrig schnappte sie sich jeden ausgenommenen Fisch von Cédric, der kaum hinterherkam.

„Soll ich zu dir ins Wasser kommen und dir helfen?“, lachte sie ihm entgegen.

„Ja, mach doch. Komm rein!“ Grinsend lockte er Mila zu sich.

Wieder war eine Wanne gefüllt. Mila stellte sie an den Uferstein und stieg amüsiert mit ihrem Rock ins Wasser zu Cédric.

„Ist das auch erlaubt, was du da tust?“, fragte Cédric.

„Nun mach nicht lange und hilf mir.“ Mila vermied es, zu ihrer Mutter zu schauen. Sie hüpfte ins Wasser und trat an Cédrics Seite an das Netz. Selbstsicher griff sie hinein, warf einen schelmisch grinsenden Blick zu Cédric und sofort erkannte er an ihren geübten Bewegungen, dass sie schon oft hier gestanden hatte, und seine Bedenken verflogen.

Sie rückten so eng wie möglich aneinander. Scheinbar zufällig bewegten sich ihre Hände nahe beieinander und sie spürte seine Finger über ihre Hände streichen. Nur für den Bruchteil eines Augenblicks ein sanftes Streicheln. Mila wandte ihren Blick nicht von ihrer Arbeit ab. Ein leichtes Lächeln zog über ihr Gesicht. Mühsam versuchte sie dennoch diese Berührung zu verbergen. Niemand sollte es bemerken.

Die Arbeit neigte sich dem Ende zu. Länger konnten sie es nicht hinausschieben und sie stiegen aus dem Wasser.

Sehnsüchtig verschlangen sich ihre Blicke.

Nur noch sie beide standen tropfnass am Ufer. Die anderen trugen gerade die Fische nach oben. Mila verschwand im dunklen Inneren des kleinen in Stein gemauerten Bootshauses, an dem sich auch die Vorratskammer anschloss.

Cédric huschte hinter ihr her und einen kurzen Moment mussten sich seine Augen an das Dunkle gewöhnen. Dann erst sah er Mila nahe bei sich stehen und ihn beobachten.

Cédric trat auf sie zu. Auch Mila machte einen Schritt zu ihm. Er beugte sich zu ihr, bis er ihre Nase spürte. Ihren Atem in sich aufnahm. Seine Lippen berührten die ihren. Nur für einen kurzen Moment. Weich und warm hatten sie sich berührt. Cédric erschauerte und öffnete seine Augen. Auch Mila sah ihn an.

„Noch einmal“, flüsterte sie.

Cédric wand sich kurz nach der Tür um und lauschte. Keine Bewegung. Kein Laut war zu hören. Er fuhr mit seinen Händen in ihre Haare, schmiegte sich an ihren Kopf und küsste sie sanft an ihren Hals. Dann schaute er sie wieder an. Langsam kam er ihren Lippen wieder nahe. Und dieses Mal trafen sie sich länger. Sie ruhten aufeinander. Keiner von ihnen wagte es, die Lippen zu öffnen. Sie trennten sich wieder voneinander, doch Mila kehrte rasch ein weiteres Mal zurück zu seinen Lippen. Genussvoll sog er ihre Nähe in sich auf. Dann löste er sich von ihr, huschte rasch hinaus und eilte die Treppen hinauf.

Dort schnappte er sich einen Korb mit den gesalzenen Fischen und trug ihn den anderen hinterher zu den Trocknungsgestellen. Zusammen steckten sie die Fische zum Trocknen auf die Hölzer. Dort würden sie Wind und Sonne rasch trocknen.

Joško stand ihm gegenüber, sehr langsam wurde der Fisch unter Joškos Händen von dem hölzernen Spieß durchbohrt. Genauso bohrend war der Blick Joškos, mit dem er Cédric bedachte. Cédric spürte augenblicklich, wie der bohrende Stachel sich wieder einmal in sein Herz drehte. Er hatte Joško nichts von seiner Vergangenheit verraten, dennoch schien er ihn zu warnen. Joško konnte nur ahnen, wie recht er damit hatte.

Cédrics Augen schwankten zu Bojan, der ebenfalls in ihre Richtung blickte und Joško zurückhielt mit einem Ausdruck, der besagte: „Bleib locker und ruhig.“

Seine Gedanken, die eben noch bei Milas Lippen gehangen hatten, wurden verdrängt von Bildern der Angst.

Er wollte keinen Ärger. Nicht hier. Er wollte nicht mehr in sein früheres Leben zurück und er wollte ein Leben führen, wie er es hier an Bojan sah. Aber es zog und zerrte überall in ihm und er wusste nicht, wie er je dahin kommen sollte, wo Bojan stand. Er spürte, wie alte Wut in ihm hochkam, die überhandnehmen wollte.

Schnell zog er sich in den Schatten des rückwärtigen Hauses zurück. Niemand folgte ihm. Er atmete tief durch und versuchte, sich in den Griff zu bekommen. Diese Familie hier hatte ihm nichts als Gutes erwiesen und er wollte nicht, dass seine alte menschenzerstörende Verachtung auf sie kam.

Langsam sackte er zusammen und ließ sich an der Wand zu Boden gleiten. Er spürte die Ameisen, die über ihn krochen und ihm schmerzende kleine Wunden hinterließen. Er sah die Spinne, die über ihn kroch. Aber er war unfähig, etwas dagegen zu unternehmen.

Wieder und wieder stiegen alte Bilder in ihm hoch. Sie traten vor seine Augen und verursachten ihm Angst und Schmerzen. Die Bilder kamen, aber er konnte sie nicht einfach fortschicken. Manchmal waren sie gnädig und gingen, sobald er arbeitete. Doch nun waren sie hartnäckig.

Und sie lähmten ihn noch genauso wie an den Tagen, da sie gezeugt wurden. Die Geburt seiner schlimmen Taten raubte ihm seine Freiheit. Zurückerlangt hatte er sie bis zum heutigen Tag nicht. So erging es jedem, der mit ihm in den dunklen Machenschaften verstrickt gewesen war. Worüber sie stolperten, hatten sie längst nicht mehr erkannt.

Tag für Tag hatten sie sich versteckt, um sich in den dunkleren Stunden auf die zu stürzen, die allein unterwegs waren. Er und seine gottlosen Freunde hatten nicht eher nachgelassen, bis sie ihre bösen Taten vollbracht hatten. Doch der Schlaf hatte ihnen nie Ruhe gebracht.

Noch immer hörte er das Weinen und Klagen der Mütter, denen sie das Brot für ihre Familien gestohlen hatten. Ihre Lügen, die sie aufgetischt hatten, um eine Schlafunterkunft zu bekommen. Doch damit hatten sie sich nicht zufriedengegeben, sondern hatten sich an den Gütern der Hintergangenen auch noch bereichert und davongeschlichen, wie Diebe in der Nacht. Ja, er war ein Dieb und er hatte sich genommen, was er begehrt hatte, stets zu Gewalt bereit. Er hatte sich bereichert und sein Leben dabei verloren.{8}

Die energische Stimme Dragas drang zu ihm durch, als sie alle zum Frühstück rief. Die freudigen Stimmen der Kinder, der Fremden und Milas fröhliches Lachen mischten sich darunter. Cédric rührte sich nicht vom Fleck. Schweiß tropfte von seiner Stirn. Sein Herz war zusammengezogen gleich einem verknoteten Fischernetz. Diese wurden zerschnitten und aufgetrennt, denn das Lösen war nahezu unmöglich.

Er spürte die Ausweglosigkeit seines verknoteten Herzens. Und mit ihm verkrampfte sich sein ganzer Körper. Er spürte die Anspannung, die ihm Schmerzen im Rumpf bereiteten. Das Atmen wurde ihm noch schwerer. War er dabei durchzudrehen?

Er hörte die unsichtbaren, ihn verhöhnenden Stimmen über ihm, vor ihm, in ihm. Stimmen, die nicht verschwanden, sondern lauter und lauter wurden.

Jammernde Laute entstiegen seiner Kehle, ohne dass er sich selbst hörte.

Er donnerte mit der Faust auf die Erde, stand auf. Jagte quer durch das dornige Gestrüpp Richtung Meer. Äste rissen ihm Kratzer in die Haut, von der beginnenden Tageshitze flimmerte ihm, doch er hielt nicht inne, bis er atemlos an der Klippe stand. Keuchend versuchte er Balance zu halten und nicht unvermutet hinabzustürzen.

Da entfuhr es ihm: „Gott! Wo bist du?“

Er schrie es über das Meer, donnernd, wütend, aufgebraust wie ein Sturm. Kein Widerhall. Nichts.

„Stürz dich hinab“, hörte er stattdessen, wie die alten Bilder seiner Schandtaten ihn versuchten.

„Geh fort aus dieser Welt“, quälten sie ihn.

Verzweiflung packte Cédric. Er schwankte. Ein Schritt. Zwei Schritte. Und die Stimmen derer, denen er Unrecht angetan hatte, wollten, dass er ihnen ins Unglück folgte, welches er ihnen angetan hatte. Es war seine gerechte Strafe, ihnen zu folgen.

Was hatte er nur getan?

Er kam nicht frei.

Cédric sank auf seine Knie.

„Hilf mir, du Gott dieser Familie. Hilf mir! Ich kenne dich nicht. Doch ich brauche Hilfe.“

Langsam wurde er ruhiger. Er hörte nun wieder die Wellen unter ihm gegen die Klippen schlagen. Die Bilder waren fort. Die Stimmen verstummt. Cédric atmete langsam aus und ein. Hatte der Ansturm ein Ende?

Langsam richtete er sich auf. Sein Magen meldete Hunger. Seine Kehle brannte vor Durst. Er nahm den ausgetretenen Pfad zurück zum Haus.

Längst hatten alle anderen ihr Morgenmahl beendet und Reisevorkehrungen wurden getroffen.

Bojan fand Cédric. Er trat zu ihm.

„Ich bin in zwei Tagen zurück.“ Er sagte es mit solchem Nachdruck, als bräuchte er diese Sicherheit.

Cédric nickte.

„Iss jetzt, Junge.“ Damit wandte er sich wieder seinen Aufgaben zu.

Auf dem Tisch fand er noch Brot und Käse, das er gierig verschlang. Am Brunnen hielt er seinen Mund direkt in den frisch aufsteigenden Wasserstrahl, der sein Gesicht kühlte. Niemand achtete weiter auf ihn. Er schnappte sich den Eimer, füllte ihn mit Wasser, um die Tiere zu versorgen. Noch einmal war er davongekommen und der Irrsinn hatte ihn nicht gepackt.

Er schaute auf. Alle waren sie voll Eifer bei ihrer Arbeit. Mila hatte innegehalten. Sie trug eine kleine Truhe zu den Packpferden und hielt ihn mit ihren klaren Augen fest. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Ein einziger Blick ihrer klaren Augen und in ihm stieg Hoffnung auf, dieselbe Klarheit zu erleben wie sie. Wie ihr Vater Bojan.

Verfangen

Cédric wachte auf. Sein Hals kratzte, trocken vor Durst. Doch er wollte nicht aufstehen und zum Brunnen laufen.

Ein jaulendes Geräusch ließ ihn aufhorchen. Es war ganz in der Nähe. Also war er gar nicht von seinem Durst geweckt worden. Das Jaulen verwandelte sich in wimmernde Laute, er hörte auch ein leises Schlagen und Klopfen.

Cédric richtete sich in seinem Lager aus Heu auf. Er überlegte, wo sich die Fremden schlafen gelegt hatten und ob deren Tieren wohl eine Gefahr drohte. Nirgends regte sich etwas, nur das klagende, tierische Geräusch war zu hören.

Stöhnend richtete er sich ganz auf und schlüpfte in seine Hose, kletterte die Leiter hinunter und trat hinaus ins Freie. Noch war die Sonne nicht aufgegangen, doch ein heller Schein am Horizont zeigte ihm, dass der Morgen nahe war. Er löschte seinen Durst am Brunnen. Horchte wieder nach der Richtung der jammernden Laute. Sie kamen von der Rückwand der Scheune. Vorsichtig näherte er sich der Scheunenwand und späte um die Ecke. Viel war nicht zu erkennen. Doch es bewegte sich etwas zuckend am Boden. Cédric ging langsam näher. Er starrte geradewegs in die Augen des angsterfüllten Tieres. Ein Fuchs. Verfangen im Netz. Er hatte es mitsamt der Aufhängung zu Boden gezogen und war in einem Knäuel hoffnungslos verstrickt.

Er machte einen Schritt darauf zu. Erschrocken fuhr er herum, als er eine Hand auf seiner Schulter spürte.

„Warte, Cédric.“

„Bojan, du hast mich erschreckt! Ich habe dich nicht kommen hören.“

Bojan nickte und beobachtete das ruhiger werdende Tier.

„Sollen wir warten, bis der Fuchs verendet ist?“, fragte Cédric.

„Das kann Tage dauern. Und er wird kläglich verdursten.“

„Kommt er alleine wieder frei? Was meinst du, Bojan?“

„Nein, habe ich noch nie erlebt. Ohne unsere Hilfe wird das Tier verwickelt im Netz sterben.“

Bojan zog das scharfe Messer aus seiner Tasche, das er immer mit sich trug.

„Schneiden wir ihn heraus. Sei vorsichtig, Cédric. Sobald er sich wieder freier bewegen kann, wird er in wilder Angst um sich beißen. Halte du dort fest.“ Bojan wies auf das weit entfernte Ende des Netzes.

„Spanne etwas an.“

Bojan näherte sich in Zeitlupentempo dem Netz. Seine Bewegungen waren kaum wahrzunehmen. Er machte den ersten Schnitt durch sein Netz. Einen weiteren. Cédric starrte auf Bojans Hände. Kein Zögern lag darin, sein Netz in Stücke zu schneiden, um das Tier zu befreien. Kein Fluch oder bedauerndes Aufstöhnen.

„Sollten wir den Fuchs nicht töten? Er wird doch wieder kommen, um sich die Hühner zu holen.“

Bojan sprang zurück. Der Fuchs hatte seine Befreiung erkannt und konnte sich wieder mehr bewegen.

Cédric sprach nicht weiter. Er bemerkte Bojans Konzentration.

Mit zwei weiteren Schnitten zog Bojan das scharfe Messer durch das Netz.

„Der wird hier nicht mehr auftauchen.“

Zuerst verstand Cédric nicht.

Bojan blickte kurz zu Cédric auf.

„Gib acht jetzt!“

Erst als Cédric nickte, trat er noch einmal nahe ans Netz. Der Fuchs schnappte nun nach seinen letzten Fesseln.

Bojan beobachtete jede seiner Bewegungen genau, um den richtigen Moment abzupassen. Mit einem letzten beherzten Ruck setzte er noch einmal am Netz an und zog. Doch der Fuchs war ebenso schnell und schnappte nach der Hand. Bojan zuckte zurück.

Zu spät.

Sein Biss erwischte die Hand seines Befreiers.

Bojan schrie auf.

Der Fuchs erkannte seine Chance und ließ von Bojan ab. Er sprang auf seine befreiten Beine und unversehens war er im dunklen Gebüsch verschwunden.

Cédric eilte zu Bojan und besah sich dessen Hand, die er sich umfasste.

„War es das wert?“ Ungläubig starrte er auf Bojans Wunde.

„Er hatte nur Angst.“

„Aber er hat dich gebissen!“

„Ja, aber jetzt ist er frei.“

„Und dein Netz kaputt!“

„Das war der Preis.“

Bojan sah Cédric ruhig in die Augen.

Cédric schauderte.

Die nächsten Stunden wandelte er wie ein Beobachter umher. Es war ihm fremd. Dieses Leben, das er hier vorfand. Noch mehr Fremde kamen angeritten, um sich hier zu sammeln. Sie strahlten eine Freude aus, die er nicht kannte. Alle. Auch Mila bereitete sich vor. In ihrem Huschen zwischen dem inzwischen gefüllten Hof warf sie ihm immer wieder Blicke zu, die sein Herz wärmten. Es schmelzen ließen wie Wachs unter solch liebevollem Blick.

Cédric half, wo immer er sah, dass er mit anpacken konnte. Die getrockneten Fische wurden reichlich verpackt. Mehr als Proviant für zwei Tage notwendig war.

Sie standen kurz vor dem Aufbruch. Cédric räumte in die Scheune, was nicht mehr gebraucht wurde. Er spürte, wie jemand durch das geöffnete Tor trat, denn die Morgensonne, die hereinstrahlte, warf einen Schatten. Er spürte die Schritte, die näher kamen, und ahnte, wer es war.

Ein zartes Streicheln fuhr über sein Herz, was ihn überraschte, denn sie hatte ihn nicht berührt und nichts gesagt. Er schaute zu ihr auf. Sog die Luft ein. Mila stand nahe vor ihm. Ruhig strahlte sie ihn an. Wartete. Freudig, voller Spannung. In Vorfreude auf die Reise. Er richtete sich ganz auf. Sie sahen sich in die Augen, ohne zu sprechen. Sein Herz klopfte leise. Cédric streckte seine Hand nach der ihren aus und zog sie behutsam zur Seite, sodass sie von außen nicht gesehen werden konnten. Langsam zog er sie nahe zu sich heran. Sie ließen sich nicht los mit ihren Augen. Ebenso verbunden wie mit ihren Händen. Etwas brannte in seinem Herzen. Wie konnte ihm Mila so vertrauensvoll begegnen. Für ihn unverständlich. Es rief aber in ihm Dank hervor und der Wunsch, dieses Vertrauen wertvoll zu behandeln.

Sachte beugte er sich zu ihr. Spürte, sie wich nicht zurück. Zärtlich berührten sich ihre Lippen, lösten sich wieder voneinander. Nur um sich wieder in den Augen des anderen zu verlieren, zu lesen, was der andere dachte und empfand.

Mila löste sich aus Cédrics Händen. Umfasste sein Gesicht. Streichelnd fuhr sie seine kleinen Lachfältchen nach. Die Narbe, die sich an seiner Schläfe unter den Haaren verbarg. Als wolle sie sich jedes Detail einprägen.

Dieses Mal war es Mila, die sich seinen Lippen näherte. Sie schmeckte warm und weich. Er sog ihren Duft ein. Umfasste ihre Taille von beiden Seiten.

Wieder schauten sie sich an und ihm war abermals, als schmelze etwas Hartes in ihm. Wurde weich und fließe aus ihm heraus. Noch nie hatte ihn jemand mit so liebevoller Tiefe angesehen.

Sie hörten Dragas Ruf, der nach ihr suchte. Mila zuckte lächelnd zurück. Noch einmal drückte sie ihm kurz ihre Lippen auf die seinen. Ein letzter Druck ihrer Hände, die sich wieder voneinander lösten.

Cédric blieb reglos stehen und wusste nicht, wie ihm geschehen war. Tief atmete er durch und trat ins Freie hinaus. Bojans Blick hatte ihn gesucht. Froh, ihn gefunden zu haben, erkannte er ihn und trat ihm entgegen. Alle anderen saßen bereits in ihren Sätteln und beobachteten sie. Ihre Augen und Ohren waren still auf sie gerichtet.

„El Redi lagert einen Tagesritt entfernt. Eine wichtige Zusammenkunft erwartet uns dort. Draga und Mila sind sehr froh, dass sie dorthin mitgehen können. Ich vertraue dir und Joško meine Familie an.“

Er sah zu Joško. Cédric konnte nicht feststellen, ob er sich grämte zurückbleiben zu müssen. Die vier kleineren Geschwister sprangen um ihn herum und lachten, denn er scherzte mit ihnen. Cédric spürte den Stich von Neid. Es war offensichtlich, dass Joško einmal ein ebenso liebevoller Vater wie Bojan werden würde.

Cédrics Umgebung verschwand in hellem Nebel. Doch umfing ihn keine Kühle oder Nässe. Eine Wolke, die ihn herrlich und kraftvoll umgab. Nicht mit Regen schwanger, sondern mit einer Leichtigkeit, die ihn alles hoffen ließ.{9}

Bojan drehte sich zu Joško und seinen Kindern. Sie hatten sich bereits verabschiedet. Er winkte ihnen zu.

Unverhofft nahm er Cédric vor aller Augen in den Arm, als wäre er sein Sohn.

„In zwei Tagen sind wir zurück.“

Bojan schwang sich kraftvoll auf den Rücken seines Pferdes. Eine mächtige Gestalt, dem die ganze Gruppe vorbehaltlos folgte, als er seinem Pferd in die Flanken klopfte.

Als öffne sich die Wolke in die Welt außerhalb dieser Stimmung auf dem Hof, gab sie den Weg frei, den die Reiter ohne zu zögern wählten. Er war froh, dass ihm der aufgewirbelte Staub in die Augen kam und er seine Augen schützen musste. So konnte er die Tränen abwischen, die sich ohne sein Zutun freigemacht hatten.

Die Kinder stoben mit Joško davon. Hatten sie es nicht ebenso gespürt? Oder war es für sie Normalität, darin aufgewachsen und täglich lebend?

Morgendämmerung

Die Dämmerung war längst hereingebrochen. Joško konnte seine Unruhe nur noch schwerlich vor den Kleinen verbergen, die ihn ständig bedrängten, wann denn die Zeit um sei und ihre Eltern mit Mila zurückkehrten. Sie erwarteten sie an diesem Abend zurück, und endlich schrie eines der Kinder auf, die sich darin abwechselten unermüdlich Ausschau zu halten.

Cédric atmete ebenso auf, als er im Halbdunkel in den Reitern die Gestalten von Draga, Bojan und Mila erkennen konnte. Sogleich traten sie ihnen entgegen. Cédric nahm den Zügel Milas, während Joško seiner Mutter half. Müde glitten sie von den Pferderücken. Sie gaben sich Mühe, sie alle freudig zu begrüßen, doch Cédric spürte ihre Erschöpfung und hielt sich im Hintergrund. Rasch half er Bojan die Pferde abzuladen. Er winkte Joško ab, der ihm bei der Versorgung der Pferde helfen wollte.

„Bleib du nur hier. Ich mach das schon.“

Ohne eine Antwort abzuwarten nahm er alle drei Tiere an den Zügeln und brachte sie in den Stall.

Erst als die Tiere gut versorgt waren, ging er zurück zum Haus. Sie hatten bereits gegessen und nur noch Bojan ließ sich von Joško die Arbeit der letzten Tage berichten. Dankbar nickte er auch Cédric zu.

Die anderen waren bereits schlafen gegangen. Schnell wünschte er eine gute Nacht, als er merkte, dass auch Bojan zu Bett gehen wollte.

Mila bekam er auch am nächsten Morgen nicht zu Gesicht.

Draga lief planlos von einer Ecke zur anderen und schien Mühe zu haben, zu ihrer Arbeit zurückzufinden. Bojan war den ganzen Tag mit seinen Büchern beschäftigt, in die er heftig kritzelte. Ansprechbar waren sie alle drei nicht und niemand erklärte ihm, was sie erlebt hatten.

Die Tage vergingen. Nicht aber die Aufregung, die sie alle drei mitgebracht hatten.

Unruhig wanderte Bojan vor dem Haus auf und ab. Er raufte sich in den Haaren, führte scheinbar Selbstgespräche. Wann immer Cédric an ihm vorüberkam, warf ihm Bojan einen kurzen Blick zu. Aber in Bojans Augen war eine Unruhe, die er so noch nie bei Bojan wahrgenommen hatte. Und er bekam das unbestimmte Gefühl nicht los, dass es etwas mit ihm zu tun hatte. Auch Mila ging ihm aus dem Weg. Es lag eine Anspannung in der Luft und mit jeder Stunde mehr, die verging, schnürte es ihm die Luft zum Atmen ab.

Am Abend fing er Mila im Stall ab.

„Mila, was ist geschehen, als ihr die Tage fort wart?“

Sie schaute ihn mit traurigen Augen an, schüttelte den Kopf und lief ohne eine Erklärung weg.

Er ging ihr hinterher. Doch sie lief geradewegs zum Haus und verschwand sofort im Inneren. Draga und Bojan saßen mit den Kindern auf der Veranda und sahen es. Die Kinder johlten um sie herum und hielten sie beschäftigt. Doch Draga sagte etwas zu Bojan, und als dieser daraufhin ihn ansah, wusste er, dass sie über ihn sprachen. Er hielt in seinem Gang inne. Bojan stand langsam auf, während ihm Draga kurz die Hand auf den Arm legte, als wolle sie seinen nächsten Gang bestätigen. Cédrics Nackenhaare richteten sich auf. Er spürte es in-stinktiv, wenn ihm Gefahr drohte, auch wenn Bojans gesenkter Kopf dem widersprach.

Er schluckte hart. Bojan war vor ihm stehen geblieben. Wieder fuhr er sich unstetig durch die ohnehin schon wild abstehenden Haare.

„Lass uns ein paar Schritte gehen, Junge.“

Er schritt voraus.

„Was ist geschehen, sagt es mir jetzt!“, platzte es aus Cédric heraus. Er war unbeweglich stehen geblieben und rief es Bojan in den Rücken.

Langsam drehte er sich um.

„Willst du nicht ein paar Schritte mit mir gehen?“

„Nein, sagt es mir hier und jetzt!“ Starr blieb er stehen.

„Na gut, wie du willst.“

Bojans Lippen formten tonlose Silben.

„Nun sprecht endlich!“ Noch nie hatte er Bojan so zögerlich erlebt.

„Ich, nun, wie du weißt, hatten wir eine Zusammenkunft mit El Redi.“

Als würde dies alles erklären, hielt er inne.

Unwillig fuhr Cédric auf.

„Ich weiß nichts von diesem El Redi, sollte ich?“ Seine Worte wurden drohend, ohne dass er es wollte.

Bojan ging nicht darauf ein und fuhr mit leisen bestimmten Worten fort: „Er hat mich beauftragt, eine längere Reise zu unternehmen.“ Wieder hielt er inne. „Eine nicht ganz ungefährliche Reise.“

Cédric wartete nur einen kurzen Augenblick ab, und als Bojan wieder nicht weitersprach, kam Ärger in ihm hoch.

„Warum bekomme ich das Gefühl nicht los, dass dies auch etwas mit mir zu tun hat. Wollt Ihr, dass ich von hier verschwinde? Ich würde es Euch nicht verdenken. Ihr habt mich schließlich lange genug beherbergt.“ Aber bereits während er die Worte aussprach, kam eine alt bekannte Angst in ihm hoch. Genau das wollte er nicht. Er wollte hier in diesem sicheren Hafen bleiben, fernab von seinem alten Leben, das ihn hier nicht traf.

Bislang jedenfalls. Aber er spürte die Furcht kommen wie ein nahender tobender Sturm. Einem Wirbel gleich, wie er ihn einmal gesehen hatte. Und nichts hatte dem standhalten können, als er von dem tosenden Ungeheuer gepackt wurde. So war ihm, als sehe er den tödlichen Wirbel auf sich zurasen. Näher kommend mit jeder Sekunde, die verstrich.

„Ich möchte gerne, dass du mitkommst.“

Sein Ton war ruhig. Aber seine Stimme zitterte.

„Was noch?“ Cédric wusste genau, dass dies nicht die Gefahr war, die er spürte.

„Gegen Ende der Reise werden wir auf ein großes Heer El Redis treffen.“

Wieder machte er eine Pause.

„Sie ziehen nach Norden. In deine Heimat.“

Lange Minuten schwiegen sie beide.

Aus den Zähnen knirschend, knurrte Cédric leise: „Ich werde nicht dorthin zurückkehren, wenn Ihr das meint.“

Wieder raufte sich Bojan durch die Haare.

„Junge, du kannst …“

Cédric fuhr ihm dazwischen.

„Ihr schickt mich in den sicheren Tod. Ist es das, was Ihr wollt?“

„Cédric, nein, das will ich nicht, aber …“

„Ha, aber dass ich hier bleibe, wollt Ihr auch nicht.“

„Ich möchte das Beste für …“

Erneut fiel Cédric Bojan ins Wort.

„Ich werde verschwinden. Jetzt sofort.“ Er sprang zwei Schritte zurück und wurde von Draga aufgehalten, die sich ohne sein Bemerken genähert hatte.

„Niemand will, dass du von hier verschwindest!“, beschwichtigte sie und suchte mit ihren Augen nach Unterstützung bei ihrem Mann.

„Ich bitte dich, meinen Mann zu begleiten.“ Langsam nahm sie ihre Hand von Cédrics Arm, mit der sie ihn aufgehalten hatte.

„Dieser Marsch ist sehr lang und beschwerlich.“

Sie hielt ihn mit ihren Augen fest.

Cédric gab keine Antwort. Wortlos drehte er sich ab und ging in die Scheune.

Bojan und Draga schauten ihm nach.

„Meinst du, er ist morgen noch hier?“, fragte Draga ihren Mann.

„Ich hoffe es sehr.“ Enttäuscht scharrte er im Sand.

„Ich habe es falsch angegangen. Ich habe die Macht unterschätzt, die ihn noch gefangen hält.“

Unruhig gingen sie zurück zum Haus.

Cédric beobachte sie vom Stall aus. Er keuchte. Schweiß war ihm auf die Stirn getreten. Beinahe hätte er die Kontrolle über sich verloren. Er hatte sie in sich gespürt, diese Stimme, die von ihm schon mehrmals Besitz ergriffen hatte und die danach verlangte herauszukommen. Und jedes Mal hatte er dabei wild um sich geschlagen, getobt und Unglück gebracht. Sogar getötet.

Knurrend warf er sich zu Boden. Seine Muskeln zuckten.

„Lass mich in Ruhe!“ Wütend hieb er die Faust in den Staub.

Er wusste nicht, mit wem er sprach. Er wusste nur, dass dieses Etwas ihn quälte, seine Brust zuschnürte, dass er kaum noch atmen konnte.

Stöhnend warf er sich hin und her.

Wilde Bilder entstanden vor seinem Auge. Verzerrte Gesichter, schreiend, blutend, er sah wieder und wieder sie, wie sie starb, sein Kind starb und mit ihnen jede Hoffnung.

Andere Fratzen erschienen, verhöhnten ihn, lachten über ihn, jagten ihn.

Angstschauer liefen ihm über den Rücken. Wild drehte er sich in alle Richtungen. Er war allein. Niemand war hier. Und doch waren sie alle da, um ihn zu verdammen.

Wieder stöhnte er.

Der Weg in seine Heimat war ihm für immer versperrt. Er konnte nicht einmal ein Lebenszeichen von sich geben. Denn er hatte de Vauchot seinen Tod vorgespielt. Ansonsten hätte er ihn nie in Ruhe gelassen und weiter verfolgt, bis er seine Rache an ihm gesühnt hätte.

Für tot erklärt. Und so lebte er seither. Äußerlich lebend – doch innen war er tot, verbannt von den wirklich Lebenden. Er hatte sich getäuscht. Hatte gedacht, hier könne er alles vergessen und neu anfangen. Aber er konnte es nicht. Die Geisterschatten waren ihm bis hierher gefolgt, und nun hatten sie ihn auch hier wieder gefasst. Er war verloren.

„Ohhh!“ Stöhnend kam er nicht zur Ruhe. Er sah sich enden, wie die Geisteskranken, die er in seinen Jahren gesehen hatte. Er wollte nicht enden wie sie.

Stunden vergingen. Die Nacht brach herein. Er hatte sich nicht niedergelegt. Sein Körper verlangte nach Schlaf. Aber in ihm tobte eine Schlacht. In seinen Gedanken, in seinem Herz, er konnte es nicht auseinanderhalten. Es war ihm, als würde er getroffen und durchbohrt von feurigen Pfeilen, die sich in sein Fleisch bohrten. Er verbrannte. In ihm brannte ein lichterlohes Feuer. Cédric schrie auf, von innerem Schmerz gepeinigt.

Wild schleuderte er die Hand von sich, die nach ihm griff.

„Geh weg! Lass mich in Ruhe!“

„Ich bin es doch, Junge. Komm zu dir. Ich bin es, Bojan.“

Cédric riss die Augen auf.

Der Himmel war bereits wieder schwach erhellt.

Hatte er nur geträumt? Nein, er war wach gewesen.

Wieder rüttelte ihn die Hand an der Schulter.

„Komm zu dir!“ Beharrlich drang die Stimme Bojans auf ihn ein.

„Ich verbrenne. Du kannst mich nicht retten.“ Abermals schüttelte er die Hand ab.

„Ja, du wirst verbrennen, wenn du nicht mit mir kommst zu dem Wasser, das dich retten kann!“ Schneidend und scharf waren Bojan die Worte aus dem Mund gekommen. Für einen kurzen Moment ließ er ihm Zeit.

Dann griff er ihm unter die Schulter und zog ihn hoch.

„Steh auf. Los, komm mit mir.“

Zusammen traten sie hinaus.

„Warte hier! Ich bin gleich zurück.“

Bojan rannte zum Haus, nachdem er seinem Befehl mit ernstem Blick Nachdruck verliehen hatte. Es waren nur Sekunden verstrichen, bis er mit einem Knäuel unterm Arm zu Cédric zurückgerannt kam. Er wollte ihn nicht aus den Augen lassen.

Die ersten Schritte schleifte er Cédric mehr, dann nach und nach kamen seine Körperkräfte zurück und er konnte selbst gehen.

„Was geschieht in mir? Ich lebe und bin doch tot. Gestern, als Ihr mich aufgefordert habt zurückzugehen, da kamen sie alle hierher. Die Fratzen, die mich mit ihren Stimmen und Gesichtern quälen. Als hätte ihnen jemand verraten, dass ich mich hier vor meiner bösen Vergangenheit versteckt habe. Wie ist so etwas möglich? Ich fürchte, ich habe meinen Verstand verloren.“

„Du hast nicht den Verstand verloren“, beruhigte ihn Bojan. „Du hattest hier Schutz, das ist richtig.“ Kurz stockte er.

„Es stimmt auch, dass wir dich hier nicht länger schützen können. Deine Zeit ist gekommen.“

Cédric blieb erschreckt stehen.

„Wollt Ihr damit sagen, dass das echt ist?“

„Ja, es ist echt! Aber nicht ganz so, wie du denkst.“

Wieder zögerte Bojan.

„Dein Blut wird gefordert!“

„Was? Von wem?“ Cédric zitterte.

„Ich habe dir doch von der Zusammenkunft mit El Redi berichtet.“ Bojan griff mit beiden Händen die Schultern Cédrics.

„Er weiß, dass du hier bist. Er kennt auch deine grausamen Taten der letzten Jahre.“

„Aber woher? Wer hat verraten, dass ich hier bin?“

„El Redi hat überall seine Soldaten, seine Männer, die für ihn arbeiten.“

„So wie Ihr?“ Mit weit aufgerissenen Augen starrte Cédric ihn an.

„Ja, so wie ich und mein Haus.“

„Und dieser El Redi fordert nun also meine Auslieferung? Und Ihr, dem ich vertraute, habt mich verraten?“ Cédric war fassungslos.

„Ich habe mich für dich eingesetzt, für dich gefleht.“

Cédric schüttelte den Kopf.

„Das glaube ich Euch nicht. Ihr hättet ihm doch nichts von mir zu erzählen brauchen.“

„Er wusste auch ohne mich, dass du hier bist.

„Und jetzt fordert er also mein Blut?“ Cédric spie seine Worte vor die Füße Bojans.

„De Vauchot fordert dein Blut!“, antwortete Bojan.

Cédric strauchelte.

„Euer El Redi arbeitet mit Barbaren wie de Vauchot zusammen? Und Ihr gehört zu ihnen?“ Atemlos stand sein Herz still. Es kam immer schlimmer.

„El Redi sorgt für Gerechtigkeit.“

„Und wenn ich nicht dorthin gehe. In sein Lager, wo er sowieso meinen Tod einfordern wird. Was dann?“

„Dann wirst du verbrennen, wie du selbst gesagt hast.“ Bojan war ernst. Cédric konnte nicht anders, als ihm zu glauben.

„So oder so, ich sterbe, wollt Ihr mir also sagen?“

„Ja.“ Bojan ließ Cédric nicht zu Wort kommen.

„Er bietet dir seine Hilfe an. El Redi.“

Matt erwiderte Cédric „Und wie?“

„Er bietet dir so viel Lösegeld an, dass du frei kommst von deiner Schuld.“

Cédric japste nach Luft.

„Was ist der Preis, den ich zu zahlen habe für meine Freiheit?“

„Dass du dein Leben in den Dienst El Redis stellst.“

„Und ich mit seinem Heer mitgehe?“

„Ja, wenn er es wünscht.“

Cédrics keuchende Laute verstummten. Er wusste nichts mehr zu sagen.

Er dachte an die letzten qualvollen Stunden. Er hatte in der Tat nichts zu verlieren.

„Was muss ich tun?“

„Komm mit mir an den Fluss. Dort sage ich dir alles Weitere.“

Cédric verstand weder sich selbst noch Bojan. Dumpf und teilnahmslos lag sein Kopf auf seinem Körper, die Müdigkeit machte all seine Glieder schwer wie Blei. Wo wurde er hingerissen? Im Grunde genommen kannte er keinen, dem er mehr vertraute wie Bojan. Wenn nicht dieser Mann es ehrlich meinte, wer dann? Wo sollte er dann noch Hoffnung für sich finden? So ging er Schritt um Schritt mit Bojan mit, der sich seinem schleppenden Gang anpasste.

„Wieso tut Ihr das?“, bohrte es in Cédric bis er es schließlich aussprach.

Bojan hielt kurz inne. „Was?“

„Mitten in der Nacht. Hier lauft Ihr mit mir. Und ich weiß nicht einmal wohin.“

Bojan lachte auf. Sein Gesicht strahlte vor Freude wie an einem ganz besonderen Festtag. Er legte ihm freundschaftlich die Hand um die Schultern. In seinem Blick konnte Cédric nichts Arges finden.

„Ich fasse es nicht. Ihr achtet auf mich wie auf eines Eurer Kinder.{10} Das will mir nicht in den Kopf gehen.“

„So lass es in dein Herz gehen. Du bist mir wie ein Sohn!“

Sie hatten beide nicht auf den Weg geachtet. So geschah es, dass Bojan beim nächsten Schritt von einem tiefhängenden Ast an der Schläfe getroffen wurde. Sofort rann ihm Blut an der Seite herunter. Überrascht wischte sich Bojan mit der Hand über die Wunde. Seine Finger waren nass vom Blut. Er schüttelte es ab, nahm sich ein kleines Tuch aus seiner Hosentasche und drückte es auf den Kratzer.

„Ist nicht schlimm“, beruhigte er Cédric, der mit entsetzt aufgerissenen Augen die kleine Wunde anstarrte.

Cédric fuhr sich über das Gesicht. An seinen Fingern klebte Blut. Bojans Blut. Ein rascher Blick auf seine Brust bestätigte ihm, dass auf seinem Hemd ebenfalls Blutspritzer waren. Er wischte mit der Hand darüber. Rote Streifen seiner blutverschmierten Finger blieben zurück.

„Was ist dir?“, fragte Bojan, der noch immer sein Tuch zur Blutstillung aufdrückte.

„Ich …, nichts, … Euer hat mich getroffen.“

Der Ältere erwiderte nichts. Er bückte sich unter dem Ast hindurch und schweigend gingen sie weiter.

Sie kamen an eine Senke mit ruhigem Wasser, glasklar, frisch und unberührt im Morgengrauen.

Ohne innezuhalten schritt Bojan ins Wasser.

„Komm zu mir!“, forderte Bojan ihn auf.

In seiner Stimme lag Festigkeit, Sicherheit, Wahrheit.

Wie sollte er dieser Stimme nicht folgen?, fragte er sich und tat den ersten Schritt, bis er mit Bojan brusttief im Wasser stand. Dabei riss er sich sein Obergewand vom Leib und warf es zurück ans Ufer. Es war ihm plötzlich zu eng, zu alt und zu besudelt.

„Tauche unter in dieses Wasser. Wasche dich mit reinem Wasser.“

Dabei legte er ihm die Hand auf die Schulter und nickte ihm aufmunternd zu.

Noch immer verstand Cédric nicht, was hier mit ihm vor sich ging. Aber er wusste, er vertraute diesem Mann. Und wenn dieser El Redi vertraute und ihm diente, ja dann würde er es auch tun. Sein Herz war auf einmal frei von jeder Furcht. Eine leise Freude kam über ihn und grinsend ließ er sich von Bojan untertauchen. Er tauchte, bis ihm der Atem ausging.

Alte Bilder kamen in ihm hoch. Für einen kurzen Moment fand er sich zurück in der Zeit, als Angst und Hass in sein Herz eingedrungen waren. Und, wie er nun erkannte, sogar seinen Verstand so vernebelt hatten, sodass er wie besessen vom Bösen war. Ich war ein Monstrum, stand ihm plötzlich vor Augen.

Wieder kam von außen etwas in ihn hinein. Es wurde ihm heiß, obwohl das Wasser um ihn herum eiskalt war. Ein Feuer, das sich von seinem Herzen ausbreitete, auf jede seiner Fasern übersprang und all das Böse aus ihm hinausdrängte, bis es komplett hinausgeschoben war. Ein völlig umfassender Friede umgab ihn.

Kurz holte er frisch Luft und tauchte erneut unter. Mit kraftvollen Zügen zog er sich durch das frische Wasser. Er hatte die Augen geöffnet. Sah seine Arme, Hände und Finger, wie sie sich im Wasser vorwärts schoben. Er selbst ganz und völlig umgeben von Klarheit. Er fühlte sich wohl, merkte er plötzlich.

„Tauche in meinem Wohlgefallen“, schien ihm eine Stimme zu sagen. „Ich werde mich um deine Angelegenheiten kümmern. Sei frei.“

Japsend kam er an die Wasseroberfläche. Die Müdigkeit war verschwunden. Er schwamm und schwamm, bis er wusste, er war gereinigt. Ganz. Er wusste nicht, woher es kam, aber sein Schmutz war fort. Prustend tauchte er auf.

„Bojan!“, rief er aus und winkte ihm zu, wie er geduldig wartend am Ufer stand. Er spürte, wie ein geradezu dämliches Grinsen sich seines Gesichtes bemächtigte.

„Ich weiß gar nicht, woher diese Freude auf einmal kommt!“, rief er Bojan zu und schwamm mit wenigen kraftvollen Zügen zu ihm zurück. Cédric stieg aus dem Wasser. Er konnte nicht anders als zu strahlen und zu grinsen. Und als Bojan bei seinem Anblick in freudiges Lachen ausbrach, öffnete sich auch in Cédric eine lang verschlossene Tür und zusammen lachten sie, bis ihnen Tränen aus den Augen traten.

„Ich verstehe gar nicht, was geschehen ist.“

Bojan lächelte ihn noch immer an: „Junge, du hast vertraut. Und es hat sich dir ein Weg damit aufgetan, der zum Leben führt. Trete frei und ungehindert nun jederzeit in El Redis Nähe. Dein schlechtes Gewissen ist abgewaschen und du bist frei für ein neues Leben.“{11}

„Ja! Woher wisst Ihr das? Genauso fühle ich mich. Als wäre der ganze alte Schmutz fortgespült. Einfach weg. Wie ist so etwas möglich? Ich habe so viel Schlimmes getan. Es haftete an mir und ich konnte nichts dagegen ausrichten.“

„Es ist des Königs Macht, neues und sauberes Leben zu schenken. Werfe dieses Leben nie wieder fort. Halte es fest. Egal, was kommen mag. Halte daran fest. Und du wirst das Leben finden, das nicht nur scheint, sondern echt ist.“

Bojan faltete das Bündel auseinander, welches er die ganze Zeit mit sich getragen hatte. Ein Mantel, erkannte Cédric. Unbenutzt. Er erkannte darin das Muster, an dem Draga gearbeitet hatte, als er von ihnen aufgenommen worden war. Es war einzigartig. In einem Meer verschiedenster Blautöne spann sich ein feines Netz.

„Bewahre dein neues Leben“, sprach Bojan, während er Cédric den Mantel umlegte.

„Dieser ist nun der deine. Wie das neue Leben, das du soeben empfangen hast.“

„Draga hat wochenlang daran gearbeitet!“ Ehrfürchtig befühlte er den Mantel.

Bojan nickte: „Tag für Tag hat sie daran gearbeitet. Nun ist er der deine.“

Noch immer zögerte Cédric.

„Nimm ihn an. Sie wird sich freuen zu sehen, dass ihre Arbeit nicht vergebens war.“ Mit festem Druck hielt er den Mantel um Cédrics Schultern fest.

„Sie hat all ihre Mühe und Fleiß in ihn hineingelegt, um ihn für dich zu bereiten.“

Behutsam ließ Cédric den Stoff durch seine Finger gleiten. Er fühlte sich warm, fest und doch geschmeidig an. Wie Dragas und Bojans Liebe, die sie ihm vom ersten Augenblick an geschenkt hatten. Seine Augen erfassten den feinen, kaum sichtbaren roten Faden, der mit eingewebt war. Plötzlich stand ihm klar vor Augen, wie diese zwei Menschen die Fäden eines neuen Lebens für ihn geflochten hatten.

Gemeinsam kehrten sie zum Haus zurück.

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Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
10 noyabr 2024
Həcm:
323 səh. 6 illustrasiyalar
ISBN:
9783752977882
Naşir:
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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