Kitabı oxu: «Angelus Mortis»
ANGELUS MORTIS
Modernisierte Neufassung
eines Romans
von
Theodor Hildebrand
Quality Books
2021

* * * *
Quality Books
Klassiker in neuem Glanz
Textgrundlage:
Der Vampyr, oder: Die Todtenbraut
Theodor Hildebrand
Erdruck: Leipzig, 1828, bei Christian Ernst Kollmann
Neufassung: Marcus Galle
Umschlaggestaltung: Maisa Ahmad-Galle
© 2018 by Quality Books, Hameln
2., veränderte Auflage: September 2021
ISBN 978-3-946469-17-9
E-Mail: info@qualitybooks-hameln.de
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Impressum
Angelus Mortis
[Ein Vampirroman der Schwarzen Romantik]
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebtes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Einundzwanzigstes Kapitel
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Vierundzwanzigstes Kapitel
In eigener Sache
Impressum (Anschrift)
ANGELUS MORTIS
- Ein Vampirroman der Schwarzen Romantik -
Erstes Kapitel
Ein unglückliches, aber unverdientes Schicksal zwang den russischen Oberst Alfred Lobenthal im Jahr 1818, seinen Abschied vom Militär zu nehmen. Er begab sich nach Berlin, seinem Geburtsort, wo er auch gerne bis zu seinem Lebensende geblieben wäre, wenn sein verhängnisvolles Schicksal nicht etwas anderes für ihn bestimmt hätte. Nach einem kaum halbjährigen Aufenthalt in dieser prächtigen Königsstadt trat Alfred eines Morgens tief bekümmert in das Zimmer seiner Gemahlin und kündigte ihr an, dass eine dringende Notwendigkeit ihn zwinge, Berlin zu verlassen und der Familie ein neues Heim, weit entfernt von der Stadt, zu suchen, wo sie in Ruhe und Frieden leben könnten.
Helene, die Gemahlin des Obersts, erschrak zwar über diese Neuigkeit, nahm sie aber doch mit einer gewissen Gelassenheit hin. Sie liebte ihren Gatten zärtlich und wurde ebenso von ihm wiedergeliebt; den übrigen Teil ihres Glücks machten ihre Kinder aus, und wo sie sich auch befinden mochte, war sie zufrieden, wenn sie nur von ihren Lieben nicht getrennt war. In den Augenblicken der Muße, die ihr die Pflichten als Hausfrau und Mutter übrig ließen, kam Langeweile erst gar nicht auf, weil ihre Leidenschaften, die Musik und die Malerei, diesem Feind der Ruhe keinerlei Raum gaben. Daher war sie auch keineswegs betrübt, als sie von ihrem Gatten die unerwartete Neuigkeit erfuhr, und fragte ihn auch kaum nach dem Grund für seinen so plötzlichen Entschluss. Sie wünschte nur zu wissen, ob Alfred sich vielleicht wieder einmal durch politische Äußerungen in Gefahr gebracht habe. Nachdem er sie hierüber beruhigt hatte und sie wissen ließ, dass der Bankrott eines bedeutenden Handelshauses ihn um einen großen Teil seines Vermögens gebracht habe, weshalb er es für nötig erachte, einige Jahre sehr zurückgezogen zu leben, umarmte sie ihren Gatten voller Zärtlichkeit und versicherte ihm, dass sie ohne Bedauern den Trubel der Hauptstadt gegen ein Leben in der Provinz tauschen werde.
Der Oberst betrieb seine Abreise mit der größten Eile. Er wollte nicht einmal den Verkauf seines prächtigen Mobiliars abwarten, sondern bat stattdessen einen Freund, diese Angelegenheit für ihn zu übernehmen; und schon am folgenden Tag, nachdem er den Entschluss seiner Frau mitgeteilt hatte, reiste er mit ihr und seinen Kindern, nur von einem einzigen Bedienten begleitet, ab, ohne von seinen Bekannten und Verwandten Abschied genommen zu haben.
Sobald Alfred das Stadttor hinter sich gelassen hatte, schien er wie von einer großen Last befreit. Seine Blicke, die unruhig umhergeirrt waren, solange er noch in der Stadt weilte, nahmen plötzlich einen entspannten Ausdruck an und er schien zusehends freier atmen zu können. Er drückte seiner Frau lebhaft die Hand und voller Erleichterung rief er ihr zu: »Endlich haben wir die Stadt im Rücken! Du glaubst gar nicht, wie verhasst sie mir geworden ist. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis der Wagen endlich zum Tor hinausfuhr!«
»Wie kann es nur möglich sein, lieber Alfred«, erwiderte seine Frau, »dass du plötzlich so schlecht von deiner Vaterstadt sprichst? Hat Berlin denn auf einmal allen Reiz für dich verloren; du warst doch sonst immer so begeistert von ihr? Hat sich die Stadt wirklich so zum Schlechten verändert oder missfällt sie dir nur, weil sich unsere Lage geändert hat?«
»Ich muss gestehen«, antwortete der Oberst, »dass ich alles, was mich sonst so sehr für diese Stadt eingenommen hat, jetzt kaum mehr sehen mag. Ich fühle, dass es mir unerträglich wäre, auch nur noch einen Tag länger in Berlin zu bleiben.«
»Dann kannst du doch jetzt froh sein, dass wir die verhasste Stadt schon im Rücken haben. Ich wünsche dir jedenfalls von Herzen, dass du in einer anderen deine Ruhe wiederfinden wirst und alle unangenehmen Erinnerungen vergessen kannst!«
»Von welcher Stadt sprichst du denn, mein Herz?«
»Nun, von derjenigen, in der wir zukünftig wohnen werden. Wir befinden uns auf der Straße nach Potsdam, daher frage ich mich, ob du wohl nach Dresden oder nach Leipzig fahren möchtest. Oder hast du vielleicht eine noch weiter entfernte Stadt im Sinn?«
»Ach, liebe Helene«, sagte der Oberst verlegen, »es fällt mir schwer, dich ganz mit dem Opfer bekannt zu machen, das du mir bringen sollst. Denkst du, ich verlasse Berlin, um in einer anderen Stadt zu wohnen? Gewiss nicht, denn in meiner Lage sehne ich mich nur nach Einsamkeit! Liebe Helene, ich hoffe, du wirst dich nicht über meinen grausamen Entschluss beklagen. Ich will nämlich eine abgelegene, ländliche Unterkunft suchen, wo nichts …«
Eine plötzliche Röte überzog bei diesen Worten die schönen männlichen Züge des Obersts; er hielt mitten im Satz inne und sah Helene mit einem unbeschreiblichen Blick an, in dem die schmerzhaftesten Empfindungen nicht zu verkennen waren.
Helene wäre hierüber vielleicht beunruhigt gewesen, wenn sie nicht geglaubt hätte, die Ursache für den Schmerz ihres Gatten zu kennen. Denn sie wusste ja, wie sehr ihm der Verlust des Geldes, vor allem ihret- und der Kinder wegen, zu Herzen ging; und sie wusste, wie sehr er sie liebte. Deshalb fürchtete sie, dass es ihm Kummer bereiten musste, sie mitten aus den Vergnügungen der großen Welt herauszureißen und ihr die Einsamkeit des Landlebens zuzumuten. Ohne daher weiter über Alfreds Verhalten nachzudenken, hielt sie sich bloß an den äußeren Schein und sagte, ihrem Gatten die Hand drückend:
»Beruhige dich, lieber Alfred; es ist mir egal, welchen Winkel der Erde ich bewohne, wenn ich nur bei dir und meinen Kindern bin. Meine Pinsel und Farben sind hier in diesem Kästchen und meine Harfe wird mir nachgesandt: Was könnte mir da noch zu meinem Glück fehlen?«
»Wirklich, teure Helene, du fürchtest dich nicht vor dem einsamen Landleben?«
»Das wäre nur dann der Fall, wenn ich von den drei mir teuren Wesen getrennt wäre; doch sind wir zusammen, ist mein Glück stets vollkommen.«
»Du weißt gar nicht, von welcher Sorge du mich damit befreist; denn ich glaube dir, dass du es ernst meinst! Um es frei herauszusagen, ich ertrage in meinem jetzigen Zustand wirklich nur die Einsamkeit und Zurückgezogenheit und sehne mich weg von allem Trubel des Lebens. Daher will ich versuchen, einen Zufluchtsort zu finden, der nicht so nahe bei der Stadt liegt, dass man uns belästigen wird, der aber auch nicht so weit entfernt ist, dass wir auf alle Annehmlichkeiten der Städte verzichten müssen; wobei ich insbesondere an die Hilfe der Arzneikunst denke, falls Wilhelm und Julie (die Namen ihrer beiden Kinder) einmal krank sein sollten.«
»Und wo, Alfred, denkst du, diesen Zufluchtsort zu finden?«
»In Böhmen, nicht weit von Prag.«
»Es scheint mir aber, dass du bei allen deinen früheren Reisen noch nie in dieser Gegend gewesen bist. Kennst du denn jemanden in Böhmen und weißt du bereits, wo wir dort leben werden?«
»Nein, durchaus nicht; ich habe mir Böhmen ja deshalb ausgesucht, weil ich dort völlig unbekannt bin; alles Weitere überlasse ich erst mal dem Zufall. Ich hoffe, dass meine Spur auf diese Weise völlig verloren gehen wird und ich somit keinen Belästigungen ausgesetzt sein werde … denn der Anblick von Menschen ist mir verhasst geworden. Ach, könnte ich doch nur die Vergangenheit aus meinem Gedächtnis streichen! Teure Helene, wie sehr wünschte ich, nur für dich gelebt zu haben!«
Diese zärtlichen Worte, die Helene ihrer Natur nach nur angenehm sein konnten, brachten in ihrem Herzen jedoch eine genau entgegengesetzte Empfindung hervor. Der Ton, mit dem ihr Gemahl sie ausgesprochen hatte, schien einen bitteren Vorwurf gegen ihn selbst anzudeuten, und seine Physiognomie sagte dabei mehr aus als seine Worte. Helene liebte ihren Mann noch wie in den ersten Tagen ihrer Ehe; bis jetzt hatte sich in ihrem Herzen noch nie eine eifersüchtige Empfindung geregt, weil Alfreds Verhalten sie überzeugte, dass sie allein in seinen Gedanken herrschte; aber diese Ruhe konnte von einem Augenblick zum anderen getrübt werden. Helene hatte bis jetzt noch nie ernstlich darüber nachgedacht, welches Leben ihr Mann wohl vor der Bekanntschaft mit ihr geführt haben könnte; sie ging zwar davon aus, dass ein junger, hübscher Offizier sicherlich eine Menge verliebter Abenteuer gehabt haben musste; aber sie glaubte, dass Alfred nicht genügend Zeit gehabt hatte, sich Gefühlen hinzugeben, die erst dann gefährlich werden, wenn sie lange dauern.
Was das anging, machte sich Helene also keine Sorgen; allerdings stieg jetzt der unglückliche Gedanke in ihr auf, dass vielleicht eine ältere Liebesintrige etwas mit der plötzlichen Abreise, die einer übereilten Flucht glich, zu tun haben könnte.
Was immer auch Helene in dieser Hinsicht gedacht haben mochte, so hütete sie sich doch, diese Gedanken auszusprechen; sie versuchte vielmehr, sie zu unterdrücken, indem sie ein gleichgültiges Gespräch anfing. Hierbei kamen ihr die Fragen ihrer Kinder zu Hilfe, und Alfred, der sich über deren unschuldiges Geschwätz freute, versuchte, ihre Neugierde zu befriedigen. Der Oberst bemerkte indessen, dass die Miene seiner Gemahlin ernster und nachdenklicher geworden war; doch da er diesen Anschein von Kummer nur ihrer Abreise von Berlin zuschrieb, gab er sich alle Mühe, sie durch seine Zärtlichkeit wieder aufzuheitern, was ihm auch so gut gelang, dass Helene, von seiner Liebe zu ihr gerührt, all ihre leeren Mutmaßungen beiseite warf und sich ganz dem Glück überließ, mit ihrem Gatten und ihren Kindern leben zu können.
Zweites Kapitel
Kaum war die Familie in Prag angekommen, verlor der Oberst keine Zeit, die einsame Bleibe zu suchen, nach der er sich von ganzem Herzen sehnte. Er wandte sich hierzu an einen Kommissionär, um zu erfahren, ob es abseits aller großen Straßen, aber doch nicht zu weit von der Stadt entfernt, eine ländliche Immobilie gab, die zur Vermietung oder zum Verkauf stand; und er hatte Glück, denn der Zufall entsprach hierbei völlig seinen Wünschen. Der Eigentümer des Schlosses R…, das in einer romantisch schönen und fruchtbaren Gegend, ungefähr zwei Stunden von Prag entfernt, lag, hatte schon seit längerer Zeit vergebens Liebhaber des Landlebens gesucht, aber bis jetzt noch keinen Mieter für das uralte Gebäude, welches er selber nicht bewohnte, finden können. Daher ging er auch gleich auf die Bedingungen des Obersts ein, nachdem dieser das Schloss, gleich nach Kenntnis dessen Vermietung, einer gründlichen Besichtigung unterzogen hatte. Entzückt von dessen Lage, die genau seinen Wünschen entsprach, setzte Alfred sogleich einen Mietvertrag in gehöriger Form auf und begab sich mit seiner Familie zu seinem neuen Zuhause. Die nötigen Möbel, einfach, aber bequem, nicht prächtig, aber geschmackvoll, hatte er in der Stadt gekauft und ließ sie unter Aufsicht eines alten Unteroffiziers von seinem Regiment nachkommen. Dieser Mann namens Werner, ebenfalls ein Deutscher, ein tapferer Soldat, war in Russland schon vor längerer Zeit mit einer kleinen Pension verabschiedet worden. Da Lobenthal ihm einst in einer Schlacht das Leben gerettet hatte, empfand Werner eine starke Verbundenheit zu seinem Oberst, die letztlich dazu führte, dass er in dessen Dienste trat, wobei er jedoch weniger die Rolle eines Bedienten als vielmehr die eines treuen und völlig ergebenen Freundes einnahm. Eine Köchin und ein Hausmädchen, beide in Prag in Dienst genommen, machten das Hauswesen des Obersts bereits komplett; denn Helene und ihr Gemahl hatten bewusst auf allen Luxus verzichtet, weil er schlicht seine Bedeutung für sie verloren hatte.
Die ersten Tage nach ihrer Ankunft im Schloss R… verflossen unter Beschäftigungen, die mit der Veränderung des Wohnsitzes gewöhnlich verbunden sind. Die Arbeiter hierfür waren in jener Gegend jedoch entweder selten zu haben oder sie waren ungeschickt, wodurch die ganze innere Einrichtung und Renovierung des Schlosses auf des Obersts und Werners Schultern ruhte. Sie leimten die Tapeten an, hängten die Spiegel auf, stellten die Möbel an ihren Platz, schlugen die Betten auf usw., und ihre Hände, nur gewohnt, Waffen zu führen, wussten sich äußerst geschickt der Werkzeuge friedlicher Arbeiter zu bedienen.
Auch Helene war ihrerseits nicht müßig; die Wäsche, die Küche und die Speisekammer gaben ihr vollauf zu tun; sie vernachlässigte nichts, und während die beiden Gatten so miteinander arbeiteten, verschönerten sie ihre Zeit durch die Bekundungen ihrer zärtlichen Gefühle und die Glückseligkeit eines vollkommenen gegenseitigen Vertrauens. Doch mitten unter diesen leichten Arbeiten verdunkelte oft eine plötzliche Erinnerung die heitere Stirn des Obersts; ein unwillkürliches Erbeben, das er sogleich wieder zu unterdrücken versuchte, bewies, dass ihn ein geheimer Kummer bedrücken musste, und mehr als einmal drehte Helene schnell ihr Gesicht zur Seite, um ihren Gatten durch ihre besorgten Züge nicht noch zusätzlich zu belasten.
Diese Phase währte jedoch nicht lange, und immer öfter sah man ihn bald von einer heiteren Unbeschwertheit durchdrungen; die Gegenwart seiner Kinder bereitete ihm Vergnügen und sehr häufig nahm er an ihren unschuldigen Spielen teil; bald beschäftigte er sich mit seiner Flöte, bald durchstrich er, von einem Jagdhund begleitet, die zahlreichen umliegenden Täler und Berge. Hier aber, von dickem Gebüsch umgeben, setzte er sich oft am Fuß einer Eiche nieder und überließ sich seinen Träumereien, die ihn meist mehrere Stunden lang in ihrem Bann hielten. Für gewöhnlich weckten ihn erst die einbrechende Abenddämmerung oder einige vorübergehende Landleute wieder aus diesem fast bewusstlosen Zustand; er schlug sich dann heftig vor die Stirn und eilte schnellen Schrittes zum Schloss zurück.
Hätte Helene nur Geschmack für die Vergnügungen der großen Welt gehabt, würde sie sich an ihrem jetzigen Aufenthaltsort äußerst unglücklich gefühlt haben. An Gesellschaft war hier kaum zu denken; die in der Nähe wohnenden Herrschaften kamen nur im Sommer aufs Land, und sechs Monate lang im Jahr würde es niemand von ihnen gewagt haben, sich zwischen die Berge und Felsen zu begeben, die im Winter fast gänzlich unzugänglich waren. Wir haben aber schon gesagt, dass Helene in sich selbst vortreffliche Hilfsmittel zum Zeitvertreib fand. Wenn das Hauswesen ihre Tätigkeit nicht in Anspruch nahm, vergnügte sie sich durch Musik, Malerei und das Lesen der besten Werke unserer schönen Literatur, oder sie fand hinreichenden Genuss in der Gesellschaft ihres Mannes und ihrer Kinder.
Ein ganzes Jahr verging, ohne dass irgendeine außerordentliche Begebenheit eine Abwechslung in das stille und einförmige Leben der Familie Lobenthal gebracht hätte. Je mehr Zeit verfloss, desto mehr erlangte der Oberst seine Ruhe wieder, und keine unangenehme Erinnerung schien ihn mehr zu belasten. Helene, die ihren Gatten sehr genau beobachtete, freute sich heimlich darüber. Nur selten verließ Alfred jetzt noch das Schloss; er ging nicht mehr so häufig wie am Anfang auf die Jagd, sondern war fast immer bei seiner Frau und seinen Kindern, mit deren Erziehung er sich beschäftigte. Zum Zeitvertreib ließ er sich auch die Verschönerung des Schlossgartens angelegen sein, den er mit mehreren seltenen und schönen Blumen bereichert hatte.
Auch der Winter war an diesem einsamen und abgelegenen Ort für Alfred und Helene nicht ohne Reiz, denn sie verstanden es, sich selbst genug zu sein. Wenn der häufig fallende Regen die Wege in der Umgegend so verdorben hatte, dass es völlig unmöglich war, spazieren zu gehen, diente der weite Saal des Schlosses als gymnastischer Tummelplatz, an dem Vater und Kinder sich für die körperliche Ausbildung der Letzteren heilsamen Leibesübungen überließen. Ohne Unterlass hallte dann von den langen und hohen leeren Wänden ein lautes und herzliches Gelächter wieder. Den Stunden des Vergnügens folgte ein lehrreicher Unterricht; die Abende verflossen unter angenehmen Erzählungen, mit denen Helene ihre beiden kleinen aufmerksamen Zuhörer in Staunen versetzte, und voller Entzücken betrachtete dann Alfred dieses Gemälde der häuslichen Glückseligkeit.
Man schenkte weder den Stürmen und dem Schnee noch dem Regen, der gegen die Fenster prasselte, Beachtung, und nach und nach verschwand jede Erinnerung an eine bittere Vergangenheit.
Auch der nächste Frühling verfloss in dieser angenehmen Ruhe. Um die Mitte des Monats Juli erhielt der Oberst jedoch einen Brief, der ihn mit neuem Kummer erfüllte. Er hatte eine Schwester, die in Stettin an einen königlichen Beamten verheiratet war. Gegenseitiges Unrecht unter den beiden Gatten, die beide noch jung und vielleicht Sklaven ihrer Leidenschaften waren, hatte schon mehrere unangenehme Auftritte zwischen ihnen herbeigeführt, die sich noch täglich vervielfältigten. Ein gemeinsamer Freund dieser beiden Unglücklichen, der einen öffentlichen Ausbruch ihrer Uneinigkeiten befürchtete, hielt es für seine Pflicht, den Oberst von dem, was vorging, zu benachrichtigen. Er drängte ihn, keine Zeit zu verlieren und unverzüglich nach Stettin zu reisen, weil der Oberst, wie er glaubte, der Einzige war, dem eine dauerhafte Aussöhnung der beiden Gatten gelingen konnte.
Alfred Lobenthal kam diese dringende Aufforderung äußerst ungelegen. Es schien ihm zu hart, sich aus dem Schoß seiner glücklichen Familie zu entfernen, um wieder in die Welt zurückzukehren, deren verhasstem Trubel er nun schon entgangen war. Er fühlte zwar, wie nützlich seiner Schwester sein guter Rat sein konnte, um sie vor dem Abgrund des Unglücks zu bewahren, dem sie unbedachtsam entgegenzueilen schien, und sein Herz machte ihm auch Vorwürfe wegen der Gleichgültigkeit, die er ihr gegenüber an den Tag legte, obwohl er eigentlich die Rolle eines Vaters für sie zu übernehmen hatte; doch auf der anderen Seite sollte er sich auf unbestimmte Zeit von seiner zärtlichen Gattin und seinen Kindern trennen, und dieses Opfer war ihm zu groß. Er wusste lange nicht, was er tun sollte; ehe er jedoch einen Entschluss fasste, versuchte er, durch schriftliche Ermahnungen auf seine Schwester einzuwirken. Solche Vorstellungen, die an die Vernunft der Betreffenden appellierten, konnten aber da kein Gehör finden, wo heftige Leidenschaften laut ihre Stimmen erhoben; die beiden Gatten klagten einander gegenseitig in den Antworten an, die sie ihm auf seine Briefe zukommen ließen, und dachten nicht daran, sich wieder zu versöhnen. Endlich gelangte ihre Uneinigkeit an einen solchen Punkt, dass Alfreds Schwester keinen Anstand nahm, das Haus ihres Mannes zu verlassen und sich auf das Landgut einer ihrer Freundinnen zurückzuziehen.
Drittes Kapitel
Als der Oberst Nachricht davon erhielt, dass seine Schwester das eheliche Haus verlassen hatte, zögerte er nicht länger; er machte sich Vorwürfe, nicht schon früher abgereist zu sein, und gab sich selbst einen Teil der Schuld an dem Fehler, den seine Schwester begangen hatte. Jetzt musste so schnell wie möglich Hilfe geleistet werden, und nachdem er Helene um Rat gefragt hatte, die völlig seiner Meinung war, begab er sich nach Prag, von wo er mit Extrapost weiter nach Stettin eilte. Er reiste ganz allein und ließ zum Schutz für seine Frau und Kinder den rechtschaffenen und furchtlosen Werner zurück, den er in allem, was das Interesse seiner Familie betraf, als sein zweites Selbst betrachten konnte. Helene musste ihren ganzen Mut zusammennehmen, um beim Abschied von ihrem Gatten die Fassung zu bewahren, zumal es die erste Trennung von ihm war. Doch es gelang ihr, den Schmerz in sich zu verschließen und nur so viel davon zu zeigen, wie sie zurückzuhalten nicht imstande war.
»Ach, Geliebter!«, rief sie unter einem Strom von Tränen. »Kehre bald wieder zu mir zurück! Erst jetzt wird mir dieser Ort hier wirklich wie eine Einöde vorkommen; ich werde mich völlig alleine fühlen, sobald du nicht mehr bei mir bist.«
Alfred versuchte, der zärtlichen Helene einigen Trost zu spenden. Schon befand man sich im Monat September und er versprach ihr, spätestens im Dezember zurückzukehren; hinzusetzend, dass sie auf seine Liebe vertrauen solle, durch die er selbst nichts sehnlicher wünsche, als noch weit früher in ihre Arme zurückzukehren, wenn es nur irgend möglich sei. Aber wie vergeblich sind alle Trostbekundungen in dem Augenblick der Trennung! Man fühlt nichts als das gegenwärtige Übel, welches einen niederdrückt. Die Zukunft ist in solcher Stimmung belanglos, die Hoffnung verliert all ihren Zauber und man kennt nur die Qual der Gegenwart.
In den ersten Tagen nach Alfreds Abreise war Helene wie in einem Zustand der Bewusstlosigkeit. Ihr Geist, von vielen ängstlichen Gedanken angegriffen, wurde für eine abergläubische Furcht empfänglich, und nur mit einem geheimen Schauder ging sie des Abends die Treppe hinauf und durch den großen Saal. Die Einbildungskraft, die stets bereit ist, alles herbeizuziehen, was uns zu ängstigen vermag, nahm an Lebhaftigkeit noch stetig zu, was zur Folge hatte, dass bald schon die geringste Kleinigkeit genügte, um sie in Furcht zu versetzen. Oft blieb sie plötzlich zitternd stehen, weil sie glaubte, ein sonderbares Geräusch gehört zu haben, oder sie machte ihre Augen zu, aus Scheu, irgendeine fürchterliche Erscheinung zu erblicken. Die Gesellschaft ihrer Kinder reichte an den Abenden, die schon lang zu werden begannen, nicht mehr aus, um sie zu beruhigen; sie rief nach dem treuen Werner und nach Lisette, der Köchin, einem guten, aber höchst abergläubischen, furchtsamen Mädchen, und behielt beide stundenlang unter dem Vorwand bei sich, ihnen Befehle für den folgenden Tag geben zu wollen oder sich Rechenschaft darüber geben zu lassen, was sie den Tag über getan hatten.
Es mag auf dem Land auch noch so einsam sein, die Häuser mögen auch noch so weit voneinander entfernt liegen, so führt dies alles doch nicht dazu, die Neugierde der Landbevölkerung zu vermindern. Für diesen Menschenschlag ist schon das gewöhnlichste Ereignis etwas Besonderes. Sie geben auf die geringste Kleinigkeit acht und alles wird den Nachbarn getreulich weitererzählt. So war es auch bei der Ankunft der Familie Lobenthal im Schloss R… Was für übertriebene Dinge erzählte man sich von ihr, was für lächerliche Märchen wurden auf ihre Kosten verbreitet! Aber die Zeit verfloss und ein und derselbe Gesprächsstoff kann nicht ewig zur Unterhaltung dienen; daher schien die Familie Lobenthal, nachdem fünfzehn Monate vergangen waren, bei den Einheimischen völlig als eingebürgert und dazugehörig zu gelten, und man trat sogar mit der Dienerschaft in freundschaftliche Verhältnisse, sodass es nun häufiger vorkam, dass die Männer im Stall mit Werner und die Frauen in der Küche mit Lisette Unterhaltungen anknüpften und ihnen erzählten, was sie sonntags vor der Kirchtür Neues gehört hatten.
Lisette und Werner erzählten, sofern Gelegenheit dazu war, ihrer Herrin gerne wieder, was sie gehört hatten, und Helene errötete innerlich über das seltsame Vergnügen, das sie dabei genoss, ihnen zuzuhören; denn Zerstreuung war ihr während der Abwesenheit ihres Mannes sehr nötig, und ganz gleich, welchen Gegenstand man vor ihr zur Sprache brachte: sie zog das albernste Geschwätz immer noch der Einsamkeit vor.
Schon war der Oberst seit mehr als einer Woche nicht mehr im Schloss, als Lisette eines Abends mit so wichtiger Miene ins Zimmer trat, dass Helene nicht daran zweifeln konnte, gleich eine außerordentliche Neuigkeit mitgeteilt zu bekommen. Sie irrte sich nicht; sobald das gute Mädchen sich bei der Lampe niedergesetzt hatte, die ihr zu ihrer Abendarbeit leuchtete, fing sie zu erzählen an:
»Von nun an, Frau Oberstin, werden wir nicht mehr so ganz allein in dieser Gegend sein; das Land hier wird immer mehr bevölkert, die Anzahl der Fremden vermehrt sich; und wenn das so weiter geht, wird man bald, wie man im Dorf sagt, montags einen Markt auf unserm Schlossplatz abhalten können.«
»Ja, mein Gott«, antwortete Helene erstaunt, »wer sind denn die zahlreichen Leute, die sich in der Gemeinde angesiedelt haben?«
»Um die Wahrheit zu sagen, Frau Oberstin, sind es noch nicht wirklich viele, aber das wird noch kommen. Fürs Erste ist es nur ihre Familie und dann eine Dame, deren Geschichte und Herkunft man noch nicht kennt, und die das kleine Haus dort unten im Tal, mitten im Wald, gekauft hat.«
»Da hat sie sich aber eine sehr einsame Wohnung gewählt, und entweder muss sie viel Mut besitzen oder ein großes Gefolge bei sich haben, wenn sie ohne Furcht in diesem Haus bleiben kann.«
»Dieser Meinung ist auch das ganze Dorf, und dennoch ist sie ganz allein; denn ihr alter Bedienter kann hier gar nicht mitgezählt werden, weil er so abgelebt, so bleich und hinfällig aussieht, dass er weniger einem lebendigen Menschen als eher einem Bewohner der anderen Welt gleicht. Was die Dame betrifft, so sagt man, dass sie schön sei, obgleich ihre Miene etwas ganz Außerordentliches haben soll. Ich kann übrigens nichts Näheres darüber sagen, weil ich sie noch nicht gesehen habe; doch ich müsste schon sehr krank sein, sollte ich am nächsten Sonntag in der Kirche fehlen. Die Dame wird doch ohne Zweifel dort sein, und dann will ich sie genau betrachten, damit ich ihnen einen gründlichen Bericht abstatten kann, falls es ihnen selbst nicht möglich sein sollte, sie mit eigenen Augen zu sehen.«
»Ich bezweifle nicht, Lisette, dass du sie dir genau ansehen wirst; aber was erzählt man sich denn im Dorf von ihr? Weiß man, aus welchem Grund sie sich gerade jetzt, wo es schon auf den Winter zugeht, eine so wenig angenehme Wohnung genommen hat? Ist sie aus Prag? Ist sie Witwe oder unverheiratet?«
»Man hat all diese Fragen schon ihrem Bedienten gestellt, ohne auch nur die kleinste Antwort darauf zu bekommen; denn dieser Bediente soll ein mürrischer und äußerst grober Mensch sein. Seine Antworten sind: ja, nein, vielleicht: das geht euch nichts an; was er kauft, bezahlt er, ohne dabei irgendetwas zu sagen, und wenn er fertig ist, entfernt er sich auch sogleich wieder. So viel scheint jedoch schon sicher zu sein, dass diese Leute keine Deutschen sind; denn sie haben eine ganz seltsame Aussprache und bedienen sich untereinander fremder, unverständlicher Worte.«
»Ist diese Dame denn schon länger hier?«, fragte Helene, in der bereits die Hoffnung keimte, dass ihr die Fremde eine Gesellschafterin sein könnte, mit der zugleich einige Abwechslung in ihr einfaches, gleichförmiges Leben käme.
»Sie ist an demselben Tag hier angekommen, an dem der Herr Oberst abreiste. Anfangs stieg sie bei dem Schäfer Paul ab und fragte ihn, ob nicht in der Nähe irgendein Haus zu mieten oder zu kaufen sei. Paul erwiderte, dass die Gebrüder Gierschmann das kleine Haus im Wald verkaufen wollten; sie ließ sie sogleich herbeiholen, handelte mit ihnen den Preis aus und schlief schon in derselben Nacht in ihrem neuen Zuhause. Paul und die beiden Gierschmanns haben aus diesem Verkauf anfangs ein Geheimnis gemacht, wahrscheinlich, weil sie der armen Dame eine übermäßig hohe Summe für das Haus abgenommen haben. Aber am Ende kommt doch alles heraus: Die Geschichte wurde bekannt, und ich bin nicht die Letzte, die sie erfahren hat. Vor einer Stunde habe ich sie von der Frau des Nachtwächters gehört, und ich würde gegen meine Pflicht gehandelt haben, wenn ich ihnen nicht sogleich alles erzählt hätte.«
Helene dankte Lisette durch eine Verneigung des Kopfes für ihren guten Willen und nahm sich vor, so bald wie möglich Bekanntschaft mit der fremden Dame zu machen.
Während dieses langen Gesprächs schwieg Werner, der ebenfalls zugegen war, und schüttelte nur von Zeit zu Zeit den Kopf. Diese Bewegung und sein Stillschweigen fielen der Oberstin auf und daher fragte sie ihn, ob er Misstrauen gegen die unbekannte Dame hege.
»Nun ja«, erwiderte Werner, »ich sehe nicht gerade etwas Gutes darin, das sie in dieser Gegend erschienen ist. Eine junge Frau, die auch hübsch sein soll, wie man sagt, kommt mit einem einzigen Bedienten hierher, um sich in ein abgelegenes Haus einzuschließen: Sollte das nicht zu denken geben? Hat sie einen Mann? Wo ist ihre Familie? Könnte sie vielleicht eine Abenteurerin sein? Ich habe ehemals genug von diesen geheimnisvollen Prinzessinnen bei unseren Offizieren gesehen, die anfangs alle Blicke scheuten und sich unnahbar verhielten, bis sie irgendeinen Fang gemacht hatten. Dann erschienen sie am helllichten Tage und zeigten ihre Reize, ihre Pracht und ihr schlechtes Benehmen; hatten sie nun die Frucht gänzlich ausgesogen, verschwanden sie plötzlich wie die Irrwische, die wir oft dort unten auf dem Morast erblicken.«
»Ich kann mir vorstellen«, antwortete Helene, »dass man solche unglücklichen Geschöpfe in einer großen Stadt antrifft, die, um einen desto besseren Handel mit ihren Reizen zu machen, die Neugierde durch das Dunkel anzufachen versuchen, mit dem sie sich umhüllen; aber hier in R…, mein guter Werner, was sollte eine solche Person hier suchen? Wo ist hier der reiche Junggeselle, den sie verführen könnte? Ich kenne in der ganzen Gegend nur Familien, die in der vollkommensten Eintracht leben und zudem in Kürze das Land bis zum künftigen Sommer verlassen werden. Kann es nicht vielmehr sein, dass diese Dame Schicksalsschläge erlitten hat? Oder schämt sie sich vielleicht, in der Welt auf einem niedrigeren Fuße zu leben, als ihr früher ihrem Rang nach zukam? Und wird wohl eine heutige Sirene mitten im Wald, fern von jeder Straße ihren Aufenthalt wählen? Wird sie sich nicht vielmehr den Orten nähern, die häufig von Reisenden besucht werden? Nein, mein lieber Werner, dein Verdacht ist ungerecht; man sollte von seinem Nächsten nichts Übles denken, solange keine triftigen Gründe dazu vorhanden sind.«
Werner erwiderte nichts, aber er schien keineswegs überzeugt zu sein. Ihm diente seine Erfahrung als Richtschnur, wonach er alles beurteilen zu können glaubte, was ihm begegnete.
Der folgende Tag war außerordentlich schön. Gegen Abend gingen die Kinder unter Werners Aufsicht spazieren, und der Zufall führte sie zum nahe gelegenen Wald, während Helene selbst sich nicht so weit vom Schloss entfernte, sondern nur bis zum Dorf hinunterging, wo sie mit den Landbewohnern, denen sie begegnete, von der nahe bevorstehenden Ernte plauderte. Alle erzählten ihr aber von der fremden Dame; ihre Ankunft hatte die allgemeine Neugier gereizt und man beobachtete daher jeden ihrer Schritte. Man wusste, dass sie gegen Abend ihre Wohnung verließ, um in der Umgegend spazieren zu gehen; solange aber die Sonne noch am Himmel stand, zeigte sie sich nur höchst selten. Den ganzen Tag brachte sie in einem Zimmer ihres oberen Stockwerks zu, wo niemand sie zu sehen bekam. Ihr alter Bedienter verrichtete sämtliche Geschäfte des Hauswesens, aber er sah stets so mürrisch aus, dass man keine Lust verspürte, eine Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen, wenn er dann und wann ins Dorf kam, um etwas einzukaufen.
Je mehr Helene über die Unbekannte hörte, desto fester nahm sie sich vor, sie kennenzulernen; denn trotz all ihrer vortrefflichen Eigenschaften war die Frau Oberstin doch immer noch eine Tochter unserer gemeinsamen Stammmutter Eva. Allerdings wusste sie ihren geheimen Wunsch unter einer scheinbar großen Gleichgültigkeit zu verbergen, und als es finster zu werden begann, kehrte sie zum Schloss zurück.
Sobald ihre Kinder sie erblickten, liefen sie ihr voller Freude entgegen. »Ach, Mutter, liebe Mutter!«, riefen beide zugleich. »Wir haben die schöne unbekannte Dame gesehen und mit ihr gesprochen. Sie hat uns diese schönen Blumenkränze geschenkt. Ach, wie gut und wie hübsch sie ist!«
Dieses unverhoffte Zusammentreffen und die Worte ihrer Kinder reizten Helenes Neugierde noch mehr. »Still, liebe Kinder«, sagte sie, »sprecht nicht beide zugleich; eines von euch soll mir erzählen, was vorgefallen ist, und das andere kann dann nachholen, was das erste vielleicht vergessen hat.«
Dieser Vorschlag war zwar ganz angemessen, aber nicht frei von Schwierigkeiten, was seine Ausführung anging. Julie, ein höchst lebhaftes, niedliches Mädchen, schien nicht geneigt, ihrem Bruder das Wort zu überlassen, der seinerseits wieder das Recht des Älteren in Anspruch nahm, um der Erzähler des kleinen Abenteuers zu sein. Hieraus entstand ein ernsthafter Streit. Helene versuchte anfangs vergebens den Weg der Güte: Sie drang nicht durch, weil Julie sprechen und Wilhelm nicht schweigen wollte. Die Mutter sah sich endlich genötigt, ihre ganze Autorität zu gebrauchen, und ein bestimmter Befehl legte dem kleinen Mädchen Stillschweigen auf. Julie nahm nun eine schmollende Miene an und setzte sich in einen Winkel des Zimmers, wo sie ihr niedliches Gesichtchen in den Händen verbarg und dabei versicherte, dass ihr Bruder falsch erzähle, dass sie aber gewiss den Mund nicht öffnen werde, um ihn zu berichtigen.
Wilhelm, stolz auf die Auszeichnung, die ihm seine Mutter zuteilwerden ließ, stellte sich lächelnd vor sie hin und fing nun seine Erzählung an: »Ich hatte Lust, liebe Mutter, in das Tal hinabzugehen, um einige von den schönen Blumen, die dort so reichlich auf der Wiese wachsen, zu pflücken. Ich bat daher unseren Werner, uns dorthin zu führen, und er willigte ein; wir waren aber kaum einige Augenblicke da, so lief auch schon Julie, die niemals ruhig bleiben kann, mit allen Kräften auf den Wald zu.«
»Das ist nicht wahr!«, rief Julie, voll Ärger über die Beschuldigung ihres Bruders. »Ich verfolgte einen schönen, bunten Schmetterling und du tatest dasselbe. — Siehst du wohl, liebe Mutter, dass du von Wilhelm nichts Ordentliches erfahren wirst? Daher will ich dir lieber erzählen, was geschehen ist, denn mit mir hat ja die Dame zuerst gesprochen.«
»Ich habe dir befohlen zu schweigen«, antwortete die Mutter sanft, aber ernsthaft; »und ich will, dass du mir gehorchst. Dass ich also meinen Befehl nicht zum dritten Mal wiederholen muss!«
Die Strenge dieser Worte, die doch so wenig der Liebe Helenes zu ihrem niedlichen Töchterchen entsprach, verursachte der Kleinen so viel Schmerz, dass Julie in einen Strom von Tränen ausbrach und ihrer Mutter ihre kleinen Arme um den Hals warf. Helene sah nun ein, dass sie sich zu streng gezeigt hatte, und ohne ein Wort zu sagen, streichelte sie mit ihrer Hand die schönen blonden Locken ihrer Tochter und drückte dann einen Kuss auf ihre Stirn, worauf sich die Heiterkeit bei derselben sogleich wieder einstellte. Indessen fuhr Wilhelm in seiner Erzählung fort. Er berichtete, wie die fremde Dame plötzlich vor seinen erstaunten Blicken erschienen sei, während er gerade seiner Schwester habe nacheilen wollen, die mitten ins dickste Gebüsch gelaufen sei; wie Julie die Hand der fremden Dame gehalten habe und diese sich dann zu ihren Spielen gesellte, »obgleich sie«, bemerkte der Knabe, »die Fröhlichkeit nicht gerade zu lieben scheint. Sie war immer ernsthaft, und das laute Gelächter Julies, womit sie immer sehr freigebig ist, schien ihr sogar ein gewisses Unbehagen zu verursachen. Aber sie behandelte uns mit einer außerordentlichen Güte. Werner, der eigentlich schon längst mit uns nach Hause zurückkehren wollte, musste sich noch sehr gedulden, denn die Fremde wollte gar nicht damit aufhören, immer noch einige Blumen zu den Kränzen hinzuzufügen, die sie für uns wand. Sie ist wirklich erstaunlich geschickt; nur weiß ich nicht, warum sie beständig einen Handschuh an der linken Hand trägt; das muss ihr doch sehr beschwerlich sein. Julie wollte ihn ihr abziehen, aber sie hinderte sie mit einer sehr heftigen Bewegung daran und warf ihr zugleich einen Blick zu, der mich und meine Schwester in Schrecken versetzte; so böse schien er uns zu sein.«
Diese Erzählung wurde in allen Punkten von dem kleinen Mädchen bestätigt, das sich nun beeilte, das Wort zu ergreifen. Julie fügte noch eine Menge Einzelheiten hinzu und erzählte ihrer Mutter, dass die hübsche Dame ihr mitten im Gebüsch so plötzlich erschienen sei, als wenn sie aus der Erde hervorgekommen wäre.
»Ich erschrak anfangs sehr«, fuhr Julie fort, »und als die Dame es bemerkte, schien sie darüber sehr bekümmert zu sein. Sie kam dann lächelnd auf mich zu und ihre freundlichen Worte machten mich bald mutiger. Übrigens hat sie mir nicht einmal die kleinste Frage gestellt, was doch sonst eigentlich alle tun, die mich zum ersten Mal sehen; sie sprach nur von unseren Spielen und Vergnügungen und wie sehr sie meine Freundin zu werden wünschte. Dich und Papa hat sie mit keinem Wort erwähnt.«
Werner, der nun ebenfalls befragt wurde, bestätigte alles, was die Kinder gesagt hatten. Aber über seinem ganzen Wesen schien eine große Verwirrtheit zu liegen, die er vergebens zu verbergen versuchte; sie wurde gegen seinen Willen so sichtbar, dass Helene aufmerksam werden musste.
»Nun, Werner«, sagte sie, »wie es scheint, bist du nicht so sehr für die fremde Dame eingenommen wie Wilhelm und Julie. Hegst du noch immer dein früheres Misstrauen gegen sie oder hast du sie vielleicht gar wiedererkannt?«
»Ich, sie wiedererkannt haben?«, rief der alte Soldat, dessen Gesicht in diesem Augenblick alle Farbe verlor. »Ich wüsste nicht, Frau Oberstin, wie mein Betragen sie zu solch einer Vermutung veranlassen könnte. Ich kenne diese Person nicht; aber dennoch bleibe ich bei meiner Meinung, dass ihr Erscheinen an diesem Ort und zu dieser Jahreszeit zu ungewöhnlich ist, um sich etwas Gutes davon zu versprechen. Wenn Sie meinem Rat folgen wollten, würden sie ihren Kindern nicht erlauben, bekannter und vertrauter mit ihr zu werden. Was die Erlaubnis betrifft, dass diese Unbekannte ihren Fuß über die Schwelle des Schlosses setzt, wissen Sie selbst, was sie zu tun haben. Doch wenn ich an ihrer Stelle wäre, würde ich nicht einmal zulassen, dass sie auch nur den Hof überschreitet.«
»Um so streng mit ihr zu verfahren«, erwiderte Helene, »müsste ich überzeugt sein, dass ihre Gesellschaft ganz und gar unpassend für mich ist, was durchaus sein kann. Aber da du sie heute zum ersten Mal gesehen hast, da deine Abneigung ihr gegenüber gar keinen triftigen Grund hat, werde ich mich in meinem Verhalten ganz von den üblichen Gepflogenheiten leiten lassen. Dennoch bin ich fest entschlossen, mein lieber Werner, auf deinen Rat zu hören, falls du irgendetwas über diese Dame weißt, was einem Umgang mit ihr entgegenstehen könnte.«
Werner schien einen Augenblick lang unsicher zu sein, was er der Oberstin antworten sollte; plötzlich hörte diese Unsicherheit jedoch auf, und er versicherte darauf mit fester Stimme, dass seine Furcht nur auf Vorurteilen beruhe, die fremde Dame ihm völlig unbekannt sei und seine Herrschaft jegliches Recht habe, zu handeln, wie es ihr beliebe.
Helene kannte die edle Freimütigkeit des alten Soldaten und zweifelte nicht an der Wahrheit dessen, was er sagte. Sie schrieb sein Misstrauen der natürlichen Bedächtigkeit derjenigen zu, die in der Welt viel gesehen und erfahren haben; das Böse hat sich ihnen in allen Gestalten gezeigt, und sie fürchten stets, es da anzutreffen, wo der Anschein es am wenigsten vermuten lässt. Nur in der Zurückgezogenheit lernt das menschliche Herz, sich einem Vertrauen zu überlassen, das noch durch nichts getäuscht wurde; der häufige Umgang mit Menschen lehrt es jedoch, sie zu fürchten.
Viertes Kapitel
Indem Werner der Oberstin versicherte, dass die fremde Dame ihm unbekannt sei, sagte er bewusst die Unwahrheit. So auffallende Gesichtszüge konnten bei ihm unmöglich in Vergessenheit geraten; er wusste, wie sehr diejenige, welche damit geschmückt war, die zärtlichsten Gefühle zu wecken vermochte, und er fürchtete sich schon jetzt vor einem Zusammentreffen, das die schrecklichsten Stürme für die Zukunft erwarten ließ. Aber sollte er unter diesen Umständen die Ruhe seiner ahnungslosen Herrin vergiften? War es nötig, in ihrem Herzen die verzehrenden Flammen der Eifersucht zu entfachen? Unglücklicherweise gibt es Situationen im menschlichen Leben, in denen es notwendig ist, die Wahrheit zu verschweigen und mit der Lüge ins Bündnis zu treten, um größeren Übeln vorzubeugen. Eine von diesen Situationen war nun eingetreten, und obwohl Werner ihr nur ungern seine Liebe zur Wahrheit opferte, sah er doch letztlich keine andere Möglichkeit, als der Oberstin zu verschweigen, was er wusste. Wie sehr wünschte er sich die Nacht herbei, um ruhig über diese schwierige Lage nachdenken zu können. Er war sich bewusst, wie wichtig es war, sich nichts von seiner inneren Unruhe anmerken zu lassen; denn wenn sich erst ein Verdacht im Busen der Oberstin regte, zu welch peinlichen Auftritten konnte das führen! Er riss sich daher zusammen und wachte selbst so streng über sich, dass Helene in seinen Gesichtszügen nichts Ungewöhnliches zu entdecken vermochte.
Es war schon nach elf Uhr abends, als Werner endlich wieder in sein Zimmer trat. Schnell ging er zu seinem Schreibtisch, um seinem Herrn zu schreiben, was sich zugetragen hatte.
»Wie groß wird Ihr Erstaunen sein, Herr Oberst, wenn Sie erfahren, dass Lodoiska jetzt hier in R… ist und in direkter Nachbarschaft zum Schloss wohnt. Was will sie hier, jetzt, nachdem so viele Jahre vergangen sind? Was hegt sie für Absichten? Diese Fragen kann ich Ihnen nicht beantworten. Sie hat mich nicht erkannt, zumindest gab ihr Verhalten nichts preis, was etwas anderes vermuten ließe. Lassen Sie mir jetzt Ihre Befehle zukommen und ich werde sie ohne Verzug ausführen. Wollen Sie sie wiedersehen und sich eine Zusammenkunft mit ihr verschaffen, um ihre Absichten zu erfahren? Oder ziehen Sie es vor, dass die Frau Oberstin und Ihre Kinder diese Gegend hier augenblicklich verlassen? Dies wäre vielleicht der beste Weg, den Sie einschlagen könnten. Doch eines steht fest, solange diese Lodoiska lebt, oder wenigstens, solange Sie von dieser Frau und ihren Vorwürfen verfolgt werden, können Sie weder glücklich werden noch Ruhe finden.«
Als Werner diese letzten Worte niedergeschrieben hatte, erschauderte er unwillkürlich; denn es schien ihm, als höre er hinter sich das Geräusch raschelnder Kleidung und spüre den Atem einer Person, die sich über ihn beugt, um zu lesen, was er gerade geschrieben hatte. Die Täuschung war so vollkommen, dass er nicht daran zweifelte, die Oberstin befinde sich dicht hinter ihm, und voller Schrecken hierüber, wagte er anfangs weder die Augen zu öffnen noch den Kopf zu drehen. Als sich nach Ablauf von einer Minute aber noch immer kein neues Geräusch vernehmen ließ, blickte er sich um und musste feststellen, dass er sich geirrt hatte. Kein lebendiges Wesen war in seinem Zimmer zu sehen und die tiefste Stille herrschte überall, nur dann und wann von dem Geschrei einer einsamen Eule unterbrochen, die in dem alten Turm des Schlosses nistete. Die Gewissheit, dass die Oberstin seinen Brief nicht gelesen hatte, ließ ihn eine große Erleichterung verspüren. Er verschloss sein Zimmer gewissenhaft und versuchte nun, sich einem erquickenden Schlaf zu überlassen; doch es gelang ihm nicht. Die geheimnisvolle Lodoiska ging ihm nicht aus dem Sinn, und in seinem Zorn auf sie fluchte er so laut, als ob er eine Abteilung Rekruten zu exerzieren hätte. Erst spät in der Nacht schlossen sich seine Augen und der Mensch in ihm lebte nur noch durch seine nächtlichen Beziehungen mit den himmlischen Geistern fort.
Für gewöhnlich war Werner schon auf den Beinen, noch bevor sich der erste Schimmer der Morgenröte am Firmament zeigte; diesmal aber stand die Sonne schon über den umliegenden Hügeln, als der alte Unteroffizier plötzlich aus dem Schlaf aufschreckte und über die Art von Bewusstlosigkeit, in der er gewesen zu sein schien, erstaunte. Zweifellos hatte man schon ohne ihn mit der Arbeit auf dem Feld begonnen. Voller Scham über diesen Fehler zog er sich schnell an und eilte hinunter in den Hof; dort angekommen fiel ihm jedoch ein, dass er den wichtigen Brief an seinen Herrn auf dem Schreibtisch vergessen hatte, und da seine Klugheit ihm riet, denselben nicht vor jedermanns Augen herumliegen zu lassen, kehrte er schnell in sein Zimmer zurück, um das Schreiben an sich zu nehmen und es später dem Boten, der täglich zur Stadt ging, zur Aufgabe bei der Post mitzugeben.
Doch der Brief befand sich nicht mehr an dem Ort, wo Werner ihn hatte liegen lassen. Er lag, in tausend Stücke zerrissen, auf dem Fußboden verstreut. Dieser ebenso sehr überraschende wie erschütternde Anblick entriss Werner einen lauten Aufschrei und versetzte ihn dann in ein peinliches Nachdenken. Wer konnte das Schreiben zerrissen haben? Wer war innerhalb so weniger Augenblicke in seinem Zimmer gewesen, um dort eine solche Unverschämtheit zu begehen? Sollte es die Oberstin, Lisette oder gar das Hausmädchen gewesen sein? Nur diese drei Personen konnten schon um diese Zeit aufgestanden sein. Er erinnerte sich, dass er das Hausmädchen auf dem Hof gesehen hatte; auch erblickte er Lisette durch das Fenster in der Küche, die gerade mit ihren Arbeiten beschäftigt war, und die Oberstin schien noch gar nicht aufgestanden zu sein, wie die geschlossenen Fensterläden ihres Zimmers zeigten. Kurz, er wusste nicht, was er von diesem außerordentlichen Vorfall halten sollte. Da er es nicht über sich brachte, den Brief sogleich von Neuem zu schreiben, sammelte er zunächst nur die Papierschnipsel vom Boden auf und übergab sie dem Feuer.
Den ganzen Tag über befand sich Werner in einer äußerst peinlichen Stimmung. Obwohl er überzeugt war, dass die Oberstin sein Zimmer nicht betreten hatte, fühlte er doch eine große Verlegenheit, als er heute zum ersten Mal in ihre Nähe kam. Doch trotz dieser Schwäche, die er zu unterdrücken versuchte, fasste er sogar den Mut, in den Gesichtszügen Helenes nach außergewöhnlichen Regungen zu forschen; aber diese waren so ruhig, dass unmöglich davon auszugehen war, dass sie Kenntnis von dem für sie verstörenden Inhalt des Briefes erlangt hatte. Werners Erstaunen wurde nun immer größer und er verlor sich vergebens in allerhand Vermutungen; höchst unangenehm aber war es ihm, als die Kinder ihn baten, sie wieder wie gestern zum Wald hinunterzuführen, weil sie hofften, ihre neue Freundin, wie sie die Fremde nannten, wiederzusehen.
Gerne hätte Werner es ihnen abgeschlagen; aber die Oberstin war zugegen, und ehe er noch ein Wort dazu sagen konnte, hatte sie schon ihre Einwilligung gegeben. Die Klugheit gebot ihm, sich nichts von seinen wahren Gedanken anmerken zu lassen, um bei der Gemahlin seines Obersts weder Argwohn noch Furcht zu erregen. Daher stieg er mit zurückgehaltenem Unwillen langsam den Hügel hinab, dem Ort entgegen, an dem sie die Fremde schon einmal getroffen hatten.
Kaum befanden sie sich am Saum des Waldes, als Lodoiska plötzlich aus dem Gebüsch hervortrat, in ihren Händen ein paar Federbälle und eine schöne Puppe haltend, die sie für die Kinder mitgebracht hatte. Sobald die beiden ihre neue Freundin erblickten, liefen sie auf sie zu, und Julie war so dreist, sich geradezu in ihre Arme zu werfen. Diese unschuldige Handlung schien die Fremde jedoch aufs Tiefste zu verstören; sie trat einen Schritt zurück und warf einen so finsteren, unheimlichen Blick auf das Kind, dass der mutige Werner dabei erstarrte. Aber diese anfängliche Erregung dauerte nicht lange; ganz plötzlich überflog wieder ein leichtes Lächeln die Gesichtszüge der Fremden und mit der größten Liebenswürdigkeit verteilte sie die mitgebrachten Geschenke.
Wilhelm, entzückt über die Federbälle, lief sogleich zur nahe gelegenen Wiese, um sie auszuprobieren, und Julie, ganz glücklich bei dem Anblick ihrer Puppe, bat um Erlaubnis, Blumen pflücken zu dürfen, um ihre kleine Dame damit zu schmücken. Die Fremde hatte nichts dagegen, und als sie sah, dass die Kinder vollauf mit ihren Spielen beschäftigt waren, näherte sie sich dem alten Unteroffizier, der tief in Gedanken versunken an einen Baum gelehnt stand und mit einem starken Gefühl von Unzufriedenheit über die jüngsten Ereignisse nachdachte. Werner fürchtete nämlich, dass das Auftauchen der Fremden große Verwerfungen in der Familie des Obersts auslösen könnte, und es wollte ihm trotz allen Nachdenkens kein Mittel einfallen, mit dem er das drohende Ungewitter aufhalten konnte.
Derart mit sich selbst beschäftigt, hatte er das Näherkommen der jungen Dame gar nicht bemerkt, sodass er plötzlich jäh durch eine ihm wohlbekannte Stimme, die aber in diesem Augenblick etwas so Dumpfes und Feierliches hatte, dass er sich davon bis ins Innerste ergriffen fühlte, aus seinen Gedanken gerissen wurde.
»Nun Werner«, sprach sie ihn an, »was habe ich dir getan, dass du stets gegen mich bist? Wirst du deine ungerechte Abneigung gegen mich denn niemals ablegen?«
Aufs Äußerste überrascht durch diese Worte, schlug der Soldat die Augen auf, entfernte sich von dem Baum, an dem er gelehnt hatte, und schien wenig geneigt, ihr zu antworten. Doch er überwand sich und sagte:
»Was wollen Sie von mir, Lodoiska? Warum haben Sie ihr Vaterland verlassen? Was suchen Sie hier in Deutschland? Ist die Zeit denn spurlos an ihnen vorübergegangen? Sollten sie tatsächlich noch immer das gleiche Ziel wie in ihren Jugendjahren verfolgen? Dann bedauere ich sie oder vielmehr beklage ich ihren Wahnsinn.«
»Die Zeit«, antwortete die Fremde in dem feierlichsten Ton, »vermag mir jetzt nichts mehr anzuhaben; es gibt ein Leben, in dem sie keine Macht mehr besitzt und die Empfindungen unveränderlich werden wie die Ewigkeit, von der sie ein Teil sind. Wundere dich nicht über meine Gegenwart, denn nicht mein Wille ist es, der mich leitet; ich gehöre nicht mehr mir selbst, sondern einem grausamen, gebieterischen Herrn, der mir jeden meiner Schritte vorzeichnet. Meine alte Wunde blutet noch und die Zeit, wie du sie nennst, hat das Recht verloren, sie zu vernarben.«
»Warum aber«, erwiderte Werner, »sich mit unnützen Hoffnungen quälen? Zwischen ihnen und dem Oberst ist alles vorbei. Er hat vielleicht ein Unrecht gegen sie begangen, aber er darf daran nicht mehr denken. Schon seit mehreren Jahren ist er der Gatte einer Frau, die seine Liebe verdient. Wollen sie etwa seine häusliche Ruhe stören? Treibt die Rache sie so weit, dass sie das Herz seiner Gemahlin zerreißen könnten?«
»Durfte er sich denn verheiraten, Werner? Gehörte dein Herr nur sich selbst, dass er sich so frei hinzugeben vermochte? Hat er nicht mit seinem eigenen Blut das Versprechen unterschrieben, nur mit mir vor den Altar zu treten? Weißt du das alles nicht mehr, du, der du so dreist von der Vergangenheit sprichst, die den Treulosen vernichten wird? War ich weniger schön als deine jetzige Gebieterin oder gar weniger tugendhaft? Was habe ich Unrechtes getan? Etwa, weil ich Liebe für Liebe gab und mich gänzlich einem Gefühl überließ, das ich für aufrichtig hielt? Habe ich mein Versprechen zurückgenommen, das auch ich mit meinem Blut unterschrieben habe? Liegt es nicht immer noch in Alfreds Händen, und kann er vor Gott der rechtmäßige Gatte einer anderen sein? Was habe ich Unrechtes getan? Er kann mir keine Vorwürfe machen, während ich ihn durch die Menge der meinen zu Boden schlagen könnte!«
Während die schöne Fremde so sprach, schien sie der Erde gar nicht mehr anzugehören; ihre hohe und schlanke Gestalt, der unstet umherschweifende Blick, die in ihren Gesichtszügen deutlich sichtbaren Anzeichen des Unwillens, die ihrem Mund einen furchtbaren Ausdruck gaben, all dies ließ sie wie ein überirdisches Wesen erscheinen. Werner war nicht imstande, dem Blick ihres forschenden Auges standzuhalten, das seine Gedanken bis in die innersten Falten seines Herzens zu verfolgen schien. Insgeheim musste er zugeben, dass sein Herr ihr Unrecht getan hatte; aber es war auf keine Weise wiedergutzumachen und Lodoiska musste, trotz der Rechtmäßigkeit ihrer Ansprüche, auf die Einlösung des Versprechens verzichten. Dies versuchte er, ihr in seiner Antwort begreiflich zu machen.
Die Fremde hörte ihm mit einem verächtlichen Lächeln zu, ohne ein Anzeichen von Erstaunen oder Unzufriedenheit zu zeigen. Schon gab er sich der Hoffnung hin, sie überzeugt zu haben, und wollte gerade ansetzen, seinen Sieg zu vollenden, als sie plötzlich ihre rechte Hand auf seine Schulter legte. Diese mit einer Art von Nachlässigkeit ausgeführte Bewegung brachte in ihm eine geradezu außerordentliche Wirkung hervor. Dort, wo Lodoiskas Hand seine Schulter berührt hatte, verspürte er plötzlich ein ganz seltsames Gefühl, und es schien ihm, als wenn er auf einem glühenden Ofen säße und gleichzeitig mitten in ein Meer von Eis geschleudert würde; dieses Gefühl verlor sich aber sogleich wieder, nachdem die Hand, die es ausgelöst hatte, zurückgezogen wurde.
»Habe ich ihn von seinem Versprechen entbunden?«, fragte Lodoiska ruhig, ohne auf die Gründe einzugehen, die ihr Werner soeben dargelegt hatte. »Besitzt er unseren schriftlichen Vertrag noch?«
»Es ist ganz gleich, ob er ihn noch hat oder nicht, es kommt ja doch nicht mehr darauf an; mag er in seinen Händen sein oder in den ihren, wozu könnte er noch dienen? Die Gerichte werden ohnehin keine Rücksicht darauf nehmen.«
»Es ist gut möglich, leichtsinniger Soldat, dass die menschlichen Gesetze gegen diese Art von Meineid nichts vermögen; aber in der jenseitigen Welt gibt es einen unbestechlichen Richter. Und dieser war Zeuge des Versprechens; an ihn habe ich mich gewandt, um Gerechtigkeit zu erlangen, und ich bin mir sicher, diese auch zu erhalten.«
»Nun ja, Lodoiska«, erwiderte Werner lächelnd, »da werden sie wohl noch lange warten müssen, bis das Urteil, von dem sie sprechen, vollzogen wird. Glauben sie mir, es wäre am besten für sie, wenn sie in ihr Vaterland zurückkehrten und dort ruhig bei ihrer Familie lebten. Seien sie überzeugt, dass der Oberst nicht zögern wird, ihnen durch ein anständiges Jahresgehalt eine ruhige und sorglose Zukunft zu ermöglichen.«
»Das steht nicht mehr in seiner Macht«, antwortete die Fremde in einem noch feierlicheren Ton als bisher. »Ich habe keine Familie mehr, die ganze Erde ist nun mein Vaterland, und der Mittel, die du mir in Alfreds Namen versprichst, bedarf ich nicht. Das Geld ist in meinen Augen verächtlich und ich besitze es im Überfluss. Wenn du mir versicherst, deinem Herrn nicht zu melden, dass ich hier bin, verspreche ich dir mehr Reichtümer, als du dir wünschen kannst. Hier«, fuhr sie fort, eine sehr große gefüllte Geldbörse hervorziehend, »nimm dies als Anzahlung darauf, was du noch in Zukunft von mir erhalten sollst.«
Die seltsamen Worte Lodoiskas machten das Erstaunen des alten Soldaten vollkommen. Er wusste, dass sie, die Tochter eines moldauischen Bauern, nicht reich war, und jetzt gab sie ihm den Beweis des Gegenteils. Dies trug keineswegs dazu bei, sein Misstrauen ihr gegenüber zu verringern, und so war es wenig verwunderlich, dass es der Fremden nicht gelang, ihn mit ihrem Angebot zu verführen.
»Auch ich, Lodoiska«, sagte Werner, »bin über meine Bedürfnisse erhaben. Dennoch danke ich ihnen für ihr großmütiges Angebot; doch es könnte mich nicht reizen, selbst wenn ich die Absicht hätte, dem Oberst zu schreiben, dass sie hier sind.«
»Lügner!«, antwortete Lodoiska lebhaft. »Du hast sie, diese Absicht, und du hast schon versucht, sie auszuführen.«
Diese zuversichtliche Behauptung, die für ihn einer Beleidigung gleichkam und für die eine männliche Person mit ihrem Blut hätte bezahlen müssen, ließ den erstaunten Werner fast erstarren. Er wusste nicht, ob er seinem Zorn freien Lauf lassen sollte oder ob es nicht besser wäre, ihn zu unterdrücken; doch die Heftigkeit seines Charakters riss ihn mit fort und er rief voller Unwillen:
»Danken sie es ihrer weiblichen Kleidung, die sie vor meiner augenblicklichen Rache schützt! Aber welchen Titel verdienen sie wohl, unvorsichtiges Weib, die sie sich erdreisten, heimlich in fremde Häuser einzudringen und die Handlungen ihrer Bewohner auszuspionieren? Sie stehen früh genug auf, wie es scheint; aber seien sie sicher, dass sie so bald nicht wieder ohne mein Wissen ins Schloss eindringen werden.«
Ein Lächeln, das Werner nicht zu deuten vermochte, war Lodoiskas ganze Antwort darauf. Dann aber nahm sie plötzlich eine würdevolle Miene an und sagte:
»Bedenke, Werner, dass du tätigen Anteil an meinem Unglück gehabt hast; ich warne dich jetzt, nicht blind in den Abgrund des Verderbens zu rennen. Glaube mir, es wird am besten für dich sein, unparteiisch bei dem Kampf zu bleiben, der sich bald erheben kann; dies ist der einzige Weg für dich, dem nahenden Ungewitter zu entgehen.«
Bei diesen Worten sprühten ihre Augen wie Feuer. Und ohne noch den Stimmen der beiden Kinder Beachtung zu schenken, die, ihrer Spiele müde, sich näherten, um mit ihr zu plaudern, machte sie gegen Werner eine fürchterlich drohende Gebärde und ging mit schnellen Schritten auf einen schmalen Fußweg zu, der sie schon bald den Blicken entzog. Werner stand wie unbeweglich da und war in tiefes Nachdenken über das Unglück versunken, das er schon mit Gewissheit heraufziehen sah, als er plötzlich durch Wilhelm aus seiner Träumerei geweckt wurde.
»Werner, hörst du den Donner nicht, der dort aus der schwarzen Wolke herüberrollt? Sieh doch, welch schöne Blitze! Es wird gewiss ein Gewitter geben.«
»Ein Gewitter?«, rief Werner erstaunt. Sollte ihre Prophezeiung schon so schnell in Erfüllung gehen? — Er erblickte nun ebenfalls die heranziehenden schwarzen Wolken, aus denen sich immer häufiger Blitze entluden, und da die Vorsicht nicht erlaubte, den Spaziergang noch weiter fortzusetzen, nahm er seine beiden jungen Freunde an die Hand und kehrte auf dem kürzesten Weg mit ihnen zum Schloss zurück.
Fünftes Kapitel
Helene, die bereits von ihrem Fenster aus gesehen hatte, dass ein Gewitter heraufzog, war schon in großer Sorge darüber, dass ihre Kinder noch nicht zurück waren. Voller Ungeduld verließ sie daher das Schloss, um ihnen entgegenzugehen; doch sie war noch gar nicht weit gekommen, als sie auch schon das laute Lachen der kleinen, übermütigen Julie hörte, und bald darauf sah sie die teuren Wesen auf sich zulaufen. Die Kinder sprachen von nichts anderem als von der schönen Dame und von den Geschenken, die sie ihnen gemacht hatte. Helene war viel zu sehr Mutter, um nicht gleich ein günstiges Urteil über die Person zu fällen, die ihren teuren Kindern eine solche Freude machte. Mit Spannung erkundigte sie sich, was die Fremde gesagt hatte.
»Oh, diesmal«, antwortete das kleine Mädchen, »hat sie nicht lange mit uns geplaudert. Sie sprach die ganze Zeit nur mit Werner, den sie am Ende voller Wut verließ.«
Diese wenigen Worte des Kindes stürzten alle Pläne über den Haufen, die der Unteroffizier sich unterwegs schon zurechtgelegt hatte. Er wusste, dass die Oberstin ihm nicht glauben würde, wenn er der kleinen Julie widerspräche; doch ein Entschluss musste gefasst werden, und obwohl er es verabscheute zu lügen, wartete er nicht erst ab, bis Helene ihn fragte, sondern tischte ihr, gleich nachdem sie die Kinder durch einen Wink fortgeschickt hatte, folgende Geschichte auf:
»Frau Oberstin, ich hatte vollkommen recht damit, der Unbekannten nicht zu trauen. Glauben sie mir, dass sie ihren Aufenthalt hier in R… nicht ohne gefährliche Absichten gewählt hat. Eine ganze Stunde lang hat sie mich mit Fragen über ihre Familie und die gesamte Nachbarschaft gepeinigt. Sie wollte alles wissen, das Alter, den Rang, die Beschäftigung eines jeden, und sie wurde gar nicht müde in ihren Versuchen, mich auszufragen. Anfangs versuchte ich, ihren unverschämten Fragen mit Höflichkeit auszuweichen, aber sie hielt sich noch nicht für besiegt und kehrte zum Angriff zurück. Eine Frage folgte auf die andere, gleichsam wie ein ununterbrochenes Heckfeuer, sodass ich der Sache schließlich überdrüssig wurde. Ich nahm meine Truppen zusammen und rückte ihr mit gefälltem Bajonett auf den Leib, sodass ich ihr eine völlige Niederlage beibrachte. Mein Widerstand rief eine solche Bestürzung bei ihr hervor, dass sie in höchst übler Laune ihren Rückzug antrat.«
Diese mit militärischen Ausdrücken vermischte Rede rang der Oberstin ein Lächeln ab. Die Fragen der Fremden schienen ihr gar nicht so unverschämt, wie Werner sie darstellte; sie hielt es für ganz natürlich, sich nach den Familien der Gegend, in der man sich niedergelassen hatte, zu erkundigen.
»Ich hoffe, mein lieber Werner, dass deine Antworten nicht beleidigend gewesen sind; man muss Achtung vor den Damen haben und gerade ein Soldat sollte im Umgang mit dem schwachen Geschlecht ein zuvorkommendes Verhalten an den Tag legen.«
»Das mag für unsere Herren Offiziere gelten«, erwiderte Werner; »aber wir, die wir nicht deren Vorrechte genießen, brauchen auch nicht ihre Höflichkeiten nachzuahmen.«
Mit diesen Worten, die er absichtlich etwas hart aussprach, entfernte sich der alte Soldat und Helene kehrte nun zu ihren Kindern zurück, während das Gewitter immer näher kam und der Regen schon in Strömen niederfiel. Helene fürchtete das Rollen des Donners so wenig wie ihre Kinder; aber Lisette und Marie waren in größter Angst. Sie eilten zu ihrer Herrin, um bei ihr Schutz zu suchen, den sie ihnen auch nicht verweigerte. Da Werner unterdessen ungestört sein konnte, begab er sich auf sein Zimmer, und trotz eines unwillkürlichen Schauders, der sich mehrmals in seinem Innern erhob, setzte er sich an seinen Schreibtisch, um ein zweites Mal an seinen Herrn zu schreiben.
Das Gewitter wurde immer heftiger und die Winde kämpften so fürchterlich miteinander, dass sie in ihrer Wut das Schloss in seinen Grundfesten zu erschüttern drohten. Von Zeit zu Zeit erschien es Werner sogar, als ob sich klagende Stimmen unter das Rollen des Donners und das Heulen des Sturmes mischten; ja, er hörte Worte, deren Ton seinem Ohr nicht unbekannt war. Mehrere Male hörte er unwillkürlich auf zu schreiben; dann aber, voller Scham über seine Schwäche, sammelte er seine Gedanken wieder und zur Stunde des Abendessens war sein Brief an den Oberst fertig.
Da er sein Schreiben nicht abermals den Versuchen Lodoiskas aussetzen wollte, schloss er es in einen Kasten ein und legte diesen in seinen Kleiderschrank. Von beiden nahm er die Schlüssel an sich und verließ dann ruhig sein Zimmer, überzeugt davon, dass sein Geheimnis nun in Sicherheit war.
Draußen tobte noch immer das Unwetter und Lisette wie auch Marie waren schon fast tot vor Angst. Die Kinder, des Wartens auf das Abendessen müde, schliefen auf einem Sofa, und Helene las in einem guten Buch. Werners Eintritt in das Zimmer belebte die beiden Mädchen wieder, die sich nun entschlossen, zu ihren jeweiligen Verrichtungen zurückzukehren, und bald darauf wurde auch das verspätete Abendessen aufgetragen.
Erst gegen Mitternacht wurde der Himmel wieder heiterer und nach und nach beruhigte sich die Natur. Werner hatte dem Unwetter mit heimlichem Vergnügen zugesehen, denn er wusste, dass es bei solchen Regenmengen mehrere Tage lang unmöglich sein würde, spazieren zu gehen; und er hoffte, dass während dieser Zeit irgendein Umstand eintreten möge, der die neue Bekanntschaft zwischen den Kindern und Lodoiska beenden würde; ja, er schmeichelte sich, dass die Antwort des Obersts auf seinen Brief dem ganzen Leben der Familie eine andere Richtung geben könnte.
Mit diesen Gedanken beschäftigt, die ihm keine Ruhe ließen, schlief der brave Soldat nur wenig. Der neue Tag war noch nicht angebrochen, als Werner schon wieder auf den Beinen war. Er nahm seine Schlüssel und öffnete den Schrank und den Kasten, um den Brief herauszunehmen, den er unverzüglich nach Prag auf die Post senden wollte. Er fand ihn tastend und steckte ihn in seine Tasche, ohne einen Blick darauf zu werfen, da es ohnehin noch dunkel war; hierauf ging er hinunter in den Hof, um den Knecht zu rufen, der ihm als Bote dienen sollte.
Ehe er ihn fand, verging einige Zeit, und die heraufsteigende Morgenröte erhellte bereits die Erde ringsumher, als er den alten Peter damit beauftragte, sich sogleich auf den Weg zur Stadt zu machen, um einen höchst eiligen Brief auf die Post zu bringen. Während er mit ihm sprach, zog er den Brief aus der Tasche und warf noch zufällig einen Blick darauf, ehe er ihn übergab. Doch was er nun sah, machte ihn schier fassungslos … denn das Papier war mit großen Blutstropfen befleckt, sodass nicht einmal mehr die Aufschrift zu entziffern war! —
Unwillkürlich presste sich ein Schrei aus der Kehle des zutiefst erschrockenen Soldaten. Er glaubte, seinen Augen nicht zu trauen; unbeweglich stand er da, den Brief zwischen den Fingern hin- und herdrehend, ohne noch immer zu begreifen, was er in den Händen hielt. Dann kehrte er schnell seine Tasche um, aber sie war völlig rein, ohne auch nur die geringste Spur von Blut aufzuweisen. Hastig eilte er ins Schloss zurück auf sein Zimmer, um den Kasten zu untersuchen, in dem der Brief gelegen hatte; aber auch hier fand sich nichts, was das Papier beschmutzt haben könnte. Wie erstarrt stand Werner nun in seinem Zimmer, ohne noch einen klaren Gedanken fassen zu können; doch schon bald erholte er sich wieder und ohne Zeitverlust schrieb er den Brief nun zum dritten Mal. Zwar kürzte er ihn ab, aber sein Inhalt war desto dringender, und sobald er fertig war, übergab er ihn dem Boten, den er zur größeren Sicherheit noch ein gutes Stück weit begleitete.
Werner besaß Mut, aber dennoch konnte er sich jetzt einer gewissen abergläubischen Furcht nicht erwehren. Mit der größten Unruhe erinnerte er sich an die Erzählungen, die er in Russland und vor allem in der Moldau und Walachei gehört hatte, als er sich mit seinem Regiment dort aufhielt; an die Sagen von Menschen, die ihre Seele dem Teufel verkauft hatten und dadurch eine übernatürliche Macht zum Schaden ihrer Mitmenschen erlangten. All jene Märchen fielen ihm jetzt wieder ein, und das, was er soeben erlebt hatte, verleitete ihn sogar zu dem Glauben, dass Lodoiska sich durch ein solches Bündnis eine ähnliche Macht verschafft haben könnte. Doch schon bald verwarf er diese Gedanken wieder. »Was für ein Tor ich doch bin«, sagte er zu sich selbst, »an solchen Unsinn zu glauben. In der Moldau und Walachei mag so etwas angehen, da dort ohnehin nur Barbaren wohnen; aber in Deutschland hat der Teufel schon lange sein Recht verloren oder es bloß den Taschenspielern überlassen; das sind die Einzigen, die bei uns noch für ihn arbeiten, und vielleicht ist Mamsell Lodoiska eine solch geschickte Taschenspielerin. Aber sie mag sich in Acht nehmen; denn es würde ihr übel ergehen, wenn ich sie einmal auf frischer Tat ertappen sollte.«
Nachdem er hierauf einer Flasche mit gutem alten Rum, die auf seinem Tisch stand, einen Besuch abgestattet hatte, vergrößerte sich sein Mut noch und er nahm sich vor, seine Wachsamkeit künftig zu verdoppeln, um herauszufinden, wodurch sich Lodoiskas Einfluss bis ins Schloss erstreckte. In der Hoffnung, recht bald vom Oberst Antwort zu erhalten, ging er dann wieder seinen gewöhnlichen Geschäften nach.
Die Einsamkeit, in der die Familie Lobenthal im Schloss R… lebte, ging indessen nicht so weit, dass sie nicht von Zeit zu Zeit durch einige Besuche unterbrochen worden wäre, welche die auf den umliegenden Gütern wohnenden Herrschaften im Schloss abstatteten. Sie wurden stets mit großer Höflichkeit und Gastfreundschaft empfangen und Helene sah sie sogar mit Vergnügen, besonders seitdem ihr Gatte abwesend war; denn sie bedurfte der Zerstreuung jetzt mehr als früher und fand sie im Umgang mit den Nachbarn. Daher war es auch nicht ungewöhnlich, als noch am selben Tag, nachmittags um zwei Uhr, ein alter Edelmann aus der Nachbarschaft im Schloss eintraf, der früher Oberjägermeister gewesen war, jetzt aber ruhig sein Feld bestellen ließ.
Herr von Krauthof war ein großer Esser und ein erprobter Trinker, der seine freie Zeit fast ausschließlich mit Besuchen zubrachte und dabei weder die Schlösser der Herrschaften noch die Häuser der Pächter verschmähte. Seine vorzüglichste Eigenschaft bestand darin, stundenlang nichts als Komplimente herzusagen; und nachdem er diesem wichtigen Ritual auch heute wieder beim Eintritt in Helenes Zimmer Genüge getan hatte, kam er endlich auf einen Gegenstand zu sprechen, der uns hier näher angeht.
»Nun, Frau Oberstin«, fuhr er im Fluss seiner Rede fort, »sie haben ja eine liebenswürdige Nachbarin bekommen. Ich sage: liebenswürdig, obgleich ich nicht recht weiß, warum; denn mich hat sie mit einer verzweifelten Strenge behandelt. Erst am vergangenen Dienstag erfuhr ich, dass sich hier in der Gegend eine fremde Dame niedergelassen hat, deren Schönheit allgemein gelobt wird; ich hielt es daher für meine Pflicht, ihr sogleich einen Besuch abzustatten, nicht zuletzt, um ihr einen guten Eindruck von unseren hiesigen Herren zu vermitteln. Gestern also begab ich mich zu dem Häuschen im Wald, meinen Regenschirm unter dem Arm, weil man dem Wetter derzeit ebenso wenig trauen kann wie den Menschen. Als ich ankam, war die Haustür verschlossen. Ich fand dies nicht ungewöhnlich, weil ja ein jeder in seinem Hause Herr sein will; ich klopfte daher an und man öffnete. Schon war ich im Begriff einzutreten, als ich plötzlich ein wahres Gespenst vor mir sah, das mir den Weg versperrte. Stellen sie sich den größten und zugleich den magersten aller Menschen vor: ein Gesicht wie ein Jesuit, Augen wie eine Eule und eine Miene, als wenn er eher ein Bewohner jener als dieser Welt wäre; eine raue und hohle Stimme, eine Manier wie ein Holzblock und einen völlig verpesteten Atem.
Pulsuz fraqment bitdi.