Kitabı oxu: «Zarenblut - Ein Fall für Julia Wagner: Band 4»
Tanja Noy
Zarenblut - Ein Fall für Julia Wagner: Band 4
Für Katja.
Immer.
Saga
Zarenblut - Ein Fall für Julia Wagner: Band 4Coverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 2016, 2020 Tanja Noy und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726643091
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
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PROLOG
November 1989
Mainz
Als Max Laurus sich das letzte Mal von dem alten Mann verabschiedet hatte, hatte er keinen Moment daran gedacht, dass er nicht noch einmal dazu kommen könnte, mit ihm zu sprechen. Er zog die Schultern hoch und steckte die Hände in die Taschen seiner Jacke. Schon die ganze Zeit hatte er ein sonderbares Gefühl. So, als ob irgendetwas Ungutes bevorstand. Etwas wirklich Ungutes.
Der Wind schlug ihm kühl entgegen, während er auf das Haus zuging.
In der ersten Zeit ihrer Freundschaft war der alte Mann noch freundlich gewesen. Nicht besonders redselig, er hatte sich stets nur auf das Wesentliche beschränkt, aber er war immer nett gewesen. Ab und zu ein kurzes, aufmunterndes Lächeln, mehr nicht. Sie hatten sich auch ohne viele Worte verstanden.
Dann aber hatte der alte Mann plötzlich angefangen, sich zu verändern. Immer häufiger hatte er ungeduldig die Stimme erhoben, wenn Max seine Worte nicht sofort verstand. Vor allem in letzter Zeit. Er lebte immer mehr in seiner eigenen Welt, war immer öfter in Gedanken versunken. Aber er war nie gemein. Er wurde auch nie wirklich wütend. Und er war nicht nachtragend. Doch wenn eine Frage zu einem besonders ungünstigen Zeitpunkt gestellt wurde, dann bekam er diesen Ausdruck im Gesicht …
Max seufzte leise und hob den Kopf. Links und rechts des Weges war der Wald schwarz, nackte Bäume zeichneten sich vor dem dunklen Himmel ab und wogten im Wind. In der Ferne bellte ein Hund. Dann fiel ihm ein heller Lieferwagen auf, der ein paar Meter entfernt an der Straße parkte. Er blieb stehen und musterte das Auto genauer: Die Scheiben waren verspiegelt, das Nummernschild nicht zu erkennen. Und doch bildete er sich ein, den Wagen vor ein paar Tagen schon einmal gesehen zu haben. Er erinnerte sich nur nicht mehr daran, wo das gewesen war.
Vielleicht war es aber auch nur Einbildung. Max setzte sich wieder in Bewegung, und gleich darauf erreichte er das Haus des alten Mannes.
Auf dem Boden entdeckte er etwas Glänzendes. Er stutzte, hob es auf und stellte fest, dass es sich um ein Bonbonpapier handelte. Es roch süß, irgendwie außergewöhnlich.
Als Max sich wieder aufrichtete und zum Fenster sah, verschlug es ihm den Atem.
Max Laurus war zwar erst achtzehn Jahre alt, aber er hatte schon immer schlechte Augen gehabt. Jetzt schob er seine Brille auf der Nase etwas höher und starrte noch einmal durch das Fenster.
Er verstand nicht sogleich, was er da sah. Dann jedoch bohrte sich die Erkenntnis, das Verstehen wie eine glühende Nadel in sein Bewusstsein.
Max blinzelte, schluckte. Sein Herz begann zu rasen.
Durch das Fenster sah er, dass der alte Mann in der Mitte des Wohnzimmers auf einem Stuhl festgebunden war. Sein Gesicht war voller Blut und seine Miene von Schmerzen gezeichnet. Ein Auge war zugeschwollen. Sein Bauch hob und senkte sich mit jedem gequälten Atemzug.
Ihm gegenüber stand eine Gestalt, ein Mann, der aussah wie ein Geist. Die Haare waren schneeweiß, und seinem Gesicht fehlte jegliche Farbe. Es schien vollkommen blutleer zu sein. In der Hand hielt er ein Schwert mit einer glänzenden Klinge.
Max konnte die Worte nicht verstehen, glaubte aber, sie von den Lippen des merkwürdigen Mannes ablesen zu können.
„ Wo ist der Schlüssel?“
Mit dem gesunden Auge starrte der alte Mann auf ein Kreuz an der Wand und antwortete so etwas wie: „Ihr werdet ihn nicht finden.“
„ Weißt du, wer wir sind?“
Nicken.
„ Sag es.“
„ Ihr seid die Kraniche.“
„ Dann weißt du auch, dass du das hier nicht überleben wirst, nicht wahr?“
Wieder ein Nicken.
„ Dann mach es dir doch nicht noch schwerer. Sag, wo er ist, und es wird ganz schnell gehen. Ich verspreche es dir.“
Der alte Mann begann leise zu beten: „Vater unser, der du bist im Himmel …“
„ Meinetwegen. Du hast es so gewollt.“
Der Weißhaarige legte die Spitze des Schwertes an den Hals des alten Mannes, und dann, in einer einzigen fließenden Bewegung, wurde ihm der Kopf von der Kehle getrennt.
Ein, zwei, drei Sekunden lang war Max völlig gelähmt. Die Scheibe, durch die er starrte, verwandelte sich in eine Wolke aus einer Million kleiner Kristalle. Er schrie nicht, obwohl der Schrei ihm in der Kehle steckte. Aber er bewegte sich auch nicht. In diesem Moment war er davon überzeugt, dass er sich nie wieder würde bewegen können. Er war durchdrungen von Schock und Angst. Lediglich in seinem Gehirn arbeitete es. Ein regelrechter Sturm stob durch seinen Kopf.
Der alte Mann war tot.
Geköpft.
Geköpft!
In der nächsten Sekunde wandte der farblose Mann den Blick in Richtung Fenster, und Max schrak zusammen.
Sie sahen sich direkt in die Augen. Und jetzt, endlich, machte etwas in Max’ Kopf „klick“, und er begann zu laufen.
Er hatte soeben einen kurzen Einblick in die Hölle bekommen, und dieser Hölle, das wusste er, würde auch er nicht lebend entkommen. Sie würden auch ihn schon sehr bald in ihren Klauen haben.
Und deshalb rannte Max jetzt.
Und rannte und rannte.
Und drehte sich nicht mehr um.
Zwanzig Minuten später stand er zitternd in einer Telefonzelle, hielt den Telefonhörer an die Wange gepresst und wählte aus dem Gedächtnis eine lange Reihe von Zahlen. Während kurz darauf der Wählton in seinem Ohr dröhnte, glühten die Gedanken in seinem Kopf wie heiße Nadeln. Der Schmerz war fast unerträglich. Verzweifelt versuchte er, klar zu denken, aber er verspürte nichts als fürchterliche Angst.
Sie lassen niemanden davonkommen, dachte er. Sie sind nicht erfüllt von grenzenloser, göttlicher Liebe, im Gegenteil, sie sind die Teufel, von denen der alte Mann immer erzählt und vor denen er gewarnt hat.
Schweiß rann über Max’ Gesicht, tropfte von seiner Nasenspitze und ließ den Hörer in seiner Hand glitschig werden. Er blinzelte, während es am anderen Ende klingelte. Und noch einmal klingelte. Und zum dritten Mal. Und zum vierten Mal, bevor endlich abgenommen wurde.
„Was ist passiert?“
Es wurden keine Begrüßungsworte ausgetauscht. Es würden auch keine Namen fallen. So war es viele Male einstudiert worden.
„Er ist tot. Sie haben ihm mit einem Schwert den Kopf …“ Max brach ab, hatte das Gefühl, zu fallen. Ein endloser Fall, schwindelerregend und ohne Ende.
Am anderen Ende herrschte ein paar Sekunden lang Schweigen. Dann: „Somit ist es jetzt deine Aufgabe.“
„Aber ich … Ich bin doch nur …“ Verzweifelt zwang Max sich dazu, zu denken, gegen die Panik anzukämpfen. „Wie soll ich das anstellen?“
„Du weißt, was zu tun ist, du bist der Richtige.“
Die Worte verstärkten die Anspannung in Max nur noch zusätzlich. „Sie wissen selbst, dass das nicht stimmt. Und wer sagt mir überhaupt, dass sie mich finden wird? Dass sie überlebt? Und dass ich überlebe.“
Wieder rauschte einen Moment lang das Schweigen in der Leitung, als der Angerufene offenbar über das Gesagte nachdachte. Dann: „Niemand.“
„Das erfüllt mich nicht gerade mit Zuversicht.“
„Sie wird geleitet werden. Pastor Jordan ist ein guter Lehrer. Ihr verstorbener Vater hat ihn wegen genau dieser Qualitäten dafür ausgewählt.“
„Aber wie soll sie mich finden?“
„Wie ich gerade sagte, sie wird geleitet werden.“
„Sie kann dabei sterben. Wir können alle dabei sterben.“
„Ja. Aber wir haben keine andere Wahl. Ich weiß es, und du weißt es auch. Möge Gott mit dir sein.“
Einen Moment später war die Leitung tot.
Ganz langsam legte Max den Hörer auf die Gabel zurück und verließ die Telefonzelle. Er spürte, wie schon wieder Übelkeit in ihm aufstieg. „Keine Wahl“, sagte er leise, rang nach Luft und verharrte in der Bewegung. Dann wirbelte er herum und starrte gebannt den farblosen Mann an, der langsam näher kam. War das wirklich ein Mensch? Max blinzelte. Es musste ein Mensch sein, aber er sah nicht so aus. Kälte kroch sein Rückgrat hinauf, als er in die kalten, durchsichtigen Augen blickte. Nein, das war kein Mensch, das war ein Dämon. Ein Dämon mit einem blutigen Schwert in der Hand.
Genau in dem Moment, in dem Max sich in Bewegung setzte, um davonzulaufen, durchbrach die lange Klinge des Schwertes die Dunkelheit und verfehlte seinen Hals nur um Haaresbreite.
Gott im Himmel, hilf mir!
Max rannte, und die bleiche Gestalt folgte ihm, jedoch ohne Eile. „Du kannst mir nicht entkommen! Das weißt du doch.“
Todesangst pulsierte schmerzhaft durch Max’ Adern.
„Du weißt, wo der Schlüssel ist, nicht wahr?“ Als würde er es ihm direkt ins Ohr flüstern. „Und du weißt, dass wir ihn haben wollen.“
Weiter!
In Max’ Kopf pochte es, sein Atem ging rasselnd. Gab es hier noch mehr, die auf ihn warteten?
Dort drüben! Eine Bewegung!
Kaltes Entsetzen presste Max die Luft aus den Lungen, aber er wollte auch nicht aufgeben und sich dem Unabwendbaren fügen, also rannte er in die andere Richtung. Er stolperte und fiel, schrammte sich das Gesicht auf, verlor die Brille, suchte sie verzweifelt mit den Händen, fand sie, stand wieder auf und rannte weiter. Sein Herzschlag dröhnte wie eine Glocke. Plötzlich wusste er nicht mehr, wo er war. Schatten verwandelten sich in Bäume und Bäume in Schatten.
Max stolperte erneut und fiel hin. Ein heftiger Schmerz fuhr in seinen linken Arm. Mit dem gesunden Arm hielt er ihn fest und rannte weiter.
Mit letzter Kraft erreichte er die Hauptstraße, schluchzend vor Todesangst.
Er sah die Scheinwerfer eines Autos auf sich zukommen. Hell und gleißend.
Ohne noch einmal darüber nachzudenken, warf Max sich auf die Straße.
Hannover
Langsam ließ Walter Wendt sich in seinen Sessel sinken. Dann legte er die Kassette in seinen Schoß und faltete die Hände darüber. Er zerbrach sich den Kopf, wie er die ihm übertragene Aufgabe lösen sollte, eine Aufgabe, für deren Lösung er eigentlich gar nicht die Mittel besaß. Vermutlich auch nicht den Verstand. Er war doch nur ein einfacher Mann.
Nachdenklich starrte er aus dem Fenster.
Es gab keine Alternative, das wusste er. Dies war seine Aufgabe auf Erden.
Man hatte ihm gesagt, dass die Kassette alles enthalte, was sie irgendwann bräuchte, um die Gegner ein für alle Mal zu besiegen. Wendt sah auf den silbernen Kasten hinab, betrachtete die eingravierten Zeichen und Symbole, deren Bedeutung niemand verstand, der die Sprache nicht kannte. Er selbst verstand sie auch nicht. Aber er wusste, dass sie alles verstehen würde, wenn die Zeit gekommen war.
Wenn die Zeit gekommen war.
Wendt seufzte leise. Die Aufgabe würde alles von ihm fordern, und er hoffte von ganzem Herzen, dass er den Mut und die Kraft finden würde, bis zum Ende durchzuhalten.
Während er seine eigenen Augen betrachtete, die sich im Fenster spiegelten, nickte er leicht.
Dann erhob er sich wieder und machte sich daran, die Kassette vor den Feinden zu verstecken. So, wie es ihm aufgetragen worden war.
Wittenrode
Nach dem Abendbrot und dem Gebet, wenn die Kinder des Waisenhauses in ihren Betten lagen und eingeschlafen waren, wenn endlich alles still war, dann saßen sie in Pastor Jordans Büro. Er trug selbst zu dieser späten Stunde immer noch seinen schwarzen Anzug, und vor ihm auf dem Tisch lag ein ebenso schwarzes Notizbuch.
„Erzählen Sie mir von ihm“, bat Julia, während feine Staubteilchen wie aufgewirbelter Goldstaub in der Luft schimmerten. „Erzählen Sie mir von meinem Vater.“
Jordan sah sie einen Moment lang an, dann sagte er mit ruhiger und ernster Stimme: „Er war ein guter Mann. Ein tapferer Mann.“
„Ein Held.“
„Ja. Ein Held, der sich vor keinem Kampf scheute.“
Julias Augen schimmerten im dämmrigen Licht. „Er hatte keine Angst.“
„Oh doch“, sagte Pastor Jordan. „Er hatte Angst. Aber man kann auch ein Held sein, obwohl man Angst hat. Vielleicht gerade dann. Verstehst du, was ich meine?“
„Dass man weitermacht, auch wenn man Angst hat?“
„Richtig. Und genau das hat dein Vater getan. Er tat, was er für richtig hielt, obwohl er sehr viel Angst hatte. Und das macht ihn zu einem wahren Helden.“
Für einen kurzen Moment sah Julia aus dem Fenster, suchte nach den Sternen am Himmel, die kaum zu sehen waren. Dann wandte sie sich Jordan wieder zu. „Er hat gesagt, dass ich ein Engel bin. Ein guter Engel.“
„Oh ja, das bist du“, antwortete Jordan. „Du bist ein guter Engel. Dein Vater hat dich sehr geliebt, und deshalb tat er das Tapferste, was es gibt. Und er tat es für dich.“
„Und was war das?“
„Das wirst du erfahren, wenn du etwas älter bist.“
Es war Julia anzusehen, dass sie mit dieser Antwort nicht zufrieden war, und so fügte Jordan hinzu: „Was wir hier tun, ist ein Geschenk deines Vaters an dich. Was du später damit machen wirst, ist dein Gegengeschenk an ihn.“
„Das verstehe ich nicht.“
„Ein Jegliches hat seine Zeit, Julia. Und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde. Es ist noch nicht so weit, aber wenn es so weit ist, wirst du vorbereitet sein.“
„Aber …“
„Lass uns anfangen.“ Jordan schlug das Notizbuch auf.
Auf den ersten Seiten war die einst schwarze Tinte im Laufe der Jahre zu einem trüben Braun verblasst, und es war eine schwierige Aufgabe, die Kreise, Striche, Kreuze und Punkte zu erkennen. Die Schrift war krakelig und völlig fremd, geschrieben in einer Sprache, die man nicht in der Schule lernte. Nicht Griechisch, nicht Hebräisch, nicht Arabisch.
Es war schwer, sich alles zu merken. „Warum müssen die anderen Kinder das nicht lernen?“, fragte Julia. „Warum nur ich?“
Jordan war einen Moment lang verblüfft. Nicht über die Frage selbst, die stellte sie fast jeden Abend, nein, er war überrascht über den Tonfall ihrer Stimme.
„Weil es wichtig ist“, sagte er. „Das habe ich dir doch gerade erklärt. Es ist sehr wichtig für das, was noch kommen wird.“ Seine Augen machten klar, dass er mehr dazu nicht sagen würde, und so lernten sie wieder, wie sie es jeden Abend taten.
Schließlich kamen sie zu den Symbolen.
„Weißt du, was das hier bedeutet?“, fragte Jordan und deutete auf einen Kreis in einem zweiten Kreis.
Julia nickte. „Es bedeutet Licht.“
„Richtig. Es ist das Zeichen der Engel.“
Und so ging es weiter, Symbol für Symbol. Und es waren nicht wenige, die es zu lernen galt.
„Die Wahrheit verbirgt sich im Rätsel.“ Das sagte Jordan oft. „Sie ist nie das, was sie vorgibt zu sein. Deshalb müssen wir lernen, sie zu erkennen und zu entziffern. Verlasse dich niemals nur auf deine Augen. Du musst hiermit sehen.“ Er deutete zuerst auf seine Stirn und dann auf sein Herz. „Wenn du das tust, wirst du die Wahrheit erkennen. Du wirst sie sehen.“ Er beugte sich etwas vor und sah Julia tief in die Augen. „Das darfst du niemals vergessen, hast du das verstanden?“
Sie nickte langsam.
„Du musst immer genau hinsehen“, fügte Jordan ernst hinzu. „Versprichst du mir das?“
Sie nickte noch einmal, und dann entließ er sie.
Bis zum nächsten Abend.
TEIL 1
1. KAPITEL
Der Mensch ist des Menschen Hölle
20. Dezember 2010
18:25 Uhr
Mainz
Der Winter zeigte dem Land sein bissigstes, unschönstes, strengstes Gesicht. Die eisige Kälte ging den Menschen durch Mark und Bein und führte dazu, dass die Ladenbesitzer eine Stunde früher als üblich schlossen und in den Kneipen dreimal so viel Glühwein und Feuerzangenbowle serviert wurde wie an normalen Dezembertagen.
Ein Nachrichtensprecher im Radio hatte es vor wenigen Minuten ein „Weltuntergangsszenario“ genannt.
„ Diese Schneemassen werden uns auch noch die nächsten Tage zu schaffen machen, es werden weitere zwanzig Zentimeter Neuschnee erwartet, was keine guten Nachrichten für diejenigen sind, die irgendwie nach Hause kommen müssen, um die Weihnachtsfeiertage im Kreise ihrer Lieben zu verbringen.“
Und damit hatte er recht. Der Wind war längst zu einem erbarmungslosen, unberechenbaren Sturm geworden und die Temperatur bis unter den Gefrierpunkt gesunken. Der Schnee lag mehrere Zentimeter hoch und hing gleichzeitig wie ein weißer Spitzenvorhang in der Luft. Eine weiße Masse, wie ein gähnender Schlund, der alles verschlang.
Im Zimmer der billigen Pension war das Licht gedämpft. Während Julia aus dem Fenster sah, hätte sie nie geahnt, wohin diese Geschichte sie in den nächsten Tagen noch führen würde. Niemals. Nicht in ihren kühnsten Träumen.
Eva, die erschöpft auf der zerschlissenen Couch saß und deren rote Locken noch unbändiger als sonst in alle Himmelsrichtungen von ihrem Kopf abstanden, fragte: „Warum mussten wir eigentlich ausgerechnet einen derartigen Schrotthaufen von Auto klauen? Die Sprungfedern im Sitz haben Löcher in meinen Hintern gebohrt wie in einen Schweizer Käse. Ich weiß noch nicht einmal, was das für eine Marke ist, mit der du uns da durch die Gegend geschaukelt hast.“
„Es ist ein Saab“, gab Julia zurück, ohne den Blick vom Fenster zu nehmen. „Und wir sind damit immerhin vom Schwarzwald bis hierher gekommen.“
„Ja, aber in was für einem Zustand.“
„Es gab nun mal auf die Schnelle keine andere Lösung.“
„Nein?“ Eva verzog das Gesicht. „Wir hätten auch einfach dort bleiben können, wo wir waren.“
„Und darauf warten, dass wir verhaftet werden?“ Julia schüttelte den Kopf. „Das wäre keine gute Idee gewesen.“
„Früher oder später kommen sie uns sowieso auf die Spur.“
„Ja. Aber nicht, solange das Wetter so schlecht ist.“
Sie schwiegen einen Moment. Irgendwo im Haus rauschte Wasser durch eine Leitung.
Dann sagte Eva: „Und du bist dir sicher, dass das hier funktionieren wird?“
„Nein.“ Jetzt wandte Julia sich zu ihr um. „Und deshalb solltest du eigentlich auch gar nicht hier sein. Du solltest längst irgendwo anders sein. Es ist viel zu gefährlich. Ich dachte, ich hätte es dir erklärt, aber anscheinend habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt.“
„Du hast dich deutlich genug ausgedrückt. Aber das hier kannst du alleine nicht schaffen, und das weißt du auch. Du brauchst meine Hilfe.“
„Tot bist du mir aber keine Hilfe.“
„Das gilt auch umgekehrt.“ Eva hob die Hände in die Höhe. „Wie, glaubst du, würde es mir gefallen, wenn ich dich alleine lasse und dann irgendwann erfahre, dass du tot bist? Ich sag es dir: gar nicht. Also werde ich an deiner Seite bleiben und mich nicht mehr wegbewegen. Gewöhn dich besser an die Vorstellung.“
Julia seufzte leise, durchquerte den Raum mit ein paar Schritten und setzte sich neben sie auf die Couch. „Du erstaunst mich.“
„Warum?“
„Weil du eigentlich völlig durch den Wind sein müsstest. Erledigt. Fertig mit den Nerven. Am Ende.“
Eva nickte langsam. „Ja, das müsste ich wohl. Immerhin habe ich vor noch nicht einmal achtundvierzig Stunden einen Mann erschossen – und zwar ohne das geringste Zögern.“ Sie hielt kurz inne, bevor sie fortfuhr: „Und eigentlich ist mir auch ununterbrochen danach, zu weinen, aber ich kann nicht. Es tut mir nicht einmal leid. Es kommt mir selbst merkwürdig vor, dass ich keine Reue empfinde, aber ich tue es nicht. Es ist, als wären all meine Gefühle taub geworden. Ich bin mir nicht sicher, ob mir das gefallen soll, aber es ist nun mal so.“
„Du stehst immer noch unter Schock“, sagte Julia.
„Vielleicht. Vielleicht ist es aber auch etwas anderes.“ Eva wandte ihr den Blick zu. „Ich sage mir die ganze Zeit, dass ich schlichte Gerechtigkeit geübt habe. Ich meine, es steht doch sogar in der Bibel, oder nicht? Auge um Auge, Zahn um Zahn.“
„Du weißt, dass damit etwas anderes gemeint ist.“
„Das ist alles Auslegungssache.“
Ja, vermutlich war es das.
„Cirpka war ein Mörder“, sprach Eva weiter. „Ein durch und durch schlechter Mensch, und ich habe meine Zweifel daran, dass er für seine Taten vor einem ordentlichen Gericht bestraft worden wäre.“
Julia nickte langsam und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Noch einmal hörte sie den Schuss, sah Cirpka auf dem Boden liegen. Und sie hörte seine letzten Worte: „Finde Sten Kjaer.“
„Glaubst du, er ist in der Hölle?“, durchbrach Evas Stimme ihre Gedanken.
Julia öffnete die Augen wieder. „Cirpka?“
„Ja. Glaubst du, er ist in der Hölle?“
„Es gibt keinen Ort, der Hölle heißt.“
„Bist du dir da sicher?“
„Ganz sicher. Wenn es eine Hölle gibt, dann ist es der Mensch. Der Mensch ist des Menschen Hölle.“
Darüber dachte Eva einen Moment lang nach. Dann sagte sie: „Wahr ist, dass das, was in den letzten Tagen, Wochen und Monaten passiert ist, teuflisch war, und wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass am Ende das Gute gewinnt, würde ich vermutlich zusammenbrechen.“
„Ich auch“, gab Julia zu.
Sie schwiegen wieder einen Moment.
Dann fragte Eva: „Glaubst du denn, dass Zander noch lebt?“
Die Frage erwischte Julia nicht kalt. Sie dachte seit Stunden über nichts anderes nach. „Solange ich seine Leiche nicht real und echt vor mir gesehen habe“, antwortete sie, „ist er für mich immer noch am Leben.“ Sie erhob sich von der Couch. „Und deshalb sollten wir jetzt auch keine Zeit mehr verlieren. Denn egal, wo er gerade steckt, ich werde ihn dort nicht lassen.“
„Und wo fangen wir mit der Suche an?“
„Bei seinem letzten Fall.“ Julia griff nach ihrer Jacke. „Das ist unser erster Ansatzpunkt.“
Als Zander zu sich kam, blendete ihn helles Licht. Es fühlte sich an, als ob ein gleißender Scheinwerfer mitten auf sein Gesicht gerichtet war. Er versuchte, den Kopf zu drehen, aber es gelang ihm nicht. Sein Kopf, sein ganzer Körper, schien mit nichts gefüllt zu sein als mit Schwere. Er schaffte es nicht einmal, seine Hand zu heben.
Immerhin, es war ihm noch möglich, zu blinzeln.
Und zu denken.
Was zum Teufel hatten sie ihm gegeben? Was hatten sie ihm in die Venen gejagt?
Er stellte fest, dass er auf einer Matratze lag. Er war nicht gefesselt. Wozu auch? Er konnte sich ja nicht rühren. Noch einmal versuchte er, die rechte Hand anzuheben, und endlich gelang es ihm. Jedoch nicht sehr lange. Sie war einfach zu schwer.
Der Raum, in dem er sich befand, war kalt, und sein Atem zeichnete Spuren in der feuchten Luft.
Mühsam wandte Zander den Kopf, konzentrierte sich, sah sich um. Aber es gab nicht viel zu sehen. Bis auf die Matratze, auf der er lag, war der Raum vollkommen leer.
Er fühlte sich sterbenselend. Er hätte nicht sagen können, wie lange sein Magen schon keine Nahrung mehr bekommen hatte. Viel schlimmer aber war, dass er die Hoffnung, dass Hilfe käme, auf gerade mal ein Prozent einschätzte. Fröstelnd starrte er an die Decke. Dann hörte er Schritte vor der Tür. Und Stimmen. Er wollte lauschen, was gesagt wurde, merkte aber, wie ihm der Kopf schon wieder schwer zur Seite sank.
Erst als er von irgendwoher einen leichten Zug verspürte, wurde ihm klar, dass er einen kurzen Moment lang eingeschlafen sein musste. Inzwischen hatte jemand die Tür geöffnet. Eine Gestalt stand vor seiner Pritsche und blickte auf ihn hinab. Zu gerne hätte Zander gesehen, wie die Gestalt aussah, aber sein Blick war zu verschwommen.
„Nicken Sie, wenn Sie mich verstehen können“, hörte er eine Stimme.
Er nickte schwerfällig.
„Wenn wir Sie hätten umbringen wollen, dann wären Sie schon tot. Das wissen Sie, nicht wahr?“
Erneut nickte Zander. Es kostete ihn unglaublich viel Kraft.
„Wir haben allerdings etwas anderes …“
Die verschwommene Gestalt redete weiter, aber die Wörter verschmolzen miteinander, und als sie Zanders Ohren erreichten, hatten sie ihre Bedeutung bereits verloren.
Dann registrierte er, dass er wieder alleine war. Die Gestalt war gegangen. Wann? Er hatte es nicht mitgekriegt.
Er war wieder alleine. Und jetzt, zum ersten Mal in seinem Leben, empfand Zander tiefe Angst. Ein Prozent Hoffnung. Und dieses eine Prozent hatte einen Namen.
Bitte, Julia, flehte er im Stillen, beeil dich.
19:07 Uhr
„Hallo, Julia“, sagte Nikolas Augustin in der Tür. „Lange nicht mehr gesehen.“ Zwar sah er immer noch gut aus, aber es ging ihm nicht gut, das war ihm deutlich anzusehen. Er wirkte übermüdet, sein kurzes dunkles Haar war zerzaust, sein Hemd zerknittert. Er hatte immer etwas von einem männlichen Unterwäschemodel gehabt, davon war jetzt nicht viel zu sehen. Sein Blick schweifte zu Eva. „Ist das deine Freundin?“
„Ja“, sagte Julia.
Er reichte Eva die Hand. „Nikolas. Julia und ich waren bei der Kripo hier in Mainz in einem Team. Also, Zander, sie und ich.“ Er ließ die Hand wieder los und trat zur Seite. „Kommt rein.“
Sie betraten eine kleine, aber gemütliche Küche und setzten sich an einen Holztisch.
„Du warst im Schwarzwald“, sagte Augustin zu Julia.
Erstaunt sah sie ihn an. „Woher weißt du das?“
„Zander gab mir die Anweisung, dein Handy orten zu lassen.“
„Wirklich? Wann?“
„Vor zwei Tagen.“
„Warum?“
„Weil er sich Sorgen um dich gemacht hat.“ Augustin lehnte sich etwas zurück. „Daher wussten wir, wo du bist. Wir wussten nur nicht, warum du dort warst. Verrätst du es mir?“
Julia schüttelte den Kopf. „Je weniger du weißt, desto besser.“
Einen Moment lang sahen sie einander in die Augen, dann fügte sie hinzu: „Und jetzt sag mir bitte, was hier in Mainz geschehen ist. Zander ist spurlos verschwunden, das weiß ich, mehr aber auch nicht. Was habt ihr inzwischen herausgefunden? Was sagen seine Nachbarn? Hat irgendjemand etwas gesehen?“
„Autos“, antwortete Augustin. „Zwei Personen haben einen roten Wagen in Richtung Autobahn fahren sehen. Eine andere Person sah ein Taxi in dieselbe Richtung fahren. Was allerdings nicht weiter verwunderlich ist, immerhin befindet sich Zanders Wohnung nicht weit von der Autobahnauffahrt entfernt.“
„Sonst nichts?“
„Nein. Alle Proben aus seiner Wohnung sind schon im Labor, und die Handyortung hat leider nichts ergeben. Kein gewaltsames Eindringen in seine Wohnung. Er scheint seinen Entführer ins Haus gelassen zu haben.“
„Oder dieser hat sich geschickt Zutritt verschafft.“
„Oder das.“
Julia schwieg einen Moment, dann sagte sie: „Woran habt ihr zuletzt gearbeitet?“
„Du weißt, dass ich dir darüber keine Auskunft geben darf. Was ich dir bis jetzt gesagt habe, ist schon viel zu viel. Du bist nicht mehr bei der Polizei, Julia, und somit überhaupt nicht befugt. Und ich bin es genauso wenig.“
„Ich werde euch nicht in die Quere kommen, Nikolas, aber du weißt selbst, dass ihr jede Hilfe gebrauchen könnt. Und Ermitteln ist nun mal das, was ich am besten kann.“
„Wir können auch ermitteln, denn das ist unser Job.“
„Entschuldigung, könnte ich vielleicht eine Tasse Tee haben?“, schaltete Eva sich ein.
„Natürlich. Tut mir leid.“ Augustin stand auf und goss heißes Wasser in eine Tasse. „Du auch, Julia?“
„Nein, danke.“
Er hängte einen Teebeutel in die Tasse und reichte sie an Eva weiter. Dann setzte er sich wieder an den Tisch und sah Julia an. „Ich kann das wirklich nicht machen.“
„Ich kann es mir doch wenigstens anhören“, sagte sie. „Das kann ja wohl nicht schaden.“
Daraufhin setzte Schweigen ein.
Julia wartete darauf, dass Augustin etwas sagte, und als zu lange nichts von ihm kam, erklärte sie eindringlich: „Wir dürfen jetzt keinen Fehler machen, keiner von uns.“
Er sagte immer noch nichts, und sie wartete wieder ab. Als ob sie vollkommen ruhig wäre, was nicht der Fall war. Sie wusste, dass die Chancen, etwas herauszufinden, was niemand vor ihr entdeckt hatte, gering waren, aber sie wollte es dennoch versuchen.
Schließlich sagte Augustin: „Okay. Was willst du wissen?“
„Alles.“
Noch einmal vergingen Sekunden. Dann erhob er sich, verließ die Küche und kam wenig später mit einem Stapel Papieren zurück. Er legte sie auf den Tisch und schob sie ihr zu. „Das ist der Fall, an dem wir gearbeitet haben, als Zander verschwand.“
Julia griff nach den Papieren und sah sie durch. Es waren Kopien der gesammelten Informationen und Dokumente, bis hin zu den Ergebnissen der Spurensicherung und den Protokollen der Verhöre. „Ich hab es mit nach Hause genommen, weil ich dachte … ja, weil ich dachte, vielleicht finde ich ja doch noch einen Hinweis, den wir bisher übersehen haben.“
„Fass es für mich zusammen“, bat sie.
„Es ging um Entführung und schwere Vergewaltigung sowie Folter von mehreren Frauen.“ Augustin schob ihr ein Foto zu. „Das hier war Nathalia Snietka, sie hat uns auf die Spur gebracht.“
„Warum sagst du ‚war‘? Was ist passiert?“
„Sie hat sich inzwischen umgebracht.“
Julia senkte den Blick auf das Foto. Die junge Frau musste wunderschön gewesen sein. Die hellen, leicht gewellten langen Haare fielen ihr sanft auf die Schultern. Aber sie waren auch blutverklebt. Die Augenfarbe war nicht zu erkennen, weil die Augen blau verfärbt und angeschwollen waren.
„Sie war erst zwanzig Jahre alt“, fuhr Augustin fort. „Ukrainerin. Sie wurde entführt und über mehrere Monate festgehalten. Während der Zeit ist sie mehrfach vergewaltigt und gefoltert worden. In diesem Keller.“ Er schob Julia das nächste Foto hin. Es zeigte einen lichtlosen Raum, kaum größer als ein fensterloser Öltank. An der Eisentür ein Riegel, an der Decke eine nackte Glühbirne, im hinteren Bereich war ein Eisenbett mit einer Matratze zu erkennen. An der Wand über dem Bett hingen Haken, an denen man Fesseln anbringen konnte.
„Vor drei Tagen gelang Nathalia die Flucht“, fügte Augustin hinzu. „Es ist uns gelungen, den Keller ausfindig zu machen, aber leider haben wir dort nichts gefunden. Keine Spuren, gar nichts.“
„Also ist er gründlich gereinigt worden, bevor ihr kamt“, stellte Julia fest.
„Ja. Aber wir wissen dennoch, dass in diesem Keller insgesamt fünf Frauen festgehalten wurden.“
„Fünf?“, entfuhr es Eva, die sich bisher zurückgehalten hatte.
Augustin nickte. „Wir fanden fünf Verschläge, und Nathalia sagte aus, dass dort noch weitere Frauen festgehalten worden sind. Sie konnte sie nicht sehen, aber hören.“ Er lehnte sich etwas zurück. „Wir nehmen an, dass sie alle über das Internet nach Deutschland gelockt wurden. Immer mit derselben Masche. Eine Datingseite hat heiratswillige osteuropäische Frauen mit allen möglichen Versprechen geködert. Kaum waren sie dann hier gelandet, wurden sie entführt und in dem Keller als Sexsklavinnen gehalten, deren Dienste an fremde Männer verkauft wurden.“
„Ein Netzwerk?“, fragte Julia.
„Wir gehen davon aus.“
„Was soll das heißen?“, fragte Eva dazwischen. „Dass es noch mehr solcher Keller gibt?“
„Ja“, antwortete Augustin in ihre Richtung.
„Das heißt, es gibt einen Markt für … so etwas?“
„Es gibt genügend Männer, die dafür bezahlen, ja.“
„Mein Gott.“ Eva wurde ganz bleich. „Wie pervers ist das denn?“
„Wie pervers das Ganze wirklich ist, könnt ihr euch noch gar nicht vorstellen.“ Augustin schüttelte den Kopf. „Zander gelangte während der Ermittlungen an einen Film aus dem Internet, auf dem die ganze Perversität in vollem Umfang zu sehen ist. Aber ich würde euch nicht empfehlen, ihn euch anzusehen. Das ist mehr als kranke Scheiße.“
„Ich will ihn sehen“, sagte Julia und sah zu Eva. „Du kannst so lange rausgehen, wenn du möchtest.“
Eva schüttelte den Kopf. „Ich bleibe hier.“
„Wirklich, denkt noch einmal darüber nach“, warnte Augustin.
„Ich will ihn sehen“, beharrte Julia.
„Ich auch“, sagte Eva, wenn auch weit weniger überzeugt.
Augustin seufzte leise auf und holte seinen Laptop. Er schob eine DVD hinein und drückte auf Start.
Und bereits zwei Sekunden später wurde die Küche, in der sie saßen, winzig und luftlos.
Auf dem Bildschirm war eine nackte Frau auf einem schmalen Eisenbett zu sehen. Sie lag auf dem Rücken, ihre Hände waren mit Lederriemen an das Kopfteil gefesselt. Ihr Gesicht war nass vor Tränen, und ihr Mund stand weit offen. Man hörte keinen Schrei, denn die Aufnahme war ohne Ton, aber man sah, wie ihr Körper zuckte und wie sie versuchte, sich loszureißen. Ihre Halsmuskeln waren angespannt, jeder einzelne Knochen trat hervor.
Ein Mann trat ins Bild. Er trug nur ein dunkles T-Shirt, keine Hose. Er vergewaltigte sie, wobei er die Hände um ihren Hals legte.
Dann kam noch ein Mann. Und noch einer.
„Oh mein Gott!“, entfuhr es Eva, die jetzt überhaupt keine Farbe mehr im Gesicht zu haben schien. „Die haben eine Vergewaltigung gefilmt und ins Netz gestellt?“
Augustin nickte. „Es scheint ebenso unglaublich wie alles andere, aber auch hier gibt es Männer, die für einen solchen Film sehr viel Geld bezahlen.“
Julia deutete auf den Bildschirm. „Seid ihr an diesen Männern dran?“, wollte sie wissen.
„Ja, aber es gestaltet sich schwierig, weil die natürlich alle nicht ihre richtigen Namen hinterlassen, wenn sie sich im Netz bewegen. Aber wir arbeiten mit sehr guten IT-Experten zusammen. Wir kriegen sie – früher oder später.“
„Ich muss an die Luft“, sagte Eva und verließ den Raum.
Julia sah ihr kurz hinterher, dann deutete sie noch einmal auf den Bildschirm. „Ist das Nathalia?“
Augustin nickte.
„Du hast gesagt, ihr sei die Flucht aus diesem Keller gelungen …“
„Richtig. Ein Autofahrer fand sie völlig am Ende am Straßenrand. Er brachte sie sofort in ein Krankenhaus.“
„Dann ist sie dort doch untersucht worden. Habt ihr nichts gefunden? Keine Spuren? DNA? Kein Sperma am Körper?“
„Nein.“ Augustin deutete ebenfalls auf den Bildschirm. „Wie du siehst, tragen die Männer Kondome. Die sind nicht blöd.“
Julia atmete tief durch und lehnte sich zurück. „Wie ist Zander an den Film gekommen?“
„Das kann ich dir leider nicht sagen. Er hat kein Wort darüber verloren, wo er ihn herhatte.“ Augustin stoppte den Film, und der Bildschirm wurde schwarz.
„Wie seid ihr dann weiter vorgegangen?“, wollte Julia wissen.
„Nun ja, keine zwölf Stunden nach Nathalias Flucht fanden wir eine männliche Leiche. Der Name des Mannes war Matthias Bartholomäus, und uns war ziemlich schnell klar, dass er einer ihrer Entführer war.“
„Wie kamt ihr darauf?“
„Der Keller in seinem Haus.“ Augustin deutete noch einmal auf das Foto, das den Keller zeigte. „Das war dieser. Hier wurde Nathalia festgehalten.“
Julia dachte einen Moment nach. „Das heißt, er wurde umgebracht, nachdem ihr die Flucht gelungen war.“
„Ja. Offenbar rechnete man damit, dass wir früher oder später dort auftauchen und ihn zum Sprechen bringen würden. Also hat man ihn vorher umgebracht. Und er blieb nicht unsere einzige Leiche. Kurz darauf fanden wir einen weiteren Ermordeten. Sein Name war Lars Dexter. Wir nehmen an, dass er der zweite Entführer war. Beiden Männern wurde das Genick gebrochen. Sehr schnell. Sehr professionell. Sehr außergewöhnlich. Es gibt nicht viele Menschen, die auf diese Art und Weise töten, es musste sich also um ein und denselben Täter handeln.“
„Und habt ihr auch einen Verdächtigen?“
„Ja.“
Julia sah auf. „Wen?“
Augustin schob ein Phantombild zu ihr hin. „Sein Name ist Sten Kjaer.“
In dem Moment, in dem er den Namen aussprach, spürte Julia, wie alles aus ihr entwich. Wirklich alles. Die Luft. Der Gleichgewichtssinn. Alles.
Die Welt blieb für einen kurzen Moment stehen. Ein erstarrtes Bild, in dem sich nichts mehr bewegte.
Finde Sten Kjaer. Eric Cirpkas letzte Worte im Schwarzwald.
Eva kam in die Küche zurück und setzte sich wieder zu ihnen an den Tisch. „Wer ist das?“, wollte sie wissen und deutete auf das Phantombild.
Julias Blick ruhte auf dem kalkweißen Gesicht, den irgendwie durchsichtigen Augen. „Das ist Sten Kjaer“, sagte sie.
„Wirklich? Das ist Kjaer?“ Eva sah etwas genauer hin. „Warum sieht er so merkwürdig aus, so … farblos?“
„Er ist ein Albino“, sagte Augustin.
„Dann sollte man doch meinen, dass es ein Leichtes wäre, ihn zu finden, oder nicht?“, wandte Eva sich an ihn.
„Ja, sollte man. Aber so einfach ist es leider nicht.“ Augustin atmete tief durch. „Wir gehen davon aus, dass der Mann ein Berufskiller ist. Er hat gute Kontakte, bei denen er unterschlüpfen kann. Und er ist nie lange an einem Ort.“
In Julias Kopf drehte sich immer noch alles. Sie riss sich zusammen und hob den Blick. „Sten Kjaer. Der Name klingt skandinavisch, oder?“
„Er ist Norweger. Bevor Zander verschwand, hat er sich mit einem Kommissar in Bergen in Verbindung gesetzt. Der Mann ist inzwischen in Rente, hat sich allerdings in den letzten Jahren sehr intensiv mit Kjaer beschäftigt. Er erzählte, dass der Mann auf der schwarzen Liste der norwegischen Polizei steht, also sozusagen zu deren most wantedpeople gehört. Die sind dort seit geschlagenen fünfzehn Jahren hinter ihm her, da ist er zum ersten Mal bei ihnen auf dem Radar aufgetaucht. Im Laufe dieser Zeit ist es ihm gelungen, vier Polizisten zu liquidieren. Das heißt, für die ist Kjaer längst zu einer persönlichen Angelegenheit geworden. Es wurde sogar eine Sondereinheit gegründet. Die haben sieben Tage die Woche rund um die Uhr damit verbracht, den Mann zu kriegen. Und es trotzdem nicht geschafft.“
„Und jetzt ist er in Deutschland“, sagte Julia.
„So sieht es aus, ja. Die Art der Morde würde auf jeden Fall zu ihm passen. Genickbruch. Es ist anzunehmen, dass er auch anders tötet, aber diese Art scheint er besonders gut zu beherrschen.“
Julia wollte etwas sagen, doch Augustin war noch nicht am Ende. „Allerdings ist Kjaer kein Entführer und auch kein Vergewaltiger, das sollte man nicht durcheinanderbringen. Er ist … einfach nur ein Killer.“
Was immer Julia eben noch hatte sagen wollen, sie sagte es nicht. Stattdessen blickte sie wieder auf das Phantombild. Sie war sich sicher, noch nie einem Menschen wie Sten Kjaer begegnet zu sein. Das waren wohl die wenigsten Menschen. Und die wenigsten von denen, die ihm tatsächlich begegnet waren, hatten es überlebt.
„Okay“, sagte sie nach ein paar Sekunden. „Fassen wir das mal zusammen: Zwei Männer entführen mehrere Frauen und sperren sie in einen Keller, wo sie von fremden Männern, die dafür bezahlen, vergewaltigt und gefoltert werden. Einer der Frauen gelingt die Flucht, und kurz darauf sind die beiden Entführer tot. Umgebracht von einem Mörder, der mit den Entführungen und Vergewaltigungen selbst nichts zu tun hatte. Er ist nur unterwegs zum Töten.“
„Ja.“
„Das heißt, dass er einen Auftrag hatte.“
„Ja.“
„Was wiederum heißt, es gab einen Auftraggeber.“ Julia deutete auf den dunklen Bildschirm. „Es bedarf einer Organisation, um solch ein ekelhaftes Geschäftsmodell ins Leben zu rufen. Leute, die die Fäden ziehen und hinter den Kulissen abkassieren.“
Augustin nickte. „Wir haben es ganz sicher mit einer Organisation zu tun, und ich kann dir sagen, es ist verdammt schwer, an die heranzukommen, weil die in einem System arbeiten, bei dem das Wissen aus tausend Quellen in eine Richtung fließt – und zwar durch ein Nervensystem, das immer dünner wird, je näher es der Spitze kommt. Wer gefährlich wird, der wird ausgelöscht, ganz einfach. So verhindern sie Infektionen, Störungen im System. Anders ist nicht zu erklären, warum wir bisher nichts, aber auch wirklich gar nichts von ihnen gewusst haben.“
„Aber jetzt wisst ihr von ihnen. Und wisst ihr auch, um welche Organisation es sich dabei handelt?“ Julia kannte die Antwort, noch bevor Augustin sie aussprach: „Sie nennen sich offenbar die Kraniche.“
Und so fügten sich die Dinge eins nach dem anderen zusammen. Eric Cirpka, Sten Kjaer, die Kraniche. Ein Puzzle, das Stück für Stück mehr ein Bild ergab und doch immer noch zu viele Lücken enthielt.
Julia atmete tief durch. „Wie seid ihr auf diese Organisation gekommen?“
„Genau genommen war es reiner Zufall“, sagte Augustin. „Während unserer Ermittlungen tauchte ein Mann auf dem Präsidium auf, sein Name war Edi Kern. Er behauptete steif und fest, er hätte Dexter und Bartholomäus umgebracht, und wollte unbedingt verhaftet werden. Zander und unser Kollege Dettloff haben die Vernehmung geführt. Es war allen von vornherein klar, dass Edi Kern kein Mörder war, aber hatte furchtbare Angst. Er war auf der Flucht. Vor den Kranichen. Behauptete er.“
„Gibt es ein Protokoll von dem Verhör?“, wollte Julia wissen.
Augustin nickte, suchte in den Papieren und schob es schließlich zu ihr hin.
Sie rieb sich über die Augen und las …
Edi Kern: „Ich war es. Ich hab die beiden Typen umgebracht. Und jetzt will ich verhaftet werden.“
Zander: „Warum haben Sie Bartholomäus und Dexter umgebracht?“
Edi Kern: „Ich wollte es ja gar nicht. Ich kannte sie ja überhaupt nicht.“
Zander: „Warum haben Sie es dann getan?“
Edi Kern: „Die Stimmen haben es mir befohlen.“
Zander: „Was für Stimmen?“
Edi Kern: „Stimmen eben. In meinem Kopf. Und jetzt will ich, dass Sie mich einsperren. Werden Sie das tun?“
Zander: „Sie mögen ja vielleicht andere Talente haben, Edi, aber es wäre wirklich verrückt, zu glauben, Sie könnten diese beiden Morde begangen haben. Erzählen Sie uns eine andere Geschichte, möglichst eine wahre, oder wir beenden die Vernehmung an dieser Stelle.“
Edi Kern: „Ich war es aber. Ihr habt mein astreines Geständnis, Leute.“
Noch einmal rieb Julia sich über die Augen und las dann weiter …
Edi Kern: „Jetzt passt mal auf! Ich brauch einen Platz, wo ich sicher bin, okay? Die wollen mich nämlich killen! Ich weiß es! Die wollen mich umlegen! Letzte Nacht war einer vor meinem Fenster. Zuerst war’s nur ein Vogel. Der war fürchterlich laut. Auf jeden Fall laut genug, um nicht schlafen zu können. Also bin ich hingegangen und hab überlegt, ob ich was nach dem Vieh werfen soll. Einen Schuh oder so. Bin ganz gut im Werfen, hätt ihn bestimmt getroffen. Ich steh da also am Fenster, den Schuh in der Hand, und da seh ich plötzlich was ganz anderes als den Vogel.“
Zander: „Was haben Sie denn gesehen?“
Edi Kern: „Einen ganz üblen Typen, der in mein Schlafzimmer geguckt hat. Ich sag euch, ich bin so erschrocken, bin direkt ohnmächtig geworden. Mannomann!“
Dettloff: „Warum sollte denn jemand in Ihr Schlafzimmer gucken, Edi? So hübsch sind Sie nun auch wieder nicht.“
Edi Kern: „Wollen Sie mich grad verarschen? Ich sagte doch eben, die wollen mich killen.“
Zander: „Wer?“
Dettloff: „Und warum?“
Edi Kern: „Ich hab versucht, die zu bescheißen, okay? Das sollte man nicht machen. Das verzeihen die einem nämlich nicht.“
Zander: „Wen haben Sie versucht zu betrügen, Edi?“
Edi Kern: „Schon mal was von den Kranichen gehört?“
Zander: „Erzählen Sie davon.“
Edi Kern: „Die sind der schwarze Rauch des Satans. Seelenräuber, jawohl. Die glauben, sie stehen über den anderen Menschen und erst recht über den Gesetzen. Und das Schlimme ist, dass es auch tatsächlich so ist. Niemand weiß, wer die sind, aber alle wissen, dass es sie gibt. Und wenn man sich mit denen anlegt, dann kann man sich auch gleich selbst aufhängen. Und wenn ich jetzt hier wieder rausgeh, dann schweb ich in Lebensgefahr.“
Julia sah auf. „Ihr habt ihn trotzdem wieder gehen lassen?“
„Was hätten wir tun sollen?“ Augustin hob abwehrend die Hände. „Der Mann hatte Angst, okay, aber er war nicht der Mörder von Bartholomäus und auch nicht der von Lars Dexter. Mit welcher Begründung hätten wir ihn verhaften sollen?“
Julia nickte, senkte den Blick und las weiter.
Dettloff: „Was haben Sie mit diesen Menschen zu tun?“
Edi Kern: „Hab ein paar Jobs für einen Kumpel gemacht. Kleine Sachen. Drogen vertickt und so. Wusst ja nicht, dass der Kumpel einer von denen ist.“
Dettloff: „Ein Kranich?“
Edi Kern: „Ja.“
Dettloff: „Sie selbst sind also kein Kranich?“
Edi Kern: „Meine Fresse, nein! Ich hab nur ein paar kleine Sachen für den gemacht und ein bisschen in meine eigene Tasche gewirtschaftet.“
Dettloff: „Sie meinen, Sie haben Ihren Kumpel über den Tisch gezogen.“
Edi Kern: „Jepp. Hätt ich nicht machen sollen. Scheißidee. Jetzt hab ich sie am Hals.“
Zander: „Hat Ihr Kumpel Ihnen erzählt, dass er diesen Kranichen angehört?“
Edi Kern: „Das hat er ganz bestimmt nicht getan.“
Zander: „Woher wissen Sie dann davon?“
Edi Kern: „Mann, ich hab vielleicht keinen Doktortitel, aber ich kann hören, okay? Ich hab Ohren. Das ist ’ne ganz üble Truppe. Die sind das Böse, sag ich euch. Die haben in allem ihre Finger.“
Zander: „Prostitution?“
Edi Kern: „Auch. Aber nicht nur. Die haben eine Menge Knete und ganz schön viel Macht. Aber in Wahrheit haben die ein ganz anderes Ziel.“
Zander: „Was für ein Ziel?“
Edi Kern: „Die wollen das Gute von innen heraus zerstören. Dann können sie nämlich über die ganze Welt herrschen. So ist das. Jawohl.“
Zander: „Wenn es diese Kraniche tatsächlich gibt, warum wissen wir – die Polizei – dann nichts von ihnen?“
Edi Kern: „Weil ihr Tomaten auf den Augen habt, deswegen. Weil ihr nur seht, was ihr sehen wollt. Und weil die ihre Leute auch in eurem Laden haben. So sieht’s aus.“
Augustin sagte: „Man mag kaum unterscheiden, was von dem ganzen Gerede Wahrheit und was erfunden ist.“
Julia sah auf und schüttelte langsam den Kopf. „Diese Kraniche existieren, daran gibt es keinen Zweifel, aber ich gebe dir insofern recht, als dass sie nicht aus der Hölle emporgestiegen sind, wie Edi Kern es glaubt. Es sind Mörder. Killer. Schlechte Menschen – aber es sind Menschen. Allerdings ist es ausgesprochen clever, solch einen Mythos zu streuen.“
Als Augustin fragend eine Augenbraue hob, fügte sie hinzu: „Mit Tod und Teufel und Hölle kann man den Menschen Angst einjagen. Man kann sie einschüchtern und leichter manipulieren. Und das ist genau das, was diese Kraniche tun.“
Augustin seufzte: „Wie auch immer. Das war es. Mehr haben wir nicht. Wir wissen nicht mehr über diese Vögel, als dass es sie gibt. Wir gehen zwar davon aus, dass Sten Kjaer als Killer für sie arbeitet, aber wir haben keine Ahnung, wo er jetzt gerade steckt. Wir wissen und wir haben nichts.“
Julia schwieg einen Moment nachdenklich. „Ihr seid den Kranichen auf die Spur gekommen“, sagte sie dann. „Und Zander war vermutlich näher an ihnen dran als alle anderen. Ich kann es nicht beweisen, aber ich habe das sichere Gefühl, dass er genau deswegen verschwunden ist. Das bedeutet, der Faden muss von hier an weitergesponnen werden.“ Sie hob den Kopf und sah Augustin an. „Danke.“
Plötzlich hatte sie es sehr eilig.
„Was hast du vor?“, fragte er, als sie sich erhob.
„Ich werde versuchen, noch einmal mit diesem Edi Kern zu reden. Hast du eine Adresse?“
„Willst du einfach mal vorbeigehen und ihn ins Kreuzverhör nehmen? Dazu hast du keine Befugnis, Julia. Du bist nicht mehr bei der Polizei.“
„Mag sein, aber mir bleibt keine Zeit für Feinheiten. Ich will ihm auch nur ein paar Fragen stellen, mehr nicht. Oder habt ihr inzwischen noch einmal mit Edi Kern gesprochen?“
„Nein.“
„Das dachte ich mir. Und warum nicht?“
„Wir hielten es für … nicht wichtig genug.“
„Siehst du, und weil ich das anders sehe, übernehme ich das jetzt.“
Augustins Blick war ebenso ernst wie Julias. „Ich halte das für keine gute Idee.“
„Das musst du auch nicht. Du musst mir nur vertrauen und mit niemandem darüber sprechen, dass wir uns heute Abend getroffen haben. Mit niemandem. Ich war nicht hier. Okay?“
Er fixierte sie weiter. „Natürlich. Wie kann ich dich erreichen?“
Julia kritzelte ihre Handynummer auf einen Zettel. „Und die darf auch niemandem sonst unter die Augen kommen, ja?“
„Ja.“
„Edi Kerns Adresse?“
„Sie ist hier irgendwo.“ Augustin machte sich daran, in den Papieren zu suchen. Dann griff er ebenfalls nach einem Zettel, notierte die Adresse darauf und reichte ihn Julia. „Du hältst mich auf dem Laufenden, okay?“
„Ja.“
„Wirklich.“
Julia seufzte leise. „Du musst mir vertrauen, Nikolas.“
Kurz darauf hatten sie das Haus verlassen.
2. KAPITEL
So empfängst du mich …
Hannover
Ungefähr zur selben Zeit kam Susanne Grimm mit zwei Stunden Verspätung wieder in Deutschland an – ebenfalls vollkommen ahnungslos, wohin diese Geschichte sie noch führen würde.
Sie fand eine schneegepeitschte Stadt vor, die völlig konturenlos schien. Die Menschen in der Flughafenhalle drückten und schoben und stießen mit ihren Koffern um sich. Aus den Lautsprechern erklang Jingle Bells. Bunte Lichter, die überall von den Decken hingen, kündigten Weihnachten an, das Fest der Liebe.
Nach fünf Monaten in der Einsamkeit Norwegens war die überwältigende Menschenfülle ein Angriff auf jeden einzelnen von Susannes Sinnen. Sie war überhaupt nicht mehr an die beklemmende Dichte von Geräuschen, Gerüchen und Gesichtern gewöhnt, und einen Moment lang wünschte sie sich zurück und dachte an das letzte Telefonat mit Jo und Edda, kurz vor ihrem Abflug nach Deutschland.
„Du brauchst mich wirklich nicht alle zehn Minuten anzurufen, Jo“, hatte sie gesagt. „Du hast doch bestimmt Wichtigeres zu tun.“
Aber Jo hatte nichts Wichtigeres zu tun. „Hast du dir das auch wirklich gut überlegt?“, fragte er sie noch einmal.
„Wir haben jetzt wirklich oft genug darüber gesprochen.“
„Hast du auch genügend Geld?“
„Du warst doch dabei, als die fünfzigtausend Euro vom Konto meines Vaters auf mein Konto gebucht wurden.“
„Illegal.“
„Ich konnte ihn leider nicht fragen.“
„Und er kann es ja nun wirklich verkraften“, erklang Eddas Stimme aus dem Hintergrund.
„Jo“, sagte Susanne, „du machst dir zu viele Gedanken. Wirklich. Warum setzt du dich nicht auf die Couch, legst die Beine hoch und entspannst dich ein bisschen?“
„Du wirst mich nicht dazu zwingen können, mich zu entspannen, solange ich nicht weiß, wohin das führt, was du da vorhast.“
„Ich danke dir für alles, was du in den letzten Tagen für mich getan hast. Danke auch dir, Edda. Ihr seid zu meinen zwei besten Freunden geworden.“
„In Zeiten der Freude wie der Not, so sagt man doch, nicht wahr?“ Das war wieder Eddas Stimme aus dem Hintergrund.
„Ja“, sagte Susanne. „In der Freude wie in der Not.“
Dann hatten sie sich verabschiedet. Sie war in den Flieger gestiegen, und nun war sie hier. Und erst jetzt bemerkte sie, wie nervös sie tatsächlich war. Tief atmete sie durch, zwang sich zur Ruhe.
Niemand starrt mich an. Niemand erkennt mich.
Aber konnte sie da wirklich sicher sein?
Unauffällig suchte Susanne mit den Augen die Ankunftshalle ab.
Mit allem hätte sie gerechnet, aber nicht damit, von einer derartigen Angst übermannt zu werden. Nicht damit, derart zu schwitzen. Denn eigentlich kannte sie sich inzwischen mit Angst aus. Schließlich lebte sie seit Monaten permanent mit der Angst, und da sie auf der Flucht vor der Polizei war, war das wohl auch kein Wunder. Ihr Foto hing vermutlich in allen Polizeistationen der Stadt. Vielleicht sogar im ganzen Land. Und ganz bestimmt auch hier.
Susanne zwang sich, nicht weiter darüber nachzudenken, doch merkwürdigerweise schien es so, als sei die Fähigkeit, an nichts zu denken, in diesem Moment ganz besonders schwierig zu meistern. Während sie sich in Richtung Ausgang bewegte, überschlugen sich die Gedanken förmlich in ihrem Kopf. Sie hatte in ihrem Leben einige Bücher gelesen, in denen die Hauptfigur ständig auf der Flucht war. Der Flüchtige war seinen Verfolgern immer einen Schritt und einen Gedanken voraus, und für sie als Leserin war das stets recht unterhaltsam gewesen. Inzwischen konnte sie aus Erfahrung sagen, dass es in Wahrheit alles andere als lustig war. Sie steckte ihre Hand in die Manteltasche und überzeugte sich davon, dass ihre neuen Papiere noch da waren. Claudia Müller, das war der Name, den Edda für sie ausgesucht hatte. Hervorragend gefälschte Papiere. Dazu die neue Frisur, ein Pagenkopf, die neue hellbraune Haarfarbe, hellrotes Rouge und Kleidung, die so teuer und elegant war, dass sie sie vor ein paar Monaten nicht einmal angesehen hätte. Nein, kein Mensch von früher hätte Susanne, die Punkerin, sofort wiedererkannt.
Großartige Edda, dachte Susanne, wunderbare, großartige Edda. Dann sah sie auf und … erstarrte.
Ein paar Meter von ihr entfernt stand ein Polizeibeamter, der sie aufmerksam musterte. Zu aufmerksam.
Vermutlich hatte sie sich zu schnell in Richtung Ausgang bewegt, vielleicht auch zu hektisch. Auf jeden Fall hatte sie seine Aufmerksamkeit erregt, und jetzt sahen sie sich direkt in die Augen.
Alles Blut sackte aus Susannes Kopf in die Füße. Sie zwang sich, ganz langsam weiterzugehen, während sie überlegte, was sie jetzt tun sollte. In die Toilette verschwinden? Sich in Bewegung setzen und rennen? Vermutlich keine gute Idee. Man würde sie zur Strecke bringen, noch ehe sie den Ausgang erreicht hatte.
Also ganz langsam weitergehen.
Der Beamte wandte sich jetzt mit dem ganzen Oberkörper in ihre Richtung, und sein Blick bohrte sich regelrecht in sie hinein.
Susanne grüßte ihn freundlich, aber er grüßte nicht zurück. Doch dann wandte er den Blick ab, und sie atmete erleichtert durch.
Jetzt hatte sie es fast geschafft.
Nur noch etwa zehn Meter.
Obwohl ihre Reisetasche so klein und leicht war, grub sich der Riemen tief in Susannes Schulter. Sie hatte nur wenig eingepackt, denn falls sie etwas benötigte, konnte sie es hier in Deutschland nachkaufen. Über der anderen Schulter baumelte lediglich ihre Handtasche.
Noch fünf Meter.
Gleich war sie draußen. Susanne war so sehr in Gedanken, dass sie den Mann, der seitlich auf sie zukam, gar nicht wahrnahm. Bis zu dem Moment, in dem sie mit ihm zusammenstieß.
Hatte sie ihn angerempelt oder er sie? Sie hätte es hinterher nicht mehr sagen können. Auf jeden Fall stolperten sie gegeneinander, und er sagte aufgeregt: „Entschuldigung, tut mir leid. Habe ich Ihnen wehgetan? Ist alles in Ordnung?“
Susanne wollte antworten, doch alles, was sie zustande brachte, war, ihn erschrocken anzustarren.
„Hallo?“, sagte er.
„Nein.“ Sie riss sich zusammen. „Es ist … alles in Ordnung.“
„Tut mir wirklich leid.“ Der Mann ging um sie herum und war kurz darauf mit seinem Rollkoffer in der Menge verschwunden.
Susanne sah ihm einen Augenblick hinterher, dann wandte sie sich wieder in Richtung automatische Tür.
Ein Schritt.
Noch ein Schritt.
Die Tür glitt vor ihr auf, und Dunkelheit kam dahinter zum Vorschein.
Jetzt wusste sie, dass sie es geschafft hatte.
Erleichtert trat Susanne hinaus und sog die eisige Luft ein. Dann sah sie sich um und blinzelte. Hannover, meine Stadt, so begrüßt du mich also, dachte sie. Mit Schnee und Kälte. Und als würde die Stadt ihr antworten, fegte ein steifer Wind ihr Schnee ins Gesicht, der sich anfühlte wie eine Mischung aus Eis und Sand. Schaudernd zog sie die Schultern hoch, drückte den Kragen ihres Mantels enger an den Hals und ließ den Blick erneut über das Areal streifen. Ein paar Taxifahrer saßen in ihren Wagen und ließen die Motoren laufen, um die Heizung anzutreiben.
Einen Fuß vorsichtig vor den anderen setzend, um nicht mit ihren teuren und wenig bequemen Schuhen auf dem Schnee auszurutschen, bewegte Susanne sich auf einen davon zu – und wäre dabei fast in ein Auto gelaufen. Eine Hupe dröhnte, und sie hob entschuldigend eine Hand.
Erst als sie im Fond einer der Taxen saß, spürte sie, wie sich etwas in ihr entspannte. Sie nannte dem Fahrer, einem alternden Hippie, die Adresse, zu der sie wollte. Er nickte, gab Gas, und der Wagen machte einen so schnellen Satz nach vorne, dass Susanne tief in den Sitz gedrückt wurde. „Meine Güte!“, entfuhr es ihr.
„Tut mir leid“, sagte der Hippie und konzentrierte sich auf die Straße. Die Heizung lief auf Hochtouren, es war brütend heiß im Wagen. „So ein Wetter hab ich schon lange nicht mehr erlebt“, sagte er. „Eigentlich habe ich so ein Wetter überhaupt noch nie erlebt. Das wirkt irgendwie bedrohlich, finden Sie nicht auch? Also, wer spätestens jetzt keinen warmen Unterschlupf hat, der krepiert, das steht fest.“
Susanne antwortete nicht darauf. Während sie aus dem Seitenfenster blickte, hatte sie das Gefühl, dass das Taxi nicht vorwärts, sondern rückwärts fuhr. Zurück in die Vergangenheit. Sie sah Restaurants und Fastfoodläden, hässliche Bürobauten inmitten riesiger Parkplätze. Tankstellen. Ein Einkaufszentrum. Noch ein Einkaufszentrum. Da bin ich wieder, dachte sie.
Zwanzig Minuten später verlangsamte der Hippie mit einem leichten Schlingern und brachte den Wagen schließlich zum Stehen. „Da sind wir.“ Schweißperlen standen ihm auf der Stirn, die Fahrt hatte höchste Konzentration von ihm gefordert.
Es schneite so sehr, dass Susanne keine Ahnung hatte, ob dies tatsächlich ihr gewünschtes Ziel war. Sie nahm es aber einfach mal an und bezahlte. Nachdem sie ausgestiegen war, stand sie im gelblichen Licht einer Straßenlampe inmitten von unzähligen Schneeflocken und hörte, wie ein Fremder mit lauter Stimme ein anderes Ziel nannte und in das Taxi einstieg. Gleich darauf war es im Schneegestöber verschwunden.
Willkommen daheim, dachte Susanne. Sie wandte sich um, und was sie dann sah, wirkte wie eine Vision aus einem amerikanischen Weihnachtsspielfilm. Das Hotel war ein weitläufiger Bau, dessen Mauern irgendwie von innen heraus zu leuchten schienen. Es war sehr elegant, manche Menschen hätten es dekadent genannt, sie selbst hätte das vor ein paar Monaten auch noch getan. Am Haupteingang waren zwei uniformierte Pagen damit beschäftigt, die wenigen Autos der Gäste zu parken und die zu empfangen, die mit einem Taxi kamen.
Unwillkürlich fiel Susanne ein Satz ein, den ihr Vater irgendwann einmal zu ihr gesagt hatte: „Die Menschen brauchen Klassensysteme.“ Und als sie hatte wissen wollen, warum, hatte er geantwortet: „Weil das Klassensystem den Menschen ein Ziel gibt. Einen Antrieb, der über Essen und Schlafen hinausgeht. Etwas, das sie dazu bringt, gewisse Leistungen zu vollbringen. Verstehst du das?“
Nein, Susanne hatte es nicht verstanden. Vielleicht hatte sie es auch nicht verstehen wollen. „Wenn ich einen dicken Mercedes fahre“, hatte sie geantwortet, „heißt das noch lange nicht, dass ich besser bin als jemand, der mit dem Fahrrad fährt.“
„Das mag sein“, hatte ihr Vater geantwortet. „Aber ein Mercedes ist ein wichtiges Symbol der Leistung, der Position. Ein Fahrrad ist das nicht.“
„Ein teures Auto, eine Villa, eine hübsche Frau, das sind die Symbole, nach denen du schon immer gestrebt hast, Vater, ich weiß. Aber ich werde das nie tun.“ Davon war Susanne absolut überzeugt gewesen.
„Doch, das wirst du.“ Ihr Vater klang nicht weniger überzeugt. „Und ich sage dir auch, warum: weil niemand gerne ein Verlierer ist. Weil niemand gerne mit Verlierern arbeitet und weil sich niemand gerne mit Verlierern umgibt.“
„Es mag sein, dass ich in deinen Augen ein Verlierer bin, Vater, aber ich wette, ich bin jeden einzelnen Tag glücklicher als du.“
Blinzelnd kam Susanne in die Gegenwart zurück. Alles in ihr sträubte sich dagegen, das Hotel zu betreten. Sie wollte sich nicht zu einem Klon ihres Vaters machen, aber sie wusste auch, dass man sie hier am allerwenigsten suchen würde.
„Hohoho!“
Sie fuhr herum und sah den Weihnachtsmann, der an ihr vorbeiging. Ein bärtiger Hüne mit einem Jutesack über der Schulter, der verdächtig nach Schnaps roch. Der Hüne, nicht der Sack.
„Frohe Weihnachten.“
„Frohe Weihnachten“, gab Susanne zurück.
„Die schönste Zeit des Jahres.“ Der Weihnachtsmann lächelte unter dem weißen Bart. „Das Fest der Liebe.“
„Wenn Sie das sagen.“ Sie sah ihm einen kurzen Moment lang hinterher, beobachtete, wie er durch die dichten Schneeflocken davonstapfte. Dann wandte sie sich wieder dem Hotel zu, gab sich einen Ruck, trat durch die verspiegelte Glastür und buchte wenig später am Empfang ein Zimmer.
Ihr Gepäck brachte sie selbst hinauf. Sie hatte ohnehin nicht vor, lange zu bleiben. Sie hatte heute Abend noch etwas vor.
Vorher jedoch schrieb sie noch eine kurze SMS an ihren Bruder: Hallo Jörg, bin wieder da. Treffen uns morgen früh. Komm vorbei. Dazu schickte sie ihm die Adresse des Hotels, ehe sie sich noch einmal auf den Weg machte.
3. KAPITEL
Ein merkwürdiges Paar
20:37 Uhr
Mainz
Die mächtige Betonburg, vor der Julia und Eva standen, war zwölf oder noch mehr Stockwerke hoch.
Julia begutachtete die zahlreichen Klingelschilder, die den schmutzigen, abblätternden Beton an der Eingangstür überwucherten. „108“, las sie auf einem davon und drückte auf den Knopf.
Als daraufhin nichts geschah, drückte sie nacheinander auf alle Knöpfe. Eine Frauenstimme meldete sich und sagte: „Ja?“
„Polizei“, sagte Julia.
Einen Moment lang geschah gar nichts, dann ertönte ein lautes Summen, sie drückte die Tür auf, und sie traten ein.
„Der sieht nicht sehr vertrauenswürdig aus“, bemerkte Eva und deutete auf den Fahrstuhl.
„Möchtest du bis in den sechsten Stock laufen?“, fragte Julia.
„Nein.“
Sie traten hinein und stellten fest, dass die Spiegel aus ihren Fassungen herausgebrochen waren. Die Metallverkleidung der Fahrstuhlkabine war mit leuchtend roter Schrift besprüht. Die Sprache war nicht zu identifizieren. Auf dem Fußboden allerdings stand deutlich zu lesen: Beate bläst dir einen.Wähle 0157 – 8894 … Die Nummer endete an der sich schließenden Tür, die restlichen Ziffern fand man offenbar auf einem anderen Stockwerk.
„Immerhin“, murmelte Eva. „Fehlerfrei geschrieben.“
Im sechsten Stock stiegen sie aus und stellten erleichtert fest, dass sich Edi Kerns Wohnung genau gegenüber dem Fahrstuhl befand.
Sie gingen auf die Tür zu, und obwohl sie nichts anderes erwartet hatte, veränderte ihr Anblick Julias Stimmung. Die Anspannung wich Ernüchterung. War das hier wirklich der richtige Ansatzpunkt? Was hoffte sie hier zu erfahren? Und was immer es war, würde es ihr helfen, Zander näher zu kommen?
Ihr Blick fiel auf die Klingel.
Irgendwo müssen wir schließlich anfangen.
Sie drückte auf den Knopf, und wieder öffnete niemand.
Sie klingelte noch einmal, nachdrücklicher, aber es schien tatsächlich niemand zu Hause zu sein. Wahrscheinlich hatte Edi Kern längst die Flucht ergriffen. Denkbar war allerdings auch, dass ihm etwas zugestoßen war. Dass die Menschen, vor denen er solche Angst hatte, ihn zum Schweigen gebracht hatten. Die Kraniche.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Eva.
„Noch nicht aufgeben.“ Julia ging zur Nachbartür und drückte dort auf den Klingelknopf. Die Tür wurde fast sofort geöffnet, und eine junge Frau irgendwo in den Zwanzigern, mit einem eng anliegenden T-Shirt und einer bunten Leggins, schaute sie fragend an. „Ja?“
„Entschuldigen Sie“, sagte Julia. „Wir sind auf der Suche nach Edi Kern.“
Die Antwort kam etwas versetzt: „Oh, den habe ich schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen.“
„Erinnern Sie sich, wann Sie ihn das letzte Mal gesehen haben?“
„Wer ist das?“, schrie eine Stimme aus dem Inneren der Wohnung.
„Eine Frau!“, schrie das Mädchen zurück. Dann wieder an Julia gewandt: „Vor zwei Tagen, glaube ich.“
„Glauben Sie oder wissen Sie?“
Die junge Frau zögerte. „Ja, ich bin mir sicher. Vor zwei Tagen. Abends, so gegen sechs. Ich kam gerade nach Hause, und er kam aus seiner Wohnung.“
„Können Sie sich noch daran erinnern, in welcher Verfassung er war?“
„Na ja, ein bisschen aufgeregt war er, glaube ich. Aber das war er ja meistens.“
„Wer sucht nach Edi Kern?“, kam es wieder von drinnen. „Ist das die Polizei?“
„Hör auf zu schreien, Oma! Wir hören dich sehr gut!“
„Was?“
„Wir hören dich sehr gut!“
„Dann sag doch, was die von Edi Kern wollen? Wird er jetzt endlich verhaftet, dieser notorische Kriminelle?“
„Ich erklär es dir später!“
„Was?“
„Ich sagte, später!“
„Ich will es aber jetzt wissen!“ Eine alte Frau kam an die Tür. Eine Hand auf einen Stock gestützt, sah sie Julia fragend an. „Oder kommen Sie wegen der Miete? Er soll ja ständig damit im Rückstand sein.“
„Oma!“
„Arbeitet nix und …“
„Oma!“ Die junge Frau machte eine knappe Handbewegung in Richtung Julia. „Hören Sie nicht auf sie.“ Dann schob sie die Alte zurück in die Wohnung, vermutlich ins Wohnzimmer, und schloss die Tür. Eine Minute später kam sie mit einem entschuldigenden Lächeln zurück. „Meine Oma meint es nicht so. Edi ist ein netter Kerl. Eine harmlosere Type als ihn kann man sich kaum vorstellen – vorausgesetzt, man behält das Silberbesteck im Auge. Haben Sie nebenan geklingelt?“
„Ja.“
„Und es hat niemand aufgemacht?“
„Nein.“
„Dann versuchen Sie es noch einmal. Seine Schwester muss da sein.“
„Er hat eine Schwester?“
„Ja. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass sie zu Hause ist.“
Julia bedankte sich und machte sich erneut auf den Weg zur Nachbartür. Dort legte sie den Finger auf die Klingel, und dieses Mal nahm sie ihn nicht mehr vom Knopf, bis die Tür geöffnet wurde.
Eine Frau in einem zerschlissenen Bademantel, deren blondiertes Haar strähnig war und aussah, als wäre es seit Tagen nicht mehr gewaschen worden, sah sie missmutig und mit abweisendem Blick an. „Was wollen Sie?“
„Wir sind auf der Suche nach Edi Kern“, sagte Julia. „Das ist doch seine Wohnung, oder nicht?“
„Das ist seine Wohnung“, gab die Frau zurück. „Aber Edi ist nicht hier.“
„Und wer sind Sie?“
„Ich bin seine Schwester. Leonie.“
„Wir müssen mit Ihrem Bruder sprechen“, beharrte Julia. „Es ist sehr wichtig.“
„Wer sind Sie noch mal?“
„Julia Wagner. Das hier ist Eva Haack.“
„Sind Sie von der Polizei?“
„Ja.“ Erneut benötigte es nur wenig Überwindung für diese Lüge.
Und Leonie wollte glücklicherweise keinen Ausweis sehen. Stattdessen huschte ein weiterer Schatten des Unmuts über ihr Gesicht. „Ich hab doch Ihren Kollegen schon gesagt, dass ich nichts weiß. Ich hab Edi seit zwei Tagen nicht mehr gesehen.“ Es schien ihr noch eine spitze Bemerkung auf der Zunge zu liegen, doch sie klappte den Mund zu und schluckte sie herunter.
Julia blickte überrascht. „Wann waren die Kollegen denn bei Ihnen?“
„Gestern.“
„Und in welcher Angelegenheit?“
„Da ist in einen Kiosk eingebrochen worden“, erklärte Leonie knapp. „Und wie immer, wenn irgendwo eingebrochen wurde, kommen sie zuerst zu Edi. Und dann hat noch einer angerufen, der war bestimmt nicht von der Polizei.“
„Wer?“
„Na, so ein Typ. Er fragte auch nach Edi, und als ich ihm gesagt habe, dass er nicht da ist und ich nicht weiß, wo er steckt, hat er gesagt, ich soll ihm ausrichten, dass er ihn finden und ihm das Gehirn aus dem Kopf dreschen würde, bevor er ihm das Herz aus der Brust schneidet.“
Eva schluckte.
„Hat der Mann seinen Namen genannt?“, wollte Julia wissen.
„Nein.“
„Hat er sonst noch etwas gesagt?“
„Nein. Ich war total erschrocken und hab sofort wieder aufgelegt.“
„Ist Ihnen an der Stimme des Mannes etwas Besonderes ausgefallen?“
Leonie überlegte einen Moment. „Es war eine tiefe Stimme, irgendwie grollend. Und heiser. Als hätte er Kieselsteine geschluckt. Mehr weiß ich wirklich nicht.“ Es schien, als wolle sie die Tür wieder schließen.
„Wir sind nicht wegen des Einbruchs hier“, sagte Julia schnell. „Wir sind von der Mordkommission.“
„Mordkommission“ war einfach ein magisches Wort. Alle zuckten zusammen, wenn sie es hörten. Leonie auch. „Mordkommission?“, entfuhr es ihr.
Julia nickte. „Wir benötigen die Hilfe Ihres Bruders. Als Zeuge.“
„Ja, aber … Wie gesagt …“
„Wie lange wohnen Sie denn schon bei Edi?“
„Schon ein paar Monate.“ Leonie zuckte mit den Schultern. „Er hat ja nie Geld, ist immer pleite. Da war er ganz glücklich, dass ich die Hälfte der Miete beisteuere.“
„Und Sie haben wirklich keine Ahnung, wo er jetzt stecken könnte?“
„Nein. Ich wüsste es selbst gern, er schuldet mir nämlich noch seinen Anteil für diesen Monat.“
„Gibt es Leute, die ihn regelmäßig besuchten?“, fragte Julia weiter.
„Edi hat keine Freunde. Hatte er noch nie. Er ist der Typ, den die anderen in der Schule in die Mülltonne gesteckt haben. Und mehr kann ich Ihnen wirklich nicht sagen.“ Leonie wollte jetzt endgültig die Tür schließen.
„Eine Frage noch“, blieb Julia am Ball. „Hat er Ihnen erzählt, wo er zuletzt gearbeitet hat?“
„Nein. Von sich aus hat er mir nie was erzählt, und ich hab es mir abgewöhnt, Fragen zu stellen.“
„Wie hat er sich verhalten, ehe er verschwunden ist?“
„Komplett irre. Hat ständig von irgendwelchen Vögeln gesprochen.“
Julia horchte auf. „Kraniche?“
„Keine Ahnung, kann sein.“ Leonie winkte ab. „Ich erinnere mich nur, dass es Vögel waren und dass er gesagt hat, sie würden ihn umbringen wollen. War völlig irre, der Kerl. Also, wenn Sie ihn finden, dann sagen Sie ihm, dass ich die volle Miete für den Monat bezahlt hab, und das war so nicht ausgemacht. Und wenn Sie ihm das gesagt haben, dann können Sie ihn meinetwegen dahin bringen, wo er hingehört.“
„Und das wäre?“
„In die Klapsmühle natürlich. Wäre wirklich gut, wenn sich mal jemand um seinen Geisteszustand kümmert.“
„Dafür sind wir nicht zuständig. Aber es würde vielleicht helfen, wenn wir mal mit ihm sprechen könnten.“ Julia hielt Leonies Blick fest und hakte noch einmal nach: „Sie wissen wirklich nicht, wo er ist?“
„Nein, wenn ich’s doch sage. Allerdings …“
„Ja?“
„Früher hatte Edi oft Drogenprobleme. Und zu viel getankt hat er auch gerne. Es gibt da eine Anlaufstelle, wo die Süchtigen hingehen, wenn’s ihnen richtig dreckig geht. Den Sozialarbeitern dort hat er immer vertraut. Vielleicht finden Sie ihn ja dort, ist keine zwei Kilometer von hier.“
„Würden Sie uns die Adresse geben, bitte?“
Leonie seufzte, verschwand im Inneren der Wohnung und kam kurz darauf mit einem kleinen gelben Zettel zurück. „Hier. Und wenn Sie ihn finden, dann sagen Sie ihm das mit der Miete.“
Das war’s. Nun wurde die Tür endgültig vor ihnen zugeschlagen.
„Merkwürdige Person“, sagte Eva.
„Merkwürdiges Paar“, gab Julia zurück.
„Ja, sehr merkwürdig.“
Anstatt sich dem altersschwachen Aufzug ein weiteres Mal anzuvertrauen, zogen sie es vor, die sechs Stockwerke zu Fuß nach unten zu gehen. Das Treppenhaus war düster – in einigen Etagen baumelten nur nackte Glühbirnen von der Decke.
„Da dreht der Bruder offenbar halb durch vor Angst und taucht unter“, sprach Eva weiter, während sie den Blick konzentriert auf die einzelnen Stufen gerichtet hielt. „Die Polizei sucht nach ihm, andere furchterregende Gestalten bedrohen ihn am Telefon, und sie macht sich nur Sorgen um die Miete?“ Kurz hob sie den Blick und sah Julia an. „Was meinst du? Glaubst du ihr? Oder weiß sie nicht doch mehr, als sie sagt?“
„Ich glaube ihr. Wie du gerade selbst feststelltest, hat Leonie ein großes Interesse daran, dass Edi wieder auftaucht – wegen der Miete.“
Als sie schließlich auf den Bürgersteig traten, erfasste sie ein heftiger Windstoß. Sie eilten durch die dichten Schneeflocken zum Wagen und stiegen ein.
„Na ja“, sagte Eva, während sie sich anschnallte. „Der Hinweis auf diese Anlaufstelle ist wenigstens nicht schlecht.“
„Ja.“ Julia startete den Motor. „Er ist immerhin ein Anfang.“
4. KAPITEL
Fehler Nummer eins
Hannover
Susanne rannte, Schutz vor Wind und Schnee suchend, auf ein grün-weiß gestrichenes Haus zu, zu dem von der Straße aus eine Treppe hinaufführte. Sie stieg eilig hinauf und schüttelte sich oben angekommen erst einmal wie ein nasser Hund. Dann fixierte sie die Klingelschilder, drückte kurz entschlossen einmal auf jeden Knopf und wartete. Jemand öffnete, ohne nachzufragen, sie betrat das Haus und stieg weitere Treppen nach oben.
Vor dem richtigen Namensschild angekommen, blieb sie stehen und murmelte: „Es geht los. Zeit für die Wahrheit.“ Und drückte auf den Klingelknopf.
Eine junge Frau in blauer Jogginghose und einem einfachen Sweatshirt öffnete die Tür. Ihr blondes Haar war im Nacken zusammengebunden, und das hübsche, ungeschminkte Gesicht blickte Susanne verwirrt an. „Ja?“
„Hallo, Lisa.“
Es dauerte einen Moment, doch dann flackerte Erkenntnis in Lisa Vollraths Gesicht auf. Sie wollte die Tür wieder zuschlagen, doch Susanne schob reaktionsschnell ihre Schuhspitze in den Spalt. Das hatte sie schon tausendmal in Filmen gesehen, aber nie selbst ausprobiert. Es funktionierte.
„Ich kann mir vorstellen, dass du einigermaßen überrascht bist über meinen Besuch“, sagte sie. „Aber ich dachte, es würde dich bestimmt freuen. Immerhin haben wir uns lange nicht mehr gesehen. Und – da bin ich.“
„Was willst du?“, fragte Lisa, ohne den Druck von der Tür zu nehmen.
„Mit dir reden.“
„Ich will aber nicht mit dir reden.“
„Tja, das tut mir leid für dich, aber das wird sich nicht vermeiden lassen.“ Mit einer einzigen Bewegung drückte Susanne die Tür auf und Lisa beiseite und betrat die Wohnung.
Im Wohnzimmer blieb sie stehen und sah sich um. Der Teppich war weiß, die Couchgarnitur stahlblau mit Zierkissen in Gelb. Einige glänzende Grünpflanzen schmückten den Raum. Ein schwacher Duft von Äpfeln und Mandarinen hing in der Luft.
„Nette Wohnung. Sicher nicht billig.“
„Ich habe dir nichts zu sagen.“ Mit verschränkten Armen stand Lisa in der Tür. „Ich bitte dich, sofort wieder zu gehen. Oder ich rufe die Polizei.“
Susanne wandte sich zu ihr um. „Siehst du, und ich weiß, dass du genau das nicht tun wirst.“ Sie machte zwei Schritte auf Lisa zu. „Du wirst die Polizei nicht rufen, denn wenn du das tätest, dann müsstest du denen erklären, warum du – gemeinsam mit dem Schwein Egert – einen Vergewaltigungsversuch vorgetäuscht und anschließend eine Falschaussage bei der Polizei gemacht hast.“
Lisa wurde blass, senkte den Blick und starrte zu Boden.
„Eine Falschaussage, wegen der ich in der geschlossenen Psychiatrie gelandet bin“, fügte Susanne mit Eiseskälte in der Stimme hinzu.
Da Lisa immer noch nichts sagte, sprach sie weiter: „Ich war viel zu lange davon überzeugt, dass du ein guter Mensch bist. Aber das bist du nicht. Ich weiß nicht, was du bist, Lisa, aber gut bist du nicht. Egert und du, ihr wusstet beide sehr genau, dass ich nicht tatenlos zusehen würde, wie er dich vergewaltigt. Ihr wusstet beide, dass ich dazwischengehen würde. Und genau das war der Plan.“
„Es hat dich niemand gezwungen, ihm eine Glasscherbe in den Rücken zu rammen“, begehrte Lisa jetzt auf.
„Ihr habt mich reingelegt!“, giftete Susanne zurück. „Und das habt ihr verdammt überzeugend getan.“ Sie atmete tief durch und zwang sich zur Ruhe. Dann sagte sie etwas leiser: „Ihr habt den Vergewaltigungsversuch vorgetäuscht, das ist ein Fakt. Und ich würde jetzt gerne wissen, warum ihr das getan habt. Deshalb bin ich hier.“
Keine Antwort von Lisa, kein Kommentar.
„Ich bin hier“, fuhr Susanne fort, „weil ich mein Leben wiederhaben möchte.“
Nichts.
„Weil niemand gerne von der Polizei gejagt wird.“
Lisa drängte sich an Susanne vorbei, ging zum Wohnzimmertisch und griff dort nach einer Schachtel Zigaretten.
„Was würdest du an meiner Stelle tun?“, fragte Susanne an ihren Rücken gewandt. „Was würdest du tun, um dein Leben zurückzubekommen?“
Der Wind rüttelte am Fenster. Das war das einzige Geräusch, das im Zimmer zu hören war. Sonst nichts.
Susanne trat zu Lisa und drehte sie zu sich herum. „Ich bin bereit, bis zum Äußersten dafür zu gehen. Ich habe nichts mehr zu verlieren.“
„Wir haben den Vergewaltigungsversuch nicht vorgetäuscht“, sagte Lisa. „Das ist Unsinn. Lächerlich.“
„Du kannst aufhören, zu lügen.“ Susanne griff in ihre Handtasche. „Du hast ja sicher mitbekommen, dass mir vor fünf Monaten die Flucht aus der geschlossenen Psychiatrie gelungen ist. Ich war die ganze Zeit in Norwegen, und dort wäre ich sicher auch noch eine Weile geblieben, aber dann bekam ich plötzlich ein paar E-Mails, und die Lage änderte sich. Es handelte sich allerdings nicht nur um reine Textnachrichten, es waren auch ein paar schöne Fotos dabei.“ Sie zog einige Farbausdrucke heraus, faltete sie auseinander und warf sie auf den Tisch. „Du hast bei der Polizei ausgesagt, du hättest Egert an jenem Abend zum ersten Mal gesehen, aber das war eine Lüge. Ihr habt euch schon lange vorher gekannt. Sieh dir die Fotos an, die euch so wunderbar vereint zeigen, und dann guck dir an, wann sie gemacht wurden.“
Lisa warf nur einen kurzen Blick auf die Ausdrucke, aber der genügte, um sie erneut blass werden zu lassen. Sie sagte jedoch nichts, sondern schwieg wieder.
„Darf ich raten?“, blieb Susanne am Ball. „Es ging um Geld. Ich meine, diese Wohnung hier …“, sie deutete um sich, „muss ja irgendwie bezahlt werden, und du bist Studentin. Also, ich hätte mir eine solche Wohnung nicht leisten können, als ich noch studiert habe. Wie viel hast du dafür bekommen?“
Es dauerte noch einen Moment, dann, endlich, sackte Lisa in sich zusammen. Ihre Nase wurde rot, und um ihren Mund und ihr Kinn bildete sich ein feuriges Dreieck. „Ich hab es nicht gewusst, okay? Ich war pleite und hatte keine Ahnung, worum es ging.“
„Na, da wären wir doch endlich beim springenden Punkt: Worum ging es denn?“
Mit zitternden Fingern zündete Lisa die Zigarette an, die sie die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte. Sie inhalierte einmal tief und stieß den Rauch in Richtung Decke aus. Dann sagte sie: „Ich hatte jede Menge Schulden. Das Leben ist teuer. Ich wollte schon immer schöne Dinge haben, wollte diese Wohnung nicht aufgeben. Aber ich konnte mir all das nicht leisten. Ohne einen schnellen Job wäre ich auf der Straße gelandet.“ Sie brach ab.
„Und dann macht man schon mal so etwas. Willst du das damit sagen?“
„Ich bin zu weit gegangen. Es tut mir leid.“
„Wie viel hast du dafür bekommen?“
Eine kurze Pause.
Dann sagte Lisa: „Fünfzehntausend.“
Fünfzehntausend, das war ihr Leben also wert. Susannes unterdrückte Wut schien den ganzen Raum auszufüllen. „Wer hat dir das Geld gegeben?“, wollte sie wissen.
„Eine Frau. Sie kam zu mir. Ein paar Wochen vor … der Geschichte. Sie wusste genau, dass ich Probleme hatte, Geldprobleme, und sie bot mir an, mir aus der Klemme zu helfen.“
„Wie war der Name der Frau?“
„Es handelte sich um eine Anwältin.“
„Der Name.“
„Britta Stark.“
Zischend sog Susanne die Luft ein. Stieß sie dann wieder aus. Einen Moment lang stand sie vollkommen bewegungslos in der Mitte des Zimmers. Dann fragte sie: „Hat sie einen Grund für diese Schmierenkomödie genannt?“
„Nein.“ Lisa zog wieder an ihrer Zigarette. „Sie nannte es einen schnellen Auftrag, der mir Geld bringt. Und ich habe … Ja gesagt.“
Wieder stand Susanne ein paar Sekunden lang vollkommen reglos da, dann nickte sie langsam und wandte sich in Richtung Tür.
„Was hast du vor?“, fragte Lisa hinter ihr.
„Was wohl? Ich werde der sauberen Frau Anwältin einen Besuch abstatten und mich mit ihr ebenso nett unterhalten wie mit dir.“
Sofort war Lisa bei Susanne und hielt sie am Arm fest. „Lass das. Mach keine Dummheiten.“
„Warum nicht?“ Susanne funkelte Lisa an. „Ich bin aus der geschlossenen Psychiatrie geflohen und seitdem auf der Flucht vor der Polizei. Ich musste meinen Namen und mein Aussehen ändern, und das Wort ‚Angst‘ hat seitdem eine ganz neue Bedeutung für mich. Also, viel schlimmer kann es für mich ja wohl kaum noch werden.“ Damit riss sie sich los und verließ die Wohnung.
Pass auf, du Schlampe, dachte sie, ich komme.
Und das war Fehler Nummer eins.
5. KAPITEL
Fehler zwei und drei
Das Taxi hielt, Susanne bezahlte den Fahrer, stieg aus, und sofort schlug ihr der Schnee wieder wie ein harter Besen ins Gesicht, was man als Omen hätte nehmen können, wenn man an Omen geglaubt hätte. Susanne hatte keine Zeit, in sich zu gehen und darüber nachzudenken. Vielleicht hätte sie es besser getan.
Als sie feststellte, dass sie ihre Fäustlinge im Wagen hatte liegen lassen, hatte der Fahrer bereits Gas gegeben und war davongefahren.
„Das darf doch nicht wahr sein!“, entfuhr es ihr.
Und da stand sie dann, wandte sich dem viereckigen Haus zu, und als sie sich endlich mit gesenktem Kopf darauf zubewegte, schien ihr das Donnern des Windes abnormal laut. Vor allem daran würde sie sich später noch gut erinnern.
Beim Haus angekommen, wollte sie gerade die Hand heben, um zu klingeln, als sie feststellte, dass die Tür offen stand.
Sofort läuteten in ihr alle Alarmglocken. Ein schreckliches Unbehagen setzte ein, ein ungutes Gefühl, wie ein unterschwelliger Juckreiz. Alles in ihr schrie: Lauf weg! Doch stattdessen sagte sie: „Hallo?“
Niemand antwortete.
Susanne legte die Finger gegen die Tür und schob sie etwas weiter auf.
Fehler Nummer zwei.
Im Inneren des Hauses war es stockfinster. Und totenstill. Sie machte zwei Schritte nach vorne und begann, ganz automatisch nach dem Lichtschalter zu suchen. Als sie ihn endlich fand, drückte sie darauf.
Fehler Nummer drei.
Licht strömte aus einem Kronleuchter in den Eingangsbereich. Sie sagte noch einmal: „Hallo? Frau Stark?“
Nichts.
Susanne machte einen weiteren Schritt in das Haus hinein und sah sich um. Auf dem Boden lag ein dunkler Teppich. Neben der Tür stand eine Truhe, die sicher antik war und viel Geld gekostet hatte. Der Spiegel darüber war bestimmt nicht viel billiger gewesen. Er hatte einen schweren Goldrahmen. Die Standuhr auf der gegenüberliegenden Seite tickte schwerfällig vor sich hin.
„Frau Stark?“ Noch zwei Schritte in das Haus hinein.
Zur Antwort bekam Susanne nur weitere Stille.
Rechts von ihr befand sich eine Tür. Sie ging darauf zu und blieb im Türrahmen stehen.
Mit der Hand wischte Susanne sich über die Augen, aber das Bild, das sie sah, verschwand nicht. Tief in ihrer Kehle blieb die Luft stecken, ehe sie wie eine Blase in ihrem Mund zerplatzte und sie sich selbst sagen hörte: „Guter Gott im Himmel.“
Später würde sie sich noch sehr genau an jedes Detail des Bildes erinnern, das sich ihren Augen bot. Sie würde sich an die Anwältin erinnern, die in einem Sessel saß wie eine gespenstische Mumie – mit einem Loch in der Brust.
In Susannes Kopf hämmerte es: Hau ab! Und sie wollte es tun, sie wollte weglaufen, so schnell und so weit wie möglich, doch dann stellte sie fest, dass die Frau noch atmete.
Offenbar war sie noch am Leben.
Oh verdammt! Susanne zwang sich zum Nachdenken. Ich bin gerade erst aus Norwegen gekommen. Die Polizei sucht mich. Vor mir sitzt eine Frau mit einem Loch in der Brust, und ich befinde mich am Tatort. Die werden mich sofort verdächtigen. Ich kann mich nicht darum kümmern. Ich muss hier weg. Ich muss … Ich kann nicht einfach abhauen. Ich kann nicht.
Bereits in der nächsten Sekunde eilte Susanne auf den Sessel zu und blickte auf die Anwältin hinunter. „Frau Stark?“
Die Antwort war ein schweres Atmen.
„Frau Stark? Können Sie mich verstehen? Halten Sie durch. Ich rufe einen Krankenwagen. Ich …“
Die Frau öffnete die Augen, hustete Blut und begann, am ganzen Körper zu zittern. Ihre Schultern hoben sich und fielen wieder herab.
„Halten Sie durch“, sagte Susanne noch einmal. „Ich rufe einen Krankenwagen.“
Verschleierte Augen fixierten sie. Dann sagte die Anwältin etwas. So leise, dass es kaum zu verstehen war. Sie sagte: „Die Kassette …“
Susanne hielt den Blick auf die Frau gerichtet, was sie große Mühe kostete, und fragte: „Wie bitte?“
Die Anwältin hustete erneut Blut. Tropfen rannen über ihre Lippen. „Du …“, sie brach ab, sammelte ihre letzten Kräfte, „… musst dich … darum … kümmern.“
Susanne blinzelte. „Worum?“
„Die … Kassette.“
„Was für eine Kassette?“
„Du musst … sie vor … ihnen … finden.“
„Vor wem?“
„Sie … werden dich … leiten …“
„Wer?“ Susanne war kurz davor, die Nerven zu verlieren. „Wovon reden Sie, um Himmels willen?“
„Die … Engel … werden dich … leiten … Nicht … öffnen.“
„Was?“
„Du darfst … die Kassette … nicht … öffnen.“
„Was soll ich damit, wenn ich sie nicht öffnen darf?“
„Nicht … öffnen.“ Ein weiteres blutiges Husten. „Die … Karte.“
„Was für eine Karte?“
„In meinem … BH.“
„Was?“
Die Anwältin schien noch etwas sagen zu wollen, schaffte es jedoch nicht mehr. Die Kräfte verließen sie. Sie schloss die Augen. Und gleich darauf war sie tot.
Tot.
Das Wort hämmerte in Susannes Kopf.
Sie machte einen Schritt zurück. Und noch einen.
Die Anwältin war tot.
Mausetot.
Obwohl sie sie nicht angefasst hatte, bildete Susanne sich ein, dass ihre eigene Kleidung nach Tod roch.
Einmal mehr schrie es in ihrem Kopf: Lauf weg! Und doch blieb sie nach den zwei Schritten stehen, wo sie war. Ein Augenblick nur, um eine Entscheidung zu treffen. Ein Wimpernschlag, der über alles Weitere entschied.
In meinem BH.
Der Wimpernschlag war vorbei. Susanne bewegte sich wieder auf die tote Frau zu. Ihre Beine überwanden die wenigen Meter ganz von selbst, wie es schien.
Vor dem Sessel blieb sie stehen.
Bitte nicht! Ich will das nicht tun!
Und doch begann sie kurz darauf, die Bluse der Frau aufzuknöpfen, was sie mit Ekel und Widerwillen erfüllte. Sie war überhaupt nicht vorbereitet auf das grausige Gefühl der Intimität, von dem ihr schleichend immer schlechter wurde, und da sie zu zittrig und viel zu aufgeregt war, um die Bluse Knopf für Knopf zu öffnen, riss sie sie auf. Die Knöpfe sprangen ab, einer flog Susanne ins Gesicht, die anderen kullerten über den Boden. Ihre Finger waren vom Schweiß ganz feucht, und fast glaubte sie, den Atem der toten Anwältin auf ihrer Stirn zu spüren. Schließlich schob sie die Bluse auseinander, wobei sie sich bemühte, nicht direkt auf die Schusswunde und das viele Blut zu blicken, was jedoch unmöglich war. Das Geschoss hatte die Brust der Frau direkt über dem Herzen durchbohrt.
Im BH der Toten steckte eine Visitenkarte. Mit Widerwillen zog Susanne sie heraus und stellte fest, dass sich nichts darauf befand außer einem Muster aus eingeprägten Punkten, die sie mit den Fingerspitzen ertasten und auch deutlich sehen konnte, wenn sie die Karte schräg ins Licht hielt. Es sah aus wie Blindenschrift.
Susanne konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, warum die Anwältin eine Karte mit Blindenschrift in ihrem BH versteckte. Aber da sie es getan hatte, schien es wichtig zu sein.
Sie steckte die Karte in ihre Manteltasche und schob die Bluse der Toten wieder notdürftig zusammen.
Und als das geschehen war, verließ sie so schnell sie konnte das Haus.
Vor der Tür atmete sie ein paarmal tief durch. Während sie in Richtung Bürgersteig ging, griff sie in die Manteltasche und zog ihr Handy hervor, wobei sie feststellte, dass Jo noch einmal angerufen hatte. Sie wusste, dass sie ihn zurückrufen musste, aber das war jetzt wirklich nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Noch einmal spielte sie mit dem Gedanken, die 110 anzurufen, und verwarf ihn wieder.
Sie machte ein paar Schritte, rutschte aus, verlor den Halt und landete im Schnee.
Fluchend richtete sie sich wieder auf, wobei ein kurzer, aber heftiger Schmerz in ihrem Knöchel aufflammte. Noch einmal fluchte sie leise, richtete sich so vorsichtig wie möglich auf und bemerkte im selben Moment einen Wagen, der sich näherte. Sie wandte den Kopf und sah die grellen Lichter eines Scheinwerferpaares, die direkt auf sie gerichtet waren. Und die rasend schnell näher kamen.
Wie gelähmt stand Susanne da. Dann, endlich, machte es klick in ihrem Kopf. Sie wollte zur Seite springen – aber sie konnte sich nicht rühren.
Es heißt, das Gehirn eines Menschen besteht aus ungefähr hundert Milliarden Nervenzellen, die durch mehr als hundert Billionen Synapsen miteinander kommunizieren. Und jeder einzelne Gedanke entsteht dabei in so unglaublich hoher Geschwindigkeit, dass man ihn bereits verarbeitet hat, ehe er zu Worten geformt ist.
So hatte Susanne innerhalb des Bruchteils einer Sekunde realisiert, dass der Wagen sie erwischen würde. Trotzdem war es ihr nicht möglich, sich zu bewegen. Sie stand einfach nur da und starrte in die hellen Scheinwerfer wie ein Reh, das darauf wartete, dass der Kotflügel es erwischte und ihm das Genick brach.
Aber der Wagen, es handelte sich um einen dunklen Mercedes, wie sie am Rande wahrnahm, erwischte sie nicht. Er kam direkt neben ihr zum Stehen, und die hintere Tür flog auf.
Und dann ging alles ganz schnell.
In derselben Sekunde kam ein weiterer Wagen von hinten angefahren, ein roter Polo, der auf den letzten Metern ins Rutschen kam und unsanft mit dem Kotflügel der Limousine kollidierte.
Es knallte, und der Mercedes wurde einen guten Meter nach vorne geschoben. Die hintere Tür fiel wieder zu und klemmte offensichtlich das Bein des Mannes ein, der gerade hatte herausspringen wollen. Susanne hörte einen Aufschrei und ein heftiges Fluchen.
Der Polo stoppte nur wenige Zentimeter vor Susannes Füßen. Die Fahrertür flog auf, ein Mann stieg aus und packte sie. Zu Tode erschrocken, schrie sie auf.
Der Mann schob sie unsanft auf der Beifahrerseite in den Polo hinein. Sie wehrte sich und zappelte wie wild, aber er ließ nicht locker. Keine zwei Sekunden später waren alle Türen geschlossen, und er saß wieder hinter dem Lenkrad, gab Gas, und sie schossen davon. Und das so schnell, so halsbrecherisch, dass Susanne die Luft wegblieb.
„Halten Sie an! Lassen Sie mich sofort raus!“
„Das wäre keine gute Idee.“
Susanne wurde vor Angst ganz heiß. „Halten Sie sofort an!“ Sie wollte sich aufrichten, doch eine scharfe Kurve warf sie zurück in den Sitz. Der Polo kam gefährlich ins Schleudern. „Oh mein Gott! Passen Sie doch auf!“
„Bleiben Sie ruhig“, sagte der Mann.
Der Wagen schoss weiter durch die Straßen, und schon bald wusste Susanne nicht mehr, wo sie sich befanden. In diesem Viertel war sie noch nie gewesen, das stand fest. Heruntergekommene Häuser mit eingeschneiten Vorgärten reihten sich aneinander. Sie warf einen Blick zu ihrem Entführer und stellte fest, dass er nicht wie ein klassischer Verbrecher aussah. Nicht wie ein Entführer und schon gar nicht wie ein Mörder oder Vergewaltiger. Er schien nicht sehr groß zu sein, mochte die fünfzig schon eine Weile überschritten haben, trug einen hellen Trenchcoat, der so zerknittert war, als habe er die letzten Nächte darin geschlafen, das graue Haar stand wirr von seinem Kopf ab, und im Gesicht trug er einen struppigen Vollbart. „Haben Sie gesehen, wie viele es waren?“, wollte er wissen.
„Nein.“
„Es müssen in jedem Fall zwei gewesen sein. Einer ist gefahren, und ein anderer wollte Sie in den Wagen ziehen.“
Sie bogen in eine Seitenstraße ein, die zu Susannes Entsetzen noch enger war als die vorherige. Mit dem Heck rammte der Polo eine Straßenlaterne, und um ein Haar wären sie durch einen Bretterzaun gebrochen.
„Lieber Gott im Himmel! Wollen Sie uns umbringen?“
„Natürlich nicht. Ich gehöre doch zu den Guten.“
„Ach wirklich?“
„Was zum Teufel ist in dem Haus passiert?“
„Ich …“ Aus den Augenwinkeln sah Susanne schon wieder etwas auf den Polo zukommen. „Ach du Scheißeeee!“
Kurz vor der Stelle, wo die kleine Seitenstraße in eine Querstraße mündete, stand ein Transporter mit offener Heckklappe, aus der zwei Männer etwas heraushievten. Sie konnte nicht erkennen, was es war, aber die beiden Männer hielten es zwischen sich und starrten wie versteinert in Richtung des heranrasenden Polos.
„Bremsen!“, schrie Susanne.
Doch genau das tat der Mann nicht. Im Gegenteil. Er nahm Maß, trat das Gaspedal erst recht durch, und sie schossen haarscharf links an den beiden Männern vorbei.
Zitternd wischte Susanne sich den Schweiß von der Stirn. „Jesus Christus! Wenn Sie mich umbringen wollen, warum schießen Sie mir dann nicht einfach eine Kugel in den Kopf?“
Der Mann warf einen Blick in den Rückspiegel und sagte: „Sie scheinen verschwunden zu sein. Und jetzt frage ich Sie noch einmal: Was ist in dem Haus passiert?“
„Die Anwältin ist tot.“
„Was?“
„Sie wurde ermordet.“
„Oh, verdammt.“
„Ja, so kann man es auch sagen. Was waren das für Leute, und warum wollten sie mich entführen?“
„Vermutlich, weil Sie ihnen irgendwie in die Quere gekommen sind. Was haben Sie in dem Haus gemacht?“
Susanne kam nicht dazu, zu antworten. Urplötzlich bogen sie an einer völlig unscheinbaren Einmündung ab. Eine Einbahnstraße, die sie von der falschen Seite nahmen. Ein anderer Wagen kam ihnen entgegen, hupte erbost und ließ mehrmals die Scheinwerfer aufleuchten.
„Mein Gott, Sie sind ja völlig wahnsinnig!“
„Ich versuche, unser beider Leben zu retten. Also bleiben Sie ruhig und genießen Sie die Fahrt.“
„Das ist nicht witzig!“
„Nein, das ist es tatsächlich nicht.“ Der Mann warf einen weiteren Blick in den Rückspiegel. „Die Sache ist ernst. Verdammt ernst.“
Susanne überlegte, aus dem Wagen zu springen, zu fliehen. Aber natürlich ging das während der vollen Fahrt nicht. Im Augenblick hatte sie keine andere Wahl, als sitzen zu bleiben und abzuwarten.
Aber irgendwann mussten sie ja wieder stehen bleiben.
Dann konnte sie fliehen.
Hoffentlich bald.
6. KAPITEL
Wahnsinnig vor Angst
Mainz
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte der Mann, der sich als Thorsten Flöter und verantwortlicher Sozialarbeiter vorgestellt hatte. Er war groß, deutlich über einen Meter achtzig, blond, mit einem Pferdeschwanz. Ein leichter Dialekt klang in seiner Stimme mit.
„Wir sind auf der Suche nach Edi Kern“, sagte Julia.
„Richtig. Sie hatten angerufen. Würde es Ihnen etwas ausmachen, einen Moment zu warten? Ich bin gleich wieder da.“
„Gleich“ war, wie sich herausstellte, schamlos übertrieben. Julia und Eva mussten sich in Geduld üben.
Als Flöter endlich zurückkam, war er wieder die Freundlichkeit in Person. „Tut mir leid, dass Sie warten mussten“, sagte er. „Aber ich bin alleine, und hier ist immer eine Menge zu tun.“ Er machte eine entschuldigende Geste mit den Händen. „Kommen Sie mit.“
Während sie dem Sozialarbeiter folgten, warf Julia einen Blick in einen Aufenthaltsraum auf der rechten Seite, dessen Wände eine Tapete mit großen Blumen zierte. „Seit wann ist Edi hier?“, wollte sie wissen.
„Seit gestern. Er stand plötzlich vor der Tür und bestand darauf, dass wir ihn hereinlassen. Er befand sich in einer sehr schlechten psychischen Verfassung, und natürlich waren wir sofort bereit, ihm unsere Hilfe anzubieten. Seitdem hat er das Zimmer allerdings nicht mehr verlassen.“
Kurz darauf erreichten sie eine geschlossene Tür.
„Versuchen Sie es“, sagte Flöter. „Vielleicht redet er ja mit Ihnen.“
Der Raum war leer und nicht gerade hell erleuchtet, obwohl die Lampe an der Decke eingeschaltet war. Doch es reichte, um ein zerwühltes Bett zu erkennen, vor dem auf dem Boden mehrere scharfe Glassplitter funkelten. Und dass auf die Wand – offenbar mit Blut – das Wort Kraniche geschmiert worden war.
Und das nicht nur einmal.
Es stand da zweimal.
Dreimal.
Viermal.
Flöter blinzelte. „Was soll das bedeuten? Hat Edi das an die Wand geschrieben?“
„Was denken Sie?“, gab Julia zurück.
„Dann muss er verletzt sein.“ Der Sozialarbeiter sah sich um. „Und wo ist er jetzt? Er kann nicht aus dem Haus gegangen sein, denn dann hätte ich ihn gesehen. Also muss er sich im Badezimmer befinden.“ Er wollte zu der Tür gehen, doch Julia hielt ihn am Arm fest. „Warten Sie. Lassen Sie mich.“ Langsam bewegte sie sich auf die Badezimmertür zu, blieb davor stehen, zögerte, lauschte, aber hinter der Tür war es so still wie in einem Grab. Sie sagte: „Edi, hören Sie mich? Mein Name ist Julia Wagner. Ich möchte nur mit Ihnen reden.“
Sekunden vergingen.
Sie erhielt keine Antwort, und es kam auch niemand heraus.
Julia griff nach der Türklinke und drückte sie nach unten. Dann schob sie die Tür auf, gewappnet für alles, was sie dort erwarten könnte.
Aber da war nichts. Und niemand. Das Badezimmer war leer. Das Einzige, was herausdrang, war ein fürchterlicher Gestank, eine Mischung aus Urin und Exkrementen.
Eva, die ein paar Meter hinter Julia stand, hielt sich schnell den Schal vor die Nase. „Meine Güte!“
Julia presste sich die Hand über Mund und Nase und machte vorsichtig einen Schritt hinein.
Das Badezimmer war tatsächlich leer, aber auf dem Boden befanden sich Pfützen von Urin und Blut, und die Duschwanne war mit Kot beschmiert.
„Was um Himmels willen …?“ Flöter sah aus, als würde er sich jeden Moment übergeben.
Jemand hatte mit einer Mischung aus Kot und Blut das Wort Kranich auf den Badezimmerspiegel geschrieben, und da der Gestank kaum auszuhalten war, zogen sie sich wieder ins Zimmer zurück. Aber auch jetzt schienen sie dem Geruch nicht entkommen zu können. Sie mussten den Raum ganz verlassen.
„Glaubst du …“, setzte Eva an und hustete. „Glaubst du, das hat Edi geschrieben?“
„Es ist anzunehmen“, gab Julia zurück.
„Dann muss er verrückt gewesen sein vor Angst. Im wahrsten Sinne des Wortes.“
„Was ist denn nur mit ihm geschehen?“ Flöter machte eine hilflose Geste.
„Ich dachte, Sie sind hier, um auf ihn aufzupassen“, wandte Julia sich an ihn. „Ist das nicht Ihr Job?“
„Er ist nicht an mir vorbeigegangen, ich schwöre es. Lieber Himmel, mir … sträuben sich die Haare im Nacken.“ Als er ihren Blick sah, erstarrte Flöter in der Bewegung. „Sie glauben doch wohl nicht, dass ich etwas damit zu tun habe?“
„Wann genau haben Sie ihn das letzte Mal gesehen?“, wollte Julia wissen.
„Heute, gegen achtzehn Uhr. Ich wollte ihn zum Abendessen bewegen, aber er weigerte sich. Er wollte auf gar keinen Fall das Zimmer verlassen. Danach habe ich ihn nicht mehr … gesehen. Und ich bleibe dabei, er kann nicht …“
Das Telefon im Flur klingelte. Flöter wandte sich kurz um, dann sah er wieder Julia an. Dann erneut zum Telefon. Als er sich in Bewegung setzen wollte, sagte sie: „Verschieben Sie es auf später.“
„Aber ich muss doch …“
„Verschieben Sie es auf später. Wir müssen reden. Jetzt.“
Flöter nickte widerwillig.
Julia deutete auf die Zimmertür. „Versuchen Sie bitte, sich zu erinnern, wie sich Ihr letztes Treffen mit Edi in diesem Zimmer abgespielt hat.“
Der Sozialarbeiter konzentrierte sich. „Er saß auf dem Bett, hatte die Beine angezogen und die Arme darum gelegt. Er zitterte, hatte ganz offensichtlich Angst. Ich kam herein, und er sagte sofort, dass ich die Tür hinter mir schließen soll. Und dass ich das Licht ausmachen soll, was ich natürlich nicht getan habe.“
„Und weiter?“
„Er fragte mich, ob ich es auch hören würde.“
„Was?“
Flöter schnitt eine Grimasse. „Ein Huschen. Ein Atmen. Ich sagte ihm, dass ich nichts höre. Er sagte: Sie sind hier. Und ich fragte: Wer? Er sagte: Die Teufel. Ich sagte ihm, dass ich nicht wüsste, wovon er redete, aber wenn er das Bedürfnis hätte, mit mir darüber zu sprechen, dann wäre ich für ihn da. Er aber sagte Nein, und dann sagte er gar nichts mehr.“
Julia wartete, und als zu lange nichts mehr von dem Sozialarbeiter kam, fragte sie: „Und dann haben Sie das Zimmer wieder verlassen?“
„Ja. Was hätte ich sonst tun sollen? Er wollte ja nicht reden. Und essen wollte er auch nichts.“ Mit bleichem Gesicht starrte Flöter auf den Boden. „Ich weiß, ich hätte noch einmal nach ihm sehen müssen.“ Er schaute Julia wieder an. „Aber wenn er das Zimmer verlassen hätte, dann hätte er an mir vorbeigemusst. Ich hätte ihn sehen müssen.“
„Es sei denn, Sie waren gerade woanders“, stellte sie fest. „Waren Sie irgendwo anders? Irgendwo, von wo aus Sie den Flur nicht überblicken können?“
„Nein!“
„Hören Sie, niemand will Ihnen unterstellen, Sie hätten nachlässig gehandelt oder etwas falsch gemacht“, versicherte Julia. „Ich stelle diese Fragen nur, weil sie wichtig sind. Weil es wichtig ist, Edi rechtzeitig zu finden. Verstehen Sie das?“
Flöter nickte langsam. „Natürlich muss ich irgendwann auch einmal auf die Toilette. Und in andere Zimmer gehen, um nach den restlichen Bewohnern zu sehen. Das ist ja wohl ganz normal.“
„Natürlich. Hat Edi sich mit anderen Bewohnern unterhalten?“
„Nein, ich glaube nicht. Er kam ja nicht mehr aus dem Zimmer heraus, nachdem er erst einmal drin war. Und besucht hat ihn niemand. Jedenfalls nicht, dass ich wüsste.“ Flöter hob beinahe verzweifelt die Hände. „Es tut mir wirklich leid. Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich weiß.“
Julia nickte. Das war es. Alle Fragen waren gestellt. Mehr konnte sie nicht tun.
Sie verließen das Heim und hörten, wie Flöter die Tür hinter ihnen schloss.
„Ich kann das gar nicht fassen“, sagte Eva, als sie wieder im Wagen saßen. „So etwas habe ich noch nie in meinem Leben gesehen.“
„Ich auch nicht.“ Julia steckte den Schlüssel ins Zündschloss, ohne den Motor zu starten.
„Der Mann muss regelrecht krank gewesen sein vor Angst.“
„Ja.“
Eva warf Julia einen Blick zu. „Meinst du, er ist noch am Leben?“
„Ich hoffe es.“
„Aber wo steckt er jetzt? Ich meine, wo sollen wir nach ihm suchen? Mainz ist groß. Er kann überall sein.“
Julia rieb sich über die Augen. „Ich weiß es nicht. Wir brauchen einen anderen Ansatz.“ Sie drehte den Zündschlüssel und startete den Motor, machte ihn jedoch sofort wieder aus. Ein leichtes Kribbeln zog ihren Rücken hinauf, während sie beobachtete, wie Flöter aus der Anlaufstelle kam. Er schlug den Kragen seiner Jacke nach oben und eilte die Straße hinauf.
„Ist das nicht Flöter?“, sagte Eva.
„Ja.“ Julia öffnete die Tür. „Ich werde ihm folgen. Bleib du hier.“
„Warte mal!“
Aber Julia war bereits aus dem Wagen gestiegen und hatte sich in Bewegung gesetzt.
Sie folgte dem Sozialarbeiter bis hin zu einer einsamen Kleingartensiedlung. Dort lief er einen Weg entlang und schien nach einer ganz bestimmten Parzelle zu suchen. Um ein Haar hätte er sie entdeckt, als er plötzlich stehen blieb und sich umdrehte. Julia konnte gerade noch hinter einer hohen Hecke verschwinden.
Dann schien er endlich gefunden zu haben, wonach er suchte. Er blieb vor einem niedrigen Holztörchen stehen, öffnete es und verschwand im verschneiten Garten.
Julia beobachtete, wie er einen Schlüssel unter einem Stein hervorholte und kurz darauf eine Hütte betrat. Sie warf einen Blick auf die Gärten links und rechts, die ordentlich in Reih und Glied angelegt waren und hinter einem halbhohen Maschendrahtzaun lagen. Dann bewegte sie sich langsam auf das Gartentor zu, blieb wieder stehen. In der Hütte blieb es dunkel. Flöter machte kein Licht. Warum machte er kein Licht?
Vorsichtig trat Julia durch das niedrige Tor und ging auf die Hütte zu. Deren Eingang war von einer hohen Fichte bedeckt, einem ungewöhnlich großen Baum, der nicht so recht in eine Gartenkolonie passen wollte, im Sommer allerdings sicher reichlich Schatten spendete.
Bei der Hütte angekommen, versuchte Julia durch eines der Fenster zu spähen, aber ein Vorhang verhinderte den Einblick. Also schlich sie zur Tür, legte die Hand auf die Klinke und drückte sie langsam, Millimeter für Millimeter, nach unten. Ihr Puls beschleunigte sich. Sanft schob sie die Tür auf und versuchte gleichzeitig, durch den entstehenden Spalt etwas in der dunklen Hütte zu erkennen. Und tatsächlich. Schemenhaft erkannte sie einen Menschen, der auf dem Boden kauerte und von dem sie annahm, dass es Flöter war. Überprüfen konnte sie es nicht, weil in der nächsten Sekunde etwas hinter ihr knirschte.
Julia wirbelte herum und merkte gerade noch, dass da eine weitere Person war. Dann sauste etwas auf ihren Kopf zu. Traf sie schmerzhaft. Und sie sackte in sich zusammen.
Der Schmerz war da, noch bevor die Erinnerung zurückkam, und er war heftig.
Etwas war auf sie zugerast, und zwar so schnell, dass sie keine Möglichkeit mehr gehabt hatte, diesem – was auch immer es gewesen war; angefühlt hatte es sich wie ein Felsblock – auszuweichen.
Das dröhnende Hämmern in Julias Schädel war unerträglich. Dann spürte sie, wie etwas an ihr ruckelte. Hörte eine Stimme, die ihren Namen sagte. Weit weg. Sehr weit weg.
Noch einmal ihr Name.
Und noch einmal.
Schließlich öffnete Julia die Augen, und eine neue Welle des Schmerzes schoss durch ihr Gehirn. Sie zwang sich, die Augen offen zu halten, bis sie sich an die Helligkeit gewöhnt hatte. Dann erkannte sie, dass sie auf dem Boden lag, den Kopf in Evas Schoß gebettet.
„Wo kommst du denn her?“ Vorsichtig richtete Julia sich auf.
„Ich bin dir gefolgt“, sagte Eva. „Glücklicherweise, möchte ich sagen.“
„Hatte ich dir nicht gesagt, du sollst im Wagen bleiben?“
„Willst du jetzt wirklich mit mir diskutieren?“
„Nein.“ Julia griff sich an den Kopf. „Jemand hat mir eins übergezogen.“
„Ich weiß, aber ich konnte die Person nicht erkennen. Ich habe nur einen dunklen Schatten davonlaufen sehen. Gleich darauf ist auch Flöter verschwunden. Konntest du etwas erkennen?“
„Nein.“ Julia beugte sich nach vorne und stützte den Kopf in die Hände. „Wie lange war ich weg?“
„Ein paar Minuten.“
„Prima. Und jetzt sind beide verschwunden.“
„Wieso war Flöter überhaupt in der Hütte? Was kann er hier gewollt haben?“
„Ich weiß es nicht.“ Julia hielt sich immer noch den Kopf. „Es ist ja nicht so, als ginge es in meinem Kopf nicht auch so schon drunter und drüber. Muss man dann auch noch draufschlagen?“
„Kannst du aufstehen?“, fragte Eva.
„Glaub schon.“ Als Julia wieder auf den Beinen stand, atmete sie tief durch, um neue Energie zu tanken. Es funktionierte nicht hundertprozentig, aber immerhin. „Wird schon“, sagte sie zu sich selbst. „Noch nicht ideal, aber ganz gut.“ An Eva gewandt, sagte sie: „Ich weiß, ich sollte es nicht sagen, weil es dich dazu verleiten könnte, weitere Dummheiten zu begehen, aber ich bin froh, dass du mir nachgegangen bist.“
Eva zog die Augenbrauen in die Höhe. „Willst du mir mit diesen vielen Worten etwa danken?“
„Sieht so aus.“
„Prima. Dann nehme ich dieses Highlight des Tages so hin und werde nicht weiter darauf eingehen, denn wenn ich es tue, provoziere ich, dass du es dir wieder anders überlegst und die Worte zurücknimmst.“ Sie hakte Julia unter. „Kannst du gehen?“
„Ja.“
„Sicher?“
„Ja.“
„Gut. Dann lass uns verschwinden. Ich fühle mich äußerst unwohl hier, und das nicht nur wegen der Kälte.“
7. KAPITEL
Der Professor
Susanne sah sich um und erblickte ein Mehrfamilienhaus aus Backstein. „Wo sind wir?“
„In Sicherheit.“ Ihr Entführer stieg aus dem Polo und öffnete die Beifahrertür. Ein eiskalter Wind zog augenblicklich in den Wagen und vertrieb die warme Heizungsluft. „Kommen Sie.“
„Ich denke nicht daran. Ich weiß ja noch nicht einmal, wo wir sind.“
„Nicht weit von Hannover entfernt. Genau genommen gerade mal siebzehn Kilometer.“
„Wirklich? Dafür sind wir aber ziemlich lange gefahren.“
„Es war nötig, einige Schleifen zu fahren, um unsere Verfolger auch wirklich abzuschütteln. Und jetzt kommen Sie. Oder trauen Sie mir etwa immer noch nicht?“
„Machen Sie Witze? Sie haben mich gerade entführt und dann gefühlte Stunden kreuz und quer durch die Gegend gefahren.“
„Ich habe Sie nicht entführt. Ich habe Sie vor einer Entführung bewahrt. Jetzt kommen Sie schon, steigen Sie aus.“
„Nein.“
„Ich bitte Sie.“
Susanne starrte den Mann mit dem struppigen Vollbart an. „Wer sind Sie überhaupt?“
„Mein Name ist Karl Dickfeld. Und wie heißen Sie?“
„Claudia Müller.“
„In Ordnung, Claudia. Sie werden wohl einsehen, dass ich, hätte ich Sie umbringen wollen, es längst getan hätte. Also kommen Sie. Es ist wirklich niemandem geholfen, wenn wir hier draußen erfrieren.“
Widerwillig stieg Susanne aus dem Polo. Der eisige Wind schnitt ihr sofort ins Gesicht.
„Kommen Sie“, sagte der Mann noch einmal, und als sie sich in Bewegung setzte, fügte er hinzu: „Ist alles in Ordnung? Sie hinken und entlasten Ihr rechtes Bein beim Gehen.“
„Tatsächlich? Das ist mir noch gar nicht aufgefallen. Sind Sie Arzt?“
„Nein. Journalist.“
„Wirklich? Darauf wäre ich nicht gekommen. Sie sehen aus wie mein Professor an der Uni.“
„Das ist nichts Neues, das sagen mir alle. Und vermutlich nennen mich deshalb auch alle so: Professor. Meinetwegen können Sie das ruhig auch tun.“
Sie gingen eilig auf das Backsteinhaus zu.
„Bei welcher Zeitung arbeiten Sie?“, fragte Susanne.
„Ich bin zurzeit ohne Job.“
Gleich darauf blieben sie vor der schäbigen Eingangstür des Hauses stehen. Der Professor schloss auf und sah sie an. „Herzlich willkommen in unserem vorläufigen Zufluchtsort.“
Kurz darauf stieß er eine Wohnungstür auf und sagte: „Treten Sie ein.“
Widerwillig betrat Susanne die Wohnung und blieb einen Moment stehen, um sich blinzelnd umzusehen. Hier herrschte ein Chaos, wie sie es noch nie zuvor gesehen hatte. Im Vergleich dazu war ihre eigene Wohnung, als sie noch eine gehabt hatte, ordentlich aufgeräumt gewesen. Die Möbel waren unter den Unmengen an Dingen, mit denen sie überhäuft waren, kaum noch auszumachen. Ein kleiner Fernseher drohte jeden Augenblick von einem Stapel Bücher herunterzupurzeln. Die Regale an der Wand quollen über vor Büchern, die sich unter einer dicken Staubschicht aneinanderdrängten. Eine Wand war von der Decke bis zum Boden mit Papierbogen bepflastert, auf denen dicht an dicht Spalten mit Zahlen standen. Tausende von Zahlen. Einige rot durchgestrichen, andere wiederum mit Blau oder Grün geschrieben.
„Wollen Sie sich setzen?“, fragte der Professor, der hinter ihr eingetreten war.
„Wohin?“, stellte Susanne die Gegenfrage und deutete auf den Krimskrams, der überall herumstand: Fotos, Statuen, Kugelschreiber, Tassen und ein ganzer Haufen Zeug, der auf den ersten Blick nicht zu identifizieren war. Überall lagerten Dinge über anderen Dingen, sodass es ein Wunder war, dass nichts umfiel.
„Oh, natürlich. Warten Sie, ich hole Ihnen einen Stuhl aus der Küche. Und etwas zu trinken.“
Bevor Susanne dazu kam, dankend abzulehnen, war er schon verschwunden.
Kurz darauf kam er mit einem Holzstuhl zurück, den er neben sie hinstellte. Dann verschwand er noch einmal und brachte ein Glas Wasser. Er riss ein Päckchen auf und schüttete ein Pulver hinein, ehe er es ihr reichte.
Skeptisch betrachtete Susanne das Glas. „Sie versuchen doch nicht etwa, mich zu vergiften, oder?“
„Das ist nur Aspirin. Wenn Sie wollen, koste ich davon, ehe Sie es trinken.“
„Nein, schon gut.“ Sie nahm das Glas und stürzte den Inhalt hinunter.
Inzwischen schaffte der Professor ein wenig Platz auf einem Sessel, auf den er sich erschöpft sinken ließ, zog einen Flachmann aus seiner Hosentasche, schraubte ihn auf und trank einen großen Schluck. „Nun ja“, sagte er dann. „Ich schätze, es ist offensichtlich, dass mein Freund nicht sonderlich gut im Aufräumen ist.“
Susanne blickte überrascht. „Das ist gar nicht Ihre Wohnung?“
„Nein. Sie gehört einem guten Freund von mir. Er ist Mathematiker und glücklicherweise gerade im Urlaub. In der Karibik, mit seiner neuen Freundin. Na ja, vermutlich wäre im Augenblick jeder Ort schöner als dieser hier.“ Der Professor nahm noch einen weiteren Schluck aus dem Flachmann. „Aber ich würde mich gerade nur sehr ungern in meiner eigenen Wohnung aufhalten wollen.“ Er streckte die Beine von sich, wobei sich sein Bauch rundlich über den Gürtel seiner Hose schob. „Und jetzt sagen Sie mir: Warum waren Sie im Haus der Anwältin?“
Susanne, deren Knie noch immer zitterten, ließ sich auf den Stuhl sinken, den er ihr gebracht hatte. „Ich wollte mit ihr reden.“
„Worüber?“
„Das ist eine lange Geschichte.“
„Ich schätze, wir haben Zeit. Also fangen Sie am besten ganz vorne an.“
Susanne seufzte leise. Dann holte sie tief Luft und erzählte dem Professor ihre Geschichte. Die Geschichte der letzten fünf Monate.
Als sie geendet hatte, starrte er sie entgeistert an. „Sie sind auf der Flucht vor der Polizei?“
„Ja. Aber ich habe eigentlich nichts getan. Nicht wirklich. Ich wurde in eine Falle gelockt.“
„Sie sind aus einer geschlossenen Psychiatrie … geflüchtet.“
„Ja, das stimmt. Ich bin geflohen. Aber ich sah keine andere Möglichkeit.“
„Sie sind tatsächlich auf der Flucht.“
„Sie haben es jetzt oft genug wiederholt“, bemerkte Susanne gereizt. „Worum es im Augenblick geht, ist ja wohl, dass die Anwältin mich in der Psychiatrie besucht und auf eine Mitpatientin gehetzt hat.“
„Wie war der Name dieser Mitpatientin?“
„Julia Wagner. Ich sollte sie … aushorchen.“
„Warum sollten Sie das tun?“
„Keine Ahnung.“ Susanne hob die Schultern in die Höhe. „Das hat sie mir leider nicht gesagt. Sie sagte nur, ich könne meine Freiheit wiederbekommen, wenn ich Julia ausspioniere.“
„Haben Sie noch Kontakt zu dieser Julia?“
„Nein. Ich habe sie seit meiner Flucht nicht mehr gesehen.“
Der Professor schwieg nachdenklich.
„Was hatten Sie eigentlich beim Haus der Anwältin zu suchen?“, wollte Susanne wissen.
Er sah sie an. „Oh, ich sollte eine Enthüllungsstory schreiben. Sie hat sich vor zwei Tagen bei mir gemeldet und meinte, sie würde mir etwas anbieten, was meine … nennen wir es: ins Stocken geratene … Journalistenkarriere wieder zum Laufen bringen würde.“
„Und haben Sie sich getroffen?“
„Oh ja.“
Der Professor sah auf, als die Frau an den Tisch trat. Eine beeindruckende Gestalt, schlank, gut aussehend, mit einem schwarzen Rock und einer roten Bluse. „Herr Dickfeld?“, fragte sie.
Er nickte, und Britta Stark nahm ihm gegenüber Platz. „Danke, dass Sie sich mit mir treffen.“
„Sehr gerne. Ich fürchte nur, dass das hier“, er deutete um sich, „mein Budget sprengen wird. In dieser Art Restaurants verkehre ich normalerweise nicht.“
„Machen Sie sich darum keine Sorgen. Sie sind eingeladen.“
Ein Kellner trat an den Tisch, die Anwältin bestellte lediglich ein großes Wasser, der Professor entschied sich für einen teuren Cognac.
„Sie dürfen auch gerne etwas essen“, sagte Britta Stark. „Das wäre sicher leberschonender.“
„Danke, ich bin zufrieden.“
Nachdem der Kellner die Getränke gebracht hatte und wieder verschwunden war, gönnte der Professor sich einen großen, wunderbaren Schluck Cognac. Dann noch einen – und gleich darauf war das Glas leer.
Britta Stark musterte ihn über den Tisch hinweg. „Sie hätten ihn mehr genießen sollen. Er kostet ein Vermögen.“
„Worum geht es?“, wollte er wissen.
Die Anwältin beugte sich etwas vor. „Wie ich bereits am Telefon sagte, habe ich eine Story für Sie. Eine, die Ihnen wieder zurück an die Spitze helfen wird.“ Ihr Blick streifte das leere Cognacglas. „Vorausgesetzt, Sie sind dafür nüchtern genug.“
„Das bin ich“, stellte der Professor fest. „Aber genau das bringt mich zu meiner dringlichsten Frage: Warum ausgerechnet ich? Ich meine, ich bin mir völlig im Klaren darüber, dass ich ein alternder Mann bin, der in der modernen, schnellen und knallharten Journalistenwelt eigentlich keine Chance mehr hat. Ich habe meinen Zenit längst überschritten, um es mal so auszudrücken.“
Britta Stark sah ihn herausfordernd an. „Wollen Sie hören, was ich Ihnen zu sagen habe, oder nicht?“
„Sicher will ich. Ich wollte es nur gesagt haben.“
„Gut.“ Sie trank einen kleinen Schluck von ihrem Wasser. Dann faltete sie die Hände wie zum Gebet, legte sie auf den Tisch, beugte sich noch weiter vor und sagte: „Haben Sie schon einmal etwas von den Kranichen gehört?“
Susanne fuhr in die Höhe. „Haben Sie gerade Kraniche gesagt?“
Der Professor nickte. „Sagt Ihnen der Name etwas?“
„Allerdings. Ich hatte in Norwegen die Gelegenheit, einen Ausschnitt einer Mail zu lesen, in der dieser Name fiel: Kraniche. In dieser Mail stand, dass sie mich schon lange im Visier haben.“
„Wie bitte?“ Der Professor blinzelte. „Sie?“
„Ja. Sie hätten mich schon lange im Visier. Mehr stand in der Mail leider nicht.“
„Um Himmels willen, was könnten Sie denn getan haben, um in deren Schussfeld zu geraten?“
„Ich habe keine Ahnung.“ Susanne machte eine kurze Pause. Dann fügte sie hinzu: „Ich habe tausend Fragen, aber nicht eine einzige Antwort.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nur, dass Britta Stark den Auftrag für den fingierten Vergewaltigungsversuch gegeben hat, das habe ich inzwischen herausgefunden. Ich hatte eine Menge Fragen an sie, aber leider war sie tot, bevor sie mir auch nur eine davon beantworten konnte.“
„Nun ja“, setzte der Professor an. „Britta Stark war ein Kranich.“
Susanne sah auf. „Jetzt im Nachhinein, wenn ich so darüber nachdenke, ergibt das natürlich Sinn …“ Sie brach ab und starrte einen Moment lang auf den Boden. Die ganze Situation fühlte sich so unwirklich an. Dann hob sie den Blick wieder und richtete ihn erneut auf den Professor. „Was sind das für Leute?“
„Sie haben wirklich keine Ahnung?“
„Nein.“
„Nun, dann werde ich Ihnen auf die Sprünge helfen.“ Der Professor nahm wieder einen großzügigen Schluck aus seinem Flachmann. „Mir sagte der Name Kranich bis vor einer Woche nämlich ebenfalls nichts. Dann aber, als Britta Stark mit ihren Erzählungen fertig war, war ich, gelinde gesagt, geschockt. Wie ich bereits gesagt habe, war sie ein Mitglied der Kraniche und wollte nun aussteigen.“ Noch ein Schluck aus dem Flachmann. „Ich gebe zu, ich habe gezweifelt, war mir nicht sicher, ob ich nicht auf den Arm genommen werde. Ich wusste es nicht. Ich wusste es wirklich nicht. Als wir auseinandergegangen sind, sagte sie, sie würde sich wieder bei mir melden, und das hat sie auch getan. Gestern Abend. Wir haben uns für heute Abend verabredet. Sie sagte, ich solle zu ihr kommen, dann würde sie mir Beweise liefern für alles, was sie mir erzählt hatte.“ Der Professor hob bedauernd die Hände und ließ sie dann zurück in den Schoß fallen. „Es kam nicht mehr dazu. Jetzt ist sie tot.“
Susanne überlegte, ob sie fragen oder es doch besser lassen sollte. Schließlich entschied sie sich dafür, zu fragen: „Was hat sie Ihnen denn erzählt?“
„Dass es sich bei den Kranichen um eine Organisation handelt, die schon sehr lange existiert, die in sehr schmutzige Geschäfte verwickelt ist und ein festes Ziel hat.“ Der Professor rutschte in seinem Sessel herum, um es sich ein wenig bequemer zu machen. „Damit Sie das alles verstehen, muss ich etwas weiter ausholen.“ Er legte wieder die Lippen an den Flachmann, trank einen Schluck, dann sprach er weiter: „Die Kraniche haben sich bereits in den frühen Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts formiert. Angeführt von einem Mann namens Elmer Nilson, einem Norweger. Bereits damals verfolgten sie ein Ziel. Sie bereiteten sich auf die neue Zeit vor, auch bekannt unter dem Namen: Tausendjähriges Reich.“
„Ach du Scheiße“, entfuhr es Susanne.
„Ja, so kann man es auch nennen“, bemerkte der Professor. „Sie fanden wohl, es sei ihre Aufgabe, dieses Tausendjährige Reich vorzubereiten, und so formierten sie sich, während sich gleichzeitig in Deutschland die ersten Nazis zusammentaten, die denselben bösen Traum hatten, wie Sie wissen.“ Wieder ein Schluck aus dem Flachmann. „Ich muss wohl nicht extra erwähnen, dass sich beide Seiten schon sehr bald zusammentaten. Doch auch nach dem Zweiten Weltkrieg zerfielen die Kraniche nicht, im Gegenteil, sie breiteten sich immer weiter in Deutschland aus, und ihr Einfluss wurde größer und größer. Sie verfügen über einen eigenen Geheimdienst und haben inzwischen überall Spione, die verdammt gut sind, sehr professionell. Äußerst effektiv, sehr verschwiegen und finanziell üppig ausgestattet. Die Leute fürs Grobe, sozusagen, für Schweinereien, die wir uns nicht einmal vorstellen können. Und wollen. Außerdem haben sie eine Menge Leute auf ihrer Gehaltsliste – Polizisten, Politiker, Journalisten, Akademiker … was immer Sie wollen. Diese Leute verstehen etwas von ihrem Handwerk, darauf können Sie sich verlassen. Und so … werden sie schon bald den Krieg führen können, den sie im Sinn haben. Und ihn gewinnen.“
„Mir gefällt das Wort Krieg nicht“, bemerkte Susanne.
„Aber genau genommen befinden wir uns schon mittendrin.“ Der Professor wirkte jetzt sichtlich angespannt. „Die Kraniche wollen den Untergang des Rechtsstaates, und sie setzen alles daran, um das auch zu erreichen.“
„Könnten Sie …“ Susanne schluckte. „Könnten Sie mir etwas davon abgeben?“ Sie deutete auf den Flachmann in der Hand des Professors.
„Aber natürlich. Verzeihen Sie. Ich bin ein schlechter Gastgeber.“ Er erhob sich.
„Ich brauche kein neues Glas“, sagte sie schnell. „Schütten Sie es einfach hier rein.“ Sie hielt ihm das Glas hin, in dem sich vor ein paar Minuten noch das Aspirin befunden hatte.
Der Professor goss es zur Hälfte voll.
„Danke.“ Susanne trank einen großen Schluck. „Wenn es stimmt, was Sie sagen“, setzte sie an, „dann ist das … angsteinflößend.“
„Ja, nicht wahr?“ Der Professor setzte sich wieder. „Der Punkt ist: Die Kraniche sind keine Ansammlung von einsamen Irren mit einer seltsamen Idee.“
„Das finde ich aber schon.“
„Ganz im Gegenteil. Wir reden von einer einflussreichen gesellschaftlichen Kraft. Sie haben eine Menge Anhänger, die neben allen Unterschieden ein gemeinsames Ziel haben. Und das macht sie so gefährlich.“
„Also, ich kann mir nicht vorstellen, dass Deutschland durchzogen ist von Nazis. Dass es ein paar vereinzelte Gruppierungen gibt, ist schlimm genug, aber …“
„Täuschen Sie sich nicht.“
Susanne nahm noch einen Schluck aus ihrem Glas. „Sie meinen das, was Sie sagen, ernst, oder?“, fragte sie dann.
Der Professor hielt ihrem Blick stand. „Ja.“
Sie schwiegen einen Moment.
Dann fragte sie: „Haben Sie einen Beweis für irgendetwas von dem, was Sie mir gerade erzählt haben?“
„Leider nein.“ Der Professor hob entschuldigend die Hände. „Wie gesagt, es kam nur zu dem einen Treffen mit Britta Stark. Bisher habe ich nichts, worauf man einen Finger legen könnte.“
„Vielleicht, weil alles nur erfunden ist. Weil Sie einem Schwindel aufgesessen sind.“ Susanne richtete sich etwas auf. „Ich meine, wie viel Verlass ist auf die Worte einer Anwältin, die nachweislich Dreck am Stecken hatte? Wie glaubhaft ist ihre Aussage über irgendwelche Kraniche, die das Tausendjährige Reich erschaffen wollen und bereits die halbe Regierung infiltriert haben?“ Sie sah ihn herausfordernd an. „Wie glaubwürdig ist das?“
„Sie haben absolut recht“, sagte der Professor. „Ich bin selbst nicht sehr leichtgläubig und habe auch schon darüber nachgedacht, ob das nur ein Schwindel ist. Aber die entscheidende Frage ist doch: Was hätte es Britta Stark gebracht, mir einen derartigen Bären aufzubinden?“
Susanne kniff die Augen zusammen. „Kannten Sie sie vielleicht von irgendwoher? Sind Sie ihr vorher schon einmal begegnet? Hatte sie aus irgendeinem Grund einen Hass auf Sie? Haben Sie vielleicht irgendwann einmal schlecht über sie geschrieben?“
„Nein, nein, nein und nein.“
Diesen Worten des Professors folgte ein weiterer langer Augenblick des Schweigens.
„Und was hat die Anwältin dazu bewogen, die Seiten wechseln zu wollen?“, fragte Susanne dann.
„Das habe ich sie auch gefragt. Sie hat mich angesehen und gesagt …“
„Wir alle müssen uns irgendwann für eine Seite entscheiden. Und ich habe mich entschieden.“
Der Professor stellte das Cognacglas auf den Tisch und schob es ein Stück von sich weg. „Wenn es stimmt, was Sie mir gerade erzählt haben, kann Sie ein Verrat das Leben kosten.“
„Dessen bin ich mir bewusst, aber wie ich gerade sagte, ich habe mich entschieden.“ Die Anwältin griff nach ihrem Mantel. „Irgendwann ist die Zeit reif, zu handeln. Und diese Zeit ist jetzt.“ Damit erhob sie sich, knöpfte den Mantel bis oben hin zu und verließ das Restaurant.
Eilig lief der Professor hinter ihr her. „Warten Sie!“
Vor dem Restaurant blieb sie noch einmal stehen und wandte sich zu ihm um.
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich der Richtige dafür bin“, gestand er.
„Nun, dann denken Sie noch einmal darüber nach.“
„Es ist … gefährlich.“
Ernst sah Britta Stark dem Professor in die Augen. „Es ist Ihre Entscheidung. Sie können jetzt zurück in Ihr gemütliches Zuhause gehen, sich einen Schnaps nach dem anderen hinter die Binde kippen und die Sache vergessen. Wenn Sie jedoch weiter an der Geschichte interessiert sind, dann sehen wir uns wieder.“
Das Licht flackerte, ging für zwei Sekunden aus, dann wieder an.
„Ich habe darüber nachgedacht“, sagte der Professor. „Das Ganze gefiel mir nicht. Ich war immer nur ein einfacher Schmierenschreiber, wenn Sie verstehen, was ich meine. Aber dann … Als sie mich anrief, habe ich mich entschieden, mich doch noch einmal mit ihr zu treffen. Jetzt ist sie tot, und das ist das vorläufige Ende der Geschichte.“
Langsam schüttelte Susanne den Kopf. „Sie wollte also auspacken, und deshalb wurde sie umgebracht.“
„Ja.“ Der Professor hob den Blick und sah sie an. „Und ich glaube zu wissen, wer ihr Mörder ist.“
„Die Kraniche, das habe ich schon verstanden.“
„Nein, ich meine, ich glaube den Namen ihres Mörders zu kennen. Sein Name ist Schiller. Eduard Schiller.“
Wieder flackerte das Licht für einen kurzen Moment.
„Woher …?“, setzte Susanne an.
„Sie hat es mir gesagt.“
„Wer? Britta Stark?“
„Ja. Sie war nach unserem Treffen schon im Taxi, doch dann ist sie noch einmal ausgestiegen und zu mir zurückgekommen. Sie hat gesagt: ‚Wenn mir etwas zustößt, Herr Dickfeld, wenn ich nicht mehr dazu komme, noch einmal mit Ihnen zu sprechen, dann war Eduard Schiller mein Mörder. Merken Sie sich diesen Namen.‘“
Susanne hob die Augenbrauen. „Sind Sie ganz sicher, dass sie das gesagt hat?“
„Ganz sicher. Sie sagte klar und deutlich: Dann war Eduard Schiller mein Mörder.“
„Wer ist das? Was ist das für ein Mann?“
„Warten Sie.“ Der Professor erhob sich, verließ das Wohnzimmer und kam wenig später mit ein paar Papieren zurück. Er setzte sich wieder. „Nach dem Gespräch mit ihr habe ich mich zu Hause ein wenig mit dem Mann auseinandergesetzt, habe im Internet recherchiert und einige alte Zeitungsartikel gefunden.“ Er reichte Susanne ein DIN-A4-Blatt. „Das ist er. Ich hab das Foto im Netz gefunden und ausgedruckt.“
Susanne griff nach dem Papier und schaute ihn dann ungläubig an. „Der sieht ja aus wie George Clooney.“ Man hätte diesen Mann ohne Probleme in einem Lifestylemagazin zeigen können, es wäre kaum jemandem aufgefallen, dass er nicht der berühmte Schauspieler war.
„Ja“, bestätigte der Professor. „Ein schöner Mann, zweifellos.“
„Er sieht überhaupt nicht gefährlich aus.“
„Sagen Sie das Britta Stark. Leider ist der Mann nur nach außen hin schön, in seinem Inneren ist nicht sehr viel Schönes zu finden.“
Susanne ließ das Foto sinken. „Was wissen Sie über ihn?“
„Leider kaum etwas. Nur eine Sache: Vor zwölf Jahren wurde Schiller verhaftet und verurteilt. In den Gerichtsprotokollen war zu lesen, dass er nach einer Taxifahrt mit dem Fahrer in Streit geraten war, weil dieser ihm angeblich zu viel Fahrtkosten berechnet hatte. Es gab ein Handgemenge, bei dem Schiller den Kopf des Fahrers auf das Lenkrad schlug, was diesem das Genick gebrochen hat. Schiller verschwand, stellte sich aber zwei Tage später der Polizei. Und jetzt raten Sie, wer damals seine Anwältin war.“
„Britta Stark?“
„Exakt. Sie hat es geschafft, dass Schiller nur wegen fahrlässiger Tötung angeklagt wurde. Er saß zwei Jahre ab, der Rest wurde zur Bewährung ausgesetzt. Nach seiner Entlassung hat man dann nichts mehr von ihm gehört. Er ist nicht mehr aufgefallen, ist sozusagen scheu geworden wie ein Reh. Offiziell besitzt er ein Antiquitätengeschäft in der Altstadt, lebt dafür aber auf ziemlich großem Fuß. Auf zu großem Fuß, wie ich meine.“
„Aber wenn die Anwältin ihn rausgepaukt hat, dann sollte Schiller ihr doch ein Denkmal setzen und sie nicht umbringen.“
„Er ist ein Mörder.“
„Ja. Das haben Sie bereits gesagt, und der tote Taxifahrer würde das sicher bestätigen, aber es gibt keinen Beweis dafür, dass er Britta Stark umgebracht hat.“
„Er und sie arbeiteten für dieselbe Bande. Für die Kraniche.“
„Das sagen Sie. Ich meine, was diesen Schiller betrifft, ist das allein Ihre Behauptung – oder können Sie es beweisen?“
„Nein. Leider nicht.“
In die darauffolgende Stille drang nur das Rauschen des Windes vor dem Fenster.
„Wie auch immer“, sagte Susanne. „Das ist nicht gut. Das ist gar nicht gut.“
Der Professor stieß einen erleichterten Seufzer aus. „Gott sei Dank, Sie sehen es ein.“
Irritiert sah sie auf. „Wie bitte?“
„Sie sehen ein, dass wir uns gemeinsam darum kümmern müssen.“
„Uns darum kümmern? Wie stellen Sie sich das vor? Ist Ihnen eigentlich klar, wovon wir hier reden? Wir reden von einer verdammten Mafia!“
„Das ist keine Mafia.“ Der Professor rieb sich über die Stirn.
„Für mich schon. Sie sind mächtig, und sie morden kaltblütig. Und was das Schlimmste ist: Sie sind zudem noch verrückt.“ Susanne warf die Hände in die Luft. „Ich kann überhaupt nicht glauben, dass Sie hier sitzen wie Buddha persönlich und offenbar kein Stück Angst haben, während mir nach allem, was Sie mir gerade erzählt haben, die Knie nur so schlottern.“ Sie erhob sich und begann, im Zimmer hin und her zu gehen, weil sie nicht länger still sitzen konnte. Schließlich blieb sie wieder stehen und wandte sich zu ihm um. „Warum gehen Sie nicht zur Polizei? Dann können die sich darum kümmern, das ist schließlich deren Job.“
„Haben Sie mir gerade nicht zugehört?“, sagte der Professor. „Erstens habe ich überhaupt noch keine Beweise, und zweitens befinden sich Kraniche auch in den Reihen der Polizei. Niemand würde mir glauben, und niemand würde mir helfen. Eher würde man vermuten, ich hätte etwas mit der Ermordung der Anwältin zu tun.“
„Der Platz ist schon besetzt. Den habe ich.“
„Nein, es ist noch nicht der richtige Augenblick“, redete der Professor weiter, als hätte er Susannes Einwand nicht gehört. „Wir müssen uns erst einmal alleine darum kümmern. Wir …“
„Das können Sie sich sofort wieder aus dem Kopf schlagen“, fiel Susanne ihm ins Wort.
„So hören Sie mir doch …“
„Nein!“ Susanne wandte sich in Richtung Tür. „Ich bin raus.“
„Wo wollen Sie hin?“, fragte der Professor.
„Weg von hier. Weg von dem ganzen Scheiß.“
Und damit ließ sie die Tür hinter sich ins Schloss fallen.
8. KAPITEL
Ein von Menschen gemachter Albtraum
Dienstag, 21. Dezember
Hannover
Die nächste Person, die die Anwältin Britta Stark fand, war Emilie Wackernagel, ihre Putzfrau, eine kräftig gebaute Frau von Anfang fünfzig. Mit schnellen Schritten und geradem Rücken stapfte sie durch den kniehohen Schnee auf das Haus zu, dann stieg sie die Stufen hinauf, wobei ihr üppiger Busen atemlos wogte – und stellte fest, dass die Tür offen stand.
Emilie hielt einen Moment inne, trat dann verwundert in den Vorraum und rief: „Frau Stark?“
Keine Antwort.
Noch einmal: „Frau Stark?“
Nichts.
Die Putzfrau ging auf das Wohnzimmer zu, dessen Tür ebenfalls offen stand. Sie machte einen Schritt nach vorne, dann noch einen. Und dann sah sie sie.
Ein Geräusch, das nicht zu identifizieren war, drang aus Emilie Wackernagels Mund und wurde gleich darauf zu einem Schrei.
Sie schrie.
Und schrie.
Sie konnte einfach nicht damit aufhören.
Kriminalhauptkommissarin Charlotte Gärtner hasste es. Sie hasste es wirklich. Seit mittlerweile drei Tagen lag Hannover nun schon unter dieser verdammten weißen Decke, und es wollte und wollte einfach kein Ende nehmen. Mindestens zehn Zentimeter Neuschnee waren in der letzten Nacht noch einmal dazugekommen. Und als ob das allein nicht schon schlimm genug wäre, kam zu alldem auch noch Weihnachten hinzu, dieses völlig überbewertete Fest der Liebe.
Und der Heizkessel spielte auch nicht mehr mit. Charlotte stand in ihrem Keller und begutachtete ein paar Sekunden lang den Brenner und die stillen Rohrleitungen. Dann verlegte sie sich darauf, den Kessel anzufunkeln in der Hoffnung, ein böser Blick könnte der Anlage vielleicht Angst einflößen und sie wieder zum Laufen bringen. Bei Verdächtigen funktionierte das immerhin oft genug.
Der Heizkessel ließ sich jedoch davon nicht beeindrucken.
Laut vor sich hin fluchend stieg Charlotte die Treppe hinauf, überquerte den Flur und wickelte sich im Schlafzimmer noch einen weiteren Schal um und zog sich einen weiteren Pullover über. Dabei fiel ihr Blick in den Spiegel am Wandschrank, der eine wenig attraktive Person zeigte, die von der Natur eher wenig begünstigt war – wie sie selbst meinte. Stämmige Beine, eine korpulente Figur und streichholzkurze blonde Haare, die in alle Himmelrichtungen vom Kopf abstanden.
Charlotte Gärtner setzte nicht auf makellose Eleganz und schon gar nicht auf unnötigen Charme. Und jetzt, mit den zwei Pullovern und der dicken Jacke, in die sie sich noch zusätzlich zwängte, sowieso nicht. Um dem Ganzen – im wahrsten Sinne des Wortes – die Krone aufzusetzen, stülpte sie sich noch eine Strickmütze mit Bommel auf den Kopf. Damit konnte dann wirklich und endgültig jedes Bemühen um Stil als gescheitert angesehen werden. Sie ging zurück in den Flur, hauchte in ihre Hände und wollte gerade nach dem Hörer greifen, um den Monteur anzurufen, als das Telefon klingelte. Sie nahm ab, hörte einen Moment zu und sagte dann: „Ich komme.“
Da die Scheiben ihres BMW Z4, der eigentlich winterfest sein sollte – jedenfalls hatte der Verkäufer das behauptet, allerdings war winterfest ein relativer Begriff, wie sich nun herausstellte –, auf allen Seiten von außen und innen gefroren waren, wie sie beim Einsteigen bemerkte, kratzte Charlotte mit einem primitiven Plastikschaber ein paar Minuten lang ohne großen Erfolg an ihnen herum. Da sich ihre Finger trotz Handschuhen schon bald klamm anfühlten, begnügte sie sich mit mehreren kleinen Gucklöchern.
Während der folgenden Fahrt erfassten immer wieder heftige Böen den Wagen und zerrten zornig an seiner Karosserie. Im Schritttempo fuhr Charlotte durch die Stadt, weil sie kaum etwas sah. Zudem musste sie immer wieder gegensteuern, um nicht auf der schneebedeckten Fahrbahn wie ein Spielzeug in die Leitplanken gedrückt zu werden. So ein Wetter hatte sie noch nie erlebt. Selbst mit einer klaren Frontscheibe hätte die Sichtweite kaum mehr als zwanzig Meter betragen. Wetterverhältnisse, die man sonst nur aus dem Fernsehen kannte. Als befände man sich irgendwo in den Alpen und nicht in Norddeutschland.
Und trotzdem, trotz der langsamen Fahrweise kam Charlotte verhältnismäßig schnell am Tatort an. Sie stieg aus ihrem Wagen und zog sich die Bommelmütze tiefer in die Stirn. Da alles um das Haus herum bereits mit rot-weißem Absperrband versehen war, war ihr keine andere Wahl geblieben, als fünfhundert Meter weiter um die Ecke zu parken und sich nun durch die heftigen Schneewehen über die Straße zu kämpfen.
Schließlich erreichte sie einen Kollegen von der Streife, der sie an der Grenze des abgesperrten Bereiches anhielt und mit reichlich Überheblichkeit in der Stimme sagte: „Wo wollen Sie hin?“ Sein Atem wogte wie Rauch in der eisigen Luft.
„In das Haus“, sagte Charlotte.
„Da dürfen Sie nicht rein. Spurensicherung.“
„Ich bin Kriminalhauptkommissarin Charlotte Gärtner. Ich darf rein.“
„Ihren Dienstausweis, bitte.“
Widerwillig suchte Charlotte in ihrer Jackentasche nach dem Dokument, und als sie es endlich gefunden hatte, wedelte sie dem Kollegen damit vor der Nase herum. „Zufrieden?“
Er warf einen Blick darauf und wurde rot. „Tut mir leid. Ich mache nur meinen Job.“
„Ist mein Kollege Tech schon drin?“
„Nein.“
„Wird er auch seinen Ausweis zeigen müssen?“
„Ja.“
„Dann ist es in Ordnung.“
Charlotte ließ den Beamten stehen und betrat gleich darauf das Haus. Im Flur sah sie sich einen Moment lang um, dann hörte sie das Rascheln von Papierüberschuhen, und im nächsten Moment kam ein Mann von der Spurensicherung zu ihr getappt. „Noble Hütte, hm?“, sagte er.
Sie wollte antworten, wurde aber von einem Windstoß unterbrochen, der ins Haus fegte.
„Würden Sie bitte die Tür zumachen?“, sagte sie zu einem der Beamten an der Tür.
Er nickte und tat es.
„Wo ist das Opfer?“, fragte sie dann in Richtung Spurensicherung.
„Im Wohnzimmer.“
Charlotte nickte und folgte dem ausgestreckten Zeigefinger.
Im Türrahmen blieb sie stehen und überriss im Bruchteil einer Sekunde folgende drei Dinge.
Das Opfer war eine Frau.
Das Opfer saß in einem Sessel.
Das Opfer hatte ein Loch in der Brust.
Es herrschte drangvolle Enge am Tatort. Allein von der Spurensicherung wuselten vier Beamte in weißen Schutzanzügen im Wohnzimmer herum. Zwei stellten Fingerabdrücke sicher, während ein dritter Fotos schoss und der vierte für die Nachwelt alles auf Video bannte.
Während die Kamera aufblitzte, stellte Charlotte fest, dass das Opfer Mitte dreißig bis Anfang vierzig war und eine rote Bluse trug, die offenbar aufgerissen worden war, denn der Oberkörper war weitestgehend nackt. Die Beine waren ausgestreckt, beide Hände hingen links und rechts über die Sessellehnen. Der Mund war halb geöffnet, ebenso die Augenlider. Die Pupillen waren nach oben gerichtet, der Blick gebrochen. Es sah aus, als habe die Tote in den letzten Sekunden ihres Lebens und noch bei Bewusstsein in den Abgrund des bevorstehenden Todes geschaut und verstanden, dass nichts und niemand ihr mehr helfen würde.
„Keine schöne Sache, so kurz vor Weihnachten“, hustete eine Stimme hinter Charlotte.
Sie wandte sich um und stand einem großen, sehr dünnen Mann mit struppigem rotblondem Haar gegenüber. Seine Nase war rot, und ein kleiner Tropfen hing an der äußersten Spitze. Zusammen mit dem hellgelben Anorak, den er trug, erinnerte er auffallend an Tweety, den Vogel.
Charlotte seufzte leise. Michael Tech. Ein ganz besonderer Fall. Nicht nur, dass sie mit ihm arbeiten musste und er ihr fürchterlich auf die Nerven ging, nein, er hatte auch die lästige Angewohnheit, sich, wann immer er nervös war oder nachdachte – oder nachdachte und nervös war –, den Finger ins Ohr zu stecken, um darin zu pulen.
Glücklicherweise tat er das jetzt nicht. „Ich bin erkältet und sollte eigentlich im Bett liegen“, sagte er. „Und sprechen sollte ich eigentlich auch nicht.“
„Dann seien Sie am besten still, Herr Tech“, gab Charlotte zurück.
Nein, es verband sie wahrlich keine Liebe. Nicht einmal Freundschaft.
Noch heute erinnerte Charlotte sich mit Genugtuung daran, wie er den Fall in der Psychiatrie Mönchshof vergeigt hatte, nachdem man ihn ihr weggenommen hatte. Oh ja, das war ihr wirklich ein inneres Freudenfest gewesen. Zu gerne hätte sie noch etwas länger in dieser wunderbaren Erinnerung geschwelgt, doch sie versagte es sich, es gab jetzt Wichtigeres zu tun. „Wurde sie so gefunden?“, wollte sie wissen.
„Nein. Sie war vollständig mit einer Wolldecke zugedeckt.“
„Der Mörder hat sie zugedeckt?“
„Keine Ahnung.“
„Wer hat sie gefunden?“
„Die Putzfrau. Sie kam um kurz nach acht Uhr, wollte die Tür aufschließen …“
„Also hat sie einen Schlüssel?“
„Ja. Aber die Tür war bereits offen.“
„Wo ist die Frau jetzt?“
„Sie sitzt draußen in einem Polizeiwagen und wartet.“
„In Ordnung.“ Charlotte richtete sich etwas auf. „Ich werde gleich mit ihr sprechen. Haben Sie schon mit den Nachbarn geredet?“
„Nein.“
„Dann tun Sie es jetzt. Befragen Sie alle. Ob sie Autos oder fremde Personen gesehen haben, die nicht hierhergehören. Die Leute sollen sich den Kopf zerbrechen. Vielleicht ist ja irgendjemandem irgendetwas aufgefallen.“
Widerwillig blickte Tech in Richtung Haustür. Noch viel widerwilliger zog er den Reißverschluss seiner gelben Jacke bis ganz nach oben und brummte: „Okay.“ Kurz darauf war er an der Tür und hatte sie gerade geöffnet, als eine mittelgroße Frau von Ende fünfzig mit blondierten Strähnen und einer roten Brille von Dior auf der Nase hereinkam. Mit einem Hauch von Schärfe in der Stimme fragte sie: „Was haben wir heute?“
Dr. Hannelore Strickner, die Gerichtsmedizinerin. Eine Frau, die nicht viele überflüssige Worte benutzte. Allerdings hatte das, was sie sagte, dafür umso mehr Gewicht.
Charlotte beobachtete, wie die Ärztin auf die Leiche zuging und sie umkreiste, peinlich genau darauf achtend, wohin sie den nächsten Fuß setzte, ehe sie sich nach vorne beugte, um die Schusswunde besser betrachten zu können. Dann öffnete sie ihren Koffer und griff nach einem Thermometer, das sie unter die rechte Achsel der Toten steckte. Während sie abwartete, bis dieses die Temperatur anzeigte, überprüfte sie, ob außer der offensichtlichen Schussverletzung noch weitere Wunden vorlagen.
„Was können Sie mir jetzt schon sagen?“, fragte Charlotte nach einer, wie sie fand, angemessenen Zeit des Abwartens.
„Dass ein einziger Schuss gereicht hat“, sagte die Strickner, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen.
„Mit was für einer Waffe wurde sie getötet, was meinen Sie?“
„Sie wissen, dass ich keine Expertin auf dem Gebiet der Ballistik bin, Frau Kommissarin. Weshalb ich dazu nichts sagen werde.“
„Dann sagen Sie mir, was Sie sagen können.“
„Nun ja, die Wunde lässt auf eine kurze Distanz zwischen Opfer und Täter schließen.“
„Das heißt, sie kannten sich. Sie hat ihrem Mörder vertraut, ihn nahe an sich herangelassen.“
„So scheint es, ja.“
„Und seit wann ist sie tot?“
Die Strickner lächelte dünn. „Der unerschütterliche Glaube der Polizei an Thermometer ist immer wieder beeindruckend. Sie könnten auch die Nachbarn befragen, ob diese vielleicht einen Schuss gehört und dabei zufällig auf die Uhr gesehen haben.“
„Wir sind dabei. Bis dahin würde ich mich gerne auf das Thermometer verlassen.“
„Also schön … Leichenstarre und Totenflecken zusammen mit der Körpertemperatur …“ Dr. Strickner blickte auf das Thermometer. „Schätzungsweise ist die Frau seit gestern Abend tot. Irgendwann zwischen zwanzig Uhr und Mitternacht. Näheres kann ich erst nach der Obduktion sagen. Ich nehme an, es eilt, wie immer. Ich mache so schnell ich kann.“
Charlotte nickte.
Der Kollege von der Spurensicherung kam erneut an ihr vorbei, und sie fragte: „Wie ist der Mörder ins Haus gekommen?“
„Nichts deutet auf einen Einbruch hin“, antwortete er.
Noch ein Indiz dafür, dass Opfer und Täter sich kannten.
„Was ist das?“, fragte die Strickner und deutete auf etwas, das neben dem Sessel der Toten lag. „Das hier. Was ist das?“
„Oh“, sagte der Kollege von der Spurensicherung. „Das ist ein Knopf. Wie Sie sehen, wurde die Bluse des Opfers aufgerissen.“
„Was auf ein Sexualdelikt hindeuten könnte“, bemerkte Charlotte.
„Falls es so geplant war, hat der Mörder von seinem Plan abgelassen“, erklärte die Strickner. „Bisher spricht hier nichts für einen sexuellen Übergriff.“
„Haben Sie sonst noch etwas gefunden?“, wollte Charlotte von dem Kollegen von der Spurensicherung wissen.
„Nein. Bisher nicht“, sagte er.
„Falls sich daran etwas ändert, lassen Sie es mich bitte sofort wissen.“
„Na klar.“
„Sollte ich Rückfragen haben, rufe ich Sie an.“
„Natürlich.“
Zwanzig Minuten später wurde eine fahrbare Trage hereingerollt, und zwei Männer machten sich daran, die Tote in einen Leichensack zu hieven.
Charlotte sah ihnen einen Moment lang zu, dann setzte sie sich ebenfalls in Bewegung.
Es gab noch viel zu tun.
Sehr viel.
9. KAPITEL
Verdammtes Schicksal!
Keine Worte hätten beschreiben können, wie froh Susanne war, dass ein neuer Tag dämmerte. Glücklicherweise endete selbst die längste Nacht irgendwann. Und die letzte Nacht war verdammt lang gewesen. Vielleicht die längste Nacht ihres Lebens.
Sie streckte sich und rieb sich über die Augen, doch leider blieb der Albtraum vom vorigen Abend nicht in der Vergangenheit, im Gegenteil. Britta Stark war und blieb tot.
Schwer atmend richtete Susanne sich auf. Die schweren Vorhänge ließen kein Licht ins Zimmer, an dem sie hätte erkennen können, wie spät es war, und obwohl es warm war, fror sie. Der Rücken tat ihr weh vom Liegen auf der harten Couch, von Zeit zu Zeit musste sie husten, weil sie vermutlich eine Erkältung bekam. Alles in allem nichts Gravierendes, bedachte man den Rest ihrer Situation. Mit großer Willensanstrengung erhob sie sich, ging zum Fenster, schob den Vorhang beiseite und stellte fest, dass der Himmel immer noch genauso grau war wie gestern und dass immer noch dichter Schnee von ihm herabfiel.
Als vorsichtig gegen die Tür geklopft wurde, wandte sie sich um. „Ja?“
Die Tür wurde geöffnet, und sofort stieg ihr der Duft von frisch gebrühtem Kaffee in die Nase.
„Schön, dass Sie wach sind“, sagte der Professor. „Konnten Sie schlafen?“
„Nicht sehr gut.“
„Nun, das ist wohl auch nicht verwunderlich. Sie sollten sich hinsetzen, Sie sind ganz blass.“
Susanne ging wieder zur Couch und ließ sich darauf sinken. Um das Zittern ihrer Hände zu verbergen, nahm sie eines der Sofakissen und umklammerte es wie einen Rettungsring.
„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“, fragte der Professor.
„Klar.“
Er nahm neben ihr Platz, und Susanne stellte fest, dass er nach Cognac, Pfefferminz und Rasierwasser roch. Eine heftige Mischung so früh am Morgen.
„Ich bin froh, dass Sie gestern Nacht noch einmal zurückgekommen sind“, sagte er.
„Na ja …“ Susanne atmete tief durch. „Ich bin zwar manchmal echt bescheuert, aber so bescheuert, dass ich mich bei Schnee und Eis mitten in der Nacht in einer Gegend herumtreibe, die ich nicht kenne, und mich präsentiere wie ein Lamm auf der Schlachtbank, bin ich dann doch nicht.“
„Das war sehr vernünftig von Ihnen.“ Mitgefühl und Verständnis spiegelten sich in den Augen des Professors. „Ich habe Ihnen gestern Abend sehr viel zugemutet. Zu viel. Es tut mir leid. Können Sie mir verzeihen?“
„Natürlich. Trotzdem will ich jetzt so schnell wie möglich zurück nach Norwegen.“
„Wirklich?“
„Ja“, erwiderte Susanne entschlossen. „Sobald ich einen Flieger finde, der mich zurückbringt, bin ich weg.“ Sie erhob sich und fügte hinzu: „Ich habe eingesehen, dass es ein großer, ein wirklich großer Fehler war, nach Deutschland zu kommen. Ich bin noch keine vierundzwanzig Stunden wieder hier und schon über eine Leiche gestolpert. Eine ermordete Leiche. Und als ob das noch nicht reichen würde, hinterlasse ich am Tatort auch noch meine Fingerabdrücke, weil dieser dämliche Taxifahrer mit meinen Handschuhen davongefahren ist. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, erfahre ich von Ihnen, dass ich mich im Fadenkreuz einer Mafia befinde …“
„Die Kraniche sind keine Mafia.“
„… warum auch immer.“ Sie ignorierte seinen Einwand. „Man kann also guten Gewissens sagen: Es ist alles, wirklich alles schiefgelaufen. Das hier übersteigt meinen Verstand und vor allem meinen Mut.“ Susanne machte ein paar Schritte rückwärts und deutete mit dem Finger auf ihre Brust. „Das ist nicht gut für mein Herz, weshalb es am besten ist, wenn ich so schnell wie möglich wieder verschwinde.“ Damit drehte sie sich auf dem Absatz um und ging in den Flur, wo sie begann, in den Taschen ihres Mantels zu suchen. Dann suchte sie in ihrer Handtasche. Schließlich richtete sie sich auf. „Wo ist mein Handy?“
Der Professor erschien in der Tür. „Ich weiß es nicht.“
Susanne suchte noch einmal in ihrem Mantel und in ihrer Handtasche. „Es ist weg.“
„Wann haben Sie es zuletzt benutzt?“
„Gestern Abend. Ich hatte darüber nachgedacht, die 110 anzurufen, nachdem ich die Anwältin gefunden hatte. Dann habe ich es aber gelassen und es wieder in die Manteltasche gesteckt. Dann kam der dunkle Wagen und …“ Susanne brach ab und sah den Professor an. „Meinen Sie, die haben es? Die Leute, die mich entführen wollten?“
„Es wäre möglich“, sagte er.
„Aber das Ganze ging so schnell, die können unmöglich …“ Sie hielt erneut inne und stand einen Moment völlig regungslos da. „Ich bin vor dem Haus ausgerutscht und in den Schnee gefallen. Vielleicht habe ich das Handy dabei verloren. Vielleicht ist es mir aus der Tasche gefallen.“
„Das wäre möglich.“
„Aaaaaaargh!“ Susanne warf die Hände in die Luft. „Natürlich, Welt! Schlag mich nur weiter zusammen, auf ein paar weitere blaue Flecken kommt es ja nicht mehr an!“
Der Professor lächelte leicht. „Baden wir gerade etwas in Selbstmitleid?“
„Ja. Und unter den gegebenen Umständen finde ich das auch durchaus angebracht.“
„Lassen Sie uns lieber darüber nachdenken, was diese Leute mit dem Handy anfangen können.“
„Eigentlich nichts. Es ist nicht auf meinen richtigen Namen angemeldet.“
Als der Professor sie daraufhin fragend ansah, fügte Susanne hinzu: „Claudia Müller ist nicht mein richtiger Name. Ich habe Sie angelogen. Ich heiße Susanne. Susanne Grimm.“
Er nickte langsam. „Ich dachte mir schon so etwas, als Sie erzählt haben, dass Sie auf der Flucht sind.“
„Da habe ich wohl ausnahmsweise mal Glück gehabt.“
„Womit?“
„Mit meinem falschen Namen.“ Susanne verstummte, und der Professor sprach aus, was sie dachte: „Sie können dennoch die Gespräche zurückverfolgen, die Sie getätigt haben. Und die Textnachrichten.“
„Ja.“ Susanne rieb sich über die Augen. „Es nützt ja jetzt nichts mehr, das Handy ist weg. Haben Sie ein Telefon, das ich mal benutzen dürfte?“
Die Verbindung war schlecht. Sehr schlecht.
„Bist … das, Susanne?“
„Hallo Edda.“
„Mann, bin ich … dir … hören. Wie … dir?“
„Ich verstehe dich nicht sehr gut, aber ich schätze, du willst wissen, wie es mir geht. Die Antwort ist: nicht sehr gut.“
„Was … passiert?“
Susanne schwieg einen Moment, dann sagte sie: „Ich war dort und … habe sie gefunden.“
„Wo? …en?“
„Britta Stark. In ihrem Haus. Sie ist tot.“
Einen kurzen Moment lang war nur Rauschen in der Leitung zu hören.
Dann wieder Eddas Stimme: „Was meinst … damit, tot?“
„Sie wurde ermordet.“
„ Was?“
Susanne seufzte leise und erzählte vom vorigen Abend.
„Oh … Gott!“, entfuhr es Edda, als sie geendet hatte. „Susan… du … wirklich zur Polizei …!“
„Du vergisst, dass die mich suchen.“
„Ja … ab… nicht …egen Mordes.“
„Das kann sich ganz schnell ändern. Ich habe in meiner grenzenlosen Dummheit nämlich Fingerabdrücke am Tatort hinterlassen.“
„…as?“
„Und das ist noch nicht alles.“ Susanne erzählte Edda von der Beinaheentführung und vom Professor. „Mach dir keine Sorgen, ich glaube, er ist ein guter Mann.“
„Das … Jo nicht beruhigen, wenn … ihm erzähle.“
Dessen war Susanne sich sicher. Sie war davon überzeugt, dass Jo ihr eine tüchtige Portion skandinavischen Menschenverstand einbläuen würde, wenn er davon erfuhr, weshalb sie sagte: „Ich bitte dich darum, es ihm nicht zu erzählen. Es würde ihn nur aufregen.“
„…sanne, das … verrückt. Du …ennst diesen Mann … nicht. … könnte auch … Mörder sein.“
„Er hat mir gestern Abend vielleicht das Leben gerettet. Und er hat die letzte Nacht nicht genutzt, um mich umzubringen. Das spricht für ihn.“
Edda sagte etwas, was Susanne nicht verstand, das Rauschen in der Leitung wurde immer schlimmer.
„Was?“
„Ich … gefällt mir nicht. Das … alles … merkwürdig.“
„Ich verspreche dir, ich komme zurück nach Norwegen.“
„… guter Plan. Wann?“
„Mit der nächsten Maschine.“
Rauschen.
Rauschen.
Und noch einmal Rauschen.
„Edda, ich kann dich nicht mehr verstehen. Wir müssen Schluss machen.“
„Pass … auf, Susanne. …elde dich …“
„Ja.“
„Versprich …as.“
„Ja. Ich melde mich, sobald ich einen Flug habe. Wirklich, Edda, du wärst die ideale Mutter.“
„… nicht …itzig …“
„Keine Sorge, ich werde den Faden schon halten.“
„Was …ür …nen …aden?“
Die Verbindung war unterbrochen.
„Den, an dem mein Leben hängt“, sagte Susanne und legte den Telefonhörer auf die Gabel. Dann drehte sie sich um und stellte fest, dass der Professor im Türrahmen stand.
„Das heißt, Sie wollen tatsächlich zurück nach Norwegen“, sagte er.
„Sobald mich ein Flieger dorthin bringt, ja. Haben Sie einen Computer?“
„Natürlich.“
„Prima. Es wäre mir eine große Hilfe, wenn ich ihn kurz benutzen dürfte.“
Zehn Minuten später klappte Susanne ernüchtert den Laptop zu. „Heute kein Flug mehr nach Norwegen. Und morgen vermutlich auch nicht. Das heißt, ich sitze hier fest.“
„Das tut mir leid“, sagte der Professor.
„Und mir erst, das können Sie mir glauben.“
„In der allergrößten Not werden Sie Weihnachten eben mit mir verbringen müssen.“
Susanne starrte ihn an, und der Professor hob eilig die Hände. „Da es nichts nützt, wenn Sie die nächsten Stunden hier sitzen und versuchen, mich mit Ihren Blicken zu ermorden, würde ich sagen, ich versuche Wiedergutmachung zu leisten, indem ich Ihnen ein Frühstück zubereite. Was halten Sie davon?“
Susanne atmete tief durch. Er hatte recht. Alles hatte seine Zeit, und es nützte nichts, sich woandershin zu wünschen. „Na ja“, sagte sie. „Dass ich erst einmal hierbleiben muss, heißt ja nicht, dass ich auch verhungern muss.“ Allerdings war sie alles andere als begeistert.
Verdammter Schnee!
Verdammtes Schicksal!
Die Heizung in der Küche war voll aufgedreht, und es war warm wie in einem Treibhaus. Ansonsten unterschied sie sich im Chaos in keiner Weise vom Rest der Wohnung. Alles stand und lag kreuz und quer. Verschmierte Holzlöffel waren wie überdimensionale Mikadostäbchen überall auf der Arbeitsfläche verteilt, und jede Menge ungespülter Töpfe türmten sich aufeinander.
„Kaffee?“, fragte der Professor und trat zu einem Wasserkocher, einem alten Gerät, dessen Stromkabel mit abgerissenen Klebebändern geflickt war.
„Ich würde das Ding an Ihrer Stelle nicht anfassen“, sagte Susanne. „Sie könnten sich einen Schlag holen.“
„Das Risiko werde ich eingehen müssen“, gab der Professor zurück. „Ich habe zu Hause eine nagelneue Kaffeemaschine, aber, wie gesagt, zu Hause. Nehmen wir es, wie es ist: Der Kaffee wird vermutlich nicht besonders toll schmecken, aber er wird – wenn wir es überleben, ihn zu kochen – gratis sein.“
Seufzend schob Susanne ein paar Krümel zur Seite.
Der Professor warf ihr einen kurzen Blick zu und sagte: „Ich will Ihnen nicht auf die Nerven fallen. Sagen Sie einfach Bescheid, wenn ich die Klappe halten soll.“
„Sollen Sie nicht. Ich könnte nicht Sie erwürgen, sondern den Rest der Welt. Und zuallererst mich selbst.“
„Dann ist es ja gut.“
Wenig später stellte der Professor eine Tasse auf den Tisch. „Bitte sehr. Ich hoffe sehr, dass Sie den Kaffee schwarz trinken. Die Milch ist leider alle.“
„Kein Problem.“ Susanne trank einen Schluck. „Uh, der ist aber stark.“
Der Professor machte sich daran, im Kühlschrank zu suchen, und kramte neben einem vergammelten Salatkopf eine Packung Eier heraus. „Wie wäre es mit Spiegeleiern? Ich bin ein Spiegeleierspezialist.“
Was heillos übertrieben war.
Was da am Ende vor Susanne auf dem Teller lag, war beunruhigend blass und sah wenig appetitlich aus. Sie aß aus reinem Pflichtgefühl ein paar Bissen davon. „Tut mir wirklich leid, dass ich Sie vorhin angepampt habe“, entschuldigte sie sich. „Ich weiß ja, dass es nicht Ihre Schuld ist, dass ich hier fest und einmal mehr in einem Haufen Mist sitze.“
„Schon in Ordnung. Wenn es Sie beruhigt: Sie werden nicht sehr lange hier feststecken. Sie wissen doch, wie das bei uns im Norden mit dem Winter ist. Er dauert meistens nicht länger als vier oder fünf Tage. Schon bald können Sie nach Norwegen zurück. Sollte ich mich irren, baue ich Ihnen mit meinen eigenen Händen einen Schlitten. Das verspreche ich.“
„Uh yeah“, machte Susanne. Dann stocherte sie wieder ein paar Sekunden in ihren Eiern herum. „Ich frage mich, ob die Polizei die Leiche der Anwältin schon gefunden hat. Und damit meine Fingerabdrücke.“ Unglücklich verzog sie das Gesicht. „Ich darf gar nicht darüber nachdenken. Die werden ein weiteres Profil von mir erstellen. Ein Täterprofil, das sich glatt und ohne Kanten einfügen wird in alles, was bereits in der Psychiatrie über mich diagnostiziert wurde.“
Der Professor winkte ab. „Wenn es bereits ein Profil von Ihnen gibt, werden sie kein neues erstellen.“
„Danke, jetzt geht es mir schon viel besser.“
„Davon abgesehen kann man Täterprofile nur erstellen, wenn man es mit einem Serienmörder zu tun hat, und nach dem, was Sie mir gestern Abend erzählt haben, hat der Mann, dem Sie die Glasscherbe in den Rücken gerammt haben, ja wohl überlebt. Oder haben Sie sonst noch irgendwelche Leichen im Keller?“
Susanne schüttelte den Kopf, und der Professor fügte hinzu: „Sehen Sie. Und selbst wenn, sind solche Täterprofile ziemlich zweifelhaft, auch wenn sie sich in der Presse natürlich gut machen, wie ich aus eigener Erfahrung zugeben muss.“ Er hob eine Hand. „Wir von der Presse können über alle möglichen Mörder schreiben, die es gar nicht gibt. Für jede Fantasie den passenden, wenn Sie so wollen.“
„Und in welcher Weise soll mich das jetzt irgendwie trösten?“
„Ich wollte es nur gesagt haben.“
„Na dann, danke.“ Susanne widmete sich wieder den Eiern, und der Professor zog seinen Flachmann aus der Hosentasche. Er schüttete einen kräftigen Schuss Cognac in seinen Kaffee und fragte: „Möchten Sie auch?“
„Ist es nicht ein bisschen früh für Alkohol?“
„Was ist zu früh, und was ist zu spät?“ Der Professor trank einen großen Schluck aus der Tasse. „Und was macht es für einen Unterschied?“
„Na ja, zum Beispiel den, dass Sie einen klaren Kopf haben sollten, wenn Sie den Kampf mit den Kranichen aufnehmen wollen.“
„Von was für einem Kampf reden Sie? Der Kampf ist doch sowieso schon verloren. Die Anwältin ist tot, und Sie werden mich auch schon bald wieder verlassen.“
Mit der Spitze ihrer Gabel deutete Susanne auf die Tasse des Professors. „Haben Sie deswegen zurzeit keinen Job?“
Er sah sie fragend an. „Weswegen? Oh, Sie meinen den Alkohol.“ Er seufzte leise. „Nun ja, es könnte durchaus sein, dass ich ein guter Journalist hätte werden können, wenn ich dem ein oder anderen Tropfen ein bisschen weniger Aufmerksamkeit geschenkt hätte.“ Erneut seufzte er leise auf. „Als junger Mann hatte ich alle Voraussetzungen für eine große Karriere. Aber dann … Nun ja, mit dem Leben ist es wie mit einem Pendel, nicht wahr? Es kann in alle Richtungen ausschlagen.“
Damit hatte er zweifellos recht.
„Und Sie dachten, die Story um die Kraniche würde Sie groß raus- und auf die Titelseite bringen?“, sagte Susanne.
„Nun ja, die Story hätte mir auf jeden Fall nicht geschadet.“
„Für welche Zeitung wollten Sie schreiben?“
„Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Erst die eigentliche Geschichte, dann der Entschluss, wer sie bekommt. Nur eins steht fest: Ich verkaufe nicht an jeden.“ Der Professor neigte den Kopf etwas zur Seite. „Aber die Frage stellt sich ja nun nicht mehr.“
Einen Moment schwiegen sie.
Dann sagte Susanne: „Ich fühle nicht wie Sie.“
Der Professor hob den Blick und sah sie an. „Was meinen Sie?“
„Ich meine, das, was Sie drängt, ich verstehe es, aber … ich empfinde etwas ganz anderes. Ich empfinde Trauer. Und Hilflosigkeit. Und Angst. Von allem etwas. Mir ist im Augenblick einfach nur zum Weinen.“
„Haben Sie auch Schuldgefühle?“
„Ja.“ Susanne nickte. „Wenn ich ein paar Minuten früher im Haus der Anwältin gewesen wäre und rechtzeitig den Notarzt gerufen hätte …“
„Wenn Sie ein paar Minuten früher im Haus der Anwältin gewesen wären, wären Sie jetzt vielleicht tot.“
„Kann sein.“
„Sie sind nicht dafür verantwortlich.“
Susanne blickte einen Moment vor sich hin, dann erhob sie sich vom Tisch. „Ich brauch eine Zigarette.“
Draußen verschwammen die Konturen. Alles war weiß. Oben. Unten. Überall.
Susanne rauchte zum Fenster hinaus und war dankbar für den frischen Sauerstoff, auch wenn die Luft, die hereinströmte, eisig kalt war.
Schließlich warf sie die Zigarette aus dem Fenster, schloss es und ging langsam um den Tisch herum, bis sie den Professor ansehen konnte.
Die Uhr an der Wand tickte.
Und tickte.
Er fragte: „Was ist?“
Und sie antwortete: „Sie war noch nicht tot, als ich sie fand.“
„Wer?“
„Die Anwältin.“
„Wie bitte?“ Der Professor richtete sich auf. „Sie hat noch gelebt?“
Susanne zog sich den Stuhl wieder heran, auf dem sie vor der Zigarette gesessen hatte, und ließ sich erneut darauf sinken. „Ja. Sie starb erst wenig später. Und sie hat noch mit mir gesprochen.“
„Was hat sie gesagt?“
„Sie sprach von einer Kassette.“
„Von was für einer Kassette?“
„Keine Ahnung.“ Susanne holte tief Luft. „Sie sagte, ich solle sie finden, dürfe aber nicht hineinsehen.“
Der Professor blickte skeptisch. „Was soll es Ihnen bringen, wenn Sie nicht hineinsehen dürfen?“
„Keine Ahnung. Ich hab das alles sowieso gar nicht richtig begriffen. Ich hätte einen Krankenwagen rufen und verschwinden sollen. Ich hätte …“
„Hat sie sonst noch etwas gesagt?“
„Sie sagte, die Engel würden mich leiten. Und dass ich sie vor ihnen finden müsse.“
„Vor wem?“
„Ich weiß es nicht.“ Susanne schüttelte den Kopf. „Ich weiß wirklich nicht, was das alles zu bedeuten hat. Aber das ist ja jetzt auch egal, weil …“
„Die Kraniche.“
Überrascht sah Susanne auf. „Wie bitte?“
„Vielleicht befinden sich in dieser Kassette Beweise, die die Kraniche enttarnen. Die ganze Wahrheit.“
„Vielleicht.“ Susanne legte die Hände auf den Tisch. „Aber selbst wenn es so wäre, wie sollte ausgerechnet ich diese Vögel überführen, zumal wenn ich noch nicht einmal in die Kassette hineinsehen darf? Geschweige denn, dass ich wüsste, wo ich diese Kassette finden könnte.“
Wie am Abend zuvor flackerte das Deckenlicht kurz auf und erlosch dann.
„Was zum Teufel ist mit den verdammten Glühbirnen los?“, entfuhr es Susanne.
„Es liegt nicht an den Birnen, sondern an dem schlechten Wetter“, gab der Professor zurück.
Das Licht ging wiederholt an und aus, bis es schließlich anblieb.
Susanne atmete tief durch. „Tut mir leid. Ich hab gerade nicht die besten Nerven.“
Der Professor nickte verständnisvoll. „Kommen wir zum Thema zurück.“
„Mehr gibt es nicht zu sagen. Kassette und Engel. Und nicht hineinsehen. Das hat die Anwältin gesagt, und dann war sie tot.“
„Aber wenn sie kurz vor ihrem Ableben ausgerechnet davon gesprochen hat, dann muss es sehr wichtig für sie gewesen sein.“
„Oder … es gibt gar keine Kassette.“
„Warum sollte sie Ihnen von einer Kassette erzählen, die es gar nicht gibt?“
Auch diese Logik war nicht von der Hand zu weisen.
Trotzdem sagte Susanne: „Keine Ahnung, die Frau war kurz vorm Sterben. Vermutlich hatte sie starke Schmerzen. Stress. Angst. Da kann im Kopf bestimmt was durcheinandergeraten.“
„Sonst hat sie wirklich nichts gesagt?“, hakte der Professor nach. „Das war alles?“
„Ja.“ Susanne klappte den Mund zu, öffnete ihn wieder und sagte: „Nein.“ Sie griff in ihre Hosentasche und legte die Visitenkarte auf den Tisch. „Bevor sie starb, sagte sie noch, dass ich die hier an mich nehmen soll.“
Der Professor griff nach der Karte und betrachtete sie ausgiebig.
„Da steht was drauf“, fügte Susanne hinzu. „In Blindenschrift. Warum auch immer.“
„Diese Karte hat sie Ihnen gegeben?“
„Nein. Sie sagte mir, wo ich danach suchen soll. In ihrem BH.“
„Wie bitte?“ Der Professor blickte irritiert.
Susanne hob abwehrend die Hände. „Ich schwöre, genauso war es. Sie sagte, ich solle in ihrem BH nachsehen, das hab ich getan, und dort habe ich die Karte gefunden.“
„Hm.“ Mit den Fingerspitzen strich der Professor über das feste Papier. „Was ist daran so besonders, dass sie sie in ihrem BH versteckt hat?“
„Das weiß ich nicht. Das müsste man sie fragen, aber das geht ja leider nicht mehr.“
„Die Karte muss eine ganz besondere Bedeutung haben. Und was ist mit dieser Kassette, von der sie gesprochen hat?“ Der Professor richtete sich etwas auf. „Die Karte hier könnte ein Hinweis darauf sein, wo die Kassette zu finden ist.“
„Möglich.“ Susanne seufzte. „Ich kann leider keine Blindenschrift.“
„Ich auch nicht.“ Der Professor betrachtete ein paar Sekunden lang schweigend die Visitenkarte in seiner Hand. Dann erhob er sich plötzlich. „Aber ich kenne jemanden, der sie beherrscht. Kommen Sie.“
Susanne blickte verwirrt. „Wohin?“
„Ich sagte doch gerade, ich kenne jemanden, der Blindenschrift beherrscht. Nun kommen Sie schon. Oder haben Sie etwas Besseres vor, solange es kein Flugzeug gibt, das Sie zurück nach Norwegen bringt?“
Pulsuz fraqment bitdi.