Kitabı oxu: «Die gigantischen Dinge des Lebens»

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Über dieses Buch

Wilburs Lebensphilosophie lautet: Unsichtbar sein. Kopf runter. Mund zu. Einfach schauen, dass man möglichst wenig auffällt. Sich an dem festhalten, was einem Freude macht. Und schließlich hat er ja auch noch zwei großartige Mütter, die ihn abgöttisch lieben.

Bei einem Schüleraustausch überwältigen Wilbur gigantische Gefühle für die quirlige Pariserin Charlotte. Aber wie wird man zu einem begehrten, coolen Typ, wenn man gerade eben noch völlig unsichtbar war? Wilburs Freunde sind überzeugt: Da hilft nur ein Selbstoptimierungsprogramm für Anfänger!

Einmal mehr beweist Susin Nielsen ihre außergewöhnliche Fähigkeit, starke Charaktere zu schaffen, die sich unerschütterlich von Problemen befreien, indem sie lernen, an sich selbst zu glauben. Ein Buch voller Humor, Weisheit und Warmherzigkeit.

»Eine offenherzige und lustige Geschichte über die erste Liebe und das Vertrauen in sich selbst.«

The Times

Susin Nielsen

DIE GIGANTISCHEN

DINGE DES LEBENS

Aus dem kanadischen Englisch

von Anja Herre


Verlag Urachhaus



Die Mumps glauben, dass es im Leben eine Handvoll entscheidender Momente gibt.

Auf Platz eins ihrer entscheidenden Momente rangiert der Abend, als sie sich das erste Mal trafen, vor sechzehn Jahren, bei einer Filmvorführung der Rocky Horror Picture Show in Vancouver. Soeben hatte Dr. Frank N. Furter verkündet: »Einen Toast!« Mum warf ihre Scheibe Toastbrot in Richtung Leinwand und traf Mup am Hinterkopf. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte. Seitdem sind sie wie verrückt ineinander verliebt. Es gibt ein Happy End, und wir sind uns wohl alle einig, dass das die besten Geschichten sind.

Mein entscheidender Moment ersten Ranges hat kein Happy End.

Im Grunde ist er noch nicht einmal vorbei.

Der fragliche Augenblick trat vor zweieinhalb Jahren ein, an meinem ersten Tag in der siebten Klasse. Wir waren vor Kurzem nach Toronto gezogen, ich ging also auf eine neue Schule.

Ach ja, es war auch meine erste Schule überhaupt.

Abgesehen von ein paar desaströsen Wochen im Kindergarten war ich mein ganzes Leben lang zu Hause unterrichtet worden. Doch als wir von Vancouver nach Toronto zogen, fassten wir einen Familienbeschluss: Es war an der Zeit, Schulunterricht und soziale Kontakte zu bekommen, in einem richtigen, echten Haus aus Stein mit richtigen, echten Kindern aus Fleisch und Blut.

Mum und Mup – gemeinhin bekannt als die Mumps – begleiteten mich an diesem ersten Septembermorgen zur Pierre-Elliott-Trudeau-Mittelschule. Sie umarmten und küssten mich und ich weinte ein bisschen, während all die Kinder an mir vorbeiströmten, was, wenn ich jetzt so darüber nachdenke, vielleicht nicht der optimalste Anblick war.

Was mir vom ersten Betreten dieses massiven Gebäudes aus rotem Ziegelstein vor allem im Gedächtnis geblieben ist: der Lärm. Natürlich hatte ich schon mit anderen Kindern zu tun gehabt; es hatte regelmäßig Ausflüge und Treffen mit Kindern gegeben, die auch zu Hause unterrichtet wurden. Aber da reden wir über maximal zehn bis fünfzehn Kinder. Die Flure dieser Schule waren vollgestopft mit Hunderten von Kindern, die schrien, lachten, Schließfachtüren zuknallten und herumrannten, obwohl es Schilder gab, die ihnen nahelegten, langsam zu gehen. Am liebsten hätte ich auf der Stelle kehrtgemacht und wäre wieder rausmarschiert. Doch dann fiel mir ein, was Mup am Abend zuvor gesagt hatte, als ich nicht einschlafen konnte. »Denk dran, Wil: Jeder Anfang bringt neue Erfahrungen mit sich.«

Also lief ich weiter.

Meine Achseln trieften vor Angstschweiß, als ich schließlich am Klassenzimmer ankam. Unser Lehrer, Mr Markowitz, stand an seinem Pult. Ich habe ihn noch vor Augen, in seinem braunen Anzug mit den schuppenbeschneiten Schultern. Er stellte uns eine Aufgabe: »Schreibt euch selbst einen Brief. Erläutert, wer ihr zum jetzigen Zeitpunkt seid. Dann fertigt eine Liste mit Zielen an, die ihr bis zu eurem Schulabschluss erreicht haben wollt. Steckt den Brief in den Umschlag, den ihr bekommen habt, schreibt euren Namen vorne drauf und klebt ihn zu. Die Briefe werden in der Zeitkapsel der Schule eingeschlossen. Und denkt daran«, fuhr er fort, »ihr könnt absolut ehrlich sein. Diesen Brief liest niemand außer euch. In sechs Jahren bekommt ihr ihn zur Zeugnisübergabe ungeöffnet zurück.«

Ich war fest entschlossen, exakt das zu tun, was man mir gesagt hatte.

Also war ich ganz und gar ehrlich.

Nach dem Unterricht trug Mr Markowitz die zugeklebten Umschläge zur Zeitkapsel, die überhaupt keine echte Zeitkapsel war, sondern der Safe im Büro des Direktors. Es war nicht weit von unserem Klassenzimmer, die Treppe runter und dann links. Doch am Treppenabsatz blieb Mr Markowitz einer zuverlässigen Augenzeugin zufolge stehen, um sich am Sack zu kratzen.

Das klang glaubwürdig, denn Mr Markowitz kratzte sich, wie wir in diesem Jahr feststellen sollten, ziemlich oft am Sack. Er machte das derart häufig, dass das Gerücht umging, er habe Filzläuse.

Während er sich also kratzte, flatterte ein Brief, ungesehen, zu Boden.

Meiner.

Zeitkapselbrief, Abschlussklasse 2026

Name: Wilbur Cézar Hernandez-Schott

Alter: 113/4

Beschreibe dich selbst, wie du heute bist: Ich bin 1,62 Meter groß. Farah, eine Freundin aus Vancouver, die auch zu Hause unterrichtet wurde, meinte, ich könnte den jungen Marty Feldman spielen, falls je ein Film über sein Leben gedreht werden sollte, was ich für ein Kompliment hielt, bis ich FRANKENSTEIN JUNIOR sah. Farah verpasste mir auch den Spitznamen ›Schwabbelsuse‹, weil ich a) pummelig bin und b) oft weine. Die Mumps beharren darauf, dass es sich a) um Babyspeck handelt und ich bald einen Wachstumsschub haben werde und dass es b) keinen Grund gibt, sich für Tränen zu schämen, und die Welt mehr sensible Männer braucht. Sie behaupten auch, mein Aussehen würde sich noch verwachsen. Ich hoffe, sie haben recht.

Außerdem hoffe ich, dass dann auch Jeremiah mit mir mitwächst, denn aktuell ist er in etwa so groß wie eine Kaulquappe. Und ich hoffe, dass ich lerne, ihn besser zu kontrollieren, denn seit Kurzem rührt er sich in den peinlichsten Momenten und völlig ohne Grund. Jetzt gerade zum Beispiel. Ich musste mir ein Schulbuch auf den Schoß legen.

Was kann ich sonst noch über mich sagen? Wenn ich mal groß bin, will ich Schriftsteller werden. Ich schreibe viel! Hauptsächlich Kurzgeschichten über Dinosaurier und das Weltall. Ich kann mich echt voll in meinen Fantasiewelten verlieren, was super ist, weil wir erst vor einem Monat nach Toronto gezogen sind und ich genau null Freunde habe! Ich hätte so schrecklich gerne ein Haustier, aber die Mumps sagen, ich muss warten. In Vancouver hatte ich eine Katze namens Zimtschnute, aber eines Tages kam sie nicht mehr nach Hause. Die Mumps meinten, sie habe bestimmt eine andere Familie gefunden.

Farah meinte, sie sei bestimmt von einem Kojoten gefressen worden.

Ziele, die du bis zu deinem Schulabschluss erreicht haben möchtest:

1. Größer sein.

2. Einen größeren Jeremiah haben.

3. Jeremiah kontrollieren können.

4. Weniger weinen! Es mag ja positiv sein, wenn Männer ihre Gefühle zeigen, aber falls ich noch ein einziges Mal bei dieser Werbung von der Tierschutzorganisation mit dem Lied von Sarah McLachlan weine, haue ich mich selber – wenn ich bloß daran denke, kommen mir schon wieder die Tränen.

5. Freunde finden! In Vancouver hatte ich nicht gerade viele Freunde, außer Stewart Inkster und ab und an jemand, der auch zu Hause unterrichtet wurde, wie Farah. Die Mumps sagen immer wieder, SIE seien meine Freundinnen, aber sie sind halt auch meine Mütter, ich bin also nicht sicher, ob das zählt.

6. Meine Texte veröffentlichen! Mir ist schon klar, dass das bis zum Schulabschluss eher unwahrscheinlich ist, und mir ist auch klar, dass man als kunstschaffender Mensch eine gewisse Anzahl von Rückschlägen einstecken muss, aber wie Mup zu sagen pflegt: »Am Anfang jedes Traums steht ein Träumer.«

7. Eine liebe- und einvernehmlich respektvolle Beziehung (© Mumps) mit einem besonderen Mädchen haben. Mich verlieben! (Und vielleicht, aber nur VIELLEICHT darf ich, wenn wir dann so richtig verliebt sind, mal ihren Vorbau anfassen. Natürlich nur mit ihrer enthusiastischen Zustimmung (© Mumps)!

8. Und schließlich und endlich: ein besserer Mensch sein. Nicht dauernd so ängstlich sein. Offener für neue Sachen. Was riskieren. Selbstbewusst und mutig sein.

Mup sagt immer: »Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!«

Gezeichnet

Wilbur Cézar Hernandez-Schott

Am nächsten Tag in der Schule dachte ich zunächst, ich spinne. Ganz bestimmt starrten mich nicht alle an.

Ich spann nicht.

Jemand hatte meinen Brief geöffnet – meinen persönlichen, privaten Brief – und abfotografiert. Dann hatte dieser Jemand ihn auf sämtlichen der Menschheit bekannten Social-Media-Kanälen gepostet, wo er kommentiert und mit jeglichen Leuten an meiner Schule und darüber hinaus geteilt wurde.

Gegen zehn Uhr vormittags versteckte ich mich im Schulkrankenzimmer und heulte erbärmlicher als bei der Tierschutzwerbung.

Gegen elf Uhr vormittags waren die Mumps zu einer Krisensitzung einberufen worden. Die Direktorin hatte wohl beschlossen, dass meine Schmach ohnehin nicht mehr zu überbieten war, denn sie gab ihnen meinen Brief auf ihrem Handy zu lesen. Sie versicherte ihnen, die Schule würde die Schuldigen finden und zur Verantwortung ziehen.

Auf der Heimfahrt weinte ich immer noch, deshalb setzte sich Mum zu mir nach hinten und hielt meine Hand. Sie war direkt vom Dreh zu Wo ein Wolf ist gekommen und hatte noch das komplette Spezialeffekt-Make-up drauf; ihre Hand war sehr haarig. »Das ist kein Weltuntergang, Nüsschen. So fühlt es sich jetzt vielleicht an, aber du wirst gestärkt daraus hervorgehen.«

»Mum hat recht«, antwortete Mup und guckte mich im Rückspiegel unseres neuen Autos an. »Was dich nicht umbringt, macht dich härter.«

Ich seufzte. Mum zog mich an sich und ich spürte ihre pelzigen Wangen. »Wenn du mich fragst, ich fand den Brief ganz großartig. Ehrlich und auf den Punkt gebracht.«

»Und du kannst sicher sein, in deiner Klasse gibt es keinen einzigen Jungen, der nicht schon die Demütigung einer spontanen Erektion durchgemacht hat«, ergänzte Mup von vorne, und ich versank noch tiefer in meinem Sitz.

Mum strich mir übers Haar. »Ein klitzekleines Hühnchen haben wir aber noch mit dir zu rupfen, Nüsschen.«

O nein.

»Musstest du wirklich das Wort Vorbau gebrauchen? Wir haben uns doch so bemüht, dir die anatomisch korrekten Bezeichnungen für Körperteile beizubringen.«

»Selbiges gilt auch für Jeremiah. Das war süß, als du noch klein warst, aber ich bin nicht sicher, ob es immer noch altersgerecht oder gesund ist, deinen Penis zu vermenschlichen.« Mup seufzte. »Bestimmt bin ich schuld, weil ich früher zu oft Joy to the World mit dir gehört habe.«

Tatsächlich hatte ich den Namen aus dem Lied geklaut, weil Jeremiah ein bisschen wie ein Ochsenfrosch aussah. Und er war ein guter Freund von mir.

»Damit wir uns richtig verstehen, Wil: Du möchtest die Brüste eines Mädchens berühren«, sagte Mum. »Und du wünschst dir einen größeren Penis.« Sie lächelte und entblößte scharfe, spitze Werwolfzähne.

Nur für den Fall, dass es nicht glasklar ist: Ich bin ein Einzelkind.


An dem Abend taten die Mumps ihr Bestes, um eine fröhliche Stimmung zu verbreiten. Sie holten sogar die Karaokeanlage heraus und versuchten, mich dazu zu bewegen, I will survive von Gloria Gaynor zu singen. (Ich weigerte mich.)

Später am Abend jedoch ging ich aufs Klo und hörte sie in ihrem Schlafzimmer reden.

Mum: »Ich wusste, dass Schule keine gute Idee ist.«

Mup: »Ach, jetzt komm, Norah. Woher wolltest du das denn wissen?«

Mum: »Aus denselben Gründen, die uns dazu bewogen haben, ihn zu Hause zu unterrichten, Carmen. Erstens ist er ein Frühchen. Zweitens ist er ein Dezemberkind. Und drittens – na ja, im gesellschaftlichen Miteinander ist er nicht gerade versiert, oder? Weißt du noch, im Kindergarten? Er hat jeden Tag geweint, drei Wochen lang, bis wir ihn zu guter Letzt rausgenommen haben.«

Mup: »Und hätten wir ihn eine vierte Woche drin gelassen, hätte er vielleicht aufgehört zu weinen und angefangen, sich einzufügen.«

Ich konnte sie zwar nicht sehen, aber ich spürte die eisige Kälte in Mums Schweigen.

Mum: »Ich will nur das Beste für unseren Jungen. Und diese Schule ist es nicht.«

Mup: »Norah, Liebling. Ich denke, wir können uns darauf einigen, dass unser Junge lernen muss, sich in dieser großen, verrückten Welt, in der wir leben, zurechtzufinden. Und außerdem, was haben wir denn für eine Wahl? Wir können ihn nicht weiter zu Hause unterrichten, nicht mit deinem neuen Engagement und meinen Arbeitszeiten.«

Mum: »Wir könnten uns nach einer Privatschule umsehen.«

Mup: »Und wie um Himmels willen würden wir das bezahlen?«

Schweigen. Dann:

Mum: »Er tut mir so furchtbar leid.«

Mup: »Ich weiß. Mir auch. Aber lass es uns ein paar Tage probieren. Ich bin sicher, die finden die Person, die dafür verantwortlich ist, und dann …«

Mum: »Hängen wir sie an den Füßen auf, pulen ihr mit einem Löffel die Augäpfel raus und weiden sie anschließend mit einem rostigen alten Messer aus …«

Mup: »Hach, du bist so eine Löwenmama.« Wieder wurde es still, aber dieses Mal war ich ziemlich sicher, dass sie sich küssten. Also ging ich ins Bett und versuchte, die fiesen Gedanken aus meinem Hirn zu vertreiben. Stattdessen stellte ich mir vor, ich sei in einer Scheune, zusammen mit den Tieren aus Wilbur und Charlotte, meiner absoluten Lieblingsgeschichte, und nach einer Weile schlief ich schließlich ein.


Die Schule fand den Übeltäter fast im Handumdrehen. Poppy, ein Mädchen in meiner Stufe, erzählte der Direktorin, sie habe gesehen, wie Tyler Kertz den Brief aufgehoben habe, nachdem Mr Markowitz ihn fallen gelassen hatte.

Ich hatte nur ein einziges Mal mit Tyler geredet, als ich in der Klasse neben ihm saß. »Schicker Hut«, hatte er gesagt.

»Danke. Ist ein echter Fischerhut.« Dann: »Ich bin Wilbur Cézar Hernandez-Schott.« Ich streckte die Hand aus.

Er ergriff sie nicht. Er ignorierte sie. »Hast du irgend ’ne Krankheit oder so was?«

»Was?«

»Deine Augen. Die sind glubschig.«

»N-n-nein. Die sind einfach so –«

»Siehst aus wie ’n Frosch. Oder ’n Mops.«

Da kam Mr Markowitz herein, und schon war’s vorbei.

Dennoch – oder vielleicht deswegen? – gab Tyler Mr Markowitz den Umschlag nicht einfach zurück, als er meinen Namen darauf entdeckte. Er öffnete ihn, las alles – und beschloss, alle anderen müssten das ebenfalls lesen.

Als man ihn aufforderte, sich dazu zu äußern, sagte er der Direktorin, er habe das »bloß zum Spaß« gemacht. Er hatte es nicht böse gemeint.

Kertz wurde für eine Woche von der Schule suspendiert und musste mir einen Entschuldigungsbrief schreiben.

Und ich?

Ich war verdammt zu einer Ewigkeit in der Hölle.

Machtlos. Im freien Fall mein Leben
Meine innersten Gedanken – der Welt preisgegeben

aus ›Ohne Fallschirm‹ von Wilbur Hernandez-Schott

»Die Zeit heilt alle Wunden«, sagt Mup gerne. »Und die Zeit verwundet alle Heiler.« Ich habe Mup wirklich lieb. Aber ihre Plattitüden sind manchmal echt kompletter Schwachsinn.

Nach Tylers Ausschluss vom Unterricht setzten wir uns zu einer unserer Familienbesprechungen zusammen. »Wir finden, du solltest versuchen, noch ein bisschen durchzuhalten«, sagte Mup. »Vor deinen Problemen wegzulaufen ist ein Rennen, das du niemals gewinnen wirst.« Mum stieß einen Würgelaut aus, und Mup nahm ihre Hand und drückte sie fest. Ich war mir ziemlich sicher, dass sie unterschiedlicher Meinung waren, sich jedoch darauf verständigt hatten, als geschlossene Front aufzutreten.

»Nur einen Monat, Gürkchen«, sagte Mum. »Wenn es danach nicht besser ist, holen wir dich raus.« Sie hörte sich an, als redete sie von einem Gefängnisausbruch.

Also ging ich weiter auf die Pierre-Elliott-Trudeau-Schule.

Und es war ein Albtraum.

Die Witze über Jeremiah nahmen kein Ende. Ein paar Kinder versuchten mich zum Weinen zu bringen, und ich muss leider zugeben, dass es ihnen bisweilen gelang. Noch schlimmer: Niemand nannte mich mehr Wilbur. Ich hatte einen neuen Spitznamen. Keiner von uns – weder ich noch Mum noch Mup – hatte je das Akronym bemerkt, das die Initialen meines Namens bildeten. WiCHS.

Ich hasste die Schule. Ich beschloss, den Mumps nach Ablauf des Monats zu sagen, dass ich da raus wollte.

Und prompt überrollte uns kurz vor Ende September eine Unglückslawine.


Eines Tages kam Mup ganz aufgewühlt von der Arbeit nach Hause. »Die haben mich durch einen Roboter ersetzt.« Sie arbeitete Vollzeit als Kassiererin in einem Lebensmittelladen. Vor Kurzem waren Selbstbedienungskassen angeschafft worden, und da man Mup als Letzte eingestellt hatte, war sie die Erste, die gehen musste. Ein paar Tage später löste sich Mums Fernsehsendung – ihre erste Hauptrolle, der Grund, weshalb wir nach Toronto gezogen waren – in Rauch auf. Jennica Valentine und meine Mum, Norah Schott, spielten in Wo ein Wolf ist die Anführerinnen eines Rudels weiblicher Werwölfe. Doch nur zwei Wochen nach Drehbeginn wurde der Produzent wegen etwas namens Geldwäsche festgenommen und die Produktion eingestellt.

Die Mumps rackerten sich ab, um Arbeit zu finden, irgendeine Arbeit. Spät nachts hörte ich sie reden; sie hatten furchtbare Angst, wir könnten das Haus verlieren, das wir erst vor Kurzem im Zentrum von Kensington Market gekauft hatten. »Wir haben das Fell verteilt, bevor wir den Bären erlegt hatten«, sagte Mup.

Sie waren komplett überlastet.

Als unsere Familienbesprechung wegen der Schule anstand, sagte ich deshalb bloß: »Ist okay. Alles gut. Die Schule läuft gut.« Und die vielen kleinen Muskeln in ihren Gesichtern entspannten sich, und mir war klar, dass sie unendlich erleichtert waren, sich um eine Sache weniger, und zwar mich, sorgen zu müssen.

Nur zwei Jahre, sagte ich mir. In der Oberschule würde ich ganz neu anfangen.

Ich Trottel.

Die Pierre-Elliott-Trudeau-Oberschule ist direkt neben der Pierre-Elliott-Trudeau-Mittelschule.

Und so zogen Tyler – und Wichs – zusammen mit mir um.


»Ey, Fichs, ist das ’ne halbe Packung Atemfrisch-Kaugummis in deiner Hosentasche oder freut sich Jeremiah bloß so, mich zu sehen?«, brüllte Kertz heute Morgen quer über den Flur, am ersten Tag nach den Weihnachtsferien. Fichs ist eine Abwandlung meines Spitznamens, wie er mir hilfreicherweise erläuterte: »Ist ’ne Kombination aus Wichs und Freak.« Ganz ausgefuchst.

»Du bist lahmer als ein Faultier, Wic… – ich meine, Wilbur! Noch eine Runde«, sagte unser Sportlehrer, Mr Urquhart, in der Sportstunde, denn ja, selbst er kennt meinen unseligen Spitznamen.

»Der Platz ist schon besetzt, Wichs«, sagte Poppy im Englischunterricht; Poppy, die immer nett zu mir gewesen war, bis Tyler, als Willkommensgeschenk in der Oberschule, das Gerücht verbreitete, ich würde gern an den Fahrradsätteln der Mädchen schnüffeln. Also echt. Ich habe noch nie, nicht ein einziges Mal, an einem Fahrradsattel gerochen. Eigentlich an keiner Art von Sitzgelegenheit, wenn ich so darüber nachdenke. Doch einige Mädchen haben ihm geglaubt und weigern sich seitdem, in meiner Nähe zu sitzen.

»Verzeihung, Wichs, dürfte ich mir einen Bleistift ausborgen?«, fragte Jo Lin in Mathe. Das versetzte mir den tiefsten Stich, weil Jo Lin wirklich aufrichtig freundlich ist, zu mir und zu allen Leuten. Sie wollte nicht gemein sein, sie denkt einfach, dass ich so heiße.

Obwohl ich vierzehn bin, haftet mir wie ein übler Geruch ein Brief an, den ich mit elf – elf! – geschrieben habe. Es ist, als hätte sich in all den Jahren nichts verändert. Als hätte ich mich nicht verändert. Ich habe mich aber verändert. Zum Beispiel bin ich jetzt viel größer. Die Mumps hatten recht, ich bekam einen gewaltigen Wachstumsschub. Es ging so schnell, dass sie witzelten, sie könnten meine Knochen knarzen hören. Ich hatte buchstäblich Wachstumsschmerzen. Nun bin ich über einsachtzig groß. Aber meine Körpergröße ist kein Vorteil; ich spiele weder Basketball noch sonst eine Mannschaftssportart, weil ich ein totaler Trampel bin und dazu neige, mich zu ducken, sobald irgendeine Art von Ball in meine Richtung geworfen wird. Außerdem bin ich zwar größer geworden, aber trotzdem immer noch pummelig und weich. Und meine Haare haben so eine komisch drahtartige Struktur; Tyler sagt gern, sie sähen aus wie ein Haufen braune Schamhaare. Und, na ja, außer sie auszureißen kann ich an meinen Glubschaugen nicht viel machen.

Jeremiah ist mit mir mitgewachsen, also, im Verhältnis. Niemand würde ihn für einen Porno oder so was anheuern. Aber er ist durchschnittlich, wie der Mensch, an dem er hängt. Und seine willkürlichen Regungen gehören (weitgehend) der Vergangenheit an.

Was den Rest meiner Liste angeht, so kann ich stolz verkünden, dass ich die Tierschutzwerbung in mindestens vierzig Prozent aller Fälle anschauen kann, ohne zu weinen. Noch besser, ich habe einen tollen Freund – zwei, wenn man Templeton mitzählt –, und eine Zeit lang waren Alex und ich Freunde, aber ich bin mir nicht so sicher, wie da momentan die Lage ist.

Ich schreibe immer noch pausenlos, mittlerweile allerdings hauptsächlich Gedichte; Geschichten über Dinosaurier und das Weltall waren Kinderkram (na gut, ich gestehe: Ich liebe Dinosaurier immer noch, aber mal im Ernst, wer denn bitte nicht?). Und nein, ich habe noch nichts veröffentlicht. Aber ich sage mir, dass mein Leid einen besseren Schriftsteller aus mir machen wird. Gepeinigter Künstler und so.

Hinsichtlich Nummer sieben überrascht es nicht, dass ich da in epischem Ausmaß gescheitert bin. Nie im Leben werde ich vor dem Schulabschluss eine liebe- und einvernehmlich respektvolle Beziehung (© Mumps) haben. Dafür hat Kertz gesorgt. Die Mädchen in meiner Schule beäugen mich misstrauisch, vorsichtig oder mitleidig – manchmal auch alles in einem.

Und acht – ein besserer Mensch werden, mutig sein, blablabla – ja klar. Heutzutage sind meine Ziele sehr viel simpler: einfach bloß den Tag überstehen. Kopf runter, Mund zu. Zieh keine unnötige Aufmerksamkeit auf dich. Wer nichts wagt, gewinnt vielleicht nichts, aber, Achtung, Eilmeldung, verliert vielleicht auch nichts! Ich habe nämlich schon ein paar ziemlich hochwertige Sachen verloren, wie a) meine Würde, b) meine Selbstachtung und c) jegliches Selbstvertrauen, das ich irgendwann mal hatte.

Aktuell mein einziges Ziel: versuchen zu überleben.

Wer bin ich?

Beim Blick in den Spiegel erkenne ich wen?

Mein Bild von mir selbst

oder das, was die anderen seh’n?

Welcher ist echt?

Welcher bloß Schein?

Wichs oder Wilbur? Will am liebsten nur schrei’n.

Wenn im Wald ein Baum fällt,

kracht es laut oder ist nichts vernehmbar?

Wird der Abgestempelte irgendwann sein Stempel?

(tiefgründig, schon klar)

Keine wird mich jemals lieben

als Wichs

Bin Außenseiter oder noch schlimmer

ein Nix.

Einer gehört angeklagt

trägt Schuld an meinen Qualen

Er weiß, wer er ist, doch sein Name bleibt ungesagt

Ich stoß meinen Quäler, im Traum oder Wahn,

in eines seelensaugenden Dementors Bahn

Und wenn ich ihn vor eine Dampfwalze bugsiere

bleibt nichts weiter übrig als klebrige Schmiere.

von Wilbur Hernandez-Schott

»Erzähl doch mal von deiner ersten Schulwoche nach den Ferien«, sagte Sal am Samstagmorgen zu mir. Wir standen vor unseren benachbarten Schließfächern in der Umkleide des jüdischen Gemeindezentrums und zogen uns aus. Ich tat mein Bestes, um nicht hinzugucken, weil a) Starren sehr unhöflich und b) Sal »fünfundachtzig Jahre jung« ist und somit sehr, sehr viele Falten hat, und zwar am ganzen Körper.

»War ganz okay«, erwiderte ich. »Die Trudeau-Tonartisten haben viel geprobt. Mr P will, dass wir gut sind, wenn unsere Gäste kommen.« Der Leiter unserer Band, Mr Papadopoulos, war den Sommer über bei einer Schulorchesterkonferenz gewesen und hatte eine Dirigentin aus Paris kennengelernt. Es ging das Gerücht um, sie hätten richtig viel S-E-X gehabt und einen Schüleraustausch ausgeklügelt, damit sie einander wiedersehen konnten. Am Montag sollte das französische Orchester ankommen. »Wir haben die Namen der Leute gekriegt, die bei uns übernachten«, erzählte ich. »Meiner heißt Charlie Bourget.«

»Charlie klingt nicht sehr französisch.«

»Genau, finde ich auch! Ich hatte einen Yves erwartet, oder einen Jaques.« Unter dem Schutzmantel eines Handtuchs zog ich meine rote Badehose an. Ich habe nicht den Körper für eine Badehose; viel lieber würde ich sackartige Badeshorts tragen; aber Sal hat mir die Badehose zum Geburtstag geschenkt, und wer bin ich denn, dass ich meinen besten Freund beleidigen würde?

Er hielt sich an meinem Arm fest, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, und wir zogen los, langsam, aber stetig. Eigentlich hatte ich in diesem Kurs gar nichts zu suchen, frühestens in ungefähr fünfzig Jahren, doch Sal benötigte meine Hilfe im Umkleideraum, also wurde eine Ausnahme gemacht.

Mup stand schon am Becken, ihre schwarzen Locken steckten unter einer Badekappe, ihr kräftiger Körper in einem marineblauen Badeanzug. Die anderen, die am Kurs teilnahmen – alles Frauen, alle weit über sechzig –, umringten sie. Dies ist einer von ihren drei Teilzeitjobs, und ich bin ziemlich sicher, dass sie den am meisten mag.

Als die Damen uns erblickten, fingen sie an zu grinsen. »Unsere Jungens sind da!«, sagte Ruth Gimbel. Da wir die einzigen Männer im Kurs sind, behandeln sie Sal und mich wie Rockstars. Die Damen kneifen mich in die Wangen, wuscheln mir durchs krause Haar und bringen mir hausgemachtes Gebäck mit, was echt klasse ist.

Doch wenn ich also quasi der Schlagzeuger der Band bin, dann ist Sal der Frontsänger und Mädchenschwarm. Die Damen lieben ihn. Mindestens vier von ihnen, einschließlich Ruth, flirten mit ihm, weil sie wissen, dass er Witwer ist und darüber hinaus einfach ein beeindruckender Mensch.

Mup schaltete die Musik ein. »So, alle miteinander, ab ins Wasser!«

Sal und ich hüpften ins Becken. In der folgenden Stunde ging ich auf eine Art und Weise aus mir raus wie sonst nirgendwo. Ich schleuderte die Arme hoch, schüttelte verwegen meine Schultern und tanzte unter Wasser Cancan.

Aquagymnastik für alle ab 60+ zählt definitiv zu den Höhepunkten meiner Woche.


Mup musste noch weitere Kurse geben, also liefen Sal und ich hinterher sehr langsam zum Royal Ontario Museum, das nur ein paar Straßen entfernt lag. (Sal schenkt mir jedes Jahr zu Weihnachten eine Junior-Mitgliedschaft und ich ihm jedes Jahr zu Chanukka eine Senioren-Mitgliedschaft.) Sal spähte in seine Leinentasche. »Was hast du heute erbeutet?«

»Nanaimo-Riegel und Kekse mit Schokostückchen von den Zwillingen«, sagte ich. »Und du?«

»Dasselbe. Und noch einen ganzen Schokoladen-Babka von Ruth.«

»Sie steht so was von auf dich.«

»Da gebe ich dir nicht Unrecht. Aber es ist noch zu früh.«

»Irmas Tod ist drei Jahre her.« Ich hatte Sals Frau nie kennengelernt; sie war gestorben, bevor wir einzogen, aber ich wusste, dass sie ihm noch immer sehr fehlte.

»Genau. Zu früh. Und außerdem, wenn du die Wahrheit hören willst, Ruth grabscht ganz gern mal. Heute im Becken hat sie mir drei Mal an meinen Derrière* gefasst.«

»Woa. Dreist.«

»Seh ich genauso.«

Wir betraten das Museum und liefen ohne Umwege zu Fulton, so nennen wir das riesige Dinosaurierskelett, das das gesamte Foyer beherrscht. Unsere gemeinsame Begeisterung für alles, was mit Dinosauriern zu tun hat, gehörte zu den Dingen, die uns von Anfang an verbanden. Er lieh mir ein paar Bücher, und ich las ihm die Geschichten vor, die ich über einen freundlichen, aber scheuen Tyrannosaurus Rex mit dem recht einfallslosen Namen Tex geschrieben hatte.

Fulton ist kein Tyrannosaurus; er ist die Nachbildung eines Futalognkosaurus, der vor Urzeiten Südamerika durchstreift hat. Er ist riesig. Seine Füße stehen auf zwei Metallklötzen mit ein paar Metern Abstand dazwischen.

Wir legten uns, die Hände unterm Kopf, auf den Boden. Wir blickten nach oben und betrachteten Fultons Knochen. Das ist eine von Sals Lieblingsbeschäftigungen. »Stell dir mal vor, diese Lebewesen sind vor Millionen und Abermillionen von Jahren auf ebendiesem Planeten herumgelaufen! Das ist unglaublich. Unser Leben ist bloß ein Fliegenschiss. Gigantisch! Aber nichtsdestotrotz ein Fliegenschiss!«, sagt er gerne. »Was ist das Leben doch für ein Wunderwerk!« Sal steckt in dieser Hinsicht voller Weisheit; einen besten Freund zu haben, der einundsiebzig Jahre älter ist als ich, ist ein Geschenk.

»Hast du dich mit Alex fürs Wochenende verabredet?«, fragte er, während wir Fultons wuchtigen Brustkorb anstarrten.

»Nein. Ich hab’s versucht, aber … er hatte schon was vor.«

»Der Freund?«

Ich nickte.

»Ah. Sehr schade. Manche Leute drehen ein bisschen durch, wenn sie sich in den ersten Zügen einer Romanze befinden.«

»Ist schon okay. Dafür kann ich mehr Zeit mit dir verbringen.«

»Du brauchst auch gleichaltrige Freunde, Wilbur. Ich habe Freunde in meinem Alter.«

»Sal. Wilbur.« José, die Samstagsaufsicht, türmte sich über uns auf. Seine Uniform spannte über seinen Muskeln. »Ihr wisst, was jetzt kommt.«

Sal und ich sagten einstimmig: »Ihr könnt hier nicht auf dem Boden liegen. Ihr gefährdet euch und andere.« José ergriff Sals ausgestreckte Hand und half ihm hoch. Er reichte Sal seinen Filzhut.

»Ich hab was zum Naschen für dich, José.« Sal griff in seine Tragetasche und gab José eine seiner Tüten mit Süßigkeiten.

Josés Augen leuchteten auf. »Nanaimo-Riegel. Danke, Sal.«

Per U-Bahn und Tram fuhren wir zurück zu Sals Haus, das direkt neben unserem steht und zu einer Reihe von schmalen Backsteinreihenhäusern in Kensington Market gehört. Einige sind in knalligen Farben gestrichen, unseres zum Beispiel in Mauve. Seines hat noch die ursprüngliche Backsteinfarbe. Innen sind unsere Häuser im Grundriss gespiegelt, aber da hören die Ähnlichkeiten auch schon auf: Das Haus meiner Familie ist vollgestopft mit Zeug, das Mum in Kleinanzeigen oder bei privaten Flohmärkten gefunden hat; Sals Haus ist voll mit Antiquitäten.

Traditionsgemäß machte er uns zum Mittagessen Grillkäse-Sandwiches mit eingelegten Gurken. Das lag daran, dass wir beide Grillkäse lieben und dass Sal außerdem seit Jahren in Rente ist und mit wenig Geld auskommen muss; ich weiß zufällig, dass er sehr oft Grillkäse, Ramennudeln und Suppe aus verbeulten Dosen isst.

Um halb eins brachte er mich zur Tür. »Hier, nimm noch was von dem Babka für unterwegs mit.« Er reichte mir zwei dicke Scheiben in einem Frischhaltebeutel.


Ich verabschiedete mich und lief zur Sandwich Station in der Queen Street West. Während der Weihnachtsferien hatte mich der Eigentümer, Mr Chernov, vom Sandwich Creation Profi zum Sandwich Creation Expert befördert. Das ging nicht mit einer Gehaltserhöhung einher, aber Mr Chernov erinnerte mich daran, dass es mehr Verantwortung bedeutete, also ist das wohl angemessen, nehme ich an. Da Mr Chernov selten da war – er war Chef von drei Restaurants, die zu einer Kette gehörten –, war ich streng genommen der Vorgesetzte der anderen Angestellten, aber ich bin nicht ganz sicher, ob diese Info zu ihnen durchgedrungen ist.

»Dmitri, du bist dran mit den Toiletten«, sagte ich kurz nach Beginn unserer Schicht. Dmitri ist neu, klein und drahtig und hat eine Igelfrisur. Er ist ungefähr in meinem Alter und außerdem das, was ich als schwierigen Angestellten bezeichnen würde.

Er schrieb gerade Textnachrichten und reagierte nicht.

»Dmitri. Du weißt, die Toiletten müssen einmal pro Stunde überprüft und geputzt werden.«

»Sorry, Dilbert, geht nicht«, sagte er, ohne aufzuschauen.

»Wilbur«, sagte ich. »Wieso nicht?«

»Gesundheitliche Gründe. Ich hab Psoriafungalitis.«

Ich sah ihn verständnislos an.

»Hautkrankheit. Ich darf keine starken Putzmittel benutzen, sonst krieg ich einen superekligen Ausschlag.«

Ich wusste, ich konnte ihn schlecht zu etwas nötigen, wozu er aus medizinischer Sicht nicht in der Lage war – selbstverständlich hatte ich die achtzigseitige Dienstvorschrift gelesen –, also putzte ich die Toiletten selbst. Ich weiß nicht, ob das nur in unserem Laden vorkommt oder ob es ein weit verbreitetes Phänomen ist, aber es gibt eine Menge Leute, die entweder nicht begreifen, wie man spült, oder die sich einfach nicht die Mühe machen zu spülen.

Während Dmitris Pause kam Mitzi zu mir. Sie ist ungefähr in meinem Alter, ein oder zwei Jahre jünger, hat eine kräftige Statur, lange rote Haare und eine Hornbrille. »Dir ist schon klar, dass er sich das ausgedacht hat.«

»Psoriafungalitis? Nein, ich bin mir ziemlich sicher, dass es das wirklich gibt.«

Mitzi holte ihr Handy raus und tippte das Wort ein. Sie hielt es mir vor die Nase. »Nee.«

»Oh.«

Wir standen rum und lauschten eine Weile der Fahrstuhlmusik. Sie begutachtete ihr Spiegelbild im Fenster. »Wer um Himmels willen hat diese Uniformen entworfen? Pikachu?«

Unsere Uniformen sehen abscheulich aus – einteilige bananengelbe Anzüge mit Reißverschluss aus billigem Polyester. Ich nehme an, sie sollen zu den billig wirkenden gelben Plastiktischen und -stühlen passen, die auf dem Boden festgeschraubt sind.

»Also, ich finde ja, du siehst damit ziemlich gut aus«, sagte ich. »Wie Sigourney Weaver in Alien. Oder Uma Thurman in Kill Bill.«

»So irgendwie knallhart?«

»Auf jeden Fall.«

Das bescherte mir ein seltenes Lächeln; meistens sieht Mitzi verächtlich und gelangweilt aus. Keine Ahnung, was sie von mir hält.

Wenn ich ganz ehrlich bin: Ich finde sie ziemlich Furcht einflößend.


Während unserer Schicht arbeiteten Mitzi und ich ununterbrochen, anders als Dmitri, der immer wieder für längere Zeit nach hinten verschwand. Er verließ den Laden fünfzehn Minuten, bevor seine Arbeitszeit offiziell zu Ende war.

Um sechs Uhr übernahmen George und Deepak. Da es schon dunkel war, begleitete ich Mitzi nach Hause. »Musst du echt nicht machen«, sagte sie. »Ich habe den blauen Gürtel in Karate. Ich könnte einen Typen plattmachen, der doppelt so groß ist wie du, und zwar sehr viel müheloser, als du es je fertigbringen würdest, nimm’s mir nicht übel.«

»Ich nehm’s dir nicht übel. Und ich glaube dir. Aber es liegt ohnehin auf meinem Weg.«

Sie wohnt in der Shaw Street, und da wir zu zweit waren, nahmen wir eine Abkürzung durch den Trinity-Bell-woods-Park.

»Ich glaube, Franklin ist krank«, erzählte sie. Ich brauchte kurz, um mich daran zu erinnern, dass Franklin ihre Schildkröte war. »Er wird langsamer.«

»Aber benimmt er sich dann nicht einfach wie … eine Schildkröte?«

»Glaub mir, ich erkenne den Unterschied. Franklin und ich sind unzertrennlich.«

Ich brachte sie bis zu ihrem Haus. »Na, ich hoffe, er kommt bald wieder in die Gänge«, sagte ich. »Und denk dran, ich werde jetzt eine Woche nicht arbeiten.«

»Ach, stimmt. Dein Austauschschüler. Hoffe, das wird gut.«

Mitzi drehte eine Pirouette, winkte mir zum Abschied zu und lief die Einfahrt hinauf.

Sie ist ein von Rätseln umwobenes Mysterium.


Als ich unsere Haustür öffnete, empfingen mich ein Schwall warmer Luft, Kulturradio und Templeton, der auf seinen kurzen Beinchen mit begeistert fiependem Gebell in den Flur trippelte. »Wo ist mein braver Kleiner?«, rief ich mit Babystimme. »Wo ist mein braver, süßer Kleiner?« Ich nahm ihn hoch. Angriffslustig leckte er mein Gesicht ab.

Wir liefen in die Küche. Unter dem Spülbecken schauten Mups Beine hervor. Sie sagt gern: »Wenn’s hart auf hart kommt, legen die Harten erst richtig los.« Das hat sie gemacht, seit sie entlassen wurde. Zusätzlich zu ihren drei Teilzeitjobs beschloss sie, Reparaturen eben selbst zu erledigen, wenn wir uns einen Handwerker nicht leisten konnten. Sie schaut sich Videoanleitungen zu allen möglichen Themen an, vom Verputzen bis hin zu einfachen Klempnerarbeiten; sie hat sich alles selber beigebracht. Aber sie ist auch nur eine einzelne Frau und lebt mit zwei Individuen mit räumlicher und handwerklicher Behinderung zusammen, also geht das Reparieren langsam vonstatten.

Gerade setzte ich Templeton ab, als Mup mit triumphierendem Grinsen unter der Spüle hervorgekrochen kam. »Hab die undichte Stelle repariert. Ich koche gleich Abendessen – Pfui. Wil.« Mup deutete auf Templeton. Er robbte mit den Vorderbeinen durchs Zimmer und schleifte seinen Hintern übers Linoleum. »Du weißt, was das heißt.«

Wusste ich. »Muss das jetzt sofort sein?«

»Er hinterlässt Kackspuren auf dem Boden. Und du weißt, worauf wir uns geeinigt haben. Du bist seine …«

»Hauptverantwortliche Betreuungsperson. Ich weiß.« Das hatten mir die Mumps eingetrichtert, als ich ihn adoptieren durfte. Ich nahm ihn wieder hoch und hielt ihn diesmal etwas mehr auf Abstand. »Du hast Glück, dass ich dich so lieb habe«, flüsterte ich in sein gutes Ohr. Dann trug ich ihn nach oben, um mein Werk zu verrichten.


Als ich fertig war, ging ich mit Templeton vor dem Abendessen in dem winzigen Park unseres Viertels noch eine schnelle Runde Gassi. Die Mauern auf beiden Seiten waren mit bunten Wandgemälden und Graffiti bedeckt. Lloyd, der einen Imbiss mit Teigtaschen nach jamaikanischer Art betreibt, und Viktor, dem der Käseladen gehört, saßen in Anoraks auf ihrer Lieblingsbank und rauchten einen Joint. Sie gehören zum Inventar des Parks, egal, welches Wetter herrscht oder wie spät es ist. Wir grüßten einander. Lloyd fügte hinzu: »So’n Gesicht kann nur eine Mutter lieben.« Ich war nicht ganz sicher, ob er Templeton oder mich meinte.

Als wir zurück nach Hause kamen, war Mum ebenfalls in der Küche und deckte den Tisch. Sie trug einen Hosenanzug und hatte ihr langes, dunkles Haar auf dem Kopf aufgetürmt. Meine Mütter sind schöne Frauen: Carmen ist klein und hat eine Rubensfigur und üppige schwarze Locken; Norah ist groß und schlank und hat langes, kastanienfarbenes Haar und unglaubliche Wangenknochen. Ich erwähne das nur, weil es mir ein Rätsel ist, wie Mum so einen Gnom wie mich auf die Welt bringen konnte. Vor allem, weil das Profil des Spenders besagte, er sei ein gut aussehender Mann mit Harvard-Abschluss, der es beinahe in die olympische Rudermannschaft geschafft habe …

Ich glaube eher, er war ein sehr guter Lügner, der sein Sperma gespendet hatte, weil er die Kohle brauchte.

Mup stellte Schüsseln mit Grünkohl-und-weiße-Bohnen-Suppe auf unseren kleinen Resopaltisch. Sie kocht an den Tagen, an denen sie als Erste nach Hause kommt, und das sind die wirklich guten Tage, weil sie sehr viel besser kochen kann als Mum, aber das behalten wir für uns, denn Mum hört das gar nicht gerne.

Abwechselnd berichteten wir, wie unser Tag gelaufen war. Das ist eine Hernandez-Schott-Familientradition. Als Mum an der Reihe war, sagte sie: »Heute war ich in einer Restaurantszene im Hintergrund. Ich sollte so tun, als sei ich in einen alten Knacker verliebt. Der war bestimmt dreißig Jahre älter als ich. Es war unfassbar öde.« Nachdem sich Wo ein Wolf ist erledigt hatte, war es auch mit Mums Schauspielkarriere vorbei. Aber ebenso wie Carmen ist auch Norah einfallsreich. Sie beschloss, dass keine Rolle zu klein ist, und nimmt jetzt viele Jobs als Statistin an. Außerdem hat sie ein gutes Auge für Trödel bei privaten Flohmärkten; sie putzt die Sachen oder arbeitet sie auf und verkauft sie dann mit Gewinn weiter.

Ich schlürfte den letzten Rest Suppe. »Ich glaube, ich habe noch gar nicht erwähnt«, sagte ich, genau wissend, dass ich es bisher unterlassen hatte, »dass Mr Papadopoulos die Anzahlung für die Austauschfahrt bis Freitag braucht.« Das französische Schulorchester kam nicht nur zu uns; im April sollten wir sie dann in Paris besuchen. Deshalb heißt es vermutlich Austausch. Der Elternbeirat finanzierte einen Teil der Kosten, aber für das meiste mussten wir selbst aufkommen.

Die Mumps warfen einander Blicke zu. »Wie viel?«

»Vierhundert Dollar«, sagte ich. »Insgesamt tausendsechshundert.«

Ich hörte, wie sie unisono nach Luft schnappten. Mum beschäftigte sich damit, eine der vielen Retro-Keksdosen herunterzuholen, die auf den Küchenschränken aufgereiht stehen.

»Ich habe lange überlegt«, sagte ich. »Ich muss nicht nach Paris. Ich glaube eh nicht, dass es mir besonders viel Spaß machen wird.«

»Wieso in aller Welt denn nicht?«, fragte Mup.

»Andere Sprache, anderes Essen, andere Kultur …« Ich verzog das Gesicht.

»Stimmt, du magst keine Veränderungen«, sagte Mum. Sie nahm ein paar selbst gebackene Kürbiskekse aus der pilzförmigen roten Dose mit den weißen Punkten und wandte sich zu Mup um. »Als er kleiner war, wollte er nicht mal bei Stewart übernachten, weil er lieber in seinem eigenen Bett schläft. Mehr als einmal mussten wir mitten in der Nacht bis nach North Shore fahren, um ihn abzuholen, weißt du noch?«

»Aber genau deswegen sollte er fahren. Er muss mal raus aus seiner Komfortzone.«

»Irgendwann schon, ja«, sagte Mum. »Aber es ist viel Geld. Und Paris wird es auch noch geben, wenn er älter ist und vielleicht ein wenig … abenteuerlustiger?«

Manchmal machten sie das, sie sprachen über mich in der dritten Person, als sei ich nicht da.

Mup drehte sich zu mir um. »Hast du was von deinem Gehalt gespart?«

»Ein bisschen. Nicht so viel, wie ich gehofft hatte.«

»Nun, es ist eine einmalige Gelegenheit. Die Anzahlung kriegen wir hin. Ich übernehme noch ein paar zusätzliche Taxifahrten.« Taxifahren ist Mups zweiter von drei Jobs. »Heute Abend stelle ich den Scheck aus. Gib ihn deinem Lehrer aber nicht vor Donnerstag; bis dahin sollte das Geld da sein.« Mum machte einen Schmollmund, sagte aber nichts. »Und wenn wir gerade dabei sind, ich setze mich gleich noch ein paar Stunden hinters Steuer.« Mup gab uns beiden einen Kuss und ging.

Nach dem Abwasch ließ Mum mich einen Film aus unserer riesigen DVD-Sammlung aussuchen; die kriegt sie bei Flohmärkten fast für umsonst. Ich entschied mich für unser Lieblingsmusical, West Side Story. Wir kuschelten uns aufs Sofa. Templeton saß auf meinem Schoß. Doch selbst als wir bei Hey, Inspektor Krupke mitsangen, musste ich gegen das Gefühl von Einsamkeit ankämpfen, das sich in mir breitmachte.

Samstagabends war ich immer zu Hause, zusammen mit einer Mutter oder beiden und meinem Hund. Sogar Sal hatte samstags eine feste Verabredung zum Doppelkopfspielen mit ein paar seiner angemessen gleichaltrigen Freunde.

»Freust du dich schon auf deinen Austauschschüler?«, fragte Mum bei Ein Kerl wie der.

»Ja.« Ich hielt inne. »Ich hoffe bloß …«

»Was?«

»Ich hoffe bloß, dass Charlie Toronto mögen wird.«

»Natürlich wird es ihm gefallen. Wieso denn auch nicht?«

Ich traute mich nicht auszusprechen, was ich wirklich dachte, nämlich:

»Ich hoffe, dass Charlie mich mögen wird.«

* Französische Wörter oder Sätze, die sich nicht aus dem Zusammenhang erschließen lassen, werden auf Seite 276 f. erklärt.

Wie der Weidenzweig
wogend
und schwankend im Wind

ein Mondhaiku von Wilbur Hernandez-Schott

»Jesses, Blechbläser, ihr hört euch ja an wie ein Rudel verendender Katzen!«, brüllte Mr Papadopoulos mit sich überschlagender Stimme am Montag über das Getöse hinweg. »Konzentration!«

Er schwang seinen Taktstock und enthüllte dadurch gewaltige Schweißflecken auf seinem rot-weiß karierten Hemd. Sein kahler Kopf glänzte feucht.

Ich stand hinten und konzentrierte mich auf jede Note. Wir probten O Canada noch ein letztes Mal, bevor unsere Gäste ankamen.

Ich hatte nicht viele Einsätze, erst am Ende. Als ich meinen Moment gekommen sah, stand ich auf. Mr Papadopoulos schaute in meine Richtung … Ich nahm meinen Metallschlägel … hielt mein Instrument mit gebeugtem Arm, knapp unter Augenhöhe … und auf Mr Ps Signal legte ich einen perfekten zweiseitigen Wirbel hin.

Die Triangel ist wirklich ein unterschätztes Instrument.


Ein paar Minuten später wies Mr P uns an, unsere Sachen zusammenzusuchen und uns auf den Weg zum Parkplatz zu machen. Ich beeilte mich, um Alex noch zu erwischen – den Jungen, der für eine kurze und glorreiche Zeit mein zweiter bester Freund gewesen war. Seine Eltern arbeiteten beide bei derselben Bank und waren von Calgary nach Toronto versetzt worden. Alex ist klein und rundlich, hat dickes schwarzes Haar, das ihm ständig in die Augen fällt, und einen Mund voller Metall. Damals kleidete er sich noch wie ein Büroangestellter: gebügeltes Hemd, gebügelte Hose. Alles wirkte einen Hauch zu eng für seine kräftige Statur. Er besaß sogar eine Aktentasche.

Mit anderen Worten, er war die perfekte Zielscheibe für Tyler Kertz.

Als er sich an seinem ersten Tag in Naturwissenschaften neben mich setzte, spürte ich, wie nervös er war, denn er blinzelte unablässig und summte unmelodisch vor sich hin. Fünf Minuten nach Stundenbeginn ließ er seinen Stift fallen. Er hüpfte von seinem Hocker, bückte sich, um ihn aufzuheben –

Und mit einem rrrattsch riss seine Hose, genau an der Hinternnaht.

Augenblicklich drehte sich in der Reihe vor uns Tyler um, seine Sinne wie die eines Hais in höchster Alarmbereitschaft; soeben hatte er Blut gerochen und war bereit zuzuschlagen.

»’tschuldigung«, platzte es aus mir heraus. »Bohnen zum Abendessen.«

Tyler und ein paar andere sahen mich angeekelt an. »Du bist so abartig, Wichs.«

Ich zog meinen beigefarbenen Pullover aus und reichte ihn wortlos Alex. Er band ihn sich um die Taille und blinzelte wie irre.

Nach dem Unterricht holte er mich auf dem Flur ein. »Hey. Danke. Keine Ahnung, wieso du das gemacht hast, aber – danke.« Auch ich war nicht sicher, weshalb ich es getan hatte. Vielleicht hatte ich entschieden, dass ich nichts – keine Würde, keinen Ruf – zu verlieren hatte. »Kann ich dir den Pullover morgen zurückgeben?«

»Ja, na klar.«

»Ich bin Alex. Alex Shirazi.« Er lächelte zu mir hoch. »Und ich brauche weitere Hosen!« Dann fing er an zu lachen, hauptsächlich vor Erleichterung, und er lachte noch lange weiter, bis ich schließlich auch lachte.

Nach der Schule bemerkten wir, dass wir in dieselbe Richtung mussten, also liefen wir zusammen, und es stellte sich heraus, dass wir gerade mal zwei Straßen voneinander entfernt wohnten. Und so fingen wir an, gemeinsam zur Schule und von der Schule nach Hause zu laufen, und ziemlich bald hingen wir auch nach der Schule zusammen herum. Ich erfuhr, dass Alex Fernsehsendungen wie Parts Unknown des verstorbenen Kochs und Autors Anthony Bourdain liebte und andere Kochsendungen wie Salz. Fett. Säure. Hitze. Er kochte die Rezepte gern für seine Eltern nach, und manchmal auch für mich. Wir entdeckten schräge Gemeinsamkeiten; zum Beispiel mögen wir beide Brettspiele (besonders Carcassonne) und größtenteils dieselbe Musik, weil unsere Eltern uns mit ähnlicher Klangkost – Carole King, Feist, Tom Waits, Cat Power und viele andere – großgezogen haben.

Es war, als würden wir uns schon jahrelang kennen und nicht erst seit ein paar Wochen. Schon bald erzählten wir uns gegenseitig Dinge, die man nur mit jemandem teilt, dem man vertraut. Er berichtete zum Beispiel von seinen Ticks und wie sie sich verschlimmerten, wenn er aufgeregt war (und ich sagte ihm nicht, dass mir das schon aufgefallen war). Er erzählte mir, dass er sich ein Jahr zuvor bei seinen Eltern geoutet hatte und dass sein Dad anfangs bestürzt gewesen, mittlerweile aber sein wichtigster Unterstützer sei; er war sogar bei der Christopher-Street-Day-Parade in Calgary mit Alex mitgelaufen. Ich erzählte ihm von meinem Zeitkapselbrief und den Folgen. Wir schlossen einen Pakt: Alles, was wir einander erzählten, blieb unter uns. Wir erfanden sogar einen raffinierten Handschlag, um ihn zu besiegeln: erst die rechte Hand schütteln, dann die linke, Ellbogengruß auf der rechten Seite, dann auf der linken, gefolgt von einer schnellen Drehung und einer Verbeugung.

Einmal saßen wir abends in seinem Hobbyraum und Alex spielte mir etwas auf seinem Keyboard vor. »Das war klasse«, sagte ich. »Von wem ist das?«

»Von mir.«

»Echt? Ist ja genial.«

»Danke. Ich wünschte bloß, ich hätte auch Texte dazu. Aber das kann ich nicht gut.«

Es klingt vielleicht verrückt, aber ich bekam tatsächlich Gänsehaut. Die Einzigen, die meine Gedichte bisher gelesen hatten, waren die Mumps und Sal.

An dem Abend ließ ich auch Alex etwas von mir lesen.

Als Erstes vertonte er ein Gedicht mit dem Titel Freier Fall.

»Du musst singen«, sagte er. »Ich kriege keinen geraden Ton raus.«

Anfangs weigerte ich mich. Außerhalb der Geborgenheit meines Zuhauses sang ich nie, wirklich niemals laut.

Doch Alex war hartnäckig. »Na logisch kannst du vor mir singen. Ich bin doch dein Freund.«

Dein. Freund.

Also sang ich. Ich war grottenschlecht. Doch das spielte keine Rolle. Uns gefiel einfach der Prozess. Alex vertonte weitere Gedichte von mir, und wenn wir nicht gerade Carcassonne oder 7 Wonders spielten, musizierten wir in der Ungestörtheit seines Kellers vor einem nicht vorhandenen Publikum. »Wir sind wie Elton John und Bernie Taupin«, verkündete Alex eines Abends, nachdem wir Rocketman angeschaut hatten. »Nur dass du hetero bist und ich schwul.«

Wir hatten einen Riesenspaß. In seinem Hobbyraum mussten wir uns keine Gedanken um die Tylers dieser Welt machen. Sal hatte recht; einen Freund in meinem Alter zu haben, war in so vielerlei Hinsicht großartig. Es machte die Schlangengrube Schule ein bisschen erträglicher.

Aber wie Mup zu sagen pflegt: »Alles, was so aussieht, als sei es zu gut, um wahr zu sein, ist wahrscheinlich auch zu gut, um wahr zu sein.« Eines Tages Anfang Dezember sah Alex bei der Bandprobe in Fabrizio Bianchis Augen und bingo – sie verknallten sich Hals über Kopf ineinander.

Ich redete mir ein, dass ich mich für ihn freute.

Doch ich freute mich überhaupt nicht für mich.


Alex klappte gerade den Ständer seines Keyboards zusammen, als ich kam. »Wie war dein Wochenende?«, fragte ich.

»Super! Hab mit Fab rumgehangen. Ich habe ihm Nina Simone vorgespielt. Er hatte noch nie von ihr gehört, kannst du dir das vorstellen?«

»Wow«, sagte ich. »Lebt der hinterm Mond? Welcher Depp hat denn noch nie von Nina Simone gehört?« Ich versuchte, unbeschwert zu lachen.

Alex sah mich getroffen an, und obwohl ich größer bin als er, fühlte ich mich plötzlich viel kleiner.

Fabrizio kam mit seiner Trompete angeschlendert. Er ist breit und untersetzt, hat kurz geschnittenes blondes Haar und einen mutigen Modegeschmack, den die einen cool, die anderen eine verzweifelte Aufmerksamkeitsmasche nennen würden. Sogar heute hatte er unsere hässliche Banduniform durch einen leuchtend orangenen Schal ergänzt. »Hi, Wilbur.« Jedes Mal sagte er meinen Namen auf die gleiche Art und Weise, als hätte er gerade erfahren, dass mein Haustier gestorben war. Prüfend musterte er mich von oben bis unten, ließ meinen beigefarbenen ausgeleierten Pullover unter dem Sakko auf sich wirken und verzog den Mund, als hätte er gerade in eine Zitrone gebissen.

Er brauchte es nicht auszusprechen; ebenso wie ich ihn für einen bestätigungssüchtigen Narzissten hielt, betrachtete er mich als armseligen Trottel.

»Hi, Fabrizio. Interessanter Schal.«

»Das ist ein Plastron«, entgegnete er.

O bitte.

»Los geht’s, Leute!«, rief Mr P.

Wir liefen geschlossen Richtung Tür. Ich hoffte, unbemerkt an einer bestimmten Person vorbei zu kommen. Alex und Fabrizio schafften es unversehrt. Jo Lin mit ihrer Blockflöte auch.

Ich hatte nicht so viel Glück. »Toll gemacht, Fichs. Der eine Ton, den du gespielt hast … dieser eine, einsame Ton … hat echt alles miteinander verbunden. Reine Magie.«

Japp. Tyler Kertz spielt ebenfalls in der Band. Es ist so ungerecht. Die Band soll eigentlich ein Zufluchtsort für die Unsportlichen sein; auch wir verdienen eine Oase der Sicherheit. Doch Kertz ist eine dieser unerfreulichen Kreuzungen. Er ist nicht nur in der Schwimm- und der Basketballmannschaft unserer Schule, er spielt auch Saxofon. Und er sieht maßlos gut aus.

Und was am schlimmsten ist, er tut so, als sei er besser als wir Übrigen, als sollten wir dankbar sein, dass er uns mit seiner Anwesenheit beehrt. Mr P unterstützt das auch noch, weil, na ja, weil Tyler tatsächlich ein guter Saxofonspieler ist. Gleichzeitig ist er aber auch ein permanenter Arsch der untersten Schublade. Oliver, den Fagottspieler, nennt er Öliver, weil seine Haare ein bisschen fettig sind. Jo Lin heißt Gespenst, weil sie superschüchtern und still ist. Alex ist Ayatollah, wegen seiner iranischen Herkunft. Und wenngleich Tyler sich von offenkundig homophoben Sticheleien weitgehend fernhält, ersetzt er manchmal das b in Fabrizios Namen durch ein bi. Er brauchte auch sehr viel länger als nötig, um Laura – die bis letztes Jahr einen Jungennamen trug – mit dem korrekten Pronomen zu benennen.

Doch aus irgendeinem Grund lassen wir ihm so was allesamt durchgehen. Obwohl wir zahlenmäßig überlegen sind, fünfundzwanzig zu eins. Vielleicht haben wir uns damit abgefunden zu glauben, dies sei ein Vorgeschmack auf das echte Leben und wir gewöhnten uns besser schon mal daran. In düstereren Momenten frage ich mich, ob die anderen meinen, sie hätten noch mal Glück gehabt; wenn sie es nicht so derbe abkriegen wie ich, warum dann Staub aufwirbeln?

Ich versuchte, Tyler zu umgehen, aber er folgte jeder meiner Bewegungen. Plötzlich piekte er mit seinem Finger in meinen Bauchspeck. »Wird’s ein Junge oder ein Mädchen?«

Am liebsten hätte ich ihm zwischen die Beine getreten. Aber ich weiß nicht, wie man sich prügelt. Mir fiel noch nicht mal eine schlagfertige Antwort ein.

Was tat ich also stattdessen?

Ich lachte. Als fände ich das witzig.

Und verabscheute mich selbst fast so sehr, wie ich ihn verabscheute.


Wir standen draußen und warteten darauf, dass unser französisches Orchester eintraf. Ich hüpfte auf der Stelle, um mich warm zu halten. Obwohl es im Freien eiskalt war, hatte Mr P darauf bestanden, dass wir auf unsere Jacken verzichteten, damit man unsere Uniform sehen konnte: schwarze Hose zu orangenen Sakkos, weil Orange und Schwarz unsere Schulfarben sind. Die Sakkos müssen wohl in den Achtzigern entworfen worden sein, denn sie haben gigantisch große Schulterpolster und müffeln nach jahrzehntealten Körperausdünstungen.

»Ich bin so aufgeregt«, sagte ich zu Alex.

»Ich auch«, gestand er und zwinkerte hektisch.

»Ich hoffe, sie sprechen Englisch, denn ich kann nur un po français.«

»Es heißt peu«, sagte Fabrizio. »Un peu français.«

Ich probierte es noch mal. »Po.«

»Peu.«

»Po.«

»Peu.«

»Sag ich doch die ganze Zeit!«

Alex lachte. »Hast recht, Wil. Dein Französisch ist für den Po.«

Plötzlich stand Tyler neben mir. »Lass die Hopserei mal lieber, Wichs. Oder leg dir ’nen BH zu. Deine Männertitten schwabbeln.«

Poppy, die in der Nähe stand, unterdrückte ein Kichern.

Ich hörte auf zu hüpfen. Alex drückte meine Hand.

»Ich glaube, das sind sie«, sagte Fabrizio.

Ein gelber Schulbus bog um die Ecke und fuhr rechts ran. Sobald die Türen sich öffneten, legten wir mit O Canada los.

Eine elegante Frau erschien an der Bustreppe. Sie trug einen grauen Mantel über einem roten Kleid und hochhackige Schuhe, obwohl es kalt war und schneite. Ihr Haar war zu einem Knoten zurückgebunden und ihre Lippen passten farblich zu ihrem Kleid. Mr Papadopoulos fing an zu grinsen und sagte: »Geneviève! Ich meine – Mademoiselle Lefèvre! Bonjour!« Sie war sehr viel größer als er, und als sie einander umarmten, wurde sein Kopf zwischen ihre Brüste gequetscht. Er sah sehr, sehr glücklich aus.

»Ekelhaft«, sagte Fabrizio zwischen zwei Tönen, und ich stimmte wortlos zu.

Als wir O Canada zu Ende gespielt hatten, quollen nach und nach die übrigen Reisenden mit ihren Instrumenten aus dem Bus. »Die sehen aus wie wir«, sagte ich.

»Was hast du erwartet?«, fragte Fab. »Dass sie alle Baskenmützen tragen und ein Baguette unterm Arm haben?«

Trotz der Kälte wurde mein Gesicht ganz heiß. »Nein.« Insgeheim dachte ich: Na ja, Baskenmützen vielleicht schon.

Die letzte Schülerin stieg aus dem Bus.

Die Zeit blieb stehen. Sie war groß, beinahe so groß wie ich, und ihr braunes Haar war zu einem modischen Pagenschnitt frisiert. Ihre Schultern und Hüften wirkten ausladend. Sie trug einen gelben Mantel aus Pelzimitat, dazu eine schwarze Strumpfhose mit weißen Punkten, schwarze Stiefel und einen lila Minirock. In der Hand hielt sie einen kleinen Gitarrenkoffer. Sie hatte weder eine Baskenmütze auf noch ein Baguette bei sich, aber auf mich machte sie einen sehr französischen Eindruck. Sie bewegte sich wie eine Katze. Wie der Rosarote Panther. Der ja eine Art Katze ist.

Sie war umwerfend.

Mr Papadopoulos kam gleich zur Sache. »Wenn ihr den euch zugeteilten Übernachtungsgast gefunden habt, könnt ihr gehen.«

»Ich glaube, der, der ein bisschen wie Drake aussieht, ist meiner«, sagte Alex.

»Ich glaube, der große, dünne gehört zu mir«, sagte Fabrizio.

»Ich glaube, meiner ist der mit dem großen, runden Kopf«, sagte ich.

Alex und Fab hatten richtig geraten.

Ich nicht.

»Charlie Bourget«, sagte Mr P.

Das schöne Mädchen trat einen Schritt vor.

Meine Augen wurden noch größer als sie ohnehin waren. »Nein. Das stimmt nicht!«

Das schöne Mädchen zog eine Augenbraue hoch. »Willst du andeuten, ich kenne meinen eigenen Namen nicht?«

»Ja. Nein. Aber. Du bist ein Mädchen.«

Sie warf mir den verächtlichsten Blick zu, mit dem ich je bedacht worden bin, und ich habe schon viele verächtliche Blicke kassiert. »Charlie. Abkürzung von Charlotte.«

Mr Papadopoulos wirkte verwirrt. »Das tut mir leid. Ich nahm an …« Prüfend schaute er auf seine Liste. »Das müssen wir regeln. Wir können nicht ein Mädchen bei einem Jungen unterbringen …«

»Warum nicht?«, fragten Mademoiselle Lefèvre und Charlie einstimmig.

»Nun ja.« Mr P räusperte sich. »Wir wollen doch nicht, dass etwas … Ungehöriges … passiert.«

Alex hob die Hand. »Äh, Sir? Dieser Logik zufolge dürfte ich keinen Jungen als Gast haben.«

Ein paar andere nickten zustimmend. »Sie sind schrecklich heteronormativ«, fügte Fabrizio hinzu.

»Ich – Nein. Was auch immer das heißt, ich bin nicht …«

»Und vermutlich auch transphob«, fügte Laura hinzu.

»Ich bin nichts dergleichen«, sagte Mr P. »Die anderen haben angegeben, dass sie für ihre Übernachtungsgäste separate Schlafräume haben. Mr Hernandez-Schott nicht. Deshalb werfe ich die …«

»Wo übernachtet denn Mademoiselle Lefèvre, Sir?«, fragte Fabrizio unschuldig.

»Ich … sie … sie wohnt bei mir.«

»Und hat sie ihr eigenes Zimmer?«

Mr P wurde rot. Er machte den Mund auf. Zu. Und wieder auf.

Charlie begann vor Kälte zu zittern. »Mon Dieu.« Sie sah mir in die Augen. »Du. Junge. Wirst du, wie hat er gesagt, dich ungehörig benehmen?«

»N-Nein«, stammelte ich. »So einer bin ich nicht.«

»Sehen Sie?«, sagte Charlie. »Er ist schwul. Also ist es kein Problem.«

»Natürlich«, sagte Mr P. »Das hätte ich merken müssen.«

»Ich bin nicht schwul«, sagte ich. »Aber ich bin von zwei wunderbaren lesbischen Frauen erzogen worden, die meine feminine Seite gefördert haben, also ist es vielleicht das, was du wahrnimmst …«

»Nun gut, alors. Damit ist es geklärt«, unterbrach Mademoiselle Lefèvre. »Wir sind alle müde und wollen raus aus der Kälte. Charlotte wohnt bei dem netten Homosexuellen.«

Tyler krümmte sich vor Lachen.

Und ich wäre am liebsten weggelaufen, so schnell mich meine baumstämmigen Beine trugen.


Mrs Shirazi hatte angeboten, Charlie und mich zusammen mit Alex und seinem Gast, Léo, sowie Fabrizio und dessen Gast, Christophe, abzuholen, da die Mumps beide arbeiteten. Sie begrüßte mich mit zwei Luftküsschen, linke Wange, rechte Wange. Ich konnte ihr Parfum riechen. »Wilbur, hallo. Wie geht es dir und deinen Müttern?«

»Gut«, sagte ich. »Und Ihnen und Mr Shirazi?«

»Ach, ganz gut. Wir haben dich lange nicht gesehen.«

Weil Ihr Sohn seinen Freund für seinen Typen hat fallen lassen, hätte ich am liebsten gesagt.

Wir drängten uns in ihren Minivan. Charlie, Fabrizio und ich quetschten uns auf die Rückbank. Charlie schlief sofort mit dem Kopf an der Fensterscheibe ein. Ihr Mund stand offen und etwas Spucke sammelte sich im Mundwinkel. Sie hatte Sommersprossen und große Nasenlöcher. Ihre Ohren standen ein bisschen ab.

Sie war einfach … wow.

Fabrizio stieß mir mit Wucht den Ellbogen in die Seite. »Hör auf zu glotzen«, flüsterte er. »Ist ja gruselig.«

Alex unterhielt sich schon in einem Gemisch aus Englisch und Französisch mit Léo und Christophe. Ich beneidete ihn darum, wie viel wohler er sich in seiner Haut zu fühlen schien, seit er mit Fabrizio zusammen war; ich hätte meine nur zu gerne getauscht und einfach meine komplette Epidermis für eine neue hergegeben.

Charlie und ich wurden als Erste abgesetzt. Da wir ganz hinten saßen, mussten alle aussteigen. Ich packte Alex am Arm. »Das ist das Schlimmste, was mir je passiert ist«, zischte ich.

»Echt? Wieso?«

»Im Ernst, ich kann das nicht. Sie ist wunderschön.«

»Ganz so weit würde ich vielleicht nicht gehen«, sagte Fabrizio, der uns belauschte.

»Hab ich mit dir geredet?« Ich drehte ihm den Rücken zu. »Alex, jetzt mal im Ernst: Können wir tauschen?«

»Wilbur. Alles wird gut.« Alex holte Charlies Koffer aus dem Wagen und gab ihn mir. »Sei einfach du selbst.«

»Na ja, aber nicht zu sehr«, sagte Fabrizio, der immer noch lauschte.

Dann stiegen die beiden wieder ein, und Mrs Shirazi fuhr davon und ließ mich ganz allein mit Charlie zurück.

Sie wartete auf dem Gehsteig auf mich. »Öhm. Je m’excuse«, sagte ich laut. »Je, öhm, spreche … un po français.«

»Ich bin nicht schwerhörig und auch nicht dumm«, gab sie zurück. »Du brauchst nicht zu schreien. Mein Englisch ist viel, viel besser als dein Französisch.«

»Oh. Okay.«

»Dies ist eine sehr interessante Gegend, ja? Viele Wandmalereien und Graffiti und Skulpturen aus objets trouvés.« Sie betrachtete eine Frau, die von Kopf bis Fuß in Batikklamotten gekleidet war, gefolgt von einem Rastafari. »Und Menschen aus allen sozialen Schichten. Wie Christiania in Kopenhagen.«

»Klar«, antwortete ich, obwohl ich keine Ahnung hatte, wovon sie redete, denn ich war noch nie irgendwo anders gewesen. Ich nahm ihr Gepäck und sie ihren Instrumentenkoffer. Wir liefen zur Haustür. Ich überlegte, was ich sagen sollte, irgendwas. »Das ist ja eine winzige Gitarre.«

»Das ist keine Gitarre. Es ist eine Ukulele.«

»Du spielst Ukulele?«

»Nein, ich trage sie nur mit mir herum, gehört zu meinem Outfit.«

»Oh. Das machst du sehr überzeugend …«

»Ich scherze, Wilbur. Selbstverständlich kann ich spielen.«

»Ah. Klar. Haha.« Im Geiste vermerkte ich, dass die Franzosen auch ironisch sein konnten.

»Welches Instrument spielst du?«

»Triangel.«

Sie runzelte die Stirn. »Im Sinne von pling?« Sie ahmte die Bewegung nach.

»Ich spiele auch noch Kuhglocke und Tamburin.«

»Ah. Eine Dreifachgefahr.« Ich konnte nicht sagen, ob sie das auch ironisch meinte.

Templeton sprang uns regelrecht an, als ich zur Tür reinkam. Er begann auf seinen stummeligen Beinen fröhlich hechelnd im Kreis um Charlie herumzulaufen.

»Ein Chihuahua, non?«

»Chihuahua-Dackel-Mischling.«

»Das ist vermutlich der hässlichste Hund, den ich jemals gesehen habe.« Sie sagte die Wahrheit, insofern konnte ich nicht wirklich beleidigt sein. Templeton ist neun, also 63 in Menschenjahren. Ich glaube, sein Fell war ursprünglich weiß, aber jetzt ist es gelb, wie Raucherfinger. Er hat einen abgebrochenen Zahn, ist auf einem Auge blind und ihm fehlt ein Ohr. Das ist nur einer der Gründe, weshalb ich ihn so lieb habe, denn ich bin auch nicht unbedingt das attraktivste Exemplar. Mup sagt, wir seien beide innerlich schön, was, wenn ich so darüber nachdenke, nicht gerade ein Kompliment ist.

»Ich finde, er ist so hässlich, dass er schon wieder niedlich wirkt«, sagte ich.

»Es ist aber überhaupt nicht niedlich, dass er Sex mit meinem Bein hat.«

»Templeton, aus! Böser Hund.« Ich hob ihn hoch. Charlie hängte ihren Mantel auf einen der drei bunten Haken im Flur, während ich dreimal an die Wand klopfte.

»Wieso machst du das?«

»Mein bester Freund. Wir haben ein System. Wenn ich von der Schule nach Hause komme, klopfe ich. Wenn er nicht zurückklopft, rufe ich ihn an. Wenn er nicht abnimmt, gehe ich mit meinem Ersatzschlüssel rüber. Falls er hingefallen ist oder so.«

»Was stimmt nicht mit ihm, dass er fallen könnte?«

»Nichts. Bloß fortgeschrittenes Alter.«

Wie aufs Stichwort klopfte Sal: eins, zwei, drei.

Charlie warf einen flüchtigen Blick in unser Wohnzimmer, und mir wurde flau im Magen. Nach unserer Pechlawine hatten wir uns etwas einfallen lassen müssen, wie wir das Haus einrichten konnten. Mum und ich hatten unser Heim vollständig mit Dingen ausgestattet, die sie und ich Sammlerstücke nennen und die Mup als Müll bezeichnet. Ich finde, dadurch wirkt unser Haus gemütlich. Mup meint, dadurch sieht es bei uns aus wie in einem Messie-Haushalt. »Muss anderer Leute Gerümpel immer gleich ein Schatz für euch sein?«, sagt Mup jedes Mal, wenn ein neues Stück bei uns einzieht.

Daher beobachtete ich nun mit angehaltenem Atem, wie Charlie das alte lila Sofa betrachtete, die grell pinkfarbene Samt-Chaiselongue, die Lampe mit den goldenen Quasten am Schirm, den nierenförmigen Couchtisch und all den Schnickschnack, den Mum und ich in den letzten paar Jahren angeschleppt hatten, wie die Sammlung aus Salz- und Pfefferstreuern, die den Kamin zierte, und die alten gerahmten Werbeplakate an der Wand.

»Eklektisches Design«, sagte sie und nickte zustimmend. »Gefällt mir.«

Darüber freute ich mich unbändig.

Wir fassten jeweils eine Seite ihres Koffers und trugen ihn die schmale Treppe nach oben in den ersten Stock. Als wir mein Zimmer betraten, schwand mein Hochgefühl. Wieso hatte ich das alte Poster von Emma Watson nicht abgenommen? Ja, sie ist eine superkluge Feministin, aber mein Poster stammte noch vom ersten Harry-Potter-Film; sie trug ihre Hogwarts-Robe und schwang ihren Zauberstab. Sogar mein allerliebstes Flohmarktfundstück, ein Gemälde von Poker spielenden Hunden, wirkte unter ihrem Pariser Blick plötzlich lächerlich. »Du kannst das Bett haben«, sagte ich. »Ich schlafe in der Nische.« Mein Zimmer hat eine einzigartige Form, unter dem Dachvorsprung gibt es einen kleinen Stauraum, in den man hineinkriechen kann. Mup und ich hatten am Abend zuvor eine Luftmatratze hingelegt. »Ich habe die oberen zwei Schubladen in meiner Kommode freigeräumt. Brauchst du sonst noch was?«

Sie antwortete nicht. Ihr Blick fiel auf meinen Nachttisch. Dort lagen gut sichtbar: Latexhandschuhe. Papiertaschentücher. Vaseline.

Sie runzelte die Stirn. Erschrocken sah sie mich an. Ich brauchte einen kurzen Augenblick.

»Nein! Es ist nicht … ich schwöre, das ist nicht für … das ist für Templeton! Meinen Hund!«

»Quoi?«

»Um seine Analbeutel auszudrücken. Das ist eine Krankheit, die manche Hunde kriegen. Wir können es uns nicht leisten, ihn dauernd zum Tierarzt zu bringen, also habe ich gelernt, wie man es zu Hause macht.« Sie schaute mich verständnislos an, und mir war klar, dass sie keine Ahnung hatte, wovon ich redete. »Ich ziehe nur die Handschuhe an« – ich tat so, als würde ich die Handschuhe überstreifen –, »dann nehme ich etwas von der Vaseline« – ich tat so, als würde ich Vaseline auf meinen Finger schmieren –, »dann stecke ich meinen Finger in sein Rektum, suche die Analbeutel und drücke den Inhalt auf ein Papiertaschentuch …« Diesen Teil stellte ich ebenfalls nach.

»Du bist ein Tierliebhaber.«

»Ja! Ja genau, ich bin ein Tierliebhaber.«

Sie stürzte aus meinem Zimmer und die Treppe hinunter.

Kurz darauf hörte ich sie schreien.


Ich hätte vermutlich auch geschrien, wenn ich einem Zombie begegnet wäre. Charlie war gerade dabei, Mademoiselle Lefèvres Telefonnummer zu wählen, als Mum zur Tür hereinkam, direkt vom Filmset von, wie sie es nennt, The Walking Dead für Arme. Die Maskenbildnerin hatte alles gegeben; es sah wirklich so aus, als sei die Hälfte ihres Gesichts verfault.

Zum Glück kann Mum ganz gut Französisch, also war sie in der Lage, Charlie ziemlich schnell zu beruhigen. Ein paar Minuten später lachten die beiden in der Küche, während Mum Teewasser aufsetzte.

»Oh, Wil«, sagte Mum. »Erst dachte sie, du seist onaniesüchtig. Und dann dachte sie, du treibst es mit dem Hund!« Ich versuchte zu lachen, aber ich war ziemlich beleidigt. Als würde ich es jemals mit einem Hund treiben.


Sal schickte mir eine Nachricht, als Charlie und ich gerade dabei waren, den Tisch fürs Abendessen zu decken.

Was macht dein Austauschschwuler?

Sal hasst es, mit dem Daumen zu tippen, und sein Sehvermögen ist nicht unbedingt das beste, also muss ich ab und zu die Rechtschreibfehler und Autokorrekturen in seinen Nachrichten entschlüsseln.

Mein Austauschschüler ist ein Mädchen. Charlie = Charlotte.

Wie deine Lieblingsspinne!, antwortete Sal.

Sal und ich tauschten öfter mal Bücher aus, und ich hatte ihm vor Kurzem meine heiß geliebte Ausgabe von Wilbur und Charlotte geliehen.

Aber hübscher, tippte ich. Und ohne acht Augen und Beine.

Dem Hummel sei Dank.

Willst du zum Essen rüberkommen?

Wer kocht?

Norah.

…

Esse lieber hier, danke.

Sal schätzt Mums Essen ebenso sehr wie wir anderen auch.

Mup kam erst nach Hause, als wir uns gerade zum Essen hinsetzten. Sie trug ihre Arbeitshose und einen alten Pulli und war mit Fellbüscheln übersät. »Stanley und Daisy waren heute richtige Teufelsbraten«, sagte sie.

»Du arbeitest mit Kindern?«, fragte Charlie.

»Mit Hunden. Ist also fast dasselbe. Außer, dass die meisten Kinder auf die Toilette gehen können.« Mup arbeitet ein paarmal die Woche in einer Hundetagesstätte – ihr dritter von drei Jobs.

Während des Abendessens entspannte ich mich, denn ich wusste, die Mumps würden das Gespräch am Laufen halten. Templeton lag zu meinen Füßen und hoffte auf Abfälle. Mum, die das Make-up entfernt und ihre Jogginghose angezogen hatte, kredenzte uns eine ihrer Spezialitäten, einen fleischlosen Hackbraten.

»Heute bin ich am Set zur Statistin mit besonderen Fähigkeiten befördert worden«, erzählte sie. »Der Regisseur hat mich in der Nahaufnahme gefilmt, wie ich jemandem den Arm abkaue. Ich durfte ›Aaaaaaaaaaarrhh‹ sagen.«

»Sehr überzeugend«, sagte ich.

»Mir ist es kalt den Rücken runtergelaufen«, stimmte Charlie zu.

»Erzähl uns noch ein bisschen von dir, Charlie«, sagte Mup. »Hast du Geschwister?«

»Non. Ich bin ein Einzelkind, wie Wilbur. Ich wohne bei meinem Vater.«

»Und deine Mutter …?«

»Sie ist nicht mehr bei uns.«

Ich legte meine Gabel beiseite. Ein Kloß formte sich in meinem Hals. Ich hatte Angst, ich könnte anfangen zu weinen, denn das war millionenmal schlimmer als das Lied von Sarah McLachlan. »Das tut mir sehr leid«, sagte ich. »Wann ist sie …?«

»Als ich sieben war.«

»Wie ist sie …?«, fragte Mup.

»Zug.«

Alle drei versuchten wir, unsere Bestürzung zu verbergen. »Sie wurde vom Zug überfahren?«, fragte ich.

Charlie wirkte verwirrt. Dann fing sie an zu lachen. »Oh non! Ich habe es nicht gut erklärt. Als ich sieben war, nahm sie den Zug nach Südfrankreich mit ihrem Freund! Sie ist am Leben.«

Allesamt atmeten wir auf. »Gottseidank«, sagte Mum. Und dann: »Warum hat sie dich nicht mitgenommen?«

»Sie sagte, sie müsse ihrem Herzen folgen. Ich verbringe die Sommerferien bei ihr.«

Die Mumps sahen schon wieder ganz entsetzt aus. Ich versuchte mir vorzustellen, wie ich mich fühlen würde, wenn eine von ihnen wegginge, um ›ihrem Herzen zu folgen‹. Es war zu traurig, um darüber nachzudenken.

Mum holte die Karussell-Keksdose herunter und machte einen Teller mit ihren Quinoa-Ecken zurecht. »Ihr esst wohl viele Kekse«, sagte Charlie und betrachtete die mehr als zwanzig Dosen, die auf den Schränken aufgereiht standen.

»Nö«, sagte Mup. »Wir wohnen bloß mit einer Hamste-, Verzeihung, einer Sammlerin zusammen.«

»Sie verschaffen mir gute Laune«, sagte Mum. »Was macht dein Vater, Charlie?«, wechselte sie das Thema.

»Er ist ein Intellektueller.«

»Ich meinte, als was arbeitet er?«

»Als Intellektueller.«

Mup pfiff. »Wow. Ich glaube nicht, dass das in Nordamerika eine Berufsbezeichnung ist. Hier gilt es eher als Beleidigung. Insbesondere in der Politik.«

»Aber das ergibt doch keinen Sinn«, sagte Charlie. »Man will doch, dass Menschen in der Politik klug sind, non?«

Mum lächelte betrübt. »Möchte man meinen, nicht wahr?«

»In Frankreich schätzen wir sachkundige Meinungen.« Charlie biss ein Stück von der Quinoa-Ecke ab. Ihre Augen wurden größer. Kurz darauf sah ich, wie sie den Rest des Gebäcks für Templeton auf den Boden fallen ließ, der ihn verschlang, weil er buchstäblich alles frisst, einschließlich, aber nicht ausschließlich Zigarettenstummeln, schmutziger Unterwäsche und seiner eigenen Kotze.

»Was macht er genau?«, fragte ich.

»Er schreibt für Zeitungen und Zeitschriften. Er veröffentlicht Essays. Und er tritt oft im Fernsehen auf. Mein Vater und ich, wir streiten andauernd, aber nicht im Bösen. Er will, dass aus mir eine kritische Denkerin wird.«

Ich nickte und versuchte so auszusehen, als würde ich kritisch denken. Doch in meinem Kopf kreiste der Gedanke Sie spielt in jeder Hinsicht in einer anderen Liga als ich.


Nach dem Abendessen sagte Charlie, sie würde Templeton und mich gern auf unserem Abendspaziergang begleiten, und mir wurde schon wieder himmelangst. Ich zog Templeton den regenbogenfarbenen Pulli an, den Mum für ihn gestrickt hat, und steckte seine Pfoten in vier kleine farblich passende Stiefelchen. Wir liefen hinaus in die eiskalte Nacht.

»Kannst du mich bitte irgendwo hinbringen, wo man etwas zu essen bekommt?«, fragte Charlie. »Deine Mütter sind wundervoll, aber mon Dieu, dieser fleischlose Hackbraten …«

»Grauenvoll, was?«

»Oui! Ich möchte auf meiner ersten Reise nach Kanada nicht verhungern.«

»Ich schwöre, das werde ich nicht zulassen. Die Mumps haben viele tolle Eigenschaften, aber Kochen steht nicht ganz oben auf der Liste, insbesondere bei Mum.« Wir liefen in Richtung Zentrum unseres Viertels.

»Warum nennst du sie so? Die Mumps?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Als ich noch ganz klein war, fing ich an, Norah Mum und Carmen Mup zu nennen. Wenn du das zusammensetzt, kriegst du ›Mumps‹ raus.«

»Gefällt mir.« Sie zitterte; ihr gelber Mantel aus Fellimitat schützte nicht ausreichend vor der Kälte. »Ich kann meinen Atem sehen!« Sie spitzte die Lippen und hauchte kleine Atemwölkchen aus.

Der jamaikanische Imbiss hatte noch geöffnet, also ging ich da mit ihr hin. Sie kaufte drei Teigtaschen mit Rindfleischfüllung, die sie gierig verdrückte. Sie war eine geräuschvolle Esserin, die genießerisch seufzte und laut schmatzte. Lloyd zwinkerte mir zu. »Geht doch nichts über eine Frau mit gesundem Appetit.«

»Délicieux!«, verkündete Charlie, als sie fertig war. Lloyd schien zufrieden. Wir verabschiedeten uns und gingen wieder nach draußen.

Charlie hatte immer noch Hunger, also nahm ich sie mit zum Laden an der Ecke. Sie kaufte geräuchertes Trockenfleisch und einen Schokokaramellriegel und schlang auch das hinunter.

»Ich dachte, Franzosen essen kein Fastfood.«

»O doch. Wir lieben Fastfood ebenso wie ihr Amerikaner.«

»Kanadier.«

»Amerikaner, Kanadier. Ist doch dasselbe, non?«

»Nein. Das ist nicht dasselbe, überhaupt nicht –«

Sie fing an zu lachen. »Ich mache Witze. Ich habe in einer Fremdsprache einen Witz erzählt. Ich bin sehr gut.«

Und sehr schön, dachte ich, sogar mit all dem Fleisch und der Schokolade zwischen den Zähnen.

Ich knotete Templetons Leine vom Schilderpfahl ab. Er pinkelte an einen Feuerwehrhydranten. Charlie bückte sich und gab ihm ihr letztes Stück Trockenfleisch; er inhalierte es förmlich. »Wie lange hast du schon dieses komische kleine Vieh?«

»Ich hab ihn vor etwas mehr als einem Jahr zu Weihnachten bekommen.«

»Er war also ein Geschenk?«

»Nein, nicht wirklich. In den Ferien habe ich freiwillig im Tierheim ausgeholfen.« An dieses Weihnachten nur zu denken machte mich traurig. Mups Dad – ihr letzter noch lebender Elternteil und der Form halber mein Großvater, auch wenn ich ihn nie persönlich kennengelernt hatte – war kurz vor den Feiertagen gestorben. Sie war für die Beerdigung nach Buenos Aires geflogen, obwohl er sie enterbt hatte, als sie sich outete. Der Flug hatte unser gesamtes Budget für Weihnachten verschlungen, und hinterher war sie deprimiert gewesen. Die Stimmung im Haus war trostlos. Um noch eins draufzusetzen, war Sal für einen Monat mit einer Organisation für Frieden und Völkerverständigung nach Australien gereist, also konnte ich nicht zu ihm flüchten, und an Alex war damals noch nicht zu denken. Als ich hörte, dass das Tierheim Freiwillige brauchte, die als Urlaubsvertretung für andere Freiwillige mit den Hunden Gassi gingen, ergriff ich die Gelegenheit.

»Templeton war im hintersten Käfig«, erzählte ich Charlie. »Er war vollkommen fertig. Ich weiß nicht, was in seinem letzten Zuhause los war, aber er sah aus, als hätte er einfach aufgegeben.«

Charlie kniete sich hin, um Templetons Kopf zu streicheln, und er machte ein schnurrendes Geräusch. »Pauvre petit.«

»Niemand wollte ihn adoptieren. Ein paar Tage später sollte er eingeschläfert werden. Also hab ich beschlossen, ihm diese Tage schön zu machen. Jeden Morgen bin ich mit ihm Gassi gegangen. Und er war so süß und so dankbar … Er hat mich immer mit seinem einen guten Auge angeschaut und gelächelt …«

»Gelächelt?«

»Er lächelt. Ich schwör’s dir. An dem Tag, bevor er eingeschläfert werden sollte, hab ich es nicht mehr ausgehalten. Ich lief mit ihm zu uns nach Hause und bettelte die Mumps an, dass ich ihn behalten darf.«

Wir drei machten uns auf den Heimweg. Am Himmel stand die Mondsichel.

»Wilbur, das ist eine wunderschöne Geschichte. Du hast Templeton das Leben gerettet.«

Ich verriet Charlie nicht, dass es in meinen Augen genau umgekehrt war.

Pulsuz fraqment bitdi.

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