Kitabı oxu: «Die Hanf-Medizin»
Dr. Tanja Bagar
Die
HANF
MEDIZIN
Wie Hanf bei Schmerzen,
Rheuma, Krebs und Stress hilft
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Inhalt
Vorwort
Wohlbefinden mit Hanf-Medizin
Wie der Mensch auf den Hanf kam
Ein Blick in die Vergangenheit
Die verbotene Frucht
Die Erforschung einer Unbekannten
Der Pionier der Cannabisforschung
Warum unser Körper Cannabinoide selbst herstellt
Die Bausteine des Lebens
Die Erforschung der Cannabinoide
Die Cannabinoid-Rezeptoren
Das Endocannabinoid-System (ECS)
Was Sie schon immer über Hanf wissen wollten
So viele Namen und nur eine Pflanze
Der Entourage-Effekt
Mildernde Umstände
Hanf und Stress
Interview mit Dr. Thomas Gefaell
Fallbeispiel (Stress, Insomnie, Tinnitus)
Hanf und das Immunsystem
Interview mit Dr. Franjo Grotenhermen
Fallbeispiel (Rheumatoide Arthritis)
Hanf und Schmerz
Interview mit Dr. Martin Pinsger
Fallbeispiel (chronischer Schmerz)
Hanf und Darm
Interview mit Dr. Željko Perdija
Fallbeispiel (Morbus Crohn)
Hanf und neurologische Erkrankungen
Interview mit Prof. Dr. David Neubauer
Fallbeispiel (Autismus)
Hanf gegen Krebs
Interview mit Dr. Johann Zoidl
Fallbeispiel (Brustkrebs)
Vorbeugen statt heilen
Hanf als gesunde Prävention
Was ich mir für die Zukunft wünsche
Blick in die Zukunft
Die richtigen Ansprechpartner
Literaturverzeichnis

Wohlbefinden mit Hanf-Medizin
Hanf gehört zu den ältesten Kulturpflanzen, die uns zur Verfügung stehen. Dank moderner Forschung kann nun tradiertes Wissen, das beinahe in Vergessenheit geraten ist, überprüft und die gezielte Anwendung von Cannabis sativa L. noch leichter gemacht werden – für ein gesünderes Leben.

Rafael Dulon ist geschäftsführender Gesellschafter der »Hanf Farm GmbH« und Mitglied des Internationalen Instituts für Cannabinoide ICANNA
Als ich Dr. Tanja Bagar vor einigen Jahren das erste Mal traf, war ich sofort begeistert von ihrer Fähigkeit, komplizierte Vorgänge in verständliche Worte zu fassen. Bei ihrem damaligen Vortrag auf einer internationalen Konferenz ist es ihr eindrucksvoll gelungen, die Funktionsweise des Endocannabinoid-Systems (ECS) und die Bedeutung für unser Wohlbefinden verständlich zu erklären. Einerseits kann sie durch ihr Studium der Mikrobiologie die biochemischen Prozesse des Endocannabinoid-Systems sehr fundiert darstellen, andererseits besitzt sie die Gabe, komplexe Vorgänge in unserem Körper nachvollziehbar und unterhaltsam zu präsentieren.
Erfahren Sie mehr über die Bedeutung von Hanf für unser gesundheitliches Gleichgewicht und nutzen Sie dieses Buch als Kompendium zu diesem Thema.
Seit dieser Zeit verfolge ich die Tätigkeiten von Dr. Bagar mit großem Interesse und freue mich ganz besonders, dass ihre Anerkennung in der internationalen Fachwelt zunehmend steigt und dass sie als Direktorin des Instituts ICANNA ihr Netzwerk aus angesehenen Wissenschaftlern nachhaltig erweitern konnte.
Durch die Zusammenarbeit mit Patientenorganisationen, Medizinern und Ärzten hat sie mittlerweile einen ausgesprochen großen Erfahrungsschatz, den sie in diesem Buch mit Ihnen teilt. Anhand von Krankheitsbildern schildert die Autorin exemplarisch die Wirkung der Inhaltsstoffe des Hanfes und belegt ihre Aussagen mit Fallbeispielen aus der ärztlichen Praxis von Medizinern, die Hanf zur Heilung von Krankheiten einsetzen. In weiteren Teilen des Buches wird das Thema Vorbeugung von Krankheiten behandelt und ein Ausblick auf die Zukunft der Hanf-Medizin gegeben. Hier kommt auch der Vater der Hanf-Medizin, Prof. Dr. Raphael Mechoulam, zu Wort, der durch sein Lebenswerk zu Recht als der wichtigste Wissenschaftler auf diesem Gebiet gilt.
Ich bin fest davon überzeugt, dass dieses Buch viele Ihrer Fragen beantworten wird. Das Wissen um das Endocannabinoid-System und die Bedeutung für unser gesundheitliches Gleichgewicht wird Ihnen mit Sicherheit von großem Nutzen sein. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen viel Spaß beim Lesen dieses Buches.

1.
Wie der Mensch auf den Hanf kam
Es kann nicht oft genug betont werden: Der Hanf gehört zu den wichtigsten Heilpflanzen der Menschheit. Erfahren Sie mehr über seinen kulturgeschichtlichen Stellenwert.
Ein Blick in die Vergangenheit
Die Anwendung von Hanf als Nutz- und Heilpflanze hat eine weit zurückliegende Geschichte als eine der ersten Kulturpflanzen der Menschheit. Vermutlich ist Hanf im Oligozän entstanden, vor etwa 34 Millionen Jahren, was aber wegen fehlender Fossilien nur Spekulation bleiben kann. Von dem, was wir über diese Pflanze wissen, kann aber angenommen werden, dass ihre Heimat in Zentralasien liegt. Als der Homo sapiens seine Wanderungen durch Asien und Europa begann, also vor zirka 195.000 Jahren, nahm er Saatgut, darunter auch Hanfsamen, mit auf seinen Weg.
Gegenüber der etwa 6000 Jahre währenden Hanfnutzung, die weitgehend archäologisch nachgewiesen ist, bleibt die Periode des Anbauverbots im 20. Jahrhundert eigentlich nur ein kurzer Moment in der Geschichte. Ich glaube fest daran, dass wir in etwa hundert Jahren diese Zeit des Verbots bloß als eine »Panne« in der Gesetzgebung betrachten werden.
Das Hanf-Anbauverbot des 20. Jahrhunderts kann nur als »Panne« gesehen werden.
Der US-Journalist Michael Pollan schrieb in Die Botanik der Begierde (englischer Originaltitel: The Botany of Desire: A Plant’s-Eye View of the World), einem Sachbuch über Ethnobotanik und Pflanzenzucht, dass Hanf das menschliche Interesse so intensiv gefangen hält wie nur noch drei weitere Pflanzenarten: Äpfel, Kartoffeln und Tulpen. Dabei hat Hanf aufgrund seiner chemischen Zusammensetzung die Fähigkeit, unser Bewusstsein zu verändern. Ein Wunsch, der allen Menschen angeboren ist, von kleinen Kindern, die im Kreis wirbeln, über Sufi-Tänzer bis hin zu gesellschaftlich akzeptierten Rauschmitteln. Jede Kultur und jedes Zeitalter hat viel Aufmerksamkeit und Energie dem Wissen, der Anzucht und dem Konsum von psychoaktiven Pflanzen gewidmet. Und in jeder Gesellschaft, außer jener der Inuits, deren Klima für den Anbau zu rau ist, haben die Menschen versucht, die Wahrnehmung der Welt zu verändern, indem sie eine Vielzahl von Pflanzen verwenden. Einige von ihnen – wie Koka, Alkohol, Mohn und Hanf – gelten als berauschend, weil sie tiefgreifende Veränderungen in unserem Bewusstsein bewirken können. Andere Pflanzen – wie Kaffee, Tabak und Schwarztee – beeinflussen unsere Gedanken und Wahrnehmungen auf subtilere Weise. Nun: Die individuelle Einstellung zur Pflanze hat sich im Lauf der Zeit und Kultur entwickelt und beeinflusst und reflektiert die Werte der Gesellschaften. So wird in unserer europäischen Gesellschaft sowohl Alkohol- als auch Tabakkonsum nicht nur akzeptiert, sondern deren Konsum gehört zum guten Ton.
Das war aber nicht immer so, denn wenn wir in die alten Hochkulturen blicken, so erfahren wir, wie vielfältig Hanf bereits damals eingesetzt wurde. Hier möchte ich nur einige Beispiele nennen, um mich schließlich auf den medizinischen Einsatz von Hanf zu konzentrieren.
Der älteste Hinweis auf die Nutzung von Hanf findet sich in China als Faserabdruck auf Keramiken der Yangshao-Kultur aus dem fünften Jahrtausend vor Christus. Hanf wurde aber auch für Seile und Tauwerk in Russland, Griechenland, Spanien und bis zu den Britischen Inseln verwendet. Als 1492 Columbus die spanische Küste verließ, um einen direkten Seeweg nach Asien zu suchen, waren die Seile und Segel seiner drei Schiffe vollständig aus Hanffasern gefertigt.
Stoff aus Hanf wurde in Mesopotamien und in Ägypten hergestellt, und bis 1820 wurden 80 Prozent aller Textilien aus Hanf gemacht. Die ersten Levi-Strauss-Jeans für die Goldgräber waren aus Hanfsegeltuch genäht. Alte chinesische Handwerker waren die ersten, die Papier daraus herstellten, später wurde Hanf für Bücher und Banknoten benutzt. Selbst die amerikanische Unabhängigkeitserklärung wurde auf Hanfpapier gedruckt.
Viele Farben und Lacke hatten Hanfsamenöl als Basis. Die meisten frühen Bilder wurden fast ausschließlich auf Hanfleinen gemalt. Und auch Leonardo da Vinci verwendete für die Mona Lisa eine Leinwand aus Hanf und Farben aus Hanfsamenöl.
Eines der ersten industriell hergestellten Fahrzeuge Henry Fords aus der Serie Modell-T wurde aus Hanf gebaut. Zusätzlich zum Auto selbst war auch der Kraftstoff aus Hanf. Die Fasern des Hanfs können also als Werkstoff für Karosserien dienen, und das Öl aus seinen Samen kann als Biodiesel Verwendung finden.

Shennong Bencaojing – Darstellung auf einem chinesischen Holzschnitt
Auch die Verwendung für medizinische Zwecke hat eine eindrucksvolle Geschichte:
4000 v. Chr.: Hanf gilt in China als einer der »fünf Körner« und wird als wichtige Nahrungspflanze angebaut. Er konnte im neolithischen Dorf Pan-p'o nachgewiesen werden.
2800 v. Chr.: Im Shennong Bencaojing, einem chinesischen Buch über Ackerbau und Heilpflanzen, das dem mythischen chinesischen Urkaiser Shennong zugeschrieben wird, werden die Behandlungseigenschaften von Hanf bei über 100 Krankheiten, darunter Gicht, Rheuma und Malaria beschrieben.
2000–1000 v. Chr.: Der Atharvaveda ist eine der heiligen Textsammlungen des Hinduismus, in der Hanf als »Quelle des Glücks«, »Freudenspender« und »Bringer der Freiheit« beschrieben wird. Zu dieser Zeit wird Hanf bei täglichen Andachten und religiösen Ritualen geraucht.
2000–1000 v. Chr.: In der ayurvedischen Medizin wird durch den offenen religiösen Gebrauch von Hanf die Erforschung medizinischer Vorteile entwickelt und zur Behandlung einer Vielzahl von Krankheiten, darunter Epilepsie, Tollwut, Angst und Bronchitis eingesetzt.
1550 v. Chr.: Der Papyrus Ebers, benannt nach seinem Entdecker Georg Ebers, ist eine der ältesten medizinischen Aufzeichnungen des alten Ägypten, in dem festgestellt wird, dass Hanf Entzündungen heilen kann.
1213 v. Chr: Der Mumie des ägyptischen Pharaos Ramses II. wird auch Hanf beigegeben, dessen Pollen in den Binden nachgewiesen werden konnten.
1000 v. Chr.: Die Skythen, Kriegervölker, die bis zur Zeit von Christi Geburt etwa tausend Jahre lang die Steppen Eurasiens von der Mongolei bis zum Schwarzen Meer beherrschen, benutzen Hanf in Dampfbädern und verbrennen auch Hanfsamen in Bestattungsritualen.
900 v. Chr.: Die Assyrer nutzen die psychotropen Effekte von Hanf für medizinische Zwecke.
40–90 n. Chr.: Der griechische Arzt und Pionier der Pharmakologie, Pedanios Dioskurides aus Anazarbos bei Tarsos, der in der römischen Provinz Kilikien tätig ist, verschreibt Hanf bei Zahn- und Ohrenschmerzen. Auch Galenos von Pergamon, einer der bedeutendsten, vorwiegend in Rom tätigen griechischen Ärzte, stellt fest, dass Hanf-Anwendungen im gesamten Römischen Reich weit verbreitet sind. Frauen der römischen Elite verwenden auch Hanf, um Wehen zu lindern.

Die »Galenosgruppe«, zweites Ärztebild aus dem Kodex Wiener Dioskurides (Konstantinopel um 512), benannt nach dem oben in der Mitte dargestellten Arzt Galenos
207 n. Chr.: Hua Tuo, erster niedergelassener chinesischer Arzt zur Zeit der Östlichen Han-Dynastie, bezeichnet Hanf als Analgetikum. Er benutzt eine Mischung aus Hanf und Wein, um seine Patienten vor Operationen zu betäuben.
1000 n. Chr.: Die arabischen Wissenschaftler al-Majusi und al-Badri betrachten Hanf als eine wirksame Behandlung der Epilepsie.
1025 n. Chr.: Ibn Sina, latinisiert Avicenna, einer der wichtigsten Universalgelehrten seiner Zeit, veröffentlicht den Kanon der Medizin und erklärt, dass eine wirksame Behandlung von Gicht, Ödemen, infektiösen Wunden und starken Kopfschmerzen mit Hanf möglich ist. Sein Werk wurde vom 13. bis zum 19. Jahrhundert umfassend untersucht und hatte einen nachhaltigen Einfluss auf die westliche Medizin.
1300: Arabische Händler bringen Hanf von Indien nach Ostafrika, wo die Pflanze ihre Verbreitung findet und zur Behandlung von Malaria, Asthma, Fieber und Ruhr dient.
1500: Die Spanier bringen zur Zeit der Eroberungen Hanf nach Amerika, wo er für praktische Zwecke wie die Herstellung von Seilen oder Kleidung Verwendung findet. Einige Jahre später wird die Pflanze auch für psychoaktive und medizinische Zwecke eingesetzt.
1798: Napoleon Bonaparte bringt Hanf aus Ägypten nach Frankreich zurück, wo er auf seine schmerzlindernden und beruhigenden Eigenschaften hin untersucht wird. Zu diesem Zeitpunkt wird Hanf zur Behandlung von Tumoren, Husten und Gelbsucht genützt.
1839: Der irische Arzt William Brook O'Shaughnessy (1809–1889) führt die therapeutische Anwendung von Hanf in die westliche Medizin ein. Als Mitglied der Medical and Physical Society of Calcutta publiziert er eine der ersten Arbeiten über die medizinische Verwendung von Cannabis, in Indien als Volksheilmittel bereits lange bekannt, und benutzt es unter anderem, um Krämpfe bei Tetanus und Tollwut zu lindern. Er propagiert dessen Anwendung in England und ist damit so erfolgreich, dass sogar der Leibarzt von Queen Victoria, J. Russell Reynolds, der Königin die Verwendung gegen ihre häufigen Menstruationsschmerzen empfiehlt.
1851: In der dritten Auflage des US-amerikanischen Arzneibuches ist Hanf unter dem Namen »Extractum Cannabis« oder »Extract of Hemp« enthalten.
1900: Hanf wird in der medizinischen Praxis der USA für eine Vielzahl von Krankheiten eingesetzt. Mehr als 20 verschreibungspflichtige Medikamente sind neben dem rezeptfreien Verkauf von Arzneien wie zum Beispiel einer »One day cough cure« erhältlich.
1914: Mit dem Harrison Narcotics Tax Act wird der Drogenkonsum in den USA als Verbrechen eingestuft.
1937: Der Marihuana Tax Act verbietet Konsum und Verkauf von Hanf in den Vereinigten Staaten und markiert damit den Beginn von dessen Verbot.

Die extrem hohe Steuer auf Cannabis machte es US-Farmern finanziell praktisch unmöglich, Hanf anzubauen: Stempelmarke aus dem Jahr 1937
Dämonisierung und Verbot
Coautor: Dr. Mag. Dušan Nolimal, Sozialmediziner
»Die meisten Marihuana-Raucher sind farbige Menschen, Jazzmusiker und Entertainer. Ihre satanische Musik wird von Marihuana angetrieben, und Marihuana, das von weißen Frauen geraucht wird, lässt sie nach sexuellen Beziehungen mit Negern, Animateuren und anderen suchen. Es ist eine Droge, die Wahnsinn, Kriminalität und Tod verursacht – die gewalttätigste Droge in der Geschichte der Menschheit.« Dieses Zitat von Harry Jacob Anslinger (1892–1975), der ab 1930 Vorsitzender des Federal Bureau of Narcotics (FBN) und einer der treibenden Befürworter einer Cannabis-Prohibition war, zeugt von den Vorurteilen zu Anzucht und Konsum der Hanfpflanze. Anslinger lehnte die Nutzung von Opium und Hanf auch zu medizinischen Zwecken ab und setzte sich als Mitglied der Drogenkommission der Vereinten Nationen in den 1960er-Jahren für ein weltweites Verbot des Cannabisanbaus ein.

Drogenkommissar Harry J. Anslinger verlautbart am 4. Jänner 1958 eine Reihe von Maßnahmen zur Einschränkung des Drogenhandels
Prohibition kommt vom lateinischen prohibere, verhindern. Im Bezug auf Hanf bezeichnet das Wort das gesetzliche Verbot von Anbau, Herstellung, Lagerung, Transport, Verkauf, Besitz und Konsum von Cannabis sativa L. In den USA begann das Verbot bereits mit dem Harrison Act von 1914 – dem Grundstein für ein Verbot einiger psychoaktiver Pflanzen und Substanzen. Erstmals hatte damals die US-Regierung eine rechtliche Unterscheidung zwischen medizinischem und Freizeit-Drogenkonsum vorgenommen. Aufgrund der starken Lobbyarbeit der Pharmaindustrie wurde Hanf damals noch nicht in diesem Gesetz vorgesehen. Die Dinge änderten sich, als Harry Jacob Anslinger Direktor des FBN wurde, das er für mehr als drei Jahrzehnte leiten sollte. Sein Einfluss auf die globale Drogenpolitik war lange nach seinem Tod im Jahr 1975 noch spürbar. Er glaubte, dass harte Strafen die einzige Möglichkeit wären, die Einhaltung des Drogenverbots zu erzwingen. Er war entschlossen, die Pflanze zu kriminalisieren, um seine politische Karriere aufzubauen, und organisierte eine breite Kampagne gegen Cannabis, die mit einem neuen Namen begann: »Marihuana«. Das Wort stammt aus dem mexikanischen Spanisch, wobei die weitere Herleitung ungewiss ist und möglicherweise aus einer aztekischen Sprachfamilie stammt. Die häufig kolportierte Deduktion vom spanischen Vornamen María Juana – im amerikanischen Englisch daher auch als »Mary Jane« bezeichnet – ist eine irrige Volksetymologie. Doch durch diese Bezeichnung ging die Stigmatisierung ethnischer Minderheiten einher, die mit Cannabis in Bezug gesetzt wurden. Damit verschärfte Anslinger die Fremdenfeindlichkeit während der Weltwirtschaftskrise, als viele Amerikaner das Gefühl hatten, mit Migranten um knappe Jobs konkurrieren zu müssen. Der amerikanische Geschäftsmann, Politiker und Eigentümer einer Zeitungskette William Randolph Hearst nutzte seine Boulevardblätter, um die Hanfpflanze weiter zu dämonisieren und die öffentliche Meinung dahingehend zu beeinflussen, dass es Zusammenhänge zwischen Cannabis, Migration und Gewaltverbrechen gäbe. Um öffentliche Unterstützung für ihren Kreuzzug zu erhalten, stellten die Prohibitionisten Hanf als eine Substanz dar, die »weiße Frauen veranlasst, sexuelle Beziehungen zu Negern zu suchen« und »mexikanisch-amerikanische Männer nach weißen Frauen gierig machte«.

Kinoplakat zum Anti-Marihuana-Film »Reefer Madness«
Hanf wurde in mehreren Filmen dämonisiert, von denen einige von großen Destillerien finanziert wurden, die erhebliche Gewinne verlieren würden, wenn Hanf legal würde. Mit dem 1936 produzierten Streifen »Reefer Madness« (Wahnsinnskraut) wurde den Zuschauern vermittelt, Cannabis sei eine Droge, die zu gewalttätigem Verhalten und schließlich in den Wahnsinn führte.
Im Jahr 1937 stimmte der US-Kongress einem Gesetz zu, das alle Formen von Hanf mit hohen Steuern belegte. Doch das FBN versperrte letztendlich den Zugang zu Hanf auch für medizinische Zwecke, sodass keine Medikamente auf Grundlage von Cannabinoiden mehr ausgegeben werden konnten. Stattdessen wurden Opioide empfohlen, und 1942 wurde die Pflanze Cannabis sativa L. aus dem Arzneibuch der USA entfernt, obwohl damals führende Ärzte und Wissenschaftler praktisch jede Behauptung widerlegen konnten, die Anslinger und das FBN über Cannabis gestellt hatten.
Als Cannabis ab den 1968ern zu einem Symbol für die jugendliche Rebellion wurde, drängten viele Regierungen auf Repressionsmaßnahmen, die 1971 in der Amtszeit von Richard Nixon im »Krieg gegen Drogen« mündeten. Politische und xenophobische Faktoren und die Art und Weise, wie Cannabiskonsumenten in den Medien dargestellt wurden, führten schließlich zum weltweiten Verbot von Cannabis. Schließlich kam es in den 1980er Jahren zu einer regelrechten Anti-Drogen-Hysterie in vielen Ländern und in der Folge zur Einführung drakonischer Strafen, die auch für den Handel mit Cannabis galten. In den 1980er und 1990er Jahren war »Just Say No« eine beliebte Werbekampagne, die Kinder vom illegalen Drogenkonsum abhalten und eine »drogenfreie Gesellschaft« herbeiführen sollte. Deshalb waren die meisten Bemühungen in den letzten Jahrzehnten, den Konsum von Cannabis zu verringern, weitgehend von Verhaftungen, Geldstrafen oder Inhaftierungen und der Beschlagnahme von Privateigentum geprägt. Dennoch stieg die Verfügbarkeit von Cannabis und auch die Zahl der Konsumenten stieg. Die verstärkte Durchsetzung des Verbotes hatte nicht die beabsichtigte Wirkung, sondern hat viele Menschenleben ruiniert, Gefängnisse gefüllt und Regierungen ein Vermögen gekostet. Außerdem hat das Verbot nicht verhindert, dass Menschen an anderen Drogen starben.

Plakat der US-Gesundheitsbehörde aus den 1990er Jahren
Fazit: Cannabis ist heute mit Abstand die am häufigsten verwendete verbotene Droge. Das Scheitern des Verbots wird noch deutlicher, wenn man bedenkt, wie leicht in den letzten 30 Jahren des Verbots Jugendliche an Cannabis herankommen: Die meisten von ihnen berichten, dass sie Cannabis kostenlos erhalten oder mit jemandem geteilt haben. Zur Ironie der Geschichte trägt bei, dass kürzlich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu dem Schluss kam, dass die USA trotz der meisten Sanktionen die höchsten Raten illegalen Drogenkonsums haben. Vergleiche zwischen den USA und den Niederlanden, wo der Cannabisverkauf traditionell toleriert wird und der Konsum de facto legalisiert ist, zeigen, dass der Cannabiskonsum in den USA mehr als doppelt so hoch ist wie in den Niederlanden. Auch aus diesem Grund beginnen viele andere Länder, eine Entkriminalisierung oder Legalisierung von Cannabis in Betracht zu ziehen, weil vor allem die Kosten des Verbots beträchtlich sind.
Die öffentliche Meinung zu Cannabis hat sich über die Jahre dramatisch verändert, und die hitzigen Diskussionen über die mögliche Legalisierung haben Experten, Politiker und Steuerzahler gespalten. Es gibt in diesen Debatten immer noch zahllose Mythen, Fehlinformationen und Grabenkämpfe – oftmals ausgetragen mit starken Emotionen und mangelnder Objektivität. Wir sehen heute, dass die Kriminalisierung von Hanf nicht gerechtfertigt ist und ein Hindernis für Forschung, medizinischen Gebrauch und eine angemessene Regulierung darstellt.
Die Erforschung einer Unbekannten
Ich kann mich nicht genug darüber wundern, dass es zu einem Verbot von Anbau und Konsum der Cannabis sativa L. kam, bevor die Pflanze überhaupt wissenschaftlich erforscht wurde. Wir können also sagen, dass die Grundlage für die heutige Gesetzgebung ohne jegliche Kenntnisse der chemischen Zusammensetzung der Pflanze oder deren Wirkungsweise auf unseren Körper gelegt wurde.
Ein Großteil des Wissens und der Daten, über die wir heute verfügen, sind den Forschungsergebnissen des israelischen Chemikers Raphael Mechoulam (*1930) geschuldet. Er begann seine Arbeit mit Cannabis am Weizmann-Institut für Wissenschaften, einem multidisziplinären Institut für naturwissenschaftliche Forschung und Ausbildung in Jerusalem. Sie werden sicherlich nicht verwundert sein, wenn ich Ihnen erzähle, dass er als Grundlage für seine Forschungen mit beschlagnahmtem Haschisch zu arbeiten hatte. Für seine ersten Versuche fuhr Mechoulam mit einem öffentlichen Bus von der Polizei ins Labor – mit Haschisch in der Tasche. Schon 1963 isolierte er aus mehr als 1000 Substanzen das Cannabidiol (CBD). Dabei handelt es sich um ein Molekül, das einen therapeutischen Effekt auslöst, dabei nicht psychoaktiv wirkt und eines der bedeutendsten Bestandteile von Cannabis sativa L. darstellt. Ein Jahr darauf isolierte seine Gruppe auch den Stoff, der die Bewusstseinsänderung bewirkt: Tetrahydrocannabinol (THC). In den folgenden Jahren kam es zu Isolierung und Identifizierung vieler anderer Inhaltsstoffe des Hanfes und vor allem jener mit medizinischer Wirkung, den Cannabinoiden.
Der Pionier der Cannabisforschung
Raphael Mechoulam untersucht Cannabis in der Medizin länger als jeder andere Wissenschaftler. Er gilt heute als Vater der Erforschung der Cannabinoide. 2015 entstand der Dokumentarfilm »The Scientist«, der dem Werdegang des Wissenschaftlers folgt, von seiner Kindheit während des Holocausts in Bulgarien über seine Auswanderung nach Israel bis hin zu seiner Karriere als Hauptforscher für die Chemie und Biologie der weltweit am meisten missverstandenen Pflanze.
Filmemacher Zach Klein traf Professor Mechoulam zum ersten Mal, als er Recherchen anstellte, um mit Cannabis jene Symptome zu lindern, welche die Chemotherapie seiner an Brustkrebs erkrankten Mutter hervorrief.
Der daher mit Herzblut gemachte Dokumentarfilm folgt Professor Mechoulams Versuch, die folgende wichtige Frage zu beantworten: Was übersehen wir?
Die Doku ist ein wertvoller Beitrag zum Verständnis der wegweisenden Arbeit Mechoulams mit Cannabis, die zur Entdeckung des sogenannten Endocannabinoid-Systems führte.
Übrigens: Hollywood zeichnete den Film mit dem Hollywood International Independent Documentary Award 2015 aus. Wenn Sie mehr darüber wissen wollen, empfehle ich Ihnen, »The Scientist« kostenlos auf Youtube anzusehen.

1988 wurde ein neuer Meilenstein gelegt: Um zu verstehen, wie THC in unserem Körper wirkt, wurden die ersten Rezeptoren entdeckt, an denen die Cannabinoide im Hirn andocken. In den 1990er Jahren isolierte und identifizierte Mechoulam zusammen mit seinen Mitarbeitern die Endocannabinoide, wobei Anandamid und 2-Arachidonylglycerol (2-AG) zusammen mit den spezifischen Rezeptoren das Endocannabinoid-System bilden – ein wichtiges biochemisches endogenes System, das sich im Gehirn befindet und an einer Vielzahl von physiologischen Funktionen beteiligt ist. Dazu mehr in den folgenden Kapiteln.
Die Grundlage der Cannabisforschung bildete beschlagnahmtes Haschisch – wen wundert das?
Kleines Aperçu am Rande: Das Anandamid wurde zuerst aus einem Schweinegehirn isoliert. Weil Schweinehirne in Jerusalem nicht leicht aufzutreiben waren, gingen Mechoulams Assistenten zu einem Metzger in Tel Aviv. Anandamid ist aber im Gehirn in nur sehr kleinen Mengen nachweisbar, weshalb immer mehr Schweinehirne gebraucht wurden. Das führte in Tel Aviv zu einer exponentiellen Verteuerung von Schweineköpfen!
Viele andere Forschungsgruppen begannen, die Endocannabinoide und das Endocannabinoid-System (ECS) zu untersuchen. Heute finden wir über 100.000 Publikationen über Hanf, Cannabis, Cannabinoide und das ECS. Die Faszination und intensive Erforschung der Inhaltsstoffe dieser Pflanze half uns, mehr über uns selbst und die Funktionsweise unseres Körpers zu erfahren. Interessanterweise hat auch die Pharmaindustrie die Potenziale der Cannabinoide erkannt, und einige Unternehmen haben Medikamente entwickelt, die bereits auf dem Markt sind:
1981 wurde das synthetische Analog von Δ9-THC Nabilone (Cesamet; Valeant Pharmaceuticals North America) als Medikament gegen Übelkeit und Erbrechen im Zusammenhang mit Chemotherapie zugelassen.
1985 wurde das synthetische Δ9-THC Dronabinol (Marinol; Solvay Pharmaceuticals, Inc.) als Vorbeugung und Behandlung von Übelkeit und Erbrechen unterschiedlicher Ursache und 1992 als Appetitstimulans zugelassen.
2005 wurde Sativex (Naviximole; GWPharma) zugelassen, das sowohl Δ9-THC als auch CBD enthält; es wurde erstmals in Kanada zur Schmerzlinderung bei Patienten mit Multipler Sklerose und fortgeschrittenem Krebs zugelassen und anschließend als Medikament zur Linderung der durch Multiple Sklerose verursachten Spastik.
2018 pflanzliches Cannabidiol (Epidiolex, GW Pharmaceuticals) zur Behandlung von Anfällen im Zusammenhang mit dem Lennox-Gastaut-Syndrom (LGS) oder dem Dravet-Syndrom bei Patienten ab zwei Jahren.

Doch es gibt auch Negatives zu melden. So ein Beispiel war Rimonabant, ein synthetisches Cannabinoid, das sich fix an den Cannabinoid-Rezeptor1 (CB1) bindet, den Rezeptor aber blockiert. Man dachte, da THC ein Aktivator von CB1 ist und Heißhunger verursacht, sollte ein CB1-Blocker den Appetit mindern. 2006 war das Medikament verschreibungspflichtig zum Abnehmen genehmigt. Die Patienten nahmen zwar ab, aber schon nach ein paar Jahren hatten viele starke Nebenwirkungen wie Depressionen und Psychosen, die auch zu Selbstmord führten. Deswegen wurde es bereits 2008 wieder vom Markt genommen.
Ein weiteres Beispiel: Es ging um eine Studie betreffend die Fettsäureamid-Hydrolase (FAAH), die für den Abbau von Anandamid, dem körpereigenen Cannabinoid, zuständig ist. Die Hemmung des Enzyms könnte psychischen Erkrankungen entgegenwirken. Nach Tests an Tieren wurde mit Studien am Menschen begonnen. Einer der ersten Probanden, der im Januar 2016 behandelt wurde, erlitt ein tödliches Hirnödem. Weitere vier Teilnehmer der Studie mussten wegen neurologischer Symptome im Krankenhaus behandelt werden.
Daraus ist zu sehen, dass wir bei einem derart vitalen System wie dem Endocannabinod-System nicht einfach Teile chemisch blockieren dürfen, ohne mit Nebenwirkungen rechnen zu müssen.

2.
Warum unser Körper Cannabinoide selbst herstellt
Eine funktionierende Einheit: Der menschliche Organismus besteht aus 36 Milliarden Zellen, aber auch aus zehn Mal so vielen Mikroben. Wie geht das? Ein Erklärungsversuch.
Die Bausteine des Lebens
Der menschliche Körper ist aus biochemischer Sicht kompliziert aufgebaut. Wenn wir die Zelle als grundlegende Einheit des Lebens genauer betrachten, so erkennen wir, dass die Biochemie bereits auf dieser Ebene ziemlich komplex ist. Wir können uns eine Zelle als einen ganz kleinen Ball vorstellen, aber sie ist nicht nur ein einfacher Baustein – statisch wie Ziegel in einer Mauer. Denn in jeder einzelnen Zelle finden zu gewissen Zeiten 10.000 bis 15.000 biochemische Reaktionen statt, die koordiniert und streng geregelt ablaufen. Jede Zelle speichert in ihrem Kern auch alle Gene und Informationen, die zur Bildung des ganzen Körpers notwendig sind. Und dann sind da noch die verschiedenen Zelltypen, die ganz spezifische Funktionen haben. So hat eine Leberzelle andere Funktionen als eine Nervenzelle, weshalb sie unter einem Mikroskop auch vollkommen unterschiedlich aussehen.

Die Zellstruktur
Die Zelle – eine Plaudertasche
Obwohl eine Blutzelle und eine Muskelzelle eine unterschiedliche Struktur und Form haben, sind sich alle Zellen in ihrer grundlegenden Biochemie sehr ähnlich und agieren stets als Teil eines größeren Ganzen. Deswegen ist es für eine einzige Zelle sehr wichtig, mit anderen Zellen ihrer Umgebung zu kommunizieren: Sie erkennt, was um sie herum vorgeht, was die Nachbarzelle tut und reagiert auf deren Signale. Biochemisch betrachtet, ist eine einzelne Zelle keine individuelle Lebenseinheit, sondern ein Teil eines Gewebes, eines Organs oder eines physiologischen Systems. Damit eine Zelle als Teil eines Gesamtsystems fungieren kann, muss sie unbedingt Botschaften senden und empfangen können. Vermenschlicht ausgedrückt: Sie muss eine Plaudertasche sein, die auch gut zuhören kann.
Eine Zelle wird durch eine Membran, eine Lipiddoppelschicht mit eingebetteten Proteinen, von ihrer Umgebung getrennt. Die Membrane ist nicht rigid, sondern fluid und flexibel, und obwohl sie die Zelle eigentlich von der Umgebung trennt, ermöglicht sie zugleich auch die Kommunikation. Und da gibt es viel zu erzählen. Die Zellen senden und empfangen hunderte von Nachrichten in Form von chemischen Signalmolekülen. Diese Moleküle dringen bis zur Membran vor, während die inliegenden Proteine als Empfänger (Rezeptoren) dienen.

Zellmembran mit Lipiddoppelschicht und Rezeptoren
Das innere Geplauder
Nicht alle Zellen können eine bestimmte chemische Nachricht »hören«. Um ein Signal zu erkennen, muss eine Zelle den richtigen Empfänger für dieses Signal haben. Wenn ein Signalmolekül sich an einen Rezeptor bindet, führt das zu Veränderungen im Inneren der Zelle. Das bedeutet, die Zelle hat die Nachricht gehört und wird sich ihr anpassen. Ähnlich der Entscheidung, einen Regenschirm mitzunehmen, wenn wir die Nachricht hören, dass es im Lauf des Tages regnen wird.
Ein Signalmolekül und ein Rezeptor erkennen einander anhand einer einzigartigen 3D-Molekülstruktur – ähnlich einer Schlüssel-Schloss-Funktionsweise. Falls alles passt, öffnen sich die Türen und eine Veränderung in der Zelle kann beginnen. Wenn nicht, geschieht gar nichts. Wenn ein Signalmolekül und ein Rezeptor übereinstimmen, findet eine Kaskade von Reaktionen in der Zelle statt, die letztendlich zu einer Modifikation führt z.B. zu Zellteilung, Apoptose (Form des programmierten Zelltods) oder Autophagie, einem Prozess, mit dem Zellen eigene Bestandteile abbauen und verwerten. Durch diese Kommunikation können die Zellen nicht nur auf Veränderungen in der extrazellulären Umgebung reagieren, sich an diese Veränderungen anpassen und gedeihen, sondern auch Signale zwischen Zellen, Geweben, Organen und dem ganzen Körper austauschen.
Die Empfänger der Nachricht
Verschiedene Zelltypen haben viele unterschiedliche Rezeptoren. Es hängt davon ab, was für das Gewebe oder das betreffende Organ wichtig ist, welche Nachricht wesentlich ist. Zum Beispiel haben die Zellen der Bauchspeicheldrüse viele Rezeptoren für Zucker (Glukose), da die Funktion dieses Organs von der Konzentration des Blutzuckers abhängig ist. Falls sich Glukose auf den Rezeptor in den Zellen der Bauchspeicheldrüse bindet, wird die Produktion von Insulin angeregt, der Blutzucker sinkt. Unsere Zellen sind in diesem Sinne sehr wirtschaftlich, jede Zelle hat nur jene Rezeptoren, die für ihr Überleben und ihre Funktion wichtig sind, und nur in der Anzahl, die benötigt wird. In der zellulären Biochemie gibt es weder ein Molekül noch eine Reaktion zu viel, die gesamte Biochemie ist stark optimiert und an die Umgebung angepasst. Jeder Zelltyp in unserem Körper verfügt über ein spezifisches Set von Rezeptoren. Typ und Dichte der Rezeptoren können sich allerdings während der Lebensdauer einer Zelle verändern, abhängig von den Bedingungen, denen eine Zelle ausgesetzt ist.
Was Hanf mit Cannabinoid-Rezeptoren zu tun hat
Unser Körper hat neben vielen verschieden Rezeptortypen auch Rezeptoren für Cannabinoide, die Wirkstoffe von Hanf. Sie wurden allerdings erst 1988 entdeckt, obwohl Cannabinoide bereits 1899 isoliert werden konnten. Interessanterweise hat man die Inhaltsstoffe von Mohn (Papaver somniferum) viel früher isoliert, und zwar 1804. Die zugehörigen Rezeptoren wurden 1973 entdeckt.
Eine wegweisende Entdeckung: Cannabinoide haben auf beinahe alles in unserem Körper Einfluss.
Vorerst verwirrte die Wissenschaftler die Existenz von Cannabinoid-Rezeptoren. Umso mehr, als sich herausstellte, dass diese Rezeptoren in unseren Zellen sehr häufig vorkommen. Wir wissen bereits, dass die Zellen sehr ökonomisch mit der Produktion von Rezeptoren umgehen, wie auch mit anderen zellularen Prozessen. Doch die Tatsache, dass viele bestimmte Rezeptoren in den Zellen enthalten sind, weist darauf hin, dass dieses Signal für die Zellen sehr wichtig ist.
Es würde nicht viel Sinn ergeben, dass sich unser Körper so viel Mühe gibt, diese Cannabinoid-Rezeptoren zu produzieren, wenn es für die meisten Menschen nur eine geringe Chance gibt, im Lauf des Lebens Cannabis zu begegnen. Wieso können also unsere Zellen so fein abgestimmt auf die Inhaltsstoffe einer ganz bestimmten Pflanze sein? Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss, dass die Rezeptoren nicht primär pflanzlichen Stoffen dienen sollten, sondern unseren eigenen Molekülen.
Die Erforschung der Cannabinoide

Seit der Entdeckung des ersten Cannabinoid-Rezeptors sind 20 Jahre vergangen, bis Endocannabinoide bewiesen werden konnten. Dabei handelt es sich um Cannabinoide, die alle Wirbeltiere produzieren. Dabei werden Substanzen frei, die ähnlich wirken wie THC, und auch weitere, die wiederum dem CBD ähnlich sind. Dies war eine wichtige Entdeckung, die zu intensiver Forschung über die Funktion von Cannabinoiden führte.
Cannabinoide – die Schützer unserer inneren Homöostase
In uns drinnen ist also viel los. In jeder Zelle passieren in jedem Moment viele tausende Reaktionen. Das hört sich kompliziert an, aber jede Zelle und jedes Organ hat die Fähigkeit, das biochemische Gleichgewicht zu erhalten. Das nennen wir die Homöostase, aus dem altgriechischen »homoiostásis« für Gleichstand. Es geht dabei um die Aufrechterhaltung eines Gleichgewichts durch einen internen regelnden Prozess, also eine Art Selbstregulation von Systemen. So haben wir zum Beispiel eine homöostatische Körpertemperatur, einen homöostatischen pH-Wert im Blut und so weiter. Und falls sich etwas ändert und die Werte aus dieser Balance springen, aktivieren sich mehrere Mechanismen, um alles wieder in Homöostase zu bringen.
Aber wozu dienen diese Moleküle? Diese Frage war für die Wissenschaftler nicht leicht zu beantworten. Die meisten Forschungen ergaben, dass Cannabinoide auf beinahe alles in unserem Körper Einfluss haben. Weitere Forschungsergebnisse brachten schließlich zutage, dass Cannabinoide als grundlegende Signalmoleküle in unserem Körper dienen, denn die meisten Zelltypen haben Rezeptoren für Cannabinoide. Und wie lautet nun die Nachricht, die mittels dieser Moleküle an den Großteil der Zellen geschickt wird? Vereinfacht gesagt: »Nimm den Fuß vom Gas und schalte einen Gang runter!« Daraus folgt, dass der Nachweis von Cannabinoiden in einer Nervenzelle bedeutet, weniger Neurotransmitter auszuschütten, um das Gleichgewicht (Homöostase) wiederherzustellen.
Natürlich ist aber die Situation im ganzen Körper viel komplexer. Wenn ein Signal oder eine Situation unsere zellulare Homöostase herausfordert, sind die Cannabinoide die ersten Moleküle, die produziert werden. Das bedeutet, dass sie eine Wächterrolle haben, sie senden also ein SOS-Signal. Und so werden Cannabinoide in nahezu allen für den Organismus gefährlichen Situationen ausgeschüttet: Wenn wir eine physische Verletzung einstecken müssen ebenso wie wenn wir ein intensives emotionales Erlebnis haben, aber auch wenn wir Mikroben aufnehmen, toxische Nahrungsmittel zu uns nehmen und in vielen anderen Situationen auch. Wann immer die Homöostase unseres Körpers angegriffen wird, produzieren wir Cannabinoide, die ein Signal an die betroffenen Zellen schicken und damit mehrere Mechanismen aktivieren, die alle dazu dienen, dass wir so bald wie möglich wieder in ein biochemisches Gleichgewicht kommen.

Verschiedene Endocannabinoide können nicht nur an Cannabinoid-Rezeptoren binden, sondern auch an einen vermuteten CB3-Rezeptor, den GPR55-Rezeptor, sowie an weitere Rezeptoren. Dabei handelt es sich um einen allgemeinen Zellsignalisierungsrezeptor, dessen spezifische physiologische Rolle unklar ist, da Mäuse ohne diesen Rezeptor keine gesundheitlichen Probleme haben. GPR55 ist im Hoden, in der Milz und im Gehirn, insbesondere im Kleinhirn, weit verbreitet. Er wird im Magen-Darm-Trakt aktiviert und es hat sich gezeigt, dass damit die Funktion der Knochenzellen reguliert wird.
Die Cannabinoid-Rezeptoren
Allen Cannabinoid-Rezeptoren ist gemeinsam, dass sie G-Protein-gekoppelte Transmembranrezeptoren (GPCR) sind. Das bedeutet, dass sich ein Teil des Rezeptors außerhalb der Zelle befindet und auf ein Cannabinoid vorbereitet ist, während der andere Teil des Rezeptors auf der Innenseite der Zelle sitzt und die Nachricht weiterleitet, ob sich Cannabinoide in der Nähe befinden.
Wenn sich ein Cannabinoid an den Rezeptor bindet, reagiert die Zelle. Welche Reaktion es geben wird, hängt nun wiederum von vielen Faktoren ab, einschließlich des Zelltyps, der Chemie und Konzentration der Cannabinoide, der Anwesenheit anderer Moleküle und auch der Anzahl oder Dichte der Cannabinoid-Rezeptoren auf der Zelloberfläche. Um die physiologische Rolle des Endocannabinoid-Systems zu verstehen, schauen wir, wo im Körper Cannabinoid-Rezeptoren sind, also welche Organe oder Gewebe die Nachricht aufnehmen können, die Cannabinoide senden.
• Typ-1-Cannabinoid-Rezeptoren (CB1) befinden sich besonders im zentralen Nervensystem, an die sich THC und schwach auch CBD binden. Da sie während der Wirkung von Cannabis im Körper um den CB1-Rezeptor konkurrieren und CBD nicht psychoaktiv wirkt, federt CBD den psychedelischen Effekt des THC ab. Diese Rezeptoren beeinträchtigen somit das Schmerzempfinden und auch die Motorik, aber auch Emotionen, Erinnerung und Appetit. Weil CB1-Rezeptoren ihre Funktion im zentralen Nervensystem haben, wird laufend untersucht, wie Cannabinoide bei unterschiedlichen Nervenschädigungen und neurodegenerativen Krankheiten wie der Parkinson- und der Alzheimer Krankheit wirken.
• Typ-2-Cannabinoid-Rezeptoren (CB2) kommen im Immun-, im Verdauungs- oder dem Fortpflanzungssystem vor. Sie befinden sich aber auch in Knochen, Haut, Lunge, hormonalen Drüsen oder in den Augen. Man ging davon aus, dass Cannabis das Immunsystem negativ beeinflusst, doch die Annahme ist überholt und wissenschaftlich unbegründet. Vielmehr scheint es so zu sein, dass die Cannabinoide den Körper dazu bringen, wieder in eine biochemische Homöostase zurückzukehren.

Opioid- und Cannabinoid-Rezeptoren im Gehirn mit ihren Leganden: Endorphine (rot) und Anandamide (grün)
Auch andere GPR-Rezeptoren antworten auf Cannabinoide wie GPR18 und GPR119. Interessanterweise reagieren einige Rezeptoren, die für andere Zellfunktionen verantwortlich sind, ebenso auf Cannabinoide wie einige Ionenkanäle, Transporter, Enzyme und Zellstrukturen.
Cannabidiol bindet an Rezeptoren, die für die Schmerzregulierung verantwortlich sind.
Ein Beispiel dafür ist die Thermo-TRP-Kanalfamilie, eine Familie von zellulären Ionenkanälen: TRP Vanilloid-1-und 2-Rezeptoren werden durch Capsaicin aus Chili bzw. CBD aus Hanf aktiviert. Sie sind dafür verantwortlich, den Körper mit Informationen über Temperaturänderungen in der Umwelt zu versorgen. Da wir wissen, dass die Regulierung der Körperkerntemperatur und die Reaktion auf Veränderungen der Außentemperatur unter der Kontrolle des Endocannabinoid-Systems steht, ist es unter diesem Gesichtspunkt nicht verwunderlich, dass die Familie der Thermo-TRP-Kanäle auf Cannabinoide reagiert. Der Hypothalamus, der die Körpertemperatur reguliert, hat auch viele Cannabinoid-Rezeptoren. So verursacht Anandamid Fieber, nachdem es an die CB1-Rezeptoren im Hypothalamus gebunden wurde.
Ein weiteres Beispiel wären die Peroxisom-Proliferatoraktivierten Rezeptoren (PPAR), die bei der Entscheidung, welche Gene ruhiggestellt werden und was aktiviert wird, eine wichtige Rolle bei der Zelldifferenzierung und -entwicklung, dem Stoffwechsel (Kohlenhydrat, Lipid, Protein) und der Tumorgenese spielen. Unter Berücksichtigung der Rolle, die Endocannabinoide in diesen Prozessen spielen, kann ihre Aktivierung von PPAR einer der Wege sein, Zellen durch Cannabinoide tiefgreifend zu beeinflussen.
Es ist auch bekannt, dass sich das pflanzliche Cannabidiol (CBD) an einen sehr interessanten Rezeptor, den Serotonin-1A-Rezeptor oder 5-HT1A-Rezeptor bindet. Diese Rezeptoren sind in unserem Gehirn sehr verbreitet und an der Neuromodulation – im Zusammenhang damit auch der Schmerzregulierung – beteiligt. Neben anderen Effekten, die vorrangig für Serotonin, das Glücksmolekül, bekannt sind, verursachen sie eine Senkung des Blutdrucks und der Herzfrequenz. Viele bekannte Medikamente gegen Angst und Depressionen wirken genau auf diese Rezeptoren.
Neben allen Rezeptoren, an die Cannabinoide binden und die Funktion unserer Zellen und unseres Körpers verändern, können Cannabinoide auch völlig unabhängig von Rezeptoren arbeiten. Cannabinoide sind Lipide, das heißt, sie sind fettlöslich. Da auch die Außenseite der Zellen – die Membran – in erster Linie aus Fettsäuren besteht, können die Cannabinoide Rezeptoren umgehen, die Lipiddoppelschicht durchdringen und so in die Zelle gelangen. Bis zu einem gewissen Grad ist sogar die Antitumorwirkung von Cannabinoiden rezeptorunabhängig. Dazu ist die Bildung von Lipidflößen – stabileren Stellen der Membran – wichtig, wobei Ceramid, ein spezifisches Fett, dafür entscheidend zu sein scheint.
Neuroprotektive Eigenschaften von Cannabinoiden (CBD und THC) sind rezeptorunabhängig, wie eine Studie bereits 1998 zeigte. Im Jahr 2000 fand man heraus, dass Δ9 (THC), Δ8-THC und Cannabidiol (CBD) als Antioxidantien wirken und die Zellen vor dem Absterben bereits in sehr niedrigen Konzentrationen (submikromolar) schützen, ohne sich an die Rezeptoren zu binden. CBD verhindert auch rezeptorunabhängig, dass Zellen des Gehirntumors (Gliomzellen) in neues Gewebe wandern, also metastasieren. Seine hirnschützenden Eigenschaften gelten auch für den Fall eines Schocks oder einer Verletzung, eben weil sie rezeptorunabhängig sind.
Besondere Moleküle
Endocannabinoide werden als kurzfristige Signale bezeichnet, weil sie nur dann synthetisiert werden, wenn der Körper sie braucht. Danach werden sie schnell durch Enzyme abgebaut. So gesehen sind die Endocannabinoide anders als andere Signalmoleküle, wie beispielsweise Hormone, die viel länger im Körper bleiben. Sie werden auch sehr lokal produziert: Wird der Fußknöchel verletzt, werden sie genau an dieser Stelle produziert. Und sie senden retrograde Signale. Das heißt, das Signal wird zurück in die Nervenzellen gesendet, um damit das Nervensystem zu regulieren.
Endocannabinoide werden von Natur aus in unserem Körper produziert. Omega-3-Fettsäuren dienen als Vorläuferstoffe (Präkursor) oder Bausteine für die Bildung von Endocannabinoiden. Die bekanntesten und am besten erforschten sind folgende:
• AEA – Anandamid (N-arachidonoylethanolamine): Der Name kommt aus dem Sanskrit »Ananda« und bedeutet Freude oder reines Glück. Es hat im Körper unterschiedliche Wirkungen und ist in der Funktion dem pflanzlichen THC ähnlich. Es bindet an CB1- und auch CB2-Rezeptoren, wird im Körper »on demand« produziert und ist auch in der Muttermilch nachweisbar.
• 2-AG (2-Aeachidonoylglycerin) wird in höheren Konzentrationen im zentralen Nervensystem produziert und findet sich auch in der Muttermilch. Es bindet sowohl an die CB1-wie auch an die CB2-Rezeptoren.
Es gibt noch viele andere Endocannabinoide, allerdings ist ihre Funktion bisher noch nicht restlos erforscht.
Das Endocannabinoid-System (ECS)
Das endogene Cannabinoid-System, kurz: Endocannabinoid-System, ist Teil der menschlichen Anatomie. Der Begriff »endogen« beschreibt Prozesse, die im Körper stattfinden und nicht auf äußere Einflüsse zurückgehen. Zentrale Bestandteile sind die Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2 sowie körpereigene Cannabinoide bzw. Endocannabinoide, die an die Rezeptoren binden und diese aktivieren. Des Weiteren sind die Enzyme wichtig, die für die Produktion und den Abbau von Endocannabinoiden sorgen. Wird Cannabis konsumiert, bindet der Wirkstoff THC ebenfalls an Cannabinoid-Rezeptoren und entfaltet so seine Wirkung. Unser Endocannabinoid-System ist gewissermaßen mit unserem Hormon-System oder unserem Neurotransmitter-System vergleichbar, nur kann es viel mehr. Es ist Teil eines interzellulären Kommunikationssystems, das seit der Evolution der Pflanzen auf der Erde weitergegeben wurde. Manche Wissenschaftler haben postuliert, dass durch die Entwicklung dieses Systems und dieser Rezeptoren die Voraussetzung zur Bildung von Gewebetieren überhaupt erst möglich werden konnte.

Das Endocannabinoid-System mit Cannabinoid-Rezeptoren und Cannabinoiden zwischen Immunzelle und Neuron
Die Liste der physiologischen Prozesse, die das ECS beeinflusst, ist sehr lang, hier sind einige Beispiele:
• Stimmung
• Appetit
• Stoffwechsel
• Neuronale Funktion und Schutz
• Kardiovaskuläre Funktionen
• Fruchtbarkeit
• Immunfunktion
• Tumorgenese
• Gedächtnis
• Schlaf
• Schmerzmodulation
• Hormonproduktkon
Als begonnen wurde, das ECS in verschiedenen Systemen und Zelltypen zu untersuchen, konnte festgestellt werden, dass es Auswirkungen auf die überwiegende Mehrheit der Zell-, Gewebe- und Organfunktionen hat. Die Beschreibung, was genau das ECS macht, war keine leichte Aufgabe, da es Einfluss auf die vitalsten und wichtigsten Prozesse in unseren Zellen zu haben schien. Als Ergebnis seiner langen Arbeit fasste Raphael Mechoulam, der Vater der Erforschung der Endocannabinoide, Rolle und Funktion dieses Systems in fünf Worten zusammen: essen, schlafen, entspannen, vergessen und schützen.
Eine weitere Möglichkeit der Erklärung ist der Vergleich des ECS mit dem Immunsystem. Wir alle wissen, dass wir ein komplexes Immunsystem haben, das uns vor pathologischen Bakterien, Viren und Parasiten schützen soll. Im Vergleich ist das ECS dazu da, um uns vor allen erdenklichen Schäden zu schützen, von Toxinen über Verletzungen, emotionale Schmerzen, Entzündungen bis hin zu allem, was unseren Körper aus dem Gleichgewicht bringt. Die fünf Bereiche unseres Lebens sind nur jene, wo wir am deutlichsten bemerken, wie das ECS seine Funktion erfüllt. Hier können wir auch am besten sehen, ob unser ECS noch in Form ist und das tut, was es sollte, oder ob es überfordert wird.
In der modernen Gesellschaft mit all ihren Anforderungen schaltet sich unser ECS viele Male am Tag ein. Und wenn dies über einen längeren Zeitraum geschieht, kann das zu einer Funktionsstörung im ECS fuhren. Dies kann entweder so geschehen, dass Endocannabinoide produziert werden, wenn wir sie nicht brauchen, oder sie werden nicht produziert, wenn wir sie brauchen. Diese Funktionsstörung führt in der Regel zu einem sogenannten Endocannabinoid-Mangel, also einem insgesamt niedrigeren Niveau an Endocannabinoiden. Eine solche Störung ist die Grundlage der Entwicklung vieler Krankheiten. Stellen Sie sich einfach vor, dass ein schlecht funktionierendes ECS so ist, als wäre die erste Verteidigungslinie in unserem Körper ausgeschaltet. Heute wissen wir, dass dies einer der ersten Schritte bei der Entwicklung einer chronischen Erkrankung ist, der erste Dominostein, der fällt. Und wenn das ECS nicht funktioniert, kann der Einsatz von exogenen Cannabinoiden, insbesondere von Phytocannabinoiden, sehr nützlich sein.
Endocannabinoidom
Sehr oft, wenn ein Thema kompliziert wird und Wissenschaftler keinen einfachen Weg finden können, um es zu erklären, hängen sie ein »om« ans Ende der Bezeichnung. So geschah es, als Forscher die freundlichen Bakterien in unserem Körper untersuchten und herausfanden, dass die Interaktion zwischen den Bakterien und dem menschlichen Körper so komplex ist, dass sie schwer zu erklären ist, und nannten sie deshalb das »MikrobiOM«. Ähnlich sieht es bei den Cannabinoiden aus. Wir kennen viele von ihnen, auch viele Rezeptoren und Enzyme, die innerhalb des ECS wichtig sind, aber die Komplexität des Systems wird am besten mit dem neu eingeführten Begriff »Endocannabinoidom« erfasst. Denn das Endocannabinoid-System hat sich sehr schnell zu einer Schießscheibe entwickelt, auf die sich Wissenschaftler, Ärzte, Patienten und Forscher gleichermaßen eingeschossen haben.
Wenn Ihr ECS gut in Form ist
Wenn Sie wissen wollen, ob Ihr ECS noch gute in Form ist, schauen Sie sich die fünf Bereiche an, die das ECS am meisten beeinflusst (essen, schlafen, entspannen, vergessen und schützen).
Stellen Sie sich folgende Fragen:
• Ist mein Appetit ausgeglichen?
• Schlafe ich gut, wache ich ausgeruht und energetisiert auf?
• Habe ich genügend Kraft in den Muskeln für meine täglichen Aktivitäten? Entspannen sich die Muskeln am Abend gut?
• Erinnere ich mich an die Informationen, die ich benötige und kann ich all die täglichen unwichtigen Informationen vergessen?
• Funktioniert mein Immunsystem gut? Bekomme ich nur selten saisonale Infektionen?
Wenn Sie alle diese Fragen mit einem Ja beantwortet haben, dann funktioniert Ihr ECS höchstwahrscheinlich gut und schützt Ihre Biochemie. Wenn Sie einige Fragen mit Nein beantwortet haben, dann ist es an der Zeit, darüber nachzudenken, das ECS zu unterstützen. (Mehr dazu im Abschnitt über Prävention.)

3.
Was Sie schon immer über Hanf wissen wollten …
… sich aber nie zu fragen trauten. Die Pflanze Cannabis sativa L. hat nicht nur viele Namen, sondern noch mehr Funktionen: Ein Faktencheck.
So viele Namen und nur eine Pflanze
Coautor: Jason Wilson M.Sc. Biologe und Ökologe
Der lateinische Name von Hanf ist Cannabis sativa L., botanische Gattung Cannabis, Familie der Hanfgewächse (Cannabaceae), Ordnung Rosenartige (Rosales). Man geht davon aus, dass die Pflanze aus den feuchten Gebieten Asiens stammt, obwohl neuere Untersuchungen zeigen, dass sie auch aus osteuropäischen Gebieten nach Asien gekommen sein könnte. Die Menschen entdeckten Hanf sehr früh, kultivierten ihn und begannen, ihn für eine Vielzahl von Verwendungsmöglichkeiten zu züchten.
Aufgrund der historisch langen Kultivierung der Hanfpflanze haben sich viele Unterarten entwickelt, oft »Sorten« genannt, und sehr poetische Namen tragen wie Banana Kush, Blue Dream, Gooberry, Hell’s OG, Jack the Ripper oder ACDC.
Botanische Klassifizierung von Hanf
Der Begriff »medizinischer Hanf« wird unterschiedlich interpretiert – vor allem im Zusammenhang mit hohem THC- oder CBD-Gehalt.
Da Hanf im Lauf der Geschichte so oft gekreuzt wurde – entweder gezielt in Kulturen oder als natürlicher Hybrid – ist die taxonomische Klassifizierung sehr schwierig und bis heute Thema wissenschaftlicher Auseinandersetzungen. Die erste Klassifizierung beschreibt der Baseler Arzt Caspar Bauhin (1560–1624), in seinem Pinax Theatri Botanici (1623, Nachdruck 1671), aber Mitte des 18. Jahrhunderts gibt Carl von Linné (1707–1778) in seiner Species Plantarum, der Spezies Cannabis sativa L. ihren bis heute gültigen Namen. 1785 schlägt Lamarck zwei Spezies vor: Cannabis sativa, eine überwiegend im Westen vorkommende, und Cannabis indica, eine wilde Spezies, die in Indien und dessen Nachbarländern wächst.
Diese Einteilung wurde schnell abgelehnt und der englische Botaniker John Lindley (1799–1865) bestätigte erneut Linnés Theorie, wonach es nur eine einzige Spezies gibt. Erst 1924 wurde eine neue Sorte, Cannabis ruderalis, eingeführt. Schultes und Kollegen schlugen 1974 eine eigene Spezies Cannabis indica vor. Diese Forschung lieferte uns das beliebte Klassifikationsmodell von sativa, indica und ruderalis.
Eine neue Sichtweise auf dieses Thema wurde durch die Molekularbiologie ermöglicht. Es wurde bestätigt, dass es in der Vielzahl der heutigen »Sorten« und Hybriden unmöglich und wissenschaftlich unbegründet ist, den Unterschied zwischen sativa, indica und ruderalis nachzuweisen, und dass es tatsächlich nur eine einzige botanische Spezies gibt, nämlich Cannabis sativa L. Innerhalb dieser Spezies unterscheiden sich die Pflanzen durch Form, Wuchsgewohnheit und Wirkstoffmenge, und deshalb sprechen wir über »Chemovare« oder chemische Variationen, die aber untereinander gekreuzt werden können.
Die Bezeichnungen »Industriehanf«, »Faserhanf« oder »Medizinhanf« sorgen weiter für unnötige Verwirrung, da sie sich auf den Verwendungszweck der Pflanze konzentrieren und nicht auf botanische Unterschiede oder auf die Unterschiede von Verhältnis und Menge der Wirkstoffe. So wird der Begriff »medizinischer Hanf« (oder medizinisches Cannabis) in verschiedenen Ländern unterschiedlich interpretiert und bezieht sich hier auf den hohen THC-, dort auf den hohen CBD-Gehalt, woanders auf ein standardisiertes Produkt. Auch für den »Industriehanf« gibt es unterschiedliche Auslegungen, vor allem im Zusammenhang mit dem niedrigen, prozentuell sehr unterschiedlichen THC-Gehalt.

Erntereifer Cannabis mit späten Blüten
Auch der tschechische Chemiker und Cannabisforscher Lumír Ondřej Hanuš und der israelische Biologe David Meiri sind sich einig: Es gibt nur eine botanische Spezies Cannabis sativa L., die sich im Gehalt der Wirkstoffe (Chemovare) und nach dem Verwendungszweck unterscheiden lässt. Der Verwendungszweck der Pflanze könnte auch als ethnobotanische Funktion – also wie der Mensch sie nutzt – beschrieben werden.
Aufgrund der außergewöhnlichen Anwendungsmöglichkeiten von Hanf ist es an der Zeit, eine offene Diskussion über diese Pflanze und ihre Inhaltsstoffe zu beginnen und sich über die Begriffe zu einigen, die wir für sie verwenden. Schon in der einzigen Suchtgiftkonvention der Vereinten Nationen, dem Single Convention on Narcotic Drugs, aus dem Jahr 1961 wurde der Begriff »Cannabis« konsequent für blühende oder fruchtende Spitzen, »Cannabispflanze« jedoch für jede Pflanze der Gattung Cannabis verwendet. Viele Länder haben diese Begriffe falsch interpretiert und die Pflanze selbst, einschließlich der nicht berauschenden Sorten, in die Liste unter jenen Substanzen aufgenommen, die keinerlei therapeutischen Wert haben. Was weiter zur Stigmatisierung führte.
Aussehen und Kultivierung der Pflanze
Hanfpflanzen sind einjährige Pflanzen, das bedeutet, dass sie ihren Lebenszyklus in einem Jahr abschließen. Die Pflanzen können unter optimalen Anbaubedingungen bis zu vier Meter hoch und bis zu 1,5 Meter im Durchmesser werden – alles innerhalb einer Vegetationsperiode. Sie produzieren charakteristische palmenförmige Blätter, können aber in vielen Formen und Größen erscheinen, von hohen Pflanzen mit weit auseinander liegenden Zweigen, die an Bäume erinnern, bis hin zu dichten Pflanzen mit kurzen Zweigen, die wie Büsche aussehen.
Hanf ist eine zweihäusige Pflanze, es gibt also männliche und weibliche Pflanzen, die die Tendenz haben, ihre Fortpflanzungsorgane unter Stress stärker auszuprägen – was der Pflanze einen höheren Reproduktionserfolg gewährt.
Die Pflanze produziert an jedem Astknoten sowie an ihrer Spitze Blüten, was als axilläre bzw. apikale oder terminale Blüten bezeichnet wird. Männliche Hanfpflanzen sehen anders aus als weibliche und zeichnen sich durch weit auseinander liegende Äste und kleine Blüten aus, die kleine gelbliche Staubbeutel mit Pollen produzieren. Der Pollen wird vom Wind oder von Insekten zu weiblichen Hanfpflanzen gebracht.
Weibliche Hanfpflanzen produzieren dichte Blüten, die oft als »buds« bezeichnet werden. Sie sind unregelmäßig und ähneln den weiblichen Blüten der Hopfenpflanze. Jede weibliche Hanfblüte produziert ein Set von zwei vorstehenden »Haaren«, die helfen, Pollen zu sammeln und an den Eierstock zu liefern.

Historische Aquarellzeichnung aus »Köhler's Medizinal-Pflanzen in naturgetreuen Abbildungen mit kurz erläuterndem Texte«, 1887
Die primären Wirkstoffe des Hanfs befinden sich in Harzen, welche die Pflanze auf und um die weiblichen Blüten produziert.
Die Produktion von Hanfblüten wird weitgehend durch Lichteinwirkung ausgelöst. Wenn sie 16 Stunden oder mehr Licht ausgesetzt ist, neigt die Pflanze dazu, in einem vegetativen Zustand zu bleiben, mehr Blätter zu produzieren und ihre Zweige zu erweitern. Wenn sie weniger Licht ausgesetzt sind, wie im Herbst, beginnen die Pflanzen Blüten zu bilden und bereiten sich auf die Produktion von Samen vor, bevor sie im Winter absterben. Im Hanfanbau werden diese Eigenschaften derart genutzt, dass Hanf in Glashäusern gezogen wird, wo die Lichtmenge kontrolliert werden kann. Auf diese Weise können Pflanzen länger im vegetativen Zyklus gehalten werden, bevor sie zu blühen beginnen. Im Übrigen werden professionell nur weibliche Pflanzen angebaut, sodass sie viel mehr Harz produzieren, um Pollen zu fangen, der aber im Glashaus ausbleibt.
Wenn der Pollen der männlichen Pflanze die weibliche Blüte erreicht, wird er von den Haaren und dem klebrigen Harz gefangen. Nach dem Erhalt von Pollen reift die weibliche Hanfblüte und beginnt mit der Entwicklung von Samen. Sobald ein Eierstock bestäubt und befruchtet ist, entstehen Samen. Im Inneren des Hanfsamens werden eine Reihe von Keimblättern und Nährstoffen gespeichert, das Endosperm. Obwohl sich Hanfpflanzen in der Natur mit Samen vermehren, werden heutzutage meistens Stecklinge gepflanzt. Typischerweise schneidet ein Anbauer einen Teil eines Zweiges von einer Mutterpflanze ab, aus dem eine völlig neue, genetisch fast identische Pflanze entsteht.
Die aktiven Inhaltsstoffe
Die primären Wirkstoffe des Hanfs befinden sich typischerweise in Harzen, welche die Pflanze auf und um die weiblichen Blüten produziert. Viele Forscher haben sich gefragt, welchen evolutionären Vorteil dieses Harz für die Pflanze haben mag, und dazu gibt es viele verschiedene Theorien. Diese Harze können den entwickelten Samen vor UV-Bestrahlung schützen, welche die DNA schädigt. Sie können der Pflanze auch helfen, Feuchtigkeit zu speichern und Schädlinge abzuwehren. Eine andere Theorie geht davon aus, dass die Harze helfen, Pollen einzufangen, ebenso wie Insekten, an denen Pollen haften bleiben könnten. Es ist wahrscheinlich, dass Harze eine komplexe Kombination von Überlebensfunktionen für die Pflanze bieten. Harze werden von kleinen Strukturen auf der Pflanze, den Trichomen, produziert. Das Wort stammt aus dem griechischen »trikoma« für Haare. Tatsächlich ähneln Trichome oft kleinen Haaren. Hanf-Trichome können in verschiedenen Formen auftreten.
Die Hauptbestandteile des Harzes sind chemische Substanzen, die Cannabinoide. Die dominantesten sind THCA, CBDA und CBGA, wobei bisher 144 Cannabinoide identifiziert werden konnten. Das »A« bezieht sich auf die Tatsache, dass diese Stoffe zunächst als Cannabinoid-Säuren in der Pflanze produziert werden. Beim Erwärmen werden diese Säuren decarboxyliert, und so entstehen die häufigeren Formen THC, CBD und CBG.
Neben Cannabinoiden machen Terpene einen bedeutenden Anteil der Hanfharze aus.
Das bekannteste Cannabinoid ist das primäre THC, das bei einigen Sorten der Pflanze für Euphorie oder Intoxikation sorgt. THC war eines der ersten Cannabinoide, das jemals untersucht wurde, weil die Forscher verstehen wollten, wie die Hanfpflanze ihre psychedelische Wirkung hervorruft. Man konnte nachweisen, dass THC, wie auch viele andere Cannabinoide, ein erhebliches Potenzial als Therapeutika in der Medizin hat. Es ist zu beachten, dass die saure Form von THC, das THCA, keinen bewusstseinsverändernden Effekt hat. Erst durch Alterung, Trocknung, Erwärmung oder Rauchen wird THCA zu THC und wirkt berauschend.
Heutzutage gewinnt CBD beträchtliche Aufmerksamkeit, da festgestellt wurde, dass es ein erhebliches therapeutisches Potenzial besitzt und gleichzeitig nicht die berauschenden Effekte von THC liefert. Dasselbe gilt für CBG. Im Allgemeinen sind Hanfpflanzen entweder THC-dominant, CBD-dominant oder in einem bestimmten Verhältnis dazwischen. Es gibt jedoch einige Hanfsorten, die aufgrund einer genetischen Mutation wenig bis gar kein THC oder CBD produzieren, stattdessen aber reichlich CBG.
Neben Cannabinoiden machen Terpenoide (oder Terpene) einen bedeutenden Anteil der Hanfharze aus. Es wurden über 200 Terpene im Hanf identifiziert, die für einen Großteil der Aromen verantwortlich sind und je nach Hanfsorte sehr unterschiedlich sein können. Terpene sind Hauptbestandteile vieler ätherischer Öle von Pflanzen und werden seit Jahrtausenden als Arzneimittel, Lebensmittel und Industrieprodukt verwendet. So nutzt die Aromatherapie fast ausschließlich Terpene, doch gibt es einige, die als Pestizide wirksam sind. Auch besteht der Gummi, aus dem Autoreifen hergestellt werden, teils aus Terpenen. In der Medizin macht man sich gern die Eigenschaft der Terpene zunutze, um an lokalen Stellen am Körper die Haut durchlässiger zu machen. Damit wird die Wirksamkeit von Medikamenten erhöht. Zusätzlich können Terpene auch starke antioxidative Wirkung haben.
Der Entourage-Effekt
Insgesamt wurden bisher 1064 chemische Substanzen in Hanf identifiziert, von denen über 300 Cannabinoide und Terpenoide sind. Neben Cannabinoiden und Terpenoiden enthält Hanf eine Vielzahl anderer Substanzen wie Flavonoide, Aminosäuren, Proteine, Vitamine, Minerale und mehr. Die Forschung hat inzwischen gezeigt, dass viele dieser Substanzen einzigartige Effekte auf den menschlichen Körper haben. Am interessantesten dabei ist, dass sich deren Wirkung ändert, je nachdem, mit welchen anderen Substanzen sie gemischt werden, was oft als »Entourage-Effekt« bezeichnet wird. Der Begriff bezieht sich auf die Tatsache, dass eine Mischung von Substanzen eine Wirkung besitzt, die mehr ist als die Summe aller Komponentenwirkungen.
Forscher haben diesen Entourage-Effekt gut erforscht und immer wieder festgestellt, dass er unerwartete positive Wirkungen haben kann, insbesondere im klinischen Zusammenhang. So haben sie herausgefunden, dass Patienten eher positiv auf Pflanzenprodukte mit THC und CBD gemeinsam reagieren, als wenn sie nur die beiden Wirkstoffe getrennt verabreicht bekommen. Klinische Untersuchungen haben ergeben, dass Ganzpflanzenextrakte, die eine Vielzahl von Cannabinoiden und Terpenen enthalten, zu einer höheren Wirksamkeit bei niedrigeren Dosen mit weniger Nebenwirkungen führen als isolierte Cannabinoide.

Die molekularen Strukturen der wichtigsten Inhaltsstoffe des Hanfs
Der Saubermann für den Boden
Wir wissen, dass Hanf ein sehr breites Anwendungsspektrum hat. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass die Pflanze – wie manch andere Pflanzen auch – Schadstoffe aus dem Boden entziehen und ihn über die sogenannte Bioremediation reinigen kann. Da unsere Umwelt immer mehr belastet wird, gewinnt dieser nachhaltige natürliche Weg zur Reinigung unserer Böden immer mehr an Bedeutung. Hanf kann eine Vielzahl von Schwermetallen aufnehmen und akkumulieren, darunter Nickel, Blei, Cadmium, Zink, Kupfer und Chrom. Dabei werden die Schadstoffe von der ganzen Pflanze aufgenommen, einschließlich der Wurzeln, Samen, Blätter, Stängel und Blüten. So nimmt Hanf etwa 120 Gramm Cadmium pro Hektar über einen Zeitraum von drei bis vier Monaten auf. Diese Menge kann noch weiter erhöht werden, wenn dem Boden Entgiftungsmittel zugesetzt werden, was Hanf zu einem erstaunlichen Schwermetallentferner macht. Dieses System hat sich auch auf Deponien, bei der Behandlung von schadstoffbelastetem Sickerwasser sowie bei mit Pestiziden und anderen anorganischen Schadstoffen kontaminierten Böden bewährt.
Da Hanf Schadstoffe, Metalle, Pestizide und andere Chemikalien tolerieren kann, spielt auch das Anbaubebiet des Hanfes eine nicht zu unterschätzende Rolle. Detaillierte chemische und mikrobiologische Analysen sind notwendig, um den Gehalt von Schadstoffen und anderen Verunreinigungen in den Anbauregionen auszuschließen, insbesondere wenn die Pflanzen für medizinische Zwecke eingesetzt werden sollen. Der Vorteil der Wirkung von Cannabinoiden kann zunichte sein, wenn Letztere von Schwermetallen, Pestiziden, Schimmelpilzen und anderen Giftstoffen begleitet werden.
Qualitätskontrolle
Die Qualitätskontrolle von Hanfprodukten beginnt bereits bei der Pflanzung. Die Hanfbauern müssen sicherstellen, dass die Pflanzen zum Zeitpunkt der Ernte frei von Schadstoffen sind. Das bedeutet, dass die Anbaustätte frei von Verunreinigungen wie Pestiziden oder Schwermetallen sein muss, und der Landwirt muss sehr umsichtig mit Dünge- und Pflanzenschutzmitteln umgehen. Viele Pestizide sind öllöslich und vermischen sich mit den Harzen der Pflanze, einige können sich im Lauf der Zeit in Pflanzen konzentrieren, während andere sehr schnell abgebaut werden. Klar, dass es besonderer Kenntnis über Anbau, Zucht und Ernte von Hanf bedarf.
Da Hanf Schadstoffe, Metalle, Pestizide und andere Chemikalien aufnehmen kann, ist auf die Herkunft Ihres Hanf-Produkts besonders zu achten.
Nach der Ernte wird die mikrobiologische Kontamination zu einem Problem. Die Pflanze muss sorgfältig behandelt werden, sodass sie nicht potenziell gefährlichen Bakterien oder Schimmelpilzen wie Kolibakterien (E.col.bac.), Salmonellen oder Aspergillus ausgesetzt ist. Das bedeutet, dass die Erntehelfer höchste hygienische Vorschriften einhalten und zumindest Handschuhe tragen müssen, um eine Kontamination des Pflanzenmaterials zu vermeiden.
Der Wassergehalt in Hanf ist eine weitere Sache, die das Wachstum von mikrobiologischen Kontaminanten beeinflussen kann. Pflanzen müssen gut getrocknet werden, damit sehr wenig Wasser zur Verfügung steht für Bakterien oder Schimmelpilze. Wenn Schimmelpilze Probleme darstellen, muss die Pflanze auch auf Mykotoxine getestet werden, die chemischen Nebenprodukte bestimmter Schimmelpilze.
Wenn der Hanf weiterverarbeitet wird, sind zusätzliche Tests erforderlich. Wenn die Harze aus der Hanfpflanze extrahiert und veredelt werden, kann es zu Konzentrationen bestimmter Verunreinigungen wie Pestiziden kommen. Manchmal kann es geringe Mengen an Pestiziden im ursprünglichen Pflanzenmaterial geben, die sonst nicht nachweisbar und vielleicht harmlos gewesen wären, aber wenn man einen Extrakt herstellt, können sie nachweisbar und schädlich für den Menschen werden.
Manchmal werden gefährliche Lösungsmittel verwendet wie Hexan, Aceton oder Pentan, daher ist es wichtig, Hanfextrakte auch auf Restlösungsmittel zu testen.
Hersteller von Hanf-Lebensmitteln oder topikalen, für die Haut bestimmten Produkten sollten nach den aktuellen GMP (Good Manufacturing Practices) arbeiten. Diese beinhalten viele Maßnahmen wie die Überwachung der Sauberkeit der Produktionsumgebung, die Validierung von Geräten und Utensilien und vieles mehr. Nach der Herstellung sollten fertige Hanfprodukte mindestens auf den THC- und CBD-Gehalt und mikrobiologische Kontamination getestet werden.
Schließlich sollten die Produkte auch sogenannten Potenztests unterzogen werden. Egal, ob bei Hanfblüten, Extrakten, Nahrung oder Creme: Nur so ist eine konkrete Dosierung möglich und durchführbar.
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