Kitabı oxu: «Die Beobachter»
Thomas Häring
Die Beobachter
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Neiße to miet you
Insiderbericht einer Befristeten
Selbstversuch eines Scheinarbeitslosen
Der Andere und die großen Fragen
Die Andere und ihre Probleme
Wie alles begann - der Tag meiner Arbeitslosmeldung
Interview mit einem Arbeitslosen, das nie stattgefunden hat
Impressum neobooks
Neiße to miet you
Es gibt eine Stadt in diesem Land, in der alles ein kleines bißchen anders ist. Nicht nur, daß die Leute gerne auf den Boden schauen, wenn sie laufen, wobei sie des Öfteren auch noch etwas merkwürdig gehen, sondern auch daß Rentnertouristenschwärme die Altstadt überfluten, was sich sogar die Neiße selbst hin und wieder traut. In dieser Stadt pulsiert das Leben auf seine ganz eigene Art und irgendwie hängt nicht nur alles zusammen, viele Bewohner hängen auch ab, beziehungsweise sind abhängig. Das Herzstück von G. ist die Agentur für Arbeit(slosigkeit), sie gilt als der größte Arbeitgeber und ohne sie wäre alles nichts. Nicht nur die Arbeits- und Hoffnungslosen, sondern auch die Selbständigen und Scheinselbständigen hängen am Tropf der Agentur, was dazu führt, daß jene, wäre G. die Mafia, so etwas wie den Paten höchstpersönlich darstellte. Kein Wunder also, daß sich der Chef jener Arge dazu auserkoren sah, OB von G. zu werden. Da es ja außer Prinz Charles noch etliche andere Männer gibt, die gerne ein Tampon sein möchten, verwunderte es nicht, daß sich auch Mitbewerber aufstellen ließen und einer von denen schlug den Chef der Arge in einer Stichwahl. Hatten die Bewohner von G. damit die Hand gebissen, die sie füttert? Nun ja, gut möglich, aber vielleicht hatte der Verlierer nur deshalb nicht reüssieren können, weil er aus dem Westen stammte und das war eben nach wie vor ein Kriterium, das gegen einen Kandidaten sprach. Wie auch immer, so blieb der gute Mann also was er war, nämlich der mächtigste Typ in G., weil ja fast alle Leute dort von seiner Agentur bezahlt wurden. Es verwunderte nicht weiter, daß er sich nach der mißglückten beruflichen Weiterentwicklung vermehrt auf sein Privatleben konzentrierte, denn seinen Job machte er mit links, was im wilden Osten von einem Mann in einer Führungsposition auch erwartet wurde. Da in seiner Agentur sehr viele Frauen arbeiteten, glich das Ganze in gewisser Weise einem Hühnerstall, in dem die Hühner gackerten, Eier legten und froh darüber waren, einen sicheren Job in unsicheren Zeiten zu haben. Nicht daß es sich bei ihnen um sonderlich glückliche Hühner gehandelt hätte, aber sie waren froh darüber, nicht so wie die Hartz IV-Hühner in Käfighaltung leben zu müssen, denn bei jenen war die Reisefreiheit doch in gewisser Weise ein wenig eingeschränkt. Der Hahn krähte leise auf dem Mist und die Hühner waren einigermaßen zufrieden, denn sie waren irgendwie alle gleich und weil sie doch auch leicht sozialistisch geprägt waren, war das für sie schon wichtig. Aber dann tauchte eines Tages ein ganz besonderes Huhn bei ihnen auf. Jene Henne unterschied sich von den anderen Hühnern schon allein dadurch, daß sie laut losgackerte, obwohl sie noch überhaupt kein Ei gelegt hatte. Natürlich wurde der Hahn alsbald auf besagtes Huhn aufmerksam, was den anderen Hennen weniger gefiel. Als es schließlich soweit war, daß der Hahn die tolle Henne zu seiner Lieblingshenne erkor und fortan nur noch sie bestieg, waren die anderen Hühner im Stall ziemlich angepißt und wandten sich von dem Huhn ab. Sie beargwöhnten es mißtrauisch und verbreiteten Gerüchte, wonach die Lieblingshenne des Hahns viel weniger arbeiten müsse als sie selbst und viel öfter krank wäre. Der Neid hatte also Einzug gehalten ins ehemals sozialistische Hühnerparadies, in dem zwar auch nicht alle gleich gewesen waren, doch die Erinnerung verklärte die Vergangenheit sorgfältig und so war die Atmosphäre leicht vergiftet. Dazu kam der Druck von außen, immer neue Gesetze mußten umgesetzt werden und die Hühner rackerten sich fast zu Tode. Der Hahn aber stand wie immer auf seinem Misthaufen und machte weiter wie bisher. Selbst wenn seine Lieblingshenne mal ausrastete, blieb er ganz gelassen und versuchte, mit seiner ruhigen Art, wieder Harmonie herzustellen. Das war nicht immer ganz einfach, aber im Grunde ging es ja um viel mehr als um die beleidigten Hühner im Hühnerstall namens DLZ (Dienstleistungszentrum für Arbeit). Draußen in der Stadt lebten, beziehungsweise vegetierten, die Bewohner von G. mehr oder weniger desillusioniert vor sich hin und daß es dort am 20.Jahrestag der Deutschen Einheit nicht wirklich was zu feiern gab, verwunderte kein bißchen, denn der Aufschwung war in jener Stadt an der Grenze zu Polen nie tatsächlich angekommen und die Hoffnung hatte sich auch schönere Plätze ausgesucht, an denen sie ihr Unwesen trieb. Doch um G. und seine Bewohner besser zu verstehen, muß man eintauchen in den Sumpf und das alles etwas genauer betrachten, was ich auf den folgenden Seiten versuchen werde.
40 Jahre Sozialismus hatten selbstverständlich ihre Spuren hinterlassen und so überrascht es kein bißchen, daß viele Ostdeutsche erwarten, daß sich der Staat um sie kümmert und für sie sorgt. Das führt wiederum dazu, daß die Leute oft glauben, Vater Staat müßte sie in Lohn und Brot bringen, weshalb es mit der Eigeninitiative der Arbeitssuchenden manchmal nicht weit her ist. Doch seit Hartz IV und das Prinzip „Fordern und Fördern“ in Deutschland Einzug gehalten haben, sind auch für die Langzeitarbeitslosen die „fetten Jahre“ endgültig vorbei und so gibt es Druck, Streß, Ärger und Sanktionen, wenn man sich nicht an das hält, was mit den Hühnern vom DLZ vereinbart wurde. Das Leben als Arbeitsloser hat sicherlich auch seine Vorteile, schließlich hat man mehr Zeit als viele Andere und kann den ganzen Tag machen was man will, doch genau jene vermeintliche Freiheit macht vielen Menschen zu schaffen. Der Grund dafür liegt unter Anderem darin, daß es in der ehemaligen DDR quasi keine Arbeitslosigkeit gab, was bedeutete, daß im damaligen „Arbeiter- und Bauernstaat“ alle etwas zu tun hatten, zumindest auf dem Papier, welches bekanntlich sehr geduldig ist. Die meisten Leute benötigen eine Aufgabe, sie wollen gebraucht werden und irgendwie nützlich sein, weshalb sie oft in ein Loch fallen, wenn das nicht gegeben ist. Offiziell hat G. eine Arbeitslosenquote von vielleicht 15 Prozent, doch die gefühlte Arbeitslosigkeit beträgt das Doppelte und wenn es den Tourismus nicht gäbe, dann wäre diese Stadt mausetot und könnte sich selbst fluten.
Aber da gibt es ja noch mehr. Rentner und Arbeitslose haben G. für sich entdeckt und ziehen in Scharen hierher. Das hat natürlich mit den niedrigen Mieten und Lebenshaltungskosten, aber auch damit zu tun, daß man sich in G. unter seinesgleichen befindet. Von den Studierenden dagegen bleiben die Wenigsten in der Stadt, sondern suchen schnell das Weite, denn für sie gibt es hier nicht wirklich eine Zukunft. Aber stattdessen existiert in G. noch eine ziemlich starke Fraktion und das sind die Familien, beziehungsweise Alleinerziehenden mit Kindern. Jene haben sich in dieser Stadt gemütlich eingerichtet, denn wenn es für junge Leute wenig oder keine Arbeit gibt, dann setzt man halt Kinder in die Welt, um eine Aufgabe zu haben und irgendwie beschäftigt zu sein. Wie nicht anders zu erwarten, handelt es sich bei den Eltern überwiegend um Mitglieder der unteren Schichten, was natürlich dazu führt, daß meistens die Kinder ebenfalls nicht zur Elite gehören werden. Vielleicht auch deshalb wurde von der Bundesregierung das Elterngeld für Hartz IV-Empfänger zwar nicht abgeschafft, wird aber nun mit dem Hartz IV-Einkommen verrechnet, denn die Politik und natürlich auch die Wirtschaft haben nicht wirklich ein Interesse daran, daß sich die Arbeitslosen wie die Karnickel vermehren und sie sowie deren Brut dem Sozialstaat jahrzehntelang auf der Tasche liegen. Kann man Sarrazins Thesen also auch in G. anwenden, natürlich in leicht abgewandelter Form? In gewisser Weise schon, doch damit wäre seine Gen-Theorie bereits widerlegt, denn Dummheit und Bildungsferne müssen nicht immer etwas mit der Nationalität zu tun haben.
Doch um das Ganze wirklich verstehen zu können, sollte man auf das zurückblicken, was sich vor gut 20 Jahren ereignet hat. Ein Volk begehrte auf und stürzte das eigene Regime. Dann aber folgte das Verschlucken der DDR durch die BRD und genau diese Aktion liegt dem wiedervereinigten Deutschland heute noch schwer im Magen. Was damals geschehen war, hatte mit Vereinigung nicht viel zu tun, es handelte sich um die Kapitulation des Sozialismus vor dem Kapitalismus und deshalb bekam auch die DDR das System der BRD eins zu eins übergestülpt, anstatt daß man sich die besten Ideen beider Systeme herausgesucht und miteinander verbunden hätte. Aber daran hatte seinerzeit niemand ein wirkliches Interesse. Sehr viele Bürger der DDR waren heilfroh darüber, den Sozialismus endlich hinter sich lassen zu können und im Westen waren nur die Wenigsten darauf erpicht, irgendetwas von einem scheinbar gescheiterten System zu übernehmen.
Für die Menschen im Osten hatte sich die Welt grundlegend verändert und da alles so rasend schnell vor sich ging und Vielen wie ein Rausch vorkam, hatten die meisten Leute keine Zeit, das Geschehene richtig zu verarbeiten, sondern versuchten, sich anzupassen und mit der neuen Realität zu arrangieren. Das war nicht ganz leicht, denn alles, was gestern noch richtig war, sollte nun auf einmal falsch sein und der Klassenfeind von drüben war plötzlich der neue beste Freund und Bruder, der es nur gut meinte. Allerdings kamen sehr schnell die ersten Gauner und Halunken, welche den gutgläubigen Ostdeutschen alle möglichen Versicherungen und sonstigen Sinnlosigkeiten andrehten, was dazu führte, daß viele Vorurteile sogleich bestätigt wurden und sich die Betrogenen wieder recht schnell aus der schönen neuen Welt zurückzogen und stattdessen lieber in der Ostalgie schwebten. 20 Jahre später sind die Deutschen sicherlich ein Stück weit zusammengewachsen, doch die Unterschiede zwischen den Wessis und den Ossis bestehen nach wie vor, was nicht weiter verwundert. Die Westdeutschen konnten nach der Wiedervereinigung weiterleben wie zuvor, für sie änderte sich nicht wirklich was, außer daß sie den Solidaritätszuschlag zu zahlen hatten (genauso wie die Ostdeutschen übrigens auch) und daß es einige Steuererhöhungen gab. Das kapitalistische System blieb bestehen und alle konnten weitermachen wie bisher. Dagegen brach im Osten eine Welt zusammen. 40 Jahre Sozialismus hatten sich selbstverständlich in den Köpfen festgesetzt und ihre Spuren hinterlassen. Schon in der Schule hatten die ostdeutschen Kinder gelernt, daß die Sozialisten die Guten und die Kapitalisten die Bösen waren, im Westen war es natürlich genau umgekehrt gewesen. Aber zweifellos war der Zusammenhalt im Osten stärker und genau den vermissen viele Ostdeutsche in der heutigen individualisierten Gesellschaft, in der fast alle nur auf sich und ihren eigenen Vorteil schauen. Gemeinschaft wird vielerorts nicht mehr großgeschrieben und der Einzelne fühlt sich oft schon längst nicht mehr als Teil eines großen Ganzen. Wer nun glaubt, der Kapitalismus als übrig gebliebenes System wäre des Rätsels Lösung und der Weisheit letzter Schluß, täuscht sich gewaltig, denn die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen sollte nun wirklich nicht am Ende der Geschichte stehen. Nicht zuletzt die Wirtschafts- und Finanzkrise haben deutlich gezeigt, daß da Einiges im Argen liegt und damit wären wir wieder bei der Arge angelangt.
Damit die Arbeitslosigkeit nicht rapide anstieg, wurde das Kurzarbeitergeld gezahlt, so daß die Firmen ihre Arbeiter nicht entließen, sondern weiterbeschäftigten. Doch wer voller Stolz auf scheinbar nur drei Millionen Arbeitslose in Deutschland verweist, dem sei Folgendes ins Stammbuch geschrieben: Wir haben 6,5 Millionen Hartz IV-Empfänger, die sich bestimmt ungemein über die fünf Euro mehr im Monat freuen, die sie ab nächstem Jahr erhalten sollen. Außerdem gibt es da sehr viele Leute, die zwar einen Job haben, in dem jedoch so schlecht bezahlt werden, daß sie ebenfalls bei der Arge vorstellig werden und noch etwas dazu bekommen, um nicht gar so mickrig abgespeist zu werden. Dann sind da zum Beispiel auch die ganzen Arbeitslosen, die von privaten Vermittlern betreut werden und deshalb auch nicht in der offiziellen Arbeitslosenstatistik auftauchen und lauter solche Scherze. Doch kommen wir nun zu einem grundsätzlichen Problem:
Früher gab es das Arbeitslosengeld, die Arbeitslosenhilfe und die Sozialhilfe, heute haben wir „nur“ noch Hartz IV, welches wiederum in Arbeitslosengeld I und II unterteilt wurde. Gedacht ist Hartz IV im Prinzip für die Menschen in Deutschland, die keinen Job, damit also kein geregeltes Einkommen und kein Vermögen haben, die also in gewisser Weise mittellos und auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. Die Reichen und Starken sollen durch ihre Abgaben und Steuern die Last der Armen mit schultern, allerdings sieht die Realität so aus, daß die Reichen ihr Geld ins Ausland bringen und im Endeffekt die Mittelschicht und die arbeitende Bevölkerung, in erster Linie die Arbeitnehmer, die Arbeitslosen finanzieren. Das führt natürlich zu Debatten, vor allem in Gebieten, in denen die Leute, die arbeiten, so wenig verdienen, daß ihnen am Ende des Monats nicht viel mehr bleibt als denen, die nichts tun. Grundsätzlich wäre das alles trotzdem ganz vernünftig, doch da gibt es natürlich auch Menschen und das sind nicht Wenige, die Hartz IV beziehen, obwohl sie eigentlich gar nicht bedürftig sind, da sie noch ein kleines Vermögen besitzen, welches sie jedoch nicht antasten wollen. Mag sein, daß es sich dabei nur um eine Minderheit handelt, aber es haben mehr Leute mit Hartz IV ihre Schäfchen bereits ins Trockene gebracht, als man sich gemeinhin vorstellt. Dabei besteht der Sinn jener „Hilfe zum Lebensunterhalt“ ja eigentlich darin, die zu unterstützen, die nichts haben, denn die brauchen Hilfe. Die Anderen dagegen sollten zunächst erst mal ihr Erspartes aufbrauchen, bevor sie sich Hilfe suchend an Vater Staat wenden. Das nur so nebenbei, aber es geht ja um viel mehr, wenn man mal genau hinschaut. Solidarität lautet das Zauberwort und da das Geld im Kapitalismus natürlich ungleich und ungerecht verteilt ist, geht es für die Politiker zunächst darum, die gröbsten Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Allerdings sind auch sie von der Wirtschaft und deren Vertretern abhängig, so daß die Armen nur das Nötigste zum Überleben erhalten, damit die Reichen weiterhin ihre Gier befriedigen können. Es handelt sich bei der ganzen Angelegenheit um einen ziemlich schwierigen Balanceakt, doch wenn die Armen irgendwann nichts mehr zu verlieren haben, dann wird es den Reichen ziemlich dreckig gehen.
Wie auch immer, wieder zurück zu den Leistungsempfängern, welche mittlerweile nicht mehr nur Kunden (im Osten übrigens auch ein Schimpfwort!), sondern in gewisser Weise auch sehr schlecht bezahlte Angestellte des Dienstleistungszentrums für Arbeit sind. Jene sollen natürlich nicht ihr ganzes Leben als Leistungsempfänger verbringen, weshalb man sie in irgendwelche (oftmals sinnlose) Maßnahmen steckt, wie zum Beispiel Bewerbungstrainings, Computerkurse oder andere Scherze. Da wird meist eine Menge Steuergeld sinnlos zum Fenster hinausgeschmissen, was aber nichts macht, da es sich dabei schließlich um die Kohle der Allgemeinheit handelt und solange alle davon betroffen sind, gibt es keinen richtigen Geschädigten. Sinnlose Projekte werden ins Leben gerufen, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen werden aktiviert, alles gut gemeint, jedoch häufig nicht nur schlecht gemacht, sondern auch nur kurzfristig hilfreich, aber kein bißchen nachhaltig. Woran liegt das? Ganz einfach: Es gibt nicht genug Arbeit für alle hier im Land, doch anstatt das zuzugeben und daraus entsprechende Konsequenzen zu ziehen, tun viele Politiker/innen weiterhin so, als wäre Vollbeschäftigung nur eine Frage der Zeit. Zeitarbeit aber zum Beispiel ist die modernste Form der Sklaverei und sorgt zwar dafür, daß die davon Betroffenen voll beschäftigt sind, davon allerdings nicht wirklich leben können. So wie fast immer nimmt man sich in Deutschland den großen Bruder USA zum Vorbild, was dazu führt, daß die Leute immer mehr ausgebeutet werden und zusätzlich auch noch am Hungertuch nagen. Doch wer glaubt, das alles wäre purer Zufall oder einfach nur dumm gelaufen, der irrt. Ganz im Gegenteil! Dieser Wahnsinn hat Methode, denn es geht darum, die Menschen nicht nur zu manipulieren und zu unterdrücken, man will sie auch noch ausquetschen wie eine Zitrone. Wer hat denn immer die Kosten zu tragen, wenn etwas schief läuft, oder mal wieder alles beinahe zusammengekracht wäre? Der kleine Mann natürlich und der soll noch mehr Lasten schultern, bis er irgendwann zusammenbricht und dann auf ein Pflege- und Sozialsystem angewiesen ist, in dem so wie überall die Profitmaximierung Einzug gehalten hat und der Mensch nur noch eine lästige Nummer ist, der gefälligst zahlen soll, dafür jedoch nicht viel zu erwarten hat. Dieses Menschenbild spiegelt sich natürlich auch in der Arbeitslosenwelt wider. Der Leistungsempfänger als solcher wird nicht selten als Schmarotzer oder Parasit angesehen, der auf Kosten der Anderen lebt, was man ihm natürlich verübelt. Auf diese Art und Weise stigmatisiert, werden ihm oft auch von Seiten der Behörden Steine in den Weg geschmissen, um ihn zu zermürben oder zu motivieren, sich so schnell wie möglich einen Job zu suchen. Wo aber einen finden, wo es keinen gibt? In strukturschwachen Regionen gestaltet sich die Arbeitssuche häufig als "Mission impossible", doch davon wollen die Zuständigen natürlich nichts wissen, denn sonst müßten sie ja die Rahmenbedingungen verbessern und so etwas wie eine Infrastruktur schaffen, woran sie meist kein Interesse haben, da ihnen häufig die finanziellen Mittel dafür fehlen.
Ja und wenn sich dann etliche Ostdeutsche mit einem Glänzen in den Augen an früher erinnern, als ganz gewiß auch nicht alles schlecht war, dann verdrehen die Westdeutschen gerne die Augen, weil sie einfach nicht begreifen können und wollen, daß es wichtigere Dinge als Geld gibt.
Aber wie wichtig ist das Recht auf Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung? Der Mensch an sich will eigenverantwortlich darüber entscheiden, was er tut, doch sobald man am Tropf des Sozialstaates hängt, wird man abhängig und in gewisser Weise auch ohnmächtig. Natürlich gibt es Leute, die sich das nicht antun wollen und auf die Staatshilfe verzichten, aber wer wirklich darauf angewiesen ist, dem bleibt letzten Endes gar nichts Anderes übrig, als sich möglichst tief zu bücken, um auch morgen noch was zu essen zu haben. Das Absurde daran besteht darin, daß es sich ja auch bei den Mitarbeitern der Arge um Menschen handelt, welche wiederum die Leute betreuen, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. Manches Mal könnte man tatsächlich den Eindruck gewinnen, daß es das Geld von denen ist, welches die Arbeitslosen bekommen. Noch komplizierter wird es, wenn die Vermittler und Fallmanager alles persönlich nehmen, was die Hilfebedürftigen zu ihnen sagen und darauf dann gereizt, beleidigt oder gar mit Sanktionen reagieren. Ein ziemlich unerquickliches Schauspiel, denn dabei wird allzu gerne übersehen, daß es die Arbeitslosen oft einige Überwindung kostest, in die Arge zu gehen und um staatliche Gelder zu bitten, welche ihnen ja laut Gesetz zustehen. Niemand ist gerne auf fremde Unterstützung angewiesen und wenn man dann als Antragsteller das Gefühl hat, daß man für einen Faulpelz oder Leistungsverweigerer gehalten wird, dem die von der Arge am liebsten die Leistung verweigern würden, dann kann man schon verstehen, warum die Kommunikation zwischen den beiden Parteien in vielen Fällen nicht wirklich funktioniert und die ganze Angelegenheit im Grunde noch verschlimmert. Natürlich ist es nicht einfach, weder für die eine noch für die andere Seite, aber es handelt sich doch bei allen Beteiligten um Menschen, von daher sollte etwas mehr Kooperationswillen schon möglich sein. Andererseits haben selbstverständlich alle Betroffenen halt auch schon so ihre Erfahrungen gemacht und besonders Hartz IV-Empfänger können sehr sensibel sein, da sie sich bereits öfter blöde und diskriminierende Sprüche anhören mußten. Es gibt wirklich genug Personen unter ihnen, die arbeiten wollen und die fühlen sich verständlicherweise zusätzlich gedemütigt, wenn man ihnen unterstellt, es ginge ihnen nur um die Kohle und sie hätten überhaupt kein Interesse daran, einen Job zu finden. Im Grunde wären wir damit auch schon wieder bei Sarrazin angelangt, denn so wie der den Migranten pauschal Integrationsunwillen vorwirft, was natürlich keineswegs der Realität entspricht, ist es genauso populistisch und inhaltlich falsch, der Mehrheit der Hartz IV-Empfänger zu unterstellen, daß sie überhaupt nicht arbeiten wollen. Klar, es gibt einen Teil unter ihnen, die es sich tatsächlich in der sozialen Hängematte gemütlich gemacht haben, aber das ist noch lange kein Grund, alle unter Generalverdacht zu stellen. Ganz im Gegenteil, oftmals wäre es sogar viel besser und sinnvoller, die Arbeitslosen, die mit ihrer Situation nicht zurechtkommen, psychologisch betreuen zu lassen, damit sie wieder Boden unter den Füßen finden, jedoch besteht daran von staatlicher Seite nicht immer unbedingt ein Interesse. Damit wären wir auch schon bei Herrn Westerwelle angelangt, der ja vor etlichen Monaten einen Kreuzzug gegen die Arbeitslosen begonnen hatte, womit er sich einmal mehr unheimlich beliebt machte. Seine Thesen wurden in der Bevölkerung durchaus als richtig empfunden, nur ihn selbst mögen die Leute halt nicht sonderlich, was für einen Außenminister eine durchaus bemerkenswerte Leistung bedeutet. Das Prinzip, immer auf die Schwächsten der Gesellschaft einzudreschen, die sich nicht wehren können, weil sie keine richtige Lobby haben, hat sich schon immer bewährt, da man weiß, daß alle Anderen fleißig mit auf die am Boden Liegenden eintreten. Von „spätrömischer Dekadenz“ war da die Rede, doch wer ernsthaft glaubt, daß die Leute mit 359 und bald 364 Euro im Monat ein prunkvolles Leben führen könnten, der hat nicht wirklich einen blassen Schimmer davon, was es heißt, mit dem Existenzminimum zurechtkommen zu müssen. So einen Schwachsinn können wirklich nur Leute von sich geben, die niemals Not gelitten haben. Die sollten mal einen Monat lang vom Hartz IV-Satz leben müssen, dann wüßten sie was Sache ist. Doch dabei ging und geht es in Wirklichkeit um etwas völlig Anderes. Nicht nur, daß Westerwelle seinerzeit von den Vetternwirtschaftsvorwürfen ablenken wollte, die von allen Seiten auf ihn einprasselten, es steckte noch mehr dahinter. Schließlich sind es ja auch und in erster Linie die Politiker, die von den Steuergeldern bezahlt werden. Die hohen Damen und Herren müßten eigentlich froh darüber sein, daß sie gut verdienen und dann auch noch regieren, beziehungsweise opponieren, dürfen. Wenn man aber selber von jemandem etwas bekommt, dann sieht man es oft nicht so gerne, wenn Andere von der Hand, die einen füttert, auch etwas erhalten. Klar, man könnte meinen, Futterneid wäre in diesem Fall unnötig, da die Arbeitslosen ja viel weniger bekommen als die Politiker, aber wer viel hat will noch mehr und wenn man den ganzen Unternehmern und Bonzen die Kohle in den Arsch schieben will, die man als hoch verschuldeter Staat nicht hat, dann nimmt man es den Armen und gibt es den Reichen, so wie man es im Betriebswirtschaftsstudium gelernt hat, denn wenn es denen da oben gut geht, dann profitieren angeblich alle davon. Was für ein hanebüchener Schwachsinn, aber die sogenannten Liberalen sind davon fest überzeugt, weil sie nicht an die Gier denken, welche von den Reichen Besitz ergreift und wegen der die schöne Theorie in der Praxis halt einfach nicht funktionieren kann.
Der Chef sitzt mit im Raucherraum, die anderen Raucher fühlen sich nicht wohl, die Gespräche sind verkrampft, man glaubt es kaum, die beste Lösung wäre Alkohol. Ja, so als Chef hast Du es auch nicht leicht, denn irgendwie behandelt man Dich anders und das führt natürlich dazu, daß man Dir die Wahrheit nicht ins Gesicht sagt, sondern viel lieber hinter Deinem Rücken über Dich getuschelt wird. Im Kapitalismus braucht es natürlich eine Hierarchie, in der die Autoritäten die Befehle geben, welche die Befehlsempfänger dann in die Tat umsetzen. Aber im Grunde sind die Chefs auch nur Menschen, leider werden sie oft so behandelt, als wären sie etwas Besseres, bis sie das dann irgendwann selber glauben und sich auch noch so aufführen. Andererseits sitzen sie natürlich am längeren Hebel und haben mehr Macht als der Rest, weshalb man vor ihnen verständlicherweise nicht unangenehm auffallen will. Oft jedoch handelt es sich auch beim Chef um ein armes Schwein, denn er gehört irgendwie eben nicht zur Gemeinschaft, wird zwar nicht offensichtlich ausgegrenzt, aber meist hält die Belegschaft schon einen gewissen Sicherheitsabstand ihm gegenüber ein. Chefs leben häufig einsam, doch wenn sie dann versuchen, mit dem einfachen Angestelltenvolk in Kontakt zu treten, sind die Vorbehalte auf beiden Seiten sowie die Verunsicherung meist so groß, daß nur Verkrampfung dabei herauskommt. Allein der gute Wille zählt, aber die Kluft bleibt bestehen.
Wenn man sich beispielsweise vor Augen führt, daß manche Mitarbeiter der Arge über eine Zeitarbeitsfirma dort gelandet sind, was natürlich zur Folge hat, daß sie für dieselbe Arbeit viel weniger Lohn bekommen, dann merkt man schon, daß auf dem Arbeitsmarkt heutzutage generell ein viel schärferer Wind weht. Auch die Praxis, befristet eingestellten Mitarbeitern nur einen elfmonatigen Vertrag zu geben, damit sie im Falle der Nichtverlängerung keinen Anspruch auf das ALG I haben, zeigt, daß es in erster Linie darum geht, Kosten zu senken, da der Sozialstaat und die, die von ihm abhängig sind, angeblich in den letzten Jahren und Jahrzehnten über ihre Verhältnisse gelebt haben. Die Zeiten werden kälter, soviel läßt sich ohne Frage feststellen, aber wer glaubt, damit wäre das Ende der Fahnenstange schon erreicht, täuscht sich gewaltig. Das alles ist erst der Anfang, in Zukunft wird es noch viel heftiger werden, deshalb sollte man froh darüber sein wie es ist, denn in wenigen Jahren wird man sich sehnsuchtsvoll an die heutige Zeit zurückerinnern. Klar, vielleicht zerstört sich das kapitalistische System irgendwann selbst, doch wer glaubt, danach würde alles besser werden, könnte sich irren. Anders würde es garantiert, aber wirklich besser?
Wie auch immer, letzten Endes geht es darum zu begreifen, daß der Mensch nicht lebt um zu arbeiten und auch nicht arbeitet um zu leben. Der Sinn des Lebens besteht in etwas völlig Anderem und zwar im leben als solchem. Die eigenen Talente erkennen und fördern, das eigene Potenzial ausschöpfen, sich selbst verwirklichen, darum geht es eigentlich. Man könnte nun einwenden, daß das in diesem System nicht möglich wäre, da die äußeren Zwänge dafür sorgen würden, daß man malochen müsse, um über die Runden zu kommen. Mag sein, daß das für manche Menschen gilt, aber wem es wirklich wichtig ist, den eigenen Weg zu gehen und nicht nur das zu tun, was Andere von einem verlangen, dem wird das auch gelingen, das garantiere ich. Natürlich gibt es immer auch den bequemeren Weg, der darin besteht, sich anzupassen und im Strom mitzuschwimmen, aber glücklich werden auf die Art und Weise nur die Wenigsten. Jeder muß für sich selbst entscheiden, was gut für ihn ist, denn nur Du weißt was Du willst und kennst Deine Ziele, Wünsche und Bedürfnisse.
Gut, wieder zurück in das Herz von G., in dem verständlicherweise auch die Angst umgeht. Früher hatte man als Staatsbediensteter einen sicheren Job und im Grunde für den Rest des eigenen Lebens ausgesorgt, heutzutage sieht das etwas anders aus. Viele müssen befürchten, nicht weiterbeschäftigt zu werden und auf einmal auf der anderen Seite des Büros zu landen, nämlich als Hilfsbedürftiger und daran hat niemand wirklich ein Interesse. Wer wenig hat, hat nicht viel zu verlieren und wer wenig besitzt, wird umso weniger besessen, wußte schon Nietzsche. Schlimm ist es dagegen für diejenigen, die einen bestimmten Lebensstandard gewöhnt sind und natürlich ihren Status nicht verlieren wollen. Die haben Angst und fürchten den sozialen Abstieg, doch diese Angst lähmt sie und sorgt dafür, daß sie unsicher werden und Fehler machen, bis sich die eigene Prophezeiung selbst erfüllt und sie auf der Straße stehen. Die Arbeitgeber nutzen diese Angst nicht selten aus, um den Fürchtenden Überstunden aufzudrücken oder sie Arbeiten verrichten zu lassen, für die sie eigentlich überqualifiziert sind. Wer Angst um seinen Job hat, läßt sehr viel mit sich machen, nicht ohne Grund sinkt die Zahl der Krankheitstage beständig von Jahr zu Jahr, weil viele fürchten, daß sie rausfliegen, wenn sie zu oft fehlen. Was für eine Tragödie!
Insiderbericht einer Befristeten
Ich hatte in G. Kommunikationspsychologie studiert, sage und schreibe sieben Jahre lang, denn zu meiner Studienzeit waren Bachelor und Master noch abartige Fremdwörter und so meldete ich mich als Diplom-Kommunikationspsychologin arbeitslos. Als ich einige Termine nicht einhielt, wurde ich zu einem Computerkurs verdonnert, der für mich völlig sinnlos und die reine Zeitverschwendung war. Doch dann bekam ich eines Tages ein unmoralisches Angebot, das ich einfach nicht ausschlagen konnte. Ich sollte die Seiten wechseln und für den bisherigen Feind arbeiten, nämlich das DLZ. So kam es, daß ich nach Dresden fahren durfte, um dort meinen auf elf Monate befristeten Vertrag zu unterschreiben. Die Sicherheitsleute waren dort auf allen Fluren zu sehen, denn anscheinend war es mittlerweile relativ gefährlich geworden, für die Agentur zu arbeiten, doch ich ließ mich davon nicht beeindrucken. Recht schnell erkannte ich, daß die Bürokratie zwar ziemlich anstrengend und lästig sein kann, daß es allerdings nicht wirklich Konsequenzen gibt, wenn man Papiere zu spät abliefert, es passiert nichts. Zwar schwebt das Damoklesschwert einer drohenden Sanktion über allem, aber da jenes die meisten Leute so abschreckt, daß sie sich mehr oder weniger freiwillig an die Vorschriften halten, können Leute wie ich die Grenzen unbeschadet austesten sowie übertreten.
In den ersten Monaten wurde ich eingearbeitet, was im Grunde so aussah, daß ich irgendwo dabei saß und den Mitarbeiterinnen bei der Arbeit zuschaute. Das war zwar hin und wieder ganz interessant, meistens allerdings recht langweilig, weil man selber nichts tun konnte und durfte. Fragen wollte ich keine stellen, denn das hätte eh nichts gebracht. Aber dann ging es eines Tages richtig los und ich bekam mein eigenes Büro und meine eigenen Kunden. Ich war für die Hartz IV-Empfänger zuständig, die sich selbständig machen wollten und davon gab es sogar in G. nicht Wenige. Sie hatten mir ihr schriftliches Konzept zu präsentieren, in dem sie beschrieben, was sie zu tun gedachten und wenn jenes nicht völlig unverständlich und absurd anmutete, dann machte ich ihnen den Weg frei und sie konnten sich fortan in der staatlich geförderten Selbständigkeit ausprobieren. Klar, Viele von ihnen scheiterten, aber wenigstens hatten sie es versucht und bewiesen, daß sie sich nicht einfach gehen ließen, sondern hatten stattdessen Eigeninitiative gezeigt. In einer Stadt wie G. hat man es als Selbständiger nicht leicht, von daher gehörten sowohl Mut als auch Pioniergeist dazu, so etwas zu riskieren. Natürlich fragte ich mich nach dem 30. bewilligten Nagelstudio, ob man so viele in G. wirklich brauchte, aber wenn es die Nachfrage hergab, warum nicht? Ich lernte viele hochinteressante Leute kennen, über die ich später noch mehr erzählen werde, doch erst einmal wieder zurück zu mir und meiner persönlichen Situation: Am Anfang war es wirklich nicht leicht, dort anzukommen und sich wohl zu fühlen, denn meine neuen Kolleginnen hielten sich sehr zurück und schienen nicht allzu viel mit mir zu tun haben zu wollen. Kein Wunder, schließlich war ich für sie ein Fremdkörper, noch dazu einer, der die Fronten gewechselt hatte, von daher beäugten sie mich eher vorsichtig und mißtrauisch. Doch das änderte sich zum Glück mit der Zeit, alle wurden offener und fingen an mir zu vertrauen, sie gingen teilweise sogar so weit, mir ihre größten persönlichen Geheimnisse nahe zu bringen und das fand ich dann schon sehr bemerkenswert. Natürlich hatte das auch mit mir und meiner Persönlichkeit zu tun, denn ich gehörte zu denen, die gut zuhören konnten und so verwunderte es nicht weiter, daß ich mit der Zeit zu einer beliebten Anlaufstelle wurde, wo die Kolleginnen ihre Probleme loswerden konnten. Es passierte so viel in den letzten Monaten, daß ich überhaupt nicht weiß, wo genau ich eigentlich anfangen soll, doch eines vorneweg: Von Anfang an hatte ich mir vorgenommen, hinter die Fassaden zu blicken und meinen eigenen Weg im Amt zu gehen, ich wollte menschlich bleiben und meine Kunden genauso behandeln. Bisher ist mir das auch gelungen, denn die meisten von denen haben es so schon schwer genug, die brauchen moralische Unterstützung und aufbauende Worte und nicht noch jemanden, der ihnen Druck macht. So viele neue Leute habe ich kennengelernt und jede/r von denen hat eine spannende Lebensgeschichte zu erzählen. Natürlich kann ich hier nicht auf jede einzelne eingehen, aber die interessantesten und unterhaltsamsten werde ich selbstverständlich wiederaufbereiten, in der Hoffnung, daß diejenigen, welche glauben und behaupten, die Arbeitslosen wären selber schuld an ihrem Schicksal und hätten es nicht anders verdient, verstehen lernen, daß die Wahrheit eine völlig andere ist und man es sich wirklich nicht so leicht machen sollte.
Auf der anderen Seite möchte ich auch aufzeigen, wie die Bürokratie die Menschen lähmt und behindert und damit oft Flexibilität sowie vernünftige Lösungen verhindert. Ich bin mir darüber im Klaren, daß es sich bei meinen Darlegungen um eine höchst subjektive Sichtweise handelt, aber nichtsdestotrotz glaube ich, daß sie dabei helfen können, alles näher zu betrachten und genauer unter die Lupe zu nehmen. Ich rechne nicht mit Veränderungen oder gar Verbesserungen, möchte aber auf diesem Wege wenigstens einige Denkanstöße geben.
Der Mensch verschwindet hinter den Vorschriften. Ein Beispiel: Im Amt ist offenes Feuer nicht erlaubt, was zum Beispiel bedeutet, daß man bei einer internen Geburtstagsfeier keine Kerzen anzünden darf. Ich habe in meinem Büro ein kleines Teelicht stehen und brennen, was dazu führt, daß ich immer wieder darauf angesprochen werde, daß das doch eigentlich verboten wäre. Und was passiert? Natürlich nichts! Man wird dafür bewundert, wenn man sich nicht an die Vorschriften hält, aber das auch nur deshalb, weil die Anderen nicht den Mut dazu haben. Wer einmal in das Meer der Paragraphen eingetaucht ist, wird darin garantiert untergehen, denn dort zählt der Mensch als Lebewesen nicht mehr viel, sondern wird eher als unfähiger Parasit angesehen, welcher den Steuerzahlern auf der Tasche liegt, also quasi sich selbst, weil wir ja alle auf irgendeine Art und Weise Steuern zahlen. Als ich von einer guten Bekannten sprach, welche ein Kind erwartet und mit ihrem kambodschanischen Freund nach Deutschland zurückkehren möchte und mich erkundigte, wie es da sozialleistungsmäßig aussehen würde, bekam ich zu hören, daß es nicht so toll wäre, wenn die ganzen Schwarzen hierher geholt würden und dann mehr oder weniger auf Kosten der Deutschen hier lebten. Rassenhygieniker hätten an solchen Aussagen gewiß ihre Freude, aber auch die benachbarten Polen bekommen ihr Fett ab. Doch selbst wenn es um deutsche Studenten geht, die beispielsweise ein Urlaubssemester nehmen wollen und sich über dessen Finanzierung Gedanken machen, bekommt man zu hören, daß das eigentlich nicht vorgesehen wäre.
Das alles klingt schon mal ziemlich unangenehm, doch wenn sich die Angestellten persönlich angegriffen fühlen, dann kennen sie kein Erbarmen und schlagen gnadenlos zurück. Ein Arbeitsloser beschwerte sich mal bei einer Kollegin darüber, daß er vier Minuten habe warten müssen, er hatte um 15.30 Uhr einen Termin und wurde erst um 15.34 Uhr vorgelassen. Da konterte die sich attackiert fühlende Frau: „Wissen Sie, wie Sie in den vier Minuten eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung hätten finden können?“ Aber damit nicht genug. Es brodelte immer noch in ihr, weshalb sie versuchte, sich an ihm zu rächen, indem sie ihn zur Apfelernte verdonnerte, doch das klappte nicht, was sie sehr bedauerte. Ja, Mitarbeiter der Arge sind auch nur Menschen und keine Roboter, denen man alles an den Kopf knallen kann, aber wenn man das Gefühl haben muß, daß sie ihre Macht dazu mißbrauchen, um unliebsame Kunden zu schikanieren, dann hört da der Spaß natürlich ganz schnell auf. Allerdings sollte man sich nichts vormachen: Die Scheiße fließt immer von oben nach unten, was bedeutet, daß die Bundesregierung irgendetwas beschließt und das haben die Mitarbeiter der Arge umzusetzen und wenn es von oben halt zum Beispiel heißt, daß man auf die Arbeitslosen mehr Druck ausüben und sie härter sanktionieren müsse, dann geben die Angesprochenen den Druck natürlich weiter, weil sie ja selbst keinen Ärger mit ihrem Chef bekommen wollen.
Blöd an der ganzen Sache ist natürlich, daß es Statistiken gibt, welche angeblich belegen, daß dort, wo mehr sanktioniert wird, auch die Arbeitslosigkeit sinkt, was verständlicherweise dazu führt, daß das Beispiel Schule macht und fast alle glauben, das wäre die optimale Lösung. Aber wo es keine Arbeitsplätze gibt, da kann man sanktionieren soviel man will, das bringt überhaupt nichts.
Ich für meinen Teil habe es da etwas leichter, denn zu mir kommen ja nicht die Arbeitsunwilligen, sondern nur die, die sich selbständig machen wollen, von daher habe ich nicht den selben starken Sanktionsdruck wie meine Kolleginnen und außerdem rechne ich eh fast tagtäglich damit, entlassen zu werden, weil ich im Grunde viel zu wenig Ahnung von der ganzen Materie habe, als daß ich mich ernsthaft als kompetent bezeichnen könnte. In G. sind die meisten Bewohner dem Alkohol sehr zugeneigt, was auch daran liegen könnte, daß man diese Stadt nüchtern schlicht und einfach nicht ertragen kann. Mir selbst geht es da nicht viel anders, aber das bedeutet natürlich auch, daß es in G. sehr viele Alkoholiker und ähnliche Leute gibt, welche sich bei der Arbeitssuche deshalb oft sehr schwer tun und irgendwie fast nicht vermittelbar sind. Die brauchen auch Geld zum Überleben, setzen das dann jedoch meist sofort in Alkohol und ähnliche Sachen um. Was dagegen tun? Wegschauen, zuschauen oder draufhauen? Schwierig zu beantworten, denn hinter jedem Alkoholiker verbirgt sich schließlich ein persönliches Schicksal, das man nicht aus den Augen verlieren sollte. Außerdem gibt es unter ihnen auch Viele, die sich mit ihrer Situation arrangiert haben, beziehungsweise gar nicht wollen, daß man ihnen hilft oder etwas an ihrer Situation verändert. Da stellt sich dann zwangsläufig die Frage nach dem Selbstbestimmungsrecht und dem freien Willen des Einzelnen. Vielleicht sind diese Leute ja glücklich und zufrieden mit ihrem Leben, wer würde es wagen, das Gegenteil zu behaupten? Wir können das doch überhaupt nicht einschätzen, denn wir befinden uns in einer ganz anderen Lebenssituation und nur weil wir glauben, daß diese Menschen unsere Hilfe brauchen, heißt das noch lange nicht, daß dem auch so sein muß. Deshalb machen wir ihnen lediglich Angebote und sie können dann entscheiden, ob sie jene annehmen oder nicht. So sollte es jedenfalls sein, leider sieht die Realität nicht immer genauso aus.
Arbeitslosigkeit ist kein Verbrechen und Arbeit macht ganz bestimmt nicht frei. Oft schaut es eher so aus, daß diejenigen, die Arbeit haben, gerne mehr Freizeit hätten und die, die keine Arbeit haben, gerne auf einen Teil ihrer freien Zeit verzichten würden, wenn man ihnen eine Aufgabe geben würde. Da liegt die Lösung quasi auf der Hand, denn wenn die Einen statt 40 nur 20 Stunden in der Woche arbeiten würden, dann könnten die Anderen auch 20 Stunden malochen. Was in der Theorie recht einfach klingt, hält dem Praxistest leider nicht stand. Kein Arbeitgeber hat ein Interesse daran, für zwei statt einer Person Sozialabgaben zu entrichten, da läßt er lieber seinen Arbeitnehmer Überstunden machen bis es kracht. Außerdem würden die Arbeitenden dann ja auch nur noch die Hälfte von dem verdienen, was sie vorher hatten und daran haben die wiederum keinerlei Interesse. Von daher mutiert dieser viel versprechende Ansatz alsbald zu einer Totgeburt.
Was aber tun, um den sozialen Frieden im Land nicht zu gefährden? Gib dem Affen Zucker? Immer wieder hört und liest man von Millionengehältern oder enormen Abfindungen und Pensionen für Manager, Banker und Politiker. Da kocht der Volkszorn schnell hoch, weshalb man denen da unten auch ein paar Krümel hinschmeißen muß, damit die nicht aufbegehren und rebellieren. Wer arbeitet und sieht, was vom Bruttogehalt alles abgezogen wird und wie viel dann am Ende davon netto übrig bleibt, schüttelt verwundert den Kopf und versteht die Welt nicht mehr. Andererseits muß so ein Sozialstaat selbstverständlich auch finanziert werden, von daher hat das alles schon eine gewisse Berechtigung. Ungerecht finden es jedoch sehr viele Leute, daß diejenigen, welche ihr ganzes Leben lang Sozialbeiträge gezahlt haben, am Ende genauso viel bekommen wie die anderen Arbeitslosen, die vielleicht noch nie in ihrem Leben gearbeitet haben. Daran scheiden sich die Geister und doch zeigt die Komplexität der Thematik in erster Linie Folgendes: Arbeitslosigkeit ist ein Schicksal, das jede/n ereilen kann, im Grunde ist fast niemand davor gefeit und deshalb sollte man sich gut überlegen, was man selbst dazu und darüber sagt, denn es kann sehr leicht passieren, daß man sonst eines Tages mit den eigenen unbedachten Äußerungen konfrontiert wird und dann nicht mehr weiß, wie man aus der Bredouille, in die man sich selbst hineingeritten hat, wieder herauskommt. Zu mir ins Büro kommen jedenfalls etliche Menschen, die nicht gedacht hätten, daß es sie auch mal erwischen könnte, wieder Andere haben selbst gekündigt, weil sie es in ihrem Job nicht mehr ausgehalten haben, doch eines haben sie gemeinsam: Sie sind mit einer neuen, oft ungewohnten Lebenssituation konfrontiert und brauchen erst mal Zeit und Unterstützung, um wieder zurechtzukommen. Deshalb wäre es angebracht, wenn man ihnen das Gefühl gibt, daß sie es schaffen können und daß man ihnen so gut es geht helfen wird, die neuen Herausforderungen zu meistern.
So wie überall gibt es natürlich auch in jedem Hilfesystem Leute, welche jenes ausnutzen, um einen Vorteil daraus zu ziehen, doch das ist einfach unvermeidlich, weshalb man es nicht überbewerten darf, da sonst wieder einmal die Ehrlichen die Dummen sind. Nichtsdestotrotz sollte versucht werden, den Mißbrauch so weit wie möglich einzudämmen, aber auch die Arbeitslosen sind oft nicht dumm und wissen schon, was sie tun und sagen müssen, um das zu bekommen, was sie haben wollen. Die Welt in ihrer Komplexität zu begreifen, fällt oftmals nicht leicht, doch wenn man sich das Einzelne genauer anschaut, dann versteht man oft, was dahinter steckt.
Nun aber wieder zurück in die wunderbare Welt der Arbeitsvermittler, wo zum Beispiel folgende Aussprüche zu hören sind: „Wenn jemand das alles hier aufnehmen würde, dann würde man uns alle feuern.“ Das sagt doch schon Einiges über die Selbsteinschätzung der Beteiligten aus und für mich als Doppelagentin, Maulwurf und Spionin ist so ein Satz natürlich eine Ermutigung und Bestätigung, denn auch ich sehe die Gefahr, immer mehr vom System verschluckt zu werden, mich zu sehr anzupassen und irgendwann genauso zu werden wie all die Anderen auch. So kann man beispielsweise an der BA studieren und bekommt dafür monatlich auch noch 1000 Euro überwiesen, wovon alle anderen Studenten selbstverständlich nur träumen können. Aber so funktioniert es halt, denn weil nicht viele Leute diese Arbeit bei der Agentur toll finden, muß man sie natürlich locken, was in unserer Gesellschaft mit Geld nach wie vor am besten funktioniert. „Durch Zwang Chancen eröffnen“, lautet einer der tollen Leitsprüche im Amt und als ich den zum ersten Mal hörte, da wurde mir richtig schlecht. Aber die meinen das dort tatsächlich so. Sicherlich gibt es Menschen auf der Erde, die man zu ihrem Glück buchstäblich zwingen muß, da sie ansonsten nie etwas auf die Reihe kriegen und auch nicht glücklich werden, aber wenn dieses Motto für alle Arbeitslosen gelten soll, dann liegt in der Arge Einiges im Argen. Woher nehmen wir uns das Recht, zu bestimmen, was andere Menschen zu tun und zu lassen haben? Klar, da kommen jetzt gleich wieder die Besserwisser angeschissen und verweisen darauf, daß die Arbeitslosen ja quasi von der Agentur bezahlt werden und jener deshalb auch zur Verfügung stehen müssen, so wie die Arbeitnehmer ihrem Arbeitgeber. Jedoch handelt es sich beim erstgenannten Fall um einen Hungerlohn, wenngleich viele Arbeitgeber auch nicht so viel mehr bezahlen und außerdem braucht jeder Mensch in einem kapitalistischen System Geld zum Überleben. „Fordern und Fördern“, ist ja auch so ein schlauer Spruch und da kommen einem zum Beispiel diese Bildungsgutscheine in den Sinn, mit denen man dann irgendwo eine Ausbildung oder sowas in der Art beginnen kann. Alles manchmal gut gedacht, allerdings sehr oft schlecht gemacht, denn in manchen Fällen haut die Agentur die Kohle sinnlos zum Fenster raus, während sie in anderen knausert. Zurück in die Amtswelt, wo alles so öde, langweilig und banal ist, daß man gleich angeredet wird, wenn man mal ein Buch mit in den Raucherraum bringt. „Liest Du?“ „Nein, ich tu nur so.“ „Ach so.“ Dort ist alles gleich ein Riesending, weil alle so in ihrer Aktenwelt verstauben, daß sie froh über alles sind, was nicht mit der Arbeit zu tun hat. Über die Kundschaft wird natürlich ebenfalls richtig abgelästert, denn irgendwie muß man sich ja abreagieren. Dabei scheinen viele Lästermäuler oft und gerne zu vergessen, daß auch sie selbst auf der anderen Seite stehen könnten und ob sie dann so das Maul aufreißen würden, sei einmal dahingestellt. Zugegeben, manche Kunden können wirklich anstrengend sein und nerven, aber das ist noch lange kein Grund, zu vergessen, daß es sich bei ihnen um Menschen handelt und laut Grundgesetz ist die Würde des Menschen unantastbar, von daher sollte man sich da vielleicht doch ein wenig zurückhalten, denn ich glaube kaum, daß die Vermittler es gerne hätten, wenn man über sie so reden würde, wären sie arbeitslos. Gut, man kann nun entgegnen, daß die Arbeitslosen bestimmt auch über die Mitarbeiter der Arge herziehen, aber das ist dann doch etwas Anderes, da jene am längeren Hebel sitzen und Sanktionen verhängen können, wohingegen die Leistungsempfänger von ihnen und ihrem Wohlwollen abhängig sind. Damit wären wir dann endlich auch beim Thema Macht angelangt. Macht kaputt? Wohl kaum, denn wer etwas braucht, der ist nicht frei und niemand gesteht sich gerne ein, von irgendjemandem abhängig zu sein. Arbeitslos zu sein bedeutet ein schweres Los und nicht Wenige ertragen das nicht und bringen sich um. Aber das stört nicht Viele wirklich, da auf diese Art und Weise wieder ein Maul weniger gestopft werden muß. Da sitzen sich also zwei Menschen in einem Büro gegenüber, die sich erst einmal nur darin unterscheiden, daß der Eine von ihnen einen Job hat und der Andere nicht. Ist deswegen der Letztere ein schlechterer Mensch? Grundsätzlich natürlich nicht, doch wenn man manche Leute so reden hört, die sich über die stinkfaulen Hartz IV-Empfänger echauffieren, welche angeblich den ganzen Tag nur saufen, fernsehen und vögeln, dann gewinnt man schon den Eindruck, daß da auch ein bißchen Neid mit im Spiel ist. Die meisten Personen, die einen Job haben, wollen zwar nicht mit den Arbeitslosen tauschen, aber irgendwie stinkt es ihnen schon, daß sie in der Früh aufstehen und malochen müssen, während die Leistungsempfänger ihren Rausch ausschlafen können. Doch abgesehen davon, daß das Leben als Arbeitsloser bestimmt kein Zuckerschlecken ist, sollte man ebenfalls nicht darüber hinwegsehen, daß die Arbeitnehmer sich auch viel mehr leisten können, wenn sie nicht gerade schamlos ausgebeutet werden, was heutzutage wieder sehr in Mode gekommen zu sein scheint. Wenn man also über Macht spricht, dann muß man auf alle Fälle die da oben erwähnen, die oberen Zehntausend oder Hunderttausend, die sich das ganze Vermögen untereinander aufgeteilt haben und keinen Sinn darin sehen, etwas davon abzugeben. Ganz oben stehen die Milliardäre, die tun und lassen können was sie wollen, wenn sie nicht gerade in russischen Knästen sitzen und dann gibt es da ja auch noch jede Menge Millionäre, die ihr Leben ebenfalls genießen können. Aber oft sind diese Leute gar nicht wirklich glücklich, nichtsdestotrotz halten sie die Fäden in der Hand, denn in den meisten Fällen handelt es sich bei ihnen um die Arbeitgeber. Auch wir im DLZ sind darauf angewiesen, daß sich immer wieder Arbeitgeber finden, die bereit sind, Arbeitnehmer einzustellen, ansonsten wären auch wir arbeitslos. Genauso problematisch wäre es auf der anderen Seite, wenn alle Leute Arbeit hätten, denn dann hätten wir auch nichts zu tun und uns praktisch selbst überflüssig gemacht. Genau darin besteht die eigentliche Perversion des Systems: Wir dürfen bei der Arbeitsvermittlung nicht erfolglos, aber auch ja nicht zu erfolgreich sein, da wir sonst den Ast absägen, auf dem wir sitzen. Alles nicht ganz so einfach, genauso wie zum Beispiel im Gesundheitssystem. Kein Arzt hat ein Interesse daran, daß es nur noch gesunde Menschen gibt, denn das wäre sein beruflicher Untergang. Ganz schön verzwickt und auch die Pharmaindustrie will nicht wirklich, daß ihre Pillen helfen, weil sonst irgendwann keiner mehr welche kauft. Wie auch immer, das mit der Macht und der Verantwortung bleibt ein zweischneidiges Schwert. Die Arbeitslosen stehen irgendwie auf der untersten Stufe und bekommen natürlich den Druck von allen Seiten ab. Doch es gibt da auch diejenigen, die behaupten, uns würde es einfach allen viel zu gut gehen, was dazu führt, daß wir überhaupt keine Lust darauf haben zu arbeiten, weil man mit einem schlecht bezahlten Job finanziell auch nicht viel besser dasteht, womit die Lebensqualität im Vergleich zur Arbeitslosigkeit ganz schön sinkt. Alles nicht ganz von der Hand zu weisen, doch in erster Linie geht es darum, Licht ins Dunkel zu bringen.
In mein Büro kommen Menschen, die sich mit der Arbeitslosigkeit nicht abfinden wollen, was bedeutet, daß diese Leute meistens schon ein wenig motivierter als der gemeine Leistungsempfänger sind. Selbstverständlich gibt es auch unter ihnen schwarze Schafe, die genau wissen, daß ihr Konzept nicht funktionieren wird und die einfach nur die Gelder einkassieren wollen, aber das nur am Rande. Ich unterhalte mich gerne mit meinen Kunden, weil die sehr oft eine ziemlich interessante Lebensgeschichte zu erzählen haben und so ein bißchen Farbe in den sonst doch ziemlich eintönigen Büroalltag bringen. Man lernt sehr viel über die Menschen und erfährt manchmal die tollsten Sachen, jedoch muß ich natürlich zugeben, daß auch ich nicht ganz ohne Tricks arbeite, um ein bißchen was aus meinen Selbständigen in spe herauszukitzeln. Ich schreibe sie nämlich an und teile ihnen im in der Agentur üblichen Beamtenjargon mit, daß ich gerne mal mit ihnen über ihre Selbständigkeit sprechen möchte, was häufig dazu führt, daß sich die Leute im Vorfeld des Gesprächs jede Menge Gedanken und Sorgen machen, was ich denn von ihnen wollen könnte. Wenn sie mir dann gegenübersitzen und recht schnell merken, daß ich sie einfach nur kennenlernen und ein bißchen mit ihnen plaudern möchte, dann sind sie oft so erleichtert, daß sie alles Mögliche über sich und ihr Leben erzählen, was sie normalerweise nie preisgegeben hätten. Zugegeben, nicht ganz koscher, das Ganze und in gewisser Weise auch ein Machtmißbrauch, aber so sind wir Menschen halt mal. Im Amt haben wir natürlich auch Zugriff auf die ganzen Daten und Profile der bei uns registrierten Arbeitslosen und daß man das ausnutzt und sich anschaut, was denn die Ex-Freundin so macht, liegt natürlich auf der Hand. "Gelegenheit macht Diebe", heißt es schließlich nicht umsonst. Wir sind alle keine Engel und irgendwie muß man sich den öden Job ja interessant machen. Ach ja und da gibt es dann ja auch noch diese tollen Benimmregeln. Theoretisch dürfte man nichts über Amtsinterna nach draußen dringen lassen, aber daran hält sich eigentlich niemand, denn über was sollten wir sonst reden, schließlich ist unsere Arbeit das halbe Leben. In der Straßenbahn zum Beispiel sollen wir uns nicht über das DLZ beschweren, denn das würde die Öffentlichkeit verstören. Lauter solche tollen Vorschriften gibt es und daß die Bürokratie in Deutschland erfunden worden ist, scheint ja wohl auf der Hand zu liegen. Dann gibt es da ja auch noch den Vorwurf, daß sich die Bürokraten in gewisser Weise nur selbst verwalten, aber das mag vielleicht auf die Hauptzentrale der Agentur in Nürnberg zutreffen, wir in G. haben genug Arbeitslose, die es zu betreuen gilt. So sind beispielsweise die Fallmanager für die besonders schweren Fälle zuständig, zum Beispiel für Alkoholiker, Kiffer und solche Zeitgenossen. Ich dagegen begleite leistungsbereite Arbeitslose in die Selbständigkeit und das ist dann schon eher etwas Aufbauendes, auch wenn natürlich von vornherein klar ist, daß es die Meisten von denen auf dem freien Markt nicht leicht haben werden. Nichtsdestotrotz versuchen sie es wenigstens und allein das ist schon sehr lobenswert. Am Mittwoch ist Büroalltag, da kommt normalerweise keine Kundschaft zu mir, weshalb ich mich an jenem Tag meist sehr langweile, weil ich nicht weiß was ich machen soll und im Grunde unterfordert bin. Am Donnerstag müssen wir bis 18 Uhr bleiben, da gibt sich die Kundschaft, die wir natürlich herbestellt haben, die Klinke in die Hand. Aber das Tolle in so einem Amt ist ja, daß man viele Stunden mit den Kolleginnen verquatschen kann, ohne daß sich jemand daran stört. Was für ein phantastisches Leben!
Kommen wir nun wieder zu etwas Abstrakterem, nämlich der so genannten Nationalitätenpsychologie. Jene betrachtet die einzelnen Völker und Kulturen recht differenziert und analysiert sie tiefgehend. Beim deutschen Volk stellt sich das etwas schwierig dar, denn nach dem Zweiten Weltkrieg gab es recht bald sowohl die amerikanischen als auch die russischen Deutschen und die wurden von ihren Besatzern jeweils sehr stark beeinflußt. Doch wenn man sich die Deutschen mal ohne diese Manipulationen genauer anschaut, dann erkennt man recht schnell, daß es sich bei ihnen um ein sehr autoritätshöriges Volk handelt, das Befehle gerne befolgt und ausführt, was man ja in den zwölf Jahren zwischen 1933 und 1945 sehr gut beobachten konnte. Die Deutschen als solche gehören nicht gerade zu den rebellierenden Völkern, 1989 war da die Ausnahme, sondern leben viel lieber unter einem Kaiser, König oder Diktator, weil sie da die Verantwortung abgeben und die Schuld weiterschieben können. Grundsätzlich kann man die Deutschen als eher sachliches, nüchternes (dabei geht es nicht um den Alkoholkonsum), ernstes, korrektes, vielleicht sogar pedantisches Volk bezeichnen. Alles muß seine Ordnung haben, Recht und Gesetz spielen eine entscheidende Rolle. Man erkennt das auch daran, wie ein Land im Sport auftritt, die letzten Fußballweltmeisterschaften waren da die Ausnahme, doch früher gewannen die Deutschen ihre Spiele wegen ihres Kampfes und ihrer Disziplin. Das Bild der deutschen Panzer, die erbarmungslos voranrollen, wurde auf der ganzen Welt zum Sinnbild der Kampfkraft dieses mitteleuropäischen Volkes. Auch eine gewisse Zwanghaftigkeit kann man den Deutschen nicht absprechen, bei ihnen muß immer alles ganz genau sein, was einem dann besonders auffällt, wenn man irgendeinen Antrag für ein Amt auszufüllen hat. Die Deutschen lieben natürlich auch das gesellige Beisammensein und die Gemütlichkeit, sie sind nicht offen emotional, sondern eher zurückhaltend, was ihre Gefühle angeht. Pünktlichkeit spielt eine wichtige Rolle, auch wenn die Deutsche Bahn in diesem Punkt nicht immer überzeugend abschneidet. Selbst so etwas wie soziale Gerechtigkeit zählt zu den zentralen Themen, doch wenn es um die Umsetzung geht, dann gehen die Meinungen weit auseinander. „Sozial ist, was Arbeit schafft“, meinte dazu vor einigen Jahren eine große konservative Volkspartei, wozu einem Abgeordneten der Sozialdemokraten nur einfiel, der Spruch erinnere ihn an den Nazi-Slogan „Arbeit macht frei“. Daraufhin war die Empörung natürlich mal wieder groß und das ist auch irgendwie typisch deutsch. Über die Vergangenheit wird nicht gerne geredet, insbesondere nicht über die zwölf Jahre unter Führer Hitler, welche von einer ganzen Generation in den Orkus der Verdrängung und Vergessenheit geschickt wurden. Leistungsbereitschaft und Ehrgeiz zeichnen das deutsche Volk aus, es geht um Pflichterfüllung, ganz im Gegensatz zum Beispiel zu den Südeuropäern, bei denen die Lebensfreude doch auch eine entscheidende Rolle spielt. Nicht umsonst wurden die Deutschen schon des Öfteren mit Robotern und Kampfmaschinen verglichen. Man kann also erkennen, daß sich jedes Volk sein eigenes System schafft, wenn es nicht gerade einen Weltkrieg angezettelt und verloren hat, doch im Vergleich zum amerikanischen Kapitalismus geht es in Deutschland noch relativ gemäßigt zu. Und damit wären wir auch schon bei einer entscheidenden Sache angelangt: Wenn man über den eigenen Tellerrand hinausschaut, andere Völker betrachtet und deren Sozialsystem unter die Lupe nimmt, dann erkennt man recht schnell, was man hat.
Niemand würde behaupten, daß der deutsche Sozialstaat der Beste der Welt wäre, aber im Vergleich mit den anderen Nationen schneiden wir dann doch nicht so schlecht ab, wie wir uns vielleicht gerne einreden würden. Nicht umsonst versuchen viele Flüchtlinge nach Deutschland zu gelangen und auch so genießt das deutsche Sozialsystem weltweit einen sehr guten Ruf. Was ist davon zu halten? Nun ja, in anderen Ländern legt man halt zum Beispiel viel mehr Wert auf Eigenverantwortung, wie zum Beispiel in den USA oder Großbritannien. Anderswo, wie in Schweden, ist der Sozialstaat noch besser ausgebaut, aber das hat natürlich alles sehr viel mit den Völkern, deren Geschichte, Kultur und Weltanschauung zu tun. Man vergleicht natürlich immer gerne damit, wie es früher war und da muß man dann schon zugeben, daß die Arbeitslosen unter Bundeskanzler Kohl finanziell besser dastanden und auch nicht so schikaniert wurden. Zur Wahrheit gehört aber auch, daß es so sowieso nicht weitergegangen wäre, eine schwarz-gelbe Regierung hätte zweifellos etwas Ähnliches wie Hartz IV in die Welt gesetzt, zum Beispiel Biedenkopf III oder sowas in der Art. Die soziale Hängematte war Ende der 90er Jahre ziemlich ausgeleiert und mußte deshalb neu geknüpft werden. Da kann man den Unmut in der Bevölkerung natürlich durchaus nachvollziehen, denn was man gehabt hat, das will man behalten und nicht vermissen. Das Wort Reform sorgt bei vielen Deutschen allein bei seiner Nennung schon für einen Hautausschlag, denn Reformen bedeuten fast immer eine Verschlechterung, ganz gleich ob im Gesundheitswesen oder auf dem Arbeitsmarkt. Allerdings muß man den Politikern zugute halten, daß sie wenigstens was gemacht haben, denn daß es so wie bisher nicht mehr weitergehen konnte, war allen Experten klar gewesen. Allerdings zeigte sich vor einigen Jahren recht schnell, in welche Richtung der Zug fahren sollte, nämlich aufs soziale Abstellgleis. Die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe wurde in fast allen politischen Lagern befürwortet, jedoch hatte man nicht unbedingt damit gerechnet gehabt, daß man als gemeinsame Meßlatte den Sozialhilfesatz hernehmen würde, noch dazu, da es sich seinerzeit um eine rot-grüne Bundesregierung handelte. Zusätzlich wurde die Zeitarbeit mehr oder weniger gepusht und das führte zu den Zuständen und Problemen, mit denen wir heute zu kämpfen haben. Man möge mich bitte nicht falsch verstehen; wenn ich ein Arbeitgeber wäre, dann hätte ich auch keine Lust darauf, meine Arbeitnehmer bezahlen zu müssen, auch wenn ich gerade nichts für sie zu tun habe, aber es geht bei der ganzen Angelegenheit eben auch darum, abzuwägen und die Interessen der Arbeitnehmer ebenso zu berücksichtigen. Man kann alles begründen und aus wirtschaftlicher Sicht macht Vieles Sinn, jedoch hat man in Deutschland das Gefühl, daß es nur noch darum geht, die Wirtschaft zu fördern und die Arbeitenden sowie die Arbeitslosen zu fordern und ob das der Weg zum Glück sein kann und wird, das sei einmal dahingestellt. Wenn die Armen eines Tages nichts mehr zu verlieren haben, dann werden sie sich erheben und für alles rächen, was man ihnen angetan hat. Noch schweigen sie, weil sie gerade so über die Runden kommen und sich mit ihrer prekären Situation irgendwie arrangiert haben, aber das heißt nicht, daß es immer so sein wird. Die Kinder von vielen Hartz IV-Empfängern stellen sich schon sehr früh darauf ein, später ebenfalls zu den Arbeitslosen zu zählen und das sollte allen Politikern sehr zu denken geben, denn wenn die intrinsische Motivation bereits am Anfang des Lebens fehlt, dann weiß man, was man von den Leuten später zu erwarten hat.
Pulsuz fraqment bitdi.