Kitabı oxu: «Höllenfrost - Ein Fall für Julia Wagner: Band 3»
Tanja Noy
Höllenfrost - Ein Fall für Julia Wagner: Band 3
Für Katja.
Immer.
Saga
Höllenfrost - Ein Fall für Julia Wagner: Band 3Coverbild/Illustration: Sutterstock Copyright © 2015, 2020 Tanja Noy und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726643084
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
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– a part of Egmont www.egmont.com
TEIL 1
Zwei Jahre zuvor.
Oktober 2008
Sonntagmorgen, kurz nach 7:00 Uhr
Zander war als Erster am Tatort, der sich in einem Park befand, hinter einer Brücke mit einem Steinbogen und einem schmiedeeisernen Geländer. Die Kollegen hatten bereits sämtliche Eingänge abgeriegelt. Ein halbes Dutzend uniformierter Polizisten stand Schulter an Schulter innerhalb des abgesperrten Bereiches, um den Tatort so gut wie möglich vor neugierigen Blicken zu schützen.
Als Julia endlich bei ihm ankam, warf Zander einen ungeduldigen Blick auf seine Armbanduhr. „Das wird aber auch Zeit.“
„Das ist eigentlich mein freies Wochenende.“ Sie deutete mit dem Daumen hinter sich auf eine Horde Schaulustiger, die sich alle Mühe gab, etwas von dem mitzubekommen, was sich hier abspielte. „Haben die alle kein Bett, in dem sie liegen können?“
„Das sind noch die Harmlosen. Für die wirklich Irren ist es noch zu früh.“ Zander schüttelte den Kopf. „Dabei wollen die das garantiert nicht sehen.“
„Will ich es sehen?“
„Nein, aber du musst. Komm mit.“
Sie gingen in Richtung Bach und überquerten die Brücke.
„Noch hast du Zeit für drei Ave-Marias“, bemerkte Zander. „Als gutes katholisches Mädchen hilft es dir vielleicht.“
Julia warf ihm einen kurzen Blick zu. „Das denke ich nicht.“
Auf der anderen Seite des Baches gingen sie noch ein paar Meter, dann erstarrte Julia in der Bewegung.
Als hätte jemand auf einen Pausenknopf gedrückt.
Einen Moment hörte sie nur ihr Herz schlagen und das Blut in ihren Ohren rauschen. Sie schloss die Augen und zählte bis fünf, doch als sie sie wieder öffnete, war das Bild immer noch da.
Die Leiche war völlig verkohlt, und es stank erbärmlich. Das, was einmal ein Mensch gewesen war, saß aufrecht, mit dem Rücken an die Eisenstange eines Schildes gelehnt, welches darauf hinwies, dass Hunde diesen Teil des Rasens nicht betreten durften. Es hatte kaum mehr Menschliches an sich. Haare und Gesichtszüge waren weggebrannt, lediglich ein Rachen aus einem unvollständigen Gebiss war übrig. Jegliche Kleidung war zu Asche geworden. Die verkohlten Arme waren auf merkwürdige Art und Weise links und rechts zur Seite gestreckt, was es im ersten Moment wie eine besonders perverse Kreuzigung wirken ließ. Oder wie ein abstraktes Kunstwerk, das den Wahnsinn seines Schöpfers in die Welt schrie.
Jemand berührte Julia, sie wandte sich jäh um.
„Alles in Ordnung?“, fragte Zander.
Sie nickte.
„Ich rede mal mit den Kollegen. Du willst bestimmt ein bisschen eintauchen, oder?“
Noch einmal nickte Julia und sah ihm nach, wie er auf einen uniformierten Kollegen zuging und mit ihm sprach. Dann wandte sie sich wieder der Leiche zu, atmete tief durch und bereute es sofort. Sie blinzelte. Ein weiteres Leben war vorbei, ausgelöscht. Sie blinzelte noch einmal, schob das vertraute Aufwallen von Mitleid und Trauer an den Rand ihres Bewusstseins, zu all den anderen Gefühlen.
So stand sie einen Moment vollkommen still und betrachtete den Wahnsinn vor ihren Augen. Bei jeder neuen Leiche durchfuhr Julia derselbe Gedanke: Warum tun Menschen so etwas einander an?
Sie riss sich zusammen, konzentrierte sich auf den Tatort, und stellte fest, dass die Füße der Leiche von den Knöcheln abwärts erstaunlicherweise unversehrt waren, beide steckten noch in roten, hochhackigen Pumps. Den Rest der Beine hatte das Feuer zu dunklem Bernstein verfärbt, danach waren sie schwarz und von der Hitze rissig geworden.
Sie machte einen kleinen Bogen um die Leiche, suchte eine andere Perspektive. Wieder am Ursprungsort angekommen, ging sie in die Hocke und kniff die Augen zusammen.
„Und?“, sagte Zander, als er ein paar Minuten später wieder bei ihr ankam. „Was denkst du?“
„Sieht aus wie eine Bühne“, antwortete sie.
„Das dachte ich auch. Das hat was Rituelles.“
„Hoffentlich nicht. Derart motivierte Mörder neigen dazu, es nicht bei einem Opfer zu belassen.“ Julia deutete auf die roten Pumps. „Wie hat er es geschafft, dass die Füße unversehrt geblieben sind?“
„Keine Ahnung.“ Zander zog ein Taschentuch aus der Innentasche seines Jacketts und fuhr sich damit über die Stirn. „Ich kann mir keinen Fall vorstellen, in dem ein Körper so verbrennen kann, ohne dass ein Brandbeschleuniger benutzt wurde. Ich tippe auf Benzin.“
„Hmm. Und warum hat er sie an die Stange gelehnt, ehe er sie anzündete?“
„Er hat sie in Position gebracht.“
„Aber warum?“
„Das werden wir den Mistkerl fragen müssen, wenn wir ihn haben.“
Julia richtete sich auf und rieb sich über die Nase. Der Gestank setzte ihr immer mehr zu. „Wer hat die Leiche gefunden?“
„Eine Joggerin.“
„Hast du mit ihr gesprochen? Hat sie etwas gesehen?“
„Ich konnte nicht mit ihr sprechen. Ich habe es versucht, aber sie steht unter Schock. Ich habe veranlasst, dass man sie in ein Krankenhaus bringt.“
„Wann hat sie die Polizei alarmiert?“
„Um kurz nach sechs Uhr ging der Notruf ein. Als die Kollegen eintrafen, glühte noch die Asche.“
„Das heißt, die Tat war einige Zeit zuvor geschehen.“
Zander nickte, und Julia drehte sich einmal um die eigene Achse, ließ den Blick über das weitläufige Gelände schweifen. „Verbrennt sie genau hier, wo er sicher weiß, dass sie schnell gefunden wird. In einem öffentlichen Park. Ganz schön arrogant.“
„Vielleicht eine Art Stellungnahme. So etwas wie: Seht her, was ich getan habe!“
„Könnte sein. Was haben wir sonst? Wissen wir, wer das Opfer ist?“
„Nein. Aber wir können wohl annehmen, dass es sich um eine Frau handelt. Die roten Pumps und die schmalen Füße sprechen zumindest dafür.“
In diesem Moment meldete ein Kollege, eine Handtasche gefunden zu haben. Sie war klein und zylindrisch, goldfarben, mit gläsernen Steinen besetzt. Zander nahm sie entgegen, öffnete sie und fand darin einen hellroten Lippenstift, eine Puderdose, zwei Fünfzigeuroscheine und zwei Kondome. Keine Spur von Führerschein oder Ausweis. Ebenso wenig war ein Handy zu finden. „Hier ist noch was“, sagte er und hielt eine kleine Goldmünze in die Höhe. „Die sieht ziemlich alt aus. Sieh mal, wie abgenutzt sie ist. Könnte ein Talisman sein. Etwas, das Glück bringen sollte.“
„So viel zum Thema Glücksbringer.“ Julia wandte sich ab. Der Gestank war jetzt kaum noch auszuhalten. Ihr war schlecht.
Der Kollege, der die Tasche gefunden hatte, bemerkte in ihre Richtung: „Na, nimm dir das mal nicht so zu Herzen. Shit happens.“
Julia hielt in der Bewegung inne und drehte sich zu ihm um. „Was hast du gerade gesagt?“ Sie blickte ihm direkt in die Augen. „‚Shit happens?‘ Hast du das gerade gesagt?“
Der Name des Kollegen war Klaus Bartosch. Er öffnete den Mund, um etwas zu antworten, doch sie schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab. „Glaubst du, als die arme Frau mit Benzin übergossen und angezündet wurde, dachte sie sich: ‚Na ja, was soll’s? Shit happens!‘?“
Betreten sah Bartosch sich um. Die Blicke der umstehenden Kollegen waren auf ihn gerichtet.
„Hier läuft irgendwo ein Mensch herum, dem es nicht das Geringste ausmacht, einen anderen Menschen mit Benzin zu übergießen und anzuzünden. Begreifst du, was das bedeutet? Nein, tust du nicht, sonst würdest du nicht solch einen unfassbaren Schwachsinn reden.“
„Ich …“
„Ach, halt die Klappe.“ Sie wandte sich ab und ließ ihn einfach stehen.
„Was, zum Teufel, ist dein Problem?“, rief Bartosch hinter ihr her.
„Du“, gab sie zurück, ohne sich noch einmal umzudrehen. „Typen wie du sind mein Problem. Du nimmst dieser Frau die Würde, genau wie ihr Mörder.“
Kurz darauf war sie verschwunden.
„Die hat’s dir aber gegeben“, sagte jemand.
„Arrogante … Kuh!“, zischte Bartosch. „Die geht mir so was von auf die Nüsse!“
„Und vielleicht liegt genau darin dein Problem“, bemerkte Zander. „Dass sie deine Nüsse mit Sicherheit nicht interessieren. Wie wäre es jetzt wieder mit Arbeiten?“
Bartosch warf ihm einen langen, undefinierbaren Blick zu, wandte sich ab und ging davon.
1. KAPITEL
Honesta turpitudo est pro causa bona
Donnerstag, 16. Dezember 2010
20:20 Uhr
Obwohl es draußen dunkel war, schaltete Julia das Licht im Hotelzimmer nicht ein. Langsam bewegte sie sich in Richtung Fenster, blieb dort einen Moment stehen, sah hinaus, schob eine Hand in die Hosentasche und ergriff ein zerdrücktes Zigarettenpäckchen. Es war leer. Sie knüllte es zusammen und warf es auf den Tisch neben sich.
Dann wandte sie sich um, ging ins Badezimmer, und erst jetzt schaltete sie das Licht ein.
Sie zog sich aus und stellte sich unter die Dusche.
Als sie zehn Minuten später wieder aus der Duschkabine stieg, verschleierte Dunst den Badezimmerspiegel. Nur vage erkannte sie die Umrisse ihres nackten Körpers, ihres Gesichtes, der halblangen dunklen Haare, des langen Ponys, der ihr über das linke Auge fiel … es glich alles einem Schatten. Aber durch die Mitte der Scheibe zog sich ein klarer Streifen, so als hätte jemand mit der Hand darübergewischt. Die Tätowierungen, das Gitarrenriff von Judas Priest auf ihrem rechten Unterarm; auf der Innenseite des rechten Oberarms die geschwungenen, lateinischen Buchstaben: Lebe das Leben wahr; der Drache, der ihren gesamten Rücken einnahm, vom Genick bis zum Steißbein. Das alles gab es schon lange, die Narben auf der linken Seite ihres Oberkörpers hingegen nicht. Eine befand sich knapp unterhalb des Herzens, die andere etwas tiefer. Sie waren gut verheilt und trotzdem nicht zu übersehen, weil sie etwas erhoben waren. Es war Julia nicht möglich, die beiden Narben zu vergessen, weil sie fast immer schmerzten. Ein Phantomschmerz, natürlich. Narben schmerzten nicht, erst recht nicht nach acht Monaten. Trotzdem glaubte sie es zu fühlen, Tag für Tag.
Reglos stand sie weiter vor dem Spiegel, betrachtete ihr Ebenbild und versuchte gleichzeitig, sich darin zu finden. Ihr altes Ich. Vielleicht flammte da in ihren braunen Augen etwas auf, aber wenn, dann war es sofort wieder verschwunden. Sie hatte das Gefühl, ein ganz anderer Mensch zu sein, eine fremde Frau. Und genau genommen war es ja auch so. Immer neue Namen, immer neue Hotels, immer eine andere Person. Und doch stand sie hier.
Schließlich drehte Julia dem Spiegel den Rücken zu und trocknete sich ab.
Noch einmal – ein letztes Mal – versuchte sie, nachzuspüren, ob sie irgendeine Form von Zweifel oder Unschlüssigkeit in sich spürte. Doch sosehr sie auch ihre Seele durchforstete, überall stieß sie auf den festen, unerschütterlichen Entschluss, und sie befand, dass es jetzt wirklich an der Zeit war. Sie hatte lange genug darüber nachgedacht.
Es geht nicht anders, dachte sie.
Sie zog sich frische Sachen an, verließ das Badezimmer, ging zu ihrem Rucksack und holte ein neues Päckchen Zigaretten heraus. Sie entfernte die Folie und zündete sich eine an. Dann setzte sie sich aufs Bett, rauchte langsam und in tiefen Zügen. Sie beobachtete den Rauch, wie er sich in Richtung Decke bewegte, um sich dort in durchsichtigen Dunst zu verwandeln.
Als sie zu Ende geraucht hatte, griff sie nach ihrem Handy und wählte die Nummer.
22:44 Uhr
Vor dem Café wehte ein kalter, rauer Wind über jede Menge Gerümpel hinweg, das auf der Straße lag, über eine Mülltonne, die beinahe überlief, und über schwarze Säcke voller Abfall. Nur wenige Menschen gingen an Julia vorbei, die Köpfe gesenkt. Sie selbst hatte sich die Kapuze ihres Sweatshirts über den Kopf gezogen und den Kragen ihrer Jacke nach oben gestellt. Als sie die Tür öffnete, ließ sie eine heftige Windböe leicht wanken.
Im Inneren des Cafés waren die Wände mit Kiefernpaneelen vertäfelt, sodass man den Eindruck hatte, sich in einer großen Holzkiste zu befinden. Die Einrichtung war heruntergekommen, mit wackligem Mobiliar und unglaublich staubigen Plastikblumen auf den Tischen. Mit nur vier Gästen war hier nichts los, was man nach einem kurzen Rundumblick auch sehr gut verstehen konnte.
An einem der Tische saß eine mittelgroße Frau mit einem grauen Pferdeschwanz. Sie blinzelte kurz, als Julia eintrat, und hob eine Hand. „Hier.“
„Danke, dass Sie sich mit mir treffen“, sagte Julia und setzte sich ihr gegenüber.
„Ich hatte gehofft, dass Sie sich noch einmal bei mir melden würden“, gab Paula von Jäckle zurück. „Ich hatte große Angst um Sie – und habe es noch. Deshalb hatte ich mich im letzten Sommer mit ihrem alten Kollegen Zander in Verbindung gesetzt.“
„Ich weiß. Er hat mir davon erzählt.“
„Haben Sie ihm geglaubt?“
„Ich wollte es nicht, wollte es lange nicht wahrhaben.“ Julia machte eine kleine Handbewegung. „Was soll ich sagen? Sie sind ein Medium und …“
„Immerhin nennen Sie mich jetzt nicht mehr Wahrsagerin.“ Paula lächelte dünn.
„Sie wissen, was ich davon halte.“
„Allerdings. Das weiß ich.“
„Andererseits hatten Sie bisher mit allem recht, was Sie sagten.“ Julia atmete tief durch. „Ich weiß inzwischen, dass mein Vater ermordet wurde und dass seine Mörder nun, über zwanzig Jahre später, hinter mir her sind. Aber egal, was ich auch tue, ich laufe gegen eine unsichtbare Mauer. Egal, wo ich grabe, ich stoße auf Beton. Also bitte, ich höre Ihnen zu. Erzählen Sie alles, was Sie mir sagen können.“
Paula nickte. „Ich kann Ihnen sagen, dass Sie es mit einer Organisation zu tun haben.“ Sie brach ab und korrigierte sich schnell: „Nein, das ist nicht das richtige Wort dafür. Nennen wir sie … eine Wesenheit.“
Julia blinzelte. „Eine was?“
„Man könnte sie auch eine Geheimgesellschaft nennen. Eine Verbindung. Sie verkörpern nicht nur das Böse, sie sind es. Ich weiß nicht, woher sie kommen, aber ich weiß, dass es sie gibt. Und dass es mächtige Leute sind. Brutale Leute. Sie verfügen über gewaltige Macht, und sie töten ohne Skrupel.“
„Reden wir hier von einer Art Mafia?“
„Nein. Das, worüber wir hier reden, ist etwas ganz anderes. Diese Menschen haben Geld und Macht, ja, aber das ist für sie nur Mittel zum Zweck, um ein anderes, ein größeres Ziel verfolgen zu können.“
„Welches?“
Paula legte die Hände wie zum Gebet vor den Mund. „Ich hatte Ihnen im April, in Wittenrode, bereits gesagt, dass es zwei Mächte auf dieser Erde gibt, die einen ewigen Kampf gegeneinander führen: Gut und Böse.“
„Ich erinnere mich.“
„Betrachten wir es als eine langwierige Partie Schach“, sprach Paula weiter. „Das Schachbrett ist die Welt. Das Ziel ist der endgültige Sieg über die andere Seite.“
„Und weiter?“, sagte Julia. „Was habe ich damit zu tun?“
„Jeder von uns entscheidet sich irgendwann für eine der beiden Seiten. Für das Gute oder für das Böse.“
„Ja, das habe ich schon verstanden, aber …“
„Wie ich gerade sagte, diese Menschen sind das Böse. Sie aufzuhalten ist schwieriger, als mit bloßen Händen ein U-Boot zu bremsen.“ Paula ließ Julias Blick nicht los. „Sie, Frau Wagner, sind die Einzige, die sie aufhalten kann. Sie sind das Gegengift.“
Julia saß einen Moment vollkommen still, dann lachte sie auf, sie konnte nicht anders. „Ja, klar. Wer sonst, wenn nicht ich?“
Paula sah sich im Café um, als hätte sie Angst, jemand könnte ihnen zuhören. „Ich ahnte es von Anfang an und habe es Ihnen damals in Wittenrode auch gesagt“, wandte sie sich dann wieder an Julia. „Ich habe bereits in der ersten Sekunde Schatten um Sie herum gesehen. Schatten der Finsternis. Sie umhüllen Sie wie ein Mantel. Das ist der Grund, warum Sie hier sind. Und das ist der Grund, warum diese Menschen Sie ausschalten wollen.“
Julia öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Setzte dann noch einmal an: „Sie wollen mir ernsthaft erzählen, ich sei dazu auserwählt, gegen das Böse anzutreten?“
„Ja.“
„Sie verstehen, dass ich spätestens jetzt wieder aufstehen und gehen würde, wenn Sie nicht meine letzte Hoffnung wären.“
„Ja, das verstehe ich. Trotzdem ist und bleibt es die Wahrheit.“
Hilflos hob Julia die Hände in die Höhe. „Warum ausgerechnet ich? Warum nicht jemand anders?“
„Ich denke, Sie kennen die Antwort darauf“, sagte Paula.
„Nein. Ich kenne die Antwort darauf nicht.“
„Dann müssen Sie sie bekommen. Aber nicht hier.“
„Wo dann?“
„Sie müssen noch einmal zurück nach Wittenrode. In die alte Kapelle.“
„Auf gar keinen Fall. Das können Sie vergessen.“
„Sie haben keine Wahl, Frau Wagner.“ Paulas Blick war ernst. „Ich will Ihnen nicht mehr Angst machen als nötig, aber ich glaube, nicht nur Sie sind in Gefahr. Es geht auch um Ihre Freundin.“
„Eva?“
„Ich glaube, dass sie sich in großer Gefahr befindet.“
Sofort war Julia auf den Beinen. „Wenn Sie Eva etwas antun wollen, dann werde ich das verhindern.“
„Aber dafür brauchen Sie die richtigen Waffen“, sagte Paula schnell. „Und die richtigen Waffen sind in diesem Fall Antworten. Wenn Sie jetzt überstürzt handeln, werden Sie einen Fehler machen, und das werden Sie nicht überleben. Also bitte, setzen Sie sich wieder hin.“
Eine Weile sahen sie sich in die Augen, dann ließ Julia sich langsam auf den Stuhl zurücksinken.
„Sie müssen sich Ihrer besonderen Kräfte und Fähigkeiten bewusst werden“, erklärte Paula.
„Was reden Sie denn da? Ich besitze keine besonderen Kräfte oder Fähigkeiten. Und ich bin auch nicht hier, um die ganze verdammte Welt zu retten. Ich bin einfach nur … ich.“
„Sie besitzen mehr, als Sie ahnen.“
Ungeduldig schüttelte Julia den Kopf.
„Sie haben während Ihrer Zeit bei der Polizei viele tote Menschen gesehen, nicht wahr?“
„Das blieb bei der Mordkommission leider nicht aus.“
„Nein. Natürlich nicht. Aber da ist noch mehr. Sie können sie spüren. Die Toten. Sie können ihre pulsierende Präsenz spüren.“
Julia hob überrascht den Blick. „Woher wissen Sie das?“
„Sie waren vor allem deshalb so gut in Ihrem Beruf, weil Sie über genau diese Fähigkeit verfügen“, sprach Paula weiter, ohne auf die Frage einzugehen. „Sie haben nie mit jemandem darüber gesprochen, aber so war es. Warum lehnen Sie es so sehr ab, darüber zu reden?“
„Weil es nichts ändern würde. Und weil es mit dieser Sache hier auch überhaupt nichts zu tun hat. Ich komme klar, auch ohne über den ganzen Kram zu reden.“
„Sie sind bisher nur schwer damit klargekommen.“
Einen Moment sahen sie sich in die Augen.
„Beschreiben Sie es“, forderte Paula dann.
„Es …“ Julia suchte nach den richtigen Worten. „Es ist wie … eine kalte Schwärze, die angefüllt ist mit Wimmern, herumhuschenden Schatten und dumpfem Stöhnen. Es geistert in meinem Kopf umher und lässt mich Dinge empfinden, Gefühle, die ich kaum beherrschen kann.“
„Wie äußert es sich?“
„Meistens in Albträumen. Aber manchmal sehe ich sie auch direkt vor meinen Augen. Tote Menschen.“ Julia hob die Hände in die Höhe. „Ich hab versucht, es zu ignorieren, aber es kam immer wieder. Irgendwann so präsent, dass ich dachte, ich drehe durch. Ich dachte, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis ich endgültig überschnappe. Dann dachte ich wieder, ich kriege es in den Griff, aber …“ Sie schnippte mit den Fingern. „Nein.“
„Haben Sie das alles erst gespürt und gesehen, nachdem Sie bei der Polizei angefangen hatten?“, wollte Paula wissen.
„Nein. Ich habe schon als Kind im Waisenhaus Dinge gesehen … Menschen … die niemand außer mir sehen konnte.“ Julia hob den Blick und sah Paula in die Augen. „Sie redeten mit mir. Ich habe sie nicht verstanden, aber ich hatte das sichere Gefühl, dass sie mir etwas mitteilen wollten. Ich habe versucht, zuzuhören, aber ich habe sie nicht verstanden.“
Paula nickte langsam. „Vielleicht weil es damals noch nicht an der Zeit war.“
Julia atmete tief durch und schwieg.
„Sie haben die Macht, in den Herzen der Toten zu lesen“, fügte Paula hinzu. „Sie können Dinge sehen und spüren, die andere nicht zu sehen und spüren vermögen. Das ist eine seltene Gabe, und sie wird Ihnen helfen, diesen Fall zu lösen. Sie werden die Mörder Ihres Vaters finden. Sie werden herausfinden, wer nun hinter Ihnen her ist. Und Sie werden diese Leute ausschalten. Aber nur, wenn Sie es zulassen, sich eingestehen, dass Sie anders sind. Dass Sie diese Fähigkeit haben. Und wenn Sie jetzt handeln.“
„Sie können versuchen, was Sie wollen, ich werde nicht noch einmal in diese Kapelle gehen. Auf gar keinen Fall.“ Julia beugte sich nach vorne. „Wie stellen Sie sich das überhaupt vor? Was soll dort passieren?“
„Wir nutzen Ihre und meine Gabe, um die Antworten zu bekommen, die Sie brauchen.“
Als Julia einmal mehr ungeduldig den Kopf schüttelte, seufzte Paula leise auf. „Ziehen wir noch einmal das Schachspiel heran. Es sind schon viele Menschen gestorben, was in den Augen ihrer Gegner aber nur dem Verlust von Bauern gleichkommt. Wenn Sie selbst nun zurück in die alte Kapelle gehen, dann machen Sie einen Zug mit dem Springer.“
Als Julia nicht darauf antwortete, fügte Paula hinzu: „Aber was noch viel wichtiger ist: Mit den Antworten, die Sie dort erhalten, können Sie nicht nur sich selbst, sondern auch Ihre Freundin schützen.“
Der Wind wehte quälend, schneidend, eiskalt über sie hinweg, während sie schweigend den Berg hinaufstiegen. Julia zog den Kopf zwischen die Schultern und wunderte sich, über wie viel Energie Paula von Jäckle verfügte. Sie hatte ihr Tempo zu keiner Zeit verringert, machte unablässig und zielsicher Schritt für Schritt nach oben.
Julia selbst hielt die Augen auf den Boden gerichtet und fragte sich, warum, zum Teufel, sie sich darauf eingelassen hatte.
„Wollen Sie darüber reden?“, fragte Paula.
Ihre Worte ließen Julia aufblicken. „Worüber?“
„Über Ihre Ängste.“
„Nein.“
„Was meinen Sie, warum hat Wolfgang Lange damals ausgerechnet diesen Ort für seinen letzten Akt mit Ihnen ausgesucht?“
„Das wissen Sie selbst sehr genau. Weil er einen großen Ort dafür brauchte, einen mächtigen Ort. Er war Satanist. Was hätte sich da besser geeignet als eine Kirche?“
Paula nickte. „Und er wusste, dass Sie kommen würden.“
„Er hatte Eva. Natürlich wusste er, dass ich kommen würde.“ Julia verharrte in der Bewegung. „Wirklich, ich will das nicht tun.“
„Sie müssen, und Sie wissen es.“
Julia brummte etwas, das nicht zu verstehen war, und setzte sich wieder in Bewegung.
„Sie werden gewinnen“, sagte Paula nach ein paar weiteren Metern. „Weil Sie immer noch daran glauben.“
„Woran?“
„An den Schmerz und den Kampf und dass es das Ziel am Ende wert ist.“
Darauf bekam Paula keine Antwort von Julia.
Wenig später hatten sie die alte Kapelle erreicht. Im gespenstischen Licht des Mondes sah sie unheimlich aus, ragte aus dem Boden wie ein giftiger Pilz. Gleichzeitig wirkte sie aber auch ruhig und friedlich. Nichts deutete auf das hin, was hier ein paar Monate zuvor geschehen war. Nichts deutete darauf hin, dass dies ein Ort war, an dem die Sonne niemals wieder auf- oder unterging.
Julia war seitdem nicht mehr hier gewesen. Hier nicht und auch in keiner anderen Kirche. Sie legte keinen Wert darauf, sich mit Gott auszusöhnen. Jedenfalls nicht, bevor Gott seine Schuld bei ihr beglichen hatte, und da dies mit ziemlicher Sicherheit nie der Fall sein würde, war eine Aussöhnung praktisch ausgeschlossen.
„Ich gehe zuerst hinein“, sagte Paula. „Sie warten, bis ich Ihnen Bescheid gebe. In Ordnung?“
„Wenn es sein muss.“
„Es ist das einzig Richtige. Alles muss zur rechten Zeit und in der richtigen Reihenfolge geschehen. Sonst wird es keine Wahrheit geben.“ Paula blickte zum Eingang der Kapelle. „Bringen wir es hinter uns.“
Julia nickte langsam. Eine Art passive Akzeptanz. Sie beobachtete, wie Paula auf die Tür zuschritt und wenig später im Inneren verschwunden war.
Der Wind begann immer heftiger und eisiger zu wehen. Jedes noch so kleine Geräusch erschien mit einem Mal hundertfach verstärkt, und jedes einzelne ließ Julia zusammenzucken.
Was für eine beschissene Idee.
Etwas Unheilvolles lag in der Dunkelheit um sie herum, sie spürte es deutlich: Die kahlen Bäume, die ringsum aufragten, deren Äste wie knochige Finger wirkten; der gewaltige Schatten der Burg auf der linken Seite, das klobige Gebäude des Waisenhauses auf der rechten, das alles nahm geradezu bedrohliche Formen an.
Julia sah auf die Uhr, zehn Minuten vor Mitternacht. Sie zündete sich eine Zigarette an, rauchte, ohne die Tür zur Kapelle aus den Augen zu lassen.
Warum kam von Paula nichts mehr?
Als sie zu Ende geraucht hatte, machte Julia drei Schritte auf die Kapelle zu. „Frau von Jäckle?“
Keine Antwort.
Sie wusste nicht, was sie tun sollte, starrte einen Moment die Tür an.
Dann machte sie zwei weitere Schritte, schob die Tür auf und trat ins Innere der Kapelle.
Es ist bitterkalt. Das war ihr erster Gedanke.
Julia stand am Ende des Kirchenschiffes, das zum Altar führte. Dort brannten ein paar Kerzen. Schatten drängten sich in den Ecken. Der Altar selbst war nur ein ausgehöhlter Ring in der Finsternis.
Ein Lufthauch regte sich und ließ die Kerzen flackern, dann hörte sie Paula von Jäckles Stimme: „Frau Wagner, ich bin hier. Kommen Sie zu mir.“
Julia hatte keine Ahnung davon, was sie erwartete, sie ging einfach weiter, ehe sie ihre Meinung ändern konnte. Die verschiedenen Gerüche, die mit jedem Schritt mehr auf sie einströmten, waren so intensiv und überwältigend, dass sie glaubte, sie würde sich direkt auf die Vergangenheit zubewegen.
„Kommen Sie zu mir”, sagte Paula noch einmal.
Julia blieb stehen, bewegte sich nicht. Wie lange? Sekunden? Minuten? Sie hätte es nicht sagen können. Dann setzte sie sich wieder in Bewegung und blieb schließlich bei Paula stehen. Sie sah, dass diese fünf Karten nebeneinander auf den Boden gelegt hatte, allerdings konnte sie nicht erkennen, was für Abbildungen sich darauf befanden, dafür war das Licht von ihrer Position aus nicht hell genug.
„Haben Sie die für mich gelegt?“, wollte sie wissen.
Paula nickte.
„Und was bedeuten sie?“
„Die erste Karte sagt, dass überall Augen sind. Was bedeutet, dass eine Menge Leute nach Ihnen suchen. Die zweite Karte deutet auf Neid hin. Jemand will haben, was Sie haben.“
„Ich wüsste nicht, worum man mich beneiden könnte“, bemerkte Julia.
„Die dritte Karte bedeutet Verwirrung“, redete Paula weiter. „Es wirbelt alles um Sie herum, und Sie wissen nicht, was Sie tun sollen.“
„Das stimmt allerdings.“
„Die vierte Karte zeigt mir, dass Sie eine Reise machen werden. Und es sieht nicht so aus, als würde es ein Urlaub werden. Da ist eine Menge Schwarz. Genau genommen ist alles schwarz.“
„Schwarz bedeutet Unglück, oder nicht?“
„Manchmal. Es kann Unglück bedeuten und Traurigkeit. Allerdings ist bei der fünften Karte wieder alles weiß. Was bedeuten kann, dass nach all dem Schwarz eine Zeit ohne Probleme kommt. So als würden Sie die Wolken durchbrechen und den blauen Himmel erreichen.“
„Sie sagen kann“, hakte Julia nach. „Was kann es noch bedeuten?“
Paula hob den Blick. „Manchmal bedeutet eine weiße Fläche nach so viel Schwarz auch, dass der Mensch im Himmel ist. Makellos weiß.“
„Also tot.“
„Ja, tot.“
„Und dieser Mensch bin ich?“
Paula nickte langsam. „Aber, wie gesagt, es kann auch …“
„Das heißt, die Karten sagen, dass ich am Ende entweder tot oder noch am Leben bin“, fasste Julia zusammen.
„Ja.“
„Danke. So weit war ich vor zehn Minuten auch schon.“ In einer einzigen Bewegung drehte Julia sich in Richtung Tür. „Ich habe es mir gerade anders überlegt. Ich habe mich entschieden, dass ich Wichtigeres zu tun habe, als mir diesen Schwachsinn anzuhören. Ich bin nicht hierhergekommen, um mit Ihnen Halloween zu feiern, Frau von Jäckle. Und auch nicht, weil ich auf einem Besen reiten kann. Ich gehe wieder und suche nach Eva. Wenn ihr etwas passiert, drehe ich nämlich endgültig durch.“
„Glauben Sie wirklich, Sie können allein mit Ihrer Schusswaffe verhindern, dass ihr etwas passiert?“, fragte Paula in ihren Rücken.
Julia blieb stehen, wartete einen Moment, dann drehte sie sich noch einmal um. „Ja. Das glaube ich allerdings. Denn das habe ich gelernt – zielen und abdrücken. Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass ich das wirklich gut kann.“ Sie machte wieder einen kleinen Schritt auf Paula zu. „Und jetzt sage ich Ihnen noch etwas: Ich gebe ja zu, dass mit mir nicht alles in Ordnung ist. Dass sich in meinem Kopf Dinge abspielen, die sich bei anderen mit Sicherheit nicht abspielen. Aber das hat ganz bestimmt nichts mit Gut und Böse zu tun. Und auch nicht mit dem, was letzten April hier in dieser verdammten Kapelle geschehen ist. Und erst recht hat es nichts mit irgendwelchen … Wesenheiten zu tun. Was Sie da in Ihren Karten lesen, das ist ein Witz.“ Damit klappte Julia den Mund zu und wandte sich erneut in Richtung Tür.
„Glauben Sie, Sie sind jetzt schon in der Lage, das beurteilen zu können?“, fragte Paula.
Auf ein Neues blieb Julia stehen. „Ja.“ Als sie sich ein weiteres Mal umdrehte, funkelten ihre Augen im Dämmerlicht. „Und wo wir schon dabei sind, sage ich Ihnen jetzt noch etwas: Gut und Böse können überhaupt nicht gegeneinander antreten, denn Gut würde ja bedeuten, dass es einen Gott gibt, und das alleine ist schon völliger Schwachsinn.“
„Sind Sie da ganz sicher?“
„Oh ja. Gott ist nur ein kranker, grausamer Witz. Da oben im Himmel ist niemand, der uns beschützt. Und wenn er doch existiert, dann interessiert sich Gott einen Scheiß für die Menschen. Er sieht zu, wie sie leiden und sterben, und er tut nicht das Geringste, um ihnen zu helfen. Warum nicht?“ Julia warf die Hände in die Höhe. „Tja, darüber können wir nur spekulieren. Ich weiß nur, dass wir uns den Mund fusselig beten und flehen können, so viel wir wollen, und trotzdem wird er uns nicht helfen. Gut gegen Böse, sagen Sie? Dann soll er sich doch gefälligst selbst darum kümmern. Ich hab damit jedenfalls nichts zu tun. Ich habe alles gesagt. Ich bin weg.“
„Frau Wagner“, sagte Paula von Jäckle leise. „Es ist jemand hier.“
Julia verharrte in der Bewegung. „Wer?“
„Spüren Sie es nicht? Spüren Sie nicht diese Kälte, die bis in die Knochen zieht?“
Doch. Julia spürte es. Sogar sehr deutlich. Die Luft um sie herum schien plötzlich eisiger und dicker zu werden. Ein Schauder durchfuhr sie, fast so stark wie ein Stromschlag, sie spürte ihn förmlich durch Arme und Nacken fahren. Sofort schlugen alle Instinkte in ihr Alarm. Warnten sie. Doch sie kamen zu spät. Wie aus heiterem Himmel tauchte ein Blitz vor ihren Augen auf, und bevor sie wusste, wie ihr geschah, verschwand Paula von Jäckle aus ihrem Blickfeld. Stattdessen tauchte eine andere Gestalt vor ihren Augen auf. So reglos, dass sie nichts als eine Verdichtung der Finsternis zu sein schien.
Das kann nicht sein! Julia blinzelte. Das ist unmöglich!
Aber sie sah ihn klar und deutlich vor sich, sah, wie er die Hand nach ihr ausstreckte.
Pastor Jordan.
Sie wich zurück. „Hau ab! Verschwinde!“ Doch falls er die Worte gehört hatte, so sie sie denn tatsächlich ausgesprochen hatte, nahm er keinerlei Notiz davon. Im Gegenteil, er kam nun einen Schritt näher. Und was er dann sagte, knallte wie Gewehrschüsse durch die kleine Kapelle: „Honesta turpitudo est pro causa bona.“
Kaum hatte er es ausgesprochen, spürte Julia, wie alles in ihr zu vibrieren begann. Stechende Schmerzen jagten durch ihren Körper. Sie hörte ein leises Wimmern. Wirklich nur sehr leise, aber es war trotzdem deutlich zu vernehmen. Es war hinter ihr.
Sie fuhr herum und sah Eva an dem schwarzen Kreuz hängen.
Bitte, lass mich nicht sterben …
„Das kann nicht sein! Das kann nicht sein! Das kann nicht sein!“ Dieses Mal hörte Julia, wie sie es aussprach.
Das Bild vor ihren Augen zerfiel, Eva am Kreuz löste sich auf, formte sich zu einer anderen Person.
Julia blinzelte. Sandmann. Sandmann lag mit aufgeschnittener Kehle auf dem Altar. Sie blinzelte noch einmal, bemerkte aus den Augenwinkeln einen Schatten. Erneut fuhr sie herum und stand Wolfgang Lange gegenüber.
Du hast den wahren Teufel übersehen, Julia.
Und dann, so schnell wie er aufgetaucht war, verschwand er auch wieder. Dafür tauchten andere Gesichter vor ihren Augen auf. Immer mehr Gesichter. Menschen aus der Vergangenheit. Menschen aus der Gegenwart. Eine endlose Abfolge von Bildern. Wie in einem Kaleidoskop wechselten und veränderten sich die Gesichter, die Farben und die Formen.
Dann hörte sie Stimmen. Fragmente von Wörtern und Sätzen, die durch ihren Kopf hallten. Und gerade als sie dachte, es nicht mehr auszuhalten, wurde es auf einmal ganz still.
Einen Augenblick lang tat sich gar nichts.
Dann eine weitere Stimme, seltsam vertraut, irgendwie bekannt und doch wieder nicht.
Ich werde mir dein Herz holen, Prinzessin.
Es ist in deinen Kopf, in deinen Leib, in deine Knochen geschrieben.
Du kannst nicht gewinnen.
Von irgendwo ertönte ein Grollen, wie Donner. Der Boden unter Julia schien sich zu bewegen. Sie wankte. Dann Paula von Jäckles Stimme: „Kommen Sie zu sich!“
„Sind Sie in Ordnung?“
Julias keuchender Atem riss Löcher in die Stille der Kapelle. Sie stemmte die Hände auf die Knie, in ihren Lungen stach es, als wäre sie gerade in fünf Minuten drei Kilometer gelaufen.
Es dauerte noch einen Moment, dann nickte sie.
Paula legte eine Hand auf ihre Schulter. „Sie glauben nicht, wie froh ich bin, dass es Ihnen gut geht.“
„Und Sie glauben nicht, wie froh ich bin, wenn ich von hier wieder verschwunden bin.“ Dafür, dass sie sicher war, unter Schock zu stehen, kamen die Worte erstaunlich klar und deutlich aus Julias Mund. „Lieber Himmel, ich war mir gerade sicher, dass mich jede Sekunde der Schlag trifft.“
„Dasselbe befürchtete ich für mich auch, das können Sie mir glauben.“ Paulas Blick taxierte sie. „Was haben Sie gesehen?“
„Pfarrer Jordan. Er stand vor mir, in voller Größe.“
„Was hat er zu Ihnen gesagt?“
„Er sagte: Honesta turpitudo est pro causa bona.“
Paula formte den Satz mit den Lippen nach. „Sie wissen, was das bedeutet?“
„Ich war beschissen in Latein, aber das krieg ich gerade noch so zusammen.“ Julia rang immer noch nach Atem. „Für eine gute Sache ist Schande ehrenvoll.“
„Ein brillanter Satz. Einprägsam und gleichzeitig vieldeutig.“
„Und was will er mir damit sagen?“
„Das müssen Sie leider selbst herausfinden. Wen haben Sie noch gesehen?“
„Eva, Sandmann und Wolfgang Lange.“
„Sie habe ich ebenfalls gesehen. Aber es war noch eine weitere Person anwesend, nicht wahr?“
„Ich habe noch eine Stimme gehört. Die Stimme eines Mannes. Ich bin mir sicher, dass ich sie kenne, dass ich sie schon einmal irgendwo gehört habe. Aber ich erinnere mich nicht. Wer war das?“
„Jener Mann, der Ihren Tod will.“
„Ja, das habe ich schon verstanden. Er hat es klar und deutlich zum Ausdruck gebracht. Aber hat er auch einen Namen?“
„Ich habe ihn nur als den ‚Zaren‘ in den Karten gesehen.“
Als Julia fragend die Augenbrauen in die Höhe hob, lächelte Paula dünn. „Ich sehe, Sie kennen sich aus in Dämonologie.“
„Ich bin in einem katholischen Waisenhaus aufgewachsen. Der Zaren ist der Dämon der sechsten Stunde, der Geist der Rache.“
„Richtig.“ Paula nickte. „Und eben das ist er. Böse und skrupellos und von Rache getrieben.“
„Und warum hat er es ausgerechnet auf mich abgesehen?“
„Das hatte ich Ihnen bereits erklärt. Weil nur Sie ihm gefährlich werden können. Nur Sie können ihn ausschalten.“
„Warum nur ich?“
„Sie alleine sind ihm ebenbürtig.“
„Verdammte Kacke.“ Julia atmete tief und verzweifelt durch.
„Sie müssen es annehmen“, fügte Paula hinzu, „sonst haben Sie keine Chance. Er ist längst auf dem Weg zu Ihnen, auf den verschiedensten Wegen. In Form von verschiedensten Personen. Vergessen Sie niemals, dass er nicht fair spielt.“ Sie suchte Julias Blick und hielt ihn. „Sie haben soeben alle Hinweise erhalten, die Sie brauchen. Sie müssen sie nur richtig zusammensetzen. Sie müssen verstehen. Aber vor allem, Sie müssen es annehmen. Dann können Sie gewinnen. Haben Sie das verstanden, Frau Wagner?“
Julia schwieg.
„Frau Wagner?“
„Ja“, sagte Julia. „Annehmen. Zusammensetzen. Ausschalten.“ Sie wandte sich ab. „Ich werde es versuchen. Aber zuerst muss ich Eva finden.“
2. KAPITEL
Was ist los?
Samstag, 18. Dezember 2010
08:07 Uhr
Weidling
„Wo, zum Teufel, steckst du?“
„Ich bin im Schwarzwald.“
„Was, bitte schön, tust du im Schwarzwald?“
Bibbernd blickte Eva Haack aus der Frontscheibe ihres Wagens. Das war also das Unwetter, das der Wetterbericht angekündigt hatte. Die Wolken wirkten dick und unbeweglich wie eine nasse Bettdecke, der Wind pfiff, der Schnee fiel nicht, nein, er stürzte geradezu vom Himmel, und dazu war es so kalt, dass trotz dicker Kleidung jede Bewegung anstrengend werden würde. Hätte sie nicht dringend ihre Medikamente gebraucht, Eva hätte ihr sicheres Domizil an diesem Morgen garantiert nicht verlassen. Unter gar keinen Umständen hätte sie den Weg ins Dorf auf sich genommen. So aber war sie gezwungen, die Apotheke aufzusuchen, und gerade in dem Moment, in dem sie den Wagen geparkt hatte und aussteigen wollte, piepste das Handy. Sie hatte es aus ihrer Handtasche gezogen und das Gespräch angenommen. Und das hatte sie jetzt davon.
„Was, bitte schön, tust du im Schwarzwald?“, wiederholte Robert am anderen Ende.
„Ich muss nachdenken“, gab Eva zurück. „Wichtige Entscheidungen treffen.“
„Aha. Und sagst du mir auch, um welche Art von Entscheidungen es sich dabei handelt?“
„Ich werde mich scheiden lassen, Robert.“
„Was?“
„Hör zu …“ Eva atmete tief durch. „Wir haben es versucht. Aber es ist einfach zu viel passiert.“
„Und anstatt mir das ins Gesicht zu sagen, haust du einfach ab und fährst von Hamburg bis in den Schwarzwald? Was ist los mit dir, Eva? Wir sind fünf Jahre lang verheiratet. Ich finde, ich habe ein bisschen mehr verdient als das. Wir lieben uns doch.“
„Du machst es dir leichter, wenn du dich einfach damit abfindest.“
„Ich werde mich nicht damit abfinden. Was du gerade tust, ist hilfloses Handeln. Verzweiflung. Natürlich, du hast in den letzten Monaten viel durchgemacht … und tust es noch, aber das geht doch jedem einmal so.“
„Es wurde aber nicht jeder lebendig an ein Kreuz genagelt.“
Robert schwieg, während Eva es schon wieder deutlich vor sich sah: Wolfgang Lange; die alte Kapelle; das riesige, auf dem Kopf stehende Kreuz; die Nägel, die er durch ihre Hände und Füße geschlagen hatte. Wie sollte man das je wieder vergessen? Man konnte die Erinnerung daran nicht einfach mit Seife abwaschen, und alles war wieder gut. Sie musste damit leben, er nicht. Für einen so selbstbewussten und beherrschten Menschen wie sie war das Gefühl der Machtlosigkeit geradezu erdrückend. Sie fühlte sich beschädigt, in sich selbst isoliert. Mehr als einmal glaubte sie, kurz davor zu sein, den Verstand zu verlieren.
„Hör mir zu“, sagte Robert in ihre Gedanken. „Ich weiß doch, dass das alles nur Abwehrmechanismen sind. Mauern, die du um dich herum aufgebaut hast, um dich zu schützen. Aber doch nicht vor mir. Lass mich wieder in dein Leben. Wir können es zusammen schaffen. Wir …“
„Selbst wenn ich es wollte“, fiel Eva ihm ins Wort, „ich würde nie wieder die werden, die ich einmal war. Dafür ist einfach zu viel passiert.“
„Ich werde dir helfen, darüber hinwegzukommen.“
„Das muss ich leider ganz alleine tun.“
Jetzt hob Robert die Stimme ein wenig an. „Wenn diese furchtbare Geschichte nicht passiert wäre, dann würden wir uns jetzt nicht trennen. Wir wären ewig zusammengeblieben.“
„Das wissen wir nicht.“
„Ich weiß es. Das hätte dieser Mistkerl dir nicht antun dürfen. Und sie hätte dich niemals in diese Sache hineinziehen dürfen. Es ist allein ihre Schuld.“
„Robert, bitte …“, setzte Eva an.
„Von mir lässt du dich scheiden, aber sie nimmst du weiter in Schutz.“
„Hör bitte auf.“
„Warum hat sie es nicht verhindert?“
„Sie konnte es nicht verhindern. Es war nicht ihre Schuld.“
„Siehst du! Du tust es schon wieder! Du nimmst sie in Schutz!“
„Ich denke, wir sollten das Gespräch besser beenden, bevor …“
„Bevor was?“ Robert feixte. „Bevor es mit mir durchgeht?“
„Bevor nur noch Scherben übrig sind.“
„Sie hat immer zwischen uns gestanden“, redete er unbeeindruckt weiter. „Immer.“
„Das ist nicht wahr.“
„Ach, hör doch auf, Eva, natürlich ist es wahr. Dein ganzes Tun und Handeln kreist um sie, selbst wenn sie gar nicht da ist. Vielleicht ist es dir nicht bewusst, aber genauso ist es. Auch wenn du es nicht aussprichst, ist sie trotzdem immer in deinen Gedanken.“
„Das ist Blödsinn!“, fuhr Eva auf.
„Warum bist du im April überhaupt nach Wittenrode gefahren?“
Ein jäher Windstoß blies um den Wagen, Eva spürte ein Erzittern, ein tiefes Beben, das ihr bis tief in die Knochen fuhr.
„Ich wollte an Kerstins Beerdigung teilnehmen“, antwortete sie. „Das hatte mit Julia überhaupt nichts zu tun. Du bist auf eine Person eifersüchtig, die du nicht einmal persönlich kennst.“
„Ich muss sie nicht persönlich kennen. Ich habe Augen, und ich habe Ohren. Und ich weiß, was ich weiß.“
Eva atmete tief durch. „Julia und mich verbindet eine schwierige Kindheit, das kann man nun mal nicht vergessen. Den Rest allerdings, den spinnst du dir zusammen.“ Sie richtete sich etwas auf. „Es hat tausend Gründe, warum unsere Ehe gescheitert ist, Robert, aber es hat ganz bestimmt nichts mit ihr zu tun. Ich werde jetzt auflegen.“
„Du willst es also tatsächlich beenden?“
„Ich habe alles gesagt. Es tut mir wirklich leid.“
Damit drückte Eva das Gespräch weg, legte das Handy zurück in ihre Handtasche und machte sich auf den Weg zur Apotheke.
Später würde sie sich an diese Minuten immer wieder erinnern.
Die letzten Minuten, ehe das völlige Chaos ausbrach.
Mainz
„Julia? Was ist verdammt noch mal los mit dir? Wir hatten eine Abmachung, erinnerst du dich? Du wollest dich gestern Morgen melden, hast aber bis jetzt noch nichts von dir hören lassen. Ich gebe dir jetzt noch genau fünf Stunden, wenn du dich dann nicht gemeldet hast, lasse ich dein Handy orten! Das ist mein Ernst! Du weißt genau, was für eine Scheißangst ich um dich habe!“ Schnaubend klappte Zander das Handy zu und ging weiter mit großen Schritten den Flur des Krankenhauses entlang. Der Arzt, der am anderen Ende auf ihn wartete, begrüßte ihn kurz, wobei er den Kopf in den Nacken legen musste, denn Zander war ein Riese mit kurzen roten Haaren und einem überbreiten Körperbau. Seine Größe und seine Statur ließen unweigerlich alle, die mit ihm sprachen, respektvoll das Genick einziehen und die Stimme senken. Ein Geschenk für einen Polizisten bei der Kripo.
Der Arzt räusperte sich und blickte auf die Papiere in seiner Hand. „Also, was haben wir … Eine junge Frau, deren Namen wir nicht kennen, weil sie keine Papiere bei sich trug. Vermutlich Osteuropäerin, schätzungsweise zwanzig Jahre alt. Wurde heute Morgen gegen sieben Uhr dreißig eingeliefert. Kopf und Schultern waren blutverkrustet … was von einer tiefen Kopfwunde herrührt. Auf ihrem gesamten Körper finden sich Spuren von schwerer Folter … Außerdem befand sich eine getrocknete Blutspur an der Schenkelinnenseite und eine Wunde im Rektalbereich, die ist allerdings schon etwas älter.“ Von Zeit zu Zeit sah der Arzt zu Zander auf. „Dazu verschiedene Hämatome und Schnittwunden an Hand- und Fußgelenken. Die Haut über dem rechten Jochbein war aufgeplatzt. Sie wurde also schwer misshandelt und mehrfach, mit zeitlichen Unterbrechungen, vergewaltigt.“
„Konnten Spermaspuren sichergestellt werden?“, wollte Zander wissen.
„Nein, leider nicht.“ Der Arzt blätterte. „Dafür fanden sich Spuren eines Barbiturates in ihrem Blut. Wer immer der armen Frau das angetan hat, hat sie mit einer Droge außer Gefecht gesetzt. Vermutlich Ketamin. Ich nehme an, Sie möchten eine Kopie des Berichtes, Herr Kommissar?“
Zander nickte. „Sicher tauchen noch weitere Fragen meinerseits auf, aber für den Augenblick danke ich Ihnen.“ Er wandte sich ab und betrat das Krankenzimmer.
Die erste Amtshandlung, die er dann beging, war es, die Frau von den Plastikbändern zu befreien, mit denen ihre Handgelenke am Bettgestell fixiert waren.
Die Miene des jungen Kollegen neben ihm sprach Bände. „Das sollten Sie nicht tun, Herr Kommissar. Sie wird ausflippen, wenn sie zu sich kommt.“
„Ich werde im Bericht festhalten, dass Sie mich gewarnt haben“, bemerkte Zander.
„Es ist Vorschrift. Wir kriegen das immer wieder gepredigt. Sie wird versuchen, sich die Infusionsnadel rauszuziehen, wenn …“
„Wenn sie gefesselt aufwacht, dreht sie erst recht durch.“ Zander deutete auf die kreisförmigen Schnitte an den Handgelenken der jungen Frau, die von festgezurrten Drähten zu stammen schienen. „Sie war weiß Gott genug gefesselt.“ Damit zog er sich einen Stuhl heran und setzte sich neben das Bett. „Ich bleibe hier. Sie sind abgelöst. Verschwinden Sie.“
Der junge Kollege nickte widerwillig und verließ das Zimmer, während Zander an ihrem Bett sitzen blieb und zusah, wie sie atmete.
Zur gleichen Zeit saß ein Mann namens Matthias Bartholomäus nur wenige Kilometer entfernt an seinem Küchentisch und starrte auf die Notizen vor sich. Er wusste, dass dies die letzten Minuten seines Lebens waren.
Eiskalte Minuten.
Er wandte den Kopf und starrte nach draußen ins weiße Nichts. Vor seinen Augen spielte sich ein Film ab – ein Film dessen, was er getan hatte.
„Was in dem Keller passiert, bleibt in dem Keller“, murmelte er.
Aber nein, aus Falsch konnte auch Richtig werden. Nichts war absolut. Zügig las er noch einmal den codierten Text, den er gerade geschrieben hatte. Er hatte sich die Verschlüsselung vor ein paar Monaten ausgedacht. Auf diese Weise konnte er seine Gedanken aufschreiben, ohne zu befürchten, dass es jemand las, der es nicht lesen sollte. Bereits als Teenager hatte er sich solche Codierungen ausgedacht. Doch die einfache Übersetzung des Alphabets war im Laufe der Jahre immer ausgefeilter geworden. Längst hatte er noch Zahlen und geometrische Figuren in das Ziffernsystem eingebaut. Er bezweifelte, dass es vielen Leuten gelingen würde, diesen Code zu knacken – aber das war auch nicht nötig. Es sollte nur die richtige Person an die Informationen gelangen. Für den Fall der Fälle nannte er keine Namen, schrieb nur Initialen auf. Man konnte sie herausfinden, wenn man sich ein wenig Mühe gab.
Bartholomäus hoffte darauf, dass die Polizei sich Mühe geben würde, wenn es so weit war.
Er sah noch einmal aus dem Fenster.
Welche Strafe würde er wohl bekommen?
Er würde es schon sehr bald wissen.
Das Warten hatte bald ein Ende.
3. KAPITEL
Verrat und Zusammenhalt
Hannover
Auch für Jörg Grimm hatte an diesem Morgen zuerst nichts darauf hingedeutet, dass der Tag anders werden würde als die anderen, sah man davon ab, dass es in der Nacht angefangen hatte zu schneien und immer noch schneite. Immer mehr Schneeflocken fielen vom Himmel und legten sich auf die dicke Schicht, die bereits die Straßen, die Rasenflächen, die Spielplätze, die ganze Stadt Hannover bedeckte.
Jörg hatte sich gerade fertig angezogen und war auf dem Weg ins Büro, als es an der Wohnungstür klingelte. Sein erster Gedanke war, dass seine Freundin Yvonne ihren Schlüssel vergessen hatte, aber dann fiel ihm ein, dass das ja gar nicht sein konnte, weil Yvonne überhaupt nicht in Deutschland war.
Widerwillig, weil er eigentlich gar keine Zeit hatte, schritt Jörg zur Wohnungstür, und als er öffnete, schlug ihm ein Schwall kalter Luft entgegen. Ob das nun an der Kälte vor der Tür lag oder an der Gestalt seines Vaters, der davorstand, darüber konnte er nur spekulieren, auf jeden Fall verhieß sein Auftauchen nichts Gutes. Jörg verspürte sofort eine bekannte Gänsehaut auf den Armen, einen Stich im Magen und seinen schnellen Puls. Er sagte: „Ich hätte nicht gedacht, dass du hier auftauchen würdest.“
Curt Grimm, etwas über sechzig, mit silbergrauen, perfekt frisierten Haaren und Augen von kühlem Grau, antwortete: „Hast du das gedacht oder gehofft?“
Jörg blieb in der Tür stehen. „Ich muss zur Arbeit.“
„Es ist Samstag.“
„Ich habe viel zu tun. Also bitte, fass dich kurz.“
„Ich will, dass du mir sagst, wo Susanne steckt.“
Als Jörg nichts darauf antwortete, fügte sein Vater hinzu: „Man hatte mich zu Anfang ihres Verschwindens darauf hingewiesen, dass du ihr vielleicht helfen würdest. Aber ich habe ihnen versichert, so dumm wärst du nicht. Ich habe gesagt, er wird keiner Frau, die aus der geschlossenen Psychiatrie ausgebrochen ist, dabei helfen, sich vor der Polizei zu verstecken. Auch nicht, wenn sie seine Schwester ist. So dumm ist er nicht. Habe ich mich getäuscht, Jörg? Habe ich mich wirklich so getäuscht?“
„Ich weiß nicht, was du meinst.“
„Sie ist jetzt seit fast fünf Monaten verschwunden, und sie ist verdammt noch mal krank. Die Ärzte sagen, sie braucht dringend Medikamente. Wenn sie die nicht bekommt, kann niemand einschätzen, was passiert. Sie muss unverzüglich zurück in die Klinik.“
„Wo du sie los bist, meinst du?“
„Hast du nicht verstanden, was ich gerade gesagt habe? Sie braucht Hilfe.“
„Ich bitte dich, Vater“, fuhr Jörg auf. „Du hast dich doch noch nie für das interessiert, was Susanne braucht. Warum jetzt auf einmal?“
„Wir sind immer noch eine Familie.“
„Eine Familie? Lüg doch nicht. Dir geht es nicht um die Familie, dir geht es allein um dich und um deinen guten Ruf als Chefarzt.“ Jörg verschränkte die Arme vor der Brust. „Wo immer Susanne auch sein mag, ich wünsche ihr, dass sie eine faire zweite Chance bekommt. Ohne dich und deine verlogene Heuchelei.“
„Es wird keine zweite Chance für sie geben“, zischte sein Vater. „Sie war schon von Anfang an völlig neben der Spur. Wir haben wirklich alles versucht, aber es ist nie etwas dabei herausgekommen. Sie ist jetzt dreißig Jahre alt und schaffte es nicht einmal, einen vernünftigen Job zu bekommen, und das, obwohl sie zwei Sprachen studiert hat. Stattdessen färbte sie sich die Haare bunt und spielte in irgendwelchen lächerlichen Punkbands. Sie hat nur Ärger gemacht, so lange, bis sie schließlich im Irrenhaus landete. Nenn mir einen Grund, warum ich der Welt nicht helfen sollte, sich von ihr zu befreien und sie wieder dahin zurückzubringen, wo sie hingehört?“
Jörgs Blick wurde dunkel. „Du bist ein Ekel. Das warst du schon immer, und das wirst du immer bleiben.“
„Ach ja? Habt ihr nicht immer alles bekommen, was ihr wolltet?“
„Und zu welchem Preis? Wenn wir geweint haben, waren wir erbärmlich, wenn wir zugestimmt haben, waren wir Schwächlinge. Haben wir nicht so funktioniert wie du es wolltest, dann waren wir undankbare, respektlose Schnorrer.“ Jörg machte eine kurze Pause. „Susanne hat immerhin versucht, sich gegen dich zu wehren, ganz im Gegensatz zu mir, und jetzt sagst du, dass sie nur Ärger gemacht hat und dass du sehen willst, wie sie wieder in der geschlossenen Psychiatrie verschwindet. Sie kann überhaupt nicht gewinnen. Wir haben bis heute noch nicht ein einziges Mal gegen dich gewonnen, Vater.“
Herausfordernd sahen sie sich in die Augen, dann war es erneut Jörg, der sprach. Allerdings sagte er nicht viel. Er sagte nur: „Ich weiß nicht, wo sie ist. Und jetzt geh wieder.“
Curt Grimm machte einen Schritt nach vorne, fasste nach dem Arm seines Sohnes und zischte: „Wie erbärmlich bist du eigentlich? Glaubst du, diese ganze Scharade wäre nicht zu durchschauen?“
„Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst. Lass mich los.“
„Ich weiß, dass du ihr mit Geld geholfen hast. Vermutlich tust du das immer noch.“
„Kannst du das beweisen?“
„Ich weiß es. Ebenso wie ich weiß, dass deine Freundin Yvonne in den letzten Wochen verdächtig oft nach Skandinavien gereist ist.“
„Yvonne schreibt Reiseführer. Sie ist immer irgendwo unterwegs. Und jetzt lass mich, verdammt noch mal, los.“
„Hältst du mich wirklich für so dumm, die Zusammenhänge nicht zu erkennen?“
„Lass mich los und verschwinde endlich.“
Widerwillig zog Curt Grimm den Arm zurück. Dann wandte er sich um und trat zur Treppe. Dort drehte er sich allerdings noch einmal um. „Ich habe es der Polizei gesagt.“
Jörg hob den Kopf. „Was hast du gesagt?“
„Ich habe ihnen gesagt, wo sie nach Susanne suchen sollen. In Skandinavien.“
„Skandinavien ist groß. Da können sie lange suchen.“
„Das sind Zielfahnder, Jörg. Das sind keine dummen Männer. Das solltest du nicht denken.“
Jörgs Haut begann am ganzen Körper gleichzeitig zu jucken. Die Worte entwichen ihm, ehe er es verhindern konnte: „Du verrätst deine eigene Tochter?“
„Nein. Ich helfe ihr.“
Damit stieg Curt Grimm die Treppe hinunter, während Jörg reglos in der Tür stehen blieb und sich fragte, ob sein Vater es tatsächlich fertiggebracht hatte, zur Polizei zu gehen und seine eigene Tochter zu verraten.
Als in der nächsten Sekunde der Wind eines der gekippten Fenster im Inneren der Wohnung mit Wucht zuschlug, kam ihm die Erkenntnis, dass nichts und niemand ihn je davon hätte abhalten können.
Norwegen
Interessanterweise schneite es in Norwegen an diesem Morgen nicht. Es regnete wie aus Kübeln. Aber selbst das war in dem Land ein grandioses Schauspiel. Eine ungewöhnliche Üppigkeit sättigte die Luft, während sich die Regentropfen wie ein gigantisches Tier mit unzähligen Beinen auf der Meeresoberfläche bewegten. Susanne beobachtete es fasziniert und stellte sich dabei die Frage, ob die Menschen, die hier aufgewachsen waren, das alles ebenso intensiv wahrnahmen, wie sie selbst es tat. Ob sie rochen, was sie roch. Denn Norwegen roch anders als alles, was sie bisher kennengelernt hatte. Irgendjemand hatte es einmal als Land Gottes bezeichnet, als kleines Eden, und vielleicht war da ja tatsächlich etwas dran.
Susanne blies in die Hände, um sie zu wärmen, blieb noch einen Moment ganz ruhig stehen, atmete tief ein und wieder aus.
Der Regen tut dir nichts. Hier tut dir nichts und niemand etwas. Niemand weit und breit, der dich einfangen und zurück in die Psychiatrie stecken will.
Wie um es sich selbst zu bestätigen, nickte sie einmal und schritt dann zum Haus zurück.
Bei der Veranda angekommen, glaubte sie, etwas zu spüren. Eine Bewegung hinter sich. Sie wandte sich um, aber da war nichts.
Sie setzte sich wieder in Bewegung und streckte die Hand aus, um die Terrassentür zu öffnen. Im Wohnzimmer angekommen, rieb sie sich die Arme. Draußen gab es jetzt ein Gewitter, ein Blitz zuckte, aber es war alles noch zu weit weg. So weit, dass sie den Donner nicht hören konnte. Dann ein weiterer Blitz über dem Meer, nur als weiches, warmes Licht wahrzunehmen. Trotzdem verlieh es dem verlassenen Küstenstreifen, den normalerweise nicht einmal die Touristen fanden – es sei denn durch einen großen Zufall –, etwas Gespenstisches.
Irgendwo im Haus klapperte eine Tür. Susanne ging herum, um zu überprüfen, um welche Tür es sich handelte. Als sie dabei am Badezimmer vorbeikam, trat sie für einen Moment ein, um sich im Spiegel zu betrachten. Ihre bunten Haare klebten nass am Kopf, ihre Haut war blass, und ihre Lippen wirkten blutleer. Sie klatschte sich mit der Hand ins Gesicht, um ein bisschen mehr Farbe zu bekommen. Vergeblich.
Schließlich gab sie es auf und ging zurück ins Wohnzimmer, wo sie das Powerbook aufschlug, das Yvonne ihr ein paar Wochen zuvor gebracht hatte.
Immer noch konnte Susanne die Schlagzeilen, die es in Deutschland über sie gab, nicht fassen. Glücklicherweise gab es nicht allzu viele Fotos von ihr. Jene, die es gab, zeigten sie jedoch mit starrem Blick, den Mund zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Womit die Medien nur allzu bereitwillig unterstrichen: Susanne Grimm war eine irre und gemeingefährliche Person. Ansonsten gab es lediglich ein paar vereinzelte Schulfotos und einige wenige, auf denen sie zusammen mit der Band gezeigt wurde, in der sie jahrelang Bass gespielt hatte.
Susanne scrollte und fand einen Artikel, dessen Überschrift lautete: Schwere Körperverletzung bei Punkfestival!
Da hatte doch tatsächlich irgendein findiger Reporter eine längst vergangene Geschichte wieder ans Tageslicht gezerrt, in der sie nach einem Auftritt mit ihrer Band in eine Schlägerei geraten war. Susanne erinnerte sich noch sehr gut an den Vorfall, obwohl es bestimmt schon acht Jahre her war. Sie hatten auf dem Festival gespielt. Der Auftritt war zu Ende gewesen, und sie hatte sich an einem der Bierstände etwas zu trinken holen wollen. Ein Betrunkener war an sie herangetreten, hatte einen Arm um sie gelegt und gefragt, ob sie ihm einen blasen wolle.
Anstatt dem Typen sofort eine passende Antwort zu geben, hatte Susanne noch einmal nachgefragt: „Was hast du gerade gesagt?“
„Obduanmeinerwurstlutschenwillst?“ Während er es nuschelte, versuchte er, sie anzutatschen, und fügte so etwas hinzu wie: „Geile Fotze.“
Susanne war fest davon überzeugt, dass es keiner Frau dieser Welt gefallen hätte, von einem wildfremden Mann betatscht und dann auch noch Fotze genannt zu werden. Ihr auch nicht, weshalb sie dem Kerl ohne Ansatz ihr Knie zwischen die Beine rammte. Er sank stöhnend zusammen und hielt sich den Schritt.
Und dann ging auch schon alles ganz schnell. Freunde des Betrunkenen kamen hinzu und wollten sich auf Susanne stürzen. Deren Freunde kamen hinzu, um ihr zu helfen, und in Sekundenschnelle entwickelte sich eine Massenschlägerei. Am Ende warf sich einer der Ordner auf Susanne und drückte sie auf den Boden, bis die Polizei kam.
Das war nur eine von vielen veröffentlichen Geschichten, die – jede für sich – eigentlich nichts wirklich Großes waren, aber sie standen hier, in allen Details und für jeden zugänglich im Internet, und die Diagnose, die die Medien in Sachen Susanne stellten, variierten von aggressiv zu hochgefährlich, psychotisch oder schizophren. Durchgehend alle Zeitungen beschrieben sie als sehr intelligent – immerhin –, aber gleichzeitig auch als labil und äußerst gewaltbereit.
Und als die Zeitungen dann auch noch herausfanden, dass Susanne lesbisch war, gab es kein Halten mehr. Sie schreckten nicht einmal davor zurück, längst vergessene Exfreundinnen aus ihren Löchern zu zerren und zu Kommentaren zu bewegen. Im günstigsten Falle blieb es bei Kommentaren. In ungünstigen Fällen kamen ganze Artikel dabei heraus, wie der folgende, dessen Überschrift lautete: Manchmal hatte ich regelrecht Angst vor ihr!
In dem Artikel kam eine Exfreundin von Susanne zu Wort, Doris Serpikov, inzwischen eine mehr oder minder – mehr minder – erfolgreiche Modedesignerin, die berichtete, Susanne hätte sie während ihrer Beziehung bedroht und mehr als einmal in Angst und Schrecken versetzt.
Susanne konnte es nicht fassen. Die Beziehung war ewig her, damals waren sie zwanzig Jahre alt gewesen. Sie waren verliebt und hatten eine wirklich gute Zeit. Nie, nicht ein einziges Mal, hatte sie Doris bedroht. Warum hätte sie das tun sollen? Und doch stand es hier schwarz auf weiß. Der Artikel nahm fast eine halbe Seite ein.
Susanne überlegte. Wie lange waren sie und Doris zusammen gewesen? Vielleicht neun Monate. Dann hatte sie die Beziehung beendet. Doris hatte das damals sehr mitgenommen, aber konnte das allein der Grund für das hier sein?
Wie auch immer, nach unzähligen Berichten dieser Art war Susannes Name den regelmäßigen Zeitungslesern natürlich ein Begriff. Man untersuchte und überprüfte ihren persönlichen Hintergrund, veröffentlichte alles bis ins Detail, von der ersten harmlosen Prügelei in der Grundschule bis zur Behandlung in der geschlossenen Psychiatrie im letzten Sommer.
Susanne zog die Augenbrauen in die Höhe, als sie ein Interview mit Professor Doktor Ulrich Malwik entdeckte. Zwar erklärte er, er unterliege der Schweigepflicht und könne sich daher nicht zu einzelnen Patienten äußern, fügte aber dennoch hinzu, dass Susanne ein „sehr komplizierter Fall“ sei, der dringend nach einer qualifizierten Behandlung verlange. Er bedauere zutiefst, dass ein Mensch fast mit dem Leben bezahlt hätte – damit meinte er das Schwein Egert –, ebenso wie er zutiefst bedauere, dass Susanne die Flucht aus der Klinik gelungen sei. Es bliebe nun nur zu hoffen, dass bis zu ihrer Ergreifung nicht noch mehr Menschen in Gefahr gerieten.
Susanne schüttelte den Kopf. Von Malwik hing damals ihre Zukunft ab; er sollte, nach endlosen Gesprächen und Untersuchungen, ein Gutachten über ihren Geisteszustand verfassen. Dieses Gutachten hätte dann über ihre weitere Zukunft entschieden, und nun konnte sie erahnen, wie diese Zukunft ausgesehen hätte. Der Psychiater nannte sie in dem Artikel eine „unruhige“ und „widerspenstige“ Patientin. Einen Menschen, der alle Autoritäten infrage stellte und seine Emotionen nicht im Griff hatte.
Als Nächstes verfolgte Susanne die Charakterisierung ihres „Opfers“: Helmut Egert. Er wurde in einer Abendzeitung eingehend porträtiert, und der Leser musste bei der Lektüre zu der Überzeugung gelangen, dass hier ein ehrenwerter Mitbürger nur knapp dem Tod entkommen war. Das abgedruckte Foto zeigte ihn wohlwollend lächelnd. Nichts deutete darauf hin, dass man sich vor diesem Mann besser in Acht nehmen sollte. Man beschrieb ihn als geachteten Steuerzahler, der sogar ehrenamtlich in einem Tierheim arbeitete.
Susanne verzog die Lippen zu einem dünnen Lächeln, welches ihr jedoch sofort wieder verging, als sie den Namen Lisa Vollrath las: die weibliche Hauptperson des Dramas; die Frau, die der ehrenwerte Mitbürger Egert hatte vergewaltigen wollen. Ihr widmete man vergleichsweise wenig Raum. Man schilderte sie als sympathische, zurückhaltende junge Frau, die sich nicht zu dem äußern wolle, was sich in jener Nacht im Hinterhof der Kneipe abgespielt habe.
Ausgerechnet die Frau, die die ganze Geschichte hätte aufklären können, wollte sich nicht dazu äußern. Susanne atmete tief durch und schüttelte den Kopf.
In dieser Sekunde klingelte das Handy, und sie zuckte zusammen. Jedoch nur für eine Sekunde, dann beruhigte sich ihr Herzschlag wieder. Niemand außer ihrem Bruder und Yvonne kannten die Nummer, also konnte es nur einer der beiden sein. Sie nahm das Gespräch an.
„Susanne? Hörst du mich?“ Jörg schien völlig außer Atem. „Hör mir gut zu. Du musst mir gut zuhören. Du musst aus dem Haus verschwinden. Sofort.“
Susanne hörte die Worte und spürte im selben Moment, wie etwas in ihr zusammenbrach. Ein Turm aus Hoffnungen, der im Bruchteil einer Sekunde einstürzte und nichts als Angst hinterließ. „Was ist passiert?“, fragte sie.
Jörg antwortete nicht darauf. Stattdessen sagte er noch einmal: „Du musst aus dem Haus verschwinden. So schnell wie möglich. Hörst du mich? Du bist dort nicht mehr sicher. Pass gut auf dich auf.“
Die ganze Welt schien sich mit einem Mal wie wild um Susanne herumzudrehen. Ihr Puls pochte in Brust und Armen. Wenn Jörg sagte, dass sie verschwinden musste, dann musste sie das tun. Und zwar sofort. Mit zitternden Knien durchquerte sie das Wohnzimmer und betrat die Küche. Ihre Tasche, die immer zur Abreise gepackt war, lag auf dem Fußboden unter dem Küchentisch. Sie eilte darauf zu und griff danach. Als sie sich wieder aufrichtete und umdrehte, sah sie in den Lauf einer Pistole.
Susanne blieb das Herz stehen.
Der Polizist stand genau vor ihr, vielleicht einen Meter entfernt. „Keine Bewegung.“ Er sagte es auf Norwegisch, aber es war dennoch nicht falsch zu verstehen.
Susanne bewegte sich trotzdem. Sie wich zurück, stolperte und stieß gegen einen Stuhl.
„Keine Bewegung“, sagte der Polizist noch einmal.
Warum macht man die verrücktesten Dinge des Lebens? Weil man die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat.
Allein aus diesem Grund griff Susanne, ohne noch einmal darüber nachzudenken, nach dem Stuhl hinter sich und schmetterte dem Polizisten das Möbelstück gegen den Kopf. Er fiel zur Seite, und sie taumelte rückwärts, weil der Schwung des Stuhles sie mitriss. Dann prallte der Mann auf dem Boden auf, und sie sprang durch das geschlossene Fenster.
4. KAPITEL
Was jetzt kommt, wird heftig werden
Schwarzwald
Nachdem sie die Apotheke wieder verlassen hatte, blieb Eva einen Moment stehen und benutzte ihren Inhalator, dann setzte sie sich erneut in Bewegung. Dicke Schneeflocken fingen sich in ihren hellroten Locken. Irgendwo bellte ein Hund, ansonsten war die Straße menschenleer.
Endlich wieder bei ihrem Wagen angekommen, durchsuchte sie den Inhalt ihrer Handtasche nach den Autoschlüsseln, fand sie, schloss auf und hatte sich gerade hineingesetzt und die Tür zugeschlagen, als sie von außen wieder aufgerissen wurde. Im Türrahmen erschienen die Umrisse eines Mannes. „Raus aus dem Wagen! Sofort!“
Starr vor Schreck, bewegte Eva sich überhaupt nicht.
Bereits in der nächsten Sekunde griff eine Hand in den Wagen, die sie herausziehen wollte. Sie wich zurück, drückte sich so tief in den Sitz, dass der Mann sich zu ihr hineinbeugen musste, um sie mit einer Hand am Mantel zu packen. Mit der anderen Hand drückte er ihr etwas an den Kopf. „Komm raus oder ich knall dich gleich hier ab!“
Eva spürte eine Waffe an der Stirn und immer mehr Eiseskälte in der Magengrube. „Wollen Sie Geld?“, fragte sie zitternd. „Ich habe etwa vierzig Euro …“
„Kein Geld. Raus aus dem Wagen! Sofort!“
Mit zittrigen Beinen stieg Eva aus. Ihr Herz hämmerte nur so gegen ihre Brust.
„Du gehst jetzt mit mir zu dem Kastenwagen dort drüben“, sagte er. „Und zwar ohne einen Mucks. Ein Trick von dir und ich knall dich ab. Kapiert?“
Eva bewegte sich trotzdem nicht. Denn wenn sie erst einmal in dem Kastenwagen war – das wusste sie instinktiv –, dann gab es keine Rettung mehr für sie.
„Soll ich dich gleich hier umbringen?“, schrie er sie an. „Willst du das, ja?“ Er drückte den Lauf der Waffe genau zwischen ihre Augen. „Macht mir nichts aus! Macht mir gar nichts aus! Ich knall dich gleich jetzt und hier ab, du dämliche …“
Er kam nicht dazu, den Satz zu beenden.
Obwohl sich das Folgende binnen weniger Sekunden abspielte, schien sich die Zeit mit einem Mal zu verlangsamen und dann fast zum Stillstand zu kommen: Etwas zischte an Eva vorbei, sie spürte es mehr, als dass sie es hörte, und der Mann schrie auf, was ein seltsames, krächzendes Geräusch war, das ihm in der Kehle stecken blieb. In der nächsten Sekunde – oder war es noch dieselbe? – blickte er mit ungläubigem Gesicht auf seine rechte Schulter und stellte fest, dass er blutete. Dann ließ er die Waffe fallen und kippte nach vorne. Noch im Fallen griff er nach Evas Mantel. Sie verlor den Halt und ging ebenfalls zu Boden. Sofort versuchte sie, wieder aufzustehen, rutschte aber mit den Schuhen im Schnee weg und kam erneut hart auf. Im nächsten Moment griff jemand unter ihre Schulter und zog sie mit Kraft nach oben. Eine Stimme zischte: „Wir müssen hier weg. Beeil dich. Komm.“
Eva wandte den Kopf und erkannte eine Gestalt in dunkler Daunenjacke und mit dunkler Strickmütze auf dem Kopf. Immer noch im Nebel ihres eigenen Kopfes gefangen, stellte sie fest, dass die Gestalt Julia unglaublich ähnlich sah. Vielleicht mit ein paar Fältchen mehr um die Augen als noch bei ihrem letzten Zusammentreffen, aber sonst … Eine Doppelgängerin, dachte Eva, und schloss für einen kurzen Moment die Augen, was es hinter ihren Lidern heftig aufblitzen ließ. Schnell öffnete sie die Augen wieder, und in dem Moment realisierte sie, dass es tatsächlich Julia war.
Eva öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch der Mann am Boden hatte, von Schmerzen und Krämpfen geschüttelt, inzwischen mit der linken Hand seine Waffe wieder erreicht. Mit einem Würgen in der Kehle hob er sie an und richtete sie genau auf Julias Brust. Leise fluchend hob sie ihre eigene Waffe noch einmal an und drückte ein zweites Mal ab. Dann packte sie Eva bei der Hand und zog sie mit sich.
„Langsamer!“ Evas Herz raste. Schmerzhafte Adrenalinstöße rauschten nur so durch ihren Körper. Doch Julia hielt sie weiter fest an der Hand gepackt und zog sie unnachgiebig hinter sich her.
„Julia …“
„Noch nicht.“
„Langsamer, ich …“
„Noch nicht.“
Sie bogen in einen Feldweg ein, der an einem gefrorenen Bach entlanglief, dann rannten sie auf Julias dunklen Volvo zu, der am Ende zwischen zwei Bäumen geparkt stand.
Eva keuchte, rang nach Atem. „Wir müssen die Polizei …“
„Nein.“ Julia stieg ein und öffnete die Beifahrertür. „Komm.“
Doch Eva bewegte sich nicht. „Der Typ wollte mich gerade entführen, und du hast auf ihn geschossen! Wir müssen doch …“
„Eva, bitte!“ Flehend sah Julia sie an. „Vertrau mir und steig ein. Bitte!“
Endlich bewegte Eva sich. Sie saß noch nicht richtig im Wagen, als er auch schon gestartet wurde. Julia legte den ersten Gang ein und fuhr los.
„Wohin fahren wir?“
„Den Berg hinauf. Zu der Hütte, die du gemietet hast.“
Eva sah auf. „Woher weißt du von der Hütte?“
Keine Antwort.
Links und rechts standen die Bäume viel zu dicht an der schmalen Straße. Der Motor hörte sich an, als fräße er sich Meter für Meter durch Schnee und Kälte. Sie gab mehr Gas, die Reifen verwandelten den Schnee zu Matsch, der gegen den Boden der Karosserie peitschte. Die Frontscheibe beschlug immer mehr, sodass sie das Fenster öffnen musste, was zur Folge hatte, dass Eva von Kopf bis Fuß zu zittern anfing. Den Mantel fest um den Leib geschlungen, schob sie Nase und Mund in den hochgeschlagenen Kragen und konzentrierte sich darauf, gleichmäßig zu atmen.
Meter für Meter, Schneeflocke für Schneeflocke arbeitete sich der alte Volvo den Berg hinauf. Julia wischte mit dem Ärmel ihrer Jacke über die Frontscheibe, was lediglich einen besseren Ausblick auf das dichte Schneetreiben ermöglichte.
Eva bemühte sich, etwas jenseits der Motorhaube zu erkennen, und ertappte sich dabei, wie sie in jeder einzelnen der folgenden Haarnadelkurven den Atem anhielt. Vor lauter Anspannung begannen schon die Muskeln in ihrem Nacken zu brennen. Ebenso wie ihr der Schweiß unter der dicken Kleidung aus allen Poren drang.
Und dann geschah es. Um weiter hinaufzukommen, musste Julia mehr Gas geben, gleichzeitig musste sie rechts einschlagen, um die nächste Haarnadelkurve zu nehmen. Die Vorderräder folgten auch tatsächlich dem Befehl des Lenkrades, nur der Wagen nicht. Das Heck brach aus.
Der Wagen gab den Gesetzen der Physik nach und schlitterte zuerst seitlich den Berg hinunter, dann machte er eine weitere halbe Drehung und rutschte endgültig von der Straße.
Groß und bedrohlich kamen die Bäume auf die Windschutzscheibe zu, Eva nahm es nur verschwommen wahr, die Konturen liefen förmlich ineinander. Dafür waren die Geräusche umso klarer: das Zerplatzen der Windschutzscheibe; das Knacken von Ästen und das Reißen von Metall. Es war alles klar und deutlich zu hören, in dem Moment, in dem der Wagen frontal gegen einen Baum krachte.
Wenn es für die Stille der nächsten Sekunden überhaupt eine Metapher gab, dann nur die, dass sie wie eine Mauer war, die sie beide vollkommen umschloss.
Fünf, zehn, fünfzehn Sekunden, dann beugte Julia sich zu Eva hinüber, nahm ihr Gesicht zwischen beide Hände und fragte: „Alles okay?“
Eva war benommen, aber sie hatte die Augen geöffnet und atmete. Und nirgendwo war Blut zu sehen. Immerhin.
„Alles okay?“, fragte Julia noch einmal. „Eva! Rede mit mir!“
„Ja, ich … glaube schon.“
Erleichtert atmete Julia auf, stieg aus dem Wagen und eilte einmal um ihn herum. „Shit! Shitshitshit!“ Mit Wucht trat sie gegen den linken Vorderreifen, der platt war wie eine Flunder, kam dann zur Fahrertür zurück, beugte sich in den Wagen und holte einen Rucksack vom Rücksitz. „Wir müssen laufen.“
„Was?“
„Wir müssen den Rest der Strecke laufen.“
„Nein.“ In Evas Magen rumorte es. Sie glaubte, sich jeden Moment übergeben zu müssen. „Ich denk ja nicht dran. Julia, du hast gerade einen Menschen …“
„Wir haben keine Zeit zu diskutieren, okay? Der Typ war ein Killer. Er hätte dich ohne mit der Wimper zu zucken umgebracht. Und ich glaube nicht, dass er alleine war. Also bitte, Eva, komm jetzt. Komm!“
Einen Moment starrten sie sich in die Augen, dann endlich bewegte sich Eva aus dem Wagen. Sie machte ein paar unsichere Schritte auf dem vereisten Boden, blinzelte und blieb gleich wieder stehen. „Meine Tasche.“ So schnell sie konnte eilte sie zum Wagen zurück, öffnete die Beifahrertür und beugte sich hinein. Ein paar Sekunden suchte sie nach ihrer Handtasche, ehe sie sie erleichtert unter dem Beifahrersitz hervorzog.
„Bist du jetzt endlich so weit?“, fragte Julia ungeduldig.
Eva nickte und kam zu ihr zurück.
„Prima. Dann lass meine Hand jetzt nicht los. Was jetzt kommt, wird heftig werden.“
5. KAPITEL
Jo Holmen
Norwegen
Als Susanne wieder zu sich kam, befand sie sich in einem altmodischen Wohnzimmer; das immerhin war leicht zu erkennen, aber der Kopf über ihr verschwamm, weil sie noch nicht ganz bei sich war.
„Ah, du bist wach“, sagte eine Männerstimme in gebrochenem Deutsch.
„Das ist gut. Du siehst ganz schön mitgenommen aus, Susanne.“
Er kannte ihren Namen! Woher kannte er ihren Namen?
Susanne gab sich alle Mühe, konzentrierte sich und wartete darauf, dass sie endlich wieder scharf sehen konnte. Als es ihr schließlich gelang, stellte sie fest, dass der Mann über sechzig sein musste, hellblondes Haar hatte und einen ebenso hellblonden Backenbart. Aus seinen Ohren wuchsen Haare, und er lächelte freundlich.
Sie wollte etwas sagen, aber ihr Hals war zu trocken, und das Sprechen fiel ihr schwer. Schließlich schaffte sie es, zu fragen: „Wer sind Sie?“
„Mein Name ist Jo. Du bist durch ein geschlossenes Fenster gesprungen und ziemlich gestürzt. Ich hatte schon Angst, du könntest schwer verletzt sein. Aber du hast nur ein paar kleine Schnitte und Schürfwunden. Hattest ganz schön Glück, das hätte auch anders enden können. Kannst du dich an den Sturz erinnern?“
Konnte Susanne sich überhaupt an etwas erinnern? Irgendjemand hatte sie gewarnt. Ja, das wusste sie noch ganz sicher. Es war Jörg gewesen. Dann hatte sie einen Polizisten mit einem Stuhl niedergeschlagen, und … danach befand sich in ihrem Kopf nur noch ein schwarzes Loch.
Der Mann mit dem Namen Jo lächelte aufmunternd. „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Du bist in Sicherheit.“
Susanne hatte daran ihre Zweifel. Sie ließ den Blick durch den Raum schweifen, um sich einen Eindruck darüber zu verschaffen, wo sie war. Es schien sich um ein ganz normales Wohnzimmer zu handeln. Ein Schrank, eine Couch, ein Sessel, ein Tisch, ein alter Fernseher. Unauffällig bewegte sie die Beine, um zu überprüfen, ob sie vielleicht fixiert waren. Aber nein, sie war nicht gefesselt. Vielleicht war dieser Jo ja doch nur ein ganz normaler, anständiger Norweger, der ihr einfach helfen wollte. Vielleicht kam sie noch einmal davon. Vielleicht sollte sie aber auch versuchen, aufzustehen und auf ein Neues wegzulaufen.
Allerdings nicht, solange er zwischen ihr und der Tür stand.
„Ich will dir wirklich nur helfen, Susanne.“ Jo lächelte unverdrossen weiter. „Die ganze Zeit habe ich schon ein Auge auf dich.“
Susanne erstarrte. „Was soll das heißen?“
„Es ist Julia Wagners Ferienhaus, in dem du dich versteckt hast.“
„Ja. Und weiter?“
Jo seufzte leise. „Sie rief mich von Deutschland aus an, kurz bevor du vor ein paar Monaten hier aufgetaucht bist. Sie war nicht sicher, ob du tatsächlich kommen würdest, aber falls doch, meinte sie, ich solle ein Auge auf dich haben.“
Susanne schluckte noch einmal. Das würde bedeuten, dass Jo und Julia sich kannten, und damit gehörte er zu den Guten. Das war prima – wenn es stimmte.
„Warum ausgerechnet Sie?“, wollte sie wissen. „Ich meine, warum hat Julia ausgerechnet Sie darum gebeten?“
„Ich bin dein Nachbar.“
Nun ja, „Nachbar“ war in dieser Gegend relativ. Die einzelnen Häuser lagen Hunderte von Metern voneinander entfernt. Susanne wusste zwar immer, dass sie einen Nachbarn hatte, aber sie hatte sich nie die Mühe gemacht, sich näher mit ihm zu beschäftigen. Vielleicht hätte sie das mal besser tun sollen.
„Julia und ich kennen uns schon sehr lange“, redete Jo weiter. „Das Ferienhaus, in dem du dich versteckt hast, gehörte ihren Eltern. Als sie noch ein Kind war, machte die Familie jedes Jahr Urlaub dort drüben. Nach dem Tod ihrer Eltern hat Julia das Haus geerbt. Ich habe mich darum gekümmert, bis sie achtzehn war, aber sie war danach nicht mehr sehr oft hier. Sie bat mich, mich auch weiterhin um alles zu kümmern. Das habe ich getan, und daher kennen wir uns.“
Susanne schloss für einen Moment die Augen, atmete tief durch. Ganz ruhig, es ist alles in Ordnung. Denn das bedeutete, dass sie Jo tatsächlich vertrauen konnte. Trotzdem öffnete sie die Augen sofort wieder. „Ich muss aufstehen.“ Sie versuchte, sich aufzurichten. „Ich muss verschwinden. Ich muss …“
„Wo willst du denn hin? Du wirst überall gesucht. Du hast einen Mordversuch begangen, vergiss das nicht.“
Susanne verharrte in der Bewegung. Das hatte Julia ihm garantiert nicht erzählt. Jedenfalls konnte sie sich das beim besten Willen nicht vorstellen. „Es war kein ‚Mordversuch‘. Und woher wissen Sie das überhaupt?“
„Ich habe Internet.“ Mit einem leisen Grunzen ließ Jo sich in den Sessel sinken. „Du hast im letzten Sommer einen mächtigen Rabatz veranstaltet mit deiner Flucht aus der geschlossenen Psychiatrie.“
Susanne sah sich noch einmal im Raum um, fand aber nirgendwo einen Computer.
„Er steht oben, im Arbeitszimmer.“
Sie hob die Beine über die Kante der Couch. In der nächsten Sekunde wurde ihr jedoch schon wieder schwindlig. Sie spürte selbst, wie sie aschfahl wurde. Sämtliches Blut verließ ihren Kopf und rauschte wie ein Wildwasserbach in ihre Beine, wo es allerdings auch nicht blieb. In ihrem Körper ging es drunter und drüber. Sie sank zurück in die Kissen. Sie musste noch einen Moment liegen bleiben und das Beste hoffen.
„Der Polizist“, sagte sie nach ein paar Sekunden. „Er stand auf einmal hinter mir. Mit einer Waffe. Mein Bruder rief mich kurz vorher an und warnte mich, dass ich verschwinden müsse. Damit war klar, dass die Polizei auftauchen würde, aber ich ahnte nicht, dass es so schnell geschehen würde.“
Jo schüttelte den Kopf. „Der Polizist hat dich für eine ganz normale Einbrecherin gehalten. Die Ferienhäuser stehen mitunter sehr lange leer, und da passiert es schon mal, dass eingebrochen wird.“ Er machte eine Handbewegung. „Du hast ihm einen Stuhl über den Kopf gezogen, bist aus dem geschlossenen Fenster gesprungen und in den offenen Kohleschacht gefallen, der sich direkt darunter befindet. Das war dein Glück, denn während du dort unten lagst, habe ich mich um den verletzten Beamten gekümmert und ihm die Richtung gezeigt, in die ich dich habe laufen sehen. Danach hab ich dich aus dem Schacht gezogen und mit zu mir genommen.“
„Damit haben Sie sehr viel riskiert“, sagte Susanne.
Jo seufzte leise und erhob sich wieder vom Sessel. „Wir sollten etwas essen.“
Ihr ganzer Körper fühlte sich an, als wäre sie mit einer Eisenstange verprügelt worden. Mit den Fingern zupfte Susanne ein Stück Brot auseinander und stopfte sich eine Flocke davon in den Mund. Dann griff sie nach der Kaffeetasse und warf einen Blick hinein. Es handelte sich um Instantkaffee. Kleine Klümpchen aus H-Milch schwammen darauf und ließen die Brühe schmutzig aussehen. Trotzdem trank sie einen kleinen Schluck. Erst dann fragte sie: „Warum haben Sie mich nicht bei der Polizei verraten?“
„Warum siezt du mich immer noch? Ist das deine Art, zu zeigen, dass du mich nicht magst?“
„Nein. Sorry. Also, warum hast du mich nicht verraten? Wenn du die Nachrichten über mich so genau verfolgt hast, wie du sagst, dann musst du doch denken, ich wäre eine irre Psychopathin.“
„Ich vertraue Julia. Wenn sie sagt, ich soll dir helfen, dann tue ich das. Du solltest übrigens wirklich etwas essen. Du wirst es noch brauchen.“ Jo zerteilte sein Spiegelei mit einer Gabel, schob es sich in den Mund, kaute und schluckte. Dann fragte er: „Du wolltest den Mann also gar nicht umbringen?“
„Nein.“ Susanne rollte ein Stück Käse in eine Scheibe Wurst und biss hinein. „Er wollte eine Frau vergewaltigen. Ich kam dazu und wollte ihr helfen, aber der Kerl war riesig. Auf dem Boden lag eine zerschlagene Glasflasche. Ich wusste mir nicht anders zu helfen und hab ihm eine Scherbe in den Rücken gerammt. Eine ziemlich fette Scherbe, zugegeben. Aber was hätte ich sonst tun sollen? Zusehen, wie er sie vergewaltigt?“
„Was ist dann passiert?“
Susanne seufzte leise. „Leider verweigerte die Frau hinterher die Aussage. Sie zeigte den Typen auch nicht an. Die Anzeige bekam ich von ihm. Ich landete in der geschlossenen Psychiatrie, und dort sollte dann per Gutachten bewiesen werden, dass ich zu hundert Prozent irre bin und auf jeden Fall in die Klapse gehöre.“
„Geht das denn so leicht?“, fragte Jo. „Einen Menschen einfach in der geschlossenen Psychiatrie zu behalten?“
„Ich hab vorher leider schon zu viel Mist gebaut.“
Jo nickte langsam. Er hatte das Spiegelei auf seinem Teller aufgegessen, nun griff er nach einem Päckchen Tabak und begann mit ruhigen Händen, eine Zigarette zu drehen, die er an sie weiterreichte. Dann drehte er eine zweite, die er sich selbst zwischen die Lippen steckte. „Bereust du, dass du den Mann angegriffen hast?“
„Oh, ich bereue so manches.“ Susanne betrachtete die Zigarette zwischen ihren zittrigen Fingern. „Aber wenn ich ehrlich bin, gehört das nicht dazu. Ich denke, ich habe größere Fehler begangen in meinem Leben.“
„Zum Beispiel?“
„Ich wüsste nicht, wo ich anfangen sollte.“
„Am besten vorne.“
Noch einmal seufzte Susanne leise auf. „Im Grunde genommen ist mein ganzes Leben eine einzige Kette von Versagen und Scheitern.“ Sie begann, an den Fingern aufzuzählen. „Ich habe nie etwas wirklich zu Ende gebracht. Die Beziehung zu meinen Eltern war von Anfang an beschissen. Mit meinem Bruder Jörg habe ich erst zusammengefunden, als es schon fast zu spät war. Beruflich kriege ich kein Bein auf den Boden, und Beziehungen kriege ich auch nicht hin. Nicht einmal eine Blume, die ich in meiner Wohnung ins Wasser stelle, hält den Kopf länger als einen Tag oben.“ Sie seufzte noch einmal. „Und dann, gerade als ich dachte, dass gar nichts mehr geht, dass ich am Ende des Weges angekommen bin, da tauchte auf einmal ein Mensch auf, der … es gut mit mir zu meinen schien. Und was mache ich? Ich begehe den größten Verrat, den ich hätte begehen können.“
„Du redest von Julia?“
„Ja. Sie war zur selben Zeit in der Psychiatrie wie ich. Dort haben wir uns kennengelernt.“
„Was ist dann passiert?“
Susanne senkte den Blick, starrte auf die Wolldecke, die um ihre Füße gewickelt war. „Ich habe sie verraten. Zu meinem Vorteil. Jedenfalls dachte ich, dass es zu meinem Vorteil wäre.“
Als Jo daraufhin schwieg, fügte sie hinzu: „Und trotzdem hat sie mir, der dummen, arroganten Susanne, bei der Flucht aus der Klinik geholfen. Sie hätte mich verpfeifen können, es wäre ein Leichtes für sie gewesen, aber sie hat es nicht getan. Stattdessen durchquerte sie mit mir den Tunnel unter dem Kloster – das ist eine wirklich lange Geschichte –, und kurz bevor wir uns trennten, nannte sie mir die Adresse des Ferienhauses hier in Norwegen. ‚Wenn du es schaffst, genügend Geld aufzutreiben und irgendwie dorthin zu kommen, dann kannst du dich dort so lange verstecken, wie du willst‘, hat sie gesagt.“ Jetzt endlich zündete Susanne die Zigarette an, die sie die ganze Zeit in den Fingern gehalten hatte. Sie tat einen Zug, sog den Rauch tief in die Lunge und stieß ihn dann in Richtung Decke. „Für mich war sie damit endgültig eine Heldin. Ein Status, den ich in ihren Augen in diesem Leben garantiert nicht mehr erreiche.“
Jo kratzte sich am Kopf. „Was meinst du damit, du hast sie zu deinem Vorteil verraten?“
„Ich habe sie ausspioniert. Ich dachte, ich bekäme so meine Freiheit zurück.“ Noch einmal zog Susanne an der Zigarette und fügte erklärend hinzu: „Eines Tages tauchte eine Anwältin in der Psychiatrie auf und sagte mir, dass ich nicht dortbleiben müsse. Egert, so hieß der Typ, dem ich die Scherbe in den Rücken rammte, würde die Anzeige gegen mich zurücknehmen, das Verfahren gegen mich würde eingestellt werden. Ich müsste dafür nur eine Kleinigkeit tun. Ich müsste mich mit Julia anfreunden und … ja, sie ausspionieren. Und ich habe mich darauf eingelassen.“
Jo pfiff leise durch die Zähne.
Susanne war nicht in der Lage, ihm in die Augen zu sehen. „Du kannst mich ruhig dafür verachten. Es kommt nicht mehr darauf an. Ich hasse mich selbst schon genug dafür. Aber ich sah darin eine echte Chance für mich. Eine Chance auf Freiheit. Ich dachte, wenn ich die nächsten Jahre in der Klapse bleiben muss, dann drehe ich wirklich noch durch. Deshalb habe ich es getan. Und ich konnte ja auch nicht ahnen, dass ich mit dem, was ich tue, am Ende …“
„… die Meute scharfmache?“, vollendete Jo den Satz.
Susanne sah auf. „Du weißt, worum es geht?“
„Nein.“
„Das glaube ich dir nicht. Sag mir, was du weißt, Jo. Bitte.“
Jo schwieg, trank einen Schluck von der Instantbrühe.
„Kanntest du Julias Vater?“, hakte Susanne nach.
„Sven Wagner? Natürlich. Er hat das Ferienhaus 1980 gekauft und danach, wie ich schon sagte, jedes Jahr mit seiner Familie hier Urlaub gemacht. Dadurch lernten wir uns kennen.“
„Was weißt du über ihn? Erzähl mir alles, bitte. An dem letzten Abend, den ich mit Julia verbrachte, sagte sie zu mir, dass ihr Vater umgebracht worden wäre und dass seine Mörder nun hinter ihr her wären. Aber das ging alles so verdammt schnell, dass ich ihr kaum folgen konnte.“
„Ich kann dir nichts dazu sagen, Susanne.“
„Warum wurde er umgebracht?“
„Das kann ich dir wirklich nicht beantworten.“
„Julia meinte in jener Nacht noch, dass sie vermutlich als Kind entführt worden wäre, aber sie würde sich kaum daran erinnern.“ Fragend sah Susanne Jo an. „Kann das möglich sein? Ich meine, kann es sein, dass ein Kind entführt wird, diese Entführung aber anschließend wieder vergisst?“
Er hob die Schultern an. „Das käme wohl darauf an, wie traumatisch das Erlebnis war. Vielleicht ist es eine Art Selbstschutz der Seele, einfach zu verdrängen, was passiert ist. Aber immerhin, es würde passen.“
„Was würde passen? Was meinst du?“
„Wenn es diese Entführung tatsächlich gegeben hat, dann kann das nur 1985 passiert sein. Denn das war das einzige Jahr, in dem die Familie ihren Urlaub nicht hier verbracht hat. Und im Sommer danach waren sie alle nicht mehr dieselben.“ Mit einem Ruck erhob Jo sich vom Stuhl. „Wir sollten jetzt besser aufhören. Du siehst aus, als hätte dich eine Dampfwalze überrollt.“ Er wandte sich ab und schritt zur Tür.
„Warte, Jo. Bitte.“
Er drehte sich noch einmal zu ihr um.
„Ich weiß, dass das jetzt nicht besonders glaubwürdig klingt, aber ich mag Julia wirklich. Sie ist ein guter Mensch und ich … habe seit meiner Flucht nichts mehr von ihr gehört. Weißt du, wo sie gerade steckt und wie es ihr geht?“
Jo schüttelte den Kopf. „Ich hab seit Wochen nichts mehr von ihr gehört.“ Im flackernden Licht der Wohnzimmerlampe war der Ausdruck seiner Augen nicht zu erkennen. „Aber sie kommt klar. Um dich mache ich mir mehr Sorgen. Wir müssen uns überlegen, was wir weiter mit dir machen. Im Augenblick bist du hier sicher, aber vermutlich nicht mehr lange.“
Damit verließ er das Zimmer, während Susanne auf der Couch sitzen blieb und die offene Tür anstarrte.
Oktober 2008
Die Leiche – oder was davon noch übrig war – lag auf einer blanken Stahlbahre. Einzelne verkohlte Fleischfetzen waren abgeblättert und besprenkelten das glänzende Metall. Die Augenhöhlen, in denen einst bestimmt leuchtende Augen saßen, waren nur noch leere Vertiefungen, und die Lippen waren bis auf die Knochen weggeschält.
Doktor Norbert Fesser stand von Kopf bis Fuß verhüllt vor der Bahre: Kittel, Maske, Handschuhe, eine Kappe auf dem Haar.
„Herr Doktor“, sagte Zander, „was haben Sie für uns?“
„Einiges.“ Der Arzt zog sich die Maske von der unteren Gesichtshälfte. „Bei der Leiche handelt es sich definitiv um eine Frau. Auch wenn nur wenig von ihr übrig geblieben ist, so kann man doch erkennen, dass der Hüftknochen zu breit für einen Mann ist. Sie dürfte kaum älter als zwanzig Jahre alt gewesen sein und ungefähr eins siebzig bis ein fünfundsiebzig groß. Ach ja, und ihr wurde vor ihrem Tod physisch schwer zugesetzt.“
„Was heißt das?“, fragte Julia. „Dass sie verprügelt wurde?“
„Massiv verprügelt sogar. Unter anderem haben wir hier einen ausgeschlagenen Zahn, den Röntgenbildern zufolge außerdem zwei gebrochene Rippen, einen gebrochenen kleinen Finger und eine Nasenbeinfraktur. Und der Schädel … nun ja, sehen Sie selbst. Ein Schlag, der kräftig genug ist um die Schädeldrecke zu zerbrechen, erzeugt Risse, die aussehen wie Blitze am Himmel. Und genau das haben wir hier: Zickzacklinien, die nur durch einen schweren Schlag verursacht worden sein können, schwer genug, den Schädel stark zu verletzen, ohne ihn wirklich zu zerbrechen.“
„Womit ist sie geschlagen worden?“, fragte Zander.
„Zum größten Teil würde ich auf Fäuste tippen. Die Kopfverletzung dürfte von so etwas wie einem Baseballschläger stammen.“
Einen Moment schwiegen alle drei. Die Schreie, die die Frau in ihren letzten Minuten von sich gegeben hatte, schienen von den Wänden widerzuhallen.
„War sie schon tot, als sie angezündet wurde?“, fragte Julia dann.
„Nein. Es ist allerdings anzunehmen, dass sie bereits bewusstlos war und nichts mehr mitbekam.“ Fesser streifte sich die Handschuhe von den Händen. „Und ich habe noch etwas für Sie: In der Asche wurden Metallknöpfe sowie Reste eines Reißverschlusses gefunden. Die Frau war demnach also nicht nackt, als das Verbrechen begangen wurde. Ein Sexualverbrechen können wir damit wohl ausschließen.“
„Wenn wir von einem Mann als Täter ausgehen“, wandte Julia ein, „kann es sich trotzdem um etwas Sexuelles handeln.“
„Wenn er sie nicht vergewaltigt hat, wo bleibt dann die Befriedigung?“, wollte Zander wissen.
Sie hob die Schultern in die Höhe. „Er könnte masturbiert haben. Auf ihrem verbrannten Körper würden wir keine Spermaspuren mehr finden und am Tatort auch nicht.“
Zander nickte und sah auf die Leiche. „Können Sie uns den Todeszeitpunkt nennen, Herr Doktor?“
„Zwischen ein Uhr und drei Uhr in der Nacht von Samstag auf Sonntag.“
Wieder schwiegen sie einen Moment.
„Er schlägt sie mit bloßen Fäusten und einem Baseballschläger bis zur Ohnmacht“, sagte Zander dann. „Und als würde das noch nicht reichen, zündet er sie dann auch noch an. Womit ist eine solche Brutalität zu erklären?“
Julia wandte ihm den Blick zu. Einen Moment schien es, als wolle sie darauf antworten, sagte dann aber stattdessen zu Doktor Fesser: „Können wir ihr Gesicht rekonstruieren?“
„Wir befinden uns im 21. Jahrhundert, Frau Kommissarin.“ Der Arzt lächelte. „Wir können mit unseren Computern fast alles, auch kleine Wunder vollbringen. Meine Kollegen arbeiten bereits daran. Geben sie ihnen noch ein bisschen Zeit, dann haben wir ein Computerbild von ihrem Gesicht.“
6. KAPITEL
Kalte Angst
Schwarzwald
Als Julia gesagt hatte, dass es heftig werden würde, war das noch stark untertrieben. Selbst an einem schönen Tag mit idealen Bedingungen wäre die Strecke schon für einen trainierten Sportler eine kräftezehrende Angelegenheit gewesen. Sie beide waren weder Sportler, noch waren das hier ideale Bedingungen. Der Wind blies ihnen direkt ins Gesicht, sodass sie die Köpfe gesenkt halten mussten und zeitweise blind durch einen Wirbelsturm aus Hagelkörnern marschierten, die sich wie Glasscherben anfühlten, wenn sie auf das Gesicht prallten. Eva war sich sicher, ihre Nasenhaare bei jedem Atemzug knistern hören zu können. Gleichzeitig spürte sie, wie das Wasser in ihren Augen vor Kälte zähflüssig wurde. Sie verlor den Halt, fiel in den Schnee und landete schmerzhaft auf einer Baumwurzel. Julia zog sie wieder in die Höhe, und sie wankte weiter vorwärts, auf Messern, die in ihre Füße stachen. Zwar trug Eva Winterschuhe, aber selbst die waren für einen solchen Marsch nicht geeignet; das Wasser war längst bis zu ihren Füßen durchgedrungen. Gleichzeitig spürte sie, wie sich der Druck in ihren Ohren veränderte. Ihr war klar, dass sie nicht mehr sehr viel länger durchhalten würde. Und tatsächlich, schon kurz darauf zerrte der Marsch so sehr an ihren Kräften, dass sie anhalten musste, um Atem zu schöpfen. Julia legte einen Arm um ihre Hüften und schob sie weiter vorwärts.
Dann, endlich, waren sie angekommen. Vor Erleichterung hätte Eva weinen mögen.
Die Hütte lag unter einer glitzernden Schneeschicht, so blendend hell, dass sie blinzeln mussten – ein Pfefferkuchenhaus mit Zuckerguss. Unter anderen Umständen hätten sie den Anblick sicher genossen. In diesem Moment jedoch hatten sie beide keinen Blick dafür.
Julia ließ Eva einen Moment los, drehte sich einmal um die eigene Achse und ließ den Blick schweifen, ehe sie die letzten Meter hinter sich brachten.
Endlich angekommen, begann Eva nach den Schlüsseln zu suchen, aber ihre Hände waren eiskalt und fast taub. Gleichzeitig spürte sie eine unglaubliche Kälte in der Lendengegend. Nur mit Mühe bekam sie die Hand in ihre Handtasche. Ihre steifen Finger schmerzten, als sie sie hineinzwang. Dann endlich hielt sie die Schlüssel in der Hand, und wenig später war die Tür offen. Sie stolperte hinein, hatte sofort die Couch im Auge, wollte sich nur noch daraufsinken lassen, einschlafen und nie wieder aufwachen. Aber im Inneren der Hütte war es inzwischen so kalt, dass sie sich zuerst zum Wandthermostat schleppen musste, um den Zeiger nach oben zu schieben, bis sie das beruhigende Surren der Luft aus den Heizungsschlitzen hörte. Dann nahm sie all ihre Kraft zusammen und wandte sich zu Julia um. „Sagst du mir jetzt bitte, was hier los ist? Was wollte der Typ im Dorf von mir? Aus welchem Loch bist du so plötzlich wieder gekrochen? Warum willst du nicht zur Polizei? Und woher wusstest du, dass ich diese Hütte gemietet habe?“
Julia reagierte überhaupt nicht auf die vielen Fragen. Sie zog sich die Mütze vom Kopf und die Jacke aus und ließ beides einfach kraftlos auf den Boden fallen. Dann fragte sie: „Wo ist das Badezimmer?“
„Julia!“
„Wo ist das Badezimmer?“
Wieder starrten sie sich einen Moment an.
Durch Eva tobte ein Wirbelsturm aus Gefühlen, Gedanken und Ängsten. Sie wollte schreien, wild um sich schlagen, aber dann wurde sie sich ihrer eigenen Atmung bewusst. Ihr Klang schien den ganzen Raum auszufüllen, rau und hastig wie das Keuchen eines gehetzten Tiers. Sie versuchte, es unter Kontrolle zu bekommen, deutete auf eine Tür und sagte mit gepresster Stimme: „Da rein, ins Schlafzimmer, und dann rechts.“
Sie beobachtete, wie Julia auf die Tür zuging. Kurz darauf war sie hinter ihr zugefallen.
Im Badezimmer stützte Julia sich einen Moment lang mit beiden Händen am Waschbecken ab, ehe sie den Wasserhahn aufdrehte, was die alten Rohre unter der Hütte erbeben ließ, und sich mit heißem Wasser das Gesicht abspritzte.
Als sie sich dann wieder aufrichtete, waren die Wände um sie herum mit einem Mal schwarz. Dann war es wieder da … Sie befand sich im Inneren eines Wagens und hatte einen staubigen Geschmack im Mund. Sie hatte Angst, wollte weinen, aber es ging nicht, sie war tief, ganz tief in sich selbst und reichte an keine Tränen heran … Dann starrte sie in ein weißes Gesicht wie hinter einer regennassen Glasscheibe …
Dann kamen die Stimmen, gedämpft, als wären sie in einer Flasche verschlossen. Sie konnte sie deutlich hören und doch auch wieder nicht.
„ Aber sie ist noch ein Kind! Was ist, wenn die Dosis zu hoch ist, wenn sie stirbt?“ – „Wann wirst du endlich lernen, mir zu vertrauen?“
In der nächsten Sekunde, war alles wieder vorbei.
Stille.
Julia wartete noch einen Moment, dann richtete sie sich auf und schluckte mühsam. Galle war ihr in die Kehle gestiegen. Sie wartete noch einen weiteren Moment, bis sie sich so weit gefasst hatte, dass sie zurück ins Wohnzimmer gehen konnte. Dort angekommen, sah sie ihre eigene Waffe auf sich gerichtet.
„Gib sie mir, Eva.“
Eva umklammerte die Waffe mit beiden Händen. „Ich werde sie nicht aus der Hand legen, ehe ich weiß, was hier gerade passiert!“
„Das ist kein Spielzeug, okay? Du könntest mich damit umbringen.“
„Stell dir vor, ich weiß, dass das kein Spielzeug ist. Ich habe gerade eben gesehen, wie du damit auf einen Menschen geschossen hast!“
Ganz langsam streckte Julia die Hand aus. „Bitte, Eva, gib sie mir.“
„Du hast überhaupt keine Ahnung, was für eine Scheißangst ich gerade habe, Julia!“ Eva hörte selbst, wie ihre Stimme immer lauter wurde. „Es ist gerade mal ein paar Monate her, da hast du mich in eine Sache hineingezogen, die ich fast nicht überlebt hätte. Und jetzt tauchst du schon wieder wie aus dem Nichts auf, und – was für ein Zufall! – schon wieder fliegen mir Kugeln um die Ohren!“
„Gib sie mir, Eva.“
„Ich will Antworten!“ Zitternd hob Eva die Waffe etwas an. Hektische rote Flecken zierten ihren Hals. „Und zwar sofort.“
„Ich erklär dir ja alles“, sagte Julia ruhig. „Aber zuerst gibst du mir die Waffe und ziehst dir was anderes an, okay? Du kannst nicht länger in den nassen Klamotten bleiben. So holst du dir nur den sicheren Tod.“
Eva sah an sich hinab. Sie war völlig durchnässt. Unter den Sohlen ihrer Schuhe hatte sich bereits eine Pfütze gebildet.
„Bitte“, sagte Julia eindringlich.
Nur langsam, ganz langsam reichte Eva ihr die Waffe. So als würde sich jede einzelne Sekunde bis zur Ewigkeit dehnen. Dann wandte sie sich ab und wankte in Richtung Badezimmer.
7. KAPITEL
Vorbei ist die Beschaulichkeit
Weidling
Es gab bestimmt nicht wenige Menschen, die behaupteten, in Weidling sei die Zeit stehen geblieben. Und ganz bestimmt wirkte der kleine Ort mitten im Schwarzwald auf viele auch tatsächlich wie im Mittelalter. Wer einmal, aus welchen Gründen auch immer, dort war, dem würden ganz spontan ganz viele Gründe einfallen, weshalb man besser woanders leben sollte. Da war zum einen die Entfernung zur Zivilisation, womit die nächste größere Stadt gemeint ist, die etwa fünfzehn Kilometer nordwestlich lag. Dazu kam, dass Weidling in einer Senke lag, Berge drängten sich um den Ort herum, es führte nur eine Straße hinein und die hörte an einer veralteten Telefonzelle am Dorfplatz auf. Es gab nur ungefähr ein Dutzend Häuser, ein paar Bauernhöfe, eine Kneipe und eine Apotheke. Immerhin, die gab es hier, was einen Sinn ergab, betrachtete man die strengen, langen und schneereichen Winter, vor allem aber das Durchschnittsalter der Dorfbewohner.
Zusammengefasst: Es passierte nicht viel in Weidling. Aber es rankte sich seit vielen, vielen Jahren eine Legende um den Ort: die Legende um den Schwarzen Mann.
Vor langer, langer Zeit, so erzählten es die Dorfbewohner, suchte eine unheimliche Gestalt das Dorf heim. Niemand bekam sie je zu Gesicht, aber alle wussten, dass sie da war. Scheunen gingen mit einem Mal lodernd in Flammen auf, von Hühnern und Schweinen in den Ställen wurden nur noch die Knochen gefunden, Hunde und Katzen verschwanden spurlos. Hysterie brach aus im Dorf, die Türen wurden verrammelt, eine Bürgerwehr gegründet. Man suchte, aber man fand ihn nicht, den Schwarzen Mann. Doch seine Taten gingen weiter. Wenigstens noch eine Zeit lang. Und dann, ganz plötzlich, passierte nichts mehr. So schnell, wie er gekommen war, so schnell war er auch wieder verschwunden.
Ob dies alles tatsächlich genau so geschehen war oder ob es sich nicht doch einfach nur um eine Legende handelte, konnte nie wirklich geklärt werden. Ebenso wenig die Frage, warum er – der Schwarze Mann – sich ausgerechnet Weidling für seine Tyrannei ausgesucht hatte. Und warum er so plötzlich wieder verschwunden war – und wohin –, darauf hatte auch niemand eine Antwort.
Wie auch immer, inzwischen waren viele, viele Jahre vergangen, und bis vor einer Stunde war alles im Dorf ruhig gewesen, die beschlagenen Fenster hatten die Häuser blind gemacht. Nichts hatte die Leute aus ihren Häusern locken können.
Wie gesagt, bis vor einer Stunde.
Von dieser Stunde trennte die Dorfbewohner nun eine ganze Welt. Jemand war auf ihrem Marktplatz ermordet worden. Im Schnee aufgefunden, mit zwei Kugeln im Leib, und jetzt waren alle auf den Beinen. Auf einmal schien niemand mehr ein Problem damit zu haben, das Haus zu verlassen; Hände reibend standen sie am Tatort und wirkten dabei wie Landstreicher, die sich an einem Feuer wärmten. Sogar Rocco, der Schäferhund des Dorfwirtes, saß inmitten der Menge. Brav auf seinem Hintern, die Ohren gespitzt, beobachtete er interessiert, was sich um ihn herum tat.
„Macht gefälligst alle ein paar Schritte zurück!“, rief Marina Mayer. „Ihr zertrampelt ja die ganzen Spuren!“
Murmelnd bewegte die Menge sich rückwärts.
Warum ausgerechnet hier? war dann das Erste, was sie sich fragte, während sie auf den Toten hinunterstarrte, auf die kurzen dunklen Haare, die teuren Schuhe und die weit geöffneten, starren Augen, die in den schneienden Himmel blickten. Die zweite Frage, die Marina sich stellte, war, wie alt er wohl geworden war? Sie schätzte ihn auf Anfang vierzig.
„Erschossen“, sagte der Mann, der neben dem Toten stand. Sein Name war Dirk Eismann, und eigentlich verfügte er über keinerlei fachliche Kompetenz, was die klassische Schulmedizin betraf. Er war Tierarzt. Die Todesumstände dieser Leiche hätte allerdings auch der danebenstehende Metzger erkannt. „Mit zwei Kugeln“, fügte er hinzu. „Eine in die rechte Schulter, die zweite offenbar direkt ins Herz.“
„Ritualmord!“, rief jemand.
„Mafia in Weidling!“, fügte ein anderer unsinnigerweise hinzu.
Und sofort geriet die Menge in Wallung.
„Wir brauchen die Polizei!“
„Ich bin die Polizei!“, fauchte Marina, atmete tief durch und zog sich die dicke Fellmütze etwas weiter in die Stirn. „Ich wollte bereits Verstärkung anfordern, kann im Augenblick aber leider niemanden verständigen. Die Telefone sind tot, und die Handys haben kein Netz.“
„Was ist mit dem Computer?“, fragte jemand.
„Auch da geht im Moment nichts. Und selbst wenn ich die Kollegen erreichen könnte, käme im Augenblick niemand zu uns durch. Wir müssen uns erst einmal alleine darum kümmern und hoffen, dass wir so bald wie möglich wieder eine Verbindung zur Außenwelt haben.“ Sie wandte sich wieder an Eismann. „Hast du Papiere bei ihm gefunden?“
Er schüttelte den Kopf. „Nichts.“
„Dann sollten wir uns zuerst einmal Klarheit darüber verschaffen, um wen es sich hierbei überhaupt handelt.“
„Vielleicht meldet sich ja jemand. Vielleicht ist der Mann ein Tourist und wird schon bald vermisst.“
Marina deutete auf die Pistole, die neben dem Toten im Schnee lag. „Ein Tourist ohne Papiere, aber mit einer Waffe?“ Sie wandte sich an die Menge. „Elli, wie viele eurer Fremdenzimmer sind zurzeit vermietet?“
Eine Frau um die fünfzig, eingewickelt in einen Poncho, trat nach vorne. „Keins.“
Marina wandte sich wieder an Eismann. „Mehr Fremdenzimmer haben wir nicht in Weidling. Wir machen auf jeden Fall ein Foto von seinem Gesicht. Und dann …“
„Ich hab die Försterhütte vermietet“, unterbrach eine Männerstimme.
Alle wandten die Köpfe in Richtung eines mittelgroßen Mannes, um die sechzig, der einen weißen zotteligen Bart im Gesicht und eine russische Pelzmütze auf dem Kopf trug. Sein Name war Frieder Fäth. Er deutete auf den Toten im Schnee. „Aber nicht an ihn. An eine Frau aus Hamburg. Ihr Name war … warte …“ Er überlegte, dann fiel es ihm wieder ein: „Haack.“ Er machte eine Handbewegung in Richtung des Wagens, neben dem der Tote lag. Deutete auf das Kennzeichen. „Muss ihr gehören, der Wagen.“
„Dann gehört ihr vielleicht auch die Waffe“, bemerkte Eismann.
Alle blickten nun den Berg hinauf, auf dem sich die Försterhütte befand und der umgeben war von dichten Nebelschwaden. Eine Wand aus Watte, die alles schluckte.
„Also, wenn sie inzwischen dort oben ist, dann wirst du die Verhaftung noch etwas verschieben müssen“, bemerkte Eismann. „Ohne Hubschrauber kommst du da jetzt nicht mehr rauf.“
„Und wie soll sie den Berg hinaufgekommen sein?“, fragte Marina. „Ohne Auto? War die Fahrertür eigentlich offen, so wie jetzt?“
Eismann nickte. „Der Zündschlüssel steckt.“
Marina wandte sich wieder an Frieder. „Wann hast du der Frau die Hütte vermietet?“
„Vor zwei Tagen“, antwortete er.
Jemand räusperte sich. „Ich glaube, sie war heute Morgen in meiner Apotheke. Also … die Frau aus Hamburg.“
Alle Köpfe wandten sich nun in Richtung einer alten Frau, die einen vorsichtigen Schritt nach vorne machte. Ihre Haut war so runzlig, dass sie an einen ausgetrockneten Apfel erinnerte. Ihr Name war Margot Morgenstern, ihr gehörte die Apotheke im Dorf. Offenbar hatte sie es eilig gehabt, hierherzukommen, denn sie trug nur eine dünne Strickjacke, die sie frierend enger um sich zog. Aber immerhin, die rosa Ohrwärmer hatte sie nicht vergessen. Margot war schon weit über siebzig und nicht mehr sehr gut auf den Beinen, trotzdem weigerte sie sich beharrlich, in Rente zu gehen, was daran liegen mochte, dass sie selbst ihre beste Kundin war.
„Sie sah sehr auffällig aus“, fügte sie hinzu. „Helle, rote Locken und … “
„Genau!“ Frieder machte eine weit ausholende Bewegung, die an einen Zirkusdirektor erinnerte. „Das ist sie! Vergisst man nicht so schnell.“
„Was hat die Frau bei dir gekauft?“, wollte Marina von Margot wissen.
„Medikamente gegen Asthma.“
„Und hat sie auch etwas zu dir gesagt?“
„Nein. Sie kaufte die Medikamente und verschwand dann ganz schnell wieder. Ich dachte noch, dass sie es bestimmt eilig hat, wieder nach Hause zu kommen. Wo immer das sein mag.“
Marina zog sich ihre Mütze noch etwas weiter über die Ohren. Es war wirklich verdammt kalt. Dann wandte sie sich noch einmal an Frieder Fäth. „Kannst du mir etwas mehr über die Frau sagen?“
Er schüttelte bedauernd den Kopf. „Sie rief vor drei Tagen bei mir an und fragte nach der Hütte. Einen Tag später kam sie vorbei und holte den Schlüssel. Das war’s.“
„Hast du ihr keine Fragen gestellt?“, hakte Marina nach. „Gar keine?“
„Nein.“
„Hat sie bar bezahlt?“
„Ja.“
„Und dann ist sie wieder gegangen?“
„Ja.“
„Und hast du sie danach noch einmal gesehen?“
„Nein. Sie gab mir das Geld, ich gab ihr den Schlüssel. Mehr ist nicht passiert.“ Frieder verstummte.
„Aber du musst doch neugierig gewesen sein“, setzte Marina nach. „Ich meine, da kommt eine Frau aus Hamburg und mietet offenbar alleine … sie war doch alleine?“
Frieder nickte.
„Mietet also alleine die einsame Försterhütte, dort oben auf dem Berg. Erzähl mir nicht, dass dich das nicht neugierig gemacht hat.“
„Klar hat es mich neugierig gemacht. Ich hätte mich auch gerne länger mit ihr unterhalten, ich meine, sie war ja eine echte Augenweide. Ganz meergrüne Augen. Die funkelten wie Smaragde.“ Als ihm auffiel, dass die Augen der gesamten Gruppe auf ihm lagen, konzentrierte Frieder sich wieder auf das Wesentliche. „Hat mich schon gewundert, dass sie alleine unterwegs war. Aber sie machte überhaupt nicht den Eindruck, als wolle sie sich unterhalten …“
„Hattest du das Gefühl, dass sie sich verfolgt fühlte?“
„Nein.“
„In Ordnung.“ Marina betrachtete noch einmal den offenen Wagen. „Frieder, ich benötige von dir eine vernünftige Beschreibung dieser Frau“, sagte sie dann. „Dich, Margot, besuche ich dann anschließend in der Apotheke.“
Die Apothekerin nickte, und Frieder bemerkte mit Überzeugung in der Stimme: „Ich sag euch, diese Frau ist keine Mörderin.“
„Und woher weißt du das?“ Das kam von Dirk Eismann. „Machte sie den Eindruck auf dich, als könnte sie keine Waffe halten?“
„Erfahrung“, sagte Frieder in seine Richtung, „Bauchgefühl und Menschenkenntnis. Alle drei zusammen sagen mir, dass wir mit voreiligen Schlussfolgerungen vorsichtig sein sollten.“
„Das sehe ich auch so“, stimmte Marina zu. „Du schleppst den Wagen ab, Dirk. Bring ihn in deine Garage, vielleicht gibt’s darin ja was zu finden.“
Eismann nickte, und sie wandte sich noch einmal an die gesamte Gruppe. Dabei legte sie alle Autorität, die in ihrem ein Meter siebenundfünfzig großen Körper steckte, in ihre Worte. Bis hierhin war sie nur eine einfache, langweilige Dorfpolizistin gewesen, und wenn man von ganz unten kam und nach ganz oben wollte, dann musste man sich schon ganz besonders strecken. „Ihr wisst, wie wichtig es ist, dass wir Ordnung in die Sache bringen“, sagte sie. „Also bitte, hat sonst noch irgendjemand von euch etwas gesehen, was uns weiterhelfen könnte?“
Kollektives Kopfschütteln der Gruppe.
„Hat jemand die Schüsse gehört?“
Erneutes kollektives Kopfschütteln.
Marina seufzte leise. „Wer hat den Mann gefunden?“
„Das war ich.“ Ulrich Pohl, Dorfwirt und Ellie Pohls Bruder, trat nach vorne. Normalerweise verfügte er über eine Gesichtsfarbe, die an Haferschleim erinnerte, im Augenblick jedoch zeigten sich auf seinen Wangen rote Flecken, während die Kälte die Gläser seiner runden Nickelbrille längst in Abendmahloblaten verwandelt hatte.
„Wann war das?“, wollte Marina von ihm wissen. „Wann hast du den Mann gefunden?“
„Vor einer halben Stunde, so. Ich bin mit Rocco raus.“ Pohl deutete auf den Schäferhund neben sich. „Er musste sein Geschäft machen. Wegen der Kälte und dem ganzen Schnee wollte ich nicht so weit gehen. Wir kamen hier vorbei, und da hab ich ihn entdeckt. Das war’s.“
„Hast du jemanden weglaufen sehen?“
„Nein.“
Das wäre auch zu schön gewesen. Vor allem zu einfach. Marina nickte, betrachtete noch einmal den Toten und dachte darüber nach, wie sie nun am besten weiter vorgehen sollte …
Zwanzig Minuten später stand sie, einigermaßen zufrieden, im schlichten Holzschuppen der Pohls. Zwei Männer aus dem Dorf hatten die Leiche dort auf einem Campingtisch abgelegt. Immerhin lag er hier kühl und geschützt, bis Hilfe von außen kam. Das war aber auch das Einzige, was Marina irgendwie tröstete. Ansonsten war ihr gar nicht wohl. Das Wetter wurde immer schlechter, der Himmel immer dunkler. Es sah im Augenblick nicht so aus, als würde es in nächster Zeit wieder aufhören zu schneien oder als würde es überhaupt jemals wieder aufhören zu schneien.
„Also, ich hab kein gutes Gefühl dabei“, sprach Ellie Pohl aus, was sie dachte.
Marina antwortete nicht darauf, und so starrten sie eine Weile auf den toten Mann.
„Sind die anderen schon losgegangen?“, fragte Ellie dann.
„Ja. Frieder hat die Leitung übernommen. Vielleicht finden sie ja die Frau aus Hamburg.“
„Ich glaube nicht, dass sie weit kommen werden.“
„Nein, vermutlich nicht. Aber einen Versuch ist es wert. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie es zu Fuß und alleine den Berg hinaufgeschafft hat. Vielleicht liegt sie irgendwo und braucht Hilfe.“
„Ja, vielleicht.“
Wieder starrten sie auf die Leiche.
„Ich habe immer gedacht, alle Toten würden so aussehen, als würden sie schlafen“, bemerkte Ellie nach ein paar Sekunden.
Marina sagte nichts darauf, und sie fügte hinzu: „Er sieht überhaupt nicht so aus, als würde er schlafen. Selbst jetzt nicht, nachdem wir ihm die Augen geschlossen haben …“
Einem Impuls folgend machte Marina sich daran, die Taschen der Jacke des Toten zu durchsuchen.
„Was suchst du?“, wollte Ellie wissen.
„Ist es nicht komisch, dass er nicht nur keine Papiere, sondern auch kein Handy dabeihatte?“, sagte Marina. „Ich meine, jedes Kind hat heutzutage ein Handy.“
„Stimmt“, nickte Ellie. „Und sieh dir seine Schuhe an. Das ist italienisches Leder, das sehe ich sofort. Damit spaziert man nicht im tiefen Schnee herum.“ Sie brach ab, als Marina einen kleinen Zettel aus der Jackentasche des Toten zog. „Was ist das?“
„Eine Notiz.“ Marina hob die Augenbrauen in die Höhe. „Eine Zahl. 2012.“
„Eine Jahreszahl?“
„Vielleicht. Oder eine PIN-Kombination.“ Marina steckte den Zettel ein. Sie trat zur Tür des Schuppens und sah einen Moment hinaus in die weiße Wüste. Weiße Berge und schwarze Wolken in einem einzigen Gewirbel aus Schnee.
Jetzt habe ich meine Chance, und ich werde sie nicht vertun, dachte sie. Und hatte überhaupt keine Ahnung, was noch auf sie zukommen würde. Doch als wäre da irgendwo in ihr etwas, das warnend ausschlug, wurde ihr für den Bruchteil einer Sekunde ganz schrecklich übel. Sie schluckte, wandte sich noch einmal an Ellie und sagte: „Danke, dass wir den Schuppen benutzen dürfen. Es tut mir wirklich leid, dass wir euch das zumuten, aber ich sehe gerade keine andere Möglichkeit.“
Ellie nickte unbehaglich und beeilte sich, ihr nach draußen zu folgen.
8. KAPITEL
Und das ist erst der Anfang
Weidling
Der Wind brauste und rauschte in den ungewöhnlichsten Tonlagen um die Hütte. Eva hatte die roten Locken achtlos zu einem Pferdeschwanz nach hinten gerafft. Dazu trug sie einen ausgewaschenen, limettefarbenen Pullover und eine Jeanshose mit einem Loch über dem rechten Knie. Da das nicht ihre übliche Garderobe war, war klar, dass sie im Augenblick auf Autopilot fuhr.
Völlig fertig saß sie auf der Couch, spürte, wie ihr ganzer Körper schmerzte. Ihre Beine fühlten sich an, als wären sie kurz davor, sich aufzulösen. Sie glaubte nicht daran, jemals wieder aufstehen zu können. Aber immerhin, jetzt war es warm in der Hütte. Genau genommen wurde sie geradezu mit Hitze bombardiert – und das von zwei Seiten. Die Heizung lief immer noch auf Hochtouren, und Julia hatte in der Zwischenzeit den Kamin angemacht. Unter normalen Umständen wäre es Eva viel zu heiß gewesen, aber das hier waren keine normalen Umstände. Das hier war … ein Albtraum. Sie wandte den Kopf und sah zu Julia, die an der Küchenzeile stand und darauf wartete, dass der Wasserkocher Dampf spuckte. Als es so weit war, begann sie mit dem heißen Wasser Kaffee aufzubrühen. Ihr Anblick hatte etwas Geisterhaftes. Eva konnte kaum glauben, dass sie tatsächlich da war.
„Ich hab dir auch einen Kaffee gemacht. Ist das in Ordnung?“
„Ich will keinen Kaffee. Ich will jetzt endlich Antworten.“
Mit zwei gefüllten Tassen kam Julia zum Tisch und setzte sich auf die Kante des Sessels. Es dauerte noch einen Moment, dann begann sie: „Die Geschichte im April … Die Teufelsmorde … Wolfgang Lange … Das war alles gesteuert, Eva. Wir dachten, mit seinem Tod wäre es zu Ende, aber das ist es nicht. Es gibt Menschen hinter ihm, die noch weit gefährlicher sind, als er es war. Und diese Leute wollen meinen Tod.“
„Deinen Tod?“ Evas Stimme klang leicht erkältet, sie bemerkte es selbst. Kurz hielt sie sich die Nase zu und versuchte, die Ohren durch ein kurzes Schnauben wieder frei zu bekommen. Dann sagte sie: „Das versteh ich nicht. Warum sollte jemand deinen Tod wollen?“
„Darauf habe ich leider noch keine Antwort. Jedenfalls keine befriedigende. Ich weiß nur, dass es dieselben Leute sind, die auch meinen Vater ermordet haben.“
„Wie bitte?“ Evas Blick war reine Verwirrung. „Dein Vater wurde ermordet?“
„Ja.“
„Woher weißt du das?“
„Zander, mein ehemaliger Kollege in Mainz, hat mir im letzten Sommer einen Umschlag gegeben. Darin befanden sich Obduktionsberichte.“ Julia hob zwei Finger in die Höhe. „Zwei. Der offizielle und ein inoffizieller. In dem offiziellen steht, was ich all die Jahre geglaubt habe, nämlich dass mein Vater bei dem Autounfall ums Leben kam, bei dem auch meine Mutter starb und den ich damals nur knapp überlebte. In dem inoffiziellen Bericht steht, dass sich Gift im Blut meines Vaters befand, als wir den Unfall hatten. Ricin, um genau zu sein. Du bist Biologin, Eva, ich nehme an, du weißt, was das bedeutet.“
„Ricin?“ Eva hustete. „Das ist ja lächerlich. Das ist …“
„Glaub mir, ich war selbst zu Tode erschrocken und bin es immer noch.“
„Ricin ist ein hochgiftiges Toxin, Julia. Man muss schon …“
„Ich weiß das alles. Und trotzdem ist und bleibt es die Wahrheit. Mein Vater wurde mit dem Zeug vergiftet.“ Julia brach kurz ab, fügte dann hinzu: „Er wäre so oder so gestorben, selbst wenn wir den Autounfall nicht gehabt hätten.“
Eva schwieg einen Moment, ließ das Ganze auf sich wirken. Dann schüttelte sie den Kopf. „Nein. Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Wer sollte denn deinen Vater vergiften? Und warum?“
„Darauf habe ich leider auch noch keine Antwort. Bisher weiß ich nur, dass es sich um eine Organisation handelt.“ Julia griff nach der Kaffeetasse, trank aber nicht. „Wobei Paula von Jäckle behauptet, sie würden sich selbst nicht als ‚Organisation, sondern als Wesenheit‘ sehen, was immer das bedeuten mag.“
„Paula von Jäckle?“ Eva hob die Augenbrauen in die Höhe. „Du hast mit Paula von Jäckle gesprochen?“
„Ja.“
„Freiwillig?“
„Ja.“
„Erzähl mir davon.“
Julia erzählte von ihrem Erlebnis mit Paula von Jäckle, beginnend mit ihrem Treffen in dem schäbigen Café. Dann schilderte sie, was in der alten Kapelle geschehen war. Sie endete mit den Worten: „Paula von Jäckle nennt ihn den Zaren. Und ich habe seine Stimme gehört, Eva. Ich habe sie klar und deutlich gehört. Wäre ich nicht selbst dabei gewesen, ich würde es mir nicht glauben.“ Julia senkte den Blick, spielte mit dem Henkel der Tasse. „Ich bin nicht von allem überzeugt, was Paula von Jäckle sagt. Dass es um den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse ginge und so weiter. Nein, es muss eine andere, eine rationale Erklärung für das alles geben. Und trotzdem … irgendetwas in der alten Kapelle passiert. Ich habe seine Stimme gehört, und ich weiß, dass ich sie kenne. Aber ich kann sie nicht einordnen. Ich weiß nicht, wo ich sie hinstecken soll.“
Eva, die das Gefühl hatte, als drehe sich alles in ihrem Kopf, trank ihre Tasse leer, erhob sich und begann, sie auszuspülen. Nur, um überhaupt etwas zu tun. „Okay“, sagte sie nach ein paar Sekunden, „nehmen wir einmal an, es ist alles so, wie du sagst. Nehmen wir an, dein Vater wurde tatsächlich ermordet. Und nehmen wir weiter an, seine Mörder sind nun hinter dir her. Warum auch immer. Die Kapelle und alles, was dort geschah, lassen wir vorerst mal beiseite …“ Sie sah auf und blickte Julia an. „Was habe ich damit zu tun?“
„Sie wollen mich“, antwortete Julia. „Aber sie kamen nicht an mich heran. Ich habe in den letzten Monaten alles getan, um immer wieder alle Spuren hinter mir zu verwischen. Ich habe mit ständig neuen Namen in immer wechselnden Hotels eingecheckt, hatte immer neue Kreditkartenkonten. Ich wechselte permanent meine E-Mail-Accounts, ebenso wie meine Mobilfunknummer. Ich habe wirklich alles getan, damit sie mich nicht finden. Also mussten sie handeln.“
Eva hustete wieder. „Du willst sagen, sie wollten mich entführen, um dich zum Auftauchen zu bewegen?“
Julia nickte.
„Und warum haben sie dann nicht schon viel früher versucht, mich zu schnappen? Warum haben sie so lange damit gewartet? Wir beide haben uns im Mai das letzte Mal gesehen, das ist sieben Monate her.“
„Ich schätze, in Hamburg war es schwieriger, an dich heranzukommen, weil du dort ständig von Menschen umgeben warst.“ Julia deutete mit einer Handbewegung um sich. „Erst hiermit hast du ihnen eine perfekte Möglichkeit geboten, zuzuschlagen. Hier, alleine in dieser Einöde …“
Darüber dachte Eva einen Moment nach. Sie war hierhergekommen, um endlich Ruhe und Frieden zu finden. Und das war das Ergebnis. „Und woher wusstest du, dass ich in Gefahr bin?“, fragte sie weiter.
„Paula von Jäckle hat es mir gesagt. Also habe ich mich auf den Weg gemacht und nach dir gesucht. Ich war in Hamburg, aber dort warst du nicht mehr. Ich fand heraus, dass du in den Schwarzwald gereist bist. Also bin ich dir weiter gefolgt.“ Julias Blick war ernst. „Ich lasse nicht zu, dass dir etwas passiert, Eva. Niemals.“
Einen Moment sahen sie sich in die Augen.
Dann sagte Eva: „Und was hast du jetzt vor?“
„Erst einmal abwarten.“
„Ich hab aber überhaupt keine Lust, hier in dieser Schneehölle den Lockvogel zu spielen.“
Julia erhob sich, trat zu ihr und wollte gerade etwas sagen, als sie für einen Moment den Eindruck hatte, die Luft würde ihren Sauerstoff verlieren. Bei jedem Atemzug fühlte sich ihre Brust schwerer an. Sie wusste, dass es nicht sein konnte, und doch war es ihr, als kröche etwas in ihr Gehirn. Eiskalte Finger, die es abzutasten schienen. Nur für den Bruchteil einer Sekunde, dann war es wieder vorbei.
Verstört sah Eva sie an. „Alles in Ordnung?“
Julia nickte, sammelte sich und konzentrierte sich wieder. „In der nächsten Zeit wird dank des schlechten Wetters niemand zu uns heraufkommen. Das ist unser Vorteil. Bis das Wetter wieder besser wird, muss ich …“
„Was?“
„Ich muss meine Erinnerung wiederfinden.“
Eva blinzelte irritiert. „Was soll das jetzt wieder heißen? Julia, was, zum Teufel, ist los mit dir?“
Es dauerte einen Moment, dann sagte Julia: „Was ich dir bisher erzählt habe, war nur der Anfang. Du weißt noch lange nicht alles.“
„Ich bin als Kind entführt worden.“ Julia hatte wieder auf der Kante des Sessels Platz genommen. „Ich muss damals acht oder neun Jahre alt gewesen sein. Ich …“
„Warte“, unterbrach Eva. „Warte, warte, warte. Woher weißt du das?“
„Ich erinnere mich daran. Nur leider nicht gut genug.“
„Du hast dich all die Jahre nicht daran erinnert. Warum jetzt auf einmal?“
Julia hob die Hände in die Höhe. „Ich habe keine Ahnung. Es begann im letzten April. Nach dem … Erlebnis in der alten Kapelle. Irgendetwas ist offenbar in dieser Nacht in meinem Kopf angestoßen worden. Ich hatte zwei Kugeln im Leib und wäre um ein Haar gestorben, vielleicht hängt es damit zusammen. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass danach zum ersten Mal Bilder in meinem Kopf auftauchten. Und Stimmen. Zuerst dachte ich, jetzt werde ich endgültig verrückt. Aber dann begriff ich nach und nach, dass diese Bilder etwas zu bedeuten haben. Sie tauchen immer nur ganz kurz und scheinbar ohne Zusammenhang auf, aber es werden kontinuierlich mehr.“
„Und warum wurdest du entführt?“, fragte Eva. „Um deine Eltern zu erpressen?“
„Meinen Vater. Aber nicht um Geld.“
„Worum dann?“
„Er war Staatsanwalt, wie du weißt.“
„Ja. Und?“
„Ich kann es nicht beweisen, aber ich glaube, dass sie mich entführt haben, damit er gezielt Fälle manipulierte, Beweise verschwinden ließ, Anklagen verlor. Wie gesagt, ich kann das nicht beweisen, aber eine andere Erklärung gibt es im Augenblick nicht. Irgendwann wurde er anscheinend zum Risiko. Und da haben sie ihn umgebracht.“
Eva, die die ganze Zeit noch an der Anrichte gestanden hatte, trat in die Mitte des Raumes. „Gib mir eine Zigarette, bitte.“
„Auf keinen Fall. Das kannst du vergessen.“
„Bitte.“
„Nein.“ Julia schüttelte den Kopf. „Du siehst auch so schon aus wie eine Leiche, stehst kurz vor einem Anfall. Außerdem rauche ich auch nicht, also kannst du ebenso darauf verzichten.“
„Bitte, Julia, ich will nicht wegen einer Zigarette mit dir anfangen zu streiten.“
„Ich streite nicht. Du bist es, die total unvernünftig ist.“
„Ich kann morgen wieder vernünftig sein. Gerade habe ich nicht die Nerven dafür. Also bitte, gib mir eine Zigarette.“
„Nein.“
„Meine Güte!“ Eva machte sich auf den Weg zu Julias Rucksack. „Dass ausgerechnet du päpstlicher sein willst als der Papst.“ Gleich darauf hielt sie ein Päckchen Zigaretten in der Hand, und zehn Sekunden später blies sie eine dünne Rauchfahne in Richtung Decke. „Weißt du, wann ich das letzte Mal geraucht habe?“
Resignierend rieb Julia sich über die Augen. „Nein. Wann?“
„Als ich mit gebrochenem Bein in Hannover im Krankenhaus lag und du mir offeriert hast, Pastor Jordan sei der Teufelsmörder.“
„Ich erinnere mich. Die größte Fehleinschätzung meines Lebens.“
„Willst du ziehen?“
Julia seufzte und nickte.
Eva reichte ihr die Zigarette, setzte sich wieder auf die Couch und sagte: „Mal angenommen, es ist alles so, wie du sagst. Angenommen, du wurdest wirklich als Kind entführt, dein Vater wurde tatsächlich ermordet, und es sind seine Mörder, die nun hinter dir her sind … Warum gehst du dann nicht zur Polizei?“
„Weil es nicht geht.“
„Warum geht es nicht?“
Julia zog an der Zigarette, betrachtete sie einen Moment zwischen ihren Fingern. Dann sagte sie: „Du erinnerst dich doch noch an die Zeit im Waisenhaus, nicht wahr?“
Eva nickte.
„Es war alles in allem doch eine ganz gute Zeit, oder nicht? Klar hatten wir es nicht einfach, aber wir hatten uns. Sandmann, Kerstin, du und ich. Und wir hatten Pastor Jordan. Er hat uns aufgenommen und war so etwas wie ein Ersatzvater für uns.“
Julia legte eine Pause ein. Eva rieb sich über die Augen.
„Wir hatten Jordan gern. Wir haben ihm vertraut. Wir dachten, wir würden ihn kennen, aber wir hatten keine Ahnung. Er hat zugelassen, dass Sandmann umgebracht wird. Er hat nichts dagegen unternommen. Er hat uns verraten – und wofür? ‚Für ein bisschen hart ficken‘, das waren Langes Worte in jener Nacht in der alten Kapelle.“ Julia sah Eva an. „Und darum geht’s. Ich weiß nicht, wer noch alles in diese Sache verstrickt ist. Wir könnten jederzeit wieder ins offene Messer laufen, und das will ich nicht.“
„Aber du bist Polizistin“, wandte Eva ein.
„Ich war Polizistin. Und selbst wenn ich es noch wäre, würde es nichts ändern. Ich weiß nicht, wem ich noch vertrauen kann. Und solange das so ist, gehe ich damit nirgendwohin, auch nicht zur Polizei.“
„Und was ist stattdessen dein Plan?“
„Ich muss diesen Zaren alleine finden und ausschalten. Dieses ganze Gerede von Gut und Böse und alles, was Paula von Jäckle sonst noch so von sich gegeben hat, interessiert mich nicht. Er ist für den Tod meines Vaters verantwortlich, und er will mich auch umbringen. Also muss ich schneller sein als er. Aber um ihm gegenübertreten zu können, brauche ich meine vollständige Erinnerung, das ist das Problem. Ich brauche die richtigen Waffen; wenigstens in diesem Punkt gebe ich Paula von Jäckle recht. Und die richtigen Waffen sind in dem Fall Antworten, und die befinden sich in meinem Kopf.“
Eva dachte einen Moment nach. „Also, ich kann mir nicht vorstellen, dass du diese Entführung … und alles andere … einfach so vergessen hast“, sagte sie dann. „Eher würde ich glauben, dass sie dich unter Drogen gesetzt haben. Das würde in meinen Augen mehr Sinn ergeben.“
„ Sie ist noch ein Kind! Was ist, wenn die Dosis zu hoch ist, wenn sie stirbt?“ – „Wann wirst du endlich lernen, mir zu vertrauen?“
„Vielleicht“, sagte Julia. „Aber wie auch immer, es ist da, es befindet sich in meinem Kopf. Das sprichwörtliche Pulverfass, das auf ein Streichholz wartet.“
Eva begann wieder zu husten, griff nach ihrer Handtasche und begann, darin zu wühlen.
„Suchst du deine Medikamente?“
„Ja. Aber ich kann sie nicht finden.“ Ungeduldig kippte Eva den Inhalt auf den Tisch. Da lagen dann ein Geldbeutel, ein Päckchen Taschentücher, ein Päckchen Kaugummis, ein Handy, ein Handyakku, ein Personalausweis, eine Sonnenbrille und eine kleine Seife. Nur die Medikamente waren nicht darunter.
Aufgeregt fuhr Eva mit der Hand über die Innenverkleidung der leeren Handtasche.
„Kriegst du einen Anfall?“, fragte Julia.
„Nein, aber ich könnte jeden Augenblick einen kriegen, wenn ich nur daran denke, dass … Wo ist dieser verflixte Beutel? Er muss in der Handtasche sein. Ich habe inhaliert, kurz nachdem ich die Apotheke verlassen hatte, und dann habe ich die Medikamente zurück in die Tasche getan. Verflixt noch mal, wo sind sie jetzt?“
„Vielleicht sind sie rausgefallen, als die Tasche unter den Sitz rutschte.“
Eva hob den Kopf. „Oh nein.“
In dieser Sekunde piepste irgendwo etwas.
Es war Evas Handy. „Das ist Robert.“ Sie suchte es auf dem Tisch. „Mein Mann.“ Gleich darauf nahm sie das Gespräch an und sagte: „Robert? Robert!“
Doch die Verbindung war schon wieder unterbrochen. Das Display dunkel.
„Mist!“, entfuhr es Eva. „Kein Netz. Wie kann das sein? Eben war es noch da, jetzt ist das Netz weg.“
„Das liegt am schlechten Wetter.“
„Hast du ein Netz?“
Julia zog ihr Handy aus der Hosentasche und reichte es ihr. Eva starrte auf das Display. Auch hier nicht ein einziger Strich. Entkräftet sank sie zurück und sagte so leise, dass sie kaum zu verstehen war, in Richtung Decke: „Lieber Gott, warum tust du mir das an?“
9. KAPITEL
Alle Männer
Mainz
„Sie ist jetzt bei sich“, sagte der Arzt gegen elf Uhr fünfundvierzig. „Halten Sie jederzeit genügend Abstand zu ihr. Machen Sie keine ruckartigen Bewegungen. Sie werden nur wenige Minuten mit ihr sprechen können, und wenn ich währenddessen irgendwelche Hinweise auf einen Erregungszustand bei ihr erkenne, dann werde ich das Gespräch sofort beenden.“
„In Ordnung“, sagte Zander und betrat auf ein Neues das Krankenzimmer.
Die junge Frau wandte ihm den Kopf zu, mit Angst in den Augen. Die vielen Schläuche und Infusionen wirkten an ihrem schmalen Körper irgendwie obszön, und ihr ehemals engelsgleiches Gesicht ließ erahnen, wie schlecht es um sie bestellt war.
Zander zog sich einen Stuhl heran und setzte sich, wobei er darauf achtete, genügend Abstand zwischen sich und ihr zu halten. „Mein Name ist Zander. Ich bin von der Kriminalpolizei.“
Sie nickte weder, noch schüttelte sie den Kopf.
„Sie sind in Sicherheit“, fügte er hinzu. „Niemand wird Ihnen mehr etwas tun.“
Keine Reaktion. Sie sah ihn nur weiter aufmerksam an.
„Können Sie mich verstehen?“
Sie nickte.
„Gut. Ich brauche Ihre Hilfe. Fühlen Sie sich in der Lage, mit mir zu sprechen?“
Sie nickte wieder.
„Ich möchte die Männer kriegen, die Ihnen das angetan haben.“
„Alle Männer“, sagte sie jetzt.
Zander atmete tief durch. „Ja. Alle Männer.“
Es war ihr nicht anzusehen, ob sie ihm glaubte. Ob sie es ihm zutraute. Sie sah ihn einfach nur weiter an.
„Wie heißen Sie?“, fragte er.
„Nathalia.“ Ihre Stimme klang belegt, gequetscht. „Nathalia Snietka.“
„Wie alt sind Sie, Nathalia?“
„Neunzehn.“ Wie ein Papagei, der nur ein paar Worte sagen konnte, wiederholte sie: „Nathalia Snietka. Neunzehn.“
„Aus welchem Land kommen Sie?“
„Ukraine.“
„In Ordnung. Ich muss Ihnen noch weitere Fragen stellen, das wissen Sie, nicht wahr?“
Sie nickte.
„Sie hatten keine Papiere bei sich, als Sie heute Morgen eingeliefert wurden. Sind Sie illegal in Deutschland?“
Zuerst nickte Nathalia. Dann schüttelte sie den Kopf. Dann sagte sie: „Sie … genommen … alles.“
„Wer?“
Keine Antwort.
„Wie kamen Sie nach Deutschland, Nathalia?“
Sie zögerte. „Mann sagen … heiraten mich … schicken Fotos.“
Im Geist fügte Zander die Worte zusammen. „Sie meinen, es gab so etwas wie ein Eheversprechen?“
Nicken.
„Wo haben Sie den Mann kennengelernt?“
„Internet … Mann sagen … heiraten mich. Ich … Deutschland. Aber … nix Mann.“
„Sie haben den Mann auf den Fotos nie getroffen?“
Nathalia schüttelte den Kopf. „Andere Männer … kommen … mich holen … an Flughafen. Dann … alles … schwarz.“
„Sie wurden von anderen Männern abgeholt?“
Nicken.
„Wie viele Männer waren es?“, fragte Zander weiter.
Nathalia hob leicht zwei Finger von der Bettdecke.
„Können Sie die beiden Männer beschreiben?“
Zuerst Nicken. Dann wieder Kopfschütteln. Es war nicht ganz klar, ob sie sich nicht erinnern konnte oder nicht erinnern wollte.
„Können Sie den Wagen beschreiben, mit dem Sie vom Flughafen weggebracht wurden?“
Kopfschütteln.
Zander nahm sich vor, später noch einmal darauf zurückzukommen. „Was passierte dann?“, fragte er weiter.
„Ich … Keller. Männer böse … Immer …“ Plötzlich, wie aus dem Nichts, stieß Nathalia einen Schrei aus. Zander zuckte zusammen, Krankenschwester und Arzt eilten herein, beruhigten sie und bestanden darauf, dass er das Gespräch beendete.
Nathalia schüttelte unter Tränen den Kopf. „Nix … Mann bleiben.“
Krankenschwester und Arzt verschwanden wieder, jedoch nur widerwillig und auch nicht, ohne Zander noch einmal auf jedwede Rücksicht hingewiesen zu haben.
Als sie wieder alleine waren, sagte sie: „Böse Männer … kommen. Viele Männer.“
„Wie lange wurden Sie in dem Keller festgehalten?“, fragte Zander weiter.
„Ich Deutschland … Sommer.“
Sie war im Sommer nach Deutschland gekommen. Also mehrere Monate.
„Andere … Frauen“, fügte Nathalia hinzu. „Ich hören … nix sehen.“
Zander sah auf. „Es waren noch mehr Frauen in dem Keller?“
Sie nickte.
„Sind diese Frauen mit Ihnen geflohen?“
Kopfschütteln.
„Wie haben Sie es überhaupt geschafft, aus dem Keller zu fliehen?“
Nathalia deutete auf die Wasserflasche, und Zander schenkte ihr etwas in einen Plastikbecher. Sie trank und sagte dann: „Ich … schlagen Mann … ich … “ Sie deutete auf das Bettgestell.
„Mit einer Eisenstange?“, fragte Zander, und sie nickte. „Bett … sehr alt.“ Nathalia versuchte, sich weiter zu konzentrieren, aber die schwarzen Punkte vor ihren Augen wurden immer größer.
„Sollen wir eine Pause machen?“, fragte Zander sofort.
Sie schüttelte den Kopf, griff erneut nach dem Wasserbecher und trank einen kleinen Schluck.
„Sie haben also einen Ihrer Entführer mit einer Eisenstange niedergeschlagen?“
Nicken.
„Sie waren nicht die ganze Zeit gefesselt?“
Kopfschütteln. „Mann … bringen Essen.“
Zander nickte. „Er brachte Ihnen Essen, machte Sie in der Zeit von den Fesseln los, und dann haben Sie ihn mit einer Eisenstange geschlagen, die Sie zuvor aus dem Bettgestell montiert hatten. Ist das richtig?“
Nicken. „Er fallen … ich weg. Treppe. Dann … ich frei.“
Zander nickte nachdenklich. Er hatte noch viel mehr Fragen, doch er bemerkte, dass Nathalia völlig erschöpft war. Sie konnte kaum noch die Augen offen halten.
„Ich komme wieder“, sagte er. „Haben Sie keine Angst. Vor der Tür steht ein Polizist. Ihnen wird nichts passieren. Schlafen Sie. Ruhen Sie sich aus.“
Morgen wird die Welt schon wieder ganz anders aussehen, hätte er am liebsten gesagt, doch er wusste natürlich, dass das gelogen war. Für Nathalia Snietka würde die Welt nie wieder so sein, wie sie einmal gewesen war.
Bereits eine Stunde später herrschte im Polizeipräsidium wilde Aktivität. Der Besprechungsraum war erfüllt von konstantem Stimmengewirr. Auf dem Tisch lag ein Berg aus Papier: Handlungsanweisungen, Kopien der medizinischen Untersuchung von Nathalia Snietka, dazu mehrere Karten von Mainz. Was nicht mehr auf den Tisch gepasst hatte, war kurzerhand auf dem Boden platziert worden.
Zander stand an der Tafel und betrachtete seine Männer.
Nikolas Augustin saß in der Nähe der Tür. Er war groß, hatte kurze dunkle Haare und war mit vierunddreißig Jahren der Jüngste im Team. Er erinnerte ein wenig an ein männliches Unterwäschemodel, was ihm in der Regel einen unschätzbaren Vorteil bei Verhören mit Frauen einbrachte. Dazu war er einfallsreich und schnell von Begriff. Er arbeitete sorgsam, methodisch und vorausschauend – ein guter Mann.
Neben ihm saß Rolf Dettloff, vierundvierzig Jahre alt, mit dem Aussehen und der Statur eines Preisboxers, einem vernarbten Gesicht, das er der Akne seiner Jugend verdankte, und einer Nase, die mindestens zweimal gebrochen war. Auch er war ein guter Mann, dem es nur manchmal ein wenig an Fantasie fehlte. Aber er hatte – obwohl eine harte Schale – ein gutes Herz. Und er war immer engagiert.
Und dann war da noch Klaus Bartosch. Dreiundvierzig Jahre alt. Groß und knochig, mit grauen Strähnen im dunklen Haar, die das intensive Blau seiner Augen noch zusätzlich unterstrichen. Allerdings leuchteten diese Augen nur selten. Missmutig saß er auf seinem Platz und wartete darauf, dass Zander endlich anfing.
„Nathalia Snietka“, lauteten Zanders erste Worte, und sofort meldete sich Augustin. „Ich habe mich bereits mit den ukrainischen Behörden in Verbindung gesetzt. In deren Datenbank läuft jetzt gerade eine Suche nach vermissten Frauen, die sich in derselben Altersgruppe wie sie befinden. Vielleicht sind ja noch mehr verschwunden.“
Zander nickte, wandte sich der Tafel zu und notierte auf der einen Hälfte Fragen, auf der anderen Antworten.
Wo befand sich der Tatort? In einem Keller.
„Darauf kommen wir gleich noch“, sagte er und schrieb weiter: Alter des Opfers? Neunzehn. Tathergang? Schwerer sexueller Missbrauch und Folter. Medizinischer Befund? Siehe Ausdruck. Fotos des Opfers? Hier hängte Zander einzelne Fotos von Nathalia Snietka an die Tafel. Bilder, die ihren Körper von vorne zeigten, von der Seite und von hinten. Bilder, die das ganze Ausmaß ihrer Verletzungen festhielten.
„Was sind das für Wundmale auf ihrem Rücken?“, fragte Dettloff.
„Brandverletzungen“, antwortete Zander. „Verbrennungen von Zigaretten.“
„Und was ist das auf ihrem Hals?“, wollte Augustin wissen.
„Bisswunden.“
„Menschliche Bisse?“
„Ja.“
„Kranke Schweine“, zischte Bartosch.
Die nächsten Fotos waren keinesfalls weniger schockierend. Nathalia hatte starkes Untergewicht, ihre Beine waren dünn wie Bleistifte, und ihr Beckenknochen stand am Rücken vor. Über ihren Bauch und die Brüste zogen sich schwache Linien und rote runde Punkte. Schwarze und gelbe Blutergüsse zogen sich vom Rücken bis zu ihrem Brustkorb.
„Was ist das dort auf ihrer linken Seite?“, fragte Augustin und deutete auf die entsprechende Stelle.
„Das ist ein Abdruck eines Schuhs.“
„Mein Gott“, entfuhr es Dettloff. „Was haben die dem Mädchen angetan?“
Zander schrieb auf die Tafel: Vorgehen? Währenddessen sagte er: „Bisher noch unbekannte Personen traten mit Nathalia via Internet in Kontakt und lockten sie mit einem Heiratsversprechen nach Deutschland. Sie haben das alles sehr geschickt eingefädelt, sie ahnte keine Sekunde, dass sie sich in Gefahr befinden könnte. Kaum war sie am Flughafen angekommen, haben sie keine Zeit mehr verloren. Sie wurde noch vor Ort von zwei Männern überwältigt, sie hatte keine Chance. Während der folgenden Wochen und Monate wurde ihr offenbar regelmäßig Ketamin verabreicht.“
„Wo kriegt man das Zeug her?“, wollte Dettloff wissen.
„Das kannst du an jeder Ecke kaufen“, sagte Augustin. „Ist ein Kinderspiel.“
Zander nickte und sagte: „Sie suchten eine Sexsklavin. Sie sperrten sie in einen Keller, und dort wurde sie dann über mehrere Monate missbraucht. Von unterschiedlichen Männern. Viele Männer, wie sie sagte. Und sie war in diesem Keller nicht alleine. Dort befanden sich noch mehr Frauen. Nathalia hat sie nicht gesehen, aber gehört.“
„Sind die beiden Männer vom Flughafen nur Handlanger, oder sind es die wirklichen Drahtzieher?“, fragte Dettloff. „Die, die die Mädchen an fremde Männer verkaufen und die Kohle dafür kassieren? Gibt sicher genug Perverse, die einen Haufen Geld hinlegen, um ihre üblen Triebe an so einem armen Mädchen ausleben zu können.“
Die anderen nickten zustimmend.
Zander sagte: „Das ist eine sehr gute Frage. Sind diese beiden Männer die alleinigen Drahtzieher? Oder gibt es noch mehr Täter im Hintergrund?“
„Also, ich kann mir nicht vorstellen, dass man so eine Entführung mal eben schnell improvisiert“, wandte Bartosch ein. „Ich meine, man muss die entsprechenden Vorbereitungen treffen, das passende Mädchen im Internet finden et cetera; man muss die Örtlichkeit haben, und man muss sehr bedacht und vorsichtig vorgehen. Sich unsichtbar machen, sozusagen. Also, ich hab das Gefühl, da steckt mehr dahinter.“
„Das sehe ich auch so“, stimmte Zander zu und schrieb: Täterrisiko? „Was ihr Risiko anging – um bei Nathalias Fall zu bleiben –, so war es nicht unerheblich. Sie haben sie am Flughafen abgefangen und sofort betäubt. Anschließend mussten sie sie zu einem Wagen bringen. Damit gingen sie das Risiko ein, gesehen zu werden, aufzufallen. Sie haben dieses Risiko dennoch nicht gescheut. Was sagt uns das?“
„Dass sie sich ihrer Sache ziemlich sicher waren.“ Das kam von Dettloff.
Die anderen nickten wieder zustimmend.
Augustin atmete tief durch. „Also, ich würde diese Dreckschweine ja sofort festnehmen, wenn ich nur den Hauch eines Schimmers hätte, wo ich nach ihnen suchen soll. Ich meine, wo sollen wir ansetzen? Wir haben nichts außer dem Hinweis auf einen Keller. Aber Keller gibt es leider reichlich in Mainz. Wo, bitte schön, sollen wir da anfangen, zu suchen?“
„Wie wäre es mit einer stillgelegten Fabrik?“, bemerkte Dettloff. „Wenn ich so etwas machen wollte, dann würde ich mir so etwas suchen. Abgelegen und weit weg vom Schuss. Da können die Frauen schreien, solange sie wollen, niemand wird es hören.“
Das machte Sinn.
„Wir durchkämmen alle stillgelegten Fabriken in Mainz und Umgebung“, ordnete Zander an.
Die Männer nickten.
„Und was machen wir sonst noch?“, fragte Bartosch. „Augustin hat recht. Nathalia kann – oder will – sich nicht an die Gesichter ihrer Entführer erinnern. Sie weiß nicht, mit was für einem Wagen sie vom Flughafen weggebracht wurde. Es wurden keine Spermaspuren bei ihr gefunden.“ Er hob die Hände in die Höhe. „Nichts.“
„Vielleicht erinnert sie sich ja doch noch“, sagte Zander.
„Und was, wenn nicht?“
Einen Moment herrschte ratlose Stille im Raum. Alle starrten mehr oder weniger hilflos auf die Tafel.
Dann sagte Augustin: „Mann, ich wünschte, Julia wäre jetzt hier.“
Dettloff nickte. „Bin ganz auf deiner Seite, Kumpel. Ich garantier dir, sie würde sich hierhersetzen und sofort etwas auf dieser Tafel sehen, was wir alle zusammen nicht sehen.“
Bartosch schnaubte genervt. „Warum machen eigentlich alle immer noch eine Heilige aus Julia Wagner? Wo doch jeder weiß, dass sie das nicht war.“
„Halt die Klappe“, sagte Augustin.
„Warum?“, wandte Bartosch sich an ihn. „Dieses ganze Einfühlungszeugs, auf dem sie immer rumgeritten ist, das bringt uns hier auch nicht weiter. Wir werden diese Kerle nicht dadurch kriegen, dass wir uns in sie hineinversetzen und anfangen, wie sie zu denken. Wir werden sie kriegen, weil wir besser sind. Weil wir auf der richtigen Seite stehen. So war es immer, und so wird es immer sein. Ende.“
Dettloff lehnte sich in seinem Stuhl zurück, bis dieser protestierend knarrte. „Du konntest Julia noch nie leiden“, stellte er fest.
„Sie ihn erst recht nicht“, fügte Augustin hinzu.
„Sie war eine eingebildete Kuh, mehr nicht. Und mich kotzt es an, dass kein Mensch mehr darüber redet, wie es wirklich war. Warum sie wirklich den Job geschmissen hat. Alle heben sie in den Himmel. Niemand traut sich, es auszusprechen.“
„Weil sie eine gute Polizistin war“, sagte Dettloff.
„Siehst du, du tust es auch. Du sprichst es auch nicht aus.“ Bartosch schüttelte ungeduldig den Kopf. „Niemand spricht es aus.“
Pulsuz fraqment bitdi.