Kitabı oxu: «Die seelische Dimension von Krankheiten»

Şrift:

Thomas Vetter

DIE SEELISCHE DIMENSION VON KRANKHEITEN

Eine kritische Betrachtung unseres aktuellen

Krankheitsverständnisses

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2017

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Vorwort

Seit 30 Jahren bin ich als Nervenarzt im Krankenhaus tätig. Ich habe mich stets bemüht, das Wohl von Patienten als oberste Richtschnur meines ärztlichen Handelns zu sehen. Ich weiß, dass die allermeisten Ärzte dies ebenso sehen. Ich halte dies für eine selbstverständliche Pflicht des Arztes, aber auch für eine sehr hohe Verantwortung. Denn Patienten sind darauf angewiesen, ihrem Arzt vertrauen zu können. Ihnen fehlt das medizinische Wissen und die medizinische Erfahrung, um über die richtige Behandlung zum richtigen Zeitpunkt entscheiden zu können und die Chancen und Gefahren einer Behandlung abschätzen zu können. Aufklärung der Patienten hierüber vor einer Behandlung, die unbedingt notwendig ist, kann diese Fragen nur streifen, aber nicht in ihrer Dimension und Vielschichtigkeit so umfassend darlegen, dass sie die Patienten in die Lage versetzt, eine wirklich eigenverantwortliche, umfassend informierte und selbstsichere Entscheidung zu treffen. Zudem befinden sich Patienten, insbesondere dann, wenn sie ernsthaft krank sind, in einer Art Ausnahmezustand. Ihr Befinden und Denken wird beherrscht von gesundheitlichen Beschwerden als Ausdruck der Krankheit und auch von der Sorge um die weitere Entwicklung der Krankheit und die Frage der Genesung. Ernsthafte Erkrankungen gehen insofern mit Angst einher. Angst ist ein schlechter Ratgeber und behindert die Fähigkeit zur Entscheidung. Deshalb tragen Ärzte eine sehr große Verantwortung für ihre Empfehlungen und Entscheidungen im Umgang mit der Krankheit, besser im Umgang mit dem Patienten.

Sie können aber auch nur nach bestem Wissen und Gewissen empfehlen und entscheiden. Ihre Empfehlungen und Entscheidungen hängen ab vom Umfang ihrer ärztlichen Fähigkeiten, die wiederum abhängig sind vom aktuellen Stand medizinischen Wissens, von den Empfehlungen anderer Ärzte und medizinischer Wissenschaftler, vom Ergebnis wissenschaftlicher Studien, von den eigenen ärztlichen Erfahrungen und der Art, wie diese gesammelt wurden. Es sind dabei manchmal auch Faktoren im Spiel, die sich noch an anderen Interessen als ausschließlich dem Patientenwohl orientieren; wie wirtschaftliche Interessen, Prestige oder Zukunftserwartungen für medizinische Entwicklungen.

Nun habe ich in meinem Berufsleben beobachten können, wie sich Medizin und Behandlungsmaßnahmen von Krankheiten wandeln. Eine Behandlung einer Krankheit, die vor zwanzig Jahren noch als notwendige Behandlungsmaßnahme galt, spielt heute keine Rolle mehr. Andere Behandlungsmaßnahmen gelten als notwendig. Zudem gibt es oft sehr unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten zu ein und derselben Krankheit. Eine Krankheit zum Beispiel, die man operieren kann, aber ebenso gut mit Medikamenten oder Physiotherapie behandeln kann. Darüber hinaus macht man als Arzt immer wieder die Erfahrung, dass auch ohne eine Behandlung Heilung eintreten kann. Es kann sich dabei um Krankheiten handeln, für die nach aktuellem Wissensstand eine bestimmte Behandlung als notwendig und unabdingbar gilt, die aber doch nicht zum Einsatz kommt, zum Beispiel weil der Patient sie ablehnt. Wir wissen zudem, dass es Medikamente gibt, die als sogenannte Scheinmedikamente gelten (Placebos), aber trotzdem wirksam sind, weil mit der Gabe eines solchen Medikaments allein die Erwartung verabreicht wird, dass sie helfen.

Woran liegt das? Die Medizin ist keine exakte Wissenschaft. Die Einflussfaktoren sind zu vielfältig. Sie funktioniert nicht allein nach Naturgesetzen. Deshalb tritt nicht regelmäßig das ein, was man vorher sagt oder erwartet, sondern allenfalls mit einer gewissen statistischen Wahrscheinlichkeit. Der einzelne betroffene Kranke ist aber kein mathematisch statistischer Faktor, sondern ein Mensch mit dem individuellen und nicht statistischen Wunsch nach Hilfe und Genesung.

Wir Ärzte sind in der heutigen Biomedizin fokussiert auf die Körperlichkeit des Patienten und damit auf Untersuchungs- und Behandlungsansätze, die sich auf den Körper richten. Selbst als seelisch geltende Krankheiten wie Depressionen oder Angsterkrankungen werden ja mit Medikamenten behandelt, die Stoffwechselvorgänge im Gehirn beeinflussen sollen und damit körperliche Vorgänge beeinflussen. Als Biomediziner glauben wir deshalb, dass die allermeisten Krankheitsvorgänge eine körperliche Ursache haben und mit Einflussnahme auf den Körper behandelt werden können und müssen - sei es durch Operation, durch Medikamente oder durch Zerstörung krankhaften Gewebes mit Röntgenstrahlen oder Zellgiften. Die vergangenen Jahrzehnte haben uns Ärzte in dieser Anschauung bestärkt, denn die auf die körperliche Beeinflussung gerichteten Behandlungsmethoden haben sich derart verfeinert, dass heute Krankheiten als behandelbar gelten, die vor hundert oder selbst vor zwanzig Jahren als noch nicht wirksam behandelbar galten. Ein Beispiel hierfür ist die Tuberkulose oder auch die Multiple Sklerose.

Ich bin in meiner Laufbahn als Arzt, trotz unbestreitbarer Erfolge biomedizinischer Verfahren, immer mehr zu der Überzeugung gelangt, dass Krankheiten eben kein ausschließlich biologischer, d.h. körperlich materialistischer Vorgang sind. Die Vielzahl gesundheitlicher Störungen und unterschiedlicher Verläufe bei ein und derselben Krankheit, das unterschiedliche Ansprechen auf bestimmte Behandlungsmethoden, die Abhängigkeit von Schwere und Verlauf der Krankheiten von psychischen Faktoren oder den Bedingungen im sozialen Umfeld, auch das Bild, das Ärzte und Patienten von einer Krankheit haben und nicht zuletzt wirtschaftliche Interessen und Interpretation wissenschaftlicher Erkenntnisse haben nach meiner Überzeugung einen viel größeren Einfluss auf Krankheitsentstehung, Behandlungsmöglichkeit und Krankheitsverlauf, als dies heute in der Biomedizin angenommen wird. Dabei sind die körperlich sicht- oder messbaren Äußerungsformen von Krankheit, zum Beispiel durch körperliche Untersuchungsverfahren, Laboruntersuchungen oder Röntgenuntersuchungen feststellbar, nichts anderes als die letztlich im Krankheitsverlauf sich entwickelnden körperlichen Folgeerscheinungen.

Ich möchte in dem vorliegenden Buch darüber sprechen, dass Krankheiten auch einen seelischen Ursprung haben, man kann auch sagen einen geistigen oder psychischen Ursprung. Ich möchte aber auch besprechen, dass Krankheiten in der Art ihrer Wahrnehmung, ihrer Beschwerden, die sie verursachen, ihren Behandlungs- und Beeinflussungsmöglichkeiten und in ihrem Verlauf wesentlich von seelischen Einflüssen abhängen. Selbst einem Beinbruch geht ja eine Bedingung voraus, die zum Beinbruch führt, d.h. der Mensch, der sich das Bein bricht, setzt sich einer Situation aus oder wird einer solchen Situation ausgesetzt, die zum Beinbruch führt. Diese Situationen sind Bedingungen, die nicht biologisch oder körperlich erklärbar sind, sondern mit einer seelischen oder geistig psychischen Dimension besser vereinbar sind.

Was in diesem Buch genauer unter seelischer Dimension zu verstehen ist, soll noch dargestellt werden. Auch die Vielfalt der seelischen Bedingungen für Krankheit, wie ich sie verstehe, wird Inhalt dieses Buches sein.

Auch wenn derzeit die biomedizinische Sichtweise auf Krankheit als fortschrittlich und wirksam gilt und zudem zunehmende Verbreitung in der Welt findet, befürchte ich, dass diese Sichtweise zunehmend an ihre Grenzen stößt und nur noch bescheidene Fortschritte erwarten lässt. Außerdem sehe ich viele Hinweise darauf, dass die heutige biomedizinische Sichtweise auch erhebliche Probleme verursacht und nicht nur Behandlungserfolge, sondern auch Behandlungsmisserfolge zu verzeichnen hat. Auch dies soll in diesem Buch näher erörtert werden.

Schließlich muss das vornehme Ziel jedes kritischen Blicks auf bestehende Verhältnisse und Sichtweisen sein, nach Besserem zu suchen. In der Hilfe und Behandlung kranker Menschen bedeutet dies nicht ein Ersetzen einer Methode durch eine andere, sondern über einen anderen Blick auf die Zusammenhänge und Hintergründe die Sichtweise und Wahrnehmung zu verändern. Denn dies ist Voraussetzung dafür, dass neue oder andere Behandlungsmethoden überhaupt erst eine Wirksamkeit entfalten können.

Denn gerade Krankheiten sind so sehr abhängig von einem Wechselspiel zwischen unseren eigenen Wahrnehmungen, der Wahrnehmung anderer, der geschichtlichen Entwicklung, unserem Bild von Krankheit, unserer Stellung in der Gesellschaft und der Art des Umgangs der Gesellschaft mit Krankheit, unseren ganz persönlichen Lebensbedingungen und der Art der Kommunikation und des Austauschs mit unserer Umwelt, aber auch von unserem Körperbild und unserer Körperlichkeit. Es besteht also eine Abhängigkeit von unserem Weltbild und das unserer Umgebung. Insofern ist nicht nur unser Bild von einer Krankheit, sondern auch die Krankheit selbst mit allen ihren Konsequenzen wandelbar durch Veränderung seelischer bzw. auch geistig psychischer Bedingungen.

Das vorliegende Buch wird sich mit diesen Fragen auseinandersetzen. Es verfolgt nicht das Ziel, Verunsicherung zu stiften. Denn nicht nur wer ärztlich handelt, sondern auch wer eine kritische Diskussion darüber führt, trägt eine hohe Verantwortung für das Wohlergehen von Patienten. Ganz bewusst sollen hier keine Behauptungen und Lehrsätze formuliert werden, sondern das hier Dargelegte als Hypothesen, d.h. Möglichkeiten einer Sichtweise formuliert werden. Es soll in erster Linie dem Nachdenken darüber dienen, was sich in der Hilfe und Behandlung kranker Menschen verbessern lässt.

Der Wert von Hypothesen und Möglichkeiten bemisst sich letztlich an ihren praktischen Konsequenzen und der Frage, ob diese erkennbar zu einer Verbesserung beitragen.

Die Aussicht auf wirksamere Behandlungsmethoden wird sich nur in einem längeren Prozess gesellschaftlicher Diskussion und Wechselwirkung entwickeln. Das vorliegende Buch soll hierzu einen bescheidenen Anstoß geben.

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Einleitung

Was ist hier mit Seele gemeint?

Was ist Krankheit?

Das biomedizinische Krankheitsverständnis

Das materialistisch-mechanistische Krankheitsbild in der Biomedizin

Das biomedizinische Verständnis von Krankheitsursachen

Problem der Klassifikation und Untergliederung von Krankheiten

Das Problem statistischer Bewertungen in der Biomedizin

Das Problem der Grenzwertbestimmung in der Biomedizin

Das Problem nichtmedizinischer Interessen in der Biomedizin

Das Problem der Wissenschaftlichkeit in der Biomedizin

Die Provokation von Krankheiten durch Biomedizin

Das Problem der Prävention

Die Biomedizin bei alten und sterbenden Menschen

Die Bedeutung der Biomedizin

Der Anteil seelischer Dimension von Krankheiten

Placebo, Nocebo

Der spirituelle Bezug zu Krankheiten

Krankheiten mit gesichertem seelischen Ursprung

Neurosen

Persönlichkeitsstörungen

Depressionen

Psychosomatische Störungen

Gemeinsamkeiten von Krankheiten mit gesichertem seelischen Ursprung

Der Einfluss der Umwelt auf Krankheit

Kindheit und Jugend

Die Bedeutung der Gene

Die Gesellschaft

Gesellschaftliche Einflüsse auf Krankheit

Der Wandel des Krankheitsverständnisses

… in der Sicht auf die Vergangenheit

… in der Sicht auf die Gegenwart

… in der Sicht auf die Zukunft

Was gilt in der Heilung zu allen Zeiten?

Vertrauen

Einfühlungsvermögen

Plausibilität

Vermittlung von Hoffnung und Zuversicht

Glaube

Ein anderes Krankheitsverständnis

Weg von der biomechanisch-materialistischen Sicht

Weg von der Kategorisierung von Krankheiten

Weg von den katastrophisierenden Bildern

Hin zu individuellen Gesundheitsstörungen

Hin zu seelischen Bedingungen von Krankheit

… für die Ursache einer Krankheit

… für den Verlauf und die Aufrechterhaltung einer Krankheit

… für die Prognose einer Krankheit

Das Phänomen der nicht wissenschaftlich erklärbaren Heilungen

Selbstheilungskräfte

Wunderheilungen in der Geschichte

Spontanheilungen

Krankheit als gestörtes seelisches Gleichgewicht

Therapeutische Konsequenzen

Individuelle Behandlung

Behandlung der seelischen Anteile bei Krankheit

Wie behandeln?

Änderung des medizinischen Weltbildes

Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Wir nehmen heute Krankheiten ganz vorrangig als körperliches Phänomen wahr. Ein Beinbruch wird von uns als zerbrochener Knochen, zum Beispiel im Unterschenkel, wahrgenommen. Wir wissen, wie ein Röntgenbild hierzu ausschaut und wissen, dass die Behandlung das Ziel verfolgen muss, dass beide Knochenenden wieder zusammenwachsen. Selbst eine psychische Krankheit, wie Depression oder Schizophrenie, gilt uns als eine Art Stoffwechselerkrankung des Gehirns, die dadurch behandelt wird, dass über entsprechende Medikamente zu gering vorhandene Enzyme oder Übertragungsstoffe im Gehirn ersetzt werden oder deren Aktivität angeregt wird. Unsere allgemeine Vorstellung von Ursache, Bild und Behandlung von Krankheiten ist eine vorrangig körperliche. Wir forschen mit Laboruntersuchungen, Röntgen und körperlicher Untersuchung nach der vermeintlichen Krankheitsursache. Wir identifizieren Regionen im Körper mit Funktionsstörungen als Ursache und Ausdruck der Krankheit und wir versuchen mit entsprechenden, auf die Veränderung der Körperfunktion gerichteten Behandlungsmaßnahmen diese Krankheit zu beeinflussen.

Die seelische Dimension von Krankheiten ist uns eher nicht bewusst, egal, ob wir als Kranker betroffen sind oder als Arzt tätig sind. Als Kranker fühlen wir uns nicht wohl, wir haben Angst vor den Ergebnissen der Untersuchungen und den hieraus resultierenden Konsequenzen. Gegebenenfalls haben wir auch Hemmungen, unsere Angehörigen in Kenntnis zu setzen. Wir halten dies aber für resultierende Probleme und Begleiterscheinungen der Krankheit, die es zusätzlich zu bewältigen gilt, die aber nichts unmittelbar mit der Krankheit zu tun haben.

Was führt zu dem Bild, das wir von einer Krankheit haben, wie z.B. Beinbruch, Krebs oder Depression? Inwieweit haben unsere wissenschaftlichen Methoden in der Diagnostik und Behandlung von Krankheiten eine objektiv gesicherte Grundlage? Welche nicht krankheitsspezifischen Interessen spielen hierbei möglicherweise eine Rolle, wie z.B. das wirtschaftliche Interesse der Pharmaindustrie oder das Reputationsinteresse der Hochschulmedizin? Unser Bild von der Krankheit wird ja wesentlich von der herrschenden medizinischen Meinung, aber auch von dem Blickwinkel unserer unmittelbaren Umgebung geprägt. Hier spielen subjektive Ansichten, einseitige Interpretation von wissenschaftlichen Erkenntnissen, aber auch wirtschaftliche Interessen eine Rolle. Wie anders wäre es zu erklären, dass große Teile der Bevölkerung regelmäßig Vitaminpräparate zu sich nehmen oder Cremes zur vermeintlichen Verhinderung von Gesichtsfalten benutzen, obwohl alle wissenschaftlichen Studien die Unwirksamkeit dieser Anwendungen bestätigen? Es besteht auch das Bedürfnis, etwas für seine Gesundheit zu tun, was sich ggf. auch über trockene wissenschaftliche Erkenntnisse hinwegsetzt.

Man kann beliebige Krankheiten näher betrachten und findet überall Phänomene, die der seelischen Dimension von Krankheiten zuzuordnen sind.

Ich möchte in dem vorliegenden Buch versuchen deutlich zu machen, wie groß und vielschichtig die seelische Dimension von Krankheiten ist. Ich möchte mit dem Buch aber auch zum Nachdenken darüber anregen, dass seelische Phänomene nicht nur eine Rolle im Medizinsystem und krankheitsbegleitend spielen, sondern ganz wesentlich auch Bedeutung für Ursache, Entwicklung, Wirksamkeit von Behandlungen und für Verlauf einer Krankheit haben. Hierbei haben sie möglicherweise die entscheidende Bedeutung. Wenn das so ist, dann hätte dies auch Folgen für das bestehende Gesundheitssystem und den Umgang mit Krankheiten. Die seelischen Phänomene bei Krankheiten müssten sehr viel mehr in den Fokus von Ursachenforschung und Behandlung bei Krankheiten genommen werden. Sie dürften von Therapeuten wie von Betroffenen nicht mehr ausgeblendet werden. Im Gegenteil, der Umgang mit Krankheiten müsste grundsätzlich zuerst hier ansetzen und, daraus abgeleitet, die aktuell herrschenden Behandlungsprinzipien auswählen. Ein solches Vorgehen würde sowohl unser körperbezogenes Bild von Krankheit wie auch das aktuell etablierte Gesundheitssystem umfassend verändern.

Es gibt bereits umfangreiche Veröffentlichungen, die sich kritisch mit unserer derzeitigen Art Medizin zu betreiben, auseinandersetzen, insbesondere in den letzten Jahren. Auch namhafte Ärzte der letzten hundert Jahre haben aus geisteswissenschaftlichem Blickwinkel immer wieder auch die seelischen Dimensionen von Krankheiten angesprochen.

Aber die letzten hundert Jahre zeigen auch einen Trend hin zu immer differenzierterer Diagnostik und Behandlung, die auf den Körper und dessen innere Vorgänge gerichtet sind. Selbst die Psychiatrie als eher geisteswissenschaftlich ausgerichtetes medizinisches Fach hat sich in den letzten 50 Jahren immer mehr hin zu einem biomedizinisch orientierten Fach entwickelt, welches seinen Schwerpunkt auf stoffwechselbedingte Vorgänge und Veränderungen im Gehirn und deren Behandlung mit Psychopharmaka richtet.

Eine Änderung der Prinzipien im Umgang mit Krankheit ist von erheblichen Widerständen begleitet. Herrschende Lehrmeinungen zu verteidigen ist nicht nur eine Verteidigung von Privilegien, sondern auch eine Verteidigung von Überzeugungen. Die Infragestellung dieser Überzeugungen führt nicht automatisch zu einer Veränderung der Überzeugungen. Unsere pluralistische Gesellschaft gerät nicht durch unterschiedliche, nebeneinander existierende Überzeugungen aus den Fugen. Sie ist aber auf die Mehrheitsfähigkeit von Überzeugungen angewiesen. Dies gilt sowohl im politischen System als auch im Umgang mit Krankheit. Insofern ist eine Änderung des medizinischen Systems nur in kleinen Schritten möglich und mehrheitsfähig nur dann, wenn sich Alternativen anbieten, die überzeugend besser sind als das, was aktuell besteht. Also: Eine Hinwendung auf die seelischen Dimensionen von Krankheit im Umgang mit Kranken muss in der Konsequenz eine überzeugendere Wirksamkeit entfalten.

Das vorliegende Buch wird keine Abschaffung bisheriger Behandlungsprinzipien zugunsten neuer oder anderer Behandlungsprinzipien propagieren. Es will lediglich dafür sensibilisieren, dass die Berücksichtigung seelischer Phänomene bei Krankheitsentstehung und -behandlung Aussicht auf einen besseren Umgang mit Krankheit und für größere Erfolge in der Behandlung bietet.

Was ist hier mit Seele gemeint?

Der Begriff der Seele hat in seiner Bedeutung Wandlungen erfahren. Überwiegend wurde in der Seele der nichtkörperliche Teil menschlicher Existenz verstanden, wie Gefühle, Denken, Impulse, Charakter und Persönlichkeit.

Der Begriff der Seele war auch stets religiös besetzt und drückt sich in Formulierungen wie „die Unsterblichkeit der Seele“ oder „Seelenwanderung“ aus. Hiernach gilt die Seele als nichtmaterielle Existenz, die jeweils von Geburt bis Tod mit einem Menschen verknüpft ist und über dessen Tod hinaus weiter existiert.

In dem vorliegenden Buch ist die religiöse Dimension der Seele ausdrücklich nicht gemeint.

Für Seele im hier gemeinten Sinne könnte überwiegend auch der Begriff Psyche oder Geist verwendet werden. Es geht um die menschlichen Eigenschaften des Denkens, Fühlens, Wollens, Handelns, Bewertens, die nicht unmittelbar körperlichen Ursachen zuzuordnen sind. Sie sind zwar auf die Existenz des Gehirns als körperliches Organ angewiesen. Aber wir gehen hier davon aus, dass sie nicht allein auf Vorgänge des Gehirns zurückzuführen sind, sondern das Gehirn und die übrigen Körpervorgänge eine Art Unterstützungsfunktion für die Seele haben. Die Seele ist hier also im Sinne eines primären menschlichen Phänomens mit umfassenden Prägungen durch und Verknüpfungen in die Umwelt und Gesellschaft zu verstehen, die, um wirksam sein zu können und Handlungen initiieren zu können, auf den Körper mit dem Steuerorgan Gehirn angewiesen ist. Vom Gehirn ausgehend werden Sprechwerkzeuge zur Kommunikation, aber auch Muskeln und Gelenke zur Handlung und Fortbewegung angeregt.

Allerdings fasse ich hier den Körper nicht als seelenlosen Apparat oder Automat auf, der nur von einer immateriellen, nicht lokalisierbaren Seele gesteuert wird. Sondern Körper, Umwelt und Seele bilden eine Einheit. Die Seele ist sozusagen in jeder Zelle des Körpers verankert. Die Seele existiert so nicht ohne Körper und der Körper nicht ohne Seele. Danach haben auch als schwer geistesgestört geltende Menschen oder sogenannte Wachkomapatienten eine Seele, die Einfluss auf Handlungen, Denken und Fühlen nimmt, nur anders und vielleicht elementarer. Die Seele ist also im hier gemeinten Sinne eine eigene Kategorie, eine eigene Instanz und der Körper ein Erfolgs-, Ausführungs- und Handlungsorgan mit Rückkopplungen auf die Seele. Zudem wirkt die Seele ebenso auf die unmittelbare Umwelt und diese auf sie zurück. Denn das, was wir in der Umwelt wahrnehmen, bleibt nicht ohne Folgen auf die Seele. Die Seele beeinflusst wiederum die Umwelt, zum Beispiel durch Geschriebenes oder Gesprochenes, durch Bauwerke und Interaktionen von Menschen.

Deshalb verwende ich hier nicht die Begriffe Psyche oder Geist. Denn die seelische Dimension geht darüber hinaus und hat auch Bedeutung für Fragen nach dem Sinn, den Werten, unserer Art der Wahrnehmung und nach dem, was wir glauben. Die Frage nach der Unsterblichkeit der Seele oder der Seelenwanderung soll hierbei völlig außer Acht bleiben. Aber bei Fragen wie Sinn des Lebens, Werte, Liebe, Glauben, also Phänomene, die nicht mit wissenschaftlichen Kategorien zu erfassen sind und zudem in der allgemeinen Wahrnehmung nicht als automatische Verschaltungsvorgänge des Gehirns aufgefasst werden, handelt es sich um seelische Vorgänge, die auch eine gewisse Nähe zu religiösen Fragen haben können, und zwar in dem Sinne, dass Religionen sich mit dem Sinn des Lebens, Glauben und Liebe sowie Gut und Böse auseinandersetzen.

Gerade bei Krankheit spielen diese seelischen Phänomene eine ganz wichtige Rolle und können die Krankheit wesentlich beeinflussen.

Der Begriff „seelische Erkrankungen“, der noch immer für psychiatrische Erkrankungen gilt, meint hier allerdings vorrangig psychische Erkrankungen, die nach biomedizinischen Krankheitsverständnis eine körperliche Ursache, und zwar im Gehirn, haben, die sich aber ganz vorrangig in psychischen Auffälligkeiten äußern und auch einer bestimmten Lokalisation im Gehirn nicht hinreichend zuordenbar sind. Demnach gelten hier seelische Erkrankungen als Erkrankungen körperlicher Ursache, deren weitere Erforschung zu dem Ergebnis kommen wird, dass eines Tages ihre Ursachenzusammenhänge bestimmten und nachweisbaren gestörten Vorgängen im Gehirn zugeordnet werden können.

Diese Auffassung wird hier ausdrücklich nicht geteilt. In diesem Buch gelten seelische Erkrankungen als Beeinträchtigung seelischer Vorgänge im individuellen seelischen Bereich des ganzen Menschen und in der Interaktion mit seiner Umwelt.

Nicht nur die seelischen Erkrankungen möchte ich hier in diesem Sinne interpretieren. Auch alle denkbaren Krankheiten haben immer auch eine seelische Dimension. Es handelt sich in der Konsequenz dabei auch um seelische Erkrankungen im hier genannten Sinne. Psychische und körperliche Erkrankungen unterscheiden sich insofern nicht grundsätzlich voneinander, da bei beiden die seelischen Dimensionen von maßgeblicher Bedeutung sind. Sie gründen damit aber auch beide nicht vorrangig auf körperliche Ursachen.

Was ist Krankheit?

Es mag verwundern, aber Krankheit ist kein einheitliches und klar definiertes Phänomen. Wir alle kennen Krankheiten, von denen wir oder auch Angehörige oder Bekannte betroffen waren oder sind. Krankheiten, von denen wir gehört haben oder von denen wir in medizinischer Ausbildung oder in den Alltagsmedien etwas erfahren haben. Eine Krebserkrankung, ein Schlaganfall oder ein Bandscheibenvorfall scheint eine klar definierte Erkrankung zu sein. Aber der Krankheitsbegriff scheitert schon bei dem Versuch einer allgemeinen Definition von Krankheit. Es kann der Versuch unternommen werden, eine Krankheit als das Gegenteil von Gesundheit zu definieren. Dabei stellt sich aber das Problem zu definieren, was gesund ist. Es gibt keine scharfe Grenze zwischen krank und gesund. Nach heutigem Verständnis kann man eine Krankheit in sich haben, aber davon nichts spüren, wie zum Beispiel bei einer Frühform der Krebserkrankung. Man kann von einer für das Umfeld offensichtlich schweren Erkrankung betroffen sein, aber unter dieser Krankheit als Betroffener nicht leiden, wie zum Beispiel bei der fortgeschrittenen Alzheimer-Krankheit. Bestimmte Befindlichkeitsstörungen gelten heute als Krankheit, die früher nicht als krankhaft bezeichnet wurden, insbesondere hinsichtlich der äußeren Erscheinung, wie zum Beispiel Glatzenbildung, Fettsucht oder bestimmte Hautveränderungen.

Krankheit wird heute üblicherweise mit dem Begriff Leiden verbunden. Wenn aber ein Kranker nicht leidet, ist er dann krank? Eine bestimmte Krankheit führt bei dem einen Betroffenen zu starkem Leiden, beim anderen zu nur geringem oder gar keinem. Der Tod eines nahestehenden Menschen führt bei den Angehörigen stets zu Leiden und Trauer. Sie sind deshalb aber nicht krank, weil eine normale Trauer nicht als Krankheit gilt. Gleiches gilt für das schmerzhafte Leid unter Wehen während der Geburt eines Kindes bei der Mutter. Hier wird heute meistens der Wehenschmerz medikamentös behandelt und die Geburt im Krankenhaus vollzogen. Dies zeigt, dass auch medizinische Behandlung, selbst im Krankenhaus, nicht Kriterium für Krankheit sein kann.

Es ist üblich, Menschen mit angeborenen Behinderungen als krank zu bezeichnen bzw. ihre Behinderung einer bestimmten Krankheitskategorie zuzuordnen, obwohl sie sich selbst nicht als krank empfinden.

Was krank ist, wird noch am besten mit dem Begriff der Normabweichung definiert. Danach gilt heute üblicherweise Krankheit als Abweichung von der Norm in geistiger, körperlicher oder emotionaler Hinsicht. Aber auch die Frage der Normabweichung ist für die Definition von Krankheit sehr unzulänglich, denn danach müsste man im europäischen Raum sogenannte Normalgewichtige als krank bezeichnen, weil die Mehrheit der Bevölkerung ein Körpergewicht hat, was über dem sogenannten Normalgewicht liegt. Insofern geht es bei der Festlegung der Normabweichung als Kriterium für Krankheit nicht vorrangig um Durchschnittswerte, sondern um das, was gesellschaftlich als normal und erstrebenswert angesehen wird.

Wir sehen also, dass Krankheit ganz wesentlich von dem aktuell gültigen gesellschaftlichen Konsens definiert wird. Dieser Konsens ist wiederum abhängig von herrschenden Wunschvorstellungen und Normen, die nicht nur von dem aktuellen medizinischen Wissen, sondern auch von den Werten, Schönheitsvorstellungen und auch dem aktuell herrschenden Bild, das wir von verschiedenen Krankheiten haben, bestimmt wird. Nicht nur der allgemeine Krankheitsbegriff, sondern auch die einzelnen verschiedenen Krankheiten sind wesentlich ein gesellschaftliches Konstrukt, das einem fortwährenden Wandel unterliegt. Dieser ist, abhängig von den jeweils herrschenden gesellschaftlichen Bedingungen, dem Stand des Wissens über medizinische Zusammenhänge und vom aktuell herrschenden Weltbild geprägt.

Dass dies auch für die einzelnen Krankheitsbilder gilt, soll im Folgenden erläutert werden. Wie entsteht die Vorstellung, die Definition, das Bild von einer bestimmten Erkrankung?

So wie wir eine Vorstellung haben von einem Baum, einem Haus, von Phänomenen wie Angst oder Schmerz, so haben wir eine mehr oder weniger konkrete Vorstellung von bestimmten Krankheiten. Wir haben ein bestimmtes Bild vor Augen, wenn wir an einen Beinbruch denken. Hier wissen wir, dass das Bein von Knochen gestützt wird und ein Knochen im Bein, ähnlich wie ein Stück Holz, durch Krafteinwirkung gebrochen ist. Bei einer Krebserkrankung haben wir das Bild eines nach allen Seiten wuchernden, aggressiven Gewebeknäuels vor Augen, das ein Eigenleben führt und das umgebende Körpergewebe zerstört. Bei einem Herzinfarkt stellen wir uns die Form des Herzens mit seinem Muskelgewebe vor, das plötzlich an einer bestimmten Stelle nicht mehr schlägt, weil hier ein Blutgefäß, was den Herzmuskel versorgt, verstopft ist.

Bei vielen Krankheiten haben wir nur vage Vorstellungen. Mit etlichen Krankheitsbegriffen seltener Krankheiten können wir nichts anfangen. Die lateinischen Begriffe sagen uns nichts. Aber sobald wir selbst oder nahe Angehörige von dieser Krankheit betroffen sind, machen wir uns auch von diesen Krankheiten ein Bild. Dieses Bild wird geprägt durch die Aufklärung des Arztes, auch durch Bemerkungen von Menschen der Umgebung, die von dieser Krankheit schon gehört haben, teilweise auch von Werbung in den Medien, die Behandlungen bei diesen Krankheiten anpreisen, und zunehmend auch von eigenen Recherchen im Internet. Auch hier entwickeln wir ganz rasch eine bestimmte Vorstellung von dieser Krankheit, die wir dann mit uns herumtragen und die ein bestimmtes Bild von der Krankheit beinhaltet. Dabei sind unsere Bilder, die wir von Krankheiten haben oder entwickeln, geprägt von unserem Wissen über medizinische Zusammenhänge, über die Funktionsweise des Körpers und deren Aufbau, aber auch von eigenen Erfahrungen mit Krankheit und wesentlich auch von denen, die uns Wissen über die Krankheit vermitteln.

Es gilt als anerkannt, dass das größte Wissen über eine Krankheit die Ärzte haben, die es gewohnt sind, eine solche Krankheit zu behandeln. Immerhin haben sie eine lange Ausbildung absolviert, gehen tagtäglich mit Krankheiten um und knüpfen mit ihrem Wissen an den Erfahrungen und Erkenntnissen zu den Krankheiten in der Vergangenheit an. Aber wie entsteht in der Medizin die Vorstellung, die Definition von einer bestimmten Erkrankung?

Dies soll am Beispiel des Schlaganfalls verdeutlicht werden. Der heute noch übliche Begriff eines Schlaganfalls bezeichnet ein Ereignis, das wie ein Schlag oder wie ein Anfall über den Betroffenen kommt. Plötzlich ist nichts mehr wie vorher. Der Betroffene kann sich nicht mehr auf den Beinen halten und stürzt hin, manchmal geht das mit Verlust des Sprechens einher. Nun hat man vor 150 Jahren noch nichts Sicheres über die Ursachen des Schlaganfalls gewusst. Man hat den Schlaganfall nur als plötzliches, anfallsartiges Ereignis wahrgenommen, das, wenn es schwer genug war, innerhalb von Tagen oder Wochen zum Tode führte. Erst als man begann, systematisch Gehirne von Schlaganfallpatienten nach ihrem Tod anatomisch zu untersuchen, fand man jeweils an verschiedenen Stellen des Gehirns eine mehr oder weniger große Erweichung des Hirngewebes und lernte zwischen Schlaganfällen, die durch eine Blutung im Gehirn und solchen, die durch eine Durchblutungsstörung des Gehirns verursacht wurden, zu unterscheiden. Es entwickelte sich also langsam ein Wissen über die unmittelbar auslösenden Mechanismen des Schlaganfalls. Man konnte schließlich das Schlaganfallereignis einer bestimmten Hirnregion zuordnen, weil man eine Vorstellung davon hatte, welche Gehirnregion bei bestimmten Funktionsausfällen des Körpers betroffen ist. Mit Verfahren wie Ultraschall und Computertomografie, die sich in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts etablierten und schließlich dem Kernspintomogramm, das wenig später eingeführt wurde, konnte man sich ein Bild vom Gehirn und dessen Durchblutung am lebenden Schlaganfallpatienten unmittelbar nach dem Ereignis machen und hierüber sehr viele Detailkenntnisse gewinnen, die schließlich auch in Behandlungsversuche und dann in systematische, auch wissenschaftlich überprüfte Behandlungsmaßnahmen mündeten. Damit wurde der Schlaganfall, der noch bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts als nicht behandelbar galt, zu einem Krankheitsbild, das bei ganz rascher Behandlung nach dem unmittelbaren Ereignis in einem gewissen Prozentsatz als behandelbar gilt. Auch die begleitenden Behandlungsmaßnahmen wurden verfeinert und in ihrer Wirksamkeit verbessert.

Das Bild der Medizin von einem Schlaganfall als ein plötzliches schicksalhaftes Ereignis, deren Ursache und Auslöser unbekannt ist und das in den meisten Fällen zum Tode führt, hat sich gewandelt hin zum Bild eines Schlaganfalls, bei dem der Fokus der Mediziner auf der Frage der Lokalisation und unmittelbar ursächlichen Auslösung des Schlaganfallereignisses im Gehirn liegt. Man hat als Arzt die typischen kernspintomografischen und computertomografischen Bilder vor Augen, wenn man an einen Schlaganfall denkt und stellt sich die Frage, wodurch die Durchblutungsstörung ausgelöst wurde. Ein solcher Wandel ist abhängig von medizinischen Erkenntnissen, auch von der Entwicklung und Etablierung von Behandlungsverfahren, aber auch von den herrschenden Bedingungen im Gesundheitssystem und politischen Entscheidungen. Denn es gilt heute als anerkannt, dass die wirksamste Schlaganfallbehandlung auf einer spezialisierten Schlaganfallstation mit speziellem Aufwand und hohem Fachwissen erfolgen sollte. Die Etablierung solcher Schlaganfallstationen (Stroke Units) ist wesentlich von gesundheitspolitischen Entscheidungen abhängig. Denn sie sind kostenintensiv und müssen von der Allgemeinheit finanziert werden. Schlaganfallstationen gehören inzwischen zum Vorstellungsbild einer Schlaganfallkrankheit und deren Versorgung, und zwar nicht nur bei Medizinern, sondern auch bei der Bevölkerung. Da Schlaganfallstationen in Deutschland zwar weitgehend, aber nicht komplett flächendeckend und selbst in anderen industrialisierten Ländern teilweise nur einzeln etabliert sind, unterscheidet sich das Bild des Schlaganfalls und das der Behandlung von Region zu Region und von Land zu Land.

Aktuell kündigt sich gerade wieder eine neue Entwicklung in der Schlaganfallversorgung an, die darin besteht, dass ein Teil der Schlaganfälle mit Katheter, über die Arterie eingeführt, behandelt wird. Hier sind wieder andere Fähigkeiten und Kosten als die auf einer herkömmlichen Stroke Unit erforderlich. Es wird wieder auf eine andere Wahrnehmung des Krankheitsbildes Schlaganfall hinauslaufen.

Das Beispiel des Schlaganfalls kann auch aufzeigen, wie Krankheitskategorisierung stattfindet. Während sich früher das Krankheitsbild Schlaganfall definitionsgemäß an dem akuten, schlagartigen Ereignis mit fehlender Erholung und Funktionsbeeinträchtigung von Körperfunktionen festmachte, wird heute eine Fülle von Untergruppen des ursprünglichen Krankheitsbegriffs Schlaganfall definiert, die auch vom Bild her stark abweichen können von dem, was man ursprünglich unter Schlaganfall verstand. So gilt heute ein Ereignis mit geringen flüchtigen Störungen zum Beispiel der Oberflächenempfindung am Arm oder Bein, ohne nennenswerte Funktionseinschränkung und nur für einige Stunden anhaltend, dann als Schlaganfallereignis, wenn hierfür eine entsprechende Veränderung im Kernspintomogramm des Gehirns festgestellt wird, die als Folge einer Durchblutungsstörung identifiziert wird.

Auf das Problem der Krankheitskategorisierung wird noch näher eingegangen.

Die Entwicklung und Bedeutung eines Krankheitsbegriffes ist jeweils abhängig vom Wissen über die Krankheit und der Wirkzusammenhänge des Körpers. Sie wird auch beeinflusst von den Behandlungsmethoden und deren Wirksamkeit.

DAS BIOMEDIZINISCHE KRANKHEITSVERSTÄNDNIS
Das materialistisch-mechanistische Krankheitsbild in der Biomedizin

Wir sind es gewohnt, uns im Alltag an dem Sichtbaren und Messbaren zu orientieren. Nur das, was wir sehen und fühlen können, hat für uns eine Wirklichkeit. Nur das, was wir messen können, hilft uns in unserer Orientierung. Die Messung von Stunden, Tagen und Monaten ist für uns Orientierungsgrundlage sowohl für berufliche Aktivitäten als auch für Freizeitaktivitäten. Das Haus, den Baum, den Menschen können wir sehen, berühren und diese Dinge haben damit eine für uns unzweifelhafte Wirklichkeit und Wahrheit. Nach diesen Prinzipien haben wir die Welt verändert, Häuser, Autos, Flugzeuge und Computer gebaut - mit einer ebenso unzweifelhaften materiellen Existenz und Wirklichkeit. Wir denken, bewerten und nehmen in materialistischen Kategorien wahr. Dagegen sind für uns Kategorien wie Liebe, Glaube, Gefühle, Schmerz etwas nicht materiell Fassbares, etwas Vages und Unbestimmtes, nicht sichtbar und nicht messbar. Deshalb versuchen wir mit großen Anstrengungen, auch diese Kategorien zu materialisieren und in mess- und sichtbare Phänomene zu verwandeln, wie zum Beispiel mit testpsychologischer Messung oder mit Darstellungen von Gehirnregionen im Scanner, die jeweils in einer bestimmten Hirnregion Aktivität anzeigen, wenn Gefühle von Glauben, Liebe oder Glücksempfinden erzeugt werden.

Insofern sind uns auch Krankheiten nur über ein materialistischmechanistisches Verständnis zugängig. Hiernach ist eine Krankheit immer eine Krankheit des Körpers, die sichtbar und messbar gemacht werden muss in bestimmten Körperregionen. Dort, wo es nicht gelingt, Krankheit sichtbar und messbar zu machen, haben wir zwei Erklärungsmöglichkeiten. Die eine Erklärung ist, dass es der medizinischen Forschung noch nicht gelungen ist, die Krankheit sichtbar und messbar zu machen und dies noch aussteht (zum Beispiel bestimmte psychiatrische Erkrankungen wie Depression oder Schizophrenie). Die andere Erklärung ist, dass es sich nur um eine vorgetäuschte, simulierte Krankheit handelt. Die allermeisten Krankheiten äußern sich in einer gewissen Weise sicht- und messbar. Ein Beinbruch ist dann bestätigt, wenn sich im Röntgenbefund eine Bruchstelle am Knochen zeigt. Eine Krebserkrankung der Brust ist bestätigt, wenn sich ein tastbarer Knoten an der Brust und in der Röntgenuntersuchung der Brust typische Gewebeveränderungen zeigen. Ein Schlaganfall gilt dann als bestätigt, wenn sich typische Veränderungen im Computertomogramm oder Kernspintomogramm des Schädels abbilden. Eine Blutzuckererkrankung oder auch Bluthochdruckerkrankung ist entweder mit einem permanent erhöhten Blutzuckerwert bei Untersuchungen des Blutes oder mit permanent erhöhten Blutdruckwerten bei Messung des Blutdrucks bestätigt.

Das Ziel biomedizinischer Bemühungen ist es stets, einen Krankheitsherd oder ein Krankheitsgeschehen sicht- oder messbar zu machen. Erst damit erreicht die Krankheit eine Wirklichkeit und Existenz. Die Behandlung richtet sich dann ausschließlich oder zumindest vorrangig auf die Beeinflussung dieser sichtbaren oder messbaren krankhaften Veränderungen. Hierzu kommen ebenfalls materialistisch-mechanistische Behandlungsmethoden zum Einsatz, die entweder den Stoffwechsel oder die Reaktionsweise von Körpervorgängen durch Medikamente beeinflussen sollen oder durch Herausschneiden, Bestrahlen oder Bekämpfen mit Zellgiften den Krankheitsherd beseitigen sollen. Als Heilungserfolg gilt dann eine zumindest vorübergehende, aber möglichst dauerhafte positive Beeinflussung von den sicht- oder messbaren krankhaften Veränderungen im Sinne von Verkleinerung, Beseitigung oder Normalisierung.

Ein vergleichbares Vorgehen wird auch praktiziert bei den Krankheiten, die nicht sichtbar oder messbar gemacht werden können, wie zum Beispiel den psychiatrischen Krankheiten. Hier wird auch davon ausgegangen, dass eine gestörte Wechselwirkung von Überträgern oder Botenstoffen im Gehirn die Krankheit verursacht. Mit dem Einsatz von Medikamenten, von denen man annimmt, dass sie regulierend auf die gestörten Wechselwirkungen von Überträgern und Botenstoffen einwirken, wird ebenfalls eine positive Beeinflussung der Krankheit erreicht.

Auffällig ist, dass bei diesem Krankheitsverständnis die Symptome der Krankheit, also das, was den Kranken in seinem Wohlbefinden beeinträchtigt und ihn veranlasst um Hilfe nachzusuchen, für den biomedizinisch ausgerichteten Arzt nur als Zeichen gilt, als Wegweiser dafür, wo und wie nach dem Krankheitsherd gesucht werden soll. Hierbei geht man davon aus, dass der Krankheitsherd selbst, also das, was sicht- und messbar ist, die Symptome verursacht hat, wie zum Beispiel Schmerzen und Druckgefühl bei Brustkrebs, Lähmungserscheinungen und Gefühlsstörungen bei Schlaganfall, heftige Schmerzen im Bein bei Beinbruch oder Denk- und Wahrnehmungsstörungen bei Schizophrenie. Ist die Behandlung der Grundkrankheit erfolgreich, bessern sich meistens damit auch die Symptome oder verschwinden.

Es kommt aber nicht selten vor, dass die Symptome durch die erfolgte Behandlung nicht wesentlich beeinflusst werden können oder nur vorübergehend. Die angenommene Krankheitsursache ist erfolgreich beseitigt, aber Beschwerden bleiben. Dies ist häufig der Fall bei schmerzhaften Rücken- oder Gelenkbeschwerden, wo als deren Ursache mit Röntgenuntersuchungen zum Beispiel ein Bandscheibenvorfall oder ein Meniskusschaden festgestellt wird, deren erfolgreiche operative Beseitigung aber keinerlei Besserung bringt. Hier wäre zu vermuten, dass eine Fehldiagnose erfolgt ist und die Rückenschmerzen oder Knieschmerzen eine ganz andere Ursache haben müssen. Es gibt auch das Phänomen, dass sich nach erfolgreicher Behandlung der sicht- und messbaren krankhaften Veränderungen zwar die ursprünglichen Symptome verbessern oder verschwinden, aber dafür andere Symptome auftreten. Hier wäre zu vermuten, dass die Behandlung zu Komplikationen oder Nebenwirkungen geführt hat, die jetzt die Symptome erklären. Auch wird die Art und Intensität der Symptome von Patient zu Patient oft sehr unterschiedlich erlebt, obwohl es sich um ein und dieselbe Krankheit handelt. Ursache hierfür kann die Größe des Krankheitsherdes oder die Dauer der bestehenden Krankheit sein.

Stets sind diese genannten Ursachen und Möglichkeiten zu erwägen und sorgfältig zu überprüfen. Sie bestätigen sich auch hin und wieder. Aber ohne Berücksichtigung der Lebensbedingungen, der Wahrnehmungswelt und damit der individuellen Reaktionsweise der Patienten sind weder Nebenwirkungsprofil noch Symptomunterschiede zu verstehen.

Hier stößt das biomedizinische bzw. materialistisch-mechanistische Krankheitsverständnis an seine Grenzen und kollidiert mit der seelischen Dimension von Krankheiten, wie im Einzelnen noch weiter auszuführen ist.

Das biomedizinische Verständnis von Krankheitsursachen

Für die Biomedizin ist dann eine Krankheit existent, wenn sie körperlich nachgewiesen wurde, oder wie im Fall von psychiatrischen Erkrankungen, eindeutige und typische Symptome zeigt. Als Ursache für einen Schlaganfall gilt zum Beispiel ein verstopftes Hirngefäß, was mit Ultraschall oder Angiografie bildgebend nachgewiesen werden kann. Ein Thrombus, der zur Verstopfung geführt hat, kann sich im Herzen gebildet haben. Es ist auch möglich, dass sich Verkalkungsstrukturen an der Halsschlagader abgelöst haben. Auch diese Verursachungen sind nachweisbar oder zumindest wahrscheinlich zu machen. Für eine rheumatische Erkrankung gilt eine Störung des Immunsystems mit der Folge des Angriffs von Immunzellen gegen den eigenen Körper als Ursache dieser Erkrankung. Auch die Stoffwechselaktivität dieser Immunvorgänge ist messbar. Für eine Parkinsonkrankheit gilt eine verminderte Produktion von Botenstoffen in bestimmten Regionen des Gehirns, die für den flüssigen Bewegungsablauf zuständig sind, als Ursache der Erkrankung. Medikamente, die diese Botenstoffe zuführen (Dopamin), mildern die Krankheitssymptome.

So lässt sich die Ursache jeder denkbaren Krankheit biomedizinisch erklären. Es ist fast immer ein mess- oder sichtbarer Ursprung der Krankheit zuordenbar, der als Krankheitsursache aufgefasst wird. Nun gibt es aber auch Krankheiten, deren Ursache biomedizinisch nicht erklärt werden kann. Hierzu zählen die meisten Krebserkrankungen, aber auch bestimmte psychiatrische Krankheiten sowie die Alzheimer-Demenz. Es wird sehr viel Energie und Geld darauf verwendet, die Ursachen auch dieser Erkrankungen zu erforschen, bisher mit recht bescheidenem Erfolg. Denn die Biomedizin geht davon aus, dass die Kenntnis der messbaren Ursachen der Erkrankung dazu führen kann, dass sich deren Behandlungsmöglichkeiten verbessern.

Bei genauer Betrachtung erschließen sich aber die wirklichen und letzten Ursachen einer Erkrankung der Biomedizin nicht. Das gestörte Immunsystem, die Thrombenbildung im Herzen oder an den Halsschlagadern, der gestörte Zuckerstoffwechsel als Ursache des Diabetes mellitus, die verminderte Dopaminproduktion im Gehirn bei der Parkinsonkrankheit sind doch nur die mess- und sichtbaren Ursachen, d.h. die materiellen Grundlagen der jeweiligen Erkrankungen. Was löst aber eine gestörte Immunreaktion aus? Was ist die Ursache fehlender Dopaminrezeptoren im Gehirn? Welcher Ursache liegt eine Thrombenbildung im Herzen oder Arteriosklerose an den Halsschlagadern zugrunde? Keine dieser letzten Ursachen, die eine Krankheit erst in Gang bringt, ist der Biomedizin bekannt. Dies gilt für alle bekannten Krankheiten, ja sogar für Verletzungen oder Erbkrankheiten. Denn genau genommen ist die Ursache des Beinbruches nicht der Fahrradsturz als solcher, sondern die Konstellation, die geherrscht hat, als sich der Fahrradsturz ereignet hat. Auch die Ursache einer Erbkrankheit ist nicht das mathematisch zufällige Vererben eines kranken Genes von den Eltern auf die Kinder, sondern in ihrem Ursprung doch auch in der Frage zu suchen, welche Konstellation dazu geführt hat, dass in der Ahnenfolge erstmals eine Person zum Träger einer Erbkrankheit wurde.

Die Hypothese von Risikofaktoren, die die Entwicklung bestimmter Krankheiten begünstigen, ist zwar hilfreich, denn sie resultiert aus Erfahrungswissen und statistischen Erhebungen und kann dazu beitragen, die Gefahr für die Entwicklung bestimmter Krankheiten zu vermindern, wenn diese Risikofaktoren vorbeugend vermieden werden. Aber sie begünstigen allenfalls die Entwicklung bestimmter Krankheiten, verursachen sie aber nicht. Diese Risikofaktoren sind auch nicht grundsätzlicher Natur, denn sonst hätte unser ehemaliger Bundeskanzler Helmut Schmidt als Kettenraucher nicht ein Alter von 96 Jahren erreicht, wo Rauchen als wichtigster Risikofaktor für Lungenkrebs, Herzinfarkt und Schlaganfall gilt.

Auch hier stößt die Biomedizin an ihre Grenzen und berührt damit die Fragen auch seelischer Verursachung von Krankheiten, denn die eigentlichen Ursachen von Krankheit sind nicht materiell fassbar, nicht sicht- und messbar, sondern sind sehr viel tiefer im Geflecht seelischer Konstellationen zu suchen, wo Geist, Körper und Umwelt miteinander verflochten sind.

Es gibt gute Gründe anzunehmen, dass all das, was als Krankheit biomedizinisch mess- und sichtbar zu machen ist, nur materielle Äußerungsform oder Folgeerscheinung von Krankheiten ist, deren Grundlage und Ursache sich grundsätzlich von der biomedizinischen Sichtweise unterscheidet.

Problem der Klassifikation und Untergliederung von Krankheiten

Um sich in der Welt zurechtzufinden, bilden die Menschen seit Urzeiten Kategorien. Auch Tiere müssen sehr genau Fressfeinde oder auch Beutetiere erkennen, um überleben zu können. Kategorienbildung war ursprünglich für uns Menschen lebens- und überlebensnotwendig und hat uns die Entwicklung ermöglicht, die wir genommen haben. Dabei handelt es sich bei der Kategorienbildung immer um Verallgemeinerungen. Die Kategorie Baum vernachlässigt, dass es unterschiedliche Bäume gibt, wie Linden, Kastanien, Eichen oder Pappeln. Es vernachlässigt auch, ob es sich um einen großen oder kleinen Baum, einen alten oder jungen Baum, einen Baum in einer bestimmten Jahreszeit, mit oder ohne Blätter oder Blüten handelt. Der ganz eigene individuelle Baum, der vor unserem Haus steht, mit einer ganz eigenen Rinden- und Aststruktur und Anordnung der Blätter, die kein zweiter Baum in dieser Form aufweist, wird hierbei vernachlässigt. Ein solcher einzigartiger Baum gehört noch nicht einmal in unser vorrangiges Wahrnehmungsspektrum, denn wenn wir einen Baum sehen, gelingt es uns vielleicht noch anhand der Struktur und Blätter, die Art des Baumes zu bezeichnen. Wir können unterscheiden, ob er alt oder jung ist und wir wissen auf Anhieb, welcher Jahreszeit er ausgesetzt ist. Aber wir nehmen den einzelnen Baum mit seinen Besonderheiten nur wahr, wenn wir uns ganz bewusst ihm zuwenden.

Kategorisierung betreiben wir automatisch und oft unbewusst für alle Phänomene, mit denen wir im Leben konfrontiert sind, nicht nur für Lebewesen wie Bäume oder Tiere, sondern auch für Begriffe, Sprachen, Denkmuster oder Emotionen. Wir teilen auch Menschen in Kategorien ein. Zum Beispiel in solche, die wir sympathisch finden und solche, die wir unsympathisch finden oder in fremde und vertraute Menschen oder auch in kranke und gesunde Menschen.

Kategorienbildung ist notwendig und hilfreich für die Orientierung in unserer Umwelt und für die Fähigkeit, unser Leben zu bestreiten. Wir sprechen und denken sogar in Kategorien und unsere Wahrnehmung ist überwiegend eine Wahrnehmung in Kategorien. Wir vernachlässigen hierbei die ganz individuellen Gegebenheiten nicht nur eines Baumes oder eines Blattes, sondern auch des einzelnen Menschen, dem wir begegnen. Fast automatisch läuft hier für uns eine Kategorienbildung ab und wir ordnen einen uns bis dahin unbekannten Menschen innerhalb von wenigen Sekunden in sympathisch oder nicht sympathisch, hübsch oder nicht hübsch ein. Dass diese Kategorienbildung nicht nur Vorteile, sondern auch Nachteile bringt, liegt auf der Hand. Wir verbauen uns damit viel zu oft die Möglichkeit, den ganz eigenen Menschen mit seinen Begabungen, Fähigkeiten und Ansichten kennenzulernen.

Wir bilden auch Kategorien bei Krankheiten. Wir ordnen Krankheiten nach der Art ihrer Befunde, nach der Art ihrer Symptome, nach der Art ihrer vermeintlichen Ursachen oder nach ihren Auswirkungen in jeweils unterschiedliche Kategorien ein, d.h. wir fassen uns ähnlich erscheinende Krankheitsbilder in jeweils einer Krankheitsgruppe zusammen. Für die jeweilige Krankheitsgruppe haben sich entsprechende Untersuchungsverfahren und Behandlungsverfahren etabliert, die für diese Krankheitsgruppe dann auch eine gewisse Wirksamkeit entfalten. So kommt es, dass eine Krebserkrankung chirurgisch und eine bakterielle Infektionserkrankung mit Antibiotika behandelt wird. Krankheitskategorien zu bilden, ist aber auch hier eine Vereinfachung und geht auf Kosten der individuellen Krankheit des einzelnen Patienten. Denn Krankheitsgruppen sind nichts Statisches und streng von einander Abgegrenztes. Es gibt nicht DIE Krebserkrankung oder DEN Schlaganfall oder DIE Infektionserkrankung. Es gibt mehr Überschneidung zwischen einzelnen Krankheits- oder Störungsgruppen, als das ausschließliche Vorhandensein einer Krankheitskategorie. Es gibt eine Fülle unterschiedlicher Reaktionsmöglichkeit des Körpers oder der Seele auf Symptome oder die Krankheit. Umwelt, Familie und Gesellschaft beeinflussen die Sicht und die Reaktionsweise auf die Krankheit des einzelnen Patienten. Auch Erziehung, Charakter und Wissen haben Einfluss auf die Art der Wahrnehmungen einer Krankheit und darauf, wie damit umgegangen wird.

Die Kategorienbildung bei Krankheiten in der Biomedizin bewirkt einen Tunnelblick auf die Krankheit als Kategorie mit Lehrbuchwissen über diese oder jene Krankheitskategorie. Die zunehmende Orientierung an sogenannten Leitlinien für Diagnostik und Therapie bei bestimmten Krankheitskategorien ist zudem geeignet, diesen Tunnelblick zu verschärfen. Der Mensch in seiner Vielfalt geht dabei für Therapeuten und Ärzte verloren. Er wird sogar ausgeblendet, um den Blick auf das vermeintlich Wesentliche der Krankheit in seiner Kategorisierung nicht zu verstellen. Die Fähigkeit, zuerst den Menschen mit seinen Ressourcen, Fähigkeiten und Selbstheilungskräften zu sehen und, hieraus abgeleitet, einen ganz individuellen Blick auf die Krankheit des betroffenen Patienten zu entwickeln, ist nicht mehr Prinzip biomedizinischen Denkens und Handelns. Dadurch wird die wesentlichste Grundlage für individuelle Hilfe und Heilung vergeben.

Die immer differenziertere Unterkategorienbildung bei Krankheiten, die seit ca. 50 Jahren von Seiten wissenschaftlicher Medizin vorangetrieben wird und die neuerdings mit dem Schlagwort „personalisierte Medizin“ belegt wird, ist in den letzten 10 Jahren Ausdruck von Bemühungen der Biomedizin, eine bestimmte Reaktionsweise auf Medikamente und Therapien, abhängig von der jeweiligen Genkonstellation des Patienten, zu identifizieren. Sie sind nicht geeignet, das Problem zu entschärfen und missverständlich. Es führt vielmehr dazu, dass Ärzte noch mehr den Blick auf Lehrbuchwissen und eine zunehmend größere Fülle von Kategorien richten müssen, weg von den ganz individuellen und eben nicht in Kategorien pressbare Gegebenheiten des einzelnen Patienten. Die Nutzung von Kenntnissen der ganz individuellen Gegebenheiten des einzelnen Patienten in Diagnostik und Therapie erfordert vielmehr, sich vom Denken in Kategorien zu lösen, ein unvoreingenommenes, mitfühlendes und verständnisvolles Eingehen auf den einzelnen Patienten, unabhängig von der Frage, welcher Krankheitskategorie sein Leiden zuzuordnen ist.

Gute und hilfreiche Medizin ist insofern auf beides angewiesen - einerseits auf Kategorienbildung, um sich orientieren zu können. Andererseits auf den erfahrenen Blick auf die ganz eigenen Krankheitsbedingungen eines Patienten. Ein Patient mit einer schweren Depression wäre falsch in einer orthopädischen Klinik. Hierzu ist Kategorienbildung notwendig, um das Störungsbild des Patienten durch die richtigen Fachleute beurteilen, diagnostizieren und behandeln zu können. Einem Patienten mit schwerer Depression wird man aber auch als fähiger Psychiater dann nicht gerecht, wenn man nur die Depression im Blick hat und diese nur nach Kategorien und Leitlinien diagnostiziert und behandelt. Er muss sich dann nicht wundern, wenn die Behandlung nicht ausreichend erfolgreich ist oder bald ein Rückfall der Depression eintritt.

Das Problem statistischer Bewertungen in der Biomedizin

Ein ähnliches Problem ergibt sich aus der Orientierung an wissenschaftlich statistischen Erhebungen und Bewertungen als Grundlage für biomedizinisches Vorgehen.

Statistiken spielen für unser tägliches Leben eine wichtige Rolle. Der Prozentsatz von Stimmenabgaben für eine politische Partei bei der Bundestagswahl bestimmt darüber, wer uns regiert. Statistische Berechnungen über Klimaveränderungen lässt uns für die Zukunft eine Klimaerwärmung erwarten mit statistisch ermittelten Folgen für den Stand des Meeresspiegels und für Auswirkungen auf Landwirtschaft und Ernährung der Weltbevölkerung. Es wird mit statistischen Methoden ermittelt, was getan werden muss, um die Klimaerwärmung zu begrenzen. Statistische Ermittlungen spielen eine Rolle bei der Entscheidung über die Entwicklung, Produktion und Vermarktung von Produkten. Mit einfachen statistischen Methoden setzen wir fortlaufend unser Einkommen zu unseren Ausgaben in Beziehung mit dem Ziel, nicht über unsere Verhältnisse zu leben. Statistische Methoden sind insofern ein wichtiges Hilfsmittel für unsere eigene Orientierung und Ausrichtung auf die Zukunft.

Was ist Statistik? Bei der Statistik werden mathematische Verfahren angewandt, die uns Auskunft geben über die Häufigkeit bestimmter Gegebenheiten, Ereignisse, Produkte oder auch Krankheiten in Bezug zu einer Referenzgröße. Meistens wird hierbei eine Unterkategorie zu einer übergeordneten Kategorie in Beziehung gesetzt, um über die Häufigkeit der Unterkategorie Auskunft zu erhalten.

In der Biomedizin wird zum Beispiel geprüft, wie häufig bestimmte Erkrankungen bei einer definierten Anzahl von Menschen auftreten oder es wird geprüft, ob die Behandlungsmethode X im Vergleich zur Behandlungsmethode Y, angewandt bei einer bestimmten Krankheitskategorie, bei einer definierten Patientenzahl, im Durchschnitt wirksamer, gleich wirksam oder unterlegen ist. Mit statistischen Methoden wird auch die durchschnittliche Aussagekraft von Untersuchungsmethoden und Wirksamkeit nichtmedikamentöser Behandlungsmethoden wie chirurgischer Behandlung, Katheterbehandlung oder Strahlenbehandlung geprüft.

Da seit langem bekannt ist, dass die Untersuchungsergebnisse statistischer Erhebungen nicht wertfrei zu erhalten sind, zum Beispiel von der Erwartungshaltung des Untersuchers beeinflusst werden, werden bei diesen statistischen Untersuchungen zusätzliche Verfahren angewandt, die verhindern sollen, dass Ergebnisverfälschungen eintreten, die die statistische Erhebung unbrauchbar machen. Eine Maßnahme ist zum Beispiel die Testung einer Behandlung im Vergleich zu einer Scheinbehandlung (Placebobehandlung). Eine andere Methode ist die sogenannte Randomisierung, mit der versucht wird, beim Vergleich zweier Gruppen die Gruppen auch hinsichtlich Alter, Geschlecht, aber auch Begleiterkrankungen oder Krankheitsdauer oder Krankheitsschwere vergleichbar zu gestalten. Hierbei wird auch das Mittel der Zufallsverteilung angewandt. Eine weitere Methode ist die sogenannte Doppelblinderhebung, wo weder Patient noch Untersucher weiß, welche von zwei Methoden oder Medikamenten angewandt wird und wo schließlich auch der Auswerter unabhängig vom Untersucher bleibt.

Trotz konsequenter Einhaltung all dieser Vorsichtsmaßnahmen sind exakte statistische Ergebnisse, d.h. unverfälschte Ergebnisse, in der Biomedizin kaum möglich. Es ist bestenfalls eine Annäherung an exakte Ergebnisse mit letztlich hinreichender Aussagefähigkeit möglich. Dass auch diese strenge Einhaltung aller statistischen Prinzipien in der Biomedizin häufig nicht beachtet wird, ist hinlänglich bekannt. Selbst renommierte biomedizinische Wissenschaftler wurden wegen Fälschung oder Manipulation von Studienergebnissen entlarvt. Die Durchführung vieler statistischer Erhebungen, möglichst auch mit spektakulären Ergebnissen, erhöht das Renommee von Universitätskliniken oder Instituten und den Wissenschaftlern, die diese Erhebungen durchführen. Dass hier ein Anreiz zu Manipulation oder auch zu Masse auf Kosten von Qualität besteht, ist offensichtlich.

Die Statistik ist das wichtigste Werkzeug in der biomedizinischen Wissenschaft. Von ihr abhängig werden Untersuchungs- und Behandlungsverfahren bewertet und sie bilden die Grundlage von sogenannten Leitlinien im Umgang mit den verschiedenen Krankheitsbildern. Kein modernes medikamentöses Behandlungsverfahren in der Biomedizin wird etabliert ohne vorausgehende aufwändige statistische Überprüfungen zu deren Wirksamkeit.

Nichtmedikamentöse Behandlungsverfahren wie Operationen oder Katheterbehandlungen sind dagegen meist nicht mit exakten statistischen Methoden auf ihre Wirksamkeit prüfbar. Denn hier muss der Behandler wissen, welche Methode er anwendet. Insofern ist sogenannte doppelblinde Untersuchung des Behandlungserfolges kaum durchführbar. Die beste Wirksamkeitsprüfung einer Operationsmethode wäre die Prüfung gegenüber einer Scheinoperation. Gegen Scheinoperationen gibt es ethische und rechtliche Bedenken. Insofern sind Operationen oder andere nichtmedikamentöse Behandlungen nur aufgrund einer nachträglichen statistischen Prüfung etabliert. Hierbei wird der Anteil der Patienten geprüft, bei dem die Behandlung wirksam oder nicht wirksam war oder inwieweit die Behandlung wirksamer oder nicht wirksamer gegenüber einer anderen Behandlung war. Der größte Teil statistischer Fehlerquellen ist hiermit nicht ausgeschlossen und führt letztlich oft zu fehlendem Nachweis von tatsächlicher Wirksamkeit der Behandlungsmethode.

So ist für viele Operationen der Nachweis tatsächlicher Wirksamkeit oder ihrer Überlegenheit gegenüber medikamentöser Behandlung nicht erbracht. Dies gilt zum Beispiel für die meisten Operationen am Rücken oder der Bandscheiben. Für die arthroskopische Behandlung des Knies, einer der häufigsten operativen Behandlungen, wurde sogar der Nachweis erbracht, dass diese Behandlung nicht wirksamer ist als eine sogenannte Scheinbehandlung. Sie wird aber weiterhin tagtäglich in unserem Lande durchgeführt.

Die Statistik in der Biomedizin birgt aber nicht nur die Gefahr mangelnder Exaktheit der Ergebnisse und der Möglichkeit von Manipulation. Im Umgang mit Statistik in der Medizin offenbart sich ein grundsätzliches Problem. Dieses Problem ergibt sich aus der statistischen Methode selbst. Denn Statistik prüft immer nur Durchschnittswerte und Wahrscheinlichkeiten. Wenn statistisch ermittelt wurde, dass das Medikament A eine 10 Prozent bessere Wirkung hat als das Medikament B, heißt dies nichts anderes, als dass zum Beispiel von 100 behandelten Patienten mit dem Medikament B 30 und mit dem Medikament A 40 Patienten erfolgreich behandelt wurden. Als Arzt wird man zukünftig in der Behandlung dieser Krankheit das Medikament A verwenden. Das Medikament B rückt allenfalls an eine Ersatzposition oder darf aufgrund der statistischen Ergebnisse gar nicht mehr verwendet werden.

Es bleibt aber hierbei völlig unklar, ob von den 100 behandelten Patienten die gleichen 30 Patienten bei der Behandlung mit A profitiert hätten wie bei der Behandlung mit B oder ob sogar bei der Behandlung mit A Patienten profitiert hätten, die bei B nicht profitiert haben. Zudem bleibt auch für die Zukunft völlig unklar, welcher einzelne Patient nun von der Behandlung profitiert und welcher nicht. Dass ein Medikament zu 40 Prozent bei einer Krankheit gut wirksam ist, stellt im Vergleich noch eine recht gute Bilanz der Wirksamkeit des Medikaments dar. Der einzelne Patient kann aber mit diesem Ergebnis nichts anfangen. Denn bei ihm weiß niemand, ob er zu der Gruppe gehört, die auf das Medikament nicht ansprechen oder zu der, die auf das Medikament ansprechen. Es kann nur gesagt werden, dass er bei Einsatz des Medikaments A eine 10 Prozent höhere Chance hat, zu der Gruppe zu gehören, die auf das Medikament positiv anspricht, als auf das Medikament B. Letztlich gibt es keine Möglichkeit vorherzusagen, ob der einzelne Patient von der Behandlung profitiert oder nicht. Hier besteht nur die Möglichkeit, die Behandlung durchzuführen und am Resultat zu erkennen, ob sie sich als positiv erwiesen hat oder nicht. Dies ist ein Vorgehen, was bei einer Behandlung mit relativ nebenwirkungsarmen Medikamenten, wie zum Beispiel ein Versuch mit Parkinsonmitteln bei dem Verdacht auf das Vorliegen einer Parkinsonerkrankung, gerechtfertigt erscheint. Wie ist es aber bei Operationen, Bestrahlungen oder Behandlungen mit Zellgiften? Auch hier müssen wir zum Preis oft erheblicher Nebenwirkungen, auch Komplikationen und Folgeerscheinungen, bereit sein zu Versuch und Irrtum.

Ein weiteres Problem ergibt sich aus statistischen Erhebungen in der Biomedizin dadurch, dass die Ergebnisse statistischer Erhebungen nicht ausreichend berücksichtigen, dass zum Beispiel die Behandlung A bei dem einen Patienten mit einer bestimmten Erkrankung am besten hilft, aber die Behandlung B bei dem anderen Patienten mit derselben Erkrankung besser hilft. Denn aufgrund statistischer Ergebnisse kommen gerade die Behandlungsmethoden oder Medikamente, die ja statistisch am schlechtesten abschneiden, kaum noch zur Anwendung oder die Zulassung zur Anwendung wird aufgehoben oder deren Anwendung gilt nicht mehr als leitliniengerecht. Selbstverständlich ist es mit statistischen Mitteln nur sehr schwer möglich, Untergruppen von Patienten einer Krankheit zu bilden, die dann das Ergebnis bringen würde, dass die eine Gruppe auf diese Behandlung und die andere Gruppe auf jene Behandlung besser reagiert. Denn um statistische Aussagen treffen zu können, benötigt man eine große Anzahl von Patienten, die untersucht werden kann und zudem im Gruppenvergleich zu wichtigen Parametern ähnlich ist.

Eine Medizin, die sich ganz vorrangig auf statistische Erhebungen gründet, gilt zwar in der Biomedizin als erstrebenswert. Sie wird in weiten Teilen schon angewandt und mit immensem Forschungsaufwand vorangetrieben. Es handelt sich hierbei aber um eine sehr einseitige und verallgemeinernde Medizin, die sich an Durchschnittswerten und statistischem Mittel orientiert. Die wichtigsten Grundlagen für Hilfe zur Genesung und Heilung werden hiermit vernachlässigt und müssen geradezu ausgeblendet werden. Eine auf Gruppendurchschnitt orientierte Medizin muss sich nur auf wenige Fragestellungen konzentrieren und kann nicht die Komplexität der Ursachen und Wirkungszusammenhänge des einzelnen kranken Menschen berücksichtigen. Sie muss bei erfolgloser Anwendung im Einzelfall bei einer statistisch als wirksam geltenden Behandlung, dem einzelnen Patienten gegenüber kapitulieren und müsste offen zugestehen, dass hier die als wirksam geltende Behandlungsmethode in diesem Behandlungsfall nicht wirkt. So offen und so geradlinig wird dies selten von einem Arzt gesagt. Es wird dann meist auf die Notwendigkeit der Änderung der Behandlung oder die Erhöhung der Medikamentendosis hingewiesen.

Der Umgang mit statistischer Testung von Behandlungsmethoden ist aber über das hier Gesagte hinaus noch deutlich komplexer. Statistische Tests von Untersuchungsverfahren erfordern einen hohen finanziellen Aufwand. Die Finanzierung für Medikamententests wird in Europa noch überwiegend von den Pharmafirmen gewährleistet. Diese haben ein wirtschaftliches Interesse daran, dass die Tests zugunsten ihres getesteten Medikaments ausgehen. Sie gewinnen Universitätsprofessoren, in deren Federführung die Tests durchgeführt werden und die damit in finanzielle Abhängigkeit der Pharmafirmen geraten. Da von dieser Finanzierung auch die Universität einen wesentlichen Anteil erhält, ist auch diese daran interessiert, dass die Auftraggeber mit den Testergebnissen zufrieden sind. Hieraus ergibt sich ein Geflecht von finanziellen Interessen, das häufig nicht ohne verfälschenden Einfluss auf Testergebnisse bleibt. Die Testanordnungen werden von vornherein so konzipiert, dass die Wahrscheinlichkeit eines positiven Testergebnisses sehr hoch ist. Testuntersuchungen, die mit negativem Testergebnis enden, d.h. wo die Unwirksamkeit oder deutlich verminderte Wirksamkeit einer Behandlungsmethode das Ergebnis der Untersuchung ist, werden so gut wie kaum durchgeführt oder nur dann, wenn ein Konkurrenzmedikament vom Markt verdrängt werden soll. Sie liegen eigentlich nicht im finanziellen Interesse der beteiligten Akteure. Dabei wären statistische Untersuchungen, die auf die Frage gerichtet sind, ob eine Behandlungsmethode überhaupt wirksam ist, von ganz erheblicher Bedeutung in der Medizin. Behandlungsmethoden, die nicht statistisch geprüft wurden, aber aus unterschiedlichen Gründen gut etabliert sind, würden dann, wenn sie sich als statistisch unwirksam erweisen, nicht mehr den Stellenwert einnehmen, den sie bisher hatten. Der Anteil nicht statistisch geprüfter Behandlungsmethoden, sowohl medikamentöser Behandlungen als auch chirurgischer Behandlungen, stellt immer noch den größten Anteil von Behandlungen in der Biomedizin dar.

Statistische Untersuchungen in der Medizin sind auf die Einwilligung des einzelnen Patienten angewiesen, der untersucht werden soll. Also werden entsprechende Untersuchungen nicht oder nur sehr selten durchgeführt bei nichteinwilligungsfähigen Patienten, zum Beispiel Kindern oder Demenzpatienten. Statistische Testuntersuchungen von Medikamentenwirkung in Europa oder in den USA durchzuführen, erfordert für die Pharmafirmen einen weitaus höheren finanziellen Aufwand, als diese Untersuchungen in Entwicklungsländern durchzuführen. Dass die Qualität der Testuntersuchungen einschließlich der Aufklärung und Einwilligung der Testpatienten in den Entwicklungsländern teilweise sträflich vernachlässigt wird, ging durch die Medien. Es kam zur Streichung der Zulassung einer umfangreichen Liste an Medikamenten, bei denen die geltenden Standards statistischer Erhebungen für den Wirksamkeitsnachweis eines Medikaments nicht eingehalten wurden.

Medizinisch-statistische Testuntersuchungen sind zudem nicht nur darauf gerichtet, ob eine Behandlungsmethode wirksam, nicht wirksam oder besser wirksam ist, als eine andere Behandlung. Sie müssen stets auch das mögliche Nebenwirkungsprofil, was sich aus der zu testenden Behandlungsmethode ergibt, mit berücksichtigen und dieses in Beziehung setzen zu bereits getesteten oder bereits etablierten Behandlungsverfahren. Damit wird vermieden, dass ein Medikament zur Anwendung kommt, welches sich einem anderen Medikament gegenüber als deutlich wirksamer erweist, aber schwerwiegende, vielleicht auch tödliche Nebenwirkungen hat. Denn stets gilt es auch zu prüfen, ob bei der Behandlungsmethode das Verhältnis zwischen Nutzen und Wirksamkeit einerseits und Nebenwirkungsprofil andererseits deutlich zugunsten des Nutzens überwiegt. Patienten reagieren nicht nur auf die Wirkung von Behandlungen, sondern auch auf die Nebenwirkungen sehr unterschiedlich. So kann es vorkommen, dass die geprüfte Behandlung sich zwar statistisch als ausgesprochen gut wirksam erweist, auch mit nur milden oder sehr selten schwerwiegenden Nebenwirkungen. Aber der Patient, der dann doch von einer schwerwiegenden Nebenwirkung betroffen ist, hat unter statistischem Blickwinkel einfach nur Pech gehabt. Besonders tragisch ist dies dann, wenn er auch zu der Patientengruppe gehört, bei der die Behandlung gar nicht wirksam sein konnte. In diesem Fall wurde eine nicht nur überflüssige, sondern auch schädliche Behandlung durchgeführt. Dies kommt leider häufig vor, besonders dann, wenn mehrere chronische Krankheiten langfristig und gleichzeitig behandelt werden. Es kann vorkommen, dass zehn oder fünfzehn verschiedene Medikamente eingesetzt werden. Dass sich eine solche Vielzahl von Medikamenten gegenseitig negativ beeinflusst, liegt auf der Hand. Medikamentenwechselwirkungen und -unverträglichkeiten sind eine der häufigsten Ursachen für Krankenhauseinweisung und -behandlung.

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