Kitabı oxu: «Die Vögel»

Şrift:

Tarjei Vesaas

DIE VÖGEL

Aus dem Norwegischen von

Hinrich Schmidt-Henkel

Mit einem Nachwort von

Judith Hermann


INHALT

DIE VÖGEL

I

II

III

ANHANG

NACHWORT VON JUDITH HERMANN

BIOGRAFIEN

I

1

Mattis schaute, ob der Himmel jetzt am Abend klar und wolkenlos war. Ja, war er. Dann sagte er zu seiner Schwester Hege, um ihr eine Freude zu machen:

»Du bist ja ein Blitz, du!«, sagte er zu ihr.

Dass er dieses Wort in den Mund nahm, erschreckte ihn ein wenig, war aber ungefährlich, denn der Himmel war schön.

»Mit deinen Stricknadeln, meine ich«, fügte er hinzu.

Hege nickte unbeeindruckt und arbeitete weiter an der großen Jacke. Die Nadeln blitzten. Sie strickte gerade eine große achtblättrige Rose, die bald zwischen den Schultern eines Mannes sitzen würde.

»Ja, ich weiß«, sagte Hege wie nebenbei.

»Ich versteh nämlich auch was davon, Hege.«

Er tippte sich leicht mit dem Mittelfinger aufs Knie – wie immer beim Nachdenken. Auf und nieder, auf und nieder. Hege hatte es längst aufgegeben, ihm diese lästige Gewohnheit ausreden zu wollen.

Mattis sprach weiter:

»Aber du bist nicht nur bei so Achtblattrosen ein Blitz, das bist du bei allem, was du machst.«

Sie wehrte ab:

»Ja, ja, ja.«

Mattis schwieg zufrieden.

Das Wort Blitz in den Mund zu nehmen, war so verlockend für ihn. Wenn er das Wort gebrauchte, gab es in seinem Schädel eine Art merkwürdiger Querfurchen, fand er, und das zog ihn an. Vorm himmlischen Blitz hatte er eine heilige Angst – und bei schwülem oder schwer bewölktem Sommerwetter hätte er das Wort niemals verwendet. Heute Abend war es ungefährlich. Gewittert hatte es in diesem Frühjahr schon zwei Mal, mit gewaltigem Donner. Als es ganz schlimm zuging, hatte sich Mattis wie gewöhnlich auf dem Klo versteckt – ihm hatte mal jemand gesagt, in so ein Häuschen würde der Blitz nicht einschlagen. Ob das überall auf der Welt galt, wusste Mattis nicht, aber hier bei ihnen war es bis zum heutigen Tag immer so gewesen, zum Glück.

»Ein Blitz, ja«, murmelte er, irgendwie immer noch zu Hege gewandt, die sein prahlerisches Lob heute Abend schon leid war. Aber Mattis war noch nicht fertig:

»Ich meine, auch beim Denken«, sagte er.

Da blickte sie rasch auf, wie verängstigt, er hatte an etwas Gefährliches gerührt.

»Das genügt jetzt für heute«, sagte sie, steif und abweisend.

»Was ist denn?«, fragte er.

»Nichts. Sei einfach still.«

Hege drückte alles weg, was herauswollte. So lange nagte schon das Unglück mit ihrem einfältigen Bruder an ihr, dass sie zusammenzuckte und einen Stich verspürte, wenn Mattis das Wort denken verwendete.

Mattis hatte etwas bemerkt, aber er rechnete es seinem ständigen schlechten Gewissen zu, weil er nicht arbeitete wie andere Leute – und er kam mit dem ewigen Spruch, den sie beide nur allzu gut kannten:

»Morgen musst du für mich was zu tun finden. So geht das nicht weiter.«

»Ja«, sagte sie in die Luft.

»Das ist doch nicht mitanzusehen. Ich habe nichts mehr dazuverdient seit …«

»Ja, du hast lange nichts Nützliches mehr gemacht.« Das entschlüpfte ihr unwillkürlich, etwas scharf. Es tat ihr sofort leid, aber zu spät, in dieser Frage ertrug Mattis nicht das Geringste, es sei denn, er sagte es selbst.

»So darfst du nicht mit mir reden.« Er schaute verdrossen.

Sie wurde rot und senkte den Kopf.

»Red ordentlich mit mir.«

»Ja, mache ich.«

Hege saß mit gesenktem Kopf da. Was sollte man auch tun, es war unmöglich. Bisweilen war sie kurz vorm Platzen – und dann gab es verletzende Worte.

2

Die beiden Geschwister saßen auf der Eingangstreppe des einfachen Häuschens, in dem sie allein wohnten. Es war ein guter, warmer Juliabend, und die alten Holzwände atmeten den Tag in der Sonne aus.

Sie hatten schon lange wortlos hier gesessen – bevor sie über Blitze und Dazuverdienen sprachen. Nur einfach nebeneinander gesessen. Mattis blickte mit unbewegter Miene auf die Baumwipfel. Dass er so herumsaß, war für seine Schwester auch ein gewohnter Anblick. Sie wusste, das musste sein, sonst hätte sie ihn wohl schon aufgefordert, es zu lassen.

Die beiden lebten hier mehr oder weniger abgeschieden – keine anderen Häuser waren zu sehen –, aber hinter dem Fichtenwald lagen eine Landstraße und verstreute Höfe. Beim Häuschen glitzerte ein großer See; ferne Ufer auf der anderen Seite. Der See reichte bis dicht an den Hügel, auf dem das Häuschen lag, dort unten hatten Mattis und Hege einen Steg und ein Boot. Das kleine gerodete Gelände ringsherum war eingezäunt und gehörte ihnen, aber am Zaun endete das Eigentum der Geschwister dann auch schon.

Mattis dachte: Sie weiß nicht, wohin ich schaue.

Es kitzelte ihn, ihr das zu erzählen.

Denn Mattis und Hege – die gibt es hier nämlich zwei Mal! Das weiß die Hege nicht.

Er erzählte es nicht.

Gleich hinter dem Zaun ragten die kahlen, weißen Kronen von zwei verdorrten Espen aus dem grünen Fichtenwald. Sie standen dicht beisammen, bei den Leuten hießen sie Mattis-und-Hege, aber nur, wenn die Leute untereinander sprachen. Mattis hatte das zufällig mitbekommen. Es war regelrecht zu einem einzigen Wort zusammengezogen: Mattis-und-Hege. Es wurde wohl schon lange gebraucht, bevor es Mattis zu Ohren kam.

Zwei verdorrte Espenwipfel nebeneinander, inmitten der grünen Fichtensprossen.

Er murrte innerlich empört, und er musste sie immerfort ansehen. Aber der Hege verrat ich das nicht, beschloss er jedes Mal, wenn sie so dasaßen wie jetzt. Sie wird sonst wütend, dass es um sie herum nur so saust – und die Wipfel heißen nun mal so, fertig.

Zugleich berührte es Mattis wie eine Art wortlose Rücksicht auf ihn, dass die beiden Bäume noch standen. An sich waren sie doch nur im Wege und störten dort mehr, aber der Besitzer kam nicht etwa und fällte sie vor ihren Augen, um sie in seinem Ofen zu verheizen. Das wäre auch irgendwie grausam gewesen, hier direkt vor den Menschen, die unter dem Namen litten, beinahe wie ein Mord. Darum tut der das nicht.

Den Mann will ich mal sehen, dachte Mattis. Aber er kommt nie her.

Mattis dachte weiter:

Wie das wohl im Kopf von dem aussieht, der sich diesen Namen für die beiden Bäume ausgedacht hat, so zum Spaß? Wer weiß. Man konnte nur an Sommerabenden auf der Eingangstreppe sitzen und darüber nachgrübeln. Aber ein Mann war es sicher. Mattis mochte sich nicht vorstellen, dass es eine Frau war, Frauen war er freundlich gesinnt. Außerdem ärgerte es ihn, dass Hege mit einem vertrockneten Baum verglichen wurde, das passte doch überhaupt nicht! Jeder konnte das sehen. Und so was über die Hege, die so schnell im Kopf und klug ist –

Was tut da nur so schlimm weh?

Das weißt du, antwortete etwas, eine irgendwie nichtssagende Antwort, aber die Wahrheit war es doch.

Man sollte nicht hinsehen, sich wegdrehen – stattdessen schaue ich hin, morgens als Erstes und abends als Letztes, bevor ich ins Bett gehe. So was von verkehrt.

»Mattis?«

Er schrak aus seinen Gedanken auf.

»Was siehst du?«, fragte sie.

Er kannte ihre Fragen nur zu gut. Er sollte nicht so dasitzen, er sollte dies nicht und er sollte das nicht, er sollte so sein wie andere Leute, nicht der »Dussel«, wie sie ihn nannten, der zum Gespött wurde, wenn er irgendwo auftauchte und bei der Arbeit mitmachen wollte oder so.

Rasch richtete er seine Augen auf die Schwester. Seltsame Augen. Immer verschreckt, scheu wie Vögel.

»Ich seh nichts«, sagte er.

»Aha.«

»Du bist komisch«, sagte er, »würde ich jedes Mal was sehen, wenn ich mich umschaue – was wäre dann hier? Voll wäre es.«

Hege nickte nur. Jetzt hatte sie ihn sozusagen zurückgeholt und konnte weiterarbeiten. Sie saß nie untätig auf der Treppe wie Mattis, sie hatte schnelle Strickfinger, und das war auch nötig.

Mattis schaute voller Bewunderung auf ihre Arbeit, damit brachte sie etwas zu essen auf den Tisch, so knapp es auch sein mochte. Er verdiente nichts. Niemand wollte ihn haben. Sie nannten ihn Dussel und grinsten nur, wenn sein Name in einem Satz mit Arbeit fiel. Das beides passte nicht zusammen. Drüben in dem arbeitsamen Dorf wurden sicher viele Geschichten davon erzählt, wie es ging, wenn der Dussel Mattis was arbeiten wollte – es ging schief.

Du mein Schnabel gegen Stein, dachte er urplötzlich – es durchzuckte ihn.

Was?

Aber es war weg.

Das Bild und die Wörter schossen durch ihn hindurch. Und genauso schnell waren sie wieder weg – stattdessen dicht vor seinem Gesicht eine Wand.

Rasch schaute er zu seiner Schwester. Sie hatte nichts bemerkt. Da saß sie, klein und hübsch, aber kein junges Mädchen mehr, sie war vierzig.

Wenn er so was zu ihr sagte? Schnabel gegen – das würde sie nicht verstehen.

Hege saß dicht neben ihm, also blickte er direkt in ihre glatten dunkelbraunen Haare. Plötzlich entdeckte er dazwischen das eine oder andere graue Haar. Lange Silberfäden.

Habe ich heute Habichtsaugen?, wunderte er sich freudig, das ist mir noch nie aufgefallen. Ohne sich zu bedenken, rief er:

»Hege, na so was!«

Sie blickte rasch auf, erleichtert über den neuen Klang in seiner Stimme. Sie ging bereitwillig darauf ein:

»Was ist denn?«

»Du kriegst graue Haare!«

Sie senkte den Kopf.

»Ja.«

»Schon so grau«, sagte er. »Das hab ich noch nie gesehen. Hast du das gewusst?«

Sie antwortete nicht.

»Das ist aber früh«, sagte er. »Du bist doch gerade erst vierzig. Und schon grau.«

Da traf ihn von irgendwoher ein rascher Blick. Nicht von Hege. Von irgendwoher. Ein stechender Blick. Vielleicht doch von Hege. Erschrocken wurde ihm klar, dass er sich schon wieder vergriffen hatte, aber verstehen konnte er es noch nicht, er hatte doch nur etwas entdeckt mit scharfen Augen.

»Hege.«

Endlich blickte sie wieder auf.

»Was ist denn schon wieder?«

Nein, jetzt war, was er sagen wollte, schon wieder weg. Auch keine weiteren Blicke.

»Nein, nichts«, sagte er. »Kannst weiterstricken.«

Jetzt lächelte sie:

»Na, dann ist ja gut, Mattis.«

»Das war doch nicht schlimm, oder?«, fragte er. »Dass ich das mit den grauen Haaren gesagt hab?«

Wie mit belustigtem Trotz schüttelte sie ihre Haare.

»I wo! Das wusste ich doch.«

Sie hatte die ganze Zeit mit ihren blitzenden Nadeln weitergestrickt. Die bewegten sich den ganzen Tag lang wie von selbst, fand er.

»Ja, du bist so klug, messerscharf«, sagte er rasch, um die unpassende Bemerkung von eben auszugleichen.

Da hatte er wieder so ein Wort angebracht, das leuchtend und verlockend vor ihm stand. Irgendwo warteten noch mehr so scharfkantige Wörter. Die waren nicht für ihn, aber manchmal benutzte er sie heimlich doch, sie fühlten sich gut an auf der Zunge und kribbelten im Kopf. Ein bisschen gefährlich waren sie alle.

»Hast du gehört, Hege?«

Sie seufzte:

»Ja.«

Kein Wort mehr. Nein, nein, so war sie nun mal. Hatte er sie vielleicht schon zu viel gelobt?

»Trotzdem, ganz schön früh für graue Haare«, murmelte er so, dass sie es nicht hörte. Und bei mir? Mal nachsehen, solang ich dran denke.

»Gehst du schlafen, Mattis?«

»Nein, ich will nur …« Er wollte sagen, in den Spiegel schauen, aber er unterbrach sich. Ging hinein.

3

Erst als Mattis ins Haus ging, bemerkte er, was für ein schöner Abend es war. Der große See spiegelglatt. Die Hänge gegenüber am westlichen Ufer dunstverhüllt – wie auch sonst meist. Frühsommerduft. Auf der Landstraße, sie war von hier aus durch den Fichtenwald nicht zu sehen, surrten Autos wie zum Vergnügen. Und der Himmel war klar, diese Nacht würde es kein Gewitter geben.

Mitten durch den Blitz, dachte er mit einem Schaudern.

Mitten durch die Mitte, dachte er.

Wer das könnte.

Gedankenversunken stand er neben seiner Schlaftruhe.

Von klein auf hatte Mattis in der Schlaftruhe in der Stube geschlafen – er durfte behaupten, dass er sie kannte. Und so wollte er es den Rest seines Lebens über halten, hatte er beschlossen. An der Bank waren Kerben von damals, als der junge Mattis ein Messer bekommen hatte. Auf dem rohen Holz waren auch verblasste breite Striche aus der Zeit, als er einen Bleistift bekommen hatte. Diese Striche und merkwürdigen Figuren saßen auf der Unterseite des Deckels, er betrachtete sie allabendlich beim Einschlafen, und er mochte sie, weil sie sich nie veränderten. Sie waren, was sie sein sollten. Er konnte sich auf sie verlassen.

Hege schlief in der kleinen Schlafkammer hinten. Mattis riss sich los und ging hinein, denn dort hing der Spiegel. Er betrat ihre Kammer. Hier drin war ein sauberer Geruch, sonst nicht viel mehr. Und da war der Spiegel, den er jetzt brauchte.

»Hm«, meinte er zu sich selbst, sobald er sich darin sah.

Es war wirklich lange her, dass er sich so betrachtet hatte. Manchmal holte er sich den Spiegel von hier, wenn er sich rasieren wollte. Dann achtete er nur auf die Rasur, und trotzdem bekam er die Bartstoppeln nicht ordentlich weg.

Jetzt aber sah er diesen Mattis an.

Nein, nein, sagte etwas in ihm. Ein kurzer stummer Ruf, den er sich nicht weiter erklärte.

»Nicht viel zu sehen«, murmelte er.

»Nicht viel Fett«, sagte er dann.

»Und auch nicht viel Fleisch.«

»Schlecht rasiert«, sagte er.

Das klang für ihn bedrückend.

»Aber irgendwas ist da«, sagte er rasch und forschte weiter. Der Spiegel war auch schon alt, das Bild war verzerrt – aber daran hatten er und Hege sich mit den Jahren gewöhnt.

Nicht lange, und Mattis’ Gedanken schweiften ab, weil er in dieser kleinen, sauber duftenden Kammer einer Frau stand.

Jetzt schaue ich in den Spiegel wie ein Mädchen, dachte er mit Wohlbehagen. In diesem abgenutzten Spiegel haben sich sicher viele Mädchen angeschaut, bevor sie in die Kleider schlüpften.

Viele schöne Bilder dachte er sich aus, verlockende.

An die will ich denken.

Aber er hielt wieder inne.

Nein, nicht mitten in der Woche an Mädchen denken. Das gehört sich nicht. Das macht niemand.

Er war unsicher:

Doch, ich, manchmal, gestand er sich.

Aber das weiß niemand.

Er blickte sich selbst ins Gesicht. Begegnete seinen Augen, die sich sofort mit Trotz füllten. Ich darf das ja wohl, wenn ich es niemandem erzähle.

Ich bin wohl einfach so.

Wieder begegnete er seinem eigenen Blick – jetzt wurden die Augen groß und erwartungsvoll.

Was ist das?

Nein, also wirklich, sagte etwas in ihm verwundert, ins Leere. Manchmal musste man einfach so was sagen, fast ohne Grund, ja, auch mit sehr viel weniger Grund als jetzt.

»Was gibt es da schon zu sehen«, sagte er laut. Jetzt schnell wegschieben, was nicht hierher gehörte, aber Macht über ihn erlangt hatte.

Nachdenklich und hager war das Gesicht da vor ihm. Blass. Aber dieses Augenpaar zog ihn an und wollte ihn nicht loslassen.

Am liebsten hätte er den vor sich gefragt:

Wo kommst du bloß her?

Und warum?

Er würde keine Antwort kriegen.

Aber es stand eine in diesen Augen – Augen, die nicht ihm gehörten, sondern weit gereist waren und so vieles gesehen hatten. Etwas kam näher. Es leuchtete auf. Im selben Moment wurde auch das schwarz und war vorbei.

Er dachte kurz:

Mattis, Dussel.

Dussel.

Die würden lachen, wenn sie mich hier vor dem Spiegel sehen würden.

Endlich kam er wieder darauf, was er hier in Heges Kammer eigentlich wollte. Nach grauen Haaren schauen.

Vorn waren keine. Er senkte den Kopf und schielte unter den Strähnen hervor, die ihm ins Gesicht fielen, ob er wohl graue Haare entdeckte. Kein einziges. Dann schaute er so weit hinter den Ohren nach, wie es ging.

Nirgends auch nur ein einziges graues Haar. Dabei war er nur drei Jahre jünger als Hege, und die war vierzig.

Nein, der da, dem seine Haare bleiben noch lange so, dachte er.

Aber in drei Jahren hab ich die Hege eingeholt.

Kein einziges graues Haar. Das erzähl ich der Hege, die wird staunen, dachte er und vergaß, dass sie dieses Thema gar nicht mochte.

Mit großen Schritten ging er hinaus. Hege saß ja bestimmt noch immer mit ihrer Strickarbeit auf der Treppe.

Ja, genau. Die Jacke wuchs unter ihren flinken Fingern wie von selbst. Ihre Hände führten etwas wie einen stummen Tanz auf, und unterdessen strickte sich die Jacke ganz allein.

»Was ist denn?«, fragte sie, weil er so stürmisch ankam.

Mattis deutete auf seinen Haarschopf:

»Kein einziges graues Haar, Hege. Ich hab im Spiegel nachgeschaut.«

Hege wollte nichts mehr davon hören.

»Aha«, sagte sie kurz angebunden.

»Ist das nicht schön?«, fragte er.

Sie antwortete ruhig:

»Natürlich.«

»Schau dich selbst an«, sagte er, »ich bin ganz sicher, du hättest gern …«

Sie platzte heraus:

»Jetzt reicht’s!«

Er verstummte. Hege hatte auf einmal so was an sich, da war man gleich still.

»Ist was?«, fragte er ängstlich.

Jetzt stand sie auf.

»Du, Mattis.«

Er blickte sie gespannt an.

»Sag.«

»Ich finde es nicht lustig, wie du heute Abend redest. Kannst du nicht aufhören?«

»Haben wir es denn sonst lustig?«, gab er zurück. Seltsam, wie sie redet, dachte er.

Hege sah ihn hilflos an, wie in plötzlichem Schrecken. Jetzt musste schnell etwas passieren, sonst geriet Mattis in eine Laune, in der er für sie nicht mehr erreichbar war.

»Viel lustiger, als du jetzt denkst!« Sie schlug die Wörter ein wie Nägel. »Du denkst nur nicht darüber nach. Jeden Tag haben wir es lustig!«

Er wich zurück, fragte aber:

»Wann denn?«

»Wann?«, fragte sie hart.

Sofort versuchte sie es noch mal anders. Etwas musste aufgehalten werden.

»Denk mal nach, Mattis«, sagte sie, ohne an den Stich zu denken, den das Wort ihr sonst versetzte. Da stand sie fordernd über ihm, dabei war sie die Kleinere.

Mattis antwortete:

»Ich denk ja nach, dass es fast wehtut.«

»Dann fällt dir auch ein, wann wir es lustig hatten!«

Er überlegte angestrengt, antwortete nicht.

Hege legte nach. Sie musste es so hart und heftig tun, dass kein Schlupfloch blieb.

»Wir haben es lustiger als andere!«

»Stimmt das?«, murmelte er kraftlos, kaum hörbar.

»Ja! Das darfst du nie vergessen.«

Mehr kam nicht. Mattis richtete sich ein wenig auf, wagte aber keine Widerworte. Hege war klug, sie wusste sicher, was lustig bedeutet. Besser nicht widersprechen und dann dumm dastehen. Sie schaute ihn wütend an.

»Ich hab das nicht gewusst, nein«, sagte er nur.

Dann ging ihm ein großes Licht auf, und er sagte fröhlich:

»Ein Glück, hast du das gesagt.«

»Was?«

»Weil ich es nicht gewusst hab.«

Er war so froh, er lachte kurz.

»Willst du gehen?«, fragte er.

Statt einer Antwort nickte Hege etwas mühevoll und ging hinein.

4

An diesem Abend ging Hege früher ins Bett als sonst. Jedenfalls ging sie früher in ihre Schlafkammer. Mattis wollte sie nach dem Grund fragen, aber bevor er es herausbrachte, wehrte sie ihn ungeduldig ab:

»Das kann bis morgen warten, Mattis. Sei lieb und lass es für heute gut sein.«

Darauf verlor er die Lust nachzufragen und nachzubohren. Sie war schlecht gelaunt, sollte sie doch gehen. Er fragte sich, ob er was Falsches getan oder gesagt hatte? Wahrscheinlich das mit den Haaren. Aber warum war das so schlimm, dass sie graue Haare hatte und er nicht? Dafür konnte doch er nichts.

Andererseits, Hege gab ihm zu essen – sie hatte zu bestimmen. Und vor allem war sie klug, das beeindruckte ihn am meisten.

Ohne ein weiteres Wort ging Hege hinein. Jetzt saß er allein da und grübelte über alles nach.

Morgen mache ich eine Runde über die Höfe und horche nach, ob wer Arbeit für mich hat, dachte er, und er wand sich schon jetzt, allein bei dem Gedanken.

Denn das hat die Hege eigentlich. Das ganze Jahr lang gibt sie mir zu essen. »Seit vierzig Jahren«, sagte er dann noch, um es nicht zu schmälern.

Sie gibt mir zu essen. Zu essen.

Die Worte waren so bitter wie Espenrinde zu zerkauen. Und er hatte jahraus, jahrein daran zu kauen. Wenn er allein war, wie jetzt, war er ohne Gnade gezwungen, diese Worte auf die Zunge zu nehmen und zu kosten. Die bittersten, die er kannte.

Morgen gehe ich arbeiten.

Wenn nichts dazwischenkommt, ergänzte er, zur Sicherheit.

Wie ein Erinnerungsschatten lagen die vielen Male in seinem Gedächtnis, wo er für jemanden arbeiten wollte. Auf dem Hof oder den Feldern, im Wald. Immer hatte irgendwas dafür gesorgt, dass er nicht mal ein Tagwerk beenden konnte. Und diese Leute fragten ihn nie wieder. Die klugen Leute, die etwas besaßen und Arbeit zu vergeben hatten, gingen an ihm vorbei, als wäre er Luft.

Und dann kam er wieder mit leeren Händen zu Hege zurück. Sie war es so gewohnt, dass sie kein böses Wort dazu sagte. Aber sie schleppte ihn mit durch. Wer weiß, wie sie darüber dachte.

Mich morgen zusammenreißen. Geradewegs zu den Höfen gehen und um Arbeit fragen.

Das geht ja so nicht weiter, sagte er sich, finster dreinblickend. Ich muss Arbeit finden, die Hege wird schon grau.

Da beschlich es ihn:

Ich bin schuld, dass die Hege grau wird.

Allmählich ging ihm die Wahrheit auf. Er war tief beschämt darüber, wie er sich verhielt.

5

Allmählich war es spät am Abend. Später, als Mattis sonst auf war. Trotzdem mochte er nicht ins Bett gehen, sondern tigerte draußen herum. Nagte etwas an einem, dann war es noch viel schlimmer, wenn man sich im Bett hin und her wälzte.

Vielleicht schläft die Hege ja auch nicht. Ist nur so früh reingegangen, damit sie mich nicht mehr sehen braucht.

»Und das ist wirklich nicht lustig«, sagte er laut, so laut, dass es vielleicht durch die Wand bei ihr drinnen zu hören war.

Ihm machte das zu schaffen.

Ein plötzlicher Gedanke ließ ihn zusammenschrecken:

Du darfst mich nicht alleinlassen!, durchfuhr es ihn, an Hege in ihrer Kammer gerichtet. Was dir und mir auch passiert, du darfst mich nicht alleinlassen.

Neu war dieser Gedanke nun wirklich nicht, er fühlte sich nur jedes Mal neu an, jedes Mal gleich schlimm. Jedes Mal musste er den Gedanken wegschieben, das war Unsinn, Hege hatte nie ein Wörtchen von alleinlassen gesagt. Warum sich damit quälen?

Das Bild wollte nicht weichen. Er sah Hege weggehen, immer weiter weg. All ihr Eigentum in einem Bündel unter dem Arm.

Gehst du weg?

Ja, Mattis.

Das wird schwer, Hege.

Ja, Mattis.

Dann ging sie.

Hörte nicht mehr, was er sagte, wurde immer kleiner, war am Ende nur noch ein schwarzes Pünktchen – und so blieb sie. Ganz und gar verschwinden konnte sie nicht in diesem traurigen Spiel.

Und genau da passierte etwas Großes:

Wie er nachgrübelte und Hege weggehen sah, saß er auf seinem alten Stammplatz auf der Vortreppe und blickte über den See zu den Hängen im Westen. Der See lag jetzt schwarz, über den Hängen dunkelte es immer mehr. Schöne Sommerdämmerung überall, am Himmel und auf Erden. Mattis war für so was durchaus nicht blind.

Ihr Häuschen lag in einer etwas moorigen Senke, die sich vom See heraufzog. Fichtenwald, mit Birken und Espen gemischt. Ein schmaler Bach rann durch sie hinab. Manchmal fand Mattis, hier war es schöner als an allen anderen Orten, die er je gesehen hatte – was herzlich wenige waren.

Vielleicht hatte er auch jetzt diese Empfindung – jedenfalls blickte er gedankenverloren vor sich hin und ließ die Dämmerung voranschreiten, soweit man das noch dämmern nennen konnte und es nicht nur etwas unsagbar Mildes war.

In diesem Augenblick kam das Unerwartete.

Auf dieser Seite vom Wind ist es still, dachte er gerade, während er auf die beiden Espenwipfel und den Nachthimmel blickte. Da tat sich etwas zwischen den Wipfeln, er bildete sich ein, es sehen zu können, so klar war es. Kein Wind, nur eine Bewegung – und hier war es so still, dass sich an den belaubten Espen kein Blatt regte.

Und da, ein leiser Laut! Merkwürdige Töne auf einmal. Zugleich waren da undeutlich in der Luft über ihm ein paar kurze, rudernde Flügelschläge. Dann nochmals ein paar leise Lockrufe, in einer unbeholfenen Vogelsprache.

Es ging geradewegs übers Haus weg.

Aber Mattis durchzuckte es durch und durch. Stumme Erregung packte ihn, hellwach und getroffen saß er da:

War das etwas Unnatürliches gewesen?

Nein, alles andere als das. Obwohl …

Eine Waldschnepfe war das gewesen. Und die flog um diese Tageszeit nicht einfach so irgendwo lang: Ihr Balzflug hatte über sein Haus geführt!

Seit wann wohl?

Das hatte es im Frühling bislang noch nie gegeben. Nicht, soweit er sich erinnern konnte. Und er war oft so spät draußen unterwegs, er hätte es gesehen und gehört.

Aber heute Abend führte der Balzflug direkt über ihnen entlang, über Hege und ihm. Und so würde es weitergehen, jeden neuen Morgen und Abend wieder.

Mattis schaute auf sein Haus, es war wie verwandelt, man musste es mit anderen Augen ansehen. Der Flug der Schnepfen war irgendwie etwas, das in feinen Streifen weit von hier über ferne Täler ging. Das hatte er immer gedacht. Jetzt führte er hier entlang, war ganz einfach hierher verlegt.

Es sei denn, es wäre Einbildung gewesen – er wusste, so was passierte ihm häufig. Kam es denn vor, dass die gewohnte Strecke des Balzflugs verlegt wurde? Das wusste er nicht. Und warum hierher?

Atemlos saß Mattis da und wartete. Denn wenn das wirklich der Balzflug war, der Schnepfenstrich, dann kam der Vogel bald wieder vorüber, auf derselben Strecke, Mal ums Mal, während der kurzen abendlichen Flugzeit. Er kannte das von alteingeführten Strecken andernorts, von denen er wusste. Frühmorgens folgt der Vogel wieder demselben Strich, hatte ein Jäger ihm erzählt. In trockenen Gräben hatte er manchmal Stellen gesehen, wo Schnepfenschnäbel gestochert hatten, daneben die Spuren zarter Vogelfüße.

Er wartete gespannt. Die Zeit wurde ihm lang, der Zweifel wuchs.

Psst, da war es. Das ruckartige Flattern, der Vogel selbst schemenhaft und rasch in der Luft direkt über dem Haus, jetzt in der entgegengesetzten Richtung. Und wieder weg, verborgen im weichen Zwielicht und den schlafenden Baumwipfeln.

Da sagte Mattis laut:

»Ja, das ist der Schnepfenstrich.«

Er wusste nicht, warum er das sagte und woher er es hatte. Weniger konnte er nicht sagen oder tun – und niemand hörte ihn dabei.

Es fühlte sich an, wie wenn nach langer, schwerer Zeit etwas überstanden war.

Sein erster Gedanke war, es Hege zu erzählen, er wollte gleich hinlaufen. Ob sie jetzt schlief oder wach war, sie musste sofort davon erfahren – aber er hielt wieder inne. Wenn es wirklich stimmte, dann kam der Vogel bald zum dritten Mal, und Mattis war sich seiner Sache so wenig sicher, dass er das noch abwarten musste. Selig dasitzen und warten.

Wenn ich es drei Mal gesehen habe, muss Hege es glauben. Alle müssen es glauben.

Psst, da ist es wieder.

Genau wie vorhin, das Flattern, der pfeilschnelle Schatten im Dämmer – und der schöne Lockruf, ob den nun wer hörte oder nicht. Gleich überm Dach hier, und fort ins Unendliche. Dann wieder nichts als der Spätabend.

Aber es war wirklich da gewesen. Jetzt weiß ich was, stellte er fest, ohne weiter nach Erklärungen zu suchen. Er war spürbar verändert, innerlich.

Und Hege schläft!

Jetzt durfte auch Hege verändert werden.

6

Die schlafende Hege – wie ein Blitz mit Achtblattrosen und Strickzeug, die alles meisterte – jetzt war Mattis nicht mehr sicher, wer von ihnen beiden wichtiger war. In diesem Augenblick konnte er beinah wagen, sich an die erste Stelle zu setzen.

Etwas geräuschvoll betrat er die Kammer.

Das war unklug. Hege war vor längerem ins Bett gegangen, vielleicht eingeschlafen – jetzt wurde sie zur Unzeit geweckt. Sie schlug einen ziemlich scharfen Ton an.

»Was ist denn jetzt schon wieder?«, fuhr sie auf, bevor er auch nur einen Ton aus seinem vollen Herzen herausgebracht hatte. Den Klang kannte er nur zu gut. Wahrscheinlich war sie gerade eingeschlafen, und da kommt er reingetrampelt. Aber er wusste auch, wie es weiterging: Sie würde sich räuspern, zur Entschuldigung und um den Schmerz ihrer Bemerkung zu stillen.

»Ja, was ist, Mattis?«, sagte sie jetzt leise und müde, bereit zu zeigen, dass es ihr leidtat.

Mattis kam mit etwas Großem. Er wusste gar nicht, wie er es in Worte fassen sollte. Also einfach raus damit.

»Der Schnepfenstrich ist hier!«, erzählte er, es klang steif.

Er fühlte sich selbst ganz fremd, wie er da vor dem Bett stand.

Hege bemerkte seinen Tonfall wohl auch. Die vor Staunen und Ehrfurcht ungeschickte Zunge. Aber sie kannte es allzu gut, dass Mattis mit irgendwelchen Merkwürdigkeiten ankam. Die dann meistens rasch gar nicht mehr so merkwürdig waren und sich auflösten.

Sie sagte ruhig:

»Der Schnepfenstrich? Aha. Geh jetzt schlafen, Mattis.«

Mattis begriff es nicht.

»Geh schlafen, Mattis«, sagte sie behutsam, denn sie sah sein verstörtes Gesicht.

Mattis stöhnte enttäuscht auf.

»Hast du nicht gehört? Da ist eine Schnepfe, sie fliegt bei uns übers Dach. Jetzt. Jetzt, wo du in deinem Bett sitzt.«

Hege blieb sitzen, sah unverändert aus.

»Natürlich habe ich es gehört. Und? Die kann doch langfliegen, wo sie will?«

Ihm war das unbegreiflich. Als ob sie eine fremde Sprache spräche.

»Aber das ist doch was! Hast du schon mal gehört, dass eine Schnepfe ihren Balzflug einfach so verlegt und jetzt über deinen Kopf weg fliegt?«

Sie zuckte mit den Schultern.

»Was weiß ich.«

»So was hast du noch nie gehört! Los, zieh dich an und komm raus!«

»Jetzt? Mitten in der Nacht?«

»Klar! Das musst du sehen.«

»Ach, nein«, sagte sie.

»Doch, du musst! Es ist jetzt, draußen. Wenn das auch nichts ist, dann …«

Hege legte sich wieder hin, nichts zu machen. Sie gähnte, rasend müde.

»War sicher schön, das zu sehen«, sagte sie, »ich schau es mir ein andermal an. Wenn die heut fliegt, dann morgen sicher auch, oder?«

Mattis starrte sie an, mit aufgesperrtem Mund.

»Wenn die heut fliegt, dann morgen auch?«, echote er fassungslos. »Und du willst klug sein?«, entschlüpfte es ihm vor lauter Verblüffung.

»Wie meinst du das?«, fragte sie.

Er schaute sie immer noch ungläubig an. Und stellte fest:

»Du verstehst also gar nichts.«

Enttäuscht und ratlos stand er über ihr.

Sie berührte ihn kurz am Arm. Ihm war klar, das war versöhnlich gemeint. Aber dafür, dass Hege vollkommen übermüdet war, hatte er keine Augen. Da lag sie in ihrem verwaschenen Nachthemd, sah ihn nicht an, drehte ihm den Rücken zu und blickte an die Wand.

»Lass uns morgen drüber reden, Mattis. Geh jetzt ins Bett, hörst du.«

Für Mattis klang es reineweg wahnwitzig, so was zu verpassen.

»Ich sag doch, sie fliegt jetzt. Und das willst du nicht sehen? Ich versteh dich nicht, nichts findest du besonders!«

Jetzt war es Hege zu viel, es wuchs ihr über den Kopf. Sie schlug mit der Faust auf den Rand des Betts und rief:

»Was weißt du schon! Ausgerechnet du sagst so was, du, der …«

Sie hielt inne.

Er fragte erschrocken:

»Ich? Was ich?«

Immer noch mit dem Rücken zu ihm, rief sie:

»Lass mich endlich in Ruhe! Ich schaff das nicht mehr, wenn du nicht – kannst du nicht bitte gehen! Es ist so spät, Mattis, wir müssen schlafen!«

Mit einer jähen Bewegung rückte sie näher zur Wand. Er sah, wie ihre Schultern zuckten. Das machte ihm zu schaffen, er fühlte sich schuldig, ob er es jetzt war oder nicht.

Er war ratlos. Hatte er ihr was Böses getan? Er hatte ihr mit dem Schnepfenstrich nur eine Freude machen wollen. Ihm war es unvorstellbar, dass das für Hege weniger wichtig war als für ihn. Jetzt und hier war es, da draußen – aber Hege blieb gleichgültig, schimpfte, und jetzt weinte sie so unbegreiflich hilflos.

»Aber Hege – ich hab dir nichts tun wollen, hab doch nur …«

Jetzt schrie sie:

»Hörst du nicht, was ich sage!«, und mit ein paar schnellen Schritten war er aus der Kammer hinaus. Behutsam zog er die Tür zu, als ob Hege schliefe und nicht geweckt werden dürfte.

Wie verschieden die Leute sind, dachte er draußen verdattert. Jedenfalls Hege und ich.

Wahrscheinlich glaubt sie mir nicht mal.

Aber ich hab es gesehen und gehört. Da leg ich die Hand ins Feuer. Aber für heute Abend ist es vorbei.

Und jetzt singen wir ein Lied, sagte etwas in ihm. Natürlich fing er nicht an zu singen. Es passte nur so gut nach dem anderen Satz: Für heut Abend ist es vorbei. Ich bin bei vielen Versammlungen gewesen, ich weiß so ungefähr, wie es da zugeht.

Für heut Abend vorbei. Denn jetzt hat der Vogel seinen Schatz gefunden.

Als er aufblickte, sah er Lichtstreifen dort, wo der Balzflug entlanggegangen war. Direkt über dem Haus.

So ganz sicher war er da zwar nicht, um die Wahrheit zu sagen – aber dort oben war was anders als vorher, fand er. Und morgen ist es wieder da, genauso schön wie heute Abend. Da soll die Hege es auch sehen, und wenn ich sie hier draußen festbinden muss.

Jetzt wird alles anders, dachte er vor dem Einschlafen, gekrümmt wie ein Kind in der Schlaftruhe.

Für mich?

Bei dem Gedanken wurde ihm heiß.

7

Mattis nahm den Schnepfenstrich mit in den Schlaf, und warum auch immer, das bescherte ihm einen herrlichen Traum.

Ein Ruf erst, bevor er etwas sah:

»Wir kommen, wir kommen«, hieß es. »Du bist doch da?«

»Ja, klar«, antwortete er vielleicht.

»Das hat lange gedauert, Mattis«, hieß es freundlich, »aber die Zeiten sind jetzt vorbei.«

Und dann kamen sie wirklich. Ein heller Streifen hoch über dem Haus, und dicht über dem Haus, und zu den Seiten des Hauses, und ein Laut, gerade so hörbar – wie solche Laute sein sollen. Das Haus wurde auf einen Schlag neu, durch und durch.

»Aber das Haus ist nicht das Wichtigste«, sagte er.

Nein, und auch nicht das, was hier passierte, sondern er selbst. Die Streifen waren durch ihn hindurch gegangen und hatten ihn zutiefst verändert. Als er den rechten Arm anwinkelte, um seinen neuen Beugemuskel zu erproben, wölbte der sich so, dass der Hemdsärmel auf der ganzen Länge des Oberarms aufriss. Er schaute den glatten, wohlgeformten Muskel an und lachte.

»Schon besser«, sagte er.

»Gut zum Umarmen.« Mit scharfem Blick schaute er sich um.

»Wo seid ihr?«, rief er.

Sie lachten, im Wäldchen versteckt:

»Na, hier, wo denn sonst.«

Sein Haus war wirklich neu, er ging hin, um sich in den Fensterscheiben zu spiegeln. So einen stattlichen Kerl wie den, der ihm in dem dunklen Fensterglas gegenüberstand, hatte er noch nie gesehen. Er schaute sich von allen Seiten an, immer ebenso gut.

Er rief stolz:

»Seht ihr was?«

»Na klar«, kam es aus dem Wäldchen, »wir sehen nichts sonst.«

»Wartet mal«, sagte er. Aber ihm antwortete ein Chor.

»Jetzt warten?«

»Was hast du vor, Mattis.«

»Mach dich bereit, Mattis.«

»Na klar«, antwortete er mit ihren eigenen Worten.

Er schüttelte den Kopf, und im selben Moment war er voller wunderbar passender Wörter, die man zu Mädchen sagen konnte – und zu anderen Leuten natürlich auch. Nicht nur so hilflos aufblitzende wie sonst. Jetzt spielte er lachend mit seiner neuen Zunge und probierte ein paar von den kühnen Wörtern aus.

»Hey, ihr da in dem Wäldchen!«, rief er, »seid ihr bereit?«

»Wir sind bereit«, sagten sie, »wer wird kommen?«

»Willst du zu mir kommen, dich meine ich«, sagte er und sorgte dafür, dass das Hemd um seinen Oberarm spannte.

Das war jetzt aufregend. Aber gleich kam die Antwort:

»Ich will.«

Die anderen Stimmen waren wie weggesunken.

Da stand sie vor ihrem Wäldchen, nicht mehr verborgen. Er hatte sie sich tausendmal vorgestellt, und doch war sie anders. Aber irgendwie kannte er sie gut, und er hatte kein bisschen Angst. Sie kam dicht an ihn heran. Sie duftete.

Er durfte sie noch nicht berühren.

»Tu was«, sagte er.

Das verstand sie sofort.

»Ja«, sagte sie, »schau, hier.«

Sie bewegte den Arm, und die Luft war voller Vogelgesang.

»Ja, und im Schnepfenflug bist du geboren«, fing Mattis an, »und all meine Gedanken waren schon lange bei dir. Wenn du was sagen willst, dann jetzt.«

»Was sagen?«, fragte sie.

»Ja.«

»Nein, jetzt will ich nichts mehr sagen«, sagte sie.

Er sah ihr unbekümmert in die Augen. Dabei beugte er heimlich den linken Arm und ließ den Hemdsärmel leise krachend reißen. Der glatte, runde, enorme Muskel glänzte in der Sonne, dicht vor ihrem Gesicht.

»Keine Sorge«, sagte er gelassen, »ich habe Hemden genug.«

»Der linke Ärmel auch?«, fragte sie bewundernd.

»O ja«, meinte er wegwerfend, »der rechte ist schon lange hin.«

Mehr sagte sie nicht, war von dem Anblick so gepackt, dass ihr keine Worte mehr einfielen. Das hatte er sich gewünscht. Er bekam alles, was er sich gewünscht hatte. Obendrein konnte er die Dinge jetzt auf die richtige Weise sagen.

»Jetzt kannst du genau das tun, was du am liebsten tun willst«, sagte er zu ihr. »Du Schatz.«

Da kam sie gleich noch näher.

»Jetzt weiß ich besser, warum ich so lange und geduldig gewartet habe«, sagte er dann.

Sie sagte nichts mehr – denn sie hatte ein Geheimnis, das sie ihm erzählen wollte. Sie kam einfach näher. Sie hatte den Arm bewegt, und die Vögel sangen – jetzt bewegte sie sich ganz, es war ein Zauber.

Bewegte sich ganz, und er konnte es nicht fassen. Namenlos. Sie kam immer noch näher. Sie war ganz dicht bei ihm, aus dem Schnepfenflug geboren, sie gehörte zu ihm.

8

Wie üblich war Hege zuerst auf den Beinen. Mattis war zwar auch wach, aber er blieb lange liegen und lebte noch seinem Traum hinterher. Er hörte Hege in ihrem Zimmer hantieren, dann kam sie heraus. Rasch drehte Mattis sich zur Wand und tat so, als ob er schliefe. Das war am sichersten so, wenn man bedachte, wie sie gestern voneinander geschieden waren.

Hege blieb kurz stehen, während sie an ihm vorbei zur Küche eilte. Aufregend. Aber es ging weiter, schon war sie wieder in Fahrt. Bald war das vertraute morgendliche Klappern von Tassen und Messern zu hören.

Wird anders werden, dachte Mattis abwesend. Er nahm seine Sachen und zog sich an. Fühlte sich schon verändert, irgendwie von zwei starken Armen getragen: Der Schnepfenstrich und der Traum nahmen ihn zwischen sich. Er lauschte schon, ob sich auch heute etwas Ungewöhnliches melden würde. Vielleicht wartete ein nie gedachtes Wort oder etwas Schönes – jetzt, wo sich alles gewendet hatte.

Noch nicht. Aber dieser Tag durfte nicht so einer werden wie die zahllosen anderen, dafür musste man selbst sorgen.

»Gold im Mund«, sagte er zu Hege, er stand in der Küchentür. Ihm fiel nur ein Teil des alten Sprichworts als Morgengruß ein.

Er war unsicher. Der letzte Blick auf Hege gestern Abend war zu schlimm gewesen. Er konnte es nur so deuten, dass sie seinetwegen geweint hatte, das Gesicht zur Wand gedreht.

Und kurz darauf hatte er diesen Traum gehabt!

Jetzt hatte Hege jedenfalls geschlafen und es verwunden. Schmal und munter schnitt sie Brot. Fast, als versuchte sie absichtlich, sorglos und unbefangen zu wirken, um den Vorabend wettzumachen. Sie antwortete auf seinen Gruß mit dem Gold im Mund:

»Hast du so gute Laune?«

Er lachte in sich hinein, antwortete aber:

»Warum fragst du das?«

»Hast du keine gute Laune?«

»Du weißt nicht, warum«, sagte er.

Kein Wort zu gestern von ihr. Und da wagte sie sich auf gefährliches Gelände:

»Ich glaube, ich weiß schon warum: Weil du heute Arbeit suchen willst, das haben wir ja besprochen. Und dann kommst du mit Gold im Mund nach Hause.«

Ach Mensch, dass er um Arbeit fragen wollte, hatte er ganz vergessen. Anders als Hege, wie sich zeigte. Es war unausweichlich, ein leichter Schatten legte sich über seine Freude.

»Daneben«, sagte er.

»Aber du wolltest doch –«

»Der Schnepfenflug ist über uns«, unterbrach er sie. Als Erklärung, oder als Entschuldigung für den neuen Zustand. Jetzt, wo sich etwas so Freudevolles ereignet hatte, brauchte man ja wohl nicht mehr den beschwerlichen Gang ins Dorf auf sich zu nehmen und um Arbeit zu bitten.

Aber Hege war unbeeindruckt.

»Ja, na und?«, fragte sie, »was ändert sich, wenn hier eine Schnepfe herumfliegt?«

»Nein, ich – ich weiß nicht. Bist du sicher, dass du das auch nicht weißt? Hm?«

Er war jetzt mutiger, es nutzte aber nichts.

»Iss jetzt«, sagte Hege.

Und das tat er. Er lebte immer noch in seinem Traum. Später würde er Hege die Augen öffnen – über das Wichtige, das geschehen war, das sie nicht sehen wollte.

Auf einmal brach es aus ihm heraus:

»Hm!« Und er trat drei Mal laut mit der Spitze seines Schuhs auf den Boden.

»Ja?«

»Nein, nichts für dich.«

»Das kommt mir aber nicht so vor«, sagte Hege. »Du siehst ganz so aus, als ob du fast platzen würdest vor Lust, irgendwas zu erzählen.«

Stumm aß Mattis mehrere Mundvoll, aber er konnte nicht an sich halten, unmöglich.

»Komisch, was man alles träumen kann, wenn man nur will.«

Hege wollte nicht mitspielen.

»Ach so, du hast geträumt«, sagte sie, als ob das gar nichts wäre.

»Hm«, machte Mattis wieder.

»Jetzt erzähl schon, sonst platzt du mir noch.«

Dass sie so redete, ließ den Traum noch deutlicher und wirklicher werden. Beinah wahr.

»Erzählen, was ich geträumt hab?«

Sie nickte.

»Kann ich nicht«, sagte er ernst und schaute sie groß an.

»Dann wird es nichts weiter gewesen sein«, meinte Hege etwas missmutig und goss ihm von dem dünnen Kaffee ein, den sie immer tranken. Sie entfernte sich schon wieder von ihm.

Mattis sagte:

»Anständige Leute reden nicht von so was, wie ich geträumt hab, jetzt weißt du’s.«

»Ach ja?«

»Hilft dir auch nichts, immer weiter zu fragen, Hege. Außerdem weißt du es wahrscheinlich sowieso.«

Das machte Hege kein bisschen neugieriger, stattdessen verpasste sie ihm einen kalten Guss:

»Träume sind verkehrt rum, merk dir das. Du träumst das Gegenteil von dem, was dann passiert.«

»Was!«, rief er. Was sie da sagte, empörte ihn. Als wollte sie ihm was Böses. Aber sie wusste nicht, worum es ging, das war es. »Du weißt nicht, wie hässlich das war«, sagte er beleidigt und mochte nicht mehr essen. Er stand so unsanft auf, dass er die Tischplatte etwas anhob – er saß dicht am Tisch. Der dünne Kaffee schwappte über, eine Tasse fiel um.

»Pass doch auf, Mattis.«

»Und wer ist schuld?«

Sie musste doch einsehen, dass sie ihm alles kaputtmachte.

»Du darfst es mir nicht kaputtmachen!«, sagte er.

»Schon gut, Mattis.«

Und er beruhigte sich:

»Mir egal, hier wird jetzt sowieso alles anders. Ab heut Nacht.«

Hege fiel ein, wie schroff sie nachts gewesen war, es tat ihr leid.

»Ich komm mit raus und schau mit dir nach der Schnepfe, irgendwann mal abends. Du brauchst nicht zu drängeln.«

»So wie beim ersten Mal ist es nie wieder.«

Hege ließ das unbeantwortet, sie räumte den Tisch ab und nahm die halbfertige Strickjacke zur Hand. Dabei beobachtete sie Mattis, was er wohl unternehmen würde. Er bemerkte das und fragte scharf:

»Ist schon wieder was?«

»Ich will nur sehen, ob du zu den Höfen gehst, das wolltest du doch.«

Sie war gnadenlos.

»Ja, aber die Schnepfe …«

Hege verhärtete sich.

»Uns helfen keine Vögel und kein Schnepfenflug. Du hast gesagt, du wirst das tun, jetzt geh auch.«

Mattis bekam Angst. Diesmal musste es Hege wirklich ernst sein, dass sie so darauf bestand. Wusste sie nicht, wie ihn das quälte? Er wurde unruhig:

»Soll es hier so anders werden nach den Vögeln?«

»Wir dürfen nie aufgeben«, sagte Hege, »das habe ich dir schon tausendmal gesagt.«

»Ja, mindestens.«

Er überlegte.

»Warum hab ich nicht so starke Muskeln, dass das Hemd platzt?«, sagte er laut und schneidend.

Hege antwortete nicht.

»Du fragst mich nie!«, fuhr er in seiner Aufregung fort.

»Was denn?«

»Das, wonach man nicht fragen soll.«

Hege sagte scharf:

»Sei still jetzt.«

Das war eine schwierige Sache, für beide.

»Kann ich bitte noch bis morgen warten?«, bettelte er und meinte die demütigende Arbeitssuche auf den Höfen. Sie hatte sich schon so oft als gute Schwester gezeigt – aber jetzt wurde sie oft schneller wütend als bisher.

»Weil heut doch heute ist, weißt du.«

»Na gut, in Ordnung«, sagte Hege.

9

Heut war heute.

Mattis wanderte herum.

Da im Traum, das waren drei Dinge, dachte er.

Ich war dreifach anders.

Er schlenderte durch einen schönen Sommermorgen. Hege saß wahrscheinlich drinnen und schmollte, weil er nicht gehen wollte – egal. Das Neue war zu nah und wichtig. Frische Winde und sachte Düfte umgaben ihn.

Drei große Veränderungen. Heut früh waren sie wieder weg, etwas anderes brauchte er sich gar nicht erst einzubilden – ihm blieb nichts als die Erinnerung daran, sie erklang unter ihm, während er ging. Irgendwie, als ob er unabsichtlich auf einen Ton treten würde, in der Wiese, und dann stieg der Ton auf, zauberte und war wirklich und wahr.

Dreifach anders – aber heut war eben heute. Seltsam, dass Hege so wenig begreift, dachte er auf dem Weg hinab zum See.

Dort stand er am Ufer und warf Steine, wie ein kleiner Junge. Das Wasser lag spiegelglatt, es wäre witzlos gewesen, jetzt angeln zu wollen. Da konnte er sein löchriges Boot getrost liegen lassen.

Die drei Dinge. Sie waren irgendwo in seiner Nähe, in der Nacht war er selbst dreifach anders gewesen. Alles, was er an sich anders haben wollte, ganz nach Wunsch.

Er warf faustgroße Steine ins Wasser, sie plumpsten hinein, sein Blick war verhangen, abwesend.

»Mattis! Essen!«, rief Hege oben vom Haus her. Ein wohltuender, heimeliger Frauenruf.

Die drei Dinge machten einen Hüpfer.

»Und zwar jetzt« brauchte sie nicht zu rufen; wenn es ums Essen ging, war Mattis fix. Schnell war er den Hang hinauf und saß am Tisch.

»Kau, solange was zu beißen im Haus ist.« Hege schob ihm den Teller hin. Ihm war klar, das war eine Anspielung auf seine Weigerung, auf Arbeitssuche zu gehen. Darum sagte sie das so.

»Und wenn man jetzt auf einmal dreifach anders wär«, sagte er beim Essen.

»Wie dreifach?«

»Das ist wegen dem, was du nicht weißt. Und wegen Mädchen und …«

»Ja, iss jetzt.«

»Du bist nie anders, als du bist«, sagte er böse. »Du kannst da nicht mit.«

»Aha«, sagte Hege. »Und, hast du vor, morgen die Runde zu machen?«

Die ist wirklich stur und merkwürdig, dachte er. Aber gut, so kommt was zu essen ins Haus.

»Wenn ich das gesagt hab, dann mach ich das auch«, antwortete er. Ihm grauste bei der Vorstellung, hilflos neben tüchtig arbeitenden Leuten zu stehen.

Hege arbeitete rasch an der Jacke. Fast bettelnd sagte Mattis:

»Willst du den Vogel sehen, wenn er heute Abend wiederkommt? Heute früh hast du gesagt, das machst du mal.«

»Nicht heute Abend, es wird sonst so spät.«

»Aber du hast gesagt –«

»Ich möchte lieber schlafen«, sagte Hege entschieden.

Mattis meinte steif:

»Aber wenn du nie wieder aufwachst! Dann wird dir das schlimm leidtun.«

Sie zuckte zusammen. Ihm war nicht klar, welche Wirkung seine Worte hatten.

»Mattis!«, fuhr sie ihn an, »still!«

Er ging. Sie sagte noch irgendetwas hinter ihm her, aber er war schon rasch aus der Tür, verschreckt.

Am Abend saß er mit bangem Herzen und bangen Fingern auf der Eingangstreppe. Hege war das Risiko eingegangen und lag schon im Bett.

Die Zeit kam, die des Vogels.

Da, sein Ruf, und da, die Flügel, irgendwie unbeholfen flatternd, rasch und ruckartig.

Die Flügel waren oben in der milden Nachtluft, aber sie drangen auch tief in Mattis’ Herz. Der weiche, dunkle Hieb von etwas Unbegreiflichem füllte Mattis aus. Ich und die Schnepfe, dachte er verschwommen.

In seiner Freude versprach er: Morgen geh ich los, wie die Hege will. Wenn kein Gewitter kommt. Blitz ist Blitz, dann gehe ich nicht – und das weiß sie.

Er wartete die Schnepfe noch zwei Mal ab, dann ging er in das dämmerhelle, laue Sommerhaus schlafen. Doch falls er gehofft hatte, der Traum würde sich wiederholen, dann zeigte der ihm eine lange Nase. Keine Spur von irgendeinem Mädchenwald.

10

Die Hege-und-Mattis-Espen ragten in die Morgensonne und den tiefblauen Himmel auf. Mattis ging an ihnen vorbei zur Landstraße hoch. Mit zusammengekniffenen Lippen: Was kam der Schnepfenstrich hierher, wenn doch alles beim Alten blieb? Sollte man da nicht viel eher zu Hause abwarten, ob etwas passierte? Nein, hatte Hege gesagt.

Jetzt war er nicht mehr so willig wie in der Nacht, als er den Gruß des Vogels erlebt hatte.

Wäre Hege anders, als sie ist, würde sie ihn nie auf diese unnütze Runde schicken, ihr wäre klar, dass sie das besser lassen sollte. Aber die Hege, die wird nie anders. Sie braucht das auch nicht so. Irgendwie.

Er trottete weiter.

Als er aus dem Wäldchen kam, lag das ganze Dorf vor ihm. So gut wie jeder einzelne Hof stand für die Erinnerung an einen missglückten Arbeitsversuch.

Auf der Landstraße herrschte bereits Verkehr. Wie üblich wurden die Leute von den Autos in die Straßengräben gescheucht. Die Straßenränder waren grau vom aufgewehten Staub.

Manchmal ging Mattis die Straße auch entlang, ohne dass er auf Arbeitssuche war, nämlich wenn Hege ihn mit ein paar Kronen zum Kaufladen schickte, um etwas zu essen zu kaufen, oder mit einer fertigen Strickjacke. Das war immer ein Wagnis, es konnte gut ausgehen oder aber in Schimpf und Schande enden.

Auf den Höfen ringsum gingen die Leute eben jetzt an die Arbeit. Mattis sah sie überall um sich. Frühsommerarbeit. Meist Unkrautjäten auf den Äckern. Stark und klug sahen die Leute aus, als ob sie ebenso selbstverständlich der Arbeit nachgingen, wie sie atmeten und lebten. Mancher hatte eine brennende Morgenpfeife zwischen den Lippen, andere gebrauchten den Mund dazu, sich eins zu pfeifen, wieder andere gingen einfach nur mit schwingenden Armen einher.

Sollte er gleich auf die Leute zugehen und fragen? Auf dem erstbesten Hof? O nein. Das wäre denen nur peinlich, weil sie irgendeine Ausrede finden müssten, von wegen, dass es ihnen gerade heute nicht passte. An einem Hof nach dem anderen ging er vorbei und störte lieber nicht. Die Leute atmeten sicher erleichtert auf, wenn er vorüberging und sie ihn von hinten sahen, meinte er.

Aber ihr habt mal ganz sicher nicht so was geträumt wie ich!, dachte er. Ein wohltuender Gedanke.

Er hatte viele beschämende Erinnerungen, aber die waren sehr verschieden. Mit manchen von den Männern, denen er jetzt begegnete, hatte er zusammenzuarbeiten versucht, und die Erinnerung sorgte dafür, dass er starr auf die Straße blickte. Andere stahlen sich selbst rasch vorbei – als wollten sie eine gemeinsam erlittene Niederlage wegschieben.

Heut geht es sicher wieder so. Hege weiß das genau, und ich weiß es auch.

Ich kehr am besten um, dachte er, ich kann einfach nicht zu diesen ganzen Höfen gehen, wo mich die Leute schon von vorher kennen.

Aber wie seltsam:

Kaum hatte er das gedacht, tat er genau das Gegenteil. Er bog von der Landstraße ab und ging zu einem Hofplatz hinauf. Was war in ihn gefahren? Eine aufblitzende Erinnerung. Bei diesem besonderen Hof erinnerte er sich an ein kleines Ereignis, das mal nicht beschämend geendet hatte.

Vielleicht kam auch diesmal wieder so was Gutes.

Gleich an der Ecke des Hauses traf Mattis den Bauern. Der stand mit zwei jungen Leuten da, einem Jungen und einem Mädchen, jeder eine leichte Unkrauthacke in der Hand, bereit, zum Rübenacker aufzubrechen. Mattis sah sie nicht an, bis er dicht vor ihnen war, da tauchte sein Gesicht vor ihnen auf wie über einem Rand.

»Guten Tag, hast du Arbeit für mich?«, fragte er Hals über Kopf und blickte den Mann aus ängstlichen Augen forschend an. Hier galt es, nicht erst lang zu fackeln. An den beiden jungen Leuten drängte er sich vorbei, jetzt hatte er sie im Rücken.

Der Mann antwortete wahrscheinlich im selben Schwung, auch ohne Zeit, sich zu bedenken.

»Ja, wenn du Rüben ausdünnen kannst«, sagte er.

Kurz sperrte Mattis den Mund auf, dann lächelte er breit.

»Sag ich’s doch«, meinte er. »So ist das wohl, wenn es anders ist als vorher.«

»Wie?«

»Ach, nur so«, sagte Mattis. »Heut ist was ganz anders für mich. Aber das kannst du nicht verstehen.«

Das Mädchen und der Junge hatten ihn umrundet und standen jetzt vor ihm. Sie wechselten Blicke auf eine Art, die Mattis gut kannte und die nichts Gutes verhieß.

»Hat mit einem Schnepfenstrich zu tun«, sagte Mattis nervös zu dem Mann.

»Schnepfenstrich?«

»Ja, weißt du nicht, was das ist?«, fragte Mattis, schon mutiger.

Mittlerweile war dem Mann wohl klar geworden, wen er da vor sich hatte, aber jetzt war es zu spät, er konnte sein Wort nicht zurücknehmen.

»Von Schnepfen hab ich so dies und das gehört«, sagte er. »Aber jetzt geht es um einen Rübenacker. Dann wollen wir dir mal eine Hacke holen – dann können wir um die Wette ausdünnen.«

Das hat der wohl einfach sagen müssen, dachte Mattis, der hat sich das nicht verkneifen können.

Mattis hatte eine dünne Haut, er spürte den Seitenhieb sehr wohl.

»Ja, vielleicht können wir auch um die Wette laufen.« Er lachte kurz. Fast klang es echt.

Kurz war der Mann verblüfft, dann besann er sich und lachte mit.

»Wer zuerst bei den Rüben ist, meinst du?«

Sie machten Scherze, wetteiferten miteinander, wer am leutseligsten war.

»Aber du willst vorher sicher was essen?«, fragte der Mann, jetzt wieder ernst.

Mattis schüttelte den Kopf.

»Ach was, wir haben ja zu essen im Haus.«

Schön, so was sagen zu können, fand er.

Dann ging es an die Arbeit. Mattis bekam eine Unkrauthacke und folgte den anderen zum Rübenacker. Das Stück Land war übel groß, fand Mattis, kein Ende in Sicht, es erstreckte sich bis zu einer kleinen Anhöhe und verschwand dahinter.

Mattis fragte den Bauern unwillig:

»Was willst du denn mit so viel Rüben?«

Störrisch und unverständig stand er da.

»Wie? Schon bevor wir angefangen haben?«, fragte der Bauer. Es klang sinnlos, aber Mattis, der Dussel, wusste genau, was gemeint war. Er senkte den Kopf.

»Kann ich die hier nehmen?«, fragte er hastig, um das Thema zu wechseln. Er deutete auf die Reihen vor seinen Füßen.

Der Mann nickte.

»Also, ich denke, du hast bei so einer Arbeit schon mal mitgemacht, Mattis, und weißt, wie viel Abstand zwischen den Pflanzen bleiben muss, die wir stehen lassen?«

Das musste der Mann wohl sagen, Ausdünnen war eine wichtige Sache, es konnte für die Jahresernte, den Lohn der Mühe entscheidend sein.

»Klar, ich bin ja fast schon vierzig, also«, entgegnete Mattis. »Nur noch drei Jahre«, fügte er hinzu. Hier galt es, sich zu behaupten. Er war auf seine Antwort ein bisschen stolz.

»Mag schon sein«, sagte der Mann, »aber ich habe gefragt, was du gelernt hast, wie groß muss der Abstand sein? Zeig doch mal.«

Mattis gab mit den Zeigefingern ein Maß an. Aufs Geratewohl.

»Nein«, sagte der Mann, »wer dir das gezeigt hat, versteht nicht viel davon. So gehört das.«

Mattis duckte sich wieder.

Das Mädchen und der Junge wechselten einen Blick. Sie hatten sich so hingestellt, dass sie nebeneinander arbeiteten. Mattis bekam zwei Reihen Rüben zwischen dem Mädchen und dem Bauern zugeteilt. Das gefiel Mattis gut.

»Peng!«, sagte der junge Mann laut. »Los geht’s! Wer ist als Erster drüben am anderen Ende?«

Und er sah lachend das Mädchen an. Sie lachten einander gern an, die beiden, und schauten sich in die Augen. Mattis hatte schon so einen kleinen Verdacht, seit ihm das aufgefallen war.

Aber gut, peng, jetzt ging’s los. Mattis machte die anderen nach, wollte ebenso behände sein wie sie. Das Unkraut saß an den Wangen der Rübenreihen und oben auf den Dämmen zwischen den Rüben und überall. Jetzt wurde es ausgerissen und der Sonnenhitze überlassen. Außerdem standen die Rübenpflänzchen wirklich zu dicht, von denen mussten auch viele gerodet werden. All das sollte Mattis rasch und sicher bewerkstelligen, mal mit der Hacke, mal – wenn nicht richtig dranzukommen war – mit den Händen.

Er war nervös. Wusste nicht wie.

Bald passierte sicher wieder dasselbe wie sonst, wenn seine Gedanken sich während der Arbeit verwirrten, kreuz und quer gingen, ihn lähmten.

Kaum hatte er daran gedacht, war es auch schon da: Es fing an mit quer gespannten Fäden an den Fingern, die das Gegenteil von dem taten, was er wollte, und ihn langsamer werden ließen.

Links von ihm ein Räuspern. Der Bauer war das, über seine Rübenhoffnungen gebeugt, an denen er rasch und zielstrebig arbeitete.

Sofort war Mattis auf der Hut. Obwohl das noch nichts zu bedeuten hatte. Die Leute räuspern sich ja wohl manchmal einfach so.

Aber dann wurde Mattis immer nervöser, fummelte zwischen den Schösslingen herum und rupfte die falschen aus. Seine Hacke kriegte er nicht richtig in Schwung, sie war so starr.

»Die Hacke da bin ich nicht gewöhnt«, sagte er zum Bauern, »der Griff ist zu lang.«

»Dann lass sie liegen«, sagte der Mann, »mit den Händen geht es genauso gut. Ist sogar ordentlicher.«

»Gut, dass du das sagst«, meinte Mattis herzlich. Er spürte eine kleine freundliche Unterstützung in dem, was der Bauer sagte, und die konnte er gegen die beiden jungen Leute gut gebrauchen.

Mit denen hatte er auch gut mitgehalten auf den ersten Metern, schließlich hatte er zehn Finger zum Jäten. Aber die beiden arbeiteten dermaßen schnell nebeneinander. Und es schien ihnen auch noch Spaß zu machen, trotz der beschwerlichen Arbeit. Mattis war längst klar, die waren ein Liebespaar. Das war betrüblich, aber auch schön zu sehen, spannend. So nah war Mattis noch nie einem Liebespaar gewesen, glaubte er.

Das Mädchen schaute Mattis fröhlich an. Vor ihr brauchte er sich nicht zu fürchten, ihre Augen waren geradezu trunken, so verliebt war sie in den jungen Mann neben sich. Sie lachte bei allem, was er sagte. Endlich drehte sie sich auch mal zu Mattis um, der schon sehnlich darauf wartete. Das tat ihm innerlich so gut, es ließ sich gar nicht sagen. So ein rundes, lachendes Mädchengesicht, voller Freude ihm zugewandt.

»Gut, dass du mithilfst, auf diesem fürchterlichen Acker kann man jede Hand gebrauchen«, sagte sie. Gutherzig irgendwie. Und Mattis war bereit, es zu glauben, so, wie sie es sagte. Und an sich zu glauben. Mutiger geworden, wollte er das Mädchen mit etwas erfreuen, das er in der Hinterhand hatte.

»Schon mal was vom Schnepfenstrich gehört?«, fragte er sie. Sie arbeiteten so nahe beieinander, jeder an seiner Reihe, dass er das leise fragen konnte, nur für ihre Ohren.

Sie antwortete rasch und ohne nachzudenken:

»Glaub schon. Was denn?«

»Nichts, nur so.«

Mattis dachte eigentlich vor allem dies: Jetzt red ich mit einem Mädchen. Und vielleicht ist das nur ein Anfang.

»Aber direkt bei dir übers Haus sind sie noch nicht geflogen, was?«, fragte er weiter und spürte einen ungewohnt sicheren Halt.

Das Mädchen schüttelte den Kopf. Und jätete dabei schwungvoll weiter, riss üppig sprießende Ackermelde heraus und warf sie zum Welken auf den Boden. Mattis arbeitete auf seiner Seite nach bestem Vermögen. Und sie unterhielten sich dabei.

»Aber bei dir gibt es sicher auch keinen Schnepfenstrich direkt überm Haus, denk ich mir«, sagte sie, ohne es böse zu meinen.

»Wer weiß«, sagte Mattis.

Innerlich sprudelte es in ihm.

»Aha, ja.« Das Mädchen war vom Jäten abgelenkt, und von dem jungen Mann neben sich.

Sie redeten nicht weiter darüber. Mattis fand, er hatte sich sehr geschickt angestellt. Er mochte dieses Mädchen – aber sie hatte ihren Freund neben sich, also sollte er wohl nicht mehr viel mit ihr reden.

So was wird streng angesehen, wusste er. Nur noch ein klein bisschen mit ihr reden, und dann Schluss.

»Ich …«, setzte er an, aber der Faden riss ab. Jetzt war der junge Mann da, er kniff dem Mädchen ins bloße Bein. Sofort war sie für Mattis unerreichbar. Als wäre auf dieser Seite von ihr nie wer gewesen.

Ja, ja, das geht bisschen anders als im Traum, stellte er fest. Aber ist vielleicht am besten, dass das nicht weitergeht, die Leute sehen so was so streng.

Am schlimmsten war, dass er mit der ganzen Denkerei so viel Zeit verlor – jetzt zogen die beiden Verliebten in ihren Reihen von ihm fort. Gleich waren sie ein gutes Stück voraus, er sah sie von hinten. Mattis schrak zusammen und wandte sich zu dem Mann um. Da erschrak er gleich noch mal: Der Bauer arbeitete an drei Reihen auf einmal. Anfangs hatte er zwei gehabt wie die beiden anderen.

»Wie kommt das, dass du drei Reihen hast?«, fragte Mattis drauflos.

»Oh …« Der Mann zögerte. »So ist es leichter zusammenzubleiben – mit einem jedenfalls«, und er rupfte Ackermelde und Hanfnessel, dass es nur so staubte.

Mattis versuchte nicht weiter, das zu verstehen, sondern beugte sich zu dem Mann hinüber und flüsterte halb:

»Die zwei da, die sind verliebt, glaub ich. Sieht ganz so aus.«

Der Mann nickte.

»Hast du das schon gewusst?«

»Ja«, sagte der Mann. »Darum hab ich sie genommen.« Er flüsterte jetzt auch halb und zwinkerte Mattis zu. »So welche taugen gut zum Rübenausdünnen, weißt du. Die merken gar nicht, wie langweilig und mühsam das ist. Für solche wie dich und mich ist das schon anders, verstehst du.«

Das war ja ein kluger Mann. Beinah hatte Mattis Angst in seiner Nähe – obwohl klar war, dass dieser Mann heute freundlich zu ihm gewesen, die ganze Zeit über freundlich gestimmt war. Nein, er hatte keine Angst, mit dem Mann konnte er reden, und er verstand sehr gut, dass das hier langweilig und mühsam sein konnte.

»O ja, wir zwei merken, wie das Rübenausdünnen wirklich ist«, sagte er.

»Aber jetzt doch noch nicht«, sagte der Mann entschieden. »Wir werden ja nicht gleich am Anfang schon schlappmachen?«

Da musste Mattis sich wieder ducken.

»Nein, stimmt«, sagte er.

Obwohl der Mann drei Reihen hatte, zog er jetzt rasch voraus. Dann ging er doch zu zwei Reihen über, wie üblich. Und da dauerte es nicht lang, und er ließ Mattis wirklich hinter sich.

Ratlos fragte Mattis:

»Willst du von mir weg?«

»Muss ich wohl«, sagte der Mann. »Komm einfach nach, so schnell du kannst.«

»Ja, du siehst ja, wie ich anpacke.«

»Hm«, meinte der Mann in die Ackermelde hinein.

Dann war Mattis allein. Dieses »Hm« war das Letzte, was der Mann sagte. Wie sollte er das deuten? Wieder wurde Mattis nervös, schlimmer als zuvor geriet er in die übliche Verwirrung von Gedanken und Arbeit. Seine Reihen hingen hinter ihm wie ein immer längerer Schwanz. Schlappschwanz, so hieß das doch.

Ich bin kein Schlappschwanz, sagte er sich, ich kann nicht schneller.

Aber der Schwanz hing da und war beschämend, vor allem, wenn man bei so was so gemacht ist wie Mattis. Vor ihm die Reihen strahlten leuchtend grün, voll strotzendem Unkraut – und zu beiden Seiten lagen erdbraune, saubere Furchen, mit einer gleichmäßigen Reihe Rüben oben auf dem Erddamm.

Wenn man die Jäter irgendwie anhalten könnte, dass sie einem nicht so davoneilen. Das lief jetzt richtig schlecht. Der Bauer konnte feste anpacken, schon hatte er die Verliebten eingeholt, bald würden sie alle drei über den niedrigen Hügelkamm wandern und auf der Gegenseite verschwinden.

Da, es war schon so weit.

Mattis stand sozusagen allein auf dem Acker. Einsam und verschwitzt. Die Sonne brannte, das Hemd klebte ihm unangenehm auf dem heißen Rücken.

So viele Rüben!, dachte er unwillig. Wozu sollen die gut sein? Als ob es gar nichts anderes gibt als Rüben!

Mattis arbeitete schon lange nicht mehr gebeugt, sondern war auf die Knie gegangen und schaffte sich auf diese Weise voran. Seine Finger taten nicht, was er ihnen auftrug, sie ließen sich von seinen Gedanken auf Abwege bringen, manchmal stockte die Arbeit ganz und gar.

All das kannte er so furchtbar gut von zuvor, er war darauf gefasst. Er mühte sich, so gut er konnte, aber seine Gedanken waren unregierbar. Nach einer Weile bemerkte er, dass er die Ackermelde stehen ließ und die Rübenschösslinge ausriss. Da schrak er zusammen, richtete sich auf und stand zitternd da.

Werde ich jetzt …

Nein, nein.

Da kamen der Bauer und das Paar schon wieder gebeugt von der anderen Seite her über den Hügelkamm, jeder mit zwei neuen sauberen Reihen. Als sie auftauchten, hob das Mädchen ein wenig den Kopf und winkte dem entmutigten Mattis kurz zu. Nur so ein kleiner Wink mit der Hand, zwischen zwei Unkräutern. Aber was es nicht alles mit ihm machte.

Das ist nicht umsonst gewesen, versprach er, da muss ich ihr antworten. Wenn sie einander gleich nachher begegneten, würde er die Gelegenheit ergreifen und was zu ihr sagen, ob dieser Freund von ihr was davon mitbekam oder nicht.

Für eine kleine Weile hatte er jetzt auch eine sichere Hand. Schob sich kniend voran und rupfte. Die richtigen Pflanzen. Und als sie sich einander näherten, schien Mattis richtig tüchtig zu arbeiten, der Abstand schrumpfte zusehends. Doch dann riss Mattis nichts mehr aus, er schaute nur verträumt auf die Verliebten.

Das war wohl tatsächlich ein echtes Liebespaar.

Kein Wunder, war der Mann mit ihnen zufrieden, er blickte sie zwischendurch lächelnd an. Er konnte dabei nicht nur an die Arbeit denken – die beiden machten es für alle auf dem Acker schöner. Sie plauderten und lachten, zugleich schafften sie rasch und sauber. Ab und an fanden sie eine Möglichkeit, einander extra nahe zu kommen, und Mattis beobachtete genau allerlei kleine Dinge, die sie dann taten und die sich zu merken vielleicht lohnte.

So war also ein echtes Liebespaar. Der Bauer hatte Glück, und er konnte mit ihnen in seinen eigenen Rübenreihen mithalten. Zwischen den Leuten und Mattis befand sich jetzt ein dunkler, gereinigter Streifen. Seine beiden Reihen vor ihm standen wie vergessen daneben, ein hässlicher Anblick.

Aber es half nichts: Er musste den beiden blühenden jungen Leuten zusehen und zuhören. Der sprudelnden Freude. Diesen frohen Augen.

Jetzt waren sie neben ihm. Perlendes Lachen, trotz der Plackerei.

Mattis richtete sich auf.

»Ganz egal, dass ihr ein Liebespaar seid, ich will …«, setzte er mit wildem Mut an, zu dem strahlenden Mädchen gewandt. Dann blieb er hängen.

Die anderen warteten verwundert, das Mädchen und der junge Mann. Sie grinsten dabei auch nicht über ihn – daran hinderte Mattis selbst sie, ohne es zu wissen, durch die Ehrfurcht in seinem Gesicht und im Tonfall.

Der Bauer hatte auch in seiner Spur still innegehalten.

Sie warteten, vergebens. Dann mischte der Mann sich ein, halblaut:

»Sag schon, Mattis.«

Das Mädchen sagte nichts, der Junge ebenso wenig, sie warteten gespannt.

Und sie warteten alle drei vergebens. Mehr kam nicht nach Mattis’ Anfang – aber immerhin hatte er irgendwie eine Verbindung geschaffen und war nicht mehr völlig allein. Er hätte noch so viel mehr sagen wollen und auf andere Weise, aber es verlor sich wie üblich, verwirrte sich mit anderen Sachen, die hiermit nichts zu tun hatten.

»Denn ihr seid eins!«, sagte er schließlich, als Fortsetzung dessen, womit er angefangen und geendet hatte.

»Ja«, antwortete das Mädchen, »sind wir.«

»So gut sollte man’s haben«, entschlüpfte es ihm, ehe er sich besann.

»Das kann ja noch immer passieren.« Das Mädchen nickte ihm zu, als ob nichts wäre.

Er dachte: Ihr könnte ich meinen ganzen Traum erzählen, von vorn bis hinten.

»Ja, da wird es nichts mehr mit«, murmelte er beklommen, »ich mein, mit dem, was ich hab sagen wollen.«

»Schade«, sagte das Mädchen.

»Peng!«, sagte der Junge als Erinnerung daran, dass er auch noch da war, und an ihr Wett-Jäten.

Neben ihnen lachte der Bauer vor Freude, dass er so eifrige Arbeitsleute hatte. Mattis, den Dussel, zählte er sicher nicht dazu, wer tat das schon.

»O ja, ja«, antwortete das Mädchen auf das »Peng«, »ich bin ja nicht taub.«

»Peng«, machte es in Mattis, stumm, da hatte der junge Mann gerade einen kleinen Klaps gekriegt.

Alle arbeiteten weiter.

Die Sonne brannte immer gnadenloser. In den Furchen zwischen den Rübenreihen lag das ausgerissene Kraut und welkte verloren. Die Erde roch warm.


Mattis schaute hinter sich, zu dem Bauern: War der jetzt vielleicht auch müde und erschöpft? Nein, anscheinend nicht, stark und klug, wie er war. Mattis war jetzt müde und durstig, und seine Finger wussten nicht, wo lang. Das Mädchen hatte ihm Schwung gegeben, aber der versickerte, wenn man sich von einer Arbeit verfolgt fühlte, die einfach zu viel war. Und jetzt zogen sie ihm davon, auf das rückwärtige Ende zu, er fühlte sich allein, überdrüssig. Ja, er musste innehalten, seine Gedanken verwirrten sich, er jätete die jungen Rüben und ließ das Unkraut stehen.

Noch verlassener fühlte er sich, als er die kleine Anhöhe des Ackers erreichte und auf der anderen Seite hinab musste. Als ob die anderen endgültig verschwunden wären.

Seine Reihen leuchteten üppig grün und mahnend. Er jätete, er dachte: Ich muss mir doch mein Essen verdienen. Danach saß er eine Weile still. Niemand konnte ihn sehen, die Wirrnis seiner Gedanken machte ihm jeden Handgriff unmöglich. Außerdem war es einfach zu schön, ein bisschen auszuruhen, wenn man so erschöpft war.

Er schrak innerlich zusammen, als er die drei anderen nach einer Weile wieder über dem Rand auftauchen sah. So weit waren die schon? Schnell fummelte er weiter und machte dabei viele gesunde Pflanzen kaputt. Aber gut jedenfalls, dass jemand auf diese trostlose Rückseite kam. Die Verliebten zwitscherten nicht mehr ganz so fröhlich, aber doch. Und der Mann war wohl nicht müde. Wer einen so großen Acker hat, der wird nicht müde, der hält sich ran. Er hob auch nicht den Blick.

Ein seltsamer Laut ließ sie zusammenschrecken. Er kam von Mattis.

»Wartet mal!« Ein durchdringender Ruf.

Der Mann richtete sich rasch auf, wischte sich mit erdverschmierten Fingern die Stirn. Er war verschwitzt.

»Was ist denn, Mattis?«

Mattis war schlimm dran. Obwohl er noch keine ganze Länge des Ackers abgearbeitet hatte, war er erledigt. Unter seiner Nase hing staubige Erde wie ein dünner Bart. Die anderen hatten das vielleicht auch, aber bei ihnen machte es nichts. Unsicher ging Mattis zu dem Mann:

»Ihr seht ja, ich bin hinterher.«

Der Mann antwortete unwillig:

»Ja und?«

»Hast du das gewusst?«

Der Mann machte eine wegwerfende Bewegung, ja, ja –

»Weil, so komplizierte Arbeit, die mag ich nicht«, sagte Mattis ernst.

»Ist wohl so«, antwortete der Mann und bückte sich wieder tief über die Pflanzen.

Mattis war versucht zu fragen: Soll ich aufhören?, aber er verkniff es sich. Der Mann murmelte etwas für sich. Die beiden Verliebten nutzten die Pause, um sich ein bisschen gegenseitig zu kneifen.

Dann fragte der Mann direkt:

»Sollen wir deine Reihen übernehmen?«

Eine graue Wolke legte sich ihm vor die Augen. Bekannt aus dem alten Leben, genau wie vor dem Schnepfenstrich.

»Noch nicht«, entgegnete er hart.

»Dann nicht.«

Der Mann bückte sich mit seiner Hacke.

Mattis wollte zurück, aber im Vorbeigehen blickte er das Mädchen bittend an, ob sie nicht was tun könnte, um es ihm leichter und schöner zu machen – sie war doch so froh und jung und hatte einen Liebsten.

Er räusperte sich ein bisschen, wie als Signal, dass er schnell Hilfe brauchte.

Offenbar verstand sie es. Lächelte ihm zu, wie zur Erinnerung, hier sind wir, du und ich, und winken einander auf dem Acker zu.

Mehr brauchte es nicht. Er hörte es so laut und deutlich, dass er die Worte aufnahm:

»Ja, hier sind wir, du und ich auf dem Acker«, sagte er, ebenso lieb und freundlich, aber nicht so insgeheim wie sie.

»Ja, sind wir«, sagte das Mädchen.

Da stand sie wirklich und sah ihn an, nichts von wegen Dussel, sie strahlte.

»Peng!« Der Junge kniff ihr ins Bein – es sah aus, als ob es für ihn nichts Lustigeres gäbe –, und schon war das Mädchen wieder ganz verliebt und hatte nur Augen für ihn.

»Jawoll«, sagte der Mann.

Der mit dem großen Acker. Sie schauten ihn rasch an und wussten, was er meinte, peng.

Wieder arbeiteten sich die drei rasch an Mattis vorbei. Er schaute ihnen nach und fand, sie besaßen genau das, wovon er träumte: die drei Dinge. Diese Leute bestanden aus nichts anderem als genau aus diesen drei Dingen. Sie genossen es, dass sie so waren, und dachten nicht weiter darüber nach, wussten nichts davon, so sah es aus. Wie konnten die nur so tun, als ob nichts wäre, und einen Rübenacker ausdünnen?

Er jätete, vornübergebeugt, seine Gedanken fuhren wild umher. Helft mir, dachte er.

Aber die Gedanken schossen kreuz und quer wie zuvor, wollte er ein Unkraut packen, griff er eine Rübe.

Will mir also niemand helfen, dachte er, und es wurde ihm schwarz und rot vor den Augen.

Über die wertvollen Pflanzen konnte man sich auch so richtig ärgern, fadendünn und jämmerlich standen sie da, wenn man alles weggerissen hatte, woran sie sich angelehnt hatten. Mattis in seiner eigenen Armseligkeit hätte sie gern ausgeschimpft und sie elendes Kroppzeug genannt, nicht wert, dass man sich mit ihnen plagte. Seine Gedanken rasten hin und her. So pflegte es ja zu gehen, wenn er mal eine Arbeit bekam – nichts von wegen Veränderung. Das war eigentlich das Schlimme heute: keine Veränderung, alles wie gehabt.

Gottlob kam ein Ruf von den Unsichtbaren hinter der Kuppe:

»Mattis!«

Das war der Mann selbst, Klugheit. Die beiden anderen – Schönheit und Kraft – schwiegen, waren aber sicher auch dort. Alle drei Dinge waren dort.

»Gibt es Essen?«, rief Mattis zurück, blitzschnell.

»Ja, komm!«, rief der unsichtbare Mann. Die freundlichen Rufe gingen hin und zurück über dem Rücken des Ackers. Mattis war schon unterwegs.

Ein kleiner Rest von Mattis’ ersten zwei Reihen stand noch unberührt. Immerhin war das Ende in Sicht, es könnte schlimmer sein, dachte er, beschwingt, denn jetzt ging es an einen gut gedeckten Tisch.

Als er sich den anderen anschloss, um zum Haus zu gehen, sagten sie kein Wörtchen zu seiner schlechten Arbeit. Kein Wort sagten sie – aber Mattis war felsensicher, dass sie an nichts anderes dachten, dass es sich erst noch aufstaute und irgendwann herausbrechen würde:

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