Kitabı oxu: «HIMMEL, HÖLLE ODER HOUSTON»

Şrift:

Himmel, Hölle oder Houston
Thom Erb

übersetzt von Andreas Schiffmann

This Translation is published by arrangement with SEVERED PRESS, www.severedpress.com

Title: HEAVEN, HELL OR HOUSTON. All rights reserved. First Published by Severed Press, 2014. Severed Press Logo are trademarks or registered trademarks of Severed Press. All rights reserved.

Diese Geschichte ist frei erfunden. Sämtliche Namen, Charaktere, Firmen, Einrichtungen, Orte, Ereignisse und Begebenheiten sind entweder das Produkt der Fantasie des Autors oder wurden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, lebend oder tot, Ereignissen oder Schauplätzen ist rein zufällig.

Für Shelly.

Dieses Buch wäre ohne deine Liebe und Unterstützung genauso wenig wie alles andere zustande gekommen, was ich bisher geschrieben habe. Ich kann einfach nicht fassen, dass du während der vielen verlorenen Stunden, in denen ich meiner Schreibleidenschaft sowie unzähligen anderen kreativen Abenteuern nachgegangen bin, so unendlich geduldig und verständnisvoll geblieben bist. Vielen Dank!

Denk immer daran, dass mich weder Riesenunwetter noch eine Zombie-Apokalypse von dir trennen könnten. Ich werde dir niemals genügend Worte oder Bücher dafür widmen können, dass du mir solch eine Zuneigung und so eine unendliche Hilfsbereitschaft entgegenbringst. Ich liebe dich!

Dieses Buch ist eine Hommage und ein Dankeschön an vier meiner Lieblingsschriftsteller.

Freunde, danke dafür, dass mir eure Worte Freude und auch Angst bereitet haben, mich lachen ließen oder wütend machten und Spannung in mein Leben brachten … ach, und nicht zu vergessen: mehr als eine Tonne Anregungen und Sachkenntnisse.

Joe R. Lansdale – der Gesetzlose, der Fighter, der stille Lehrmeister.

Elmore Leonard – die Stimme, der Beat, der Groove.

Joe McKinney – der Sheriff, der Führer, der Amigo.

Jonathan Maberry – Der Krieger, der Sensei, der Freund.

Schaurige Draufgänger-Action verbunden mit Horror, der das Herz höherschlagen lässt. Ich konnte das Buch einfach nicht zur Seite legen. – David Dunwoody

Thom Erbs »Himmel, Hölle oder Houston« ist ein fiebriger Roman Noir von texanischer Schroffheit, der eine gesalzene Mischung aus unheilvoller Rachegeschichte und literarischem Grindhouse bietet. Erb verleiht einem Aufgebot facettenreicher, aber nicht perfekter Charaktere eine authentische Stimme und verspricht im Laufe der Handlung mit jeder erschreckenden Wende noch mehr Action. A+++! – Shroud Quarterly

Erb hat einen finsteren und harten Zombieroman voller durchtriebener Gestalten und roher Gewalt mit einer verboten coolen Hauptfigur geschaffen, die einem Film Noir entsprungen sein könnte und einen sofort einnimmt.« – David Bernstein

Dieses Buch, das ihr in euren Händen haltet, ist etwas ganz Besonderes: Es zeugt von einem Autor, der gerade erst zu sich selbst findet … Texas steht auch für eine Geisteshaltung, und Thom Erb versetzt euch in genau diese hinein. Falls ihr noch nichts von ihm kennt, dann macht euch auf einen Heidenspaß gefasst …

… und lest aufmerksam.

Dann nämlich lernt ihr meiner Meinung nach eine der ehrlichsten und einfühlsamsten Stimmen aus Texas kennen, die nicht aus einem Roman von Larry McMurty stammen. – Joe McKinney, mehrfacher Gewinner des Bram Stoker Awards

Impressum

Deutsche Erstausgabe

Originaltitel: HEAVEN, HELL OR HOUSTON

Copyright Gesamtausgabe © 2018 LUZIFER-Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Cover: Michael Schubert

Übersetzung: Andreas Schiffmann

Lektorat: Astrid Pfister

Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2018) lektoriert.

ISBN E-Book: 978-3-95835-340-4

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

Himmel, Hölle oder Houston

Impressum

Vorwort von Joe McKinney

Jailhouse Rock

Good Texas

I’m Bad, I’m Nationwide

Goin’ So Good

Decision Or Collision

Just Got Paid

Waitin’ For The Bus

Que Lastima

Arrested For Driving While Blind

Fool in The Rain

Old Man

Riders On The Storm

Woke Up With Wood

Sure Got Cold When The Rain Fell

Heard It On The X

Every Night A New Surprise

Rough Boy

Thank You

Life’s A Misery

Lowdown In The Street

Precious And Grace

What Are You Going To Do?

Bad Girl

El Loco

Avalon Hideaway

World Of Swirl

Got Me Under Pressure

Keep My Heart In A Rage

It’s so Hard

Gun Love

Need Me

Thug

Bad Girl

Lowdown In The Street

Sleep Warm

It’s So Hard

Hi-Fi Mama

Mexican Blackbird

I Got The Message

Going Back To Houston

Dust My Broom

Softly To The Sun

Danksagungen

Vorwort von Joe McKinney

Texas ist ein sagenumwobenes Land.

Der Lone Star State wurde den Felsen und Sümpfen, Wäldern und schier endlosen Wüsten abgetrotzt – von Outlaws und verschuldeten Versagern aus Tennessee, von feinen Damen aus der High Society, von Cherokees und hart durchgreifenden Gesetzeshütern, mexikanischen Wanderarbeitern und milliardenschweren Ölmagnaten. Sie alle liefen vor irgendetwas davon und wollten ganz von vorn anfangen.

Texas ist die letzte und beste Chance für Menschen mit einem außergewöhnlichen Wesen.

Es ist die Heimat von so unterschiedlichen Musikerinnen und Musikern wie Beyoncé und Buck Owens, Buddy Holly und Meat Loaf, Selena und ZZ Top. Schriftstellerischen Talente wie Sandra Cisneros, James Michener, Justin Cronin, Larry McMurtry, Katherine Anne Porter und Joe Lansdale, um nur einige zu nennen, haben sich allesamt unter dem weiten Himmel von Texas beflügeln lassen.

Es ist ein Land kleiner Nester, durch die unbefestigte Straßen führen, und mit Schlangen hantierender Prediger, es besitzt aber auch riesige Städte voller Glaspaläste, in denen jeder Geschmack, so kosmopolitisch er auch sein mag, bedient wird. Hier gibt es nur wenig befahrene Highways, die sich am Horizont in der Ewigkeit zu verlaufen scheinen, und Raketen, die auf vertikalen Highways in eine Zukunft fliegen, von der wir nur träumen können.

Texas definiert sich durch seine Ausdehnung und seine Möglichkeiten, durch sein unerschöpfliches Potenzial, hält jedoch trotz dieser Weite fest zusammen. Ungeachtet seiner Vielfalt hat sich eine einzigartige Stimme und eine gewisse Haltung herausgebildet, die entschieden texanisch ist. Sie reicht weit über den bloßen Stil, sprachliche Eigenheiten und selbst den verbissen hervorgekehrten Stolz auf die eigene Geschichte und den eigenen Ruf unter Fremden hinaus. Texaner zu sein und mit dieser besonderen Stimme zu sprechen, drückt aus, wie man charakterlich gepolt ist.

Man kann es nachahmen.

Man kann versuchen, es sich anzueignen.

Man kann sich sogar darüber lustig machen.

Man kann es aber niemals annektieren, wenn man keine wirkliche texanische Seele in sich trägt.

Davon bin ich ganz und gar überzeugt.

Als ich zum ersten Mal in die Druckvorlage dieses Buches schaute, das euch hier vorliegt, dachte ich deshalb: Oh-oh, das wird haarig.

Denn ich war der Ansicht, irgend so ein Typ aus einem Örtchen in Wayne County im Staat New York könne unmöglich eine auch nur im Geringsten überzeugende Story über einen Texas Ranger vom Zaun brechen, über eines der erhabensten Symbole für die Unabhängigkeit und Eigenverantwortung dieser Region.

Dann las ich es, und jetzt schreibe ich das hier, um euch zu versichern, dass dieses Buch wirklich sehr stark ist.

Die Geschichte handelt von einem äußerst verkommenen Menschen auf seinem tödlichen Rachefeldzug gegen den Texas Ranger, der ihn einst in den Knast gebracht hat.

Außerdem ist sie eine staubige Odyssee in das Innere eines Mannes, der ein ums andere Mal Opfer ungünstiger Umstände und harter Zerwürfnisse wurde, aber nichtsdestotrotz immer wieder ein klein wenig mehr aus sich selbst herausholt, um das Richtige zu tun und sich niemals einfach mal einen Tag freinehmen kann.

Oh, und Zombies kommen auch noch darin vor.

All dies umweht jedoch dieses beispiellose, nahezu unbeschreibliche Etwas, das sich einzig und allein auf Texas münzen lässt. Ich schätze mal, Bücher wie »Himmel, Hölle oder Houston« entstehen nicht zufällig; sie sind Erzeugnisse entfremdeter Seelen … sie sind auf dem Mist von Texanern gewachsen, die einfach nur woanders zur Welt gekommen sind.

Ich selbst stamme gebürtig aus Cambridge in Massachusetts, kann das also durchaus nachvollziehen.

Aber der wesentliche Punkt ist der:

Dieses Buch, das ihr gerade in euren Händen haltet, ist etwas ganz Besonderes. Es zeugt von einem Autor, der gerade erst zu sich selbst findet. Sollte euch das Erb’sche Universum noch fremd sein, so bereitet euch auf Momente unaussprechlicher Brutalität vor.

Legt es also lieber nieder, falls ihr zu zartbesaitet für so etwas seid.

Denn manche Passagen in diesem Roman sind so ekelhaft (vor allem für Väter mit jungen Töchtern wie mich), dass euch die Haare zu Berge stehen werden, und dann – ja dann – besitzt der Autor auch noch die Dreistigkeit, eine Szene brüderlicher Verzeihung und Übereinkunft einzuflechten, die so geschickt entworfen wurde, dass ich nicht umhinkam, kurz davon abzulassen, meinen Kopf nach vorne zu beugen und mich in Gedanken über mein eigenes Leben und meine eigene Familie zu verlieren.

Passt also gut auf.

Dieses Buch meint es nicht gut mit euch. Vielmehr gehört es zu jener Art von Literatur, die euch genau zwischen die Beine greift und zudrückt, woraufhin sie anschließend über eure Verblüffung und Qual schmunzelt.

Qualvoll geht es auf diesen Seiten nämlich andauernd zu.

Hat man dies jedoch erst einmal überstanden, findet man auch Tapferkeit, Güte und letzten Endes sogar auch Liebe.

Dies ist keine reine Horrorstory.

Es geht nicht nur um Vergeltung.

Es ist auch keine Verschmelzung aus Grindhouse und Family-Sitcom.

Es ist nicht einmal die Geschichte eines Mannes auf der Suche nach Erlösung, der zum Schluss wenn auch schon nicht diese, so doch zumindest Frieden findet, als er frei wählen kann, Gutes zu bewirken.

Ich würde dieses Buch als Ansammlung moralischer Doppelbödigkeiten bezeichnen.

Als Knoten, der förmlich danach schreit, entwirrt zu werden.

Man lebt nicht einfach nur in Texas.

Man ist Texas!

Texas steht auch für eine Geisteshaltung, und Thom Erb versetzt euch in genau diese hinein. Falls ihr noch nichts von ihm kennt, macht euch auf einen Heidenspaß gefasst …

… und lest aufmerksam.

Dann nämlich lernt ihr meiner Meinung nach eine der ehrlichsten und einfühlsamsten Stimmen aus Texas kennen, die nicht aus einem Roman von Larry McMurty stammen.

Viel Spaß!

Joe McKinney

Helotes, Texas

6. Dezember 2014

Ihr könnt zur Hölle fahren; ich fahre nach Texas. Davy Crockett

Jailhouse Rock

Staatsgefängnis McAlester, Oklahoma

31. Mai 1985, 3:35 Uhr

Die Stimme machte sich jetzt lautstark und fast flehentlich in Isandro Dianiras verschrobenem Geist bemerkbar. Häftling 926934 lächelte und weidete sich an dem warmen Blut des Gefängniswärters, das gerade über seine zerkratzten und schwieligen Hände floss.

Diese Stimme verlangte nach Blut. Isandro tat sich keinen Zwang an, die Klinge tief in den Bauch des Wichsers zu stechen, und fühlte sich durch die Vorstellung, dass der Mann nun starb, beinahe sexuell erregt. Er lachte, als er den leblosen Körper des Wärters fallenließ wie einen Zigarettenstummel. Dianira war der Anführer der Los Malvados, einer der mächtigsten Banden Mexikos. Die Freiheit lockte ihn, und nur noch wenige Sekunden trennten ihn von ihr. Nach zweijähriger sorgfältiger Planung und beträchtlichen Geldausgaben hätte er sogar seinen eigenen Bruder kaltgemacht, um hier herauszukommen. Er schlich jetzt eine Stahltreppe hinunter, die zu einer Laderampe führte, wo ein Mülllaster den berühmtesten Polizistenmörder in der Geschichte Texas abholen würde, alles lief genauso wie vorgesehen.

Der Mond warf in kühlen Blautönen Schatten über den Parkplatz. Isandro sprang hinunter und blieb geduckt, während er auf das Zeichen wartete. Es sollte von einer kleinen Stiftlampe ausgehen … ein schnelles Aufblinken, gefolgt von einem kurzen Pfiff. Sein dünner aber muskulöser Körper erstarrte vor Anspannung. Die Freiheit war nun endlich zum Greifen nahe, und er konnte sie schon regelrecht schmecken, aber eine sogar noch intensivere Empfindung beschleunigte gerade seinen Puls: Rachedurst!

Er war einem gewissen Texas Ranger zu besonderem Dank dafür verpflichtet, dass dieser ihm einen zehnjährigen Aufenthalt im Staatsgefängnis von Oklahoma aufgehalst hatte. Ihm schwebte deshalb so einiges für dieses Stück Scheiße namens Jay McCutcheon vor. Er freute sich, als das Lämpchen endlich aufblinkte und leise gepfiffen wurde. Ihn traf ein erster Regentropfen ins Auge; er rieb mit der Hand darüber und grinste, da er jetzt den großen, grünen Mülllastwagen mit laufendem Motor sah, an dessen Heck ein untersetzter Mann stand.

»Hector«, rief Isandro mit gedämpfter Stimme und lief schnell zu seinem Komplizen hinüber, um ihn zu umarmen.

»Toll, dich endlich wiederzusehen, Bruder«, erwiderte Hector, während er ihn zur Klappe lotste.

»Das Ganze wird jetzt ein bisschen … schmutzig, aber die Crew wartet bereits draußen. Hoffentlich macht es dir nichts aus, dich ein paar Minuten lang im Dreck zu wälzen.« Hector versuchte, seinen Verwandten noch einmal zu umarmen, doch Isandro hatte bereits genug von dem gefühlsduseligen Unfug. Er nickte daher distanziert und umklammerte einen Griff am Laster.

»Meine Fresse, nein, ich habe mich während der letzten zwei Jahre ständig im Dreck gewälzt und komme ohne Probleme damit klar.« Nachdem er seinen Bruder einen festen Klaps auf die Wange gegeben hatte, sprang er in den Laderaum des Fahrzeugs. »Verschwinden wir von hier.«

Hector schaute hoch. »Was möchtest du denn zuerst machen?«, fragte er strahlend.

»Puta«, antwortete Isandro mit einem Blick zurück zum Gefängnis. »Danach stelle ich McCutcheon und zeige ihm endlich, was richtiger Schmerz und die Hölle auf Erden bedeuten.« Er spuckte auf den regennassen Asphalt. »Vamanos!«

Er blickte zum schwarzen Himmel hinauf und ließ kalten Regen über sein vernarbtes Gesicht strömen. Äußerlich mochte er vielleicht besonnen wirken, doch tief in ihm prasselten das Feuer des Hasses und eine Vergeltungssucht, die er jahrelang fieberhaft geschürt hatte. Jetzt war er wieder frei, und dies bedeutete, dass die Welt bluten würde!

Good Texas

2.700 Fuß über Dallas/dem Fort Worth International Airport

Freitag, 1. April 1985, 20:30 Uhr

Ich wischte mir den Schweiß aus dem Gesicht und versuchte, mich zusammen zu reißen, denn sonst hätte ich Galle gekotzt. Sie schmeckte nach schlechten Tortillas und verbrannten Arschhaaren. Beim Gedanken daran musste ich direkt einen weiteren Schwall des brennenden Safts hinunterschlucken. Nur noch ungefähr eine Viertelstunde, dann würde ich aus diesem beschissenen Vogel steigen und nach Hause zurückkehren können. Ich befürchtete jedoch, dass dies wohl knapp vierzehn Minuten zu lange dauern würde. Mein Magen fühlte sich nämlich an, als sei ich gerade auf einer Achterbahn mitgefahren, die Satan höchstpersönlich entworfen hatte. Der Flug von Washington aus hatte sich qualvoll dahingezogen, und der Gouverneur war ungefähr so charismatisch wie ein abgestorbener Baumstumpf. In der Kabine stank es nach Whiskey, Zigarren und Fürzen vom Widerlichsten. Ich arbeitete zwar erst wenige Wochen als Aufpasser für diese Witzfigur, war sein überhebliches Getue aber schon so was von leid. Allerdings konnte ich mich nicht entscheiden, was mir gerade schwerer zusetzte: Mein Hass auf das Fliegen oder die schlechten Witze, die der alte Stinkstiefel die ganze Zeit von sich gab wie eine Platte mit einer hängen gebliebenen Nadel oder Durchfall, der durch einen Rasensprenger gejagt wurde.

»Mein Junge, kennen Sie den, über den einbeinigen Hispanier mit dem Glas Erdnussbutter?« Der Gouverneur lachte ausgelassen und boxte kumpelhaft meinen Arm.

Dieser Typ ist echt die Krönung. Ich schenkte ihm ein verkrampftes Lächeln und tat so, als sei mir das Ganze nicht scheißegal.

Dieser schleimige Politiker war mit dem berühmten goldenen Löffel im Maul geboren worden und noch dazu erheblich korrupter als die NFL, MLB sowie alle Kongressabgeordneten zusammen. Noch mehr Galle vermengte sich mit meinem Speichel; ich würgte die Flüssigkeit krampfhaft wieder hinunter, kippte einen Schluck Wasser hinterher und warf anschließend dem dicken Mann einen Blick zu, an dem er keinen Anstoß nehmen konnte. Nun zog ich die Spucktüte aus dem Beutel am Sitz vor ihm. Deren frischer Inhalt trug noch mehr zu dem herrschenden Aroma an Bord bei, das an einen Hinterhof denken ließ. Meine Eingeweide drehten sich um, während sich das Flugzeug zur Seite neigte.

»Man hört, eine kleine, heiße mamacita aus Mexiko warte auf Sie, wenn wir landen, stimmt das?« Der Gouverneur zog seine langen, weißen Augenbrauen hoch, die mich irgendwie immer an Insektenfühler erinnerten, und zwinkerte mir kumpelhaft zu.

»Ja, Sir. Ihr Name lautet Inez. Wir sind verlobt.« Ich musste unbedingt cool bleiben, aber dieser Kerl raubte mir allmählich wirklich den letzten Nerv. Ich nippte erneut an dem warmen Wasser, weil ich den Geschmack von Erbrochenem im Mund loswerden wollte. Irgendwie war dieser aber trotzdem noch angenehmer als die Gesellschaft, in der ich während der vergangenen Stunden gesessen hatte. Nicht, dass man mich falsch versteht: Ich liebe meinen Job, nie hätte ich etwas anderes werden wollen als Texas Ranger. Dieser Beruf ist ein Vermächtnis meiner Familie – von den stark belaubten Wipfeln des Stammbaums der McCutcheons bis ganz hinunter zu meinem runzligen Arsch, der noch gar nicht so alt ist. Wir alle haben ihm unser Leben gewidmet, ja einige von uns sind sogar für die Rangers gestorben, aber verdammt: Wachdienst für diesen Schürzenjäger schieben – für diesen Betrüger, der krummer war als ein Sahuaro-Kaktus im Wind – hätte selbst die ausdauerndsten unter den hartgesottenen Mitgliedern meiner Sippe vor eine Herausforderung gestellt.

»Oh, ich wollte Sie damit keineswegs beleidigen, Ranger.« Der Fettarsch mit dem zerknitterten Anzug stieß gegen meinen Oberschenkel und zwinkerte mir noch einmal scheußlich zu.

»Das dachte ich auch nicht, Sir.« Ich schluckte schwer und schob mein Bein unauffällig aus der Reichweite seiner schweißnassen Hände. Beim Lügen hatte ich mich schon immer schwergetan und ich hätte diesen nicht müde werdenden Schwätzer am Liebsten vor vollendete Tatsachen gestellt, aber ich wusste nur allzu gut, wohin das Ganze dann ausgeartet wäre. Diesen Fehler hatte ich leider schon zu häufig begangen, um noch mitzählen zu können, und war mir deshalb ziemlich sicher, meine Karriere dieses Mal nicht mehr retten zu können. Mich feuern zu lassen stand allerdings nicht auf der Liste der Aufgaben, die ich an jenem Tag erledigen wollte, also entschloss ich mich, die Kröte einfach zu schlucken und abzuwarten, bis das verfluchte Flugzeug endlich landete.

»Haben Sie zufällig Fotos von Ihrer Verlobten dabei?« Der besoffene Klops rutschte nun auf seinem Platz nach vorne, wobei das Leder knarrte, als er einen fahren ließ, der gewiss die ganze Kabine ausräuchern würde. Er selbst schien es allerdings gar nicht bemerkt zu haben. Ich ignorierte das Geräusch, doch der Geruch war leider nicht auszublenden. So ein Mist.

»Also was ist, Junge? Fotos? Warten Sie kurz, ich muss zuerst mal meinen kleinen Freund auswringen. Seien Sie so gut und schenken Sie mir in der Zeit einen Irish Whiskey ein, ja?« Nachdem er mir abermals zugezwinkert hatte, hievte er sein breites Gesäß aus dem Sitz, allerdings nicht, ohne vorher noch einmal knarzend Darmgas entweichen zu lassen.

»Oh, und ein Spritzer Cola light bitte auch, falls es Ihnen nichts ausmacht.« Er klopfte mit einer seiner fleischigen Hände auf den kleinen Kühlschrank und ging dann hastig nach hinten zur Toilette, während er sich in den Schritt fasste.

Ich hielt den alten Mann zwar für einen ausgemachten Volltrottel, führte seine Befehle aber natürlich dennoch immerzu aus und respektierte seine Position ungeachtet der Napfsülze, die sie bekleidete. Nun atmete ich einmal tief durch, nahm eine Lucky Strike aus der inneren Brusttasche meines Jacketts und zündete sie an. Der beruhigende Rauch breitete sich sofort in meiner Lunge aus, während ich zur Minibar ging, um ein Glas mit Whiskey für den spleenigen Politiker zu füllen.

Dabei wandte ich mich an Novak: »Jesus Christus, womit um alles in der Welt habe ich diesen Albtraum denn bloß verdient?« Als ich vor der Theke stand, nahm ich alles, was für den Drink des Arschlochs vonnöten war. »Ist das denn zu fassen?«, wisperte ich. Alles, was meine Kollegen zu entgegneten hatten, war ein zurückhaltendes Lachen.

Penner.

Ich war wohl weitaus angepisster, als ich gedacht hatte. Als ich mich umdrehte, schüttelten meine beiden Ranger-Freunde ihre Köpfe, so als stünden diese in Brand, und lächelten dabei einhellig spöttisch. Higdon formte wieder und wieder das Wort »Nein« mit seinem Mund; er kannte mich wohl bestens. Ich schaute nach unten und sah, dass ich die Colaflasche wohl zu fest gedrückt und deshalb den ganzen Inhalt auf die Theke gespritzt hatte.

Erneutes Gelächter folgte.

Blöde Saftsäcke.

»Oh, in Ordnung. Danke, Mom.« Ich holte mir ein Tuch, beseitigte die ganze Schweinerei und zeigte den beiden dann in Ruhe den Vogel. Als ich sie noch dazu mit einem bösen Blick strafte, nahm der Flugkapitän gerade eine weitere nicht ganz so subtile Kursanpassung vor. Mein Magen war wirklich extrem gereizt.

Der Gouverneur wankte nun mit einer ausgestreckten Hand und einer dicken Zigarre, die in seinem Mundwinkel wippte, zurück in die Kabine. Er nahm das Glas von der Bar, kämpfte sich im Zickzack zu seinem Platz vor und plumpste dann direkt hinein. Als alter Profi verschüttete er dabei natürlich nicht einen einzigen Tropfen und verlor auch keinen Krümel Asche.

»Also, Ranger, wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, erzählen Sie mir doch bitte von der süßen, kleinen mamacita, die Sie haben. Kommen Sie, zeigen Sie mir mal etwas.« Der beschwipste Alte nahm jetzt einen kräftigen Schluck aus seinem Glas, und das Eis klirrte leise darin, als er mich mit der Hand, in der er die Zigarre hielt, dazu aufforderte, ihn mit pikanten Details zu versorgen.

Es wurde langsam nervig. Ich spülte meinen Verdruss mit einem kleinen Whiskey hinunter, den ich mir freimütig selbst eingeschenkt hatte, und wischte mir den Mund mit einer Seidenserviette vom Beistelltisch ab. Na gut, altes Haus, in ein paar Stunden bist du wieder daheim, und deine Anstellung bei dieser Hackfresse ist endlich vorbei. Noch nie zuvor hatte ich mich so sehr gefreut, nach Houston zurückkehren zu können.

»Jetzt aber, mein Junge: Ich bin mir sicher, Sie haben bestimmt ein schlüpfriges Polaroid oder so etwas dabei. Immerhin verbringen Ranger wie Sie eine ganze Menge Zeit unterwegs, und jeder von Ihnen muss sich doch auch mal zu irgendetwas einen von der Palme wedeln.« Whiskey floss nun aus dem Mund des Betrunkenen, als lasse sich ein dicker Barsch einen schmackhaften Wurm entgehen.

Dieser Kerl hatte den Ruf weg, deine berufliche Laufbahn schneller, als du gucken konntest, zunichtemachen zu können. So wie es aussah, stand ich stets mit einem Fuß im Grab und mit dem anderen in einem zu schnellen Frachtzug, der mit hundertzwanzig Meilen die Stunde in die Gegenrichtung raste. Zu viel herausnehmen konnte ich mir auf keinen Fall, denn da Inez und ich eine kleine Tochter hatten – Bellia – und ein neues Haus sowie unsere Hochzeit bezahlen mussten, konnte ich mir eines auf gar keinen Fall leisten, nämlich diesen alten Perversen zu verärgern und somit der nächste Kandidat auf seiner Abschussliste zu werden. Dies und die Tatsache, dass mich nur eine läppische halbe Stunde von zwei Wochen Urlaub trennten, bewog mich deshalb dazu, tatsächlich widerwillig meine Brieftasche zu zücken und ein Foto von Inez aufzuklappen.

Der Gouverneur streckte sofort seine Wurstfinger danach aus, riss mir das Leder aus den Händen und hielt sich das Bild ganz nah vor seine Glupschaugen.

»Mein lieber Schwan, Ranger. Heiiiliges Kanooonenrohr.« Mit diesen Worten ließ er sich zurück in seinen Sitz sacken. Seine Augen blieben weit geöffnet, und er leckte sich mit seiner wulstigen, vom Rauchen ganz fleckigen Zunge die noch wulstigeren Lippen wie eine Schlange, die gerade Witterung aufnimmt.

Ich biss die Zähne so fest zusammen, dass meine Kiefermuskeln schon wehtaten, und ballte die Fäuste. Politik und all die garstigen Nutznießer, die sie anzog, waren mir extrem zuwider, und jetzt hatte ich sogar ein Gesicht, das ich diesem schmutzigen Vorurteil zuordnen konnte.

Nur noch ein paar Minuten bis zur Landung, betete ich mir mühsam vor.

Ich bemerkte, dass Novak und Higdon meine Reaktion abwägten und sich schließlich auf den nächsten Einsatz dessen gefasst machten, was sie witzigerweise McCutcheons fliegende Verliererfaust nannten – beziehungsweise vielleicht auch auf einen weiteren Fehltritt meinerseits. Da sie schon sehr lange mit mir zusammenarbeiteten, wussten sie genau über mich Bescheid. Meine Karriere war mir allerdings zu wichtig, als dass ich mich von diesem Schwein oder meinen übermütigen inneren Dämonen aus der Reserve locken lassen würde.

»Achtung: Wir setzen gleich zur Landung an, also bitte nehmen Sie alle Platz und sehen Sie zu, dass Sie Ihre Sicherheitsgurte angelegt haben«, flötete nun der Kapitän fröhlich durch die Lautsprecher im Raum, dessen Luft man gerade vor Spannung schneiden konnte.

»Also bei Gott, Jesus und allen Heiligen der Welt, wenn Sie da mal keine scharfe Braut Ihr Eigen nennen, Junge.« Der Alte griff sich wieder in den Schritt und bewegte seine Zunge. So wie er nun grinste, hätte er sich glatt die ganze Brieftasche einfahren können. Sein Lachen wuchs sich nun langsam zu einem Raucherhusten aus.

Ich wurde jetzt schlagartig erneut stinkwütend. Aber kaum, dass ich einen Schritt auf den widerlichen Politiker zuging, blieb ich auch schon wieder stehen, denn meine Partner waren sofort nachgerückt. »Der alte Wichser wird jetzt sein Amt niederlegen – und zwar unfreiwillig!«, zischte ich vor mich hin.

»Machen Sie mal halblang, Cowboy. Nur die Ruhe. Ich wollte damit doch nur sagen, dass Ihre Zukünftige eine wahre Schönheit ist.« Der feiste Lustmolch hob jetzt eine seiner Pranken hoch, um mich zu stoppen, und setzte dabei ein schmieriges Lächeln auf. Gern hätte ich ihm trotzdem seinen Zahnersatz in den nach Whiskey stinkenden Rachen gerammt, hielt mich aber zurück.

»Ja. Das … ist sie wirklich. Danke … Vielen Dank, Sir.« Ich rang mir die Worte mit angespannten Lippen ab. Immer noch passten meine Kollegen wie übertrieben fürsorgliche Kindermädchen auf mich auf.

»Aber mal eine Frage, mein Sohn: Schmeckt ihre Möse denn auch so süß, wie sie aussieht?« Das Ekel streckte nun seine Zunge wieder heraus, fuhr damit über das Foto und grunzte laut, während er es vor sein geiferndes Gesicht hielt.

So schnell, dass es selbst die anderen Ranger überraschte, sprang ich vorwärts und verpasste dem geilen Bock einen Kinnhaken, der ihn von seinem Sitz kippen ließ. Als er schließlich ausgestreckt auf dem Teppichboden liegen blieb, sah ich, wie Higdon sofort zu ihm eilte, während ich von Novak weggezogen wurde. Er drückte mich gegen die Wand, und ich wehrte mich rasend vor Wut, doch er war gut fünfzig Pfund schwerer als ich, und die paar Gläser Jameson, die ich getrunken hatte, gereichten dem großen Mann ebenfalls zum Vorteil. Er war zu stark und rang mich deshalb einfach nieder. Deswegen würden wir später unbedingt noch eine Unterhaltung führen müssen.

»Komm wieder runter, Jay. Du brauchst dich doch nicht auf diese Weise in Teufels Küche zu bringen«, flüsterte mir Novak ins Ohr. Ich starrte auf den blutenden Abschaum vor mir am Boden; wirklich, ich wollte den Bastard unbedingt umbringen. Gleichzeitig wusste ich aber auch, dass mein Kollege recht hatte – wie immer, verdammt. Letzten Endes entspannte ich mich und nahm meine Arme wieder herunter, woraufhin mir der Bärenkerl ein wenig mehr Spielraum gewährte, mich allerdings immer noch nicht vollständig losließ.

»Wieder alles klar bei dir?«, fragte er. Seine braunen Augen, mit ihrem stechenden Blick ruhten auf mir, solange er sich nicht sicher war, ob ich mich nun einsichtig zeigen würde. Er war beileibe kein Schaumschläger.

»Ja, alles wieder klar.« Wir wussten natürlich beide, dass ich log.

»Achtung.« Die gereizte Stimme des Kapitäns durchbrach nun die kurzzeitige Stille. »Nehmen Sie bitte alle Platz. Ich kann nicht genau sagen, was gerade bei Ihnen vor sich geht, doch wir landen gleich, also rate ich Ihnen, sich hinzusetzen.«

»Gute Idee. Sir, lassen Sie sich von mir aufhelfen.« Higdon versuchte, den angetrunkenen Mann hochzuziehen.

»Pfoten weg! Ich schaffe das alleine, um Himmels willen. Ich bin doch kein armer Krüppel«, empörte sich der Gouverneur und tupfte seinen blutenden Mund mit einem Taschentuch ab. Nachdem er die Hilfe brüsk abgewiesen hatte, pflanzte er sich beschwerlich zurück in seinen Ledersitz, der jetzt über und über mit Whiskey besudelt war. Er bemühte sich, seinen Anzug glatt zu streichen und sich so etwas Würde zu bewahren, scheiterte aber in Beidem kläglich. Sein bestes Stück war weiterhin erigiert, während er damit fortfuhr, sich über das verquollene Gesicht zu wischen. Er warf mir einen abfälligen Blick zu, wie ich ihn schon viel zu oft gesehen hatte.

Nach einigen hitzigen Momenten saßen wir aber wieder alle angeschnallt da und warteten darauf, dass die Maschine auf der Rollbahn landete. Als ich zur Ruhe kam, begriff ich langsam, was da passiert war. Ich hatte offenbar zum letzten Mal Scheiße gebaut. Jetzt konnte ich mir alles abschminken: Ich hatte keinen Job mehr, es würde keine Heirat und keine Flitterwochen geben … meine Karriere war futsch, Ende im Gelände. Wie konnte ich das bloß Inez beibringen? Dieses Mal würde sie mich bestimmt verlassen und Bellia gleich mitnehmen. Dann würde ich allein sein … wieder … und dieses Mal zweifelsohne verdientermaßen.

Nach dem Debakel in San Antonio und Galveston konnte ich von Glück reden, dass sie mich Taugenichts überhaupt noch so lange ertragen hatte. Ich durfte sie und das Baby aber nicht verlieren, denn ohne sie zu leben, kam mir vollkommen ausgeschlossen vor. Genauso gut hätte ich auch gleich sterben können. Zu jenem Zeitpunkt war ich mit meiner staatlichen Lebensversicherung und Rente tot sowieso weitaus mehr wert als lebendig. Diese Option hatte ich in letzter Zeit irgendwie ständig im Hinterkopf.

Ich sah mich allerdings außerstande, die Waffen bereits zu strecken. Angestrengt schluckend blickte ich hinüber zu dem zuckenden Scheißkerl und holte tief Luft.

»Sir, ich möchte mich bei Ihnen entsch…«

»Sparen Sie sich das gefälligst, Junge! Sie haben sich mit dem Falschen angelegt, mein Freund!« Der alte Mann hielt eine Hand in die Höhe und wollte nicht einmal mehr in meine Richtung schauen.

Novak und Higdon sahen mich sowohl verdrossen als auch verlegen an, was mich in keiner Weise aufbaute.

»Leckt mich doch am Arsch!«, schimpfte ich wiederholt, während die kleine Maschine endlich über dem Flughafen niederging. Um meinen Magen und meine Zukunft stand es zusehends schlimmer, je weiter sich das Flugzeug der warmen, feuchten Rollbahn näherte.

I’m Bad, I’m Nationwide

Route 45 South, Oklahoma

Freitag, 20:53 Uhr

Der Cadillac brauste die nasse Straße hinunter, vorbei an Bäumen und Telefonmasten. Sie hatten an einer jener Kleinstadtraststätten, die geradezu ausgeraubt worden wollten, eine kurze Pause eingelegt, um zu tanken und noch mehr Alkohol zu besorgen, aber nicht nur das.

»Was gibt es denn über diesen McCutcheon zu sagen?«, fragte Isandro und trank aus seiner Flasche, während er den Schopf der Blondine kraulte.

»Nimm’s mir nicht krumm, Boss, aber warum bist du so scharf auf diesen Typen?«, erwiderte Cahill.

Der Rest der Crew verstummte sofort und starrte durch die Fenster nach draußen – selbst Bobby und Manny, die sich gerade an einer jungen Frau mit hellblonden Haaren im Kostüm einer High-School-Cheerleaderin vergingen.

»Wer zum Geier ist denn dieses Weißbrot, dieser Käsearsch?« Isandro breitete seine dünnen, aber muskulösen Arme weit aus und verlangte mit forderndem Blick eine Antwort.

»Hey, Bruder, er ist neu; er weiß noch nicht, was abgeht«, platzte Hector hinter dem Steuer hervor.

»Genau, Boss, er ist wirklich in Ordnung«, pflichtete ihm Manny bei. »Er ist bloß dämlich, sonst nichts.« Daraufhin lachten alle, während Isandro den schmächtigen Weißen eingehend aber geringschätzig anschaute.

»Sorry … Boss. Ich habe mich nur gefra…«

Isandros Miene verfinsterte sich noch weiter, und der Knabe fing an zu zittern. »Er hat mich verdammt nochmal auflaufen lassen, esé, falls du es genau wissen willst.« Er lehnte sich auf dem Rücksitz des breiten Cadillacs zurück, während das Mädchen ihn zwangsweise bediente.

»Er und diese Schlampe von Bezirksstaatsanwältin.« Isandro spürte, wie der Zorn erneut in ihm aufstieg. Er nahm noch einen kräftigen Schluck aus der Flasche, der jedoch nichts gegen die Flammen ausrichten konnte, die in ihm loderten. Dass er in allen Punkten seiner Anklage und noch vieler weiterer Verbrechen schuldig war, von denen bisher noch niemand etwas erfahren hatte, wusste er, doch niemand durfte ihn kontrollieren oder bestrafen, vor allem nicht irgendwelche weißen Schweine, die das Gesetz vertraten, und ihre Handlanger vom Schlage dieser dreckigen Bezirksstaatsanwältin, die mitgeholfen hatte, ihn wegen seiner sechs Morde erneut in Oklahoma einzubuchten.

Diese zwei Hurensöhne würden deshalb nun langsam und qualvoll sterben. Dieser finstere Schwur war das Einzige gewesen, was den ruchlosen Killer Tag für höllischen Tag im Bau am Leben gehalten hatte.

»Die Kröte ist aber schwer zu finden. Wir haben schon etwas Kohle lockergemacht und so herausgefunden, dass er irgendwo in Houston wohnt, aber das war’s dann vorerst auch schon mit den Infos. Trotzdem konnten wir ihn irgendwann aufspüren. Das wird dir gefallen, hombre.« Manny kicherte und stieß mit jedem Husten weißen Qualm aus. »Er wird bald heiraten und hat mittlerweile ein Kind.« Dem jungen Kerl hingen die zotteligen Haare fast in den blutunterlaufenen Augen.

»Oh nein, das ist nicht wahr«, meinte Isandro lachend und packte den Kopf des Mädchens noch fester. Er nippte abermals an der Flasche und schaute dann durch die Scheibe, gegen die unentwegt der Regen prasselte, hinaus.

»Ich verarsche dich nicht, und du errätst niemals, wer die Alte ist, die er heiraten will.« Manny zog genüsslich an seinem Joint und nickte dann mit einem bekifften Grinsen, das breiter war als von einem Ohr zum anderen.

»Wer?« Isandro rieb den Kopf des Mädchens, während sie es ihm weiter mit dem Mund besorgen musste. Er ignorierte ihr Schluchzen und Winseln um Gnade mit einem fiesen Lächeln und zog sie an den Haaren zurück.

Nun lachten Manny und die anderen lautstark. »Die Santana-Fotze, esé.«

»Das klingt ja fast wie Musik in meinen Ohren«, entgegnete Isandro mit einem kühlen Tonfall.

Der Rest der Crew nickte und lächelte dem Anführer zu.

»McCutcheon und die Anwaltsschlampe geben sich gegenseitig das Jawort, echt?« Er drückte den Kopf des Mädchens noch fester hinunter auf seinen Schwanz und lachte dabei so bellend laut, dass es alle in dem Cadillac mit der Angst zu tun bekamen.

»Stimmt, Bruder«, bekräftigte Hector zögerlich vom Fahrersitz aus. Die anderen stimmten mit ein, woraufhin ein raues Lachen im Wagen losbrach, begleitet von Rufen nach mehr zum Saufen und grausamer blutiger Rache.

»Conchetumare!«

Isandro schlug gegen den Hinterkopf der Weißen, die ihm gerade die Flötentöne beibrachte. »Pass gefälligst auf, was du da mit deinen Dreckszähnen machst, puta.« Er heulte auf, wobei der stinkende Joint aus seinem Mund fiel.

Das entsetzliche Gejammer und das Flehen um Beistand des Mädchens blieb weiterhin unbeachtet, außer dass Isandro es ab und zu mit einem teuflischen Grinsen quittierte. Er starrte die am ganzen Körper Zitternde mit kalten schwarzen Augen an, bevor er seinen Kopf in abgründiger Neugierde zur Seite neigte.

»Ich habe dir nicht gesagt, dass du aufhören sollst. Lutsch gefälligst meinen Schwanz oder das hier.« Er schob ihr den Lauf einer .357er in den bebenden Mund. In dem geschlossenen Cabriolet dröhnte es daraufhin vor alkohol- und drogenschwangerem Gegröle, als dem entgeisterten Mädchen, das laut College-Ausweis zwanzig Jahre alt war, aber eher aussah, als sei es keinen Tag älter als sechzehn, wenn es hochkam, die dicke Kanone am Gaumen kitzelte. Das gefiel Isandro; schnell führte er seinen Penis wieder in ihren blutenden Mund, und dann dienten ihre Tränen gewissermaßen als Schmiermittel für den Blowjob.

»Seht ihr? Man muss nur wissen, wie man mit diesen putas umzuspringen hat.« Er zerrte wieder an den Haaren des Mädchens und lachte laut, während es wimmerte. Noch einmal sprach er seinem Tequila zu, bevor er die Flasche über dem Schopf der Weinenden auskippte. Das Lachen wurde nun noch lauter. Die vorangegangenen zweiundsiebzig Stunden waren wirklich lang gewesen; sie hatten viel Blut vergossen und zahlreiche Leben genommen, doch Isandro lebte genau dafür. Je mehr Chaos und Verwüstung er heraufbeschwor, desto steifer wurde sein Schwanz, und desto abgründiger wurden seine Sehnsüchte. Die grausame Spur seines Blutbads hatte in McAlester in Oklahoma begonnen, wurde aber immer extremer und brutaler, je weiter sein Zirkus des drogeninduzierten Wahnsinns reiste.

»Kannst du dieses Mal ein bisschen was von dieser geilen Schnecke für mich übrig lassen, Issie?«, bat ihn Cahill vom Vordersitz aus.

Der Boss schaute den Kerl böse an. »Warte gefälligst, bis du an der Reihe bist, Pisser. Außerdem ist sie viel zu gut, um eine Teigfresse wie dich ranzulassen.«

»Ach, Mensch … scheiße.« Speichel tropfte von Cahills herabhängender Unterlippe auf den Ledersitz, während er an dem zu kurz geratenen Wurm in seiner abgewetzten, blutbesudelten Jeans rieb.

»Den Mist kannst du für dich behalten, Mann«, knurrte Isandro und versuchte nun den Jungen einfach zu ignorieren.

Die Nacht zog vorüber, wie ein Film im schnellen Vorlauf, als der wütende Mexikaner seine Ladung in den Mund der verstörten Teenagerin feuerte. Dann stieß er sie nach vorne zu seinem ungeduldigen Lakaien und wischte seinen Prügel an ihren Haaren ab. Während er ihn zurück in seine Hose packte, trank er erneut aus der Flasche. Ihm gehörte jetzt endlich wieder die Welt, und er hatte vor, ihr mit Gewalt zu entreißen, was er konnte. Aus dem Knast zu türmen war nicht leicht gewesen. Gehörte man erst einmal zu einer der mächtigsten Banden im ganzen Land, wenn nicht sogar auf der ganzen Welt, konnte man mit solchen Untaten allerdings davonkommen.

Isandro hatte längst aufgehört, die verstümmelten Leichen zu zählen, die seinen Weg pflasterten. Das spielte für ihn sowieso keine Rolle. Neun harte Jahre lang hatte er mit nur einem einzigen Gedanken in seiner Zelle in Oklahoma gesessen … nun ja, vielleicht doch mehr als nur einem; immerhin konnte man nur begrenzt vögeln und saufen. Nein, sein Ziel lautete Mexiko. Denn dort lebte seine Familie und wartete auf ihn. Er hatte so gut wie gar nicht mitbekommen, wie seine Kids aufgewachsen waren, und wollte deshalb nicht noch mehr Zeit vergeuden. Ihm war egal, wie viele Cops oder Unschuldige er dafür beseitigen musste, um dorthin zu gelangen. Er würde die Dinge einfach so nehmen, wie sie sich ergaben …

Freiheit.

Jedermanns Sündenbock zu sein, ging ihm gehörig auf den Geist. Er hatte damals den Kopf für seine Crew hingehalten und war stolz darauf. Unten in Mexiko gab es viel zu viele Weicheier, die den Laden schmeißen wollten. Sie alle brauchten einen gehörigen Tritt in den Arsch. Falls dieser keine Wirkung zeigen sollte, würde eine Kugel in den Kopf diese pendejos garantiert verdammt schnell zur Räson bringen. Isandro schluckte weiter Tequila, während er dabei zuschaute, wie sich der nervöse Yankee-Knabe und Manny das junge, weiße Mädchen abwechselnd vornahmen. Dass sie dabei mit speichel- und blutverschmiertem Mund unaufhörlich um Hilfe rief, brachte ihn zum Lachen. Davon wurde automatisch sein Schwanz wieder aktiv, weshalb er in Erwägung zog, in ihr noch ein letztes Mal in den Arsch zu stecken. Da er aber auf einmal einen Harndrang verspürte, erübrigte sich dieser Wunsch.

»Hector, halt mal kurz an, ich muss pissen«, befahl er.

»Klar, el hermano.« Sein Zwillingsbruder hinter dem Lenkrad nickte.

Der alte Cadillac bog daraufhin im strömenden Regen hinter einem geschlossenen McDonald’s von der Straße ab. Dampf stieg vom heißen Pflaster auf, wie von einem Steak, das auf einem Grill brutzelte. Der Mond war nur schwach erkennbar und leuchtete in einem fahlen Gelb, als der große Wagen hinter einem überfüllten Müllcontainer anhielt. Dudelnde Mariachi-Musik hallte von den roten, gelben und weißen Ziegelsteinen des Fast-Food-Restaurants sowie von dem Metallbehälter wider. Als Isandro hinten ausstieg und torkelnd losging, hielt er seinen Steifen in einer Hand und seinen geladenen Revolver in der anderen. Er sah aus, als sei er bereit, beide sofort zu benutzen.

Er fand nun eine Stelle, um sich zu erleichtern und ein bisschen Abstand von den rammelnden Wildschweinen im Cadillac zu nehmen. Während er sich gegen den verrosteten, blauen Container lehnte, schien sogar sein Urin wütend aus ihm hervorzuschießen. In seiner Kindheit auf der Straße hatte er den alten Frauen im Ort immer gerne geholfen, doch wurde man mehrmals von vermeintlichen Familienmitgliedern niedergestochen und angeschossen, lernte man verteufelt schnell, dass Vertrauenswürdigkeit offenbar eine sehr seltene Tugend ist. Genau diese Einstellung hatte letzten Endes dazu beigetragen, ihn von Oklahoma auf diesen beschissenen regengefluteten Parkplatz zu führen, wo überall benutzte Kondome und Heroinspritzen herumlagen.

Das Scheinwerferlicht des Autos ließ Glassplitter auf dem Asphalt glitzern. Als Isandro mit seiner Pistole winkte, wusste Hector sofort, was es bedeutete. Es goss wie aus Eimern, als seine Handlanger die junge Blondine aus dem Wagen zerrten, dessen Motor noch immer lief. Sie schrie um Hilfe und bettelte verzweifelt, doch das tosende Unwetter – die Sturzbäche, die zu Frühlingsanfang immer gern vom Himmel fielen, spülten alles fort, zumal es den mexikanischen Gangstern sowieso vollkommen egal war. Zwei der Crewmitglieder warfen das hysterische Mädchen auf das gelb schimmernde Pflaster vor ihren Anführer, der sich mit dem Revolver über seinen feucht gewordenen Reißverschluss fuhr.

»Bitte … tue es nicht«, jammerte das Mädchen zitternd.

»Was soll ich nicht tun?« Isandro kniete sich vor ihr hin.

»Ich … ich habe doch alles getan, was ihr wolltet. Bitte …«

»Fotze, du sagst ständig nur ‘nicht’. Was genau soll ich nicht tun?« Isandro schlug die Flasche auf ihren Kopf, woraufhin sich ihr Blut mit dem prasselnden Regen vermischte. Er stand nun wieder auf und hielt ihr das Großkaliber an den Schädel, während sie weiter schluchzte. Die Mariachi-Klänge und der tobende Sturm übertönten den Schuss beinahe, bei dem die Hirnmasse des Mädchens über den leeren McDonald’-Parkplatz spritzte.

»Hector, hauen wir schnell von hier ab«, drängte Isandro. Die Leiche auf dem kalten Belag zuckte noch immer, als er zum Wagen zurückkehrte, einstieg und die Tür zuknallte.

»Was kommt denn jetzt als Nächstes?«, fragte er.

Goin’ So Good

Dallas/Fort Worth International Airport, Parkhaus

Freitag, 21:01 Uhr

Während der Landung und des ungemütlichen Ausstiegs waren die längsten dreißig Minuten meines betrüblichen Lebens vergangen. Der Gouverneur hatte die Flasche Whiskey mittlerweile leer getrunken, als die Maschine am Boden angekommen war, und ich wusste ganz genau, dass ich mich dieses Mal nicht wieder herausreden könnte. Ich behielt es im Hinterkopf, dass die kranke Sau es darauf angelegt hatte, und stand weiterhin dazu, ihm in die Fresse gehauen zu haben; streng genommen wünschte ich mir sogar, meine Partner hätten es mich ganz zu Ende bringen lassen. Dies spiegelte wohl ganz gut wider, was meine Therapeutin »selbstzerstörerische Wut« nannte. Scheiß auf die zu teure Geldrafferin und ihre nichtigen Fachausdrücke. Ich grübelte über diesen Gedanken nach, während wir zu der langen, schwarzen Limousine gingen, die auf Ebene A des Flughafenparkhauses auf den Gouverneur wartete.

Dorthin gelangten wir durch einen langen Betonkorridor. Ich hatte das Gefühl, meine Brust würde in einem Schraubstock stecken und mein Magen gleich durch meinen Bauchnabel hervorbrechen. Ein letztes Mal musste ich noch versuchen, meine Karriere zu retten … ach was … wem machte ich denn hier etwas vor? Mein ganzes, gottverdammtes Leben! Der Gouverneur wollte gerade einsteigen, als ich hastig an Novak vorbeilief. Er versuchte noch, mich aufzuhalten, doch ich riss meinen Arm mit aller Gewalt von ihm los. Anschließend griff ich schnell nach der Autotür, bevor einer der Gehilfen des Politikers sie ganz schließen konnte, und stellte mich hinter den Flügel.

»Gouverneur, Sir, nur ganz kurz: Ich kann gar nicht ausdrücken, wie leid es mir tut, derart überreagiert zu haben. Das war absolut unzulänglich und unmöglich von mir. Darf ich mich Ihnen bitte erklären, nur ganz schnell?« Ich rasselte all diese Worte in einem einzigen Atemzug herunter, während ich innerlich zu einem Gott betete, der mir seit jeher fremd war, was mich allerdings bis zu diesem Moment kein bisschen gekratzt hatte. Jetzt begann ich allerdings allmählich, an ihn zu glauben; zumindest glaubte ich, es zu tun. Ich schluckte schwer und schaute dann in die unerschrockenen Augen des betrunkenen Alten. Er hielt seinen Fahrer mit einer Handbewegung dazu an, kurz zu warten, wandte sich mir dann wieder zu und starrte mich einfach nur an. Er wartete ungeduldig und schweigend darauf, dass ich anfing, vor ihm zu Kreuze zu kriechen.

Die Sturmwolken, die dem Flugzeug von D.C. aus gefolgt waren, brauten sich jetzt in der Kälte über dem Flughafen zusammen und blendeten jegliches Licht aus, das der Mond hätte abstrahlen können. Ich holte erneut tief Luft, wobei ich meine Kollegen ein wenig abseits links von mir stehen sah, dann wandte ich mich wieder dem erzürnten Gouverneur zu, der sich in der Limousine gerade den nächsten Drink einschenkte.

»Sir, hören Sie … ich heirate übermorgen. Inez, meine Verlobte, hat mich während der Planung total gestresst. Wir sind seit über zweiundsiebzig Stunden im Dienst und konnten dabei so gut wie gar nicht schlafen. Ich weiß, das ist keine Entschuldigung dafür, Sie geschlagen zu haben, Sir, aber ich … ich bin irgendwie einfach ausgerastet.« Ein frischer Windzug fuhr jetzt durch den Betontunnel des Parkhauses.

Ich schien den Dicken offenbar nicht beeindruckt zu haben, denn er starrte mich weiterhin verdrießlich an, trank noch einen Schluck von seinem Whiskey und lehnte sich dann auf der Ledersitzbank zurück.

»Sir, Ranger McCutcheon ist ein hochdekorierter Offizier und wirklich …«, eilte mir Novak nun zur Seite, doch der Gouverneur schnitt ihm energisch das Wort ab.

»Mir sind Ranger McCutcheons sogenannte Verdienste hinlänglich bekannt. So wie es aussieht, war ich ja nicht das erste Opfer Ihres Jähzorns, Junge, oder?« Sein Blick ruhte weiter auf mir, und ein hämisches Lächeln umspielte die groben Züge des alten Mannes. Dies machte mich erneut wütend, weshalb ich schon wieder drauf und dran war, ihn in die teuren Lederpolster zu prügeln. Stattdessen betete ich aber erneut zu welchem Gott auch immer, dass dieser mich erhören mochte. Die Vorfälle, auf die sich der besoffene Kerl bezog, hatte es tatsächlich wiederholt gegeben, doch alle waren gerechtfertigt gewesen, zumindest in meinen Augen. Außerdem lagen sie schon lange zurück, und mittlerweile hatte ich mich wirklich von Grund auf gebessert. Ach, mein Leben war in Wirklichkeit eine Dauerbaustelle. Das Zeichen, das der selbstgefällige Schnösel seinem Fahrer nun gab, zerstreute meine schlechten Erinnerungen allerdings schnell wieder.

»Aber Sir, bitte.« Ich streckte eine Hand aus und hielt ihn am Ärmel seines Wollmantels fest, womit ich mir allerdings nur einen weiteren verächtlichen Blick einhandelte.

»Sir, ich … ich b… ich bitte Sie; ich werde meinen Job verlieren. Es liegt ganz an Ihnen, meine Karriere zu beenden oder nicht. Bitte gehen Sie noch einmal in sich.« Ich spürte, wie aufrichtige Tränen aus meinen üblicherweise trockenen, und Rührung leugnenden Kanälen quollen, und wusste instinktiv, dass sie alles waren, was ich noch zu bieten hatte.

Das fette Gesicht des Gouverneurs verwandelte sich daraufhin in einen Brocken Granit, während er stur geradeaus starrte. Er hielt mir eine fette Hand vor das Gesicht und ich schluckte meine Tränen hastig hinunter.

»Es gibt nichts, was ich noch für Sie tun könnte, Junge. Morgen früh werde ich mit Ihren Vorgesetzten sprechen und Ihre Dienstmarke verlangen.« In genau diesem Moment öffnete sich der Himmel, der aussah wie eine schwarze Piñata, und kalter Regen fiel hinab.

»Aber Sir«, rief ich, während der plötzliche Guss uns alle durchnässte, was nur weniger Sekunden bedurfte. Dampf stieg vom Bodenbelag auf und stand wie gespenstischer Nebel im Parkhaus.

Der Gouverneur winkte mich dicht an sich heran, bevor er antwortete: »Ich würde überhaupt nichts für einen Haufen Kuhscheiße wie Sie tun, selbst wenn ich es müsste. Allerdings – und nur damit Sie es wissen – ist Ihre baldige Frau ein echt scharfes Flittchen, und wenn ich mir heute Abend einen runterhole, werde ich dabei ihr Gesicht beim Abspritzen sehen.« Daraufhin zwinkerte er mir zu, lächelte überschwänglich und drückte mir seine feuchte Handfläche mitten ins Gesicht. Dabei lachte er, bis sein Gehilfe die Tür schloss.

Eine Vielzahl zuckender Blitze verwischte die Skyline von Lubbock, und ich blieb klitschnass und mit kummervoller Wut im Regen stehen, während die Limousine langsam in der Nacht verschwand. Meine Zukunft – dessen war ich mir sehr sicher – fuhr da gerade mit ihr davon. Ich musste jetzt unbedingt zurück nach Hause, zurück nach Houston.

»Tut mir schrecklich leid, Jay. Ich …«, begann Novak, aber ich wollte im Moment nichts hören.

Als ich in der Dunkelheit des Parkhauses zum Ausgang trottete, begleiteten mich mehrere markerschütternde Donnerschläge.

Ich spürte, dass mir Higdon und Novak hinterherschauten, und kam mir auf einmal furchtbar schlecht vor, weil ich sie abgewiesen hatte. Sie waren nämlich wirklich gute Ranger und noch bessere Freunde – bessere, als ich verdiente, und ich kannte meinen zweifelhaften Ruf schließlich ganz genau: Texas Ranger James Mathew McCutcheon, einer der wackersten, die je eine Marke getragen haben, aber zugleich auch einer der Gewalttätigsten seiner Art. Die zwei Einfaltspinsel beteten bestimmt im Moment darum – vielleicht zu dem Gott, der mich gerade nicht beachtet hatte – ich möge einfach nur den Mund halten, meinen Schwanz einziehen und heim zu Inez kriechen, anstatt etwas richtig Dummes zu tun.

Meine Partner wussten allerdings genau, dass sie, anstatt diese Bitte vorzubringen, auch genauso gut in den Grand Canyon pissen konnten; es war reine Zeitverschwendung.

Die Lautsprecheranlage des Flughafens knarrte jetzt plötzlich laut; es ging um irgendeinen Notfall, doch ich musste mich jetzt erst einmal um meine eigenen Probleme kümmern. Deshalb ging ich davon, während der Regen immer mehr zunahm und zu einer kränklich gelben Wand wurde.

Decision Or Collision

Dallas/Fort Worth International Airport, Parkhaus

Freitag, 21:14 Uhr

Ich betätigte die Zündung meines 1969er Plymouth Barracuda. Als der Motor aufheulte, steckte ich mir erst einmal eine Lucky Strike an und nahm meinen Flachmann mit Jim Beam aus dem Handschuhfach. Donnergrollen und knisternde Blitze schienen meinen Zorn scheinbar bändigen zu wollen, doch es gelang ihnen nicht. Ich zitterte vor Rage und rauchte meine Zigarette innerhalb weniger Sekunden auf, bevor ich erkannte, dass ich schon eine zweite angezündet hatte. Mir schwirrte der Kopf vor wirren Emotionen und panischen Gedanken. Mehrere bodenlose, verzweifelte Momente vergingen, bis ich einen Entschluss fasste.

Ich trank langsam aus dem Flachmann. Es war das einzige greifbare Erbstück der Familie McCutcheon. Mein Urgroßvater hatte ihn als Soldat aus dem Ersten Weltkrieg mit nach Hause gebracht. Ich fuhr mit dem Daumen über die tiefe Delle, die der Legende nach auf einen angepissten Franzosen zurückging, der auf meinen Großvater geschossen hatte, weil dieser mit dessen Ehefrau in die Kiste gehüpft war – ein weiterer charmanter Wesenszug, den er von einer verdrehten Generation zur nächsten weitergereicht hatte. Während ich trank, überlegte ich, wie viele besoffene McCutcheons wohl schon an diesem mitgenommenen Stahlgefäß geklebt hatten.

»Danke, ihr Säcke«, sagte ich deshalb laut und zog zwei Fotos hinter der Sonnenblende hervor. Erneut stiegen mir Tränen in die müden Augen. Eines der Fotos war am Abend unserer Verlobung gemacht worden; wir hatten Inez’ Verwandte in deren Haus in Saltillo besucht. Es war eine großartige Zeit gewesen. Ich setzte den Flachmann noch einmal an und betrachtete dabei das zweite Bild; es stammte von Bellias Taufe. Sie und ihre Mutter waren wirklich wunderschön. Die Kleine mit ihrem weichen, dunkelhaarigen Köpfchen … Gott sei Dank schlug sie mit ihrem Aussehen ihrer mamacita nach. Ich kicherte und weinte zur gleichen Zeit.

Das vergangene Jahr war mir nur dunkel und verschwommen im Gedächtnis geblieben, und nach all dem zurückliegenden Elend hatte ich ein Riesenglück, dass Inez mir weiter die Treue hielt. Die Schießerei und der Unfall waren aber natürlich nicht unbemerkt an meiner Familie und mir vorübergegangen. Der jüngste Ausfall mit dem Gouverneur erinnerte mich nur wieder daran, dass es mit meinem Glück bald vorbei sein würde und ich, was Inez betraf, mein Schicksal mehr oder minder besiegelt hatte. Denn dies würde garantiert der Tropfen sein, der das Fass endgültig zum Überlaufen brachte. Der warme Whiskey rann meinen Rachen hinunter … wie hatte ich nur schon wieder so einen Mist bauen können? Jesus Christus, diese Frage war mir im Laufe der letzten Jahre ganz schön oft gekommen, eine Antwort darauf allerdings nie. Ich sah kommen, dass der verfluchte Flachmann leer sein würde, wenn ich irgendwann aus diesem gottverlassenen Parkhaus fahren würde.

Im Kassettendeck lief »Ain’t Wastin’ Time No More« von den Allman Brothers, und mein verhangener Horizont klarte langsam auf. Mit einem Mal wurde mir bewusst, dass meine Gebete endlich erhört worden waren, an welches höhere Wesen ich sie auch immer gerichtet haben mochte – dies war ein Zeichen. Ich warf den zweiten Zigarettenstummel aus dem Fenster und trank noch einmal aus dem Flachmann, bevor ich ihn zurück ins Handschuhfach steckte, dann stellte ich die Hurst-Automatik auf Dauerbetrieb.

Der Regen trommelte auf meinen mitternachtsblauen Plymouth, während ich den Weg zum Ausgang des Flughafenparkhauses zurücklegte und schließlich auf den Freeway in Richtung Südosten einbog.

Ich hatte meine Entscheidung gefällt! Sturm und Regen folgten mir nach Houston.

Just Got Paid

Route 45 South

Die Nässe spritzte unter den Reifen des Cadillac hervor, und ein Schild mit der Aufschrift »Willkommen in Texas« flog in der kühlen Nacht vorüber. Niemand im Wagen bemerkte es allerdings oder interessierte sich überhaupt dafür. Grauer Dunst strömte aus den getönten Scheiben und vermischte sich mit dem Dampf, der von Highway 45 aufstieg. Vereinzelte Straßenlaternen leuchteten im Vorbeifahren auf, doch Isandro sah sich in keiner Weise dazu bemüßigt, Notiz davon zu nehmen.

»Hey, esé, keiner hat mehr cerveza oder Tequila. Wir müssen unbedingt einen Laden finden, und zwar pronto, yo«, ordnete er an. Seit sie ihr »Partyhäschen« abgestoßen hatten, war es unangenehm still im Wagen gewesen, also war er der Meinung, dass seine Chaostruppe mal wieder einen Tritt bräuchte, und keinen Alkohol mehr an Bord zu haben, lief dem Ganzen zuwider. Er stürzte gerade den letzten Rest Tequila hinunter, und auch das Gras war schon fast vollständig aufgebraucht. So wird das alles nichts, dachte er.

Er betrachtete ununterbrochen das Foto seiner Zwillinge und kämpfte dabei mit aller Macht dagegen an, in Tränen auszubrechen. Denn er durfte vor seiner Crew auch nicht nur einen Hauch von Schwäche zeigen – das durfte er einfach nicht. Denn genau aus diesem Grund war sein Arsch zuletzt überhaupt wieder im Knast gelandet. Doch seit er dem Wärter die Kehle durchgeschnitten hatte und in den Mülllaster geklettert war, stand sein Schwur fest: Er würde sich niemals mehr angreifbar zeigen – selbst, wenn er dabei draufging. Der Tod war immer noch besser, als ein rückgratloser pequeño puto zu sein.

»Wenn mich nicht alles täuscht, steht auf dem Schild dort drüben was von Spirituosen«, rief Hector und blinkte rechts, um die nächste Ausfahrt nehmen zu können, die sie zu der Leuchtreklame führen würde, einer Oase in der klammen texanischen Nacht.

Eine einzelne kleine Laterne hing über dem aufgerissenen Pflaster vor dem alten Schnapsladen wie eine welkende Blüte an einer Ranke. Feiner Regen ergoss sich senfgelb auf den porösen Asphalt, als der Cadillac mit quietschenden Reifen am Gebäude vorfuhr. Die alten Scheibenwischer taten sich extrem schwer mit der schleimigen Nässe auf dem Glas, und von Norden her wehte ein kalter Wind. Isandro erschauderte, als er hinten ausstieg und geduckt los eilte. Die anderen Crewmitglieder folgten ihm, nur Hector nicht, der hinter dem Steuer des laufenden Wagens sitzen blieb.

Während der Boss seinen Blick durch den Regen schweifen ließ, entdeckte er einen rostroten Chevy Pick-up und einen blauen Ford Torino Kombi auf dem Grundstück. In Letzterem saß eine aufgeregte Frau, die gerade zwei kleine Kinder ausschimpfte. Dies alles nahm er zur Kenntnis, als er das Geschäft betrat. Ein Glöckchen kündigte die Kundschaft an, als die Gruppe in den gut sortierten Laden kam. Für Isandro war das Meer aus Flaschen Seelenheil in abgefüllter Form, er suchte die vollen Regale an den Wänden deshalb langsam und sorgfältig ab.

»Immer cool bleiben«, wisperte er seinen Schergen zu, als sie sich im Raum aufteilten. Jeder kannte seine Aufgabe ganz genau und wusste, was geschehen würde, wenn er patzte. Die um einen Kopf kürzer gemachte Blondine bei Mickey Dee’s diente als eindrückliches Beispiel dafür, was geschah, wenn jemand Big Papi ärgerte. Auf all das konnten sie im Moment getrost verzichten, denn es war viel zu laut.

***

Paul Reynolds war hundemüde. Die Spätschicht im Betrieb brachte ihn immer fast um, und er brauchte dringend einen Wodka. Etwas – irgendetwas – das ihn abstumpfte gegen den Scherbenhaufen, der von seinem Leben übrig geblieben war, seit er dieses Luder Traci geschwängert hatte. Gott musste offenbar einen tiefen Hass auf Pauls arme Seele geschoben haben, dass er ihm nicht nur einen, sondern gleich zwei besserwisserische Halbstarke aufgebürdet hatte. Sein Traum war es einmal gewesen, der nächste Quarterback der Dallas Cowboys zu werden, doch jetzt, schuftete er sich in der Ölraffinerie zu Tode beziehungsweise wartete darauf, dass seine Leber endlich versagte, um aus dieser Hölle auf Erden verschwinden zu können.

»Kann gar nicht schnell genug gehen«, klagte er, schnappte sich eine Flasche Mad Dog 20/20 aus dem vollen Regal und steckte sie in seine abgetragene Jacke. Hoffentlich schaute der alte Mann an der Theke nicht gerade zu ihm hinüber, denn das war das Letzte, was Paul im Moment gebrauchen konnte. Er wollte sich einfach nur heillos besaufen und dabei sein Leben vergessen, sich vielleicht das Spiel der Rangers in ihrem schrottreifen Fernseher ansehen und das ganze Wochenende durchschlafen. Vielleicht würde er sich sogar noch zu den Solid Gold Dancers sein Handgelenk trainieren und dann mit der Bitte in ein postorgasmisches Koma fallen, dass der Tod ihn vor Montagmorgen heimsuchen würde.

Er konnte nicht ahnen, dass sein Flehen schon so bald erhört werden sollte.

***

Die letzten Dinge, die Paul durch den Kopf gingen, waren die klingelnden Glöckchen an der Tür des Schnapsladens und eine 9mm-Patrone, die sein Blut und Teile seines Gehirns auf das Rum-Sortiment von Capt. Morgan spritzen ließ. Cahill hielt die rauchende Kanone hoch und lachte dabei wie eine kranke Hyäne.

Isandro packte ihn am Kopf und schleuderte seinen dünnen Körper wütend gegen einen Schrank mit Gin-Flaschen. Das Glas zerbrach, sodass sich die klare Flüssigkeit über sie beide ergoss. Dadurch, dass er mit der Pistole über Cahills Schläfe fuhr, fügte er ihm einen tiefen Schnitt zu, bevor der freche Knabe im Regal, das voller Scherben war und vor Alkohol tropfte, zu Boden sackte.

»Du blöder pendejo. Was zum Henker hast du dir denn nur dabei gedacht, esé?« Der Boss verlieh seinem Missfallen Nachdruck, indem er dem Jungen mit einem Stiefel mit Stahlkappe in den Bauch trat. Als er eine Bewegung an der Kasse sah, stürzte er sofort hinüber.

»Immer mit der Ruhe, Pops.« Er hielt dem betagten Inhaber den Lauf der Pistole genau in das Gesicht und drängte ihn zurück gegen die Spirituosen hinter der Theke. »Dann müssen wir dich auch nicht ausschalten, wie den maricón dort drüben.« Isandro zeigte dem alten Mann, der eine Bifokalbrille trug, mit seiner Waffe den zuckenden Mann auf dem verdreckten braunen Teppichboden.

»Äh, o… okay. Ich … ich bleibe ganz ruhig.« Der Alte zitterte und fuhr erschrocken zusammen, als der Mexikaner die Mündung der Beretta gegen seine schweißnasse Stirn drückte. Isandro grinste angesichts der Träne, die nun über die faltige Wange seines Gegenübers rann.

»Gut, Großpapa, sehr gut.« Er nahm die Waffe wieder herunter und drehte sich zum Rest der Crew um. Alle standen einfach nur da und starrten auf Cahills reglosen Leib.

»Yo, pequeño putos. Zeit zum Einkaufen; Papi ist durstig.« Er lachte und trat nun zu dem Mann hinter die Theke, zwang ihn auf seine zitternden Knie und behielt dabei sein Lächeln die ganze Zeit bei.

»Beeilt euch, vatos, denn weil dieser pequeño puto so schießwütig war, müssen wir jetzt schnell von hier verschwinden.« Mit diesen Worten ging er neben dem weinenden Besitzer zu Boden und tätschelte dessen schütteren grauhaarigen Kopf, während die Bande Plastiktüten mit seinen bevorzugten Alkoholsorten füllte. Sein Blick fiel jetzt auf Cahill, der immer noch mit Sprit besudelt und blutend zusammengekauert am Boden lag. Erneut musste er lachen. Isandro prügelte das Weißbrot gern immer wieder windelweich. Er musste schließlich klare Botschaften vermitteln, und wenn er eines nicht brauchte, dann dass dieser pequeño puto aus der Reihe tanzte. Das Töten oblag immer nur ihm selbst; er hatte eine Zahl im Kopf, und die war noch lange nicht erreicht. Fast taten ihm die putas leid, die seinen Weg kreuzen würden, doch diese Reue verflog recht bald wieder.

Isandro rieb beruhigend die Schultern des Alten, während seine Leute Nachschub beschafften, und sprach dabei tröstende Worte auf Spanisch. Der Mann lehnte sich sogar bei ihm an und hörte auf zu weinen.

»Yo mataria tu«, gurrte der Boss und gab ihm einen Kuss auf den Kopf. Offensichtlich verstand der Inhaber Isandros Muttersprache, denn er schluchzte nun laut und kroch panisch von ihm weg.

»Neiiiiin!«, flüsterte er stöhnend.

»Zum Auto, sofort!« Isandro achtete jetzt nicht mehr auf die Crew, sondern richtete die Pistole auf den Alten, der versuchte, sich ihm auf dem blutgetränkten Teppich zu entziehen.

Plötzlich fielen draußen auf dem dunklen Parkplatz Schüsse. Der Anführer packte Cahill an seiner mit Gin und Blut befleckten Jacke, schleifte ihn hinaus und legte ihn direkt vor dem Cadillac ab. Dann schaute er sich aufmerksam um. Etwas in dem Kombi fiel seinen ausdruckslosen Augen sofort auf. Er wandte sich Bobby und Manny zu und zeigte ihnen den blauen Ford. Nachdem sie die Tüten mit dem Alkohol ins Auto gelegt hatten, zückten sie ihre Pistolen und rannten hinüber.

Der kalte Regen peitschte so heftig auf den Platz, dass er das gelbe Licht beinahe ausblendete. Isandro näherte sich dem Torino nun mit erhobener Waffe. Mit einem Nicken befahl er den anderen beiden, sich jeweils von der Seite anzupirschen. Er wartete, bis seine Erfüllungsgehilfen in Position waren, und zog dann die Fahrertür auf. Sie quietschte laut, sodass irgendwo im Dunkeln ein Hund meinte, deswegen bellen zu müssen.

Der Regen nahm noch weiter zu, und machte damit das Innenlicht des Autos praktisch nutzlos. Manny musste wohl eine weitere Bewegung bemerkt haben, denn ein Mündungsfeuer aus seiner Pistole erhellte die Karre nun. Ein dunkelroter Fleischbrei klatschte gegen die Windschutzscheibe, während gleichzeitig ein irres Geschrei auf der Rückbank losbrach, weshalb sich nun ein zweiter Hund in den nächtlichen Chor einreihte.

Isandro riss die hintere Tür auf und streckte seine Beretta in das Auto hinein. Jetzt kam ihm der gelbe Schein der Deckenlampe ganz gelegen. Er nickte kurz und lächelte den verbliebenen Insassen des Ford zu.

»Buenos, hola, buenas tardes, señoritas.« Er verbeugte sich und zwinkerte den zwei hübschen Teenagerinnen zu, die im schwachen Licht der Innenlampe hysterisch schrien und zitterten. Er gestikulierte mit der Pistole, woraufhin seine beiden Begleiter die gegenüberliegende Tür öffneten und die Mädchen, die um sich traten und kreischten, hinaus in den Regen auf den Parkplatz zerrten.

Auf dem Weg zu ihnen wurde Isandro ganz warm im Schritt, da er sie ungefähr im High-School-Alter schätzte. »Genau richtig«, urteilte er, nachdem er sich hingekniet und einer der Blonden den Kopf grob in den Nacken gerissen hatte. Regen fiel in ihr ängstliches Gesicht und wusch die Tränen ab. In seinem Schritt wurde es daraufhin noch heißer.

»Ésta perras jóvenes bien en el coche«, verlangte er und gab der panischen jungen Frau einen innigen Zungenkuss, der ihre Schreie augenblicklich erstickte.

Danach lächelte er wieder und ließ ihr langes Haar los. »Wollt ihr eine kleine Spritztour machen, Ladys?« Beim Aufstehen versuchte er erst gar nicht, seine beträchtliche Erektion vor ihnen zu verbergen. Das Geschreie der beiden brachte noch ein halbes Dutzend weiterer Hunde in der Umgebung dazu, in die unwirtliche Nacht hinein zu bellen.

»Ach, ich glaube nicht, dass eure Eltern etwas dagegen haben werden.« Isandro drehte sich auf seinem gestiefelten Absatz um und schlenderte dann gemächlich zu dem Cadillac. Dabei machte er sich lauthals über seine jungen, wimmernden Gefangenen lustig.

Und das war gerade erst der Anfang. Zwischen diesem Ort und Mexiko lagen noch viele Meilen, und er wollte doch schwer hoffen, dass er genügend Munition hatte. Bestimmt wartete zu Hause schon literweise Sprit auf ihn.

Waitin’ For The Bus

Im Greyhound 67 von Rochester, New York nach Dallas, Texas

19:15 Uhr

Stacy Jo Casillas war eine Flüchtige – das war sie schon immer gewesen. Sie hatte Arcadia Falls längst den Rücken gekehrt, ihrer Heimatstadt am Arsch der Welt; sie war vor ihrem gewalttätigen Vater, einem Säufer, und eine Zukunft davongelaufen, in der ihr nichts weiter blühte als ein Ehemann, der sie ebenfalls misshandelte und ihr einen Braten nach dem anderen in die Röhre schieben würde, als sei sie nur eine Industrieküche. Sie aber wollte etwas anderes mit ihrem Leben anfangen und wäre ganz bestimmt nicht zu Hause geblieben, um zu einer Art Ersatzehefrau für ihren Vater zu werden, nachdem ihre Mutter mit dem Postboten durchgebrannt war. Sie hatte eigentlich vor, Spuren in der Welt zu hinterlassen, doch das konnte man als verbitterte Sechzehnjährige nicht. Sie hatte während der Wintermonate Teilzeit im Somerville Drugstore gejobbt, fast das ganze Geld gespart und dafür eine Fahrkarte gekauft. Diese sah sie als Lottoschein an, weil sie damit ein ganz neues Leben und Freiheit gewann – etwas, das ihr bislang vollkommen unbekannt gewesen war.

Sie hatte sich beim Trampen bis nach Rochester mitnehmen lassen und dann einen Bus in Richtung Süden genommen. Die Fahrt dauerte ewig und war unfassbar langweilig und sie brauchte unbedingt etwas zum Rauchen. Eine bessere Gelegenheit als jetzt konnte sie sich nicht vorstellen. Zu den Insassen zählten nur ein paar unheimliche alte Säcke, die sie die ganze Zeit kritisch beäugten. Diese widerwärtigen Päderasten machten ihr zwar keine Angst, doch ihre Skepsis Fremden gegenüber kam immer wieder vollständig zum Tragen. Sie hatte damals das Klappmesser ihres Vaters mitgehen lassen und wusste auch, es einzusetzen … das glaubte sie zumindest.

Als der Bus über die texanische Grenze gefahren war, hatte es zu regnen angefangen, und seitdem nicht wieder aufgehört. Grelle Blitze erhellten das dunkle Innere des Busses und machten die hässlichen Reisenden nicht nur unansehnlicher, sondern auch bedrohlicher. Ihr Ziel laut Karte war Houston, doch ein Bauchgefühl sagte ihr, dass sie bei der nächsten Gelegenheit aussteigen sollte. Der fette Kerl mit der Brille, deren Gläser so dick wie Flaschenböden waren, rückte ihr langsam über die Sitzbank hinweg immer dichter auf die Pelle. Sie mochte vielleicht in einem Bauernkaff aufgewachsen sein, doch ihr Vater, ein knallharter Puerto-Ricaner, hatte ihr beigebracht, sich zu behaupten und zu überleben, und genau dies zu tun war sie imstande, obwohl sie seit jeher versuchte, von der ganzen Gewalt wegzukommen. Darum lautete ihr Credo auch: Flucht ist immer besser als Kampf.

Der prasselnde Regen donnerte dröhnend laut in dem Busabteil und übertönte sogar »Purple Rain« von Prince, das sie sich auf ihrem Walkman anhörte. Stacy Jo sah nun, dass der Fettklops nur noch zwei Reihen weiter saß und sie fortwährend wie einen Big Mac begaffte. Ein gleißender Blitz beleuchtete jetzt sein aufgedunsenes Gesicht, wobei seine Augen im bläulichen Licht förmlich zu glühen schienen.

Der Busfahrer näselte jetzt durch die maroden Lautsprecher: »Nächster Halt in zehn Minuten, Damen und Herren.«

Dies war ihre Chance, dem Psycho zu entrinnen und einen durchzuziehen, wie sie ihre Cannabis-Therapie vorzugsweise umschrieb. Sie stand auf und zog sich in die enge Toilettenkabine am Heck des Fahrzeugs zurück. Darin stank es so, als würden alle Reisenden auf den Boden und ins Waschbecken pinkeln anstatt in das kleine Klo. Der Bus ruckelte heftig, als sie die klebrige Tür hinter sich schloss. Die Lampe an der Decke flackerte leicht, und schien einfach nicht gleichmäßig leuchten zu wollen. Von dem willkürlichen An und Aus bekam Stacy fast sofort Migräne, doch das war ihr immer noch lieber, als zur nächsten Wichsvorlage des Perversen da draußen zu avancieren. Das Fahrwerk wackelte, und lauter Donner wie Trommelwirbel flankierte das Rauschen des Regens. Sie öffnete nun ihren Rucksack und sah nach, ob das Klappmesser noch immer da war; ein erleichterter Seufzer folgte, als sie es mit einer ihrer zierlichen Hände ertastete. Sie nahm nun ein Schälchen aus Metall heraus, das ein Schulfreund im Werkunterricht für sie angefertigt hatte. Auf einmal klopfte es so laut an der Tür, dass sie zusammenzuckte. Sie verstaute es gerade hastig wieder in ihrem Rucksack, als ein weiterer Donnerschlag den Bus zum Vibrieren brachte.

»Besetzt.« Stacy Jo musste gegen das wütende Unwetter anschreien. Während sie gegen die Falttür drückte, griff sie mit der anderen Hand nach ihrer Tasche.

»Ich muss aber dringend pinkeln, Mädchen, also mach schon«, beschwerte sich eine schrille Stimme durch die dünnen Paneele. Sie erzitterte erneut, als abermals gegen die Tür gehämmert wurde, weshalb Stacy Jo Herzklopfen bekam.

»Ich sagte doch: Besetzt, du Arschloch, verflucht noch mal!«, rief sie, während sie sich gegen die nachgebende Tür presste, und sich hektisch nach dem Rucksack ausstreckte. Als der Bus scharf nach links fuhr, ging die Tür mit einem Ruck unter dem Schwergewicht des fetten Typen auf, der zwei Reihen entfernt von ihr gesessen hatte. Er grunzte, als er gegen Stacy fiel, und betatschte sie dabei mit seinen wurstigen Griffeln, während er sie gegen die hintere Wand der schmalen Kabine drückte. Sie versuchte panisch, seine wuchtige Masse wegzudrücken, doch er war einfach zu dick. Sie schlug und trat nach ihm, doch die Treffer zeigten offenbar keinerlei Wirkung auf seinen gewaltigen Leib. Er lachte lediglich, grapschte nach ihren Brüsten und wollte ihr außerdem eine Hand zwischen die Beine schieben.

»Na komm schon, Baby, mir ist schon in Pittsburgh aufgefallen, dass du ganz scharf auf mich bist.« Er ließ seine fette Zunge gegen ihr Ohr schnellen, während sie sich panisch bemühte, ihn wegzudrängen. Dass der Bus schwankte, kam ihm allerdings nur entgegen, weil er sich so mit vollem Gewicht an sie anschmiegen konnte, und gleichzeitig an der Armeejacke ihres Vaters und an ihrer Jeans zerren konnte. Er zerriss dabei ihr T-Shirt, unter dem sie zum Glück einen BH trug. Sie spürte, wie ihr sein heißer Speichel von einer Wange auf die Brust rann.

»Lass mich gefälligst sofort los, Mann!« Sie fiel rückwärts auf den Toilettensitz, womit sie ihrer Tasche Gott sei Dank näher war. Er röchelte und schnaubte jetzt wie ein läufiges Schwein. Sie spürte sein erigiertes Glied an ihren Rippen, bevor sie in seine wabbelige Wampe boxte und in ihren Rucksack langte.

»Du weißt, dass wir füreinander bestimmt sind, Baby, du brauchst dich gar nicht dagegen zu wehren.« Er sabberte in ihr Ohr und drückte dabei ihre kleinen Brüste. Der Bus schlingerte wieder, sodass der Fettsack gegen die dünnen Türlamellen knallte. Stacy reagierte sofort, zog das Klappmesser aus dem Futteral ihrer orange-schwarzen Tasche und hielt es in die Höhe.

»Geh auf Abstand, Wichser«, drohte sie, obwohl ihre Stimme bei dem Röhren des Dieselmotors, da der Fahrer ordentlich Gas gab, und dem stürmischen Treiben draußen fast unterging.

»Sei nett, Schätzchen. Ich will doch nur mal probieren.« Der Dicke wischte sich den Speichel von seinen herabhängenden Wangen und stürzte sich wieder auf sie.

Er riss seine Augen weit auf, und sein Mund erschlaffte, als die Klinge, tief in seinen runden Bauch eindrang. Heißes Blut strömte über ihre Hand, und sie hörte, wie er nach seiner Mutter rief, während er niedersank und zusammengekrümmt am Boden der kleinen Kabine liegen blieb.

Die flackernde Lampe erinnerte Stacy an einen alten Schwarz-Weiß-Film, wohingegen das Blut, das von ihrem Messer tropfte, einen kräftigen Rotton hatte. Ihr Angreifer starb nun vor ihren Augen. Es regnete unentwegt weiter, und der Donner schien in nichts nachstehen zu wollen. Der dicke Mann schluchzte noch einmal und blickte dann zu ihr auf, als seinem mit Speichel verschmiertem Mund ein letzter Atemzug entwich. Er zupfte schwach an ihrem Hosenbein und verlangte nach seiner Mama. Dieser letzte Wunsch blieb allerdings unerfüllt. Stacy Jo wischte sein Blut an ihrem schweißfleckigen T-Shirt ab und verließ hastig die Toilette.

Der Fahrer meldete sich nun wieder über die Lautsprecher: »Wir erreichen jetzt Moes Whiskey’s Horseshoe Lounge und Busstation – die besten Grillspezialitäten diesseits des Mississippis, also hoffe ich, dass Sie hungrig sind.«

Stacy raffte ihr Gepäck zusammen, achtete aber darauf, dass niemand das Blut an ihren Händen sah, als sie aus dem dunklen Greyhound stieg.

Que Lastima

Route 45 South, Texas

Freitag, 21:40 Uhr

Im Regen sank die Temperatur so weit, dass ich die Autoheizung einschaltete. Die Scheiben beschlugen allmählich immer mehr, und weil mich die Straßenbeleuchtung der Nässe wegen bereits blendete, brauchte ich ganz bestimmt nicht auch noch einen geisterhaften Schleier, der mein Sichtfeld eintrübte; das erledigte der Whiskey für sich genommen nämlich schon relativ gut. Die Scheibenwischer bewegten sich im Takt zu Willie Nelsons »It’s Cryin’ Time Again« und schläferten mich beinahe ein, doch die laute Hupe eines Sattelschleppers rüttelte mich sofort wieder wach. Die Schwellenstreifen am Fahrbahnrand dienten mir als weitere Mahnmale dafür, dass ich, falls ich nicht aufpasste, einen Unfall bauen würde. Und das hätte diesem vollkommen beschissenen Tag wirklich noch die Krone aufgesetzt. Ich riss das Lenkrad herum und bemühte mich, den Barracuda wieder in die Spur zu bringen. Als ich ihn wieder zwischen den Markierungen platziert hatte, atmete ich erleichtert auf.

Ich fuhr mit starkem Rückenwind, und im Blitzgewitter, das die texanische Nacht erhellte, fiel plötzlich ein Foto hinter der Sonnenblende heraus direkt auf meinen Schoß. Ich nahm es und warf einen kurzen Blick darauf. Der Wagen scherte nun unvermittelt aus, da ihn gerade eine weitere Bö erfasste.

Deshalb hielt ich am unbefestigten Randstreifen an und brachte den Schaltknüppel in Parkstellung. Das Foto rutschte mir aus den Fingern, doch ich erwischte es in der Luft. Dann drückte ich es an meine Brust und kämpfte abermals gegen die Tränen an. Schließlich streckte ich mich zur Beifahrerseite aus, öffnete das Handschuhfach und nahm den Flachmann wieder heraus. Ich lehnte mich zurück und verschnaufte kurz. Nach einem kräftigen Schluck atmete ich schon wieder ruhiger, konnte aber weiterhin nichts anderes tun, als das Bild anzustarren.

»Es tut mir so leid.« Jetzt flossen meine Tränen, genauso wie der kalte Guss draußen rings um den brummenden Plymouth herum. Mein Körper bebte vor Verzweiflung, während dieser merkwürdige gelbe Regen das stehende Fahrzeug umwehte. Heute Nacht würde ich es nicht mehr bis nach Houston schaffen, denn der Versuch wäre glatter Selbstmord gewesen. Nicht, dass selbiger an diesem miserablen Punkt in meinem Leben eine allzu schlechte Option gewesen wäre, doch meine innere Stimme der Vernunft setzte sich schließlich durch. Ich beschloss, eine Weile zu pausieren, mir vielleicht etwas zum Futtern zu besorgen und dann ein Nickerchen zu machen.

Nachdem ich das Foto geküsst hatte, steckte ich es in meine Hemdtasche, schaltete die Automatik wieder ein und fuhr zurück auf den nassen und glatten Highway. Die breiten Reifen des Barracudas ließen Schotter in die Höhe stieben, bevor ich weiter in Richtung Süden fuhr, wo ich eine anständige Unterkunft für die Nacht finden wollte.

Dazu hätte mir eigentlich jede Neonreklame genügt, die Alkohol versprach, und irgendetwas sagte mir, dass Inez sowieso nicht zu Hause sein würde, wenn ich dort eintraf. Ich nahm den Flachmann wieder vom Beifahrersitz und trank weiter – ich leerte ihn und warf ihn dann nach hinten, wo er klingelnd auf weiterem Leergut im Fußraum landete. Jetzt musste ich erst recht eine Kneipe finden.

Hier war ich nun: James Matthew McCutcheon, Texas Ranger und bärbeißiger Aufklärer aus dem Marinekorps, ein Krieger hart wie Stahl und doch weitaus schwächer, als ich es je jemandem gezeigt hatte oder es zuzugeben bereit gewesen wäre, weil mir einfach die Chuzpe dazu fehlte – eine gehörige Lehre, dir mir von James McCutcheon Senior erteilt worden war. Mir waren zahlreiche Narben zur Erinnerung an die harte Ausbildung unter der Fuchtel des Kanoniers geblieben, doch es gab immer noch Dinge zu lernen, auf die mich der alte, versoffene Marine nicht hatte vorbereiten können. Die Dämonen der McCutcheons waren nämlich von einem meiner Whiskey- und blutgetränkten Ahnen zum nächsten weitergegeben worden. Zu keiner Zeit im Laufe der Jahrhunderte hatte irgendein Vorfahr irgendetwas anderes als das Herz der Frau gebrochen, die ihn liebte, und die Kieferknochen derer, die ihm in die Quere kamen.

Meine Mutter hatte unter dem Familienfluch gelitten, meine ältere Schwester Amy ebenfalls. Dem Kanonier waren nämlich immer leicht die Sicherungen durchgebrannt, und das Mädchen hatte sich offenbar noch so sehr bemühen können, ihn dabei aber nur noch schneller in Fahrt gebracht. Jedenfalls schien sie stets alles ausbaden zu müssen. Amy war jedoch stark gewesen und hatte dem Veteranen nie gezeigt, dass er ihr wehtat. Sie hatte seine Hiebe ertragen – schweigsam unterwürfig und verstockt entschlossen. Ich hatte jedes Mal einschreiten wollen, wenn die schwere Hand über meiner großen Schwester niedergegangen war, und es einmal sogar versucht; ein Nasenbruch war jedoch Garant dafür gewesen, dass ich nie wieder so mutig handeln würde. Viele Nächte lang hatte ich damit verbracht, in mein durchgeschwitztes Kissen zu weinen, während Amy mit ihrer täglichen Tracht »Disziplin« bedacht worden war – und zu Gott gebetet, er möge sie doch bitte wegzaubern und vor der rohen Gewalt meines alten Herrn bewahren.

Meine verzweifelten Bitten wurden aber erst zwölf Jahre später erhört, als Amy beschloss, die McCutcheon-Dämonen endgültig zum Schweigen zu bringen, und zwar mit dem Lauf einer Kanone.

Das Einzige, was der verbitterte Kanonier bei ihrer Totenwache zu bieten gehabt hatte, war: »Das Miststück hatte einfach kein Gefühl für Ehre … keinen Stolz. Sie war schwach, denn nur Schwächlinge schlucken eine Kugel. Gut, dass wir sie los sind.«

Nach diesen ätzenden, vom Alkohol durchdrungenen Worten, die geradezu von seinen giftigen Lippen getropft waren, hatte sich der alte Mann mit einem Ärmel den Mund abgewischt.

Jener faule Apfel war aber offenbar nicht weit vom der Hölle entwachsenen Stamm gefallen. So sehr ich mich auch um das Gegenteil bemühte und dagegen ankämpfte, war ich doch auf dem besten Weg dazu, die Tradition fortzuführen. Während die Meilen im Regen an mir vorbeizogen, schwirrte mein Kopf vor guten aber auch finsteren Erinnerungen. Auch weil ich spürte, wie erneut Tränen in meinen erschöpften Augen aufwallten, wusste ich genau, dass ich diese Pause unbedingt brauchte. Aus dem Bauch heraus, setzte ich deshalb den rechten Blinker und verließ den Highway in der Hoffnung, Zuflucht in einer Flasche finden zu können.

Auf einer halb beleuchteten Neontafel in Rot und Blau las ich trotz Regen und kalter Finsternis: »Moes Whiskey Horseshoe Lounge und Busstation – die besten Grillspezialitäten diesseits des Mississippis« Das Schild trotzte der Nacht, und kam mir deshalb wie ein Fanal der Hoffnung und Erlösung vor. Was es genau bedeutete, war mir vollkommen gleich. Ich wollte … und brauchte nur eines: einen trockenen Platz, um etwas zu trinken – um mit diesem beschissenen Tag abschließen zu können. Der morgige Tag kroch nämlich bereits auf mich zu wie eine tödliche Spinne, und ich hatte genauso wenig Einfluss auf ihn wie auf den bescheuerten gelblichen Regen, der die ganze Zeit wie Pisse über mir niederging. Ich war definitiv durstig, und Moe würde mir deshalb perfekt in den Kram passen.

Das Lokal war in einem zweistöckigen Kasten untergebracht, an dessen rechter Seite eine klapprig aussehende Markise hing und ein silberner Greyhound-Bus tuckernd darauf wartete, dass eine Handvoll müder Reisender durch die offene Tür nach draußen wankte. Ungefähr ein Dutzend Lieferwaren und andere Fahrzeuge standen auf dem mit Schlaglöchern übersäten Parkplatz. Jemand hatte sogar einen alten, rostigen John-Deere-Traktor zwischen einen blauen Kenworth und einen kotzgelben Chevy Stepside gezwängt. Der Regen ließ einfach nicht nach und durchweichte den verblassenden, weißen Putz von der Fassade des Gebäudes, dem wahrscheinlich nur noch zwei Verstöße gegen die Sicherheitsverordnungen fehlten, um abgerissen zu werden.

Aber auch das interessierte mich im Moment kein bisschen. Hier gab es nämlich kaltes Bier und Kentucky Bourbon, wenn ich Glück hatte. Ich bog mit dem Barracuda neben einem weißen Ford Pinto mit beschlagenen Scheiben ein. Das Heck des Autos wippte so heftig auf und ab, dass die Stoßdämpfer glatt brechen könnten. Ich schüttelte nur den Kopf, parkte und stieg aus. Es war bestimmt gut zehn Grad kälter geworden. Nachdem ich den Kragen meiner braunen Jacke hochgeklappt und mir den dunkelgelben Stetson ins Gesicht gezogen hatte, ging ich zum Eingang der Kneipe, ohne mich um das Stöhnen zu kümmern, das aus dem wackelnden Pinto kam.

Als ich die schwere Tür öffnete und eintrat, löste dies das mechanische Muhen einer Kuh aus.

»Oh, das kann ja eine Mordssause werden«, murmelte ich fassungslos und schlurfte weiter. Die Hitze in dem Gebäude ließ mich erschaudern, während ich mich im schwach beleuchteten Raum umschaute. Hier herrschte reger Betrieb, und dies was definitiv nicht das, was ich mir erhofft hatte. Nun ja, es musste trotzdem genügen. Ich hatte von Texas bis Thailand eine Vielzahl von Spelunken und Absteigen gesehen und sie alle boten immer dreierlei: Fusel, Faustkämpfe und Frauen … und auch davon hatte ich zweifellos eine Menge hinter mir. Heute Nacht aber war mir nur an Ersterem gelegen. Seit ich mich vor meinem Flug nach Washington mit Inez überworfen hatte, konnte ich keinen klaren Gedanken mehr fassen, doch jetzt war ich hier – zurück auf vertrautem Terrain. Der Kater lässt das Mausen nicht, dachte ich resignierend und näherte mich der langen Eichentheke zu meiner Linken. Jamie Rogers säuselte gerade »In The Jailhouse Now« aus einer alten Jukebox rechts in der Ecke neben der Toilette und einem zweiten Eingang. Mochten sich alte Gewohnheiten auch schwer überwinden lassen, diese tat mir sogar wirklich gut.

Das verrauchte Lokal war prall gefüllt mit LKW-Fahrern, die äußerst rauflustig aussahen, und Einheimischen, die sich offenbar besaufen wollten und Beischlaf suchten. Meine Interessen deckten sich momentan zur Hälfte mit ihren. Den Wirt, der die Haare kurzgeschoren hatte, begrüßte ich, indem ich mir kurz an den Hut tippte. Dabei fielen mir ein paar freie Plätze hinter der Tanzfläche neben den Billardtischen auf. Ich zog eine Kippe hervor – Lark dieses Mal – und steckte sie mir an, nachdem ich einen Stuhl auf der anderen Seite des Raumes gefunden hatte, der nicht weit vom Billardbereich entfernt war, wo es gerade vor lauten Spielern wimmelte. Ich setzte mich schnell, denn ich wollte die Gruppe Betrunkener, die ausgelassen tanzten und flirteten, möglichst meiden. Nachdem ich meine Jacke ausgezogen und über den Stuhl neben mir gehängt hatte, blies ich Zigarettenqualm in die Luft und legte meine Füße auf dem Platz gegenüber hoch. Die Musik war laut, und im Saal gab es viel zu viele dunkle Ecken und tote Winkel, die mich echt nervös machten.

Im Fernseher über dem Tresen quasselte gerade irgendein Reporter aus New York etwas von einer Störung dieser oder jener Art, aber Mensch, die gibt es dort oben doch alle paar Sekunden, dachte ich.

Gönn dir mal eine Auszeit, alter Trottel, sagte ich zu mir selbst und schnippte Glut in den Metallaschenbecher auf dem von Bier ganz klebrigem Tisch. Die Kundschaft war mir überhaupt nicht geheuer und ich wollte nichts mit ihr zu tun haben. Deshalb nahm ich mir vor, mich schleunigst wieder zu verpissen, nachdem ich etwas gegessen und noch einmal versucht hatte, Inez anzurufen. Das mochte zwar vergebliche Liebesmüh sein, doch wenigstens versuchen musste ich es. Ich drückte die Zigarette aus und stieß eine letzte Wolke Qualm aus, als eine beleibte Kellnerin mit drallen Brüsten näherkam, über denen sich ihr »Moes Whiskey Horseshoe Lounge«-T-Shirt spannte. Ihr wasserstoffblondes Haar war auf ihre alten Tage offenbar zu oft gefärbt worden und erweckte deshalb den Eindruck, sie sei zehn Mal hintereinander zu schnell geschleudert und anschließend zu heiß getrocknet worden. Ihre kurze Bluejeans lag enger an, als es gut für sie war, denn ihr Bauch schien unbedingt aus seinem Textilgefängnis quellen zu wollen.

»Howdy, Süßer. Was darf ich dir bringen?«

Sie klang abgeschlagen – ein Gefühl, das ich nur zu gut kannte. Ich hob kurz meinen Hut und nickte. »N’Abend. Ich hätte gern einen kurzen Whiskey und ein Coors.« Beim Bestellen schaute ich ihr nicht in die Augen. Anschließend pflückte ich die nächste Zigarette aus meiner Brusttasche und zündete sie an.

»Gerne. Wenn du was zu futtern willst, Darling, hab ich ‘ne Karte.« Sie lächelte und stemmte eine Hand gegen ihr breites Becken.

»Äh, ja. Nur einen Burger und Fritten, Ma’am.« Dann stand ich auf, inhalierte Rauch, zog einen Fünfziger aus meiner Brieftasche und ließ ihn auf ihr Tablett fallen. »Ach, und mein Glas immer hübsch wieder vollmachen, seien Sie so gut.«

»Sollst du haben, Schnuckel.« Sie ließ ihre Hand hinunterhängen, drehte sich auf ihren abgetragenen Sohlen um und kehrte zum Tresen zurück.

»Einen Moment noch.« Ich beugte mich zu ihr, um ihr Namensschild lesen zu können, das beinahe flach auf ihrem üppigen Dekolleté lag. »Suzie, haben Sie hier auch ein Münztelefon?«, fragte ich und lächelte müde.

»Gleich dort drüben zwischen der Jukebox und dem Männerklo, Süßer.« Sie zwinkerte mir zu und strahlte mich mit ihrem stark geschminkten Gesicht an.

»Danke.« Wieder tippte ich mir an den Stetson, grinste und ging an dem Haufen betrunkener, grölender Rednecks vorbei, die auf dem rot und blau beleuchteten Parkett aus Kunstholz tanzten. Ich war fest entschlossen, mir eine Auszeit zu gönnen, und sie sollte genau jetzt beginnen. Fünf oder sechs grobschlächtig wirkende Typen standen an der Jukebox, lachten und riefen Buchstaben sowie Nummern bestimmter Lieder. Ich ließ mich von den provozierenden Blicken, die sie in meine Richtung warfen, aber nicht beirren, und sah den Telefonapparat nun im Rotlicht am Ende des Flurs neben den Scheißhäusern hängen. Nachdem ich eine Handvoll Kleingeld aus meiner Baumwollhose gekramt hatte, nahm ich den Hörer in die Hand und begann wahllos Münzen in den Schlitz zu werfen.

Dann drehte ich an der Wählscheibe, woraufhin es kurz in der Leitung knackte und ich durchgestellt wurde. Mein anderes Ohr hielt ich mir zu und lehnte mich gegen die schmutzige Wand, an der Anschläge wegen entlaufener Hunde, Verkaufsangebote für alte Waschmaschinen und Kontaktwünsche verzweifelter Seelen hingen, die sich für Fellatio in der gemütlichen Toilette keine fünf Fuß weiter anboten.

Als die ersten Takte von »I Fall To Pieces« aus den Boxen drangen, johlte und heulte die ganze Kneipe. Ich musste nun die ganze Hand auf mein Ohr pressen und machte einen Buckel, um mich gegen die gewölbte Trennwand der Zelle zu zwängen. Man hätte glatt glauben können, die Gäste wüssten, dass ich an der verdammten Strippe hing, denn fast wie auf Kommando schwoll ihr bierseliges Gegröle noch einmal um geschätzte hundert Dezibel an.

Nach dem Knacken in der Leitung wurde ich durchgestellt. Als es zu tuten anfing, bückte ich mich in die Nische hinein, damit ich hoffentlich besser hören konnte. Ich zählte leise mit, bis es zwanzig Mal geklingelt hatte und der Anrufbeantworter ansprang. Dann musste ich mich von meiner eigenen nüchternen Stimme belabern lassen. Scheiße aber auch, ich klinge tatsächlich wie ein Arschloch.

»Hallo, Sie haben die 213-212- 4395 gewählt, bitte hinterlassen Sie eine Nachricht.« Ich staunte darüber, wie bemitleidenswert und elend sich meine Stimme anhörte, sogar auf Tonband.

Wenngleich ich mir extrem dämlich dabei vorkam, mit mir selbst zu sprechen, musste ich unbedingt etwas sagen. »Inez, Schatz, ich bin es. Ich wollte bloß mit dir reden. Gehst du bitte ran? Ich würde mich wirklich gerne mit dir unterhalten. Komm schon.« Meine Zuversicht verließ mich, als sich der Anrufbeantworter mit einem Klicken abschaltete.

Keine Reaktion.

Ich knallte den Hörer auf die Gabel und drückte wie bescheuert dagegen. Mein Darm verkrampfte sich, und ich musste stark an mich halten, um nicht zu weinen, denn davon hatte ich endgültig die Faxen dicke. Geistesabwesend fasste ich mir an die Brusttasche, in der das Foto steckte. Ich lachte leise, weil ich das letzte visuelle Erinnerungsstück aus glücklichen Zeiten ausgerechnet dorthin gesteckt hatte.

Mein Herz begann immer heftiger zu klopfen, als ich den Tag noch einmal rekapitulierte, an dem das Bild gemacht worden war, und schon rann wieder eine warme Träne an meiner Wange hinunter. Der gefühlsduselige Moment währte allerdings nicht lange, da der gewohnheitsmäßige Pessimist in meinem Kopf schnell wieder die Führung übernahm. Mann, da hättest du genauso gut in Washington bleiben können, wegen der Suppe, die du dir dort eingebrockt hast. Ich war mir sicher, dass ich dieses Mal nichts wiedergutmachen konnte. Mein Gesicht brannte, und ich ertappte mich dabei, wie ich meine Rechte zur Faust ballte.

»Willst du das Telefon vielleicht zum Tanz bitten, oder darf ich auch mal?« Es war die Stimme eines jungen Mädchens mit New Yorker Akzent, die mich erschreckte. Obwohl … eigentlich hätte der leichte Duft von Marihuana sie mir schon ankündigen müssen. Teufel auch, ich war wirklich aus der Übung. Das war gar nicht gut.

Ich drehte mich halb um, allerdings nicht, ohne sicherzugehen, dass meine Tränen alle abgewischt waren, und sah dann eine Teenagerin von vielleicht sechzehn Jahren vor mir stehen. Sie trug ihr langes, schwarzes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, hatte eine Augenbraue hochgezogen und einen ungeduldigen Ausdruck in ihrem sommersprossigen Gesicht.

»Oh, aber sicher doch. Ich bin fertig. Der Apparat gehört ganz dir, Mädchen.« Ich strich noch eine Träne weg, die sich aus meinem Augenwinkel gestohlen hatte, und fasste mir an den Hut, bevor ich vom Telefon zurücktrat und meine Krempe wieder herunterzog.

»Danke, Opa. Nett von dir.« Sie nahm den Hörer von der Gabel und wandte mir den Rücken zu. Jetzt sah ich, dass sie einen bis zum Bersten gefüllten Rucksack trug. Aus einem der Fächer ragten mehrere Verpackungen von Müsliriegeln hervor, aber auch der Griff eines Klappmessers. Sie redete vielleicht tough daher, doch ich erkannte, dass sie fertig mit den Nerven war. Meinem Dafürhalten nach musste sie gerade aus dem Greyhound gestiegen sein. Warum reiste sie in dem Alter ganz allein? Das machte mich sofort stutzig, obwohl ich mich an das Versprechen erinnerte, das ich mir nur Sekunden zuvor selbst gegeben hatte: Gönn dir mal eine Auszeit. Jetzt bemerkte ich allerdings auch noch Blutflecken sowohl auf ihrer Jacke als auch auf dem Rucksack. Ich verfluchte mich selbst und wiederholte innerlich: Auszeit, während sie ihre Taschen durchstöberte, die Hände aber mehrmals leer wieder hervorzog. Daraufhin griff ich in eine der vorderen Taschen meiner Hose, nahm vier Vierteldollar heraus und legte sie oben auf die verstaubte Telefonzelle.

»Danke.« Sie nahm das Geld anstandslos an. Ihr Rücken blieb mir weiterhin zugewandt, weil sie mit dem Gesicht zum Ausgang auf den Parkplatz stehen blieb.

»Keine Ursache«, erwiderte ich und verabschiedete mich, indem ich mir abermals mit Zeigefinger und Daumen an die Hutkrempe fasste. Sie schaute mich nicht an, was mich eigentlich auch gar nicht juckte. Meine Sorgen lagen schließlich meilenweit entfernt, und ich brauchte nicht nur meinen Drink dringend, sondern auch etwas zu essen. Also verließ ich das Mädchen, um zum Tisch zurückzukehren, wo bestimmt schon meine Bestellung auf mich wartete. Als ich die Glöckchen an der Tür zum Parkplatz hinter dem öffentlichen Telefon bimmeln hörte, hielt ich kurz inne, dachte mir aber gleich darauf: Drauf geschissen, und schüttelte den Kopf, bevor ich weiterging.

»Auszeit«, murrte ich erneut, während Suzie mit meinen Getränken antanzte. Auf einmal wusste ich genau, dass diese Auszeit dringend notwendig war, zumindest eine Nacht lang. Ich betete darum, meine Ehe retten zu können, doch das musste alles bis morgen warten.

Nichtsdestotrotz kam mir irgendetwas an dem frechen Teenie einfach nicht koscher vor. Alte Gewohnheiten, brummte ich, stürzte den Whiskey hinunter und kippte dann noch einen Teil des kalten Biers hinterher.

Buck Owens heulte jetzt »Act Naturally«, als ich meinen Platz erreichte, wo bereits der Hamburger mit den Pommes auf mich wartete. Mein Magen knurrte laut, und ich setzte mich.

Die Mahlzeit wurde nicht kalt, aber ich schmeckte kaum etwas davon. Ich brauchte zwar Flüssignahrung, war aber besonnen genug, um zu wissen, dass ich diese nicht auf leeren Magen zu mir nehmen sollte. Als ich das zuletzt getan hatte, waren eine kleine Kneipe mit vier Bikern, meine Hand und mehrere Rippen zu Bruch gegangen. So etwas kam heute Nacht auf keinen Fall infrage. Meine Welt war immerhin bereits in sich zusammengestürzt, und noch mehr Schutt auf die Trümmer zu werfen, würde mir nichts bringen. Ich suchte Suzies Blick und bat sie mit einer Kopfbewegung, zu mir zu kommen.

»Alle gut soweit, Süßer?« Sie schmatzte auf ihrem Kaugummi herum und lächelte.

»Ja, Ma’am. Könnte noch ein Coors und einen Whiskey vertragen, bitte.« Als ich mir den Mundwinkel mit einer Papierserviette abtupfte, bemerkte ich plötzlich Unruhe vor der Jukebox, also lehnte ich mich zur Seite, um an der Kellnerin mit den breiten Hüften vorbeischauen zu können. Jetzt sah ich, wie die Biker-Rüpel grölten und laut pfiffen, als die junge New Yorkerin auf dem Weg zum Tresen an ihnen vorbeiging.

»Ach, um diese besoffenen Deppen brauchst du dir keinen Kopf zu machen, die sind ungefähr so gefährlich wie ein Säugling mit Boxhandschuhen, Schnuckel.« Die Kellnerin lachte schnaubend, während sie die letzten Geschirr- und Besteckteile zusammenräumte.

»Ich bin gleich wieder bei dir, mein Lieber.« Sie zog sich nun zurück und verschwand in der Küche hinter dem dunklen Ausschank, aus deren Tür grelles Licht fiel. Halbblind vom Kontrast dieses Weißlichts gegenüber der Düsterkeit im Lokal, die einer Höhle alle Ehre machte, musste ich ein paar Sekunden warten, bis sich meine Augen wieder angepasst hatten, bevor ich noch einmal nach dem Mädchen und den Pennern schaute, die ihr vulgäre Offerten und besoffene Versprechungen machten.

Die Luft stand förmlich vor Zigarettenqualm, was sich in einer neblig grauen Wand äußerte, die ständig in Bewegung war und zwischen den dicht gedrängten Gästen umherwaberte. Mehrere Momente vergingen, bis ich die Kleine wieder entdeckte. Sie hatte sich jetzt an einem kleinen LKW-Fahrer mit Bierbauch und einem buschigen, grau melierten Bart vorbeigeschoben. Dieser trug eine Kenworth-Baseballmütze, die von seinen weiten Reisen und dem Straßendreck schon ganz fleckig und ölverschmiert war. Er lächelte und nickte dem Mädchen zu, bevor er sich wieder seinem Dutzend Hähnchenflügel widmete. Vor ihm stand eine dicke Frau mit rosafarbenem Dolly-Parton-Shirt. Wie es aussah, wollten ihre Speckröllchen mit aller Macht unter dem dünnen Stoff hervorquellen und schienen es auch zu schaffen. Sie beachtete das Mädchen gar nicht, sondern schaute stattdessen zu mir hinüber und lächelte mich ebenfalls an, wobei ein Goldzahn in dem Licht reflektierte, das der Fernseher über der Theke in den Raum warf. Die Schicht Schminke in ihrem Gesicht war bestimmt so dick wie ein Bieruntersetzer. Sie sah aus wie ein beknackter Rodeo-Clown. Als sie einen Kuss in meine Richtung hauchte, musste sich mein insgeheimer Ekel wohl doch mimisch bemerkbar gemacht haben, denn direkt danach streckte sie mir einen fetten Stinkefinger entgegen. Daraufhin grinste ich verhalten, obwohl ich sie eigentlich ignorieren wollte, und sah wieder hinüber zu den ausgelassenen Motorradfahrern an der Jukebox.

Sie waren zu viert … zwei Wandschränke mit mehr Farbe an ihren muskulösen Armen, als meine ganze Comicsammlung zu Jugendzeiten hergegeben hätte, und ein Pärchen … ein schlaksiger Kerl mit langem, blonden Haar, das bis zum Hintern seiner schmutzigen Bluejeans reichte, und ein stämmiges Chick, das den beiden schweren Jungs allerdings in nichts nachstand, was die Tätowierungen und das Armfleisch betraf. Außerdem schien sie eine ebenso große Klappe und Haare auf den Zähnen zu haben, wie ihre arschgesichtigen Begleiter.

Die Vier schubsten einander nun herum und pfiffen dem Mädchen anzüglich hinterher. Es ließ sich davon allerdings nicht beirren und knallte eine Handvoll Kleingeld auf den Tresen. Das Licht eines Werbeschilds für die Biersorte Pabst Blue Ribbon ließ Tränen in ihren großen, braunen Augen glänzen, während sie mit dem alten Wirt sprach. Er schüttelte den Kopf, doch sie redete weiter auf ihn ein. Schließlich wandte er sich ab, nahm eine Tüte Kartoffelchips von einem Aufsteller an der hinteren Wand der Theke und warf sie ihr zu. Dies tat er so kaltschnäuzig, dass es selbst meinem alten, abgestumpften Herz einen Stich versetzte.

Ich wurde deshalb leicht ungehalten, stürzte meinen Kurzen hinunter und kippte abermals einen Schluck kaltes Bier hinterher. Meine eingefleischten Instinkte kamen nämlich jetzt langsam wieder mehr und mehr an die Oberfläche. Ich wusste, ich sollte mich besser nicht einmischen und stattdessen einfach erneut versuchen, Inez zu erreichen, wenngleich ich schon kommen sah, dass es genau wie bei den letzten fünf Anrufen enden würde: Mit dem gleichen nüchternen Anrufbeantworter und meiner eigenen Stimme, die mir brutal zu verstehen geben würde, was ich weder hören noch wahrhaben konnte oder wollte. Suzie kehrte jetzt zurück, um noch ein Bier und einen Whiskey auf die abgenutzte Holzfläche meines Tischs zu stellen. Die Biker ließ ich die ganze Zeit über kein einziges Mal aus den Augen.

»Bitte, Süßer. Brauchst du sonst noch was?« Sie lächelte mich an und zwinkerte erneut, dabei streckte sie ihr Becken wieder einseitig nach vorn und stemmte eine Hand in die Hüfte.

»Ja, sagen Sie Ihrem Arbeitgeber, diesem Drecksack bitte, dass ich für alles aufkommen werde, was das Mädchen mit der grünen Jacke bestellen möchte.« Ich lehnte mich noch einmal zur Seite, um hinter die Kellnerin zu schauen. Nachdem die Teenagerin die kleine Tüte aufgefangen hatte, steckte sie diese in ihren Rucksack und ging dann zurück zu der Tür, die zu der Bushaltestelle führte. Das Gejohle der Biker begleitete sie durch den Flur zum Ausgang.

»Mist … ach, was soll’s.« Ich sprang auf – mein Stuhl fiel dabei um – und folgte ihr in der dämmerigen Beleuchtung.

Pulsuz fraqment bitdi.

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Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
23 mart 2022
Həcm:
260 səh.
ISBN:
9783958353404
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
Yükləmə formatı:

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