Kitabı oxu: «Vorsorgen statt Hamstern»


„Handeln ist das Gegenmittel zur Verzweiflung.“ (Joan Baez)
T. C. A. Greilich
VORSORGEN STATT HAMSTERN
Lehren aus der Corona-Krise – Vorbereitung auf die nächste Pandemie

Umschlaggestaltung: Werbeagentur Rypka GmbH, A-8143 Dobl/Graz, www.rypka.at Umschlagabb. Vorderseite: iStock.com/Viacheslav Peretiatko
Wir haben uns bemüht, bei den hier verwendeten Bildern die Rechteinhaber ausfindig zu machen. Falls es dessen ungeachtet Bildrechte geben sollte, die wir nicht recherchieren konnten, bitten wir um Nachricht an den Verlag. Berechtigte Ansprüche werden im Rahmen der üblichen Vereinbarungen abgegolten.
Der Inhalt des Buches wurde vom Verlag und vom Autor nach bestem Wissen geprüft, eine Garantie kann jedoch nicht übernommen werden. Die juristische Haftung ist daher ausgeschlossen.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter https://www.dnb.de abrufbar.
Auf Wunsch senden wir Ihnen gerne kostenlos unser Verlagsverzeichnis zu:
Leopold Stocker Verlag GmbH
Hofgasse 5 / Postfach 438
A-8011 Graz
Tel.: +43 (0)316/82 16 36
Fax: +43 (0)316/83 56 12
E-Mail: stocker-verlag@stocker-verlag.com
www.stocker-verlag.com
ISBN 978-3-7020-1915-0
eISBN 978-3-7020-1916-7
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger jeder Art, auszugsweisen Nachdruck oder Einspeicherung und Rückgewinnung in Datenverarbeitungsanlagen aller Art, sind vorbehalten.
© Copyright by Leopold Stocker Verlag, Graz 2020
Layout: Ecotext-Verlag Mag. G. Schneeweiß-Arnoldstein, 1010 Wien
Inhalt
Vorwort
Einordnung des Coronavirus
Definitionen
Historische Ereignisse
Spanische Grippe
Schweinegrippe H1N1
Vogelgrippe H5N1
Coronaviren SARS-CoV und MERS-CoV
Saisonale Grippewellen
EHEC-Epidemie
Risikoanalyse 2012
Verlauf der 1. Welle der Corona-Pandemie
Globale Verbreitung
Verlauf in ausgewählten Regionen
Persönliche Lehren aus der 1. Welle der Corona-Pandemie
Information und Desinformation
Erwartungen und Desillusionierung
Widersprüchlichkeit staatlicher Maßnahmen
Staatliche Informationspolitik vs. „Fake News“
Persönliche Meinungsbildung
Medizinische Lehren
Informationsdefizite
Eindämmungsmöglichkeiten vs. globale Vernetzung
Gesundheitspolitisch-medizinische Zielsetzungen
Tests und Aussagekraft von Zahlen
Quarantäne und Therapie
Staatliche Restriktionen
Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote
Verkehr, Veranstaltungen, Einrichtungen aller Art
Logistik und Versorgung
Produktion, Lieferketten, Logistik
Stationäre Einkaufsmöglichkeiten, Internet und Lieferdienste
Hamsterkäufe und Gütermangel
Folgen für die Wirtschaft
Meine Vorsorgegrundsätze
Szenarien und Wahrscheinlichkeiten
Das richtige Maß
Individueller Bedarf und rotierendes System
Vorsorgemöglichkeiten
Lebensmittel
Vorratskonzeption
Konserven
Weitere Bausteine eines Lebensmittelvorrats
Haltbarmachung und Lagerung
Notvorrat
Wasser und Getränke
Hygiene
Schutzmaßnahmen
Allgemeiner Hygienebedarf
Persönliche Schutzausrüstung
Desinfektionsmittel
Gesundheit
Präventive gesundheitsfördernde Maßnahmen
Impfmöglichkeiten
Hausapotheke gegen Erkältungs-, Grippe- und COVID-19-Symptome
Allgemeine Haus- und Reiseapotheke
Sicherheit
Verhaltensmaßnahmen
Persönliche Sicherheit
Einbruchschutz
Szenarioplanung
Vorwort
Liebe Leserin, lieber Leser,
dies ist nicht ein in erster Linie politisches Buch oder gar eine politische Abrechnung.
Zwar habe auch ich das Gefühl, dass wir Normalverbraucher während der Corona-Krise im ersten Halbjahr 2020 nicht die (ganze) Wahrheit erfahren. Mal wirkt das Problem größer, als es uns vermittelt wird, dann hätte die Politik mit ihrer langen Verharmlosung an vielen Stellen versagt. Mal wirken die mit dem Virus verbundenen Risiken wieder dramatisch übertrieben und für fragwürdige Maßnahmen missbraucht, was immer mehr sogenannte Corona-Leugner auf den Plan ruft.
Doch von wem das Virus in die Welt gesetzt wurde, ob dies ungewollt geschehen ist oder nicht, ob die saisonale Influenza absichtlich in eine Corona-Pandemie umgedeutet wurde, ob eine groß angelegte Verschwörung im Gange ist – all das lässt sich mit frei zugänglichen Informationen nicht wirklich beurteilen.
Aus meiner Perspektive ist das aber auch gar nicht nötig: Es gibt ein Virus. Dieses Virus hat gezeigt, dass es nicht ungefährlich ist, dass es allgemeine Panik, Versorgungsprobleme, Lockdown (Ausgangssperre) und Shutdown (Betriebsunterbrechung), einen Börsenabsturz usw. bewirken kann, und deshalb wäre es fahrlässig, das Virus zu ignorieren – auch ohne die politischen Hintergründe zweifelsfrei zu verstehen. Auf der Nachrichten-Website „heise online“ hieß es dazu, „in den jetzigen Schutzmaßnahmen schon die große Verschwörung zu sehen, ist ungefähr so klug, wie am 11.9. 2001 vor den zusammenstürzenden WTC-Gebäuden nicht wegzulaufen“.
Gleichwohl resultiert die Vorsorge-Notwendigkeit auch aus politischen Nachlässigkeiten und Widersprüchen, und diese müssen schon benannt werden, um deutlich zu machen, an welchen Stellen man sich auch künftig eine eigene Meinung bilden und nicht blind auf den Staat vertrauen sollte.
Ich habe als Verantwortlicher einer Hilfsorganisation Kriege und Naturkatastrophen miterlebt, Hochwasser in Deutschland, vor allem aber Katastrophen unterschiedlichster Art im Ausland. Ich habe gesehen, was Krisen angerichtet haben und wie die Opfer darunter gelitten haben. Ich habe Hilfsprojekte verantwortet und war dadurch sehr nahe dran – aber ich war nie selbst Betroffener.
Die Corona-Pandemie im ersten Halbjahr 2020 ist die erste Krise, die ich persönlich als Betroffener erlebt habe. „Y2K“, das Jahr-2000-Problem, ging glücklicherweise an uns vorbei, nach dem 11. September 2001 gab es keine militärische Eskalation, die bis Deutschland gereicht hätte, Terroranschläge und Naturkatastrophen fanden bisher immer in anderen Regionen als an meinem Wohnort statt. Nun ging es auf einmal nicht darum, von außen kluge Ratschläge zu geben, sondern in der Situation selbst zu überlegen, was das Richtige ist. Auch darauf basieren die Empfehlungen dieses Buches.
Auch wenn ich ganz offen zugeben muss, dass ich zwar einen Blackout, aber keine Pandemie dieses Ausmaßes für möglich gehalten hätte, war ich durch Reisen von Freunden recht früh für die Corona-Problematik sensibilisiert.
Am 3. Januar 2020 flogen Freunde nach Thailand, dem nach China zweiten betroffenen Land. Ich hatte ihre Reisevorbereitungen mitbekommen, habe die Gefährdungslage beobachtet – und nach ihrer Rückkehr auch überlegt, ob es angemessen wäre, ihnen 14 Tage aus dem Weg zu gehen oder nicht. Am 22. Januar 2020 flogen sie nochmals nach Thailand; inzwischen spielte das Virus auch in unseren Medien schon eine Rolle. Danach erfuhr ich aus erster Hand von den Bedingungen vor Ort und auf dem Rückflug, von Mundschutz-Pflicht und Flächendesinfektionen. Die Fiebermessungen bei Reisenden konnte man im Fernsehen sehen. Dann hörte man davon, dass China in seiner autoritären Art und Weise Dutzende Millionen Menschen unter Quarantäne stelle und eine Reihe von Großstädten komplett abriegele. Trotzdem schossen die bekannt gegebenen Fallzahlen in die Höhe und begannen, sich in kleinen Schritten über die ganze Welt auszubreiten.
Am 29. Januar 2020 habe ich einmal höflich in den Schulen meiner Kinder die Hygienestandards hinterfragt, die Schulleiter auf fehlende Seife und leere Desinfektionsmittelspender angesprochen und darauf hingewiesen, dass Experten bereits befürchteten, dass sich eine globale Ausbreitung längst nicht mehr verhindern lasse und das Problem über kurz oder lang auch in unseren Schulen ankommen werde.
Ich fühlte mich nur bedingt ernst genommen, aber so ging es offenbar auch Fachleuten und Politikern. Das Problem war: Niemand wollte sich mit zu laut geäußerten Befürchtungen, die sich hinterher nicht bewahrheiten könnten, lächerlich machen. So wartete man ab, bis die Corona-Pandemie so offensichtlich wurde, dass nun die Angst überwog, sich Untätigkeit vorwerfen lassen zu müssen, wenn man nicht handelte. Erst durch die zugespitzte Lage in Italien ist Deutschland ins Handeln gekommen, aber auch erst nach den Faschingstagen, die den Kreis Heinsberg Ende Februar 2020 zum deutschen Corona-Epizentrum machten – und nicht ohne am 15. März 2020 noch Kommunalwahlen in Bayern durchzuführen, als schon die Schulschließungen in Bayern für den nächsten Tag angekündigt waren.
Zwar erfolgten nun Maßnahmen, die wenige Wochen vorher undenkbar erschienen. Aber nachdem das Coronavirus mindestens seit Dezember in China auftrat, war es ein Armutszeugnis, dass die Bundesregierung das Virus noch am 22. Januar 2020 als sehr geringes Gesundheitsrisiko einstufte und hierzulande erst im März 2020 ernsthaft begonnen wurde, dagegen vorzugehen. Man hörte bereits Wochen vorher, dass sich die chinesische Community hierzulande über die Fahrlässigkeit beklage, mit der Deutschland auf die Bedrohung nicht reagierte und Zeit verstreichen ließ.
Seitdem kommt es darauf an, die Corona-Krise zu meistern. Die Gefahren einer Masseninfektion der Bevölkerung, eines kollabierenden Gesundheitssystems, von zahlreichen Unternehmenspleiten und steigender Arbeitslosigkeit, von Versorgungsengpässen, wenn wir die gerissenen Lieferketten und Produktionsunterbrechungen nicht nachhaltig in den Griff bekommen, von Staatshilfen, die die Verschuldung ins Unermessliche treiben, von abstürzenden Börsen, die die Altersversorgung von Teilen der Bevölkerung zunichtemachen, von Menschen, die in ihrer Hilflosigkeit auf die Barrikaden gehen usw. sind weitaus größer als etwa in der Wirtschafts- und Finanzkrise ab 2008.
Es gibt unterschiedliche Szenarien darüber, wie es weitergehen könnte: Im besten Fall haben wir bereits die Kontrolle über das Virus gewonnen, aber die Krise könnte durch einen erneuten Ausbruch auch zurückkehren. Gelingt es dann nicht, das Virus einzudämmen und von Ausgangsbeschränkungen abzusehen, besteht die Gefahr eines wirtschaftlichen Zusammenbruches, dessen gesellschaftliche und politische Konsequenzen kaum vorstellbar sind.
Ob es eine zweite Corona-Welle geben wird oder nicht, ob es wirklich Lieferengpässe etwa bei Lebensmitteln und Medikamenten gibt, ist nicht allein entscheidend. Entscheidend ist, wie groß die Zahl der Menschen ist, die glauben, dass es eine zweite Corona-Welle geben könnte. Schon davon hängt ab, ob es erneut zu Hamsterkäufen und Versorgungsengpässen kommen wird. Dass es für diese Möglichkeit eine gewisse Eintrittswahrscheinlichkeit gibt, sollte ein ausreichender Grund sein, für diesen Fall vorzusorgen – oder aus der Corona-Krise Lehren für die pandemische Verbreitung eines anderen Erregers zu ziehen. Denn selbst in diesem Jahrtausend gab es durchschnittlich alle zwei, drei Jahre relevante Ausbrüche, wie ich noch zeigen werde.
Wenn man über ein Thema schreibt, das gerade noch stattfindet, muss man an einem bestimmten Stichtag eine Abgrenzung vornehmen. Alles, was davor war, ist Vergangenheit, und alles, was danach kommt, bestenfalls Gegenstand einer plausiblen Vorausschau. Mein Stichtag für den ersten Teil dieses Buches, der auf die Corona-Pandemie im ersten Halbjahr 2020 zurückblickt, ist der 10. Juni 2020.
Einordnung des Coronavirus
Definitionen
Vorweg: Ein grippaler Infekt ist nicht bedeutungsgleich mit einer Grippe, und es gibt viel mehr Coronaviren als nur das SARS-CoV-2-Virus!
Ob Erkältung oder Verkühlung, viraler oder grippaler Infekt – all dies sind umgangssprachliche Bezeichnungen für eine akute Infektion von Nasenschleimhaut, Nebenhöhlen, Rachen und/ oder Bronchien. Je nach Alter treten Erkältungskrankheiten unterschiedlich oft auf, gehören aber zu den häufigsten Infektionskrankheiten des Menschen und verlaufen meist harmlos. Die Infektion kann von unterschiedlichen Erkältungsviren verursacht werden, zu denen übrigens auch die Familie der Coronaviren gehört. Zusätzlich können Bakterien zu einer Sekundärinfektion führen.
Von einem solchen grippalen Infekt muss die „echte“ Grippe oder Virusgrippe (Influenza) unterschieden werden. Hierbei handelt es sich zwar auch um eine Infektionskrankheit, die jedoch typischerweise von Influenzaviren ausgelöst wird und jährlich wiederkehrend (saisonal) auftritt. Durch uneinheitliche Krankheitsverläufe, oft mit unspezifischen Krankheitsanzeigen bzw. ohne typische Symptomatik, ist in vielen Fällen eine Verwechslung mit einer einfachen Erkältung möglich. Der wesentliche Unterschied liegt darin, dass die Influenza weniger häufig vorkommt, aber bei etwa einem Drittel der Infizierten deutlich schwerer verläuft. Durch den ohnehin geschwächten Organismus können bakterielle Sekundärinfektionen – etwa durch Pneumokokken, welche unter anderem Lungenentzündungen verursachen – besonders (lebens-) gefährlich werden.
Die Familie der Coronaviren (Coronaviridae, CoV) ist seit den 1960er-Jahren bekannt. Coronaviren sind genetisch hochvariabel, können also durch die Überwindung der Artenbarrieren unterschiedlichste Wirtsspezies infizieren – neben Fledermäusen etwa Vögel, Fische und auch Menschen. Coronaviren können beim Menschen Komplikationen verursachen, die von leichteren Erkältungssymptomen bis hin zu schwereren Krankheiten wie SARS und MERS durch die Viren SARS-CoV und MERS-CoV reichen, auf die ich noch näher eingehen werde.
Das zunächst als „neuartiges Coronavirus 2019“ (2019-nCoV) bezeichnete Virus SARS-CoV-2 ist genau das: neuartig, zuvor noch nicht beim Menschen nachgewiesen und deshalb vielfach noch unerforscht. Versuche, Parallelen zur Influenza zu ziehen oder SARS-CoV-2 davon abzugrenzen, führten ebenso zu widersprüchlichen Schlussfolgerungen wie der im Fluss befindliche Forschungsstand. SARS-CoV-2 löst die als „Coronavirus Disease 2019“ (COVID-19) bezeichnete Atemwegs- bzw. Lungenerkrankung aus.
COVID-19 entwickelte sich im Januar 2020 in China zur Epidemie und wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 30. Januar 2020 als „gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite“ sowie am 11. März 2020 als Pandemie eingestuft. Am 25. März 2020 hat der Deutsche Bundestag eine „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ festgestellt.
Sowohl Epidemie als auch Pandemie bezeichnen ein vermehrtes Auftreten von Krankheitsfällen einheitlicher Ursache. Bei einer Epidemie bleibt die Krankheitsausbreitung jedoch örtlich (und zeitlich) begrenzt, während man bei einer länder- und kontinenteübergreifenden Ausbreitung von einer Pandemie spricht.
Historische Ereignisse
Spanische Grippe
Im Kontext der Corona-Pandemie 2020 wird vielfach auf die Spanische Grippe verwiesen. Es handelte sich dabei um eine Influenza-Pandemie, deren Erreger H1N1 bis heute immer neue Pandemien verursacht, weshalb sie auch als „Mutter aller Pandemien“ bezeichnet wird.
Die Spanische Grippe trat gegen Ende des Ersten Weltkriegs auf, verbreitete sich von 1918 bis 1920 in drei Wellen und forderte bis zu 50 Millionen Tote; Vermutungen reichen gar bis zu 100 Millionen. Dies hätte damals mehr als 5 % der Weltbevölkerung und mehr als dem Fünffachen der Kriegstoten entsprochen. Neben den absoluten Zahlen sorgte vor allem die hohe Sterbewahrscheinlichkeit der Erkrankten von bis zu 10 % für Schrecken.
Zu klassischen Grippesymptomen in bis dahin nicht gekannter Heftigkeit traten in besonders schweren Fällen eine Lungenentzündung und teilweise auch hämorrhagisches Fieber hinzu. Todesursache war zumeist eine bakterielle Sekundärinfektion.
Auffällig war auch, dass der Spanischen Grippe viele 20- bis 40-jährige Menschen zum Opfer fielen – was mit der kriegsbedingt erhöhten Mobilität der Soldaten erklärbar scheint, durch die die Ausbreitung der Pandemie überhaupt erst ermöglicht wurde. Begünstigend kamen nach Jahren des Krieges sicher die geschwächte Gesundheit vieler Menschen, unzureichende Hygienebedingungen, vielerorts handlungsunfähige Behörden sowie ein umfassender Mangel in der Gesundheitsversorgung hinzu. Und Lockdown oder Shutdown im Umfang des Jahres 2020 wären bei Kriegsende überhaupt nicht denkbar gewesen.
Wissenschaftler, die Parallelen zwischen Spanischer Grippe und Corona-Pandemie untersuchen, weisen auf zweierlei hin: einerseits auf die unterschiedliche Handhabung von Restriktionen im öffentlichen Raum in Philadelphia und St. Louis; während in Philadelphia noch im Frühherbst 1918 eine große Parade stattfand und binnen weniger Wochen tausende Menschen starben, setzten die Behörden in St. Louis frühzeitig auf Einschränkungen des öffentlichen Lebens und Quarantänemaßnahmen. Dass die Opferzahlen in Philadelphia achtmal so hoch lagen wie in St. Louis, hat die Maßnahmen 2020 beeinflusst.
Andererseits macht den Wissenschaftlern neben der rasanten Ausbreitung das Auftreten der Pandemie in drei Wellen binnen eines Jahres (im Frühjahr 1918, im Herbst 1918 und zum Teil noch einmal ab Frühjahr 1919) Sorgen – denn nachdem die erste Welle keine spürbar erhöhte Todesrate aufwies, brachten erst die zweite und dritte Welle eine außergewöhnlich hohe Sterblichkeit mit sich. Es wird befürchtet, dass die Corona-Pandemie eine ähnliche Entwicklung nehmen könnte.
Schweinegrippe H1N1
Die sogenannte Schweinegrippe, von offiziellen Stellen eher als „Neue Grippe“ bezeichnet, trat 2009/10 weltweit auf. Die Erkrankungen wurden, wie bei der Spanischen Grippe, durch eine Influenzavirus-Variante des Subtyps A(H1N1) verursacht, was global zu einer enormen Aufmerksamkeit und weitreichenden Maßnahmen führte.
Laut der US-Gesundheitsbehörde CDC waren auch Personen zwischen 30 und 44 Jahren deutlich häufiger von schweren Verläufen betroffen als bei der saisonalen Influenza; nach ersten Berechnungen war die Virusvariante ansteckender und die von ihr ausgelöste Erkrankung besaß eine höhere Letalität (Tödlichkeit). Darin konnten Parallelen zur Spanischen Grippe gesehen werden.
Anfang Juni 2009 wurde die Schweinegrippe von der WHO als Pandemie eingestuft, in 214 Staaten und Überseegebieten wurden H1N1-Fälle bestätigt. Die Fallzahlen gingen in den Millionenbereich, die Symptome unterschieden sich jedoch kaum von denen der jährlich wiederkehrenden (saisonalen) Influenzawelle. Schließlich wurde bei mindestens 18.449 Todesfällen weltweit von einem Zusammenhang mit laborbestätigten H1N1-Infektionen ausgegangen, wobei eine Studie die Todesfälle allein für das erste Jahr vielmehr auf 151.700 bis 575.400 schätzte.
Der Höhepunkt der Erkrankungswelle lag in Deutschland im November 2009. Millionen Menschen wurden geimpft, rund 226.000 bestätigte Fälle und 258 zurechenbare Todesfälle wurden gemeldet. In Österreich wurden rund 4000 Infektionen sowie 40 zuzuordnende Todesfälle registriert.
Im Juni 2020 gibt es Anzeichen für eine mögliche Wiederkehr der Schweinegrippe.
Vogelgrippe H5N1
Als Vogelgrippe wird eine Viruserkrankung der Vögel, also zunächst einmal eine Tierseuche bezeichnet, die durch das Influenza-A-Virus H5N1 hervorgerufen wird. Das Hauptgeschehen der Vogelgrippe fand ab 2004 statt. Ausgehend von der Region um Hongkong verbreitete sich der Erreger weltweit und wurde von der WHO der Pandemie-Warnstufe „Alarmphase“ zugeordnet.
Allerdings ist die Vogelgrippe eine Zoonose, d. h. eine Krankheit, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden kann und dann häufig tödlich endet, vielfach infolge eines Lungenoder Multiorganversagens. Zwar waren Personen mit intensivem Kontakt zu infizierten Tieren besonders gefährdet, jedoch wurden auch Übergänge von Mensch zu Mensch berichtet.
Die WHO-Statistik wies am Ende 861 Erkrankungen und 455 Todesfälle in 17 Ländern in Asien, Afrika, Südosteuropa und Nordamerika aus. Zwar wurde das Risiko für Menschen, an einer H5N1-Infektion zu erkranken, von Experten weltweit als äußerst gering eingeschätzt. Allerdings befürchteten viele, dass das Vogelgrippevirus sich zukünftig mit einem Erreger der Humangrippe kreuzen und dann leichter von Tier zu Mensch oder gar von Mensch zu Mensch übergehen könnte.
Dazu trugen auch die Ergebnisse von Forschern bei, die 2005 den Erreger der Spanischen Grippe rekonstruierten und feststellten, dass das H1N1-Virus unmittelbar von einem Vogelgrippe-Virus abstammte und nach nur wenigen Mutationen die Fähigkeit entwickelt hatte, den Menschen zu befallen.
Coronaviren SARS-CoV und MERS-CoV
Das SARS-CoV (neuerdings auch als SARS-CoV-1 bezeichnet) gehört wie das neue SARS-CoV-2 zur Spezies des SARS-assoziierten Coronavirus. Dabei bezeichnet SARS die verursachte Infektionskrankheit „Severe acute respiratory syndrome“ (Schweres akutes Atemwegssyndrom), deren klinisches Bild einer atypischen Lungenentzündung (Pneumonie) entspricht.
Der erste größere Ausbruch der Krankheit war die SARS-Pandemie 2002/03, die von Südchina ausging und ihre Schwerpunkte in Asien und Nordamerika hatte. Als erste Pandemie des 21. Jahrhunderts veranschaulichte sie die rasche Ausbreitung einer Krankheit in der globalisierten Welt und wurde weltweit massiv von den Medien begleitet.
Die WHO bezifferte am Ende 8096 Infektionsfälle in 25 Ländern auf fünf Kontinenten, davon 774 Tote und 7322 Genesene, was einer Letalitätsrate von 9,6 % entsprach.
Das MERS-CoV entstammt ebenfalls der Familie der Coronaviren. MERS bezeichnet ein seit 2012 im Nahen Osten aufgetretenes respiratorisches Syndrom, das beim Menschen mit einer schweren Infektion der Atemwege, Lungenentzündung und/oder Nierenversagen einhergehen kann. Mangels einer ausreichend großen Zahlenbasis lässt sich der Anteil der Erkrankten an den Infizierten nicht beziffern und lediglich für die den Behörden bekannt gewordenen Erkrankungen feststellen, dass diese meist schwer und oft tödlich verliefen. Es wird davon ausgegangen, dass das MERS-CoV seltener von Mensch zu Mensch übertragen wird, sondern vor allem ein tierisches Erregerreservoir existiert, von dem die Fälle ausgehen.
Ende Februar 2020 waren der WHO 2519 Erkrankungen bekannt, wovon 866 zum Tode führten. Außer dem regionalen Schwerpunkt auf der arabischen Halbinsel waren Asien, Afrika, Europa und Nordamerika betroffen.
Saisonale Grippewellen
Die jährlich wiederkehrende (saisonale) Influenza mag im Vergleich zu Schweine- und Vogelgrippe sowie Coronaviren geradezu banal klingen. Doch die Zahlen sprechen eine ganz andere Sprache.
Die Influenzasaison 2004/05 führte in Deutschland zu bis zu 6,2 Millionen Influenza-assoziierten Arztbesuchen, 2,4 Millionen attestierten Arbeitsunfähigkeiten und 860.000 Schülerattesten, 32.000 Krankenhauseinweisungen und 20.000 Todesfällen.
Noch höher lagen die Todeszahlen in den Influenza-Saisons 2008/09, 2012/13, 2014/15, 2016/17 und vor allem 2017/18 mit der höchsten Zahl an Todesfällen in den vergangenen 30 Jahren.
Während dieser letzten großen Grippewelle wurden bis zu neun Millionen Influenza-assoziierte Arztbesuche und 60.000 Krankenhauseinweisungen beziffert. Selbst während der Grippewelle 2019/20, deren Höhepunkt Ende Februar 2020 überschritten wurde, waren bis dahin 2,1 Millionen Menschen beim Arzt. 185.893 Influenzafälle wurden labordiagnostisch bestätigt, 476 Menschen sind an der Grippe gestorben.
Weltweit geht man Jahr für Jahr von ungefähr 650.000 Menschen aus, die an der saisonalen Grippe sterben. Diese Zahlen relativieren wohl auch ein wenig die oftmals als unangemessen empfundene Aussage, dass die Corona-Pandemie nicht schlimmer sei als eine „normale“ Grippe, die von den meisten Menschen Jahr für Jahr in Kauf genommen wird.
EHEC-Epidemie
Als regional relevantes Phänomen möchte ich noch an die EHEC-bzw. HUS-Epidemie erinnern. Dabei handelte es sich um eine ab April/Mai 2011 in Norddeutschland aufgetretene Häufung und Ausbreitung einer bis dahin nicht bekannt gewesenen schweren Verlaufsform einer Erkrankung der kleinen Blutgefäße, des hämolytisch-urämischen Syndroms (HUS), als deren Ursache EHEC-Darmbakterien angenommen wurden.
Die Vermutungen über deren Herkunft reichten von keimbelasteten Salatgurken bis hin zu Bockshornkleesprossen. Jedenfalls erkrankten 855 Menschen an HUS und 2987 an EHEC-Gastroenteritis; 53 Menschen starben an der Infektion, die zeigt, welch große Auswirkungen kleine Ursachen haben können – und wie leicht auch hierzulande eine Epidemie entstehen kann.
Risikoanalyse 2012
Mit der Bundestagsdrucksache 17/12051 vom 3. Januar 2013 unterrichtete die Bundesregierung den Deutschen Bundestag über den Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012. Sie ist ihrer Präambel zufolge „als sachlich-nüchterne Bestandsaufnahme dessen“ zu verstehen, „womit bei Eintreten unterschiedlicher Gefahren in Deutschland zu rechnen ist“.
Der Bericht enthält unter anderem die Risikoanalyse „Pandemie durch Virus Modi-SARS“, die unter fachlicher Federführung des Robert-Koch-Instituts und Mitwirkung verschiedener Bundesämter, Bundesanstalten, der Bundesnetzagentur, des Paul-Ehrlich-Instituts und der Bundeswehr durchgeführt wurde.
Das Szenario beschreibt ein Seuchengeschehen, das auf der Verbreitung eines neuartigen Erregers basiert. Dem wurde das hypothetische Virus „Modi-SARS“ zugrunde gelegt, das mit dem natürlichen SARS-CoV in fast allen Eigenschaften identisch ist; als aktuelles Beispiel für einen neu auftretenden Erreger wurde explizit ein neues Coronavirus („novel Coronavirus“) angeführt.
Nach den zwischenzeitlichen Erfahrungen mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 überraschen die Ähnlichkeiten mit dem hypothetischen Erreger dennoch: eine Übertragung hauptsächlich über Tröpfcheninfektion, aber auch eine mehrtägige Übertragungsfähigkeit des Virus auf unbelebten Oberflächen, eine gesicherte Inkubationszeit von bis zu 14 Tagen, ähnliche Krankheitssymptome, eine rein symptomatische Behandlung aufgrund fehlender Medikamente, eine 10%ige Letalität, leichtere Krankheitsverläufe bei Kindern, das Fehlen eines Impfstoffes usw. Diese Parallelen sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man später die modellierten Auswirkungen bewerten will.
Für dieses „Modi-SARS“-Virus wurde auch der hypothetische Verlauf einer Pandemie in Deutschland modelliert, wobei sich die Parallelen fortsetzen. Der Erreger stammt aus Südostasien, wo der bei Wildtieren vorkommende Erreger über Märkte auf den Menschen übertragen wurde. Das Szenario beschreibt eine weltweite Verbreitung des Virus, das hauptsächlich in Asien, Europa und Nordamerika auftritt. In der Initialphase des Geschehens werden insgesamt zehn Fälle nach Deutschland eingetragen, „bevor den Behörden die erste offizielle Warnung durch die WHO zugeht. Darunter sind zwei Infizierte, die durch eine Kombination aus einer großen Anzahl von Kontaktpersonen und hohen Infektiosität stark zur initialen Verbreitung der Infektion in Deutschland beitragen“, je eine infizierte Person in Nord- und in Süddeutschland.
In dem Bericht heißt es: „Das Besondere an diesem Ereignis ist, dass es erstens die gesamte Fläche Deutschlands und alle Bevölkerungsgruppen in gleichem Ausmaß betrifft, und zweitens über einen sehr langen Zeitraum auftritt.“ Dabei wird von einer Ausbreitung der Pandemie in drei Wellen ausgegangen; „nachdem die erste Welle abklingt, folgen zwei weitere, schwächere Wellen“. Die Erklärung leuchtet ein: „Nach einem Höhepunkt sinkt die Neuerkrankungsrate auch, weil die Bevölkerung allgemein mit verstärkten (Eigen-)Schutzmaßnahmen auf das massive Krankheitsgeschehen reagiert. Infolge dieser Maßnahmen nehmen die Neuerkrankungen ab, was zum Nachlassen der individuellen Schutzmaßnahmen führt (aufgrund einer geringeren subjektiven Risikowahrnehmung), wodurch wiederum die Zahl der Neuerkrankungen zunimmt. Diese Wechselwirkungen tragen neben dem Auftreten neuer Virusvarianten zu einem Verlauf mit mehreren Höhepunkten bei.“
Schließlich „ist so lange mit Neuerkrankungen zu rechnen, bis ein Impfstoff verfügbar ist. Für das vorliegende Szenario wird ein Gesamtzeitraum von drei Jahren zugrunde gelegt mit der Annahme, dass nach dieser Zeit ein Impfstoff entwickelt, freigegeben und in ausreichender Menge verfügbar ist. Der Erreger verändert sich im Verlauf der drei Jahre durch Mutationen so, dass auch Personen, die eine Infektion bereits durchlebt haben, wieder anfällig für eine Infektion werden. Hierdurch kommt es insgesamt zu drei Erkrankungswellen unterschiedlicher Intensität“.
Und weiter: „Das Gesundheitssystem wird vor immense Herausforderungen gestellt, die nicht bewältigt werden können. […] Die enorme Anzahl Infizierter, deren Erkrankung so schwerwiegend ist, dass sie hospitalisiert sein sollten bzw. im Krankenhaus intensivmedizinische Betreuung benötigen würden, übersteigt die vorhandenen Kapazitäten um ein Vielfaches. […] Dies erfordert umfassende Sichtung (Triage) und Entscheidungen, wer noch in eine Klinik aufgenommen werden und dort behandelt werden kann und bei wem dies nicht mehr möglich ist.“ Dabei wird von einer gleichzeitigen Erkrankung von bis zu 8 % der Gesamtbevölkerung ausgegangen: sechs Millionen Menschen, davon 4,1 Millionen krankenhauspflichtig und 1,1 Millionen intensivmedizinisch. Gleichzeitig.
Bevor ich die modellierten Infiziertenzahlen weiter zitiere, möchte ich nochmals daran erinnern, dass diese Risikoanalyse vom Robert-Koch-Institut unter Mitwirkung weiterer Bundesbehörden durchgeführt und von der Bundesregierung offiziell dem Parlament vorgelegt wurde. Jedenfalls heißt es dort:
„Über den Zeitraum der ersten Welle (Tag 1 bis 411) erkranken insgesamt 29 Millionen, im Verlauf der zweiten Welle (Tag 412 bis 692) insgesamt 23 Millionen und während der dritten Welle (Tag 693 bis 1052) insgesamt 26 Millionen Menschen in Deutschland. Für den gesamten zugrunde gelegten Zeitraum von drei Jahren ist mit mindestens 7,5 Millionen Toten als direkte Folge der Infektion zu rechnen. Zusätzlich erhöht sich die Sterblichkeit sowohl von an Modi-SARS Erkrankten als auch anders Erkrankter sowie von Pflegebedürftigen, da sie aufgrund der Überlastung des medizinischen und des Pflegebereiches keine adäquate medizinische Versorgung bzw. Pflege mehr erhalten können.“
Ich möchte nochmal die Zahl der genannten Erkrankten zusammenzählen: 78 Millionen. Bei 80 Millionen Einwohnern zum Analysezeitpunkt im Jahr 2012 wird hier von einer Erkrankung von bis zu 97,5 % der Bevölkerung (und dem Tod von rund 9,5 % der Bevölkerung) ausgegangen, wobei ich mögliche Mehrfacherkrankungen nicht berücksichtigt habe.
Zudem möchte ich eine vorangestellte Erläuterung zitieren: „Dort, wo flächendeckend verallgemeinerte Aussagen derzeit nicht oder nur bedingt möglich sind, sodass mitunter vereinfachte Annahmen getroffen werden müssen, wurde im Rahmen der beiden diesjährigen Risikoanalysen im Zweifel der jeweils günstigere Verlauf angenommen, um nicht belegbare Dramatisierungen zu vermeiden. Andernfalls hätten die den Risikoanalysen zugrunde gelegten Szenarien auch anders gestaltet werden können, was durchaus zu noch drastischeren anzunehmenden Auswirkungen auf die betrachteten Schutzgüter hätte führen können.“ Die vorgenannten Zahlen sind also das Ergebnis einer Modellierung, die im Zweifelsfall vom günstigeren Verlauf ausgegangen ist!
Politisch müsste man jetzt den Finger in die Wunde legen und den Verantwortlichen die vorwurfsvolle Frage stellen, warum sie seit der Konfrontation mit der Risikoanalyse acht Jahre lang nichts unternommen haben, um im Jahr 2020 besser vorbereitet zu sein. Unter dem Vorsorgeaspekt dient die Studie dazu, sich bewusst zu machen, welches Szenario die Behörden für möglich halten – sowohl mit Blick auf einen möglichen Fortgang der Corona-Pandemie als auch hinsichtlich zukünftig auftretender Pandemien.
Verlauf der 1. Welle der Corona-Pandemie
Globale Verbreitung
Am 10. Juni 2020, meinem Stichtag zur Abgrenzung dieses Buches, ging die amerikanische Johns-Hopkins-Universität, deren COVID-19-Dashboard zu diesem Zeitpunkt als das Maß der Dinge in der Corona-Pandemie 2020 galt, von 7.256.412 bestätigten Infektionen in 188 Ländern aus.
Wenn man bedenkt, als wie extrem in der westlichen Welt die Ausbreitung zu Jahresbeginn 2020 in China empfunden wurde, wo 84.198 Menschen erkrankt waren, dann irritiert es umso mehr, dass China damit inzwischen auf den 18. Rang zurückgefallen ist. Davor liegen:
•mit 1.979.893 Erkrankten die USA,
•mit 739.503 Brasilien,
•mit 493.023 Russland,
•mit 290.581 das Vereinigte Königreich,
•mit 276.583 Indien,
•mit 241.966 Spanien,
•mit 235.561 Italien,
•mit 199.696 Peru,
•mit 191.523 Frankreich,
•mit 186.522 Deutschland,
•mit 175.927 Iran,
•mit 172.114 die Türkei,
•mit 142.759 Chile,
•mit 124.301 Mexiko,
•mit 113.702 Pakistan,
•mit 108.571 Saudi-Arabien und
•mit 98.241 Kanada.
Natürlich können Infizierte nur durch Tests bestätigt werden, und wo kaum getestet wird – sei es aufgrund fehlenden politischen Willens, sei es aufgrund fehlender technischer Möglichkeiten –, bleiben die Zahlen niedrig. Das mag erklären, warum vergleichsweise viele „reiche“ Staaten im vorderen Bereich und vergleichsweise viele weniger entwickelte Staaten im hinteren Bereich des Rankings vertreten sind.
Zudem spielt natürlich die Anzahl der Gesamtbevölkerung eine Rolle, um einzuschätzen, wie schlimm sich das Problem auf ein Land auswirkt. Betrachten wir einmal die Gruppe der Sieben (G7), die zum Gründungszeitpunkt bedeutendsten Industrienationen der westlichen Welt, dann liegen
•die USA mit einem Infiziertenanteil von 0,6 % ihrer Bevölkerung vor
•dem Vereinigten Königreich (0,44 %),
•Italien (0,39 %),
•Frankreich (0,29 %),
•Kanada (0,26 %),
•Deutschland (0,23 %) und
•Japan (0,01 %).
Würde man statt der G7 die G8 betrachten, läge Russland mit 0,33 % an vierter Stelle zwischen Italien und Frankreich.
Untersucht man die Mitgliedsländer der Europäischen Union, geht die Spanne ebenfalls erstaunlich weit auseinander:
•Luxemburg liegt mit einem Infiziertenanteil von 0,81 % weit vorn,
•Irland, Belgien, Spanien und Schweden liegen bei rund 0,5 %,
•Italien und Portugal bei rund 0,35 %,
•Frankreich und die Niederlande bei knapp unter 0,3 %,
•Deutschland, Dänemark und Österreich bei rund 0,2 %,
•alle anderen Länder darunter.
Dabei stechen Spanien, Italien, Frankreich und Deutschland durch ihre hohen Infiziertenzahlen heraus, denen aber auch die Infrastruktur von Ländern mit Dutzenden Millionen Einwohnern gegenübersteht. Würde man die Schweiz mitbetrachten, gehörte sie mit Italien/Portugal zu einer Gruppe.
Auch bei der Anzahl der Toten liegen
•die USA mit 112.006 an erster Stelle,
•gefolgt vom Vereinigten Königreich mit 40.968,
•Brasilien mit 38.406,
•Italien mit 34.043,
•Frankreich mit 29.299,
•Spanien mit 27.136,
•Mexiko mit 14.649,
•Belgien mit 9629,
•Deutschland mit 8748,
•Iran mit 8506,
•Kanada mit 7970,
•Indien mit 7745,
•Russland mit 6350,
•den Niederlanden mit 6061,
•Peru mit 5571,
•Schweden mit 4795,
•der Türkei mit 4729 und
•China mit 4638 Toten.
Setzt man allerdings die bestätigten Infektionen in diesen Ländern ins Verhältnis zu den Verstorbenen, fällt auf, dass
•in Belgien 16 Tote auf 100 Infizierte kommen,
•in Frankreich 15,
•in Italien und dem Vereinigten Königreich 14,
•in den Niederlanden 13,
•in Mexiko zwölf,
•in Spanien elf,
•in Schweden zehn,
•in Kanada acht,
•in den USA und China sechs,
•in Brasilien, Iran und Deutschland fünf,
•in Indien, Peru und der Türkei drei sowie
•in Russland ein Toter auf 100 Infizierte.
Ginge man von gleichermaßen umfangreichen Tests lebender wie auch verstorbener Menschen aus, müsste man schlussfolgern, dass in den westlichen Ländern das Sterberisiko Infizierter wesentlich höher ist als in den genannten Schwellenländern. Möglicherweise spielt die unterschiedliche Altersverteilung dabei eine Rolle.
Unterschiedliche Staaten haben sehr unterschiedliche Wege gewählt, auf den Corona-Ausbruch zu reagieren – oder auch nicht zu reagieren. Auch dies macht sich in den Zahlen bemerkbar.
Verlauf in ausgewählten Regionen
In China wurde das Virus mit höchst konsequenten Maßnahmen, die hierzulande zunächst als unangemessener Ausdruck einer autoritären Staatsführung kritisiert wurden, vergleichsweise schnell und wirksam eingedämmt. Zahlreiche Städte mit Dutzenden Millionen Menschen wurden völlig von der Außenwelt abgeriegelt, binnen zehn Tagen zwei zusätzliche Krankenhäuser gebaut. Bis Ende Februar 2020 wurde das exponentielle Wachstum gestoppt. Allerdings werden Zahlen aus China international vielfach angezweifelt.
Durch konsequentes Testen und Nachverfolgen von Kontaktpersonen konnten auch Singapur und Taiwan – ebenso wie Südkorea, wo es nie einen strikten Lockdown gab – die Pandemie gut eindämmen. Wie China (oder auch Deutschland) verfügen diese Länder über Gesundheitsbehörden mit einer gewissen Autorität, wodurch staatliche Maßnahmen effektiv umsetzbar werden.
Italien wurde vom Coronavirus völlig kalt erwischt und regelrecht überrollt. Als das Virus sich dort zu verbreiten begann, gab es noch keine nennenswerten Erfahrungen in Europa – erst im März 2020 wurde der Kontinent zum Brennpunkt der Pandemie. Die Infizierten- und besonders die Sterbezahlen Italiens überholten die in China schnell, das Gesundheitswesen schien zusammenzubrechen. Als Italien sich nur noch mit dem Ausrufen des nationalen Notstandes und einem stufenweise immer strengeren Lockdown zu helfen wusste, schauten die Nachbarländer mit dem gleichen Irrglauben dorthin wie zuvor schon nach China – um es anschließend Stück für Stück, wenn auch zumeist langsamer und weniger konsequent, nachzumachen.
Als China am 23. Januar 2020 die Elf-Millionen-Metropole Wuhan abriegelte und in der Öffentlichkeit eine Maskenpflicht erließ, lag die Zahl der Infizierten dort bei 639. Als Italien im Februar 2020 die ersten Städte und Gemeinden abzuriegeln begann, war dort gerade die Schwelle von 100 Infizierten überschritten worden. Ob Deutschland, Frankreich, Spanien oder die USA – alle hatten eine höhere Fallzahl als Italien, als sie vergleichbar einschränkende Maßnahmen anordneten. Auch Belgien, Brasilien, Dänemark, Japan, Kanada, die Niederlande, Österreich, Portugal, Schweden, die Schweiz usw. haben zu einem Zeitpunkt noch abgewartet, als sie schon mehr positiv getestete Fälle hatten als die Region Hubei zum Zeitpunkt ihrer Abriegelung.
Deutschland, Österreich und die Schweiz sind dann ähnliche Wege gegangen: Nur zögerlich wurden regional unterschiedliche soziale Distanzierungsmaßnahmen implementiert, weder mit der Konsequenz Chinas oder Italiens noch mit der Leichtfertigkeit Großbritanniens oder der USA. Da sich auf diese Region die Lehren aus der ersten Welle der Corona-Pandemie beziehen, werde ich im nächsten Kapitel noch näher darauf eingehen.
Spanien hat den nationalen Notstand erklärt, eine Ausgangssperre erlassen und seine Grenzen geschlossen. Dass ganze Urlauberhotels unter Quarantäne gestellt wurden, erzielte mediale Aufmerksamkeit. Frankreich hat – zeitlich verzögert – ähnliche Maßnahmen erlassen. Präsident Emmanuel Macron überraschte mit der Verlautbarung, alle Schutzmasken aus Lagerbeständen und der laufenden Herstellung zu beschlagnahmen.
In den USA hat sich die Regierung mit einer Reaktion auf die nahende Pandemie besonders viel Zeit gelassen. Das Coronavirus konnte sich dort weitgehend unbemerkt und lange ungehindert verbreiten, es wurde quasi nicht getestet. Nach einem Einreiseverbot wurde zwar der nationale Notstand erklärt, aber es wurden keinerlei Maßnahmen ergriffen. Später wurden freiwillige Verhaltensmaßnahmen empfohlen, bis erste Staaten begannen, das öffentliche Leben einzuschränken. Es ist bereits bei den vorgenannten Zahlen deutlich geworden, dass die USA längst in jeder Hinsicht das am meisten betroffene Land der Welt sind. Auch in Großbritannien hat die Regierung lange gezögert und viel empfohlen, aber wenig reglementiert.
Ein ganz eigener Ansatz wurde in den Niederlanden verfolgt. Während die Risiken für besonders gefährdete Personen minimiert werden sollten, bis ein Impfstoff entwickelt sein würde, sollte eine schnellstmögliche Infizierung des übrigen Teils der Bevölkerung erfolgen. Das Konzept der Herdenimmunität geht davon aus, dass in der Regel immun wird, wer sich einmal mit dem Virus infiziert hat. Wenn rund 60 % der Bevölkerung immun seien, reduziere sich demnach die Wahrscheinlichkeit, dass das Virus die Risikogruppen infizieren könne. Davon ausgehend setzte die Regierung erst zeitverzögert und weniger einschneidend auf Maßnahmen wie in den Nachbarländern. Per Juni 2020 liegt der Anteil der Bevölkerung, der Antikörper besitzt, allerdings weit hinter den Erwartungen.
Auch Schweden ist einen Sonderweg gegangen. Fernab vom europäischen Brennpunkt der Pandemie, kam das Coronavirus dort vergleichsweise spät an. Das Land hat statt auf staatliche Restriktionen vor allem auf Appelle an Vernunft und Verantwortung gesetzt und vielerlei Einrichtungen geöffnet gelassen. Trotz der Freiwilligkeit gingen die Bewegungen der Menschen stark zurück – doch das Land bezahlt diese Freiheiten nun offenbar mit bedeutend mehr Todesfällen als zumindest jene Nachbarstaaten mit vergleichbarer Bevölkerungsdichte.
Unterdessen erleben erste Länder Asiens im Juni 2020 den Beginn einer möglichen zweiten Welle der Pandemie und einen erneuten Anstieg der Todesfälle.
Pulsuz fraqment bitdi.