Kitabı oxu: «DAS BÖSE BRINGT DEN TOD»
Theo Gitzen
DAS BÖSE BRINGT DEN TOD
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Die Vorgeschichte
Die Freundschaft
Die erste große Liebe
Die Geburt
Das erste Geschäft
Der Kontakt
Die Freundinnen
Hafa Makhbis
Abanoub
Hans Schmitz us Kölle Zollstock
Tödliche Überfälle
Die Barrikade
Das ungute Gefühl
Bassam „der kleine Hosenscheißer“
Die Eskalation
Der Überfall
Die Hochzeit
Machmuds Männer
Die Schwangerschaft
Die Pronto-Pizza Kette
Das „magische“ Geheimnis
Die Party am Pool
Der heimtückische Überfall im Forsthaus
Bomben auf Beirut
Die Hinrichtung
Die Flucht
Die Rückkehr aus dem Koma
Wie ein Wunder
Die Rache
Dunkle Wolken am Himmel
Bürgerkrieg im Libanon – Ursachen und Verlauf
Impressum neobooks
Die Vorgeschichte
DAS BÖSE BRINGT DEN TOD Ein Buch von Theo Gitzen
Ein spannender Thriller!
Das Buch erzählt die Geschichte einer Bäckerfamilie in einer Zeit von wirtschaftlichem Aufschwung, der Zerstörung durch den Bürgerkrieg und der Flucht in eine fremde Welt. Von Liebe, Leid, Mord und Erpressung und dem Verlust bester Freunde durch skrupellose Gangster, auf der Jagd nach dem Geheimnis der „Magic Pizza“
Alles begann in Beirut, dem „Paris des Nahen Ostens“.
1970 entwickelte sich Beirut von Tag zu Tag mehr zum Drehkreuz zwischen Europa und dem Nahen Osten und auf den Straßen pulsierte das Leben. Alles war friedlich, bis zu dem Tag als der Bürgerkrieg in Beirut losbrach und das Leben der Pronto Pizza-Bäcker Familie total verändern sollte. Mit einem Mal war alles anders. Alles was sie sich aufgebaut hatten, war mit einem Schlag zerstört. Das Einzige, was ihnen neben dem nackten Leben auf der Flucht vor den skrupellosen Killern blieb, war das Geheimnis um die „Magic“ Pronto-Pizza, welches Bassam bestens behütet mit nach Deutschland brachte. Das ihr neues und glückliches Leben eine dramatische Wende nehmen würde, konnte niemand ahnen.
Alle Last, das Böse, was sie aus Beirut bis nach Köln verfolgte, abzuwenden, liegt alleine auf den Schultern der attraktiven Fatima.
Alles begann 1939 in einer kleinen Seitenstraße des Sahat an-Nadschma Platzes inmitten des Zentrums von Beirut.
Es war eine kleine, lebhafte, aber auch schmutzige Straße, die „Mar Antonios“. Viele Häuser waren in sehr schlechtem Zustand und jeder der in dieser Straße wohnte, versuchte sich so gut es ging einzurichten. Es war eine bunte Mischung aus Menschen die in dieser Straße wohnten und Menschen die damit beschäftigt waren ihre kleinen Läden und Werkstätten zu unterhalten, um sich so eine eigene Existenz aufzubauen. Die meisten jedoch lungerten arbeitslos und ohne Perspektive einfach nur herum und warteten darauf, dass Jemand vorbeikommt und ihnen Arbeit gibt.
Das Zentrum der kleinen Straße jedoch war Alis-Kaffeestube.
Hier traf sich alles und jeder, der irgendwie auf der Suche nach „Geldverdienen“ war. Der wirkliche Boss jedoch war Machmud, ein 30jähriger, fast hundert Kilo schwerer und immer griesgrimmig dreinschauender Syrer, der vor einigen Jahren mit seinem Familienclan nach Beirut gekommen war. Machmud hatte schnell erkannt, dass er mit der Armut der Leute richtig reich werden konnte. Seinem Familienclan gehörte die halbe Straße und wer hier ein Geschäft machen oder gar aufmachen wollte, musste sich erst das Einverständnis von Machmud einholen.
Machmud kontrollierte in dieser Straße so gut wie alles und jeden. Leuten die ein Geschäft aufmachen wollten, gab er problemlos einen Startkredit, dafür mussten sie jedoch einen nicht unerheblichen Teil ihrer Einnahmen abgeben. Wer keine Arbeit hatte, fand sich bald als „Beschaffer“ für Machmud eingesetzt. Wer dennoch hier lebte und nichts mit Machmud zu tun haben wollte, machte am besten einen großen Bogen um ihn und Alis Kaffeestube. Zu den wenigen, die sich bis dato Machmuds Clan entziehen konnten, gehörten auch Halim und Fadi.
Halim lebte immer noch im Haus seiner Eltern wo er 1933 geboren wurde. An seinen Vater konnte er sich nicht mehr erinnern. Schon früh war er an TBC gestorben. Seine Mutter, Kadisha, verdiente sich ihr Geld mit Nähen für eine kleine Schneiderei am Ende der Straße. Es war ein harter Job und der Schneidermeister war streng. Halim konnte sich noch gut daran erinnern, dass er schon als kleiner Junge für den Schneider Sachen ausgetragen hatte oder seiner Mutter half, Nähgarn auf die Spulen zu wickeln.
Jeder in der Straße kannte den kleinen Halim. Sah er nicht nur mit seinen schwarzen Löckchen und seinen großen Kulleraugen süß aus, er hatte auch die Gabe jeden mit seinem Lächeln, schnell auf seine Seite zu ziehen. Halim streunte jeden Tag, wenn er nicht für Mutter oder den Schneider arbeitete, durch die Geschäfte, setzte sich zu den Erwachsenen und beobachtete alles ganz genau. So lernte er, auch ohne Schule, worauf es im Leben ankommt, um was er einen Bogen zu machen hatte und was ihn weiterbringen würde.
Die Freundschaft
Es war an einem diesigen Tag im September 1939
Halim hatte mal wieder für den Schneider Sachen ausgetragen und anschließend in Alis Kaffeestube seinen Tee getrunken, den ihm Ali jedes Mal gab, weil er zwischendurch die Treppe, die immer voller Sand war, fegte, als plötzlich diese fremde, anders aussehende Frau mit dem kleinen blonden Jungen an der Hand, die Kaffeestube betrat. Halim sah, wie sich alle Männer zu der Frau umdrehten. In einem harschen Ton fragte Ali die Frau
„Was willst du hier“ und noch barscher fügte er hinzu
„hier haben Frauen nichts verloren. Mach schnell das du raus- kommst!“.
„Komm“ sagte die Frau zu ihrem Jungen. Und Ohne ein Wort zu verlieren verließen sie die Kaffeestube.
Halim, der das alles beobachtet hatte, stand auf und lief den beiden hinterher. Zu sehr faszinierte in die Frau mit dem kleinen Jungen, als das er hätte sitzen bleiben können.
„Wo wollt ihr hin?“ - fragte er die Frau als er sie erreicht hatte.
Der kleine, blonde Junge schaute Halim mit seinen klaren, blauen Augen an.
Lächelte er - fragte sich Halim, als plötzlich die Frau ihm in gebrochenem arabisch antwortete.
„Wir sind auf der Flucht vor den Nazis aus Deutschland, das ist weit weg“.
„Fadi“ – sie blickte auf den kleinen blonden Jungen mit den hellblauen Augen an ihrer Hand – „und ich - wollen weiter nach Palästina. Jetzt brauchen wir aber erst einmal eine Bleibe.
Verstehst du?“
Halim verstand – Plötzlich nahm er die Hand der Frau
„Komm mit“ – sagte er.
Verstohlen schaute er immer wieder auf die Hand und in die weißen Gesichter der beiden. Helle Haare und blasse Gesichter hatte er noch nie gesehen. Auch ihre Hand fühlte sich so zart und weich an und die blauen, strahlenden Augen des Jungen faszinierten ihn, hatten doch hier alle nur dunkle Augen. Wortlos gingen sie die Straße hinunter, bis zu der kleinen Schneiderei in der seine Mutter arbeitete. Halim legte seinen Zeigefinger quer über seine Lippen und gab den beiden zu verstehen, dass sie hier auf ihn warten sollen. Dann verschwand er in der Schneiderei. Als seine Mutter ihn bemerkte, deutete er auch ihr an, dass sie leise sein solle. Sie schaute ihn mit großen Augen an. Flüsternd fragte sie Halim- „was ist los mein Sohn?“
„Ist der Meister da?“ Sie schüttelte den Kopf.
Sichtlich erleichtert blickte Halim seine Mutter an.
„Da draußen steht eine Frau mit einem Jungen und braucht ein Bett.“
Kadisha schaute ihren Sohn mit gerunzelter Stirn an.
„Was?“- fragte sie, hatte sie doch keinen blassen Schimmer was Halim mal wieder ausgeheckt hatte. Als dieser sie daraufhin an die Hand nahm und nach Draußen zog. Da standen sie. Eine blonde Frau, mit ihrem blonden kleinen Jungen. Sie schienen zu frösteln und sahen auch ein wenig ängstlich aus. Kadisha wusste nicht so recht wie sie sich verhalten sollte, als die blonde Frau plötzlich die Hand ausstreckte und mit einem Lächeln sagte:
„Ich bin Maria und das ist mein Sohn Fadi. Wir beide kommen aus Deutschland und sind auf der Flucht vor den Nazis. Meinen Mann haben sie noch in Berlin verhaftet und weggeschleppt. Wir konnten gerade noch so mit einem Geschäftsmann, der uns als Frau und Sohn ausgab, aus Berlin fliehen. Joshua, mein Mann“- ergänzte sie - „ist Jude, hat aber mit den Libanesen für eine palästinensische Firma Geschäfte gemacht. Deshalb sprechen wir auch ein wenig Arabisch. Jetzt sind wir auf dem Weg nach Palästina, weil dort sein Onkel wohnt und wir dort in Sicherheit sind“.
Ohne sich umzuschauen, nahm Kadisha Marias Koffer.
„Kommt“ - sagte sie „Ihr könnt erst einmal bei uns wohnen.“ Und an Halim gewandt. „Du wartest hier, bis der Meister wieder da ist, dann sagst du ihm mir wäre nicht gut und ich wäre nach Hause gegangen. Sobald es mir wieder besser gehen würde, käme ich wieder“.
„Hab verstanden- Mama“ - antwortete Halim.
Auf einem Umweg und durch die Fluchtgasse - so nannten sie die kleine Gasse hinter ihrem Haus, betraten sie ohne gesehen zu werden das Haus durch den Hintereingang.
„Entschuldigt“ sagte Kadisha zu Maria, „ich habe noch nicht aufgeräumt und kalt ist es auch noch“.
„Das macht doch nichts“ - antwortete Maria. „Bei mir sieht es normalerweise auch nicht anders aus“.
Beide Frauen lächelten sich an und in ihren Augen war eine wohltuende Sympathie zu sehen. Während Kadisha das Feuer im Ofen anzündete und einen Tee kochte, erzählte ihr Maria ihre Geschichte.
„Erst haben sie Joshuas Eltern, dann seinen Freund und zuletzt auch noch ihn abgeholt und verschleppt. Wir, damit meine ich Fadi und mich, sind dann Hals über Kopf geflohen. Wie es jetzt weiter gehen soll weiß ich auch nicht“.
„Mach dir keine Sorgen“ - sagte Kadisha und goss den Tee in die kleinen Gläser. „Ihr könnt – wenn ihr wollt, erst einmal ein paar Tage hier bei uns bleiben. Schließlich haben wir Platz genug“.
Aus den paar Tagen wurden Jahre. Halim und Fadi freundeten sich schnell an. Und Halim führte Fadi bei seinen Freunden und wichtigen „Geschäftspartnern“- so nannte er die Inhaber der Geschäfte, wo er ab und zu half und wo er sich einiges abgucken konnte, ein. Nur um Alis Kaffeestube machte Halim ab jetzt immer einen weiten Bogen, wollte er doch Machmud und seinen lästigen Fragen auf keinen Fall begegnen. Schnell waren Halim und Fadi in der ganzen Gegend als „shukulata-aljuza“ - die Schokoladen-Zwillinge bekannt. Um sie aber noch genauer zu unterscheiden - als hätte man es nicht sehen können, bekamen beide noch einen Zusatznahmen. Halim nannten sie „Alju-mus“ für der „schwarze Zwilling“, und Fadi „Alju-muz“ für der „weiße Zwilling“. Anfangs nervte es sie sehr, doch von Tag zu Tag wuchs ihr Stolz, waren sie doch mittlerweile unzertrennlich und ergänzten sich in allem was sie taten. Sie entwickelten sich nach und nach zu einem perfekten Team. Und was sie nicht mit ihrer Cleverness erreichten, dass erreichten sie mit ihren großen, Kulleraugen.
Die erste große Liebe
Maria und Fadi wohnten nun schon etwas über 10 Jahre bei Kadisha und Halim im Haus. Maria hatte genauso wie auch die beiden Jungen, Arbeit in der nahegelegenen Markthalle gefunden. Es gab zwar nicht viel zu verdienen, aber es war eine schöne Ergänzung zu Marias Gespartem, was sie noch aus Deutschland hatte retten können. Kadisha arbeitete nach wie vor in der kleinen Schneiderei.
Eigentlich war alles in Ordnung. Komischerweise hatte sie auch Machmud in Ruhe gelassen. Bis zu dem Tag, als Halims Hormone begannen verrückt zu spielten.
Sie waren nun beide siebzehn und Halim war ebenso wie auch Fadi mitten in der Pubertät. Hatten sie bis dato nur Jungs interessiert, so schauten sie jetzt doch öfter den Mädels hinterher, die für ihre Familien bzw. ihre Herrschaften einkauften. So auch an einem Tag im Juli, als Halim glaubte im Boden versinken zu müssen. Er war gerade damit beschäftigt, aus einem großen Sack, Kichererbsen in kleinere Säcke umzufüllen, als er diese durchdringend süße Stimme vernahm, die ihn von hinten mit den Worten- „Ich hätte auch gerne eine Tüte voll Erbsen – „Alju-Mus“, direkt ansprach. Erschrocken drehte er sich um und schaute in zwei wunderschöne Mandel-augen. Wie versteinert stand er da, leicht nach Fassung ringend stotterte er- „wo, woher weißt du meinen Namen“.
Sie lächelte ihn mit ihren kleinen Grübchen an.
„Wer kennt den nicht?“- fragte sie zurück.
Halim lief rot an. Sein Herz pochte so stark, dass er glaubte sie könnte es hören. Unentwegt schaute er sie an.
„Willst du mir keine Erbsen abfüllen“- fragte sie ihn und lächelte erneut. Wie in Trance füllte ihr Halim die Erbsen in den mitgebrachten kleinen Eimer.
„Gib schon her - kleiner süßer Alju-Mus“. Dann drückte sie ihm ein Geldstück in die Hand und verschwand.
Fadi der das alles nicht mitbekommen hatte, sah Halim da- stehen als wäre er aus Stein.
„Was ist denn mit dir los? Bist du dem Teufel begegnet oder warum steht dein Mund so weit offen?“
Erst jetzt registrierte Halim, dass sein Mund weit geöffnet war. Schnell schloss er ihn
„Nicht der Teufel- sondern ein Engel in Person ist mir erschienen“.
Seit diesem Tag war Halim wie aufgedreht. Täglich suchten seine Augen die Markthalle ab, doch nirgendwo konnte er sie entdecken. Bis zu dem Tag als sie plötzlich vor ihm stand und ihn mit dem bezauberndsten Lächeln was er jemals gesehen hatte, anschaute und ohne Umschweife fragte- „hast du heute Nachmittag Zeit, kommst du mit an den Strand oder kannst du nicht schwimmen“.
„Äh“- es dauerte eine kleine Weile, bis er ihr antworten konnte. „Klar komme ich! Und dann will ich mal sehen ob du schwimmen kannst“. Beide lachten.
„Hast du sie gesehen“- fragte er Fadi atemlos, der vom Nach-barstand aus mitbekommen hatte, wie sie Halim ansprach und auch ihm war dieses Süße lächeln aufgefallen.
„Klar habe ich sie gesehen“
„Und“ – bohrte Halim – „was sagst du“-
„Ein bisschen wenig dran. Dachte du stehst auf kleine Dicke“ – fügte Fadi hinzu. Halim griff in den Sack mit den Kichererbsen und warf Fadi eine Handvoll ins Gesicht. Beide lachten laut.
Halim wusste nicht wie er den Arbeitstag herumgebracht hatte. Eigentlich wusste er gar nichts mehr. Zu sehr war er mit dem Gedanken an das hübsche Mädchen mit den großen Augen und dem süßen Lächeln beschäftigt, als dass er noch an irgendetwas anderes denken konnte.
Auch Halima ging es nicht anders. Nur war sie viel zielstrebiger als Halim. Seit sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte, war ihr Herz in Aufruhr. Auch wenn sie es gegenüber ihrer Schwester Elena nicht zugeben wollte, so war sie doch sehr aufgeregt.
„Er hat soooo süße Augen und ein sooo schönes Stottern. Ich glaube er liebt mich“.
„Du spinnst“ sagte Elena- „woher willst du das jetzt schon wissen, du kennst ihn doch gar nicht“.
„Noch nicht“ lachte Halima- „aber heute Nachmittag!“.
„Ich komme mit“ rief Elena- „einer muss ja auf dich aufpassen“.
Das aus dem Aufpassen nichts wurde, lag daran, dass auch Halim nicht alleine zum Strand kam. Halim hatte richtig Bammel allein zum Strand zu gehen. Zu groß war das Risiko, dieses hübsche Mädchen zu verlieren, obwohl er sie ja noch gar nicht besaß. Deshalb hatte er Fadi gefragt ob er mitkommen würde. Was soll ich denn da, auf euch aufpassen und wenn ihr euch küssen wollt, auch noch die Hand dazwischen halten, damit sie nicht schwanger wird. Lachte er.
„Ach komm doch mit. Schließlich sollst du mir sagen was du von ihr hältst“ – bohrte Halim.
„OK- dann lass uns mal losgehen! Sonst machst du dir noch in die Hose vor Nervosität“. - lachte Fadi.
Es war wenig los am Strand. Halima suchte gezielt einen Platz in der hintersten, fast menschenleeren Stelle und breitete ihr Handtuch aus.
„Was willst du denn hier“- fragte Elena- „hier wird er uns nie finden“
„Mach dir mal keine Sorgen. Der findet uns schon“.
Halim und Fadi bogen nach rechts von der Straße ab, zogen ihre Schuhe aus und betraten den Strand. Mach langsam sagte Fadi zu Halim der am liebsten losgerannt wäre. Sonst denkt sie noch du bist hinter ihr her. Das Halim nervös war, konnte Fadi daran erkennen, dass er im Gegensatz zu sonst, ununterbrochen am Reden war.
„Schau mal „- und er deutete mit einem Nicken in Richtung einer jungen Frau – „ist es die,- schau mal da- da liegt sie- Wie sehe ich aus…. bla bla bla.“
Fadi verdrehte die Augen- „man beruhige dich endlich“- sagte er etwas genervt in Richtung Halim.
Sie waren den ganzen Strand abgelaufen, doch nirgendwo lag Halims Traumfrau.
„Komm wir setzen uns da hinten in die Ecke zu den zweien die da liegen. Von dort haben wir einen guten Überblick, falls sie doch noch kommt“.
Halima hatte sich auf den Bauch gedreht und Elena beauftrag Ausschau nach ihrem „Traummann“ zu halten und sie frühge-nug zu warnen, falls er auftauchen sollte. Sie lagen schon fast 20 Minuten in ihren knappen Badeanzügen und ließen sich die Sonne auf die Haut scheinen.
„Wo bleibt der nur“ - fragte Elena.
Ihre Augen waren auf den gutaussehenden blonden Burschen gerichtet, der keine 20m entfernt mit seinem Freund auf dem Handtuch saß und geduldig zuzuhören schien, was sein schein-bar aufgeregter Freund ihm alles erzählte.
Der Wind trieb Gesprächsfetzen herüber … meinst du wirklich sie…. Ach kommt schon…. Ich bin so aufgeregt.
Wie toll sein weißes Haar in der Sonne glänzt. Und was er für eine tolle Figur er hat - dachte Elena und schaute unverhohlen und ohne es zu merken auf Fadi. Der hatte Elena ebenfalls bemerkt und fing seinerseits nun damit an, die Blicke von Elena zu erwidern.
„Und siehst du ihn?“- hörte sie Halima von weither fragen.
„Was- wen“- stotterte Elena ohne einen Blick von Fadi zu lassen.
„Man schläfst du?“ - fragte Halima und richtete sich auf.
Elenas Blick war abgewandt. Langsam folgte Halima diesem und landete automatisch bei Fadi und dem anderen Jungen auf der Decke. Mit einem Mal schien ihr Herz stehen zu bleiben. War der andere Junge, der mit den dunklen Haaren doch ihr „Alju-Mus“.
„Komm“ - da gehen wir jetzt hin, flüsterte sie Elena zu.
Unverzüglich stand sie auf, nahm ihr Badetuch und marschierte schnurstracks auf die beiden jungen Männer zu. Fadi sah wie die hübsche Halima mit schnellen Schritten auf sie zu kam. Noch bevor er Halim warnen konnte, schüttelte Halima wild ihr Handtuch vor beiden aus. Der Sand flog Fadi und auch Halim über Kopf und Körper. Halim drehte sich blitzartig um und wollte gerade einen lauten Fluch aussprechen, als ihm das Wort sprichwörtlich im Halse stecken blieb.
„Du“- stammelte er.
„Ja ich“ - antwortete Halima schnippisch und warf ihre langen schwarzen Locken mit einer bestimmenden Kopfbewegung gekonnt in den Nacken. Sie nickte in Fadis Richtung-
„Und wer ist das?“
„Das würde ich auch gerne wissen“ – schloss sich Elena, die mittlerweile neben Halima stand- dieser Frage an.
Halim bekam kein Wort heraus. Seine Augen klebten förmlich an Halima. Wie schön sie ist und wie sexy sie aussieht in ihrem knappen Badeanzug. Und diese Augen.
Fadi lächelte sie an, schaute zu Elena und antwortete, völlig unaufgeregt. „Ich bin Fadi – und das „- er deutete auf Halim, - „ist Halim mein etwas nervöser, aber bester Freund“.
Elenas Augen leuchteten. Nicht nur das Fadi gut aussah mit seinen blauen Augen, hatte sie doch noch nie solche leuchtenden Augen gesehen, die wie Diamanten funkelten, es war vielmehr seine Stimme, die sie sanft und liebevoll zu elektrisieren schien.
„OK – Das ist meine Schwester- äh – Zwillingsschwester Elena und ich bin Halima“.
Fadi lachte laut auf.
„Was lachst du“- fuhr ihn Elena an- „sind wir so lächerlich oder was ist los““.
Fadi prustete – und zeigte mit ausgestreckter Hand abwechselnd auf Halim und dann auf Halima.
„Halim und Halima – ist das nicht süß?“.
Augenblicklich liefen beide knallrot an. Fast schnippisch antwortete Halima
„Fadi und Elena – ist das nicht süß?“.
„Ja das ist süß“ - antwortete Elena und schaute Fadi mit strahlenden Augen an. Wie hübsch sie ist und wie sexy sie in ihrem knappen Badeanzug aussieht- dachte Fadi.
„Nun setzt euch schon“- sagte Fadi und bedeutete Elena sich neben ihn zu setzen. Halima setzte sich zu Halim und es entbran-nte ein lebhaftes- wer bist du, wo kommst du her, wie alt bist du….
Als die ersten informellen Punkte abgehakt waren, begann das, was zwischen Teenagern üblich ist. Fadi flüsterte mit Elena und Halim mit Halima. Und je näher man sich kam, umso weiter rückten beide Paare auseinander.
Es war ein langer Nachmittag und langsam tauchte die Sonne ins Meer um der Nacht Platz zu machen.
Es traf beide wie ein Donnerschlag, als Halima sagte, wir müssen jetzt aber los, schließlich waren ihre Hände doch gerade im Begriff sich zu berühren.
„Sehen wir uns wieder“ - Fragte Halim Halima
„Nö“ – antwortete Elena für Halima, warf, ähnlich wie vorhin Halima auch, ihre braunen Locken in den Nacken und schaute demonstrativ mit erhobenem Kopf in die andere Richtung.
„nur in der Markthalle“- ergänzte Halima.
Beide, sowohl Fadi als auch Halim schauten verdutzt drein und machten ein richtig bedröppeltes Gesicht.
Sie trauten ihren Ohren nicht. Da standen zwei wahre Engel- wie aus einem Ei. Schlank und bildschön und gaben ihnen, den „Königen des Viertels“ einen Korb!
Elena und Halima schauten sich ernst an, als sie plötzlich, prust-end in ein lautes Lachen fielen.
„Natürlich sehen wir uns wieder- jeden Mittwoch hier an diesem Platz“ - sagte Halima.
Beide warfen den Jungs eine Kusshand zu und liefen albernd und lachend zurück in die Stadt.
Die Jungs saßen noch lange am Strand und tauschten ihre Erlebnisse, wie sie das immer getan hatten, aus.
„Bist du verliebt?“ - fragte Fadi
Halim nickte. Sein ganzer Körper schien zu kribbeln
„Ja“ - das bin ich.
„Ich auch- und wie“
Für vier junge Menschen war es die wohl längste Nacht ihres Lebens. Aufgewühlt und voller schöner Gedanken und erotisch prickelnder Gefühle lagen sie wach und malten sich die schönsten Dinge aus, die man zu zweit nur machen kann.
„Was ist los mit euch“ - fragte Maria Halim eines Tages beim Abendessen - und Fadi zugewandt - „Irgendwas stimmt mit euch nicht“.
Es konnte nichts Schlimmes sein, denn die Jungs hatten dieses verschmitzte Lächeln im Gesicht, was sie immer hatten, wenn sie etwas ausheckten.
„Siehst du das nicht- Maria?“- fragte Kadisha - und mit einem ebensolchen verschmitzten Grinsen fügte sie hinzu – „verliebt sind sie!“
Wie vom Blitz getroffen liefen beide knallrot an.
„Stimmt das“ – Maria schaute abwechselnd von einem zum anderen.
„Ja sind wir“ – gestanden beide etwas kleinlaut, während ihre Augen strahlten, wie die aufgehende Sonne es nicht hätte besser machen können.
„Oh Gott“ – Maria schaute Kadisha an. Und mit einem verschmitzten Lächeln fügte sie hinzu – „da steht uns ja noch einiges bevor!“.
„Wer sind denn die beiden“ - fragte Kadisha mit einem ernsten Blick auf die beiden Jungs.
Wie aus der Pistole geschossen antworteten beide gleichzeitig – „Halima und Elena“.
„Oh Gott“ - stöhnte nun auch Maria. Das scheint eine ernstere Sache zu sein.
„Glaub ich auch“ bestätigte Kadisha Marias Worte.
Fadi und Halim erzählten ihren Müttern nun ausführlich wann und wo sie die beiden Mädchen kennengelernt hatten und wer sie sind und wo sie herkommen. Als es darum ging wie weit sie schon miteinander währen, fingen beide an zu schwärmen und erzählten vom ersten Kuss und dass sie sich immer heimlich am Strand oder auch in der Markthalle hinter dem großen Berg mit den Kichererbsen trafen.
„OK“- sagte Kadisha mit einem leichten Grinsen.- „Das reicht- sonst dreht ihr noch am Rad“.
„Also – ich schlage vor, ihr stellt uns die beiden vor und dann könnt ihr euch immer hier treffen und braucht euch nicht zu verstecken. – Bist du damit einverstanden?“ – fragte sie Maria.
Maria nickte. – „Ja das ist besser so“.
Erinnerte sie sich doch noch zu genau, wie umständlich und gefährlich es war, als sie ihren Joshua kennen und lieben gelernt hatte und wie sie sich das erste Mal in diesem dunklen und feuchten Keller geliebt hatten.
Schon am nächsten Tag erzählten Halim und Fadi aufgeregt ihren Freundinnen von dem Angebot ihrer Mütter, sich, wann immer sie wollten, bei ihnen im Haus zu treffen.
„Aber nur, wenn nichts „schweinisches passiert“ – sagte Elena und schaute die beiden mit einem ernsten Blick an.
Beide senkten gelichzeitig, demütig und schüttelnd ihre Köpfe. „Nein – niemals – versprochen“.
Ja- ja, dass kennen wir. Erst einmal alles versprechen und dann, wenn die Mäuse, damit meinte sie Halima und sie, in der Falle sind, dann gibt es kein Entrinnen mehr.
Fadi – sog tief die Luft ein
„Also – so etwas“ – sagte er mit einem, für alle erschreckend bestimmenden Tonfall, dass den beiden Mädels die Unterkiefer nach unten klappen ließ, „Komm Halim! Mit Mädels die solch eine Erfahrung haben, wollen wir nichts zu tun haben“.
Für Sekunden herrschte bedröppeltes Schweigen.
Dann schienen die Zwillingsschwestern und auch Halim kapiert zu haben, dass Fadi eine exzellente Retourkutsche gestartet hatte.
Es folgte ein schallendes Gelächter und die Paare neckten, kniffen und umarmten sich. Und ihre Herzen schienen so laut zu schlagen, dass jeder von ihnen glaubte, der andere könne es hören.
Die Geburt
Das Haus in dem sie wohnten war groß. Eigentlich viel zu groß. Es hatte 8 Zimmer, eine Küche, ein Wohn- und Esszimmer sowie einen schönen großen Innenhof mit einem kleinen Olivenbaum in der Mitte. Ihr Großvater hatte das Haus kurz nach dem ersten Weltkrieg mit seinen Brüdern aufgebaut. Beirut war damals eine noch relativ kleine Stadt am Mittelmeer
Alle in der Familie lebten vom Fischfang. Bis 1930 die halbe Familie starb, als ihr kleines Fischerboot im Sturm unterging. Nur die hochschwangere Kadisha und ihre Mutter, die sich zu diesem Zeitpunkt zu Hause aufhielten, blieben von dem Unglück verschont. Kadisha’s Mutter litt an starkem Asthma und war kaum mehr in der Lage das Haus zu verlassen. Kadisha fand einen Job bei einem Schneider am Ende der Straße und übernahm die Rolle des Vaters und ihres Ehemanns. Drei Monate nach der Geburt von Halim starb ihre Mutter. Seitdem lebte sie allein mit ihrem kleinen Halim in diesem Haus, bis Maria und Fadi auftauchten.
„Oh – ist das groß“ – bemerkte Halima erstaunt, als sie und Elena das erste Mal Halims Haus betraten. Fadi hatte sie, damit die Nachbarn nichts mitbekamen, durch die kleine Gasse, die früher dazu diente, die ausgenommenen Fische schneller zum Markt transportieren zu können zum Haus gebracht. Seitdem niemand mehr zur See fuhr, benutzten Fadi und Halim die Gasse nur noch, wenn sie sich unbemerkt aus- und ins Haus schleichen wollten. Halim zeigte den Frauen sein und Fadis Zimmer, sowie den Innenhof, während Fadi für alle einen Tee kochte.
„Und deine - ich meine - eure Mütter haben nichts dagegen, wenn wir euch hier treffen“- fragte Elena.
„Nein“- und beide schüttelten gleichzeitig die Köpfe.
„Und wir dürfen wirklich mit auf eure Zimmer“- fragte Halima.
„Ja – aber nur wenn ihr“– und er holte tief Luft.
Elena war wie immer ungeduldig „Wenn wir was“- fragte sie fordernd.
„Nur, wenn ihr auch richtig unanständig seid“.
„Du Schuft“ - rief Halima und warf Halim ein Kissen an den Kopf.
„Komm“ - sagte Elena und nahm Fadis Hand. „Ich will mal sehen ob ich das kann“. Sie grinste frech und ihre Augen fingen an zu strahlen.
„Was“ frug Fadi.
„Unanständig sein“ lachte Elena, nahm Fadis Hand und zog ihn in Richtung seines Zimmers.
Halim und Halima saßen wie versteinert auf ihren Stühlen. Nach ein paar Sekunden nickten sie aber fast gleichzeitig mit ihren Köpfen in Richtung Halims Zimmer und verschwanden durch die Tür in Halims Zimmer.
Es war merkwürdig still, als Kadisha das Haus betrat. Wo waren die alle? Sonst saßen sie doch schon alle am Tisch und warteten sehnsüchtig aufs Essen.
„Verdammt ruhig“ - hörte sie Maria aus dem tiefen Sessel im Wohnzimmer sagen.
„Man hast du mich erschreckt“
„Psst“ – Maria hielt ihren Zeigefinger vor ihre Lippen und deutete mit dem Daumen ihrer anderen Hand in Richtung Decke.
„Was ist los?“ - flüsterte nun auch Kadisha-
„Ich glaube unsere Jungs haben Besuch“.
Kadisha schossen die Tränen in die Augen, erinnerte sie sich doch an ihre erste große Liebe.
Maria schaute Kadisha an
„Komm“ – sie breitete ihre Arme aus und zog Kadisha an ihre Schulter.
„Musst nicht weinen. Bald kochen andere für sie und auch für uns“. –fügte sie mit einem Lächeln hinzu.
Obwohl Halim und Halima sich schon geküsst und auch des Öftern zärtlich berührt hatten, so nahe wie jetzt wahren sie sich noch nicht gekommen. Mit der Tür, die hinter ihnen ins Schloss gefallen war, war auch ihre Schüchternheit schlag-artig verflogen. Halima küsste Halim und zog ihn aufs Bett.
„Komm ich zeige dir jetzt wie ungezogen ich sein kann“, hauchte sie ihm lustvoll ins Ohr und biss gleichzeitig hinein.
„Aua – das nennst du Liebe“.
Halima schaute ihn mit funkelnden Augen an und ihre Lippen waren leicht geöffnet. Langsam öffnete sie ihre Bluse, nahm Halims Hand und führte sie an ihre Brüste. Halim sah auf Halimas kleinen, sexy Brüste und die zarten Knospen, die durch das späte Nachmittagslicht leichte Schatten warfen und ihre Brüste wie die Hügel einer Düne wirken ließen.
Halima spürte Halims Erregung. Und obwohl es sehr warm war und ihre Körper glühten, zog Halima die Decke über ihre Köpfe und mit feuchten Lippen flüsterte sie in sein Ohr – „Lieb mich“.
Elena saß aufrecht auf Fadis Bett – Ihre Ohren waren in Richtung der Wand, zu dem Zimmer in dem ihre Schwester und Halim verschwunden waren, gerichtet.
„Psst“ – flüsterte sie. Fadi sah Elena an. Wie schön sie war. Ihre Locken umspielten ihre Schultern und der Rock gab ihre schlanken, schier endlos wirkenden Beine frei.
„Komm“ - sagte er. „Irgendwann werden wir erfahren was da jetzt passiert. Und wie schlecht wäre es, wenn wir dann sagen müssten, dass hier nichts passiert ist.“
Elena schaute Fadi an. „Du Schuft!“. Sie nahm das Kissen und schlug damit Richtung Fadi. Der packte sie und zog sie zu sich herunter.
Beide küssten sich leidenschaftlich und während Fadi Elenas Bluse aufknöpfte, zog Elena die Decke über ihre Köpfe und beide Versanken in einem Sturm der Leidenschaft.
„Was meinst du“ - fragte Kadisha Maria. „Soll ich mal hochgehen und klopfen?“
„Untersteh dich. Da dürfen wir jetzt auf keinen Fall stören“.
„Und wenn die Kinder machen“- gab Kadisha zu bedenken
„Dann werden es süße Kinder der Liebe und nicht einer Zwangshochzeit“ - antwortete Maria.
Es dämmerte schon, als Halim und Halima Hand in Hand die Küche betraten.
Halimas Blick war klar. Ihre Augen schienen vor Glück zu strahlen. Sie war weder nervös, den beiden älteren Frauen gegenüber zu stehen, noch hatte sie ein schlechtes Gewissen, weil sie soeben mit Halim geschlafen hatte. Anders Halim. Sein Blick war gesenkt und irgendwie schien ihn sein schlechtes Gewissen zu plagen.
Ohne ein Wort zu sagen, stand Kadisha auf und nahm Halima in ihre Arme. Ein warmes, mütterliches Gefühl durchströmte ihren Körper. Augenblicklich wusste sie, dass Halima die „Richtige“ für ihren Halim ist.
Schweigend saßen sie sich so gegenüber und fixierten sich. Auch Maria spürte eine starke Zuneigung zu Halima. Ein tolles Mädchen und wie hübsch sie ist- dachte Maria. Eine gewisse Zufriedenheit erfüllte sie. Sicherlich ist ihre Schwester genauso hübsch wie Halima. Ihre Gedanken wurden unterbrochen, als plötzlich eine Tür knarrte und ein lautes Kichern zu hören war. Fadis Haare waren völlig verschwitzt und seine Lippen zerbissen. Auch Elenas Haare waren nass und Strähnen hingen ihr über die strahlenden Augen. Als wenn niemand anderes in der Küche wäre, kabelten und neckten sich beide und hatten nur Augen für sich.
„Hmm-hmm -hmm“- hüstelte Halim künstlich.
„Ups“ - entfuhr es Elena. Sie schaute langsam in die Runde und dann zu Fadi.
„Deine Mama?“
„Ja die da mit dem blonden Haar“- und er wies auf Maria.
Elena ging auf Maria zu, streckt ihr ihr die Hand entgegen „Elena – die neue Freundin ihres Sohnes“.
„Wie neue Freundin?“- fuhr Fadi dazwischen
„Sie ist die erste“ und an Maria gerichtet
„Mama- das kannst du mir glauben“.
„Und hoffentlich auch die letzte“ - ergänzte Maria.
Alle mussten laut lachen.
Halima und Elena stellten sich den beiden Müttern vor und erzählten, dass sie bei ihren Großeltern wohnen und sie ihren Vater nicht kennen würden. Oma und Opa haben nie von ihm erzählt. Ihre Mutter sei im Wochenbett kurz nach ihrer Geburt gestorben und seitdem lebten sie bei Oma und Opa. Sie versorgten sich gegenseitig und beide würden bei einer Arztfamilie im Haushalt arbeiten.
Schon ein paar Wochen später machten sich Kadisha und Maria auf, um mit Elenas und Halimas Opa und Oma zu sprechen und sie zu bitten, einer Hochzeit mit ihren Jungs zuzustimmen.
Die beiden alten Herrschaften waren fantastisch. Nicht nur, dass sie ihren „Mädchen“ wie sie sie nannten, keine Steine in den Weg legen wollten, Sie waren glücklich, dass es ihnen nicht so ging wie ihrer Tochter, die von einem Verwandten vergewaltigt und geschwängert wurde und dann vor lauter Scham nicht mehr weiterleben wollte.
Es war eine schöne, aber auch bescheidene Hochzeit der vier.
Die beiden Zwillingsschwestern sahen in ihren langen, weißen Kleidern mit den hübschen Schleiern, wie Elfen aus dem Märchenland aus. Aber auch die Jungs hatten sich in Schale geschmissen und trugen die, von Kadisha maßgeschneiderten Anzüge, samt einer übergroßen Fliege, stolz zur Schau.
„Sehen sie nicht zauberhaft aus?“ – fragte Kadisha Maria und tupfte sich gleichzeitig ein paar Tränchen aus den Augen.
„Ihr dürft euch jetzt küssen“ – rief Maria den vieren zu, als sie sich das Ja-Wort gegeben hatten.
Es wurde ein langer Abend – und eine noch längere Nacht. (wenigstens für die vier)
Neun Monate später, (1953) brachte Halima die Zwillinge „Jasin und Fatima“ und ein Jahr später „Junis“ als drittes Kind und noch im gleichen Jahr, auch Elena ihre Tochter „Leila“, zur Welt.
Das erste Geschäft
„Was suchst du eigentlich?“ - fragte Halima ihren irgendwie nervös wirkenden Ehemann Halim.
„Nichts-Schatz“.
„Nichts gibt’s nicht. Ich sehe doch das du nach irgendetwas suchst. Ist es vielleicht das hier?“
Sie hielt ihm ein Bündel Geldscheine, die sie sich als Ersparnis aus den kürzlich erhaltenen Hochzeitsgeschenken zur Seite gelegt hatten, vor die Nase.
Er schaute abwechselnd auf das Geld in ihrer Hand und in ihr Gesicht. Es stand nichts Gutes darin. Es war der gleiche durchdringende Blick den sie immer aufsetzte, wenn sie mit etwas nicht zufrieden war. Er mochte diesen Blick nicht. Es war ihm immer wieder unangenehm und er fühlte sich jedes Mal ertappt und in die Enge getrieben.
Obwohl sie erst kurz verheiratet waren, kannte Halima ihren Mann sehr gut. Sie spürte genau, wenn etwas im Argen lag. Auch wenn es ihr hinterher immer Leid tat ihn so in die Enge zu treiben bis er mit der Wahrheit herausrückte, so liebte sie diese kleinen Momente der Macht, die sie mit diesem, ihrem zwingenden Blick erhielt.
Sie wedelte provokant mit dem Geldbündel vor seiner Nase hin und her und warf ihren Kopf in den Nacken.
„Also – was ist los?“
„Warum brauchst du das Geld? - und was hast du damit vor?“ -fragte sie barsch. Geschickt verstärkte sie ihren „bösen“ Blick um ihn noch mehr in die Defensive zu drängen.
„Los raus damit!“
Halim kannte die Situation zu genau und sah keine Möglichkeit sich irgendwie aus dieser Situation zu befreien. Ein leichtes Stöhnen drang über seine Lippen und mit einem tiefen Seufzer begann er ihr sein Vorhaben zu schildern.
„Also - du weißt die Zeiten sind schlecht letzte Woche haben Fadi und ich unsere Arbeit in der Markthalle verloren, weil diese geschlossen und eine neue in Majidiye gebaut werden soll. Die suchen zwar Bauarbeiter, aber das sind wir ja nicht. Und deshalb haben wir uns überlegt einen kleinen Krämerladen aufzu-machen.“
Mit geöffnetem Mund, einem verängstigten Blick und in Erwart-ung einer wahren Explosion, wartete er auf ihre Antwort.
„Was wollt ihr? - einen Krämerladen aufmachen- wie soll das denn bitteschön gehen?“ Sie war sichtlich erregt.
Halim suchte nach Erklärungen, die sie überzeugen sollten in das Vorhaben einzustimmen.
„Äh- wir haben gedacht, - äh- dass die Bauarbeiter und deren Familien ja etwas zum Leben brauchen und -äh- wenn wir auch noch Brot backen dann könnte das ein gutes Geschäft werden“.
Er holte tief Luft und setzte zum nächsten -ÄH- an, als sie ihn schroff unterbrach.
„Was…“ Oh Gott dachte er. Jetzt ist alles aus. Am liebsten würde er jetzt weglaufen. „… für eine geniale Idee!“
Für einen Moment war es totenstill. Hatte er richtig gehört?
Hatte sie „genial“ gesagt? Er hielt die Luft an. Sein Blick war gesenkt und er wartete darauf, dass sie ihn jetzt mit Vorwürfen überhäufen würde. Sie beugte sich über ihn und nahm seinen Kopf in beide Hände. Für einen kurzen Augenblick dachte Halim, dass sie ihm nun auch noch den Kopf abreißen wolle.
„Liebling! - das ist die beste Idee die du je hattest. Sie ist einfach genial“.
Sie küsste ihn auf Stirn, die Wangen, drückte ihn endlos.
Nachdem der Sturm ihrer Begeisterung ein wenig abgeebbt war, schaute er sie mit großen Augen an und fragte vorsichtig.
„Meinst du wirklich, dass das eine gute Idee ist?“
„Ja mein Schatz! Du brauchst keine Angst haben“.
Und mit einem verschmitzten Grinsen fügte sie noch hinzu
„Ich bin doch kein Teufel“.
Sie nahm seine Hand. Komm lass uns schnell zu Fadi laufen und ihm sagen das wir dabei sind. Noch am gleichen Abend beschlossen sie zusammen mit Fadi und seiner Frau Elena schon nächste Woche mit dem Projekt zu starten. Sie und Halim geben ihr Hochzeitsgeld als Startkapital und die gleiche Summe, die Fadi und seine Frau als Erspartes hatten, sollte falls das Projekt nicht läuft, für beide Familien als Sicherheit da sein.
Es war ein guter Plan!
HA-FA Makhbiz, so sollte sie heißen, die neue Firma.
„Ha“ für Halim und „Fa“ für Fadi und „Makhbiz“ für Bäckerei.
„Und wo eröffnen wir unseren Laden?“ - fragte Elena.
„Hier- hier bei uns im Haus“ - antwortete Halima und ergänzend fügte sie hinzu:
„Wir bauen einfach unten um. Schließlich brauchen wir den großen, Fisch-Schlitz-Raum nicht mehr“.
Fisch-Schlitz-Raum war ihre Art, den Raum zu bezeichnen, in dem ihre Eltern und auch Großeltern, als sie noch Fischer waren, ihre Fische ausnahmen.
„Das ist nicht teuer und wir brauchen auch keine Miete und auch kein Bakschisch an Machmud und seine syrische Groß-familie abführen“.
Alle waren einverstanden. Nach und nach wurde der Laden hergerichtet, Waren eingekauft und auch ein kleiner Backofen für das Brotbacken angeschafft. Ein großes Rolltor um den Eingang zu verschließen. war das teuerste, was sie anschaffen mussten. Am Ende hatten sogar noch ein wenig Geld übrig.
Während die Frauen sich um die Organisation und den Verkauf kümmerten, gingen die Männer auf die Märkte um Waren zu kaufen, standen in der Backstube und belieferten Bauarbeiter im ganzen Viertel. Die Geschäfte liefen gut. Zumal im Laufe der folgenden Jahre immer mehr Ausländer nach Beirut zogen um sich dort geschäftlich niederzulassen.
-:-
Beirut entwickelte sich schnell zu einer pulsierenden Großstadt. Anfang der 1970er war Beirut zum Dreh- und Angelpunkt für Geschäfte aller Art geworden und erhielt den Beinamen „Paris des Nahen Osten“. Mit dem Geschäftsleben, hielt auch das gesellige Leben immer mehr Einzug in Beirut. Fast täglich öffneten Bars, Diskotheken, Restaurants, Kinos und auch Theater und Museen ihre Tore und boten Jedermann etwas zum Leben.
Christen verkehrten und handelten mit Sunniten, Schiiten, Muslimen und allen Andersgläubigen und auch das Zusammen-leben zwischen Araber, Europäern und Amerikanern war friedlich und unproblematisch. Nur die konservativen unter ihnen sahen ein nahendes „Sodom und Gomorra“.
Das sie recht behalten sollten ahnte zu diesem Zeitpunkt niemand. Im Laufe der Zeit war aus Halim und Fadis Krämer-laden ein florierender großer Laden geworden.
Wohlbehütet wuchsen die drei Kinder in dieser „Großfamilie“ aus Bäckern, Krämern und Verkäufern auf.
Fatima und Leila waren schon immer die kleinen Lieblinge in der Familie und auch der ganzen Straße. Nicht nur dass sie putzig aussahen mit ihren langen Zöpfen, sie hatten auch diese hübschen Mandelaugen, von ihren Müttern geerbt, mit denen sie ganz bewusst jeden quasi um den Finger wickeln konnten.
Sie waren die kleinen „Prinzessinnen“ und das wussten sie genau.
Jasin und Junis hingegen wurden schon früh in das Geschäft eingebunden und mussten fast jeden Tag, neben der Schule, auch fleißig im Betrieb der Eltern mithelfen.
Während Jasin, sich mit der Arbeit im elterlichen Betrieb sehr wohl fühlte, zog es Junis immer mehr nach draußen in die Stadt.
War er doch lieber mit den Broten unterwegs als in der Backstube zu stehen. Seine Lieblingskunden waren jedoch die „Deutschen“ die sich mit ihren Stahlerzeugnissen für das Baugewerbe in Beirut niedergelassen hatten.
Der Kontakt
Junis war mittlerweile neunzehn Jahre alt, als er an diesem heißen Tag im August 1970, wie fast jeden Tag zuvor, das frisch gebackenes Brot zum Hotel „Sacheli“ brachte, wo viele Deutsche wohnten.
Völlig in Gedanken, an die vielen, gut gekleideten Gäste, die er in der Hotellobby beobachtet hatte, verloren, lief er mit seinem leeren Korb die Treppe vom Hotel zu seinem Fahrrad hinunter und rempelte einen Mann an, der dort stand und sich scheinbar angeregt mit seiner Frau unterhielt.
„Blödmann - kannst du nicht aufpassen“ – schnauzte ihn der gut gekleidete Mann an. Es waren nicht die ersten Worte die er auf Deutsch hörte. Auch wenn er mit „Blödmann“ nichts anfangen konnte, so merkte er doch, dass dies wohl nichts Gutes war. Die gut gekleidete, blonde Frau hingegen sagte nichts. Sie taxierte Junis, der wie angewurzelt dort stand, ganz langsam von oben bis unten. Er wollte sich entschuldigen, aber außer einem sorr… kam ihm nichts über die Lippen. Seine Augen klebten an dieser sehr gut gekleideten, eleganten und wunderschönen Frau. Die blonde Frau sprach kurz und scheinbar eindringlich mit dem (ihrem?) Mann. Der nickte abfällig und klopfte seinen Anzug ab. Jetzt drehte sich die Frau wieder zu Junis um, der immer noch wie aus Stein gemeißelt dastand und nicht in der Lage war sich zu bewegen.
„Kannst du mich verstehen“ - fragte sie auf Deutsch und nach-dem er keine Reaktion zeigte, fragte sie ihn erneut auf Englisch.
“Do you speak English?”
Wie in Trance antwortete er – “Yes”.
“Very good! Please come to this hotel tomorrow and ask for Miss Brigitte Wellmann from Germany”. Gleichzeitig schob sie ihm eine Visitenkarte in die Hand. „OK?“
Junis nickte! Brigitte drehte sich um und verschwand im Hotel. Er war wie aufgedreht. Hatte die halbe Nacht nicht schlafen können. Irgendetwas in ihm spielte verrückt. Sie, diese blonde, fremde Schönheit ging ihm nicht aus dem Kopf. Doch insgeheim sagte er sich; sicherlich ist sie mit diesem Lackaffen verheiratet und hat eh kein Auge für dich. Als er am nächsten Tag im Hotel nach Brigitte aus Germany fragte, wurde er gebeten, in der Lobby Platz zu nehmen. Noch nie hatte er eine solch feudale Umgebung aus einem Sessel heraus in Ruhe betrachten können. Wurde er doch sonst, wenn er seine Brote lieferte, immer am Empfang bedient. Er beobachtet Männer in Anzügen mit Ledertaschen, Frauen in tollen, farbigen Kleidern mit hohen Stöckelschuhen und reichlich Schmuck um den Hals. Was für eine feudale Gesellschaft. Insgeheim wünschte er sich nichts sehnlicher als dazu zu gehören.
“Hello, nice that you have followed my invitation” - hörte er die Stimme hinter sich. Erschrocken drehte er sich um. Sie war noch hübscher und aufregender als gestern. Sein Blick fiel auf ihre langen, schlanken Beine, die in hohen Stöckelschuhen steckten und erst am Rocksaum, der ihre Knie bedeckte, endeten. Der Gedanke, wo sie wirklich enden würden, ließ ihn fast ohnmächtig werden.
Brigitte, die seine abtastenden Blicke förmlich auf ihrem Körper spürte, was sie keineswegs als unangenehm empfand, streckte ihm mit einem leichten Lächeln um die Mundwinkel ihre Hand entgegen.
„Ich bin Brigitte Wellmann und die Sekretärin von GK-Cologne aus Köln.-Germany. GK steht für Groß-Küchen“ - ergänzte sie.
Ein wenig irritiert von diesem jungen Mann, der sie so unver-hohlen, ja fast ausziehend anschaute, kam sie jedoch ohne Umschweife direkt zur Sache.
„Wir sind eine deutsche Firma und vertreiben Großküchen und Küchengeräte weltweit. Jetzt starten wir auch mit einer Filiale in Beirut. Dazu brauchen wir einen Mann der sich auskennt und uns zu vielen Firmen, Hotels und Speiseein-richtungen als Dolmetscher und Fremdenführer begleitet“. - ist das was für sie?“ - fragte Brigitte Junis nachdem sie ihre Firma beschrieben hatte. „Wir zahlen 500 DM, das sind so ca. 300 $/pro Monat“. -überlegen sie es sich – wenn ja, dann geht’s ab Übermorgen los. Sie finden mich hier im Hotel“. Gab ihm die Hand - und wie sie gekommen war, so verschwand sie auch wieder.
Junis hatte zwar nur die Hälfte verstanden, aber sein Entschluss stand fest. Er würde sein Leben ändern. Er würde ab jetzt keine Brote mehr ausfahren.
Und da war noch etwas – „Brigitte“
Brigitte wusste- Junis würde für sie arbeiten. Aber nicht nur, dass sie ihn als Kontaktmann brauchten, irgendwie fand sie diesen Junis hübsch und seine Augen wirkten an- und aus- ziehend zugleich und irritierten sie ein wenig.
Was sie jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnte, es sollte der Beginn einer intensiven Liebe werden.
Die Freundinnen
Die Familien standen eng zusammen und verstanden sich ausge-zeichnet. Während Halim und Fadi sich vorrangig um den Aufbau ihres Geschäftes kümmerten, versorgten die beiden Frauen Halima und Elena nicht nur den Haushalt, sondern übernahmen auch die Erziehung ihrer Kinder. Wovon allein Halim und Halima mit den Zwillingen „Jasin und Fatima“ und dem Nachzügler „Junis“, insgesamt drei beitrugen, während Fadi und Elena mit „Leila“ nur eine Tochter zur Welt gebracht hatten.
Fatima und Leila waren wie Schwestern. Sie waren nicht nur gleich alt, sie hatten auch immer nur Blödsinn im Kopf. So erzählten sie Kunden, denen sie das frisch gebackene Brot auslieferten, das sie damit dreimal um die Moschee in Minet ee-Mosn gelaufen seien und es nun geweiht sei und glücklich mache. Oder sie schickten ihre Freundinnen zum Schweizer Käseladen um sieben Käselöcher zu kaufen. Dass die Freundinnen sich dann regelmäßig mit einer großen, schweren und verschlossenen Holzkiste voller „NICHTS“ abquälten, um sie in die Bäckerei zu bringen, lag zum einen daran, dass sie Fadi und den Besitzer der Käserei mit ihrem kindlichen Charme um den Finger gewickelt und beide quasi zu Komplizen gemacht hatten. Das lag aber nur daran, dass diese ebenfalls einen riesigen Spaß hatten, die anderen Kinder hinters Licht zu führen. Auch jetzt im Alter von neunzehn Jahren besaßen sie immer noch den Schelm in ihren Augen und ihr Lächeln hatte nicht an Kraft verloren.
Jasin hingegen war ein sehr ruhiger und bescheidener Junge. Er erledigte seine Aufgaben, die ihm seine Eltern oder auch Fadi auftrugen, mit viel Hingabe und einem unendlichen Eifer. Während er sich mit seiner Schwester des Öfteren heftig stritt, verstand er sich mit Leila komischerweise sehr gut. Sie nörgelte nie an ihm herum und half ihm auch immer, wenn er mal in Verzug mit seinen Aufgaben war. Irgendwie suchten sie immer die Nähe des anderen. Und so wurde aus einer Kinderfreund-schaft echte Liebe.
Drei Jahre zuvor, steckten Jasin und Leila mitten in der Pubertät. Ohne es zu begreifen, entwickelte sich bei beiden ein immer stärker werdender Wunsch den anderen zu berühren und auch zu küssen. Aber keiner traute sich den ersten Schritt zu machen.
Bis zu dem Tag, als beide Elternpaare einen Termin bei einem großen Makler bezüglich einer Geschäftserweiterung hatten.
Die Arbeit war erledigt und bis auf Jasin und Leila auch niemand mehr im Hause. Sie saßen wie immer nach der Arbeit im Innenhof des Hauses auf weichen Kissen und tranken Tee. Plötzlich stand Jasin auf und verschwand ohne etwas zu sagen im Haus. Leila machte sich darüber keine Gedanken. Bis er wieder vor ihr stand. In seiner rechten Hand hielt er eine Flasche „deutschen Sekt“ und in der linken ein Wasserglas. Seine Augen leuchteten und ein verschmitztes Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Was willst du damit und wo hast du das her“ - fragte Leila.
„Los- Bring es wieder weg!“
„Ich hab’s von Junis“. Er sagt, es ist wie ein Zaubertrank. Er hätte es probiert und danach ….“
„Sei still - Ich will’s nichts davon hören. - sicherlich ist da Alkohol drin“.
Plopp – Leila erschrak, hatte Junis doch einfach die Flasche geöffnet. Jetzt füllte er das Wasserglas bis zum Rande voll und hielt es ihr hin.
„Ich will nicht“ - sie drehte scheinbar angewidert ab
„Schau doch wie schön es prickelt und wie es duftet“ - flüsterte Jasin.
Langsam drehte sie sich zu ihm um. Schaute auf das Glas und dann in seine Augen. Da war so etwas Tiefes, etwas was ihr sagte – tu es und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie nahm das Glas und trank einen großen Schluck
„iih“ – sie schüttelte sich, was war das für ein scharfes Zeug.
„puuuh – was ist das denn?“ -sie schüttelte sich erneut und verzog dabei ihr Gesicht als hätte sie in eine Zitrone gebissen.
„Schmeckt ja ekelhaft“ - echovierte sie sich.
„Und Junis findet das toll?“
Angewidert gab sie ihm das halbvolle Glas zurück. Ohne zu zögern trank Jasin den Rest des Glases mit einem Schluck leer.
So saßen sie ein paar Minuten schweigend nebeneinander bis Leila plötzlich sagte – „gib mir noch etwas von dem „German Sekt“.
Jasin kippte das Glas erneut randvoll und reichte es Leila, welche das Glas in einem Zug austrank. Ein wohlig warmes Gefühl breitete sich in ihr aus. Da war er plötzlich wieder der Wunsch, Jasin in die Arme zu nehmen und seine Lippen zu küssen.
Auch Jasin spürte die Wirkung des Sektes aus Germany. Ohne Kommentar kippte er das Glas ein drittes Mal voll und reichte es Leila. Komischerweise schien das Zeug doch zu schmecken. Sie lachten und alberten rum wie sie das früher als Kinder auch schon getan hatten. Wie nun mal pubertierende sind, neckten sie sich bis sie plötzlich übereinander lagen. Leila drückte Jasin‘s Kopf nach hinten und wie von Zauberhand geführt, suchten sich ihre Lippen und schon küssten sie sich leidenschaftlich und hingebungsvoll. Beflügelt und im Rausch des „German Sektes“.
Ganze zwei Jahre trafen sie sich immer wieder heimlich im Keller, in der Backstube turtelten rum und ihre Liebe wurde größer und größer. Keiner durfte davon wissen. Bis auf die Omas „Maria und Kadisha“. Waren sie doch schon immer ihre geheimen Verbündeten gewesen. Wie sie es auch schon mit ihren Kindern gemacht hatten, so machten sie es auch diesmal. Maria und Kadisha hatten, wie auch schon damals, bei ihren Jungs, Freude daran, wenn sie dazu beitragen konnten, das andere sich ungestört lieben konnten.
„Oma“
„ja meine Süße“- antwortete Kadisha,
„Oma-dürfen wir“ – Leila hatte ihre Beine eng aneinander-gepresst und bewegte ihren süßen Hintern schwungvoll hin und her und ihre großen Kulleraugen schauten Kadisha bittend an.
Kadisha atmete tief ein.
„OK- aber denk daran, dass deine Eltern in zwei Stunden zurück sein wollen“.
Über Leilas Gesicht huschte ein noch süßeres Lächeln als sonst. Sie nahm Kadisha in die Arme, küsste sie schmatzend auf die Wange – und mit einem „Du bist die liebste Oma der Welt – verschwand sie in Kadisha‘s Zimmer.
Kurz darauf verschwand auch Jasin in Kadisha‘s Zimmer.
„Na meine Liebe“ - sagte Maria, die sich im Nachbarzimmer aufgehalten hatte – „ist es mal wieder soweit?“
„Was da jetzt wohl passiert – fragte Kadisha Maria.
„Tja, wenn wir das noch wüssten“
Und beide lachten laut los.
-:-
Das ging einige Monate so weiter, bis zu dem Tag, als Leila Jasin gestand, dass sie schwanger sei und ein Kind von ihm erwartete. Jasin brach in Tränen aus. Es waren Tränen der Freude. Er nahm Leila in den Arm und sagte- „Jetzt können wir endlich heiraten und brauchen uns nie mehr heimlich zu lieben“.
Noch am gleichen Abend erzählten sie es den Eltern. Halima und Elena schauten sich an und fingen gleichzeitig an zu grinsen. Während Halim und Fadi etwas bedröppelt drein-schauten, meinte Halima –
„Kinder- dass haben wir doch schon lange gewusst. Wir freuen uns ja so für euch“.
Drei Monate später wurde geheiratet. Es war eine schöne Hochzeit und fast alle aus der Straße waren eingeladen. Es war ein wunderschönes Paar. In ihrem zauberhaften weißen Hochzeitskleid sah Leila nicht nur hinreißend sexy, sondern auch wie ein wahrer Engel aus und ihr Jasin war mächtig stolz auf seine „kleine“ Leila.
„Hört endlich auf zu flennen“ – rief Halim, den Frauen zu, die wie auf Kommando in Tränen der Freude ausgebrochen waren. „Wie soll denn das auf dem Hochzeitsfoto aussehen- lauter verheulte „Mädchen“ - ergänzte er mit Blick auf Kadisha und Maria.
Doch als er sah, dass auch diese die Tränen in den Augen hatten, winkte er ab, nahm Fadi in den Arm und sagte – komm- lass uns einen Tee, womit er eigentlich Wein meinte – trinken. Bis die fertig mit Heulen sind kann noch dauern.
Fatima war auf der einen Seite glücklich, dass Leila und Jasin ein Paar waren, auf der anderen Seite hingegen ein wenig neidisch. Schließlich hatte Leila jetzt noch jemanden mit dem sie intimste Gedanken und Gefühle austauschen würde.
Aber das schlimmste was sie befürchtete und bald auch eintreffen würde, war die Geburt dieses kleinen „Hosen-scheißers“ den Leila schon im Bauch hatte. Würde er doch, sobald er das Licht der Welt erblickt hätte, nur noch im Mittelpunkt stehen. Und Leila hätte dann überhaupt keine Zeit mehr für sie haben.
Wie auch immer sich ihr Verhältnis zu Leila entwickeln würde. Sie wollte die beste Tante der Welt sein.
Obwohl sie sich oft mit Leila ausführlich, von Frau zu Frau, über Männer, Kinder und den Sex im allgemeine unterhielt, und Leila auch immer wieder mit leuchtenden Augen betonte wie schön das alles sei, konnte Fatima dieser Art von Leben nichts abgewinnen.
Sie wollte lieber ihre Schule beenden um dann zu studieren. Ärztin wollte sie werden, oder zumindest Krankenschwester. Deshalb kümmerte sie sich auch nicht um Jungs und vertiefte sich in die Arbeit in der Backstube und um ihre Schule.
Hafa Makhbis
Halims und Fadis kleine Bäckerei brummte.
Sie hatten es geschafft und mit Hilfe ihrer Frauen und Kinder innerhalb von wenigen Jahren ein gut florierendes Geschäft aufgebaut. Immer mehr Ausländer kamen in die Stadt und es sprach sich schnell unter ihnen herum, wie gut das Brot von
HAFA-MAKHBIS, so hieß nun ihre Firma, super schmeckt.
Sie konnten sich vor Aufträgen kaum retten. Dazu trug natürlich auch Junis mit seinen Kontakten über die deutsche Firma zu ansässigen Hotels bei.
Das Einzige was ihnen Sorgen bereitete, war die zunehmende Unruhe die sich, seit dem „Schwarzen September“ 1970, in der Stadt breit machte. Hatten doch die Israelis die PLO aus dem Süden vertrieben und die machte sich jetzt immer mehr in Beirut breit. Mit ihr kamen natürlich auch viele schiitisch und muslimische Flüchtlinge nach Beirut. Es bildete sich ganz allmählich ein Staat im Staate.
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Es war an einem wunderschönen Sommerabend im Jahre 1974
Halim und Fadi saßen wie immer nach einem anstrengenden Tag zusammen unter dem kleinen Apfelbaum im Innenhof ihrer, für Beiruter Verhältnisse, feudalen Villa. Sie hatten Halima vertraut und die wiederum ihr bisdato verdientes Geld geschickt angelegt und auf die Empfehlung ihres Sohnes Junis, dieses tolle Haus mit 12 Zimmern, einem Innenhof und einem schönen Garten, gekauft.
Ihr Elternhaus, in dem sie noch bis vor kurzem wohnten, wurde komplett zur Bäckerei umgebaut.
Gemeinsam lebten sie nun alle in der Villa mit ihren Kindern, die zwar schon erwachsen waren, zusammen. Es gehörte zur Tradition, dass Alle zusammen blieben und zusammen hielten, vom Opa bis zu den Enkeln.
Halima war die eigendliche Chefin des Unternehmens. Sie führte Buch und verwaltete das Geld beider Familien, während Elena sich um das Haus, den Garten und die Kinder kümmerte.
Die beiden Männer interessierte es wenig, was ihre Frauen so alles mit dem vielen Geld machten. Sie hatten nach wie vor die Einstellung, das Glück und Zufriedenheit vor dem Geldver-dienen kommt. Ihre Arbeit machte ihnen nach wie vor Spaß.
Jetzt aber war der Zeitpunkt gekommen ein wenig ernster an den weiteren Werdegang ihres Geschäftes und die Zukunft für sie und die Kinder zu denken.
Halim reichte Fadi den Tee und biss mit seinen Zähnen eine Zitrone in der Mitte durch. Mit verzogenem Gesicht, war sie doch saurer als erwartet, reichte er Fadi die andere Hälfte und drückte seine mit den immernoch kräftigen Händen über seinem Teeglass aus.
„Was meinst du?“ - fragte er Fadi, - „warum verkaufen wir in den letzten Wochen immer weniger Brot?“
„Hmmh – dass ist mir auch schon aufgefallen“ - antwortete Fadi. „Vielleicht sind es die vielen Flüchtlinge, die sich selbstständig machen und nun ihr Brot nicht nur ihren Leuten verkaufen, sondern auch unseren Kunden. Jedenfalls scheinen sie billiger zu sein“.
„Ja da könntest du recht haben“ - antwortete Halim. - „Vielleicht sind es aber auch die Amerikaner mit ihrem Weisbrot“.
„Glaub ich weniger. Ich denke wir sind nicht mehr einzigartig!“- erwiderte Fadi.
„Wie meinst du dass?“
„Nun - bis vor kurzem noch waren wir die einzigen, die in großem Stil Brot gebacken und es, dank Junis, auch an viele Hotels und ausländische Firmen geliefert haben“.
„Tun wir doch auch jetzt noch“ – fiel ihm Halim ins Wort.
„Ja aber, das ist es nicht was ich meine. Alle Brote, auch unsere schmecken gleich. Wir nehmen alle Mehl, Hefe, Salz, Wasser und Öl. Mal mehr, mal weniger“.
„Was willst du mir damit sagen?“
„Nun, - wenn wir Marktführer bleiben wollen, müssen wir uns etwas einfallen lassen. Wir müssen etwas Neues, etwas Besonderes kreieren. Ein Brot was nur wir backen können. Ein Brot nach dem sich alle die Finger lecken“.
Halim nickte zustimmend.
„Eine gute Idee! Aber wie soll dass gehen?“.
Fadi runzelte die Stirn, was er übrigens immer tat, wenn er angestrengt nachdachte. Gleichzeitig musste er sich ein Grinsen verkneifen, denn er fand seine Idee genial. Und wenn er etwas genial fand, dann überkam ihn dieses Gefühl von Glück.
„Nun - ich hätte da eine Idee!“
„Erstens behalten wir für unsere normalen Kunden auf den Märkten, unser Brotrezept bei. Wir unterscheiden uns ersteinmal nicht von unseren Mitbewerbern.“
„Zweitens“ – er machte eine lange Pause.
„Nun- und was“ - bohrte Halim ungeduldig.
Fadi- atmete demonstrativ tief ein.
„Zweitens - wir gründen eine weitere Firma und geben der einen ausländischen Namen. Einen Namen, der gut klingt und den alle schnell verstehen. Vor allem die Ausländer.“
Halim wollte wieder unterbrechen, doch Fadi war jetzt in seinem Element. Kurz hob er die Hand und signalisierte Halim, das er noch etwas entscheidendes anfügen wollte.
„Also- mit einer neuen Firma gibt es auch ein neues Brot. Und das hat auch wieder einen ausländischen Namen. Und“- Fadi machte wieder eine seiner Kunstpausen
„Man machs nicht so spannend, sag endlich was es ist“ - bohrte Halim erneut.
„Geduld mein Freund“ – Fadi konnte sich nun das Grinsen nicht mehr verkneifen.
Er schlug sich mit beiden Händen auf die Oberschenkel –
„Wir backen PIZZA-Brot!“
Für gefühlte Minuten – herrschte Totenstille
„Was machen wir?“
„Wir backen PIZZA-Brot“.
„Wie kommst du denn auf so etwas“ fragte Halim.
„Ganz einfach“ - erwiederte Fadi. „Vor -einigen Tagen war ich bei Yasin, du weißt das Café in Baschura, um ihm unser Brot anzubieten, da saßen wir draußen bei einem Tee und am Nachbarstisch saßen zwei gut gekleidete Frauen aus – ich weiß nicht woher, jedenfalls hörte ich wie die eine zu der anderen sagte, Beirut ist so eine tolle Stadt. Aber das Brot wird langsam langweilig. Immer der gleiche Geschmack. Die sollten sich mal was anderes einfallen lassen. Und die andere Frau sagte darauf hin. Ja – wie zum Beispiel in Italien. Da haben die ein tolles Pizzabrot. Du kannst es zu allem essen und auch noch super mit Früchten belegen“.
„Ich bin zwischendurch zu einigen ausländischen Restaurantes gegangen und habe mir überall deren einheimisches Brot gekauft“.
„Und jetzt pass auf!“
„Einer der Bediensteten hat gesagt, dass die meisten Ausländer ihr Heimweh nur deshalb haben, weil ihnen das richtige Brot fehlt“.
„Und dann hab ich diesen jungen Mann, der in der halben Welt umher reist, getroffen. - und jetzt halte dich fest“ - Fadi machte es mal wieder richtig spannend. „Der hat mir erzählt, dass viele Italiener in andere Länder gehen um dort zu arbeiten. Ja sogar nach Amerika. Und jetzt pass auf. Überall eröffen sie dann sogenannte „Pizzerien“. Und nicht nur die Italiener gehen dorthin, sondern auch die Einheimischen“.
Halim dachte kurz nach.
„Du meinst PIZZA-Brot kennt man überall und es ist ein quasi Ersatz für das eigene Brot?“
„Genau- du hast es erkannt“ - schoß es aus Fadi heraus.
„Was machen wir jetzt?“ – fragte Halim. Und ergänzend fügte er hinzu- „sicherlich hast du schon eine Idee“.
Er schaute Fadi an und erwartete dieses breite Grinsen in seinem Gesicht. Doch Fadi blieb erstaunlich ruhig und gelas-sen. Fast emotionslos erwiderte er
„PRONTO-PIZZA - heißt unser neues Geschäft“.
Halim runzelte die Stirn
„Wie heißt unser Geschäft?“ – fragte er. „Und was heißt Pronto?“
An Halims Augenzucken merkte Fadi wie nervös Halim war.
„Setzt dich mal hin. Ich erklär es dir“.
„Also“ - Fadi holte tief Luft und sprudelte förmlich ohne Unterbrechung los.
„Vor ein paar Tagen habe ich einen Italiener auf dem Markt getroffen. Er stand bei Halib – dem Ölhändler und wollte unbedingt frisch gepresstes Olivenöl. Halib schien ihn nicht zu verstehen und so wurde der Italiener „Luigi“ heißt er, immer lauter. Wild gestikulierend fuhr er Halib an „Capisci che ho bisogno di olio d'oliva per la mia pizza”, was wohl soviel hieß wie; Ich brauche richtiges Olivenöl - und nicht so einen Saft. -oder so ähnlich. Es sah so aus, als sei Halib mit der Situation völlig überfordert. Deshalb habe ich den Italiener gefragt, ob er englisch spricht. Er hat mir dann erzählt, dass er es leid sei, immer nur das fade Brot zu essen. Er nannte unser Brot fad” - räusperte sich Halim. Und – und er wolle sich nun sein Pizzabrot selbst backen - sagte er. Und dazu bräuchte er auch unbedingt gutes Olivenöl.”
“Und noch etwas hat er gesagt. Dass, wenn er hier nicht so eingebunden wäre, er seine eigene Pizzeria in Beirut eröffnen würde”.
“Und weiter” - bohrte Halim.
“Da gibt es kein Weiter. Ich habe ihm dann gesagt, wo er mich finden könnte und das ich ihm möglicherweise seinen Traum erfüllen könnte”.
“Und - meinst du er kommt?”
“Bestimmt” - erwiderte Fadi und fügte ergänzend hinzu; “Wenn wir ihn einbinden können, ich meine als Pizzabäcker, dann könnte unser Vorhaben funktionieren”.
Ein paar Tage später
Jasin war damit beschäftigt all seine Brote, die er ausliefern musste, auf seinem Handkarren zu verstauen als er von einem Unbekannten angesprochen wurde.
“Hallo - Mi piacerebbe aver parlato con il signor Fadi” – hörte er eine Stimme von schräck hinter ihm. Langsam drehte er sich um. Was war das denn für einer- und was will der, fragte sich Jasin. Langsam ging er auf den kleinen dunkelhaarigen Mann zu.
“Was willst du?” - fragte er ihn.
Der Fremde schien ihn zu verstehen und erwiderte
“Signor Fadi – prego”.
Jasin nickte und deutete dem Fremden an, hier zu warten.
Nachdenklich ging er nach hinten in die Backstube um Fadi zu holen. Was dieser dann mit dem Fremden machte war ihm egal. Schließlich musste er ja noch seine Brote ausliefern.
Fadi gab dem Italiener die Hand. “Fadi” – “Luigi” - erwiderte der Italiener.
“Ja – ich weiß” – “dann lass uns mal zu Halim gehen und schauen was der so von dir hält”.
Mit schnellen Schritten ging Fadi auf die Tür zu, aus der er eben gekommen war. Luigi musste sich beeilen, den Anschluss nicht zu verlieren.
“Halim” – rief Fadi. “Kommst du mal eben. Ich würde dir gerne Luigi vorstellen”.
Halim legte seine Brotschere auf Seite und trat zu den beiden an den Tisch.
“Das ist Luigi – du weist, der Junge der gerne Pizzabäcker werden würde”.
“Ah-ahja” - nickte Halim. “Ich erinnere mich” - sagte er und strecket Luigi seine Hand entgegen, die dieser ohne zu zögern ergriff. Lange hielt er Luigis Hand fest umschlossen und schaute ihm dabei tief in die Augen. Plötzlich lies er die Hand los, drehte sich zu Fadi um und nickte bejahend zu.
“Wenn er nun auch noch so gut Pizza backt, wie seine Augen zu sein scheinen, dann ist er unser Mann!”. Drehte sich um und wandt sich wieder seiner Arbeit zu.
Fadi schaute Luigi an, zuckte mit den Schultern und warf ihm einen Kittel zu.
“OK- zeig uns was du kannst”.
Obwohl das alles auf arabisch war, hatte Luigi verstanden. So wie er immer alles relativ schnell verstanden hatte. Obwohl er genau wusste, das ihn die anderen “als kleinen Italiener”, immer unterschätzten. Luigi zog den Kittel, den ihm Fadi zugeworfen hatte an und fing an sich zu orientieren. Nach und nach trug er alle Inhalte die er für eine gute Pizza benötigte zusammen. Während Halim sich mit keinem Auge für das Wirken von Luigi zu interessieren schien, schaute Fadi aufmerksam dem Treiben von Luigi zu. Mehl, Salz, Hefe, Zucker, Olivenöl, Knoblauch, Wasser, Oregano standen schließlich auf dem Tisch. Luigi begann die gute Messerspitze Hefe in lauwarmem Wasser aufzulösen, dann mischte er, fast ein halbes Pfund Mehl mit etwas Salz und Zucker, Danach schüttete er das lauwarem Wasser mit der aufgelösten Hefe über das Mehlgemisch, gab noch einen Schuss Olivenöl hinzu und fing an das Ganze fleißig zu kneten. Als der Teig anfing wie Schlamm an seinen Fingern zu kleben, schüttete Luigi den gesamten Teig auf die, mit Mehl eingepuderte Tischplatte, gab nochmals etwas Olivenöl über den Teig und besteubte das Ganze nochmals mit Mehl. Dann nahm er ein Tuch und deckte den Teig fein säuberlich ab.
“PRONTO” – sagte Luigi, jetzt noch ein wenig warten und dann können wir die Pizza backen.
Fadi kannte den Prozess. Liessen auch sie immer ihren Brotteig zusammen mit der Hefe ziehen, bevor sie ihn in den Backofen schoben. Nach fast einer Stunde war es dann soweit. Luigi rollte den Teig in eine dünne, knapp einen Zentimeter, dicke Form und schob sie in den Backofen, den er vorher nochmals so richtig angeheizt hatte. Während rechts die Holzscheide nur so brannten, fing links die Pizza schnell an aufzugehen.
Alles geht viel schneller als bei unserem Brotbackvorgang dachte Fadi. Schon nach kurzer Zeit nahm Luigi seine Pizza aus dem Ofen. Der Teig sah etwas gelblicher aus, als der, den Fadi von seinen Broten kannte. Lag sicherlich am Olivenöl dachte er.
Interessiert beobachtete er Luigi, wie dieser mit einem Messer ein Stück des Pizzabrotes abschnitt und es langsam, kauend von einer Ecke in die andere seines Mundes schob.
Fadi streckte seine Hand aus um ebenfalls ein Stück des Pizzabrotes zu testen, als ihm Luigi, mit ausgestreckter Hand, bedeutete, die Finger vom Brotteig zu lassen. Überrascht schaute Fadi Luigi an- Ist doch nichts anderes als bei unserem Brot dachte Fadi- nur etwas dünner. Was soll dass?
Es folgte ein lautes
“dannazione! Che cosa è - ha un sapore terribile”
“Was ist los?” – fragte Fadi ein wenig irretiert.
“Ich weiß es nicht! Aber das ist keine Pizza. Das ist Beirut-Pappe. Das ist KARTON” - antwortete Luigi ein wenig resigniert.
“Irgend etwas ist falsch an den Zutaten.
Aber ich werde es herausfinden” - versprach Luigi.
“Ich komme morgen wieder” – sprachs und verschwand.
“Was war das denn?”- hörte Fadi Halim fragen
“Hat wohl nicht geklappt. Und jetzt ist unsere gute Idee futsch“.
Fadi brauchte einen Moment, bis auch er kappiert hatte, was da so eben passiert war. Sie standen beide da wie bedröppelt und es herrschte Totenstille.
Plötzlich sagte Fadi – “Glaub mir, der kommt wieder – der gibt nicht auf”.
Es dauerte fast drei Wochen, bis Luigi wieder auftauchte.
Wie aus dem Nichts stand er an diesem Freitagmorgen vor der Backstube. Er hatte zwei dicke Taschen voll mit Backutensilien dabei. Er hob die linke Tasche.
“Alle aus Italien” - sagte er zu Fadi, der ihn begrüssen wollte. Dann hob er die rechte Tasche in die Höhe - “Alle von hier” - aber… er machte eine Pause – “alle von mir ausgesucht!”.
“Ich würde jetzt gerne ein paar Stunden alleine in der Backstube bleiben und ausprobieren warum es beim letzten Mal nicht funktionierte und wie es funktioniert ein super Pizza-Brot zu backen” - sagte Luigi fast in einem Befehlston”.
Fadi nickte zustimmend – und deutete mit ausgestreckter Hand an, dass er sich solange frei bewegen könne, bis um 2:00 Uhr Nachts die Öfen wieder für die Arabischen Brote frei sein sollten.
Nun nickte auch Luigi - und machte sich umgehend an die Arbeit.
Es muss wohl so gegen 22:00 Uhr gewesen sein, als Fadi und Halim, die an diesem Abend, nicht wie üblich nach Hause gegangen waren, plötzlich ein lautes Geschrei aus der Back-stube vernahmen.
“Oh Gott”- was ist nun passiert entfuhr es Halim und er und Fadi sprangen auf, um nachzuschauen was da los war.
Mit einem festen Ruck stiessen sie die Tür zur Backstube auf und trauten ihren Augen nicht. Eine weiße Nebelwand drang ihnen entgegen und mittendrin stand Luigi
“ Ha funzionato – i’ho fatto” - und schleuderte Mehl in die Luft.
“Halt die Luft an” - befahl Halim mit lauter durchdringender Stimme – “und komm raus hier”.
Weiss wie ein Schneemann stand der kleine Luigi vor Fadi und Hamil und konnte sich sein “stolzes” Grinsen nicht verkneif-en.
“Ha funzionato” - wiederholte er nun wohl schon zum x-ten Male und reichte den, verduzt dreinschauenden Männern, ein Stück Pizzabrot. Fadi teilte das Brot, und gab Halim die eine Hälfte, während er selbst schon in das noch sehr warme Brot biß. Halim tat es ihm nach und beide kauten nun ausgiebig auf dem Pizza-Brot herum. Es dauerte eine kleine Ewigkeit bis sie im Stande waren wieder Luft zu holen. Abwechselnd schauten von einem zum anderen und wieder auf das Brot in ihrer Hand.
“Genial” - sprudelte es förmlich aus dem sonst doch eher schweigsamen Halim heraus.
Fadi nickte zustimmend – “Jetzt kann es endlich losgehen!”.
Schon am nächsten Tag trafen sie sich wieder. Schnell war man sich einig. Luigi sollte in einer neuen Backstube mit zwei weiteren Pizzabäckern, ersteinmal Pizza-Brot für alle ausländischen Kunden und auch später, wenn es gut laufen würde, belegte Pizza backen. Luigi kündigte seinen alten Job beim Italiener und fing umgeh-end mit der Einrichtung der neuen Backstube an. Er selbst ging regelmäßig in den Basar um die verschiedenen Zutaten zu kaufen. Das Olivenöl, welches aus Italien stammte, bezog er von einem Italiener, der einen kleinen Lebensmittelladen am Rande des Zentrums betrieb.
Wenige Wochen später wurde die neue Backstube
“Pronto-Pizza” eröffnet.
Der größte Teil des Verkaufs lief über das, bereits bestehende Netztwerk der alten HA-FA Bäckerei. Schnell sprach es sich in ganz Beirut herum und alle wollten nur noch das leckere Pizza-Brot von “Pronto-Pizza.”
Abanoub
Junis hatte sich nicht nur schnell als genialer Vermittler für das Geschäft von GK-Cologne bewiesen, sondern genoss mittler-weile in der Firma und auch bei Großkunden eine gewisse Vertrauensstellung.
Ganz offiziell tauschte er für seine Firma und auch andere, ausländische Geschäftspartner DM und Dollar gegen Libanesische Pfund (LBP) für Lohnzahlungen und Bestechungs-gelder, sowie LBP gegen DM und Dollar als stabile Wertanlage für Libanesen, auf dem Schwarzmarkt bei einem gewissen „Abanoub“ um.
Das Zusatzgeschäft lief gut und je mehr der Bürgerkrieg Einzug hielt, desto größer wurden die Beträge, die er im Auftrag seiner „inoffiziellen“ Kundschaft tätigen sollten. Bis zu dem Tag an dem sich für Junis und seine geliebte Brigitte alles ändern sollte.
Junis genoss hohes Vertrauen und an guten Tagen, hatte er bis zu 10.000 DM und viele Dollar, zum Tausch in seiner Akten-tasche.
-:-
Es war ein heißer Mittwochnachmittag im Juli 1975. Junis hatte mal wieder seine Aktentasche randvoll mit DM, Dollar und libanesischem Pfund unterwegs zum Treffen mit Abanoub im Stadtteil Manora.
Unter all dem Geld, das er mit sich führte, war auch ein stattlicher Betrag von seinem Vater. Der mittlerweile einen Teil seiner Einnahmen in DM und Dollar tauschte. Auch für Halim und Fadi wurde die immer größer werdende Unruhe in Beirut spürbar und bereitete den beiden erhebliche Angst. Sie befürchteten, dass eines Tages die Bank of Libanon zusammen-brechen würde und sie so ihr ganzes Geld verlieren würden. So fingen auch sie an, ihre Einnahmen bei ihm, Junis, zu tauschen.
Junis war heute irgendwie nicht bei der Sache.
Es ging alles so schnell. Im Laufe der Monate hatte er sich immer mehr in Brigitte verliebt, ohne es ihr jedoch zu sagen,
Das schlimmste jedoch war ihr Duft. Dieser betörend süßliche Duft aus einer Mischung von „hin -und- weg“, ließ seine Sinne dahin schweifen und ihn immer wieder in diesen Zustand von „unbändigem Verlangen“ abgleiten.
Vor ein paar Wochen war es dann passiert. Rein zufällig sind sie sich in der Lobby begegnet. Brigitte lud ihn unverhohlen zu einen Cocktail an der Bar ein. Es passte alles. Der Cocktail, die Musik und vor allem Brigittes betörender Duft.
Es war schon spät, als Brigitte plötzlich meinte, dass es für sie besser wäre, wenn sie nun ins Bett gehen würde, schließlich müsste sie morgen für die Delegation aus Deutschland fit sein.
In Wirklichkeit vibrierte alles in Brigitte. Sie hatte schon den ganzen Abend das Verlangen Junis, diesen, leicht schüchtern wirkenden Mann, mit seinen großen Kulleraugen und den langen Wimpern, zu küssen und mit ihm ins Bett zu gehen. Sie stand auf und wie von Geisterhand stolperte sie über den Fuß des Barhockers und fiel Junis genau in die Arme. Ihre Gesichter glühten und der Duft diese betörenden Parfüms drang ihm in die Nase und mit einem Mal konnte er sich nicht mehr halten. Sanft nahm er Brigittes Kopf in seine Hände und ihre Lippen trafen sich. Es war wie eine Erlösung. Wild und Leidenschaftlich küssten sie sich und aus dem frühen Aufbruch wurde eine lange Nacht.
Zwei Wochen später war Junis auf dem Weg zu Abonoub um das Geld seiner Auftraggeber zu tauschen.
Junis war in Gedanken weit weg. Genauer gesagt bei Brigitte. Noch genauer gesagt bei ihr im Bett.
Hatten sie doch gestern das erste Mal miteinander geschlafen.
Es war für beide das erste Mal und immer noch war Junis wie im Rausch. Er roch ständig an dem Halstuch, welches ihm Brigitte mitgegeben hatte, und sog ihren süßlichen Duft – und es war nicht das Parfüm- ein.
So in wunderschönen Gedanken verloren, merkte er gar nicht, dass er schon an Hausnummer 21 in der Rue General de Gaulle vorbeigelaufen war und betrat, ohne es zu merken, versehent-lich den Hauseingang von Haus Nr. 22. Er ging wie immer in die vierte Etage, öffnete wie in Trance die Tür und betrat den Raum.
Niemand war da. Weder Abanoub, noch die Möbel.
Schlagartig verschwand der Schleier in seinem Kopf.
Junge wo bist du - fragte sich Junis – und ein seltsames Gefühl durchströmte seine Brust.
Irgendetwas schien nicht zu stimmen. Auf die Idee, dass er sich im Hauseingang geirrt hatte, kam er nicht.
Magisch zog ihn das offene Fenster an. Als wenn dahinter die Antwort auf seine Frage zu finden sei.
Er wollte sich gerade aus dem Fenster lehnen, als er von Ge-genüber eine bedrohliche Stimme fragen hörte.
„Wo ist das Geld!?“
„Ich habe kein Geld“ - hörte er Abanoub, dessen rauchig helle Stimme er kannte, ängstlich, fast wimmernd antworten.
Er sah wie der Fremde eine Pistole auf Abonoub, der auf einem Stuhl vor ihm saß, richtete
„Zum letzte Mal“ - wo ist das Geld – „das du uns schuldest?“
„Beim Leben meiner Mutter - glaub mir- ich habe kein Geld“ - wimmerte Abonoub erneut.
„Ich werde es finden“- sagte der Fremde und hielt seine Pistole an den Kopf von Abonoub.
Junis schien das Herz aus dem Hals zu schlagen. Er konnte nicht verstehen was da geschah. Sein Mund war geöffnet, seine Augen starr auf das Geschehen gerichtet.
Bumm - ein lauter Knall und Abonoub sackte leblos in sich zusammen. Langsam- unendlich langsam kippte er vom Stuhl.
Der Fremde drehte sich langsam um und schaute in Richtung Junis.
Wie vom Blitz getroffen reagierte Junis und warf sich in die Ecke auf den Boden. Er hörte auf zu atmen um kein Geräusch zu verursachen, aber sein Herz pochte so laut, dass er glaubte der Fremde könnte ihn hören und jeden Moment, obwohl er im Nebenhaus war, hereinkommen und ihn ebenfalls erschießen.
Nur ganz langsam bemerkte er, dass er bei seinem Sprung vor eine kleine unscheinbare Tür in der Wand gefallen war und diese aufgestoßen hatte. Voller Angst vor dem Fremden und am ganzen Körper zitternd kroch er durch die kleine Tür und verschloss sie hinter sich. In diesem Moment sehnte er sich nach seiner Mama, bei der er, als kleiner Junge, auch immer unter den Rock gekrochen war, wenn er vor irgendetwas Angst hatte. Sie hatte ihn dann so lange sitzen lassen, bis er sich beruhigt hatte und von selbst wieder unter dem Rock hervor kam.
Doch diesmal war da kein Rock unter den er sich hätte verkriechen können. Vielmehr lag er auf einem staubigen Boden und im Kot von Tauben, die sich dort eingenistet hatten.
Er war äußerst angespannt. Seine Ohren lauschten angestrengt ob jemand die Treppe hinauf kommen würde und ob sich die kleine Tür öffnen und das er das Klicken eines Revolvers, der auf ihn gerichtet war, hören würde.
Er wusste nicht wie lange er so mit verschlossenen Augen da gelegen hatte. Es schien ihm eine Ewigkeit zu sein. Er zitterte immer noch am ganzen Körper. Langsam hob er seinen Kopf und öffnete vorsichtig die Augen. Er versuchte sich zu orientieren. Genau vor ihm war eine kleine Lücke in der Mauer durch die ein wenig Luft in diesen stickigen Verschlag drang. Rechts von ihm standen zwei Kisten über und über voll mit Taubenkot. Es ekelte ihn und er spürte den scharfen, ammoniakhaltigen Geruch in seiner Nase. Jetzt bloß nicht niesen schoss es ihm durch den Kopf. Vorsichtig drehte er sich in die andere Richtung und wollte sich gerade aufrichten, als sein Blick auf einen mittelgroßen Lederkoffer fiel. Dieser Lederkoffer war merkwürdigerweise an einer Schnur befestigt. Im Gegensatz zu dem ganzen Dreck und Staub der überall verbreitet war, war der Koffer seltsamerweise staub- und dreckfrei. Er wirkte fast neu.
Von dem seltsamen Koffer angezogen, vergaß Junis seine Angst vor dem Fremden. Ganz langsam griff er nach dem Koffer und zog ihn zu sich herüber.
Was wohl darin ist – fragte sich Junis – und warum hängt der an einem Seil?
Er öffnete die zwei Lederschlaufen und hob ganz vorsichtig den Deckel an. Hoffentlich ist da kein abgeschlagener Kopf drin oder gar eine Giftschlange.
Junis Kiefer klappten förmlich auseinander.
Mit weit geöffnetem Mund starrte er auf den Inhalt. Was er da sah überstieg seine schlimmsten Befürchtungen.
Der Koffer war randvoll mit Geldscheinen. Soweit er es erfassen konnte, handelte es sich um DM und Dollarscheine.
Langsam glitt sein Blick zu dem Seil an dem der Koffer hing. Seine Augen folgten dem Seil bis zu dem Loch in der Wand.
Wo führt es hin – fragte er sich und kroch auf allen Vieren bis zu dem Loch.
Das Seil hing an einer Rolle und führte über den Innenhof in das Nachbarhaus. Direkt neben dem Raum in dem er sich immer mit Abonoub traf und wo dieser jetzt wohl tot auf dem Boden lag,
Ganz langsam reihten sich die Ereignisse um den Tod von Abonoub in seinem Kopf aneinander.
Da war zum einen, dass Abonoub immer ganz viel Geld zum Tausch angenommen hatte, aber seltsamer Weise, letzte Woche, ihn und wohl auch andere, mit der Auszahlung des Tauschgeldes vertröstete. Angeblich hatten seine Lieferanten wohl ein kleines „Bankenproblem“. Aber alles würde diese Woche bezahlt und er sollte sich keine Sorgen machen- hatte Abonoub ihm gesagt.
Dann war da der Fremde, der lautstark und mit Nachdruck das Geld seiner Klienten zurückforderte und nachdem Abonaub es nicht herausrücken wollte, ihn kaltblütig erschossen hatte.
Und da war der Koffer, den er jetzt vor sich liegen hatte, mit dem vielen Geld.
Je klarer ihm die Zusammenhänge schienen, desto schneller klopfte sein Herz. Also hatte Abonoub Geld unterschlagen und wollte sich damit absetzen. Und damit keiner wusste wo das Geld war, hatte er es in diesem verlassenen Nebengebäude deponiert. Mit dem Seil, das aussah wie eine Stromleitung, konnte Abonoub problemlos den Koffer mit dem unterschlagenen Geld aus seinem Hinterzimmer in diesem Verschlag de-ponieren.
Wer wusste noch davon? Und was, wenn der Fremde das Hinterzimmer und das Seil entdecken würde?
Junis versuchte sich zu beruhigen
Du musst nachdenken. Und wenn niemand davon weiß, dann kannst du das Geld mitnehmen und bist reich - sagte er sich.
Er versuchte einen Plan zu schmieden, wie er das Ganze so hinbekommen würde, dass niemand auch nur annähernd auf die Idee kommen könnte, dass er, Juni, etwas gesehen hat, geschweige denn weiß wo das Geld geblieben ist.
Langsam löste er den Koffer von der Schnur und öffnete vorsichtig die kleine Tür zum Nebenraum.
Sein Blick fiel auf seine Aktentasche, die prall gefüllt mit dem Geld seiner Kunden und auch seines Vaters mitten in dem Raum lag, den er fluchtartig durch einen Sprung verlassen hatte. Schlagartig begann sein Herz wieder zu rasen. Was wenn der Fremde sie gesehen hat und jetzt nur auf ihn warten würde,
Junis traute kaum sich zu bewegen, steht da eventuell der Killer in der Ecke und wartet nur bis er aus seinem Versteck gekrochen kommt- oder steht er eventuell am anderen Fenster und wartet auf ihn um ihn dann von dort zu erschießen?
Ganz langsam kroch er auf allen Vieren, sich immer wieder umschauend und den Blick ständig zwischen Tür und Fenster hin und her schweifen lassend, zu seiner Aktentasche. Obwohl es nur knapp drei Meter waren, war Junis völlig erschöpft. Schweißperlen standen auf seiner Stirn und seine Hände zitterten.
Mittlerweile war es dunkel. Er hatte keine Ahnung wie lange er gebraucht hatte, bis er mit dem geheimnisvollen Koffer und seiner Aktentasche im Hotel und auf seinem Zimmer eingetroffen war. Es kam ihm vor, als wären es Tage gewesen. Er verstaute den Koffer im Schrank und seine Geldtasche unter dem Bett. Zog seine dreckigen und nach Taubenmist stinkenden Sachen aus, lies sich die Wanne mit heißem Wasser volllaufen und setzte sich mit angezogenen Beinen in die Wanne.
Er wusste nicht wie lange er dort verbrachte, doch er schaffte es einfach nicht aufzustehen und die Wanne zu verlassen.
Wie der Rock seiner Mutter umspülte das warme Wasser Junis nackten Körper, als er das Klopfen an seiner Tür, zuerst leise, dann immer lauter werdend vernahm.
Schlagartig begann sein Herz erneut zu klopfen. Lauter und stärker als in den Stunden bei Abonoub.
Da ist er- der Killer- jetzt ist es aus - er wird dich erschießen - schoss es ihm durch den Kopf
Und wieder wünschte er sich Mutters Rock. Weinend und am ganzen Körper zitternd, sank er auf den Boden und versuchte seinen Kopf, mit seinen Händen vor der Kugel des Mörders zu schützen.
Vor Angst zitternd und mit geschlossenen Augen hörte er, wie die Tür zum Bad geöffnet wurde.
„Nicht“ – schrie Junis
„Nicht schießen“
Brigitte stand im Türrahmen und schaute ungläubig auf Junis.
„Was ist los“ - fragte sie und rannte zu Junis der in der Wanne kauerte.
„Ganz ruhig Schatz – ich bin doch bei dir.
Keiner tut dir etwas“
Sie wusste das etwas mit Junis nicht stimmte.
In Junis löste sich allmählich die Spannung und die Todesangst wich aus seinem Körper. Gleichzeitig verfiel er in ein unaufhör-liches Schluchzen. Junis sackte nun völlig in sich zusammen. Brigitte führte ihn zum Bett, nass wie er war, drückte sie ihn nieder, legte sich zu ihm und zog die Decke über beide Köpfe. Gemeinsam lagen sie so fest umschlungen und Brigitte wusste, Junis war nun unter dem Rock seiner Mutter und in Sicherheit. Geduldig wartete sie bis er sich erholt hatte.
Irgendwo rief ein Muezzin zum Gebet. Brigitte öffnete die Augen. Es war noch dunkel und Junis schlief unruhig neben ihr. Brigitte stand auf und ging ins Bad. Als sie wieder zurück ins Zimmer kam, stand Junis nackt vor dem kleinen Tisch in der Ecke des Zimmers. Auf dem Tisch lagen ein Koffer und eine braune Ledertasche.
„Was ist das“ - fragte Brigitte.
„Willst du vereisen?“
Sie grinste ein wenig verlegen. Ahnte sie doch, dass etwas Schlimmes passiert sein musste.
Junis drehte sich langsam um, Seine Augen waren leer und seine sonst so stark männliche Haltung war geduckt und irgend-wie ängstlich wirkend.
„Was ist in den Taschen“ fragte Brigitte erneut.
Ohne zu antworten öffnete Junis den Koffer.
Brigitte glaubte ihren Augen nicht trauen zu können. Sah sie da wirklich Geld? Viel Geld?
Sie atmete tief ein, drehte sich zu Junis und schaute ihm tief in die Augen.
Mit leiser Stimme fragte sie ihn. – „Wo hast du das her?“
„Das wirst du mir nicht glauben“ – antwortete Junis ebenso leise.
Langsam und Stück für Stück erzählte er nun Brigitte was er erlebt hatte. Das er in Gedanken an sie das Haus verpasst und durch Zufall gesehen hatte wie ein Fremder Abonoub erschossen hatte. Abounoub hatte sich offensichtlich mit dem Geld seiner Kunden aus dem Staub machen wollen. Und das er auf das Versteck gestoßen und das Geld an sich genommen hatte, war reiner Zufall.
„Jetzt weist du alles“ – sagte Junis und fügte hinzu – „Ich habe so eine Angst – sicherlich wird der Killer irgendwann hier auftauchen“.
Hilfesuchend schaute er Brigitte an. Brigitte jedoch blieb erstaunlich ruhig. Sie schien nachzudenken.
„Wir müssen jetzt ganz ruhig bleiben. Hat dich jemand gesehen?“
„Ich glaube nicht“
„Ich meine, hat dich jemand in das andere Haus gehen sehen?“
Junis dachte nach und schüttelte den Kopf. –„Ich glaube nein“.
„Weis jemand das du auf dem Weg zu Abonoub warst?“
„Ja- drei Geschäftsinhaber aus Bad Idriss, zwei Firmeninhaber aus dem Zentrum - er machte eine Pause – und mein Vater“.
Brigitte dachte nach.
„Und in der Tasche ist das Geld was sie dir mitgegeben haben“
„Ja“ - nickte Junis.
„Ist noch alles da?“
„Ja“ – nickte Junis erneut
„Gut- dann gehst du gleich zu diesen Leuten und gibst ihnen das Geld zurück“.
„Was? – alles?“
„Nein – nur das, was sie dir gestern gegeben haben“.
„Und was soll ich ihnen sagen“
„Sag ihnen, dass du den Agenten nicht angetroffen hast und dass du das Gefühl hast, das etwas mit ihm nicht stimme“- und“ ergänzend fügte sie hinzu – „sag ihnen, dass dir das Geschäft zu unsicher sei und du in Zukunft nicht mehr für sie umtauschen wirst“.
Brigitte machte eine kleine Pause. Sie schien nachzudenken. Junis kannte sie, es war jetzt besser nichts zu sagen bis sie weiterreden würde.
„Ich hab’s“ - sagte Brigitte und schnippte mit den Fingern.
„Wir behalten das Geld aus dem Koffer – wieviel ist das eigentlich?“ - fragte sie ohne Luft zu holen. Junis zuckte mit den Schultern.
„Soll ich es zählen“
„Nein – nicht jetzt - hör zu“.
„Wir bringen das ganze Geld nach Deutschland“.
„Ich überrede meinen Chef, dass die Situation in Beirut von Tag zu Tag unübersichtlicher und auch gefährlicher wird und es besser sei, wieder nach Deutschland zurück zu gehen“.
„Und ich? Bleibe ich hier?“ -fragte Junis etwas unsicher.
„Nein“ - antwortete Brigitte. „Du wirst als Berater mitkommen und dann werden wir heiraten. Ich werde schwanger und wir werden in Köln bleiben. Von dem Geld kaufen wir uns eine Villa in Hahnwald und tun so, als sei das Geld aus guten Geschäften in Saudi-Arabien erwirtschaftet worden“.
Junis dachte nach. „Warum Saudi Arabien?“
„Damit uns niemand mit Beirut in Verbindung bringt“.
„Und dein Chef?“
„Nun mein Süßer, da musst du wohl ran und mich schwängern. Denn wenn wir ein Kind haben, kann ich aussteigen. Ich bin dann nur noch Hausfrau und Mutter und du fängst in er Immobilienbranche an und vertickst deinen Landsleuten Botschaftsgebäude und Villen in Bonn“.
Brigitte machte eine Pause, holte tief Luft, schaute ihn an und mit resoluter Stimme und es klang wie ein Befehl, bestätigte sie ihren Vorschlag.
„Genau so wird es gemacht!“
Junis wusste - es war weder eine Frage, noch ein Vielleicht.
Brigittes Entschluss stand fest!
„Komm“ – sagte Brigitte. „Lass uns das Geld zählen“. Und mit einem Lachen - „Ich die DM und du die Dollar“. Unverzüglich begann sie mit dem Zählen der Geldscheine.
Es verging eine ganze Weile bis sie wussten, dass das, was sie geplant hatten, für den Rest ihres Lebens reichen und ihnen ein sorgenfreies Leben garantieren würde.
„Und“ - fragte Brigitte – „wieviel ist es?“
„785.750 Dollar“ – erwiderte Junis
Brigitte lächelte verschmitzt
„Gewonnen!“ – jubelte sie und streckte beide Arme in die Höhe. „Eine Million, 450 tausend und 550 DM“.
Junis schien wieder in Ohnmacht zu fallen, während Brigitte erstaunlich ruhig blieb.
„Schatz“- sie schaute ihn an. „Alles wird gut. Ich habe einen Plan“.
Junis schaute Brigitte an. Obwohl er Angst hatte, eins wusste er, Brigitte konnte er immer vertrauen. Sie hatte immer gute Ideen. Schließlich hat sie ihn in die Firma geholt, hatte ihm den Job als Kontakter ermöglicht und ihn auch noch als Vertrauens-person, in Punkto Geldtausch, überall empfohlen. Sie wird bestimmt wieder eine gute Idee haben dachte er sich und wartete respektvoll auf Brigittes Idee.
„Also“ - begann Brigitte. „Ich denke als erstes sollten wir niemandem, hörst du - und es klang wie ein Befehl – niemandem, auch nicht deinen Eltern, Fadi, noch deinen Geschwistern etwas davon erzählen. Und schon morgen wirst du allen Kunden ihr Geld zurückbringen!“
Junis setzte an um etwas zu sagen, doch Brigitte gab ihm mit ausgestreckter Hand unmissverständlich zu verstehen, dass sie dieses Geld nicht bräuchten. Und dass es besser wäre, so zu tun, als wüsste man von nichts. Da die Situation durch den drohenden Bürgerkrieg immer unruhiger und brenzliger wurde, empfahl sie Junis ebenfalls, allen Kunden und auch seinem Vater, zu erzählen, dass er ab jetzt mit dem illegalen Umtausch-geschäft aufhören würde.
„Hast du verstanden?“- fragte sie Junis.
Junis nickte.
„Und wie geht es weiter“ - fragte er.
„Wenn das alles erledigt ist, buche ich uns zwei Flüge und wir gehen nach Deutschland“.
„Und wie bekommen wir unser Geld nach Deutschland“
„Lass dich überraschen. Ich habe da so eine Idee“ - antwortete Brigitte mit einem verschmitzten Lächeln.
Danach ging alles sehr schnell.
Junis brachte das anvertraute Geld zurück zu seinen Kunden und Brigitte überzeugte ihren Chef, erst einmal wieder nach Deutschland zurück zu gehen und abzuwarten, wie sich die allgemeine Situation entwickeln würde.
Schon eine Woche später standen Junis und Brigitte am Flughafen in Beirut und warteten auf ihren Flug Nummer 712 mit der Swissair über Basel nach Frankfurt. Brigitte trug einen weiten Umhang. Darunter konnte man deutlich ihren dicken Bauch sehen. Mindestens Zwillinge würden es werden. Sie betraten das Flugzeug und die Stewardessen kümmerten sich während des Fluges rührend um Brigitte. Fast fünf Stunden später landeten sie wohlbehalten in Frankfurt. Die streng drein-blickende, ebenfalls hochschwangere Zollbeamtin musterte abwechselnd Brigitte und dann Junis.
Irgendwie war etwas seltsam sagte ihr der Instinkt einer Zollbeamtin mit langjähriger Erfahrung.
Brigitte erfasste augenblicklich die brenzlige Situation in der sie sich nun befanden. Bestimmt hatte die Beamtin Lunte gerochen und wird sie beide gleich nach hinten zu einer Körpervisite bitten.- dachte sich Brigitte.
Blitzschnell - und noch bevor die Beamtin reagieren konnte, nahm Brigitte Junis Hand
„Fühl mal wie unser Kind strampelt“ sagte Brigitte und führte seine Hand an ihren dicken Bauch. Langsam kreiste sie seiner Hand über ihren Bauch und zum ersten Mal stellte Junis keine Frage, sondern antwortete sofort.
„Ich glaube jetzt haben beide getreten“ Und um seine Aussage zu unterstreichen, schaute er die Beamtin mit einem breiten und glücklichen Lächeln im Gesicht, an.
Auch Brigitte, die Junis spontane Reaktion mit Erstaunen beobachtet hatte, schaute nun ebenfalls die Beamtin mit glücklich, strahlenden Augen einer werdenden Mutter an.
Die vorher so streng dreinblickende Zollbeamtin fuhr sich mit der Hand ebenfalls unwillkürlich über ihren Bauch und erwiderte Brigittes Lächeln. War sie doch auch schwanger und wusste wie sich eine werdende Mutter fühlte. Für ein paar Sekunden schauten sich nun die beiden Frauen schweigend an. Und die Spannung stieg ins unermessliche. Würde sie jetzt zu einer Leibesvisitation bitten?
„Bitte – Ihre Pässe- und alles Gute“ – sagte die Beamtin und schob Brigitte und Junis mit einem Lächeln die Reisepässe über die Theke.
„Ihnen auch“ - sagte Brigitte mit einem Blick auf den Bauch der Beamtin und zog Junis zum Ausgang.
Ohne ein weiteres Wort zu wechseln, verließen beide den Flughafen und fuhren mit dem Taxi zum Bahnhof um den Zug nach Köln zu nehmen.
„Sag mal - wieso hast du am Zoll so cool reagiert?“ - fragte Brigitte Junis. Der lächelte sie mit leuchtenden Augen an – „Wieso reagiert – Ich habe mir schon den ganzen Flug über gewünscht, dass es „unsere Kinder“ sind, die du da in deinem Bauch herumträgst“.
Brigitte traten die Tränen in die Augen. Sie hatte ihn noch nie so geliebt wie in diesem Augenblick. Vorsichtig nahm sie seinen Kopf in ihre Hände dann küsste sie ihn lang und innig. Junis war zu Hause angekommen. Das Gefühl wohlbehütet unter dem Rock der geliebten Mama zu sitzen übermannte ihn und auch ihm liefen die Tränen über die Wangen.
In wenigen Minuten erreichen wir den Hauptbahnhof Köln, krächzte es aus dem Lautsprecher im Abteil. Ausstieg ist in Fahrrichtung rechts.
Brigitte öffnete die Augen. Ganz langsam registrierte sie, dass sie wohl eingeschlafen und nun kurz vor dem Ziel „Köln“ sind. Ihr Blick fiel auf Junis, der mit seinem Kopf auf ihrem Bauch lag und friedlich zu schlafen schien. Die Frau von Gegenüber nahm ihren Koffer aus dem Gepäcknetz und drehte sich unvermittelt in Richtung Brigitte. Alles Gute ihnen dreien oder soll ich besser sagen- vieren und verließ mit einem Lächeln das Abteil.
Köln – mein geliebtes Köln – Jetzt hast du uns wieder dachte Brigitte und weckte Junis sanft auf.
„Ist das unser neues Haus“ - fragte Junis und zeigte mit einem breiten Grinsen im Gesicht auf den „Kölner Dom“.
„Noch nicht“ - antwortete Brigitte und beide lachten laut los.
„Jetzt suchen wir mal für unser „Kleines“, - demonstrativ strich sie sich über ihren dicken, mit Geld umwickelten Bauch, - „ein schönes Zuhause.
„Und dann machen wir eins, ach Quatsch fünf richtige Kinder“– fiel ihr, Junis ins Wort. Und beide lachten laut los.
Brigitte nahm Junis an die Hand- „Gute Idee – komm….“
Pulsuz fraqment bitdi.