Kitabı oxu: «Kranichtod - Ein Fall für Julia Wagner: Band 5»
Tanja Noy
Kranichtod - Ein Fall für Julia Wagner: Band 5
Für Katja.
Immer.
Saga
Kranichtod - Ein Fall für Julia Wagner: Band 5Coverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 2017, 2020 Tanja Noy und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726643107
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
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TEIL 1
1. KAPITEL
Der Turm der Seelen
23. Dezember 2010
Hannover
16:46 Uhr
Der Wind pfiff auf eine Art und Weise, wie sie es noch nie zuvor gehört hatten, während nadelspitze Kristalle durch die Luft und ihnen in die Gesichter jagten. Frierend zog Eva sich die Strickmütze etwas weiter über die Ohren und sagte: „Es kommt mir vor, als würden wir uns auf dem Mond bewegen.“
Und da hatte sie nicht unrecht. Einmal ganz davon abgesehen, dass sie in ihren dicken Jacken und den unförmigen, kniehohen Stiefeln tatsächlich aussahen wie Mitglieder einer Mondlandungsexpedition, hätte ein Abend auf dem kalten Mond vor allem nicht einsamer sein können. Erst sehr weit hinter ihnen war das Glitzern der fernen Lichterkette zu sehen, die Stadt und Leben bedeutete. Vor ihnen schlängelte sich lediglich ein schmaler Weg, kaum breiter als ein Nadelöhr. Das einzige Geräusch - abgesehen vom launischen Wind, der abwechselnd mal drohend und mal melancholisch pfiff - waren ihre Schritte im hohen Schnee. Am dunklen Himmel war nicht ein einziger Stern zu sehen, übrigens auch kein Mond, und allmählich ging ihnen die Puste aus.
Julia blieb stehen, kniff die Augen zusammen und sah einen Moment lang in den dunklen Himmel. Dann blickte sie wieder geradeaus. Vor ihnen tauchten bereits die unregelmäßigen Konturen des Turms auf, der sich eindrucksvoll über der weißen Schneelandschaft erhob.
„Ich finde diesen Turm unheimlich“, bemerkte Eva, ohne stehen zu bleiben.
„Es ist ein ganz normaler Turm.“ Julia setzte sich wieder in Bewegung und folgte ihr. „Im Sommer eine Touristenattraktion und jetzt im Winter eben einsam und verlassen.“
Eva machte ein Geräusch, das nicht zu deuten war. „Es ranken sich jede Menge Gerüchte darum, das weißt du. Es heißt, er sei seit seiner Erbauung das Tor zu einer anderen Welt. Es wird behauptet, er wäre die Heimat aller bösen Geister und …“
„Hör auf damit, okay? Wir dürfen nicht darauf hereinfallen.“
„Worauf?“
„Auf solche Legenden. Das ist genau die Art Angst, die die Kraniche schüren. Und gerade du als Wissenschaftlerin glaubst ja wohl an die Macht der Tatsachen und des wissenschaftlichen Beweises. Nicht an solchen Aberglauben.“
Eva schob ihren Schal etwas weiter übers Gesicht, sofort blieben die Schneeflocken in der weichen Wolle hängen und durchnässten sie noch weiter. „Gerade in der Wissenschaft ist nichts unmöglich, Julia. Nur im wissenschaftlichen Sinne unwahrscheinlich. Und nach allem, was wir bereits hinter uns haben …“
„Es ist nur ein alter Turm. Daran ist absolut nichts Übernatürliches. Können wir es bitte dabei belassen?“
„Wenn du meinst.“ Eine unerwartet heftige Windbö erwischte Eva und brachte sie ins Wanken. Mühsam kämpfte sie um ihr Gleichgewicht.
„Häng dich bei mir ein“, sagte Julia, die ebenfalls Schwierigkeiten hatte, das Gleichgewicht zu halten.
Eva griff nach ihrem Arm und hielt sich daran fest. „Und übrigens sage ich als Wissenschaftlerin auch“, setzte sie nach ein paar weiteren Metern hinzu, „dass der Schlüssel zu jedem Geheimnis in der Dekonstruktion liegt. Das Ganze muss zerlegt werden, um die Einzelteile zum Vorschein zu bringen. Die einzelnen Teile sind bedeutungsvoller als das Ganze.“
„Die Einzelteile haben vor einer Stunde noch vor uns auf dem Tisch gelegen“, gab Julia zurück. „Drei Schlüssel, ein Medaillon, ein Schwert und ein paar Kinderzeichnungen. Und bis auf das Medaillon gab mir nichts davon eine Antwort.“
„Hast du es bei dir?“
„Was?“
„Das Medaillon.“
„Ja.“
„Zeig es noch mal.“
„Jetzt?“
„Ja.“
Julia blieb stehen und zog das Medaillon mit einem Seufzer aus ihrer Jackentasche. Es war rund, golden und mit allerlei Motiven und Schriftzügen verziert. Stunden hatten sie mit dem Versuch verbracht, es zu öffnen, doch es gab keine erkennbare Möglichkeit. Sie hatten es in alle Richtungen gedreht und nach Ritzen Ausschau gehalten, in die man einen Fingernagel hätte schieben können. Nichts. Das Medaillon war und blieb verschlossen. Was ihnen am Ende weitergeholfen hatte, waren die Gravuren auf dem Deckel. Kreise, Striche, Kreuze und Punkte. Eine Schrift, krakelig und völlig fremd, eine Sprache, die man nicht in der Schule lernte. Nicht Griechisch, nicht Hebräisch, nicht Arabisch. Trotzdem konnte Julia ihre Bedeutung verstehen. Jedenfalls teilweise: Die Engel leiten dich. Und: Seelenturm.
Sie steckte das Medaillon zurück in die Jackentasche. Den Seelenturm, den Turm der Seelen, hatten sie gefunden. Was jetzt kam, was sie dort erwartete, stand in den Sternen.
Sie setzten sich wieder in Bewegung und marschierten schweigend ein paar Meter.
„Und was ist mit dem fürchterlichen Schwert?“, fragte Eva dann.
Julia spürte, wie ihr linkes Auge unwillkürlich anfing unkontrolliert zu zucken. Sie trug es bei sich, in dem großen Seesack, der über ihrer Schulter hing. Das fürchterliche Schwert.
„Es wirkt ziemlich alt, oder?“, fügte Eva hinzu. „Fast so, als käme es aus dem Mittelalter.“
„Vielleicht ist das Absicht.“ Julia schwieg einen Moment und fügte dann hinzu: „Auf jeden Fall wollte Sten Kjaer mich damit umbringen.“ Für einen kurzen Augenblick sah sie die Bilder wieder vor sich, sah sich selbst, sah Kjaer, sah den Kampf mit ihm, bei dem sie ganz auf sich alleine gestellt gewesen war. Er hatte das Schwert. Sie hatte nichts. Und trotzdem hatte sie den Kampf gewonnen.
„Ich habe einmal irgendwo gelesen, dass ein Schwert die Seele seines Kriegers in sich trägt“, bemerkte Eva. „Und manchmal auch die Seelen derjenigen, die durch das Schwert starben.“
„Wirklich? Das würde bedeuten, dass Kjaer jetzt auf meiner Schulter sitzt.“ Julia verzog das Gesicht. „Das würde mir gar nicht gefallen.“
„Wie auch immer. Du warst besser als er.“
„Ich weiß nicht, ob ich wirklich besser war. Wahrscheinlich hatte ich einfach nur mehr Glück.“
Kurze Zeit später hatten sie den Turm erreicht.
„Wir sind da. Gott sei Dank.“ Die Erleichterung in Evas Stimme war nicht zu überhören.
Julia blickte nach oben und spürte, wie ihr Herz zu pochen begann. Sie senkte den Blick wieder und leuchtete mit der Taschenlampe den Eingang des Turms an. Dort verdichtete sich ihr Schein zu einer unruhigen Lache aus Licht. „Lass uns reingehen und es hinter uns bringen.“
Während sie die steilen Steintreppen hinaufstiegen, schien sich das Stöhnen des Windes auf einmal zu verändern. Jetzt hörte er sich plötzlich an wie ein altes Ungeheuer, das aus einem jahrhundertelangen Schlaf erwacht war.
„Mann, das ist wirklich unheimlich“, murmelte Eva.
„Es ist nur der Wind“, sagte Julia. „Nur der Wind.“
Oben abgekommen befanden sie sich in zwanzig Metern Höhe und unter ihnen breitete sich ein lang gestrecktes weißes Tal aus. Die Häuser am Horizont waren kaum noch auszumachen, lediglich ein paar schwache Lichter waren durch die dichten Schneeflocken zu erkennen. Unheimlich und gleichzeitig wunderschön wirkte der Ausblick, wie aus der Wirklichkeit herausgelöst.
Eva zog ein Papiertaschentuch aus ihrer Jackentasche und schnäuzte sich. „Unter anderen Umständen würde ich Fotos machen und sie mir zu Hause an die Wand hängen.“ Sie steckte das Taschentuch zurück in die Jackentasche und sah sich um. „Also, wonach könnten wir hier suchen? Nach einer Notiz? Einer Botschaft?“
„Ich weiß es nicht. Ich …“ Julia stockte. „Hörst du das?“
„Was?“
„Diese Melodie.“
„Was für eine Melodie?“
Julia starrte Eva an. „Hörst du es denn nicht?“
„Nein. Ich höre nichts, nur den Wind.“
Julia stand völlig starr. „Jetzt ist es wieder weg. Ist das dein Ernst? Du hast es wirklich nicht gehört?“
„Nein, wirklich nicht.“
Langsam schüttelte Julia den Kopf. „Dann habe ich es mir wohl nur eingebildet. Ich bin ja im Moment auch nicht gerade berühmt für meinen klaren Verstand.“
„Was war es für eine Melodie?“, wollte Eva wissen. „Hast du sie erkannt?“
„Nein, es war keine … bestimmte Melodie. Es klang so, als ob …“ Noch einmal schüttelte Julia den Kopf. „Ich weiß es nicht. Ich habe es mir wohl wirklich nur eingebildet.“
Einen Moment lang sah Eva sie prüfend an. Dann sagte sie: „Okay. Und was jetzt?“
„Hm.“ Julia senkte die Taschenlampe und leuchtete den Boden ab. „Ich weiß nicht.“ Sie leuchtete die Wände ab. „Ich sehe hier beim besten Willen keine Stelle, an der man etwas verstecken könnte. Ich sehe nur festen Stein auf Stein.“
„Aber warum steht dann ‚Seelenturm‘ auf dem Medaillon?“
„Ich weiß es nicht. Vielleicht habe ich mich ja auch geirrt.“
„Zeig es noch mal.“
„Was?“
„Das Medaillon.“
Julia zog es erneut aus ihrer Jackentasche. Um es besser greifen zu können, zog sie dieses Mal die Handschuhe aus. Sofort traf die eisige Luft ihre nackten Finger und gleich darauf fühlten sie sich schon steif an.
Und dann geschah etwas Merkwürdiges. Etwas Unglaubliches. Etwas, was sie niemals geglaubt hätten, wenn sie es nicht selbst gesehen und erlebt hätten: Ein leises ‚Klick‘ war zu hören.
„Hast du das auch gehört?“, fragte Julia tonlos.
Eva nickte. „Dieses Mal hab ich es auch gehört. Was war das?“
„Das Medaillon. Ich glaube, der Mechanismus hat sich gerade bewegt.“
In der nächsten Sekunde sprang das Medaillon auf. Julia erschrak so sehr, dass sie es um ein Haar fallen gelassen hätte. „Ach, du …!“ Sie starrte auf das geöffnete Schmuckstück. „Das ist … Es ist ein Kompass! Die Nadel zeigt nach Norden.“ Sie hob den linken Zeigefinger und deutete in die Richtung, in die die Nadel zeigte. „Da. Da vorne muss es sein.“
„Was?“, fragte Eva.
„Das Ziel. Offenbar war der Turm nur eine Zwischenstation.“ Julia setzte den Seesack ab, öffnete ihn, holte ein Fernglas heraus und hielt es an die Augen.
„Siehst du etwas?“, fragte Eva nach ein paar Sekunden.
„Nichts. Nur Bäume. Nein, warte … da ist ein Haus! Das könnte es sein.“
„Was meinst du, wie weit es bis dahin ist?“
„Schwer zu sagen. Ungefähr einen Kilometer.“
„Na dann …“ Eva war schon an der Treppe. „Los!“
Es wurde ein beschwerlicher Marsch.
Ein wirklich beschwerlicher Marsch.
Sie kamen nur mühsam voran, bewegten sich wie zwei Zombies, fielen mehr als einmal fast über ihre eigenen Füße, und die Stöße des eisigen Windes, die weiter unablässig in ihre Gesichter peitschten, waren am Ende kaum noch zu ertragen.
Doch schließlich erreichten sie das Haus. Ein nicht sehr großes, schmuckloses Gebäude, das alt und schief war, und offenbar nie einen Tupfer Farbe gesehen hatte.
„Hier möchte ich nicht wohnen“, schnaufte Eva. „Hier ist ja weit und breit nichts.“ Sie wollte weitergehen, doch Julia griff nach ihrem Arm, um sie daran zu hindern.
„Was ist?“
„Die Tür ist offen.“
Eva runzelte die Stirn. „Was kann das bedeuten?“
„Es bedeutet, dass du erst einmal hier stehen bleibst.“ Julia griff nach ihrer Pistole. „Ich meine es ernst, Eva. Du bleibst genau hier stehen und bewegst dich nicht von der Stelle.“
Als Eva nickte, setzte sie sich in Bewegung. Pistole und Taschenlampe im Anschlag, drückte sie mit der Schulter die Tür auf und betrat das Haus.
Es schien niemand da zu sein. Im Lichtkegel ihrer Taschenlampe sah Julia jedoch, dass der Raum, der offenbar als Wohn- und Esszimmer diente, völlig verwüstet war. Die Möbel waren zerbrochen, Regale umgekippt, die Holzböden teilweise herausgerissen, die Schränke auseinandergenommen.
Wer immer hier gewütet hatte, hatte wirklich alles zerstört.
Vorsichtig machte Julia einen weiteren Schritt in das Haus hinein. Es war so kalt, dass sie ihren eigenen Atem sehen konnte. Vor ihr auf dem abgenutzten Teppichboden befand sich etwas, das aussah wie Erbrochenes, das festgefroren war. Sie machte zwei weitere Schritte, und während sie über eine zerbrochene Lampe stieg, nahm sie aus den Augenwinkeln für den Bruchteil einer Sekunde ein hässliches Gemälde mit Engeln wahr, das an der Wand hing. Es bestand aus fürchterlich bunten Farben und die Engel wirkten wenig Vertrauen einflößend. Das Einzige hier drinnen, was nicht zerstört worden war.
Es war wirklich nur der Bruchteil einer Sekunde, und vielleicht hätte Julia mehr darauf geachtet, wenn sie nicht im nächsten Moment mit dem Lichtstrahl der Taschenlampe die gegenüberliegende Wand angeleuchtet – und Eva, die in der Tür stand, nicht aufgeschrien hätte.
Aus Evas Gesicht war alle Farbe gewichen. Zitternd lehnte sie sich an den Türrahmen.
Julia hätte das auch gerne getan, aber da wo sie stand, gab es nichts zum Anlehnen. Was sie sah, drehte ihr den Magen um: Ein toter Körper, der offensichtlich an die Wand genagelt worden war. Der Körper eines Mannes. Er hing dort, mit ausgebreiteten Armen, wie Jesus am Kreuz, und seine offenen Augen starrten ins Leere.
Eva begann zu husten und hektisch in der Jackentasche nach ihrem Asthmaspray zu suchen.
Julia sah sie an. „Kriegst du einen Anfall?“
Husten und Röcheln war alles, was sie zur Antwort bekam. Evas Kopf war jetzt nicht mehr blass, sondern hochrot. Als sie das Spray gefunden hatte, umklammerte sie es mit beiden Händen und inhalierte tief. Dann überfiel sie ein weiterer Hustenanfall, und einen Moment lang dachte Julia, Eva würde ersticken, aber dann bekam sie sich wieder in den Griff. Das Röcheln blieb, aber der Atem wurde wieder gleichmäßiger. Noch einmal inhalierte sie. Dann setzte sie an: „Waren das …? Das waren die … Kraniche, oder? Nur die Kraniche können … so etwas tun!“
Julia antwortete nicht darauf. Sie machte einen Schritt auf die Leiche zu und blieb dann wieder stehen. Sie wusste, dass sie sie nicht berühren durfte, ebenso wie sie aus ihrer Erfahrung als Polizistin wusste, dass dieser Mann schon lange tot war, dass er schon seit vielen Stunden so an der Wand hing und dass hier nichts mehr zu machen war. Ebenso wie sie wusste, dass sie so schnell wie möglich wieder von hier verschwinden mussten. Trotzdem machte sie noch einen weiteren Schritt und stellte fest, dass sich der erste Eindruck bestätigte: Der Mann war tatsächlich an die Wand genagelt worden. In seinen Händen steckten große Zimmermannsnägel. Zuvor allerdings hatte er noch eine Kugel in die Stirn bekommen. Aus dieser rann ein dünner Blutfaden, der zu glitzernden Eiskristallen gefroren war.
„Wir müssen die Polizei rufen“, sagte Eva.
„Nein“, gab Julia zurück. „Wir müssen von hier verschwinden.“
„Julia, wir können doch nicht …!“
„Wir können nichts mehr für ihn tun.“
„Mag sein. Trotzdem kommt es mir nicht richtig vor, einen Mann zurückzulassen, der an die Wand genagelt wurde wie Jesus Christus.“
Julia ging zu Eva, fasste sie bei den Schultern und sah ihr in die Augen. „Wir können nichts mehr für ihn tun. Und wenn das tatsächlich die Kraniche waren, dann sollten wir uns auf gar keinen Fall länger als nötig hier aufhalten.“
Damit griff sie nach Evas Hand und zog sie mit sich aus dem Haus.
2. KAPITEL
„Kennen Sie die Geschichte vom Hörnermann?“
Norwegen
Noch lange danach würde Edda Holmen sich an diesen frühen Abend erinnern. Ebenso, wie sie die vergangenen Tage nicht vergessen würde. Mitte Dezember hatte eine bittere Kälte eingesetzt und die Temperaturen waren immer weiter gefallen. Dann, vor drei Tagen, stiegen die Temperaturen wieder bis auf null Grad an und brachten starke Schneefälle über das Land. Eine Schicht Schnee fiel auf die nächste, sodass die Räumdienste in Dauerbetrieb inzwischen für einen zwei Meter hohen Haufen gefrorenen Schnees an den Straßenrändern gesorgt hatten.
So hatte der Winter auch an diesem frühen Abend alles fest im Griff. Auch Eddas Peugeot, der wirklich nicht zu den neuesten Errungenschaften der Welt gehörte. Während der Wind die dichten Schneeflocken gegen die Windschutzscheibe trieb, war die Heizung mal wieder ausgefallen. Die Scheiben beschlugen ständig und sie musste mehrmals mit einem Taschentuch eine freie Sichtfläche wischen, während sie dem schmalen Band folgte, das einer der Schneepflüge auf der Straße hinterlassen hatte. Da sie keine Handschuhe trug, waren ihre Hände schon ganz taub und ihre Füße prickelten schmerzhaft. Zu all dem kam noch, dass die Helligkeit der Scheinwerfer nicht so total war wie sonst, es war eher eine Art Dämmerlicht, hell an den Rändern und in der Mitte nichts als weiße Flocken.
Edda stieß einen tiefen Seufzer aus. Sie war müde. Sie wollte ins Warme. Sie wollte sich in die Badewanne legen, auftauen und irgendwie zur Ruhe kommen. Den Plan, sich an den Computer zu setzen und zu arbeiten, den sie am Morgen noch geschmiedet hatte, verwarf sie wieder. Darauf verspürte sie nicht mehr die geringste Lust.
Als sie zehn Minuten später endlich vor dem bescheidenen Haus ihres Onkels anhielt, dessen Zufahrt ebenfalls hinter einem meterhohen Schneehaufen verborgen lag, atmete sie erleichtert durch.
Kaum hatte sie den Wagen verlassen, peitschte ihr ein eiskalter Wind ins Gesicht. Ein weiterer Windstoß riss ihr die Jacke auf und ließ sie bis ins Mark frösteln. Frierend und bibbernd zog Edda den Reißverschluss der Jacke zu und eilte zum Haus. So schnell es ihr mit ihren tauben Fingern möglich war, schloss sie auf, und als sie eintreten wollte, erfasste der Wind die Tür und knallte sie gegen die Innenwand. Eilig griff sie nach der Tür und schloss sie hinter sich.
Der Geruch von gebratenem Fleisch hing in der Luft, es herrschte vollkommene Stille.
Während sie sich auf den direkten Weg ins Badezimmer machte, zog Edda die Jacke aus. Vor dem Waschbecken blieb sie stehen, um ein paar Mal tief durchzuatmen. Dann drehte sie den Hahn auf und hielt die eiskalten Hände unter heißes Wasser. Schließlich setzte sie sich auf den Toilettendeckel und rieb sich über die brennenden Augen. Die Müdigkeit ergriff immer weiter von ihr Besitz. Vielleicht, überlegte sie, sollte sie das Baden verschieben, sich stattdessen einen Tee kochen und ins Bett legen.
Sie erhob sich wieder, verließ das Badezimmer und ging in die Küche. Licht machte sie keins an, das Licht der Laterne vor dem Fenster genügte. Sie ließ gerade Wasser in einen Topf laufen, als plötzlich das Licht anging.
Mit einem Ruck drehte sie sich um und machte erschrocken einen Satz zurück. „Jesus Christus! Was in aller Welt machst du hier?“
„Entschuldige. Ich wollte dich nicht erschrecken.“
„Betrachte mich als zu Tode erschreckt.“ Eddas zitternde Hand lag auf ihrem klopfenden Herzen. „Du kannst doch nicht einfach hier herumschleichen wie ein Gespenst! Warum hast du nicht gleich auch noch Huh! geschrien?“
„Entschuldige“, sagte Susanne noch einmal.
„Wie bist du überhaupt ins Haus gekommen?“
„Ich habe einen Schlüssel, schon vergessen? Jo hat ihn mir gegeben, bevor ich nach Deutschland geflogen bin.“
„Oh, ja. Daran hatte ich gar nicht mehr gedacht. Mensch, Süße … Komm, lass dich umarmen.“ Edda legte die Arme um Susannes Hals und drückte sie herzlich. „Ich bin wirklich froh, dich zu sehen, auch wenn ich das nächste Mal eine andere Begrüßung vorziehen würde. Seit wann bist du schon hier?“
„Seit etwa einer Stunde.“ Susanne erwiderte die Umarmung. „Ich hab geklopft, aber es hat niemand aufgemacht. Also bin ich rein und hab gewartet. Noch einmal: Entschuldigung.“
Edda ließ sie wieder los und betrachtete sie einen Moment lang. „Wieso hast du nicht vom Flughafen aus angerufen und Bescheid gegeben, dass du wieder in Norwegen bist?“
„Ich hab‘s versucht, aber die Leitung war tot.“
„Wirklich?“ Edda ging in den Flur und hielt sich den Telefonhörer ans Ohr. „Tja. Hm. Muss am Wetter liegen.“
„Ich war schon froh, dass ich überhaupt noch einen Flug bekam“, sagte Susanne. „Hübscher Baum übrigens.“
„Was für ein Baum? Was meinst du?“
„Den Christbaum im Wohnzimmer.“
„Oh. Ja, der. Er ist riesig. Ich frage mich, wie Jo es schaffte, den Baumschmuck an den oberen Zweigen anzubringen.“ Edda betrachtete Susanne noch einmal ausgiebig. „Deine Verwandlung irritiert mich immer noch. Als Susanne, die Punkerin, hab ich dich kennengelernt, und an Claudia Müller, die elegante Geschäftsfrau, hab ich mich noch nicht gewöhnt.“
„Ich hab mich selbst noch nicht daran gewöhnt.“ Susanne ließ sich in der Küche auf einen Stuhl sinken. „Vermutlich werde ich das auch nie. Aber jetzt sag mir bitte, wie geht es Jo?“
Edda griff wieder nach dem Topf, in den sie vorhin Wasser hatte laufen lassen. „Er liegt im Krankenhaus.“
„Ja, das sagtest du bereits am Telefon. Auch, dass er einen Herzinfarkt hatte. Ich wollte aber wissen, wie es ihm inzwischen geht?“
Edda stellte den Topf auf eine Herdplatte, schaltete sie ein und drehte sich wieder zu Susanne um. „Die Ärzte hoffen, dass er bald wieder aufwacht. Wir müssen einfach abwarten.“ Sie griff nach zwei Tassen. „Aber natürlich wird er wieder aufwachen. So boshaft ist Gott nicht. Er wird mir Jo nicht wegnehmen. Jo wird ewig leben.“
„Natürlich wird er das.“
Das Licht begann zu flackern. Beide sahen hinauf zur Deckenlampe.
„Das hört gleich wieder auf“, sagte Edda. „Liegt auch am Wetter.“
„Du hast am Telefon gesagt, er hätte es heraufbeschworen. Wie hast du das gemeint?“
Edda hob die Hände in die Höhe. „Ich glaube, er hat auf eigene Faust Nachforschungen angestellt.“ „Nachforschungen? Was für Nachforschungen?“
„Über Sofie Dale.“
„Wer ist das?“
Es dauerte zwei oder drei Sekunden, dann begann Edda zu erzählen…
48 Stunden zuvor.
Hätte Jo Holmen die Kneipe nur ein klein wenig früher wieder verlassen, dann wäre er Claas Mok gar nicht mehr begegnet. Hätte er sich nicht noch ein Bier bestellt und wäre nicht noch etwas sitzen geblieben, dann wäre vermutlich alles ganz anders gekommen. Hätte er die Kneipe an diesem Abend erst gar nicht betreten, sondern wäre zu Hause in seinem Bett geblieben, ja, dann wäre ihm einiges erspart geblieben.
Aber es war Jos chronischer Schlaflosigkeit zu verdanken gewesen, dass er an jenem Abend noch einmal aus dem Bett gestiegen und in die Kneipe gegangen war. Dort hatte er zwei Bier getrunken. Und das hätte es sein sollen. Er hätte wieder gehen sollen. Aber da das Schicksal dem Menschen immer einen Schritt voraus ist, hielt es just an diesem Abend etwas für Jo bereit.
Er war also sitzen geblieben und hatte sich noch ein drittes Bier bestellt. Als die Tür geöffnet wurde, hatte er den Kopf gehoben und beobachtet, wie ein Mann hereinkam, der Prototyp eines lieben, älteren Onkels: Anfang sechzig, mit vollkommen weißen Haaren, rotgesichtig und mit einem nicht zu übersehenden Bäuchlein unter dem viel zu dünnen Mantel. Der Mann war so unscheinbar, dass niemand sonst in der Kneipe Notiz von ihm zu nehmen schien. Er schüttelte sich wie ein nasser Hund und sah sich dann um. Es war kein Tisch mehr frei, aber gleich neben Jo stand noch ein leerer Stuhl.
Der Mann kam auf ihn zu. „Ist der hier noch frei?“ Er hatte eine sonore Stimme und sprach leise.
Jo nickte und forderte ihn mit einer Geste auf, neben ihm Platz zu nehmen.
Nachdem der Mann den Stuhl herangezogen und sich gesetzt hatte, fuhr er sich mit beiden Händen durch die Haare. Dann bestellte er Wodka beim Wirt, ehe er in Jos Richtung sagte: „Furchtbares Wetter.“
„Ja.“
„Das wird ein weißes Weihnachten.“
„Ja.“
Schweigen.
Dann: „Mein Name ist Claas Mok.“
„Jo Holmen.“
Der Wirt brachte den Wodka.
Dann folgte wieder Schweigen.
Sie saßen einfach nur da und starrten in ihre Gläser.
Schließlich sagte Mok: „Ich schätze, ich geh langsam meinem Ende entgegen.“
Jo sah auf.
„Ich rede vom Tod, mein Freund.“ Mok drehte das Wodkaglas zwischen seinen Fingern. „Davon, dass ich meinem Ende entgegengehe.“
„Na ja“, meinte Jo, „das tun wir alle.“
„Ja, das ist wohl richtig. Mich bestürzt nur, dass ich jetzt ein alter Mann bin und es nicht geschafft habe.“
„Was?“
„Das ist eine lange Geschichte.“
„Ich hab Zeit.“
Mok betrachtete Jo einen Moment lang. „Wollen Sie es wirklich wissen?“
„Ja.“
„Also, wenn Sie es wirklich wollen …“ Mok hielt den Zeigefinger seiner rechten Hand in die Höhe, „dann brauchen wir mehr Wodka.“ Er winkte dem Wirt und bestellte eine ganze Flasche.
Der Wodka brannte in Jos Kehle, lief langsam seinen Körper hinab, bis er sich irgendwo in seinem Magen wie eine glühende Kugel entfaltete.
„Sind Sie verheiratet?“, fragte Mok.
„Nein.“
„Also haben Sie auch keine Kinder.“
„Nein. Aber ich hab eine Nichte. Edda.“
„Sie hängen an ihr?“
„Ja.“
„Ja. Natürlich.“ Mok beugte sich nach vorne. „Vielleicht ist das die größte Herausforderung unseres Lebens. Die zu beschützen, die wir lieben.“
„Vielleicht.“ Jo wartete ab, worauf das hier hinauslief.
Mok lehnte sich wieder zurück. „Ich bin verheiratet. Seit einunddreißig Jahren. Ich habe eine Tochter, auf die ich sehr stolz bin und die ich sehr liebe. Und natürlich liebe ich auch meine Frau.“
„Natürlich. Was wollten Sie erzählen?“
„Genau. Der Fall, den ich nie lösen konnte.“ Mok nickte langsam. „Es war 1995. Das Mädchen hieß Sofie Dale. Es war siebzehn Jahre alt, als es spurlos verschwand.“
Jo zog die Augenbrauen hoch, schwieg aber.
„Sofie lebte in Ålesund“, redete Mok weiter. „Bei ihren Pflegeeltern. Ich war damals einer der ermittelnden Beamten. Wir haben nach dem Mädchen gesucht, es aber nicht gefunden. Irgendwann wurde die Suche eingestellt und alle Versuche, sie später noch einmal aufzunehmen, wurden abgewiesen.“ Mok hob den Blick und sah Jo in die Augen. „Noch heute bin ich verbittert darüber, wie es damals gelaufen ist, aber andererseits macht mich genau das noch sicherer.“
„Sicherer worin?“
„Dass ich Sofies Entführer kenne. Nein, ich kenne sie nicht persönlich, aber ich weiß, wer sie sind.“
„Wer?“
Mok verengte die Augen etwas. „Kennen Sie die Geschichte vom ‚Hörnermann‘?“
Jo, der immer noch nicht wusste, wohin das hier führte, sagte: „Jeder Norweger kennt die Geschichte. Der Hörnermann war ein finsterer Geselle, ein Teufel, der irgendwo auf einem Berg wohnte und fand, dass es zu viele gute Menschen auf der Welt gäbe und dass man etwas dagegen tun müsse. Also zog er sich eine gut organisierte Armee heran, die damit begann, alles auszulöschen, was dem Hörnermann nicht in den Kram passte. Damit war vor allem das Gute gemeint. Er wollte das Gute ausrotten.“
Mok seufzte. „Ja, das ist die Geschichte.“
„Und was hat das mit Sofie Dale zu tun?“
„Eine kluge und berechtigte Frage.“ Mok sah Jo wieder in die Augen. „Was, wenn es den Hörnermann tatsächlich gäbe?“
„Nehmen Sie mich gerade auf den Arm? Das ist eine uralte Legende, weiter nichts.“
„Das denken Sie. Sagt Ihnen der Name ‚Zaren‘ etwas?“
„Nein. Wer soll das sein? Ein Russe?“
„Kein Russe. So nennen sie ihn.“
„Wer? Wer nennt ihn so?“
Mok griff wieder nach seinem Glas und trank einen Schluck Wodka. „Wann sind Sie geboren, Jo?“, wollte er wissen, nachdem er das Glas wieder abgestellt hatte.
„1946.“
„Da war der Krieg schon vorbei.“
„Ja.“
„Dann haben Sie die Nazis nicht mehr kennengelernt.“
„Nein.“ Allmählich stellte Jo sich ernsthaft die Frage, ob der Mann nicht ein bisschen durcheinander war. Vielleicht hatte er zu Hause schon Wodka getankt. Reichlich Wodka.
„Ich hab 1972 bei der Polizei angefangen“, sprach Mok indessen weiter, „und in den Jahren habe ich unzählige Schicksale gesehen. Ich habe Jahre damit verbracht, im Dreck und Elend anderer Leute rumzuwühlen. Aber nichts und niemand hat mich so sehr mitgenommen wie der Zaren.“
„Aber warum?“, fragte Jo. „Wer ist das?“
„Der Zaren ist der vermutlich gefährlichste Mensch auf dieser Erde. Ich hab es leider nicht geschafft, ihn aufzuspüren und auszuschalten. Weil es verdammt noch eins nie auch nur einen einzigen Beweis gab. Ich weiß, dass es ihn gibt, aber der Mann ist total … verschwommen. Ein Schatten, ein Gespenst. Man kommt nicht an ihn heran, so sehr man es auch versucht.“
Jo richtete sich etwas auf. „Wie kommen Sie darauf, dass er der gefährlichste Mensch auf dieser Erde ist, wenn man doch nichts über ihn weiß?“
Mok lächelte dünn. „Vielleicht beflügelt er gerade deshalb so sehr meine Fantasie. Wenn ich ihn mir vorstelle, dann sehe ich eine Fantasiefigur vor mir, ungefähr so, wie wir ihn als Kinder in den vielen Comics gesehen haben: Hut bis über die Augen, schwarzer Mantel bis zum Boden und ein Gesicht mit dämonischen Zügen. Trotzdem ist er keinem Comic entsprungen. Er ist ganz real und niemand, niemand, hat so viele Menschen auf dem Gewissen wie er.“
Sie sahen sich an.
„Ich bin davon überzeugt, dass die Männer des Zaren Sofie entführt haben“, redete Mok weiter.
„Die Männer …?“
„Sein Heer, seine Streitmacht. Genau wie beim Hörnermann. Sie nennen sich ‚Kraniche‘.“
Jo begann, in seinen Taschen nach einer Zigarette zu suchen.
Mok beugte sich wieder nach vorne. „Während meiner Jahre bei der Polizei sind unzählige Menschen verschwunden, die nie wieder auftauchten. Auch nicht ihre Leichen. Und interessanterweise immer nur Menschen, die niemand vermisste oder über deren Verschwinden sich niemand Gedanken machte. Obdachlose, zum Beispiel. Von heute auf morgen, einfach weg. Und nie wieder aufgetaucht.“
„Und Sie meinen, diese Menschen wurden alle von den Kranichen entführt?“
„Ja.“
„Sofie Dale auch?“
Mok nickte.
„Aber warum? Warum sollten diese Vögel Menschen entführen? Wozu?“
„Hmmm“, brummte Mok. „Das weiß ich eben nicht. Aber ich weiß, dass ich recht habe.“
Jo blickte skeptisch.
„Ich verstehe, dass Sie Vorbehalte haben“, setzte Mok hinzu, „aber glauben Sie mir, ich bin kein Spinner. Ich bin alt und erschöpft, aber kein Spinner. Leider kann ich es nicht mehr beenden, denn ich werde bald tot sein.“ Er drehte den Kopf und seine Augen streiften in der Kneipe umher, so als suche er diesen Mann, den er „Zaren“ nannte, zwischen den anderen Gästen. Dann sah er Jo wieder an. „Der Zaren muss ausgeschaltet werden. Er ist ihr Gehirn. Wenn es ihn nicht mehr gibt, dann gibt es auch die Kraniche nicht mehr.“
Irgendwo in Susanne kreischte etwas. Sie versuchte, ihre Zunge dazu zu bringen, Worte zu bilden, aber sie war zu spröde, bewegte sich nur klickend in ihrem Mund. Es brauchte ein paar Anläufe, ehe sie sagen konnte: „Mein Gott, Edda … Wenn dieser Mok tatsächlich auf den Spuren der Kraniche war …“ Sie brach ab. „Was ist dann passiert?“
„Es gab noch am selben Abend, nach diesem Gespräch, einen Unfall. Mok wurde von einem Auto überfahren. Fahrerflucht. Er ist tot.“
Susanne schluckte, hob eine Hand in die Höhe, die sie jedoch sofort wieder sinken ließ. „Das war kein Unfall. Niemals im Leben war das ein Unfall. Das waren die Kraniche. Die haben den Mann umgebracht.“
„Das wissen wir nicht sicher.“
„Das wissen wir nicht sicher?“ Susanne richtete sich auf. „Jetzt pass mal auf, Edda. Ich habe bereits Bekanntschaft mit diesen Kranichen gemacht und ich weiß, dass sie eines ganz besonders gut beherrschen: das Töten.“ Dann sprudelte sie mit allem heraus: „Du erinnerst dich doch noch an den Auszug einer Mail, den wir gelesen haben, als ich noch hier in Norwegen war? Die Mail von Roman Vukovic, dem irren Psychopathen, der mich wochenlang beobachtete und auskundschaftete. Er schrieb in dieser Mail, er wüsste, dass die Kraniche dafür verantwortlich wären, dass ich im letzten Sommer in der geschlossenen Psychiatrie landete.“
„Ich erinnere mich“, sagte Edda. „Ich war dabei.“
„Eben. Daraufhin flog ich zurück nach Deutschland, wie du weißt, um herauszufinden, wer zum Teufel diese Kraniche sind. Tja – was soll ich sagen? – ich habe es herausgefunden. Und das, was ich herausgefunden habe, ließ mich bis ins Mark erzittern.“ Der Stuhl quietschte, als Susanne ganz nach vorne rutschte. „Die Kraniche, Edda, sind tatsächlich ein Heer, eine Streitmacht. Es sind Nazis, die die Weltherrschaft übernehmen wollen. Oder jedenfalls so etwas Ähnliches. Mok hat recht, sie wollen das Gute von innen heraus ausrotten. Es sind Satanisten, die nach der ultimativen Macht streben. So ist das.“
Edda hatte gerade ihre Teetasse angehoben, jetzt ließ sie sie wieder sinken. „Was denn nun? Nazis oder Satanisten? Du musst dich schon entscheiden.“
„Sie sind beides“, sagte Susanne. „Sie sind ein gottverdammter Albtraum. Vielleicht hast du schon einmal von den Behauptungen gehört, dass Hitler sich auf seinem Weg zur Macht mit schwarzer Magie, satanischen Riten und Ähnlichem beschäftigte. Seine Pläne für die Herrenrasse basierten auf völkischem Okkultismus. Er versuchte seine Rasse von den Schwachen und Nichtsnutzigen zu befreien, indem er sie tötete. Und nichts anderes tun die Kraniche auch.“
Edda öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Susanne hob eilig eine Hand in die Höhe. „Glaub es. Es ist wahr.“
„Und woher weißt du das alles?“
„Ich habe dir doch bei einem unserem letzten Telefonat erzählt, dass ich in Deutschland einen Mann kennengelernt habe. Sein Name ist Karl Dickfeld, ich nannte ihn aber nur den Professor, weil er mich an meinen Professor an der Uni erinnerte.“ Susanne machte eine Handbewegung. „Ist auch egal. Er erzählte mir auf jeden Fall, dass die Kraniche sich bereits in den frühen Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts formiert haben. Angeführt von einem Mann namens Elmer Nilson, einem Norweger. Und dass sie bereits damals ein Ziel verfolgten. Sie bereiteten sich auf die neue Zeit vor, auch bekannt unter dem Namen: Tausendjähriges Reich.“
„Wie bitte?“
„Ich hab dem Professor zuerst auch nicht geglaubt. Ich stand ihm vermutlich genauso skeptisch gegenüber wie Jo diesem Mok. Aber er hatte recht mit jedem Wort.“ Susanne rieb sich über die Stirn. „Elmer Nilson und seine Bande fanden damals wohl, es sei ihre Aufgabe, dieses tausendjährige Reich vorzubereiten. Und so formierten sie sich, während sich gleichzeitig in Deutschland die ersten Nazis formierten. Irgendwann taten sich beide Seiten zusammen, aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg zerfielen die Kraniche nicht, sondern, im Gegenteil, sie breiteten sich immer weiter aus und ihr Einfluss wurde immer größer.“ Susanne machte eine Pause und als Edda nichts darauf sagte, redete sie weiter: „Es ist wahr, Edda. Es gibt diese Kraniche und sie verfügen über eine Menge Macht. Sie haben eine Menge Leute auf ihrer Gehaltsliste – Polizisten, Politiker, Journalisten, Akademiker … und Mörder. Und die verstehen was von ihrem Handwerk, darauf kannst du dich verlassen. Ich sage dir, diese Vögel führen einen Krieg und sie wollen ihn um jeden Preis gewinnen. Sie wollen den Untergang des Rechtsstaates und sie setzen alles daran, um das auch zu erreichen.“
Ein paar Sekunden vergingen, dann sagte Edda: „Ist das alles?“
„Reicht das nicht? Edda, wenn Mok recht hat, dann wissen wir jetzt, wer der Kopf dieser Vögel ist. Ein Mann, der sich ‚Zaren‘ nennt.“
Edda erhob sich, ging zum Kühlschrank und öffnete ihn.
„Ich glaube nicht, dass Mok einfach nur eine Geschichte erzählt hat, weil ihm langweilig war“, sagte Susanne. „Er wusste von den Kranichen. Er wusste sehr genau, wovon er sprach. Und genau deshalb ist er jetzt vermutlich tot.“
Edda machte den Kühlschrank wieder zu, ohne hineingesehen zu haben. „Es könnte sich aber auch um einen tragischen Unfall mit Fahrerflucht gehandelt haben.“
„Ja. Könnte. Aber ich glaube es nicht.“
„Und was hat das Ganze mit Sofie Dale zu tun? Warum sollten die Kraniche Menschen entführen und verschwinden lassen? Warum ein Mädchen wie Sofie Dale?“
„Tja, das müssten wir herausfinden.“
Edda hatte den Griff des Kühlschranks noch nicht losgelassen. Sie sah Susanne einfach nur an.
Als zu lange nichts von ihr kam, sagte diese: „Offenbar hat Jo ja auch noch einmal darüber nachgedacht. Wenn es stimmt, was du sagst, dann hat er angefangen zu recherchieren.“
„Ich glaube es. Sicher bin ich mir nicht.“ Endlich ließ Edda den Griff des Kühlschranks los und kam zurück zum Tisch. „Aber er war in den letzten beiden Tagen irgendwie … anders. Er hat getan, als wäre alles in Ordnung, aber mich kann er nicht täuschen. Er wirkte nervös. Schreckhaft. Von einer inneren Anspannung, die ich bei ihm so nicht kannte.“
„Habt ihr darüber geredet?“
„Nein. Ich hab ihn zwar gefragt, wie es ihm geht und so, aber er hat geantwortet, es wäre alles in Ordnung.“
Der Wind blies so heftig gegen das Fenster, dass sie zusammenzuckten.
„Du meinst, er hat etwas herausgefunden? Etwas, das ihn vielleicht so sehr aufregte, dass er …?“
„Ich weiß es nicht.“ Edda ging zum Ofen, um Holzscheite nachzulegen. „Aber möglich wäre es.“ Das sagte sie so leise, dass Susanne es kaum hören konnte.
„Hast du mal darüber nachgedacht, warum Mok ausgerechnet ihm von Sofie Dale, den Kranichen und dem Zaren erzählte?“
„Natürlich hab ich darüber nachgedacht. Und eine Antwort darauf hab ich nicht.“
„Mok sagte, er ginge seinem Ende entgegen, richtig? Das könnte doch bedeuten, dass er ahnte, dass er nicht mehr lange am Leben sein würde. Dass er ahnte, dass die Kraniche ihn schon bald erwischen würden.“
„Und da ging er noch schnell in die Kneipe und schnappte sich den Nächstbesten, um ihm die Geschichte vom Zaren zu erzählen? Also, ich weiß nicht …“ Edda schüttelte den Kopf. „Klingt ziemlich weit hergeholt, wenn du mich fragst.“
„Aber nicht unmöglich.“
„Nein. Nicht unmöglich.“
Zwei Sekunden, drei, herrschte vollkommene Stille im Raum.
Dann sagte Susanne: „Und was machen wir jetzt?“
Edda drehte sich zu ihr um. „Ich weiß nicht. Was schlägst du vor? Sollen wir uns bis an die Zähne bewaffnen und gegen die Kraniche in den Krieg ziehen?“
„Ein paar einfache Fragen stellen würde für den Anfang schon reichen. Ein paar Nachforschungen über Sofie Dales Verschwinden anstellen.“
Wieder vergingen ein paar Sekunden.
Dann nickte Edda und ging zur Tür.
„Wo willst du hin?“, fragte Susanne.
„Ich setze mich an den Computer und beschaffe mir alle nötigen Informationen über Sofie Dale.“
Sofort war Susanne auf den Beinen. „Ich komme mit.“
3. KAPITEL
Keine gewöhnliche Leiche
Hannover
19:25 Uhr
Es dauerte ein paar Sekunden, bis sich Frieda Behnkes Augen an die Düsternis gewöhnt hatten. Sie hatte nur eine leichte Strickjacke übergezogen, was sie jetzt bereute. Frierend und bibbernd eilte sie auf das Nachbarhaus zu. Den selbst gebackenen Christstollen hielt sie fest in den Händen.
Beim Nachbarhaus angekommen, drückte sie auf den Klingelknopf und wartete.
Niemand öffnete.
Frieda klingelte erneut, und wieder tat sich nichts im Inneren des Hauses. Da aber das Licht im Wohnzimmer brannte, musste jemand da sein.
„Hallo?“, rief Frieda, laut genug, um im Inneren gehört zu werden.
Als sie daraufhin wieder keine Antwort bekam, überlegte sie kurz, dann ließ sie von der Haustür ab und ging zum Wohnzimmerfester. Auf einer vereisten Stelle rutschte sie aus und knickte sich den Knöchel um. Der Schmerz fuhr ihr bis in die Hüfte. Sie drohte zu fallen, konnte sich aber mit einer Hand am Fensterbrett festhalten.
Noch einmal sagte sie laut: „Hallo? Frau Strickner? Ich bin es, Frieda Behnke. Ihre Nachbarin.“
Wieder keine Antwort.
Frieda hob den Kopf und blickte durch die Scheibe ins Wohnzimmer. Zuerst sah sie nur eine Hand. Bleich und krallenartig. Dann sah sie den Rest und stieß einen Schrei aus. Sie wich zurück und drohte erneut zu fallen. Sie suchte nach ihrem Gleichgewicht, fand es, rannte zurück zu ihrem eigenen Haus und rief dort so schnell sie konnte die Polizei.
Eine halbe Stunde später stand Hauptkommissar Michael Tech ganz still da, die Hände tief in den Taschen seiner Jacke vergraben, während um ihn herum das Klicken von Kameras zu hören war, das Klingeln eines Handys und gedämpfte Gespräche. Dazu Männer in weißen Overalls, die sich systematisch durchs ganze Haus arbeiteten. Irgendwo fluchte jemand leise.
Tech hatte Halsschmerzen und seine Augen tränten unablässig. Er sollte eigentlich zu Hause im Bett liegen. Schon seit Tagen quälte er sich mit einer Grippe herum, die er nicht auskurieren konnte, weil immer irgendetwas dazwischenkam. Weil die Arbeit nicht abreißen wollte, nicht einmal an Weihnachten.
Und jetzt das.
Er betrachtete die Leiche, die noch nicht von der Stelle bewegt worden war. Sie würde noch eine ganze Weile so liegen bleiben, bis sie von allen Seiten fotografiert worden war und bis der Arzt sie untersucht hatte.
Tech wandte den Blick ab und betrachtete das Bücherregal, das gesprenkelt war mit einer dunklen Substanz. Es sah aus wie Kaffee. Dafür sprachen auch die Überreste von etwas, das aussah wie eine zerschmetterte Kaffeetasse. Die Scherben lagen überall auf dem Boden herum.
„Guten Abend“, sagte Doktor Eduard Gläser, der gerade das Wohnzimmer betreten hatte. „Tut mir leid, aber es war mir bei dem schlechten Wetter leider nicht möglich, schneller hier zu sein, Herr Kommissar. Entschuldigen Sie. Herr Hauptkommissar muss ich ja nun sagen.“
Tech zog es vor, nicht darauf zu antworten. Er ahnte, dass dies ein schicksalhafter Moment war. Dass hiermit seine Stunde gekommen war, doch er wollte nicht darüber nachdenken, noch nicht, denn er wusste, wenn er es tat, dann würde die Last auf seinen Schultern unerträglich werden.
Gläser ging auf die Leiche zu und blieb neben ihr stehen. „Ich kann es immer noch nicht glauben.“
„Ich auch nicht“, sagte Tech.
„Wer sollte denn so etwas tun? Wer sollte ausgerechnet sie umbringen?“
„Wir werden es herausfinden.“
Der Arzt kniete neben der Leiche nieder und kratzte sich am Kopf. Er war aufgewühlter, als er zugeben wollte. Seine Wangen zeigten eine intensive Röte. „Verdammt schade.“
Das war es wirklich. Denn die Tote auf dem Boden war nicht irgendeine Frau. Hier war keine gewöhnliche Bürgerin umgebracht worden. Hierbei handelte es sich um Frau Doktor Hannelore Strickner. Sie lag auf dem Rücken, ihre Augen starrten an die Decke, ihr blondiertes Haar lag um ihren Kopf herum gefächert und der Boden um diesen Kopf herum war voller Blut.
Gläser riss sich zusammen und begann mit seiner Arbeit. „Erschossen“, sagte er. „Eine Kugel in den Hinterkopf. Blitzsauberer Schuss. Hat keine zwei Sekunden in Anspruch genommen. Das lässt mich nicht an einen Kontrollverlust aus unerwiderter Liebe denken. Sieht eher nach einer kaltblütigen Exekution aus.“
„Also ein Profi“, sagte Tech.
„Würde ich denken, ja. Ein Jäger könnte das hier aber durchaus auch bewerkstelligen.“ Gläser widmete sich wieder der Leiche. „Die Kugel sitzt noch im Schädel. Ich kann kein Austrittsloch entdecken.“
„Aus welcher Entfernung wurde geschossen, was meinen Sie?
„Nach den Rückständen an der Einschussstelle zu schließen: einen Meter, höchstens.“
„Und wann?“
„Das dürfte noch nicht so lange her sein. Etwa drei bis vier Stunden.“
„Also zwischen 17: 00 Uhr und 18:00Uhr.“
„Ja.“
Tech nickte, sah sich noch einmal im Raum um und hegte nicht den leisesten Zweifel daran, dass ihn das hier für die nächste Zeit rund um die Uhr auf Trab halten würde. Er durfte nicht vergessen, morgen früh seine Mutter anzurufen, um ihr mitzuteilen, dass er zum Weihnachtsfest vermutlich nicht kommen würde. Das würde wieder Diskussionen geben …
„Der Blutmenge um den Kopf herum nach zu urteilen, scheint sie genau an dieser Stelle hier umgebracht worden zu sein“, durchbrach Gläsers Stimme seine Gedanken.
Tech konzentrierte sich wieder auf ihn. „Vermutlich stand sie hier und hielt eine Tasse Kaffee in den Händen, als sie erschossen wurde.“ Ein Foto, das auf einem Regal stand, stach ihm ins Auge. Es zeigte Frau Doktor Strickner mit einem Mann, der ein etwas vorstehendes Auge und dünnes dunkelblondes Haar hatte. Die beiden hatten die Arme umeinander gelegt. „Wer ist das?“, fragte er.
Gläser hob den Kopf und folgte seinem Blick mit den Augen. „Das dürfte ihr verstorbener Mann sein.“
„Ich wusste gar nicht, dass sie Witwe war.“
„Das wussten nur wenige. Sie hat nicht viel über sich selbst gesprochen.“
Das hatte sie wirklich nicht.
„Was wissen Sie sonst noch über sie?“, fragte Tech.
„Das, was die meisten wissen.“ Gläser war schon wieder mit der Leiche beschäftigt. „So gut wie nichts. Sie war eine gute Rechtsmedizinerin, eine verdammt gute sogar. Eine Ärztin, wie sie im Buche steht. Damit hört mein Wissen über sie aber auch schon auf. Wir waren Kollegen, keine guten Freunde. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob Frau Doktor Strickner überhaupt Freunde hatte.“
„Ich mir auch nicht“, murmelte Tech.
Wiederholt blitzte das Blitzlicht des Polizeifotografen auf.
Ein paar Minuten später richtete Gläser sich auf. „Ich bin hier fertig. Was ich jetzt schon sagen konnte, habe ich Ihnen gesagt. Für alles Weitere müssen wir die Obduktion abwarten.“
„Wir brauchen das Ergebnis schnell, Herr Doktor“, sagte Tech. „Wirklich schnell.“
„Ich verspreche Ihnen, ich mache so schnell ich kann.“
„Und wie schnell ist das genau?“
Gläser holte tief Luft. „Bis morgen früh um 11:00 Uhr dürfte ich es geschafft haben.“
Tech nickte zufrieden. „In Ordnung. Ich komme zu Ihnen.“
„Das ist nicht nötig. Sie müssen sich den Weg nicht machen. Sie können anrufen oder ich rufe bei Ihnen an.“
„Danke, aber ich möchte kommen.“
„Wie Sie wollen.“ Gläser packte seine Tasche zusammen und ging zur Tür. Dort blieb er noch einmal stehen und drehte sich um. „Sie war eine großartige Ärztin. Wirklich großartig. Diesen Tod hat sie nicht verdient.“
„Nein“, sagte Tech. „Das hat sie nicht. Niemand hat das.“
Kaum war der Arzt gegangen, eilten zwei Männer herbei, die eine Bahre mit sich trugen. Auf ein Zeichen von Tech hin, hoben sie den toten Körper hoch, legten ihn darauf, deckten ihn mit einem Tuch zu und gingen mit ihm davon.
Die Polizisten an der Tür beobachteten mit Erleichterung, wie die grausige Last davongetragen wurde.
Tech holte sein Handy aus der Jackentasche, schaltete das Diktiergerät ein und begann nach einem Blick auf die Uhr ins Mikrofon: „Es ist 20:48 Uhr. Der 23. Dezember. Ich stehe im Haus von Frau Doktor Hannelore Strickner. Sie wurde erschossen, lag auf dem Boden auf dem Rücken.“ Er ließ das Mikrofon sinken und drehte sich zu einem Mann von der Spurensicherung um, der gerade an ihm vorbeiging und angespannt auf einem Kaugummi kaute. „Gibt es Einbruchsspuren?“, wollte er wissen.
„Nein, überhaupt keine“, antwortete der Kollege. „Die Tür ist heil, die Gläser aller Fenster ebenfalls. Auch an den Rahmen sind keine Spuren zu finden. So wie es aussieht, hat sie ihren Mörder freiwillig ins Haus gelassen.“
„Raubüberfall?“
Der Kaugummi wanderte von der linken auf die rechte Seite. „Hm, nein, sieht nicht so aus, als wurde etwas gestohlen.“
„Wurde das Tatwerkzeug, die Pistole, schon gefunden?“
„Nein. Noch nicht. Vermutlich hat der Mörder sie mitgebracht und wieder mitgenommen.“
Ein blonder Kollege von der Streife kam von draußen herein, ging auf Tech zu und sagte: „Wir haben den Vorgarten durchsucht, aber wie soll man bei dem vielen Schnee etwas finden? Die anderen sind gerade an der Auffahrt beschäftigt.“
„Danke“, sagte Tech. „Suchen Sie bitte weiter.“
Der Streifenbeamte nickte und verschwand wieder.
Tech sprach erneut in sein Diktiergerät: „Das Opfer wurde mit einem Schuss in den Hinterkopf getötet, das Tatwerkzeug befindet sich offenbar nicht am Tatort.“ Er drehte sich einmal um die eigene Achse. „Der Raum ist sauber, keine Spuren eines Kampfes. Lediglich am Bücherregal sind dunkle Spritzer zu sehen, die wahrscheinlich von Kaffee stammen. Scherben einer kaputten Kaffeetasse liegen auf dem Boden. Vermutlich wurde das Opfer von hinten überrascht. Nirgendwo am Haus sind Spuren eines Einbruchs zu finden. Die Fenster sind unversehrt, ebenso die Eingangstür. Der Mörder scheint freiwillig hereingelassen worden zu sein.“ Er ließ das Diktiergerät wieder sinken und fragte laut in den Raum: „Wer hat sie gefunden?“
„Eine Nachbarin“, antwortete jemand. „Sie wollte einen Christstollen vorbeibringen. Als ihr niemand öffnete, obwohl Licht brannte, hatte sie ein komisches Gefühl und einen Blick durchs Wohnzimmerfenster geworfen. Sie hat gleich die Polizei gerufen.“
„Hat sie jemanden gesehen?“
„Nein.“
Tech seufzte leise. Das wäre auch zu einfach gewesen. „Wo ist die Frau jetzt?“, fragte er weiter.
„Wieder in ihrem Haus. Es wäre zu kalt gewesen, sie die ganze Zeit in einem der Polizeiwagen warten zu lassen.“
„In Ordnung.“ Tech bekam einen Hustenanfall und schob sich ein Mentholbonbon in den Mund. Dann machte er sich auf den Weg zur Nachbarin.
Mit dem sicheren Gefühl, in einen Albtraum geraten zu sein, stand Frieda Behnke an ihrem Küchenfenster und betrachtete das rot-weiße Absperrband, das die Polizei rund um das Nachbarhaus gespannt hatte. Sie konnte immer noch nicht glauben, was sie gesehen hatte, und ganz bestimmt würde sie es auch nie wieder vergessen. Ganz bestimmt würde sie … Frieda verharrte, richtete sich etwas auf, griff nach ihrer Brille und hielt die Gläser vor die Augen. Auf der anderen Straßenseite, hinter einem der Bäume, stand jemand. Vom Gesicht war nichts zu erkennen, aber die Gestalt trug eine auffällig hellgelbe Jacke.
Frieda spürte, wie ihr das Blut aus dem Kopf in die Füße schoss.
War das etwa der Mörder?
Im nächsten Moment drehte die Gestalt sich um und verschwand in der Dunkelheit. In derselben Sekunde, in der es an der Tür klingelte.
Die Polizei! Das war bestimmt die Polizei!
Frieda eilte durch den Flur, öffnete die Tür jedoch nur einen Spalt. „Michael Tech“, sagte der Mann, der davorstand. „Kriminalpolizei.“
„Ich glaube, ich habe ihn gerade gesehen“, sagte Frieda atemlos.
„Wen?“
„Den Mörder. Er stand auf der anderen Straßenseite und ich glaube, er hat Frau Strickners Haus beobachtet. Dann hat er sich umgedreht und ist weggelaufen.“
Tech zögerte keinen Moment. „Wohin ist er gelaufen?“
Frieda streckte den Arm in die Richtung, in die er verschwunden war, aus. „Er trägt eine helle gelbe Jacke.“
Sofort setzte Tech sich in Bewegung und rannte los. Um ein Haar wäre er ausgerutscht, fand aber noch rechtzeitig das Gleichgewicht wieder.
Na warte, dachte er, dich krieg ich.
Und er gab sich wirklich Mühe. Er rannte so schnell er konnte, aber er war leider kein Läufer. Er war noch nie in seinem ganzen Leben joggen gewesen. Das rächte sich jetzt. Dazu kam seine Erkältung. Er spürte förmlich, wie seine Lungen bereits nach wenigen Metern bebten und brannten. Er wollte nicht aufgeben, aber nach etwa dreihundert Metern tat er es doch. Er brach den Lauf ab und stützte keuchend die Hände auf die Knie.
Wer immer es gewesen war, die Person war verschwunden. Keine Chance mehr, sie einzuholen.
„Es war ein Mann“, sagte Frieda Behnke zehn Minuten später überzeugt.
„Sind Sie sicher?“ Völlig erschöpft saß Tech in ihrem Wohnzimmer. In seiner Jackentasche suchte er nach einem Taschentuch und putzte sich die Nase. Dann schob er sich ein weiteres Mentholbonbon in den Mund.
„Nein. Nicht hundertprozentig. Aber seine Bewegungen und seine Größe … Es muss ein Mann gewesen sein.“
Aber war eine helle gelbe Jacke nicht viel zu auffällig für einen Mörder? Tech steckte das Taschentuch wieder weg. „Bitte beschreiben Sie mir, was sich heute Abend abgespielt hat.“
Wie auf Kommando begannen Tränen über Friedas Wangen zu rollen. „Es war fürchterlich. Ich kann es immer noch nicht glauben.“
Tech reichte ihr ein frisches Taschentuch.
Sie griff danach und tupfte die Tränen weg. „Ich bin jetzt über sechzig Jahre alt und das ist das Schlimmste, was ich in meinem ganzen Leben gesehen habe. Furchtbar. Einfach nur furchtbar. Einen Menschen so … aufzufinden.“
Ein paar Sekunden vergingen.
Zwar wollte Tech so schnell wie möglich alle Informationen, aber er wollte sie nicht um jeden Preis. Schließlich sagte er: „Sagen Sie bitte, was geschehen ist.“
„Also, das war so“, setzte Frieda an, „ich bin zu Frau Strickners Haus gegangen, weil ich ihr einen selbst gebackenen Christstollen bringen wollte. Das mache ich jedes Jahr. Das Licht im Haus brannte, ich habe geklingelt, aber sie hat nicht aufgemacht, und da dachte ich: Da stimmt was nicht. Deshalb habe ich durchs Wohnzimmerfenster geschaut und habe gesehen … Ich bin sofort wieder hierher gelaufen und habe die Polizei gerufen. Da war es genau 19:56 Uhr.“
„Wie kommt es, dass Sie sich bei der Uhrzeit so sicher sind?“, wollte Tech wissen.
„Das bin ich immer, auf die Minute genau. Ich schaue ständig auf die Uhr.“ Frieda machte eine Bewegung mit der Hand. „Man kann das wohl einen Tick nennen. Ich wusste, wie spät es war, als ich mein Haus verließ – 19:45 Uhr - und ich sah wieder auf die Uhr, als ich nach dem Telefonhörer griff. 19:56 Uhr.“
„Und Sie haben sofort gesehen, dass Frau Strickner tot war?“
„Nun, da konnte es wohl keinen Zweifel geben.“ Frieda schluckte schwer. „Sie lag auf dem Rücken. Um ihren Kopf herum war Blut. Es war einfach nur schrecklich.“ Wieder tupfte sie ihre Augen ab.
„Haben Sie sonst noch etwas bemerkt, als Sie ins Wohnzimmer schauten?“
„Nein.“ Frieda schüttelte den Kopf. „Eine Kaffeetasse lag zerdeppert auf dem Boden, so als ob sie gerade daraus getrunken hätte, als sie … Mehr ist mir nicht aufgefallen. Nein.“
Tech überlegte einen Moment, dann fragte er weiter: „Waren Sie mit Frau Strickner befreundet?“
„Nein, das kann man so nicht sagen.“
„Aber Sie haben sie gut genug gekannt, um ihr einen Kuchen zu bringen.“
„Das mache ich, wie gesagt, jedes Jahr zu Weihnachten. Weil man das eben so macht. Aber mehr …“ Noch einmal schüttelte Frieda den Kopf. „Ich kannte sie nicht besser als jeder andere hier in der Nachbarschaft auch. Sie lebte sehr zurückgezogen, blieb gern für sich.“ Schnell hob sie die Hände in die Höhe. „Verstehen Sie mich nicht falsch, Frau Strickner war eine sehr nette und freundliche Frau, sie grüßte immer und wir wechselten auch stets ein paar Worte miteinander, wenn wir uns auf der Straße trafen. Mehr war aber nicht. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob sie überhaupt noch irgendeinen gesellschaftlichen Umgang pflegte, seit ihr Mann gestorben ist.“
„Wann ist er denn gestorben?“, wollte Tech wissen.
„Vor elf Jahren. Er hat sich erhängt.“
„Wirklich?“
„Ja, das war eine tragische Geschichte.“ Frieda runzelte die Stirn. „Frau Strickner hat diesen Verlust gar nicht gut verkraftet und sich danach immer weiter zurückgezogen.“
Tech überlegte wieder einen Moment, dann fragte er weiter: „Wann haben Sie sie das letzte Mal lebend gesehen?“
Frieda leckte sich über die Lippen. „Gestern Abend. Um 17:13 Uhr. Ich kam gerade vom Friseur. Da das Wetter so schlecht war, hatte ich mir ein Taxi genommen und mich nach Hause bringen lassen.“
„Heute haben Sie sie den ganzen Tag über nicht gesehen?“
„Nein.“
„Und als Sie sie gestern gesehen haben, haben Sie da mit ihr gesprochen?“
„Nur ‚Guten Abend‘, mehr nicht. Allerdings habe ich heute, am späten Nachmittag – 16:14 Uhr -, beobachtet, wie ein Mann an ihrer Tür klingelte. Ich habe es von meinem Fenster aus gesehen.“
„Was für ein Mann?“
„Ich kenne ihn nicht persönlich, aber er war schon öfter bei Frau Strickner. Nicht sehr regelmäßig und nicht sehr oft, aber sein Wagen stand schon ein paar Mal vor ihrem Haus. Vermutlich fiel es mir nur deshalb auf, weil sie ja ansonsten, wie ich bereits sagte, kaum Kontakt zu anderen Menschen hatte.“
„Wissen Sie, was für einen Wagen der Mann fuhr?“
„Ich kenne mich nicht so gut aus mit Automarken.“
Schade, dachte Tech.
„Aber ich habe mir das Kennzeichen gemerkt.“
Tech sah auf und spürte, wie eine Art Rauschen durch seinen Körper ging.
„Ich konnte es mir ganz leicht merken. H wie Hannover. FB wie Frieda Behnke. 100.“ Frieda lächelte schüchtern.
„Ich danke Ihnen, Frau Behnke“, sagte Tech. „Sie haben mir wirklich sehr geholfen.“
4. KAPITEL
Steganografie
Hannover
21:16 Uhr
Julia und Eva befanden sich inzwischen wieder in der Innenstadt. Umgeben von wirbelndem, wallendem Weiß, konnten sie gerade noch die Umrisse einer kleinen Trinkhalle erkennen, die sich auf der anderen Straßenseite befand, deren Konturen sich aber mit jedem Augenblick weiter aufzulösen schienen.
„Tee!“, stieß Eva aus. „Köstlicher, heißer Tee!“
„Wir sollten nicht übermütig werden“, sagte Julia.
„Ich bitte dich, Julia! Ich bin durchgefroren bis auf die Knochen. Gönn mir wenigstens einen heißen Tee. Jetzt.“
„In der Pension haben wir es auch warm und dort können wir auch Tee trinken.“
„Bis wir die Pension erreicht haben, bin ich ganz bestimmt erfroren. Ich fühle mich, als wäre ich mitten in einen Film über die Apokalypse geraten.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, überquerte Eva bereits die Straße.
Julia sah sich gezwungen, ihr zu folgen.
Schnaufend eilte Eva in die Trinkhalle und auf eine Theke mit Holzplatte zu. „Was muss ein Mädchen tun, um hier einen heißen Tee zu bekommen?“, fragte sie. „Und ich meine, einen richtig heißen Tee.“
Der Mann hinter der Theke, ein hochgewachsener Typ, dessen blonde Haare vom Kopf abstanden, als hätte er gerade in eine Steckdose gefasst, und an dessen Pullover ein Schild steckte, auf dem „Bertram“ stand, lächelte. „Heißer Tee mit Rum, wie wäre es damit?“
„Das klingt wunderbar.“
„Und Sie?“, wandte Bertram sich an Julia.
„Für mich auch.“
Er nickte und machte sich daran, einen Wasserkocher einzuschalten. „Da haben Sie sich aber einen beschissenen Tag für einen Spaziergang ausgesucht“, sagte er und deutete mit dem Daumen auf einen kleinen Fernseher, der auf der rechten Seite unterhalb der Decke befestigt war. Der Nachrichtensprecher, der nicht eine Falte im Gesicht hatte, wurde gerade von einer detailgetreuen Karte Deutschlands abgelöst, über die eine animierte weiße Masse ruckelte.
„Dieses beschissene Wetter wird uns noch ein paar Tage zu schaffen machen“, fügte Bertram hinzu. „Weshalb ich heute eigentlich gar nicht öffnen wollte. Sie beide sind die einzigen Gäste, die ich heute Abend hatte. Über die Feiertage lasse ich den Laden am besten geschlossen.“ Er seufzte leise. „Kommt sowieso keiner.“ Noch einmal seufzte er, dieses Mal etwas lauter. „Muss ich Weihnachten eben mit meiner Frau verbringen.“
„Sie müssen?“ Eva lächelte. „Klingt, als wäre es eine Tortur.“
Das ließ Bertram auflachen. „Und ob es das ist. Sie haben ja keine Ahnung. Ich bringe Ihnen gleich den Tee.“
Sie nickten und stellten sich an einen runden Tisch etwas abseits.
Wenig später wurden zwei Tassen vor ihnen abgestellt, die die Größe von Apfelweinkrügen hatten. „Bitte sehr. Darf‘s auch was zu knabbern sein? Eine Tüte Erdnüsse vielleicht?“
Evas Augen begannen zu leuchten. „Bitte, ja!“
Sie wurden ihr gebracht.
„Danke! Sie sind mein Retter!“
„Sehr gerne.“ Bertram verschwand wieder hinter seiner Theke und Eva trank mit einem erleichterten Seufzer von ihrem Tee. „Junge, tut das gut.“ Sie zog die Handschuhe aus und machte sich daran, die Tüte mit Erdnüssen zu öffnen, wovon sie sich beachtliche Mengen in den Mund schob. „Willst du auch?“, fragte sie.
„Nein, danke.“ Julia, auf deren Tasse in leuchtenden Buchstaben „Jemand liebt dich“ stand, trank ebenfalls einen Schluck. Dann zog sie sich die Strickmütze vom Kopf und fuhr sich mit den Fingern durch die feuchten Haare. „Möchtest du über das sprechen, was wir in dem Haus gesehen haben?“
„Ich möchte am liebsten nie wieder darüber sprechen.“ Eva griff sich noch eine Portion Erdnüsse.
„Okay.“
Sie schwiegen ein paar Minuten.
Erst als Eva alle Erdnüsse verspeist und die leere Tüte von sich geschoben hatte, sagte sie: „Warum könnten sie ihn umgebracht haben?“
Verwirrt sah Julia auf. „Ich dachte, wir wollten nicht darüber reden.“
„Ich habe gerade festgestellt, dass es mir auch nicht besser geht, wenn wir nicht darüber reden. Also, warum haben sie ihn an die Wand … genagelt?“
„Ich weiß es nicht. Vielleicht als Warnung.“
„An uns?“
„Ich weiß es wirklich nicht, Eva. Der Mann muss auf der Seite der Guten gestanden haben. Er war mein Ziel. Das Medaillon führte mich genau zu ihm. Hätte er noch gelebt, hätte er vermutlich in dem Haus auf mich gewartet. Aber sie haben ihn vorher gefunden und ausgeschaltet. Und jetzt stochern wir wieder im Nebel.“
Eva nickte und starrte in ihren Tee. „Der arme Mann. Diese Leute sind wahre Teufel.“
„Ja, das sind sie. Aber das wissen wir ja nicht erst seit heute.“
„So habe ich im letzten Frühjahr auch …“ Eva brach ab. „Nur dass ich an ein Kreuz genagelt war und nicht an die Wand. Und dass ich überlebt habe. Dank dir.“ Sie hob den Blick und sah Julia an.
„Packst du es?“, fragte diese.
„Ich werde den Rest meines Lebens brauchen, um das irgendwie zu packen.“ Eva schluckte. „Was können wir jetzt noch tun? Wenn der Mann in der Hütte den nächsten Hinweis für uns hatte, dann hat er ihn vermutlich mit in den Tod genommen.“
„Oder die Kraniche haben ihn.“
„Das würde bedeuten, dass sie die Kassette haben, oder?“
„Vermutlich ja.“
„Und was dann?“
„Dann haben wir verloren.“ Julias Blick fiel auf eine kleine Holztafel, die über der Theke hing. Darauf stand: Denkst du an Engel, so bewegen sie ihre Flügel.
Engel. Das Wort hallte durch ihren Kopf.
„Alles in Ordnung?“, fragte Eva.
Julia sah sie an. „Das Gemälde.“
„Was für ein Gemälde?“
„Das Gemälde, das in dem Haus an der Wand hing. Das mit den Engeln. Hast du es nicht gesehen?“
Eva schüttelte den Kopf. „Ich hatte nur Augen für den armen Mann.“
„Alles in dem Haus war zerstört. Nur dieses Gemälde hing noch vollkommen intakt an der Wand.“
„Und?“
„Vielleicht ist es genau das, wonach wir suchen.“
„Warum? Wie kommst du darauf?“
„Die Engel leiten dich. Das steht auf dem Medaillon.“
„Ja, aber das ist ein Gemälde. Was …?“
Julia hob die Hände in die Höhe. „Schon mal was von Steganografie gehört?“
„Nein. Ich kenne nur Stenografie und damit hatte ich immer nur wenig Spaß.“
„Dabei handelt es sich um ein Verschlüsselungsverfahren, das im Wesentlichen darin besteht, eine Botschaft in einer anderen zu verbergen, zum Beispiel in einem offenbar harmlosen Gemälde.“
„Du glaubst, das Gemälde ist steganografiert?“
„Ich weiß es nicht. Aber es wäre immerhin eine Möglichkeit.“
„Genial“, sagte Eva. „Wenn es so wäre.“
Julia zog sich bereits wieder die Handschuhe über. „Wir müssen noch einmal in das Haus zurück.“
„Was?“
„Du musst ja nicht mitkommen. Ich mache mich alleine auf den Weg. In der Zeit kannst du …“
„Quatsch. Natürlich komme ich mit.“
„Wollen Sie wirklich noch mal da rausgehen?“, fragte Bertram, als Julia einen Schein auf die Theke legte.
„Müssen wir wohl, wenn wir hier nicht übernachten wollen“, sagte sie.
Er zuckte mit den Schultern. „Na, dann passen Sie gut auf sich auf.“
Julia nickte und mahnte sich, die Trinkhalle nicht zu schnell zu verlassen, aber das war schwer.
Der Drang zur Eile war fast unwiderstehlich.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, zwischen zwei Häusern versteckt, hatte eine Frau Posten bezogen. Sie nannte sich selbst: die Unsichtbare.
Während sie beobachtete, wie Julia und Eva sich noch einmal auf den Weg machten, strich sie sich eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht.
Sie überlegte. Vielleicht war das, was sie tat und vorhatte, ein Fehler. Aber wenn es ein Fehler war, dann war möglicherweise auch alles andere falsch.
Die Unsichtbare schüttelte den Kopf. Sie durfte nicht zulassen, dass diese Gedanken überhandnahmen.
Sie machte zwei Schritte vorwärts und setzte sich in Bewegung.
5. KAPITEL
„Case closed.“
Norwegen
20:27 Uhr
Ungefähr 900 Kilometer Luftlinie entfernt saß Susanne im Arbeitszimmer neben Edda und spürte, wie ihre Ohrmuscheln vibrierten. „Was, um Himmels willen, hörst du da?!“, fragte sie über laute Posaunen und Trommeln hinweg.
„Auf Deutsch übersetzt heißt es so etwa: Musik für die Seele“, sagte Edda. „Sie soll einem positive Energie, Mut und Kraft geben. Also genau das, was wir gerade brauchen können.“
„Ich könnte gut darauf verzichten.“
Edda machte die Musik noch etwas lauter. „Dieses Stück hier heißt übrigens ‚Drachenjagd‘.“
„Aha.“
„Es gefällt dir wirklich nicht?“
„Geht so. Ich hab‘s ja eher mit Punkmusik, wie du weißt.“
Edda nickte wissend. „Hier“, sagte sie. „Es steht alles hier.“
Susanne blickte auf den Bildschirm und erkannte die Titelseite einer norwegischen Zeitung, die von einem einzigen Wort dominiert wurde: Mord. Sie verstand kaum Norwegisch, aber das war auf keinen Fall misszuverstehen. Sie blinzelte. „Ich dachte, Sofie Dale wäre damals nur verschwunden.“
„War sie ja auch. Aber das hielt die Zeitung nicht davon ab, über einen Mord zu spekulieren.“ Edda öffnete mit einem Klick die erste Doppelseite, die große Bilder enthielt, aber wenig Text. Auf einer Aufnahme war das Haus zu sehen, in dem Sofie vor ihrem Verschwinden mit ihren Pflegeeltern gewohnt hatte. Dazu gab es jeweils ein paar Zeilen.
Susanne drängte nicht mehr auf eine Übersetzung, sondern ließ Edda in Ruhe lesen. Erst als diese ein Foto anklickte, fragte sie: „War das Sofie?“
„Ja“, sagte Edda. „Das Foto war damals noch kein halbes Jahr alt. Genauso hat sie vor ihrem Verschwinden ausgesehen.“
Susanne beugte sich nach vorne, um das Bild besser betrachten zu können. „Hübsches Mädchen.“
„Hmm. Sofie wurde 1978 in Bergen geboren. Die Eltern sind unbekannt.“
„Was? Auch die Mutter?“
„Ja. Es war eine anonyme Geburt.“
„Okay. Und weiter?“
„Sofie kam ins Waisenhaus und lebte in verschiedenen Pflegefamilien, konnte sich aber bei keiner gut einleben. Mit acht Jahren kam sie zu den Dales. Mit denen schien es immerhin einigermaßen gut zu klappen, die haben sie auch adoptiert und bei ihnen blieb sie, bis sie verschwand. Warte kurz.“ Eddas flinke Finger flogen über die Tastatur und ein paar Minuten später öffnete sich ein neues Fenster.
„Was ist das?“, fragte Susanne.
„Das ist die Akte ‚Sofie Dale‘.“
„Du hast dich in den Polizeirechner gehackt?“
„Das habe ich für dich auch schon mal getan, falls du es vergessen hast.“ Edda deutete auf den Bildschirm. „Also, so wie ich das sehe, führte die Polizei damals gründliche Ermittlungen durch, aber geholfen hat es nichts.“ Sie klickte und öffnete eine weitere Textdatei. Offenbar eine Akte.
„Was steht da?“, fragte Susanne.
„Hier steht, dass Sofie kein besonders gutes Verhältnis zu ihren Pflegeltern hatte. Dass sie bereits mehrmals zuvor ausbüxte und dass man deshalb davon ausging, dass es sich dieses Mal genauso verhielt. Nur dass sie dieses Mal nicht wieder zurückkam.“
„Wo hat sie noch mal gewohnt?“
„In Ålesund. Schöne, kleine Stadt am Hafen. Ungefähr eine Stunde von hier.“ Edda scrollte. „Niemand hat Sofie vor ihrem Verschwinden mit einem Fremden gesehen. Niemand sah sie in ein fremdes Auto steigen. Sie war von einer Minute zur anderen einfach spurlos verschwunden. Als hätte die Erde sich geöffnet und sie verschluckt.“
Der Wind vor dem Fenster stöhnte. Das Licht über ihnen wurde matt, flackerte und erlangte dann zögernd wieder seine volle Stärke.
Edda scrollte weiter runter und deutete dann mit dem Finger auf den Bildschirm. „Hier steht, die Polizei vermutete, dass sie sich ins Ausland abgesetzt hätte.“
„Alleine? Das Mädchen war siebzehn.“
„Ja, aber Sofie war der Polizei nicht unbekannt, wie gesagt. Sie war zuvor nicht nur ein paar Mal ausgebüxt, sie war auch einige Male von der Polizei wegen Drogenbesitzes aufgegriffen worden. Das Mädchen war offenbar ziemlich renitent. Und so reimte man eins und eins zusammen und ging davon aus, dass sie wohl einen ausländischen Freund hatte, von dem die Pflegeeltern nichts wussten, dass sie mit ihm durchgebrannt war, und bereits drei Monate später waren die Ermittlungen abgeschlossen.“
„So schnell? Hat die Polizei denn gar nicht die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass es sich um ein Verbrechen gehandelt haben könnte?“
„Doch“, sagte Edda. „Aber es gab keine Spuren und keine Hinweise in dieser Richtung, alle Nachforschungen verliefen ins Leere. Case closed.“
Es folgte ein langes Schweigen.
„Was, wenn Mok recht hatte und es tatsächlich die Kraniche waren, die Sofie entführt haben?“, sagte Susanne dann.
Edda warf ihr einen Blick zu. „Das würde uns zu unserer ursprünglichen Frage zurückbringen: Warum? Selbst wenn es stimmt, was Mok gesagt hat, und die Kraniche tatsächlich seit Jahren Menschen von der Straße weg entführen, warum? Aus welchem Grund?“
„Keine Ahnung“, räumte Susanne ein. „Ich wünschte, ich hätte eine schlaue Erklärung dafür, aber ich hab keine. Noch nicht.“ Sie richtete sich etwas auf. „Trotzdem passt das für mich zusammen: Die Kraniche entführen und töten Sofie Dale aus einem Grund, der uns noch nicht klar ist. Claas Mok wusste damals schon, wer es getan hat, konnte aber nichts ausrichten. Er ermittelt all die Jahre privat weiter und sie töten ihn.“
„Warum erst jetzt?“
„Gute Frage.“ Susanne entwich ein tiefer Seufzer. „Vielleicht überschlägt sich nur gerade wieder meine Fantasie, aber wenn es um die Kraniche geht, gerate ich nun mal schnell in Hysterie, weil ich schon zu viel mit ihnen erlebt habe. Und weil ich weiß, dass es keine Zufälle gibt, wenn diese Vögel im Spiel sind. Die sind bösartig, Edda. Die interessiert nur Schmerz, Tod und Angst. Und diese verdammte Kassette. Dafür gehen Sie über Leichen.“
Edda hob den Kopf. „Was für eine Kassette? Wovon sprichst du?“
Susanne brummte etwas, was nicht zu verstehen war.
„Von was für einer Kassette sprichst du?“, hakte Edda nach.
Susanne zögerte einen Moment. „Wir fanden sie auf einem Friedhof“, sagte sie dann.
„Das glaub ich nicht“, murmelte Susanne. „Da ist tatsächlich die Kassette!“
Ja, sie war es. Etwa dreißig Zentimeter breit, zwanzig Zentimeter lang und aus Metall.
„Mich trifft der Schlag.“ Der Professor schluckte.
Vorsichtig hob Susanne die Kassette aus der Erde. Als sie zwischen ihnen auf dem Boden stand, sahen sie, dass sie mit drei Schlössern gesichert war.
„Sie ist … hübsch“, sagte der Professor.
Das war sie tatsächlich. Verschlungene Gravuren bedeckten die Kassette. Faszinierende Gravuren, die aufwendig hineingearbeitet worden waren. Die Details waren fast fotografisch genau, und jede einzelne Gravur war ein Kunstwerk für sich. Unter anderem waren sonderbare Zeichen zu sehen, die wirkten wie eine fremdartige Schrift, verschlungene Spiralen, Kreissymbole. Dazu Gestalten, eine davon groß, sie trug ein langes Gewand und darüber einen ebenso langen Umhang. Mit der linken Hand umklammerte sie ein langes, furchterregendes Schwert. Ihr gegenüber stand eine andere Figur, die etwas in den Händen hielt, was nicht einfach zu erkennen war. Die beiden standen sich in Angriffshaltung gegenüber. Dann ein großer Vogel, der durch Wolken flog.
„Ich würde zu gerne wissen, was sich in der Kassette befindet“, sagte der Professor.
„Wir werden es nicht erfahren, solange wir die passenden Schlüssel nicht haben“, gab Susanne zurück. „Außerdem hat die Anwältin ganz klar gesagt, dass ich nicht hineinsehen soll. Wir sollten uns zuerst einmal darauf konzentrieren, die Kassette sicher nach Hause zu bringen.“
„Ich bin ganz bei Ihnen, nur sollten wir eines nicht vergessen.“ Der Professor hob einen Finger in die Höhe. „Dass eigentlich nicht wir es sind, die diese Kassette finden sollten. Was ist, wenn Julia Wagner hierherkommt, und die Kassette ist nicht mehr da?“
„Warte“, unterbrach Edda. „Warte, warte, warte! Jetzt komm ich nicht mehr mit. Julia Wagner? Was hat sie damit zu tun?“
„Sie ist offenbar auf der Suche nach dieser Kassette.“ Susanne tastete ihre Taschen ab und zog eine Packung Zigaretten heraus. „Sie war für sie bestimmt. Wir, der Professor und ich, trafen zufällig auf einen Mann, sein Name war Walter Wendt, der darauf aufpassen sollte, bis Julia bei ihm eintraf. Leider haben die Kraniche den Mann zuvor ausgeschaltet. Und nicht nur das. Sie haben ihn an die Wand genagelt. Ich musste mich übergeben, als ich es gesehen habe.“ Susanne zündete die Zigarette an und inhalierte tief. „Ich weiß nicht, was sich in der Kassette befindet. Man braucht drei Schlüssel, um sie zu öffnen, und wir hatten nicht einen. Da die Kraniche aber bereits viel zu nahe dran waren, hab ich das Ding erst einmal an mich genommen.“
„Obwohl sie für Julia bestimmt war?“
Susanne blies den Rauch in Richtung Decke. „Ich wollte um jeden Preis verhindern, dass sie den Kranichen in die Hände fällt. Aber dann habe ich eingesehen, dass ich vielleicht einen Fehler gemacht habe. Und so habe ich sie in Sicherheit gebracht und Julia einen Hinweis hinterlassen. Meine Hoffnung ist, dass sie ihn inzwischen gefunden hat. Aber …“ Susanne brach ab.
„Das ist heikel“, bemerkte Edda.
„Die ganze verdammte Geschichte ist heikel, Edda, und ich wusste mir nicht anders zu helfen.“
„Und nachdem du die Kassette versteckt hast, hast du dich entschlossen, zurück nach Norwegen zu kommen?“
„Nein. Zuvor habe ich versucht Julia zu finden, aber leider hatte ich nicht die geringste Ahnung, wo sie stecken könnte. Ich vermutete zwar, dass sie auf dem Weg nach Hannover war, vielleicht war sie sogar schon dort, aber da auch sie es mit den Kranichen zu tun hat, checkt sie natürlich nicht mit ihrem richtigen Namen in irgendwelchen Hotels ein. Sie wird alles tun, um nicht von ihnen gefunden zu werden. Und so hatte auch ich keine Chance, sie zu finden. Dann hast du angerufen und gesagt, dass Jo einen Herzinfarkt hatte …“
Das Heulen des Windes verwandelte sich nun in ein lautes Dröhnen. Wieder flackerte die Birne an der Decke.
„Wer weiß noch davon?“, fragte Edda.
„Niemand.“
„Okay.“ Edda wandte sich wieder dem Rechner zu.
„Was hast du vor?“, fragte Susanne.
„Julia suchen.“
„Und wie willst du das machen? Ich hab dir doch gerade erklärt …“
„Ich weiß noch nicht, wie ich es anstellen werde, aber ich bin verdammt gut am PC, und wenn es nur die geringste Chance gibt, dann werde ich sie finden. Du hast gesagt, sie ist entweder schon in Hannover oder zumindest auf dem Weg dorthin, also werde ich … Hey, was ist denn jetzt los?“ Edda blinzelte irritiert. „Der Rechner bekommt plötzlich keine Signale mehr vom Router. Und der Ersatzrouter funktioniert offenbar auch nicht.“
„Wie können denn zwei Router gleichzeitig ausfallen?“, fragte Susanne.
„Das weiß ich auch nicht.“ Edda tat alles, um den Rechner wieder zum Leben zu erwecken, doch vergebens. Der Bildschirm war und blieb schwarz. „Das gibt‘s doch gar nicht.“
„Kann es am Wetter liegen?“, fragte Susanne.
„Kann es. Aber dass gleich beide Router ausfallen …“ Eddas Ehrgeiz war geweckt. „Ich werde den Fehler finden und dann kümmern wir uns um Julia.“
Susanne nickte, doch gleichzeitig spürte sie plötzlich eine undefinierbare Angst in sich.
Was, wenn es bis dahin schon zu spät war?
Was, wenn …?
6. KAPITEL
„Ich werde verrückt und ich kann nichts dagegen tun.“
Hannover
Eva blieb in der Tür stehen, während Julia zum zweiten Mal an diesem Abend das Haus am Waldrand betrat. „Mach bitte das Deckenlicht an“, sagte sie, als sie vor dem Gemälde stand.
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich das tun sollte“, gab Eva unsicher zurück.
„Bitte, mach das Licht an.“
Widerwillig drückte Eva auf den Schalter und sofort erhellte sich der Raum.
Julia hielt den Blick fest auf das Gemälde gerichtet, tat alles, um nur nicht den Toten an der Wand anzusehen. Sie hängte das Gemälde ab, hob es gegen das Licht und starrte so lange darauf, bis die Farben vor ihren Augen verschwammen.
Nichts Außergewöhnliches zu erkennen.
„Und?“, fragte Eva.
„Nichts.“
„Na dann … Wir haben es versucht. Jetzt sollten wir wieder gehen.“
Julia trat mit dem Gemälde unter die Deckenlampe und hob es an, sodass das Licht genau durch das Papier schien. Sie kniff die Augen zusammen und sagte: „Da!“
Eva verließ ihren Posten bei der Tür und eilte zu ihr hin. „Wirklich?“
„Ja, sieh es dir an.“
Auch Eva kniff die Augen zusammen und betrachtete das Gemälde im Licht. „Tatsächlich“, murmelte sie.
„Das ist es, Eva! Das ist es!“
„Ja, ich sehe es.“
Auf der Oberfläche des Gemäldes waren mehrere Striche zu sehen. Zuerst ein langer, fast gerader Strich, dann eine weniger exakte Linie. Dann folgte ein dritter Strich, dann ein vierter. Im richtigen Winkel war das gesamte Bild mit Strichen und ungeraden Linien und Formen bedeckt.
„Oh Mann!“, stieß Eva aus. „Das ist tatsächlich eine Karte!“
„Ja, und zwar eine sehr detaillierte Karte“, sagte Julia. „Eine penibel von Hand angefertigte Skizze. Schau, es gibt Landmarken und Entfernungsangaben. Die Linien und Bögen schaffen geometrische Formen. Und hier in der Mitte befindet sich ein rotes X.“ Mit der Fingerspitze deutete Julia darauf. „Hier befindet sich das Ziel. Wenn wir Glück haben …“
„Warte.“ Eva griff nach ihrem Handy und gab einen Suchbegriff ein. Dann deutete sie mit dem Finger zuerst auf die Karte, dann auf das Display. „Das ist Hannover“, sagte sie und verglich die gezeichnete Karte mit der auf ihrem Handy. „Wir sind hier, siehst du?“ Sie hielt Julia das Display vor die Nase und als diese nickte, deutete sie auf die gezeichnete Karte. „Das X befindet sich nicht weit von uns. Im Gegenteil, es ist ganz in der Nähe.“
„Hier ist noch etwas.“ Julia deutete auf eine Stelle neben dem X. „Buchstaben. Aber ich kann sie nicht entziffern, sie sind zu schwach.“ Sie beugte sich über die Karte, konzentrierte sich, gab sich alle erdenkliche Mühe. „Es ist ein Wort. Könnte cimiterium heißen.“
„Latein?“ sagte Eva. „Dann könnte es ‚Gottesacker‘ bedeuten.“
„Friedhof?“
„Möglich.“ Eva blickte wieder auf das Display ihres Handys. „Nur einen Kilometer von hier befindet sich ein Friedhof.“
„Na, dann los“, sagte Julia. „Fotografieren wir die Karte mit dem Handy und dann machen wir uns auf den Weg.“
Und wieder kamen sie nur im Schneckentempo voran. Aber jetzt hatten sie zu dem heftigen Schneetreiben auch noch mit einer Steigung zu kämpfen. So dauerte es viel länger als angenommen, bis Julia endlich erleichtert verkündete: „Wir sind da!“
„Wirk…lich?“, keuchte Eva. „Das wurde aber auch … Zeit!“
Sie stapften auf den Eingang des Friedhofs zu, und natürlich war die Pforte verschlossen.
„Dann müssen wir eben klettern. Komm.“ Aufmunternd nickte Julia Eva zu. Die zögerte und murmelte etwas, was nicht zu verstehen war, machte sich dann aber ebenfalls daran, über die Mauer des Friedhofs zu klettern.
Wenig später befanden sie sich auf der anderen Seite, sahen sich um und stellten fest, dass der Friedhof nicht besonders groß war. Dafür aber offenbar sehr alt. Es gab hier keine aufrecht stehenden modernen Grabsteine, sondern in den Boden eingelassene Granitplatten, die vollständig eingeschneit waren.
„In welche Richtung müssen wir?“, fragte Julia.
Eva nieste, zog ihr Handy aus der Jackentasche und blickte auf das Display. „Das X befindet sich etwa dreihundert Meter nördlich von hier.“
„Okay. Los.“ Julia ging voraus, einmal quer über den Friedhof, bis sie sich ganz am hinteren Ende befanden. Hier waren die Grabsteine groß und alt und mit unzähligen Namen mit Titeln versehen. „Hier?“
Eva blickte erneut auf das Display, nickte und sah sich um. „Allerdings sehe ich hier nichts, was uns weiterhelfen könnte.“
„Ich auch nicht.“ Julia kniff die Augen zusammen, hatte aber große Schwierigkeiten, durch das dichte Schneetreiben etwas zu erkennen.
„Und jetzt?“, fragte Eva.
„Ich weiß es nicht.“ Nachdenklich sog Julia die eisige Luft ein und suchte nach etwas, das ihr weiterhelfen könnte. Es gab jedoch nichts. Lediglich einen Baum, dessen kahle Äste sich in alle Richtungen streckten. Einer der Äste hob sich besonders hervor. Er war dicker als die anderen und sah aus wie ein menschlicher Arm, der die Finger ausstreckte. Sie ging darauf zu und blieb davor stehen. „Du bist doch Biologin, Eva, was ist das für ein Baum?“
„Richtig, ich bin Biologin.“ Eva trat zu ihr hin. „Keine Botanikerin. Aber das da ist ein Apfelbaum.“
„Ist das nicht ungewöhnlich? Ein Apfelbaum auf einem Friedhof?“
„Ja. Mag sein.“
„Dann ist es das vielleicht.“
Um sich warm zu halten, trat Eva von einem Bein auf das andere. „Du meinst, der Baum birgt einen Hinweis? Findest du das nicht ein bisschen weit hergeholt?“
„Nicht weiter hergeholt als alle anderen Hinweise, die wir bisher bekamen.“ Julia streckte den Zeigefinger nach oben. „Sieh dir den Ast doch mal genauer an. Er sieht aus wie ein Arm mit Fingern. Und dieser Finger zeigt in Richtung der Kapelle.“
„Also, ich bin mir nicht sicher, ob er tatsächlich in diese Richtung zeigt.“
„Wir sollten es uns wenigstens einmal ansehen. Komm.“ Julia war schon auf dem Weg. Bei der Kapelle angekommen, drehte sie sich noch einmal zu Eva um. „Jetzt komm. Was haben wir zu verlieren?“
Eva murmelte etwas in den Wind und folgte ihr widerwillig.
Im Inneren war es stockdunkel und eiskalt. Julia richtete den Strahl ihrer Taschenlampe geradeaus und sah Bänke, die in der Mitte standen, und einen kleinen Altar, der sich vor der gegenüberliegenden Wand befand. Rechts waren Gedenktafeln aus Stein, Gips oder Messing zu sehen, die teils in die Wände eingelassen waren, aber auch einen Großteil des Bodens bedeckten.
Julia ging auf den Altar zu, Eva folgte ihr langsam.
Dort angekommen, blieben sie stehen. Auf dem Boden befanden sich Steintafeln, die jedoch so abgewetzt waren, dass sie nur mühsam zu entziffern waren.
Julia wollte gerade einen Schritt nach vorne machen, als sie es schon wieder hörte: dieselbe Melodie, die sie bereits im Turm der Seelen gehört hatte. Doch dieses Mal tauchte gleichzeitig ein Bild vor ihren Augen auf: unzählige Hände, die nach ihrer Jacke griffen.
„Julia!“, sagte Eva alarmiert. „Du blutest aus der Nase.“
Die Musik wurde lauter und in der nächsten Sekunde überwältigte Julia ein Blitz. Immer noch griffen unzählige Hände nach ihr. Die Melodie verschwand, stattdessen breitete sich nun ein unregelmäßiges Kratzen in ihrem Kopf aus, so als würden Fingernägel über eine Tafel gezogen.
Der Boden unter Julia begann sich zu bewegen. Das Kratzen wurde immer lauter und schließlich zu einem dröhnenden Donnern. Sie spürte, wie ihre Hände taub wurden und ihre Beine nachgaben. Sie sank auf die Knie und hielt sich den Kopf. Ein Bild tauchte vor ihren Augen auf: Sie sah sich selbst in Flammen stehen, ihr dunkles Haar brannte. Sie sah ihr eigenes Gesicht dahinschmelzen wie Wachs. Es warf Blasen und verflüssigte sich, bis es nicht mehr dem eines menschlichen Wesens ähnelte. Am Ende war es nur noch eine grässliche, verzerrte Fratze.
Das Ganze dauerte höchstens fünfzehn Sekunden, dann kam Julia wieder zu sich. Sie hob den Kopf und erkannte Evas Gesicht, ganz dicht bei ihrem.
„Bist du … Ist alles okay?“
Julia hatte den Geschmack von Blut im Mund. Sie hatte sich auf die Lippe gebissen. Aber ihr Körper entspannte sich allmählich, das Herz schlug wieder langsamer. Was immer da gerade in ihrem Kopf gewesen war, es war wieder verschwunden. „Ja, es ist alles … okay.“ Ihre Stimme klang rau, fremd in ihren eigenen Ohren. „Alles … okay.“ Erst jetzt bemerkte sie, dass sie mit gespreizten Beinen auf dem Boden saß. „Ich bin einfach nur kurz vorm … Durchdrehen, das ist alles. Hast du … Hast du ein Taschentuch?“
Eva reichte ihr eins und Julia hielt es sich unter die Nase.
„Was ist gerade passiert?“
„Ich habe mich selbst gesehen. In Flammen stehend. Ich bin regelrecht weggeschmolzen.“ Julia spürte, wie ihre Hände zitterten. „Ich befinde mich irgendwo zwischen Realität und Wahnsinn. Und es ist die Hölle.“
„Wir kriegen das wieder hin“, sagte Eva.
Julia ließ das Taschentuch sinken und sah sie an. „Nein, wir kriegen das nicht wieder hin, und das weißt du auch. Es wird immer schlimmer, mit jedem Tag. Mit jeder Minute. Es sitzt in meinem Kopf wie ein Tumor. Es breitet sich immer weiter aus. Es eitert. Es ist bösartig. Es …“
„Hör auf!“, unterbrach Eva. „Wir haben deinen Kopf im Krankenhaus untersuchen lassen. Du hast keinen Tumor.“
„Nein, das, was ich in meinem Kopf habe, ist viel schlimmer. Es ist der pure Wahnsinn. Ich werde verrückt und ich kann nichts dagegen tun.“
„Julia, hör mir zu: Ich kann mir vorstellen, dass es schwer ist, etwas mit sich herumzutragen, von dem man nicht weiß, was es ist, aber wir kriegen das hin. Wir werden ein Gegenmittel finden. Wir …“
„Wie sollen wir ein Gegenmittel finden, wenn wir noch nicht einmal wissen, was sich da in meinem Kopf befindet?“ Julias Blick war ernst. „Mein Vater hat mir damals ein Medikament injizieren lassen, irgendein Teufelszeug, das mich jetzt immer schizophrener macht. Ich höre und sehe Dinge, die es nicht gibt, die mir selbst aber völlig real erscheinen. Hast du schon wieder vergessen, dass ich dich vor drei Tagen um ein Haar erschossen hätte?“
„Du hast nicht mit Absicht auf mich gezielt.“
„Natürlich nicht. Aber das macht es nicht besser. Ich war mir in dem Moment sicher, dass du der Zaren bist. Ich war mir sicher, verstehst du?“ Julia senkte den Blick und starrte auf den Boden. „Wir wissen beide nicht, wie lange es noch dauert, bis ich endgültig durchdrehe, und es nützt nichts, wenn wir davor die Augen verschließen.“ Mühsam erhob sie sich vom Boden. „Und deshalb sollte ich die Zeit nutzen, die ich noch habe. Wir haben schon genug davon verloren.“ Sie streckte eine Hand gegen die Wand, um sich abzustützen.
„Möchtest du nicht lieber noch einen Augenblick sitzen bleiben?“, fragte Eva besorgt.
„Nein. Wir müssen weitermachen.“ Julia versuchte, den Blick zu fokussieren. Es gelang ihr kaum. Die Kapelle um sie herum schien sich immer wieder zu verschieben. Ein paar Sekunden hielt sie den Atem an, biss die Zähne zusammen, dann wurde ihr Blick wieder klarer. „Wir müssen uns konzentrieren, Eva. Irgendwo hier muss sich die Kassette befinden. Bitte, hilf mir.“
Eva nickte und sah sich um. „Vielleicht die Steintafel dort drüben.“ Sie setzte sich in Bewegung und ging auf mehrere Klappstühle zu, die aufeinandergeschichtet waren. Darunter befand sich eine abgewetzte Steintafel, die in den Boden eingelassen war. „Sie befindet sich abseits von den anderen. Vielleicht hat das etwas zu bedeuten. Hilf mir mal.“
Gemeinsam schoben sie die Stühle beiseite.
Dann ging Julia in die Hocke und stellte fest, dass die Platte keinen Namen trug, in der Mitte eingesunken und eine Ecke zersprungen war. „Hier“, sagte sie und legte den Zeigefinger auf den Stein. „Das ist doch ein X, oder nicht?“
Eva kniete sich neben ihr auf den Boden. „Ja. Tatsächlich.“
„Wir müssen versuchen, den Stein hochzuheben. Hilf mir.“
Sie taten ihr Bestes, aber da war nichts zu machen. Der Stein rührte sich keinen Millimeter.
„Das schaffen wir nicht!“, sagte Eva mit hochrotem Kopf. „Der ist wie festgewachsen.“
„Komm schon!“ Julia presste die Zähne zusammen. „Versuchen wir es noch einmal.“
Sie gaben wirklich alles. Aber nein, es war nichts zu machen. Sie schafften es nicht.
„Wir brauchen einen anderen Plan“, schnaufte Eva ernüchtert. „Sollte der Stein hier tatsächlich unser Ziel sein, dann muss es eine andere Möglichkeit geben, die Platte anzuheben. Allerdings sehe ich keine andere Möglichkeit. Es sei denn, du schaffst schweres Gerät hierher.“
Julia drehte sich einmal um die eigene Achse, ließ das Licht der Taschenlampe kreisen. „Der Vorhang da drüben“, sagte sie schließlich. „Vielleicht befindet sich dahinter etwas.“ Sie ging darauf zu und zog den samtenen Vorhang zur Seite. Dahinter befand sich allerdings nichts außer einem Kruzifix. Schon fast aus Verzweiflung begann sie daran herumzufummeln.
„Kannst du mir mal sagen, was du da machst?“, fragte Eva hinter ihr.
„Nein, kann ich nicht, weil ich es selbst nicht weiß“, sagte Julia. „Aber ich finde es merkwürdig, dass dieser Jesus hier von keinem einzigen Nagel durchbohrt ist. Das ist doch ungewöhnlich, oder nicht?“
„Von Nägeln durchbohrte Körper sind gerade nicht mein Lieblingsthema.“
„Meins auch nicht. Und trotzdem …“ Julia suchte in ihren Jackentaschen, zog ein Schweizer Taschenmesser hervor und puhlte einen Schraubenzieher heraus. Damit zielte sie auf die Innenfläche der Hände Christi. Das tat sie mehrmals, ohne dass etwas geschah. Doch dann, gerade als sie aufgeben wollte, erklang hinter ihnen ein Geräusch.
Sie drehten sich um und beobachteten mit großen Augen, wie die Steinplatte, an der sie vor ein paar Minuten noch gezogen und gezerrt hatten, sich auf einmal wie von selbst bewegte. Sie fuhr ein paar Zentimeter nach unten und dann zur Seite, wodurch eine viereckige Öffnung genau dort entstand, wo sie sich eben noch befunden hatte.
„Das darf doch nicht wahr sein!“, entfuhr es Eva.
Sie eilten auf die Öffnung zu und beugten sich darüber wie zwei Hennen über ein schlüpfendes Küken.
Und zuckten gleichzeitig wieder zurück.
In dem Loch befand sich nichts außer einem Totenkopf.
„Ernsthaft!“ Eva fasste sich ans Herz. „Ist ein leibhaftiger Toter am Abend nicht ausreichend? Müssen es jetzt auch noch Totenköpfe sein?“
Julia zog sich die Mütze vom Kopf, umfasste damit den Schädel, holte ihn aus dem Loch und stellte ihn zwischen ihnen auf dem Boden. Dann legte sie sich auf den Bauch, griff mit beiden Händen in die Öffnung, die nicht sehr geräumig war, und tastete den Hohlraum ab. „Das Loch ist leer.“ Sie tastete noch ein weiteres Mal. Nein, kein Zweifel, das Loch war tatsächlich leer. „Was auch immer sich hier befunden hat - falls sich jemals etwas anderes darin befand als der Totenkopf - dann ist es nicht mehr da.“ Ernüchtert richtete sie sich wieder auf.
„Tja, das war es dann wohl“, sagte Eva nicht weniger ernüchtert.
Und das wäre es wohl tatsächlich gewesen, wenn Julia schon so weit gewesen wäre. Aber sie war noch nicht so weit. Sie griff noch einmal nach dem Totenkopf, hielt ihn in die Höhe und musterte ihn von allen Seiten. „Wir haben es bis hierher geschafft“, murmelte sie. „Da muss doch, verdammt noch mal …“ Sie brach ab und runzelte die Stirn. „Da ist was drin! Leuchte mal in den Kopf hinein, Eva.“
Eva tat es mit äußerstem Widerwillen.
„Da ist tatsächlich was drin!“ Julia fasste ins Innere des Kopfes, fummelte einen Moment lang darin herum, dann zog sie ein kleines Stück Papier heraus, das mit einem Klebestreifen an der Innenseite befestigt gewesen war.
Es handelte sich um eine Nachricht. Und die übertraf all ihre Erwartungen: Julia, der Teufel sitzt uns im Nacken.
„Was …?“, setzte Julia an.
Begib dich in den Schoß der Familie und sieh, was Brüder dir tun können. Dann findest du die Antwort. S. G.
7. KAPITEL
Die unselige Ruhe vor dem Sturm
Norwegen
22:19 Uhr
Susanne betrat das Arbeitszimmer und stellte fest, dass Edda sich nicht mehr darin aufhielt. Nach einigem Suchen fand sie sie in Jos Schlafzimmer, wo sie auf dem Boden saß und dessen Schubladen durchwühlte.
„Ich dachte, du sitzt noch am Computer.“
Edda sah auf und schüttelte den Kopf. „Nichts zu machen. Ich hab alles versucht. Und das bedeutet leider, erst einmal kein Internet mehr.“
„Kannst du da denn wirklich gar nichts machen? Ich meine, du bist ein Genie, was diese Dinger betrifft …“
„Das mag sein, aber was soll ich machen, wenn der Bildschirm schwarz ist? Ich kann fast alles mit dem Computer, ja, aber ich kann leider nicht zaubern.“ Edda konzentrierte sich auf einen Stapel Briefe.
Susanne setzte sich neben sie auf den Boden. „Und was machst du jetzt?“
„Ich suche.“
„Okay. Und wonach?“
„Keine Ahnung. Ich suche einfach. Ich spüre den überwältigenden Drang, irgendetwas zu tun. Etwas Zielführendes, etwas Sinnvolles. Etwas, das zumindest die Chance beinhaltet, herauszufinden, was Jo in den letzten beiden Tagen gemacht hat.“
„Und du denkst, das hat er dir in einem Brief hinterlassen?“
Edda überging diese Bemerkung. „Jo hat immer alles aufgehoben. Das hier sind die Briefe, die ich ihm als Teenager geschickt habe. Ich meine, sieh dir das an, der Mann hat gesammelt wie ein Eichhörnchen.“ Edda legte die Briefe zur Seite, stand auf und ging zum Kleiderschrank. Als sie ihn öffnete, drang ihnen ein angestaubter, aber vertrauter Geruch entgegen: nach Seife, nach Zigarettenrauch, nach Jo.
Edda machte sich daran, seine Kleidung zu durchsuchen, und breitete deren Inhalt auf Jos Nachttisch aus. Ein paar Geldscheine, ein paar Münzen, ein Streichholzbriefchen, ein Haustürschlüssel und eine Tankquittung. An Letzterer blieb ihr Blick hängen. „Er war dort.“
„Wo?“
Edda hob die Tankquittung in die Höhe. „Er hat in Ålesund getankt.“
„Wann?“
„Vorgestern.“ Edda ballte die linke Hand zur Faust und reckte sie in die Höhe. „Ich wusste es! Ich wusste, dass er heimlich recherchiert hat. Sieh mal, hier hat er noch etwas auf die Ecke gekritzelt, aber es ist total unleserlich.“
Susanne griff nach dem Beleg und betrachtete Jos krakelige Schrift. „Es könnte ein Name sein. Aber du hast recht, es ist total unleserlich. Könnte ‚Bekker‘ heißen. Könnte aber auch alles andere bedeuten.“
„Bekker?“ Edda riss ihr die Quittung wieder aus der Hand. „Den Namen habe ich vorhin gelesen. Emil Bekker. Das ist ein Polizist. War damals ein Kollege von Claas Mok. Die beiden haben zusammen im Fall Sofie Dale ermittelt.“
„Im Ernst?“
„Ja. Wenn ich‘s doch sage.“
Sie sahen sich an.
„Jo hat auf eigene Faust recherchiert“, stellte Edda fest. „Ich wüsste keinen anderen Grund, warum er ausgerechnet in Ålesund gewesen sein sollte. Und keinen, warum er ausgerechnet den Namen Bekker auf die Quittung geschrieben hat.“ Sie machte sich daran, die restliche Kleidung zu durchsuchen, fand sonst aber nichts mehr. Während sie die Schranktür schloss, legte Susanne lauschend den Kopf zur Seite. „Sag mal, fällt dir was auf?“
„Nein, was denn?“
„Wie ruhig es auf einmal ist.“
Edda verharrte und lauschte ebenfalls. „Ja, du hast recht. Auf einmal ist es vollkommen still. So gar kein Wind mehr.“
„Weißt du, wie mir das vorkommt?“, sagte Susanne. „Wie die unselige Ruhe vor dem Sturm. Die Ruhe vor dem Sturm, von dem niemand weiß, wann er hereinbrechen wird.“
„Ich wusste gar nicht, dass du eine so tiefenphilosophische Ader hast.“
In nächsten Moment knarrten die Deckenbalken über ihnen. Gleichzeitig schien sich das Schlafzimmer einen Moment lang zu verdunkeln.
„Was ist denn jetzt los?“, sagte Susanne leise.
„Das ist nur das Wetter“, gab Edda zurück.
Sie hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, als es einen lauten Schlag tat. Etwas über ihnen fiel krachend zu Boden. Es klang wie zerbrochenes Porzellan.
Edda stürmte aus dem Zimmer.
Susanne folgte ihr.
Gemeinsam rannten sie nach oben.
Ein kraftvoller Luftzug stemmte sich ihnen durch die offene Tür des Arbeitszimmers entgegen, der Vorhang flatterte wie eine Fahne im Wind. Auf dem Boden lagen überall Scherben, die fast bis zur Tür geflogen waren. Im Fenster befanden sich nur noch Glassplitter.
Wie auf Eiern ging Edda durch den Raum. Beim Fenster angekommen, versuchte sie die Läden zu schließen. Der Wind riss sie ihr aus den Händen und ein Glassplitter bohrte sich in ihren Ellbogen. Susanne kam ihr zu Hilfe und mit Mühe schlossen sie die Läden. Der Wind heulte weiter durch die Ritzen, kam nun aber nicht mehr in Böen, sondern drängte mit gleichbleibender Kraft gegen das Haus.
Blut lief Eddas Arm hinunter.
Susanne zog ein Taschentuch aus der Hosentasche und reichte es ihr. Im nächsten Moment krachte es wieder. Dieses Mal wie ein Donnerschlag. Aber die Läden hielten dem Druck des Windes stand.
Edda wischte sich das Blut vom Arm. „Tja, das Fenster ist im Eimer“, sagte sie. „Komm, wir müssen die Tür von außen schließen und alles abdecken, wodurch die Luft ziehen könnte.“
Sie holten Handtücher aus dem Badezimmer und machten sich an die Arbeit.
Schließlich sagte Edda: „Lass uns nach unten gehen. Ich muss ins Bad, die Schnittwunde versorgen.“
Wieder flackerte das Licht über ihnen, ging für einen kurzen Moment aus, dann wieder an.
Susanne sah zur Decke und rührte sich nicht.
Edda griff nach ihrem Arm. „Es ist alles in Ordnung. Es ist nur das Wetter. Komm, gehen wir wieder nach unten.“
Alles in Ordnung.
Ein netter Satz.
Und viel zu harmlos.
8. KAPITEL
„Da unten steht jemand.“
Hannover
22:44 Uhr
Julia und Eva standen im gelblichen Licht einer Straßenlampe, inmitten von unzähligen Schneeflocken, und betrachteten das Mehrfamilienhaus, das weiß und rot gestrichen war, einladend und elegant aussah und umgeben war von ähnlich eleganten Häusern.
„Glaubst du das wirklich?“ Eva rieb die behandschuhten Hände gegeneinander. „Ich meine, könnte S. G. nicht auch etwas ganz anderes bedeuten? Warum sollte ausgerechnet Susanne Grimm dir eine Nachricht in einem Totenkopf hinterlassen? Woher sollte sie überhaupt gewusst haben, dass sich die Kassette in der Kapelle befindet?“
„Keine Ahnung.“ In Julias Kopf wirbelte alles durcheinander. „Aber wenn es so ist, dann bedeutet das, dass sie ebenfalls mitten in dieser Geschichte steckt. Und dass sie vermutlich Ärger hat. Eine Menge Ärger.“
„Na, das ist ja nichts Neues.“ Eva schnaubte. „Soviel ich weiß, gibt es überall Ärger, wo diese Frau auftaucht.“
Julia blieb stehen und sah sie an. „Ich weiß, dass du nicht gerade Susannes größter Fan bist, aber jetzt ist gerade nicht der richtige Zeitpunkt für Eifersucht, okay?“
„Ich bin nicht eifersüchtig.“
„Nein? Was dann?“
„Es macht mich einfach nur krank, dass …“ Eva brach ab. „Vergiss es. Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?“
„Begib dich in den Schoß der Familie und sieh, was Brüder dir tun können. Dann findest du die Antwort.“ Julia schaute an der Fassade des Hauses hoch. „Ich wüsste nicht, was das sonst bedeuten könnte.“ Sie setzte sich wieder in Bewegung.
Eva folgte ihr. „Das Ganze könnte aber auch eine Falle sein.“
„Du meinst, Susanne wartet bei ihrem Bruder auf uns, um uns umzubringen? Das ist lächerlich.“
„Sie vielleicht nicht. Aber die Kraniche.“
„Du meinst, sie hat uns verraten?“
„Warum nicht? Zuzutrauen wäre es ihr. Immerhin war sie in der geschlossenen Psychiatrie.“
„Da war ich auch.“
„Sie war aber dort wegen eines Mordversuchs.“
„So eindeutig war das nicht. Sie wollte eine andere Frau vor einer Vergewaltigung bewahren.“
„Und hat mit einer Glasscherbe zugestochen.“
Julia blieb wieder stehen und blickte einen Moment in den schwarzen Himmel, ehe sie Eva ansah. „Sie ist ein guter Mensch. Können wir es dabei belassen?“
Eva erwiderte den Blick trotzig. „Das sagst du nur, weil du in sie verliebt warst.“
„Das war ich nicht. Das ist Unsinn. Susanne und ich waren in der Psychiatrie sehr einsam, nur deshalb haben wir uns dort aufeinander eingelassen. Ja, wir hatten Sex. Aber das hatte überhaupt nichts mit irgendwelchen Gefühlen zu tun. Und ich meine auch, ich hätte dir das mehr als einmal ausführlich erklärt.“
Eva öffnete den Mund und sagte etwas, doch eine heftige Windbö riss ihre Worte fort. Gleich darauf machte sie eine resignierende Handbewegung. „Ja, hast du. Hast du. Komm, lass es uns hinter uns bringen.“
Sie setzten sich wieder in Bewegung.
„Glaubst du, er macht uns überhaupt auf? Mitten in der Nacht?“, sagte Eva.
„Das werden wir sehen“, gab Julia zurück.
Beim Haus angekommen, nahm sie die Klingeln neben Messing-Namensschildern ins Visier, drückte dann auf den Namen „Jörg Grimm“ und wartete.
Es dauerte eine ganze Weile, dann meldete sich eine Stimme aus der Sprechanlange. „Ja?“
„Julia Wagner. Entschuldigen Sie die späte Störung. Aber …“
„Warten Sie, ich komme runter.“
Gleich darauf kam ein schlanker, großer Mann, ungefähr einen Meter neunzig, aus dem Haus. Er sah überhaupt nicht so aus, als hätten sie ihn aus dem Bett geklingelt. „Zeigen Sie mir bitte Ihren Ausweis“, sagte er zu Julia.
Sie suchte in ihrer Jackentasche, fischte den Ausweis heraus und reichte ihn ihm.
Er studierte das Dokument eingehend, dann hob er den Blick und sagte: „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie tatsächlich kommen würden. Aber meine Schwester war sich sicher.“
„Sie wissen also, worum es geht?“, sagte Julia.
„Ich weiß nicht alles. Aber was ich weiß, reicht. Kommen Sie mit.“ Er führte sie zu einem dunklen Audi Kombi, der am Straßenrand geparkt stand.
„Wo fahren wir hin?“, wollte Julia wissen.
„Zu meinem Büro. Tut mir leid, aber anders war die Sache leider nicht zu lösen. Ich habe Susanne versprochen, ihr und Ihnen zu helfen, aber ich weiß auch, wie gefährlich die Menschen sind, mit denen wir es hier zu tun haben.“ Er öffnete den Wagen. „Steigen Sie ein.“
Während sie über die verschneite Straße fuhren, sagte Jörg Grimm: „In meinem Büro habe ich einen Stahltresor. Ich dachte, dort ist er sicher.“
„Wer?“, fragte Julia.
„Der Schlüssel, den Susanne mir gegeben hat.“ Immer wieder blickte Jörg in den Rückspiegel, um sich zu vergewissern, dass ihnen niemand folgte. „Er gehört zu einem Schließfach.“
Ein paar Minuten später erreichten sie ein Bürogebäude.
„Kommen Sie“, sagte Jörg und stieg aus.
Das Bürogebäude selbst war unscheinbar und unterschied sich nicht von den Nebengebäuden.
Sie verzichteten darauf, einen der Fahrstühle zu nehmen, und stiegen stattdessen die Treppen hinauf bis in den sechsten Stock. Dann gingen sie einen langen, mit Teppichboden ausgelegten Flur entlang, vorbei an mehreren Türen. Schließlich blieb Jörg stehen und öffnete eine davon mit einem Kartenschlüssel aus Plastik. Das Klicken des Schlosses hallte leise im Flur wider. „Treten Sie ein.“
Sie betraten ein mittelgroßes Büro, in dessen Mitte sich ein Schreibtisch befand. An der Wand stand ein großes Regal mit Aktenordnern und überfüllten Kisten.
Da alle Heizungen abgestellt waren, war es eiskalt.
Jörg ging zu einem Safe in der Ecke, gab eine Zahlenkombination ein und öffnete die schwere Stahltür. Mit einem kleinen Schlüssel kam er zu Julia zurück. Er reichte ihn ihr. „Bitte sehr.“
Sie griff danach und drehte ihn zwischen den Fingern. Er gehörte zu einem Bahnhofsschließfach. „Wann hat Susanne Ihnen den Schlüssel gegeben?“, wollte sie wissen.
„Gestern.“
„Gestern?“ Julia sah auf. Dann hatten sie sich nur knapp verpasst. „Und wo ist sie jetzt?“
„Das weiß ich nicht.“ Jörg breitete die Arme aus. „Wir haben uns getroffen, sie gab mir den Schlüssel und dann ist sie wieder verschwunden.“
„Aber sie muss doch irgendetwas gesagt haben.“
„Sie meinte nur, ich müsse ihr vertrauen. Und dass ich sehr vorsichtig sein müsse. Das war es. Dann ist sie, wie gesagt, wieder verschwunden.“ Jörg deutete auf den Schlüssel in Julias Hand. „Ich schätze, Sie werden alles erfahren, wenn Sie damit das Schließfach geöffnet haben.“
Julia blickte wieder auf den Schlüssel in ihrer Hand. „Ich habe Susanne das letzte Mal gesehen, als ich ihr bei der Flucht aus der Psychiatrie geholfen habe. Das war im letzten Sommer.“ Sie sah Jörg wieder an. „Wo war sie die ganze Zeit? Hat sie es bis nach Norwegen geschafft?“
„Ja.“
„Dann war sie in meinem Ferienhaus?“
„Nein. Sie war bei Ihrem Nachbarn. Jo Holmen.“
„Bei Jo?“ Jetzt war Julia ehrlich überrascht.
Jörg nickte. „Sie wäre um ein Haar von der Polizei erwischt worden und er bot ihr Unterschlupf, bis sie unbedingt nach Deutschland zurückkommen wollte …“ Seine Stimme verebbte.
„Und warum wollte sie unbedingt nach Deutschland zurückkommen?“, fragte Julia weiter.
„Sie hatte herausgefunden, dass sie hereingelegt worden war. Jemand wollte, dass sie in der geschlossenen Psychiatrie landete, und sie wollte herausfinden, wer ihr das angetan hatte.“
„Hat sie Namen genannt?“
„Kraniche.“
Julia nickte langsam. Sie hatte es befürchtet.
Jörg wollte noch etwas hinzufügen, doch in dem Moment sagte Eva: „Da unten steht jemand.“
„Was?“ Julia neigte den Oberkörper etwas nach vorne und spähte aus dem Fenster. Tatsächlich, unten auf der Straße stand ein Mann, der genau in dem Moment zu ihnen heraufsah.
Schnell zog Julia sich zurück und Eva mit sich. Ihre Gedanken überschlugen sich. Ein Kranich? Und wenn ja, was tun? Flüchten? Wenn sie flüchteten, würden sie vermutlich am Ausgang des Gebäudes kaltblütig erschossen werden.
„Glaubst du, das ist ein Kranich?“, fragte Eva alarmiert.
„Ich weiß es nicht. Aber ich möchte es auch nicht darauf ankommen lassen, es herauszufinden. Wir müssen irgendwie hier raus.“
„Auf der hinteren Seite des Gebäudes gibt es eine Feuerleiter“, sagte Jörg. „Eine alte Metallleiter, die an der Fassade entlangführt.“
„Und wenn sie dort auch auf uns warten?“, sagte Eva. „Was dann?“
„Ich schätze“, gab Julia zurück, „wir müssen es versuchen.“
Um zur hinteren Seite des Gebäudes zu gelangen, mussten sie den Flur bis zum Ende durcheilen. Dann erreichten sie ein Fenster. Jörg öffnete es und sagte: „Sie werden ein Stück klettern müssen.“
„Und Sie?“, fragte Julia.
Er machte eine kurze Handbewegung. „Ich werde nach unten gehen und versuchen, sie aufzuhalten.“
„Und wenn sie auf Sie schießen?“
„Durchaus möglich, dass sie das tun werden. Aber in der Zeit, in der die Kerle bemerken, dass Sie nicht bei mir sind, können Sie beide abhauen. Allerdings sollten Sie sich jetzt wirklich beeilen.“
Julia sah Eva an. „Ich zuerst.“ Sie stieg auf das Fensterbrett und setzte ein Bein nach draußen. Die Treppe war einen Meter unterhalb des Fensters montiert. Auf halber Höhe gab es einen Sims, nicht sehr breit, aber breit genug, um sich daran festzuhalten. Sie kletterte aus dem Fenster und hielt sich am Sims fest, während ihre Füße nach der ersten Stufe der Leiter suchten. Als sie sie gefunden hatte, stellte sie sich darauf.
Eva stieg ebenfalls ins Fenster, wollte den Rahmen aber nicht loslassen. „Komm“, sagte Julia. „Halt dich am Sims fest.“
„Ich kann nicht.“
„Doch, du schaffst das.“
Vorsichtig kletterte Eva aus dem Fenster, hielt sich am Sims fest und ließ ganz langsam den rechten Fuß hinunter zur Leiter gleiten. Fast hätte sie dabei das Gleichgewicht verloren, und Julia glaubte, ihr müsse das Herz stehen bleiben.
Vor lauter Schreck presste Eva sich wieder an den Sims. Sie holte tief Luft, versuchte es noch einmal, und diesmal berührte ihr rechter Fuß die Stufe der Leiter.
Es folgte der linke Fuß. Dann stand sie auf der Leiter, und sie begannen so schnell wie möglich, die Stufen hinunterzuklettern.
Sechs Stockwerke.
Die Minuten zogen sich endlos in die Länge.
Als nur noch wenige Stufen übrig waren, sprang Julia seitlich über das Geländer und landete im Schnee.
Eva tat dasselbe und landete neben ihr. „Und was jetzt?“, fragte sie außer Atem.
„Wir müssen zum Bahnhof laufen“, sagte Julia. „Oder ein Taxi nehmen, wenn wir eins finden.“
Sie liefen so schnell sie konnten.
9. KAPITEL
„Was für eine Alternative haben wir?“
Norwegen
„Hoffentlich ist Jo gegen Sturmschäden versichert“, sagte Susanne.
„Ja. Hoffentlich.“ Edda ging zum Kühlschrank und holte eine Flasche heraus. „Möchtest du auch?“
„Wodka?“
„Flüssiger Müdemacher.“
„Gib her.“
Edda kam mit der Flasche und zwei Gläsern an den Tisch und setzte sich. Das Licht der Lampe an der Decke warf ihren unsteten, mattgelben Schatten an die Wand. Sie schenkte etwas von dem Alkohol in die beiden Gläser und schob eins zu Susanne hinüber. „Auf Jo.“
„Auf Jo.“ Susanne hob ihr Glas an, trank aber nicht. „Das war vorhin ganz schön unheimlich. Das alles ist ganz schön unheimlich. Zuerst Claas Mok und seine Geschichte um Sofie Dale, die Kraniche und den Zaren. Dann Jos heimliche Recherchen und sein Herzinfarkt. Dann dieser Sturm und das Fenster, das zerbricht …“
„Das war nur das Wetter“, entgegnete Edda. „Mehr nicht.“
„Klar. Was auch sonst?“ Susanne hob das Glas an und nippte. Ein Schwall sengender Hitze erfüllte ihre Nase und ein regelrechter Flammenstrom floss durch ihre Kehle. Sie stellte das Glas wieder ab. „Da sitzen wir, mitten in der Nacht, und machen uns vor Angst in die Höschen.“
„Du machst dir vielleicht ins Höschen“, bemerkte Edda trocken. „Ich nicht.“
„Ja, du bist eine Heldin vor dem Herrn, Edda Holmen.“
„Ich weiß.“
Sie schwiegen ein paar Sekunden.
„Kann ich dich was fragen?“, sagte Susanne dann.
Edda hob den Kopf. „Klar.“
„Hast du überhaupt keine Angst?“
„Doch. Ich habe sogar vor sehr vielem Angst. Aber am allermeisten Angst habe ich um Jo.“ Edda zog etwas aus ihrer Hosentasche. „Hier“, sagte sie. „Das trage ich immer bei mir.“ Es war ein Herz aus Stoff. In die Mitte waren die Initialen E. H. eingestickt. „Das hat Jo für mich gemacht, als ich noch ganz klein war.“
„Wirklich?“ Susanne betrachtete das Herz genauer.
„Er ist ziemlich ungeschickt, was das Nähen betrifft, wie du dir denken kannst.“ Edda grinste. „Aber er war furchtbar stolz, als er es zu Ende gefertigt hatte.“
Die Initialen waren tatsächlich nicht besonders geschickt genäht, trotzdem besaß das Herz Charme, vermutlich, weil es eine so besondere Bedeutung hatte.
„So jemanden hatte ich nie“, sagte Susanne. „Meine Eltern hätten so etwas nie für mich gemacht.“
„Meine auch nicht“, gab Edda zurück. „Und ich habe ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern. Aber ich bin mir sicher, wenn es Jo wieder besser geht, bekommst du auch so eins von ihm.“
Susanne schob das Herz wieder zu Edda hinüber. „Ich bin nicht seine Lieblingsnichte.“
„Aber du bist eine gute Freundin.“ Edda griff nach ihrem Arm. „Du bist ein großartiger Mensch, genauso wie du bist. Völlig egal, was dein dämlicher Vater sagt.“
Wieder schwiegen sie und es schien eine kleine Ewigkeit zu vergehen.
„Worüber denkst du nach?“, fragte Edda dann.
Susanne neigte grübelnd den Kopf. „Ich versuche herauszufinden, wie mein Leben so werden konnte. Wie ich von der harmlosen Punkerin bis zu dem Punkt kam, an dem ich jetzt bin. Was ist da schiefgelaufen?“
„Das hast du dir nicht ausgesucht, Susanne. Für deine Eltern kannst du nichts, die kann man sich halt mal nicht aussuchen. Und dann bist du in eine Geschichte geraten, die sich niemand in seiner blühendsten Fantasie so hätte ausmalen können. Aber hey, du schlägst dich wirklich tapfer, ehrenwert, wie eine wahre Kämpferin.“
Susanne seufzte leise. „Ich fühle mich aber grässlich. Ich habe dich und Jo in diese Geschichte hineingezogen, das hätte ich niemals tun dürfen. Wenn ich nicht gewesen wäre … Es tut mir wirklich leid.“
„Solche Gedanken sind Zeitverschwendung. Du hast Hilfe gebraucht und wir haben sie dir gerne gegeben. Davon abgesehen, hast du uns in nichts hineingezogen. Wir haben uns freiwillig bereit erklärt, dir zu helfen, als du Hilfe brauchtest.“
„Ich habe trotzdem Schuldgefühle.“ Susanne trank noch einen Schluck Wodka und verzog das Gesicht. „Weil die Wahrheit ist, Edda: Völlig egal, für wie schlau wir uns auch halten, egal, wie weit wir vorausplanen, wir halten die Fäden nicht in der Hand. Das machen die Kraniche. Das macht der Zaren. Er entscheidet über unser Schicksal. Weil er immer einen Schritt schneller ist.“
Nach kurzem Nachdenken sagte Edda: „Du hast da noch jemanden vergessen.“
„Wirklich? Wen?“
„Ihn.“ Edda deutete in Richtung Decke. „Meine Mutter ist der Meinung, dass man immer in die Richtung geht, in die Gott einen führt.“
„Ja? Und welche Richtung ist das jetzt gerade?“
„Das weiß ich leider auch nicht. Aber was für eine Alternative haben wir? Wollen wir es lassen und uns still verhalten? Nicht nachfragen und nicht nachbohren? Die Kraniche Kraniche sein lassen und den Zaren Zaren?“
Susanne brauchte darauf nicht zu antworten, denn die Antwort war klar: Das war keine Alternative.
10. KAPITEL
„Fallen Sie in Ohnmacht.“
Im Inneren des Bahnhofs schlug ihnen der Lärm von Menschen entgegen und das, obwohl es schon nach 23:30 Uhr war. Überall hing Weihnachtsdekoration und aus den Lautsprechern drang „Jingle Bells“. In der Luft lagen jede Menge fremde Gerüche, ein Cocktail aus Rasierwasser, Parfums, Zigaretten und Schweiß. Es war, als wären die Menschen nach einem Blick auf den Kalender in Panik geraten, als sie feststellten, dass morgen Weihnachten war und sie - mit Tonnen von Geschenken im Gepäck – eilig zu ihren Familien reisen mussten.
Durch die Lautsprecher wurde etwas Unverständliches angekündigt. Ein junger Mann griff nach Julias Arm, sie zuckte zusammen und war sofort bereit, einen Angriff abzuwehren, doch er suchte nur nach einer Mitfahrgelegenheit. Sie lehnte unfreundlicher ab, als sie es eigentlich wollte, und reichte – um die Sache wieder etwas gutzumachen – ein paar Meter weiter einem Obdachlosen einen -Euro-Schein. „Gott segne Sie“, sagte er erfreut.
Sie eilten weiter in Richtung Schließfächer. Julias Herz schlug schneller, als sie schließlich den Schlüssel ins Schloss steckte und das Fach öffnete. Als sie hineinsah, entdeckte sie eine Plastiktüte. Sie holte sie heraus.
Im selben Augenblick gab Eva ihr einen unsanften Schubs. „Julia, da!“
Julia drehte sich um und sah in die Richtung, in die Eva blickte. Und dann sah auch sie ihn. Er war ganz in Schwarz gekleidet, trug einen langen Mantel, und ihn umgab eine Aura von … es gab keine bessere Beschreibung dafür: Als wäre er der Odem des Teufels. Sie sah ihm direkt in die Augen, mehr fasziniert als erschrocken, und er blickte zurück.
„Oh, mein Gott!“, stieß Eva aus. „Die haben uns gefunden! Schon wieder!“
„Komm.“ Julia legte den Arm um ihre Schultern und zog sie mit sich.
Es waren ungefähr dreißig Meter bis zum Ausgang. Das war nicht wenig, wenn man verfolgt wurde, und der Mann in Schwarz kam näher.
Unerbittlich schob Julia Eva weiter, an Menschen vorbei, im Zickzack zwischen ihnen hindurch. Dabei warfen sie eine Frau um, die zu Boden fiel. Sie mussten über sie hinwegsteigen.
Empört schimpfte die Frau hinter ihnen her.
Julia warf einen raschen Blick über ihre Schulter. Der Mann folgte ihnen weiter und verhielt sich dabei noch rücksichtsloser als sie. Was zur Folge hatte, dass ihr Vorsprung immer mehr schwand.
„Vielleicht sollten wir besser hier im Bahnhof hierbleiben“, sagte Eva außer Atem. „Hier drinnen wird er uns bestimmt nicht über den Haufen schießen.“
„Ich würde nicht darauf wetten“, gab Julia zurück.
Noch fünfzehn Meter.
Der Verfolger stieß mit einem anderen Mann zusammen. „Hey!“, rief der ärgerlich aus. „Können Sie nicht aufpassen?“
Julia und Eva nutzten den kleinen Zwischenfall und eilten weiter in Richtung Ausgang.
Doch dann blieb Eva abrupt stehen. „Da ist noch einer!“
Auch Julia sah ihn. Er war ebenfalls schwarz gekleidet wie der Verfolger hinter ihnen und sah ihnen mit kaltem Lächeln entgegen, während er unter seine Jacke griff.
„Oh, mein Gott! Er wird uns umbringen!“, stieß Eva aus.
In Julias Kopf überschlugen sich die Gedanken. Sie drehte sich zu dem Verfolger um, der sich in ihrem Rücken befand. Die Lampen über ihm zauberten einen Lichtkreis um seinen Kopf, der ausgesehen haben könnte wie ein Heiligenschein, wenn man es nicht besser gewusst hätte. Er grinste und griff ebenfalls unter seine Jacke.
Julia breitete die Arme aus. Hinterher hätte sie nicht mehr sagen können, ob es eine Geste der Kapitulation war oder der Versuch, Eva zu schützen.
Auf jeden Fall schob sich genau in dem Moment ein weiterer Mann zwischen sie und Eva. Er trug einen zerknitterten Mantel, einen struppigen Vollbart, eine runde Brille auf der Nase und graue Haarlocken quollen unter einem schwarzen Hut hervor. „Fallen Sie in Ohnmacht“, zischte er in Evas Richtung.
„Was?“, fragte sie konsterniert.
„Tun Sie es. Fallen Sie in Ohnmacht. Das ist Ihre einzige Chance. Los, machen Sie schon.“
Keine Sekunde später begann Eva zu schwanken, fasste sich an die Stirn, verlor das Gleichgewicht und sank auf den Boden.
Julia verstand und rief: „Eva?“ Viel lauter als nötig. „Was ist denn nur los? Ich bitte dich! Komm zu dir!“
Sie regte sich nicht.
Ein Passant kam auf sie zu und blieb bei ihnen stehen. „Was hat sie denn?“, wollte er wissen.
„Sie ist einfach umgefallen.“ Julia riskierte einen Seitenblick, jeweils nach links und rechts, wobei sie feststellte, dass beide Verfolger vollkommen still standen und die Szene misstrauisch beobachteten.
Jetzt kam auch noch eine kräftige, resolute Frau heran. „Bleiben Sie ruhig liegen“, sagte sie zu Eva, die mittlerweile die Augen aufgeschlagen hatte. „Sie sind offenbar gestürzt. Haben Sie sich den Kopf angeschlagen?“
Eva antwortete nicht, sah die Frau nur an.
Und noch mehr neugierige Menschen blieben bei ihnen stehen.
„Können Sie aufstehen?“, fragte die resolute Frau. „Einen Moment, ich helfe Ihnen.“
Gemeinsam stellten sie Eva wieder auf die Füße, doch die begann sofort wieder zu schwanken. Jemand hielt es für das Beste, sofort einen Krankenwagen zu rufen, zog das Handy aus der Jackentasche und wählte.
Wieder jemand anders brachte einen Becher Wasser.
Ein paar Minuten später kamen zwei Sanitäter und Eva wurde auf eine Trage
gelegt.
Julia sah sich um.
Die beiden Verfolger waren verschwunden.
11. KAPITEL
„Okay. Ich denke, wir haben jetzt genug geredet.“
Hannover
0:56 Uhr
Julia kam es so vor, als hätten sie ewig gebraucht, um das Krankenhaus wieder zu verlassen - und zugleich waren nur ein paar Minuten verstrichen. Während sie durch die Straßen eilten, blickte sie immer wieder über die Schulter und vergewisserte sich, dass ihnen niemand folgte. Aber es folgte ihnen niemand mehr.
„Sie sind also Julia Wagner“, sagte der Mann mit dem struppigen Vollbart. „Ich freue mich, Sie endlich persönlich kennenzulernen.“
„Woher wissen Sie, wer ich bin?“
„Oh, ich habe schon eine Menge über Sie gehört.“
„Und von wem?“
„Susanne Grimm.“
Unvermittelt blieb Julia stehen. „Wer sind Sie?“
„Bleiben Sie nicht stehen, gehen Sie weiter. Mein Name ist Karl Dickfeld, aber alle nennen mich nur ‚Professor‘. Wenn Sie wollen, können Sie das auch tun. Ich werde Ihnen gerne alles erklären, aber es wäre mir lieber, wenn wir es nicht auf der Straße tun würden. Kommen Sie, dort drüben ist ein Taxistand.“
Julia blieb stehen, wo sie war, und er drehte sich noch einmal zu ihr um. „Vertrauen Sie mir, Frau Wagner. Ich werde Ihnen alles erklären, aber zuerst brauchen wir ein Taxi. Mein Bus steht zu weit von hier entfernt. Gut einen Kilometer, auf jeden Fall zu weit, um die Strecke bei dem Wetter zu laufen. Jetzt kommen Sie.“ Er setzte sich wieder in Bewegung.
Julia rührte sich immer noch nicht.
Der Professor kam zu ihr zurück. Seine schweren Stiefel hinterließen tiefe Krater im Schnee. „Wenn Sie weiter hier draußen rumlaufen, werden Sie früher oder später umkommen. Das ist eine Tatsache. Sie haben ja gesehen, wie leicht man Ihnen folgen kann. Also bitte …“ Er legte eine Hand auf ihren Rücken und schob sie vorwärts. „Wirklich, Sie können mir vertrauen.“
Kurz darauf öffnete er die vordere Tür eines Taxis und sah hinein. Drinnen saß ein Mann, der das Rentenalter schon lange überschritten hatte. Über einem dünnen Haarkranz trug er eine Baseballmütze mit dem Aufnäher eines Fußballvereins.
„Gut, dass Sie fahren“, sagte der Professor erleichtert.
Der Fahrer grunzte. „Ob es gut ist, werden wir erst noch sehen. Eigentlich dürfte ich bei dem Wetter gar nicht fahren.“
„Nun, wir riskieren es.“
„Komische Zeit, um eine Spazierfahrt zu machen“, bemerkte der Taxifahrer, während er den Motor startete. „Mitten in der Nacht.“
„Möglich“, sagte der Professor, „aber wir leben ja auch in einer komischen Welt, nicht wahr?“ Er öffnete die hintere Tür und drehte sich zu Julia und Eva. „Steigen Sie ein.“
Während der kurzen Fahrt schien das Wetter noch einmal schlimmer zu werden. In kleinen Tornados kam der Schnee vom Himmel herab, prallte gegen die Frontscheibe und wirbelte in den Lichtkegeln der Scheinwerfer.
Zum Glück waren sie nicht lange unterwegs. Sie erreichten einen alten VW-Bus, an dessen linkem Scheibenwischer ein durchnässter Strafzettel klemmte. Der Professor stopfte ihn in seine Manteltasche und schloss die Fahrertür auf. Dann stieg er ein und öffnete die Beifahrertür. „Steigen Sie ein.“
Julia warf Eva einen kurzen Blick zu, dann stieg sie vorne ein. Eva nahm auf einem der hinteren Sitze Platz.
Der Professor lächelte und startete den Bus. „Willkommen an Bord. Lehnen Sie sich zurück und genießen Sie die Fahrt. In schätzungsweise zwanzig Minuten sind wir am Ziel.“
„Wohin fahren wir?“, wollte Julia wissen.
„Das werden Sie schon sehen.“
„Jetzt hören Sie mal …!“
„Wenn ich Ihnen alles erklärt habe, werden Sie es verstehen.“ Der Professor machte eine Bewegung mit der Hand. „Im Handschuhfach befindet sich ein trockenes Tuch. Würde es Ihnen etwas ausmachen, die Fensterscheibe von innen trocken zu wischen?“
Julia öffnete den Mund, sah es dann aber selbst ein. Von ihrem Atem waren die Scheiben beschlagen. Außer dem trüben Lichtkegel der Scheinwerfer war kaum etwas von der Straße zu erkennen. Also öffnete sie das Handschuhfach, und als sie das Tuch herauszog, fiel ihr eine leere kleine Cognacflasche in den Schoß.
„Hoppla!“, machte der Professor. „Das ist ein Erinnerungsstück. Legen Sie es bitte zurück.“
Julia steckte die Flasche zurück ins Handschuhfach und machte sich daran, die Innenscheiben mit dem Tuch zu trocknen. Als sie fertig war, reichte sie es an Eva weiter, die sich daranmachte, die hinteren Scheiben zu trocknen.
„Vielen Dank“, sagte der Professor.
„So.“ Julia verschränkte die Arme vor der Brust. „Dann können Sie ja jetzt anfangen. Was haben Sie und Susanne miteinander zu tun?“
„Hm, ja, also …“ Er kniff die Augen zusammen. „Die Kurzversion ist, dass wir, Frau Grimm und ich, vor zwei Tagen beinahe gleichzeitig über eine Leiche und somit quasi übereinander stolperten.“
„Über was für eine Leiche?“
„Oh, eine Dame, deren Name Ihnen bekannt sein dürfte: Britta Stark.“
Julia blinzelte. „Britta Stark? Die Anwältin, die Susanne in der geschlossenen Psychiatrie auf mich hetzte?“
„Genau die.“
„Wer hat sie umgebracht?“
„Die Kraniche.“
Vor ihnen wurde eine Ampel rot. Der Professor bremste vorsichtig ab.
„Und was ist dann passiert?“, fragte Julia weiter. „Wo ist Susanne jetzt?“
„Das weiß ich leider nicht sicher. Als ich sie das letzte Mal sah, machte sie sich gerade auf die Suche nach Ihnen.“ Die Ampel wurde grün. Der Professor fuhr wieder an. „Aber sie hat Sie nicht gefunden“, redete er weiter. „Also hat sie die Kassette dorthin zurückgebracht, wo wir sie zuvor gemeinsam fanden. Das hat Frau Grimm mir bei unserem letzten Telefonat noch erzählt. Danach habe ich nichts mehr von ihr gehört.“
Julia betrachtete den Professor aufmerksam. Er wirkte aufrichtig, aber konnte sie sich da wirklich sicher sein?
Er räusperte sich. „Zuvor wurde ich angeschossen, von einem Mann namens Eduard Schiller. Ein Kranich. Ein fürchterlicher Mensch, widerlich. Er wollte unbedingt die Kassette haben. Fragen Sie mich nicht nach weiteren Einzelheiten. Ich weiß nur noch, dass ich auf einmal auf dem Boden lag und dachte, ich würde sterben. Aber Frau Grimm hat mir das Leben gerettet. Wir brachten die Kassette in Sicherheit und Schiller wurde verhaftet. Meinetwegen hätte er auch tot sein können. Ihm weine ich keine Träne nach.“
„Und dann?“
Der Professor zuckte mit den Schultern. „Nichts. Die Geschichte ist hier zu Ende.“
Julia schüttelte den Kopf. „Wohl noch nicht ganz. Denn offenbar haben Sie – im Gegensatz zu Susanne – die Suche nach mir ja nicht aufgegeben.“
„Nun ja, ich war angeschossen, aber nicht traumatisiert, wie andere in meiner Situation es vielleicht gewesen wären. Ich habe angefangen nachzudenken. Bevor Frau Grimm in mein Leben trat, habe ich es damit verbracht, mich von morgens bis abends zu betrinken. Das aber hat sich inzwischen grundlegend geändert. Sie hat mich sozusagen ins Leben zurückgeholt.“ Der Professor zuckte mit den Schultern. „Die Geschichte ließ mich nicht los. Und so beschloss ich, auf Sie zu warten.“
„Vor dem Haus von Susannes Bruder?“
„Ja. So in etwa. Ich denke, die Kraniche haben dasselbe getan, allerdings ist mir niemand aufgefallen. Oh, sie sind verdammt gut.“
„Und wohin fahren wir jetzt?“, wollte Julia wissen.
Der Professor warf ihr einen kurzen Blick zu. „Nun ja, es wird Zeit, dass wir die Geschichte beenden, nicht wahr? Ich habe mich inzwischen mit der Kassette beschäftigt und mehr darüber herausgefunden, als ich zu hoffen gewagt hatte. Es wird Sie erleuchten. Vertrauen Sie mir.“
Vertrauen.
Schon wieder.
Der Professor parkte den Bus am Straßenrand und stellte den Motor ab. „Wir sind da. Kommen Sie mit.“
Sie hetzten über eine Straße, auf ein großes, kastenartiges Gebäude zu und stiegen mehrere mit Schnee bedeckte Stufen hinauf. Der Professor klopfte gegen eine Glastür und ein Wachmann kam ihnen entgegen. Ein großer, kräftiger Mann in den Fünfzigern, mit breiten Schultern, dessen graue Uniform eine Nummer zu klein war.
„Ja?“, fragte er nicht gerade freundlich durch die geschlossene Tür.
„Wir möchten zu Herrn Eylenstein“, sagte der Professor.
„Um diese Uhrzeit?“
„Er erwartet mich.“
„Das kann ich mir nicht vorstellen.“
„Mein Name ist Dickfeld. Karl Dickfeld. Rufen Sie ihn bitte an.“
Der Wachmann zögerte, griff dann aber doch nach seinem Handy, wartete, wechselte ein paar dürre Worte und sah den Professor dann wieder an. „In Ordnung.“ Er drückte auf einen Knopf und die Glastür schwang auf. „Er ist in seinem Büro.“ Mit dem Zeigefinger deutete er einen Flur entlang.
„Danke“, sagte der Professor. Und an Julia gewandt: „Kommen Sie.“
Sie gingen einen gefliesten Gang entlang, der sich irgendwo in der Ferne verlor. Von dort drang Licht aus einem Büro.
Als sie es erreichten, sagte der Professor: „Hier ist es.“
Neben der Tür war ein Namensschild angebracht, auf dem in silbernen Großbuchstaden Eylenstein stand.
Der Professor klopfte an, und als eine Stimme von drinnen „Herein“ sagte, betraten sie einen einschüchternden Raum. Er war vollgestopft mit Büchern, die in mehreren bis zur Decke reichenden Regalen standen.
Der Mann, von dem anzunehmen war, dass es sich um Eylenstein handelte, saß hinter einem Schreibtisch aus massiver Eiche und lächelte freundlich. Ein älterer Mann mit buschigen weißen Haaren. „Herr Dickfeld!“
„Ja, ich bin es wieder“, sagte der Professor. „Und dieses Mal habe ich jemanden mitgebracht.“
Eylenstein sah Julia an. „Ist das die junge Dame, über die wir sprachen?“
„Ja.“
Er erhob sich und reichte ihr die Hand.
„Bis jetzt habe ich noch keine Ahnung, was ich hier soll“, sagte sie.
„Das werden Sie sofort erfahren. Möchten Sie etwas trinken? Einen heißen Tee vielleicht?“
„Nein danke.“
Auch Eva schüttelte den Kopf.
„Dann setzen Sie sich doch bitte.“
Während Eva sich erschöpft auf einen der Stühle sinken ließ, die im Halbkreis vor dem Schreibtisch aufgestellt waren, sagte Julia: „Ich bleibe lieber stehen.“
Eylenstein nickte und setzte sich ebenfalls wieder. „Haben Sie die Kassette inzwischen gefunden?“
„Ja.“
„Aber Sie haben sie noch nicht geöffnet.“
„Nein. Es war noch keine Zeit dafür.“
„Gut.“ Eylenstein nickte zufrieden. „Es könnte zu Ihrem Schaden sein, wenn Sie sie zu früh öffnen.“
Julia ließ ihn nicht aus den Augen. „Was meinen Sie damit?“
Er neigte etwas den Kopf. „Ich bin bereit, Ihnen wichtige Informationen darüber zu liefern, Frau Wagner, aber wenn ich es tue, müssen Sie im Gegenzug all Ihre rationalen Gewissheiten fallen lassen. Denn es mag in Ihren Ohren fantastisch und abwegig klingen, aber es geht hier um etwas, das nicht der Welt der Vernunft und der Ratio angehört.“
Julia runzelte die Stirn. „Geht es um etwas Religiöses?“
„Ich entnehme Ihrem Tonfall, dass Sie selbst nicht besonders religiös sind.“
„Nein, nicht besonders.“
Eylenstein nickte und verschränkte die Hände auf dem Schreibtisch. „Nun, wenn Sie an keinen Gott glauben, dann glauben Sie auch nicht daran, dass es das Böse gibt, richtig?“
„Oh nein, ganz im Gegenteil. An das Böse glaube ich unbedingt, denn ich habe es gesehen. Allerdings meine ich das menschliche Böse, keine Hölle, wie sie in Büchern beschrieben wird. Ich glaube auch an keinen Teufel mit Dreizack und gespaltenen Hufen, nur falls Sie darauf hinauswollen.“
„Aber woher kommt das Böse, wenn nicht vom Teufel?“, wollte Eylenstein wissen. „Darüber müssen Sie nachdenken, Frau Wagner. Sie müssen über den Ursprung des Bösen nachdenken.“ Er beugte sich nach vorne und sah Julia in die Augen. „Weshalb, denken Sie, ist Jesus auf die Erde gekommen?“
„Um die Menschen zu retten. So habe ich es jedenfalls gelernt.“
„Richtig. Er kam, um uns zu retten. Um uns von unseren Sünden zu erlösen.“
„Und?“
„Und? Denken Sie nach, Frau Wagner. Wenn Jesus auf die Erde kam, um die Menschen zu erretten, was ist dann die logische Schlussfolgerung? Dass das Böse schon lange vor ihm da war.“ Eylenstein betrachtete Julia immer noch aufmerksam. „Das Wort ‚Satan‘ leitet sich übrigens von der hebräischen Wurzel ‚stn‘ ab und bedeutet so viel wie ‚der Widersacher‘ oder ‚der Widerwirker‘, und genau das ist es, womit wir es zu tun haben: Ein übernatürliches, mächtiges Wesen.“
Julia atmete ungeduldig aus. „Ich weiß wirklich nicht, warum ich dieses Gespräch führe …“
„Es ist wichtig für den Kampf, den Sie führen“, wandte Eylenstein ein. „Je mehr Sie über Ihre Gegner wissen, desto besser können Sie sich gegen sie rüsten.“
„Womit ich es hier zu tun habe, ist nichts Übersinnliches“, beharrte Julia. „Ich habe es mit realen Menschen zu tun. Mit verdammt bösen, aber auch verdammt realen Menschen.“
„Nun, dass es Gut und Böse auf der Welt gibt, streiten Sie ja nicht ab. Richtig?“
Julia nickte.
„Aber es kann nicht beides gleichzeitig geben, Frau Wagner. Zwei Gegensätze können nicht nebeneinander existieren, es muss einer dem anderen weichen. Verstehen Sie?“
Statt einer Antwort machte Julia eine unbestimmte Handbewegung.
„Nur weil die Menschen an keinen Gott mehr glauben, denken sie, könnten sie sich auch von Satan befreien“, sprach Eylenstein weiter. „Ihn ablegen, sozusagen, aber so einfach ist es nicht. Er ist überall und nirgends. Integriert. Unsichtbar. Lautlos auf dem Vormarsch. Glauben Sie mir, er war noch nie so mächtig wie heute.“
„Eine hübsche Rede, wirklich. Aber ich …“
„Sie gewinnen diesen Kampf nicht, wenn Sie den Feind unterschätzen, Frau Wagner. Natürlich sind es Menschen, die all die bösen Dinge tun. Der Teufel nimmt unterschiedlichste Erscheinungsformen an, das ist sein größtes Kapital. Sie dürfen nicht bei dem stehen bleiben, was Ihre Augen sehen und Ihre Ohren hören können. Es wäre fatal, wenn Sie das täten. Denn das Schlimmste, was Ihnen passieren kann, ist es, die Menschen zu unterschätzen, die den ‚Hölleneid‘ geschworen haben.“
Julia sah auf. „Den was?“
„Den Hölleneid. Der Teufel gibt niemals etwas umsonst, er bietet immer nur einen Handel an. Macht gegen völlige Unterwerfung bis in den Tod. Dieses Geschäft wird ‚Hölleneid‘ genannt. Der Faustische Pakt, den der Ketzer mit seinem Blut unterschreibt.“
„Oh Mann“, murmelte Eva.
„Die Kraniche haben den Hölleneid geschworen“, sagte Eylenstein. „Sie betrachten sich selbst als die Knechte des Satans. Und deshalb sind sie von allen üblen Gestalten, denen wir bisher begegnet sind, bei Weitem die gewalttätigsten und gefährlichsten. Und mit der Kassette wird die Übernahme vollendet.“
„Die Übernahme?“, fragte Julia. „Was soll das jetzt wieder heißen?“
„Es wird behauptet, sie bestünde aus einem geheimnisvollen Metall.“
„Das ist keine Antwort auf meine Frage.“
„Aber doch. Sie ist deshalb so ausgestattet, weil sie die Kräfte des Bösen beinhaltet.“
„Was?“
„Sie haben richtig verstanden. In ihrem Inneren soll sich die Teufelsbibel befinden.“
Für einen kurzen Moment herrschte absolute Stille im Raum.
Dann lachte Julia auf. „Was reden Sie denn da? Teufelsbibel? Was soll das sein?“
„Ob sich dieses Buch tatsächlich in der Kassette befindet, wissen wir natürlich erst, wenn Sie sie geöffnet haben. Aber ganz sicher glauben die Kraniche daran. Sie glauben, sie könnten damit auf direktem Wege die Mächte des Bösen erschließen und somit Kräfte heranziehen, die sie brauchen, um die totale Macht zu übernehmen.“ Er machte eine kurze Pause. „Glauben Sie mir, ich habe alles darüber gelesen. Das Buch soll im frühen Mittelalter von einem Mönch geschrieben worden sein, kurz bevor er durchdrehte und sich selbst bei lebendigem Leib anzündete und verbrannte. Es heißt, er habe es in nur drei Nächten niedergeschrieben und Satan persönlich habe ihm dabei die Feder gehalten. Deshalb soll es in einer Sprache geschrieben sein, die nur wenige Menschen beherrschen. Die, die sie beherrschen, sind jedoch in der Lage, mit dem Teufel persönlich in Kontakt zu treten. Oder ihn in seine Hölle zurückzuschicken.“
Julia starrte Eylenstein an. „Sie nehmen mich gerade auf den Arm, richtig?“
„Ganz und gar nicht.“ Kurz huschte ein verärgerter Ausdruck über sein Gesicht. „Ich bin nicht verrückt, Frau Wagner. Ich höre keine Stimmen. Ich renne nicht nackt durch die Gegend und ich werfe nicht mit meinem eigenen Kot um mich. Ich bin vollkommen klar und das hier ist kein leeres Geschwätz, auch wenn Sie das offensichtlich gerade denken.“ Er atmete tief durch, dann redete er weiter. „Auf unbekanntem Wege soll das Buch im siebzehnten Jahrhundert nach Norwegen gelangt sein.“ Er deutete auf einen Stapel Papier, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag. „Sagt Ihnen der Name Albert Treutner etwas?“
„Nein.“
„Ein Mann, der Anfang des letzten Jahrhunderts lebte. Ein strenggläubiger Mann, der in Hannover einen Eisenwarenladen unterhielt und als Kenner des Okkulten bekannt war. Er war davon überzeugt, dass es die Kassette gibt und dass sie das beinhaltet, was ich Ihnen gerade erzählt habe. Mit vierzig Jahren schloss er sein Geschäft und verbrachte den Rest seines Lebens damit, die Kassette zu suchen. Ein Erfolg blieb ihm jedoch versagt. Am Ende starb er völlig verarmt und als Spinner verschrien im Alter von dreiundfünfzig Jahren. Aber er hat zuvor noch alles in diesem Manuskript festgehalten.“ Eylenstein hob die Hand und ließ sie dann schwer zurück auf den Schreibtisch fallen. „Ich habe es mit Interesse gelesen. Was ich mir aber nicht vorstellen konnte, war, dass es diese Kassette tatsächlich geben könnte.“ Er schob den Papierstapel zu Julia hinüber. „Sie können es gerne lesen.“
Julia fasste die Seiten nicht an. „Das ist lächerlich. Haltlose Behauptungen, durch nichts bewiesen. Treutner hätte besser daran getan, das Manuskript an irgendeinen Schundverlag zu schicken, der sich nicht zu schade ist, auch den größten Mist zu drucken. Oder er wäre besser gleich ganz bei seinem Eisenwarengeschäft geblieben.“
„Es gibt keinen Beweis für Treutners Behauptungen, das stimmt. Aber es gibt auch keinen Beweis für das Gegenteil. Und jetzt …“, Eylenstein breitete die Arme aus, „stehen die Raunächte an.“
Julia stöhnte auf. „Was sind jetzt schon wieder die Raunächte?“
„Das sind die Nächte zwischen Heiligabend und dem 6. Januar. Es heißt, in diesen Nächten steht das Geisterreich offen und sie ermöglichen es dämonischen Wesen und Seelen unguter Verstorbener, zu erscheinen. Wenn sie nicht rechtzeitig zurückgetrieben werden, bleiben sie auf immer frei. Deshalb wollen die Kraniche jetzt die Kassette. Sie muss während der Raunächte von ihnen geöffnet werden.“
Als daraufhin zu lange nichts von Julia kam, fügte Eylenstein hinzu: „Wenn die Kassette in diesen Nächten geöffnet wird, dann muss es von der guten Seite aus geschehen, und dafür braucht es einen mutigen Menschen. Einen Menschen, der vorbereitet ist. Einen Menschen, der in der Lage ist, die Schrift zu lesen und zu verstehen. Einen Menschen, der weiß, was zu sagen ist.“
Julia starrte ihn an. „Und dieser Mensch soll ich sein?“
Er legte sich die Hände auf die Brust. „Ich halte es zumindest für ein Zeichen, dass ausgerechnet Sie danach suchen. Und Sie beherrschen die Sprache, nicht wahr? Die Sprache, die sonst kaum jemand beherrscht.“
Julia sagte nichts darauf und für einen kurzen Moment wurde es still im Raum.
„Okay“, sagte Julia dann. „Ich denke, wir haben jetzt genug geredet.“ Sie griff in die Plastiktüte. „Machen wir das Ding auf und überzeugen uns davon, dass das alles nur Spinnereien sind.“ Sie holte ein eingewickeltes Paket heraus, das sie auf den Schreibtisch stellte, und begann damit, das Packpapier zu entfernen.
Schließlich stand die Kassette vor ihnen auf dem Tisch.
„Jesus“, murmelte Eylenstein und beugte sich nach vorne, um sie besser ansehen zu können. „Das ist sie tatsächlich. Und sie ist wunderschön!“
„Sie hat tatsächlich drei Schlösser“, stellte Eva fest. „Mach sie damit auf, Julia. Worauf wartest du?“
„Mal angenommen, es wäre das in der Kassette, was Sie behaupten“, sagte Julia zu Eylenstein, „dann bekämen wir ein großes Problem. Denn ich hätte keine Ahnung, was ich dann tun sollte.“
„Vielleicht haben wir es aber auch mit etwas ganz anderem zu tun“, warf der Professor mit einem leichten Lächeln ein. „Vielleicht befindet sich darin keine Teufelsbibel, sondern die Koordinatoren zum Bernsteinzimmer.“
„Hmm“, machte Julia. „Vielleicht befindet sich darin aber auch eine Bombe und wir fliegen gleich alle in die Luft.“ Sie zögerte noch einen Moment, dann holte sie die drei Schlüssel aus ihrem Rucksack. Mit langsamen, vorsichtigen Bewegungen steckte sie den ersten ins Schloss. Als sie ihn umdrehte, war ein leises Knacken zu hören.
„Oh, mein Gott, es funktioniert“, sagte Eylenstein atemlos.
Ja, es funktionierte.
Der erste Schlüssel passte.
Julia steckte den zweiten in das nächste Schloss, und als sie ihn drehte, war erneut ein leises Knacken zu hören.
Später entsann sie sich noch oft daran, dass das Knacken beim dritten Schloss ein anderes war. Und dass sie deshalb einen kleinen Moment zögerte. Dann hob sie vorsichtig den Deckel an und sah in die Kassette hinein.
Sie enthielt – nichts.
Bis auf einen kleinen Zettel mit der Zahl 3891.
„Soll das ein Witz sein? Das ist ein Witz, oder?“ Julias Gemütszustand schwankte irgendwo zwischen hysterischem Lachen und hemmungslosem Weinen. „Ich werde hier doch nach Strich und Faden verarscht!“
Eylenstein ließ niedergeschlagen die Schultern hängen.
Der Professor starrte fassungslos in die leere Kassette.
Eva blinzelte ungläubig.
Schließlich streckte der Professor die Hände aus und begann, die Kassette von innen abzutasten. „Sie ist tatsächlich vollkommen leer. Nichts, wo man etwas verstecken könnte.“
„Dann ist es nicht die richtige Kassette“, stellte Eylenstein fest.
„Wie bitte?“ Julia drehte sich zu ihm um. „Sie ist es eindeutig. Sie war verdammt gut versteckt, schwer zugänglich und genau dort, wo sich das X auf der Karte befand. Sie ist es.“
„Und ich sage Ihnen, dass das hier nicht die richtige Kassette ist.“
Frustriert warf Julia die Hände in die Höhe und ließ sie wieder sinken.
Eva sagte: „Wenn man so darüber nachdenkt, passt es.“
„Was passt?“, wandte Julia sich an sie.
„Es war zu einfach.“ Eva deutete auf die Kassette. „Das hier war ein Täuschungsmanöver. Ja, die Kassette war gut versteckt und wir mussten einige Hürden überwinden, um sie zu finden, aber man hütet ein Geheimnis am besten dadurch, dass man weitere Geheimnisse drum herum schafft, nicht wahr? Außerdem würde es zum Vorgehen deines Vaters passen.“
„Hast du schon vergessen, wie viele Menschen für das verdammte Ding gestorben sind?“, fragte Julia gereizt.
„Nein, das habe ich ganz und gar nicht vergessen. Aber es ist nun mal eine Tatsache: Wenn das hier die falsche Kassette ist, dann ist sie nur ein weiteres Stück des Puzzles. Und dann ist die richtige noch irgendwo. Das heißt, wir müssen weitersuchen und sie finden.“
„Aaaaaaaahhhh!“ Julia ging zu einem der Stühle und ließ sich darauf sinken. „Seit Tagen laufe ich einem Hinweis nach dem anderen hinterher, um am Ende DAS zu finden! Wozu die ganze verdammte Geheimnistuerei? Wozu der verschlüsselte Brief meines Vaters? Warum hat er mir darin nicht einfach mitgeteilt, wo sich die richtige Kassette befindet? Das wäre doch viel einfacher gewesen.“
„Gerade habe ich es dir erklärt“, sagte Eva. „Er wollte oder musste die Täuschung aufrecht und die Kassette außer Reichweite der Kraniche halten. Was, wenn sie sie vor dir finden würden? Das muss die wichtigste Frage gewesen sein, mit der er sich beschäftigte. Ihm blieb überhaupt keine andere Wahl. Und geben wir es zu, sie waren ja tatsächlich schon sehr nahe dran.“
Der Professor nickte zustimmend. „Richtig.“
Julia seufzte tief auf und rieb sich über die Augen. „Aber wenn das da die falsche Kassette ist, wo bitte schön ist dann die richtige? Ich habe keine Ahnung, wo ich noch danach suchen soll. Ich habe auch keinen Hinweis mehr. Es gibt keinen Stein mehr, den zu wenden sich noch lohnen würde. Sehen wir es ein, es ist vorbei.“
Eva hielt den Zettel in die Höhe. „Hier ist ein Hinweis.“
„3891? Was soll das sein? Ein Zahlenschloss? Eine Fluglinie? Eine Hausnummer? Das kann alles Mögliche bedeuten, Eva.“
„Es überrascht mich, dass Sie die Beute so schnell loslassen, Frau Wagner“, sagte der Professor.
„Was für eine Beute?“, wandte Julia sich an ihn. „Haben Sie gerade nicht zugehört? Ich weiß nicht mehr weiter.“
„Es gibt immer einen Hinweis“, beharrte der Professor.
Julia schüttelte den Kopf und schwieg.
„Ich stimme Herrn Dickfeld zu.“ Auf Eylensteins Stirn glänzte das Licht der Deckenlampe. „Sie haben Ihre Hausaufgaben bis hierher gemacht und das haben Sie mit Bravour getan. Aber es muss noch weitere Hinweise geben. Sie müssen eben weitersuchen.“
„Ich …“, fing Julia an, aber es war überflüssig, den Satz auszusprechen. Mit einer müden Handbewegung erhob sie sich vom Stuhl und verließ das Büro.
12. KAPITEL
„Das Leben schreibt nun mal seltsame Geschichten.“
24. Dezember
Norwegen
8:15 Uhr
„Glaubst du, er wird mit uns sprechen?“
„Warum sollte er nicht?“
„Weil heute Weihnachten ist und er vielleicht etwas Besseres zu tun hat?“
„Wir werden es herausfinden.“ Edda klopfte gegen eine weiß gestrichene Haustür.
Es dauerte einen Moment, dann öffnete ein mittelgroßer Mann, der eine beige Hose und ein zerknittertes weißes Hemd trug.
„Hallo“, sagte Edda auf Norwegisch. „Mein Name ist Edda Holmen und das ist meine Freundin Claudia Müller. Ich nehme an, Sie sind Emil Bekker. Wir würden gerne mit Ihnen sprechen. Über Jo Holmen.“
Bekker sah von einer zur anderen. „Jetzt?“
Edda nickte. „Wir wissen natürlich, dass heute Weihnachten ist, und deshalb wird es auch nicht lange dauern. Aber es ist sehr wichtig. Wie gesagt, es geht um Jo Holmen.“
„Was ist mit ihm?“
„Er liegt im Krankenhaus.“
Bekker blickte überrascht. „Seit wann?“
„Seit gestern Nachmittag.“
„Oh. Hm. Das tut mir leid. Was hat er denn?“
„Er hatte einen Herzinfarkt. Bitte, können wir kurz reinkommen?“
Es vergingen zwei, drei Sekunden, dann nickte Bekker und ließ sie ins Haus.
Sie betraten ein Wohnzimmer und setzten sich auf die Couch. Bekker nahm ihnen gegenüber in einem Sessel Platz und richtete den Blick auf Susanne. Die erwiderte den Blick, und wenn es so etwas gab wie Abneigung von der ersten Sekunde an, dann erlebte sie sie in diesem Moment.
Mit dem stimmt was nicht, dachte sie. Ich kann es nicht benennen, aber irgendetwas an dem Typen ist faul.
Er sagte etwas auf Norwegisch zu ihr, was sie nicht verstand.
„Wie bitte?“, gab sie auf Deutsch zurück.
„Ach. Sie sind Ausländerin?“ Er sprach jetzt auf Englisch.
Susanne nickte.
„Sie ist eine gute Freundin“, übernahm Edda, ebenfalls auf Englisch. „Sie verbringt die Weihnachtsfeiertage bei mir und Jo. Jedenfalls war es so geplant.“
Bekker sah sie an. „Was kann ich für Sie tun?“, wollte er wissen.
„Es geht um eine Geschichte, die schon etwas länger her ist.“
„Ich dachte, Jo hätte erst gestern einen Herzanfall gehabt?“
Edda nickte zuerst, dann schüttelte sie den Kopf. „Es geht um einen alten Fall, an dem Sie mitgearbeitet haben. Das Verschwinden von Sofie Dale.“
Einen Moment lang war es still im Zimmer.
Dann sagte Bekker: „Sofie Dale? Was hat das denn mit Jo Holmen zu tun?“
„Sehen Sie, genau das ist die Frage.“ Edda erzählte von Jos Zusammentreffen mit Claas Mok und endete mit den Worten: „Wir gehen davon aus, dass Jo nach Moks Tod anfing, selbst zu recherchieren. Auf einer Tankquittung hat er Ihren Namen notiert.“
„Und jetzt gehen Sie davon aus, dass Jo sich deshalb mit mir treffen wollte“, fasste Bekker zusammen.
„Genau.“
„Nun, da muss ich Sie enttäuschen. Weder hat er sich bei mir gemeldet noch haben wir uns getroffen.“
„Aber warum hat er ausgerechnet Ihren Namen notiert?“
„Ja.“ Bekker ließ sich im Sessel zurücksinken. „Das ist tatsächlich seltsam. Vielleicht wollte er mit mir in Kontakt treten. Allerdings kann ich mir das beim besten Willen nicht vorstellen.“
„Warum nicht?“, wollte Edda wissen.
„Weil wir seit dreißig Jahren kein Wort mehr miteinander gewechselt haben. Seit zweiunddreißig Jahren, um ganz genau zu sein.“
„Und warum nicht?“
Bekker erhob sich und ging zu einer kleinen Kommode. Aus einer der Schubladen holte er eine Schachtel mit Halsbonbons. Nachdem er sich eins in den Mund geschoben hatte, sagte er: „Jo und ich waren früher einmal sehr gute Freunde. Die besten, um genau zu sein.“
„Wirklich?“ Edda hob die Augenbrauen in die Höhe. „Davon weiß ich gar nichts.“
„Das kann ich mir denken.“ Bekker kam zu seinem Sessel zurück und setzte sich wieder. „Es ist ja auch, wie gesagt, schon sehr lange her. Damals waren wir noch junge Männer. Dann verliebten wir uns in dieselbe Frau. Emma. Jo war zuerst mit ihr zusammen. Dann hat sie ihn mit mir betrogen. Das hat er mir nie verziehen. Erst recht nicht, als Emma und ich heirateten. Die Ehe hielt elf Jahre, meine Freundschaft zu Jo war für immer hinüber. Nichts mehr zu machen.“ Bekker atmete tief durch. Ein trauriger Zug legte sich für einen Moment auf sein Gesicht. „Und deshalb kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass er ausgerechnet mit mir in Kontakt getreten wäre.“
„Aber wenn es sehr wichtig für ihn gewesen wäre“, wandte Susanne ein.
Bekker drehte den Kopf und sah sie an. „Sie meinen, weil er mit mir über Sofie Dale sprechen wollte?“
„Ja. Denn Sie haben doch damals, gemeinsam mit Mok, in dem Fall ermittelt.“
„Tja, also, wie bereits gesagt, er hat nicht versucht, mit mir in Kontakt zu treten. Und das, was Mok Jo in der Kneipe erzählte … Wie soll ich es sagen? Mok war schon immer ein bisschen speziell.“
„Was meinen Sie damit?“, wollte Edda wissen.
Bekker beugte sich nach vorne und stützte die Ellbogen auf die Knie. „Ich möchte nichts Schlechtes über den Mann sagen, wirklich nicht. Er war schon ein paar Jahre bei der Polizei, als ich dazukam, und meiner Meinung nach war er ein guter Polizist. Andere hatten da allerdings eine andere Meinung.“
„Zum Beispiel?“
„Mok war in Ordnung. Aber er war auch … anders. Unkonventionell. Er passte in kein Schema. Zum Beispiel kam er immer zu Fuß zur Arbeit, obwohl es drei Kilometer von seinem Haus zur Dienststelle waren, aber den Dienstwagen benutzte er nur, wenn es gar nicht anders ging. Ja, er war schon seltsam in manchen Dingen. Aber er besaß Menschenkenntnis und er hielt immer Wort. Wenn er etwas versprach, dann hat er es auch gehalten. Das erwartete er natürlich auch von den anderen. Das war für ihn Ehrensache. Er war immer auf der Seite der Schwachen und das hat ihn angetrieben, so sehe ich das jedenfalls. Andere Kollegen hingegen hielten ihn für fragil, für einen Spinner mit zu viel Engagement, wenn Sie verstehen, was ich meine. Wie auch immer, ich bin später zur Sitte gegangen und wir verloren uns aus den Augen. Als ich von dem tragischen Unfall hörte, tat es mir sehr leid.“
Susanne und Edda sahen sich kurz an.
„Sie glauben, dass es sich bei seinem Tod um einen tragischen Unfall handelte?“, fragte Edda.
„Natürlich. Worum sollte es sich denn sonst gehandelt haben?“
„Er könnte auch ermordet worden sein“, sagte Susanne.
Bekker betrachtete sie einen Moment lang. „Es war ein tragischer Unfall. Mok war auf dem Weg nach Hause, ein Auto kam heran, der Fahrer hat ihn nicht gesehen - entweder, weil er betrunken oder todmüde war - und erwischte ihn. Wuff. Der Fahrer bekam es mit der Angst zu tun und verschwand. Alle anderen Behauptungen sind haltlos.“
„Und damit werden die Ermittlungen eingestellt werden?“, sagte Edda.
„Ja.“
„Wenn er aber doch ermordet wurde?“, wandte Susanne ein. „Und zwar von den Kranichen?“
Bekker schnaubte. „Sie glauben diese Geschichte doch wohl nicht. Mok hat immer irgendwelche Geschichten erzählt, wenn der Tag nur lang genug war. Diese war nur eine davon. Er war davon überzeugt, dass es eine Bande gibt, die sich Kranichenennt. Ich war immer davon überzeugt, dass es diese Bande nicht gibt.“
„Aber Mok hat sehr viel Zeit in diese Geschichte investiert.“
„Was sie nicht wahrer macht.“
„Und was ist mit Sofie Dale?“, fragte Susanne weiter. „War ihr Verschwinden etwa auch nur ein Unglücksfall?“
„Dass dem Mädchen damals etwas zugestoßen ist, konnte nie bewiesen werden. Ich weiß das, denn ich war ja bei den Ermittlungen dabei. Es war viel eher davon auszugehen, dass das Mädchen mit einem Jungen durchgebrannt ist.“
„Aber wenn es anders gewesen wäre, dann könnte das den Mord an Mok erklären“, mischte Edda sich wieder ein.
Bekker hob die Hände und ließ sie wieder auf die Knie sinken. „Noch einmal: Mok wurde nicht umgebracht. Es war ein tragischer Unfall. Es gibt überhaupt keine Anhaltspunkte für einen Mord. Wenn es welche gäbe, dann hätten sich meine Kollegen darum gekümmert. Denn wir sind die Polizei.“
Susanne blickte skeptisch und er fügte hinzu: „Vertrauen Sie der Polizei. Vertrauen Sie mir. Das Leben schreibt nun mal seltsame Geschichten. Davon abgesehen, stellt sich in dem Zusammenhang doch eine ganz einfache Frage: Wenn Mok tatsächlich umgebracht worden wäre - und wenn tatsächlich diese ominösen Kraniche damit zu tun hätten - warum hätten sie ihn jetzt plötzlich umbringen sollen? Er stellte seit Jahren krude Behauptungen über diese Vögel in den Raum. Es gäbe überhaupt keinen Grund, ihn ausgerechnet jetzt aus dem Weg zu räumen.“
„Vielleicht gibt es einen Grund, den wir nur noch nicht kennen“, sagte Susanne.
Bekker sah sie mit einem seltsamen, schrägen Blick an. Dann erhob er sich und sagte: „Ich denke, das Gespräch ist hiermit beendet. Je länger ich mir das alles anhöre, desto absurder finde ich diese Unterhaltung. Dass Jo im Krankenhaus liegt, tut mir leid, aber wenn hier jemand ermittelt, dann ist es die Polizei. Nicht Sie beide und nicht er. Ich hoffe, wir haben uns verstanden.“ Er ging in Richtung Haustür und öffnete sie. „Hoffentlich kommt er bald wieder zu sich. Und dann sagen Sie ihm, dass auch er es lassen soll.“
13. KAPITEL
Wahnsinnig. Verrückt.
Zaren.
Welch ein Name. Welch ein Klang.
Größe, Macht, Eroberung und Zerstörung. Kriegerischer Herrscher. All das klang in diesem einen Wort, in diesem Namen wider.
Der Zaren, das war er, und er ging gerade den Wald entlang. Der Wind biss ihm ins Gesicht, aber das störte ihn nicht. Er zog nur den Mantel etwas enger um sich und schlug den Kragen hoch.
Zaren.
Kriegerischer Herrscher.
Er drehte sich um und sah auf das Dorf hinab. Seine Augen legten sich über die wenigen, im dichten Schnee spukhaft schimmernden Lichter des kleinen uralten Dorfes zu seinen Füßen. Das Wetter war so schlecht, dass die Menschen lieber in ihren Häusern blieben. Und da saßen sie dann an ihren Öfen, stumpfsinnig und ohne Zweck. Oder vielleicht schmückten sie auch gerade die Bäume für das Weihnachtsfest.
Der Zaren schnaubte verächtlich. Weihnachten. Das verfluchteste aller Feste. Es würde ihnen allen noch vergehen. Und das schneller, als sie ahnten. Tief atmete er die eisige Luft ein. Wie sehr hatte er selbst nach diesem Wetter gegiert. Nach Schnee und Eiseskälte. Nach Sturm. Er genoss den Wind, genoss es zu hören, wie er zischte und heulte. Er genoss es zu sehen, wie die Bäume erbebten und zitterten, wie die Äste klickten und klackten, wie die Schneeflocken sich in einem wilden Hexentanz befanden.
Ja, dieses Wetter, das andere Menschen dazu veranlasste, zu Hause zu bleiben und sich zu verkriechen, es war sein größter Verbündeter.
Der Zaren richtete sich auf und streckte die Schultern. Sie waren in der Kälte steif geworden. So sehr es ihm hier draußen auch gefiel, es war Zeit wieder umzukehren. Nur noch ein paar Sekunden, in denen er lauschte, dann drehte er sich um und ging zurück. Er folgte dem vertrauten Pfad, den er immer ging. Hinter ihm brach ein Ast unter der Last des Schnees zusammen, der sich auf ihm gesammelt hatte. Er blieb stehen und drehte sich noch einmal um. Nicht, dass ihm das Geräusch Angst gemacht hätte. Nichts und niemand machte dem Zaren Angst. Es war lediglich die Vorsicht, die ihn sich noch einmal umdrehen ließ. Er kniff die Augen zusammen und beobachtete, wie der Wind die Schneeflocken hin und her warf, sie durch die Luft peitschte und zu Trichtern wirbelte.
Dann machte er sich auf den Weg zurück.
Wenig später öffnete er eine dreifach gesicherte Tür und betrat ein Zimmer, dessen rechte Wand von Regalen gesäumt war, deren Bücher nur wenige Menschen kannten. Er nannte diesen Raum gerne seine „Gruft“, denn er war wie für Geheimnisse geschaffen. Für große Geheimnisse.
Der Zaren lächelte leicht. Es war gut, wenn es Geheimnisse gab. Es musste immer Geheimnisse geben, denn sie zeugten von Macht. Und Macht besaß er reichlich.
Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch und als es an die Tür klopfte, sah er auf. „Ja?“
Ein Mann um die dreißig, in einem schwarzen Gewand und mit ebenso schwarzen, langen Haaren, die zu einem Zopf zusammengebunden waren, betrat fast geräuschlos den Raum. Respektvoll blieb er bei der Tür stehen und verneigte sich.
Magnus. Des Zaren Faktotum. Vor vielen Jahren von seiner Mutter abgekauft, die vor einer Mauer gesessen und um Geld gebettelt hatte. Von diesem Tag an war der Junge vom Zaren erzogen worden und im Laufe der Jahre hatte er gelernt, was seine Pflichten waren.
„Ich hoffe, du hast dieses Mal gute Nachrichten, Magnus.“
„Leider nicht, Meister.“
Die Augen des Zaren verdunkelten sich. Ein kaltes Gefühl breitete sich in ihm aus, denn Magnus‘ Worte bedeuteten, dass er eine weitere Verzögerung hinnehmen musste, einen weiteren Fehlschlag.
„Wir hatten sie fast“, fügte Magnus eilig hinzu. „Aber dann haben wir sie wieder verloren.“
„Verloren?“ Der Zaren schleuderte ihm das Wort ins Gesicht. „Ihr habt sie wieder verloren?“
Demütig senkte Magnus den Kopf. „Es tut mir leid, Meister.“
Heftig schlug der Zaren mit der flachen Hand auf die Tischplatte. „Nein! Nein und noch einmal nein! Das nehme ich nicht hin! Sie sollte längst zu Staub zermahlen sein!“
„Es gibt noch eine andere Neuigkeit“, sagte Magnus schnell. „Die Kassette, sie war leer!“
Der Zaren hielt in der Bewegung inne. „Was hast du gesagt?“
„Die Kassette war leer. Und das bedeutet doch, dass wir noch nicht verloren haben, nicht wahr? Wir sind immer noch am Zug.“
„Woher weißt du das?“
„Nun, unsere Männer waren ihr auf den Fersen. Nachdem sie sie verloren hatten, setzten sie alle Hebel in Bewegung und stießen auf einen Namen: Eylenstein. Sie haben den Mann noch letzte Nacht aufgesucht. Was soll ich sagen? Ein tapferer Idiot war er. Nun ist er ein toter Idiot. Aber zuvor erzählte er noch unter Schmerzen, dass wir sie einmal mehr nur knapp verpasst hatten. Und dass die Kassette leer war.“
Ein leichter Schatten zog sich durch das Gesichtsfeld des Zaren. Dann lachte er laut auf. „Oh, Sven Wagner, du elender Hund. Ich würde dich häuten und vierteilen, wenn du noch am Leben wärst. Aber leider bist du das nicht mehr.“ Er kniff die Augen zusammen und sah Magnus wieder an. „Was stehst du noch hier herum? Verschwinde und bringe mir beides. Die verdammte Kassette und sie! Alles, wofür wir gekämpft haben, steht auf des Messers Schneide. Und du lässt zu, dass sie weiter unbehelligt durch die Gegend spaziert?“
„Sie hatte Hilfe, Meister …“
„Ich will nicht, dass du dich in Entschuldigungen versuchst, Magnus!“ Der Ärger schnürte dem Zaren beinahe die Kehle zu. „Erkläre mir lieber, wie es sein kann, dass sie sich kreuz und quer durch Deutschland bewegen kann, ohne dass wir sie auch nur einmal zu fassen bekommen?“
Magnus machte eine kleine Bewegung mit der Hand. „Es war Sten Kjaer, der versagt hat, Meister. Und zuvor Eric Cirpka. Und …“
„Halt den Mund! Ich will Julia Wagners Tod! Ich will sie tot wissen. Verstehst du das? Ich will ihr Herz in meinen Händen halten. Ich will es fressen! Und ich will die richtige Kassette. Um jeden Preis! Es ist mir egal, was du dafür tun musst, Magnus. Ich will, dass du alles tust, was nötig ist. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?“
„Ja, Meister. Und es gibt ja auch immerhin etwas, was wir wissen …“
„Was?“
„Wir wissen inzwischen, dass sie mit einem Saab vom Schwarzwald bis nach Hannover gereist ist.“
„Und?“
„Wir haben den Wagen gefunden. Er steht auf einem öffentlichen Parkplatz, etwas außerhalb von Hannover.“
„Vermutlich hat sie ihn inzwischen aufgegeben. Sie ist ja schließlich nicht dumm.“
„Nein. Natürlich nicht ist sie das nicht. Sollen wir den Wagen trotzdem weiter beobachten lassen?“
Der Zaren überlegte einen Moment. „Ja“, sagte der dann. „Vielleicht kommt sie ja doch noch einmal auf ihn zurück. Ich glaube es zwar nicht, möglich wäre es aber dennoch. Früher oder später wird sie einen Fehler machen. Und jetzt verschwinde mir aus den Augen.“
„Ja, Meister.“ Magnus drehte sich in Richtung Tür.
„Du bist persönlich dafür verantwortlich, Magnus“, zischte der Zaren in seinem Rücken. „Du persönlich. Hast du das verstanden?“
„Ja, Meister. Ich habe es verstanden. Vollkommen.“
Gleich darauf schloss sich die Tür hinter Magnus.
Hannover
Julia hörte Schritte und drehte sich um. Verfolgte sie jemand?
Sie sah nichts, deshalb konzentrierte sie sich wieder auf die Gräber, stolperte an ihnen vorbei. Plötzlich blieb sie stehen und starrte auf einen Grabstein, auf dem stand: Julia Wagner.
Dann hörte sie ein Knirschen, Stein auf Stein, es ließ sie zusammenzucken. Die Erde unter ihr gab nach, sie sackte in das Grab ein. Strampelnd versuchte Julia sich zu befreien, aber die Erde saugte sie förmlich ein.
Dann war sie unter der Erde. Eine Gestalt in einem schwarzen Gewand, die auf sie gewartet zu haben schien, hob beide Hände, griff nach ihrer schwarzen Kapuze und schob sie zurück, sodass Julia ihr Gesicht erkennen konnte …
… es war Pastor Jordan. Feuer waberte über sein Gesicht, seine Augen glühten. Er öffnete den Mund und sagte: T steht für Tro.S steht für Sivlac. Tro Sivlac bedeutet ‚Ich bin stärker‘.
Kaum hatte er es gesagt, fing sein Körper Feuer und verbrannte.
Mit einem leisen Schrei fuhr Julia in die Höhe und stellte erleichtert fest, dass es nur ein Traum gewesen war. Nur wieder ein Albtraum, wie jede Nacht.
Langsam ließ sie sich wieder in die Kissen zurücksinken, halb in dieser Welt, halb in der anderen. Hinter ihren Augen spürte sie den vertrauten, stechenden Schmerz, der sie bei jedem Aufwachen begleitete. Um sich zu beruhigen, atmete sie langsam durch die Nase und allmählich kam ihr Herzrhythmus wieder in Takt. Noch einmal hallten Jordans Worte in ihrem Kopf: T steht für Tro.S steht für Sivlac …
Dann drehte sie den Kopf und stellte fest, dass Eva nicht mehr im Bett lag. Kurz zuckte sie zusammen, doch dann lauschte sie. Das Wasser im Bad rauschte. Sie war unter der Dusche.
Julia erhob sich langsam, streifte sich ein Sweatshirt über und ging zum Fenster. Sie schob den Vorhang etwas zur Seite und stellte fest, dass die Stadt immer noch in scheinbar unendliches Weiß eingehüllt war. Die Schneeflocken fielen so dicht, dass man kaum drei Meter weit sehen konnte.
Für einen kurzen Moment schloss Julia die Augen. Der Schmerz pulsierte nach wie vor unter ihren Lidern. Um sich davon abzulenken, machte sie sich auf den Weg zum Badezimmer, doch bevor sie die Hand heben und gegen die Tür klopfen konnte, wurde sie von innen geöffnet und Eva stand in einem Bademantel vor ihr. Die roten Locken fielen feucht um ihr Gesicht. „Hab ich dich geweckt?“, fragte sie. „Tut mir leid. Das wollte ich nicht.“
Julia schüttelte den Kopf. „Hast du nicht.“
„Gut. Ich konnte nicht mehr schlafen, deshalb bin ich aufgestanden. Frohe Weihnachten.“
„Frohe Weihnachten. Leider habe ich kein Geschenk für dich.“
„Ich hab auch keins für dich.“ Eva hob den Kopf und sah Julia in die Augen. „Außer vielleicht einem Stückchen Wahrheit.“
„Und die wäre?“
„Du hattest gestern Abend recht.“
„Womit?“
„Ich bin eifersüchtig auf Susanne.“
„Ich weiß. Ich verstehe nur nicht, warum?“
„Es macht mich einfach rasend, dass … ihr beide … Es verletzt mich. Ich weiß, dass es nicht so sein sollte. Was geschehen ist, ist geschehen, und es war in dem Moment für euch beide wahrscheinlich das Richtige. Und ich war ja auch gar nicht da. Aber … Ich weiß eben auch, dass du davor schon viele Affären hattest und … ich möchte nicht nur eine von vielen sein.“ Eva hob die Hände in die Höhe. „Meine Güte, ich komme mir gerade vor wie in einer Seifenoper.“
„Das bist du nicht“, sagte Julia.
„Was?“
„Du bist nicht eine von vielen, und das weißt du auch.“
Eva schwieg.
„Du bist mir näher als jeder andere Mensch“, fügte Julia hinzu. „Der faszinierendste, den ich kenne. Das Einzige, was ich je wollte.“
„Wirklich?“
„Ja.“ Julia nahm den Blick nicht von Eva. „Du bist die aufregendste Frau, die ich kenne.“
Die Uhr an der Wand tickte.
„Wenn das so ist“, sagte Eva nach ein paar Sekunden, „dann beweis es mir.“
„Jetzt?“
„Jetzt.“
Julia legte die Arme um sie und zog sie an sich. Sie küssten sich, setzten sich wie nebenher in Bewegung, erreichten das Bett und fielen darauf.
„Hältst du das für eine gute Idee?“, fragte Julia vorsichtshalber.
„Es ist die beste Idee, die ich jemals hatte“, antwortete Eva, löste sich aber dennoch für einen kurzen Moment von ihr, nur ein klein wenig, ihre Stirnen berührten sich weiter. „Allerdings … hab ich es noch nie gemacht. Also, du weißt schon, nicht … so. Falls ich irgendwie … ungeschickt …“
„Du kannst nichts falsch machen.“
Sie küssten sich von Neuem, drängten sich aneinander – und genau in dem Moment klopfte es kräftig an die Tür.
„Das darf doch nicht wahr sein“, brummte Eva ernüchtert.
„Hallo?“ Die Stimme des Professors.
„Ich bring ihn um“, murmelte Julia.
„Haben wir eine Wahl?“, fragte Eva.
„Ich schätze, nicht.“ Julia stand auf, ging zur Tür und öffnete sie.
„Guten Morgen!“ Der Professor lächelte freundlich. „Wie schön, dass Sie schon auf den Beinen sind. Wie geht es Ihnen? Möchten Sie Kaffee? Ich habe gerade welchen gekocht.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, betrat er das Zimmer.
„Klar“, sagte Julia. „Kommen Sie doch rein.“
Er ging fast bis zur Mitte des Zimmers und sah dann strahlend von ihr zu Eva und wieder zurück. „Mann oh Mann, das war gestern eine aufregende Nacht, was? Ich fühle mich wie nach dem fünften Schleudergang.“ Er brach ab. „Ist alles in Ordnung?“
Julia brummte etwas, was nicht zu verstehen war.
Eva, die die ganze Zeit auf der Bettkante gesessen hatte, erhob sich. „Ja, alles in Ordnung.“
Es dauerte noch einen Moment, bis beim Professor endlich der Groschen fiel. „Ooohh!“, machte er und wurde tiefrot. „Entschuldigen Sie, ich wollte nicht stören.“
„Vergessen Sie‘s“, sagte Eva. „Wo ist der Kaffee?“
Das Wohnzimmer war nicht besonders groß und auch nicht sehr behaglich eingerichtet. Genau genommen standen nur eine alte Couch und ein kleiner Wohnzimmertisch darin. Zwei ungeöffnete Koffer standen mitten im Raum und eine graue Schicht überzog die Fenster, die offenbar schon lange nicht mehr geputzt worden waren.
Der Professor setzte sich auf die Couch und schenkte Kaffee in die Tassen. „Ich wollte wirklich nicht stören.“
„Ja, ist ja jetzt gut“, sagte Eva und setzte sich neben ihn.
Aus Mangel an Alternativen ließ Julia sich auf den Boden sinken.
Im nächsten Moment wurde die Wohnungstür aufgeschlossen. Gleich darauf kam eine Frau herein, die ganz bestimmt attraktiv gewesen wäre, wenn sie etwas dafür getan hätte. Dies lag aber offenbar nicht in ihrer Intention. Ihre Kleidung war nüchtern und funktional und ihre dunklen, mit grauen Strähnen durchzogenen Haare trug sie zu einem schlichten Zopf zusammengebunden.
„Das ist Gabriele“, sagte der Professor. „Meine Freundin.“
„Ex-Freundin“, sagte Gabriele und legte eine Tüte auf den Wohnzimmertisch. „Hallo.“
„Hallo“, sagte Julia.
„Hallo“, sagte Eva.
Der Professor seufzte. „Über den aktuellen Beziehungsstand diskutieren wir derzeit noch.“
„Nur weil ich mich ihm verpflichtet fühle und ihm das Leben gerettet habe, nachdem er sich auf einem Friedhof anschießen ließ, sind wir noch lange nicht wieder zusammen“, bemerkte Gabriele.
Der Professor winkte ab. „Sie hält mich für einen naiven Trottel und denkt, dass wir von zwei verschiedenen Planeten kommen. Aber ich gebe mein Bestes, um sie wieder vom Gegenteil zu überzeugen.“
„Und das tut er, indem er sich anschießen lässt und dafür sorgt, dass ich nicht mehr in mein Haus zurückkann, weil er sich mit hochgefährlichen Gangstern angelegt hat.“
„Wessen Wohnung ist das hier?“, wollte Eva wissen.
„Sie gehört einer Kollegin von mir“, sagte Gabriele. „Deren Mutter ist vor ein paar Wochen verstorben und sie ist in deren Haus gezogen. Diese Wohnung wollte sie eigentlich verkaufen, aber ich konnte sie davon überzeugen, damit noch ein bisschen zu warten. Deshalb stehen hier fast keine Möbel mehr.“ Sie setzte sich neben Julia auf den Boden und schob die Tüte mit den Croissants über den Tisch. „Bitte sehr.“
„Danke.“ Eva nahm sich eins aus der Tüte und biss herzhaft hinein.
Julia griff nach der Kaffeetasse und trank einen Schluck. Der Schmerz hinter ihren Augen verstärkte sich schon wieder, ein Muskel im rechten Augenwinkel begann zu zucken.
„Lasst uns noch einmal über letzte Nacht sprechen.“ Der Professor beugte sich nach vorne. „Ich habe Gabriele natürlich inzwischen berichtet. Und sie ist ja auch über alles andere informiert.“
Pulsuz fraqment bitdi.