Kitabı oxu: «Nach Hause kommen zu sich selbst»
Tara Brach
Nach Hause kommen zu sich selbst
Im eigenen erwachten Herzen Zuflucht und Geborgenheit finden

Wichtiger Hinweis
Die im Buch veröffentlichten Empfehlungen wurden von Verfasserin und Verlag sorgfältig erarbeitet und geprüft. Eine Garantie kann dennoch nicht übernommen werden. Ebenso ist die Haftung der Verfasserin bzw. des Verlages und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ausgeschlossen.
Aus dem Englischen von
Nayoma de Haën
Titel der Originalausgabe:
True Refuge.
Finding Peace and Freedom
in Your Own Awakened Heart.
Copyright © 2012 by Tara Brach
First published in 2013 in the US by Bantam Press
Deutsche Ausgabe:
© KOHA-Verlag GmbH Burgrain
Alle Rechte vorbehalten
1. Auflage 2014
Lektorat: Traudel Reiss
Fotos: Fotolia – S. 2/3, 10, 204/205, 354/355, 403;
Shutterstock – S. 18/19, 96/97
Cover: © Kim Hoang, Guter Punkt, unter Verwendung
von Motiven von shutterstock und thinkstock
Layout: Birgit-Inga Weber
Gesamtherstellung: Karin Schnellbach
ISBN 978-3-86728-734-0
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
Für Jonathan,
dessen Herz eine liebevolle, sichere Zuflucht ist,
und seinen guten Humor,
eine der großen Freuden dieses Lebens.
Inhaltsverzeichnis
PrologDas Leben lieben, wie es ist
Teil IUnsere Suche nach Zuflucht
1.Winde der Heimkehr
2.Das Heim verlassen – Die Trance des kleinen Selbst
3.Meditation – Der Weg zur Präsenz
4.Drei Tore zur Zuflucht
Teil IIDas Tor der Wahrheit
5.RAIN – Achtsame Präsenz in schwierigen Zeiten kultivieren
6.Zum Leben im Körper erwachen
7.In den Fängen des Verstands – Das Gefängnis des zwanghaften Denkens
8.Zentrale Überzeugungen erforschen
Teil IIIDas Tor der Liebe
9.Herzensmedizin für traumatische Ängste
10.Selbstmitgefühl – Den zweiten Pfeil entfernen
11.Der Mut, zu vergeben
12.Hand in Hand – Gelebtes Mitgefühl
13.Verlieren, was wir lieben – Der Schmerz der Trennung
Teil IVDas Tor des Gewahrseins
14.Zuflucht zum Gewahrsein
15.Ein zu allem bereites Herz
Danksagung
Genehmigungen
Auswahl an Kommentaren zu diesem Buch
Über die Autorin
Geführte Besinnungen und Meditationen
1 • Innehalten für Präsenz
2 • Herzensgüte – Freundliche Zuwendung zu sich selbst
3 • Zurückkommen
• Hier sein
4 • Das Wichtigste erinnern
5 • Sich mit RAIN Schwierigkeiten zuwenden
• Eine »Leicht«-Version von RAIN für die unmittelbare Anwendung im Alltag
6 • Sich mit RAIN Schmerzen zuwenden
• Das Lächeln des Buddha
7 • Meine Top-Ten-Hits
• Sich mit RAIN zwanghaftem Denken zuwenden
8 • Bestandsaufnahme von Überzeugungen
• Überzeugungen auf frischer Tat ertappen
9 • Herzensgüte – Liebe annehmen
• Tonglen – Heilsame Präsenz und Angst
10 • Selbstvergebungs-Scan
• Den Krieg mit sich selbst beenden
11 • Anderen von Herzen vergeben
12 • Tonglen – Das mitfühlende Herz erwecken
• Herzensgüte – Hinter die Fassade schauen
13 • Gebet für schwierige Zeiten
14 • Den Innenraum erkunden
• Wer bin ich?
• Einen Schritt zurücktreten
15 • Wunschgebet
• Wahre Zuflucht finden
Wenn du einsam bist oder in Dunkelheit,
wünschte ich,
dir das erstaunliche Licht
deines eigenen Seins zeigen zu können!
Hafiz
(Nachübersetzung der engl. Übersetzung
von Daniel Ladinsky)
Prolog
Das Leben lieben, wie es ist
In meinen frühesten glücklichen Erinnerungen spiele ich im Meer. Nachdem meine Familie dazu übergegangen war, die Sommer in Cape Cod zu verbringen, wurden mir die niedrigen Kiefernwälder, die hohen Dünen und die Weite der weißen Sandflächen zu einer echten Heimat. Stundenlang waren wir am Strand, tauchten in den Wellen, ließen uns von ihnen an den Strand tragen und übten unter Wasser Purzelbäume. Sommer um Sommer füllte sich unser Haus mit Freunden und Verwandten – und später mit Partnern und neuen Kindern. Es war ein gemeinschaftliches Himmelreich. In der salzigen Luft, unter dem weiten Himmel und an der stets lockenden See war Platz für alles, was es in meinem Leben gab, auch für eventuelle Schwierigkeiten, die ich im Herzen trug.
Dann kam der Morgen, es ist noch gar nicht so lange her, an dem zwei Autos voller Freunde und Verwandten ohne mich in Richtung Strand aufbrachen. Aus dem Mädchen, welches zum Abendessen nur mit Mühe aus dem Wasser zu holen war, war eine Frau geworden, die nicht mehr über den Sand gehen oder im Meer schwimmen konnte. Nach zwei Jahrzehnten, in denen sich meine Gesundheit mysteriöserweise immer mehr verschlechterte, erhielt ich schließlich eine Diagnose: Ich hatte eine unheilbare, genetisch bedingte Krankheit, die im Wesentlichen nur durch Schmerzmittel behandelt werden konnte. Auf der Terrasse unseres Sommerhauses sitzend sah ich zu, wie sich die Autos entfernten, und es zerriss mich schier vor Kummer und Einsamkeit. Während die Tränen flossen, war ich mir nur einer einzigen Sehnsucht bewusst: »Bitte, bitte, lass mich Frieden finden, lass mich einen Weg finden, das Leben so zu lieben, wie es ist.«
Aus dieser Suche nach einem inneren Ort des Friedens, der Verbundenheit und Freiheit, der auch unter schwersten Herausforderungen trägt, entstand dieses Buch. Ich nenne diesen inneren Ort »wahre Zuflucht«, weil er von allen äußeren Dingen unabhängig ist – von Situationen, Personen, Heilungen, sogar Stimmungen und Emotionen. Das Verlangen nach einem solchen Zufluchtsort ist universell. All unsere Wünsche und Ängste entspringen dieser Sehnsucht. Wir sehnen uns nach der Gewissheit, mit dem umgehen zu können, was auf uns zukommt. Wir möchten uns selbst vertrauen, dem Leben vertrauen. Wir möchten aus der Fülle dessen leben, was wir sind.
Meine Suche nach Zuflucht führte mich noch tiefer in die spirituellen Lehren und die buddhistischen Meditationen, die in meinem Leben ohnehin schon eine zentrale Rolle spielten. Ich bin eine klinische Psychologin und lehre seit über dreißig Jahren Meditation. Ich bin auch Mitbegründerin und Lehrerin am Insight Meditation Center in Washington D.C. Aus meiner eigenen inneren Arbeit und meiner Arbeit mit anderen entstand mein erstes Buch Mit dem Herzen eines Buddha: Heilende Wege zu Selbstakzeptanz und Lebensfreude. Ich hatte auch angefangen, Psychologen und Laien zu vermitteln, wie sich Meditation und emotionale Heilung verbinden lassen. Die tiefe Unsicherheit dieser Existenz, die meine innere Welt zu der Zeit meiner Diagnose erschütterte, ließ mir die Lehren, die mich schon so lange leiteten, noch unmittelbarer und lebendiger werden.
In der buddhistischen Tradition, in der ich lehre, verwenden wir das Pali-Wort Dukkha, um den emotionalen Schmerz in unserem Leben zu beschreiben. Dieses Wort wird häufig mit »Leiden« übersetzt, doch Dukkha umfasst all unsere Erfahrungen von Stress, Unzufriedenheit, Angst, Kummer, Sorgen, Frustration und allgemeiner Lebensunlust. Ursprünglich bezeichnet Dukkha einen Karren mit einem gebrochenen Rad. Wenn wir leiden, sind wir im Ungleichgewicht und holpern beschwerlich über den Weg unseres Lebens. Wir fühlen uns zerschlagen oder »daneben«, fern von jeglichem Gefühl der Zugehörigkeit. Manchmal zeigt sich dies einfach in einer subtilen Rastlosigkeit oder Unzufriedenheit; zu anderen Zeiten springt es uns als herzzerreißender Kummer oder lähmende Angst an. Doch wenn wir genau hinhören, entdecken wir unter der Oberfläche all unserer Beschwerden und Kümmernisse ein Grundempfinden der Einsamkeit und Unsicherheit, als sei etwas in unserem Leben verkehrt.
In Mit dem Herzen eines Buddha: Heilende Wege zu Selbstakzeptanz und Lebensfreude schrieb ich über den tiefen, alles durchdringenden Schmerz der Scham, das Leiden unter der Überzeugung, dass »etwas mit mir nicht stimmt«. Diesmal wende ich mich Dukkha in einem umfassenderen Sinn zu. Seit mein erstes Buch veröffentlicht wurde, habe ich schwere Verluste durchlebt – den Tod meines Vaters, den körperlichen und psychischen Verfall mir nahestehender Menschen und die Konfrontation mit meiner eigenen chronischen Krankheit. Auch viele meiner Schüler machten große Umwälzungen durch. Manche verloren ihre Arbeit. Sie sorgen sich um ihren Lebensunterhalt und hungern nach einer sinnvollen Tätigkeit. Andere entfremdeten sich von Freunden oder ihrer Familie und sehnen sich nach Verbindung. Und sehr viele mühen sich mit dem Altern, mit Krankheit und der Unausweichlichkeit des Sterbens ab. »Etwas stimmt nicht mit mir« verstrickt sich für sie mit dem Schmerz des Ringens mit dem Leben an sich. Dem Buddha zufolge ist diese Erfahrung der Unsicherheit, Getrenntheit und grundlegender »Verkehrtheit« unvermeidlich. Als Menschen sind wir geprägt, uns getrennt und mit unserem wechselhaften und unkontrollierbaren Leben im Widerstreit zu fühlen. Dieses Grundgefühl ist der Ursprung der ganzen Bandbreite unserer verstörenden Emotionen wie Angst, Ärger, Scham, Kummer, Eifersucht und Neid sowie all der uns einschränkenden Geschichten und all der reaktiven Verhaltensweisen, die unseren Schmerz noch verstärken.
Doch der Buddha bot uns auch eine radikale Verheißung an, die sich in vielen anderen Weisheitstraditionen wiederfindet: Wir können in unserem eigenen Herzen und in unserem eigenen Geist Geborgenheit und Zuflucht finden – genau hier, genau jetzt, mitten in unserem aktuellen Leben. Wir finden wahre Zuflucht, wann immer wir jenseits all unserer Geschäftigkeit und all unseres Strebens den stillen Raum des Gewahrseins erkennen. Wir finden Zuflucht, wann immer wir zartfühlend und mit Liebe unser Herz öffnen. Wir finden Zuflucht, wann immer wir uns mit der Klarheit und Intelligenz verbinden, die unserer wahren Natur zu eigen sind.
In Nach Hause kommen zu sich selbst versuche ich, mit dem Begriff »Präsenz« die Unmittelbarkeit und Lebendigkeit dieses grundlegenden Gewahrseins zum Ausdruck zu bringen. Präsenz ist schwer zu beschreiben, weil sie eine unmittelbare Erfahrung ist und kein Konzept. Wenn ich diese stille innere Wachheit des Jetzt spüre, kehre ich zu einem Empfinden der Ganzheit, des Heilseins zurück. Ich bin zu Hause, in meinem Körper, in meinem Herzen, auf der Erde und in der Gemeinschaft mit allen Wesen. Präsenz erschafft ein grenzenloses Heiligtum, in dem alles Platz hat, was zu meinem Leben gehört – selbst die Krankheit, die mich daran hindert, die Wellen zu reiten.
In diesem Buch finden Sie viele Geschichten von Menschen, die inmitten von Krisen und Verwirrung Präsenz erlebten. Ich erzähle auch von einigen der großen Herausforderungen, mit denen ich selbst in den letzten Jahrzehnten konfrontiert wurde. Ich hoffe, manche dieser Geschichten stellen eine Verbindung zu Elementen Ihrer eigenen Situation her. Anhand dieser Erfahrungen werden wir die Kräfte erforschen, die uns davon abhalten, präsent zu sein, und uns so häufig dazu verleiten, falschen Zufluchten nachzugehen. Ich rege auch zu vielen verschiedenen Übungen an, die mir und anderen zuverlässig halfen, Präsenz zu erfahren. Manche davon sind alt, manche neu, und manche entsprechen direkt den Erkenntnissen der modernen Neurowissenschaften. Zu diesen Übungen gehört auch eine der praktikabelsten, alltagstauglichsten Achtsamkeits-Meditationen, die ich kenne. Das Akronym RAIN steht für die vier Schritte dieses Prozesses, mit dem wir uns vielen schwierigen Emotionen an Ort und Stelle zuwenden können und der sich an praktisch jede persönliche Situation anpassen lässt.
Die Struktur von Nach Hause kommen zu sich selbst orientiert sich an den drei grundlegenden Toren der Zuflucht, die sich in jeder buddhistischen Strömung und in vielen anderen Traditionen finden: Wahrheit (des gegenwärtigen Augenblicks), Liebe und Gewahrsein. Jedes dieser Tore öffnet uns unmittelbar für Heilung und spirituelle Freiheit. Diese Tore enthalten die Schlüssel zur Überwindung weit verbreiteter Schwierigkeiten wie zwanghaftes Denken, begrenzende Überzeugungen und traumatische Ängste. Mit ihrer Hilfe können wir uns tiefer mit Selbstmitgefühl verbinden und mehr Intimität in Beziehungen erleben. Sie sind auch der Schlüssel zu Frieden und Glück und dazu, uns in unserem Leben zu Hause zu fühlen.
An jenem Tag in Cape Cod wusste ich nicht, ob ich angesichts einer Zukunft voller Schmerzen und körperlicher Einschränkungen je wieder meines Lebens froh werden könnte. Während ich weinte, setzte sich Cheylah, einer unserer Pudel, neben mich und stupste mich besorgt an. Cheylahs Gegenwart tröstete mich und verband mich wieder mit dem Hier und Jetzt. Nachdem ich sie eine Weile gestreichelt hatte, erhob ich mich, um mit ihr ein Stück spazieren zu gehen. Ich überließ ihr die Führung, und wir schlenderten einen bequemen Fußweg entlang, von dem aus man die Bucht überschauen konnte. Das Weinen hatte mich ruhig und offen gemacht. Mein Herz umfasste alles – die Beschwerden in meinen Knien, die Weite des glitzernden Wassers, Cheylah, meine unbekannte Zukunft, das Schreien der Möwen. Nichts fehlte, nichts war falsch. In diesen Momenten wahrer Zuflucht erahnte ich eines der größten Geschenke des buddhistischen Wegs: die Fähigkeit, »grundlos glücklich« zu sein; das Leben zu lieben, wie es ist.
Wenn Sie sich zu diesem Buch hingezogen fühlen, haben Sie sich einem Weg wahrer Zuflucht bereits geöffnet. Vielleicht haben Sie gegen sich angekämpft und sehnen sich danach, freundlicher mit sich selbst umzugehen. Vielleicht ringen Sie mit einer Abhängigkeit und sehnen sich danach, ein Leben ohne Zwang und Scham zu führen. Vielleicht sind Sie mit einem Verlust konfrontiert worden – einer Arbeitsstelle, eines lieben Menschen, Ihrer Gesundheit – und fragen sich, ob sich Ihr Herz je wieder davon erholen wird. Vielleicht belastet Sie die ungeheure Menge an Leiden in unserer Welt, und Sie suchen nach einem Weg, zu dessen Heilung beizutragen. Wie schwierig die Situation auch immer ist – der Weg der Zuflucht in eine heilsame und befreiende Präsenz steht immer offen.
Das Verfassen dieses Buches war eine Entdeckungsreise. Jeden Tag lernte ich aus meinen eigenen Erfahrungen und aus den Erfahrungen der Menschen in meiner Umgebung. Mögen Ihnen diese Lehren und Übungen während unseres gemeinsamen spirituellen Weges als Gefährten dienen und Ihnen Zuversicht schenken.
Teil I
Unsere Suche nach Zuflucht
1
Winde der Heimkehr
Ach, nicht getrennt sein,
nicht durch so wenig Wandung
ausgeschlossen vom Sternen-Maß.
Innres, was ist’s?
Wenn nicht gesteigerter Himmel,
durchworfen mit Vögeln und tief
von Winden der Heimkehr.
Rainer Maria Rilke
Am Ende eines eintägigen Meditationsseminars nahm mich Pam, eine Frau Ende sechzig, beiseite. Pam und ihr Mann Jerry befanden sich am Ende eines schweren Weges, der drei Jahre zuvor begonnen hatte. Nun stand Jerry kurz davor, an seinem Lymphom zu sterben. Er hatte Pam gebeten, ihn durch diese letzte Phase seines Lebens zu begleiten.
»Tara«, flehte sie, »ich brauche dringend Hilfe.« Pam versuchte verzweifelt, alles Menschenmögliche für ihren Mann zu tun. »Ich möchte ihn so gerne retten«, erklärte sie mir. »Ich habe mich mit Ayurveda, chinesischer Medizin, Kräuterheilkunde und jeder alternativen Therapiemethode beschäftigt, die ich finden konnte. Ich habe alle Studien durchforstet …, ich war mir sicher, wir kriegen das hin.« Sie lehnte sich erschöpft zurück und ließ ihre Schultern hängen. »Und jetzt bleibt mir kaum mehr, als alle auf dem Laufenden zu halten und die Pflegekräfte zu koordinieren. Wenn er nicht schläft, versuche ich, es ihm angenehm zu machen, ihm vorzulesen …«
»Das klingt, als hättest du alles in deiner Kraft Stehende getan, um gut für Jerry zu sorgen«, antwortete ich mit mitfühlender Stimme. »Und warst damit sehr beschäftigt.«
Bei diesen Worten lächelte sie mir bestätigend zu. »Ja, sehr beschäftigt. Klingt verrückt, oder?« Sie hielt einen Moment inne. »So lange, wie ich mich erinnern kann, bin ich immer sehr beschäftigt gewesen, sogar jetzt, aber ich kann mich nicht einfach zurücklehnen und ihn kampflos gehen lassen.« Pam schwieg ein Weilchen, dann sah sie mich ängstlich an. »Er könnte jetzt jeden Tag sterben, Tara. Gibt es nicht irgendeine buddhistische Praxis, die ich lernen sollte? Oder etwas, was ich lesen sollte? Vielleicht das Tibetische Totenbuch? Wie kann ich ihm bei diesem … Sterben … helfen?«
Bevor ich versuchte, ihr zu antworten, bat ich sie, nach innen zu lauschen und mir zu sagen, was sie fühlt.
»Ich liebe ihn so sehr und habe solche Angst, ihn im Stich zu lassen.« Sie begann zu weinen. Nach einer Weile sprach sie weiter: »Mein ganzes Leben lang habe ich gefürchtet, nicht zu genügen. Ich glaube, ich habe immer so geschuftet, um es besser zu machen. Und jetzt fürchte ich, da zu versagen, wo es am meisten darauf ankommt. Er wird sterben, und ich werde mich total einsam fühlen, weil ich ihn im Stich gelassen habe.«
»Pam«, erwiderte ich sanft, »du hast schon so viel getan, doch die Zeit für all die Aktivität ist jetzt vorbei. Du brauchst zu diesem Zeitpunkt nichts mehr in Gang zu setzen, du brauchst jetzt gar nichts mehr zu tun.« Ich wartete einen Moment und fügte dann hinzu: »Es geht darum, einfach bei ihm zu sein. Vermittle ihm deine Liebe durch deine volle Präsenz.«
In dieser schweren Situation bezog ich mich auf eine einfache Lehre, die in meiner Arbeit mit meinen Meditationsschülern und Therapieklienten eine zentrale Rolle spielt: Wenn wir liebevolle Präsenz als unsere eigentliche Essenz erkennen, wenn wir diese Essenz sind, entdecken wir wahre Freiheit. Angesichts eines unausweichlichen Verlustes kann diese zeitlose Gegenwärtigkeit unserem eigenen Herzen und dem Herzen anderer Heilung und Frieden bringen.
Pam nickte. Jerry und sie seien Katholiken, erklärte sie mir, und die Achtsamkeitsübungen aus meinen wöchentlichen Kursen hätten ihnen zu einer tieferen Erfahrung ihres Glaubens verholfen. Doch die dramatische Verschlechterung von Jerrys Zustand überwältigte Pam. »Ich weiß, dass die Hospiz- und Pflegekräfte alles tun, um zu helfen, aber ich finde einfach, all dies sollte nicht so sein – so viel Erschöpfung, so viel Schmerz. Niemand sollte so etwas durchmachen müssen. Es ist einfach verkehrt.« Wie so viele Menschen empfand auch Pam Krankheit als ungerecht, als einen Feind, dem es zu widerstehen gilt. Sie war mit Dukkha konfrontiert, dem Leiden, das mit dem Leben einhergeht.
»In diesen besonders schwierigen Momenten könntest du innehalten und dir bewusst machen, was du fühlst – die Angst, den Ärger oder den Kummer«, schlug ich ihr vor. »Und dann könntest du dir innerlich zuflüstern: ›Ich stimme zu.‹« Ich hatte diesen Satz kürzlich von Pater Thomas Keating gehört und dachte, als Katholikin könnte Pam damit vielleicht etwas anfangen. Wenn wir »Ich stimme zu« sagen – oder einfach »Ja«, wie ich meistens lehre –, entspannt sich unser Widerstand gegen den gegenwärtigen Augenblick, und wir können den Herausforderungen des Lebens mit einem offeneren Herzen begegnen.
Pam nickte, aber sie wirkte immer noch besorgt. »Ich möchte das gerne tun, Tara, aber wenn ich aufgeregt bin, wird mein Denken immer schneller. Ich fange an, mit mir selbst zu reden, mit ihm zu reden – wie kann ich mich daran erinnern, innezuhalten?«
Das ist eine gute Frage, und ich höre sie oft. »Du wirst es höchstwahrscheinlich immer mal wieder vergessen«, antwortete ich, »das ist ganz normal. Alles, was du tun kannst, ist, getreulich an der Absicht festzuhalten, innezuhalten, zu spüren, was gerade vor sich geht, und es so sein zu lassen.«
Pams Gesicht wurde weicher, als sie verstand. »Das kann ich. Ich kann von ganzem Herzen beabsichtigen, für Jerry da zu sein.«
Unser Ruf um Hilfe
»Alle Religionen und spirituellen Traditionen beginnen mit einem Hilferuf«, schrieb der amerikanische Psychologe und Philosoph William James im 19. Jahrhundert. In meiner Beratungspraxis und in den Gesprächen mit Übenden höre ich viele verschiedene Arten von Hilferufen. Wie kann ich mit dieser lähmenden Angst fertig werden, mit diesem Gefühl, versagt zu haben, mit der Qual dieses Verlustes?
Wir merken, ähnlich wie Pam, dass wir gegen die grundlegenden Realitäten wie Veränderung, Verlust und Sterblichkeit nichts ausrichten können, sosehr wir uns auch um eine Kontrolle über unser Leben bemühen. Unsicherheit wohnt dieser vergänglichen Welt inne. Und so beten wir um Zuflucht: »Hilfe! Ich sehne mich danach, mich sicher und beschützt zu fühlen, geliebt und in Frieden. Ich möchte zu etwas gehören, was größer ist als ich. Ich möchte mich in meinem Leben zu Hause fühlen.«
Doch wenn wir uns unser Leben genauer anschauen, wird deutlich, dass wir oft nicht weise im Sinne unseres Gebetes handeln. Statt nach echter Zuflucht zu streben, wenden wir uns dem zu, was ich »falsche Zufluchten« nenne. Sie sind falsch, weil sie zwar vorübergehend Trost oder Sicherheit zu geben scheinen, aber langfristig das Leiden vermehren. Vielleicht fürchten wir uns wie Pam vor dem Versagen und flüchten uns daher in Geschäftigkeit, einen hohen Leistungsanspruch oder die Sorge um andere. Oder wir fühlen uns nicht liebenswert und flüchten uns in das Streben nach Erfolg oder Wohlstand. Vielleicht fürchten wir uns vor Kritik und suchen Zuflucht darin, dass wir Risiken vermeiden und anderen immer gefallen wollen. Oder wir fühlen uns bedrückt oder leer und flüchten uns in Alkohol, übermäßiges Essen oder stundenlanges Surfen im Internet. Statt es zuzulassen und uns dem zu öffnen, was wir gerade fühlen, flüchten wir uns in diese Dinge, um den emotionalen Schmerz zu vermeiden. Doch das entfernt uns nur noch weiter von zu Hause.
Solange wir diesen falschen Zufluchten nachgehen, wird uns das Leiden verfolgen. Wie viele von uns schlafen unruhig und erwachen mitten in der Nacht voller Angst und Sorgen? Oder schlagen sich mühsam durch den Tag und können vor Anspannung oder Getriebenheit nicht genießen, was gerade vor sich geht? Statt uns zufriedenzustellen oder unsere Ängste zu lindern, nähren die falschen Zufluchten unsere grundlegenden Selbstzweifel. Pam hatte sich ganz und gar der Fürsorge für Jerry gewidmet, doch alles, was sie tat, erschien ihr ungenügend. Ihr ängstliches Bemühen, es »richtig« zu machen, bestärkte sie in ihrem Eindruck, nicht zu genügen. Sie fühlte sich nicht im Einklang mit sich selbst und dem, was sie Jerry anbieten konnte.
Häufig erkennen wir erst, wenn uns eine Krise erschüttert – ein Herzenskummer, der Tod eines nahestehenden Menschen oder unser eigener bevorstehender Tod –, dass unsere falschen Zufluchten nicht funktionieren. Sie können uns nicht vor dem retten, was wir am meisten fürchten: dem Schmerz des Verlustes und der Trennung. Eine Krise hat die Macht, unsere Illusionen zu zerschmettern und zu offenbaren, dass es in dieser unbeständigen Welt keinen festen Boden gibt, auf dem wir stehen könnten, und nichts, woran wir uns festhalten könnten. In solchen Zeiten, wenn unser Leben in die Brüche zu gehen scheint, kann uns bewusst werden, wie sehr wir um Hilfe rufen. Dieser Hilferuf entspringt der Sehnsucht des Herzens nach einer Zuflucht, die so umfassend ist, dass auch unsere tiefsten Leidenserfahrungen darin aufgehoben sind.
Heimkehren zur liebevollen Gegenwärtigkeit
Einen Monat nach meinem Gespräch mit Pam rief sie mich an, um mir mitzuteilen, dass Jerry gestorben sei. Und sie erzählte mir, was nach unserem Gespräch geschehen war. Als sie an jenem Abend nach Hause kam, hatte sie Jerry eingeladen, still mit ihr zu beten. »Als wir fertig waren«, sprach sie weiter, »haben wir einander erzählt, worum wir gebetet hatten. Ich sagte ihm, wie sehr ich mir wünschte, dass er meine Liebe spürt.« Pam schwieg einen Moment, und als sie weitersprach, klang ihre Stimme rau. »Er hatte um genau dasselbe gebetet …, nur umgekehrt. Wir umarmten uns und weinten zusammen.«
Pam gab zu, wie sehr sie selbst in jenen letzten Wochen mit dem Impuls zu kämpfen hatte, sich nützlich zu machen, geschäftig zu sein. Eines Nachmittags fing Jerry an, darüber zu sprechen, dass ihm nur noch wenig Zeit bliebe und dass er sich nicht vor dem Tod fürchte. Sie hatte sich über ihn gebeugt, ihm einen Kuss gegeben und rasch erwidert: »Ach, mein Lieber, heute war ein guter Tag, heute scheinst du mehr Kraft gehabt zu haben. Ich mache dir einen Kräutertee.« Er verfiel in Schweigen, und die Stille erschütterte sie. »Mir wurde in diesem Moment so deutlich, wie sehr es einzig und allein darum ging, einander zuzuhören, ganz präsent zu sein, und wie sehr uns alles andere nur trennte. Ich wollte nicht laut zugeben, was vor sich ging; das machte es so real. Also wich ich aus, indem ich Tee machte. Doch indem ich der Wahrheit auswich, entfernte ich mich von ihm, und das war herzzerreißend.«
Während sie den Tee zubereitete, betete Pam und bat darum, mit ganzem Herzen für Jerry da zu sein. An diesem Gebet orientierte sie sich in den Tagen, die danach kamen. »Im Laufe der letzten paar Wochen musste ich all meine Vorstellungen davon loslassen, wie sein Sterben sein sollte und was ich noch tun sollte, und erinnerte mich immer wieder daran, zu sagen: ›Ich lasse es zu.‹ Zuerst wiederholte ich die Worte nur mechanisch, aber nach ein paar Tagen spürte ich, wie mein Herz tatsächlich anfing, zuzulassen.« Sie beschrieb, wie sie innehielt, wenn starke Gefühle aufwallten, um innerlich wahrzunehmen, was gerade vor sich ging. Wenn sich ihr Bauch vor Angst und Hilflosigkeit zusammenzog, verweilte sie bei diesen Gefühlen und ließ ihre tiefe Verletzlichkeit zu. Wenn der rastlose Drang, »etwas zu tun«, auftauchte, nahm sie ihn wahr, blieb ruhig und ließ ihn wieder verebben. Wenn die Wellen der Trauer sie überrollten, sagte sie sich: »Ich lasse es zu«, und öffnete sich der schmerzhaften Schwere des Verlustes.
Die präsente Nähe zu ihrem inneren Erleben ermöglichte es Pam, ganz für Jerry da zu sein. »Als alles in mir die Angst und den Schmerz wirklich zuließ, wusste ich, wie ich für ihn sorgen kann. Ich spürte, wann es Zeit war, Worte der Ermutigung zu flüstern, und wann es einfach darum ging, zuzuhören, ihn mit Berührung zu beruhigen, für ihn zu singen, mit ihm still zu sein. Ich wusste, wie ich mit ihm sein kann.«
Am Ende des Gesprächs erzählte mir Pam, was für sie das Geschenk jener letzten Tage mit Jerry war und wie ihre Gebete erhört worden waren: »In der Stille schaute ich jenseits von ›er‹ und ›ich‹. Ich erkannte, dass wir uns in einem Feld des Liebens befanden – totale Offenheit, Wärme und Licht. Er ist jetzt von uns gegangen, aber dieses Feld des Liebens ist immer bei mir. Mein Herz weiß, dass ich heimgekehrt bin …, wirklich heimgekehrt zur Liebe.«
Lernen, sich den Wellen anzuvertrauen
Pams Bereitschaft, sich ganz auf ihre innere Erfahrung einzulassen, wie schmerzhaft sie auch sei, ermöglichte es ihr, sich mit der endlosen Weite der Liebe zu verbinden. Ihre zunehmende Fähigkeit zur Präsenz, ihre Bereitschaft, sich der Wahrheit ihrer Erfahrung in jedem Augenblick zu stellen, ließ sie mitten in einem großen Verlust nach Hause finden. Gegenwärtigkeit ist die Essenz wahrer Zuflucht.
Eine andere Art von Verlust hatte mich zu meinem ersten buddhistischen Retreat getrieben. Mein Sohn Narayan war zu jener Zeit vier Jahre alt, und ich stand kurz vor der Scheidung. Ich hatte bereits erlebt, wie gut mir die buddhistische Meditation tat, und hoffte, eine Zeit intensiver Praxis würde mir helfen, mit meinen Ängsten und meinem Stress umzugehen. Ich hatte Narayan zu meinen Eltern in New Jersey gebracht und fuhr durch dichtes Schneegestöber zu dem Retreatzentrum in Massachusetts. Auf dieser langsamen Fahrt durch die Kälte hatte ich jede Menge Zeit, um darüber nachzudenken, was mir wirklich wichtig war. Ich wollte nicht, dass die Liebe, die ich immer noch für meinen Mann empfand, durch die Trennung verschüttet würde. Ich wollte nicht, dass wir füreinander zu rücksichtslosen, gar feindseligen Fremden würden. Und mir lag daran, dass sich Narayan trotz unserer Trennung sicher und geliebt fühlte. So betete ich aus tiefstem Herzen, in all dem, was vor sich ging, einen Weg zu finden, mit meinem Herzen verbunden zu bleiben.
Im Laufe der stundenlangen stillen Meditationen der folgenden fünf Tage kreiste ich viele Male durch klare, aufmerksame Geisteszustände und Phasen, in denen mich die Müdigkeit übermannte, mich körperliches Unwohlsein plagte oder ich in Gedanken abschweifte. An einem Abend verlor ich mich in Gedanken über die kommenden Monate: Sollten wir für den Scheidungsprozess Anwälte oder einen Mediator einschalten? Wann sollten wir auseinanderziehen? Und vor allem: Wie konnte ich in dieser schmerzhaften Übergangsphase für meinen Sohn da sein? Jeder sorgenvolle Gedanke, der auftauchte, lockte mich, alles durchdenken und innerlich klären zu wollen. Doch etwas in mir wusste, dass ich bei den unangenehmen Gefühlen in meinem Körper zu bleiben hatte. Ein Vers von Ryôkan, einem Zen-Dichter aus dem 18. Jahrhundert, kam mir in den Sinn: »Um das Buddha-Dharma zu finden, treibe nach Osten und Westen, komme und gehe, vertraue dich den Wellen an.«
Der »buddhistische Weg« bezieht sich auf die Wahrheit davon, wie die Dinge wirklich sind. Wir können die Natur der Wirklichkeit erst verstehen, wenn wir aufhören, unsere Erfahrung kontrollieren zu wollen. Es gibt keinen Weg, zu erkennen, was vor sich geht, solange wir auf einer gewissen Ebene versuchen, das Unwetter zu ignorieren oder ihm auszuweichen. Während der letzten paar Tage des Retreats versuchte ich wieder und wieder, loszulassen, doch meine lang erprobte Strategie, um mich besser zu fühlen − wiederholtes Darüber-Nachdenken −, hinderte mich immer wieder daran. Ryôkans Worte verwiesen auf neue Möglichkeiten: Vielleicht konnte ich mich tatsächlich den Wellen anvertrauen. Vielleicht bestand der einzige Weg zu echtem Frieden darin, mich dem Leben zu öffnen, wie es eben war. Sonst hatte ich hinter meinen Bemühungen, alles im Griff zu behalten, ständig das bedrohliche Gefühl, dass hinter der nächsten Ecke etwas Schreckliches lauern könnte.
Ich versuchte, mich den Gefühlswellen zu öffnen, aber meine alten Gewohnheiten ließen sich nicht so leicht abschütteln. Ich spürte die Anspannung in meiner Brust, und schon machte ich mir wieder Sorgen über die neue Vorschule meines Sohnes, über die Fahrgemeinschaft und wie ich einen flexibleren Babysitter finden könnte. Dann ärgerte ich mich über mich selbst und verurteilte mich dafür, meine Retreatzeit zu »vergeuden«. Ganz allmählich begriff ich, wie krampfhaft zusammengezogen mein Herz war, wie sehr ich mich davor fürchtete, die Intensität des Lebens durch mich hindurchströmen zu lassen. Ich brauchte Hilfe, um mich »anzuvertrauen«.
Jeden Nachmittag hatten die Lehrer die ganze Gruppe durch eine Herzensgüte-Meditation geführt. Ich beschloss, zu versuchen, diese Übung in meine persönliche Praxis einzubeziehen. In der klassischen Form besteht diese Meditation darin, liebevolle Gebete für uns selbst und in sich erweiternden Kreisen für andere Wesen auszusenden. Ich begann, mir selbst Gutes zu wünschen: »Möge ich glücklich und zufrieden sein. Möge ich glücklich und zufrieden sein.« Zuerst fühlte es sich wie eine oberflächliche mentale Übung an, aber schon bald änderte sich etwas. Mein Herz begann, es wirklich zu meinen, ich kümmerte mich um mein eigenes Leben, und das Bewusstsein dieser Fürsorge löste ein wenig von der Anspannung in meinem Herzen.
Jetzt konnte ich mich leichter den Wellen der Angst und des Kummers hingeben und die vorüberziehenden Gedanken und Körperempfindungen − Druck und Schmerz − einfach in ihrem Kommen und Gehen wahrnehmen. Wenn die Sorgen, die mich gequält hatten, auftauchten, spürte ich, dass auch sie Wellen waren, hartnäckige Wellen, die mir schmerzhaft gegen die Brust schlugen. Doch indem ich keinen Widerstand leistete und die Wellen durch mich hindurchströmen ließ, stellte sich Entspannung ein. Statt gegen die stürmischen Brecher zu kämpfen, ruhte ich in einem Meer des Gewahrseins, welches alle Wellenbewegungen einbezog. Ich war in einem Heiligtum angekommen, das groß genug schien, alles aufzunehmen, was in meinem Leben vor sich ging.
Natürliche Präsenz: Wach, offen und feinfühlend
Präsenz ist kein exotischer Zustand, nach dem wir suchen oder den wir irgendwie erzeugen müssten. Ganz einfach ausgedrückt ist Präsenz das Empfinden von Wachheit, Offenheit und Feinfühligkeit, welches entsteht, wenn wir ganz bei unserer Erfahrung im Hier und Jetzt sind. Sie haben sicherlich schon Präsenz erlebt, auch wenn Sie es vielleicht nicht so genannt haben. Vielleicht haben Sie Präsenz erfahren, als Sie in einer lauen Sommernacht wach im Bett lagen und den Grillen lauschten. Oder als Sie allein durch den Wald gingen. Auch bei einer Geburt oder einem Sterben anwesend zu sein, kann einen in einen Zustand vollkommener Präsenz versetzen.
Präsenz ist das Gewahrsein, welches uns von Natur aus innewohnt. Präsenz ist eine unmittelbare, körperliche Erfahrung, die durch die Sinne wahrgenommen wird. Die genauere Betrachtung einer Erfahrung von Präsenz offenbart die drei oben genannten Qualitäten:
Wachheit heißt, dass wir uns dessen, was gerade geschieht, bewusst sind. Mit dieser Intelligenz erkennen wir den sich von Augenblick zu Augenblick ständig verändernden Fluss der Erfahrung – die Geräusche, die uns gerade umgeben, unsere Körperempfindungen, unsere Gedanken. Wachheit bezeichnet die »wissende« Qualität des Gewahrseins.
Offenheit bezieht sich auf den Raum der Bewusstheit, in dem das Leben stattfindet. Diese Bewusstheit widerspricht unserer Erfahrung nicht und wertet sie auch nicht auf. Selbst wenn schmerzhafte Gefühle oder Gedanken ausgelöst wurden, erkennt sie einfach, was vor sich geht, und erlaubt unserem Gefühlsleben, so zu sein, wie es ist. Wie der Himmel, durch den das Wetter zieht, ist auch der offene Raum der Bewusstheit unabhängig von den wechselhaften Ausdrucksformen des durch uns hindurchziehenden Lebens. Doch dieses Gewahrsein verfügt über eine natürliche Sensibilität und einen Ausdruck von Wärme. Diese empfindsame Art der Zuwendung nenne ich Feinfühligkeit. Unsere warmherzige Feinfühligkeit ermöglicht es uns, auf all die Schönheit und all den Kummer, auf alles, was sich zeigt, mit Mitgefühl, Liebe und Staunen einzugehen.
Wir können also von drei Qualitäten der Präsenz sprechen, doch letztlich sind sie untrennbar. Denken Sie an einen sonnendurchfluteten Himmel. Es ist unmöglich, das Licht des Himmels von dem Raum zu trennen, den es durchleuchtet; es ist unmöglich, die Wärme, die wir spüren, von dem Raum und dem Licht zu trennen. Licht, Raum und Wärme sind alles inniglich miteinander verwobene Ausdrucksformen eines Ganzen.
Unsere Sehnsucht, ganz und aus unserem Sein heraus zu leben, ruft uns heim zu dieser natürlichen Gegenwärtigkeit. Unser Erkennen der Wahrheit erwächst aus der Klarheit der Präsenz. Liebe strömt aus der Empfänglichkeit der Präsenz. Lebendigkeit und Kreativität entfalten sich, wenn wir in der Offenheit der Präsenz sind. Alles, was uns kostbar ist, ist bereits hier, durch Gegenwärtigkeit. Jedes Mal, wenn wir nach Hilfe rufen, kann uns unsere Sehnsucht daran erinnern, uns unserer wahren Zuflucht zuzuwenden, der Heilung und Freiheit natürlicher Gegenwärtigkeit.
Rückkehr zur Präsenz
Nach jenem Retreat fuhr ich mit der Absicht zurück, jedes Mal, wenn ich mich gereizt, ängstlich und angespannt fühlte, Zuflucht zur Präsenz zu nehmen. Eine Woche nach meiner Rückkehr bot sich die erste Gelegenheit, und ich nahm sie wahr. Mein Exmann rief mich an und teilte mir mit, er könne an diesem Abend nicht auf Narayan aufpassen. Das bedeutete, dass ich in kürzester Zeit einen Babysitter organisieren musste, um meine Klienten empfangen zu können. »Ich bringe hier das ganze Geld ins Haus, und dann kann ich mich nicht mal in dieser Hinsicht auf ihn verlassen!«, schimpfte mein Geist. »Schon wieder übernimmt er nicht seinen Anteil, schon wieder lässt er mich im Stich!«
Doch am Ende jenes Tages setzte ich mich hin und nahm mir Zeit, mich den Bewertungen und den Schuldzuweisungen zuzuwenden, die in meinem Körper zu spüren waren, und meine Selbstgerechtigkeit ließ nach. Ich saß still da, während die beschuldigenden Gedanken und die Wogen des Ärgers kamen und gingen. Unter meinem Groll spürte ich die ängstliche Frage »Wie kann ich das alles schaffen?«. Und als ich diese untergründigen Wellen der Angst und Sorge durch mich hindurchlaufen ließ, eröffnete sich mir ein ruhiger, innerer Zustand, in dem ich mehr Spielraum und einen weiteren Horizont hatte. Natürlich wusste ich nicht, was die Zukunft bringen würde. Ich hatte nur den gegenwärtigen Augenblick, und dieser Augenblick war in Ordnung. Aus diesem Zustand heraus konnte ich spüren, wie schwierig es für meinen Exmann war, eine neue Wohnung zu finden, unsere Zeitpläne abzustimmen und sich auf tieferer Ebene auf eine völlig andere Zukunft, als er sich vorgestellt hatte, einzustellen. Das half mir, toleranter und freundlicher auf die Situation zu schauen.
Zu anderen Zeiten tat ich mich schwerer damit, mich den Wellen anzuvertrauen, vor allem, wenn mein Ex und ich unterschiedliche Ansichten über Finanzen oder Sorgerechtsvereinbarungen hatten. Jedes Sich-Anvertrauen fühlte sich an, als würde ich damit zulassen, ausgenutzt zu werden. Ich erkannte, dass ich zunächst mich selbst mitfühlend annehmen und meine Fürsorge für mich selbst wirklich ernst nehmen musste. Dann konnte ich mir selbst meine wütendsten, gemeinsten Gedanken verzeihen. Allmählich entspannte sich mein Herz ein wenig, und ich konnte die schmerzhaften Strömungen der Wut und der Angst besser durch mich hindurchfließen lassen.
Wie auf dem Retreat stellte sich dann in mir eine Verbindung mit einer weiten Präsenz ein, die das aktuelle Geschehen mit einbezog und mir ermöglichte, mein Leben mit mehr Weisheit zu betrachten. In dieser Gegenwärtigkeit ruhend, konnte ich anfangen, mir klarer meiner gesunden Bedürfnisse bewusst zu werden – nach einer fairen Aufteilung unserer Finanzen, nach eigenem Wohnraum – und sie von Impulsen zu unterscheiden, die aus Angst oder Misstrauen entstanden. Wenn ich für das einstand, was ich brauchte, fühlte ich mich mehr in mir selbst zu Hause, jedoch nicht, wenn ich enge Kontrolle auszuüben versuchte. Und ich bemerkte, wie mein Exmann umso respektvoller und flexibler wurde, je mehr er spürte, wie ich mich um genau diese Qualitäten bemühte.
Diese Zuflucht zur Präsenz ermöglichte es meinem Exmann und mir, Freunde zu bleiben und einander immer noch als Teil der Familie zu betrachten. Aber es war nicht leicht. Wir waren beide auf dem spirituellen Weg und glaubten naiverweise, uns deshalb auf eine ehrenhafte und erwachsene Art voneinander trennen zu können. Keiner von uns beiden rechnete damit, dass wir einander aus dem Stress heraus absichtlich wehtun würden. Und doch taten wir es bisweilen – wir waren unehrlich, wir sagten Dinge, die wir hinterher bereuten, und konfrontierten einander mit unserem Ärger und unserer Verachtung. Wir hielten in dieser emotional schmerzhaften Zeit nur durch, weil uns die Bedürfnisse unseres Sohnes so wichtig waren und weil wir die Liebe zueinander nicht aufgaben. Die Praxis, Zuflucht zur Präsenz zu nehmen, ermöglichte es mir, uns beiden unsere Menschlichkeit zu verzeihen, und sie half, unsere Zuwendung zueinander aufrechtzuerhalten.
Wenn wir leiden, steigt manchmal aus unserer Tiefe der Ruf nach Hilfe auf. Wie damals bei Pam während Jerrys Sterben oder bei mir am Ende meiner ersten Ehe kann uns dieses tiefe, aufrichtige Sehnen aufwecken und zu der Vollständigkeit und Freiheit führen, die im gegenwärtigen Augenblick zu finden sind. Doch wenn wir in Schwierigkeiten sind, ist das Hier und Jetzt oft der letzte Ort, wo wir sein wollen. Was hält uns davon ab, zur wahren Zuflucht der Präsenz heimzukehren? Was hindert uns daran, uns zu entscheiden, hier zu sein? Ich nenne es »die Trance des kleinen Selbst«. Dem wollen wir uns im nächsten Kapitel zuwenden.
Geführte Meditation
Innehalten für Präsenz
Ein natürlicher Zugang zur Präsenz geht durch den Körper. Die folgende kurze Meditation können Sie durchführen, wann immer Sie ein wenig Ruhe und Zeit dafür haben.
Setzen Sie sich ruhig und bequem hin und schließen Sie die Augen. Beginnen Sie mit drei bewussten Atemzügen: Atmen Sie lang und tief ein, füllen Sie die Lungen, und dann atmen Sie langsam aus. Spüren Sie beim Ausatmen, wie sich Spannungen in Körper und Geist lösen.
Laden Sie Ihr Gewahrsein ein, Ihren ganzen Körper zu erfüllen. Können Sie sich Ihre physische Form als ein Feld von Empfindungen vorstellen? Können Sie die Bewegungen und die Qualitäten dieser Empfindungen spüren – sei es ein Kribbeln, ein Beben, Wärme oder Kühle, Härte oder Weichheit, Festhalten oder Fließen? Nehmen Sie sich eine Weile Zeit, um mit Ihrer ganzen Aufmerksamkeit bei diesem Tanz der Empfindungen zu verweilen.
Öffnen Sie jetzt Ihr Gewahrsein auch für den Raum um sich herum. Können Sie sich vorstellen, die Symphonie der Sie umgebenden Klänge aufzunehmen, sie durch sich hindurchströmen zu lassen? Können Sie nicht nur mit den Ohren, sondern mit Ihrem ganzen Gewahrsein auf das sich ständig verändernde Spiel der Geräusche lauschen? Nehmen Sie sich etwas Zeit, um sich mit offener Aufmerksamkeit den Geräuschen um Sie herum zuzuwenden.
Lassen Sie mit weiterhin geschlossenen Augen Ihr Gewahrsein das Spiel der Bilder und Lichter aufnehmen, das sich hinter Ihren Augenlidern abspielt. Vielleicht bemerken Sie ein Flimmern von Licht und Dunkel, oder es zeigen sich Ihnen schattenhafte Umrisse oder Lichtformen. Nehmen Sie sich Zeit, bewusst zu sehen.
Spüren Sie Ihren Atem und spüren Sie den Raum um sich herum. Nehmen Sie die Gerüche auf, die in der Luft liegen. Entdecken Sie, wie es ist, zu riechen, wie das Umfeld duftet, in dem Sie sich gerade befinden.
Lassen Sie jetzt alle Ihre Sinne weit offen sein. Ihr Körper und Ihr Geist sind entspannt und empfänglich. Lassen Sie das Leben frei durch sich hindurchströmen. Nehmen Sie sich so viel Zeit, wie Sie möchten, um Ihre Erfahrung von Augenblick zu Augenblick bewusst hörend und fühlend wahrzunehmen. Bemerken Sie den sich ständig verändernden Fluss der Empfindungen und Klänge, bemerken Sie die Lebendigkeit darin und die zugrunde liegende Präsenz. Genießen Sie diesen wachen, inneren Zustand der Präsenz. Vergegenwärtigen Sie sich zum Abschluss die Möglichkeit, dieses wache, offene Gewahrsein in das mitzunehmen, was Sie als Nächstes tun.
Halten Sie im Verlauf Ihres Tages mehrmals inne und erwecken Sie für einen kurzen Moment Ihre Sinne, indem Sie sich vor allem Ihrer Körperempfindungen bewusst werden und auf die Geräusche lauschen. Mit etwas Übung werden Sie sich in der natürlichen Präsenz immer mehr zu Hause fühlen.
2
Das Heim verlassen – Die Trance des kleinen Selbst
Was im Sein erscheint,
verliert sich im Sein, vergisst vor Trunkenheit
den Weg nach Hause.
Rumi
Wir werden mit einem wundervollen offenen Geist geboren, voller Lebendigkeit, Unbefangenheit und Widerstandsfähigkeit. Doch wir bringen diesen Schatz in eine schwierige Welt.
Ich stelle mir vor, wie wir von dem Augenblick der Geburt an anfangen, eine Art Raumanzug zu entwickeln, um uns in diesem merkwürdigen neuen Umfeld zurechtzufinden. Dieser Raumanzug soll uns vor Gewalt und Habgier schützen und uns helfen, die Zuwendung unserer Betreuungspersonen zu gewinnen, die mehr oder weniger in ihrer eigenen Selbstbezogenheit und Unsicherheit verstrickt sind. Wenn unsere Bedürfnisse nicht erfüllt werden, erzeugt unser Raumanzug die besten abwehrenden und proaktiven Strategien, die ihm möglich sind. Dazu gehören Anspannungen im Körper und Emotionen wie Ärger, Angst und Scham, mentale Aktivitäten wie Urteilen, Sich-Festbeißen und Fantasieren und eine große Bandbreite von Verhaltensweisen, um an das zu kommen, was einem fehlt: Sicherheit, Nahrung, Sex, Liebe.
Unser Raumanzug dient wesentlich unserem Überleben, und manche seiner Strategien helfen uns durchaus, produktive, stabile und verantwortungsbewusste Erwachsene zu werden. Doch derselbe Raumanzug, der uns schützt, kann uns auch daran hindern, uns spontan, fröhlich und frei durch unser Leben zu bewegen. Dann wird unser Raumanzug zum Gefängnis. Unser Selbstverständnis wird durch seine Stärken und Schwächen geprägt. Wir identifizieren uns mit unseren Fähigkeiten, Probleme zu lösen oder zu kommunizieren, identifizieren uns mit unseren Urteilen und Zwangsvorstellungen, identifizieren uns mit unserer Angst und unserem Ärger. »Identifiziert« bedeutet, wir meinen, wir sind der Raumanzug! Es scheint uns so, als seien wir tatsächlich jenes Selbst, das ängstlich und wütend ist, das urteilt, von anderen bewundert wird, etwas Besonderes ist oder unvollkommen oder allein.
Wenn wir mit dem Raumanzug verschmelzen, fangen wir an, in einem Zustand zu leben, den ich »Trance« nenne. Unser Selbstverständnis wird dann extrem eng. Wir haben vergessen, wer durch die Maske des Raumanzugs schaut; wir haben unser weites Herz und unser Gewahrsein vergessen. Wir haben die mysteriöse Präsenz vergessen, die immer da ist, jenseits aller flüchtigen Emotionen, Gedanken und Handlungen.
In Trance zu leben, ist, als wäre man in einem Traum gefangen, abgeschnitten von der eigenen unmittelbaren Erfahrung des Augenblicks, getrennt von dieser lebendigen Welt. Wir haben unser Zuhause verlassen – unser Gewahrsein und unsere Lebendigkeit – und uns unwissentlich auf ein verzerrtes Fragment der Wirklichkeit reduziert.
Wir haben alle unsere eigene Art, von zu Hause fortzugehen, und unsere eigenen Strategien, mit dem Schmerz unerfüllter Bedürfnisse umzugehen. Doch das Aufwachen an sich ist ein universeller Prozess. Wir merken – langsam oder schnell –, in welch reduzierter und häufig schmerzhafter Wirklichkeit wir gelebt haben. Wir wollen uns wieder mit unserer Unschuld und grundlegenden Güte verbinden. Wir möchten unser wahres Sein erkennen. Unser tiefes Sehnen drängt uns, einen Weg zu wahrer Zuflucht und Geborgenheit zu finden.
Dieses Erwachen begann für mich etwa acht Jahre vor meinem ersten buddhistischen Retreat. Wie Sie bereits aus dem ersten Kapitel wissen, geschah es nicht einfach alles auf einmal. Doch wenn die Trance sich auch nur für einen kurzen Moment auflöst, können wir das Potenzial für Freiheit und den Weg aus dem Leiden heraus erkennen.
Das Perfektions-Projekt
Solange ich mich erinnern kann, habe ich mich danach gesehnt, die Wahrheit zu erkennen und bewusst und gütig zu sein. Als ich während des College Yoga kennenlernte, war ich überzeugt, eine Abkürzung gefunden zu haben, der Mensch zu werden, der ich sein wollte. Direkt nach meinem Abschluss zog ich in der Nähe von Boston in einen Ashram, eine Gemeinschaft, die dem Weg des Yoga verpflichtet war. Ich war überzeugt, dass dieser Weg mich mit entsprechendem Einsatz zu spiritueller Freiheit führen würde.
Unsere Gemeinschaft folgte strengen Regeln. Wir standen vor Sonnenaufgang auf, nahmen eine kalte Dusche und verbrachten dann mehrere Stunden mit Yoga, Meditation, Singen und Beten. Wir arbeiteten auch hart und viel an dem Betreiben eines Yoga-Zentrums, eines vegetarischen Restaurants und eines Ladens am Harvard Square. Von hingebungsvollem Eifer erfüllt, stand ich oft sogar noch früher auf als meine Mit-Yogis oder setzte mich spätabends noch hin, um meine spirituelle Praxis zu vertiefen.
Mein aufrichtiges spirituelles Streben hatte sich mit einer Überzeugung verknüpft, die in dieser und vielen ähnlichen spirituellen und religiösen Gemeinschaften verbreitet ist: Um glücklich und frei zu sein, müssen wir uns läutern, indem wir unsere Egos von aller Selbstsucht, Aggression und Unsicherheit befreien. Die durch sportliche Yoga-Übungen ausgelösten Hochgefühle und die Verzückung, die ich in Meditationen erlebte, waren mir Zeichen meines Fortschritts. Doch zu anderen Zeiten war ich mir meiner »Unreinheiten« schmerzlich bewusst, was mich motivierte, mich mit noch mehr Eifer in meine spirituellen Praktiken zu vertiefen.
Solches Streben nach Vollkommenheit ist ein äußeres Zeichen für die Trance. Meine Trance wurde von der Überzeugung genährt, dass ich ein begrenztes, unzulängliches Selbst sei. Ohne mir dessen wirklich bewusst zu sein, hatte ich viele Idealvorstellungen davon, wie ein spiritueller Mensch fühlen, aussehen und sich verhalten sollte. Ich hatte auch ein Ideal davon, wie ein »gesunder« weltlicher Mensch sein sollte. Ich prüfte mich regelmäßig, wie ich im Vergleich zu meiner Idealvorstellung dieses perfekten Selbst abschnitt. Natürlich empfand ich mich praktisch immer als unzulänglich – denn direkt unter der Oberfläche lauerten meine Selbstbezogenheit, meine unklaren Motive, mein Ehrgeiz und meine Bewertungen. Im Rückblick kann ich erkennen, wie die Mischung aus echtem spirituellem Bestreben und unbewusstem Perfektionismus für Verwirrung und Zündstoff sorgte. Ich kann erkennen, was Danna Faulds meinte, als sie schrieb: »Perfektion führt zu nichts als Schmerz.«
Das Perfektions-Projekt bricht zusammen
Die morgendliche Praxis im Ashram gab mir Energie und befreite mich vorübergehend von der Anspannung eines selbstzentrierten Fokus. Ich genoss es, mit meinen Freunden zu meditieren und zu singen, ich genoss das gemeinschaftliche Frühstück und die Fahrgemeinschaft. Dieses Wohlgefühl hielt oft stundenlang an, doch an einem Morgen geriet ich in eine tiefe Krise.
Zu jenem Zeitpunkt war ich die Leiterin unseres Yoga-Zentrums, und wir waren spät dran, unsere wichtigste Veranstaltung im Jahr anzukündigen, bei der mehrere bekannte Yoga-Lehrer auftreten würden. An jenem Morgen kam der Leiter unserer Gemeinschaft verspätet und sichtlich erregt zu unserem wöchentlichen Mitarbeiter-Treffen. Ich fragte ihn, was los sei.
»Was los ist?«, sagte er mit mühsam beherrschter Stimme. »Schau dir das doch mal an!« Er warf die Flyer auf den Tisch, die ich für die Veranstaltung gemacht hatte, und ich sah sofort den Tippfehler in dicken, fetten Buchstaben vorne drauf: Es war das falsche Datum! Mir sank das Herz und ich spürte, wie mein Gesicht vor Peinlichkeit errötete. Wir hatten von diesem Flyer gerade 3000 Exemplare drucken lassen. Ich hatte es absolut vermasselt.
Wir sprachen darüber, einen neuen Flyer zu erstellen, die Aussendung zu verschieben und welche anderen Wege es gäbe, den Fehler wieder auszubügeln. Mein Verstand arbeitete hart daran, das Problem zu lösen, doch die Last des Versagens lag mir wie ein Felsbrocken auf der Brust. Am Ende unserer Sitzung begann ich, mich zu entschuldigen: »Ich bin dafür verantwortlich«, sagte ich mit leiser, tonloser Stimme. »Und es tut mir echt leid …« Ich spürte, wie mich die anderen ansahen, und plötzlich blitzte Ärger in mir auf, und die Worte brachen aus mir hervor: »Aber es war echt ein Riesenberg Arbeit, mit dem ich ganz alleine dastand.« Ich spürte ein Brennen in den Augen, aber ich blinzelte die Tränen weg. »Es wäre schön gewesen, wenn jemand da gewesen wäre, um es noch mal Korrektur zu lesen. Vielleicht wäre das dann nicht passiert.«
Den Rest der Woche versank ich in Selbstekel. Stunde um Stunde spulte mein Verstand alles ab, wo ich in letzter Zeit hinter meinen Ansprüchen zurückgeblieben war. Ich sah, wie ich log, um mich einer sozialen Verpflichtung zu entziehen, wie ich einer anderen Lehrerin gegenüber den Umfang meiner Yoga-Kurse übertrieb, wie ich einer anderen Freundin Klatsch und Tratsch weitererzählte, um mich als Insiderin zu zeigen. Statt mit Großzügigkeit und selbstlosem Dienen beschäftigte ich mich nur mit meinem eigenen spirituellen Fortschritt und meinem Bestreben, als Yoga-Lehrerin zu glänzen. Wieder einmal wurde ich mit dem konfrontiert, was ich an mir am wenigsten mochte: Unsicherheit und Selbstbezogenheit. Ich fühlte mich von allen um mich herum getrennt und in einem Selbst gefangen, das ich nicht sein wollte.
Während jener schwierigen Tage wurde mir klar, dass ich, seit ich denken konnte, damit beschäftigt war, zu beweisen, dass ich okay bin, und mich zu vergewissern, dass ich Fortschritte mache. Als Studentin, als politische Aktivistin, als Yogini und als Lehrerin – überall führte ich Checklisten meiner Errungenschaften. In all diesen Rollen versuchte ich, einer gewissen Definition eines »guten Menschen« zu entsprechen – hilfsbereit, zugewandt, gute Zuhörerin, konstruktiv, vertrauenswürdig und in jeder Situation positiv. Ich widmete mich mit brennendem Eifer dem Yoga und der Meditation. Doch mein ganzes Gefühl von Kompetenz hatte sich durch einen einzigen Fehler aufgelöst, und mein ganzes Selbstbild als guter, spiritueller Mensch war durch einen Moment verärgerter Abwehr ausgelöscht worden. Trotz all meiner Selbstverbesserungs-Strategien war ich damit konfrontiert, dass ich mich als ein grundsätzlich mangelhaftes Selbst empfand.
Das Raumanzug-Selbst ist das kleine Selbst
Wenn ich anfange, von der Trance zu sprechen, meinen manche, dass jegliche Erfahrung des Selbst schlecht oder unspirituell sei und ausgemerzt oder transzendiert werden sollte. Damals im Ashram war das meine Überzeugung – mein Selbstverständnis und meine Unvollkommenheit waren unzertrennbar miteinander verbunden. Heute sehe ich das Raumanzug-Selbst als mein kleines Selbst, welches vielfach auch als »Ego« bezeichnet wird.
Dem »Ego« haftet oft ein negativer Beigeschmack an, doch das kleine Selbst (oder Ego) ist ein natürlicher Bestandteil unserer Konditionierung und unbedingt notwendig, um sich im Leben zurechtzufinden. Es entsteht in allen Menschen aus einem »Ich«-Gefühl und umfasst alle mentalen Aktivitäten, die wir brauchen, um zu funktionieren. Dazu gehört auch das ängstliche, schützende Selbst, welches in manchen Traditionen als »Angst-Körper« bezeichnet wird. Und auch das verlangende Selbst gehört dazu, welches nach der Befriedigung seiner Bedürfnisse nach Nahrung, Sex, Sicherheit und Respekt strebt.
Doch dieses kleine Selbst ist nicht unser wahres Selbst – es umfasst nicht die Fülle dessen, wer wir sind. Anders gesagt: Wenn wir mit einem kleinen Selbst identifiziert sind, nehmen wir uns als einzelne Wellen wahr und erkennen nicht, dass wir aus Meer bestehen. Wenn wir uns unseres wahren Selbst als Meer bewusst werden, ist das uns vertraute Wellenmuster – unserer Ängste, Abwehrmechanismen, Vorlieben und Geschäftigkeit – immer noch ein Teil von uns, aber es definiert uns nicht mehr.
Die Lehre des Buddha befasst sich in ihrem Kern mit genau dieser fehlgeleiteten Identität. Der Buddha erkannte, dass wir alle darauf konditioniert sind, an angenehmen oder vertrauten Erfahrungen festhalten zu wollen (was er »Begehren« oder »Anhaften« nannte) und unangenehme Erfahrungen abzulehnen (was er »Widerstand« oder »Ablehnung« nannte). Sowohl das Begehren als auch die Ablehnung verengen unser Verständnis dessen, was wir sind – sie verleiten uns, uns mit einer begrenzten, individuellen, isolierten Existenz zu identifizieren und daran anzuhaften.
Diese fehlgeleitete Identifikation wird durch die Geschichten bestärkt, die wir uns erzählen. Wir glauben, wir seien die Stimme in unserem Kopf, wir glauben, wir seien der Hauptdarsteller unserer Geschichte, und wir glauben, unsere Sicht der Welt »da draußen« sei die Wirklichkeit. Vielleicht haben wir ein prall gefülltes, anstrengendes Leben. Vielleicht stellen die Arbeit, die Familie und Freunde mehr Anforderungen an uns, als wir meinen, erfüllen zu können. Vielleicht ist das die Zusammenfassung all der Geschichten und Gefühle unserer Überforderung – immer zu viel zu tun zu haben, immer so vielen Erwartungen gerecht werden zu wollen, so gerne mehr freie Zeit haben zu wollen, aber sich verantwortlich zu fühlen. Solche Geschichten führen leicht zu falschen Zufluchten wie Überarbeitung, Selbstschutz-Lügen und betäubendem Konsumverhalten. Indem wir unsere Geschichten immer wieder abspulen, verstärken wir unsere Identifikation mit einem überlasteten, überangepassten Selbst. Diese Identifikation bestimmt dann immer mehr unser Selbstverständnis. Wir haben uns im Raumanzug verfangen.
Oder stellen Sie sich vor, was passieren würde, wenn Sie glaubten, dass jeder da draußen nur seine eigenen Interessen verfolgt, und wenn Sie die Situation nicht zu Ihrem Vorteil ausnutzen, werde es nur ein anderer tun. Dann würden Sie vielleicht wütend werden oder sich verletzt fühlen, wenn andere versuchen, ihre Interessen durchzusetzen. Dies kann zu falschen Zufluchten wie Kontrolle über andere, Macht- und Besitzstreben führen. Dann entwickeln wir Geschichten, die unsere Weltsicht untermauern, und bestätigen damit unsere Identität eines aggressiven, kontrollierenden Selbst.
Je mehr unsere Geschichten auf Angst beruhen, desto stärker verfangen wir uns in unserem reduzierten Selbstverständnis. Dann glaubt nicht nur unser Verstand, so wie meiner damals: »Ich bin irgendwie verkehrt« – auch unser Körper wird dann von den Emotionen überflutet, die mit dieser Überzeugung einhergehen: Depression, Scham und noch mehr Angst. Dann ist »Ich bin irgendwie verkehrt« nicht mehr einfach eine Idee, die wir loslassen könnten, sondern eine felsenfeste Überzeugung. Es fühlt sich einfach real an. Und wenn uns jemand verletzt, fühlt sich die Überzeugung, diese Person sei irgendwie verkehrt, ebenso real an. Wir sind dann in einer Trance gefangen, die uns sowohl von unserem Innenleben als auch von anderen trennt.
Unsere Identifikation mit einem kleinen Selbst findet immer außerhalb des Lichts des Gewahrseins statt. Und sie währt so lange, wie wir nicht bemerken, dass unsere Geschichten einfach Geschichten sind (und keine Realität), solange wir die rohen Gefühle in unserem Körper nicht bemerken, solange wir die Angst oder das Begehren nicht bemerken, welches unser Verhalten antreibt. Es entspricht dem Wesen der Trance, dass sie mit Gewahrsein unvereinbar ist und sich auflöst, wenn wir in Präsenz Zuflucht nehmen.
Erwachen aus der Trance
Meine durch einen Tippfehler ausgelöste Woche der Selbstablehnung war der Anfang eines lebenslangen Prozesses des Erkennens und Loslassens meiner Identifikation mit einem kleinen Selbst. Weil ich meine Selbstzweifel so »unspirituell« fand, sprach ich mit niemandem darüber. Bei der Arbeit verhielt ich mich ganz professionell. Ich hielt mich aus dem spielerischen und zwanglosen Geplauder während der Mahlzeiten heraus, und wenn ich versuchte, teilzunehmen, fühlte ich mich wie eine Betrügerin.
Einige Wochen später beschlossen die Frauen des Ashrams, eine Sensibilitäts-Gruppe zu gründen, in der wir über persönliche Schwierigkeiten reden könnten. Ich fragte mich, ob das vielleicht meine Chance war, wieder authentischer zu werden.
Unser erstes Treffen fand an einem Sommerabend statt. Während der ersten Stunde sprachen die anderen Frauen über den Stress bei der Arbeit, die Kinder und gesundheitliche Probleme, und ich spürte, wie die Angst in mir zunahm. Als im Gespräch eine Pause entstand, brach mein Geständnis aus mir heraus. »Ich weiß, ich mache viel Yoga und ich unterrichte viel, und es sieht vielleicht aus, als wäre ich ein hilfsbereiter, freundlicher Mensch … Vielleicht ist das in gewisser Weise auch wahr, aber es ist auch eine Fassade. Niemand soll sehen, wie selbstbezogen ich bin, wie egozentrisch und bewertend.« Ich hielt kurz inne und schaute in die ernsten Gesichter, bevor ich mit dem rausrückte, was mir wirklich auf dem Herzen lag: »Es ist schwer auszudrücken, aber … ich glaube nicht, dass ich ein guter Mensch bin, und das macht es so schwer, mich irgendjemandem wirklich nahe zu fühlen.«
Ich erinnere mich nicht, wie die anderen Frauen auf meinen Versuch der Aufrichtigkeit reagierten. Vielleicht waren sie mitfühlend oder erkannten ähnliche Gefühle auch in sich selbst. Ich war zu sehr in meiner Scham gefangen, um es zu bemerken. Ich verließ das Treffen, so schnell ich konnte, ging in mein Zimmer, rollte mich auf meinem Bett zusammen wie ein Baby und weinte.
Das laute Aussprechen meiner Erfahrung vor den anderen hatte meinem kleinen Selbst seine Schutzschicht genommen. Ich fühlte mich wund und schutzlos und fing an, mich innerlich dafür zu beschimpfen, dass ich etwas gesagt hatte. Wie könnte ich morgen irgendjemandem ins Gesicht schauen? Ich sagte mir, ich sollte sofort aufstehen und Yoga machen. Aber stattdessen begann ich nachzuspüren, was eigentlich wirklich schiefgelaufen war, dass ich mich so schlecht fühlte.
Plötzlich wurde mir klar, dass dieser innere Prozess nur eine weitere Wiederholung war. Ich versuchte immer noch, die Dinge in den Griff zu kriegen, indem ich darüber nachdachte, indem ich mehr übte, indem ich zu beeinflussen versuchte, wie mich die anderen sehen. Als ich diese falschen Zufluchten erkannte, hielt ich abrupt inne. So wollte ich nicht weitermachen.
Eine innere Stimme fragte: »Was würde geschehen, wenn ich jetzt nicht versuchen würde, etwas zu ändern?« Ich spürte sofort die Angst in meinem Körper und dann das vertraute Versinken in Schamgefühlen – genau den Gefühlen, die ich, seit ich denken kann, zu vermeiden versuchte. Aber in dem Moment flüsterte dieselbe innere Stimme ganz leise einen vertrauten Refrain: »Let it be. (Lass es zu.)«
Ich legte mich lang auf den Rücken, atmete ein paarmal tief durch und spürte, wie das Gewicht meines Körpers von dem Futon getragen wurde. Wieder und wieder versuchte mein Verstand, zu entwischen, indem er wiederholte, was ich Stunden zuvor gesagt hatte, oder ausprobierte, was ich sonst noch sagen könnte, um mich zu erklären. Wieder und wieder brachte mich die Absicht »Lass es zu« zurück zu der Angst und der Scham in mir. Während ich die Nacht so allein in der Dunkelheit lag, wurde aus diesen Gefühlen manchmal auch Kummer. Ich war erschüttert, wie viel von meinem Leben – meiner Lebendigkeit, meinem Lieben – verloren ging, wenn ich mich in meinen Gefühlen der Minderwertigkeit verlor. Ich öffnete mich alldem ganz, tief schluchzend, bis der Kummer nach und nach verebbte.
Ich stand auf, setzte mich auf mein Meditationskissen vor meinem kleinen Altar und war weiterhin aufmerksam. Mein Geist kam auf natürliche Weise zur Ruhe und ich wurde mir mehr und mehr meiner inneren Erfahrung bewusst – einer stillen, von Zartgefühl durchdrungenen Präsenz. Diese Präsenz war ein Seinszustand, der alles einbezog: die Wellen der Traurigkeit, das Gefühl meiner trocknenden Tränen, den Gesang der Grillen, die schwüle Sommernacht.
In diesem offenen Zustand tauchten wieder Gedanken auf – die Erinnerung an meine Abwehr bei der Arbeitsbesprechung und meine Versuche einer echten Entschuldigung, dann mein Yoga-Unterricht am nächsten Morgen, wo ich versuchte, eine positive, zuversichtliche Energie auszustrahlen. Während ich mir diese Szenen ansah, fühlte ich mich, als würde ich einer Schauspielerin in einem Stück zusehen. Die Schauspielerin versuchte ständig, sich zu schützen, und trennte sich dabei mehr und mehr von sich selbst, von ihrer Authentizität und von der Möglichkeit, sich durch die Verbindung zu anderen unterstützt zu fühlen. Und in jeder Szene sah ich, wie sie immer etwas »tat«, um sich besser zu fühlen, etwas »tat«, um keinen Schmerz zu spüren, etwas »tat«, um Versagen zu vermeiden.
Während ich da saß und diesem Spiel zusah, hatte ich zum ersten Mal das durchdringende Gefühl, dass ich das nicht wirklich bin. Die Gefühle und Reaktionen dieser Schauspielerin waren mir sehr vertraut, doch sie bildeten nur die Wellen auf der Oberfläche dessen, was ich wirklich bin. Genauso war alles, was in diesem Moment geschah – die Gedanken, die Körperempfindungen des Sitzens auf dem Meditationskissen, die Empfindlichkeit, die Erschöpfung –, Teil von mir, doch es definierte mich nicht. Mein Herz öffnete sich. Wie traurig, so lange in einer derart begrenzten Welt gelebt zu haben, wie traurig, mich so getrieben und einsam gefühlt zu haben!
Trance und Erwachen sind beide natürlich
Wenn wir in Trance sind und uns in einer Emotion wie Angst, Scham oder Ärger verfangen haben, weiß unsere innere Intelligenz, dass etwas nicht im Lot ist. Eine Zeit lang, möglicherweise sogar jahrzehntelang, denken wir vielleicht irrtümlicherweise, »etwas stimmt mit mir nicht« oder »etwas stimmt nicht mit der Welt« und wir müssten unsere Unvollkommenheiten reparieren und uns irgendwie vor Fehlschlägen schützen. Allmählich oder plötzlich erkennen wir dann die eigentliche Ursache des Problems in unserer fehlgeleiteten Wahrnehmung unserer Selbst. Wir erkennen, dass wir in der Identität eines kleinen, isolierten, mangelhaften Selbst gelebt haben. In diesem Moment des Erkennens mögen wir versucht sein, einer weiteren Täuschung zu unterliegen: »Mit mir stimmt etwas nicht, weil ich immer wieder in diese Trance verfalle.« Doch mit jedem Erwachen von Bewusstheit, mit jedem Gewahrsein und Zulassen dessen, »was geschieht«, löst sich unsere eingeengte Identität weiter auf, und wir entspannen uns mehr in unsere natürliche Ganzheit hinein.
In jener Nacht an meinem Altar fiel ein altes Selbstbild von mir ab. Aber wer war ich dann? In jenen Augenblicken spürte ich, dass sich die Wahrheit dessen, was ich war, nicht in einer Idee oder einem Bild meiner selbst erfassen ließ. Sie lag vielmehr in dem Zustand der Präsenz selbst – in der Stille, der wachen Offenheit –, die sich wie Heimat anfühlte. Mich durchflutete ein Gefühl der Dankbarkeit und Ehrfurcht, das mich seitdem nie wieder ganz verlassen hat.
Seitdem habe ich von vielen Wegen des Erwachens erfahren, und zu den meisten von ihnen gehört ein formelles oder informelles Aufmerksamkeitstraining. Eine Freundin von mir lernte in einem Malkurs, jenseits aller Ideen von »Bäumen« oder »Wolken« in eine geheimnisvolle Welt sich ständig wandelnder Formen, Schattierungen und Essenzen zu schauen. Sie erklärte: »Statt als Beobachterin eine bestimmte Art von Baum zu sehen, war da einfach diese subjektive Innigkeit lebendiger Strukturen, Farben … Ich war Teil eines Tanzes der Lebendigkeit.« Eine Mutter berichtete, wie sich ihr Gewahrsein nach einem Kurs zum Dialog mit Jugendlichen veränderte. Während sie ihrer Tochter zuhörte, löste sie sich bewusst von ihren Vorstellungen darüber, wie ihre Tochter sein sollte, und ließ einfach den Klang ihrer Stimme und den Blick aus ihren Augen auf sich wirken und spürte nach, was das Herz ihrer Tochter wohl mitteilen wollte. Dieses wertfreie Zuhören erweiterte auch ihr eigenes Selbstgefühl: »Ich war nicht mehr in der Rolle der kritischen Mutter gefangen – endlich ein frischer Wind!«
Eine regelmäßige Meditationspraxis ist der zuverlässigste Weg, unsere Aufmerksamkeit darin zu schulen, die Trance zu bemerken – das Auftauchen der vertrauten, tiefsitzenden Geschichten von Schuld und Versagen, von alten Ängsten, Ärger oder Depression. In den folgenden Kapiteln zeige ich, wie wir uns darin üben können, immer wieder zur Präsenz zurückzukehren, und wie die Erkenntnis dessen, wer wir sind, uns immer bewusster werden lässt. Im Laufe der Zeit werden wir immer schneller erkennen, wann wir uns in der Trance verloren haben, und wir werden wissen, dass die Anschuldigung unserer selbst oder anderer oder der Welt oder das Streben nach Kontrolle oder Perfektion kein Ausweg sind. Das Leiden der Trance wird uns vielmehr daran erinnern, in den gegenwärtigen Moment heimzukehren und uns mit der umfassenderen Wahrheit dessen, was wir sind, zu verbinden.
Die Erfahrung, zu unserem wahren Selbst zu erwachen, ist schwer zu beschreiben. Der indische Lehrer Sri Nisargadatta sagt dazu: »… in der Erkenntnis fühlen Sie sich vollständig, erfüllt, frei … und doch nicht immer fähig, zu erklären, was passiert ist … Sie können es nur in negativen Begriffen ausdrücken: ›Mit mir ist nichts mehr verkehrt.‹« Wenn sich die Schleier der Trance lüften, erleben wir immer noch, wie die Freuden und Nöte, die Hoffnungen und Ängste unseres kleinen Raumanzug-Selbst kommen und gehen, aber wir definieren uns nicht mehr über sie. Wir nehmen die Dinge nicht mehr so persönlich, wir meinen nicht mehr, dass »mit uns etwas nicht stimmt«. Stattdessen fangen wir an, der Unbefangenheit und Güte jenes Wesens zu trauen, das unsere Trance uns nicht erkennen ließ. Wir erleben dies als eine enorme Erleichterung und einen Geschmack von Freiheit.
Geführte Meditation
Herzensgüte – Freundliche Zuwendung zu sich selbst
Die Meditation der Herzensgüte (das Pali-Wort Metta bedeutet »Freundschaft, liebevolle Zuwendung« und wird auch oft mit »liebende Güte« übersetzt) ruft uns unsere Verbundenheit mit allem Leben ins Bewusstsein. Sie beginnt in der Regel mit einer fürsorglichen Hinwendung zu uns selbst. Diese einfache Praxis ist ein direkter und kraftvoller Weg, aus der Trance zu erwachen. Indem wir uns selbst mit Freundlichkeit betrachten, fangen wir an, die Identität eines isolierten, mangelhaften Selbst aufzulösen. Dies erzeugt die Grundlage dafür, auch andere mit bedingungslos liebendem Herzen einzubeziehen (siehe auch »Herzensgüte – Hinter die Fassade schauen« am Ende von Kapitel 12).
Setzen Sie sich bequem an einen ruhigen Ort und entspannen Sie die Bereiche Ihres Körpers, die sich angespannt anfühlen. Nehmen Sie sich etwas Zeit, um im Herzen den Atem zu spüren: Einatmend spüren Sie, wie Sie Wärme und Energie empfangen, ausatmend spüren Sie, wie Sie sich in eine Offenheit hinein entspannen.
Beginnen Sie, sich selbst flüsternd oder in Stille Gebete der Herzensgüte zu widmen. Wählen Sie zu Anfang Ihrer Praxis vier oder fünf Sätze, die Ihnen etwas bedeuten. Die folgenden Sätze sind Anregungen dazu:
• Möge ich mit Herzensgüte erfüllt sein; möge ich von Herzensgüte umfangen sein.
• Möge ich sicher und unbeschwert sein.
• Möge ich vor inneren und äußeren Gefahren geschützt sein.
• Möge ich glücklich sein.
• Möge ich mich so annehmen, wie ich bin.
• Möge ich tiefen, natürlichen Frieden erfahren.
• Möge ich die natürliche Freude des Lebendigseins erfahren.
• Möge ich in meinem eigenen Sein wahre Zuflucht finden.
• Mögen mein Herz und mein Geist erwachen; möge ich frei sein.
Öffnen Sie sich, während Sie die einzelnen Sätze wiederholen, für die Bilder oder Gefühle, die die Worte hervorrufen. Gehen Sie diese Meditation als Experiment an, spüren Sie, welche Worte und Bilder Ihr Herz am wirksamsten erweichen und öffnen. Probieren Sie, ob es Ihre Erfahrung der liebevollen Zuwendung zu Ihnen selbst vertieft, wenn Sie sanft eine Hand auf Ihr Herz legen.
Nehmen Sie sich dafür so viel Zeit, wie Sie mögen. Bieten Sie sich selbst diese Sätze an und lassen Sie sie in sich nachklingen. Bleiben Sie zum Ende der Meditation eine Weile ruhig sitzen und achten Sie auf die Gefühle in Ihrem Körper und in Ihrem Herzen. Ist da ein neues Empfinden von Raum und Feinfühligkeit oder Zartgefühl? Fühlen Sie sich mehr in sich selbst zu Hause?
Im Laufe des Tages:
Je mehr Sie sich daran erinnern, sich selbst mit Freundlichkeit zu betrachten, desto leichter werden Sie Verbindung und Freiheit von der Trance erfahren. Sie können das überall üben. Beim Gehen, beim Autofahren, bei jeder alltäglichen Tätigkeit können Sie sich selbst Sätze liebender Güte zukommen lassen.
Wenn Sie beunruhigt oder aufgeregt sind:
Die Gebete der Herzensgüte können sich unpassend und künstlich anfühlen, wenn wir in die Fänge der Angst, Scham oder Verwirrung geraten sind. Manchmal scheint durch sie noch prägnanter zu werden, wie schlecht und minderwertig wir uns fühlen. Beziehen Sie diese Reaktionen ohne Beurteilung in Ihre Meditation mit ein: »Möge auch dies von liebevoller Güte umfangen sein.« Fahren Sie dann einfach mit Ihrer Meditation fort und akzeptieren Sie alle Gedanken oder Gefühle, die sich zeigen.
Wenn die Worte mechanisch scheinen:
Sorgen Sie sich nicht, wenn Sie merken, dass Sie die Worte einfach nur hersagen. Das Herz öffnet und schließt sich nach eigenen, natürlichen Rhythmen. Entscheidend ist Ihre Absicht, Herzensgüte zu erwecken.
3
Meditation – Der Weg zur Präsenz
Kann ich irgendetwas tun, um Erleuchtung zu erlangen?
So wenig, wie du dafür tun kannst,
dass die Sonne morgens aufgeht.
Was nützen dann die spirituellen Übungen, die ihr empfehlt?
Sie sorgen dafür, dass du nicht schläfst,
wenn der Sonnenaufgang beginnt.
Anthony de Mello
Wendest du dich regelmäßig dir selbst zu?
Rumi
Jeff war sich sicher, dass er seine Frau Arlene nicht mehr liebte und seine Ehe nach sechsundzwanzig Jahren nicht mehr zu retten sei. Er wollte sich von dem Druck befreien, sich ständig beurteilt und als mangelhaft bewertet zu fühlen. Arlene hingegen fühlte sich verletzt und war wütend, weil Jeff ihrer Ansicht nach jeglicher echter Kommunikation oder emotionaler Nähe aus dem Weg ging. Als allerletzten Versuch überredete sie ihn, zu einem von ihrer Kirche organisierten Wochenend-Workshop für Paare zu gehen. Zu ihrer beider Überraschung entstand dabei in ihnen wieder ein Hoffnungsschimmer für eine gemeinsame Zukunft. Sie nahmen die Botschaft mit: »Liebe ist eine Entscheidung.« Die Workshopleiter hatten erklärt, Liebe sei zwar nicht immer spürbar, aber immer verfügbar, wenn wir uns entscheiden, sie zu erwecken.
Doch zurück in ihrem Alltag der alten Angriffs- und Verteidigungsmuster, schien die »Entscheidung für die Liebe« nur noch als unwirksamer intellektueller Schachzug. Entmutigt kam Jess zu einer Beratungssitzung zu mir. »Ich weiß nicht, wie ich von A nach B kommen kann«, erklärte er mir. »Gestern zum Beispiel waren wir zusammen. Mein Verstand riet mir, mich für die Liebe zu entscheiden, aber es bewirkte nichts – mein Herz war verschlossen. Arlene beschuldigte mich für irgendetwas, und ich wollte nur noch weg von ihr!«
»Betrachten wir noch mal, was da gestern passierte«, schlug ich vor. Ich lud ihn ein, seine Augen zu schließen, sich die Situation wieder zu vergegenwärtigen und dann seine Ansichten über Richtig und Falsch loszulassen. »Erlauben Sie sich, einfach zu erfahren, wie es sich in Ihrem Körper anfühlt, wenn Sie sich beschuldigt fühlen und wegwollen.« Jeff saß still, doch sein Gesicht zog sich zu einer Grimasse zusammen. »Bleiben Sie dabei, die Gefühle zuzulassen«, ermutigte ich ihn, »und finden Sie heraus, was sich daraus entfaltet.«
Allmählich entspannte sich sein Gesicht. »Jetzt fühle ich mich festgefahren und traurig«, meinte er. »Wir verbringen so viel Zeit damit, uns so zu verstricken. Ich ziehe mich zurück, oft ohne dass ich es bemerke, und das verletzt sie. Dann regt sie sich auf … und dann ist mir sehr bewusst, dass ich wegwill. Es ist traurig, sich so festgefahren zu haben.«
Er schaute zu mir auf, und ich nickte verständnisvoll. »Wie wäre es, Jeff, wenn Sie, statt sich diesen Begegnungen zu entziehen, ihr genau sagen könnten, was Sie innerlich erleben?« Und ich fügte hinzu: »Und wenn auch sie Ihnen, ohne Sie anzuschuldigen, von ihren Gefühlen erzählen könnte?«
»Dazu müssten wir wissen, was wir fühlen!«, erwiderte er mit einem schwachen Lachen. »Meistens sind wir zu sehr damit beschäftigt, zu reagieren.«
»Genau«, bestätigte ich. »Sie müssten beide darauf achten, was in Ihnen vor sich geht. Und das widerspricht unserer Konditionierung. Wenn wir emotional erregt sind, verlieren wir uns in unseren Geschichten darüber, was gerade passiert, und verfangen uns in reflexartigem Verhalten – wie Anschuldigungen oder Flucht. Um unseren Konditionierungen nicht auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein, müssen wir üben, aufmerksam zu sein.«
Ich erklärte ihm, wie die Praxis der Meditation unsere Fähigkeit zur Präsenz, zum direkten Kontakt mit unserer gegenwärtigen Erfahrung stärkt. Das schenkt uns mehr Spielraum und Kreativität, auf die gegebenen Umstände einzugehen, statt einfach nur zu reagieren. Ich lud ihn und Arlene zu meinem wöchentlichen Meditationskurs ein, und er sagte gleich zu. Am nächsten Mittwochabend waren beide da, und einen Monat später kamen sie zu einem Meditations-Wochenende, welches ich leitete.
Einige Wochen nach dem Retreat unterhielten wir drei uns kurz nach dem Kurs. Arlene erzählte, dank ihrer Meditationspraxis seien sie dabei, zu lernen, sich für die Liebe zu entscheiden. »Wir müssen uns immer und immer wieder für die Präsenz entscheiden«, berichtete sie. »Wir müssen uns für Präsenz entscheiden, wenn wir wütend sind; Präsenz, wenn wir keine Lust haben, zuzuhören; Präsenz, wenn wir alleine sind und uns immer wieder dieselben alten Geschichten erzählen, wie verkehrt der andere sei. Diese Entscheidung für Präsenz ist unser Weg, unsere Herzen zu öffnen.« Jeff nickte zustimmend. »Ich habe erkannt, dass es nicht darum geht, von A nach B zu kommen«, fügte er lächelnd hinzu. »Es geht darum, ganz gegenwärtig bei Punkt A zu sein, bei dem Leben in diesem Moment, egal, was passiert. Der Rest ergibt sich dann.«
Die Zuflucht zur Präsenz – die Entscheidung für Präsenz – braucht Übung. Wenn sich »Punkt A« unangenehm anfühlt, ist Dableiben und Spüren das Letzte, wozu wir Lust haben. Statt uns »den Wellen anzuvertrauen«, wollen wir weg, zurückschlagen, uns betäuben, alles andere, nur nicht spüren, was wirklich ist. Doch wie Jeff und Arlene merkten, bleiben wir in falschen Zufluchten klein und abwehrbereit. Nur indem wir unsere Aufmerksamkeit vertiefen und das Leben einfach so sein lassen, wie es ist, können wir wahre Nähe zu uns selbst und anderen erfahren. In den über fünfunddreißig Jahren, die ich Meditation lehre, habe ich erlebt, wie sie unzähligen Menschen geholfen hat, zur Liebe zurückzufinden, emotionales Leiden loszulassen und sich aus Süchten zu befreien. In jedem einzelnen Fall bildete die innere Verpflichtung zur regelmäßigen Meditation die Grundlage zu einer tiefen, wundervollen Transformation von Herz und Geist.
Den Geist trainieren
Wenn wir uns mitten im Dickicht lebenslanger Muster der Unsicherheit oder Anschuldigung befinden, ist es schwer zu glauben, dass Änderung möglich ist. Bis vor Kurzem schien die Wissenschaft diese Skepsis zu bestätigen. Neurologen glaubten, dass unsere grundlegenden Verschaltungen im Gehirn mit dem Erreichen des Erwachsenenalters festgelegt seien und wir unseren zentralen emotionalen Prägungen dann nicht mehr entkommen könnten. Wenn wir die ersten zwei Jahrzehnte unseres Lebens passiv, ängstlich und verwirrt waren, sei es uns bestimmt, so den Rest unseres Lebens zu verbringen. Doch mit Hilfe von Gehirntomografie und anderen Techniken haben die Forscher die dem Gehirn innewohnende Neuroplastizität entdeckt: Während des ganzen Lebens kann sich das Gehirn weiterentwickeln und verändern, und es können neue neuronale Verbindungen entstehen und gestärkt werden. Das heißt, auch wenn wir uns emotional tief verstrickt haben, verfügen wir über die Kapazität, neue Wege zu entwickeln, auf das Leben zu reagieren.
Was immer Sie regelmäßig denken oder tun, wird zur Gewohnheit, zu einer stark konditionierten neuronalen Bahnung im Gehirn. Je mehr Sie darüber nachdenken, was schiefgehen kann, desto mehr ist Ihr Verstand darauf angelegt, Schwierigkeiten zu erwarten. Je öfter Sie verärgert ausfällig werden, desto mehr sind Ihr Körper und Ihr Verstand auf Aggression programmiert. Je mehr Sie darüber nachdenken, wie Sie anderen helfen können, desto mehr werden Ihr Verstand und Ihr Herz zur Großzügigkeit neigen. So wie Gewichtheben Muskeln aufbaut, kann die Ausrichtung Ihrer Aufmerksamkeit Ängste, Feindseligkeit und Abhängigkeit fördern oder Sie zu Heilung und Erwachen führen.
Sie können sich Präsenz wie einen von einer Quelle gespeisten Waldteich vorstellen – klar, still und rein. Weil wir so viel Zeit damit verbracht haben, uns in den Wäldern unserer Gedanken und Emotionen zu verirren, fällt es uns oft schwer, diesen Teich zu finden. Doch wenn wir uns immer und immer wieder hinsetzen und meditieren, wird uns der Weg durch den Wald allmählich vertrauter. Wir erkennen diese Lücke zwischen den Bäumen wieder, wir erinnern uns an diese Wurzel, über die wir schon so oft gestolpert sind, und selbst wenn wir uns im Dickicht verfangen haben, vertrauen wir darauf, dass wir unseren Weg finden werden.
Die regelmäßige Meditationspraxis erzeugt in unserem Geist neue Pfade, die uns heim zu der Klarheit, Offenheit und Leichtigkeit der Präsenz führen. Der Buddha hat viele Strategien gelehrt, diese Pfade zu kultivieren, unter denen die Praxis der Achtsamkeit jedoch eine zentrale Stellung einnimmt. Achtsamkeit ist der bewusste Prozess urteilsfreier Aufmerksamkeit für die sich von Augenblick zu Augenblick entfaltende Erfahrung. Wenn Sie sich in Sorgen um Ihren Kontostand verlieren, bemerkt die Achtsamkeit diese sorgenvollen Gedanken und das damit einhergehende Gefühl der Ängstlichkeit. Wenn Sie sich darin verlieren, auszuprobieren, was Sie einer anderen Person sagen könnten, bemerkt die Achtsamkeit diesen inneren Dialog und – je nachdem – Gefühle der Aufgeregtheit oder Angst. Ohne jeglichen Widerstand erkennt die Achtsamkeit das Kommen und Gehen aller Empfindungen und Gefühle und lässt sie zu. Die meisten tief eingeprägten Gedankenpfade unseres Geistes führen uns vom gegenwärtigen Moment weg. Indem wir unseren Geist bewusst auf das richten, was jetzt gerade passiert, löst die Achtsamkeit diese Konditionierungen auf und lässt uns zu einem frischen, unmittelbaren Empfinden von Lebendigkeit erwachen. So wie ein klarer See den Himmel spiegelt, lässt uns die Achtsamkeit die Wahrheit unserer Erfahrung erkennen.
Die von mir am meisten gelehrte buddhistische Art der Meditation heißt Vipassana, das bedeutet »klar erkennen«. Im Vipassana beginnt der Weg der Achtsamkeit mit Konzentration – einer einsgerichteten Fokussierung der Aufmerksamkeit. Es ist schwer, auf die gegenwärtige Erfahrung zu achten, wenn wir uns in einem ständigen Strom diskursiver Gedanken verlieren. Also sammeln und beruhigen wir den Geist zunächst, indem wir die Aufmerksamkeit auf einen sensorischen Anker richten. Das kann bedeuten, dem Atem zu folgen oder die Körperempfindungen zu scannen oder auf Geräusche zu achten oder immer wieder leise einen Satz zu wiederholen wie »Möge ich glücklich sein« oder »Möge ich friedvoll sein«. Dieser Anker kann dann mit etwas Übung zu einer zuverlässigen Heimat Ihrer Aufmerksamkeit werden. Wie ein guter Freund wird er Ihnen helfen, zu einem Gefühl innerer Ausgeglichenheit und allgemeinen Wohlbefindens zurückzukehren.
Der Psychiater und Autor Daniel Siegel hat eine nützliche Metapher dafür gefunden, wie wir während der Meditation ständig abschweifen. Stellen Sie sich Ihr Gewahrsein als ein großes Rad vor. An der Nabe des Rades ist die Präsenz, und von dieser Nabe erstrecken sich zahllose Speichen zum äußeren Reifen. Ihre Aufmerksamkeit ist darauf konditioniert, sich an den Speichen entlang von der Präsenz weg zum äußeren Reifen hin zu bewegen und sich ständig an neue Teile dieses Reifens anzuheften. Überlegungen zum Abendessen gehen in Erinnerungen an ein schwieriges Gespräch über, fließen weiter in Selbstbezichtigungen, ein Lied im Radio, die Rückenschmerzen, ein Gefühl der Angst. Oder Ihre Aufmerksamkeit verliert sich in zwanghaftem Denken, welches endlos um Geschichten und Gefühle darüber kreist, was alles verkehrt ist. Wenn Sie nicht mit der Nabe verbunden sind, wenn Ihre Aufmerksamkeit an den Reifen geheftet ist, sind Sie von Ihrer Ganzheit abgeschnitten und leben in Trance.
Eine vorgewählte Heimatstation, ein eingeübter Anker wie der Atem ermöglicht es Ihnen, zu bemerken, wenn Sie nicht präsent sind, und leichter den Weg zurück zur Nabe zu finden. Ich nenne diesen Teil der Praxis »Zurückkommen«. Wenn Sie wieder an der Nabe sind, hilft Ihnen der Anker, den Geist zu beruhigen. Unabhängig davon, wie oft Ihre Aufmerksamkeit zu irgendwelchen Fantasien oder Erinnerungen auf dem Reifen abschweift − Sie kehren immer wieder sanft zu der Nabe zurück und verwurzeln sich wieder in der Präsenz.
Je mehr Ihre Aufmerksamkeit zur Ruhe kommt, desto mehr werden Sie spüren, wie sich die Grenzen der Nabe aufweichen und öffnen. Diese Phase der Praxis nenne ich »Hier sein«. Sie sind weiterhin mit Ihrem Anker verbunden, können jedoch gleichzeitig die sich ständig verändernden Erfahrungen auf dem Reifen zulassen – das Geräusch des bellenden Hundes, den Schmerz in Ihrem Knie, den Gedanken darüber, wie lange Sie jetzt noch meditieren wollen. Statt sich an diese Erfahrungen anzuheften oder sie wegzudrängen, lassen Sie sie frei kommen und gehen. Natürlich wird sich der Geist trotzdem manchmal auf dem Reifen verlieren, und dann bemerken Sie das und kehren sanft zur Nabe zurück. Es ist natürlich, dass die Praxis ständig zwischen »Zurückkommen« und »Hier sein« hin und her fließt.
Je mehr Sie sich in der wachen Stille im Zentrum des Rades aufhalten und alles, was geschieht, mit Achtsamkeit aufnehmen, desto runder, wärmer und heller wird die Nabe der Präsenz. In den Momenten, wo es keine Kontrolle der Erfahrung mehr gibt – wenn die Achtsamkeit frei von allem Bemühen ist –, sind Sie ganz in die Präsenz eingetaucht. Nabe, Speichen und Reifen schweben alle in lichtem, offenem Gewahrsein.
~ Sich erinnern, worauf es ankommt ~
Heutzutage werden so viele verschiedene Arten von Meditation und Kontemplation angeboten, dass sich so mancher sorgt, ob er auch die »richtige« gewählt hat. Doch für das spirituelle Erwachen ist die Aufrichtigkeit Ihrer Absicht viel entscheidender als die genaue Form Ihrer Praxis. Wenn wir mit dem verbunden sind, was uns am meisten am Herzen liegt, sind wir auch ernsthaft bei der Sache. In den buddhistischen Lehren wird die bewusste Anerkennung unseres tiefsten Herzensanliegens »weises Streben« genannt. Vielleicht geht es für Sie um spirituelle Verwirklichung, um umfassenderes Lieben, um das Erkennen der Wahrheit oder um Frieden. Was auch immer es ist, das Bewusstsein dessen, was Ihnen wichtig ist, wird Sie in Ihrer Praxis energetisieren und leiten. Wie der Zen-Meister Suzuki Roshi lehrte: »Das Wichtigste ist, sich an das Wichtigste zu erinnern.«
Es ist hilfreich, Ihre Meditation mit einer Besinnung über Ihr Herzensanliegen zu beginnen. Manche Meditierende vergegenwärtigen sich ein allumfassendes Ziel ihrer Meditation, während andere ihren Fokus auf eine bestimmte Absicht für die Meditation an diesem Tag richten. Sie können sich zum Beispiel mit Ihrem Streben nach allumfassender Liebe verbinden oder sich entscheiden, jegliche schwierigen Gefühle, die während der Meditation auftauchen, liebevoll anzunehmen. Sie können nach Wahrheit streben – tatsächlich zu erkennen, was vor sich geht und was wirklich ist –, oder Sie richten sich auf die Absicht aus, Gedanken zu erkennen und loszulassen. Wenn Sie anfangen, Ihr Herz zu befragen, was ihm wichtig ist, befinden Sie sich bereits auf dem Weg zur Präsenz.
~ Eine weise Einstellung kultivieren ~
Falls Sie bereits meditieren, können Sie sich einen Moment Zeit nehmen, um über Ihre allgemeine Haltung zu Ihrer Praxis nachzudenken. Meinen Sie, Sie sollten mehr üben und bessere Ergebnisse erzielen? Scheint es Ihnen zu schwer und Sie haben sich damit abgefunden, es nicht gut zu machen? Nehmen Sie sich zwar die Zeit, gehen die Sache dann aber nur halbherzig an? Freuen Sie sich auf die Meditation? Sind Sie neugierig, was geschehen wird? Sind Sie in Bezug auf Ihre Fortschritte entspannt?
Eine gesunde Einstellung zur Präsenz ist, sie wichtig zu nehmen, ohne zu beurteilen, was sich zeigt. Stattdessen betrachten wir das, was geschieht, mit interessierter, entspannter, freundlicher Aufmerksamkeit. Wenn die Meditation Teil eines Selbstverbesserungsprojekts ist, kann das die Praxis unterminieren. Die meisten Menschen haben eine innere Vorstellung von einer meditativen Erfahrung, die sie »gut« finden (ruhig, offen, klar, liebevoll und so weiter), und verurteilen sich dafür, wenn ihre Gedanken abschweifen oder schwierige Gefühle auftauchen. Doch tatsächlich gibt es keine »richtige« Meditation, und das Bemühen danach nährt nur die Idee eines unvollkommenen, sich ständig abarbeitenden Selbst. Eine Praxis, die sich mit halbherzigen Bemühungen zufriedengibt, stärkt hingegen das Empfinden eines unbeteiligten, getrennten Selbst.
Als der buddhistische Lehrer Thich Nhat Hanh in den 1970er-Jahren im San Francisco Zen Center zu Gast war, fragten ihn die Übenden, wie sie ihre Praxis verbessern könnten. Thich Nhat Hanh war mit sechzehn Jahren ins Kloster gegangen, war ordinierter Mönch und hatte die Schrecken des Vietnam-Kriegs durchgemacht. Ich vermute, die Übenden erwarteten zur Vertiefung ihres spirituellen Lebens strenge Vorschriften. Doch Thich Nhat Hanh antwortete: »Zum einen steht ihr zu früh auf. Ihr solltet später aufstehen. Und eure Praxis ist zu verbissen. Ich habe zwei Anweisungen für euch für diese Woche. Die eine ist, zu atmen, und die andere, zu lächeln.«
Das ist so ein guter Rat! Gehen Sie Ihre Praxis (und Ihr Leben) mit einem hingebungsvollen und gleichzeitig entspannten Herzen an. Es ist möglich, sich ernsthaft zu bemühen, ohne sich zu verspannen. Unabhängig davon, ob Sie Anfänger sind oder schon lange meditieren: Bleiben Sie aufmerksam für eventuell auftauchende Bewertungen. Erlauben Sie Ihrer Erfahrung, so zu sein, wie sie ist. Bewerten ist eine Gewohnheit. Wenn Sie daran denken, sie zu unterlassen, werden Sie sich mit der inneren Gelassenheit und Wahrhaftigkeit verbinden, die Sie auf natürliche Weise in die Präsenz und die Freiheit tragen wird.
~ Sich Zeit und Raum zum Praktizieren nehmen ~
Zu den herausragenden Merkmalen unserer Zeit gehört, dass die meisten von uns durch den Tag rasen und versuchen, so viel wie möglich in einen ohnehin schon vollen Zeitplan zu packen. Selbst wenn wir nicht am Handy oder vor dem Bildschirm hängen oder von einem Termin zum nächsten eilen, brodelt unser Verstand weiter. Uns Zeit und Raum zu nehmen, um uns unserem Innenleben zu widmen, widerspricht allen uns umgebenden Trends.
Meditationsanfänger bemerken, wie wertvoll es ist, zu lernen, den Geist zu fokussieren und zur Ruhe zu bringen, aber häufig fällt ihnen noch etwas Grundlegenderes auf. »Allein eine Zeit lang still zu sein, ist für meine Seele ein Geschenk«, brachte es kürzlich jemand zum Ausdruck. Es ist ein Geschenk für die Seele. Aus unserer Geschäftigkeit herauszutreten, in unserem endlosen Irgendwo-Hinmüssen innezuhalten, gehört vielleicht zu den schönsten Dingen, die wir uns selbst geben können. Und es ist so einfach. Wir lernen, wie Rumi sagt, uns regelmäßig selbst zu besuchen.
Finden Sie eine Möglichkeit, Ihrer Meditationspraxis einen Rhythmus zu geben. Viele kontemplative Traditionen empfehlen, jeden Tag um dieselbe Zeit zu meditieren – meistens früh am Morgen, weil der Geist nach dem Aufwachen ruhiger ist als später am Tag. Doch die beste Zeit für Sie ist die Zeit, zu der es für Sie realistisch ist, regelmäßig zu sitzen. Für manche Menschen passt es besser, zweimal am Tag kürzer zu meditieren, einmal am Tagesanfang und einmal am Tagesende.
Wie lange sollte man sitzen? Für die meisten Menschen stimmt eine Zeit zwischen 15 und 45 Minuten. Wenn Ihnen die Meditation noch ganz neu ist, mögen Ihnen 15 Minuten wie eine Ewigkeit vorkommen, doch mit etwas Übung wird sich dieser Eindruck wandeln. Wenn Sie jeden Tag sitzen, werden Sie bemerken, wie gut es Ihnen tut (mehr Ruhe und Besonnenheit), und Sie werden Ihre Meditationszeit wahrscheinlich ausdehnen wollen. Unabhängig davon, wie lange Sie meditieren, ist es am besten, die Zeitspanne vorher festzulegen und sich einen Wecker oder Timer zu stellen. Dann müssen Sie sich nicht in Gedanken darüber verwickeln, wann Sie aufhören sollen, und können sich wirklich auf die Meditation einlassen.
Richten Sie sich nach Möglichkeit einen Platz her, der nur Ihrem täglichen Sitzen dient. Wählen Sie dafür einen geschützten, ruhigen Ort, wo Sie Ihr Kissen (oder Ihr Stuhl) immer erwartet. Vielleicht möchten Sie auch einen kleinen Altar aufstellen, mit Kerzen, inspirierenden Bildern, Statuen, Blumen, Steinen, Muscheln – was immer Ihnen schön, bewundernswert und heilig erscheint. Dies ist überhaupt nicht notwendig, aber es kann helfen, eine bestimmte Stimmung zu erzeugen und Sie an das zu erinnern, was Sie lieben.
~ Die Praxis aufrechterhalten ~
Es ist nicht immer leicht, eine regelmäßige Praxis aufrechtzuerhalten. Während der zwölf Jahre, die ich im Ashram lebte, konnte ich jeden Tag mit anderen zusammen praktizieren. Mit solcher Unterstützung war es mir selbstverständlich, jeden Tag Zeit für meine Meditation zu finden. Doch nachdem ich den Ashram verlassen hatte, war es nicht mehr so einfach. Kaum ein Jahr später wurde mein Sohn Narayan geboren, und ich stand mit einem Baby und einem zunehmend unregelmäßigen Tagesverlauf da.
Eines Morgens fühlte ich mich beim Aufwachen besonders missmutig. Nachdem ich Narayans Vater angeschnauzt hatte, weil er beim Einkaufen etwas vergessen hatte, meinte er, ob ich mir nicht etwas Zeit zum Meditieren nehmen wolle. Ich drückte ihm das Kind in den Arm, sank vor meinem kleinen Altar nieder und löste mich sofort in Tränen auf. Mir fehlte der Rhythmus meiner Praxis so sehr. Es fehlte mir, mich selbst regelmäßig zu besuchen! Ich saß da, das Sonnenlicht flutete durch die Fenster, im Hintergrund hörte ich meinen Mann mit Narayan plaudern, und ich schwor mir, komme, was da wolle, jeden Tag Zeit zu finden, um in die Stille zu gehen und auf meine Erfahrung zu achten. Ich ließ mir allerdings eine Hintertür offen: Es war nicht wichtig, wie lange ich saß.
Seitdem habe ich mir immer Zeit genommen. Meistens meditiere ich morgens 30 bis 45 Minuten, aber es gab Tage, vor allem, als Narayan klein war, an denen mir das nicht möglich war. Stattdessen setzte ich mich abends vor dem Einschlafen kurz auf meine Bettkante, entspannte bewusst meinen Körper und öffnete meine Wahrnehmung für meine momentanen Empfindungen und Gefühle. Nach ein paar Minuten sprach ich ein Gebet und schlüpfte unter die Bettdecke. Durch die Veränderungen meines Körpers ist es für mich schwieriger geworden, lange zu sitzen, deshalb mache ich jetzt öfter eine Stehmeditation. Doch mein inneres Versprechen, jeden Tag zu praktizieren, komme, was da wolle, war mir in meinem Leben eine sehr große Stütze.
Für manche meiner Bekannten ist mein Ansatz eine Einladung zur Selbstbestrafung. Irgendetwas kommt dazwischen – eine schlimme Erkältung, frühes Einschlafen auf dem Sofa oder schlichtes Vergessen –, und das Versprechen ist gebrochen. Doch es geht darum, die Meditationspraxis zu genießen, nicht sich Stress damit zu machen. Wie Julia Child schon sagte: »Wenn Ihnen der Braten herunterfällt, heben Sie ihn einfach wieder auf. Wer merkt das schon?« Wenn Sie einen Tag nicht praktiziert haben oder eine Woche oder einen Monat, dann fangen Sie einfach wieder an. Das ist in Ordnung.
Sie werden letztlich nur weitermeditieren, wenn es Sie bereichert. Und es ist schwer, sich bereichert zu fühlen, wenn es mechanisch wird, wenn Sie aufgrund von Schuldgefühlen praktizieren, wenn Sie sich dafür verurteilen, keine Fortschritte zu machen, oder wenn Sie sich in ein verbissenes Einzelkämpfertum zurückziehen. Einer der besten Wege, diese Fallen zu vermeiden, besteht darin, mit anderen zusammen zu praktizieren. Sie können sich an einen bestehenden Meditationskurs anschließen oder sich mit Freunden zusammentun und gemeinsame Erfahrungen machen. Wenn es Ihnen möglich ist, sollten Sie an einem Wochenend- oder Wochen-Retreat teilnehmen, um Ihre Praxis zu vertiefen und Ihr Vertrauen zu stärken, dass Sie friedvoll und achtsam werden können. Dies ist eine wundervolle Zeit in der Menschheitsgeschichte, um Meditation zu praktizieren! Es gibt immer mehr Ressourcen – CDs, Bücher, Podcasts, Lehrer und Mitmeditierende –, um sich auf diesem Weg unterstützen und begleiten zu lassen.
Nach dem Sitzen: Meditationstraining und Alltag
Der Autor und buddhistische Gelehrte Robert Thurman meinte mal im Scherz, die Buddhisten würden immer über die Praxis reden: »Üben, üben, üben! Ich möchte mal wissen, wann denn nun die Aufführung kommt?« Es gibt keine Aufführung, aber es gibt die Möglichkeit, in alltäglichen Momenten wacher zu sein, in denen man sonst in der Trance verloren wäre.
Für Jeff und Arlene, das Ehepaar vom Anfang dieses Kapitels, war die Meditationspraxis ein zentraler Schritt, um ihre Beziehung zu retten. Wie ich es vielen Paaren empfehle, verabredeten auch sie, sich eine meditative »Auszeit« zu nehmen, wenn sie bemerkten, dass sie sich in einem ihrer Tänze aus Ärger und Abwehr verstrickten. Jeder von ihnen konnte um diese bewusste Pause bitten, und beide erklärten sich bereit, solch einer Bitte zu entsprechen. Sie setzten sich dann getrennt oder zusammen (sie experimentierten mit beidem) ruhig hin und nutzten die Fertigkeiten, die sie durch die formelle Praxis erworben hatten: Sie vergegenwärtigten sich ihre Absicht (sich für Präsenz und Liebe zu entscheiden); sie ließen die Geschichten der Schuldzuweisungen los; sie entspannten und beruhigten sich durch den Atem; und sie wandten sich ihren Ängsten und Verletzungen mit Präsenz zu. Nach zehn oder fünfzehn Minuten dieser Mini-Meditationen nahmen sie miteinander Kontakt auf, um zu sehen, ob sie bereit waren, ihr Gespräch wiederaufzunehmen. Ihr Kriterium dafür war, mit der eigenen Verletzlichkeit in Kontakt zu sein statt mit Schuldzuweisungen. Wenn einer von beiden mehr Zeit benötigte, ließen sie dies zu. Manchmal verabredeten sie auch, bis zum nächsten Tag zu warten. Doch meistens waren sie schon nach einer kurzen Meditation besser in der Lage, ihre eigentlichen Gefühle zu erkennen und sie offen mitzuteilen. Indem sie lernten, innezuhalten und sich für Präsenz zu entscheiden, entdeckten sie eine Ebene des Verstehens und der Zuwendung, die sie sich nicht hätten träumen lassen.
Ich werde oft gefragt, was uns im Getriebe des Alltags helfen kann, uns an Präsenz zu erinnern. Meine erste Antwort lautet: »Innehalten.« Meine zweite Antwort ist: »Nochmals innehalten, ein paarmal bewusst atmen und entspannen.« Da wir ständig in die Zukunft taumeln, ist »Anhalten« die einzige Möglichkeit, ins Hier und Jetzt zurückzukehren. Selbst wenige Augenblicke unterbrochener Aktivität, Mini-Meditationen des Stillseins, können uns wieder mit unserer Lebendigkeit und Zuwendung verbinden. Diese Verbindung vertieft sich noch, wenn wir in jenen Augenblicken einen bewussten Kontakt mit unserem Körper und Atem herstellen und uns entspannen.
Ein Spiel, das ich mit mir spiele, besteht darin, zu sehen, ob ich mich auch bei den alltäglichsten Handlungen spontan daran erinnern kann, innezuhalten. Geschirr abwaschen. Von meinem Büro in die Küche gehen. E-Mails durchsehen. Popcorn essen. Innehalten ist ein wundervoller und radikaler Weg, mich aus der virtuellen Realität herauszuziehen und mich an der Nabe des Rades selbst wiederzuentdecken, wach, offen und hier.
Eine bewusste meditative Pause hilft uns, die häufig vergessene Schönheit und Güte wiederzuentdecken, die in uns und um uns ist. Eine Klientin, Frances, war niedergeschmettert, als ihre zwei Töchter die Ferien lieber mit ihrem Vater (Frances’ Exmann) als mit ihr verbringen wollten. »Mit dir macht es keinen Spaß, Mama, du kannst dich nicht entspannen«, sagte die eine. Als Frances protestierte, wiesen ihre Töchter sie darauf hin, dass sie immer geschäftig sei. Selbst beim Planen von Urlaubsaktivitäten sei sie ernst und angespannt. Frances musste zugeben, dass da etwas dran war. Als Älteste von fünf Kindern hatte sie sich nach der Erkrankung ihrer Mutter viel zu jung um ihre Geschwister kümmern müssen. »Ich kann nicht spielen«, gestand sie traurig. »Es ist mir viel vertrauter, beschäftigt zu sein, Dinge zu erledigen.«
Nach der Erschütterung durch das Verhalten ihrer Töchter, das sie als Ablehnung empfand, begann Frances, täglich zu meditieren, um zu lernen, wie sie entspannen kann. Doch als sie zu einem Beratungsgespräch zu mir kam, sah ich an ihrer steifen Haltung und ihren zusammengekniffenen Augenbrauen, dass sie die Meditation genauso verbissen anging wie den Rest ihres Lebens.
Ich empfahl ihr, einen schönen Ort zu finden, an dem sie spazieren gehen und auf diese Weise meditieren könnte. Sie sollte weiterhin sich des Denkens bewusst werden, wenn sie es bemerkte. Aber statt ihre Aufmerksamkeit auf den Atem zu richten, sollte sie alle ihre Sinneswahrnehmungen als Anker nutzen. Ich empfahl ihr, sich des Drucks ihrer Füße auf der Erde bewusst zu werden und die Bilder und Gerüche und Geräusche der Natur um sich herum zu bemerken. Ich riet ihr, jedes Mal innezuhalten, wenn ihr etwas Schönes oder Interessantes auffiel, und dieser Erfahrung dann ihre volle Aufmerksamkeit zuzuwenden.
Als wir uns einige Monate später wieder sprachen, berichtete Frances von ihrer Meditation. »Meine Spaziergänge sind ein einziges langes Schlendern!«, erklärte sie und erzählte, wie sehr sie auch andere Dinge in ihrem Leben genießen gelernt habe: ganz langsam einen Pfirsich zu essen und seinen Geschmack und sein Fleisch zu genießen, lange heiß zu duschen und immer mehr während der Sitzmeditation sich einfach mit der Bewegung ihres Atems zu entspannen. Doch vor allem nahm sie ihre Töchter auf neue Weise wahr. Sie genoss das ansteckende Lachen der einen und die anmutigen Bewegungen der anderen. »Ich freue mich an ihnen«, sagte sie mit einem Lächeln. »Und sie scheinen Spaß daran zu haben, mit mir zusammen zu sein!« Frances entdeckte die Segnungen der Präsenz – eine innige Nähe zu dem Leben hier und jetzt.
Dem Herzen und dem Gewahrsein vertrauen
Bei einer Konferenz mit dem Dalai Lama in Indien fragte ihn eine Gruppe buddhistischer Lehrer aus dem Westen nach der wichtigsten Botschaft, die sie für ihre Meditationsschüler mit nach Hause nehmen könnten. Der Dalai Lama besann sich einen Moment, nickte dann und sagte mit einem strahlenden Lächeln: »Sagt ihnen, dass sie darauf vertrauen können, dass ihr Herz und ihr Gewahrsein unter allen Umständen erwachen werden.« Wir möchten uns so gerne auf unsere Fähigkeit verlassen können, Schwierigkeiten gut zu bewältigen, zu wachsen, zu lieben und alles zu sein, was uns möglich ist.
Viele fangen an zu meditieren, um sich mehr mit ihrem Herzen und ihrem Gewahrsein zu verbinden und mehr Selbstvertrauen zu entwickeln. Und doch liegt für die meisten die mit Abstand größte Herausforderung bei der Aufrechterhaltung der Meditation in ihren Zweifeln: »Ich mache das nicht richtig. Ich kapiere das nicht. Das funktioniert so nicht.« Von Menschen, die sich darum bemühen, eine regelmäßige Praxis aufzubauen, höre ich immer wieder, dass sie ihr Denken nicht kontrollieren könnten oder sich unfähig fühlen, eine Erfahrung offenherziger Präsenz aufrechtzuerhalten. Und dann fragen sie, warum Meditieren so schwer sei.
Es ist schwer, unsere Aufmerksamkeit zu trainieren. Wir arbeiten gegen den Strom unzähliger Stunden von Gedankenverlorenheit und unbewusster Getriebenheit durch Wünsche und Ängste. Es ist, als hätten wir unser Leben auf einem Fahrrad verbracht, auf dem wir ständig heftig von dem gegenwärtigen Augenblick wegzuradeln versuchen. Wir strampeln, um uns nicht auf das einlassen zu müssen, was gerade vor sich geht; wir strampeln, damit etwas so geschieht, wie wir wollen; wir strampeln, um woandershin zu kommen. Je mehr wir das Gefühl haben, dass etwas fehlt oder verkehrt ist, desto schneller strampeln wir. Selbst mitten in der Meditation merken wir manchmal, wie wir weiter in die Pedale treten – angestrengt darum bemüht, beim Atem zu bleiben, einer Fantasie nachjagend.
Solange wir die Macht unserer Konditionierung zum Weglaufen nicht anerkennen, kann Meditation ein prima Anlass für Minderwertigkeitsgefühle sein. Diese Neigung zu falschen Zufluchten ist unseren neuronalen Pfaden enorm stark eingeprägt. Es ist nicht unser Fehler! Wie können wir angesichts dieser Konditionierung dem Rat des Dalai Lama folgen und unserem Herzen und unserem Gewahrsein trauen?
Das bewusste »Tun« während der Meditation (das Benennen unserer Erfahrung, das achtsame Scannen unseres Körpers oder der Fokus auf den Atem) hilft uns, innezuhalten und uns dem Leben in diesem Augenblick zu öffnen. Doch weil wir uns so leicht von dem Drang, »mehr zu tun«, einfangen lassen, ist es sehr hilfreich, die Absicht darauf zu richten, loszulassen. Indem sie sich zuflüsterte: »Ich stimme zu«, öffnete sich Pam in den letzten Tagen ihres Mannes der liebevollen Präsenz; indem ich mich bewusst »den Wellen anvertraute«, entspannte ich meinen Drang, das Leben kontrollieren zu wollen, und verband mich mit einem erweiterten Gewahrsein. In letzter Zeit erinnere ich mich manchmal an eine Zeile von Rainer Maria Rilke: »Lass dir alles geschehn: Schönheit und Schrecken …« Experimentieren Sie damit, was Ihnen hilft, sich zu erinnern. Welches Wort oder welcher Satz hilft Ihnen, mit dem Strampeln aufzuhören, Ihr gewohnheitsmäßiges »Tun« loszulassen und einfach zu sein?
Ein Schüler fragte einst den hinduistischen Lehrer Swami Satchidananda, ob er Hindu werden müsse, um tiefer in die Praxis des Yoga einzutauchen. Satchidananda antwortete: »Ich bin kein Hindu, ich bin ein Undo« [engl. Wortspiel: undo = das Tun auflösen, ungetan (Anm. d. Übers.)]. Wenn uns die Meditation befreit, macht uns das nicht zu etwas Besserem oder anderem, und sie bringt uns auch nirgendwo hin. Es geht nicht darum, einer spirituellen Leistung entgegenzustreben. Meditation schenkt uns vielmehr die Gelegenheit, unser kontrollierendes Verhalten aufzulösen, unsere einschränkenden Überzeugungen aufzulösen, unsere gewohnten körperlichen Anspannungen aufzulösen, unsere Wehrmauern aufzulösen und vor allem unsere Identifikation mit einem kleinen, bedrohten Selbst aufzulösen. Indem wir alles Tun unterlassen, entdecken wir das weite Herz und das weite Gewahrsein jenseits aller kleinen Identitäten; das Herz und das Gewahrsein, in denen wir in jeder Lebenssituation Zuflucht finden können. Dies ist das Geschenk der Meditationspraxis – wir merken, wir können dem vertrauen, was wir in unserem tiefsten Inneren sind.
Geführte Meditation
Zurückkommen
Die Praxis der Achtsamkeit ist ein direkter Zugang zur natürlichen Präsenz. »Zurückkommen« hilft Ihnen, zur Präsenz zurückzukehren, wenn Sie abgelenkt waren. Es unterstützt Sie darin, sich im gegenwärtigen Augenblick zu fokussieren.
Setzen Sie sich bequem hin. Sie werden besonders wach und aufmerksam sein, wenn Sie auf einem Stuhl, Kissen oder Kniebänkchen sitzen, mit geradem Rücken, aufrechter Haltung und so ausbalanciert wie möglich. Lassen Sie in dieser aufrechten Haltung die nicht benötigten Muskeln los und entspannen Sie sich. Die Hände ruhen bequem auf den Oberschenkeln oder im Schoß. Schließen Sie die Augen oder lassen Sie sie mit weichem, empfänglichem Blick offen, wenn Ihnen das lieber ist.
Atmen Sie ein paarmal tief durch. Lassen Sie mit jedem Ausatmen bewusst los und entspannen Sie das Gesicht, die Schultern, die Hände und den Bauch. Wenn Ihr Atem seinen natürlichen Rhythmus gefunden hat, wählen Sie einen Anker für Ihre Meditation. Die wirksamsten Anker sind an die sinnliche Wahrnehmung gebunden. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit zum Beispiel auf …
• den Atem, wie er durch die Nasenlöcher ein- und ausströmt;
• andere Empfindungen, die mit dem Atmen verbunden sind, wie das Heben und Senken der Brust oder der Bauchdecke;
• die Geräusche in Ihnen oder um Sie herum;
• andere körperliche Wahrnehmungen, die Sie in dieser sitzenden Haltung innerlich erfahren: vielleicht ein Kribbeln in den Händen, Wärme oder Kühle bestimmter Körperregionen, Anspannung oder Entspannung bestimmter Muskelgruppen.
Nehmen Sie sich etwas Zeit, sich Ihrem Anker mit voller, entspannter Aufmerksamkeit inniglich zuzuwenden. Sie können sich vorstellen, Ihr gesamtes Gewahrsein sei genau hier, offen für den Strom Ihres Atems (oder anderer Empfindungen oder der Geräusche) von Augenblick zu Augenblick. Sie brauchen Ihre Aufmerksamkeit nicht zu erzwingen, schauen Sie vielmehr, ob es Ihnen möglich ist, die Erfahrung einfach zu empfangen und sich mit den wechselnden Ausdrucksformen des von Ihnen gewählten Ankers zu entspannen. Spüren Sie, wie Sie Ihr Anker mit der Wachheit und dem »Hier-Sein« an der Nabe des Rades verbindet.
Welchen Anker Sie auch gewählt haben, Sie werden schnell merken, dass Ihr Geist abgelenkt wird, die Nabe verlässt und in Gedanken kreist. Diese Ablenkungen sind vollkommen normal – so wie der Körper Enzyme absondert, erzeugt der Geist Gedanken! Es gibt keinen Grund, die Gedanken zu bewerten oder als Feinde zu betrachten. Wenn Sie einen Gedanken bemerken, würdigen Sie diesen Moment lieber als einen Augenblick des Erwachens. Solch eine respektvolle Haltung ist ein entscheidender Bestandteil des Nach-Hause-Zurückkommens und der Rückverbindung mit vollständiger Präsenz.
Wenn Sie bemerken, dass Sie sich in Gedanken verloren haben, mag es hilfreich für Sie sein, dies sich selbst gegenüber anzuerkennen, indem Sie sich sagen: »Dies ist ein Gedanke«, oder: »Denken, denken.« Halten Sie dann einen Moment inne – es gibt keine Notwendigkeit, sofort zur Heimatstation zurückzueilen. Indem Sie sich etwas Zeit nehmen, auf die Geräusche zu lauschen, die Schultern, die Hände und den Bauch wieder zu entspannen und das Herz zu entspannen, werden Sie ganz natürlich zur Präsenz zurückkehren. Achten Sie auf den Unterschied zwischen irgendwelchen Gedanken und der Lebendigkeit des Hier-Seins! Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit dann wieder sanft auf Ihren Anker zurück, um mit ganzer Präsenz an der Nabe des Rades zu verweilen.
Praktizieren Sie auf diese Weise weiter, in der Absicht, die Gedanken zu erkennen und immer und immer wieder zu dem entspannten Fokus auf Ihren Anker zurückzukehren. Diese einfache Praxis des »Zurückkommens« zur Nabe des Rades ist ein kraftvoller Weg, eine Atmosphäre des achtsamen Gewahrseins zu kultivieren. Auch wenn Sie Ihre Meditationspraxis erweitern, kann diese Übung weiterhin ein wichtiges Element Ihrer täglichen Praxis sein.
Geführte Meditation
Hier sein
»Hier sein« fördert direkt die Offenheit und Klarheit des achtsamen Gewahrseins – der wachen Stille an der Nabe des Rades. »Zurückkommen« und »Hier sein« führen wesentliche Aspekte der Achtsamkeit ein, die zur Vipassana-Meditation gehören.
Setzen Sie sich so hin, dass Sie wach und entspannt sein können. Wandern Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit durch Ihren Körper und achten Sie darauf, ob Sie irgendwo Spannungen bemerken, die Sie vielleicht etwas lockern und loslassen können. Bringen Sie Ihre Aufmerksamkeit dann auf den von Ihnen gewählten Anker und nehmen Sie sich so viel Zeit wie nötig, um das »Zurückkommen« zu üben. Am Anfang ist der Geist oft ruhelos und abgelenkt, doch nach ein paar Minuten werden Sie vielleicht Lücken zwischen den Gedanken bemerken – und mehr Momente, in denen Sie bei Ihrem Anker an der Nabe des Rades verweilen.
Bleiben Sie mit einer beharrlichen und gleichzeitig leichten Aufmerksamkeit bei Ihrem Anker und schließen Sie jetzt auch den Hintergrund Ihrer sensorischen Erfahrung mit in Ihr Gewahrsein ein. Wenn Ihnen zum Beispiel das Ein- und Ausströmen des Atems als Heimatstation dient, bemerken Sie jetzt vielleicht auch die Geräusche im Raum, eine innere Ruhelosigkeit, ein Jucken, Wärme. Diese Erfahrungen kommen und gehen, ohne Ihre Aufmerksamkeit von Ihrem Anker abzuziehen. Doch wenn eine dieser Erfahrungen Ihre Aufmerksamkeit besonders anzieht, können Sie sie an die Stelle Ihres Ankers in den Vordergrund Ihrer Aufmerksamkeit setzen. Vielleicht bemerken Sie immer stärker, dass Sie schläfrig sind. Ihre Aufgabe besteht einzig und allein darin, zu erkennen und zuzulassen, wie Sie »Schläfrig-Sein« erfahren. Erleben Sie Schläfrigkeit als eine bestimmte Konstellation von Körperempfindungen. Achten Sie darauf, wo Sie die Empfindungen am meisten spüren und wie sich diese anfühlen. Spüren Sie ein Brennen hinter den Augen? Einen Druck auf der Brust? Eine Verschwommenheit im Geist? Bemerken Sie, wie sich die Empfindungen verändern: Werden sie stärker, sind sie gleichbleibend oder lassen sie nach? Wenden Sie sich weiter aufmerksam der Schläfrigkeit zu – bemerken Sie, wie sie sich anfühlt, und lassen Sie sie so sein – bis sie nicht mehr Ihre Aufmerksamkeit auf sich zieht.
Manchmal wird sich die Schläfrigkeit vielleicht in etwas anderes verwandeln, was Ihre Beachtung verlangt, vielleicht eine Sorge darüber, schläfrig zu sein. Vielleicht fürchten Sie, mit der Meditation Ihre Zeit zu vergeuden, oder Sie fürchten, den ganzen Tag lang müde zu sein. Beachten Sie die Gedanken (»Denken, denken«) und spüren Sie die Körperempfindungen, die damit einhergehen. Vielleicht eine gewisse Enge in der Brust? Ein Empfinden von Wundheit oder Zusammengezogenheit? Achten Sie genau wie bei der Schläfrigkeit darauf, wie sich die Empfindungen im Körper bewegen und wie sie an Intensität zu- oder abnehmen, und lassen Sie alles so sein, wie es ist. Wenn diese Wahrnehmungen nicht mehr Ihre Aufmerksamkeit fordern, kehren Sie zu Ihrem Anker zurück. Auf diese Weise wird alles, was sich zeigt – Gedanken, Emotionen, Empfindungen –, in die urteilsfreie Präsenz an der Nabe des Rades mit einbezogen. Ihre Übung besteht einfach darin, zu erkennen und zuzulassen, was ist.
Um das »Hier-Sein« zu unterstützen, können Sie sich beim Auftauchen intensiver Erfahrungen mentale Anmerkungen notieren. Das Benennen Ihrer Empfindungen (»Brennen, brennen«), Emotionen (»Angst, Angst«) oder bestimmter Arten von Gedanken (»Sorgen, Sorgen«) kann Ihnen helfen, klarer zu erkennen, was in Ihnen vor sich geht, ohne die Präsenz an der Nabe des Rades zu verlassen. Geben Sie Ihrem Flüstern einen sanften Tonfall der Akzeptanz: Das Benennen soll Ihnen dazu dienen, sich mit Ihrer aktuellen Erfahrung zu verbinden, ohne sie zu beurteilen oder ihr zu widerstehen. Es geht nicht darum, genau die richtige Bezeichnung zu finden oder alles zu benennen, was vor sich geht. Wenn Sie das Benennen als Ablenkung oder als schwerfällig empfinden – wenn es den Fluss Ihrer Präsenz stört –, können Sie es ziemlich sparsam einsetzen oder ganz weglassen.
Wenn Ihr Geist geschäftig umherflitzt und ständig die Nabe des Rades verlässt, wird Ihre Meditation eine natürlich fließende Bewegung zwischen »Zurückkommen« und vertiefter Präsenz beim »Hier-Sein« aufweisen. Wenn Sie jedoch merken, dass Ihr Geist zur Ruhe kommt, können Sie damit experimentieren, den Anker loszulassen. Ruhen Sie in der stillen Wachheit an der Nabe des Rades und empfangen Sie, was in Ihrem Gewahrsein auftaucht, ohne Ihre Aufmerksamkeit bewusst zu lenken. Gedanken können kommen und gehen, genauso wie die Empfindungen des Atems, ein Geräusch von draußen, ein ängstliches Zucken. Ihre Absicht ist einzig und allein, zu erkennen und zuzulassen, was geschieht, von Moment zu Moment zu Moment. Indem Sie die Kontrolle loslassen und sich mit dem sich ständig wandelnden Strom der Erfahrungen entspannen, beginnen Sie, in die ganze Fülle natürlicher Präsenz hineinzuwachsen. Bemerken Sie, wie grenzenlos die Nabe des Rades eigentlich ist; wie die Erfahrung weniger einem zu verortenden »Hier« entspricht, sondern vielmehr in der wachen Offenheit des Gewahrseins selbst erscheint und vergeht. Ruhen Sie in diesem Gewahrsein, und lassen Sie das ganze Leben durch sich leben.
4
Drei Tore zur Zuflucht
Manchmal hörst du eine Stimme durch die Tür, die dich ruft,
wie ein Fisch auf dem Trockenen die Wellen hört …
Komm zurück. Komm zurück.
Diese Wendung hin zu dem, was du zutiefst liebst, rettet dich.
Rumi
Das große Geschenk eines spirituellen Pfades liegt in dem wachsenden Vertrauen, einen Weg zu wahrer Zuflucht finden zu können. Wir erkennen, dass wir genau dort beginnen können, wo wir sind, inmitten unseres eigenen Lebens, und unter allen Umständen Frieden erfahren können. Selbst in jenen Augenblicken, wo wir meinen, den Boden unter den Füßen zu verlieren – wie bei einem Verlust, der unser Leben für immer verändert –, können wir uns darauf verlassen, den Weg nach Hause zu finden. Dies ist möglich, weil wir mit der zeitlosen Liebe und Bewusstheit in Berührung gekommen sind, die unserem Sein zu eigen sind.
Im Verlauf der Menschheitsgeschichte und in vielen religiösen und spirituellen Traditionen tauchen immer wieder drei archetypische Tore zum universellen Weg des Erwachens auf. Aus meiner Sicht lässt sich der Geist dieser Tore am besten mit den Begriffen Wahrheit, Liebe und Gewahrsein erfassen. Wahrheit ist die lebendige Wirklichkeit, die sich im gegenwärtigen Augenblick offenbart; Liebe ist das Empfinden von Verbundenheit oder Einheit mit der Gesamtheit des Lebens; und Gewahrsein meint jene stille Wachheit, die den Hintergrund aller Erfahrung bildet; das Bewusstsein, welches diese Worte liest, Geräusche hört, Empfindungen und Gefühle wahrnimmt. Jedes dieser Tore bildet einen wesentlichen Teil dessen, was uns ausmacht; jedes ist eine Zuflucht, denn sie sind immer da, unserem Dasein selbst innewohnend.
Wer mit dem buddhistischen Weg vertraut ist, erkennt diese Begriffe vielleicht wieder. Traditionell lauten sie:
• Zuflucht zu Buddha (dem »Erwachten« oder unserem eigenen reinen Gewahrsein)
• Zuflucht zum Dharma (der Wahrheit des gegenwärtigen Augenblicks; den Lehren; dem Weg)
• Zuflucht zum Sangha (der Gemeinschaft der spirituellen Freunde oder der Liebe)
In den folgenden Kapiteln habe ich diese Tore jedoch so angeordnet, wie sie nach meiner Erfahrung am zugänglichsten sind. Für viele Menschen, vor allem für jene, die Meditation üben, bildet der Kontakt mit der Wahrheit des gegenwärtigen Augenblicks die erste Öffnung zu innerer Zuflucht. Für andere ist es das Erwachen der Liebe. Wenn wir uns mit diesen Toren der Wahrheit und der Liebe vertraut gemacht haben, entsteht daraus eine Hinwendung zu formlosem Gewahrsein. Im Laufe der Zeit wird die Zuwendung zu jedem dieser Tore auf natürliche Weise zu den anderen führen. Sie sind wahrhaft unzertrennlich.
Im Hinduismus sind dieselben Tore zentral, und sie heißen auf Sanskrit: Sat (ultimative Wahrheit oder Wirklichkeit), Ananda (Liebe oder Seligkeit) und Chit (Bewusstsein oder Gewahrsein). Und wir finden sie auch in manchen Interpretationen der christlichen Dreifaltigkeit wieder: Vater (der Ursprung oder das Gewahrsein), Sohn (das formgewordene Gewahrsein oder die lebendige Wirklichkeit/Wahrheit) und Heiliger Geist (Liebe, die Liebe zwischen Vater und Sohn).
Scheint das alles sehr abstrakt und unzugänglich, wenn wir mit unserem Alltag ringen? Wie können wir zu diesen Toren in unserem Alltag Zugang finden? Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass jeder dieser Zufluchtsbereiche einen inneren und einen äußeren Aspekt hat. In ihren äußeren Erscheinungsformen sind uns diese Zufluchten weltliche Quellen der Heilung, der Unterstützung und der Inspiration. Wir können aus weisen Lehren lernen (Wahrheit). Wir können mit Freunden und Verwandten Wärme und Zuneigung genießen (Liebe). Wir können uns von spirituellen Vorbildern inspirieren lassen (Gewahrsein). Jede Religion und jeder spirituelle Weg enthält Angebote solcher äußerer Zufluchten. Wenn wir uns auf sie einlassen, bieten sie uns direkte, konkrete Hilfen für unser tägliches Leben. Doch die äußeren Zufluchten offerieren noch mehr: Sie sind Zugang zu den inneren Zufluchten des reinen Gewahrseins, des lebendigen Flusses der Wahrheit und der grenzenlosen Liebe. Wenn wir uns diese Ausdrucksformen unserer wahren Natur zu eigen machen, löst sich die Trance der Getrenntheit auf und wir sind frei.
Die äußeren und inneren Aspekte der Zuflucht
| ÄUSSERE ZUFLUCHT | INNERE ZUFLUCHT | |
| WAHRHEIT | Meditation Ethik Lehren | Die Natur der Wirklichkeit erkennen; lebendige Präsenz verkörpern |
| LIEBE | Bewusste Beziehungen zu sich selbst und anderen | Einheit erkennen; liebevolle Präsenz verkörpern |
| GEWAHRSEIN | Inspirierende spirituelle Personen | Das leere, leuchtende Gewahrsein erkennen und verkörpern |
Das Tor der Wahrheit
In Pali, der Sprache der frühesten buddhistischen Schriften, kann das Wort Dharma »Pfad«, »Weg« oder »Natur der Dinge« bedeuten. Wenn ich oder andere buddhistische Lehrer in unseren Kursen und Retreats »Dharma-Vorträge« anbieten, beziehen wir uns auf drei Wege, die wir einschlagen können, um Zuflucht zur Wahrheit zu nehmen: das Arbeiten mit unserem Innenleben durch eine Meditationspraxis; die innere Verpflichtung zu weisem, tugendhaftem Verhalten; und ein Verstehen der Lehren oder Wahrheiten, die uns auf dem spirituellen Weg leiten.
~ Meditation: Zur Wahrheit erwachen ~
Vielleicht sind Sie mit der Achtsamkeitspraxis in einer Klinik, in einer Psychotherapie oder in einer Fortbildung in Kontakt gekommen – ohne jeglichen Bezug zum Buddhismus. Allein die Erkenntnis, dass wir unsere Aufmerksamkeit bewusst steuern können, kann eine verblüffende, wundervolle Entdeckung sein. Auch ganz am Anfang der Praxis können wir die ruhige Zentriertheit erfahren, die sich einstellt, wenn wir aus unseren Gedanken aufwachen und im Atem ruhen und durch das achtsame Gewahrsein der Erfahrung des jeweiligen Augenblicks neue Klarheit gewinnen.
Viele Menschen kommen zunächst aus gesundheitlichen Gründen oder um Stress abzubauen zu meinem Meditationskurs am Mittwochabend. Manchmal machen sie dann überraschende Entdeckungen.
Terrance war Richter am Kammergericht in Washington D.C. Bei seinem ersten Besuch meines Kurses kam er am Ende der Veranstaltung auf mich zu, um über seine Arbeit zu reden. Er fühlte sich von den vollen Gerichtssälen und dem ganzen Ausmaß an Leiden, welchem er dort jeden Tag begegnete, oft überfordert. Er fragte mich, was er tun könne, um sich in alldem mehr Luft zu verschaffen. Ich nahm seinen Ausdruck »mehr Luft verschaffen« auf und schlug ihm eine tägliche Meditationspraxis vor, bei der ihm der Atem als Anker diente. So würde er dann selbst bei der Arbeit nur einen kurzen Moment brauchen, in dem er sich mit seinem Atem verbinden und so innere Klarheit und Gelassenheit finden könnte.
Terrance war diszipliniert. Er besuchte einen Kurs, den wir für eine Gruppe von Richtern anboten, und praktizierte jeden Tag eine halbe Stunde für sich allein. Am Ende des Kurses kam er wieder zu mir. »Es funktioniert, Tara«, erklärte er mir mit einem Lächeln, »aber nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Ja, ich bin auf jeden Fall ruhiger geworden. Aber da ist noch etwas. Jede Person, die jetzt vor meinen Richtertisch tritt, ist zu einem wirklichen Menschen geworden, der meinen Respekt verdient. Und mehr als das … Jeder ist auf eine ganz grundlegende Art ›mir gleich‹. Ich bin mit einer Liebe und einem Bewusstsein verbunden, welches ich zwar intellektuell verstanden, aber noch nie wirklich erlebt hatte.«
Die Praxis der Meditation führt zu konkreten, messbaren und äußerst wertvollen Ergebnissen, doch der Buddha hatte noch eine grundlegendere Absicht: Durch das Einüben eines entspannten, aufmerksamen Geistes gewinnen wir direkten Einblick in die Wahrheit dessen, wer wir sind. Terrance begann, die Erfahrung zu machen, dass Mitgefühl und Verbindung nicht nur Konzepte sind, sondern gelebte Erfahrungen.
~ Ethik: Leben im Einklang mit der Wahrheit ~
Der tibetischen Lehre zufolge sollten wir unserem Geist erlauben, so weit zu sein wie der Himmel, doch in unserem täglichen Umgang sollten wir so fein sein wie ein Sandkorn. Darin spiegelt sich eine grundsätzliche Wahrheit wider: Die Art, wie wir leben – unser Umgang mit anderen, die Energie hinter unseren Worten, unsere gewohnheitsmäßige Beziehung zur Erde –, prägt unser Bewusstsein und wirkt sich in unserer Umgebung aus. Mit allem, was wir in jedem Augenblick sagen und tun, pflanzen wir Samen für unsere Zukunft. Wenn wir uns dieser Wahrheit bewusst sind und ihr erlauben, unser Handeln zu bestimmen, öffnen sich unser Geist und unser Herz für die innere Zuflucht der Wahrheit.
Wie viele spirituelle Leitfiguren lehrte auch der Buddha eine tiefe Ehrfurcht vor dem Leben und eine innere Verpflichtung, niemandem Schaden zuzufügen. Seinen Grundsätzen zufolge sollen wir nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen, keine Drogen missbrauchen und niemandem durch sexuelle Aktivitäten schaden. Er ruft uns auf, mitfühlend zu leben: das Leben zu schützen und zu würdigen, großzügig zu sein, freundlich und gütig die Wahrheit auszusprechen, uns gut um unseren Körper und Geist zu kümmern und bewusste, respektvolle Beziehungen zu pflegen.
Ich habe oft erlebt, wie diese Lehren in stürmischen Zeiten Menschen als Rettungsboot dienten. Mein Meditationsschüler Manny war Projektleiter in einem innovativen Unternehmen, welches eine Reihe erfolgreicher Software-Anwendungen entwickelt hatte. Der größte Teil der kreativen Brillanz dieser Anwendungen stammte von einem jungen Mann und einer jungen Frau aus Mannys Team, doch in seinen Treffen mit den Leitern des Unternehmens hatte er ihren Anteil nie erwähnt. Als Manny über sein Handeln nachsann, durchlief ihn eines Tages eine Welle des Selbstekels: Das war Diebstahl. Er hatte die Lorbeeren selbst eingeheimst, die eigentlich anderen gebührten. Und es war Lüge: Er hatte es vermieden, die Wahrheit zu sagen. Von diesem Tag an bemühte er sich bewusst darum, die Beiträge seiner Mitarbeiter zu würdigen, sowohl im Team als auch gegenüber seinen Vorgesetzten. Er merkte, dass er sich dadurch innerlich klarer und mehr mit sich selbst im Reinen fühlte.
Eine Freundin von mir meinte einmal scherzhaft, wenn wir den ganzen Tag über lügen, stehlen und andere niedermachen, könnten wir nicht erwarten, uns am Abend zu einer netten, friedlichen Meditation hinsetzen zu können. Gewaltvolles oder manipulatives Verhalten wirkt sich direkt auf unser Nervensystem und unsere Stimmung aus. Dementsprechend fördert ein tugendhaftes Leben ein glückliches, zufriedenes Herz. Selbst wenn wir keinen Zugang zu unserer ganzen Weisheit und unserem vollen Mitgefühl haben – allein das bewusste Bemühen um ein hilfsbereites, freundliches Verhalten wirkt sich auf unser Innenleben aus. Wir werden energetisch ausgeglichener und sind mehr im Frieden damit, wie wir mit dem Leben in uns und um uns herum umgehen.
Die innere Verpflichtung, niemandem zu schaden, bedeutet jedoch nicht, dass wir uns geißeln sollten, wenn wir etwas Verletzendes gesagt oder einen über den Durst getrunken haben. Unsere innere Verpflichtung kann uns dann vielmehr anregen, inmitten unseres Tuns innezuhalten und zu bemerken, was gerade vor sich geht. Wenn wir lernen, unsere Aufmerksamkeit auf diese Weise zu vertiefen, verbinden wir uns immer tiefer mit der uns innewohnenden Ehrfurcht vor dem Leben.
~ Lehren der Wahrheit: Die Wirklichkeit annehmen ~
Vor etwa zwanzig Jahren fuhr ich mit einem Freund nach Süd-Virginia, um an einem Retreat des vietnamesischen Zen-Lehrers Thich Nhat Hanh teilzunehmen. Während der Schlusszeremonie forderte er uns auf, einen Partner auszuwählen – ich wandte mich meinem Freund zu – und uns voreinander zu verneigen. Dann wies er uns an, einander zu umarmen und dabei drei Mal bewusst und vollständig ein- und auszuatmen. Während des ersten Atemzugs sollten wir uns vergegenwärtigen: »Ich werde sterben«; während des zweiten Atemzugs: »Du wirst sterben«; und während des dritten Atemzugs: »Und uns bleiben nur diese kostbaren Augenblicke.« Nachdem wir uns langsam aus der Umarmung gelöst hatten, sahen mein Freund und ich uns durch Tränenschleier in die Augen. Thich Nhat Hanh hatte uns auf wundervolle Weise zur Zuflucht der Wahrheit geführt.
Es ist nicht so leicht, uns den Realitäten unserer Existenz zu stellen und sie anzunehmen. Wir sind zutiefst darauf konditioniert, uns vor Schmerz zu schützen und uns an jede Hoffnung zu klammern, die uns Sicherheit und Annehmlichkeiten verspricht. Aus diesem Grund verharrte auch mein Freund Paul zwei Jahrzehnte lang in einer konfliktreichen Ehe. Paul war ein extrovertierter Mensch, der in der Gesellschaft anderer aufblühte und der sich von seiner Frau Karen »ausgegrenzt« fühlte. »Sie zog sich lieber mit unserer Katze und ihren Gedichten zurück, als Zeit mit mir zu verbringen«, klagte er. In seiner Verletztheit und seinem Ärger warf er ihr vor, ihn emotional zu vernachlässigen, sich nicht um ihn zu kümmern, nicht für ihn da zu sein. Sie reagierte darauf mit noch mehr Rückzug.
An einem Wochenende, das Karen bei ihrer gemeinsamen erwachsenen Tochter verbrachte, hatte Paul eine verblüffende Erkenntnis. »Woche um Woche, Jahr um Jahr war ich immer davon ausgegangen, dass sie anders sein sollte, dass unsere Beziehung anders sein sollte … Aber Karen ist einfach so, wie sie ist.« Ihm wurde bewusst, dass er seinen Traum von Nähe und Intimität mit Karen nie erreichen würde. Je mehr er sich seinem eigenen Schmerz und seiner Einsamkeit unmittelbar öffnete, desto mehr konnte er Karen so akzeptieren, wie sie war. Die Spannung wich aus ihrer Beziehung, und sie fingen an, aufrichtiger, respektvoller und sorgsamer miteinander umzugehen. »Als wir uns entschieden, uns zu trennen, geschah dies nicht, weil wir miteinander im Streit lagen«, erklärte mir Paul. »Es geschah, weil wir aufrichtig waren …, weil wir akzeptierten, wie es war.« Und dann fügte er wehmütig hinzu: »Es ist traurig, zu erkennen, wie unser Bestreben, der andere möge anders sein, unsere Liebe jahrelang verdeckte.«
Wenn wir durch das Tor der Wahrheit gehen, beginnen wir mit der Erkenntnis dessen, was wirklich ist, und streben danach, es anzunehmen. Dieses Annehmen bedeutet nicht passive Resignation, sondern ein mutiges Sich-Einlassen auf die Realität unserer Erfahrung. Vielleicht gefällt uns nicht, was wir dabei entdecken, aber wir können es mit mitfühlender Präsenz umfangen. Je mehr wir in dieser Präsenz ruhen, desto heller und klarer wird unsere Aufmerksamkeit. Dann sehen wir das, was jenseits des wechselhaften Spiels der Gedanken, Gefühle und Empfindungen liegt, und entdecken unsere innere Zuflucht – jene wache Offenheit und Feinfühligkeit, in die jede Erfahrung eingebettet ist.
Das Tor der Liebe
Teil einer bewussten Gemeinschaft zu sein, ist eine wunderbare äußere Zuflucht und ein kraftvoller Weg zu wahrer Geborgenheit. In der buddhistischen Tradition bezog sich das Wort Sangha ursprünglich auf die Gemeinde der Mönche und Nonnen, die dem Weg des Buddha folgten. Heutzutage verstehen wir hier im Westen Sangha oft in einem umfassenderen Sinn. Der wesentliche Unterschied zwischen einem Sangha oder einer bewussten Gemeinschaft und anderen sozialen Organisationen ist die hingebungsvolle Verpflichtung zu bestimmten gemeinsamen Werten und Praktiken oder Ritualen, die dem spirituellen Erwachen dienen. Zu den bekanntesten Sanghas unserer Kultur gehören die Zwölf-Schritte-Gruppen, in denen sich die Mitglieder gegenseitig darin unterstützen, sich von Süchten und Abhängigkeiten zu befreien und ihre Lebensqualität zu verbessern.
Alle Religionen und Glaubensrichtungen haben ihre eigenen Formen solcher spirituellen Gemeinschaften, aber man braucht keinen formellen Zutritt zu einem Glauben, um diese Art der Zugehörigkeit zu erfahren. Unserer Meditationsgemeinschaft gehören Anhänger vieler verschiedener Traditionen und auch ausgesprochen säkulare Menschen an. In ihrem weiteren Umfeld haben sich über fünfundzwanzig kleinere Gruppierungen gebildet, sogenannte Kalyana Mitta oder spirituelle Freundeskreise, die gemeinsam erforschen, wie sie die Lehren in ihrem täglichen Leben umsetzen können. Diese Gruppen stehen jedem offen, der daran interessiert ist. Andere haben sich mit Menschen zusammengetan, die ähnliche Merkmale aufweisen wie sie selbst – Jugendliche und junge Erwachsene, Farbige, Menschen mit Suchtproblemen, Lesben, Schwule und Zweifelnde.
Natürlich können wir die Vorzüge eines Sangha auch genießen, wenn wir nicht Teil einer spirituellen Gruppierung sind. Häufig erfahren wir gerade in der Familie oder im Freundeskreis ständige Herausforderungen und tiefes Erwachen. Unsere Herzen öffnen sich weit, wenn wir Geburten oder Hochzeiten feiern, den Verlust lieber Menschen betrauern, uns für ein Festmahl versammeln, anderen eine schwierige Wahrheit anvertrauen oder einander in Zeiten der Krankheit und des Stresses helfen. In der unmittelbaren Nähe, die in diesen Momenten entsteht, erhaschen wir eine Ahnung davon, wer wir jenseits der Trance des kleinen Selbst sind.
Die Zuflucht der Liebe wird für mich immer wieder auf ergreifende und einfache Weise lebendig. Ich erlebe sie, wenn ich einem Freund oder einer Freundin im Schmerz still beistehe, wenn mein Mann Jonathan mich und meinen Computer sicher durch ein technologisches Minenfeld führt, wenn der Vorstand unserer Gemeinschaft tagt und einander auch dann respektvoll zuhört, wenn die Meinungen auseinandergehen. Ich erlebe sie, wenn ich an einem gemeinsamen Ziel mit anderen zusammenarbeite, sei es, um einen Text zu verfassen, ein Problem zu lösen, eine Mahlzeit zuzubereiten oder unserer Welt auf eine geringfügige, aber konkrete Art zu helfen. Mein »Ich«-Empfinden wird dabei lockerer und durchlässiger. Ich bin Teil von etwas Größerem, stehe nicht mehr im Bann des Schmerzes und der Angst vor Trennung.
Menschen kommen oft mit der Erwartung in unsere Meditationsgemeinschaft, dass hier alle freundlich, rücksichtsvoll und großzügig seien. Schließlich sind wir ja eine spirituelle Gruppe! Wenn ihre Mitmeditierenden dann gedankenlose oder verurteilende Bemerkungen machen, darauf bestehen, »recht« zu haben, oder sich in Konflikte verwickeln, kommt es leicht zu Enttäuschungen. Und wenn sie immer wieder mit ihren eigenen Gefühlen der Verletztheit und mit ihnen vertrauten Arten der Verteidigung und des Auf-Distanz-Gehens konfrontiert werden, fühlen sie sich oft desillusioniert.
Doch selbst wenn Gewohnheiten wie Schuldzuweisung oder Abwehr auftauchen, kann sich etwas zutiefst verändern, wenn die Betroffenen dem Geschehen mit hingebungsvoller Präsenz begegnen. Dann wird die Gemeinschaft zur Zuflucht – zu einem Ort wahren Erwachens.
Charlie war in seinem letzten Collegejahr, als er zu mir zur Beratung kam. Seine Mutter hatte ihn vernachlässigt, sein Vater hatte ihn misshandelt. Als er der Selbsthilfegruppe der Anonymen Drogensüchtigen beitrat, fühlte er sich unfähig, darauf zu vertrauen, dass sein Wohl seinem Sponsor wirklich wichtig war oder dass die Mitglieder seiner Gruppe ihn wirklich dabeihaben wollten. Ich ermutigte Charlie, dranzubleiben und sich nicht nur der Abstinenz zu verpflichten, sondern sich auch ganz auf die Begegnung mit den anderen Teilnehmern des Programms einzulassen. Es brauchte viele Monate regelmäßiger Treffen, aber schließlich konnte Charlie spüren, dass er endlich eine richtige Familie gefunden hatte.
Manche von uns haben immer wie Charlie im Abseits gestanden und auf die anderen geschaut. Andere brauchten das Gefühl, die Dinge im Griff zu haben, und waren aus diesem Grund nicht in der Lage, sich ihren Mitmenschen wirklich nahe zu fühlen. Manche sind ständig in Konflikte verwickelt und anderen gegenüber sehr aggressiv oder ausgesprochen defensiv. Wie unsere persönliche Geschichte auch immer verlaufen ist, uns allen wohnt die Fähigkeit zu innigen, authentischen Beziehungen inne, und sie lässt sich mit etwas Übung zum Leben erwecken, indem wir lernen, uns im gegenwärtigen Augenblick uns selbst und unserem Gegenüber bewusst zuzuwenden. Das ist in jeder Form von Beziehung möglich, in der sich die Beteiligten verbindlich darauf eingelassen haben, »zu bleiben«, freundlich zu sein und miteinander zu erwachen.
Spirituelle Freunde zu haben, ist keine oberflächliche Annehmlichkeit. Es hilft uns, aus der Trance der Getrenntheit zu erwachen, die oft so tief ist, dass wir sie nicht bemerken. In bewussten Beziehungen werden die verschiedenen Schichten unserer Gefühle von Minderwertigkeit und Einsamkeit genauso beleuchtet wie die Wahrheit unserer Zugehörigkeit. Wir fangen an, mit dem Leiden der Welt mitfühlender und aktiver umzugehen. Wir entdecken, dass unsere wahre Gemeinschaft alle Lebewesen umfasst. Wenn wir uns in diese Zugehörigkeit zu dem Netzwerk des Lebens hinein entspannen und ihr vertrauen, erkennen wir das eine Gewahrsein, welches durch jedes Wesen strahlt. Unsere spirituellen Freunde ebnen uns den Weg zu der inneren Zuflucht der bedingungslos liebenden Präsenz.
Das Tor des Gewahrseins
Kurz nach seiner Erleuchtung machte sich der Buddha auf den Weg, seine Erkenntnisse anderen mitzuteilen. Die Menschen staunten über seine außergewöhnliche Ausstrahlung und seine friedvolle Präsenz. Ein Mann fragte ihn, wer er sei. »Seid Ihr ein himmlisches Wesen oder ein Gott?« – »Nein«, antwortete der Buddha. – »Seid Ihr ein Heiliger oder Weiser?« Wieder verneinte der Buddha. »Seid Ihr eine Art Magier oder Zauberer?« – »Nein.« – »Aber was seid Ihr dann?« Der Buddha antwortete: »Ich bin erwacht.«
Ich erzähle diese Geschichte gerne, weil sie uns daran erinnert, dass spirituelles Erwachen – so außerordentlich es auch scheinen mag – eine den Menschen innewohnende Fähigkeit ist. Siddhartha Gautama (so lautete der Geburtsname des Buddha) war ein Mensch, kein Gott. Wenn Buddhisten zum historischen Buddha (der Name bedeutet »der Erwachte«) Zuflucht nehmen, lassen sie sich von einem Mitmenschen inspirieren, der seine innere Freiheit verwirklichen konnte. Genau wie wir erlebte Siddhartha körperliche Schmerzen und Krankheiten, und genau wie wir musste er sich mit inneren Konflikten und Widrigkeiten auseinandersetzen. Das Nachsinnen über sein mutiges Erforschen der Wirklichkeit und sein Erwachen zu einer zeitlosen und mitfühlenden Präsenz nährt in seinen Anhängern das Vertrauen, dass dieses Potenzial auch jedem von uns innewohnt.
Auf dieselbe Art können wir dem Leben Jesu oder Lehrern oder Heilern anderer Traditionen nachspüren. Jeder spirituell erwachte Mensch hilft uns, darauf zu vertrauen, dass auch wir erwachen können.
Eine Ahnung dieser äußeren Zuflucht kann uns auch durch zugewandte, weise Lehrer oder Mentorinnen zukommen. Meine sechsundachtzig Jahre alte Tante, eine Spezialistin für Bluterkrankungen bei Kindern, führt ihre Liebe zur Natur und ihre Entschlossenheit, Ärztin zu werden, auf eine Naturkundelehrerin zurück, die sie in der Mittelstufe hatte. Zu jener Zeit waren Frauen auf der medizinischen Hochschule eine Seltenheit, aber diese Lehrerin, eine Frau mit einem leidenschaftlichen Intellekt, vermittelte meiner Tante die wichtige Botschaft: »Vertraue auf deine Intelligenz und lass deiner Neugier freien Lauf!« Ein afroamerikanischer Freund von mir, der in Unternehmen Diversity-Trainings durchführt, ließ sich durch seinen Pfarrer inspirieren, der sich stark in der Bürgerrechtsbewegung engagierte und ein Vorbild an Großzügigkeit, Humor und Weisheit war. Ich selbst fand in meinem ersten Meditationslehrer Stephen Zuflucht: Seine große Liebe zur Meditation und seine sich ständig weiter entfaltende Klarheit und Güte trugen dazu bei, meine Hingabe an den spirituellen Weg zu erwecken. Wir reagieren auf unsere Mentoren, weil sie Qualitäten des Herzens und des Geistes, Qualitäten des Gewahrseins ansprechen, die wir bereits in uns tragen. Ihr Geschenk besteht darin, dass sie uns daran erinnern, was alles möglich ist, und es hervorrufen. In ganz ähnlicher Weise fühlen wir uns zu spirituellen Figuren hingezogen, die uns helfen, uns mit unseren inneren Qualitäten zu verbinden.
Vor etwa zehn Jahren begann ich, mit einer einfachen, selbst entwickelten Meditation zu experimentieren. Ich rief die Präsenz der göttlichen Mutter (des heiligen Weiblichen) an und spürte dann innerhalb einer Minute oder so, wie mich eine strahlende Offenheit umgab. Ich stellte mir den Geist dieses erwachten Wesens vor und spürte dabei eine große Weite und Klarheit. Dann wandte ich meine Aufmerksamkeit dem Herzen der göttlichen Mutter zu, und diese Offenheit füllte sich mit Wärme und Empfindsamkeit. Zum Schluss richtete ich meine Aufmerksamkeit dann nach innen, um zu erkennen, wie diese zartfühlende, strahlende, alles umfassende Bewusstheit in mir lebte. Ich spürte, wie mein Körper, mein Herz und mein Geist aufleuchteten, als ob der sonnendurchflutete Himmel jede Zelle meines Körpers durchdrang und durch alle Zellzwischenräume schien.
Inzwischen habe ich erkannt, dass ich mit dieser Meditation die Bewegung von der äußeren zur inneren Zuflucht erforschte. Indem ich mich regelmäßig mit diesen Facetten heiliger Präsenz in mir verband, vertiefte ich mein Vertrauen in mein eigenes essenzielles Sein.
Zu erkennen, wer wir sind, erfüllt unser menschliches Potenzial. Wir spüren intuitiv, dass wir mysteriöser und umfassender sind als das kleine Selbst, welches wir durch unsere Geschichten und unsere wechselhaften Emotionen erfahren. Wenn wir lernen, uns unserem Gewahrsein direkt zuzuwenden, entdecken wir den zeitlosen und wachen Zustand unserer wahren Natur. Diese innere Zuflucht zum reinen Gewahrsein ist die höchste Form unserer Heimkehr. Sie ist die Frucht jeder spirituellen Praxis und verleiht unserem Leben Schönheit und Bedeutung.
Beginnen Sie, wo Sie sind
Unabhängig davon, ob wir auf dem Weg schon viele Erfahrungen gesammelt haben oder ob er uns ganz neu ist: Immer wieder gilt es, für sich selbst herauszufinden, wo wir unsere Aufmerksamkeit zu diesem Zeitpunkt unseres Lebens am sinnvollsten hinlenken. Je nach Umständen, Temperament und vergangenen Erfahrungen erscheint uns die eine oder die andere der äußeren Zufluchten gerade günstiger oder zugänglicher. Manche Menschen blühen auf, wenn sie sich durch irgendeine Art spiritueller Gruppe unterstützt fühlen. Anderen hilft es, zu den wöchentlichen Kursen zu gehen, und wieder andere fühlen sich vielleicht zum Studium der klassischen buddhistischen Texte hingezogen. Wo auch immer Sie anfangen oder welcher Zuflucht Sie sich gerade zuwenden mögen, Sie können sich darauf verlassen, dass es für Sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt der richtige Ort sein wird.
Die größte Illusion über einen Weg der Zuflucht besteht darin, dass wir auf einem Weg irgendwohin seien, dass es darum ginge, ein anderer Mensch zu werden. Letztendlich liegt unsere Zuflucht nicht außerhalb von uns und nicht irgendwo in der Zukunft – sie ist immer und bereits hier. Wie Sie in den folgenden Kapiteln immer wieder sehen werden, lässt sich die Wahrheit nur in der Lebendigkeit des gegenwärtigen Augenblicks entdecken; lässt sich Liebe nur in diesem Herzen, hier und jetzt erfahren; und lässt sich Gewahrsein nur verwirklichen, wenn wir in die Wachheit unseres eigenen Geistes eintauchen.
Geführte Besinnung
Das Wichtigste erinnern
Wir wenden uns der Zuflucht zur Wahrheit, der Liebe und des Gewahrseins zu, indem wir auf den Ruf unseres Herzens lauschen. Jenseits aller Meditationstechniken erweckt und befreit unseren Geist vor allem die Erinnerung an das, was uns am wichtigsten ist. Ich zitiere nochmals Zen-Meister Suzuki Roshi: »Das Wichtigste ist, sich an das Wichtigste zu erinnern.« Die meisten Menschen brauchen etwas Zeit und Aufmerksamkeit, um ihre tiefste Sehnsucht zu erkennen und sich damit zu verbinden. Es gilt vielleicht, etliche Schichten unmittelbarerer Wünsche und Ängste abzutragen, bevor wir zur Quelle gelangen, zum Licht reinen Strebens. Das Verkörpern dieser Sehnsucht wird zum Kompass des Herzens, der uns den Weg nach Hause weist.
Setzen Sie sich bequem hin und nehmen Sie sich einen Moment Zeit, sich zu lösen und zu entspannen. Werden Sie sich mit empfänglicher Präsenz des Zustands Ihres Herzens gewahr. Fühlt es sich eher offen oder eher angespannt an? Spüren Sie eher Frieden oder eher Besorgnis? Zufriedenheit oder Unzufriedenheit? Wenn gerade etwas in Ihrem Leben vor sich geht, was Ihnen besondere Sorge bereitet oder Sie sehr beschäftigt, oder wenn einfach eine starke Emotion spürbar ist, nehmen Sie es wahr und lassen Sie es zu. Vielleicht bemerken Sie zuerst, dass Sie sich wünschen, Ihr Partner möge anders mit Ihnen umgehen. Vielleicht spüren Sie deutlich, wie sehr Sie eine besonders anstrengende Arbeit gerne hinter sich hätten. Oder Sie sehnen sich danach, einen chronischen Schmerz los zu sein. Vielleicht liegt es Ihnen sehr am Herzen, dass eines Ihrer Kinder mehr Selbstvertrauen entwickeln möge.
Was sich auch zeigt, geben Sie ihm Raum und fragen Sie sich dann neugierig: »Wenn ich hätte, was ich will, was würde mir das dann eigentlich geben?« Wenn Ihr Partner anders mit Ihnen umgehen würde, stellen Sie sich vielleicht vor, Sie wären weniger gereizt und könnten freier lieben. Oder wenn der chronische Schmerz nicht mehr da wäre, könnten Sie sich entspannen und das Leben besser genießen.
Setzen Sie Ihre Untersuchung fort, indem Sie dann direkt fragen: »Wonach sehnt sich mein Herz wirklich?« Manchmal ist auch die Frage hilfreich: »Was ist mir im Leben am wichtigsten?«, oder: »Wenn ich vom Ende meines Lebens aus Rückschau halten würde, was wäre mir in Bezug auf mein heutiges Leben, auf diesen Moment, am wichtigsten?« Richten Sie alle diese Fragen direkt an Ihr Herz.
Lauschen Sie nach dem Fragen einfach in sich hinein und achten Sie auf Worte, Bilder oder Empfindungen, die aufsteigen. Üben Sie sich in Geduld – es kann etwas dauern, bis sich der Geist aus seinen gewohnten Vorstellungen über das Leben löst und sich mit dem Lebendigsten, Wahrsten verbindet. Möglicherweise müssen Sie verschiedene Versionen von »Wonach sehnt sich mein Herz am meisten?« mehrfach wiederholen und sich dann immer wieder empfänglich der Stille öffnen und darauf lauschen, was erscheint. Achten Sie während des Lauschens darauf, was Sie in Ihrem Körper fühlen, vor allem im Herzen.
Ihr innerer Wunsch wird sich Ihnen wahrscheinlich zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich darstellen. Vielleicht spüren Sie das Verlangen, ganz lieben zu können oder sich ganz geliebt zu fühlen, die Wahrheit zu erkennen, inneren Frieden zu erfahren, hilfsbereit zu sein oder frei von Angst und Leiden. Es gibt dabei keinen »richtigen« Wunsch. Manchmal wird in Ihnen eine unmittelbare Handlungsabsicht entstehen, die Ihrer Sehnsucht entspricht. Zum Beispiel könnten Sie sich angeregt fühlen, Gedichte zu schreiben oder zu malen, um Ihrer tiefen Sehnsucht nach einem schöpferischen, ausdrucksstarken Leben nachzukommen. Es geht hier darum, sich auf das einzuschwingen, was für Sie in diesem Augenblick zutiefst wahr ist.
Wenn Sie bei einer wirklich klaren Absicht oder einer tiefen, innigen Sehnsucht angekommen sind, werden Sie das an einem Gefühl von Aufrichtigkeit, Unbefangenheit, Energie oder Fließen merken. Manche beschreiben auch einen inneren Stimmungsumschwung, der ihnen neue Entschlusskraft, Offenheit und Gelassenheit verleiht. Wenn sich in diesem Augenblick keine tiefere Verbindung mit dem wirklich Wichtigen einstellt, ist das auch in Ordnung. In diesem Fall können Sie einfach still sitzen und sich dem öffnen, was sich natürlich zeigen will, oder Sie entscheiden sich, diese Erkundung zu einem anderen Zeitpunkt weiterzuführen.
Wenn Sie spüren, dass Sie in einem reinen, tiefen Bestreben angekommen sind, lassen Sie sich voll und ganz darauf ein. Spüren Sie die Essenz Ihres Sehnens bis in jede Zelle, fühlen Sie, wie es durch Ihren ganzen Körper und Ihr ganzes Sein zum Ausdruck kommt. Lassen Sie Ihren Wunsch das Gebet Ihres erwachenden Herzens werden.
Sie können es zu einem Teil Ihrer Praxis machen, sich am Anfang und am Ende jeden Tages und am Anfang und/oder Ende jeder Meditationssitzung mit Ihrer tiefsten Sehnsucht zu verbinden. Versuchen Sie zusätzlich, auch während des Tages ab und zu innezuhalten und sich bewusst zu machen, was Ihnen am wichtigsten ist. In jedem Augenblick, in dem Sie sich daran erinnern, was Ihnen wirklich viel bedeutet, öffnen Sie Ihr Herz für die Segnungen wahrer Zuflucht.
Teil II
Das Tor der Wahrheit
5
RAIN: Achtsame Präsenz in schwierigen Zeiten kultivieren
Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum.
In diesem Raum befindet sich unsere Macht
zur Wahl unserer Reaktion.
In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung
und unsere Freiheit.
Viktor Frankl
Der schnellste Weg zum Glück besteht darin, zu wollen, was man bereits hat.
Werner Erhard
Stellen Sie sich vor, Sie haben gerade erfahren, dass Ihr Kind der Schule verwiesen wurde.
Stellen Sie sich vor, Ihr Chef hat Ihnen gerade gesagt, Sie sollten mit dem Bericht, an dem Sie einen ganzen Monat gearbeitet haben, noch mal von vorne anfangen.
Stellen Sie sich vor, Sie merken, dass Sie gerade drei Stunden auf Facebook verbracht und dabei eine Familienpackung Schokokekse vertilgt haben.
Stellen Sie sich vor, Ihr Partner hat Ihnen gerade gestanden, eine Affäre zu haben.
Es kann hart sein, sich der Wahrheit der eigenen Gefühle zu stellen. Wir mögen aufrichtig die Absicht haben, innezuhalten und achtsam zu bleiben, wenn eine Krise auftaucht oder wir uns festgefahren und verwirrt fühlen, doch unsere Gewohnheit, einfach zu reagieren, zu entfliehen oder uns von Emotionen überwältigen zu lassen, ist ungeheuer stark.
Ja, es gibt Zeiten, in denen es unmöglich oder unerträglich erscheint, präsent zu bleiben. Es gibt Zeiten, in denen uns falsche Zufluchten etwas Erleichterung schenken, eine Verschnaufpause verschaffen oder unsere Stimmung etwas verbessern können. Doch wenn wir nicht mit der Klarheit und Güte der Präsenz verbunden sind, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir uns in weitere Missverständnisse und Konflikte verwickeln und uns weiter von anderen und von unserem eigenen Herzen entfernen.
Vor etwa zwölf Jahren begann eine Reihe von buddhistischen Lehrern, eine neue Achtsamkeitstechnik namens RAIN zu lehren, die besonders für die Bewältigung intensiver und schwieriger Emotionen äußerst hilfreich ist. RAIN ist ein Akronym für die vier Schritte dieses Prozesses, der in praktisch jeder Situation anwendbar ist. Er steuert unsere Aufmerksamkeit auf eine klare, systematische Weise durch jegliche Verwirrung und Anspannung. In schmerzhaften Augenblicken können wir uns an den Schritten festhalten, und wenn wir sie häufiger anwenden, stärken sie unsere Fähigkeit, zu unserer tiefsten Wahrheit heimzukehren. Wie ein erfrischender Regen (engl. rain = Regen) die Luft klärt und die Natur erquickt, schenkt diese Achtsamkeitspraxis unserem Alltag frische Offenheit und Ruhe.
Ich habe RAIN inzwischen Tausenden von Teilnehmern und Klienten vermittelt und es dabei im Laufe der Zeit zu der hier dargestellten Version weiterentwickelt. Es ist auch eine der wichtigsten Praktiken für mein eigenes Leben. Ich stelle die vier Schritte im Folgenden so dar, wie es mir am hilfreichsten erscheint:
| R | Erkennen Sie, was vor sich geht (engl. Recognize) |
| A | Lassen Sie das Leben so sein, wie es ist (engl. Allow) |
| I | Erkunden Sie die innere Erfahrung mit Wohlwollen (engl. Investigate) |
| N | Nicht-Identifikation (engl. Non-Identifikation) |
RAIN ist ein direkter Weg, die gewohnten Verhaltensmuster aufzubrechen, die uns daran hindern, uns auf unsere gegenwärtige Erfahrung einzulassen. Es spielt dabei keine Rolle, ob unser Widerstand gegen das, was ist, in Ärger, dem Griff nach der Zigarette oder zwanghaftem Denken zum Ausdruck kommt. Der Versuch, das Leben in uns selbst und um uns herum zu kontrollieren, schneidet uns von unserem Herzen und von der Lebendigkeit der Welt ab. Schon mit dem ersten Schritt von RAIN fangen wir an, diese unbewussten Muster aufzulösen.
R – Erkennen Sie, was vor sich geht
Erkennen bedeutet, zu sehen, was in unserem Innenleben wirklich wahr ist. Das beginnt in der Minute, in der wir unsere Aufmerksamkeit auf die Gedanken, Emotionen, Gefühle oder Empfindungen richten, die sich hier und jetzt zeigen. Wenn sich unsere derart ausgerichtete Aufmerksamkeit beruhigt und weitet, stellen wir wahrscheinlich fest, dass uns manche Teile unserer Erfahrung leichter zugänglich sind als andere. Zum Beispiel merken wir vielleicht sofort, dass wir uns Sorgen machen, aber uns entgeht dabei, wie die eigentlichen Empfindungen des Drucks, der Anspannung und der Enge in unserem Körper aufkommen.
Oder wir spüren, wie zittrig und nervös wir uns körperlich fühlen, ohne zu bemerken, dass diese körperliche Reaktion durch die unterschwellige Überzeugung ausgelöst wird, dass wir das, was vor uns liegt, sowieso nicht schaffen werden. Sie können das Erkennen aktivieren, indem Sie sich einfach fragen: »Was geht jetzt gerade in mir vor?« Verbinden Sie sich mit Ihrer natürlichen Neugier und richten Sie Ihren Fokus nach innen. Versuchen Sie, alle vorgefassten Meinungen loszulassen und stattdessen Ihrem Körper und Ihrem Herzen ganz unbefangen, wohlwollend und empfänglich zuzuhören.
A – Lassen Sie das Leben so sein, wie es ist
Lassen Sie die Gedanken, Emotionen, Gefühle und Empfindungen, die Sie in sich entdecken, einfach so sein, wie sie sind. Es mag ein natürlicher Widerwille auftauchen, Sie mögen sich die unangenehmen Gefühle wegwünschen, doch wenn Sie bereit sind, mit dem präsent zu sein, »was ist«, wird eine neue Qualität von Aufmerksamkeit entstehen. Die Erkenntnis, dass Zulassen ein wesentlicher Bestandteil von Heilung ist, kann uns in dieser bewussten Absicht stärken.
Viele Übende flüstern sich innerlich ein ermutigendes Wort oder einen kurzen Satz zu, um sich in ihrem Zulassen zu unterstützen. Wenn wir beispielsweise merken, wie uns Angst beschleicht oder ein tiefer Kummer befällt, können wir uns ein »Ja« zuflüstern. Sie können auch andere Worte verwenden, zum Beispiel: »Auch das«, »Ich lasse es zu«, oder: »Ich stimme zu.« Am Anfang mag es sich so anfühlen, als würden wir die unangenehmen Gefühle einfach nur »aushalten«. Vielleicht sagen wir Ja zur Scham und hoffen im Stillen, dass sie wie von Zauberhand verschwinden würde. Tatsächlich gilt es, wieder und wieder zuzustimmen. Doch schon mit der ersten kleinen Geste des Zulassens, einfach durch ein geflüstertes »Ja« oder »Ich lasse es zu«, beginnen die harten Kanten des Schmerzes aufzuweichen, und der Widerstand hat uns nicht mehr ganz und gar im Griff. Bieten Sie sich den Satz sanft und geduldig immer wieder an, und Ihre Abwehr wird allmählich nachlassen, wird vielleicht nachgiebiger und offener für Wellen der Erfahrung.
I – Erkunden Sie die innere Erfahrung mit Wohlwollen
Manchmal reicht es schon, die ersten zwei Schritte von RAIN anzuwenden, um Erleichterung zu verspüren und wieder präsent zu werden. In anderen Fällen reicht die Absicht, zu erkennen und zuzulassen, jedoch nicht aus. Wenn Sie zum Beispiel mitten in einer Scheidung stecken, Ihr Arbeitsplatz in Gefahr ist oder Sie mit einer lebensbedrohlichen Krankheit konfrontiert sind, können die Gefühle überwältigend werden. Und weil diese Gefühle immer wieder ausgelöst werden – weil Ihr zukünftiger Ex anruft, weil Sie Ihren Kontoauszug abrufen, weil Sie morgens mit Schmerzen aufwachen –, prägen sich Ihre Reaktionen tief ein. In solchen Situationen kann es nützlich sein, Ihr achtsames Gewahrsein noch weiter zu erwecken und zu stärken.
Mit Erkunden ist hier gemeint, Ihrem natürlichen Interesse, Ihrem Verlangen, die Wahrheit zu ergründen, nachzugehen und sich der gegenwärtigen Erfahrung mit mehr Aufmerksamkeit zuzuwenden. Das Innehalten und Fragen »Was geht in mir vor?« kann ein gewisses Erkennen hervorrufen, doch in diesem Schritt geht es um ein noch aktiveres, gezielteres Erkunden des Geschehens mit Fragen wie: »Was verlangt am meisten nach meiner Aufmerksamkeit?«, »Wie erlebe ich das in meinem Körper?«, »Welche Überzeugung steckt hier dahinter?«, oder: »Was will dieses Gefühl von mir?« Vielleicht fühlen Sie sich innerlich hohl oder unsicher und entdecken dahinter Scham- oder Minderwertigkeitsgefühle. Solange sie nicht ins Bewusstsein treten, prägen diese Überzeugungen und Emotionen unsere Erfahrungen und erhalten die Identifikation mit einem begrenzten, mangelhaften Selbst aufrecht.
Als ich anfing, RAIN weiterzugeben, hatten viele zunächst Probleme mit diesem Schritt. Ich hörte Bemerkungen wie: »Wenn die Angst aufsteigt, führen mich meine Erkundungen nur zu Gedanken über die Ursache meiner Angst und wie ich mich besser fühlen könnte.« Andere meinten: »Ich kann gar nicht lange genug mit meinem Körper verbunden bleiben, um herauszufinden, wo die Emotion in ihm lebendig ist.« Viele glaubten, diese Art der Erforschung löse leicht Verurteilungen aus: »Ich weiß, ich sollte diese Scham erkunden, aber ich hasse sie … und ich hasse mich dafür, dass ich sie fühle.«
All diese Reaktionen entsprechen unserem natürlichen Widerstand gegen unangenehme und verunsichernde Gefühle: Uns schwirren Gedanken durch den Kopf, wir gehen aus dem Körper, wir bewerten unsere Erfahrung. Ich erkannte, dass RAIN noch ein wesentliches Element fehlte. Damit dieses Erkunden heilsam und befreiend wirkt, müssen wir uns unserer Erfahrung mit einer besonderen Qualität von Aufmerksamkeit zuwenden. Es gilt, alles, was sich zeigt, sanft willkommen zu heißen. Deswegen sage ich: »Mit Wohlwollen erkunden.« Ohne diese Herzensenergie ist nicht genug Sicherheit und Offenheit gegeben, damit das Erkunden in die Tiefen vordringen und wirklich in Kontakt bringen kann.
Stellen Sie sich vor, Ihr Kind kommt tränenüberströmt nach Hause, weil es in der Schule von anderen drangsaliert wurde. Um herauszufinden, was genau geschehen ist und wie sich Ihr Kind fühlt, ist eine wohlwollende, empfängliche, sanfte Haltung hilfreich. Wenn wir uns unserem Innenleben mit derselben Sanftmut und Freundlichkeit zuwenden, wird tiefes Erforschen unseres Innenlebens und damit auch Heilung möglich.
N – Nicht-Identifikation verwirklichen – in natürlichem Gewahrsein verweilen
Die klare, offene und wohlwollende Präsenz, die durch R, A und I von RAIN entstanden sind, führt zu N: der Freiheit der Nicht-Identifikation und dem Verwirklichen von dem, was ich »natürliches Gewahrsein« oder »natürliche Präsenz« nenne. Nicht-Identifikation bedeutet, dass unser Empfinden von dem, was wir sind, nicht durch irgendwelche begrenzenden Emotionen, Empfindungen oder Geschichten vermischt oder definiert wird. Wenn sich die Identifikation mit dem kleinen Selbst lockert, beginnen wir, aus der Offenheit und Liebe zu leben, die unserem natürlichen Gewahrsein entsprechen. Die ersten drei Schritte von RAIN erfordern ein gerichtetes Tun. Der letzte Schritt hingegen ist das Ergebnis: eine befreiende Verwirklichung des natürlichen Gewahrseins. Es gibt für diesen letzten Teil von RAIN nichts zu tun – diese Verwirklichung entsteht spontan, aus sich selbst heraus. Wir verweilen einfach in natürlichem Gewahrsein.
Anwendung von RAIN auf Schuldzuweisungen
Vor einigen Jahren war ich am Tag nach Weihnachten inmitten meiner Familie von jedem genervt, auf den ich mich eigentlich gefreut hatte. Niemand war wirklich böse zu jemandem gewesen, aber ich drehte mich auf meiner eigenen gereizten, wertenden Umlaufbahn. Nachdem jemand meinen Vater beim Mittagessen unterbrochen und er sich gekränkt zurückgezogen hatte, sank auch bei allen anderen die Stimmung. Dann verzog sich mein Sohn Narayan zu einem Freund, statt wie versprochen beim Abwasch zu helfen. Meine Mutter klagte, dass Narayan kaum da sei. Eine meiner Schwestern schmollte, weil ihre Ernährungsgewohnheiten bei dieser Mahlzeit wie schon bei anderen zuvor wenig Berücksichtigung gefunden hatten; und meine andere Schwester war eingeschnappt, weil sie bezüglich des Zeitpunkts eines Ausflugs nicht ausreichend befragt worden war. Selbst die Hunde legten ein schlechtes Betragen an den Tag – sie lungerten um den Tisch herum und bettelten. Aus meiner Sicht zeigten alle anwesenden Menschen und Tiere die ihnen vertraute Variante von Opfer- oder Märtyrerverhalten, Bedürftigkeit oder Achtlosigkeit. Außerdem wurde mein Bedürfnis nach Harmonie nicht erfüllt. Wir waren erst zwei Tage zusammen, und ich war schon voller Ärger und Groll.
In den Monaten vor unserem Weihnachtstreffen war mir immer klarer geworden, wie mein gewohnheitsmäßiges Urteilen mich von anderen schmerzhaft trennte. Das damit verbundene Leiden motivierte mich, meinem spirituellen Leben einen spezifischen Fokus hinzuzufügen: Ich begann gezielt, mit RAIN auf meine Gefühle des abwertenden Urteilens und der Anschuldigungen einzugehen. Während der folgenden Wochen versuchte ich zu bemerken, wie sich mein Körper und mein Herz fühlten, wenn mein Verstand Geschichten produzierte, die auf Kosten anderer gingen. Jedes Mal, wenn mein innerer Kritiker herabsetzende Kommentare abgab, erkundete ich, welche Überzeugungen dahintersteckten. Die Erkundung meiner Erfahrung von Abwertung und Anschuldigung öffnete mir die Augen dafür, wie oft mein Herz verschlossen war. Diese Erkenntnis bewirkte, dass ich mich noch tiefer auf diese Übung einließ: Je klarer ich den Schmerz dieser falschen Zuflucht erkannte, desto mehr spürte ich die Freiheit und Offenherzigkeit, die jenseits davon lagen.
Doch trotz meiner inneren Verpflichtung zu dieser Übung war ich an jenem Weihnachtsfeiertag überhaupt nicht in der Stimmung, mein Innenleben zu erforschen. Mürrisch und müde, den Kopf voller Urteile über meine Familie, überlegte ich, mich in einem guten Buch zu vergraben. Aber ich konnte dieser inneren Stimme nicht entkommen, die mich daran erinnerte, dass ich mir vorgenommen hatte, meine Anschuldigungen mit RAIN zu erkunden. Missmutig zog ich mir den Parka und die Stiefel an und stapfte in den grauen Dezember-Nachmittag, um einen Weg zu mehr Präsenz und Frieden zu finden.
Während ich durch den leichten Nieselregen ging, begann ich, über jedes meiner Familienmitglieder nachzudenken und mein abwertendes Denken über sie zu beobachten. Ich machte mich zur Zeugin meiner Urteile: »Du bist manchmal so leicht beleidigt und empört, wenn dich jemand unterbricht, Papa. Was macht das schon? Und du, Narayan, du bist so verantwortungslos, hältst nie dein Wort …« So fing ich mit RAIN an, indem ich mir meine Reaktionen bewusst machte: Ich erkannte deutlich, wie mir das Verhalten meiner Familie missfiel und wie ich an jedem etwas auszusetzen hatte.
Was das Zulassen betrifft – den zweiten Schritt von RAIN –, so nahm ich mir Zeit, die anklagenden Gedanken wahrzunehmen und sie dann einfach da sein zu lassen. Statt mein urteilendes Denken zu verurteilen, versuchte ich mich daran zu erinnern: »Das ist einfach das, was gerade passiert.«
Wie ich so mit meiner Aufmerksamkeit bei meiner Erfahrung blieb, bemerkte ich eine Stelle in meiner Brust, die sich angespannt und wund anfühlte. Diese wurde dann auf natürliche Weise zum Fokus des nächsten Schrittes von RAIN, dem Erforschen. Ich begann, mich interessiert meinem Körper zuzuwenden, und aus der Anspannung wurde ein scharfkantiger Knoten, der mir aufs Herz drückte. All die verschiedenen Beschwerden, die mir durch den Kopf gingen, schienen alle aus diesem engen, schmerzhaften Bereich aufzusteigen.
Dann stellte ich diesem verknoteten Bereich eine Frage: »Wie sieht das Leben aus deiner Sicht aus …, aus deiner Perspektive?« Diese Art von Frage hatte mir zuvor schon manches Mal geholfen, an eine »innere« Erfahrung heranzukommen. Und ich erkannte: Meine Reaktionen auf die einzelnen Personen verdeckten, dass ich mich in Bezug auf mich selbst schlecht fühlte. Jede einzelne Situation hatte in mir Gefühle der Unzulänglichkeit ausgelöst – als Friedensstifterin der Familie, als verantwortungsbewusste Mutter, als hilfsbereite Tochter und als mitfühlende und unterstützende Schwester. Mein Nachforschen hatte den Knoten der Anklagen gelockert, und ich spürte nun, was er verbarg: ein mir sehr vertrautes, bedrückendes, schlechtes Gefühl persönlichen Versagens.
Im Laufe der beiden vergangenen Monate hatte ich durch meine Durchgänge mit RAIN gelernt, wie sehr ich mit mir selbst im Unreinen bin, wenn ich mich über andere aufrege. Doch es gibt in der Regel eine Anfangsphase, in der ich zwar meine Verstrickung in die »Falschheit« der anderen erkannt habe, aber mir meiner Selbstablehnung noch nicht bewusst bin. Jetzt tauchte unter der Beschuldigung der anderen wieder jene vertraute, schmerzhafte Überzeugung auf, die die Trance des kleinen Selbst aufrechterhält: »Ich bin irgendwie verkehrt.«
Wenn wir RAIN praktizieren, bestimmt die Qualität unserer Aufmerksamkeit die Tiefe, in der wir mit unserer inneren Wahrheit in Kontakt kommen. Dies wissend, verlangsamte ich bewusst meine Schritte. Ich wandte mich mit sanfter, empfänglicher Aufmerksamkeit diesem Gefühl des unzulänglichen Selbst zu und ließ es sich voll und ganz zeigen. Es fühlte sich an, als ob ein Drahtnetz mein Herz zusammendrückte und es klein, hart und schwer machte. In meinem Denken war ich mutterseelenallein, abgetrennt von allen anderen. Jetzt erkannte ich, wie diese Erfahrung an den Weihnachtstagen nur eine ausgeprägtere Version dessen war, was in meinem Alltag ständig geschah. Ich beschuldigte Mitglieder des Vorstands, zu wenig zu tun, um unsere Gemeinschaft vielfältiger werden zu lassen, aber eigentlich schmerzte mich, wie wenig Zeit ich selbst diesem wichtigen Thema zuwenden konnte. Ich war ungehalten mit meinem Sohn, weil er seinen Einsatz bei der Hausarbeit vergessen hatte, aber eigentlich litt ich unter der Überzeugung, eine Mutter zu sein, die ihr Kind vernachlässigt. Ich ärgerte mich, dass meine Schwester darüber klagte, ich sei zu beschäftigt, sie zu besuchen, aber eigentlich fühlte ich mich schuldig, so selten entspannt mit ihr und meiner Nichte zusammen zu sein. Doch ob ich nun mich selbst oder andere anklagte – hinter allem stand das vertraute Gefühl, abgeschnitten zu sein, ganz allein zu sein mit meinem schmerzhaft verschlossenen Herzen.
Jetzt spürte ich, wie Traurigkeit aufwallte. Mein Groll wandelte sich in Trauer, und meine Aufmerksamkeit wurde noch inniger und freundlicher. Der Schmerz des Kummers durchrollte mich wie eine Flutwelle, durchströmte mein Herz und spülte alle Anklagen und alle Geschichten über persönliches Versagen aus mir heraus. Die unmittelbare Intensität der Emotionen, die so überwältigend gewirkt hatte, ebbte allmählich ab. Als die Wellen des Kummers zur Ruhe kamen, hinterließen sie mich in einem stillen Zartgefühl.
Als entspräche er meinem inneren Wetter, ließ der Himmel plötzlich los, und es begann in Strömen zu regnen. Dann machte ich mich auf den Heimweg. Ich vergegenwärtigte mir noch einmal meine Familienmitglieder und stellte fest, dass der Regen meine Vorstellungen von »Falschheit« bei jedem Einzelnen von ihnen aufgelöst hatte. Ich betrachtete sie nicht mehr als »schwierige andere da draußen«, sondern als einzigartige Wesen, die einen besonderen Platz in meinem Herzen hatten.
Als ich am Haus meiner Eltern ankam, war ich vollkommen durchnässt. Nur die Hunde begrüßten mich stürmisch, alle anderen waren an ihrem Computer, hielten ein Schläfchen oder waren anderweitig beschäftigt. Das war mir gerade recht. Ich fühlte mich glücklich unbelastet von Geschichten darüber, wie irgendjemand anders sein sollte, als er oder sie war.
Nach dem Abendessen setzte sich meine Mutter ans Klavier und begann, Weihnachtslieder zu spielen. Wir sangen alle mit, auch wenn wir oft nicht richtig sangen und zum großen Teil den Text vergessen hatten. Dann gingen wir zu Musical-Liedern über. Unser Gesang klang ziemlich schräg, und schon bald lachten wir herzlich über uns selbst. Und sangen fröhlich weiter.
In jener Nacht schlief ich mit einem wohligen Gefühl ein. Meine Familie hatte sich nicht verändert, aber statt meiner Trance der Getrenntheit und der Anklagen spürte ich in mir eine Offenheit, die voller Liebe und Leichtigkeit war. Das ist der Segen der Zuflucht zur Wahrheit.
Die Dichterin Dorothy Hunt schreibt dazu:
Frieden ist der Augenblick ohne Urteil.
Das ist alles. Dieser Augenblick im Herzensraum,
in dem alles, was ist, willkommen ist.
Hinweise zur Anwendung von RAIN
Wenn schwierige Emotionen auftauchen, können Sie die Schritte von RAIN im Rahmen einer formellen Meditationspraxis durchführen, oder Sie können sie sich wie ich mitten in Ihrem täglichen Leben vergegenwärtigen. So oder so geht es darum, sich bewusst und mit klarer Absicht auf die Praxis einzulassen – sich bewusst mit verbindlicher Präsenz dem zuzuwenden, was hier und jetzt wahr ist.
Das Folgende sind weitere Empfehlungen, die sich im Laufe meiner Weitergabe von RAIN an viele Schüler und Therapeuten als hilfreich erwiesen haben.
~ Innehalten ~
Nehmen Sie sich Zeit zum Innehalten, bevor Sie mit RAIN beginnen. Dieses Innehalten kann bedeuten, dass Sie sich tatsächlich körperlich aus der Situation zurückziehen, die den äußeren Auslöser darstellt. Doch vor allem geht es dabei um eine innere »Auszeit« von dem Wust an reaktiven Gedanken. Durch diese Auszeit erzeugen Sie bewusst einen ablenkungsfreien, aufmerksamen Zustand. Diese Bereitschaft, Ihre gewohnten Aktivitäten zu unterbrechen und sich Zeit für Präsenz zu nehmen, wird den Fokus und die Klarheit Ihrer Praxis stärken.
~ Sich die Unterstützung einer regelmäßigen Meditationspraxis gönnen ~
Eine regelmäßige Meditationspraxis erweckt und nährt die zentralen Bestandteile von RAIN – Achtsamkeit, Offenherzigkeit und Erkundung. Auf meinem Abendspaziergang an jenem Weihnachtsfeiertag waren mir meine durch mein Meditationstraining erworbenen Fähigkeiten sehr nützlich. Meine Übung in Achtsamkeit auf die Gedanken ermöglichte es mir, mir meiner Gedanken bewusst zu werden, ohne mich in ihnen zu verlieren. Durch meine Übung darin, mit unangenehmen Erfahrungen präsent zu bleiben, konnte ich mich den schmerzhaften Gefühlen und Empfindungen in meinem Körper zuwenden. Und vielleicht am wichtigsten: Durch meine Praxis, Selbstmitgefühl in mir zu erwecken – ein Kernelement meines eigenen meditativen Wegs und meiner Lehren –, konnte ich den Ansturm der Urteile und Anklagen mit warmer, wohlwollender Aufmerksamkeit betrachten.
~ Flexibilität kultivieren ~
Jeder von uns hat einen einzigartigen Körper und Geist mit einer bestimmten Geschichte und bestimmten Prägungen. Niemand kann uns eine Formel geben, die für alle unsere Situationen und Geisteszustände passt. Nur indem wir immer wieder aufs Neue offen nach innen lauschen, können wir erkennen, was unserer Heilung und Freiheit in jedem Augenblick am besten dient.
Seien Sie sich beim Umgang mit RAIN bitte bewusst, dass die Sequenz, in der ich die Schritte vorgestellt habe, weder so festgelegt noch unbedingt linearer Natur ist. Sie können die Reihenfolge so anpassen, wie es Ihrer inneren Erfahrung entspricht. Vielleicht erkennen Sie beim Auftauchen von Ängstlichkeit sofort ein Ihnen vertrautes Muster, welches Sie auch von vielen Ihrer Bekannten kennen und deswegen weniger »persönlich« nehmen. Damit sind Sie dann bereits beim N von RAIN angekommen. Statt weiterer Aktivitäten wie wohlwollendes Erkunden können Sie einfach in natürlicher Präsenz ruhen. Sie können Ihre RAIN-Praxis auch beenden, ohne alle Schritte formell abgearbeitet zu haben, wenn Sie zum Beispiel während des Prozesses auf etwas Unerwartetes stoßen.
Während Sie so nach innen lauschend nachforschen, was jetzt nötig ist, mögen Sie sich auch angeregt fühlen, RAIN mit anderen Meditationsformen zu kombinieren. Vielleicht möchten Sie sich mit einer körperorientierten Besinnung (wie »Innehalten für Präsenz«, siehe in Kapitel 1), Yoga oder einer Geh-Meditation erden. Wenn während des Prozesses starke Gefühle auftauchen, möchten Sie sich vielleicht eine Weile einfach auf Ihren Atem fokussieren. Oder Sie merken, dass ein paar Minuten der Herzensgüte-Praxis (siehe in Kapitel 2) Sie darin unterstützen, wohlwollendere und mitfühlendere Aufmerksamkeit für die Erkundung aufzubringen. Durch diese Art des Nach-innen-Hörens und der Flexibilität kann aus einer zunächst vielleicht mechanisch wirkenden Technik ein kreatives, lebendiges Instrument werden, welches Ihr Erwachen auf dem spirituellen Weg fördert.
~ Mit »Kleinkram« üben ~
Wenn wir bei kleinen Sorgen präsent bleiben, üben wir uns darin, auch mit großen Widrigkeiten umgehen zu können, rät Shantideva, der buddhistische Lehrer aus dem 8. Jahrhundert. Jedes Mal, wenn Sie einer Situation, in der Sie gewöhnlich einfach reagieren, mit RAIN begegnen, stärken Sie Ihre Fähigkeit, aus der Trance zu erwachen. Vielleicht wissen Sie bereits, was Ihr chronischer »Kleinkram« ist – die Genervtheit, wenn sich jemand mehrfach wiederholt; die Unruhe, wenn Sie irgendwo anstehen müssen; die Frustration, wenn Sie beim Einkaufen etwas vergessen haben –, und Sie entschließen sich, dann innezuhalten und eine »leichte« Version von RAIN durchzuführen, wie sie als geführte Meditation am Ende dieses Kapitels beschrieben wird. Durch häufiges Innehalten und eine interessierte, präsente Zuwendung zu Ihren gewohnten Reaktionsmustern wird Ihr Leben immer spontaner und freier werden.
~ Hilfe in Anspruch nehmen ~
Die Anwendung von RAIN kann unser emotionales Erleben intensivieren. Einige Formen westlicher Psychotherapie bieten wertvolle Hilfen bei der Erkundung schmerzhafter und verwirrender Gefühle. Meine Arbeit mit Klienten wurde durch Focusing (von Eugene Gendlin entwickelt) beeinflusst, einer körperorientierten Psychotherapie, bei der dem Gefühl einer Erfahrung mit offener, annehmender Aufmerksamkeit nachgegangen wird. Bei anderen auf Achtsamkeit beruhenden Therapien wird auf ähnliche Weise eine heilende Aufmerksamkeit aufrechterhalten, während wir erforschen, was in uns geschieht.
Wenn Sie befürchten, von Ihren Gefühlen überwältigt zu werden, rate ich Ihnen, den Prozess nicht alleine durchzuführen und sich Hilfe zu suchen. Besonders wenn Sie mit posttraumatischem Stress arbeiten möchten, kann es wichtig oder sogar unerlässlich sein, dies mit Hilfe einer Therapeutin oder eines psychologisch erfahrenen Meditationslehrers zu machen. Die Anwesenheit einer erfahrenen Person, der Sie vertrauen, kann Ihnen helfen, sich sicher genug zu fühlen, um sich mit Ihrer Verletzlichkeit zu verbinden, und Unterstützung zu haben, wenn das, was auftaucht, »zu viel« erscheint. (Weitere Hinweise für den Umgang mit Trauma finden Sie auch in Kapitel 9.)
~ Die Sinne als Zugang zur Präsenz nutzen ~
Die Anwendung von RAIN lebt davon, aus unseren Gedanken auszusteigen und uns mit unserer körperlichen Erfahrung zu verbinden. Viele Menschen gehen von Gedanken besessen durch ihr Leben und spüren ihren Körper oft nur wenig. Tiefe emotionale Verwundungen oder Traumatisierungen fördern die Dissoziation vom Körper. Ob Sie sich durch tiefe Angst oder Scham durcharbeiten oder einem weniger akuten emotionalen Reaktionsmuster zuwenden: Die Aufmerksamkeit dafür, wie diese Erfahrung in Ihrem Körper zum Ausdruck kommt, wird Ihre innere Freiheit vergrößern. Der Wendepunkt meines Prozesses an jenem Abendspaziergang kam, als ich direkt spüren konnte, wie die Schichten der Verurteilungen, des Empfindens von Minderwertigkeit und des Kummers auf mein Herz drückten.
~ Achtsam mit Zweifeln umgehen ~
Zweifel können nicht nur den RAIN-Prozess, sondern jeglichen Zugang zu wahrer Zuflucht erheblich behindern. Der Buddha hielt Zweifel (zusammen mit Anhaftung und Ablehnung) für ein universelles Hindernis für spirituelle Freiheit. Wenn Sie Überzeugungen wie »Ich werde mich nie ändern«, »Ich bin für einen spirituellen Weg einfach nicht geeignet« oder »Heilung und Freiheit sind gar nicht wirklich möglich« in sich tragen, fahren Sie sich leicht fest.
Ich brauche wohl nicht zu betonen, dass mancher Zweifel auch gesund ist, zum Beispiel: »Ich bin mir nicht mehr sicher, ob diese Arbeit meinen Werten entspricht«, oder: »Vielleicht bin ich es ja, die keine Nähe zulässt«, oder: »Ob ich einer spirituellen Lehrerin wohl trauen kann, wenn sie sich abfällig über andere äußert?« Ähnlich wie beim Erforschen entsteht gesunder Zweifel aus dem Drang, die Wahrheit zu erkennen – er stellt bisher gültige Annahmen oder den Status quo infrage, um zu mehr Heilung und Freiheit zu gelangen. Im Gegensatz dazu entsteht ungesunder Zweifel aus Angst und Ablehnung und stellt das eigene Potenzial, den eigenen Wert oder den Wert anderer infrage.
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