Kitabı oxu: «Agricola und Germania»
Die genauen Lebensumstände von PUBLIUS CORNELIUS TACITUS (um 58 n. Chr. – um 120 n. Chr.) lassen sich nur mithilfe verstreuter Selbst- und Fremdzeugnisse rekonstruieren. Als gesichert gilt, dass der Römer Karriere im Staatsdienst machte und der üblichen Laufbahn als Gerichtsredner folgend, bis in das Amt des römischen Senators aufstieg, das er unter Vespasian, Titus und schließlich Domitian ausübte. Überragende Bedeutung für die Nachwelt errang Tacitus als Geschichtsschreiber, dessen versierte Analysen unser modernes Bild vom römischen Reich im 1. Jahrhundert n. Chr. entscheidend mitgeprägt haben.
DR. LENELOTTE MÖLLER studierte Geschichte, Latein und evangelische Theologie in Saarbrücken, Basel und Mainz; die Promotion in Geschichte folgte im Jahr 2000; sie ist Studiendirektorin am Gymnasium Schifferstadt im Rhein-Pfalz-Kreis. Im marixverlag sind von ihr zahlreiche Übersetzungen erschienen.
Zum Buch
Agricola und Germania, zwei kleine Werke zur Geschichte bzw. zur Ethnographie des römischen Schriftstellers P. Cornelius Tacitus sind in diesem Bändchen versammelt und ausführlich erläutert. Die Schrift De origine et situ Germanorum ist die einzige aus der Antike erhaltene Monographie, die ein einzelnes Volk beschreibt. Die überaus positive Darstellung der Bewohner Germaniens hat manche Historiker im Zeitalter übersteigerten Nationalismus dazu verführt, die Germania vor allem als Bestätigung traditioneller deutscher Überlegenheit aufzufassen, doch gab es auch im 19. Jahrhundert schon viele Wissenschaftler, die in der hier aufschimmernden Kritik an der römischen Gesellschaft eine wichtige Absicht des Autors erkannten. Auch in diesem Fall aber bleibt das Buch eine wichtige historische Quelle, denn mit falschen Behauptungen oder durchschaubaren Übertreibungen hätte der Autor wohl kaum erwarten können, in der Öffentlichkeit ernst genommen zu werden.
Die Biographie seines Schwiegervaters Julius Agricola war für TACITUS die erste Schrift eines umfassenden Werkes über die (aus seiner Sicht) neuere und neueste Geschichte. Zu den nie an Aktualität verlierenden Themen des Werkes gehört die Auseinandersetzung mit dem (römischen) Imperialismus ebenso wie die mit den 15 Jahren der Gewaltherrschaft Kaiser Domitians, nach der die überlebenden Politiker und Schriftsteller Rechenschaft ablegen mussten über ihre Rolle während des Staatsterrors. Wie schwer dies war, fasst Tacitus so zusammen: „Die Erinnerung daran hätten wir freilich mit der Stimme verloren, wenn es so in unserer Macht gestanden hätte, zu vergessen, wie zu schweigen.“
Tacitus
Agricola und Germania
Tacitus
Agricola und Germania
Übersetzt, eingeleitet und erläutert
von Lenelotte Möller

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Der Text basiert auf der Ausgabe marixverlag, Wiesbaden 2012
Lektorat: Dietmar Urmes, Bottrop
Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH
Bildnachweis: akg-images GmbH, Berlin
eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main
ISBN: 978-3-8438-0270-3
www.marixverlag.de
Inhalt
Einleitung
Rom im 1. Jahrhundert n. Chr
P. Cornelius Tacitus
Schriften und Überlieferung
Zu dieser Ausgabe
Agricola
Die Römer in Britannien
Iulius Agricola – Leben und Lebensbeschreibung
Übersetzung und Erläuterungen
Germania
Germanen und Römer
Tacitus’ Quellen
Die Germania
Absicht und Wirkung
Übersetzung und Erläuterungen
Zeittafel
Literaturverzeichnis
Einleitung
Rom im 1. Jahrhundert n. Chr.
Nach einem ganzen Jahrhundert, das vom Bürgerkrieg in seinen verschiedenen Phasen geprägt war, erholte sich Rom unter Octavian Augustus allmählich von den Erschütterungen jener Zeit, und während Augustus den Schein der Wiederherstellung der alten res publica aufrechterhielt, setzten sich er und seine Nachfolger in Wirklichkeit immer stärker gegen die Macht des Senates durch: außenpolitisch, indem die Leitung der äußeren Provinzen, in welchen die Legionen stationiert waren, vom Kaiser übernommen wurde. Die inneren Provinzen ohne Militär wurden vom Senat verwaltet. Innenpolitisch machte sich besonders die kaiserliche Einflussnahme bei den Magistratswahlen bemerkbar.
Auf Augustus folgten im Jahr 14 n. Chr. Tiberius, diesem im Jahr 37 Gaius, Sohn des Germanicus und Agrippinas, geb. 12 n. Chr. Aufgrund seiner Jugend, die er bei den Legionen verbracht hatte, wurde er nach dem Schuhwerk der Soldaten Caligula (Stiefelchen) genannt. In seiner Regierungszeit wurde der Schriftsteller Tacitus geboren. Caligula war unter Mitwirkung des Senates zur Kaiserwürde gelangt und regierte zunächst auch sehr besonnen, doch schlug sein Herrschaftsstil bald in Willkür und Verschwendungssucht um. Deswegen ließ er wohlhabende Römer vor Gericht stellen und unter fadenscheinigen Gründen verurteilen, um ihr Vermögen einzuziehen. Solchen Maßnahmen trat der Senat weder geschlossen noch entschlossen entgegen. Bereits Caligula hegte Pläne, Britannien zu erobern. Im Jahr 41 wurde er allerdings ermordet, bevor es zur Umsetzung kam, und ihm folgte sein Onkel, Kaiser Claudius.
Dieser war der Sohn des jüngeren Drusus und zwei Jahre vor seinem Neffen geboren. Claudius wurde von den Prätorianern zum Kaiser erhoben. Zu den bedeutenden Taten dieses Herrschers gehört die Verleihung des römischen Bürgerrechts an die Gallier, und in seine Regierungszeit fällt die Invasion der Römer in Britannien, die im Gegensatz zu C. Iulius Caesars erstem Aufenthalt zur weiteren Eroberung der Insel durch die Römer führte. Auf Claudius folgte mit Nero im Jahr 54 der letzte Herrscher der julisch-claudischen Dynastie. Nero war 37 geboren und der Sohn C. Domitius Ahenobarbus’ und der Iulia Agrippina, einer Enkelin des Augustus. Ihn hatte Claudius adoptiert, und die Prätorianer riefen ihn zum Kaiser aus. Erzogen worden war Nero von dem stoischen Philosophen Seneca, und solange er noch unter dessen Einfluss stand, setzte er vernünftige Reformen der römischen Politik durch und nahm Rücksicht auf den Senat. Nachdem aber Seneca die Kontrolle über seinen Zögling verloren hatte, entwickelte sich Nero zu einem grausamen Gewaltherrscher. Er ließ 55 seinen Halbbruder Britannicus ermorden und 59 seine Mutter Agrippina, er verstieß seine Frau Octavia, ordnete später ihre Ermordung an und vermählte sich neu mit Poppea Sabina; er trat öffentlich als Wagenlenker und Sänger auf. Seine außenpolitische Tätigkeit ist gekennzeichnet durch die Niederschlagung des Boudicca-Aufstands in Britannien und durch den Sieg über die Parther und Armenier. Eine im Jahr 64 in Rom ausgebrochene Feuersbrunst wurde ihm zur Last gelegt, was aber nicht bewiesen werden kann. Immerhin profitierte der Kaiser selbst am meisten davon, indem er wichtige Teile Roms nach eigenen Plänen neu aufbauen konnte, dabei wurde auch ein riesiger Kaiserpalast errichtet. Den Zorn der Bevölkerung lenkte er geschickt auf die in Rom gerade sich entwickelnde Gemeinde der Christen, die hier erstmals in großer Zahl verfolgt wurden. Nach der Aufdeckung der Pisonischen Verschwörung gegen Nero wurde unter anderem der Philosoph Seneca zum Selbstmord gezwungen. Der Senat hatte Nero nichts entgegenzusetzen, doch im Jahr 68 riefen die römischen Legionen im diesseitigen Gallien im Juni den bereits 73-jährigen Sulpicius Galba zum neuen Kaiser aus, der ein erfolgreicher Statthalter in mehreren Provinzen gewesen war. Nero ließ sich auf der Flucht vor dessen Anhängern selbst ermorden. Als jedoch Galba die Soldaten nicht in der erhofften Weise entlohnte, sondern sich als geizig erwies, erhoben die Prätorianer im Januar 69 an seine Stelle M. Salvius Otho, einen ehemaligen Günstling Neros, der jedoch in A. Vitellius sogleich einen Konkurrenten hatte, der ihn in einer Schlacht bei Cremona im April 69 besiegte und so zum Selbstmord veranlasste.
Nach diesen Wirren wurde T. Flavius Vespasianus von mehreren Legionen zum Imperator ausgerufen, der gerade in Palästina Krieg gegen die Provinz Judäa führte. Bei seinem Einmarsch in Rom zu Beginn des Jahres 70 hatte Vitellius bereits den Tod gefunden. Vespasian gelang es, mit seiner aus Reate stammenden Familie eine neue Dynastie, wenigstens über zwei Generationen, zu installieren. Vespasian war 9 n. Chr. geboren, hatte als Militärtribun in Thrakien und Quästor in Kreta und Kyrene gedient, 38 war er Ädil, 39 Prätor, dann Legat in Germanien und Britannien und noch vor 62 Prokonsul in Afrika, 66 schließlich in Judäa. In der Innenpolitik führte er eine Beruhigung herbei; außenpolitisch ist seine Regierungszeit gekennzeichnet von der Niederschlagung des Bataveraufstands unter Iulius Civilis 71 und der Einnahme Jerusalems durch seinen Sohn Titus im Jahr 70. Auf Vespasian folgte 79 für eine nur zweijährige Regierungszeit sein Sohn Titus, dessen Regierung von den Geschichtsschreibern im Nachhinein durchaus positiv beurteilt wird. 79 n. Chr. wurde Italien durch den Ausbruch des Vesuvs erschüttert, bei dem die Städte Pompeji und Herculaneum am Golf von Neapel vollständig unter Asche begraben wurden.
Auf Titus folgte sein jüngerer Bruder Domitian (geb. 51, Kaiser 81 bis 96), der Tacitus, Plinius d. Jüngeren und andere Schriftsteller jener Zeit am nachhaltigsten beschäftigte. Nach einem von den Zeitgenossen positiv bewerteten Start in seine Regierung entwickelte er sich bald zu einem despotischen Herrscher, der den Senat missachtete, die Denunziation in jeder Weise förderte, Intellektuelle ausweisen oder umbringen ließ und, um an das Vermögen reicher Bürger zu kommen, diese wegen Majestätsbeleidigung anklagen und hinrichten ließ. Seine außenpolitische Bilanz ist gemischt: In Britannien erfolgreich mit dem Statthalter Agricola, unternahm er 83 einen Feldzug gegen die Chatten und unterlag 90 den Dakern. 96 wurde Domitian bei einer Palastrevolution ermordet. Viele Politiker und Schriftsteller befassten sich in den folgenden Jahren mit ihrer Rolle in Domitians Unrechtsstaat.
M. Cocceius Nerva aus Narnia in Umbrien, der 71 und 90 Konsul gewesen war, wurde vom Senat auf den Thron gehoben, beruhigte zunächst die innenpolitische Lage, stärkte den Senat und sanierte die Staatsfinanzen. Er wird als bescheiden und freundlich geschildert. Die Macht des Amtes habe er nie angestrebt. Nach nur zwei Amtsjahren folgte ihm M. Ulpius Traianus, ein 53 in Hispanien geborener Senatorensohn, den Nerva adoptiert hatte, als Traian noch als Statthalter in Germanien kämpfte. In seinem Todesjahr 117 erreichte das Imperium Romanum seine größte räumliche Ausdehnung. Den Regierungsstil seines Vorgängers setzte er im Wesentlichen fort. Außenpolitisch führte er erfolgreich Krieg gegen die Daker und die Parther.
Tacitus dürfte auch noch die ersten Regierungsjahre Hadrians erlebt haben, der von 117 bis 138 über Rom herrschte. Auch unter Hadrian bestand Frieden zwischen Kaiser und Senat.
In der Herrschaftszeit der beschriebenen Kaiser veränderten sich Gesellschaft und Herrschaft im Imperium Romanum deutlich. Immer klarer wurde nach dem Tod des Augustus, dass die alte res publica endgültig untergegangen war. Ritter und Freigelassene im Umfeld der Kaiser übernahmen stärker deren Beratung anstelle des Senats und ebenso wichtige Verwaltungsaufgaben. Denunziation wurde von den meisten Kaisern gefördert. Das Volk erhielt statt des alten Mitspracherechts nun Unterhaltung und kostenlose Nahrungsmittelzuweisungen. Gleichzeitig verlor Italien seine zentrale Stellung für das Imperium Romanum. Seine wirtschaftliche Bedeutung nahm ab. Herrscher kamen, ebenso wie z.B. bedeutende Schriftsteller, immer häufiger aus anderen Provinzen des Reiches. Die Auswahl der Kaiser wurde zunehmend von den Legionen bestimmt. Noch war das Reich im Wachstum begriffen, aber nicht mehr so schnell wie in den früheren Jahrhunderten. Die Grenzsicherungen gewannen an Bedeutung.
P. Cornelius Tacitus
Tacitus wurde um 55 n. Chr., wohl in der Provinz Gallia Cisalpina oder in der Gallia Narbonensis, geboren. Die Familie gehörte dem Ritterstand an, und bisher war noch kein Familienmitglied Senator gewesen. Tacitus’ Mutter hieß wahrscheinlich Caecina; von seinem Vater, einem Prokurator in der Gallia Belgica, ist das Fragment einer Grabinschrift erhalten (CIL VI,41106): [Tac]ito Ca[... X]viro stlitib[us iudicandis ... quaesto]ri Aug(usti) tribun[o plebis – Dem Tacitus Ca[...], Decemvir stlitibus iudicandis, Quästor des Kaisers, Volkstribun.
Tacitus selbst erhielt die Ausbildung für die politische Laufbahn. Seine Lehrer waren Marcus Aper und Iulius Secundus. Der junge Tacitus war erfolgreich als Gerichtsredner und Anwalt und verlobte sich 76 oder 77 mit der Tochter des Feldherrn Cn. Iulius Agricola, was einen enormen gesellschaftlichen Aufstieg bedeutete, da Iulia aus der Nobilität stammte. Wahrscheinlich hatte er seinen Militärdienst zu dieser Zeit bereits abgeleistet. Welche Ämter Tacitus in welchen Jahren bekleidete, ist nicht genau bekannt, doch wurde er unter Kaiser Vespasian Senator, quaestor Augusti war er im Jahr 81 unter Titus, Volkstribun unter Domitian. 88 wurde er, noch ziemlich jung, Prätor und Quindecimvir sacris faciundis. In dieser Funktion half er bei der Organisation der Säkularfeier. Sicher ist auch, dass er sich 93, im Todesjahr seines Schwiegervaters, nicht in Rom aufhielt, sondern wohl ein Promagistrat ausübte. 97 wurde er unter Kaiser Nerva Suffektkonsul. In dieser Funktion hielt Tacitus eine Leichenrede auf seinen Vorgänger L. Verginius Rufus.
Im Jahr nach dem Konsulat nahm Tacitus seine schriftstellerische Tätigkeit auf, und zuerst erschienen von ihm zwei kleinere Werke: Agricola und Germania, einige Jahre später der Dialogus.
Im Jahr 100 war er zusammen mit seinem Freund, dem jüngeren Plinius, der ihn sehr verehrte, Ankläger des früheren Prokonsuls der Provinz Africa Marius Priscus, der sich in seiner Provinz schamlos bereichert hatte. Priscus wurde mit Verbannung bestraft. 104/05 war Tacitus wiederum von Rom abwesend, vermutlich verwaltete er in dieser Zeit eine konsularische Provinz. 112/13 belegt ihn eine Inschrift aus Mylasa (OGIS II,487) als Prokonsul der Provinz Asia – die Krönung seiner Karriere. Unbekannt ist, wann Tacitus seine beiden großen, leider nur in Teilen erhaltenen Werke, die Historien und die Annalen verfasste. Er starb wohl um das Jahr 120.
Schriften und Überlieferung
Von P. Cornelius Tacitus sind drei kleinere und – in Teilen – zwei große Werke überliefert. Ab dem Jahr 97 arbeitete er an seinem Geschichtswerk.
Nach seinen beiden Erstlingen Agricola und Germania erschien zwischen 102 und 107 der Dialogus de oratoribus, eine im Stil Ciceros abgefasste Abhandlung über den Niedergang der Beredsamkeit in Rom. Die einzelnen Teilnehmer (Marcus Aper, Iulius Secundus, Vipstanus Messalla und der Gastgeber Curiatius Maternus) entwickeln die Themen wie in einem realen Gespräch auch mit Brüchen und Wiederaufnahmen: die Vorzüge des Berufs des Redners und die Vorzüge eines zurückgezogenen Lebens – Niedergang oder Blütezeit der Redekunst – Erziehung zum Redner und Qualität der Redelehrer [danach folgt eine Lücke in der Überlieferung] – Verlust der Funktion der politischen Rede in der Kaiserzeit, bis Tacitus zu dem Schluss kommt, dass die Redekunst in unruhige Zeiten mit Aufruhr und Streit gehört, während ihr Platz in einem wohlgeordneten Staat nicht ist.
Die Historien entstanden bis etwa zum Jahr 108/09. Sie behandeln die römische Geschichte von 69 bis 96, beginnen also mit dem Vierkaiserjahr und stellen die Geschichte der flavischen Dynastie dar. Erhalten sind von den ursprünglich wohl zwölf Büchern nur die ersten vier und der Anfang des fünften. Nach dem Rückblick auf die Rhetorik im Dialogus beginnt Tacitus hier mit einem Rückblick auf seine Vorgänger als Geschichtsschreiber, stellt Überlegungen zum Vierkaiserjahr an und lässt dann die Ereignisse beginnen. Die Kaiser bewertet er vor allem aufgrund ihrer außenpolitischen Leistung. Der erhaltene Teil des fünften Buches endet mit dem Krieg in Judäa im Jahre 70.
Die Annalen (Ab excessu divi Augusti) entstanden wohl in zwei Teilen und enthalten die römische Geschichte von 14 n. Chr. bis 68, also die julisch-claudische Dynastie nach Augustus. Das Werk war auf 16 bis 18 Bücher angelegt, von denen ein Teil des fünften, der Abschnitt vom siebten bis zum zehnten Buch sowie das Ende ab der zweiten Hälfte des 16. Buches nicht überliefert sind. Nach einem kurzen Proömium bietet Tacitus einen knappen Abriss der römischen Geschichte bis zur Zeit des Augustus, den er sehr kritisch beurteilt.
Je sechs Bücher sind Tiberius und Claudius gewidmet, der Rest Nero.
Tacitus Quellen waren außer Senatsakten, zu denen er als Senator und ehemaliger Konsul Zugang hatte, private Archive, Augenzeugenberichte und eigene Anschauung, ferner die Geschichtsschreiber des 1. Jahrhunderts, insbesondere der ältere Plinius mit seinen Büchern über die Germanenkriege und seinen Historien, Cluvius Rufus (Konsul und Begleiter Neros bei dessen Griechenlandreise), Fabius Rusticus sowie vielleicht Servilius Nonianus und der ältere Seneca, deren infrage kommenden Werke ausnahmslos verloren sind. Zu seinen Vorbildern im Stil gehört Sallust. Wichtig war ihm die historische Analyse, nicht die Neutralität. Was er berichtet, ist in der Regel wahr, doch Auswahl und Anordnung werden der Autorintention untergeordnet.
Zu dieser Ausgabe
Wie antike Geschichtsschreiber in der Einleitung ihr Werk begründen und als notwendig erweisen, ist es auch bei Tacitus’Agricola und Germania angebracht zu erklären, warum den vielen existierenden gedruckten Übersetzungen hiermit noch eine weitere hinzugefügt wird. Hauptmerkmal der vorliegenden Ausgabe sind die ausführlichen Erläuterungen, die nicht am Ende des Buches – womöglich noch kapitelweise – gesucht werden müssen, sondern unter der Textstelle, auf die sie sich beziehen, schnell gefunden werden können und drei Schwerpunkte haben:
1. Sie enthalten Sachinformationen zu Orten, Personen und Sachverhalten, die der Orientierung und dem Verständnis des keineswegs aus dem reinen Text alleine heraus begreifbaren Werkes dienen. Insbesondere erfahren die Leser, wieweit andere schriftliche Überlieferungen oder archäologische Erkenntnisse Tacitus’ Ausführungen als zutreffend, unwahrscheinlich oder falsch erweisen.
2. Die Erläuterungen bieten Hinweise auf das Vorwissen und die Assoziationen der römischen Leser, sodass Rückschlüsse auf die Intention des Verfassers möglich sind, aber auch die Wirkung der Schriften beim zeitgenössischen Publikum nachvollziehbar wird.
3. Sie teilen zu vielen Stellen die Wirkungsgeschichte mit, darunter auch wissenschaftliche Erkenntnisse, die sich direkt aus den Texten oder im Zusammenhang mit ihnen ergeben haben und für diejenigen Personen, die sich heute entschließen, Tacitus zu lesen, gewiss von Interesse sind.
Die vorliegende Ausgabe soll daher Tacitus’ erste beiden Schriften, von denen mindestens die Germania dem Namen nach eine breitere Bekanntheit besitzt, Lesern erschließen, die den reinen Übersetzungstext, obwohl sie das Thema interessiert, nach einigen Seiten wohl weglegen würden oder nur einen geringen Teil des – hier zum Teil vergrabenen – Wissensschatzes mitnehmen würden.
Agricola
Die Römer in Britannien
Seit etwa 10 000 Jahren ist Britannien eine Insel, reich an metallischen Rohstoffen, wenn auch nicht an Edelmetallen. Diese war bereits in der Steinzeit von Menschen bevölkert, von denen noch einige Spuren fassbar sind. Um Christi Geburt war Britannien von keltischen Stämmen bewohnt, die in zwei großen Etappen um 1000 und um 500 v. Chr. eingewandert und mit den Kelten des Festlandes verwandt waren.
Während des Gallischen Krieges (58–51) unterstützten die Inselkelten ihre Festlandverwandten. Aus diesem Grund landeten in den Jahren 55 und 54 v. Chr. unter der Führung C. Iulius Caesars erstmals römische Schiffe im Süden der Insel (vgl. De bello Gallico 4,20ff. und 5,1ff.). Nach einer problemlosen Überfahrt 55 gelang die eigentliche Landung erst im zweiten Anlauf, da zunächst britannische Truppen die Küsten unter Beschuss nahmen. Auch beim zweiten Landungsversuch wurden Schiffe und Besatzung noch von den Inselbewohnern angegriffen, konnten die Einheimischen jedoch mit Brandpfeilen zurückschlagen. Caesar ließ die Soldaten ein Lager bauen. Nach der erfolgreichen Abwehr mehrerer weiterer Angriffe der Britannier segelten die Römer ergebnislos nach Gallien zurück, um im folgenden Jahr mit einer zahlreicheren Flotte erneut in Britannien zu landen. Vom Süden der Insel aus drangen die Römer – nun mit einer größeren Armee – bis über die Themse nach Norden vor. Caesar erkannte zwar die Verwandtschaft zwischen Britanniern und Galliern, irrte sich aber in der Frage, von wo nach wo eine Wanderungsbewegung stattgefunden hatte. Einige Stämme, auf die er traf und die er mit römischer Kriegskunst beeindruckte, unterwarfen sich ihm zwar, doch fand eine langfristige Besetzung der Insel noch nicht statt, da Caesar keinen Vorposten zurückließ. Der Feldzug war ohnehin eher als Strafexpedition gedacht und hatte nicht die Eroberung der Insel zum Ziel gehabt. Immerhin wurden Handelsbeziehungen aufgenommen, die in der Folgezeit ausgebaut wurden und zur Anlage von Häfen führten. Der Bürgerkrieg in Rom ließ Britannien militärisch für die nächsten Jahre aus dem Blickfeld geraten.
Octavian Augustus war der nächste römische Herrscher, der Unternehmungen gegen Britannien erwog, von denen er jedoch spätestens nach der Niederlage gegen die Germanen unter Arminius im Jahr 9 n. Chr. bis auf Weiteres absah. Inzwischen wurde das Land in einer Erdbeschreibung genauer dargestellt, und zwar durch den Geographen Strabon in griechischer Sprache.
Erneut wurde unter Kaiser Gaius/Caligula ein Feldzug geplant, der sogar bis zum Auslaufen der Schiffe vorangetrieben wurde. Jedoch kamen diese nicht bis an die britannische Küste, möglicherweise wegen einer Meuterei an Bord. Dennoch ließ sich der Kaiser fortan wie ein Sieger mit dem Ehrentitel Britannicus belegen, da ein übergelaufener Sohn des Königs Cunobelinus ihm die Unterwerfung seines Stammes angeboten hatte. Zur Erinnerung an seine Anwesenheit an der Kanalküste ließ Caligula einen Leuchtturm errichten (vgl. Sueton, Caligula 44–46).
Seinem Nachfolger Claudius gelang schließlich die Eroberung der Insel. Von dem vertriebenen Atrebatenkönig Verica wurde er als Schutzherr gegen dessen Feinde um Hilfe gerufen, so die Überlieferung. Verica ist allerdings nach dem römischen Feldzug nicht mehr quellenmäßig fassbar. Daher wird die Gefährdung der Handelsbeziehungen zu Rom (vgl. Sueton, Claudius 17, Cassius Dio 60,19ff.) als eigentlicher Anlass für die Unterwerfung angenommen.
Die Invasion mit vier Legionen (II Augusta, IX Hispania, XIV Gemina und XX, mit Auxiliartruppen also etwa 40 000 Mann) leitete General Aulus Plautius, der später der erste Statthalter wurde. Die Römer landeten in drei Geschwadern in Richborough/Kent und besiegten nacheinander die britannischen Häuptlinge Caratacus und Togodumnus, Söhne des Cunobelinus. An dem Fluss Medway trafen die verfeindeten Heere zusammen, und in einer zweitägigen Schlacht siegten die Römer, die die Britannier darauf bis zur Themse verfolgten, schließlich wurde Camulodunum (Colchester), die Hauptstadt der Trinovanten eingenommen und von den Soldaten geplündert. Claudius selbst war kurz zuvor für 16 Tage mit militärischer Verstärkung auf die Insel gekommen und ließ sich später in Rom für die Eroberung als Britannicus feiern. Sein Triumphbogen nennt die Zahl von elf besiegten Fürsten bzw. Stämmen (CIL 6,920; 6,31203; Dessau ILS 216; AE 1948,80; 2004,38). Caratacus floh nach Wales, sein Bruder Togodumnus war gefallen.
Im Jahr 49 wurde die Provinz Britannien errichtet, zunächst mit dem Verwaltungsmittelpunkt Camulodunum. Von der Provinz aus sollte die weitere Eroberung der Insel organisiert werden, die der Feldherr und spätere Kaiser Vespasian begann und von der Küste im Süden bis zur Linie Exeter-Lincoln fortsetzte. In mehreren Aufständen versuchten die keltischen Stämme in den ersten Jahren, die Römer wieder zu vertreiben. Der zweite Statthalter Ostorius Scapula (47–52) fiel in das Stammesgebiet der Cambriger in Wales ein und schlug einen Angriff von Caratacus nieder, der zur Brigantenkönigin Cartimandua floh. Da diese aber bereits unter römischer Oberherrschaft stand, wurde er an die Römer ausgeliefert. Scapula selbst starb noch während seiner Amtszeit in Britannien. Ihm folgten Didius Gallus (52–58) und Quintus Veranius (58/59). Didius Gallus stoppte zunächst die weiteren Eroberungen, Veranius unterwarf den Stamm der Siluren. Sein Nachfolger war Suetonius Paulinus (59–61), der zunächst erfolgreich Wales unterwarf und dann kühn bis auf die Insel Angelsey vordrang. Dort gelang ihm zwar die Zerstörung eines Druidenheiligtums, aber gleichzeitig wurde er in seinem Rücken vom Aufstand der Icener unter Königin Boudicca überrascht, was seine ersten Erfolge zunichtemachte. Icenerkönig Prasutagus hatte bei seinem Tod im Jahr 59 nämlich sein Herrschaftsgebiet zur Hälfte den Römern und zur Hälfte seiner Frau Boudicca und ihren Töchtern vermacht. Als die Römer nicht nur die von ihnen sozusagen geerbten Untertanen wie Sklaven behandelten, sondern auch über ihre eigene Landeshälfte hinausgriffen, Boudicca demütigten und ihre Töchter vergewaltigten, widersetzte sich die Königin der Icener zusammen mit anderen empörten Stämmen, darunter die Trinobanten. Zu diesem berechtigten Zorn kamen möglicherweise auch die vielen Schulden, die Britannier bei ihren römischen Geldgebern, vor allem bei dem Philosophen Seneca, angehäuft hatten und die dieser nun kurzfristig zurückforderte. Während des Aufstandes wurden das Legionslager Camulodunum mit einem im Bau befindlichen Tempel für Kaiser Claudius und weitere römische Einrichtungen zerstört, Petilius Cerialis, Kommandant der 9. Legion verlor im Kampf seine gesamte Infanterie, aber am Ende konnte Paulinus wenigstens den Ursprungszustand wiederherstellen. Die Strafen für die Rebellen waren hart. Boudicca nahm sich das Leben (Tacitus Annalen 14,37) oder starb an einer Krankheit (Cassius Dio, Römische Geschichte 62,12).
Nach diesen Kämpfen mussten die römischen Truppen auf der Insel wieder aufgestockt werden. Neues Zentrum der römischen Provinzverwaltung wurde nun Londinium. Neuer Prokurator (der zweitmächtigste Mann nach dem Statthalter) wurde Iulius Alpinus Classicianus, Statthalter wurde Turpilianus (61–63); mit ihnen begann eine langsame wirtschaftliche Erholung der Provinz, begleitet von einer Phase der inneren Ruhe und von Versuchen, die Stämme durch Verhandlungen an die römische Oberherrschaft zu binden. Der Eroberungszug nach Norden wurde vorsichtig fortgesetzt. So verfuhren die Römer auch unter Statthalter Trebellius Maximus (63–69).
Einige kleinere Unruhen kamen unter Vettius Bolanus (69–71) auf, die er allerdings niederschlug. Sein Nachfolger Petilius Cerialis (71–73) setzte besonders die Eroberung des Nordens fort, dessen Nachfolger Frontinus (73–77) dagegen (identisch mit dem Verfasser des Buches über Kriegslisten) schlug im Westen, nämlich in Wales 76, die Siluren endgültig.
Auf Frontinus folgte Ende 77 Cn. Iulius Agricola, dessen Leben Tacitus in seiner ersten kleinen Schrift darstellt. Er führte den ersten Feldzug gegen die Ordoviker in Nordwales und rückte später bis an den Fluss Tavum (Tay) vor. Danach sorgte er für die Sicherung der Landgewinne durch Straßenbau und die Errichtung eines Legionslagers in Chester. Im Jahr 84 führte er die Entscheidungsschlacht am Mons Graupius in Schottland. Agricola hatte möglicherweise auch noch die Eroberung Schottlands ins Auge gefasst, was zu Konflikten mit dem außenpolitisch eher zur Defensive neigenden Kaiser Domitian geführt haben könnte. Eine Umsegelung des Nordens erwies, dass Britannien tatsächlich eine Insel war (anders als z.B. Skandinavien, das die Römer damals ebenfalls für eine Insel hielten).
Eine Eroberung des nördlichen Inselteils gelang auch den Statthaltern nach Agricola nicht. Der nächste nach Agricola nachweisbare Amtsinhaber war im Jahr 89 Sallustius Lucullus, der bedeutendste 185–187 P. Helvius Pertinax, der spätere Kaiser. Die Kämpfe im Norden gingen weiter bis in die Regierungszeit Trajans. 122 besuchte Kaiser Hadrian Britannien, nachdem Angriffe aus dem freien Teil noch einmal heftiger geworden waren. Er beschloss die Errichtung eines – später nach ihm benannten – Walles ähnlich dem Limes, und zwar vom späteren Wallsend bis nach Bowness, ca. 70 km lang, als Abschluss des Reiches nach Norden. 139–142 wurde weiter nördlich der Antoninuswall gebaut, der aber zwischen 162 und 180 wieder aufgegeben werden musste. Dazu trug ein heftiger Angriff der Scoten und Picten 180 bei.
Nach seinem Sieg über seinen Widersacher 197 veranlasste Kaiser Septimius Severus die Teilung der Provinz Britannien, nachdem sich dort sein Rivale um das Kaisertum, Clodius Albinus, eine Weile hatte halten können, in die Provinzen Britannia Superior (Südengland, Wales und East-Anglia) mit der Hauptstadt Londinium und Britannia Inferior (der nördliche Teil des eroberten Gebietes bis an die Grenze von Kaledonien) mit der Hauptstadt Eboracum (York) geteilt. Kaiser Septimius Severus selbst starb 211 in Eboracum, nachdem er einen Pyrrhussieg über Kaledonien errungen hatte. In der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts, ab 260, gehörte Britannien für einige Jahre zum selbstständigen Reich des Usurpators M. Cassianus Latinius Postumus, wurde aber nach der Niederschlagung von dessen Nachfolger 274 wieder dem Imperium Romanum einverleibt. Ähnlich konnte von 287 bis M. Aurelius Carausius als Gegenkaiser zu Diokletian die Insel mit einem Teil Galliens aus dem Reich herauslösen, doch sein Nachfolger wurde 296 von Constantius Chlorus, dem Vater Constantins d. Gr. besiegt. Es folgte eine erneute Teilung der bisher zwei Provinzen in vier.
In der Spätantike übernahm ein Feldherr mit dem Titel Comes Britanniarum die Sicherung sämtlicher Grenzen. Mit der Ankunft germanischer Stämme, von denen einzelne Männer bereits als römische Soldaten auf die Insel gekommen waren, zu Beginn des 5. Jahrhunderts riss die Verbindung zur römischen Regierung ab, die römischen Truppen verließen Britannien, das damit endgültig aufhörte, ein Teil des Römischen Reiches zu sein. Einige Britannier wanderten in das noch römische Gallien aus und ließen sich an der Küste nieder.
Iulius Agricola – Leben und Lebensbeschreibung
Die Biographie hatte in Rom schon Vorläufer, vor allem die Leichenrede (laudatio funebris) sowie Inschriften auf Grabdenkmälern und den Sockeln von Statuen; vielleicht gab es auch schon amtliche Biographien, bevor die Gattung unter hellenistischem Einfluss entwickelt wurde. Es gibt sie in Rom zuerst als Autobiographie. Sulla und Caesar wandten sich dieser Gattung zu, wenngleich diejenige Sullas von seinem Freigelassenen Epicadus fortgesetzt wurde und Caesar seine sehr in seinem Rechenschaftsbericht über den Gallischen Krieg tarnte. Ebenfalls rechtfertigenden Charakter hatten die Autobiographien von P. Rutilius Rufus und M. Aemilius Scaurus in frühen 1. Jahrhundert v. Chr. Die erste Sammlung von Biographien verfasste Varro: Imagines und De poetis. Die Werke von Sulla und Varro sind verloren. Zum Teil erhalten ist De viris Illustribus, die Sammlung des Cornelius Nepos, die als erste rein literarischen Zwecken und nicht, auch nicht teilweise, der Rechtfertigung diente. Nepos stellte unter anderem Schriftsteller und Feldherren vor.
Gleichzeitig mit Tacitus verfasste der griechische Schriftsteller Plutarch eine umfangreiche Sammlung von Parallelbiographien griechischer und römischer Persönlichkeiten. Nach Tacitus entstand mit Suetons fortlaufenden Kaiserviten eine eigene Art der Geschichtsschreibung in Form der Biographie.
Tacitus’ erste veröffentlichte Schrift ist die Lebensbeschreibung seines Schwiegervaters, dem er seinen sozialen Aufstieg und den Beginn seiner politischen Karriere verdankte und dessen Leistungen er darin würdigt. De vita Iulii Agricolae liber nannte Tacitus selbst dieses Werk, das bei den Humanisten später den Namen erhielt: De vita et moribus Iulii Agricolae. Es ist abgefasst zwischen Oktober 97 und Dezember 98, dem Zeitpunkt, da es erschien. Bis zur Neuzeit vorgedrungen ist das Werk nur in einer einzigen Handschrift, die jedoch inzwischen selbst verloren ist.
Für Agricolas Leben und seinen Aufenthalt in Britannien gibt es sonst nur wenige Belege. Cassius Dio erwähnt ihn (Römische Geschichte 66,20,1) und eine beschädigte Inschrift aus Verulamium, dem heutigen St. Albans (AE 1957,169 und 1959,7): [Imp(eratori) Tito Caesari divi] Vespa[siani f(ilio) Vespasiano Aug(usto)] / [p(ontifici) m(aximo) tr(ibunicia) p(otestate) VIIII imp(eratori) XV co(n)s(uli) VII] desi[g(nato) VIII censori patri patriae] / [[[et Caesari divi Vesp]asian[i f(ilio) Do]mi[tiano co(n)s(uli) VI design(ato) VII]]] / [[[principi iuventutis et] omn[ium collegiorum sacerdoti]]] / [Cn(aeo) Iulio A]gric[ola leg(ato) Aug(usti) pro] pr(aetore) / [3]VEI[3]NATA[3] – Dem Kaiser Titus Caesar, Sohn des vergöttlichten Vespasian Augustus, Pontifex Maximus, als er die tribunicia potestas zum neunten Mal hatte, im 15. Jahr seines Kaisertums, in seinem siebten Konsulat, als er bereits zum achten Mal zum Konsul designiert war, Zensor und Vater des Vaterlandes, dem princeps iuventutis und aller Priesterkollegien, Cn. Iulius Agricola, legatus Augusti pro praetore [...].
Umgekehrt ergänzt seine Biographie die Quellen über die römische Geschichte Britanniens in hervorragender Weise.
Im Proömium (Kap. 1–3) begründet Tacitus nicht nur das vorliegende Werk, sondern bietet letztlich eine Einleitung zu seiner ganzen Geschichtsschreibung. Der gleichwohl persönlich gehaltenen Erklärung folgt in scharfer Abgrenzung, nämlich mit dem Namen der Hauptperson beginnend, der zentrale Teil des Werkes (Kap. 4–42): Agricolas Leben bis zur Statthalterschaft (Kap. 4–9), der Britannienexkurs (Kap. 10–17), Agricolas Statthalterschaft in Britannien (Kap. 18–38) und Agricolas Abberufung und letzten Jahre (Kap. 39–43). Am Ende steht ein persönlicher Epilog (Kap. 43–46).
Außer der Darstellung des Schwiegervaters ist das Werk auch der Auseinandersetzung mit der Diktatur Domitians gewidmet, und zwar sowohl bezüglich der Person Agricolas als auch bezüglich der Situation der Geschichtsschreibung und überhaupt des Verhaltens von Menschen unter der Gewaltherrschaft, woraus – unter anderem – die Schrift ihre stetige Aktualität bezieht. Der Anschein, Agricola und Tacitus seien eher dem Widerstand gegen den Kaiser zuzuordnen, trügt allerdings, denn die Karriere beider Männer entwickelte sich im fraglichen Zeitabschnitt nicht schlecht.
Übersetzung und Erläuterungen
Vom Leben des Iulius Agricola
Proömium
(1) Berühmter Männer1 Taten und Wesensart der Nachwelt zu überliefern – diesen Brauch von alters her hat man, obwohl sich die jetzt lebende für ihre eigenen Zeitgenossen nicht interessiert, nicht einmal zu unseren Zeiten2 aufgegeben, sooft etwas Großes oder eine vornehme Tugend gesiegt hat oder über einen Fehler sich erhoben hat, wie er großen und kleinen Gemeinwesen eigen ist. Dieser Fehler besteht in der Unkenntnis dessen, was recht ist, und im Neid. 2 Wie es aber bei den Vorfahren leicht war, etwas der Erinnerung Würdiges zu vollbringen, und dies eher in der Öffentlichkeit geschah, so wurde jeweils der durch seine Begabung Berühmteste zur Überlieferung der Erinnerung an die Tüchtigkeit veranlasst, ohne Dank zu erwarten oder Ehrgeiz zu besitzen, sondern nur um den Lohn eines guten Gewissens willen. 3 Und die meisten hielten die Darstellung ihres eigenen Lebens eher für ein Zeichen des Vertrauens in ihren guten Charakter als für Anmaßung, und solches bedeutete für Rutilius3 und Scaurus4 nicht etwa Verlust an Glaubwürdigkeit oder gar Anfeindung. So deutlich wurden zu jener Zeit die Tugenden am meisten geschätzt, wodurch sie auch am leichtesten hervorgebracht wurden. 4 Ich aber muss heute um Nachsicht bitten, wenn ich im Begriff stehe, das Leben eines verstorbenen Mannes zu beschreiben, Nachsicht, derer ich nicht bedürfte, wenn ich jemanden anklagen wollte. So grausam und feindlich ist die Stimmung gegenüber der Tüchtigkeit.
(2) Wir haben gelesen,5 dass für Arulenus Rusticus6 den Paetus Thrasea,7 für Herennius Senecio8 den Priscus Helvidius9 gelobt zu haben, ein todeswürdiges Verbrechen war, und dass nicht nur gegen diese Schriftsteller selbst, sondern auch gegen ihre Bücher gewütet wurde, indem den Henkern die Aufgabe übertragen worden war, die Denkmäler der berühmten Geister auf dem Comitium10 und auf dem Forum zu verbrennen.11 2 Wohl glaubten sie, dass durch dieses Feuer die Stimme des Volkes und die Freiheit des Senates und das Gewissen der Menschheit ausgelöscht würden, nachdem obendrein die Lehrer der Weisheit vertrieben und jede redliche Wissenschaft in die Verbannung geschickt worden waren,12 damit ihnen ja nicht irgendetwas Anständiges begegne. 3 Wir haben in der Tat ein bemerkenswertes Beispiel der Leidensfähigkeit gegeben; und wie die frühere Zeit sah, was das höchste Maß an Freiheit war, so hat das unsere gesehen, was es in der Knechtschaft war, nachdem uns durch Überwachung sogar die Möglichkeit des Austausches durch Reden und Hören genommen worden war. Die Erinnerung daran hätten wir freilich mit der Stimme verloren, wenn es so in unserer Macht gestanden hätte, zu vergessen wie zu schweigen.13
(3) Nun schließlich kommt der Mut zurück, und obwohl Kaiser Nerva sofort beim ersten Anbruch dieses so überaus glücklichen Zeitalters die einst so unvereinbaren Dinge vermischt hat, die Freiheit und den Prinzipat, und täglich Nerva Trajan das Glück jenes Zeitalters mehrte und die öffentliche Sicherheit nicht nur die Hoffnung und den Wunsch, sondern das Vertrauen in die Verwirklichung des Wunsches und echte Kraft angenommen hat, so liegt es doch im Wesen der menschlichen Schwäche, dass die Heilmittel langsamer wirken als die Übel; und wie unsere Körper langsam wachsen und schnell ausgelöscht werden, so kann man Begabungen und Eifer schneller unterdrücken als wieder hervorrufen. Es beschleicht einen sogar die Annehmlichkeit jener Trägheit, und die zuerst verhasste Untätigkeit liebt man schließlich. 2 Was, wenn fünfzehn Jahre lang, eine enorme Spanne im Leben eines Sterblichen, viele Menschen durch zufällige Ereignisse, die Besten aber durch die Grausamkeit des Kaisers zugrunde gegangen sind? Wenige und, um es einmal so zu sagen, nicht nur von den anderen, sondern auch von uns haben überlebt, so viele Jahre wurden uns aus der Mitte unseres Lebens geraubt, in denen wir von jungen Männern ins Greisenalter, die Greise aber an die Grenze ihres vollendeten Lebensalters in Schweigen gelangt sind. 3 Dennoch wird es uns keinen Verdruss bereiten, wenn auch mit unbeholfener und rauer Stimme die Erinnerung an die frühere Knechtschaft und die Zeugnisse der gegenwärtigen Güter aufgeschrieben zu haben. Fürs Erste14 wird dieses Buch, das der Verehrung meines Schwiegervaters Agricola gewidmet ist, für die darin ausgedrückte Dankbarkeit gelobt, wenigstens aber nachsichtig behandelt werden.
Agricolas Leben bis zur Statthalterschaft
(4) Gnaeus Iulius Agricola, welcher der alten und vornehmen Kolonie Forum Iulia15 entstammt, hatte als Großväter zwei kaiserliche Prokuratoren16 und kam daher aus ritterlichem Adel. Sein Vater Iulius Graecinus17 gehörte dem Senatorenstand an, war benannt nach seinem Eifer in Rhetorik und Philosophie und zog sich durch ebendiese Tugenden den Zorn des Kaisers Gaius18 zu: Denn ihm wurde befohlen, Marcus Silanus19 anzuklagen, und weil er dies verweigerte, wurde er getötet.20 Seine Mutter, Julia Procilla, war von seltener Sittenreinheit. 2 Von ihr selbst21 und mit Sanftmut erzogen, in der Pflege aller ehrenvollen Wissenschaften, verbrachte er seine Jugend. Von den Versuchungen übler Kerle hielt ihn außer seinem guten und anständigen Wesen vor allem die Tatsache ab, dass er von frühester Kindheit an sofort Massilia22 als Wohnsitz und Studienort hatte, eine Stadt, in der sich griechische Freundlichkeit mit provinzialer Sparsamkeit mischt und günstig verbindet. 3 Ich habe in Erinnerung, dass er selbst zu erzählen pflegte, dass er in frühester Jugend vom Studium der Philosophie heftiger gepackt worden wäre, als man es einem Römer oder Senator zugesteht, wenn nicht die Klugheit der Mutter den entflammten und lodernden Geist gezügelt hätte. Natürlich strebte seine erhabene und aufrechte Begabung die Schönheit und den Anblick großen und hochragenden Ruhms eher ungestüm als vorsichtig an. Bald zähmten ihn Vernunft und Alter und er behielt für sich von der Philosophie, was das Schwerste ist: das Maßhalten.
(5) Seine ersten Jahre im Militärdienst leistete er23 in Britannien zur Zufriedenheit des Suetonius Paulinus,24 eines sorgfältigen und maßvollen Feldherrn, welcher ihn in den Kreis seines vertrauteren Umgangs wählte.25 Aber Agricola hat weder freizügig in der Weise der jungen Männer, die den Kriegsdienst in Ausschweifungen verwandeln, noch träge zu Vergnügungen und Geldgeschäften im Urlaub seinen Titel als Tribun oder [den Vorwand] seiner Unerfahrenheit ausgenutzt. Sondern das Kennenlernen der Provinz, das Bekanntwerden beim Heer, das Lernen von den Erfahrenen, den Besten nachzueifern, keinen Ehrgeiz bei der Prahlerei zu haben, nichts aus Furcht zurückzuweisen, gleichzeitig vorsichtig und aufmerksam zu handeln: diese Dinge waren ihm wichtig. 2 Freilich war Britannien kaum jemals mehr in Aufruhr und die römische Übermacht nie zweifelhafter: niedergemetzelte Veteranen, angezündete römische Siedlungen,26 vernichtete Heere.27 Damals wurde um das Überleben gekämpft, bald aber um den Sieg. 3 Dies alles bewirkte, auch wenn es durch die Beschlüsse und unter der Führung anderer vollbracht wurde und wenn freilich der höchste Ruhm dieser Vorgänge und der wiedergewonnenen Provinz auf den Feldherrn fällt, bei dem jungen Mann Fertigkeit, Übung und Ehrgeiz, und sein Herz wurde erfüllt von dem Wunsch nach Kriegsruhm, unwillkommen in Zeiten, in welchen eine ungünstige Auslegung gegen jede Handlung herausragender Persönlichkeiten nicht weniger Gefahr bei großen Taten bedeutete28 als bei schlechten.
(6) Von hier in die Stadt Rom zurückgekehrt, um Ämter auszuüben, heiratete er Domitia Decidiana29 aus einer glänzenden Familie, und diese Ehe war die Zierde und der Rückhalt für ihn, da er nach Höherem strebte.30 Sie führten ihr Leben in wunderbarer Eintracht, gegenseitiger Liebe und indem jeder jeweils dem anderen das Bessere zukommen ließ, außer dass bei einer guten Ehefrau umso mehr Lob ist als bei einer schlechten an Schuld. 2 Das Los der Quästur31 teilte ihm die Provinz32 Asien zu, als [vorgesetzten] Prokonsul den Salvius Titianus,33 und durch keines von beiden wurde er verdorben, obwohl die Provinz reich und für Vergehen höchst verlockend war, der Prokonsul zu jeder Gier geneigt, nach jeder Möglichkeit bereit war, die gegenseitige Geheimhaltung des Übels [von Agricola] zu erkaufen. 3 Dort wurde seine Tochter geboren, gleichzeitig Halt und Trost, denn kurz zuvor hatte er einen anerkannten Sohn verloren.34 Bald verbrachte er, zwischen der Quästur und dem Tribunat35 und wieder im Tribunatsjahr selbst, [seine Zeit] in Ruhe und Muße, vertraut noch mit den Zeiten unter Nero, in welchen Nichtstun als Weisheit galt. 4 Ebenso verhielt er sich in seiner Prätur ruhig. Denn die Rechtsprechung war ihm nicht zugefallen.36 Die Spiele37 und nutzlose Ehrenpflichten führte er auf mittlere Weise aus zwischen Sparsamkeit und Verschwendung, dass er von Schwelgerei weit entfernt und näher am Ruhm blieb. 5 Dann bewirkte er, von Galba ausersehen, die Geschenke an die Tempel zu inventarisieren, mit sorgfältigster Prüfung, dass die res publica außer der Tempelschändung Neros38 keine weitere erleiden musste.
(7) Das folgende Jahr [69] fügte seinem Herzen und seinem Haus eine schwere Wunde zu. Denn während Othos Flottensoldaten wild durch Intimilium39 zogen, was ein Teil Liguriens ist, verwüsteten sie das Gebiet, als sei es Feindesland, und töteten Agricolas Mutter auf seinem Landgut und raubten einen großen Teil seines väterlichen Erbes, was der eigentliche Grund für den Mord war. 2 Daher zu den Trauerfeierlichkeiten aufgebrochen, trat Agricola, als ihn die Nachricht erreichte, dass Vespasian die Herrschaft beanspruche, sofort dessen Seite bei. Die Anfänge seiner Herrschaft und den Zustand der Stadt lenkte Mucianus,40 als Domitian noch ein junger Mann war und aus dem glücklichen Geschick seines Vaters nur die Erlaubnis der Willkür für sich ableitete. 3 Dieser stellte Agricola, der geschickt war, um Truppen auszuheben, und sich anständig und tatkräftig gezeigt hatte, der XX. Legion41 voran, als diese nur zögerlich zum Eid angetreten war; dort, so wurde berichtet, habe der Vorgänger42 einen Aufstand angezettelt. Daher war die Legion für konsularische Legaten43 zu stark und zu schreckerregend, und auch ein prätorischer Legat war nicht in der Lage sie zu zähmen, wobei ungewiss ist, ob es wegen seiner oder wegen der Veranlagung der Soldaten so war. Daher wollte der zum Nachfolger und Bestrafer Ausersehene lieber in seiner ungewöhnlichen Bescheidenheit erscheinen, als ob er gute Soldaten schon vorgefunden und nicht erst erzogen habe.
(8) Damals war Vettius Bolanus44 Statthalter in Britannien, freundlicher als es für diese raue Provinz angemessen ist. Agricola mäßigte seine Kraft und bändigte sein Brennen, damit er nicht zu groß werde, erfahren im Gehorsam und gelehrt darin, das Ehrenvolle mit dem Nützlichen zu verbinden. 2 Kurz darauf erhielt Britannien Petilius Cerialis45 als Statthalter in konsularischem Rang. Die Tüchtigkeit [Agricolas] erhielt nun Raum für vorbildliche Taten, doch zunächst teilte Cerialis nur Mühen und Gefahren, bald aber auch den Ruhm. Oft stellte er ihn einem Teil des Heeres probeweise vor, manchmal größeren Truppenteilen, wenn er erfolgreich war. 3 Und niemals hat Agricola mit seinen Taten seinen Ruf zu steigern versucht. Dem Urheber und Anführer zollte er wie ein Diener Respekt. So stand er durch Tugend im Gehorsam und Scheu im Lob seiner selbst außerhalb des Neids, nicht aber außerhalb des Ruhms.
(9) Als er zurückkehrte vom Kommando der Legion,46 machte ihn der vergöttlichte Vespasian zum Patrizier.47 Und darauf setzte er ihn über die Provinz Aquitanien,48 eine glänzende Amtswürde im Hinblick auf die Verwaltungstätigkeit und auf die Aussicht auf das Konsulat, für das er ihn vorgesehen hatte.49 2 Die meisten glauben, den in Kriegsdingen Begabten fehle in anderen Angelegenheiten die nötige Feinheit, weil die militärische Rechtsprechung grob, ziemlich stumpf und mit Urteilen rasch bei der Hand ist und die Gewandtheit des Forums nicht übt.50 3 Im Übrigen aber waren die Zeiten der Tätigkeit und der Erholung streng getrennt. Sobald Versammlungen und Prozesse es forderten, war Agricola ernst und aufmerksam, streng und öfter auch mitfühlend. Sobald er der Pflicht Genüge getan hatte, trug er aber nicht mehr die Miene des Amtes, Traurigkeit und Anmaßung und Begierde hatte er aus seinem Wesen verbannt. 4 Und was höchst selten ist, seine Fähigkeit verminderte nicht sein Ansehen und die Strenge nicht die Beliebtheit bei den Soldaten. Redlichkeit und Selbstbeherrschung bei einem solchen Mann zu erwähnen, wäre ungerecht gegenüber den anderen Tugenden. Nicht einmal einen besonderen Ruf strebte er an durch Beweise seiner Tugend und durch Kunstfertigkeit, ein Ziel, dem sonst auch oft die Guten erliegen. Fern lagen ihm Rivalität gegen Amtsgenossen, fern der Wettstreit mit Vorgesetzten, denn er glaubte, dass darin zu siegen unrühmlich und darin aufgerieben zu werden schändlich ist. 5 Weniger als drei Jahre51 war er mit dieser Aufgabe befasst, da wurde er auch schon zurückgerufen in Erwartung des Konsulats, nicht indem davon die Rede gewesen wäre, sondern weil er dafür geeignet schien. 6 Nicht oft irren Gerüchte, und manchmal führen sie sogar die Entscheidung herbei. Als Konsul verlobte er, der damals schon zu den hervorragendsten Hoffnungen berechtigte, seine Tochter52 mir als jungem Mann, und danach legte er das Konsulat nieder53 und wurde sofort Statthalter von Britannien, nachdem ihm zuvor noch das Priesteramt eines Pontifex54 übertragen worden war.
Exkurs über Britannien: Land und Volk
(10) Britanniens Lage und die schon bei vielen Schriftstellern55 erwähnten Volksstämme will ich nicht deswegen darstellen, um mich im Vergleich von Sorgfalt und Begabung mit jenen zu messen, sondern weil das Land damals zum ersten Mal gezähmt worden ist. Was daher meine Vorgänger noch nicht mit sicherer Kunde, sondern nur mit gewandter Sprache vorstellten, wird jetzt mit Treue zu den Tatsachen überliefert werden. 2 Britannien ist von den Inseln, von denen die Römer Kenntnis besitzen, die größte und hat von der Ausdehnung und den Himmelsrichtungen her im Osten Germanien und im Westen Hispanien56 als Nachbarn, im Süden wird es von den Galliern betrachtet. Sein Norden dagegen wird von gar keinem Land berührt, sondern von einem rauen und offenen Meer bespült. 3 Die Form ganz Britanniens haben schon in alter Zeit Livius,57 in jüngster Zeit Fabius Rusticus58 als die sprachgewaltigsten Schriftsteller mit einer Raute oder einer Doppelaxt verglichen. Dies ist auch das Aussehen diesseits von Kaledonien,59 weshalb man nun glaubt, es sei überall so. In der Sicht derer aber, die die unermessliche, riesige Strecke an Landvorsprüngen durchschritten haben bis zur äußersten Spitze des Landes, verjüngt es sich wie ein Keil. 4 Die römische Flotte, die damals (83) zum ersten Mal die Küste im äußersten Meer umsegelte, bestätigte, dass Britannien eine Insel ist, und fand und bezähmte gleichzeitig bis dahin unbekannte Inseln, die sie Orkaden60 nannten. 5 Thule61 erblickte man nur, weil der Befehl lediglich bis hierhin reichte und der Winter sich nahte. Aber das Meer ist träge und schwierig für die Ruderer, wie man sagt, nicht einmal von Winden wird es aufgewühlt, weil, so glaube ich, die Länder und Berge, an denen die Unwetter entstehen, hier rar sind und weil die tiefe Wassermasse des zusammenhängenden Meeres langsamer in Bewegung gesetzt wird. 6 Die Natur des Ozeans und die Gezeiten zu untersuchen, ist nicht Aufgabe dieser Schrift, das haben auch schon viele berichtet.62 Nur das eine will ich hinzufügen, dass nirgendwo das Meer weiter herrscht, dass viele Strömungen es hierhin und dorthin tragen und dass es nicht nur bis zum Ufer anschwillt und dann abgeschwächt wird, sondern dass es weit ins Land hineinströmt und es umfließt und sogar auf Hügel und Berge vordringt, als ob diese sein eigener Platz wären.
(11) Im Übrigen ist die Frage, welche Menschen Britannien am Anfang bewohnten, Eingeborene oder Eingewanderte wie bei den Barbaren, nicht genau geklärt.63 Die Körperform ist sehr unterschiedlich, lässt aber Rückschlüsse zu. 2 Denn die roten Haare der Einwohner von Kaledonien und die langen Glieder legen einen germanischen Ursprung nahe, die farbigen Gesichter64 der Siluren,65 ihre meist gelockten Haare und die nach Hispanien hin liegenden Wohnorte machen glaubhaft, dass früher Iberer66 übergesetzt sind und diese Gegenden in Besitz genommen haben. Die der gallischen Küste am nächsten Wohnenden sind den Galliern ähnlich, sei es durch die anhaltende Wirkung ihrer Abstammung, sei es, dass das Klima den Menschen in den gegenüberliegenden Ländern die Körpergestalt verliehen hat. 3 Man kann sich jedenfalls, wenn man die Gesamtlage einschätzt, gut vorstellen, dass die Gallier die benachbarte Insel besetzt haben.67 Deren Heiligtümer und abergläubischen Überzeugungen findet man nämlich hier wieder.68 Die Sprache unterscheidet sich nicht sehr;69 und wenn es darum geht, sich auf Gefahren einzulassen, herrscht dieselbe Kühnheit, wenn jene aber näherkommen, dasselbe erschreckte Ausweichen. 4 Dennoch zeigen die Britannier mehr Wildheit, weil sie noch nicht von einem langen Frieden verweichlicht wurden. Denn dass die Gallier einst in den Kriegen sehr stark waren, haben wir vernommen. Bald aber schlich sich Trägheit mit der Muße ein, nachdem die Tapferkeit gemeinsam mit der Freiheit verloren gegangen war. Dies geschah einst auch den Besiegten unter den Britanniern, die Übrigen bleiben so, wie die Gallier einst waren.
(12) In den Fußtruppen liegt ihre Kraft, einige Volksstämme kämpfen auch mit Wagen. Ziemlich angesehen ist der Wagenlenker,70 für ihn kämpfen die Gefolgsleute. Einst gehorchten sie Königen,71 nun werden sie von Häuptlingen zwischen Parteien und Interessen hin- und hergerissen. 2 Und nichts anderes ist gegen solche überaus starken Stämme für uns nützlicher, als dass sie sich nicht gemeinsam beraten. Nur selten kommt es zwischen zwei oder drei Stämmen zu einer gemeinsamen Abstimmung zur Abwehr einer Gefahr. So kämpfen sie alle einzeln und werden gemeinsam besiegt. 3 Das Klima ist durch häufige Regenfälle und Nebel scheußlich, eine extreme Kälte gibt es allerdings nicht. Die Phase der Helligkeit ist länger als die Tageslänge in unseren Breiten. Die Nacht ist hell und im äußersten Teil Britanniens kurz, sodass man Sonnenuntergang und Sonnenaufgang nur durch eine kurze Spanne unterscheiden kann.72 4 Weil man, wenn Wolken ihn nicht verdecken, nachts den Schein der Sonne erkennen kann, versichern sie, dass diese nicht unter- und auf-, sondern nur vorbeigeht. Selbstverständlich lassen diese flachen Länder am äußersten Rand der Erde mit ihrem niedrigen Schatten keine Finsternis aufkommen, und zwischen Himmel und Sternen sinkt die Nacht nieder. 5 Der Boden lässt außer Ölbäumen und Reben und den übrigen Früchten, die in wärmeren Gefilden zu gedeihen pflegen, Nutzpflanzen wachsen und ist fruchtbar. Langsam reifen sie, schnell schießen sie aus dem Boden. Beides ist auf denselben Grund zurückzuführen: Boden und Himmel bieten viel Feuchtigkeit. 6 Britannien bringt auch Gold, Silber und andere Metalle73 hervor als Belohnung des Sieges. Der Ozean enthält Perlen,74 diese sind aber matt und bläulich. Manche glauben, den Sammlern fehle die Kunstfertigkeit, denn im Roten Meer75 werden sie lebendig und noch atmend von den Felsen gerissen, in Britannien dagegen werden sie nur eingesammelt, wie sie gerade ans Ufer gespült werden. Ich allerdings glaube, dass es eher den Perlen an natürlicher Schönheit fehlt als uns an Habgier.
Die Eroberung
(13) Die Britannier selbst nehmen Aushebung, Tribute und die mit der Herrschaft verbunden Dienste76 unverdrossen auf sich, solange diese nicht ungerecht sind. Dies ertragen sie nur schwer, da sie soweit gezähmt sind, dass sie gehorchen, nicht aber dass sie [wie Sklaven] dienen. Daher betrat als Erster von allen Römern der vergöttlichte Iulius [Caesar] (55/54 v. Chr.) mit einem Heer Britannien, und obwohl er die Einwohner in einer erfolgreichen Schlacht erschreckte und sich der Küste bemächtigte, scheint er das Land den Nachkommen nur gezeigt, nicht übergeben zu haben. 2 Bald danach führten die Bürgerkriege77 und die gegen die res publica gewandten Waffen dazu, dass Britannien lange vergessen wurde, auch noch im nachfolgenden Frieden. Der vergöttlichte Augustus (reg. 27 v. Chr.–14 n. Chr.) nannte [die Tatsache, dass Britannien vergessen wurde,] einen klugen Ratschluss, Tiberius (reg. 14–37) nannte es einen Befehl. Dass Kaiser Gaius (40) eine Invasion in Britannien betrieben hätte, wenn er nicht schnell durch seinen unsteten Geist voll Reue und die enormen Anstrengungen gegen Germanien (39) vergeblich gewesen wäre, steht hinreichend fest. 3 Der vergöttlichte Claudius war dann der Urheber des erneut angegangenen Werkes, nachdem die Legionen und Hilfstruppen übergesetzt worden waren (43) und Vespasian für einen Teilbereich hinzugezogen worden war,78 was der Beginn des bald darauf einsetzenden Aufstiegs war.79 Völker wurden gezähmt, Könige gefangen und Vespasian vom Schicksal in den Mittelpunkt gerückt.
Römische Statthalter vor Agricola
(14) Als erster Prokonsul wurde Aulus Plautius80 dem Land vorangestellt (43–47) und bald darauf Ostorius Scapula81 (47–52), beide herausragend im Krieg. So wurde allmählich der dem Festland nächstgelegene Teil Britanniens in den Status einer Provinz gebracht82 und darüber hinaus eine Veteranenkolonie gegründet. Einige Bürgerschaften wurden König Cogidumnus83 übertragen, der in unserer Erinnerung bis heute der Treueste war, nach einer alten und schon längst vom römischen Volk gepflogenen Gewohnheit, wonach es auch Könige als Mittel der Unterdrückung nutzte.84 2 Bald setzte Didius Gallus85 (52–58) das von seinen Vorgängern Begonnene fort, indem nur wenige Kastelle in das gegnerische Gebiet gelegt wurden, durch welche er den Ruf gewinnen wollte, seine Provinz erweitert zu haben. Dem Didius folgte Veranius86 (58/59), und dieser starb bereits binnen eines Jahres. 3 Von da an hatte Suetonius Paulinus87 zwei Jahre lang (59–61) guten Erfolg, indem er Stämme unterwarf und die Stützpunkte stärkte. Durch das Vertrauen in diese griff er die Insel Mona88 an (60), weil diese den aufständischen Britanniern Streitkräfte stellte, und eröffnete damit die Gelegenheit für einen Angriff in seinem Rücken.
(15) Denn als durch die Abwesenheit des Legaten die Furcht von den Britanniern genommen war, verhandelten diese miteinander über die Übel der Sklaverei, berichteten einander ihr erlittenes Unrecht und erhöhten dasselbe noch durch ihre Deutung. Die Geduld nutze nichts, außer dass ihnen noch Schwereres auferlegt würde, weil sie es so leicht zu ertragen schienen.89 2 Einzelne Könige hätten sie früher gehabt, nun würden ihnen jeweils zwei auferlegt, von welchen der Legat gegen ihr Blut, der Prokurator gegen ihren Besitz wüte. Gleichermaßen sei die Zwietracht wie die Eintracht der Vorgesetzten den Untergebenen verderblich. Die Zenturionen als Handlanger des einen, die Sklaven90 als die des anderen brächten Gewalt und Demütigungen hervor. Nichts sei von ihrer Gier, nichts von ihrem Verlangen ausgenommen. 3 Im Kampf gelte der als der Tapferere, der raubt. Nun würden ihnen meistens von Feiglingen und Kriegsunerfahrenen ihre Häuser entrissen, die Kinder abgenommen, Aushebungen zugemutet, von Leuten, die selbst nicht einmal wüssten, für das Vaterland zu sterben. Wie wenig nämlich an Soldaten seien herübergekommen, wenn sich die Britannier einmal selbst zählen [und vergleichen] würden? So habe Germanien das Joch abgeschüttelt, wo es doch nur von einem Fluss,91 nicht einmal von einem Meer beschützt werde. 4 Für sie selbst seien das Vaterland, die Ehefrauen und Eltern der Grund zum Krieg, für die Römer aber Begierde und Schwelgerei. Sie würden zurückweichen, wie der vergöttlichte Caesar zurückgewichen sei, wenn sie (die Britannier) nur die Tapferkeit ihrer Vorfahren nachahmen würden. Und sie sollten nicht in Angst geraten durch den Ausgang der einen oder anderen Schlacht, mehr Angriffslust finde man bei den Glücklichen, mehr Geduld bei den Elenden. 5 Auch würden sich die Götter der Britannier erbarmen, die den römischen Anführer fern und das Heer auf einer entlegenen Insel zurückhielten. Auch sie selbst würden, was das Schwerste sei, gemeinsam überlegen. Ferner sei es bei dieser Art der Beratung gefährlicher, entdeckt zu werden, als etwas zu wagen.
(16) Mit solchen und ähnlichen Reden begeisterten sie sich, und unter der Führung Boudiccas, einer Frau aus königlichem Geschlecht (bei der Herrschaft machen sie nämlich keinen Unterschied des Geschlechts)92 nahmen sie alle zusammen den Krieg auf. Und die in die Lager zerstreuten Soldaten verfolgten sie und drangen, nachdem sie die Stützpunkte zerstört hatten, in die Kolonie selbst ein, gleichsam als den Sitz der Sklaverei, und der Zorn und der Sieg ließen keine bei barbarischen Geistern übliche Art der Grausamkeit aus. 2 Und wenn nicht Paulinus, der vom Aufstand in der Provinz erfahren hatte, schnell zu Hilfe gekommen wäre, wäre Britannien verloren gegangen. Es wurde aber durch das Glück eines einzigen Kampfes wieder in den Zustand der einstigen Duldsamkeit zurückversetzt, wobei die meisten die Waffen weiter bereithielten, die das Bewusstsein des Abfalls und die persönliche Furcht vor dem Legaten antrieb, dass er, obgleich sonst hervorragend, anmaßend gegenüber den Unterworfenen und gleichsam als Rächer des Unrechts, als habe sich jedes einzelne gegen ihn selbst gerichtet, umso härter vorging. 3 Daher wurde Petronius Turpilianus93 (61–63) geschickt, als sei er versöhnlicher, mit den Verbrechen der Feinde nicht vertraut und folglich ihrer Reue zugänglicher, und nachdem er die vorigen Probleme beigelegt, aber nichts darüber hinaus gewagt hatte, übergab er die Provinz an Trebellius Maximus94 (63–69). Trebellius, nachlässiger und ohne Erfahrung in Kriegsdingen, führte die Provinz durch eine gutmütige Verwaltung. Schon lernten die Barbaren, den verlockenden Lastern nachzugeben, und der Ausbruch eines neuen Bürgerkriegs95 bot eine Rechtfertigung für die Nachlässigkeit. Aber eine Meuterei bereitete Probleme, weil der Soldat, an Unternehmungen gewöhnt, in der Phase der Ruhe leichtsinnig wird. 4 Trebellius, der durch Flucht96 und Verstecken dem Zorn des Heeres aus dem Wege ging, stand bald ehrlos und schändlich in Abhängigkeit vom Heer der Provinz vor, und nachdem er gegen die Freizügigkeit des Heeres nachsichtig war und dem Anführer das Leben zugestanden wurde, legte er den Aufruhr ohne Blutvergießen bei. 5 Auch Vettius Bolanus97 (69–71) brachte bei anhaltenden Bürgerkriegen Britannien nicht durch strenge Zucht in Ordnung. Dieselbe Trägheit herrschte gegen die Feinde, die gleiche Ungehörigkeit im Feldlager, außer dass der unschuldige Bolanus, der noch durch keine Verbrechen verhasst war, sich Zuneigung anstelle von Autorität verschaffte.
(17) Sobald aber mit dem übrigen Erdkreis Vespasian auch Britannien gewonnen hatte, gab es große Heerführer und herausragende Heere, und die Hoffnung der Feinde wurde minimiert. Und dann verbreitete sofort Petilius Cerialis98 (71–74) Schrecken, indem er den Stamm der Briganten,99 welcher der größte der ganzen Provinz war, angriff. Es gab viele Gefechte, einige davon keineswegs unblutig, den größten Teil der Briganten überzog er entweder durch Sieg oder durch Krieg. 2 Und Cerialis hätte freilich die Sorgfalt und den Ruf eines anderen Nachfolgers übertroffen. Die schwere Aufgabe aber nahm Iulius Frontinus100 (74–77) auf sich und hielt ihr stand, ein großer Mann, soweit solches damals möglich war, den starken und kämpferischen Stamm der Siluren unterwarf er durch Waffengewalt, indem er nicht nur die Tapferkeit der Feinde, sondern auch die Schwierigkeiten des Ortes überwand.
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