Kitabı oxu: «Der bleierne Sarg»

Şrift:

THOMAS

FRANKENFELD

DER
BLEIERNE
SARG

EIN THRILLER


Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Epilog

Anmerkungen und Danksagung

Die Personen

Der Autor

Prolog

Juni 1643, Wedel in Holstein

Gesche Carstens rannte. Ihre nackten Füße flogen über den harten, staubigen Boden und trommelten darauf ein wildes Stakkato. Ihr Atem ging in keuchenden Stößen, aufgelöstes, verschwitztes Haar flatterte ihr hinterher wie ein dunkles Banner. Die junge Frau bemerkte weder, dass sich spitze Steine in ihre Sohlen gruben, noch, dass die scharfen Dornen einer Hundsrose ihre Waden aufrissen und rote Spuren hinterließen. Sie rannte um ihr Leben.

Als sie das geduckte Ziegelgebäude des Jacob‘schen Hofes erreichte, der eine halbe Meile nordwestlich der Stadt Wedel lag, warf sie einen gehetzten Blick zurück. Ihre Verfolger hatten an Boden verloren, behindert durch das Gewicht ihrer ledernen Wämser und stählernen Waffen. Doch sie mussten jeden Moment am Waldrand auftauchen, und die Magd wusste, was ihr dann bevorstand. Einerlei, ob es Brandenburger, Österreicher, Schweden oder andere Heere waren – die Truppen in diesem seit vielen Jahren hin- und herwogenden Gemetzel, das man später den Dreißigjährigen Krieg nennen würde, hausten allesamt unmenschlich in den umkämpften Gebieten. Ganze Landstriche waren bereits entvölkert, Dörfer und Städte in Schutt und Asche gesunken. Ausgerechnet die Bauern, die sich täglich den Rücken krumm schufteten, um eine karge Mahlzeit auf den Tisch stellen zu können, standen bei den Söldnerheeren im Verdacht, Schätze in ihren Häusern zu horten. Wie viele von ihnen in die brennenden Kamine ihrer eigenen Häuser gehängt oder mit dem grauenhaften „Schwedentrunk“ zu Tode abgefüllt worden waren, um angebliche Wertsachen preiszugeben, vermochte niemand zu sagen. Abertausende waren es gewiss. Kaum eine Frau, kaum ein halbwüchsiges Mädchen blieb auf dem Lande von der Schändung durch die grausame Soldateska verschont.

Gesche hatte die Gier und die Erbarmungslosigkeit in den Augen ihrer Verfolger gesehen. Verzweifelt warf sich die junge Frau gegen die grob gehobelte Fichtentür des Hofes und fiel erschöpft in die dämmerige Diele hinein. Sie wusste, wie auf vielen anderen Höfen gab es auch in diesem Haus geheime Winkel, in denen sich Menschen vor den Hunden des Krieges verbergen konnten.

„Freder …?“, rief sie halblaut, und dann noch einmal.

Im Haus blieb es jedoch ruhig, geradezu totenstill. Vorsichtig warf sie einen Blick zur Tür hinaus. Ihre Verfolger waren noch nicht zu sehen. Doch aufgegeben hatten sie gewiss nicht, dieser Illusion gab Gesche sich nicht hin. Sie tat ein paar Schritte in den stillen Raum hinein – und erstarrte. Diesen widerlich süßlichen Geruch kannte sie nur zu gut. Jeder in diesen unmenschlichen Zeiten kannte den Hauch des Todes.

Die junge Magd schritt eilig über den Boden aus gebrannten Ziegelsteinen hinweg, vorbei an der gemauerten Herdstelle, in der ein paar Scheite glommen, bis sie einen hölzernen Torbogen erreichte, der einen weiteren Raum mithilfe eines groben Wollvorhangs abtrennte.

„Freder? Janne?“, rief sie leise und schob dann zögernd den Stoff ein Stück beiseite.

Entsetzt keuchte sie auf bei dem Anblick, der sich ihr bot, und stolperte einen Schritt zurück. Als sie sich zur Flucht wandte, prallte sie hart gegen einen Menschen. Sie schrie. Eine Hand packte ihren Hals mit grobem Griff, erstickte gurgelnd ihren Schrei.

„Da haben wir das Täubchen ja endlich. Nun, nach einer guten Jagd schmeckt die Beute gleich noch viel besser“, grinste der Söldner, der sich mit seinen Kameraden lautlos in die Diele geschoben hatte.

Sein Atem stank nach verrotteten Zähnen und billigem Wein, in der rechten Hand hielt er einen Dolch. Er trug ein schwarzes Lederwams mit eisernen Nieten und an seinem Gürtel hing ein abgenutzter Katzbalger, das kurze Schwert der Landsknechte. Gesche starrte mit geweiteten Augen auf die schartige, aber scharf geschliffene Klinge, die sich ihrer Kehle näherte. Eisige Kälte breitete sich in ihr aus. Sie wusste, dass sie keine Chance hatte, den vier Männern zu entkommen. Es sei denn, sie handelte jetzt sehr entschlossen.

„Ihr habt mich also gefunden“, presste sie heraus. „Und den Tod noch gleich dazu.“

Der Söldner runzelte verwirrt die Stirn, als sie ganz dicht an ihn herantrat. Die Spitze des Dolchs ritzte ihre Haut; sie spürte, wie ein dünnes Rinnsal Blut an ihrer Kehle herablief. Die junge Frau lächelte, hob die Arme und legte sie um den Hals des Mannes. Er starrte sie an, dann breitete sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus, als er ihren Rock befingerte. Das Grinsen erlosch jedoch jäh, als sie sich kraftvoll nach hinten warf und dabei zur Seite drehte. Der überrumpelte Mann geriet aus dem Gleichgewicht und wurde durch den Vorhang auf die dahinterliegende breite Bettstatt katapultiert. Mit einem rüden Fluch auf den Lippen schnellte er sogleich wieder in die Höhe.

„Bei allen Dämonen – das ist ja die Teufelspest!“

Die anderen Söldner blickten an ihm vorbei auf die Bettstatt. Dann prallten sie mit gutturalen Lauten zurück und stürmten, sich gegenseitig roh aus dem Weg stoßend, aus der Tür. Ihr Kamerad im schwarzen Wams starrte einen Herzschlag lang seine Hände an, mit denen er sich auf der Bettstatt abgestützt hatte. Dann hob er den Blick zu Gesche Carstens, in dem Hass und blanke Angst standen. Er sah sich nach seinem Dolch um, aber der lag nun auf dem Bett. Der Schwarze wich rückwärts vor der jungen Frau zurück, dann wandte er sich ruckartig um und floh mit wilden Sätzen aus dem Haus, wie von Furien gehetzt.

Gesche stand ein paar Sekunden wie gelähmt da. Schließlich drehte sie sich um und zwang sich dazu, noch einmal auf das Bett hinunterzublicken. Dort lagen sie – Freder, Janne und ihre vier Kinder. Der alte Gerolf, Freders Vater, hing halb von seinem schlichten, strohbedeckten Lager an der gegenüberliegenden Wand herunter. Gesche begann, vor Entsetzen am ganzen Leib zu zittern. Doch sie konnte den Blick lange nicht abwenden: von den Blutlachen, in denen die sieben Menschen lagen. Von den im Todeskampf aufgerissenen Mündern in den schwärzlich angelaufenen Gesichtern mit ihren blutigen Augäpfeln.

Endlich konnte die junge Frau die Lähmung des Schocks abschütteln. Hastig trat sie ein paar Schritte zurück. Ein Gedanke brannte in ihrem Kopf wie ein loderndes Feuer: Hatte sie sich angesteckt? Das würde den sicheren Tod bedeuten! Es hieß doch, diese entsetzliche Pest könne sogar die Luft selbst mit ihrem todbringenden Miasma vergiften. Der Pastor! Wenn einer ihr noch helfen konnte, dann der Pastor! Sagte man nicht von ihm, er hätte sich selbst von der Pest geheilt? Und sogar Tollwütige von der tödlichen Krankheit befreit? Hoffentlich war er noch nicht geflohen wie so viele andere. Gesche Carstens sprang zur Tür hinaus und rannte. Sie rannte um ihr Leben.

1

2019, Wedel in Holstein

Abgerissene Zweige knirschten unter seinen schweren Arbeitsschuhen, als Dachdeckermeister Walter Breckwoldt um die alte Kirche schritt. Er starrte zum Dach empor, wo ein dicker, borkiger Ast aus den grauen Schieferplatten ragte wie ein halb verwester Arm aus einem Grab. Der wütende Orkan letzte Nacht mit Sturmböen der Stärke zwölf hatte den Ast von einer der alten Eichen gerissen, die den bescheidenen Kirchhof umstanden, und ihn wie einen Speer in das Dach gerammt. Einige der grauen Platten waren hinabgestürzt und am Boden zerschellt. Die Pastorin hatte bereits dafür gesorgt, dass das Areal unterhalb des Schadens mit Trassierband abgesperrt wurde.

Breckwoldt wandte sich um und nickte seinem Gesellen Tim Waller zu. Waller startete den Hubwagen, den sich die kleine Firma für diesen Auftrag geliehen hatte. Das orangerote Fahrzeug vom Typ L 200 RT, dessen Arbeitskorb bis auf zwanzig Meter hinaufgefahren werden konnte, war ideal für diese Aufgabe. Breckwoldt wollte sich zunächst einen Überblick über das Ausmaß des Schadens am Dach der Kirche verschaffen, bevor er entschied, wie weiter vorgegangen werden sollte. Der kräftig gebaute Endfünfziger mit dem ergrauten Haarkranz stieg seit einem schweren Arbeitsunfall vor einigen Jahren, der ihm ein leichtes Hinken eingetragen hatte, nicht mehr selbst hohe Leitern auf die Dächer hinauf.

Vorsichtig lenkte Waller den Wagen von der schmalen Zufahrtsstraße auf den kleinen Kirchhof. Der L 200 RT wog zwar nur dreieinhalb Tonnen, aber bereits dieses Gewicht konnte ausreichen, um den dünnen Asphalt des Hofes zu beschädigen oder auf dem Rasenstreifen tief einzusinken. Waller manövrierte den Wagen geschickt um die kleine Grüninsel mit dem bronzenen Denkmal für Johann Rist herum, den berühmten Pastor und Heimatdichter aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Er suchte eine geeignete Position an der Seite der Kirche, um den Teleskopausleger für die Dacharbeiten optimal ausfahren zu können.

Der bärtige Mittdreißiger war seit vier Jahren bei Breckwoldt angestellt und hoffte, eines Tages selbst seinen Meister machen zu können. Vielleicht würde er dann gar die Firma übernehmen; Breckwoldt sprach in letzter Zeit öfter vom vorgezogenen Ruhestand. Verdient hatte der Alte ihn, und er konnte auch nicht mehr so kräftig anpacken wie früher. Mehr Geld würde Waller sehr gut gebrauchen können, er war Alleinverdiener. Seine Frau hatte ihren Beruf als Physiotherapeutin aufgegeben, um sich um die Kinder zu kümmern. Sarah war zwölf und Gregor gerade zehn Jahre alt geworden. Möglicherweise galt Sarah als hochbegabt, ihre Ausbildung würde entsprechend viel Geld verschlingen.

Waller gab behutsam Gas und der L 200 RT schob sich, von Breckwoldt durch Handzeichen eingewiesen, langsam näher an das Gebäude heran, wo er schließlich direkt neben der austrassierten Stelle zum Stehen kam. Waller stellte den Motor ab und ging zu Breckwoldt hinüber.

„Das müsste so gehen, Chef“, sagte er.

Breckwoldt blickte noch einmal zum Dach hinauf, dann nickte er. „Ich denke auch. Fahr schon mal die Stützen aus, ich gucke mir das da oben mal an. Vielleicht sind da noch mehr Schieferplatten beschädigt.“

Der Dachdeckermeister stieg die drei Stufen aus verzinktem Stahlblech am Heck des Wagens hinauf, wobei er das verletzte Bein ein wenig nachzog, und schickte sich an, in den engen Arbeitskorb zu klettern. Gerade wollte Waller die vier Stützen herunterlassen, die den L 200 RT bei ausgefahrenem Teleskopausleger stabilisieren sollten, als plötzlich ein dumpfes Knirschen ertönte und sich der Wagen ein paar Zentimeter Richtung Kirche neigte.

„Verdammt noch mal, Tim! Was machst du denn da?“, brüllte Breckwoldt und klammerte sich an das Gitter des Arbeitskorbes.

„Ich war das nicht, Chef, aber ich schau mal nach“, entgegnete Waller und ging um den Wagen herum.

„Scheiße!“, schrie er auf. „Das linke Vorderrad sackt hier irgendwo ein. Ich muss die Kiste zurücksetzen.“

„Warte mal, ich komme“, rief Breckwoldt.

Gerade wollte er die Stufen aus Profilblech hinabsteigen, als sich der L 200 RT unter Knarzen und Poltern schlagartig einen halben Meter zur Seite legte. Breckwoldt wurde hart gegen den stählernen Ausleger geschleudert, stürzte auf den Asphalt und blieb stöhnend liegen. Waller konnte sich noch mit einem Sprung zur Seite retten. Der ganze Wagen sackte nun auf der linken Vorderseite krachend bis zur Achse weg und prallte mit dem Ausleger dumpf gegen das Kirchengemäuer. In einem Hagel aus Glas- und Holzsplittern zerbarst eines der hohen Fenster unter dem wuchtigen Schlag. Ein paar Scherben trafen Breckwoldt, der schützend die Arme über den Kopf hochriss.

Einen Moment lang starrte Tim Waller verblüfft auf die bizarre Szenerie. Das linke Vorderrad des L 200 RT drehte sich langsam im Leeren. Es hing über einer tiefen Grube, die nun zwischen der Kirchenmauer und dem Fahrzeug gähnte. Waller trat näher heran, kniete sich hin und starrte in die Tiefe. Er kniff die Augen zusammen. Dort unten konnte er etwas Kantiges, grünlich Schimmerndes erkennen. Aber was war das um Gottes Willen für ein unheimliches Ding? Ein Sarg?

2

Brodersby

Diese verdammte Hitze. Der gleißende Glutball der Mittagssonne hing sengend über der steinigen Wüste, warf kurze Schatten hinter die ärmlichen Wellblechhütten mit ihren Viehgattern aus Dornengestrüpp und dörrte alles Leben aus. Die Zunge klebte ihm am Gaumen, zwischen seinen Zähnen knirschte der allgegenwärtige gelbe Staub. Er spürte – irgendetwas stimmte ganz und gar nicht. Er fühlte Panik in sich aufsteigen, warf sich nach vorn und wollte loslaufen. Er ahnte, dass es um Sekunden ging.

Aber er kam nur mühsam und schleppend voran, bewegte sich schwerfällig wie eine Fliege in zähem Sirup. Seine Füße schienen Tonnen zu wiegen.

Urplötzlich flammten riesige Augen direkt vor ihm auf. Sie brannten gnadenlos wie schwarze Sonnen in einem kleinen, konturenlosen Gesicht. Entsetzen ergriff ihn, er wollte schreien, doch es kam kein Ton aus seiner krächzend würgenden, ausgetrockneten Kehle. Dann ein blendend weißer Blitz. Ein Moment der Schwerelosigkeit. Und das Schreien begann.

Mit einem unartikulierten Laut fuhr Tristan Lindberg empor und zerrte hastig an der Bettdecke, die sich wie eine Würgeschlange um seine Beine gewunden hatte. Sein Herz raste, er keuchte und rang verzweifelt nach Luft. Er war schweißnass. Er setzte sich auf und zwang sich unter Aufbietung aller Willenskraft, ruhiger zu atmen, zählte beim Einatmen langsam bis sechs, hielt sechs Sekunden lang die Luft an und atmete sechs Sekunden lang wieder aus. Eine alte, bewährte Yoga-Technik. Mühsam widerstand er der in ihm aufwallenden Versuchung, einfach aufzuspringen und aus dem Haus zu rennen, immer weiter und weiter, bis ihn die Erschöpfung zu Boden werfen würde. Stattdessen streckte er einen Arm aus, eine Bewegung so langsam wie bei einem Faultier, und schaltete die Nachttischlampe ein. Lindberg rieb sich die Augen, sein Gesichtsfeld schien an den Rändern seltsam unscharf. Einatmen, Luft anhalten, Ausatmen …

Lindberg blickte zum Nachttisch. Darauf lag eine Packung Sertralin. Das Medikament wurde gegen schwere Depressionen und Angststörungen eingesetzt, hatte aber eine Reihe von Nebenwirkungen. Er streckte eine Hand danach aus. Dann ließ er den Arm wieder sinken. Nein, er musste es ohne Chemie schaffen.

Allmählich ebbte die Attacke ab. Lindberg erhob sich ächzend, ging in die Küche hinunter und leerte ein großes Glas Wasser in einem Zug. Und dann noch eins. Sein T-Shirt klebte an seinem schweißnassen Rücken. Er warf einen Blick zur grün blinkenden Anzeige der Herduhr hinüber und stöhnte. Fünf Uhr dreißig. Die Nacht war mal wieder gelaufen.

Lindberg stieg die Treppe wieder hinauf, ging ins Badezimmer hinüber und drehte die Dusche auf. Schlafen würde er jetzt ohnehin nicht mehr können. Er stöhnte wonnevoll, als das heiße Wasser seine Verspannungen in Schultern und Rücken lockerte. Doch am Ende drehte er das Wasser für ein paar Sekunden auf eiskalt – seine tägliche Übung zum Wachwerden.

Als sein Handy um halb acht klingelte, saß Lindberg im Auto auf dem Weg zum Herrenhaus Annettenhöh, der Hauptdienststelle seines Arbeitgebers, des Archäologischen Landesamtes in Schleswig. Das hellgelb gestrichene Gebäude, das ein Freiherr von Brockdorff im Jahr 1864 erbauen ließ, war seit 1985 im Besitz des Landes Schleswig-Holstein.

Lindberg griff zu seinem betagten Blackberry und blickte auf die Nummer.

„Nanu? Hanni? Was willst du denn schon so früh von mir?“, fragte er etwas zu schroff.

„Ich wünsche dir auch einen wunderschönen guten Morgen, Tristan“, sagte eine penetrant gut gelaunte Stimme. Sie schnurrte geradezu.

„Fein. Mein Morgen ist allerdings etwas beschädigt. Also, was gibt es nun?“, knurrte Lindberg.

„Du musst gleich mal nach Wedel runterfahren. Ausdrücklicher Wunsch vom Chef.“

Hannah Winkler war die berüchtigt effektive Vorzimmerdame von Dr. Rüdiger Stettner, dem Leiter des Archäologischen Landesamtes.

„Wedel?“, fragte Lindberg ungläubig. „Was soll ich da denn? Haben sie einen zweiten Roland gefunden?“

„Sehr lustig und nur knapp daneben. Roland stimmt nämlich schon mal“, lachte Hannah. „Unter der Kirche am Roland ist nämlich eine Gruft mit Särgen gefunden worden.“

„Na und? Darunter befinden sich doch überall uralte Grüfte“, brummte Lindberg. „Das wissen wir doch. Die haben seit über dreihundert Jahren da ihre Leute beerdigt, Pastoren vor allem. Ist doch nichts Besonderes. Da gehen wir doch gar nicht ran. Das weiß Stettner aber auch.“

„Kann schon sein, Tristan, aber guck es dir trotzdem mal an.“

„Okay. Weil du es bist“, brummte Lindberg. „Bin schon unterwegs.“

Wedel in Holstein

Gut neunzig Minuten später lenkte Lindberg seinen alten Saab auf den kleinen Parkplatz der Wedeler Kirche. Er stieg aus und ging den schmalen, von Büschen und Bäumen gesäumten Pfad zum Gotteshaus hinüber. Die mit rotweißem Trassierband abgesperrte Einbruchstelle an der Kirchenmauer war unübersehbar. Davor wartete eine schlanke Frau mit kurzem, grauen Haar. Lindberg vermutete, dass es sich um die Pfarrerin handelte, die er von unterwegs aus angerufen hatte. Statt Talar und Beffchen trug sie Jeans und eine Windjacke.

„Dr. Lindberg?“, fragte sie und musterte ihn einen Moment mit kühlen grauen Augen. Vor ihr stand ein jugendlich wirkender Enddreißiger mit breiten Schultern, müden braunen Augen und leicht zerzausten Haaren. Lindberg schüttelte ihre ausgestreckte Hand.

„Sabine Paulsen, angenehm“, sagte die Frau. „Ich bin die Pfarrerin der Kirche hier. Sie sind der Archäologe aus Schleswig?“

„Archäologe, ja. Und Anthropologe“, nickte Lindberg zerstreut.

Neugierig trat er näher an die Grube heran, die direkt an der Kirchenwand gähnte. Sie maß gut eineinhalb Meter im Durchmesser und war offensichtlich mehrere Meter tief.

„Ja, genau, darum geht es. Wir hatten einen Schaden am Dach, und die Dachdecker sind mit ihrem schweren Hubfahrzeug hier eingebrochen. Sieht aus wie eine Gruft da unten. Wenn Sie genau hinsehen, können Sie die Ecke eines Sarges erkennen“, sagte die Pfarrerin.

„Ja, ich kann es sehen“, bestätigte Lindberg. „Sie sind doch nicht etwa da runtergeklettert?“

Die Pfarrerin schüttelte lächelnd den Kopf. „In eine uralte Gruft? Allein? Ganz sicher nicht! Naja, obwohl – interessieren würde mich das schon; ist ja sozusagen meine Kirche hier. Aber ich wollte doch erstmal auf die Profis warten. Ach ja, einer der Dachdecker hat sich da unten schon mal umgesehen. Er wollte mal sehen, was für einen Schaden er mit seinem Fahrzeug angerichtet hat. Und er sagte, da unten stehe ein massiver Bleisarg. Er sei aber durch herabfallende Steine beschädigt worden. Oben an einer Ecke sei ein großes Loch. Außerdem sei jede Menge trübes Wasser rausgeflossen. Er hat sogar darin herumgetastet und sagte, da liege wohl tatsächlich noch eine Leiche drin.“

„Wie bitte? Der hat da reingefasst? Das darf doch wohl nicht wahr sein!“, entfuhr es Lindberg. Kein Archäologe schätzte es, wenn ein Laie vor den Experten an einem Fundort herumstöberte und ihn damit veränderte oder sogar so kontaminierte, dass sichere Analysen kaum mehr möglich waren. „Hat der Trottel vielleicht auch noch irgendetwas mitgenommen von da unten?“

Paulsen schüttelte den Kopf. „Nicht, dass ich wüsste, ich bin erst später hinzugekommen. Er sagte etwas sehr Merkwürdiges. Die Leiche da drin fühle sich ein bisschen glitschig an, aber vollkommen frisch – wie gestern gestorben. Er wirkte auch ziemlich mitgenommen. Damit hat er sicher nicht gerechnet.“

Lindberg schüttelte den Kopf. „In diesen Grüften da unten liegen nur uralte Leichen. Und nach dreihundertfünfzig Jahren sind die ganz bestimmt nicht mehr frisch. Aber vielleicht ist es ja eine Wachsleiche.“

Der Wissenschaftler bezog sich auf ein Phänomen, bei dem die Verwesung durch den Entzug von Sauerstoff abgebrochen wurde. Die Körperfette wurden dann zu einer wachsähnlichen Schutzschicht, den Adipociren, umgewandelt. Leichen konnten dann noch Jahrzehnte nach der Bestattung nahezu unversehrt wirken. Es waren meistens Wachsleichen, die hinter den Gruselgeschichten von Vampiren und Wiedergängern standen, die sich wankend aus den Gräbern erhoben.

Die Pastorin zeigte zur Ecke der Kirche. „Sie können sich ja mal selbst da unten umsehen. Eine Leiter liegt dahinten.“

Lindberg nickte, ging hinüber und holte sich die leichte Teleskopleiter aus Aluminium, die auseinandergeschoben etwa sechs Meter lang sein mochte.

„Wie schätzen Sie den Fund hier ein?“, wollte die Pfarrerin wissen.

Lindberg starrte hinab in die Schwärze und zuckte mit den Schultern. „Noch kann ich gar nichts sagen. Ich will Sie ja nicht enttäuschen, aber Sie wissen sicher auch, dass unter so alten Bauwerken häufig Grüfte aus verschiedenen Epochen liegen. Auch hier in Wedel, soweit ich weiß. Ist nichts Besonderes. In der Regel machen wir uns gar nicht die Mühe, die alle zu untersuchen. Es fehlt uns einfach das Geld dafür. Und das Personal sowieso.“

Er zog die Leiter auseinander und stellte sie in die Grube. Sie guckte nur noch einen guten Meter heraus.

„Aber Sie sagten, der Dachdecker hätte von einem Bleisarg gesprochen? Naja, das wäre auf jeden Fall schon mal interessant. Jedenfalls viel interessanter als einer aus halb verfaultem Holz. Bleisärge waren nämlich sehr teuer und sind als Funde entsprechend selten. Ich frage mich, für wen der angefertigt wurde.“

„Wer weiß“, sagte Paulsen nachdenklich und starrte in die Tiefe, „am Ende stehen wir vor dem Grab von Johann Rist. Das ist ja bisher nie gefunden worden.“

„Na, dann hätte sich meine Anreise aus Schleswig auf jeden Fall gelohnt“, lachte Lindberg, zog eine kleine Stirnlampe aus der Tasche und fing an, die Leiter hinunterzuklettern.

Das Grab von Johann Rist – das wäre in der Tat ein Fund! Rist war eine Legende in Nordwestdeutschland. Der studierte Geistliche war protestantischer Pfarrer der Wedeler Kirche von 1635 bis 1667 gewesen, hatte also die Spätphase des Dreißigjährigen Kriegs mit ihren Gräueln und Verheerungen am eigenen Leib erlebt und dabei mehrfach seine ganze Habe verloren. Rist hatte außer wortgewaltigen Predigten auch Gedichte, Lieder und politische Zeitzeugnisse geschrieben; als Universalgelehrter hatte er sich auch mit Mathematik, Botanik, Heilkunst und Musik befasst. Johann Rist galt heute als einer der wichtigsten geistlichen Vertreter des Frühbarocks und war damals für seine Verdienste sogar vom Kaiser zum Hofpfalzgrafen ernannt worden.

Lindberg schaltete die Stirnlampe ein, die er nun an einem elastischen Band um den Kopf trug, und stieg behutsam weiter hinab. Der grelle Halogenstrahl schnitt durch die Schwärze der Grube und huschte mit seinen Kopfbewegungen geisterhaft hin und her. Schließlich hatte der Archäologe den Boden aus grob gepflasterten Steinen erreicht und sah sich um. Die Gruft, in der er sich befand, hatte ein Ausmaß von rund drei mal vier Metern und war etwa zwei Meter hoch. Sie wies eine tonnenförmige Decke auf. Lindberg sah nun, dass die Decke und das darüberliegende Erdreich an einer Stelle durch Wasser unterspült worden waren. Er vermutete, dass ein von der Kirche führendes Regenrohr seit Langem gebrochen war.

Mitten in der Gruft stand ein massiver Sarg. Lindberg zog Gummihandschuhe aus der Tasche, streifte sie über und trat neugierig näher. Der Sarg war schlicht gearbeitet und schien in der Tat aus massivem Blei zu bestehen. Er klopfte dagegen. Die Dicke des Materials war ungewöhnlich, die meisten sogenannten Bleisärge wiesen nur eine dünne Hülle aus dem Metall auf. Der Archäologe beugte sich interessiert hinunter und strich mit den Fingern über das kühle Metall. Seltsam – der Deckel lag nicht einfach auf dem Sarg oder war mit ihm verschraubt, sondern sorgfältig mit einer dicken Naht auf den unteren Teil gelötet worden. Warum sollte sich jemand diese Mühe gemacht haben? Aus Angst vor einem Wiedergänger? Das war durchaus möglich – der Glaube an Tote, die sich aus dem Sarg erheben und die Lebenden heimsuchen konnten, war in früheren Zeiten stark gewesen.

Nachdenklich besah sich Lindberg den wuchtigen Kasten, der im Halogenlicht matt schimmerte. Er schätzte, dass diese Gruft aus dem 17. oder 18. Jahrhundert stammte. Wie die Pfarrerin gesagt hatte, wies der Sarg an einer Ecke eine Beschädigung auf. Ein großes Loch gähnte dort, und auf dem Boden lagen schwere Asphaltplacken, einige Stücke Blei, ein paar Erdklumpen sowie mehrere alte Pflastersteine. Lindberg rekonstruierte im Kopf: Das Wasser aus dem geborstenen Regenrohr hatte nach und nach den Untergrund unterspült, der schließlich nachgegeben hatte. Die schweren Pflastersteine waren auf die Ecke des Sarges gefallen und hatten das mürbe gewordene Blei zertrümmert. Lindberg schob sich dichter an das Loch heran, aus dem noch immer eine gelbliche Flüssigkeit tropfte, und wollte gerade hineinleuchten, als der Strahl der Lampe auf drei Symbole fiel, die, wie er rasch feststellte, offenbar auf alle Seiten des sonst ungeschmückten Sarges aufgebracht worden waren. Der Archäologe kniete sich vor den Sarg und sah genauer hin. Die in das Blei eingeschnittenen Zeichen waren bereits etwas verwittert und nicht mehr leicht erkennbar. Lindberg fuhr die Linien der Symbole mit dem Finger nach. Beim dritten Zeichen erstarrte er. Der Archäologe erhob sich hastig und wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Zitternd verharrte das grelle Licht seiner Stirnlampe auf dem schwach erkennbaren Symbol. Es zeigte die spiegelverkehrte Zahl Vier. Ihm lief ein Schauer über den Rücken.

3

Heist

Auf der Bundesstraße 431 lenkte Tim Waller seinen VW Golf in der Gemeinde Heist, einem übersichtlichen Ort zwischen den Städten Wedel und Uetersen in den Heideweg, an dem sein Einfamilienhaus stand. Das von seinen Eltern geerbte zweistöckige Gebäude stammte aus den 1950er-Jahren und war eher bescheiden zu nennen. Doch Waller liebte das alte efeuumrankte Haus, das ihm, seiner Frau und den beiden Kindern genügend Platz bot.

Er stellte den Wagen auf der schmalen Einfahrt ab und schloss ein paar Sekunden lang die Augen. Er streckte den rechten Arm aus. Seine Hand zitterte. Er hatte das Gefühl, Schüttelfrost zu bekommen, alles tat ihm weh. Vielleicht hatte er sich eine Grippe eingefangen. Das fehlte ihm gerade noch; in der kleinen Firma durfte eigentlich niemand ausfallen.

Waller stieß pustend den Atem aus, stieg aus dem Wagen und schlurfte zur Haustür hinüber. Selbst der kurze Fußweg fiel ihm schwer, er sog die Luft in kurzen, tiefen Atemzügen ein.

„Ich bin wieder da, Schatz“, rief er halblaut in den Flur hinein.

Seine Frau Helen kam aus der Küche, die Hände nass vom Spülen. Sie strich sich mit dem Handgelenk eine blonde Haarsträhne aus der Stirn und gab ihm einen Kuss. Sie musterte ihn besorgt.

„Meine Güte! Du siehst ja total fertig aus, weißt du das? Hast du dich irgendwo angesteckt? Heute morgen warst du doch noch fit“, sagte sie.

„Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Jedenfalls fühle mich ganz furchtbar“, klagte Waller. „Ich habe tierische Kopfschmerzen und mir ist übel.“

„Ach du je. Du siehst aus, als hättest du auch Fieber“, sagte Helen und legte ihm eine Hand an die Stirn. „Meine Güte, du glühst ja! Leg dich gleich mal hin. Die Kinder sind noch drüben bei Mannsfelds, wir essen heute sowieso etwas später zu Abend. Schlaf doch noch ein bisschen bis dahin. Vielleicht geht es dir dann schon besser.“

Waller nickte und stieg mühsam die steile Treppe zum Schlafzimmer hinauf. In seinem Schädel pochte es jetzt wie in einem Hammerwerk. Ihm wurde schwindlig. Er hielt sich am Geländer fest. Waller hasste es, krank zu sein, und er spürte, wie Angst in ihm aufstieg. Das alles hatte erst vor zwanzig Minuten schlagartig eingesetzt. Mit solchen Symptomen begann doch nicht einmal eine Grippe! Was war denn nur mit ihm los? Er hatte gerade das Schlafzimmer erreicht, als ein wahnsinniger Schmerz sengend durch seinen Kopf fuhr. Aufstöhnend fiel er auf die Knie; er sah plötzlich nichts mehr, rang nach Luft, versuchte, sich am Bett festzuhalten und sackte dann schwer zur Seite.

Helen Waller stand in der Küche und wollte gerade einen Erkältungstee aufgießen, als sie oben einen dumpfen Schlag hörte. Alarmiert lief sie in den Flur.

„Tim?“, rief sie die Treppe hinauf, und als sie keine Antwort erhielt, noch einmal: „Tim? Was ist mit dir?“

Oben blieb es vollkommen still. Sie runzelte die Stirn, dann lief sie die Stufen hinauf und eilte zum Schlafzimmer hinüber. Sie starrte in den Raum, unfähig zu akzeptieren, was sie dort sah. Ihr Mann lag halb auf dem Rücken vor dem Bett. Sein Mund war wie zu einem stummen Schrei geöffnet, aus Nase, Augen und Mund strömte Blut und bildete bereits eine dunkle Lache um seinen Körper herum. Helen Waller schrie.

Fünfzehn Minuten später bog ein Rettungswagen mit rotierendem Blaulicht und gellendem Martinshorn in den Heideweg ein. Der diensthabende Notarzt, Dr. Joachim Guthmann, war Oberarzt in einer nahen Klinik, ein erfahrener Mediziner, der in jüngeren Jahren als Mitglied von „Ärzte ohne Grenzen“ auch in mehreren Ländern Afrikas Dienst getan hatte. Bezüglich Unfällen und Krankheiten gab es sehr wenig, das er noch nicht gesehen hatte. Was ihn hier erwarten würde, wusste er nicht so recht; aus dem Gestammel der verstörten Frau hatte die Leitstelle sich keinen Reim machen können. Vermutlich ein Schlaganfall.

Als der Sechzigjährige die Treppe zum Schlafzimmer der Wallers hinaufstieg, erfuhr er von der hemmungslos weinenden Helen Waller, die ihm hinterherkam, dass sich ihr Mann schlecht gefühlt, Symptome einer Grippe aufgewiesen habe und oben in einer Blutlache zusammengebrochen sei.

Im Schlafzimmer angekommen, sah Guthmann mit einem Blick, dass Tim Waller nicht mehr zu helfen war. Er drehte sich zu der Frau um und schickte sie mit ruhigen, aber bestimmten Worten ins Erdgeschoss zurück. Angesichts des vielen Blutes zog er Schutzhandschuhe an, bevor er den Tod des Mannes feststellte. Dabei bemerkte der Arzt, dass dieses Blut offenbar auch aus Wallers Augen gelaufen war. In Guthmann keimte ein furchtbarer Verdacht auf – er erinnerte sich an die entsetzlichen hämorrhagischen Fieber, die er in Westafrika gesehen hatte wie Marburg, Lassa oder das berüchtigte Ebola. In diesen Fällen kam es meist zu Blutungen aus allen Schleimhäuten, auch aus den Augen. Doch konnte es tatsächlich sein, dass hier, im ländlichen Westen von Hamburg, eine dieser tödlichen viralen Infektionskrankheiten ausgebrochen war? Und bei wem konnte sich Waller angesteckt haben? Oder waren die Blutungen doch Symptome einer ganz anderen Erkrankung?

Guthmann entschied sich, kein Risiko einzugehen. Er stürmte die Treppe hinunter, wies Helen Waller und ihre Kinder an, das Haus keinesfalls zu verlassen, eilte zum Rettungswagen hinaus und gab Anweisungen. Sanitäter und Fahrer hüllten sich umgehend in Schutzanzüge samt Kopfhaube, legten Schutzmaske, Vollsichtbrille und Handschuhe an. Auch Guthmann zog die komplette Schutzausrüstung an; er wusste, dass er sich möglicherweise infiziert hatte. In seinem Fall sollte der Anzug die Erreger nicht draußen, sondern drinnen halten. Er zückte sein Handy und informierte nacheinander das Gesundheitsamt, den Ärztlichen Leiter des Rettungsdienstes des Kreises Pinneberg sowie die Leitstelle der Polizei. Spätestens in einer halben Stunde würde hier der Teufel los sein. Man würde das ganze Gebiet absperren und alle möglicherweise Betroffenen in Quarantäne nehmen.

Der Notarzt beschloss, nach Helen Waller zu sehen und ihr vielleicht noch ein paar Fragen zu stellen. Wo hatte ihr Mann zuletzt gearbeitet? War er vielleicht vor Kurzem von einem Afrika-Aufenthalt zurückgekehrt? Guthmann kehrte ins Haus zurück und ging in die Küche hinüber.

„Frau Waller?“, rief er. „Es tut mir leid, Sie in dieser Situation behelligen zu müssen, aber könnten Sie mir noch ein paar Fragen beantworten? Es ist wirklich sehr wichtig.“

Als er vom Flur in die Küche bog, sah er, wie Helen Waller ihm entgegengetaumelt kam. Ein Stöhnen entrang sich ihrer Brust, Blut lief aus Nase und Mund. Guthmann sprang nach vorn und konnte die Frau gerade noch auffangen, bevor sie in seinen Armen zusammenbrach.

4

Wedel in Holstein

„Dr. Lindberg, verstehe ich Sie richtig: Sie rufen mich zu Hause im wohlverdienten Feierabend an, weil Sie auf irgendeinem verwitterten Sarg in Wedel die Zahl Vier gesehen haben? Fühlen Sie sich ansonsten wohl? Ich wäre Ihnen wirklich für eine zügige Erklärung äußerst dankbar – ich habe nämlich das Haus voller Gäste.“

Dr. Rüdiger Stettner war Leiter des Archäologischen Landesamtes Schleswig-Holstein und damit Lindbergs Vorgesetzter. Gemessen an seinem ätzenden Tonfall schien er ziemlich verärgert zu sein und Lindberg erinnerte sich jetzt, dass Stettner etwas von dem fünfzigsten Geburtstag seiner Frau und einer lange vorbereiteten Familienfeier erwähnt hatte.

„Ich bitte vielmals um Entschuldigung, Dr. Stettner“, sagte Lindberg mühsam freundlich, „aber es könnte sehr wichtig sein. Ich habe den Verdacht, dass in diesem Bleisarg in Wedel ein Pesttoter liegt. Und zwar ein ziemlich intakter. Was uns vor Probleme stellen könnte. Die spiegelverkehrte Zahl Vier ist kein gutes Zeichen. Zudem wurden ein Dämonenzeichen und ein alchimistisches Symbol in das Metall eingeschnitten. Das verheißt nichts Gutes. Und es muss einen Grund dafür geben, dass man diesen Sarg damals sehr aufwendig zugelötet hat. Mir gefällt das nicht.“

„Was meinen Sie damit?“, unterbrach Stettner ihn.

„Wie Sie zweifellos wissen, grassierte in dieser Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg die Pest in Norddeutschland, und Pesttote gab es überall.“

„Jaja“, knurrte Stettner ungehalten. „Das weiß ich doch alles. Und?“ „Diese Toten wurden meist einfach verscharrt wie später auf dem ‚Pesthügel‘ zwischen Dammtor und Sternschanze in Hamburg. Warum also diese Mühe mit dem Bleisarg? Damit stimmt irgendetwas nicht – und ich hätte gern Ihre Erlaubnis, zunächst die zuständigen Behörden zu alarmieren.“

Stettner schwieg einen Moment und schien die Situation abzuwägen. Lindberg wusste, dass Rüdiger Stettner ein bestens vernetzter Mann war, der es sorgfältig vermied, höheren Ortes unangenehm aufzufallen. Er würde sich ungern mit einem harmlosen alten Sarg lächerlich machen. Andererseits konnte er sich beruflich noch erheblich mehr schaden, falls von diesem Sarg tatsächlich irgendeine Gefahr ausging und er es zu verantworten hatte, dass womöglich eine Pandemie ausbrach.

„Okay, machen Sie das, Lindberg“, sagte Stettner schließlich. „Rufen Sie meinetwegen das Amt für Gesundheit in Kiel an. Die sollen alles Weitere veranlassen. Ich glaube zwar, dass Sie Gespenster sehen, aber schaden kann es nicht, wenn wir uns als wachsam und besorgt um die Gesundheit der Öffentlichkeit zeigen. Halten Sie mich auf dem Laufenden. Und Lindberg – halten Sie die Presse raus! Das ist ganz allein meine Sache, falls es denn überhaupt nötig werden sollte.“

Lindberg schluckte eine spöttische Bemerkung herunter und beendete das Gespräch. Dann rief er das Gesundheitsamt in der Landeshauptstadt an und berichtete von seinem Fund. Der zuständige Beamte reagierte erwartungsgemäß wenig enthusiastisch, versprach aber, sich um die Sache zu kümmern. Lindberg war überzeugt, nie wieder in dieser Sache etwas zu hören. Umso überraschter war er, als er kaum eine halbe Stunde später einen Anruf vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin erhielt. Der Archäologe wusste, dieses Institut war zuständig für alle hochinfektiösen Krankheiten. Wie zum Beispiel die Pest.

„Dr. Lindberg?“, fragte eine dunkle Frauenstimme. „Mein Name ist Dr. Sarah Winter. Ich bin Virologin und Bakteriologin hier am Institut. Sie haben heute in Wedel einen möglichen Pesttoten gefunden?“

„Das stimmt, ja“, sagte Lindberg überrascht. „Möglicherweise stammt die Leiche aus der Pestzeit. Wissen Sie das vom Gesundheitsamt? Ich habe nämlich gerade eben erst dort angerufen.“

„Dr. Lindberg, es ist sehr wichtig, dass Sie mir Ihren Verdacht jetzt detailliert erzählen und begründen.“ Die Stimme der Frau klang angespannt.

Lindberg berichtete der Wissenschaftlerin genau, was sich in Wedel an der Kirche ereignet hatte.

„Was hat Sie eigentlich zu dem Verdacht geführt, in dem Bleisarg könnte ein Pesttoter liegen?“, fragte Winter.

„Nun, zum einen war der Sarg sorgfältig verlötet“, sagte Lindberg. „Als wolle jemand sicherstellen, dass nichts hinausgelangen kann. Vor allem aber waren die Seiten des Sarges mit der spiegelverkehrten Zahl Vier, einem Dämonenzeichen und einem alchimistischen Symbol verziert.“

„Aha. Eine Vier also. Das sagt Ihnen was?“ Lindberg fand, die Stimme klang nun etwas herablassend.

„Die Vier in dieser dargestellten Form ist eine Warnung aus alten Zeiten“, erklärte er. „Die spiegelverkehrte Vier symbolisiert vor allem die Pest. Als Virologin dürfte Ihnen doch das Biohazard-Symbol für biologische Gefahren vertraut sein – das mit den drei klauenartigen Kreisen?“

„Ja sicher. Wie schon erwähnt, ist das mein Beruf. Ich kenne dieses Symbol“, sagte Winter ungeduldig.

„Sehen Sie – die spiegelverkehrte Zahl Vier ist eben das Biohazard-Symbol früherer Jahrhunderte.“

„Ich verstehe. Und diese anderen Symbole?“

„Eines davon sieht aus wie ein gebogener Pfeil, der von unten von einer Linie durchstoßen wird. Es ist das alchimistische Symbol für Fäulnis. Nur steht es hier auf dem Kopf. Ich interpretiere dies als die Verneinung von Fäulnis. Das dritte Symbol ist schwierig zu erklären. Stellen Sie sich einen Kreis vor, in dem allerlei Kringel und kreuzförmige Elemente angeordnet sind.“

„Und das bedeutet?“

„Ich habe dieses Symbol erst einmal gesehen. In einem alten Alchimistenkeller, den wir ausgegraben haben. Es steht für den Dämonenfürsten Buer, Herr über fünfzig Legionen von Dämonen. Buer wird in einem Grimoire, also einem Buch über Zauberkunst, aus dem 16. Jahrhundert beschrieben. Dort wird ihm die Fähigkeit zugeschrieben, alle Krankheiten heilen zu können. Auch dieses Symbol steht auf dem Kopf.“

„Das ist allerdings seltsam“, sagte Winter nachdenklich. „Sagen Sie, diese Pastorin in Wedel hat Ihnen erzählt, einer der Handwerker hätte in den Sarg gegriffen?“

„Ja, das sagte sie“, bestätigte Lindberg. „Dieser Trottel muss mit der Leiche in Berührung gekommen sein, und dann wohl auch mit dieser eigenartigen Flüssigkeit, die aus dem Sarg tropfte.“

„Eine Flüssigkeit? Über die möchte ich mehr wissen. Sagen Sie, Dr. Lindberg, fühlen Sie sich eigentlich gesund?“, fragte Winter unvermittelt.

„Das hat man mich heute schon einmal gefragt“, brummte Lindberg, „Aber ja, ich fühle mich bestens.“

„Kein Fieber, kein Schwindelgefühl, keine Schmerzen?“

„Nein, aber ich fürchte, das alles werde ich gleich bekommen, wenn Sie mir nicht endlich sagen, um was es hier geht.“

„Sie haben nicht in den Sarg gegriffen?“

„Nein, zum Teufel, das habe ich nicht! Außerdem hatte ich Gummihandschuhe an. Ich sah das Pestsymbol auf dem Sarg und habe sofort die Gruft verlassen.“

„Also gut, Dr. Lindberg. Wo sind Sie jetzt?“

„Ich bin noch in Wedel, werde mich aber gleich auf den Weg zurück nach Schleswig machen.“

„Nein, das werden Sie nicht!“, sagte die Virologin bestimmt. „Ich komme zu Ihnen. Warten Sie, bis ich bei Ihnen bin. Rühren Sie sich nicht vom Fleck! Haben Sie das verstanden?“

Lindberg platzte der Kragen. „Hören Sie, ich fahre, wohin ich will“, knurrte er. „Und zwar jetzt sofort. Es sei denn, Sie geben mir eine zufriedenstellende Erklärung, warum ich meine Zeit damit vertrödeln soll, auf eine wildfremde Frau zu warten.“

Winter schwieg einen Moment.

„Dr. Lindberg, was ich Ihnen jetzt mitteile, unterliegt der Geheimhaltung“, sagte sie dann. „Wenn Sie damit hausieren gehen, können Sie in Ihrem Beruf in Zukunft höchstens noch Zivilisationsmüll der Inuit auf Grönland untersuchen. Wenn überhaupt. Haben Sie das verstanden?“

„Ja. Sie reden ja laut genug. Und jetzt bin ich ganz Ohr“, versetzte Lindberg wütend.

Die Wissenschaftlerin holte tief Luft. „Also: Der Handwerker, der in den Sarg gefasst hat, ist tot. Seine Frau auch. Beide wiesen Symptome eines äußerst aggressiven hämorrhagischen Fiebers auf. Sie wissen schon – Ebola, Marburg, Lassa …“

„Ich weiß, was ein hämorrhagisches Fieber ist“, unterbrach Lindberg sie gereizt. „Aber da müssen Sie sich irren. Der Tote vom Wedeler Kirchhof liegt da vermutlich seit rund dreihundertfünfzig Jahren. Und damals grassierte hier die Pest, nicht Ebola. Außerdem kann nach so langer Zeit nichts mehr infektiös sein. Aber das brauche ich Ihnen als Virologin ja nun nicht zu sagen. Ihren Infektionsherd müssen Sie sich also woanders suchen.“

„Ich kann Ihnen am Telefon keine Einzelheiten nennen“, entgegnete Winter. „Was Sie sagen, ist richtig. Und dennoch haben wir Anlass zu vermuten, dass der Tote aus Ihrer Gruft die Quelle war. Aber ich gebe zu, dass wir einfach noch nicht wissen, womit wir es hier zu tun haben. Und da wir nichts ausschließen dürfen, müssen wir zunächst einmal sicherstellen, dass Sie sich nicht angesteckt haben. Das ist ja wohl auch in Ihrem Interesse. Nennen Sie mir einen Treffpunkt – möglichst in einer wenig belebten Straße. Halten Sie großen Abstand zu Menschen. Ich werde mit einem speziellen Krankenwagen zu Ihnen kommen, wundern Sie sich also nicht.“

„Allmählich wundere ich mich über gar nichts mehr“, sagte Lindberg. Dann gab er einen Straßennamen durch. Nur eine halbe Stunde später hielt ein Notarztfahrzeug neben ihm. Es hatte Blaulicht eingeschaltet, aber kein Martinshorn. Lindberg stieg ein, als sich die Hecktüren öffneten – und fand sich in einem Szenario wieder, das ihn an Katastrophenfilme erinnerte. Eine Gestalt in einem unförmigen weißen Plastikanzug, die wirkte wie ein Michelin-Männchen auf Droge, forderte ihn auf, sich das Hemd auszuziehen und auf die fahrbare Trage zu legen, die wie ein OP-Tisch mitten im Fahrzeug angebracht war. Lindberg sah zu, wie ihm die unheimliche Gestalt die Armbeuge desinfizierte, einen Stauschlauch festzog und ihm mit einer Hohlnadel Blut entnahm. Eine zweite, ebenso in weißen Kunststoff gewandete Person maß bei ihm Fieber und Blutdruck.

Bei dem absurden Gedanken, er könnte sich in der Gruft ein hämorrhagisches Fieber zugezogen haben, wurde Lindberg fast übel. Er kannte die Bilder von Patienten, deren Organe sich bei diesen grauenhaften Infektionskrankheiten geradezu verflüssigten. Die erste Gestalt beugte sich nun dicht über ihn. Unter der Plastikverkleidung konnte Lindberg nun das Gesicht einer Frau erkennen, die ihn mit ernsthaftem Blick aus smaragdgrünen Augen musterte.

„Hallo, ich bin Dr. Winter“, sagte sie.

Irgendwo in einem gerade nicht sehr aktiven Teil seines Gehirns registrierte Lindberg, dass Augen und Stimme etwas sehr Angenehmes hatten.

„Fühlen Sie sich noch wohl?“

„Nein!“, murrte Lindberg. „Ich fühle mich nicht wohl! Gar nicht!“

„Nicht? Ist Ihnen übel – oder schwindelig? Bekommen Sie Fieber?“

„Nichts davon. Aber ich liege in einem Krankentransporter und Astronauten stechen mich mit Nadeln. Ich bin doch kein Fakir.“

Der Blick aus dem Plastikhelm wurde merklich kühler, Lindberg konnte es deutlich erkennen.

„Dr. Lindberg, ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie die Situation ernster nehmen könnten. Es stehen Menschenleben auf dem Spiel. Millionen Menschenleben womöglich.“

Sie trat von der Trage zurück und Lindberg setzte sich wieder auf. „Sind Sie fertig?“

„Mit den ersten Tests ja. Jetzt fahren wir ins Universitätsklinikum. Sie bleiben noch auf der Isolierstation, bis wir Ihre Blutwerte haben.“

„Braucht jemand noch diesen Tag?“, murrte Lindberg missmutig. „Ich glaube nämlich, der kann weg.“

5

Wedel in Holstein

Einen alten Sarg auf einem Friedhof bewachen, und das auch noch die ganze Nacht hindurch – das hatte Menso Sievers gerade noch gefehlt. Für diese beneidenswerte Aufgabe musste der junge Polizeiobermeister eine extra Nachtschicht einlegen. Damit hatte sich auch der Kinoabend mit seiner neuen Flamme erledigt. Na toll. Begeistert war Helene nicht gerade gewesen. Nun konnte er zusehen, wie er das wiedergutmachte. Außerdem ging sie ja auch noch mit diesem gegelten Laffen aus der Werbebranche aus, der mit seinem siebenhundert PS starken Tesla angab wie eine Tüte Mücken. Helene so kurzfristig abzusagen, würde seine Chancen bei ihr nicht gerade erhöhen.

Missmutig starrte Sievers aus dem Fenster des Streifenwagens ins Dunkle, zur Wedeler Kirche hinüber. Sein Kollege Berndt Mahlmann lief gerade eine Runde um das Gotteshaus. Mindestens zum fünften Mal in dieser Nacht. Viel hatte man ihnen nicht über diesen Auftrag erzählt. Nur so viel, dass von dem uralten Sarg in der Gruft eine Gefahr ausgehen könnte. Die Rede war von alten Pesterregern, die aus irgendeinem Grund noch aktiv sein sollten. Die beiden Beamten hatten nun dafür zu sorgen, dass sich niemand der Grabkammer näherte, bevor man die dort gefundene Leiche fachmännisch geborgen und abtransportiert hatte.

Der Bereich um das Loch im Asphalt neben der Kirchenwand war nicht nur unübersehbar mit Trassierband und Warnschildern abgesperrt, die Seuchenexperten vom Bernhard-Nocht-Institut hatten außerdem den Bleisarg unten in der Gruft in eine Kunststoffplane luftdicht eingeschweißt und auch den Einstieg an der Oberfläche mit einer Plane versiegelt. Es war eine vorläufige Schutzmaßnahme nur für diese Nacht, am Morgen sollte der Leichnam aus der Gruft gehoben und ins Institut an der Elbe überführt werden. Die Experten hatten allerdings bereits unter Vollschutz und mit einer Sonde ein paar Gewebeproben aus dem Körper entnommen. Sie sollten noch in der Nacht untersucht werden.

Sievers fragte sich, ob eine jahrhundertealte Leiche tatsächlich noch ansteckend sein konnte. Gewiss, er war kein Experte, aber die alten Friedhöfe in Norddeutschland waren doch voller Gebeine von Pestleichen. Überlebt hatte noch nie ein Erreger diese lange Zeit. Jedenfalls hatte Sievers noch nie davon gehört. Trotzdem war dieser Auftrag irgendwie gruselig.

Der junge Polizeibeamte ließ das Autofenster herunter, um besser sehen zu können. Mahlmann hätte eigentlich längst wieder auftauchen müssen, so groß war die Kirche nun auch nicht und Mahlmanns kahler Schädel leuchtete selbst im Dunkeln.

„Berndt?“, rief er halblaut.

Keine Antwort. Hatte sein Kollege auf der anderen Seite vielleicht etwas Ungewöhnliches entdeckt? Sievers stieg aus dem Wagen, schloss die Tür und schaltete seine Nitecore TM 03 an. Diese kompakte LED-Taschenlampe konnte auf der höchsten Stufe notfalls für eine ganze Viertelstunde mit zweitausendachthundert Lumen leuchten, das reichte beinahe für einen Fußballplatz und ganz sicher für den kleinen Kirchhof.

Der Beamte ging um die erste Kirchenecke herum; das abgedeckte Loch lag nun direkt vor ihm. Alles schien unverändert zu sein. Von Mahlmann war allerdings noch immer nichts zu sehen.

„Berndt?“, rief er noch einmal.

Allmählich wurde ihm die Sache unheimlich. Falls Mahlmann ihm einen Streich spielen wollte, war das nicht komisch. Er würde ihm in den Hintern treten. Sievers zog das Funkgerät aus der Tasche und rief Mahlmann noch einmal. Als Antwort erhielt er nur ein statisches Rauschen.

Sievers runzelte die Stirn und lief nun um die nächste Kirchenecke. Er erschrak, als der Strahl der Lampe direkt vor ihm einen großen Nachtvogel aufschreckte, der mit lautem Flügelschlagen aus der Krone einer Eiche floh. Der gepflasterte Weg lag leer vor ihm. Der Strahl zuckte geisterhaft hin und her. Sievers wurde plötzlich bewusst, dass der Boden, auf dem er stand, früher einmal ein Friedhof gewesen war. Direkt unter seinen Füßen mochten sich noch Gräber aus uralten Zeiten befinden. Nur ein paar Meter entfernt lag eine alte Leiche. Ausgerechnet jetzt drängten sich beängstigende Bilder aus Horrorfilmen in sein Hirn, in denen Knochenarme aus dem Boden wuchsen und nach Lebenden griffen. Passenderweise schlug es gerade Mitternacht. Geisterstunde also. Sievers fluchte leise, sein Mund wurde trocken.

Er ging den Weg ein paar Meter weiter entlang. Der Strahl seiner Lampe glitt voraus und zur Seite. Mal links, mal rechts. Die krummen Äste der Rhododendronbüsche zauberten bizarre, zitternde Schemen auf den Weg. Sievers blieb stehen und kniff die Augen zusammen. Ihm war etwas Seltsames unter einem Gebüsch auf der Seite des Weges aufgefallen, gut zehn Meter von ihm entfernt. Langsam schritt er näher. Das grelle Licht der LED-Lampe verharrte auf zwei länglichen Objekten, die direkt aus dem Boden zu wachsen schienen. Als Sievers schließlich begriff, was er dort sah, rannte er hin und zog im Laufen hastig seine Dienstpistole aus dem Holster. Eine manuelle Sicherung kannte diese Waffe nicht, sie war sofort schussbereit. Der junge Beamte bog die Zweige des Gebüschs beiseite. Und erschrak.

Stundenlang hatte der Mann im Dunkeln gewartet, ein Schatten unter Schatten. Sein langes hartes Training hatte ihm die Geduld einer Katze und zudem eine verminderte Schmerzempfindlichkeit eingetragen. Er hatte gehofft, die Polizeibeamten würden sich am späten Abend zurückziehen. Doch sie saßen noch immer in ihrem Wagen und gingen hin und wieder eine Runde um die alte Kirche. Das sah nach einer Bewachung bis zum Morgen aus. Er musste seinen Auftrag unbedingt heute Nacht erfüllen, bei Sonnenaufgang würde es zu spät sein. Man würde die Leiche aus der Gruft abholen. Gut, dann eben auf die bewährte blutige Weise. Skrupel kannte die Gestalt im Schatten nicht, sie zog es lediglich vor, so wenig Aufsehen wie möglich bei ihrer Arbeit zu erregen.

Der eine Polizeibeamte bog gerade wieder um die Ecke und leuchtete mit seiner Handlampe den gepflasterten Weg vor ihm aus. Er wirkte entspannt, gelangweilt und wenig wachsam. Warum sollte er auch angespannt sein – von der tödlichen Gefahr wenige Meter neben ihm konnte er nichts ahnen.

Als Berndt Mahlmann an einem dichten Gebüsch am Rande des Weges vorüberging, erhob sich der Schatten in einer lautlosen, fließenden Bewegung. Der vollständig in Schwarz gekleidete Mann trat mit einem Schritt hinter ihn, seine weichen Vibram-Sohlen erzeugten kein Geräusch auf dem Pflaster. Seine rechte Faust hatte sich um eine seltsame Waffe geschlossen. Ursprünglich war es ein Drehmomentschlüssel für Golfschläger gewesen, doch statt der üblichen Werkzeugspitze trug der halbmondförmige Griff nun die aufgeschweißte lange dreikantige Nadel eines Troikarts, ein chirurgisches Instrument zum Punktieren. Die geschliffene Nadel ragte rund zehn Zentimeter zwischen Zeige- und Mittelfinger heraus. Eine kraftvolle Hüftdrehung katapultierte die Faust blitzartig nach vorn – ein klassischer Karatestoß. Die lange Nadel drang mühelos an der Schädelbasis in Mahlmanns Gehirn ein und durchstieß die Medulla oblongata, die Schaltzentrale im Hirnstamm, die unter anderem Atmung und Kreislauf steuert. Mahlmann stieß ein kurzes Ächzen aus und fiel dann in sich zusammen wie eine Marionette, der man die Fäden gekappt hatte. Innerhalb von Sekunden kam seine Atmung zum Stillstand. Sein Mörder schleifte ihn hinter das Gebüsch und legte sich wieder auf die Lauer.

Sievers keuchte entsetzt auf, als er seinen Kollegen unter dem Gebüsch liegen sah. Der Lampenschein glitzerte auf seinen halbgeöffneten, starren Augen. Gerade wollte der Beamte nach dem Funkgerät an seinem Gürtel greifen, als sich seine Nackenhaare hochstellten, ein Gefahrenreflex aus Urzeiten. Ein winziges Geräusch, das leise Scharren eines Fußes, ein Wispern von Stoff auf Stoff – direkt hinter ihm. Doch bevor er mit der Waffe in der Hand herumwirbeln konnte, traf ihn ein wuchtiger Schlag gegen den Hinterkopf, verbunden mit einem scharfen Schmerz. Sievers torkelte nach vorn, seiner Kehle entrang sich ein Stöhnen. Die Pistole fiel ihm aus der kraftlosen Hand. Der Beamte brach in die Knie und verharrte ein paar Herzschläge lang in einer fast betenden Körperhaltung. Als sein Kopf zur Seite sackte, nahm er für einen Sekundenbruchteil eine schwarze Gestalt schräg hinter sich wahr. Dann wurde es dunkel um ihn. Dass er mit dem Gesicht auf den Körper seines toten Kollegen fiel, merkte Sievers nicht mehr.

6

Hamburg

Von außen glich das trutzige Gebäude am Elbhang einem Hochsicherheitsgefängnis. In den kantigen, kastenartigen Bau aus rötlichen Steinen waren keine großzügigen Fenster, sondern nur Bänder schmaler, verglaster Schlitze eingelassen, die waagerechten Schießscharten ähnelten. Ins Innere des Gebäudes drang entsprechend wenig Tageslicht – was durch ein raffiniertes, von Bewegungsmeldern gesteuertes Beleuchtungssystem ausgeglichen wurde. Auch bei diesem Haus entsprach das wichtigste Sicherheitsprinzip dem einer Haftanstalt: Nichts, was drinnen verwahrt wurde, durfte nach außen gelangen. Doch wenn dies bei der roten Festung an der Elbe jemals geschah, würde die daraus resultierende Bedrohung selbst den Ausbruch eines Serienmörders bei weitem übertreffen: Dann war das Leben von Millionen Menschen in höchster Gefahr.

Das neue Laborgebäude des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin war 2009 eröffnet worden. Es beherbergte neunzig Wissenschaftler und neben zwanzig Laboren der biologischen Schutzstufe zwei und fünf Laboren der Stufe drei auch zwei Labore der höchsten Sicherheitsstufe vier. Nur in Berlin, Marburg und auf der Forschungsinsel Riems im Greifswalder Bodden gab es in Deutschland weitere Stufe-vier-Labore.

In diesen Laboren wurden die tödlichsten Erreger und Infektionskrankheiten erforscht, die auf unserem Planeten zu finden waren. Dazu zählten Ebola, Hanta, Dengue, Krim-Kongo, Marburg, Lassa, aber auch Pocken oder die Pest. Die Inneneinrichtung der Labore bestand fast vollständig aus widerstandsfähigem und gut zu reinigendem V2A-Stahl; die Fenster gehörten zur Brandschutzklasse F-90 und konnten eineinhalb Stunden lang selbst einem tobenden Höllenfeuer widerstehen. Die luftdichten Türen des Labors mit ihren Bullaugen glichen den lukenartigen Durchgängen auf Kriegsschiffen. Dahinter lagen Schleusen, die mit Per-Essigsäure-Duschen ausgerüstet waren. Sie konnten einen Menschen ohne Schutzanzug buchstäblich skelettieren. Aber diese Räume betrat ohnehin niemand ohne einen Ganzkörperanzug mit eigener Sauerstoffversorgung. Im Inneren dieser Anzüge herrschte Überdruck, um nichts hineingelangen zu lassen, im Gegensatz zum leichten Unterdruck der Labors, damit keine Erreger nach außen entweichen konnten.

In einem der Stufe-vier-Labore starrte Dr. Sarah Winter ungläubig auf den Monitor des Transmissions-Elektronenmikroskops.

„Das ist doch nicht möglich!“, entfuhr es ihr.

Ihr aufgeblasener Tyvek-Schutzanzug knisterte leicht, als sie sich noch einmal vorbeugte. Die neunzigtausendfache Vergrößerung, die der Elektronenstrahl ermöglichte, zeigte ein Abbild des Erregers, dem das Ehepaar aus Wedel zum Opfer gefallen war.

Die achtunddreißigjährige Virologin hatte gehört, dass der Mann beim Eintreffen des Notarztes bereits tot gewesen war. Die Frau war noch im Krankenwagen gestorben. Die Leichen lagen nun in einem Sondertrakt des UKE, dem Universitätsklinikum Eppendorf; die Blutproben waren sofort mit einem speziellen Fahrzeug ins Bernhard-Nocht-Institut gebracht worden.

Ratlos blickte sie auf einen Ausdruck, der auf dem Labortisch vor ihr lag. Die Schleuse öffnete sich und Professor Dr. Levy Dahan trat ein. Dahan war Leiter der Virologie am Bernhard-Nocht-Institut. Ausgebildet am Technion in Haifa und an der Hebräischen Universität in Jerusalem, genoss er auf seinem Gebiet ein hohes Ansehen. Vor drei Jahren war er einem Ruf an das Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg gefolgt. Er war ein graziler Mann Mitte vierzig, freundlich, aber außerhalb eines engen Freundeskreises etwas distanziert, verlässlich, aber alles andere als ein Kumpeltyp. Sarah, die eng mit ihm zusammenarbeitete, war erst seit ein paar Wochen mit ihm per Du.

„Levy, kannst du dir das bitte mal ansehen?“, rief sie ihm zu.

Dahan, der von einem Kongress in London nach Hamburg geeilt war, ging zu Sarah hinüber und nahm das Blatt Papier entgegen, das sie ihm hinhielt. Über seine schmalrandige Brille hinweg blickte er auf das Abbild auf dem Monitor.

„Ist das der Fall mit den beiden Toten aus dieser Kleinstadt?“, fragte er mit seinem etwas kehligen Akzent.

Seine Kollegin nickte. Dahan las die Werte auf dem Ausdruck ab. Es war das Ergebnis der Sequenzierung des Erregers, der Tim und Helen Waller getötet hatte. Die Entschlüsselung eines Genoms mit modernen Sequenzierungsmaschinen dauerte heute nur noch wenige Stunden. Unter dem Mikroskop hatte sich zunächst herausgestellt, dass es sich nicht um einen bakteriellen Erreger handelte. Das Elektronenmikroskop entlarvte schließlich das tödliche Virus.

„Dieser Notarzt hatte recht“, murmelte Dahan, „es ist tatsächlich ein Filovirus. Aber so einen habe ich noch nie gesehen. Wo zum Teufel kommt der her?“

Die Filoviren waren eine Familie von Viren, zu denen auch Marburg und Ebola gehörten. Der Virologe blickte wieder auf den Ausdruck und dann auf den Bildschirm.

„Sieht aus wie der Zaire-Sudan-Stamm. Und wiederum nicht. Einiges passt nicht dazu. Aber was ist das da? Guck dir das mal an.“

Dahan wies auf die spiralförmigen Auswüchse, die wie Arme aus der Hülle des Virus ragten. Sie wiesen lange „Spikes“ auf, nadelartige Formen aus Glykoprotein.

„Du sagtest, die Opfer hätten sich infiziert und seien binnen weniger Stunden gestorben?“

Sarah nickte. „Dieses Ding ist hochinfektiös und weist womöglich eine hundertprozentige Letalität auf. Ich habe noch nie von einem hämorrhagischen Fieber gehört, das innerhalb so kurzer Zeit töten kann. Womöglich ist es sogar auf dem Luftweg übertragbar.“

Dahan sah sie nachdenklich an. „Das könnte allerdings eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes nach sich ziehen. Bislang sind hämorrhagische Fieber nicht aerogen übertragbar.“

Der Chefvirologe sah sich noch einmal sehr konzentriert den Ausdruck der Sequenzierung an. Sarah sah, wie er sich plötzlich anspannte.

„Oh Gott, das gefällt mir nicht. Ruf Rafael an, er soll sofort hierher ins Labor kommen. Sofort!“

Sarah sah ihn alarmiert an. „Thomsen, den Bakteriologen? Was glaubst du denn, womit wir es hier zu tun haben?“

Unter seinem Schutzhelm stieß Dahan den angehaltenen Atem schnaufend aus.

„Möglicherweise mit einem richtigen Monster. Einem Albtraum von einer Chimäre.“

7

Hamburg

Professor Dr. Rafael Thomsen sah von dem Computerausdruck der Sequenzierung auf und blickte noch einmal zum Monitor hinüber, auf dem noch immer das Bild des tödlichen Virus aus Wedel flimmerte. Er grinste.

„Ihr seid mir doch eine Saubande! Fast wäre ich auf euch hereingefallen. Und dann noch dieses besorgte Tremolo in deiner Stimme, Sarah, einfach göttlich!“

Der Chefbakteriologe des Bernhard-Nocht-Instituts war ein leicht beleibter Mann Mitte fünfzig, der seinen Kampf gegen einen kleinen Wohlstandsbauch mit Squash und Radtouren führte – offensichtlich ohne durchschlagenden Erfolg. Thomsen war bei den Kollegen beliebt, er war ausgeglichen und meist für einen Scherz zu haben. Er sah Winter und Dahan schelmisch an, in der Erwartung, die beiden würden gleich vor Lachen losplatzen. Stattdessen blickte er weiterhin in bitterernste Mienen.

„Ach kommt, ihr wollt mir doch nicht erzählen, dass es dieses Ding da wirklich gibt! Eine Chimäre aus einem Filovirus und dem Genom eines Pestbakteriums? Hier“, er klopfte mit dem Finger auf den Ausdruck, „bis dahin ist es ein normales Ebolavirus, vermutlich Zaire-Sudan. Aber diese Abschnitte des Genoms hier sind etwas ganz anderes. Diese Genomabschnitte sind weitgehend identisch mit einem Stamm von Yersinia Pestis, der hier in Norddeutschland während des Dreißigjährigen Krieges wütete. Ich habe mich damit während meines Studiums beschäftigt. Das ist doch überhaupt nicht möglich! Und das wisst ihr auch, dazu braucht ihr mich nicht.“

Dahan räusperte sich. „Rafael, was du da siehst, ist leider echt. Und dieses Ding da“, er wies mit einem Kugelschreiber auf den Monitor, „hat bereits zwei Menschen getötet. Die Symptome sind ähnlich wie bei Ebola: Fieber, Übelkeit, Blutungen aus allen Körperöffnungen, Multiorganversagen. Und das innerhalb weniger Stunden.“ Er zögerte. „Und wir befürchten, dass es auch noch aerogen übertragbar sein könnte.“

Thomsens Lächeln erlosch allmählich. Er blickte zwischen Dahan und Winter hin und her.

„Ach kommt, Kinder …“

Schließlich beugte er sich vor und starrte das Virus an.

„Was habt ihr gesagt? Innerhalb weniger Stunden? Und dann noch aerogen? Großer Gott – wenn das wirklich kein schlechter Scherz ist und dieses monströse Virus freigesetzt wird, gibt es ein größeres Massensterben als bei der Pest und der Grippe. Und das waren jeweils Dutzende Millionen. Ihr habt doch sofort alle Sicherheitsmaßnahmen getroffen?“

Winter nickte. „Der Sarg mit dem Toten ist vollkommen in Schutzfolie eingekapselt worden, er wird außerdem von der Polizei bewacht. Das Gelände der Kirche in Wedel ist abgesperrt. Auf die Schnelle konnten wir den Sarg aber nicht bergen, er besteht aus massivem Blei. Und zwar zugelötet. Wir müssen ihn aufschneiden. Das ist viel zu gefährlich vor Ort. Da ist auch noch irgendeine Flüssigkeit drin, von der wir noch nicht wissen, um was es sich handelt. Wir rücken morgen mit schwerem Gerät und einer Mannschaft in Schutzkleidung an.“

„Und wo wollt ihr mit Sarg und Leiche hin?“, fragte Thomsen.

„Wir sind noch dabei, ein provisorisches Isolierlabor der Stufe vier drüben im Anbau einzurichten, in das wir den Sarg über den Parkplatz reinbringen können“, sagte Winter. „Allein der Transport ist ein logistischer Albtraum. Wir werden eine Polizeieskorte benötigen, aber dürfen andererseits nicht zu viel Aufsehen erregen. Wenn bekannt wird, was wir da befördern, bricht eine Panik aus. Hunderttausende Hamburger werden versuchen, aus der Stadt zu fliehen.“

Thomsen schüttelte den Kopf. „Wenn ich von einer so potenten Chimäre höre, dann tippe ich sofort auf Biowaffenlabore in Russland, China, den USA oder Nordkorea. Ihr sagt, dieses Ding stammt aus einem Sarg aus dem Dreißigjährigen Krieg? Dann ist es erst recht nicht möglich. Egal ob Bakterium oder Virus – nach der langen Zeit ist alles tot. Der Wirtskörper, also die Leiche, ist ja längst zerfallen.“

„Dieser Archäologe, der den Sarg untersucht und uns alarmiert hat, erzählte mir da eine merkwürdige Geschichte von einer Lady aus China“, warf Winter ein. „Einer Leiche, die angeblich nach über zweitausend Jahren noch frisch war. Vielleicht wollte er mit seinem archäologischen Seemannsgarn ein wenig angeben.“

Dahan nickte nachdenklich. „Nein, nein. Das ist keine Schauergeschichte, Sarah. Ich kenne den Fall. Die sogenannte Marquise von Dai. Eine Adlige, die im Alter von etwa fünfzig Jahren starb – im 2. Jahrhundert vor Christus. Hatte sich wohl totgefressen, wie die Obduktion ergab. Und die Leiche sah bei der Exhumierung nach über zweitausend Jahren aus, als hätte man sie erst am Vortag beerdigt. Frag diesen Archäologen doch mal nach Einzelheiten. Das könnte für diesen Fall hier interessant sein. Vielleicht gibt es ja ein paar verrückte Parallelen.“

Lindberg setzte sich in seiner karg eingerichteten Isolierzelle auf. Der Raum ähnelte einem Krankenzimmer, allerdings befand sich derzeit nur ein einziges Bett darin. An der Wand gab es Anschlüsse für Sauerstoff und Strom. Alle Oberflächen waren aus einem speziellen, leicht zu desinfizierenden Kunststoff. Er hörte, wie sich Schritte näherten, dann vernahm er das Zischen der Luftschleuse. Eine schlanke Frau mit honigblonden, zu einem Zopf geflochtenen Haaren betrat die Zelle. Lindberg erkannte die smaragdgrünen Augen sofort wieder.

„Oha! Diesmal ganz ohne Strampelanzug?“, fragte er. „Und auch ohne Nadeln! Ich hätte Sie fast nicht wiedererkannt. Na, das heißt ja wohl, dass ich dieses Luxusetablissement verlassen kann.“ Er erhob sich.

„Ja. Sie sind gesund“, sagte Sarah Winter kühl. „Sie haben verdammtes Glück gehabt.“

„Ich sagte Ihnen doch: Ich habe weder die Leiche noch das Wasser berührt und war höchstens fünf Minuten in der Gruft. Da kann ich mich ja wohl nicht angesteckt haben.“

„Es sei denn, das Virus kann durch die Luft übertragen werden“, konterte Winter. „Was wir übrigens nicht ausschließen können.“ „Hören Sie, ich bin kein Experte, aber ich habe noch nie von einem hämorrhagischen Fieber gehört, das aerogen übertragen wird“, entgegnete Lindberg. „Das wäre ja auch ein Albtraum.“

„Nun, ich bin Expertin und ich habe bisher auch noch nie davon gehört. Und Sie haben völlig recht: Das wäre in der Tat ein Albtraum. Kommen Sie, ich wollte Sie noch etwas fragen, bevor Sie uns verlassen.“

Der Archäologe folgte der Virologin durch die ovale Luftschleuse. Er warf die weiße Kleidung, die man ihm gegeben hatte, in eine Art Müllschlucker und erhielt dafür neue.

„Darf ich fragen, wo meine eigenen Sachen sind?“

„Die sind längst in Rauch aufgegangen, wir konnten kein Risiko eingehen.“

„Na, das ist ja toll!“, entfuhr es Lindberg. „Meine Sachen sind verbrannt und ich laufe jetzt herum wie ein Bäckergeselle. Ich hoffe, meinen Autoschlüssel und meine Brieftasche haben Sie nicht gleich mit eingeäschert?“

„Was wir desinfizieren konnten, liegt drüben im Besprechungsraum. Ich glaube, Ihr Autoschlüssel ist dabei.“

Der Besprechungsraum bot den Charme eines zahnärztlichen Wartezimmers, aber Lindberg störte das nicht. Er wollte die Fragen der Virologin rasch beantworten und dann endlich nach Hause fahren, duschen, ein Bier trinken und schlafen. Dankbar nahm er den heißen Tee entgegen, den Winter ihm reichte.

„Zucker?“

Lindberg nickte. „Zwei Stück bitte.“

Die Virologin goss sich auch einen Tee ein und setzte sich ihm gegenüber.

„Im Krankenwagen haben Sie mir eine Geschichte von einer zweitausendjährigen Mumie aus China erzählt.“

„Ja. Ich erinnere mich. Ich erwähnte das, weil sie perfekt erhalten war. Und der Tote in der Gruft möglicherweise auch. Jedenfalls war das der Eindruck dieses armen Teufels, der ihn angefasst hat.“

Winter trank einen Schluck Tee. Mit der linken Hand griff sie in ihr Haar und drehte eine Strähne um ihren Finger. Lindberg fand die Geste ganz reizend.

„Ja. Genau diese Geschichte meine ich. Erzählen Sie mir bitte mehr davon“, bat sie.

Lindberg lehnte sich vorsichtig in dem geradezu filigranen Bistrostuhl zurück, der unter seinen achtzig Kilogramm bedrohlich knarrte.

„Ihr Name war Xin Zhui“, begann er. „Sie war eine Adelige und Gattin des Kanzlers von Changsha. Das ist heute die Hauptstadt der Provinz Hunan und protzt mit der größten Mao-Statue der Welt. Damals aber, im 2. Jahrhundert vor Christus, war Changsha ein eigenständiger Staat.“

Er nahm einen Schluck von dem süßen Tee. Der Blick aus Winters grünen Augen ruhte erwartungsvoll auf ihm.

„Und?“

Lindberg riss sich vom Bann der Katzenaugen los.

„Xin Zhui starb um das Jahr 160 vor Christus und erhielt ein sehr ungewöhnliches Grabmal in Form einer auf dem Kopf stehenden Pyramide. Die Grabkammer fand man 1971 in zwölf Metern Tiefe. Die Volksbefreiungsarmee wollte damals ein unterirdisches Lazarett ausheben – und plötzlich gab die Erde nach. Man fand mehrere Gräber mit Mumien, darunter auch das der Marquise von Dai.“ Er lehnte sich vor. „Stellen Sie sich das mal vor: Das Grab war von einer dicken Schicht Tonerde und fünf Tonnen Holzkohle umgeben. Oben schloss ein fünfzehn Meter hoher Erdhügel das Grabmal ab.“

„Hm. Holzkohle …“, sagte Winter nachdenklich. „Ein hervorragendes Filterelement.“

„Ganz genau!“, bestätigte Lindberg. „Aber das ist noch nicht alles. Die Leiche selbst war fest in mehrere Bahnen feinste Seide eingewickelt, in vier lackierte, ineinander passende Särge gebettet und zusätzlich von einer dicken Wand aus Holz geschützt. Der Lack erwies sich als absolut wasserdicht. Eine Meisterleistung dieser Zeit.“

Lindberg hob einen Finger und senkte ihn schnell wieder, weil er merkte, dass dies etwas oberlehrerhaft wirkte.

„Aber der Clou war, dass die Dame in achtzig Litern einer Flüssigkeit schwamm, mit dem der innere Sarg gefüllt war.“

„Was war das für eine Flüssigkeit?“, wollte Winter wissen. „Weiß man, woraus sie bestand?“

Der Archäologe zuckte mit den Schultern. „Das wissen wir leider nicht genau. Entweder hat man es tatsächlich nie herausgefunden oder die Chinesen halten die Rezeptur bis heute geheim. Die uralte chinesische Kultur, eine der ältesten der Welt, vielleicht sogar die älteste, hat zahlreiche Mumien hinterlassen. Sie stehen den Ägyptern in nichts nach. Manche sind ebenfalls Tausende Jahre alt. Und wir dürfen annehmen, dass diese geheimnisvolle Flüssigkeit zu dem unfassbar guten Erhaltungszustand der Leiche von Changsha ganz wesentlich beigetragen hat.“

„Wie gut war denn dieser Zustand nun genau?“

„Nach mehr als zweitausend Jahren befand sich noch immer Blut in ihren Adern, die Muskeln waren noch elastisch, die Haut nicht verfärbt, die Organe geradezu frisch wie bei einem soeben Verstorbenen. Man kann in diesem Fall eigentlich gar nicht von einer klassischen Mumie sprechen wie Tutanchamun oder Ramses II. Die Marquise von Dai spielt in dieser Hinsicht in einer ganz eigenen Liga.“

„Das ist ja wirklich unglaublich“, stimmte Winter ihm zu.

„Haben Sie die Flüssigkeit aus dem Wedeler Bleisarg denn schon untersucht?“, wollte Lindberg wissen und blickte die Virologin gespannt an.

„Das haben wir, ja. Zumindest provisorisch, so gut es in der kurzen Zeit ging.“

„Und – mit welchem Ergebnis?“

„Ehrlich gesagt, sind wir ziemlich ratlos“, räumte Winter ein. „Wir konnten auf die Schnelle zwar einige pflanzliche Bestandteile identifizieren. Offenbar wurden auch verschiedene Pilze verarbeitet, einige davon kennen wir nicht. Die Flüssigkeit ist zudem leicht basisch. Aber der Rest der Zusammensetzung ist bislang ein Rätsel.“

„Bleiben Sie unbedingt dran“, riet Lindberg, „denn falls diese Flüssigkeit einen menschlichen Körper über dreihundertfünfzig Jahre fast perfekt erhalten hat – was ich noch nicht recht glauben kann –, dann würde Ihre Entschlüsselung ganz stark Richtung Nobelpreis gehen.“

Sarah Winter sah ihn ernst an. „Viel wichtiger ist: Falls wir dieses Virus nicht rasch gestoppt kriegen, geht diese Angelegenheit erst einmal ganz stark Richtung Apokalypse.“

8

Hallig Hooge, Nordfriesland

Henning Fendt kniff die Augen zusammen. Schräg über ihm, am wolkenlosen, azurblauen Himmel, schwebte ein seltsames Objekt und zog langsam vorüber. Fendt konnte ein schwaches, schwirrendes Geräusch hören. Er schätzte, dass das Objekt in rund fünfzig Metern Höhe flog. Hier, auf der kleinen nordfriesischen Hallig Hooge, hatte er zwar noch nie eine Drohne gesehen, aber er kannte diese Flugobjekte aus dem Fernsehen. Als Hobby-Vogelkundler konnte er Größenverhältnisse am Himmel recht gut einschätzen: Diese Drohne mit ihren acht Rotor-Auslegern war ungewöhnlich groß und hatte sicherlich die Ausmaße eines Restauranttisches. Fendt blickte sich um. Er wusste, irgendwo musste ein Mensch sein, der sie steuerte. Doch er sah niemanden. Nur ein ganzes Stück weit draußen, auf der Nordsee, die sich heute blau und ungewöhnlich friedlich zeigte, fuhr ein weißes Sportboot vorüber.

Fendt blickt der Drohne nach. Sie flog in östlicher Richtung, auf die Hanswarft zu, auf der sich das Bürgermeisteramt, das Sturmflutkino und ein paar Geschäfte der Hallig befanden. Vermutlich wurde das Gerät von einem Gast im Haus Helgoland auf der Ockelützwarft gesteuert, das ebenfalls gemietet werden konnte. Die Touristen vom Festland nahmen ja alles Mögliche an Zeug mit in den Urlaub. Badeboote in Schwanenform oder teure Elektrofahrräder, die auf der kleinen Marschinsel eigentlich völlig deplatziert waren, gehörten schon zur Standardausrüstung. Fendt drehte sich um und ging über die Marschwiese zurück zu der kleinen Häusergruppe, die sich auf einem flachen grünen Hügel duckte. Er wollte noch etwas im Schulgebäude erledigen. Die Ockelützwarft, die etwas westlich vom Zentrum der amöbenförmigen Hallig lag, war sein Zuhause und Fendt Lehrer an der Hallig-Schule, einem markanten Gebäude mit seinen charakteristischen feuerroten Türen und Streifen an der Dachkante. Die Schule verfügte nur über einen einzigen Klassenraum – bei derzeit fünf Schülern war das aber mehr als ausreichend. Fendt war allerdings stolz auf die gute Ausstattung der kleinen Schule; es gab immerhin zwei Computerlernplätze und einen abtrennbaren Bereich, der auch als Bühne für kleine Aufführungen genutzt werden konnte. Meist gab es mehr Darsteller auf der Bühne als Zuschauer im Parkett – aber Spaß machten diese Aufführungen den Schülern immer. Im ersten Stock des Gebäudes befand sich sogar eine richtige Turnhalle mit allerlei Sportgeräten.

Die Ockelützwarft war eine von zehn bewohnten Warften auf Hallig Hooge. Insgesamt zählte die Bevölkerung der Marschinsel rund hundert Seelen. Davon lebten allein auf der Ockelützwarft mehr als ein Dutzend Menschen in sechs Haushalten.

Fendt war Single und vor sechs Jahren hierhergekommen, um nach einer sehr hässlichen Scheidung noch einmal von vorn anzufangen. Seine Frau Ragna war ihm immer an Raffinesse und Härte überlegen gewesen; dies hatte sich für sie auch bei der Scheidung ausgezahlt. Fendt war nahezu mittellos auf die Hallig gekommen. Die Abgelegenheit der kleinen, nicht einmal sechs Quadratkilometer umfassenden Eilands machte ihm nichts aus. Im Gegenteil, die selbstgewählte Einsamkeit half ihm, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren – Lehren, Lernen und ein bewusst einfach gehaltenes Leben. Henning Fendt war Lehrer in Bremen-Nord gewesen, einem sozialen Brennpunkt einer Stadt, die ohnehin eine hohe Kriminalität aufwies. Er hatte Messerstechereien und Drogenexzesse an seiner Schule erlebt, unter dem zähen Verkehr und der von Abgasen vergifteten Stadtluft gelitten und genoss nun die friedliche Atmosphäre in der winzigen Hallig-Schule und die ungewohnte Wissbegierigkeit seiner Schüler. Fendt fühlte sich hier zu Hause und gab sich große Mühe, die ganz spezielle Mentalität dieser kleinen Gemeinschaft zu verstehen. Als spät Zugereister beherrschte er allerdings nicht die halligfriesische Variante des Nordfriesischen. Sie wurde überhaupt nur noch von einer Handvoll, meist hochbetagter Insulaner gesprochen.

Hooge war die zweitgrößte der zehn Halligen im schleswig-holsteinischen Wattenmeer und als einzige von einem ein Meter zwanzig hohen Steindeich umgeben, der das Wasser leichterer Sturmfluten durchaus abzuhalten vermochte. Doch die stärkeren Fluten überspülten die Hallig rund ein halbes Dutzend Mal im Jahr; dann bildeten die Warften selbst kleine Inseln im tobenden Meer.

Während manchmal ein paar einsame Übernachtungsgäste vom Festland, die auf Hooge gestrandet waren, voller Sorge auf die schäumenden Wogen starrten, machte es sich Fendt in seiner gepolsterten Nische am Fenster gemütlich, trank einen schwarzen friesischen Tee mit Kandis und Milch und fühlte sich sauwohl. In solchen Momenten ruhte allerdings auch der Fährverkehr nach Amrum, Dagebüll, Föhr, Sylt und zum Festlandhafen Schlüttsiel.

Die Warften waren weitgehend von der Welt isoliert und auf sich selbst gestellt, in einem Notfall allenfalls noch mit Seenot-Hubschraubern erreichbar – wenn überhaupt. Anfang Juli 1825 hatte auch der dänische König Friedrich VI. – zu dessen Reich Hooge damals zählte – aufgrund einer Sturmflut auf der Hallig übernachten müssen. Sein damaliges Quartier, der „Königspesel“ aus dem 18. Jahrhundert samt dem winzigen Alkovenbett, in dem der Monarch nur sitzend schlafen konnte, stellte heute eine Touristenattraktion dar. Der König war damals nach Hooge gekommen, um sich über die schweren Schäden der Sturmflut vom Februar 1825 zu informieren, bei der mehrere Warften zerstört worden waren und fünfundzwanzig Menschen ihr Leben verloren hatten. Im Wappen der Hallig prangte ein goldener Anker – er war Symbol sowohl für die Seefahrt als auch für die Hoffnung, die kleine Marschinsel möge auch künftig alle Bedrohungen durch den „Blanken Hans“ überstehen.

Als Lehrer war Henning Fendt fasziniert von der Tatsache, dass die Halligen stumme Zeugen dramatischer erdgeschichtlicher Vorgänge waren – am Ende der letzten Eiszeit war der Meeresspiegel hier um dreißig Meter gestiegen und hatte große Teile des heutigen Nordfrieslands überflutet. Um Christi Geburt war die Küstenlinie im Zuge einer weiteren Erhöhung des Meeresspiegels, der sogenannten Dünkirchen-Transgression, noch einmal radikal umgestaltet worden. Niemand vermochte zu sagen, wie lange die Halligen in ihrer heutigen Form noch bestehen würden.

Fendt war kürzlich wieder mit seinen Schülern über den ehemaligen Standort der einst blühenden Siedlung Rungholdt gefahren. Sie war Mitte Januar 1362 von der „Groten Mandrenke“ vom rasenden Meer mit Mann und Maus verschlungen worden. Noch heute tauchten manchmal Reste aus dem Watt auf – Keramiken oder gar Schwerter. Fendts Schüler lauschten ihm stets mit großen Augen, wenn er ihnen die Legenden von Rungholt erzählte. Dass sich die Stadt – wie das legendäre Vineta an der pommerschen Ostseeküste – alle sieben Jahre in der Johannisnacht aus dem Wasser erhebe, dass man an manchen Tagen die Glocken von Rungholt hören könne, wenn man mit dem Schiff über die versunkene Stätte fuhr, und dass der Untergang Rungholts die göttliche Strafe dafür gewesen sei, dass ein paar betrunkene Bauern den Pfarrer von Rungholt gezwungen hatten, einem mit Schnaps abgefüllten Schwein die Sterbesakramente zu geben.

Es dämmerte bereits, als Fendt das Schulgebäude wieder verließ. Er hatte noch Materialien für den morgigen Werkunterricht bereitgestellt und sich noch weiter in die Materie eingelesen. Er fühlte sich seit einer Stunde angeschlagen, hatte eine heiße Stirn und bohrende Kopfschmerzen. Leichte Übelkeit überkam ihn. Der Lehrer überlegte, bei wem er sich angesteckt haben konnte. Auf Hooge erkrankte man immer nur dann an grippalen Infekten, wenn die Gäste die Viren vom Festland mitbrachten. Mehr als sechshundert Touristen kamen an manchen Tagen, da konnte man sich schon etwas bei ihnen holen. Im Winterhalbjahr war auf Hooge hingegen nie jemand krank.

Fendt beschloss, noch einen Spaziergang am zwölf Kilometer langen Steindeich zu unternehmen, der Hooge umschloss. Der Wind hatte am Abend wieder aufgefrischt, nachdem er den ganzen Tag geschlafen hatte, und zauste ihm die spärlichen Haare. Fendt hoffte, dass ihm die frische Luft guttun würde. Er hatte das raue Nordseeklima immer als belebend empfunden. Selbst im Winter, wenn Orkanböen wie gequälte Seelen heulten und wütend versuchten, die wenigen Bäume der Hallig zu entwurzeln, zog der Lehrer seine einsamen Runden entlang des Deiches.

Er versuchte, kräftig auszuschreiten, doch seine Beine waren plötzlich seltsam kraftlos. In seinem Kopf pulsierte der Schmerz nur noch stärker. Ihm war speiübel. Das musste eine echte Grippe sein. Er beschloss, zurückzukehren und sich sofort ins Bett zu legen.

Fendt blieb einen Moment lang erschöpft stehen und blickte noch einmal über die flachen Marschwiesen bis zu einem Gatter, wo Suffolk-Schafe zu ihm herüberstarrten und ihn kehlig anblökten. Der Lehrer wandte sich gerade zum Gehen, als ein unerträglich scharfer Schmerz durch seinen Kopf schnitt, als hätte man ihm eine heiße Nadel ins Hirn getrieben. Stöhnend brach er in die Knie. Er hustete krampfhaft, würgte und hielt sich instinktiv die Hand vor den Mund. Ungläubig starrte Henning Fendt auf seine Hände und dann hinunter auf die Front seiner Windjacke. Überall war Blut.

9

Schleswig

Das Büro von Dr. Rüdiger Stettner, Chef des Archäologischen Landesamtes, war etwa zwanzig Quadratmeter groß und ernüchternd karg eingerichtet – sah man von ein paar alten Stichen an den Wänden ab, die das Herrenhaus Annettenhöh in nobleren Zeiten zeigten. Lindberg saß auf einem der unbequemen Freischwinger, die um den kleinen Konferenztisch aufgestellt waren. Er musterte Stettner, der wie üblich eine kleine Demonstration seiner Macht gab, indem er in Aktenordnern las, ohne Lindberg eines Blickes oder Wortes zu würdigen. Wenn Stettner das nötig hatte, war er nur eine arme Wurst, überlegte der Archäologe. Die Vorstellung schoss ihm durch den Kopf, Stettner hätte wie jede andere Wurst auch zwei zipfelhafte Enden. Das amüsierte ihn und er musste grinsen.

Stettner musterte ihn nun missbilligend über seinen Ordner hinweg. „Sie scheinen ja ausnehmend gute Laune zu haben, Dr. Lindberg“, bemerkte er säuerlich.

„Tut mir leid, Dr. Stettner. Das kommt hin und wieder einfach über mich“, versetzte Lindberg.

Sein Chef legte den Ordner beiseite und stellte die dünnen Finger zu einer Pyramide auf.

„Und Sie scheinen ja in Hamburg großen Eindruck gemacht zu haben.“

Lindberg runzelte die Stirn. „Ich verstehe nicht ganz …?“

„Die Sache mit dem Bleisarg da unten in Wedel vor ein paar Tagen. Der Einbruch in die Gruft und der Anschlag auf die beiden Polizeibeamten. Sie hatten wohl gleich ein paar hilfreiche historische Anmerkungen parat?“

„Ach so, ja. Nun, ich habe dazu gesagt, was ich konnte, aber danach nichts mehr aus Hamburg gehört.“

„Ich schon“, versetzte Stettner. „Das Landeskriminalamt in Kiel hat offiziell um Ihre Mitarbeit in dem Fall ersucht. Und die Landesregierung hat mich mit einigem Nachdruck gebeten, Sie dafür freizustellen – was ich hiermit tue. Inwiefern Sie da helfen können, erschließt sich mir nicht. Es gibt da wohl ein Problem mit einem Krankheitserreger? Wir sind Archäologen, keine Bakteriologen. Das sollten Sie denen da unten vielleicht mal klarmachen. Aber naja, ich sage dazu mal gar nichts – man hat mir strengstes Stillschweigen auferlegt.“

„Ich kann Ihnen dazu auch nichts sagen, Dr. Stettner“, sagte Lindberg. „Ich bin mindestens so überrascht wie Sie.“

Rüdiger Stettner sah ihn ein paar Herzschläge lang argwöhnisch an, dann zuckte er mit den Schultern. „Gut, Lindberg, wie dem auch sei. Eine Konferenz ist heute um fünfzehn Uhr im Bernhard-Nocht-Institut angesetzt. Fahren Sie also in Gottes Namen nach Hamburg und sehen Sie zu, dass Sie den Leuten irgendwie helfen können. Und dann kehren Sie bitte zügig an Ihre Arbeit zurück. Die Kollegen in Greifswald haben uns um Unterstützung gebeten. Sie wissen schon – dieses Tollense-Schlachtfeld aus der Bronzezeit. Offenbar gibt es da ein paar interessante neue Funde. Sie sollten sich das möglichst bald mal ansehen. Wir sollten unbedingt mit an Bord sein.“

Lindberg nickte. Ihm war völlig klar, dass Stettner sich die Gelegenheit, im Revier der Kollegen aus Mecklenburg-Vorpommern zu wildern, nicht entgehen lassen wollte. Allerdings könnten diese neuen Funde tatsächlich hochinteressant sein. Stettner witterte offenbar eine Chance, sich zu profilieren. Lindberg setzte ein möglichst dienstbeflissenes Gesicht auf und verabschiedete sich eilig.

Auf der Fahrt nach Hamburg grübelte er über diesen seltsamen Auftrag nach. Er konnte sich keinen Reim darauf machen, warum er von der Landesregierung angefordert worden war. Sofern er wusste, war der Bleisarg mit der Leiche inzwischen nach Hamburg gebracht und dort gründlich untersucht worden. Die Gruft war aufwendig desinfiziert und dann zugemauert worden. Für ihn war der Fall erledigt. Ein Rätsel stellte allerdings der Mordanschlag auf die beiden Polizisten dar, die die Gruft in jener Nacht bewacht hatten. Ihm taten die Familien der Opfer leid.

Hamburg

Im Bernhard-Nocht-Institut angekommen, wurde Lindberg sofort in einen geräumigen Konferenzraum geführt. Zu seiner Erleichterung gab es frischen Kaffee, ein paar Kekse und kleine Flaschen mit Wasser und Säften.

Er winkte Sarah Winter zu, die bereits am Tisch saß und in Papieren blätterte. Er erkannte ferner Professor Dr. Levy Dahan und den etwas beleibten Bakteriologen Professor Dr. Rafael Thomsen. Neben ihnen saßen noch zwei Männer, die er nicht einordnen konnte. Der eine kam ihm allerdings bekannt vor. Er war hochgewachsen und schien Mitte sechzig zu sein. Der Mann hatte ein markantes Gesicht, war schlank, fast hager zu nennen, und trug einen legeren schwarzen Rollkragenpullover zu einer sandfarbenen Cordhose. Auch er war in vor ihm liegende Papiere vertieft. Der zweite Mann trug einen förmlichen grauen Anzug mit roter Krawatte. Er war um die fünfzig und musterte die anderen Anwesenden mit kühlem Blick, der auch kurz und etwas unangenehm auf Lindberg ruhte. Lindberg kam sich vor wie ein Insekt unter dem Mikroskop.

Er setzte sich neben Sarah Winter, als eine weitere Person den Raum betrat. Es war eine schlanke, drahtige Frau, die Lindberg auf Mitte dreißig schätzte. Ihr üppiges schwarzes Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebändigt. Naher oder Mittlerer Osten, überlegte Lindberg. Türkei. Oder Iran. Die Frau stellte ihre Aktentasche neben einen Stuhl und setzte sich.

„Ich sehe, dass wir nun vollzählig sind“, sagte Dahan und nickte den Anwesenden reihum zu. „Dr. Lindberg vom Archäologischen Landesamt in Schleswig haben einige von Ihnen ja schon kennengelernt. Möglicherweise brauchen wir seine Expertise. Der Fall reicht offenbar weit in die Vergangenheit zurück. Dort drüben sitzt mein Kollege, Professor Dr. Gerhard Hartdegen. Er ist spezialisiert auf jene Erreger, die als bakteriologische oder virologische Kampfstoffe genutzt werden können – vor allem das berüchtigte ‚Dreckige Dutzend‘. Sie wissen ja: Milzbrand, Pest, Ebola und so weiter.“

Hartdegen nickte kurz in die Runde.

„Neben ihm sitzt Professor Dr. Paul Rischmann“, fuhr Dahan fort. „Er ist Chef der Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Eppendorf und hat die Autopsie an der Wedeler Leiche vorgenommen.“

Natürlich, dachte Lindberg. Rischmann! Der Mann war eine Legende in Fachkreisen. Und dies sogar weltweit. Wenn es zwischen Argentinien und Zypern einen ungeklärten Todesfall mit internationaler Bedeutung gab, dann rief man Rischmann.

„Ferner möchte ich Ihnen Hauptkommissarin Becca Shahin vom Landeskriminalamt in Kiel vorstellen.“ Damit drehte sich Dahan zu der schwarzhaarigen Frau um. „Sie hat die Leitung in diesem Fall und wird Ihnen gleich erklären, um was es hier eigentlich geht.“

Shahin nickte in die Runde. Eher Syrerin, überlegte Lindberg. Oder aus dem Irak. Dahan stand auf.

„Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen Erfolg. Davon hängt sehr viel ab.“ Er nickte Winter und Thomsen zu. „Halten Sie mich bitte auf dem Laufenden.“

Mit diesen Worten verließ der Virologe den Raum. Becca Shahin verlor keine Zeit.

„Vorgestellt worden bin ich ja schon. Vielleicht sagen Sie mir jetzt noch kurz, wer Sie sind. Dann können wir anfangen.“ Damit nickte sie Winter und Thomsen auffordernd zu.

Die beiden holten ihre Vorstellung nach. Die Polizistin sah in die Runde und blickte jedem am Tisch kurz in die Augen. Ihre eigenen waren tiefschwarz, fiel Lindberg auf.

„Offenbar bin ich hier die einzige am Tisch ohne Doktorgrad“, sagte Shahin lächelnd.

„Mag sein“, entgegnete Lindberg. „Dafür sind Sie hier die einzige am Tisch mit einer geladenen Waffe am Gürtel.“

„Sie haben bemerkenswert scharfe Augen, Dr. Lindberg“, bemerkte Shahin und musterte den Archäologen aufmerksam. „Was wir hier am Tisch besprechen, darf diesen Personenkreis nicht verlassen. Das ist übrigens keine Bitte, sondern eine strafbewehrte polizeiliche Anordnung. Sollte jemand damit nicht einverstanden sein, möge er bitte jetzt den Raum verlassen. Im Übrigen wird niemand gezwungen, sich an dieser Kommission zu beteiligen. Aber Sie alle haben Kenntnisse, die uns möglicherweise weiterhelfen können. Nun, wie sieht es aus – gehen oder bleiben Sie?“

Die Teilnehmer sahen sich mit leicht verwirrten Mienen an, doch niemand erhob sich.

„Gut, dann wäre das geklärt“, sagte Shahin. „Professor Rischmann – wollen Sie anfangen? Sie haben die Leiche aus dem Wedeler Bleisarg obduziert.“

Rischmann nickte und ordnete seine Papiere.

„Ich bin seit fast vierzig Jahren Rechtsmediziner“, begann er, „aber ich habe einen derartigen Fall noch nie gesehen. Mehr als das – ich habe mir ein solches Phänomen bisher gar nicht vorstellen können. Abgesehen von einem ähnlichen Fall in China, den ich allerdings nicht selbst auf dem Tisch hatte …“ – bei diesen Worten lächelten Winter und Lindberg sich an – „… hat es das wohl auch noch nie in der Medizingeschichte gegeben.“

Er griff nach einer schmalen Fernbedienung. „Ich hoffe, Sie haben stabile Mägen?“

An der Decke erwachte der Kühlventilator eines Beamers mit leisem Surren. Das erste Bild zeigte den Leichnam aus Wedel, der auf dem Obduktionstisch lag. Dahinter waren zwei Mediziner in voller Schutzkleidung zu erkennen.

„Nanu, der hat ja nur einen Arm!“, entfuhr es Lindberg.

„Sie haben recht“, sagte Rischmann. „Dazu komme ich gleich noch. Was Sie ebenfalls sofort erkennen können …“ – der rote Zeiger der Fernbedienung kreiste um die Leiche auf dem Tisch – „… ist, dass dieser Körper nahezu unversehrt ist. Eine Verwesung hat nur in Ansätzen stattgefunden.“

Der Beamer klickte leise und ein neues Foto erschien. Der Leib des Toten war bereits mit einem T-Schnitt geöffnet und die Organe in Stahlschalen gelegt worden.

„Das gilt weitgehend auch für die Organe im Körperinneren“, erläuterte der Rechtsmediziner. „Wie Sie sehen, sind sie weich und ziemlich intakt. Wenn ich nicht wüsste, dass dieser Mann aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges stammt, würde ich per Augenschein annehmen, er sei vor ein paar Tagen gestorben. Ich gebe zu, ich bin ratlos.“

Das nächste Bild erschien.

„Nun zu dem fehlenden Arm. Der Mann hat ihn nicht im Dreißigjährigen Krieg verloren oder bei einem Unfall. Dieser Arm wurde erst kürzlich vom Körper abgetrennt – vermutlich sogar in jener Nacht, als die beiden Polizisten niedergestochen wurden.“

„Die Täter haben einen dreihundertfünfzig Jahre alten Arm gestohlen?“, fragte Lindberg entgeistert. „Warum um alles in der Welt sollte jemand so etwas tun? Das ist schon ein sehr spezielles Souvenir.“

Rischmann wies mit dem Zeiger auf die Schnittstelle an der Schulter der Leiche. „Die Extremität wurde fachgerecht am Schultergelenk abgetrennt. Das Gewebe mit einer sehr scharfen Klinge, der Knochen mit einer chirurgischen Säge.“ Er blickte in die Runde. „Wer diesen Arm gestohlen hat, hat es nicht spontan getan, sondern nach sorgfältiger Planung und mit dem geeigneten Werkzeug. Und der Täter hatte ganz offenbar ausgezeichnete anatomische Kenntnisse.“

Becca Shahin nickte dem Rechtsmediziner zu. „Vielen Dank, Professor Rischmann. Dr. Winter, Professor Dr. Thomsen, was haben Sie herausgefunden? Viel Zeit war ja noch nicht.“

Sarah Winter machte eine Geste, die Thomsen ermuntern sollte, als Erster zu sprechen.

„Ich gebe zu – wie Kollege Rischmann stehen auch wir vor einem Rätsel. Im Körper des Toten fanden sich Viren, die es eigentlich gar nicht geben sollte. Es handelt sich um eine sogenannte Chimäre.“

Shahin hob eine Hand. „Könnten Sie den Begriff bitte erklären?“

Thomsen nickte. „Gern. Der Begriff Chimäre stammt aus der griechischen Mythologie. Dort war die Chimäre ein feuerspeiendes Ungeheuer, vorn Löwe, in der Mitte Ziege und hinten Drache. Es wurde vom Helden Bellerophon getötet. In der Archäologie sind Chimären Mischwesen in Skulpturen und Felsritzungen alter Kulturen. In der Medizin und Biologie aber bezeichnet man damit einen Organismus, der aus unterschiedlichen Zellen oder Genomen aufgebaut und dennoch einheitlich ist.“

Thomsen blickte in seine Unterlagen. „Bei der Chimäre, die uns interessiert, wurden bestimmte fremde Gene eingefügt – offenbar geschah dies durch eine Reihe von Mutationen. Wie das genau geschehen konnte, ist mir ein Rätsel. Aber so viel habe ich im Laufe der Jahre gelernt, dass die Natur immer ein paar Überraschungen bereithält. Zynisch könnte man sagen, dieser Erreger vereinigt die besten Eigenschaften des hämorrhagischen Fiebers mit der Pest. Die genetische Besonderheit bringt es zudem mit sich, dass die Krankheit nicht nur hochinfektiös ist, sondern auch bereits nach kurzer Inkubationszeit tötet. Die Sterblichkeitsrate muss enorm hoch sein. Ich hoffe, wir werden nie herausfinden müssen, wie hoch.“

Thomsen goss sich ein Glas Wasser ein, trank und fuhr dann fort. „Dank des perfekten Erhaltungszustandes des Körpers hat dieses Teufelsding dreihundertfünfzig Jahre in dem luftdicht zugelöteten Bleisarg überstanden. Diese besondere Flüssigkeit, in der er schwamm – deren genaue Zusammensetzung wir immer noch nicht ermitteln konnten –, dürfte entscheidend damit zu tun haben. Besonders beunruhigend ist, dass die Chimäre weiterhin unablässig mutiert. Und dass sie offenbar durch die Luft übertragbar ist – was weder für die Pest noch für Ebola, Marburg oder eines der anderen hämorrhagischen Fieber gilt.“

„Großer Gott!“, entfuhr es Lindberg.

„Gott?“, schnaubte Thomsen. „Ich fürchte, der muss gerade ein Nickerchen gemacht haben, als diese Abnormität entstand. Denn diese Chimäre bedroht ganz akut seine Schöpfung“, sagte der Wissenschaftler bitter.

„Vielen Dank. Bezüglich dessen, was ich Ihnen jetzt sage, weise ich Sie noch einmal auf Ihre Pflicht zum Stillschweigen hin“, betonte Shahin. „Zunächst einmal: Nicht beide Polizisten sind bei dem Anschlag getötet worden, wie es zunächst hieß, sondern nur einer. Der andere hatte unfassbares Glück. Professor Rischmann – darf ich Sie noch einmal bitten?“

Rischmann griff wieder zu der Fernbedienung. Ein weiteres verstörendes Bild erschien. Es zeigte den Hinterkopf eines Mannes. Der Rechtsmediziner blickte in seine Unterlagen.

„Berndt Mahlmann, vierunddreißig Jahre alt, männlich, Polizeiobermeister aus Wedel.“ Der rote Punkt des Zeigers kreiste um eine Wunde am Hinterkopf. „Der Schädel des Opfers wurde an dieser Stelle durchstoßen, möglicherweise mit einer dreikantigen chirurgischen Nadel, einem sogenannten Troikart. Die Klinge durchtrennte die Medulla oblongata, wodurch der Tod vermutlich nach wenigen Sekunden eintrat.“

Rischmann setzte seine Brille ab und sah die Anwesenden ernst an. „Meine Damen und Herren, hierbei handelt es sich ganz sicher nicht um einen zufälligen Treffer. Der Mörder besaß anatomische Kenntnisse, erhebliche Körperkraft und eine sehr spezielle Ausbildung.“ Er sah zu Shahin hinüber. „Ich will Ihnen nicht vorgreifen, Frau Hauptkommissarin, aber es scheint mir doch sehr wahrscheinlich zu sein, dass der Mörder mit jenem Täter identisch sein könnte, der den Arm entwendet hat. Ich frage mich allerdings: Wie hat er den überhaupt in einem Stück aus dem Sarg bekommen? Das Loch darin war ja, wie ich hörte, nicht sehr groß.“

„Das kann ich Ihnen sagen. Der Bleisarg wurde in dieser Nacht mit einem speziellen hydraulischen Werkzeug aufgeschnitten, wie es auch verwendet wird, um Unfallopfer aus Autos zu bergen“, entgegnete die Polizistin.

„Na, das dürfte dann wohl ein weiteres Indiz dafür sein, dass dieser Überfall minutiös geplant war“, meinte Winter.

„Und das zweite Opfer?“, wollte Lindberg wissen. „Die gleiche Vorgehensweise?“

Rischmann sah fragend zu Shahin hinüber, die nickte.

„Im Prinzip schon“, sagte der Rechtsmediziner.

„Im Prinzip?“

„Ja, präziser Stich mit dem Troikart in den Hinterkopf.“

„Das ist ja entsetzlich“, meinte Lindberg betroffen, „der arme Kerl.“

Rischmann lächelte schmal. „Naja – ganz so arm wie sein Kollege ist er nicht. Er hat ja immerhin überlebt, wenn auch verletzt. Dieser Mann, einen Moment, wie heißt er …“ – Rischmann blickte in seine Akten – „… Polizeiobermeister Menso Sievers, hatte vor einigen Jahren einen Motorradunfall, bei dem sein Schädel am Hinterkopf von der Stoßstange eines Autos erfasst wurde. Es entstand ein Trümmerbruch, der es notwendig machte, an einer Stelle ersatzweise ein Stück Stahlplatte einzusetzen.“

„Lassen Sie mich raten – auf der Höhe der Medulla oblongata?“, fragte Winter.

„So ist es“, bestätigte der Rechtsmediziner. „Bei diesem Stich drang die Klinge der Waffe daher nur in die Haut ein, wurde dann von der Stahlplatte zur Seite abgelenkt. Es entstand eine hässliche, lange Schnittwunde am Hinterkopf und ein schräger Einstich in den Schädelknochen. Aber dies war nicht lebensbedrohlich. Doch die Wucht des Stoßes reichte aus, dass der Mann bewusstlos zusammenbrach.“

„Davon habe ich ja gar nichts gelesen“, wunderte sich Hartdegen.

„Nein“, entgegnete Shahin, „das haben wir auch vor den Medien geheim gehalten. Der Polizist befindet sich mit seiner Familie in einem Krankenhaus unter anderem Namen und erholt sich von seiner Verletzung. Auch wenn er den Mörder nicht deutlich erkannt hat, ist er in Lebensgefahr, denn der Täter weiß ja nicht, dass der Polizist so gut wie nichts erkennen konnte, bevor er das Bewusstsein verlor. Sievers versichert aber, beim Fallen noch bemerkt zu haben, dass der Täter in Schwarz gekleidet und nicht sehr groß war.“

„Ich verstehe“, sagte Hartdegen.

Lindberg wandte sich der Polizistin zu. „Sagen Sie, warum bin ich eigentlich dabei? Von Viren verstehe ich so viel wie eine Seekuh vom Spitzenklöppeln. Ich bin Archäologe, wissen Sie.“

Shahin lächelte über den Vergleich. „Der Ursprung dieses Falls liegt offenbar ein paar Jahrhunderte zurück. Vielleicht gibt es Aufzeichnungen über diese ganz besondere Beerdigung. Dann können wir mehr über diesen Leichnam erfahren. Und da kommen Sie ins Spiel.“

„Gut“, nickte Lindberg. „Mir ist zwar immer noch nicht klar, wie ich Ihnen von Nutzen sein soll, aber ich will sehen, was ich herausfinden kann. Es befindet sich vielleicht etwas dazu in Hamburger Archiven oder auch im Stadtarchiv von Wedel.“

„Da wir gerade dabei sind“, meldete sich Hartdegen. „Virologische und bakteriologische Kenntnisse sind hier schon bestens mit den Kollegen Winter und Thomsen vertreten. Ich bin jedoch Experte für biologische Waffen. Dieser alte Sarg zählt ja wohl eher nicht dazu. Also, was genau erwarten Sie von mir?“

„Vielen Dank für die gute Frage, Professor Dr. Hartdegen“, sagte Shahin, „denn sie führt uns direkt zum Kern unseres Problems.“

Sie nahm ein Macbook aus ihrer Aktentasche, verband den dünnen Laptop mit dem Beamer und gab ein paar Tastenbefehle ein. Ein Bild erschien auf der Leinwand, das offenbar das Google Earth-Abbild einer kleinen Insel zeigte.

„Sie sehen hier die Hallig Hooge“, begann die Polizistin. „Sie liegt, wie Sie vielleicht wissen, vor der Nordseeküste zwischen den Inseln Amrum und Pellworm. Einwohnerzahl etwa hundert Menschen. Vor zwei Tagen wurde von mehreren Einwohnern eine ungewöhnlich große Drohne gesichtet, die die Hallig überflog, vermutlich von einem Boot aus gesteuert.“

Shahin schaltete ein Bild weiter. Am Tisch sogen einige schockiert den Atem ein. Das Foto zeigte mehrere Menschen, die auf dem Boden eines Zimmers lagen. Blut rann ihnen aus Augen und offenen Mündern. Sie waren offensichtlich tot.

„Bis jetzt haben wir elf Tote auf der Hallig“, sagte Shahin tonlos. „Drei Familien sind komplett ausgelöscht. Hooge ist vollkommen isoliert worden, die Fähre fährt die Marschinsel nicht mehr an. Mit Patrouillenbooten und Polizeihubschraubern werden Menschen daran gehindert, die Hallig zu betreten oder zu verlassen. Dr. Winter und Professor Dr. Thomsen waren mit einem Spezialteam von Ärzten vor Ort. Es sind Proben aus den Körpern der Toten entnommen worden. Der Erreger ist eindeutig identifiziert: Es ist das Virus aus dem Körper der dreihundertfünfzig Jahre alten Leiche aus Wedel.“

„Elf Tote? Auf einer Urlaubsinsel in der Nordsee? Das können Sie doch nicht geheim halten!“, rief Lindberg aus. „Ich erinnere mich jetzt auch, irgendetwas in den Nachrichten über Hallig Hooge gehört zu haben.“

„Nun, da wir noch gar nicht genau wissen, womit wir es zu tun haben, erschien es uns sicherer, eine Tarngeschichte zu verbreiten. Sie werden im Radio gehört haben, dass es eine mutmaßliche Masseninfektion mit Legionellen auf der Hallig gegeben hat“, sagte die Polizistin. „Dass aber noch weitere Untersuchungen laufen und man die Marschinsel zur Sicherheit unter Quarantäne gestellt hat. Sehen Sie, die Hallig wird mit einer unterseeischen Leitung vom Festland aus mit Wasser versorgt. Eine Verkeimung mit Legionellen ist daher gar nicht mal so unwahrscheinlich. Und falls Sie weitere Fragen haben – ja, Internet und Mobiltelefon-Netzwerke auf der Hallig sind vorläufig blockiert. Die Menschen auf Hooge sind im Übrigen bereit, mit uns zu kooperieren. Sie haben mit eigenen Augen gesehen, um was es hier geht. Dieses Virus darf nicht die Küste erreichen. Wir haben auch die wichtigsten Medien auf dem Festland eingebunden und mit ihnen vereinbart, dass sie so lange stillhalten, bis wir Genaueres wissen. Danach wird natürlich die mediale Hölle über uns hereinbrechen. Unser wichtigstes Motiv ist allerdings, dass wir eine Panik unbedingt verhindern müssen. Unser Ärzteteam auf Hooge arbeitet rund um die Uhr, um die Lage auf der Hallig zu stabilisieren. Und wir haben Polizei, Feuerwehr und alle Stellen des amtlichen Gesundheitsdienstes gebeten, uns umgehend Meldung zu machen, falls sie irgendwo auf Symptome stoßen, die auf hämorrhagisches Fieber hindeuten könnten. Die Meldung ist mit der Einstufung ‚Streng Geheim‘ herausgegeben worden. Ich hoffe sehr, das hält die Sache so lange unter dem Deckel, bis wir weiter in den Ermittlungen sind. Ich bitte Sie um Verständnis.“

Sie wandte sich Hartdegen zu. „Und jetzt verstehen Sie sicher auch, warum Sie hier sind. Und warum der Arm der Leiche entwendet wurde. Was Sie hier sehen …“ Sie schaltete ein Foto weiter und das vom Elektronenmikroskop sichtbar gemachte, bizarre Abbild des Erregers füllte die Leinwand. „… ist nicht einfach ein Virus. Es ist eine tödliche Waffe. Und die befindet sich in den Händen von Menschen, die vor Massenmord offenbar nicht zurückschrecken. Wir stehen unter enormem Zeitdruck. Und wir müssen befürchten, dass die elf Toten von Hallig Hooge erst der Auftakt waren.“

„Der Auftakt für was?“, fragte Lindberg.

„Verzeihen Sie mir die Theatralik, Dr. Lindberg“, sagte Shahin. „Wenn wir diese Leute nicht rechtzeitig stoppen, war das Drama auf Hallig Hooge womöglich der Auftakt zu einem Massenmord historischen Ausmaßes.“

10

Hamburg

„Jetzt begreife ich allmählich, warum Sie dabei sind“, sagte Hartdegen mit scharfem Blick auf die Hauptkommissarin und lehnte sich im Sessel zurück. Er musterte sie scharf. „Abteilung fünf?“

Shahin nickte. „Richtig. Sie sind ausgezeichnet informiert, Herr Professor. Ja, ich gehöre der Abteilung fünf im Landeskriminalamt an; operativer Einsatz und unterstützende Ermittlung. Es ist meine – nein, es ist unsere Aufgabe, alles über die die Entstehung und die Hintergründe dieses Virus herauszufinden, vor allem aber natürlich, die Täter dingfest zu machen, bevor sie weitere Massaker begehen können.“

Thomsen meldete sich zu Wort. „Gibt es eigentlich schon irgendwelche Verlautbarungen oder Forderungen seitens der Täter? Die werden ja wohl nicht einfach so elf Menschen ermordet haben. Die wollen doch sicher irgendetwas.“

„Sie haben recht. Es ist in der Tat eine Forderung eingegangen.“

Ein weiteres Bild erschien; es zeigte einen auf Arabisch verfassten Text, über dem ein Emblem stand. Es war ein schwarzes Banner, in dessen Mitte der weiße Umriss eines Adlers zu sehen war. Der Raubvogel wies ein schwarzes Auge in Form eines Totenschädels auf. In seinen Krallen hielt er das Sturmgewehr von Typ Kalaschnikow AK-47, allgegenwärtiges Symbol islamistischer Terrorgruppen von Tunesien bis Indonesien. Shahin zeigte auf das Bild.

„Dieses Schreiben stammt von einer bislang unbekannten radikalislamistischen Gruppe namens ‚Falken von Hattin‘, offenbar eine Tarnorganisation oder Filiale des ‚Islamischen Staates‘. Möglicherweise wurde sie auch nur für diesen Zweck gegründet. Soweit ich recherchiert habe, bezieht sich der Name Hattin auf die entscheidende Niederlage der europäischen Kreuzritter gegen Sultan Saladins Heer im Jahr 1187. Und zwar bei einer Hügelgruppe unweit von Jerusalem – nämlich den Hörnern von Hattin.“

Lindberg nickte zustimmend.

„Dieses Schreiben ging etwa zeitgleich mit dem Anschlag auf Hallig Hooge bei der Landesregierung ein“, fuhr Shahin fort. „Darin wird die Freilassung eines Mannes gefordert, der gegenwärtig in Haus sechs der Hochsicherheitsabteilung der Justizvollzugsanstalt Hamburg-Billwerder einsitzt. Der Massenmord von Hooge wird in dem Schreiben als ‚Demonstration‘ und ‚erste Warnung‘ bezeichnet.“

Wieder ein Klicken, wieder ein neues Bild. Es zeigte einen blonden, bärtigen Mann, etwa Mitte dreißig, der mit finsterem, abweisendem Blick in die Kamera starrte.

„Dieser sympathische Herr ist Arnfried Jestermann, geboren 1984 in Hannover. Bürgerliches Elternhaus, abgebrochenes Politikstudium, abgebrochene kaufmännische Lehre und vor allem abgebrochene Moral. Anfang 2014 reiste er in die Türkei. Überlebende des Massakers an den Jesiden in der Sindschar-Region im Nordirak durch Kämpfer des ‚Islamischen Staates‘ berichteten von einem auffallend hochgewachsenen, blonden Deutschen, der sich besonders bei den Gräueltaten hervorgetan habe. Er habe den Kampfnamen ‚Abul el-Hol‘ getragen.“

„Der Vater des Schreckens“, nickte Lindberg. „So wird die große Sphinx-Statue in Gizeh seit alters her genannt. Kein schlechter Kampfname für einen Dschihadi. Zumindest originell.“

Shahin setzte ihren Vortrag fort. „Jestermann wütete danach vor allem in Mossul, der zweitgrößten Stadt des Irak, die 2014 unter die Terrorherrschaft des IS geriet und 2017 von Koalitionstruppen befreit wurde. Er wurde im Mai 2019 durch die britische Spezialeinheit SAS bei Erbil gefasst und ein paar Monate später an Deutschland ausgeliefert. In Billwerder wartet er auf seinen Prozess. Wir glauben, dass er über umfassendes Wissen darüber verfügt, wie sich der IS nach den schweren Niederlagen in Syrien und im Irak neu organisiert hat, wo seine Trainingslager und Waffenverstecke liegen, wer seine neuen Feldkommandeure sind und wie seine aktuelle strategische Ausrichtung aussieht.“

„Oha. Kein Wunder, dass der IS ihn zurück haben will“, murmelte Hartdegen. „Ich vermute, wenn dieser Mann auspackt, wäre das der Todesstoß für den IS?“

„Zumindest würde es den Kampf gegen den IS stark erleichtern“, bestätigte Shahin. „Jestermann kennt Führungspersonal, Taktiken, Verbindungen zu anderen radikalislamistischen Organisationen und Zellen, zum Beispiel auch in Deutschland.“

„Warum versucht der IS ihn dann nicht einfach zu liquidieren?“, fragte Lindberg.

„Weil dies ein verheerendes Signal für die ohnehin verunsicherten Anhänger und Kämpfer des IS wäre“, entgegnete Shahin. „Es würde ja bedeuten, dass der IS seine treuesten Kämpfer bedenkenlos opfert. Mit den Anschlägen zur Freipressung von Jestermann aber demonstriert die Terrororganisation, dass sie sich um ihre Leute kümmert.“

Shahin besprach mit den Anwesenden, welche Aufgaben jeder übernehmen könnte. Im Anschluss machte sich Lindberg sofort auf den Weg nach Wedel, um im Stadtarchiv nach Hinweisen zu dem Toten im Bleisarg zu suchen.

Wedel in Holstein

Das Archiv war im Untergeschoss des Wedeler Rathauses untergebracht, eines Backsteingebäudes im Zentrum der Stadt, dessen baulicher Kern 1937 auf dem Gelände des Städtischen Gasthofes errichtet worden war. Die Archivarin war bereits vom Landeskriminalamt verständigt worden und gestattete Lindberg Zugang zu den Regalen und Schränken mit alten Schriften. Sie instruierte den Archäologen über das verwendete Archivsystem und Lindberg machte sich auf die Suche.

Als Archäologe und Anthropologe waren ihm Archive vertraut und er wusste, wie man darin suchen musste. Nachdem er die nächsten Stunden in dem staubtrockenen Raum in Wedel verbracht hatte, rief er Becca Shahin an.

„Haben Sie irgendetwas gefunden, das uns weiterhelfen könnte?“, fragte sie sofort.

„Ich denke schon. Das Wedeler Archiv hat erstaunlich viele Schriften aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges“, antwortete Lindberg geduldig.

„Und?“

„Ich habe in Kirchenakten, Sterbebüchern, Familienchroniken und amtlichen Verlautbarungen gestöbert. Vieles bleibt immer noch im Dunkeln, aber so allmählich wird wenigstens ein roter Faden in der Sache sichtbar. Ich glaube, ich weiß jetzt, wer der Tote in dem Bleisarg ist und warum er auf diese Weise bestattet wurde.“

„Das würde ich gern persönlich und ausführlicher hören. Sie fahren jetzt sicher nach Schleswig zurück?“

„Ja, ich muss mich dringend duschen und ein Bier trinken nach den Stunden mit staubigen Akten.“

„Gut“, sagte Shahin, „wenn es Ihnen recht ist, komme ich morgen in Ihr Büro im Archäologischen Landesamt. Passt Ihnen neun Uhr?“

Lindberg stimmte zu und machte sich auf den Weg nach Hause. In seiner Kehle saß der Staub uralter Akten. Zuhause angekommen, trank er ein kaltes Bier. Und dann noch eines. Anschließend fiel er todmüde ins Bett.

Schleswig

Die Hauptkommissarin war – Lindberg hatte es nicht anders von ihr erwartet – am nächsten Morgen absolut pünktlich. Er bot ihr einen Kaffee an und beide setzten sich in einen freien Konferenzraum.

„Na, dann erzählen Sie mal, Dr. Lindberg. Ich muss sagen, ich bin wirklich sehr gespannt.“

Der Archäologe blätterte in seinen Aufzeichnungen. „Ich habe telefonisch bei Dr. Winter vorhin noch ein paar Informationen zu hämorrhagischen Fiebern eingeholt“, begann er. „Das soll uns als Basiswissen dienen. Sie haben ihren Ursprung im subsaharischen Afrika. Es wird vermutet, dass die Viren dort von den ursprünglichen Wirten – das waren Fledermäuse, Flughunde oder auch Affen – irgendwann auf den Menschen übergesprungen sind. Seit wann es diese Viren gibt, wissen wir jedoch nicht. Und natürlich auch nicht, wann der erste Mensch daran starb. Einen ‚Patienten Null‘ können wir allenfalls bei heutigen Seuchenausbrüchen identifizieren.“ Er zog eine handschriftliche Notiz heraus. „Wie zum Beispiel ein zweijähriges Mädchen aus dem Dorf Meliandou in Guinea. Es starb am 6. Dezember 2013 – innerhalb von drei Wochen folgten ihm seine Schwester, seine Mutter, seine Großmutter und eine Krankenschwester, die es gepflegt hatte. Die Gäste der Trauerfeier für die Verstorbenen verbreiteten die Seuche dann im ganzen Land.“

„Entsetzlich“, murmelte Shahin.

„Doch die für uns entscheidende Frage ist natürlich: Wie kam das Virus im 17. Jahrhundert von Afrika nach Wedel?“, fuhr Lindberg fort. „Das war damals immerhin eine Reise von mehreren Wochen; außer Seeleuten, einigen Forschern und ein paar wagemutigen Händlern gelangte doch niemand dorthin. Schon gar nicht kurz nach dem entsetzlichen Krieg, der ein Drittel der Deutschen umgebracht hatte.“

Er klappte seinen Laptop auf und klickte einige abgespeicherte Dokumente an.

„Ich bin im Wedeler Archiv auf einen Mann namens Johannes Heinsohn gestoßen“, sagte er. „Er stammte aus einer alten Seefahrerfamilie, wurde in Wedel geboren, laut Kirchenregister im Jahr 1619, lebte und starb auch in dieser Stadt. Heinsohn war Steuermann und fuhr jahrelang auf einem Hamburger Handelsschiff, einer Karacke namens ‚Anna von Stralsund‘. Im Mai 1658 kehrte er von einer Afrikafahrt zurück. Das Schiff hatte Elfenbein und Zuckerrohr in Kamerun aufgenommen, die Fracht wurde im Hamburger Hafen gelöscht.“

Shahin stützte den Kopf auf die Arme und hörte sehr konzentriert zu. Lindberg bemerkte, dass sie eine kleine Haarsträhne beim Binden ihres Pferdeschwanzes übersehen hatte; sie hing hinter ihrem linken Ohr herunter. Er lächelte und blickte wieder auf den Bildschirm des Computers.

„Es ist ein Glücksfall für uns, dass Heinsohn während der Reise eine Art Tagebuch führte, das er später daheim seiner Familie vorlesen wollte. Damals gab es ja noch kaum Zeitungen, und Nachrichtenmagazine schon gar nicht. Solche persönlichen Tagebücher von Reisenden berichteten den Familien allerlei über die große Welt draußen. Aus Heinsohns Tagebuch erfahren wir, dass er auf der Rückfahrt von Afrika schwer erkrankte und beinahe starb. Er habe viel Blut verloren, schrieb er.“

Shahin kniff die schwarzen Augen leicht zusammen. „Wissen wir, woran er erkrankte?“

Lindberg lehnte sich knarrend im Stuhl zurück. „Nicht genau, nein. Es ist in den Aufzeichnungen bezüglich dieses Blutverlustes aber ausdrücklich von einer Krankheit und nicht von einer Verletzung die Rede. Heinsohn litt bis zu seinem Tod im Jahr 1662 an heftigen Schmerzen und erblindete fast; seinen Beruf als Seemann konnte er nicht mehr ausüben. Die Blutungen und die Spätfolgen wären in der Tat typisch für ein hämorrhagisches Fieber, hat Dr. Winter mir gesagt. Die letzten Jahre hat Heinsohn sein Haus nur noch selten verlassen.“

Die Hauptkommissarin sah ihn skeptisch an. „Ein hämorrhagisches Fieber? Wie Ebola oder Lassa? Gab es das damals überhaupt schon?“

„Die meisten Erkrankungen, mit denen sich Menschen heute herumplagen müssen, gibt es bereits seit Jahrtausenden“, sagte Lindberg. „Es gab nur nicht jede Krankheit überall auf der Welt. Zum Beispiel waren Pocken, Masern oder die Grippe im Mittelalter in Amerika völlig unbekannt. Der Vernichtungszug der spanischen Konquistadoren gegen die Reiche der Azteken und Maya war nur deshalb möglich, weil die indigenen Menschen wie Fliegen an diesen eingeschleppten Krankheiten starben. Diese Krankheiten gab es dort vorher nicht. Und daher besaßen die Menschen auch keine Abwehrkräfte.“

Lindberg schenkte der Polizistin noch einmal Kaffee nach.

„Stellen wir uns einfach mal vor, dass Heinsohn in Afrika mit einem hämorrhagischen Fieber infiziert wurde, das er jedoch überlebte. Er blieb aber weiterhin für eine Weile der Träger dieses Virus und könnte bei seiner Rückkehr nach Wedel durch Körperkontakt oder infektiöse Wäsche, Kleidung oder Gegenstände seine Familie angesteckt haben. Wie die Akten im Stadtarchiv von Wedel zeigen, starben Heinsohns Frau und Sohn kurz nach seiner Rückkehr und wurden auf dem alten Friedhof an der Kirche beigesetzt.

„Wie wahrscheinlich ist es denn, dass ein Mensch im 17. Jahrhundert ein hämorrhagisches Fieber überleben konnte?“, fragte Shahin. „Eine ärztliche Versorgung und geeignete Medikamente gab es ja wohl noch nicht. Und diese Pestärzte mit ihren seltsamen Vogelmasken hatten doch keine Ahnung, womit sie es zu tun hatten.“

„Sie haben völlig recht. Für die damalige Zeit würde es wirklich an ein Wunder grenzen, dass Heinsohn überlebte. Wenn es ein hämorrhagisches Fieber war“, räumte Lindberg ein. „Wie mir Dr. Winter erzählte, liegt die Sterblichkeitsrate bei Ebola zum Beispiel – abhängig vom Virustyp – in unserer Zeit zwischen dreißig und neunzig Prozent. Beim Ausbruch 2014 und 2015 in Westafrika lag die Rate im Durchschnitt bei dreiundsechzig Prozent. Und dies bei intensiver medizinischer Betreuung. Das Erstaunliche ist aber: Es gibt tatsächlich Menschen, die diese Krankheit aus eigener Kraft überleben können. Und es gibt sogar Menschen, die aus bislang unbekannten Gründen vollkommen immun gegen bestimmte Ebolaviren sind. Wer die Krankheit überlebt, bleibt mindestens einige Jahre lang immun.“

„Warum erkrankte die Schiffsbesatzung dann nicht auch?“, warf Shahin ein.

„Das wissen wir doch gar nicht“, entgegnete Lindberg. „Aufzeichnungen darüber gibt es nicht. Die Inkubationszeit bei Ebola kann bis zu drei Wochen betragen. Wir wissen nicht, wann Heinsohn andere Menschen angesteckt haben könnte und wie eng der Kontakt zur Besatzung gewesen war. Es ist möglich, dass die Krankheit bei der übrigen Besatzung erst ausbrach, als das Schiff schon im Hafen lag. Im Übrigen dürfte man in Zeiten der Pest auf einem Schiff einen Kranken mit derartig dramatischen Symptomen sehr schnell und wirksam isoliert haben. Wir können hier nur spekulieren. Theoretisch ist es sogar möglich, dass Heinsohn niemanden an Bord infizierte, eben weil er in seiner Koje blieb. Aber hier bewegen wir uns auf dünnem Eis.“ Lindberg blickte wieder auf seinen Laptop. „Heinsohns Aufzeichnungen aus den letzten Jahren sind schwer zu entziffern, weil er kaum noch etwas sehen konnte und seine Schrift sehr krakelig wurde. Aber er beklagt sich darin, dass man ihn miede, weil er angeblich den Tod bringe. Den ‚Schnitter‘ habe man ihn gerufen. Niemand wolle mit ihm zu tun haben. Jeder laufe fort, wenn Heinsohn sich näherte; er wurde mit Flüchen bedacht und mit Steinen beworfen. Wie schon gesagt: Er hat dann sein Haus kaum noch verlassen.“

Becca Shahin sah nachdenklich aus dem Fenster auf den parkartigen Garten, der das Herrenhaus Annettenhöh umgab. Lindberg bemerkte, dass ihre Augen wirklich pechschwarz waren wie die Nacht; sie erschienen geradezu bodenlos. Schwindel überkam ihn. Er riss sich von dem Anblick los.

„Ein Mann, der den Tod bringt, wenn er jemanden berührt oder vielleicht auch nur mit ihm redet“, sagte sie gerade, „der aber selbst nicht an dem Übel stirbt, das er verbreitet. Seine Zeitgenossen müssen damals ja befürchtet haben, dass Heinsohn in Afrika, diesem unheimlichen, rätselhaften, dunklen Kontinent mit seinen Hexern und Schamanen, von einem todbringenden Dämon erfasst worden war, der nun in ihm nistete.“

Lindberg nickte. „Ja. Das ist sehr wahrscheinlich. Diese harte Zeit war voller Aberglauben, Furcht vor Dämonen, Wiedergängern und Teufeln. Und wie bestattet man einen Mann, der einen Dämon in sich trägt, dessen Atem und Berührungen tödlich für andere Menschen sind?“, fragte er.

„Mein Gott, Sie haben recht! Nach dem, was Sie berichten, spricht vieles dafür, dass der Tote in dem Bleisarg tatsächlich Johannes Heinsohn ist!“, rief Shahin aus. „Aber warum hat man ihn nicht einfach verbrannt?“

„Genau diese Frage habe ich auch Dr. Winter gestellt“, entgegnete Lindberg. „Sie vermutet, dass man damals befürchtet hat, mit dem Feuer und dem aufsteigenden Rauch könne man das Miasma des Todes erst recht verbreiten. Wer weiß, vielleicht hat man ja an einen Höllendämon im Körper Heinsohns geglaubt, den das lodernde Feuer freisetzen würde. Aus diesem Grund hat man wohl auch das Zeichen des heilkundigen Dämons Buer in die Wände des Sarges geschnitten. Nur eben verkehrt herum – mit der Bedeutung, dieser Dämon heile nicht, sondern töte per Krankheit.“

„Es ist schon gespenstisch“, sinnierte Shahin. „Da haben sich die Menschen vor dreihundertfünfzig Jahren so viel Mühe gegeben, diesen todbringenden Dämon für alle Zeiten einzusperren – und nun ist er wieder da. Und wird vielleicht unzählige Menschen töten.“

„Sofern wir es nicht verhindern – ja“, versetzte Lindberg düster.

11

Hamburg

Bei der Besprechung am nächsten Morgen im Konferenzraum des Bernhard-Nocht-Instituts informierte Lindberg die Kommission über seine Funde im Wedeler Stadtarchiv.

„Die Frage ist doch“, nahm Shahin den Faden auf, „wie dieses ebolaartige Virus zu dieser Chimäre werden konnte. Ich meine, wenn diese Chimäre aus der Gegenwart stammen würde, könnten wir doch wohl davon ausgehen, dass sie in einem hochleistungsfähigen Biolabor einer Großmacht zusammengebaut wurde, oder?“

Thomsen nickte zustimmend. „So ist es. Eine Chimäre bedeutet ja, dass Gene unterschiedlicher Erreger kombiniert wurden. Man könnte zum Beispiel in ein Orthopoxvirus – es verursacht die Pockeninfektion – Proteine eines Filovirus – also zum Beispiel Ebola – einsetzen. Damit erhielten Sie womöglich einen Erreger, dessen Kontagiosität, Pathogenität und Letalität weit höher sind als die von Pocken und Ebola allein.“

„Wenn ich Ihre Fachbegriffe richtig verstehe, kann das Virus also viel schneller viel mehr Leute umbringen?“, fragte Shahin dazwischen.

„Ja, so kann man das durchaus formulieren. Aber es wäre sehr schwierig, technisch sehr aufwendig und natürlich auch sehr riskant, eine derartige Chimäre im Labor erzeugen zu wollen.“

Lindberg räusperte sich. „Die Frage von Hauptkommissarin Shahin war aber ja nun, wie diese Chimäre entstanden sein könnte. Ein modernes Biolabor dürften wir um 1650 ja wohl ausschließen können.“

Winter nickte. „Ja, natürlich. Aber wir wissen nun, dass das Filovirus direkt aus Afrika hierher gebracht wurde – von diesem … diesem Wedeler Seefahrer.“

„Johannes Heinsohn“, half Lindberg.

„Johannes Heinsohn, ja. Er infizierte sich also mit dem Virus, überlebte aber und war danach zwar gesundheitlich stark angegriffen, aber immun. Sie berichteten weiter, er sei auch nach seiner Heimkehr noch einmal sehr krank gewesen …“

Lindberg nickte. „Ja, aber auch diesmal überlebte er.“

„Es ist nur eine vage Theorie“, begann Winter und sah zu Thomsen hinüber. „Aber etwas Besseres haben wir noch nicht anzubieten.“

„Na, dann lassen Sie mal hören“, sagte Shahin.

„Heinsohn war also mit dem hämorrhagischen Virus infiziert, als er nach Hause kam. Er überlebte, aber das Virus blieb in seinem Körper. Dann war er noch einmal todkrank. Wir vermuten, dass dies kein Rückfall war – Heinsohn hatte sich vielmehr mit der Pest infiziert, die damals überall in Norddeutschland grassierte. Beide Erreger waren nun in seinem Körper – einer als Virus, der andere als Bakterium. Wie daraus eine Chimäre entstehen konnte, können wir nur ahnen. Das aggressive Filovirus hat den Körper Heinsohns überflutet und dabei auch die Pestbakterien mit seinem Erbgut infiziert. Für dieses Virus war es eine Wirtszelle wie Milliarden andere im Körper auch. Wir vermuten, dass im Laufe von zahllosen Mutationen innerhalb dieser befallenen Zellen ein neuartiges Virus entstand, das nun Genabschnitte des Pesterregers enthielt. Und er hielt sich weiterhin im Körper Heinsohns. Er gab bei zwischenmenschlichen Kontakten den Tod weiter, blieb selbst aber verschont.“

„Dann wäre es ja kein Wunder, dass dieser arme Kerl von der Gesellschaft verstoßen wurde“, sagte Hartdegen.

Shahin wandte sich ihm zu. „Professor Dr. Hartdegen, könnten Sie mir ein wenig über biologische Waffen erzählen? Auf dem Gebiet bin ich nicht gerade versiert.“

Hartdegen setzte sich gerade hin. „Gern. Wenn man den Begriff biologische Kriegsführung hört, dann denkt man meistens an den Kalten Krieg und die Laborversuche der Amerikaner und Sowjets mit tödlichen Erregern, die sich als Massenvernichtungswaffen eignen sollten.“

Die Polizistin nickte zustimmend.

„Aber das Prinzip der biologischen Kriegsführung ist sehr viel älter“, fuhr Hartdegen fort. „Das konnte in der Antike und im Mittelalter bisweilen bizarre Formen annehmen. Der Name Hannibal wird Ihnen etwas sagen, nehme ich an. Dieser berühmte karthagische Feldherr zum Beispiel ließ während einer Seeschlacht Tonkrüge auf die feindlichen Schiffe schleudern, die randvoll mit giftigen Schlangen waren. Sie können sich vorstellen, dass viele Ruderer ziemlich hastig über Bord sprangen. Damit war das Kriegsschiff manövrierunfähig. Der legendäre englische König Richard Löwenherz erzwang die Kapitulation einer belagerten Stadt, indem er massenhaft Bienenkörbe über die Mauern schleudern ließ.“

„Naja, das ist ja alles sehr einfallsreich, aber unter biologischer Kriegsführung verstehe ich doch noch etwas anderes als Bienen“, warf Shahin ein.

„Was Sie vermutlich meinen, fand erstmals im Jahr 1346 auf der Krim statt. Dieses Ereignis hatte sogar weltgeschichtliche Dimensionen und darf getrost als ‚Mutter der biologischen Kriegsführung‘ gelten.“

„Und was geschah damals so Gravierendes?“, fragte Shahin neugierig.

„Die Mongolen der Goldenen Horde belagerten die von den Genuesern gehaltene Hafenstadt Kaffa.“

„Die heißt heute Feodossija und liegt im Osten der Krim“, warf Lindberg ein.

Hartdegen bedachte ihn mit einen irritierten Blick und fuhr dann fort. „Drei Jahre lang wurde die Stadt vergeblich belagert. Dann schleuderten die Mongolen eine große Zahl an Pesttoten aus den eigenen Reihen mit Katapulten über die Mauern in die Stadt hinein. In den engen Gassen und durch die katastrophalen hygienischen Verhältnisse explodierte die Seuche geradezu. Ein paar Infizierten gelang die Flucht; sie steckten nun alle Menschen an, denen sie begegneten. Bis zum Verlöschen der Pandemie 1353 starben mindesten fünfundzwanzig Millionen Menschen in Europa – ein Drittel der Bevölkerung des Kontinents.“ Hartdegen hob eine Hand. „Sehen Sie, was damals in Kaffa geschah, wurde zum Auslöser des berüchtigten ‚Schwarzen Todes‘. Übrigens hat eine Forschergruppe vor ein paar Jahren herausgefunden, dass der Erreger Yersinia Pestis gleich in einer ganzen Reihe von Genvarianten den Tod brachte. Dieser Erreger neigt nämlich sehr stark zum Mutieren. So etwas in der Art meinten Sie vermutlich?“

Shahin nickte nachdenklich.

Hartdegen nahm seinen Vortrag wieder auf. „Es sind rund zweihundert potenziell waffenfähige Erreger und Toxine bekannt. Die wirkungsvollsten davon bilden das ‚Dreckige Dutzend‘. Die tödlichsten sind Pocken, Pest, Milzbrand, Rizin, Rotz, Botulinum und eben die hämorrhagischen Viren. Die Sterblichkeitsrate liegt bei denen zwischen achtzig und hundert Prozent.“

„Rotz? Was ist das denn? Klingt ja widerlich“, sagte Shahin angeekelt.

„Ist es auch. Es ist eigentlich eine uralte Pferdeseuche. Unbehandelt verläuft Rotz beim Menschen unweigerlich tödlich, aber selbst mit Antibiotika stehen die Chancen nicht gut. Glauben Sie mir: Daran möchten Sie nicht erkranken.“

„Stimmt. Das möchte ich nicht“, versetzte Shahin trocken. „Sind biologische Waffen denn schon einmal in jüngerer Zeit eingesetzt worden?“

„Sie meinen in den letzten Jahrzehnten – in einem modernen Krieg?“, fragte Hartdegen zurück. „In jüngerer Zeit kam es eher zum Einsatz chemischer Kampfstoffe. Zuletzt in Syrien durch das Assad-Regime. Davor im Irak durch Saddam Hussein. Das Saddam-Regime verfügte außerdem zeitweise über fast zwanzigtausend Liter an tödlichem Botulinumtoxin, achttausendfünfhundert Liter an Milzbrand und mehr als zweitausendfünfhundert Liter an Aflatoxin. Das ist ein Schimmelpilzgift. Den irakischen Biolabors gelang es jedoch nicht, die Gifte insofern waffenfähig zu machen, als dass sie über die Luft übertragbar gewesen wären.“

Hartdegen wandte sich seinem Kollegen zu. „Eine kleine Anmerkung zu Ihrem Vortrag von vorhin, Professor Dr. Thomsen: Die Sowjetunion hat vor ihrem Untergang noch intensiv an einer Ebola-Pocken-Chimäre gearbeitet. Wir wissen nicht, wie weit sie damit gekommen sind. Es gab ja häufig Unfälle mit Biowaffen. Anfang April 1979 zum Beispiel wurde das ganze Gebiet von Swerdlowsk unter Quarantäne gestellt – eine defekte Abluftanlage eines militärischen Biolabors hatte Milzbrandsporen in die Umwelt geblasen. Unter dem Deckmantel der Erforschung von Infektionskrankheiten arbeiten Russland, die USA und andere Staaten trotz der Biowaffenkonvention von 1972 weiter mit tödlichen Erregern.“

„Gab es nicht auch im Zweiten Weltkrieg Einsätze von biologischen Waffen?“, fragte Lindberg. „Durch die Japaner zum Beispiel? Ich habe davon gelesen.“

„Ich nehme an, Sie spielen auf die Einheit 731 an“, entgegnete Hartdegen. „Alle kriegsführenden Nationen beschäftigten sich damals auch mit biologischen Waffen. Aber nach den entsetzlichen Erfahrungen des Ersten Weltkriegs verzichteten die meisten auf den Einsatz. Selbst die Deutschen. Die Japaner waren die einzigen, die sie großflächig einsetzten.“

„Sie erwähnten eine Einheit 731. Was hatte es denn damit auf sich?“, fragte Shahin.

Hartdegen nestelte umständlich an seiner Brille, bevor er antwortete. „Das ist eines der düstersten Kapitel dieses an Gräueltaten ohnehin reichen Krieges. Die Einheit 731 war eine militärische Organisation in der von Japan besetzten Mandschurei in China, die sich zunächst mit der Erforschung und Herstellung von biologischen Waffen befasste – und später auch mit ihrem Einsatz gegen Zivilisten. Rund dreitausend Menschen waren daran beteiligt, die meisten davon waren Biologen. Die Forschungsanlagen in der Stadt Harbin umfassten hundertfünfzig Gebäude auf sechs Quadratkilometern Fläche. Chef der Einheit 731 war der Arzt und Generalleutnant Ishii Shirō. Die gezüchteten Erreger wurden auch an Gefangenen erprobt. Man schätzte, dass mindestens dreitausendfünfhundert koreanische, chinesische, britische und amerikanische Kriegsgefangene dabei auf grausame Weise ums Leben kamen, möglicherweise sogar bis zu zehntausend.“

Am Tisch herrschte einen Moment Schweigen.

„Die ersten Einsätze gegen Städte erfolgten ab 1940“, fuhr der Experte fort. „Dabei wurden Keramikbomben abgeworfen, die mit pestinfizierten Flöhen gefüllt waren. 1942 wurden unter anderem Cholera-, Pest- und Typhuserreger über chinesischen Städten, speziell über Wohngebieten, versprüht. Dabei kamen wohl zweihundertfünfzigtausend Menschen ums Leben. Insgesamt hat Ishii Shirō wohl mehr als dreihunderttausend Menschen auf dem Gewissen.“

„Unfassbar …“, murmelte Shahin. „Was geschah mit der Einheit 731 bei Kriegsende?“

Hartdegen lächelte frostig. „Die japanische Armee ermordete alle Häftlinge, die bis dahin überlebt hatten, um Augenzeugen zu vermeiden; die Anlagen wurden zerstört. Dann setzte die Politik ein: Im Austausch gegen die Unterlagen und Daten der Forschung von der Einheit 731 ließen die USA die Beteiligten straffrei ausgehen. Man argumentierte, da man im Westen keine Menschenversuche anstelle, seien die auf diese Weise gewonnenen Daten sehr selten und damit besonders wertvoll.“

„Danke, Professor Dr. Hartdegen“, sagte die Hauptkommissarin. „Das gibt uns einen lebhaften Eindruck von dem, was geschehen könnte, wenn wir diese Verbrecher nicht stoppen.“

Shahin wandte sich an Winter und Thomsen. „Gibt es irgendwelche Neuigkeiten bezüglich dieser seltsamen Flüssigkeit in dem Bleisarg?“

Winter schüttelte den Kopf. „Wir kennen inzwischen ein paar Bestandteile. Aber erstens noch nicht alle und zweitens wissen wir natürlich nicht, wie diese Flüssigkeit langfristig wirkt. Dazu wären entsprechende Versuche notwendig.“

Lindberg hob eine Hand. „Ich möchte noch einmal im Wedeler Stadtarchiv nachsehen. Ich habe nämlich eine Theorie, die ich gern überprüfen möchte.“

Shahin nickte. „Machen Sie das, Dr. Lindberg. Ich informiere unser Team. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich später in Wedel dazustoße? Ich möchte mir die Kirche gern einmal ansehen. Vielleicht können Sie mir etwas über die Geschichte des Gebäudes und seiner Grüfte erzählen.“

„Gern“, entgegnete Lindberg.

„Dann bis später in Wedel“, sagte die Polizistin.

Lindberg packte seine Sachen zusammen. Plötzlich stellte er fest, dass er sich auf dieses Treffen freute.

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