Kitabı oxu: «Gesammelte Werke: Romane, Erzählungen & Aufsätze»
Schau heimwärts, Engel!, Von Zeit und Strom, Nur die Toten kennen Brooklyn, Dunkel im Walde fremd wie die Zeit, Die vier verlornen Männer…
Übersetzer: Hans Schiebelhuth

Books
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musaicumbooks@okpublishing.info
2017 OK Publishing
ISBN 978-80-7583-056-2
Schau heimwärts, Engel!
»Einst war die Erde wahrscheinlich ein weißglühender Ball wie die Sonne.«
Tarr and McMurry
Für A. B.
»Then, as all my soules bee,
Emparadis 'd in you (in whom alone
I understand and grow and see),
The rafters of my body, bone
Being still with you, the Muscle, Sinew, and Veine,
Which tile this house, will come againe.«
Erster Teil
… ein Stein, ein Blatt, eine nicht gefundne Tür; von einem Stein, einem Blatt, einer Tür. Und von all den vergeßnen Gesichtern.
Nackt Und allein gerieten wir in Verbannung. Im Dunkel ihres Schoßes kannten wir unsrer Mutter Angesicht nicht. Aus dem Gefängnis ihres Fleischs sind wir ins deutungslose Gefängnis dieser Erde geraten.
Wer unter uns hat seinen Bruder gekannt? Wer unter uns hat in seines Vaters Herz gesehn? Wer unter uns ist nicht immer unterm Druck des Kerkers geblieben? Wer unter uns ist nicht immer ein Fremdling und allein?
O Öde aus Verlust: in heißen Wirrsälen verloren; unter hellen Sternen auf dieser müden, lichtlosen Schlacke verloren. Verloren! Uns wortlos erinnernd suchen wir die große vergeßne Sprache, das verlorne End eines Feldwegs in den Himmel, einen Stein, ein Blatt, eine nicht gefundne Tür. Wo? Wann?
O verlornes, vom Wind gekränktes Gespenst, kehre zurück!
I
… ein Stein, ein Blatt, eine nicht gefundne Tür; von einem Stein, einem Blatt, einer Tür. Und von all den vergeßnen Gesichtern.
Nackt und allein gerieten wir in Verbannung. Im Dunkel ihres Schoßes kannten wir unsrer Mutter Angesicht nicht. Aus dem Gefängnis ihres Fleischs sind wir ins deutungslose Gefängnis dieser Erde geraten.
Wer unter uns hat seinen Bruder gekannt? Wer unter uns hat in seines Vaters Herz gesehn? Wer unter uns ist nicht immer unterm Druck des Kerkers geblieben? Wer unter uns ist nicht immer ein Fremdling und allein?
O Öde aus Verlust: in heißen Wirrsälen verloren; unter hellen Sternen auf dieser müden, lichtlosen Schlacke verloren. Verloren! Uns wortlos erinnernd suchen wir die große vergeßne Sprache, das verlorne End eines Feldwegs in den Himmel, einen Stein, ein Blatt, eine nicht gefundne Tür. Wo? Wann?
O verlornes, vom Wind gekränktes Gespenst, kehre zurück!
Ein Schicksal, das Engländer und Pennsylvania-Deutsche zusammenbringt, ist schon sonderbar genug. Eines aber, das von Epsom in den Quäkerstaat, und von dort – am sanften Lächeln eines Engels aus Stein vorbei – in das Gebirg führt, das Altamont über dem stolzen, korallenroten Hahnenschrei umragt, dunkelt vom Wunder jenes Waltens, das die staubige Welt neu verzaubert.
Jeder von uns stellt alle Stimmen dar, die er nicht zusammengezählt hat. Versetze uns in Nacht und Nacktheit zurück, und Du wirst erkennen, daß die Liebe, die gestern in Texas endete, vor viertausend Jahren auf Kreta begann.
Der Same unseres Verfalls wird in der Wüste blühen, am Fels wächst das Heilkraut, und unsre Leben werden von einer Schlampe aus Georgia heimgesucht, weil ein Beutelabschneider in London ungehenkt blieb. Jeder Augenblick ist die Frucht von vierzigtausend Jahren. Die Tage, an Minuten ermessen, sind Fliegen, die sich totsummen. Jeder Augenblick ist ein Fenster, das auf alle Zeit hinausweist.
Hier ist so ein Augenblick:
Ein Engländer namens Gilbert Gaunt (was er später in Gant änderte, vermutlich ein Zugeständnis an die Aussprache der Yankees) war im Jahre 1837 auf einem Segler von Bristol nach Baltimore gekommen. Den Wert eines Gasthauses, das er sich gekauft hatte, ließ er seine unfürsorgliche Kehle hinunterrollen. Dann wanderte er westwärts nach Pennsylvanien. Sein karges Brot erwarb er auf gefährliche Weise. Er reiste mit Zuchthähnen, die er auf den Höfen gegen die Champions der Ortschaften kämpfen ließ. Oft entkam er nur nach einer im Dorfgefängnis verbrachten Nacht, seinen Hahn tot auf dem Felde zurücklassend, ohne einen klingenden Heller in der Tasche; manchmal trug er die Spuren einer derben Farmerfaust im verwegenen Gesicht. Stets aber entkam er. Er gelangte schließlich unter die Pennsylvania-Deutschen. Es war Erntezeit. Die Fülle des Landes tat es ihm so sehr an, daß er dort vor Anker ging. Im Lauf eines Jahres heiratete er eine handfeste Witwe mit einer sauberen Farm. Das Air des Vielgereisten, das ihn umgab, seine grandiose Art zu reden, besonders wenn er Hamlet in der Manier des großen Edmund Kean vorspielte, gefiel allen Frauen dort sehr. Er hätte Schauspieler werden müssen, sagten die Leute.
Der Engländer zeugte Kinder – eine Tochter und vier Söhne –, lebte angenehm und ohne Sorgen und ertrug das barsche, aber gerechtfertigte Gekeif seiner Frau mit Geduld. Jahre vergingen. Der Engländer ging mit dem Schlürfschritt des Gichtkranken; seine starren Augen wurden trüb und versackten. Eines Morgens, als seine Frau ihn aus dem Bett herausschelten wollte, fand sie ihn tot, vom Herzschlag gerührt. Er hinterließ fünf Kinder, eine Hypothek und – in seinen seltsamen dunklen Augen, die nun glasig starrten, etwas, das nicht mit ihm gestorben war: einen obskuren, leidenschaftlichen Hunger nach Reisen.
Mit diesem Vermächtnis verlassen wir diesen Engländer und beschäftigen uns von jetzt ab mit dem Erben, dem er es hinterließ, seinem zweitgeborenen Sohn, einem Burschen namens Oliver. Dieser Bursch stand an der Landstraße, als staubbedeckt die Truppen der Aufständischen auf dem Marsch nach Gettysburg in der Nähe der Farm vorüberzogen. Wenn er den großen Namen Virginia hörte, wurden seine Augen dunkler. Als der Bürgerkrieg endete, war er fünfzehn.
Eine längere Geschichte ist, wie er einmal in Baltimore eine Gasse entlang ging und in einer kleinen Werkstatt polierte granitne Grabmale sah, Lämmer und Cherubim, und auf kalten, abgezehrten Füßen schwebend einen Engel mit dem Lächeln sanfter Blödheit aus Stein. Die kalten, seichten Augen des Burschen wurden dann dunkler von dem obskuren, leidenschaftlichen Hunger, der in den Augen eines Toten gelebt hatte. Als Oliver den großen Engel mit der Lilie anschaute, überkam ihn eisig eine namenlose Erregung. Die langen Finger seiner großen Hände schlossen sich fest zusammen. Er spürte auf einmal, was er wolle. Mehr als alles in der Welt wollte er mit gelenkem Meißel in Stein schneiden, wollte er etwas Dunkles, Unsägliches aus dem kalten Block herausholen, wollte er das Haupt eines Engels aushauen.
Oliver Gant trat in die Werkstatt ein und fragte den stämmigen, vollbärtigen Mann mit dem Holzhammer um Arbeit. Er wurde Steinmetzlehrling. Fünf Jahre Arbeit, dann war er Steinmetz. Als seine Gesellenzeit um war, war er ein Mann.
Er erreichte es nie. Er lernte nie, das Haupt eines Engels aus Stein zu hauen. Taube, Lamm, gefaltete Totenhände, schöne feine Buchstaben, das lernte er. Aber den Engel nicht. Diese Jahre der Arbeit und wüsten Trunks hatten eine verheerende Nachwirkung auf den Steinhauer. Dazu kam der Einfluß des Theaters von Booth und Salvini, denn er lernte den hochtrabenden Schwulst, den er dort hörte, bis auf den Akzent auswendig. Murmelnd, mit großen ausdrucksvollen Händen gestikulierend, schritt er durch die Straßen. So tappen und tasten wir blind in unsrer Verbannung, so zeigt sich der Hunger, wenn wir, uns wortlos erinnernd, die große vergeßne Sprache suchen, das verlorne End eines Feldwegs in den Himmel, einen Stein, ein Blatt, eine Tür. Wo? Wann?
Er erreichte es nie. Er fuhr über den Kontinent in die Südstaaten der Wiederaufbaujahre: ein sonderbarer wilder Kerl, sechs Fuß vier Zoll hoch, mit alten unbehaglichen Augen, einer großzinkigen Nase. Sein Redestrom rollte hochstaplerisch und verrückt, formvollendet wie klassische Zitate. Trotz des leichten Grinsens um die Winkel seines dünnlippigen, kläglichen Mundes nahm er diese pathetische Ausdrucksweise völlig ernst.
In Sidney, der Hauptstadt eines der mittleren Südstaaten, machte er ein Geschäft auf. Er lebte nüchtern und fleißig unter den aufmerksamen Augen der Bevölkerung, die noch vom verlornen Krieg und von Feindseligkeit wund war. Er machte sich einen guten Namen, fand Zutritt, heiratete eine hagere, lungensüchtige, auf die Ehe erpichte Jungfer. Cynthia war zehn jähre älter als er; sie hatte etwas Geld. Achtzehn Monate Ehestand verwandelten ihn wieder in einen tobsüchtigen Trinker. Sein Geschäft ging in die Brüche, während er sich in den Schenken räkelte. Cynthia, deren Leben er – so meinten die Mitbürger – nicht verlängern half, starb plötzlich nachts an einem Blutsturz.
So war wieder alles dahin: Cynthia, die Werkstatt, die schwer erkämpfte Nüchternheit, das Haupt des Engels. Er strich nachts durch die Straßen und verfluchte die Südstaaten und ihre Trägheit in gellen, pathetischen Flüchen. Angekränkelt von Angst, vom Verlust, von Reue, zermürbt von den tadelnden Blicken der feindseligen Stadt, fiel er vom Fleisch; und war überzeugt, daß Cynthias Geißel ihn strafend heimsuchte.
Er war erst knapp über dreißig, sah aber viel älter aus. Sein Gesicht war gelb und hohl. Seine großzinkige, wächserne Nase wirkte wie ein Vogelschnabel. Sein langer, brauner Schnurrbart hing traurig herab. Das wüste Trinken hatte seine Gesundheit untergraben. Er war spindeldürr geworden und hustete ständig. Er war einsam, er dachte an Cynthia. Ihm wurde angst. Er glaubte, er sei schwindsüchtig und müsse bald sterben.
Allein und abermals verloren, da er nirgends in der Welt Ordnung und Bleibe gefunden hatte, da ihm der Boden unter den Füßen entzogen war, nahm er sein zielloses Streunerleben wieder auf. Er wandte sich westwärts gegen das große Gebirg, denn er wußte, daß jenseits der Berge sein übler Ruf unbekannt war. In den Bergen hoffte er Einsamkeit, neues Leben und seine Gesundheit wieder zu finden.
Seine Augen wurden wieder dunkler. Wie in seiner Jugend.
Den ganzen Tag unter einem verregneten grauen Oktoberhimmel fuhr Oliver westwärts durch den großen Staat Catawba. Er blickte traurig zum Fenster hinaus auf das riesige, ungeordnete Land. Die paar armseligen Farmen schienen ihm vergeblich in diese Wildnis gepflanzt. Sein Herz wurde kalt und wie Blei. Er dachte an die mächtigen Scheuern Pennsylvaniens, an das goldne, reife, geneigte Korn, an die Fülle, die Ordentlichkeit, das reinliche Auskommen der Menschen dort. Er dachte daran, wie er selbst ausgezogen war, um Auskommen und Bleibe für sich zu finden. Er dachte an das Wirrsal seines Lebens, seine vergeudete Jugend, die Spur der Jahre.
Bei Gott, dachte er, ich werde alt. Warum hier?
Die verschollenen Jahre zogen gespenstisch in seinem Hirn um. Er sah plötzlich, daß eine Kette von Zufällen sein Leben bestimmt hatte: … ein Lied von Armageddon, das ein verrückter Rebell sang … Hörner und Maultiergetrappel der Armee auf der Landstraße … das alberne weiße Gesicht eines Engels in einer verstaubten Werkstatt … die wippenden Schinken einer vorüberstreifenden Strunze … Das hatte ihn aus Wärme und Fülle in diese Öde getrieben. Als er zum Fenster hinaus auf die fahle unbebaute Erde starrte, das große kahle Massiv des Piedmont, das schmutzige Ziegelrot der Landstraßen, die verschlampten Menschen, die gaffend auf den Stationen herumlungerten – einen dürren Farmer, der unsicher auf dem Kutschbock schwankte, einen torkelnden Neger, einen zahnlosen Farmtölpel, ein blasses verhärtetes Weib mit einem schmierigen Balg auf dem Arm –, da packte ihn die Furcht vor der Fremdheit des Geschicks. Was hatte er hier zu suchen? Wie kam er hierher? Aus dem ungetrübten Behagen seiner Jugend hierher in dieses endlose, verlorne, verkrümelte Land?
Der Zug klapperte vorwärts. Es regnete ständig. Der Grund roch stark. Ein Bremser kam und leerte einen Kroppen Kohle in den Ofen am Ende des Abteils. Es zog. Zwei blöde Kerle, die mit ihm in dem mit schmutzigem Plüsch bezogenen Abteil saßen, brachen in ein leeres, hohes Gelächter aus. Die Glocke der Lokomotive bimmelte kläglich über dem Rädergerassel. Am Fuß des Gebirges war ein Bahnknotenpunkt. Dort stand der Zug eine unendliche, dröhnende Weile lang still. Dann ging die Fahrt weiter über die leere rollende Erde hin.
Es wurde düster. Riesige Bergmassen traten vag aus dem Dunst. In den Hütten auf den Hängen gingen kleine blakende Lichter an. Der Zug schwankte über schwindelnde Gerüste, die sich hoch über geisterhaft strudelnden Wassern spannten. Jäh in der Höhe, jäh in der Tiefe hingen kleine Spielzeughäuser an den Ufern, den Schlüften, den Abhängen. Zäh und langsam arbeitete sich der Zug durch Einschnitte ins rote Erdreich in die Höhe. Es war dunkel, als Oliver in der Kleinstadt Old Stockade, der armseligen Endstation der Bahnlinie, ausstieg. Die letzte Bergwand lag ungeheuer vor ihm. Als er in das fettige Funzellicht eines ländlichen Landes starrte, hatte Oliver das Gefühl, daß er – ganz wie ein großes Tier, das sich zum Verenden in die Wildnis zurückzieht – sich dem Tod entgegen in den Ring dieser Berge schleppe.
Am nächsten Morgen reiste er mit der Postkutsche weiter. Sein Ziel war die kleine Stadt Altamont, vierundzwanzig Meilen entfernt, tief im Gebirg gelegen. Als die Pferde auf der steilen Straße anzogen, wurde Oliver etwas vergnügter. Es war ein graugoldner Spätoktobertag, hell und windig. Die Höhenluft wehte frisch und scharf. Die Berge ragten über ihm, ganz nah, ungeheuer, unfruchtbar, unbegangen. Bäume, beinah laublos, hoben sich klar und mächtig ab. Der Himmel trieb mit weißen Wolkenfetzen. Ein dichter Nebelschwaden wogte langsam eine Steilhalde hinab.
Tief unten schäumte ein Bach. Oliver sah, ganz winzig, einen Trupp Arbeiter, die an dem Schienenstrang, der sich über die Bergkette nach Altamont winden sollte, arbeiteten. Die Kutsche kam übers Joch. Die Gäule schwitzten. Ringsum schwangen königlich die Bergketten, verschwammen in blaurotem Dunst. Der Abstieg zu dem Hochplateau, auf dem Altamont liegt, begann.
In die geisterhafte Ewigkeit der Berge eingebettet, über hundert kleine Hügel und Senken gebreitet, fand Oliver eine Stadt von viertausend Einwohnern.
Hier war Neuland. Ihm wurde leicht ums Herz.
Diese Stadt Altamont war kurz nach dem Befreiungskrieg gegründet worden. Sie war damals ein bequemer Halteplatz für Viehtreiber und Farmer auf dem Weg von Tennessee nach Süd-Carolina. Bereits ein paar Jahrzehnte vor dem Bürgerkrieg war sie Sommeraufenthalt modischer Leute aus Charleston und von den heißen Plantagen des Südens. In den Jahren, als Oliver Gant dort ankam, hatte ihr Ruf als Kurort für Lungenkranke gerade begonnen. Ein paar reiche Herren aus dem Norden hatten Jagdhütten im Gebirg. Einer von ihnen hatte große Landstrecken aufgekauft und baute nun mit einer Armee von Zimmerleuten und Maurern unter einem Stab importierter Architekten das größte Landhaus in den Vereinigten Staaten – so ein Ding aus Kalkstein mit spitzen Schieferdächern und einhundertdreiundachtzig Zimmern, nach dem Vorbild des Schlosses von Blois. Außerdem gab es ein großes neues Hotel aus Holz, eine kostspielige Riesenscheuer, die protzig-behaglich auf einer gebietenden Anhöhe über der Stadt thronte.
Aber weitaus die Mehrzahl der Einwohner war alteingesessen; stammte aus dem Gebirg; ein Menschenschlag schottisch-irischen Blutes: hinterwäldlerisch, fleißig, handfest, intelligent.
Oliver hatte aus dem Zusammenbruch von Cynthias Vermögen zwölfhundert Dollar gerettet. Er mietet einen kleinen Schuppen an einer Ecke des Stadtplatzes, kaufte ein paar Marmorblöcke auf Lager und fing sein Geschäft an. Zu tun hatte er die erste Zeit wenig. Einsam und trübselig hing er seinen Todesgedanken nach. Während des bittern Winters wurde der lange dürre Yankee, diese wandelnde Vogelscheuche, die murmelnd durch die Straßen strich, zum Stadtgespräch. Alle Leute im Boarding-House wußten, daß er nachts in seinem Zimmer mit großen Schritten wie ein Raubtier im Käfig auf und ab ging, und daß er im Schlaf tief aufstöhnte. Er sprach mit niemandem.
Als aber der wunderbar grün-goldne Bergfrühling mit kurzen heftigen Windstößen, mit dem Zauber und Duft der Blüten, mit lauen balsamischen Brisen kam, begann die große Wunde in Oliver zu verheilen. Seine Stimme ward wieder vernommen. Purpurn leuchteten die alte Beredsamkeit, das alte Ungestüm in ihm auf.
Eines Apriltages, als er frischerweckter Sinne vor seine Werkstatt trat, um das flimmernde Leben auf dem Stadtplatz zu beobachten, hörte er hinter sich die Stimme eines Mannes, der gerade vorüber ging. Und diese seichte, träge, langgezogne Stimme rührte wie ein Lichtstrahl an ein Bild, das zwanzig Jahre in ihm geschlummert hatte.
»Er kommt! Er muß kommen! Meiner Berechnung nach trifft er am 11. Juni 1886 ein.«
Oliver wandte sich um und erblickte die freundlich-feiste Gestalt eines Wanderpredigers, die er zum letztenmal gesehn hatte, als sie auf der staubigen Marschroute entschwand, die nach Gettysburg und Armageddon führt.
»Wer ist das?« fragte er jemanden.
Der Mann guckte und grinste.
»Das? Bacchus Pentland«, sagte er. »Ein Original. Seine Leute leben hier in der Gegend.«
Oliver leckte seinen großen Daumen. Dann fragte er dünn lächelnd:
»Ist Armageddon jetzt gekommen?«
»Er erwartet das täglich«, sagte der Mann.
Dann traf Oliver Eliza. Eines Frühlingsnachmittags lag er auf dem Ledersofa in seiner Bude und lauschte auf die hellen, pfeifenden Geräusche vom Platz. Ein heilsamer Friede brütete über seiner langausgestreckten Gestalt. Er dachte an mulmige schwarze Erde, über die das junge Licht der Blumen flackert, an kühles, perlendes Bier, an des Pflaumenbaums fallende Blüten. Da hörte er Frauenschritte auf die Werkstatt zukommen, schnell sprang er auf. Er zog gerade seinen wohlgebürsteten schwarzen Rock an, als sie eintrat.
»Ich wünscht, ich wär ein Mann«, begann Eliza mit vorwurfsvollem Spott, »und hätt den ganzen Tag nichts zu tun, als auf einem bequemen Sofa zu liegen.«
»Guten Nachmittag, Madam«, sagte Oliver. Er verbeugte sich umständlich. Ein mattes Lächeln spielte um seine schmalen Mundwinkel. »Sie haben mich in der Tat beim Mittagsschlaf überrascht. Ich schlafe tagsüber eigentlich selten, aber meine Gesundheit ist in letzter Zeit ein wenig angegriffen. So bin ich nicht imstand, die Arbeit zu leisten, die ich früher tat.«
Er schwieg einen Augenblick und ließ traurig den Kopf hängen. »Ach Gott, ich weiß wirklich nicht, was noch aus mir werden wird.«
»Ei was!« wandte Eliza schnell und verächtlich ein. »Meiner Meinung nach fehlt Ihnen gar nichts. Sie sind ein Mordskerl von einem Mann und stehn in den besten Jahren. Gut zur Hälfte ist die Sache gewiß nur Einbildung. Vor drei Jahren hielt ich Schule in Hominy Township und bekam die Lungenentzündung. Kein Mensch glaubte, daß ich durchkäme. Aber ich hab's doch geschafft. Ich erinnere mich, da lag ich eines Tags da … ich glaub, man nennt das rekonvaleszieren … ja! … Der Grund, wieso mir das jetzt einfällt, ist der: der alte Doktor Fletscher war gerade dagewesen, und als er wegging, sah ich, wie er zu meiner Kusine Sally den Kopf schüttelte. ›Aber Eliza, um Himmels willen!‹ sagte Sally zu mir, sobald er zum Haus draußen war. ›Er sagte mir, daß Du Blut spuckst, so oft Du hustest. So sicher, wie ich hier steh: Du hast die Schwindsucht!‹ – ›Ei was!‹ hab ich gesagt, und ich lachte so laut heraus, wie ich nur konnte. ›Kein Wort glaub ich davon!‹ Und ich dacht mir: ›Nur nicht nachgeben, ich werd sie alle mal rein zum Narren halten.‹ (Hier nickte Eliza und rollte die Lippen) … ›und außerdem, Sally‹, hab ich gesagt, ›einmal kommen wir alle dran. Unsinn, sich deswegen Gedanken zu machen. Was kommt, kommt. Es kann morgen sein, es kann später sein. Aber kommen muß es gewiß.‹«
»Ach Gott«, sagte Oliver und nickte traurig, »ein wahreres Wort ist nie gesagt worden.«
Barmherziger Heiland! dachte er verzweifelt. Wie lange wird sie daherreden? Aber ein hübscher Kerl ist sie, todsicher. Er sah wohlgefällig ihre aufrechte, gutgebaute Figur an. Er bemerkte die milchweiße Haut, die schwarzbraunen Augen mit dem drolligen Kinderblick, ihr tiefschwarzes glänzendes Haar, das von der hohen weißen Stirn glatt zurückgekämmt war. Sie hatte die Angewohnheit, vorm Sprechen stets die Lippen zu rollen. Sie sprach langatmig und kam stets erst über nie endende Abschweifungen und Seitenpfade, über alle Wegenden der Erinnerung zur Sache, so, als müsse sie zunächst erst bei allen Dingen, die sie je getan, gefühlt, gedacht, gesehn, erlebt hatte, mit egozentrischem Entzücken verweilen.
Als er sie so anblickte, brach sie plötzlich mitten im Satz ab, legte ihre nett behandschuhte Rechte ans Kinn und starrte mit nachdenklich gerolltem Mund ins Leere.
»Also!« sagte sie. »Falls Sie sich hier erholen und einen Teil Ihrer Zeit liegen müssen, dann brauchen Sie etwas, was Sie geistig beschäftigt.« Sie öffnete das kleine lederne Handköfferchen, das sie trug, und nahm eine Visitenkarte und zwei dicke Bände heraus. »Mein Name«, sagte sie gewichtig und mit langsamem Nachdruck, »ist Eliza Fentland. Ich vertrete die Verlagsanstalt Larkin and Company.«
»Barmherziger Heiland!« dachte Oliver. »Wie würdig und stolz sie das sagt! Eine Buchagentin also!«
»Wir offerieren«, sagte Eliza und öffnete ein mit phantastischem Buchschmuck aus Speeren, Fahnen, Lorbeerreisern ausgestattetes Werk, »eine poetische Blütenlese, betitelt Juwelen in Vers für Herd und Heim und außerdem Larkins Handbuch Arzt und Arznei zum Hausgebrauch, ein Werk, das Kuren und Vorbeugungsmittel für mehr als fünfhundert Krankheiten enthält.«
»So …« sagte Gant, heimlich grinsend, und leckte seinen großen Daumen. »Da könnte auch ich wohl herausfinden, was mir fehlt.«
»Ei gewiß!« versicherte Eliza mit entschiedenem Kopfnicken. »Sie lesen sozusagen die Poesie zum Besten Ihrer Seele und den Hausdoktor zum Wohl Ihres Leibs.«
»Gedichte mag ich sehr gern«, gestand Oliver, drehte ein paar Seiten um and hielt bei dem Abschnitt Sänge von Säbel und Sporn interessiert inne. »Als ich noch ein Bub war, konnte ich stundenlang rezitieren.«
Er kaufte die Bände. Eliza packte die Muster ein, richtete sich auf und sah sich neugierig in der verstaubten Bude um.
»Geht das Geschäft gut?« fragte sie.
»Nicht daß ich sagen könnte«, gestand Oliver. »Es kommt gerade genug dabei heraus, um Leib und Seele zusammenzuhalten. Ich bin fremd in der Stadt.«
»Ei was!« sagte Eliza fröhlich. »Sie sollten mehr unter die Leute gehen. Sie brauchen etwas, was die Gedanken ablenkt. Wenn ich Sie wäre, dann würde ich mal dran gehn, mich um die fortschrittliche Entwicklung dieser Stadt zu bekümmern. Wir haben hier alles Zeug zu einer Großstadt: Landschaft, Klima, Bodenschätze. Da wäre was zu machen. Wenn ich ein paar tausend Dollar hätte, wüßte ich genau, was ich mit ihnen anfangen würde.« Sie blinzelte ihm lustig zu und begann mit sonderbar männlichen Gebärden: den Zeigefinger ausgestreckt, die Faust lose geballt: »Betrachten Sie mal das Baugrundstück hier an der Ecke, dieses hier, auf dem Ihre Werkstatt steht. Es wird in den nächsten paar Jahren seinen Wert verdoppeln. Und dort –« sie deutete mit einer weiten Armbewegung –' »dort wird eines Tages eine Straße laufen, so sicher, wie ich hier steh …»– sie rollte nachdenklich die Lippen – »und dann wird dieses Grundstück schweres Geld wert sein.« Sie fuhr fort, versonnen-hungrig über Baugelände zu reden. In ihrer Vorstellung war die Stadt ein ungeheurer Blaupausplan; ihr Gedächtnis war mit Zahlen und Schätzungen vollgepfropft; sie wußte, wer ein Grundstück besaß, wer es verkauft hatte; sie kannte den Kaufpreis, den faktischen und den Spekulationswert; sie verstand sich auf erste und zweite Hypotheken.
Oliver dachte an Sidney. Als sie fertig war, bemerkte er mit Nachdruck:
»Ich hoffe, ich werde nie wieder in meinem Leben Immobilien besitzen; außer einem Wohnhaus natürlich. So was lastet wie ein Fluch auf einem, und am Ende kriegt doch der Steuereinnehmer alles.«
Eliza sah ihn verdutzt an, als hätte er sich zu einer verdammenswerten Irrlehre bekannt.
»Na, aber hören Sie! Das wollen Sie doch nicht im Ernst behaupten! Sie werden sich doch auch etwas für die magern Jahre zurücklegen wollen?«
»Ich befinde mich mitten in den magern Jahren«, sagte er düster. »Was ich an Grund und Boden benötige, sind acht Kubikfuß Erde für ein Grab.«
Dann aber redete er von freundlichern Dingen und geleitete sie zur Tür. Er sah ihr nach, wie sie lustig über den Stadtplatz davonging. Er beobachtete, daß sie im Rinnstein ihren Rock mit damenhafter Artigkeit ein wenig hob. Dann wandte er sich zu seinen Marmorblöcken. Eine Freudigkeit regte sich in ihm, die er für immer verloren geglaubt hatte.
Die Familie Pentland, der Eliza angehörte, war eine der sonderbarsten Sippen, die dies Gebirg je hervorgebracht hatte. Ihr Anspruch auf den Namen Pentland war strittig. Ein Schotte dieses Namens, Bergbauingenieur von Beruf, Großvater des derzeitigen Haupts der Familie, war nach dem Befreiungskrieg auf der Suche nach Kupfer in die Gegend gekommen, hatte dort einige Jahre mit einer der Pionierfrauen gelebt und mehrere Kinder gezeugt. Als er verschwand, nahm die Frau für sich und die Kinder den Namen Pentland in Anspruch.
Derzeitiger Stammeshäuptling war Elizas Vater, Bruder des Propheten Bacchus, ein Major Thomas Pentland. Ein andrer Bruder war im Bürgerkrieg gefallen. Major Pentland hatte seinen militärischen Rang ehrlich aber unauffällig erworben. Während Bacchus, der es nie weiter als zum Korporal brachte, sich bei Shilo Blasen an die Hände feuerte, verteidigte der Major an der Spitze von zwei Landsturmkompagnien das heimatliche Gebirg. Diese natürliche Festung war zwar während des ganzen Feldzugs nicht bedroht, aber in den letzten Tagen vorm Waffenstillstand hatten die freiwilligen Wehrmannen, gut hinter Fels und Baum verschanzt, drei Salven auf ein verirrtes Detachement aus Shermans Armee abgegeben und sich dann stillschweigend zum Schutz ihrer wartenden Weiber und Kinder gedrückt.
Die Pentlands waren so alt wie irgendeine andere Familie in der Stadt. Sie waren immer arm gewesen und spielten sich nur selten als Patrizier auf. Durch Heirat und Versippung konnten sie sich naher Beziehung zu einigen Großen im Lande rühmen. Die Familie hatte den Durchschnitt an Idioten und Geisteskranken hervorgebracht; aber da sie an Intelligenz und Fiber den anderen Sippen der Gegend offensichtlich überlegen war, wurde ihr ein solider Respekt eingeräumt.
Die Pentlands hatten einen ausgeprägten Typ. Gruppenabzeichen waren breitangesetzte Nasen mit fleischigen, tief eingebuchteten Flügeln, sinnliche Lippen, gleichviel grob und delikat, die sich beim Nachdenken mit erstaunlicher Gewandtheit verziehen konnten; breite intelligente Stirnen und tiefe, flache, ein wenig hohle Wangen. Die Männer hatten im allgemeinen – obschon es auch eine leichenblasse Variation gab – hochrote Gesichter. Sie waren mittelgroß, untersetzt, schwer.
Major Thomas Pentland war Vater einer zahlreichen Familie. Die einzig überlebende Tochter war Eliza. Eine jüngere Schwester war ein paar Jahre zuvor an einer Krankheit gestorben, die die Familie wehmütig als »die Skrofeln unsrer armen Jane« bezeichnete. Von den sechs Buben war Bascom, der Älteste, nun dreißig, Will sechsundzwanzig, Jim zweiundzwanzig, waren Crockett, Elmer und Greeley der Reihenfolge nach achtzehn, fünfzehn, elf. Eliza war vierundzwanzig.
Die Kindheit der vier Ältesten war in die Hungerzeit nach dem Bürgerkrieg gefallen. Die Entbehrungen dieser Jahre waren so furchtbar gewesen, daß keins von den vieren je davon sprach. Sie hatten Wunden davongetragen, die nie ganz vernarbten. Die Folgen waren bei allen eine krankhafte Anlage zum Geiz, eine unersättliche Besitzgier und die Sucht, so bald wie möglich aus dem Haus des Majors hinauszukommen.
»Papa«, sagte Eliza mit damenhafter Artigkeit, als sie Oliver zum erstenmal ins Wohnzimmer des Elternhauses führte, »darf ich Dir Mister Gant vorstellen?«
Major Pentland erhob sich gemächlich vom Schaukelstuhl am offenen Kamin, klappte das Messer zusammen und legte den Apfel, den er gerade geschält hatte, auf den Kaminsims. Bacchus, der gerade an einem Stock geschnitzt hatte, sah wohlwollend auf. Will, der wie gewöhnlich an seinen Fingernägeln herumschnipselte, grüßte den Besuch mit einem komischen Zwinkern. Die Herren pflegten sich mit ihren Taschenmessern zu amüsieren.
Major Pentland, ein stämmiger, wohlbeleibter Fünfziger mit hochrotem Gesicht und einem Patriarchenbart, ging langsam auf Gant zu.
»Sie sind W. O. Gant? Nicht wahr?« fragte er mit öliggedehnter Stimme.
»Ja«, sagte Oliver.
»Na, nach dem, was mir Eliza erzählt hat«, sagte der Major und gab seiner Zuhörerschaft ein Zeichen, »müßten Sie L. E. Gant heißen.«
Das Zimmer schallte vom feisten, selbstgefälligen Lachen der Pentlands.
»Schäm Dich, Papa!« rief Eliza und legte die Hand an die Nase. Gant grinste mit geheuchelter Heiterkeit.
»Elender alter Racker«, dachte er, »diesen Kalauer hast Du bestimmt seit einer Woche auf Lager.«
»Will hast Du zuvor getroffen«, sagte Eliza.
»Zuvor und zunach«, blödelte Will.
»Und dies, sozusagen«, sagte Eliza, »dies ist Onkel Bacchus.«
»Tschawoll«, sagte Bacchus strahlend, »ganz wie er leibt und lebt.«
Will spottete gutmütig über seinen beleibten Onkel. Major Pentland riß einen alten Kalauer. Gant, mit frostigem Grinsen, war entschlossen, das Schlimmste über sich ergehn zu lassen. Die Tür ging auf, und ein Trupp Pentlands kam herein; Elizas Mutter, eine einfache, verblühte Frau, schottischen Typs, – Jim, ein sonnverbrannter Bursch, seinem Vater aus dem Gesicht geschnitten, – Thaddäus, braunäugig, braunhaarig, gutmütig, kälbern, – Greeley, der Jüngste, der unter idiotischem Schmunzeln kleine Quietschlaute hervorbrachte, über die die ganze Gesellschaft lachte. Er war elf, degeneriert, schwächlich, skrofulös; seine weißen, schweißigen Hände wußten der Violine ungelernte, überirdische Musik zu entlocken.
Da saßen sie dann in der warmen Wohnstube, im Geruch mürber Äpfel. Der Wind brauste von den Bergen herunter, sauste in den kahlen Föhren, so daß die Äste aneinanderschlugen. Und während sie schälten oder schnitzten oder schnipselten, glitt das Gespräch von Ulk und Blödelei hinweg. Die Rede war vom Tod und vom Sterben. Dumpf, eintönig, mit feistem Behagen schwatzten sie vom Geschick, sprachen sie von kaum begrabnen Leuten. Und indessen das Gespräch kein Ende nahm, heulte draußen der geisterhafte Wind. In Gant wurde es finster. Seine Seele sank in Nacht. Er spürte, daß er immer ein Fremdling auf Erden bleiben werde, er spürte, daß er, ein Fremdling, sterben müsse, er spürte, daß alle sterben müssen – nur diese triumphierenden Pentlands, die sich schmatzend am Tode gütlich taten, nicht.
Wie einer, der in Polarnacht untergeht, dachte er an die üppigen Wiesen seiner Jugend: die Maisfelder, den Pflaumenbaum, das reife Korn. Warum hier? O verloren!
II
Oliver heiratete Eliza im Mai. Sie machten eine Hochzeitsreise nach Philadelphia und zogen dann in das Haus an der Woodson Street, das er ihr gebaut hatte.
Mit seinen großen Händen hatte er Fundamente gelegt, tiefe Keller ausgegraben, Wände mit glattem, warm-braunem Mörtel verkleidet. Er hatte sehr wenig Geld, dies Haus aber ward zum Spiegelbild seiner reichen Phantasie. Schließlich stand es – mit behaglichen Stuben im Innern, in denen er nach Laune auf und ab gehen konnte – mit einer großen weitbauchigen Veranda nach außen – an der Berglehne, nahe bei der hügeligen Straße. In der mulmigen Erde des Vorgartens legte Oliver Blumenbeete an; das kurze Stück Wegs zur Veranda pflasterte er mit viereckigen Buntmarmorplatten; er errichtete einen Staketenzaun zwischen seinem Heim und der Welt.
Im Garten hinterm Haus, der vierhundert Fuß den Abhang hinauf reichte, pflanzte er Obstbäume und Reben. Was er auch anrührte, gedieh. Mit den Jahren wuchsen die Bäume – Pfirsich, Pflaume, Kirsche und Apfel – hoch und trugen schwer. Die Rebhölzer wurden zäh, schlangen, wanden und schraubten sich an den Drähten, trieben üppig in Blätter, Ranken und Trauben. Sie umzogen das Grundstück in doppeltem Spalier, klommen zur Veranda vor, umrahmten die Fenster des Obergeschosses dicht mit Laub. Die Gartenblumen wucherten in wildem Tumult: sammelblättriges Nasturtium mit hundert gelb-goldnen Farben gefleckt, Rosen, Schneeballblüten, rotkelchige Tulpen und Lilien. Dichtes Geißblatt belud den Zaun. Was auch immer Olivers große Hände berührten, gedieh.
Für ihn war das Haus ein Bild seiner Seele, ein Gewand seines Lebenswillens. Aber für Eliza war es ein Stück Hab und Gut, dessen Wert als Grundstock zu einem Vermögen sie klug einschätzte. Wie alle älteren Kinder des Majors Pentland hatte sie seit ihrem zwanzigsten Lebensjahr langsam angefangen, Boden zu erwerben. Sie besaß bereits ein oder zwei Stücke Land, die sie vom Ersparten ihres kargen Verdiensts als Lehrerin und Buchagentin gekauft hatte. Sie überredete Oliver, sich auf einem dieser Grundstücke, einem kleinen Eckchen am Rand des Stadtplatzes, eine Werkstatt zu bauen. Mit eignen Händen und der Hilfe von zwei Negerarbeitern errichtete er einen Backsteinschuppen mit einer breiten Holztreppe, die von einer marmorgepflasterten Veranda auf dem Platz hinunter führte. Auf der Veranda lagerte er die Steinklötze. Neben der hölzernen Tür stellte er eine alberne, plumpe Engelsfigur aus.
Aber Eliza war mit seinem Geschäft nicht zufrieden. Am Tod war kein Geld zu machen. Die Leute stürben zu langsam, dachte sie. Sie sah voraus, daß ihr Bruder Will, der mit fünfzehn Jahren als Lehrling in den Holzhandel eingetreten war und nun bereits ein eignes Geschäft besaß, mit der Zeit ein reicher Mann werden würde. Sie überredete Gant, Will Pentlands Geschäftspartner zu werden. Nach einem Jahr jedoch ging Gants Geduld aus; sein Egoismus brach durch. Er schrie, daß Will sie alle ruinieren würde. Will, der seine Stunden im Geschäft abwechselnd damit zubrachte, mit einem Bleistiftstummel auf verschmutzte Briefumschläge Zahlen zu kritzeln, an seinen Nägeln herumzuschnipseln und blöde Witze zu reißen, kaufte stillschweigend Olivers Geschäftsanteil aus und baute weiterhin an seinem Vermögen. Gant zog sich in den einsamen Werkschuppen zu seinen verstaubten Marmorengeln zurück.
Die seltsame Gestalt Oliver Gants warf ihren Schatten durch die Stadt. Die Leute hörten, wie er früh und spät Eliza pathetisch verfluchte, sahen ihn, wie er vom Haus zur Werkstatt rannte, wie er sich über seinen Marmorblöcken beschäftigte, wie er fluchend und heulend mit leidenschaftlichem Eifer an seinem Heim baute. Sie lachten über die Großspurigkeit seiner Redensarten, seiner Fühlweise, seiner Gebärden. Sie verstummten vor der manisch-trunksüchtigen Wut, die ihn fast pünktlich alle zwei Monate befiel und zwei bis drei Tage dauerte. Stinkend und bewußtlos fanden sie ihn in der Gosse und schleppten ihn heim … der Bankier, der Schutzmann, ein ihm ergebner, schäbiger Juwelier namens Jannadeau, ein stämmiger Schweizer, der eine kleine, ausgezäunte Ecke von Gants Grabmalschuppen gemietet hatte. Sie behandelten ihn zart und sorgfältig, sie empfanden das Seltsame, Stolze und Glorreiche in ihm. Er blieb ihnen fremd. Niemand – nicht einmal Eliza – nannte ihn je beim Vornamen. Er war und blieb für immer »Mister« Gant.
Was Eliza an Schmerz, Angst und Herrlichkeit ausstand, weiß kein Mensch. Über alles atmete Gant seine Gier, seine Wut. Wenn er betrunken war, trieb ihn ihr weißes, zusammengezogenes Gesicht mit den kleinen, langsamen Anzeichen des Mißmuts zum hellen Wahnsinn. Sie war dann tatsächlich in Lebensgefahr und mußte ihr Zimmer vor ihm absperren. Von allem Anfang an führten die beiden einen dunklen, unheimlichen Krieg miteinander. Wenn er fluchte, flennte Eliza oder blieb stumm. Auf seine hochtrabenden Reden antwortete sie mit trocknem Genörgel. Sie war nachgiebig wie eine Weide im Sturm … und langsam, unwiderstehlich setzte sie ihren Willen gegen ihn durch. Jahr um Jahr, trotz seines brüllenden Protests, erwarben sie – er wußte nicht wie – kleine Stücke Land, zahlten die verhaßten Grundsteuern und kauften von dem übrigen Geld neuen Boden hinzu. Über die Ehefrau hinweg, über die Mutter hinaus, entwickelte sich in Eliza eine Person männischen Wesens: die Grundstücksspekulantin.
In elf Jahren gebar sie ihm neun Kinder, von denen sechs am Leben blieben. Das erste, ein Mädchen, starb im zwanzigsten Monat an Kindercholera. Zwei andre starben bei der Geburt. Die übrigen überstanden die grimmen Anfälligkeiten der ersten Lebenszeit. Das älteste, ein Junge, war 1885 geboren und wurde Steve getauft. Das zweite, fünfzehn Monate später geboren, war ein Mädchen: Daisy. Das nächste, gleichfalls ein Mädchen, kam drei Jahre später. Dann, 1892, kamen Zwillingsbuben, denen Gant, der stets Geschmack an der Politik fand, die Namen der Präsidenten Grover Cleveland und Benjamin Harrison gab. Der letzte, Luke, war zwei Jahre später, 1894, geboren.
Zweimal in dieser Zeitspanne – in fünfjährigen Intervallen – artete Gants periodische Trunksucht in wochenlang ununterbrochene Sauferei aus. Er verkam. Beide Male schickte ihn Eliza zur Kur in eine Trinkerheilstätte in Richmond. Einmal erkrankten sie und vier ihrer Kinder zu gleicher Zeit an Typhus. Während einer langwierigen Rekonvaleszenz schürzte sie die Lippe und fuhr mit den Kranken zur Erholung nach Florida.
Schwerfällig rang sich Eliza in diesen Jahren der Liebe, der Widerwärtigkeiten und des Verlusts zum Sieg durch. Sie ertrug das wilde Flackern von Gants fremdem, leidenschaftlichem Sein. Stumpf und grausam war er oft, aber sie erinnerte sich immer an das Herrliche, die ungeheure Leuchtkraft des Lebens in ihm, sie dachte stets an das Verlorne, Verschüttete in ihm, das er nicht finden konnte. Furcht und wortloses Mitleid packten sie, wenn sie manchmal beobachtete, daß seine kleinen unruhigen Augen still und dunkel wurden vom sinnlos-gierigen Hunger, der alten Qual. O verloren!
III
In der Prozession der Jahre, in denen die Geschichte der Familie Gant sich vollzog, sind nur wenige mit Schmerz, Schrecknis und Elend so beladen gewesen wie das, mit dem das 20. Jahrhundert begann. 1900 wurde Gant fünfzig. Er wußte, daß er halb so alt war wie das ausgegangne Jahrhundert, daß Menschen nur selten ein Jahrhundert alt werden. Eliza, die mit dem letzten Kind, das sie gebären sollte, schwanger ging, überstand ihre letzte verzweifelte Angst. In der üppigen Dunkelheit von Sommernächten, als sie ausgestreckt, die Hände auf dem verschwollenen Leib, im Bett lag, begann sie, ihr Leben für die Jahre, in denen sie nicht mehr Mutter werden würde, zu planen. Der Golf, an dessen gegenüberliegenden Küsten ihr und Olivers Leben gegründet waren, lag weit offen vor ihr. Mit unendlicher Geduld und instinktiv prophetischer Gefaßtheit spähte sie aus.
Die fast buddhistische Stille ihres Wesens, die sie weder unterdrücken noch verleugnen konnte, brachte Gant, da er sie am wenigsten verstehen konnte, am meisten in Wut. Er war fünfzig, war sich seines Alters tragisch bewußt. Er sah, daß die leidenschaftliche Fülle der Lebenskraft für ihn entschwand, und benahm sich sinnlos wie ein gereiztes Biest. Eliza hatte vielleicht mehr Grund zur Stille als er. Sie hatte von Kind auf Schweres durchgemacht, hatte in der Ehe Tod und Elend, Kinderkriegen und Krankheit überstanden. Nun war sie zweiundvierzig. Das letzte Kind regte sich in ihrem Leib. Sie war abergläubisch davon überzeugt – und die blinde Eitelkeit der Pentlands, die aller Welt Ende, nur nicht das ihrer Sippe, voraussahen, bestätigte sie hierin –, daß sie zu etwas Besonderem bestimmt sei.
Da lag sie in ihrem Bett und sah durchs Fenster einen großen Stern am Westhimmel brennen. Sie bildete sich ein, daß der Stern langsam steige. Und obschon sie unmöglich zu sagen vermocht hatte, zu welchem Gipfel ihr Leben nun führte, so sah sie doch in der ungekannten zukünftigen Freiheit die Fülle von Besitz und Wohlstand für sich. Die Lust danach brannte ihr unauslöschlich im Blut. Sie erging sich in der Vorstellung, sie schürzte die Lippe im Dunkeln, sie schaute sich selber im Geiste, wie sie im Karneval des Lebens aus den Händen der Narrheit leichthin das Gut nahm, das noch nie ein Mensch zu halten wußte.
»Ich werd' es kriegen, ich werd' es kriegen!« dachte sie. »Will hat es. Jim hat es. Und ich bin gescheiter als sie.« Mit bitterem, peinigendem Bedauern dachte sie an Gant. »Schauderhaft! Nicht einen Nickel hätte er, wenn ich mich nicht um ihn gekümmert hätte. Um jede Kleinigkeit habe ich kämpfen müssen. Sonst hätten wir nicht einmal ein eignes Dach überm Kopf und müßten auf unsre alten Tage in Miete wohnen.« In Miete wohnen müssen aber war für sie die endgültige Schande, die Verschwender und unfürsorgliche Menschen befällt.
»Für das Geld allein, das er jährlich für Whisky ausgibt«, dachte sie weiter, »könnte man einen schönen Bauplatz kaufen. Ach, wir könnten es zu wahrem Wohlstand gebracht haben, wenn wir gleich angefangen hätten. Aber er hat immer schon den bloßen Gedanken an Besitz gehaßt. Er sagte mir einmal, er könne ihn nicht ertragen, seit er bei dem Handel in Sidney all sein Geld verlor. Wenn ich nur damals schon bei ihm gewesen wäre! Meinen letzten Dollar will ich wetten, daß die andern statt seiner verloren hätten«, fügte sie trotzig hinzu.
Da lag sie, die Frühherbstwinde fegten mit dem Rauschen ferner großer Bäume und welkem Laub ins nächtige Tal. Sie dachte an den Fremdling, der in ihrem Leib zu leben begonnen hatte, und an den anderen Fremdling, den Urheber von so viel Leid, der nun fast zwanzig Jahre mit ihr gelebt hatte. So oft ihre Gedanken auf Gant kamen, spürte sie ein schmerzlich-elementares Wundern über die wüste offne Fehde und den großen heimlichen Kampf, den ihre Habgier gegen seinen unverständlichen Haß auf Besitz führte. »Ich schwör' es«, flüsterte sie, »einen solchen Menschen gibt es nicht zweimal.« An ihrem Endsieg zweifelte sie nicht.
Gant stand dem Abklingen seiner sinnlichen Genußfähigkeit gegenüber. Er merkte, daß dem Unmaß im Essen, Trinken und Lieben nun Dämme gesetzt waren, und wußte um keinen Gewinn, der diese Einbuße aufwiegen könne. Audi er spürte den Stachel der Reue. Er hatte Kraft vergeudet. Er hatte gute Gelegenheiten – zum Beispiel die Partnerschaft mit Will Pentland, die ihm Ansehen und Reichtum gebracht hätte – verpaßt. Die besten Jahre seines Lebens waren vertan. Mehr denn je empfand er die Fremdheit und Einsamkeit unsres kleinen Abenteuers auf Erden. Er dachte zurück an seine Kindheit auf der Farm bei den Pennsylvania-Deutschen, an seine Lehrzeit in Baltimore, an seine ziellosen Wanderjahre über den Kontinent, an die auffallende Verknüpfung seines Daseins mit einer Kette von Zufällen. Die riesenhafte Tragödie des Zufalls hing wie eine graue Wolke über ihm. Klarer denn je sah er ein, daß er fremd unter Fremden in der Fremde lebte. Am fremdesten aber kam ihm seine Ehe vor, in der er Kinder, abhängiges Leben, gezeugt hatte, diese Verbindung mit einer Frau, die ihm so völlig wesensfern war.
Er wußte nicht, ob das Jahr 1900 einen Anfang oder ein Ende für ihn bedeute. Mit der bekannten Schwäche des Sensualisten beschloß er, es als ein Ende zu betrachten und die Reste der Lebenskraft in einer lodernden Flamme zu verbrennen. In der ersten Hälfte des Januar zeugte er ein Kind. Im Frühling, als Elizas Schwangerschaft offenbar war, stürzte er sich in eine heftige Whiskyorgie, mit der verglichen selbst seine sechzehnwöchige Sauferei im Jahre 1896 nichts war. Tag um Tag war er wahnsinnig besoffen, die Trunksucht artete in dauernde Raserei aus. Im Mai schickte ihn Eliza in eine Heilstätte in Piedmont. Die Kur bestand darin, daß er sechs Wochen lang schlechtes billiges Essen bekam und jeglichem Alkohol ferngehalten wurde. Er kam Ende Juni zurück, äußerlich gebessert, innerlich wütend vor Hunger und Durst.
Am Tag vor seiner Heimkehr ging die hochschwangere Eliza mit entschlossenem Gesicht in jede der vierzehn Bars im Städtchen, suchte den Eigentümer oder Schankhalter hinter der Theke auf und sprach laut und vernehmlich vor der dumpfen Gesellschaft der Gäste:
»Hören Sie, ich bin hereingekommen, um Ihnen zu sagen, daß Mister Gant morgen zurückkehrt, und ich möchte Sie alle wissen lassen, daß ich jeden, der ihm etwas ausschenkt, vor Gericht und ins Gefängnis bringen werde!«
Diese Drohung, das wußten sie alle, war hochstaplerisch. Aber das strenge weiße Gesicht, die gedankenvoll geschürzte Lippe, die männisch-gehaltene Hand mit dem ausgestreckten Zeigefinger verliehen der Ankündigung einen unheimlichen Nachdruck. Bierdumpf hörten die Männer sie an; höchstens daß einer oder der andre eine überraschende Zustimmung ihr nachmurmelte, während sie hinausging.
»Wahrhaftiger Gott!« bemerkte ein Mann aus dem Gebirg und sandte einen langen Kautabakspritzer aus dem Mundwinkel in den hohen Messingspucknapf, »die wär dazu imstand! Die macht Ernst.«
»Teufel auch«, sagte Tim O'Donnell und wackelte komisch mit seinem Affenkopf hinterm Schanktisch, »ich würde mich nicht trauen, dem Gant was auszuschenken, und wenn der Whisky nur fünfzehn Cents das Quart wäre und es säßen keine Zeugen dabei. Ist sie weg?«
Die Männer lachten angeheitert und laut.
»Wer ist sie?« fragte jemand.
»Will Pentlands Schwester.«
»Bei Gott, dann macht sie Ernst!« riefen mehrere, und die Bar dröhnte vor Gelächter.
Will Pentland saß in Loughrams Bar, als Eliza eintrat. Sie grüßte ihn nicht. Als sie hinausgegangen war, wandte er sich an einen der Herumsitzenden und bemerkte nach einem vogelhaften Nicken und Zwinkern:
»Ich wette, daß Sie das nicht fertigbrächten.«
Dem heimgekehrten Gant wurde in den Bars nichts ausgeschenkt. Er tobte vor Wut. Natürlich war es ihm ein leichtes, sich Whisky holen zu lassen: er schickte einen Fuhrmann, der bei ihm zu tun hatte, oder irgendeinen Neger danach. Aber er war mit den Jahren, obschon er wußte, daß sein Benehmen eine klassische Mythe für die Kinder im Städtchen war, äußerst empfindlich für jeden Hinweis auf seinen Leumund geworden. Auch schämte er sich insgeheim seiner Trunksucht, besonders wenn er verkatert war. Nun war sein Stolz aufs bitterste verletzt. Er schrie, daß Eliza ihn böswillig vor aller Öffentlichkeit herabgesetzt und gedemütigt hätte, und schimpfte maßlos mit ihr.
Den ganzen Sommer lebte Eliza in einer weißen, ahnungsvollen Stille dahin. Sie war nun schon an die Schrecken gewöhnt. Mit furchtbarer Ruhe erwartete sie allabendlich die Wiederkehr ihrer Angst. Gant, den ihre Schwangerschaft verdroß, ging jeden Abend in Elisabeths Freudenhaus in Eagle Crescent, wo er dann in später Stunde von ein paar verbrauchten und erschreckten Huren der Obhut seines ältesten Sohns Steve übergeben wurde. Steve verstand bereits, mit den Weibsleuten dieses Distrikts frech und frei umzugehen. Sie verhöhnten ihn mit vulgärer Gutmütigkeit, lachten über seine schlüpfrigen Anspielungen und machten sich nichts daraus, wenn er ihnen einen festen Klaps auf den Hintern gab und dann ihren plumpen Haschversuchen gewandt entschlüpfte.
»Junge, Junge«, sagte Elisabeth und gab Gants Kopf einen Stoß, daß er wackelte, »gib ja acht, daß Du nicht nach diesem alten Gockel gerätst. Er kann auch ganz nett sein, wenn er sich Müh gibt«, fuhr sie fort, und während sie Gant auf die Glatze küßte, ließ sie die gefüllte Brieftasche, die er ihr zuvor in heftig aufwallender Freigebigkeit geschenkt hatte, in Steves Hand gleiten. Sie nahm's mit der Ehrlichkeit sehr genau.
Steve wurde auf diesen Gängen meist von Jannadeau und dem Neger Tom Flack, einem Kutscher, begleitet. Die beiden pflegten vor dem Gattertor zu warten, bis der Radau anzeigte, daß Gant zum Aufbruch bewegt worden war. Sie brachten ihn durch die allzu stillen Stadtstraßen heim. Manchmal ging Gant schwerfällig und fluchte pathetisch auf seine Begleiter. Manchmal war er jovial und willfährig und grölte ein unanständiges Lied:
»Droben im Hinterzimmer
Ja, da droben, ihr Buben
Hüpfen die Wanzen und Flöh …«
Zu Hause angekommen, ließ er sich die Verandatreppe hinaufhelfen und zu Bett bringen. Manchmal aber war er nicht zurückzuhalten; dann suchte er das abgeschlossene Schlafzimmer Elizas auf und tobte vor der Tür. Er beschimpfte sie aufs gemeinste, er bezichtigte sie sogar der Unkeuschheit, denn mit dem Abflauen der geschlechtlichen Lebenskraft stiegen dunkle, neidische Verdachte in ihm auf. Die furchtsame Daisy floh dann in eines der Nachbarhäuser, zu Sudie Isaacs oder zu den Tarkintons. Die zehnjährige Helene aber, das Kind, das er am meisten liebte, meisterte ihn. Sie löffelte ihm heiße Suppe ein, und wenn er sich störrisch anstellte, ohrfeigte sie ihn fest mit ihrer kleinen Hand.
»Hier wird Suppe gegessen! Vorwärts! Geschluckt!«
So etwas gefiel ihm ungemein. Diese Tochter und er waren aus demselben Holz geschnitzt.
Manchmal nahm er überhaupt keine Vernunft an. Völlig von Sinnen, wie er dann war, schichtete er ein großes Holzfeuer im offnen Kamin des Wohnzimmers, goß Petroleum aus einer Kanne auf die lodernden Scheite und spuckte wild in die aufzischenden Flammen. Dazu sang er, bis er es müde wurde, oft dreiviertel Stunden lang, etwa dies:
»Ohe! Goddam, Goddam,
Goddam, Goddam,
Oho! Goddam, Goddam,
Goddam, Goddam«
meist in dem langgezogenen Tonfall, in dem Uhren die ganze Stunde schlagen.
Draußen auf dem Zaun hockten wie Affen Sandy und Fergus Duncan, Seth Tarkinton … – manchmal machten auch Ben und Grover den Spaß mit – und sangen als Gegenstrophe:
»Der alte Gant
Besoffen kommt er,
Besoffen kommt er,
Kommt er nach Haus.«
In der guten Stube der Nachbarin weinte Daisy vor Scham und Angst. Helene aber, das kleine, schmächtige, zornige Wesen, gab nicht nach. Schließlich bequemte Gant sich in einen Sessel und nahm grinsend heiße Suppe und feste Ohrfeigen von ihr an. Droben lag Eliza mit bleichem, aufmerksam gespanntem Gesicht.
Der Sommer ging. Es war Ende September. Fern blies der Wind. Die letzten Trauben hingen in runzligen und angefaulten Perkeln an den Rebstöcken.
Eines Abends stellte der vertrocknete Doktor Cardiac beim Weggehn fest: »Morgen abend, denk ich, wird wohl die ganze Sache vorüber sein.« Eine tüchtige, ländliche Hebamme in mittleren Jahren blieb im Haus zurück.
Um acht Uhr kam Gant allein nach Haus. Steve hatte dableiben müssen, um für Eliza, falls es nötig sein würde, Botengänge zu tun. Niemand kümmerte sich um den Hausherrn; die Aufmerksamkeit galt Eliza, die in den Wehen lag.
Drunten im Wohnzimmer sang Gant mit voller Stimme Obszönitäten, so daß es bis zu den Nachbarn schallte. Als Eliza das plötzliche wilde Aufzischen der Flammen im Kamin hörte, winkte sie Steve zu sich ans Bett:
»Er wird das Haus in Brand stecken, Steve«, flüsterte sie heiser.
Sie hörten, wie unten ein Stuhl umgeschmissen wurde, und Gants Fluch. Sie hörten, wie er mit schwerem Schritt durchs Speisezimmer und über die Diele stapfte, wie die Treppenstufen knarrten und sein Körper gegen das Geländer krachte.
»Er kommt 'rauf, Steve, er kommt 'rauf! Schließ die Tür ab!«
Steve schloß die Tür ab.
»Sind Sie drinnen?« brüllte Gant und trommelte mit seinen großen Fäusten an die Tür. »Miss Eliza! Sind Sie drinnen?« heulte er. Er hatte die Angewohnheit, sie in solchen Augenblicken ironisch als »Miss« anzusprechen.
»Das hätte ich nicht gedacht …«, fing er mit hochstaplerischer Rhetorik an, »… das hätte ich nicht gedacht, als ich Sie vor achtzehn bittern Jahren das erstemal sah, als Sie mir wie eine Schlange auf dem Bauche kriechend entgegenkamen …« und endete lahm, »… das hätte ich nicht gedacht, daß es dazu käme.« Er wartete auf eine Antwort. Er wußte, daß sie still mit weißem Gesicht hinter der Tür lag. Er barst fast vor Wut, denn er wußte genau, daß sie ihm nicht antworten würde.
»Bist du da?« brüllte er. »Ich frage, ob Du da bist, Weib?« Er bombardierte die Tür mit Fausthieben.
Da war nichts als weiße, lebendige Stille.
»Weh mir! Weh! Weh!« stöhnte er selbstmitleidig auf. Er brach in erzwungenes, dumpfes Seufzen aus. »Gnädiger Gott«, weinte er. »Es ist furchtbar. Es ist entsetzlich. Es ist grausam. Was habe ich getan, daß Gott mich so heimsucht?«
Keine Antwort kam.
»Cynthia! Cynthia!« heulte er plötzlich auf. Er meinte seine erste Frau, jene dürre, tuberkulöse alte Jungfer, deren Leben seine Aufführung angeblich nicht verlängert hatte, deren Gedächtnis er aber nun, um Eliza zu kränken, gerne anzurufen pflegte. »Cynthia! o Cynthia! Blicke herab auf mich in dieser Stunde der Not! Sende mir Kräfte! Leihe mir Beistand! Schütze mich vor dieser Teufelin! Steige hernieder und rette mich! Ich verderbe!! Ich flehe Dich an, ich bitte Dich, ich beschwör Dich um Hilfe!«
Es blieb still.
Er nahm seine Klage wieder auf. Er variierte das Thema. »Undankbar seid ihr! Undankbarer als die wilden Tiere des Walds. Gott im Himmel wird Euch strafen. Tretet den alten Mann! Schlagt ihn! Werft ihn auf die Straße! Schleift seine müden Knochen über das Pflaster! Schickt ihn ins Armenhaus! Zum Geldverdienen taugt er nichts mehr. Ah, ah! Du sollst Deinen Vater ehren, auf daß Du lange lebest in dem Land, das Dir der Herr, Dein Gott, gibt.« Dann zitierte er pathetisch unter schnupfendumpfen, burlesken Seufzern Mark Antons Anklagerede aus Shakespeares Julius Cäsar.
In diesem Augenblick sagte die Nachbarin, Mistress Duncan, zu ihrem Gatten: »Jimmy, Du mußt rübergehen. Er rast wieder, und sie steht vor der Entbindung.«
Der Schotte Duncan schob seinen Stuhl zurück und verließ festen Schritts das warme Behagen des wohlgeordneten Familienlebens samt dem Geruch von frischgebacknem Brot. Am Gittertor vor Gants Hause traf er den geduldigen Jannadeau, den Ben geholt hatte. Sie tauschten ein paar sachliche Bemerkungen aus. Als sie im Haus ein lautes Krachen und den entsetzten Aufschrei einer Frau hörten, stürmten sie die Verandatreppe hinauf. Eliza öffnete ihnen die Haustür. Sie war im Nachthemd.
»Schnell! Schnell!« flüsterte sie.
Gant stürzte die Treppe herunter und fiel. »Bei Gott! Ich bring sie um!« schrie er. »Ich bring sie um. Ich mache Schluß mit meiner Misere.«
Er hatte einen schweren Schürhaken in der Hand. Duncan und Jannadeau packten ihn und hielten ihn fest. Der stämmige Schweizer entwand ihm den Schürhaken mit festem Griff.
Steve kam gerade die Treppe herunter. »Mutter!« rief er, »er hat sich den Kopf an der Bettstelle aufgeschlagen.« Es stimmte. Gant blutete am Kopf.
»Geh und hol Deinen Onkel Will, Steve!« befahl Eliza. Steve sauste ab wie ein Jagdhund.
»Es war ihm Ernst mit dem Umbringen diesmal«, flüsterte Eliza.
Duncan machte die Haustür zu, um die Gaffer, die sich vor dem Tor versammelt hatten, auszuschließen. »Sie werden sich erkälten, Mistress Gant«, bemerkte er.
»Lassen Sie ihn nicht an mich!« wimmerte Eliza verzweifelt.
»Sie können sich auf mich verlassen«, sagte der Schotte fest.
Schwerfällig stieg sie die Treppe hinauf. Auf der zweiten Stufe brach sie in die Knie. Die Hebamme, die sich im Badezimmer eingesperrt hatte, kam heraus und war ihr behilflich. Auf sie und Grover gestützt schleppte Eliza sich in ihr Zimmer zurück. Draußen ließ sich Ben von dem niederen Verandadach auf das Lilienbeet herunterfallen. Seth Tarkinton, der auf dem Drahtzaun saß, rief ihm vergnügt »Hallo« zu.
Gant, ein wenig verdutzt, ließ sich von den beiden Männern zu einem Schaukelstuhl führen. Er streckte alle Glieder von sich; sie zogen ihm die Kleider aus. Helene war bereits in der Küche; nun erschien sie mit kochend heißer Suppe. Ein Leuchten kam in Gants Augen, als er sie erblickte.
»Mein Lenchen«, dröhnte er und machte eine leere Armbewegung in der Luft. »Wie geht's Dir, mein Kind?« Sie stellte die Suppe nieder. Er umarmte sie. Er drückte ihren schmächtigen Körper an sich, rieb seinen borstigen Schnurrbart an ihren Wangen, blies ihr seinen faulen, widerlichen Whiskyatem ins Gesicht.
»Ach! Er hat sich geschnitten!« Die Kleine weinte fast.
»Ja, schau nur, wie sie mit mir umgegangen sind«, greinte Gant und betastete die Wunde.
Will Pentland, echtgeborner Sohn jener Sippe, die immer zusammenhält und einander nur in Zeiten von Tod, Pestilenz und Terror besucht, kam herein.
»Guten Abend, Mister Pentland«, sagte Duncan.
Will grüßte die beiden Nachbarn gutmütig. »Na, es geht zum Aushalten«, bemerkte er. Er stellte sich vors Kaminfeuer und schnipselte nachdenklich mit einem scharfen Messer an seinen stumpfen Nägeln herum. Sein Grundsatz war, daß niemand die Gedanken eines Mannes, der an seinen Fingernägeln herumschnipselt, erraten könne. Er pflegte es stets in Gesellschaft zu tun.
Wills Anblick hatte Gant sofort aus seiner Lethargie hochgerissen. Er haßte die Pentlandsippe. Er haßte ihre schnippische Gefaßtheit, ihre unaufhörliche Witzelei, ihre Geschäftstüchtigkeit.
»Bankerte aus dem Gebirg! Elendes Geschmeiß! Gemeinstes Gezücht!« brüllte er.
»Aber Mister Gant!« beschwichtigte Jannadeau flehentlich.
»Was ist los mit Dir, Schwager?« fragte Will und sah unschuldig von seinen Fingernägeln auf. »Hast Du vielleicht was Unverträgliches gegessen?« Er zwinkerte keck zu Duncan hinüber und machte sich wieder an seine Fingernägel.
»Dein elender alter Vater«, heulte Gant, »ist auf dem Stadtplatz öffentlich ausgepeitscht worden, weil er seine Schulden nicht bezahlt hat.« Dies war eine völlig aus der Luft gegriffne Behauptung, die sich irgendwie in Gants Kopf als Wahrheit festgesetzt hatte. Er brachte sie bei allen möglichen Gelegenheiten vor, vermutlich weil die Vorstellung ihm eine wahre Herzensbefriedigung war.
Will konnte es sich nicht versagen, auf diese Eröffnung einzugehn. »So? Ausgepeitscht worden ist er? Hier auf dem Stadtplatz? Ei, ei! Das müssen sie aber streng geheim gehalten haben, nicht?« Er verzog die Mundwinkel und fuhr fort, an seinen Fingernägeln zu schaben.
»Aber etwas will ich Dir von ihm sagen«, bemerkte er nach einer Weile. »Er hat seine Frau eines natürlichen Todes im Bett sterben lassen. Er hat nie auch nur den Versuch gemacht, sie umzubringen.«
»Nein! Bei Gott nein!« brüllte Gant dagegen. »Er hat sie verhungern lassen. Wenn die alte Frau je eine anständige Mahlzeit bekam, dann war es sicher hier an meinem Tisch. Sie hätte zweimal zur Hölle und zurück laufen müssen, ehe sie eine vom alten Tom Pentland oder einem seiner Söhne bekam.«
Will klappte sein Taschenmesser zusammen und steckte es ein.
»Der alte Pentland hat in seinem ganzen Leben nicht einen Tag ehrlich gearbeitet!« schrie Gant gellend.
»Ruhig, seien Sie doch ruhig! Mister Gant!« mahnte Duncan vorwurfsvoll.
»Still, still!« zischte Helene energisch. Sie trat mit der Suppe vor ihn hin und hielt ihm einen Löffelvoll an die Lippen. Gant wandte sich weg. Er wollte eine neue Beleidigung hervorstoßen und verschüttete den Löffelvoll. Sie schlug ihm fest auf den Mund.
»Hier wird Suppe gegessen! Vorwärts! Geschluckt!«
Er grinste demütig. Sein Blick ruhte lange auf ihr, während er sich die Suppe einlöffeln ließ.
Will Pentland sah Helene eine Weile aufmerksam zu. Dann warf er nickend und zwinkernd einen Blick auf Duncan und Jannadeau. Ohne ein Wort zu sagen, verließ er das Zimmer. Er ging nach oben. Eliza lag weiß und still zu Bett.
»Nun, Eliza, wie geht's?«
Das Zimmer roch stark nach morschen Birnen. Ein Feuer aus Tannenknüppeln brannte ausnahmsweise im Kamin. Will stellte sich davor und arbeitete an seinen Fingernägeln.
Eliza brach unvermittelt in Tränen aus. »Kein Mensch ahnt auch nur, was ich durchgemacht habe.« Sie trocknete sich die Augen mit einem Zipfel der Bettdecke. Ihre breitangesetzte Nase ragte feuerrot aus dem bleichen Gesicht.
»Hast Du was Gutes zu futtern?« fragte Will gierig und zwinkerte wie ein Clown.
»Nebenan in der Kammer liegen Birnen auf dem Gestell. Vorige Woche gebrochen. Ich hob sie auf, daß sie mürbe werden.«
Er ging hinaus, kam gleich mit einer großen gelben Birne zurück, trat vors Feuer, klappte die kleine Klinge seines Taschenmessers auf.
»Das ist mehr als ich aushalten kann. Ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist. Du kannst getrost Deinen letzten Dollar wetten, daß ich das nicht mehr lang mitmach'«, sagte Eliza ruhig nach einer Weile.
Will schwieg. »Ich kann mich selbst durchschlagen«, setzte sie trocken hinzu in jenem Ton, den Will gut an ihr kannte.
Er stand im Begriff, ihr ein großzügiges Angebot zu machen. »Schau her, Eliza«, begann er, »wenn Du an Bauen denkst, da könnte ich Dir …« – hier bremste er noch rechtzeitig und schloß: »ja, da könnte ich Dir das Baumaterial zum billigsten Preis geben.« Er schob schnell einen Birnenschnitz in den Mund.
Sie schürzte mehrmals rasch hintereinander die Lippen.
»Nein«, entschied sie, »es ist noch nicht so weit, Will. Wenn es dazu kommt, kriegst Du Bescheid.«
Das Holzfeuer im Kamin rutschte leise zusammen.
»Ja, dann kriegst Du Bescheid«, versicherte sie nochmals.
Will klappte sein Taschenmesser zu und steckte es in die Hosentasche.
»Gutnacht also, Eliza«, sagte er. »Pett wird morgen mal nach Dir gucken. Ich werde ihr ausrichten, daß es gut um Dich steht.«
Will verließ leise das Haus. Im Vorgarten traf er Duncan und Jannadeau.
»Wie geht's ihm?« erkundigte er sich.
»Tadellos jetzt«, versicherte Duncan vergnügt. »Er schläft tief und fest.«
»Den Schlaf des Gerechten?« fragte Will zwinkernd.
Der Schweizer fühlte sich durch den Spott auf seinen Titanen verletzt. »Jammerjammerschade«, gurgelte er, »daß Mister Gant trinkt. Er hätte es weit gebracht mit seinem Verstand. Wenn er nüchtern ist, dann gibt's keinen feineren Kerl als ihn.«
»So? Wenn er nüchtern ist?« Will zwinkerte im Dunkeln. »Na, und wenn er schläft?«
»Es ist alles sofort in Ordnung, sobald ihn Helene in die Hand bekommt«, sagte Duncans tiefe volle Stimme. »Erstaunlich, was das Mädel mit ihm vermag.«
»Ja, ja«, kicherte Jannadeau, »das Kind kennt sich am besten mit ihm aus.«
Helene saß im Lehnstuhl und las, bis das Feuer heruntergebrannt war. Dann schaufelte sie leise Asche auf die Glut. Gant lag auf dem Sofa in klaftertiefem Schlaf. Sie hatte ihn in einen Wollkolter eingewickelt. Nun legte sie ein Kissen auf einen Stuhl, schob den Stuhl ans Fußende des Sofas und legte seine Füße darauf. Er stank übel, nach Whisky. Er schnarchte, daß die Fenster schepperten.
So, in Vergessenheit versunken, verging ihm die Nacht. Er verschlief die kreißenden Wehen, die Eliza um zwei Uhr befielen. Er verschlief all die Mühe, die Geduld, die Qual des Arztes, der Hebamme, der Wöchnerin.
IV
Die Geburt dauerte unendlich lange.
Als Gant am nächsten Morgen kurz nach zehn aufwachte und verkatert und beschämt den heißen Kaffee schlürfte, den ihm Helene brachte, hörte er aus dem Obergeschoß ein lautes, langes, lüngiges Schreien.
»Mein Gott!« stöhnte er entsetzt und deutete nach oben. »Ist's ein Mädchen oder ein Bub, Lenchen?«
»Ich hab's noch nicht gesehn, Papa«, antwortete Helene. »Wir dürfen nicht rein. Aber Doktor Cardiac ist vorhin herausgekommen und hat gesagt, wenn wir brav wären, würde er uns ein Brüderchen zeigen.«
Auf dem Verandadach war Radau. Steve, der von dort ins Zimmer der Wöchnerin gespäht hatte, sprang wie eine Katze aufs Lilienbeet herunter. Die Hebamme schalt.
Der Hausherr brüllte: »Steve, verdammter Bengel, was hast Du dort oben zu suchen?!«
Steve kletterte über den Zaun.
»Ich hab's gesehen!« gellte er zurück.
»Ich auch! Ich auch!« jauchzte Grover, kam ins Zimmer gerannt und lief wieder hinaus.
»Wenn ich Euch Lausbuben nochmal auf dem Dach hier erwische«, keifte die Hebamme, »dann versohle ich Euch das Fell.«
Die Kunde, daß sein jüngster Erbe ein Junge sei, hatte Gant einen Augenblick lang gefreut. Nun aber schritt, er wehleidig im Zimmer auf und ab und klagte in einem fort:
»Mein Gott! Mein Gott! Muß auch das noch mich auf meine alten Tage treffen? Wieder ein Maul mehr zu stopfen! Es ist furchtbar, es ist entsetzlich, es ist grausam!« Er flennte. Plötzlich wurde er gewahr, daß niemand da war, den er mit seiner Klage rühren könne. Er ging über die Diele und blökte kläglich die Treppe hinauf:
»Eliza! Mein Weib! Verzeih mir! Verzeih!«
Unter lautem Seufzen stapfte er treppauf.
Eliza nahm ihre Kraft zusammen. »Nicht reinlassen!« stieß sie hervor.
»Sagen Sie ihm, daß er jetzt nicht ins Zimmer kann«, befahl Doktor Cardiac der Hebamme und starrte auf die Waage. »Hier gibt's ohnedies nur Milch zu trinken«, setzte er trocken hinzu.
Gant stand vor der Tür.
»Eliza, mein Weib, hab Mitleid mit mir, ich bitte Dich! Wenn ich gewußt hätte …«
Die Hebamme riß die Tür auf und raunzte: »Ja, wenn der Hund nicht das Bein gehoben hätt', dann hätt' er den Has' gefang'n.« Sie schmiß ihm die Tür vor der Nase zu. Belämmert stieg Gant die Treppe hinunter. Er ließ den Kopf hängen, aber die Antwort der Hebamme lockte ein flüchtiges Schmunzeln auf seine Miene. Schnell leckte er den Daumen mit der Zunge.
»Barmherziger Gott!« sagte er grinsend und brach wieder in Klagen aus.
»Das genügt jetzt«, bemerkte Cardiac. Er hielt ein rotleuchtendes Körperchen hoch, reckte es an den Fersen und gab ihm einen kleinen Klaps auf den Popo.
Der Säugling hatte sein Debüt gemacht, ausgestattet mit allem Getriebe und Zubehör, mit den Einsätzen und Auswüchsen, den Bindungen und Zargen, den Wasserhähnchen, Augen und Nägeln, die man zur vollkommenen Erscheinung, der Harmonie der Teile und der Einheit der Wirkung auf dieser tathaft regsamen und kampferfüllten Welt für nötig hält. Er war ein ausgemachtes Männchen im kleinen, die winzige Eichel, aus der die mächtige Eiche werden soll, der Enkel aller Zeitalter, der Erbe des uneingelösten Ruhms, das Kind des Fortschritts, der Liebling der knospenden goldnen Aera. Was mehr ist: Fortuna und ihre Feen hatten ihn für den Zeitpunkt aufgespart, in der der Fortschritt vor lauter Ruhm und Reife schon am Verfaulen war.
»Na, und wie wird der Bengel heißen?« fragte Cardiac mit der ruppigen Sachlichkeit des Mediziners.
Eliza war auf kosmische Schwingungen eingestellt. Mit einer vollen, wenn auch ungenauen Vorahnung dessen, was dem Glückskind verhängt war, nannte sie es »Eugen«. Dieser schöne Name bedeutet »Wohlgeboren«, »Gut zur Welt gekommen«, was freilich nicht ganz mit »Hochgezüchtet«, »Wohlgezogen« oder »Aus gutem Blut stammend« identisch ist.
Das erlauchte Wesen, das schon einen Namen trug, und von dem aus die Ereignisse dieser Chronik betrachtet werden sollen, war, wie schon gesagt, auf dem äußerst zugespitzten Endpunkt der Weltgeschichte geboren. Vielleicht hat der Leser das schon bemerkt. Nicht? Nun, dann frischen wir sein historisches Gedächtnis auf.
Um 1900 hatten Oscar Wilde und James Whistler die meisten der ihnen nachgesagten Gescheitheiten schon gesagt. Die großen Männer der viktorianischen Epoche waren stark im Aussterben begriffen, ehe noch die Moralkulissen ihrer Zeit bombardiert wurden. William McKinley war zum zweitenmal Präsident der Vereinigten Staaten. Seesoldaten, die im Spanisch-Amerikanischen Krieg gekämpft hatten, waren auf Frachtdampfern in ihre Heimat zurückgekehrt. Das altgrimme Großbritannien hatte 1899 ein Ultimatum an die Südafrikaner geschickt: Lord Roberts (der bei seinen Leuten »Little Bobs« hieß) war nach verschiedenen Rückschlägen für die britischen Streitkräfte zu deren Generalkommandanten ernannt worden. Großbritannien hatte im September 1900 Transvaal annektiert, im Monat von Eugens Geburt wurde die Annektion offiziell. Zwei Jahre später fand eine Friedenskonferenz statt.
Was ging derweil in Japan vor? Das erste Parlament trat 1891 zusammen. 1894–1895 war Krieg mit China, Formosa wurde 1895 abgetreten. Außerdem: Warren Hastings. Generalgouverneur von Indien, war längst vor Gericht gestanden. Papst Sixtus V, war gekommen und gegangen, Dalmatien war von Tiberius unterjocht, Belisar war von Justinian geblendet. Die Hochzeits- und die Begräbniszeremonien der Wilhelmine Charlotte Karoline von Brandenburg-Ansbach und Georgs II. von England waren feierlich begangen, während jener der Berengeria von Navarra und Richards I. nur noch ungenau gedacht wurde. Diokletian, Karl V. und Victor Amadeus von Sardinien hatten auf ihre Throne verzichtet. Henry James Pye, Poeta Laureatus von England, war daheim bei seinen Vätern. Cassiodor, Quintilian, Juvenal, Lucretius, Martial und Albrecht der Bär hatten das Zeitliche gesegnet. Die Schlachten von Antietam, Smolensk, Drumclog, Inkerman, Marengo. Cawnpore. Killiecrankie, Sluys, Actium, Hohenlinden, Salamis, Lepanto, Tewsbury und Brandywine waren zu Wasser und zu Land geschlagen. Alkämoniden und Lakonier hatten Hippias aus Sparta vertrieben. Simonides, Mänander, Strabo, Moschus und Pindar hatten ihre Rechnung auf Erden abgeschlossen. Die Heiligen Eusebius, Athanasius, Chrysostemus hatten in ihren Himmelsnischen Platz genommen. Menkaura hatte die dritte Pyramide gebaut. Aspalta hatte siegreiche Heere geführt. Die Bermudas, Malta und die Windward Isles waren kolonisiert. Ferner: die spanische Armada war geschlagen. Präsident Abraham Lincoln war ermordet. Die Halifax Fisheries Award hatten für Fischrechte auf zwölf Jahre 5 ½ Millionen Dollar gezahlt. Schließlich waren vor vierzig oder fünfzig Millionen Jahren unsre ältesten Ahnen aus dem Urschleim gekrochen, und da sie zweifelsohne den Wechsel unangenehm empfanden, waren sie wieder in ihn zurückgekehrt.
So war der Stand der Weltgeschichte, als Eugen im Jahre 1900 die Lebensbühne betrat. Gern würden wir einen ausführlichen Bericht geben davon, wie er die Welt in seinen ersten Jahren, sozusagen aus der Perspektive der Wiege und des Fußbodens, erfuhr. Aber diese Eindrücke sind, soweit sie sich überhaupt in Worte fassen lassen, gewissermaßen unterdrückt, weil dem Wesen die Kraft zur Artikulation fehlt, weil Einsamkeit, Kummer, Abschweifung und vollkommene Leere dauernd das Ordnungsbewußtsein überfluten und verschwemmen.
Gewaschen, gepudert und gesättigt, lag er in der Wiege und dachte dunkel über vieles nach, ehe er im Schlaf völliges Vergessen fand. Er erschrak bei der Vorstellung der öden Weite aus Unbehagen, Schwäche, Dumpfheit und tiefstem Mißverständnis, die er überwinden müsse, um zur Freiheit des Körpers zu gelangen. Es wurde ihm peinlich übel, wenn er an den Mangel an Koordination in den Kontrollzentren des Gehirns dachte, an die undisziplinierte Blase, an die Schaustellung der eignen Hilflosigkeit vor den naserümpfenden Geschwistern, wenn seine Windeln gewechselt wurden.
Er lag in Agonie, denn er war sterbensarm an Ausdruckssymbolen. Seine Vernunft war in Netze verstrickt, weil sie nicht mit Worten zu arbeiten verstand. Er hatte nicht einmal Namen für die Sachen, die ihn umgaben. Vermutlich bezeichnete er sie für sich selber in einem Jargon, worin er durch das ihn umdröhnende Sprechen, dem er angestrengt lauschte, bestärkt wurde. Er merkte wohl, daß die erste Flucht ins Gesprochne geht. So schnell er nur konnte, bezeigte er seinen gierigen Hunger für Bild und Schrift. Manchmal brachten sie ihm große Bilderbücher; er gebärdete sich entzückt und jauchzte, um ihnen verständlich zu machen, daß sie das wiederholen möchten.
In wilder Verwunderung fragte er sich, wie sie sich wohl benehmen würden, wenn sie wüßten, was er wirklich von ihnen hielt. Er mußte über sie, über die ganze verrückte Komödie der Irrungen lachen, wenn sie zu seiner Belustigung Tänze aufführten, mit den Köpfen wackelten, ihn kitzelten, um ihn zum Quietschen zu bringen. Es kam ihm blödsinnig und närrisch vor, wenn er da auf dem Boden sitzend merkte, wie ihre Mienen albern, ihre Stimmen kitschig wurden.
Wenn er allein im verdunkelten Zimmer lag und das Sonnenlicht in Bohlen durch die Spaltluken der Fensterläden fiel, überkam ihn klaftertief das Gefühl der Einsamkeit und der Trauer. Er sah sein Leben vor sich wie einen Weg durch düsteren Wald; er wußte, daß er immer einsam sein würde. In diesem kleinen Rundschädel gefangen, in dieses geheimnishafte, pochende Herz gesperrt, würde sein Leben immer einsame Wege gehn. Verloren! Er verstand, daß die Menschen einander fremd sind; daß keiner je um den andern weiß; daß wir aus der Haft der mütterlichen Wamme entlassen werden, ohne der Mutter Angesicht zu kennen; daß wir als Fremdlinge an ihre Brust gelegt werden … daß wir nie aus dem Gefängnis des Wesens ausbrechen können, gleichviel, wessen Arm uns umfängt, wessen Mund uns küßt, wessen Herz uns erwärmt.. Nie, nie, nie, nie, nie.
Er merkte, daß die großen Gestalten, die sich furchterweckend über seine Wiege beugten, die mit lauten Stimmen über ihn hinwegdröhnten, kein besseres Verständnis untereinander aufbrachten, als sie es für ihn bezeigten. Er merkte, daß selbst ihr Sprechen, selbst die fließende Leichtigkeit ihrer Bewegungen nur ärmliche Mittler ihrer Gefühle und Gedanken seien und oft, anstatt Verständnis zu stiften, dazu dienten, Streit, Bitterkeit und Vorurteil zu erzeugen.
Sein Gemüt verdunkelte sich vor Entsetzen. Er merkte, daß er ein hilfloser Fremdling sei, ein amüsanter kleiner Clown, den unheimliche, verständnislose Wesen hätschelten und tätschelten. Er war aus einem Mysterium in ein anderes geraten. Irgendwo, innerhalb oder außerhalb seines Bewußtseins, leise, als wäre sie ins Meer versunken, hörte er eine große Glocke klingen. Und wenn er lauschte, ging das Gespenst der Erinnerung in ihm um, ein paar Augenblicke lang war ihm, als hätte er das Verlorne fast wiedergewonnen.
Manchmal stemmte er sich an den steilen Wänden seiner Wiege hoch und sah schwindligen Blicks auf das Muster des Teppichs hinunter. Die Welt schwamm aus und ein in seinem Bewußtsein wie die Gezeiten des Meers. Kaum hatte er ein scharfes Bild des Ganzen, dann verebbte alles wieder ins Trübe und Schläfrige. Zuweilen versuchte er, das Wahrgenommene wie Stöcke eines Rätsels zusammenzustellen: den tanzenden Feuerschein auf den Messinggriffen, den Schürhaken und das Kakeln und Glucken der Hennen draußen in der fernen verzauberten Welt. Manchmal hörte er morgens den Weckruf der Hähne und war ganz wie ein starker, wacher Erdenbürger. In Wechselwogen von Phantasmen und Fakten vernahm er einen lauten Zauberdonner in Daisys Klavierspiel im Wohnzimmer. Viele Jahre später hörte er dieselbe Musik wieder. Er fragte. Sie sagte ihm, es sei Paderewskis Menuett.
Seine Wiege war ein großer Weidenkorb, mit Matratzen und Kissen gut gepolstert. Als er an Kraft zunahm, konnte er wahre Akrobatenstücke in ihr ausführen: sich fallen lassen, einen Reifen aus seinem Körper machen, sich kerzengrad ausstrecken. Mit Geduld und Anstrengung gelang es ihm, aus der Wiege herauszuklettern. Dann kroch er auf dem gemusterten Teppich herum, angezogen von großen, fröhlichen-bunten Holzklötzen, die durcheinander geworfen auf dem Fußboden herumlagen. Diese Klötze gehörten seinem Bruder Lukas; die Buchstaben des ABC waren darauf ausgeschnitzt.
Er hielt sie mühsam in seinen winzigen Händen und studierte die Sinnzeichen der Rede. Er wußte, daß er hier die Bausteine zum Tempel der Sprache habe. Er gab sich verzweifelt Müh, den Schlüssel zu finden, der Sinn und Ordnung in diese Anarchie brächte. Große Stimmen dröhnten über ihm; mächtige Gestalten hoben ihn in schwindelnde Höhe und setzten ihn wieder ab. Die ins Meer versunkne Glocke erklang.
Der Frühling der Südstaaten hatte sich üppig entfaltet. Die gelockerte schwarze Gartenerde sproß mit zartem Gras, war mit taufeuchten Blumen bedeckt. Die Rinde des Kirschbaums schwitzte Saft in dicken Bernsteinklumpen. Reifende Kirschen hingen dicht im Laub. Da hob Gant ihn eines Tags aus der Wiege, nahm ihn auf die sonnige Veranda mit, trug ihn an den Lilienbeeten vorbei ums Haus zum äußersten Ende des Hintergartens, wo die Erde in trocknen, vom Pflug gefurchten Schollen in der Sonne lag.
Eugen merkte an der Stille, daß es Sonntag war. Vom Drahtzaun her kam der beizende Geruch eines Unkrauts. Jenseits des Zauns malmte Swains Kuh das kühle harte Gras. Von Zeit zu Zeit hob sie den Kopf und sang vor sonntäglichem Behagen. In der klaren lauen Luft vernahm Eugen alle Geräusche der nachbarlichen Hintergärten, die ganze Umwelt drang unmittelbar in ihn ein. Als Swains Kuh wieder sang, tat sich das bedrängte Tor in ihm weit auf. Er antwortete »Muh«. Er brachte den Laut zögernd aber vollkommen hervor und wiederholte ihn einen Augenblick später, als Swains Kuh wieder muhte.
Gant war außer sich vor Begeisterung. So schnell er konnte, rannte er zum Haus zurück. Unterwegs rieb er seinen borstigen Schnurrbart zärtlich an Eugens Nacken und machte »Muh«. Jedesmal bekam er Antwort.
»Barmherziger Heiland! Wie er rennt. Eines Tags wird er dem Kind noch den Hals brechen!« rief Eliza, die ihn durchs Küchenfenster sah. Sie trat ans Geländer des Küchenbalkons, die Hände mit Mehl bestaubt, die Nase rot vom Herd. »Was ist los?« fragte sie.
»Muh!« machte Gant. »Er hat gemuht!«
Eugen, antwortete sofort. Er fand es bereits ziemlich albern, zu muhen. Er sah voraus, daß er nun wohl mehrere Tage lang die Kuh nachahmen müsse. Aber trotzdem war er ungeheuer erregt. Er spürte, daß ein Wall niedergelegt war.
Auch Eliza war begeistert. Ihre Art und Weise, dies zu zeigen, bestand darin, daß sie zum Herd zurückging und ungerührt bemerkte, sie hätte ihr Lebtag noch so keinen Kindernarren gesehen wie Gant.
Später lag Eugen aufmerksam in seinem Korb. Der Duft sonntäglicher Speisen drang zu ihm ins Wohnzimmer. Eliza pflegte damals unerhört zu kochen, und ein Sonntagsmittagessen war eine durchaus denkwürdige Sache. Die drei kleineren Brüder waren seit zwei Stunden aus dem Kindergottesdienst zurück und trieben sich hungrig im Haus herum. Ben stand würdig mit zusammengezogenen Brauen auf der Küchenveranda und spähte durchs Fliegenfenster, wie weit es mit der Mahlzeit sei. Grover wagte sich in die Küche vor und sah interessiert beim Kochen zu, bis er hinausgejagt wurde. Lukas – sein breites, gutmütiges Gesicht klaffte von einem glückhaften Lachen – marschierte durch die Zimmer und jubelte:
»Weni, widi, wiki
Weni, widi, wiki
Weni, widi, wiki
Wi, wi, wi.«
Er hatte zugehört, wie Daisy und Josephine Brown Schulaufgaben zusammen machten; der Gesang war seine Interpretation von Cäsars berühmtem Schlachtenbericht: »Veni, vidi, vici.«
Eugen hörte das Geklapper der Teller im Speisezimmer, den Radau der Buben, den Klang von Wetzstahl und Klinge, als Gant, das große Tagesereignis ohne Variation aber mit zunehmendem Eifer mehrmals wiederholend, das Messer zum Bratenschneiden schärfte. Die guten Düfte aus der Küche lockten stärker. Eugen bekam Lust auf üppige, unbekannte Speisen »Nicht allzu lange mehr, und ich werde drinnen mit ihnen essen«, dachte er.
Den ganzen Nachmittag erzählte Gant die große Neuigkeit. Er rief die Nachbarn auf die Terrasse, und der Kleine mußte muhen. Eugen verstand alles, was an diesem Tag geredet wurde. Er konnte nicht darauf antworten, spürte aber, daß er nah am Sprechen war.
Solcherart, in glänzenden Bruchstücken, sah er später seine ersten beiden Lebensjahre. Seiner zweiten Weihnachten erinnerte er sich dunkel als einer Zeit großer Festlichkeit. An die dritten war er schon gewöhnt. Mit der wunderbaren Fähigkeit von Kindern, sich einzufinden, dachte er, er hätte von jeher Weihnachten gekannt.
Er kannte Sonnenschein, Regen, loderndes Feuer, seine Wiege, das grimmige Eingesperrtsein im Winter. In seinem zweiten Frühling sah er eines Tages Daisy die Straße hinauf zur Schule gehen. Es war nachmittags; sie war zum Mittagessen daheim gewesen. Sie ging in Miss Fords Mädchenschule, ein Eckhaus aus rotem Backstein oben auf dem Hügel. Er sah, wie sie sich mit Eleanor Duncan traf. Zwei lange Zöpfe baumelten ihr den Rücken hinunter, Sie war bescheiden, schüchtern, mädchenhaft, eine zage, leichterrötende Maid. Trotzdem hatte er ungern mit ihr zu tun, denn wenn sie ihn badete, pflegte sie ihre unterdrückte Wut an ihm auszulassen und schruppte ihm die Haut bis aufs Fleisch. Er heulte jämmerlich. Als sie den Hügel hinaufging, wurde er gewahr, daß sie diese Person war: er erkannte sie.
Sein zweiter Geburtstag verging; sein Verständnis nahm zu. Im Vorfrühling des folgenden Jahres wurde er sich bewußt, daß man ihn eine Zeitlang vernachlässigte. Das Haus war totenstill, Gant brüllte nicht, die Buben gingen auf Zehenspitzen. Lukas – der vierte in der Familie, den die Seuche anpackte – lag auf den Tod krank mit Typhus. Eugen wurde ganz der Obhut einer jungen schlampigen Negerin überlassen. Er erinnerte sich lebhaft ihrer hohen schlaksigen Gestalt, ihrer trägen Füße in den schmutzigen weißen Strümpfen, des starken ranzigen Geruchs ihrer schwarzen Haut.
Eines frischen Morgens ließ sie ihn in dem Gartenstreifen neben dem Haus spielen. Sie saß auf der Verandatreppe und gähnte. Eugen rutschte über den Pfad aufs Lilienbeet. Die Negerin lehnte den Kopf an den Pfosten, nickte ein. Schlau zwängte Eugen seinen kleinen Körper unter dem Drahtzaun hindurch und kroch auf den Privatweg hinaus, der zu Swains und von da ab steil bergan zu dem reichdekorierten Palast der Hilliards führte.
Die Hilliards galten als die feinsten Leute im Städtchen. Sie gehörten zu den vornehmen Familien von Süd-Carolina. Schon daß sie aus der Gegend von Charleston kamen, sicherte ihnen ein ungeheures Prestige. Ihr Haus, ein aus Holz gebautes Schloß mit Giebeln und Zinnen, stand in einem Hain mächtiger Eichen oben auf dem Berg, an dessen Hang Gant gebaut hatte. Die Zufahrt ging von Gants Garten an durch eine Allee von hohen sausenden Föhren.
Mister Hilliards Wohnsitz galt als der schönste im Städtchen. Ringsum wohnte zwar nur Mittelstand, aber die Lage auf dem Gipfel war großartig. Hilliards lebten im großen Stil; sie benahmen sich wie Grafen, die von der Burg ins Dorf hinuntersteigen und sich gesellschaftlich nicht mit den Leuten im Dorf einlassen. Ihre Freunde kamen von weither in Kutschen. Täglich Punkt zwei Uhr fuhr ein Neger in Livree mit zwei tadellos gehaltenen braunen Stuten die gewundene Allee hinauf und hielt vor dem Eingang. Fünf Minuten später fuhren Mister und Mistress Hilliard aus. Sie blieben genau zwei Stunden weg.
An jenem Morgen, als er auf Hilliards Privatweg herumratschte, verspürte Eugen eine große Befriedigung. Dies war seine erste Flucht, eine Flucht in verbotene, verzauberte Regionen. Die Beschaffenheit der Schlacken, mit denen der Weg bestreut war, enttäuschte. Er krabbelte weiter. Die Uhr vom Amtsgericht schlug elf.
Die Ordnung in Hilliards Haushalt war perfekt und versagte nie. Jeden Morgen, genau drei Minuten nach elf, fuhr ein Lieferwagen mit Lebensmitteln die Allee hinauf. Jeden Morgen, genau drei Minuten nach elf, war der Fuhrmann, ein junger Neger, auf dem Bock eingeschlafen. Es konnte nichts geschehen; der Gaul, ein großer Grauschimmel, wußte den Weg.
Der Gaul kam schwer bergauf getrabt, bei Gants Haus bog er mit dem Wagen in die ausgefahrenen Radspuren der Fichtenallee ein … Er trat auf etwas Fremdes, Weiches, das zuvor das Gesicht eines kleinen jungen gewesen war. Er stutzte, hob den Vorderhuf und setzte ihn daneben. Er stoppte.
Der Neger auf dem Bock und die Negerin auf der Verandatreppe erwachten gleichzeitig. Geschrei. Gant und Eliza kamen aus dem Haus gestürzt, Der erschrockne Fuhrmann hob den ohnmächtigen Eugen in die Arme des fluchenden Doktors McGuire. Die feinfühligen Finger des Arztes tasteten schnell Eugens blutiges Gesicht ab! Kein Knochen war gebrochen. »Glück und harte Schädel!« sagte McGuire und nickte den verzweifelten Eltern kurz zu.
Gant, durch diesen Bescheid erleichtert, ließ seine Wut an dem Neger aus. Er packte ihn, über den Drahtzaun hinweg, an der Gurgel, fluchte und drohte. Der arme Bursche, in Todesangst versetzt, murmelte Stoßgebete. Die Amme war zitternd ins Haus geflohen.
»Sieht schlimmer aus, als es ist«, sagte der Doktor. »Etwas heißes Wasser, bitte!« Er legte den Helden auf ein Sofa. Immerhin dauerte es zwei Stunden, bis Eugen wieder zu sich kam. Alle Leute lobten den Gaul. »Der Gaul hatte mehr Verstand als der Nigger«, sagte Gant und leckte seinen Daumen.
In der Tiefe ihres Herzens glaubte Eliza fest, dies sei ein vereitelter Anschlag der dunklen Mächte gegen ein hohes, vorbestimmtes, holdes Geschick. Die Spur des Zentaurerhufs verwuchs fast ganz in Eugens Gesicht. Nur wenn das Licht besonders fiel, konnte man die dünne Narbe erkennen.
Kurz darauf ließ Mister Hilliard am Eingang der Allee ein Schild anbringen: »Privatweg, Betreten verboten.«
V
Lukas genas nach mehreren Wochen vom Fluch der Seuche; es war ein störrischer Fall von Typhus.
Gant war nun Haupt einer zahlreichen Familie, die wie Leitersprossen von Eugen, dem jüngsten, zu dem achtzehnjährigen Steve und der jüngferlichen Daisy anstieg. Daisy war siebzehn und ging in die oberste Mittelschulklasse. Sie war scheu und empfindsam und sah, ihrem Namen entsprechend, ganz wie ein Gänseblümchen aus. Sie lernte mit gründlichem Fleiß. Ihre Lehrer hielten sie für die denkbar beste Schülerin; sie gab pflichtschuldig und treu zurück, was ihr gereicht wurde. Sie hatte wenig Feuer und lehnte nichts ab. Sie spielte Klavier ohne Leidenschaft für die Musik. Aber ihr Spiel war ehrlich und sauber; sie hatte einen guten, etwas reißerischen Anschlag Ohne auszusetzen übte sie stundenlang.
Steve jedoch taugte offenbar nichts in der Schule. Als er vierzehn war, wurde er eines Tags aufs Rektorzimmer bestellt, wo er wegen Schwänzens und Aufbegehrens eine Tracht Prügel empfangen sollte. Aber der Geist der Untertänigkeit war nicht in ihm. Er riß dem Schulmeister den Stock aus der Hand, brach ihn entzwei, schmiß dem Mann die Stücke ins Gesicht and sprang lachend ans dem Fenster die fünf Meter auf den Schulhof hinunter.
Dies war einer seiner besten Streiche. In anderen Stücken, erwies sich seine Führung weniger zu seinen Gunsten. Er verbummelte, nachdem er aus der Schule hinausgeworfen worden war; sein Leben geriet schnell auf lasterhafte Abwege. Der Gegensatz zwischen ihm und Gant führte zu offnem, bitterm Streit. Vielleicht erkannte der Vater in den Schattenseiten des Sohns seine eignen Schwächen; jedenfalls, jene Eigenschaften, die mit dem Charakter Gants versöhnten, fehlten seinem Ältesten ganz. Steve hatte einen zähen Talgklumpen. wo sein Herz hätte sitzen sollen.
Von allen Geschwistern hatte er die schwerste Jugend gehabt. Von Kind auf war er Zeuge von Gants wildesten Ausschweifungen gewesen. Er vergaß es nie. Da Eliza sich notwendig mehr mit den jüngeren Kindern abgeben mußte, war er als der Älteste sehr früh sich selbst überlassen geblieben. Eugen trank noch an ihren Brüsten, als Steve längst seine ersten zwei Dollar zu den Damen in Eagle Crescent getragen hatte.
Die Beschimpfungen, mit denen ihn Gant überhäufte, verletzten ihn tief. Gerade weil er sich seiner Schwächen bewußt war, bestätigte es ihn in seinem stutzerhaften Trotz, daß er von seinem Vater selten anders als »verkommener Taugenichts«, »degenerierter Kerl«, »Wirtshaushocker« genannt wurde. Billig-elegant und auffallend angezogen, mit knallgelben Schuhen, gestreiften hellen Hosen, grellem Schlips, einen breitrandigen Strohhut mit buntem Band auf dem Kopf, mit einem Lächeln von erzwungener Selbstsicherheit im Gesicht, mit einer hochstaplerischen Lässigkeit im Gang, bummelte er herum. Er grüßte mit dienstbereiter Herzlichkeit jeden, der ihn beachtete. Wenn ihn einmal ein reicher Mann grüßte, dann pickte seine Versehrte aufgeblasene Eitelkeit die Brotkrume gierig auf. Zu Haus prahlte er dann: »Ha! Jedermann kennt den kleinen Steve Gant! Die besten Leute im Städtchen respektieren ihn! Alle! Jedermann hat ein gutes Wort für ihn, bloß seine eignen Angehörigen nicht. Ja, ja! Wißt Ihr, was James T. Collins heut zu mir sagte?«
»Wer? Was?« fragte Eliza und sah mit komischem Blick schnell von ihrem Strümpfestopfen auf.
»Ei, James T. Collins, der seine zweimalhunderttausend Dollar auf der Bank liegen hat. ›Steve‹ hat er gesagt, ›wenn ich Dein Hirn im Kopf hätt' …« Und in selbstgefälliger Laune ließ Steve sich gehen und malte ein Bild seines zukünftigen Erfolgs, wenn alle, die ihn nun über die Achsel ansahen, ihn bewundern würden … »Ja, dann werden sie alle kommen und dem kleinen Steve die Hand drücken wollen!« prophezeite er.
Als Steve aus der Schule geworfen wurde, hatte ihn Gant aus Wut furchtbar verhauen. Steve vergaß es nie. Schließlich wurde ihm gesagt, er solle sehen, wie er sich durchbringe. Er fand Gelegenheitsarbeit in einer Sodafontäne und als Austräger bei einem Morgenblatt. Mit seinem Freund Gus Moody, dem Sohn eines Eisenarbeiters, ging er eines Tags auf die Tramp. Dreckig und speckig krochen die beiden Vagabunden aus einem Güterzug in Knoxville in Tennessee, verbrauchten ihr bißchen Geld für Essen und in einem Bordell und erschienen zwei Tage später kohlschwarz und prahlend wieder daheim.
Eliza keifte. »Ich schwör's! Ich weiß nicht, was aus dem Jungen werden soll.« Es war tragisch, daß sie Wesentliches immer zu spät einsah. Sie schürzte die Lippen, ließ ihre Gedanken woanders hin wandern, und dann, wenn das Mißgeschick eintrat, flennte sie. Immer wartete sie ab. Außerdem liebte sie ihren Ältesten, wenn nicht mehr, so doch ganz anders als ihre übrigen Kinder. Sein erbärmliches Prahlen, seine windigen Aufschneidereien gefielen ihr. Sie hielt sie für Zeichen von Smartheit. Nicht selten erboste sie ihre beiden fleißigen Töchter damit, daß sie diese Eigenschaften an Steve lobte. Wenn sie seine Handschrift sah, pflegte sie zu bemerken:
»Eine Sache ist sicher. Steve schreibt eine bessere Hand als ihr alle, trotz eurer Schulbildung.«
Die Freuden der Flasche hatte Steve schon als kleiner Junge kennengelernt. Wenn sein Vater besoffen war, stahl er manchen schnellen Schluck. Der scharfe, geile Geschmack des Whiskys machte ihm übel … aber er konnte mit der Tat vor seinen Kameraden prahlen.
Als er fünfzehn war, entdeckte er beim Zigarettenrauchen mit Gus Moody eine Flasche Whisky in der Scheune eines Nachbars, die dieser würdige Staatsbürger aus Angst vor seiner Frau in einem Hafersack versteckt hielt. Als der brave Mann das nächste Mal auf einen heimlichen Zug in die Scheuer kam, fand er die Pulle halbleer. Ergrimmt verschnitt er den Rest in der Flasche mit Krotonöl. Die beiden Burschen erbrachen mehrere Tage lang.
Eines Tages fälschte Steve einen Scheck auf den Namen seines Vaters. Es vergingen ein paar Tage, bis Gant es entdeckte. Es handelte sich bloß um drei Dollar, aber die Wut war groß. In seiner Verkündigung zu Hause – er schrie so laut, daß Steves Sünde der gesamten Nachbarschaft bekannt wurde – drohte er mit dem Zuchthaus. Natürlich zahlte er den Scheck, aber die Liste der Schimpfnamen für Steve wurde um die Vokabel »Wechselfälscher« vermehrt. Steve schlich verstohlen aus und ein. Mehrere Tage aß er seine Mahlzeiten allein. Es fielen wenige Worte, wenn Vater und Sohn zufällig einander begegneten. Mit harten Blicken durchschauten sie einander. Sie wußten, daß sie beide von denselben Gelüsten und Gierden verseucht wären. Sie schämten sich voreinander.
In seinen Tiraden gegen Eliza bestand Gant darauf, daß der Junge alles Schlechte von seiner Mutter Seite geerbt hätte. »Er ist ganz wie Dein Bruder Greeley!« gellte er. »Bankerte aus dem Gebirg! Bankerte aus dem Gebirg! … Denk an mich, wenn er im Zuchthaus endigt.«
Sie schwieg gewöhnlich dazu und schürzte die Lippe unter der klobigen Nase. Nur manchmal bemerkte sie, um seine Wut zu stacheln:
»Vielleicht wäre er besser geraten, wenn er nicht immer seinen Herrn Vater aus den schlimmsten Häusern heimgeholt hätte.«
»Das lügst Du, Weib, das lügst Du, bei Gott!« donnerte Gant, der zwar ein mächtiger Mann, aber gar kein Logiker war.
Gant trank weniger. Abgesehen von Rückfällen in den Säuferwahnsinn, die alle sechs bis acht Wochen eintraten und zwei bis drei Tage dauerten, gab er Eliza keinen Grund, über seine Trunksucht zu klagen. Was jedoch ihre ungeheure Geduld fast erschöpfte, war seine gewohnheitsmäßige, alltägliche Schimpferei.
Sie schliefen nun in getrennten Stuben im Obergeschoß. Gant stand um sechs oder halb sieben auf, zog sich an und ging runter, um die Feuer anzumachen. Während er den Küchenherd und den offenen Kamin im Wohnzimmer in Betrieb setzte, murmelte er unausgesetzt vor sich hin. Seine halblaute Stimme hob und senkte sich zu rednerischen Schwüngen. Er bereitete seine Tirade vor. War die Sache genügend geübt, dann erschien er plötzlich in der Küche vor Eliza und ließ unvermittelt seinen Schwall auf sie los, einerlei ob sie allein oder ob der Lieferjunge vom Krämer oder der Negerbursche, der Fleisch austrug, zugegen waren.
»Weib! Hättest Du ein Dach überm Kopf, wenn ich nicht dafür gesorgt hätte? Hättest Du Dich auf Deinen nichtsnutzigen Vater verlassen können? Hätten Dir Deine Brüder Will oder Jim ein Obdach gegönnt? Haben diese Pentlands je jemandem etwas gegeben? Haben sie je für andere als für sich selber gesorgt? Hat einer von ihnen je einem Bettler auch nur eine trockene Brotkruste gereicht? Nein, tausendmal nein! Ein bitterer Tag war es für mich, als ich in diese Bergwelt der Heimsuchungen kam. Mir ahnte und schwante nicht, unter was für Geschöpfen der Mensch hier leben muß. Bankerte aus dem Gebirg! Gezücht! …« Und nun erreichte die anschwellende Flut ihren Höhepunkt.
Manchmal, wenn sie einen Versuch zu antworten machte, kamen ihr Tränen. Das freute ihn. Es machte ihm Spaß, sie weinen zu sehn. Gewöhnlich aber zollte sie nur kurzen Bescheid. Sie war unendlich erschöpft von dem ewigen Gezeter. Gant aber bedurfte dieser Ausbrüche. Die fiebrige, tiefsitzende Unzufriedenheit seines Wesens entlud sich in ihnen. Er brauchte einen Gegenstand für seine Wut auf der Welt.
Seine Ordnungsliebe war so groß, daß er einen leidenschaftlichen Haß auf alles Schlampige, Ungeregelte, Zerstreute hatte. Eliza hatte die Eigenschaft, alte Stücke Bindfaden, leere Konservenbüchsen und Flaschen, Altpapier und Trödelkram aller Art aufzubewahren. Ihre manische Erwerbswut – eine verhältnismäßig damals noch unentwickelte Geisteskrankheit – machte ihn rasend.
»Mein Gott! Schmeiß doch das Gelump weg!« schrie er in ungeheucheltem Ärger und wollte sich darüber hermachen..
»Untersteh Dich«, keifte sie scharf, »Du weißt nicht, wie man diese Sachen mal gut brauchen kann.«
Vielleicht war es gegen alle Regel, daß hier größte Ordnungsliebe und frömmste Rücksicht auf den Ritus zu der abschweifenden, unruhigen, lebenshungrigen Natur gehörten, während die praktisch-alltägliche Person mit ihrer ungezügelten Besitzsucht ständig das Chaos beschwor.
Gant hatte die Leidenschaft des echten Wanderers, dessen, der von einem festen Punkt her schweift. Er brauchte die Ordnung, die Abhängigkeit von einer Heimat. Er war ein Familienmensch. Die gesammelte Kraft und Wärme der Familie bedeutete ihm Leben schlechthin. Nach seiner pünktlichen Morgentirade gegen Eliza ging er daran, die schlafenden Kinder zu wecken. Er konnte das Gefühl, als einziger aus den Federn zu sein, nicht ertragen.
Der Weckruf, den er am Fuß der Treppe stehend komisch-grollend ausstieß, hatte die Formel:
»Steve! Ben! Grover! Luke! Ihr verdammten Schlingel! Aufstehn!! Was soll aus Euch werden? Ihr werdet Euer Lebtag zu nichts taugen!« Er fuhr mit seinem Gebrüll fort, als ob die Buben ihm oben wach und aufmerksam zuhörten. »Als ich so alt war wie Ihr, da hatte ich morgens um diese Zeit vier Kühe gemolken, einen Haufen Hausarbeit geschafft und war dreizehn Kilometer durch tiefen Schnee zur Schule gepilgert!«
Tatsächlich, so oft er seine Schulzeit beschrieb, schilderte er eine mit Eis und meterhohem Schnee bedeckte Landschaft. Er schien in Polarländern zu sein.
Eine Viertelstunde später erhob er wieder sein Gebrüll. »Ihr verbummelten Taugenichtse. Wenn alle Fußböden unter Euch durchbrechen, dann schlaft Ihr im Keller weiter!«
Oben war dann bald ein hurtiges Getrampel von Füßen zu hören. Nackt, ihre Kleiderbündel unterm Arm, kamen die Buben einer nach dem andern die Treppe herunter. Vor dem lodernden Kaminfeuer zogen sie sich an.
Beim Frühstück war Gant meist, von sporadischen Klageausbrüchen abgesehen, fast glänzender Laune. Sie futterten mächtig. Gant legte ihnen große Stücke Beefsteak auf die Teller. Sie aßen gebackene Eier, heiße Biskuits, Marmelade, Schmoräpfel und tranken Kaffee dazu. Gant schritt nach seiner Werkstatt zu gleicher Zeit, wenn die Jungen, noch kauend und schluckend, mit dem letzten Klingelzeichen ins Schulhaus eilten.
Zum Mittagessen kam er heim und ließ sich über die Neuigkeiten des Tages vernehmen. Gegen Abend versammelte sich die Familie. Gant kam, schichtete sein großes Kaminfeuer, übte seine Schelttirade und ließ sie dann dreiviertel Stunden lang auf Eliza los. Dann aßen sie recht vergnügt zu Nacht.
So verging der Winter. Eugen war drei Jahre alt. Sie kauften ihm Fibeln und große Tierbilderbücher mit Reimfabeln, die er bald auswendig wußte. Er hielt die Bücher in der Hand und tat so, als könne er lesen. Gant war begeistert. Er unterstützte den Betrug. Alle Leute hielten es für außerordentlich, daß ein Kind so früh lesen könne.
Im Frühling fing Gant wieder zu saufen an. Nach zwei oder drei Wochen hörte sein Durst auf. Er nahm beschämt das geregelte Alltagsleben wieder auf. Aber Eliza plante eine Veränderung.
Man schrieb 1904. Die Weltausstellung in St. Louis wurde in Gang gebracht. Sie sollte ein Schaubild der Geschichte der Zivilisation werden, größer und besser und schöner, als je eines gezeigt wurde. Viele Leute aus Altamont wollten hinfahren. Die Aussicht, Preise und Profit miteinander zu verbinden, faszinierte Eliza.
»Weißt Du was?« begann sie eines Abends und ließ die entfaltete Zeitung sinken. »Mir ist's, als sollte ich zusammenpacken und hinfahren.«
»Wohin?«
»Ei, nach St. Louis«, antwortete sie. »Wenn es gut geht dort, könnten wir überhaupt ganz hinziehen.« Sie wußte, daß der Gedanke, neu anzufangen und das Glück woanders zu versuchen, einen mächtigen Zauber auf Gant ausübte. Vor Jahren schon – damals als er seine Partnerschaft mit Will Pentland aufgab – hatten sie davon gesprochen.
»Was willst Du denn dort anfangen? Und wie sollen die Kinder durchkommen?«
»Na! Das ist doch einfach!« kramte sie behaglich aus. Sie schürzte nachdenklich die Lippe und lächelte gerissen. »Ich werde ein großes, gutgebautes Haus mieten und eine Pension aufmachen. Wenn ich tüchtig die Werbetrommel rühr, wird's schon nicht hapern. Die Leute von hier kommen gewiß gern zu mir.«
Gant wurde tragisch. »Barmherziger Heiland!« heulte er. »So etwas! Ich bitte Dich, tu's nicht.«
»Sei doch nicht närrisch! Es ist nichts dabei, wenn man Pensionäre ins Haus nimmt. Hochanständige Leute hier im Städtchen haben zahlende Gäste!« Sie wußte, daß sein Stolz leichtverletzlich war. Die Vorstellung, man könne denken, daß er nicht instand sei, für die Seinen zu sorgen, war ihm unerträglich. Er brüstete sich oft damit, ein guter Fürsorger zu sein. Außerdem ging es ihm sehr gegen den Strich, wildfremde Leute gegen Entgelt aufzunehmen. Er haßte Pensionäre.
Eliza, die das alles wußte, verstand seine Einstellung nicht. Vermögen zu besitzen und Einkommen aus diesem Vermögen zu beziehen, war die Religion ihrer Familie. Sie, die Frau, übertraf die Männer ihrer Sippe insofern, als sie sogar Geld aus ihrem Heim herausschlagen wollte. Kein anderer Pentland hätte das gekonnt. Ihr aber fehlte jeder Sinn für das Private, für die besondere Eigentümlichkeit des Heims.
Sie hatte Eugen gestillt, bis er drei Jahre alt war. In diesem Winter wurde er entwöhnt. Etwas in ihr hörte auf; etwas anderes begann.
Schließlich setzte sie's durch. Manchmal sprach sie gedankenvoll und verführerisch zu Gant von ihrem Plan. Manchmal benutzte sie ihn als Rückdrohung, wenn er seine Schelttiraden hielt. Was sie eigentlich in St. Louis ausrichten wollte, war ihr unklar. Sie spürte, daß dort ein Anfang zu machen sei. Schließlich setzte sie's durch.
Gant erlag der Lockung des Neulands. Er sollte zunächst zwar zu Hause bleiben, aber dann, wenn alles gut ging, würde er nachreisen. Die Aussicht, eine Zeitlang seine Ruhe zu haben, begeisterte ihn. Er träumte, die Freizügigkeit, die Unabhängigkeit, der Zauber der Jugend würden wiederkommen. Er blieb zurück, aber die Welt des Einsamen war voll von unsichtbaren Schatten. Daisy war im letzten Schuljahr. Sie blieb bei ihm. Daß Helene mitging, War ihm ein großer Schmerz. Sie war fast vierzehn.
Anfang April reiste Eliza ab. Die aufgeregten Kinder umschwärmten sie. Sie trug Eugen auf dem Arm. Der Betrieb befremdete und begeisterte ihn. Er war neugierig, ungeheuer gespannt. Tarkintons und Duncans kamen Lebwohl zu sagen. Es gab Tränen und Küsse. Die ganze Nachbarschaft war über die neue Wendung des Gantschen Familiengeschicks bestürzt. Mistress Tarkinton sah Eliza sorgenvoll an.
Eliza lächelte mit nassen Augen. Sie genoß es, die Sensation des Tages zu sein. »Man kann ja nie wissen«, sagte sie, »aber wenn es uns gut geht, werden wir wohl ganz nach St. Louis ziehen.«
»Oh! Sie kommen wieder«, bestand Mistress Tarkinton gutherzig und treu. »Es ist nirgends so schön wie hier.«
Sie nahmen die Tram zum Bahnhof. Ben und Grover hockten vergnügt nebeneinander und bewachten einen großen Korb mit Reiseproviant. Helene ordnete nervös ein Bündel von Paketen und Päckchen. Eliza blickte scharf auf die langen, geraden Beine des Mädchens und dachte an den halben Fahrpreis.
»Schau hin!« sagte sie. Sie kicherte in die Hand und gab Gant einen leisen Rippenstoß, »Lenchen wird sich kleinmachen müssen.« Dann wandte sie sich an das Kind: »Sag mal, bist Du nicht furchtbar groß für ein Mädchen unter zwölf?«
Helene richtete sich nervös auf.
»Wir hätten eine ganze Fahrkarte für sie nehmen sollen«, brummte Gant.
»Ach was! Kein Mensch wird sich drum scheren!«
Gant brachte sie an den Zug. Der tüchtige Pullmanschaffner, ein Neger, sorgte für behagliches Unterkommen.
»Geben Sie acht auf meine Leute«, sagte Gant und gab dem Mann ein Trinkgeld. Eliza äugte eifersüchtig nach der Münze.
Zum Lebwohl küßte er sie alle mit seinem borstigen Schnurrbart. Aber die kleine Helene tätschelte er lange auf die hageren Schulterblätter und drückte sie zärtlich ans Herz. Es gab Eliza einen Stich, dies mit anzusehen.
Einen Augenblick lang waren beide linkisch und verlegen. Das Absurde des ganzen Plans, das Gefühl der ungeheuerlich tappenden Zufälligkeit allen Lebens machte sie sprachlos.
»Also …« fing er an. »Ich hoffe, Du weißt, was Du tust.«
»Laß mich Dir sagen …« – sie lehnte zum Fenster heraus und schürzte die Lippe. »… Du weißt ja nicht, wozu uns das alles führen kann.«
Er war ein wenig beschwichtigt. Der Zug zockelte langsam ab. Er küßte sie täppisch.
»Schreib bald, wie's geht«, sagte er und schritt schnell davon.
»Goodbye! Goodbye!« rief Eliza und winkte mit Eugens kleiner Hand der großen Gestalt auf dem Bahnsteig nach.
»Kinder, kommt und winkt Euerm Vater Lebwohl!«
Die Kinder drängten ans Fenster. Eliza weinte.
Eugen schaute durch die Scheiben und sah die Sonne leuchtendrot auf einem Fluß versinken, der sich durch die bunten Felsschluchten von Tennessee wand. Dieser verzauberte Fluß blieb ihm für immer im Gemüt. Jahre später noch sah er ihn in Träumen von überirdischer, unheimlicher Schönheit. Vom großen Wunder befangen, vom Stoßrhythmus der rollenden Räder gewiegt, schlief er ein.
Ein weißes Eckhaus, mit Rasenflächen nach beiden Seiten – da wohnten sie. Eugen merkte, daß es weit vom Häusergedräng und Straßengedröhn der Stadtmitte lag. Aber wo war der Fluß?
Zwei kleine Buben mit weißblondem Schütterhaar und schmalen, gemeinen Gesichtern rasten ständig auf Dreirädern auf dem Bürgersteig vorm Haus auf und ab. Sie trugen weiße Matrosenanzüge mit blauen Kragen, und Eugen haßte sie sehr. Er spürte unklar, daß ihr Vater ein schlimmer Mann sei, der sich beim Sturz in einen Aufzugschacht beide Beine gebrochen hätte.
Der Garten hinterm Haus war ganz mit einem rotgestrichnen Bretterzaun umzogen. Ganz hinten stand eine rote Scheune. Viele Jahre später kam Steve einmal heim und erzählte, daß dort das Viertel jetzt ganz aufgebaut sei. Wo?
Eines Tages standen zwei Betten zum Lüften in dem heißen, unbebauten Hintergarten. Auf einem räkelte sich mit träg angezogenen Beinen Eugen. Auf dem anderen Bett lag Lukas. Sie aßen Pfirsiche. Eine Fliege setzte sich auf Eugens Pfirsich und sog sich fest. Er biß sie mit ab und schluckte sie hinunter. Lukas brüllte vor Lachen. »Fliegenfresser! …« Es wurde Eugen plötzlich schlecht, er erbrach heftig. Er konnte ein paar Tage nicht essen. Er fragte sich, warum er die Fliege gegessen habe, obschon er sie doch die ganze Zeit deutlich gesehen hatte.
Der Sommer kam mit wilder strahlender Hitze. Gant erschien auf ein paar Tage. Er brachte Daisy mit. Eines Abends saßen sie in einem. Biergarten an einem kleinen Tisch. Eugen starrte durstig auf den blasigen Schaum über dem Steinkrug. Er spürte Lust, sein Gesicht in diesen schneekühlen Schaum zu stecken und den tiefen Zug der Glücksal zu tun. Eliza ließ ihn versuchen. Sie alle lachten laut über seine sauer verzogne, enttäuschte Miene.
Nie vergaß Eugen, wie Gant an diesem Abend dasaß und, Schaum im Schnurrbart, mächtige Schlücke trank. Sein prächtiger Durst erweckte das Verlangen, gleichzutun. Er fragte sich, ob wohl alles Bier bitter wäre, ob nicht einmal die Zeit käme, wann er in die Erkenntnis dieses großen Getränks eingeweiht werden würde.
Gesichter aus der halbvergeßnen Heimat erschienen von Zeit zu Zeit. Leute aus Altamont kamen und blieben als Pensionäre in Elizas Haus. Eines Tages sah Eugen auf und erkannte mit dem Schreck des jähen Sicherinnerns das brutale, glattrasierte Gesicht Jim Lydas. Er war Sheriff von Altamont und wohnte ein paar Häuser unterhalb Gants. Einst, als Eugen knapp über zwei Jahre alt war, hatte Eliza zu einem Prozeß nach Piedmont gemußt. Sie blieb zwei Tage weg, und Eugen wurde der Obhut von Mistress Lyda übergeben. Eugen vergaß nie die versteckte Grausamkeit, mit der Jim Lyda ihn am ersten Abend, als er mit ihm spielte, gequält hatte.
Nun war dieses Ungeheuer plötzlich wieder auf teuflische Art aufgetaucht. Eugen starrte in sein schlimmes Gesicht. Er sah, daß Eliza neben Jim stand. Als Jim Eugens Entsetzen bemerkte, tat er so, als wolle er Eliza schlagen. Eugen schrie vor Wut und Angst. Jim und Eliza lachten. Der blinde Augenblick kam, in dem Eugen seine Mutter zum erstenmal haßte, rasend und machtlos aus Eifersucht und Furcht.
Eliza hatte die Brüder Steve, Ben und Grover gleich auf Arbeit geschickt. Allabendlich kamen sie von der Weltausstellung heim und erzählten erregt vom Rummelplatz. Sie sprachen lüstern und blasiert vom Hoochy-Koochy. Eugen verstand, daß das ein Tanz war. Steve dudelte die monotone, verfängliche Melodie und wiegte. sich wollüstig dazu. Sie sangen einen Gassenhauer, dessen leis verschluchzte Weise es Eugen so antat, daß er ihn lernte:
»Triff mich in Saint Louis, Saint Louee,
Auf dem Rummelplatz,
Erzähl es den Burschen und Mädchen,
Sag ihnen, da war noch viel Platz,
Da tanzen wir Hoochy-Koochy,
Jeder,
jeder mit seinem Schatz …«
Öfters, wenn er sich im Garten auf einer Steppdecke sonnte, wurde Eugen sich bewußt, daß ein liebes Antlitz um ihn war …, eine weiche, wohltuende Stimme, unvergleichlich anders als die Stimmen der andern …, eine zarte, olivengetönte Haut …, schwarzes Haar …, warme dunkle Augen mit dem Ausdruck einer erlesenen, trauervollen Güte. Dieses Wesen brachte sein sanftes Gesicht ganz nahe an das von Eugen, es streichelte und umarmte ihn. Auf seinem braunen Hals hatte es ein Muttermal, ganz wie eine Himbeere. Eugen rührte dieses Muttermal immer wieder voll Verwunderung an. Das Wesen war Grover – der liebenswürdigste und stillste von seinen Brüdern.
Manchmal erlaubte Eliza, daß die Geschwister den Kleinen auf Ausflüge mitnahmen. Einmal fuhren sie auf einem Flußdampfer. Eugen ging unter Deck und sah durch ein Kajütenfenster aus allernächster Nähe auf die mächtige gelbe Schlange, die sich unwiderstehlich und langsam weiterwand.
Die Brüder arbeiteten als Laufburschen auf dem Ausstellungsplatz in einem Restaurant, dessen Name »Inside Inn« Eugen völlig verzauberte. Manchmal schleiften ihn seine Mutter oder eines seiner Geschwister durch das Dschungel und den Lärm, an der Üppigkeit und Vielfalt des Lebens auf der Weltausstellung vorbei. Das ostindische Teehaus betäubte seine Phantasie; als er hochgewachsene, beturbante Gestalten drinnen schreiten sah, empfing er seinen ersten unvergeßlichen Eindruck von der leisen, weihrauchduftigen Magie des Orients. Einmal blieb er in einem großen, von Lärm durchrasselten Gebäude wie angewurzelt stehen. Eine Lokomotive, das riesenhafteste Ungeheuer; das er je gesehen, rollte mit schrecklich sausenden Rädern auf Schienen: der Ofen glühte; rote Kohle rutschte durch den Rost; zwei Heizer feuerten unermüdlich: der Widerschein der Flammen lag auf ihren Gesichtern. Das Bild brannte sich in sein Gedächtnis wie eine Szene aus der Hölle; es machte ihm bang und begeisterte ihn.
Dann wieder stand er winzig in der Schiffschaukel des großen Schwungrads – es war, als ob der Sternenhimmel sich langsam und schaudernd drehte – und sauste hilflos stotternd hinunter in die wüste Phantasmagorie des Karnevals. Lukas erzählte wilde Geschichten von einem Schlangenfresser; Eugen schrie auf, als er drohte, ihn dorthin mitzunehmen.
Einmal gab Daisy der katzenhaften Grausamkeit, die unter ihrer Sanftmut lauerte, nach und nahm ihn auf die »Achterbahn der Schrecken« mit. Sie stürzten ins Bodenlose, vom grellsten Licht in tosende Finsternis; sie rollten langsam in einen düstern Raum, dessen Wände mit gräßlichen Fratzen, bleckenden Nachtmahren, drohenden Todgespenstern bemalt waren. Seine Schwester und die anderen Fahrtgenossen lachten laut: Eugens Herz aber zog sich zusammen. Unvorbereitet, wie er war, stand er wahnsinnige Ängste aus. Sein Verstand, der eben erst zögernd die unwirkliche Wildnis der Kinderphantasie verlassen hatte, wurde vom Trubel und Rummel der Weltausstellung völlig zerrüttet. Er war fest überzeugt – und diese Überzeugung wiederholte sich öfters in späteren Jahren –, daß das Leben ein irrsinniger Alptraum, eine dämonische Tortur für den Menschen sei. Halberstickt vor Terror kam er schließlich wieder heraus an die warme ratsame Sonne.
Seine letzte Erinnerung an die große Schau bezog sich auf eine Nacht im Frühherbst. Wieder war er mit Daisy. Er saß in einem Autobus auf der Fahrerbank und hörte zum erstenmal den stoßweisen, wunderbaren Gang des Motors. Sie fuhren in strömendem Regen durch glänzend-nasse Straßen und an den Kaskaden vorbei; die Wasser stürzten vor einem großen weißen Gebäude, an dem zehntausend Lichter wie Juwelen glühten.
Der Sommer war fort. Der Herbstwind flüsterte von verklungnen Festen. Der große Karneval war beinahe herum.
Und nun wurde es sehr still im Haus. Eugen bekam seine Mutter kaum zu Gesicht. Er blieb im Haus unter der Obhut seiner Schwestern. Er wurde ständig ermahnt, ruhig zu sein.
Eines Tages kam Gant zum zweitenmal. Grover war schwer am Typhus erkrankt.
»Er sagt, er hätte auf der Ausstellung eine Birne gegessen«, berichtete Eliza zum hundertstenmal. »Er kam heim und sagte, es wär ihm schlecht. Ich legte meine Hand auf seine Stirn, sie war glühendheiß. ›Aber um Himmels willen‹, sagte ich, ›was in der Welt‹ …«
Die dunklen Augen glommen in ihrem bleichen Gesicht. Sie hatte Angst und redete sich Hoffnung ein.
»Hallo, mein Sohn Grover«, sagte Gant hochgemut, als er in die Stube trat. Das Herz zog sich ihm zusammen, als er den Jungen sah.
Nach jedem Besuch des Arztes schürzte Eliza nachdenklicher die Lippe. So gut sie konnte, machte sie sich Mut, aber ihr Herz war getroffen, verzagt. Eines Nachts riß sie sich plötzlich zusammen; sie eilte aus dem Krankenzimmer zu Gant. Sie schüttelte wortlos den Kopf und flüsterte dann schnell: »Tot, tot, tot.«
Eugen lag tief im mitternächtigen Schlummer. Jemand rüttelte ihn. Er kam langsam zu sich und fand sich in Helenens Armen. Sie saß auf dem Bettrand und hielt ihn. Ihr kleines, übernächtiges und betroffenes Gesicht starrte ihn an. Langsam und deutlich sprach sie zu ihm; aus ihrer bestürzten Stimme klang eine verworrne Gier:
»Willst Du Grover noch einmal sehen? Er liegt auf dem Kühlbord«, flüsterte sie. Eugen überlegte, was ein Kühlbord wäre. Das ganze Haus war von Bedrohung erfüllt. Sie trug ihn über den halbhellen Hausflur in ein Vorderzimmer. Er hörte gedämpfte Stimmen. Helene öffnete leise die Tür. Das Licht lag voll auf dem Bett. Eugen sah. Entsetzen schwärmte wie Gift in sein Blut. Vor dem armen, ausgebrannten Lebensgehäuse erinnerte er sich jählings an das warme braune Gesicht, an die guten Augen, die oft lange auf ihm geruht hatten. Wie einer, der aus Umnachtung erwachend wieder zur Vernunft kommt, erkannte er das vergeßne, wochenlang nicht gesehene Antlitz, die fremde leuchtende Einsamkeit, die nicht wiederkommen würde. O verlornes, vom Wind gekränktes Gespenst, kehre zurück!
Eliza saß hilflos auf einem Stuhl, das Gesicht zur Seite geneigt, den Kopf in die Hand gestützt. Sie weinte. Ihre Miene war in die gräßliche Grimasse verzogen, die so unendlich viel furchtbarer ist als der stille Ausdruck des Kummers. Gant tröstete sie verlegen, sah von Zeit zu Zeit nach dem Jungen hin. Dann ging er hinaus und reckte die Arme vor Qual.
Männer kamen, legten die Leiche in einen Korb und trugen sie aus dem Haus.
»Er war genau zwölf Jahre und zwanzig Tage alt«, wiederholte Eliza immer wieder. Die Tatsache schien sie mehr als alles andere zu bekümmern.
»Geht jetzt, Kinder, und schlaft!« befahl sie plötzlich. Als sie sprach, fiel ihr Blick auf Ben, der verwirrt, mit zusammengezogenen Brauen, mit seinem sonderbaren, greisenhaften Blick vor sich hinstarrte. Sie dachte, daß die Zwillinge nun getrennt seien. Sie erinnerte sich daran, wie sie zwanzig Minuten nacheinander zur Welt gekommen waren. Sie dachte, wie einsam Ben nun wäre. Das Mitleid mit ihm überkam sie. Sie weinte wieder. Die Kinder gingen zu Bett.
Gant und Eliza blieben allein im Zimmer, Gant schlug die Hände vors Gesicht. »Der beste Junge, den ich hatte«, murmelte er. »Bei Gott! Der beste von allen.«
In der tickenden Stille gedachten sie seiner. In ihren Herzen war Angst und Reue, denn Grover war ein stilles Kind gewesen, und da sie viele Kinder hatten, hatten sie ihn nie recht beachtet.
»Das Muttermal«, flüsterte Eliza. »Ich werde es nie vergessen. Nie, nie.«
Dann wurden sie auf einmal einander gewahr. Sie spürten das Grauen und die Fremdheit ihrer Umgebung. Sie entsannen sich des weinumwucherten Hauses im fernen Gebirg, der knatternden Kaminfeuer, des Tumults der Kinder. Sie entsannen sich des Fluchs und der Pein ihrer blinden, verstockten Leben. Sie erkannten das tappende Geschick, das sie nun, am Ende des Karnevals, in dieser entlegnen Stadt mit dem Tod in Berührung gebracht hatte.
Eliza fragte sich, warum sie eigentlich hergezogen wäre. Sie suchte nach einer Antwort im Irrgarten ihres Gemüts. »Ach, wenn ich gewußt hätte, wie das enden würde …«, fing sie an.
»Laß schon!« tröstete er und streichelte sie mit schwerfälliger Zärtlichkeit. Nach einer Weile sagte er dumpf: »Mein Gott! Wie fremd und unfaßbar das alles ist, wenn man es bedenkt.«
Als sie nun dasaßen und stiller wurden, wallte Mitleid in ihnen auf. Nicht Selbstmitleid, sondern Mitleid miteinander, Mitleid mit der wüsten Wirrsäligkeit des schicksaldumpfen Daseins.
Gant dachte kurz an seine vierundfünfzig Jahre, seine entschwundene Jugend, seine sinkende Kraft, an das Häßliche und Böse in seinem Leben. Lautlose Verzweiflung darüber, daß Geschehenes nicht zu ändern ist, überkam ihn.
»Ach, wenn ich gewußt, hätt'«, fing Eliza wieder an. Und dann sagte sie nur: »Es tut mir so leid.« Gant wußte, daß ihr Kummer nun nicht ihm oder ihr selber galt, ja, nicht einmal dem Jungen, den das schnöde Geschick der Seuche in den Weg geworfen hatte …«, er spürte, daß Eliza in einem plötzlichen Aufflackern innerer Hellsichtigkeit zum erstenmal in ihrem Leben klar und ohne Vorbehalt die Unerbittlichkeit des Geschehens einsah … er verstand, daß ihr leid war um alle, die auf Erden gelebt hatten, lebten, leben würden, O verloren!
Sie reisten unverzüglich nach Hause. Auf jeder Station sahen Gant und Eliza im Gepäckwagen nach. Es war grauer November. Die Bergwälder standen kahl über dem rostbraunen Teppich welken Laubs. Welkes Laub wehte durch die Straßen von Altamont. Es häufte sich auf den Pfaden, in den Rinnsteinen an. Welkes Laub trieb im Wind.
Die Tram fuhr schürfend um die Kurven bergauf. Die Gants stiegen aus. Die Leiche war schon vom Bahnhof ins Haus geschafft worden. Mistress Tarkinton kam schluchzend aus ihrem Haus, Eliza entgegen. Ihre älteste Tochter war vor einem Monat gestorben. Die beiden Frauen fielen sich in die Arme und weinten laut.
Der Sarg war bereits im Empfangszimmer aufgebahrt. Die Nachbarn, mit Beerdigungsgesichtern, waren versammelt und grüßten flüsternd.
Das war alles.
VI
Grovers Tod versetzte Eliza die furchtbarste Wunde ihres Lebens. Ihr Lebensmut war angepackt; ihr maßvolles, aber mächtiges Streben nach Freiheit kam plötzlich zum Stillstand. Ihr schauderte schon beim bloßen Gedanken an die entlegene Großstadt und die Weltausstellung. Sie lebte in Angst vor dem versteckten Feind, der so hart zugeschlagen hatte.
In Verzweiflung und Traurigkeit kapselte sie sich im Heim ein. Sie war bereit gewesen, das Familienleben aufzugeben; nun ging sie ganz in ihm auf. Sie arbeitete und plagte sich, nur um zu vergessen. Aber plötzlich lugte dann wieder das geliebte verlorne Antlitz, dunkel und unfaßbar wie das eines Fauns, aus dem Gartendickicht ihres Gedenkens. Das Muttermal am braunen Halse fiel ihr ein, und sie weinte.
Während des grimmen Winters schwanden mählich die Schatten. Gant schichtete knatternde Feuer im Kamin, der Tisch bog sich von üppigen Mählern, der füllige, berstende Alltag ging seinen geregelten Gang. Sie fanden wieder Geschmack am Leben.
Und als der Winter verwich, löste sich langsam das Zwischendunkel in Eugens Gemüt. Tage, Wochen, Monate folgten aufeinander in strahlender Helligkeit. Er erholte sich vom Wirrsal der Weltausstellung. Das wirkliche Leben erschloß sich.
Bewahrt und selbstbewußt gedieh er nun in der sicheren Veste des Heims. Mit wohlgefülltem Bauch lag er vor dem lodernden, lebensregenden Kaminfeuer und schwelgte unersättlich. in den großen Bänden aus dem Büchergestell, verliebt in den Schmökergeruch des Papiers und das scharfe Aroma der Lederrücken. Seine Lieblingsbücher waren drei Kalblederbände, Ridpaths Weltgeschichte, unzählige Seiten mit vielen hundert Bildern. Er verfolgte den Gang der Jahrhunderte in Bildern, ehe er noch lesen konnte. Schlachtenbilder machten ihm am meisten Vergnügen. Er wob endlose Legenden um die Pharaonen, die auf goldnen, von sausenden Rossen gezognen Streitwagen dahinsausten, um die zwirnbärtigen, tierleibigen Könige von Assur, die Mauern von Babylon. Sein ganzes Hirn schwärmte von Bildern: Reiterangriff des Cyrus, der Speerwald der makedonischen Phalanx, zerbrochene Langruder der Flotte von Salamis, Alexander beim Gelag, Turniere mit zerspellten Lanzen, marschierende Hellebardiere, Sturmleitern auf die Wälle einer mittelalterlichen Stadt. Gant saß hinter ihm, räkelte sich im Schaukelstuhl, spuckte zuweilen, ohne zu spritzen, Kautabakspeichel über ihn hinweg ins aufzischende Feuer.
Manchmal trug ihm Gant mit voller, blühender Stimme Stellen aus Shakespeare vor; Mark Antons Anklagerede beim Begräbnis Julius Cäsars, Hamlets Monolog, das Bankett aus Macbeth, die Szene zwischen Othello und Desdemona, ehe er sie erwürgt. Auch Verse las er ihm, oder zitierte gar die Leibgedichte und Lieblingsballaden aus dem weiträumigen Rückhalt seines Gedächtnisses. Manchmal riefen sie Helene herzu, und sie mußte ihnen ein Gereimtes aufsagen:
»Noch steht das Schulhaus dort am Weg,
Ein zerlumpter Bettler sonnt sich vorm Tor,
Der Flieder schießt noch im Gartengeheg,
Und Brombeeren ranken, dicht wie zuvor …«
Wenn sie dann aufgesagt hatte, daß das Gras nun schon vierzig Jahre überm Grab des Mädchens wuchs, und an die Stelle kam, wo der ergraute Bettelmann gesteht, daß des Daseins einzig echter Sinn Liebe sei, das habe er in der harten Schule des Lebens gelernt …, dann seufzte Gant tief auf und bemerkte nickend: »Ja, ja, ein wahreres Wort als dies wurde niemals gesagt.«
Innig und einig lebte die Familie zusammen. Gant überschüttete sie mit seiner Schelte, seiner Zutunlichkeit, seiner verschwenderischen Fürsorge. Sie hatten es sich angewöhnt, seiner abendlichen Heimkehr erwartungsvoll entgegenzusehen, denn er brachte die große Freude am Leben, am Ritus des Daseins mit. Sie beobachteten ihn, wie er rüstigen Schritts um die Ecke bog, sie bewachten jede seiner Bewegungen vom Augenblick der Heimkehr an. Zuerst legte er die eingekauften Lebensmittel auf den Tisch, dann schichtete er Späne im Kamin des Wohnzimmers, goß Petroleum über sie und zündete das Feuer an. Darauf zog er den Rock aus und wusch sich gründlich am Wasserhahn in der Waschküche, die neben der Küche lag; seine großen harten Hände schruppten über die Bartstoppeln, daß es ein Geräusch machte, als riebe er sich das Gesicht mit Schmirgelpapier. Dann stellte er sich gegen den Türpfosten und kratzte sich mit heftigen Hinundherbewegungen den Rücken. Dann leerte er eine halbe Kanne Petroleum in das auflodernde Feuer, blies langlüngig hinein und fing an, vor sich hinzumurmeln. Schließlich biß er einen ordentlichen Priem Apfelkautabak von der Stange ab, die gebrauchsfertig für ihn auf dem Kaminsims lag, und – ohne seine grinsende Brut auch nur zu bemerken – schritt er im Zimmer auf und ab und komponierte seine Tirade. Wenn er soweit war, stürzte er in die Küche und ließ sie unter Geheul auf Eliza los.
Seine ungestüme zuchtlose Rederei mit den hochstaplerischen Vergleichen übte durch ständigen Gebrauch fast die Wirkung klassischer Zitate aus. Die Kinder, die alle einen großen Sinn für Komik hatten, ergötzten sich täglich. Sie freuten sich im voraus darauf. Selbst Eliza, deren große Wunde langsam und schmerzlich zuheilte, wurde davon angeregt. Aber sie hatte immer Angst, er würde wieder der Trunksucht verfallen, und vergaß und vergab ihm das Vergangne nie.
In diesem Winter, als der heilsame Frohsinn der Kinder die Todesgedanken aus ihrem Herzen vertrieb, kehrte auch wieder so etwas wie Hoffnung bei ihr ein.
Sie lebten für sich selbst, unter sich selbst, in sich selbst. Sie wußten nicht, wie allein sie waren. Jedermann kannte sie, aber sie waren mit niemand befreundet. Sie standen für sich allein. Der Gesellschaftsklasse nach zählten sie wohl zum Mittelstand, aber die Duncans, die Tarkintons, die Nachbarn und Bekannten fühlten sich nie zu ihnen hingezogen, hatten nie an der seltsamen Farbigkeit ihres Lebens teil. Sie waren anders, sie paßten nicht, sie gehörten nicht in die Welt der musterhaften Bürger. Etwas Ursprüngliches, etwas heillos Irres, von dem sie selber nichts ahnten, war in ihnen. Und Verkehr mit den feinen Leuten, zum Beispiel den Hilliards, war ihnen ebenso unmöglich, selbst wenn sie dafür begabt gewesen wären oder Lust darnach gehabt hätten. Aber sie hatten ja keine.
Gant war ein großer Mann; wenn auch kein außerordentlicher; denn Außerordentlichkeit zieht nicht das Leben aus unablässiger Ergebenheit zu sich.
Wenn er durchs Haus stürmte, um seine gesammelten Pfeile abzuschießen, folgten ihm die Kinder vergnügt. Sie schrien vor Lust, wenn er Eliza sagte, sie sei, als er sie zum erstenmal sah, »wie eine Schlange auf dem Bauche kriechend« ihm entgegengekommen … oder wenn er sie und alle Pentlands bei eingetretenem Frostwetter einer finstern Macht über die Elemente bezichtigte.
»Frieren werden wir, erfrieren!« gellte er, »in diesem verruchten, grausamen, gottverlassenen Klima. Schert sich Dein Bruder Will drum? Schert sich Dein Bruder Jim drum? Schert sich das alte Schwein, Dein elender Vater, drum? Barmherziger Heiland, Sendlinge des Teufels sind sie, denen ich in die Hände gefallen bin! Herzloser als die wilden Tiere des Walds! Höllenhunde sind sie, diese Pentlands, sie lassen mich erfrieren, sie sitzen dabei und weiden sich an meiner Qual, bis ich verrecke!«
Er rannte in die Waschküche nebenan und brummte heftig vor sich hin. Lukas stand grinsend dabei.
»Aber fressen können sie!« schrie er dann und tauchte wieder in der Küchentür auf. »Fressen können sie, wenn ihnen jemand etwas vorsetzt. Mein Lebtag werde ich das alte Schwein nicht vergessen, wie er dasaß und schlang … ›Eliza, kann ich noch etwas Huhn haben?‹ …« – hier ahmte Gant die weinerlich-leise Stimme des alten Majors Tom Pentland nach und setzte eine Miene wahnwitzigen Heißhungers auf. Die Kinder platzten heraus vor Vergnügen. – »… und dann blieb ihm der Bissen im Hals stecken, weil er ihn nicht schnell genug herunterbekam, und wir mußten ihn vom Tische wegbringen!«
Immer, wenn seine Bezichtigungen einen Höhepunkt erreichten, quietschten die Buben oder platzten heraus. Dieser Beifall kitzelte Gant; er sah sich listig um, und ein schwaches Grinsen huschte über seinen dünnlippigen Mund. Auch Eliza lachte zuweilen kurz und trocken auf und rief dann abwehrend: »Raus aus der Küche! Ich habe genug von diesem Krach für heute abend.«
Bei solchen Gelegenheiten siegte manchmal sein guter Humor über ihn; er machte einen plumpen Versuch, Eliza zu hätscheln, ging hin und legte seinen Arm um ihre Hüfte. Sie war verwirrt und entzog sich ihm hilflos: »Weg da! Hände weg von mir! Dazu ist es nun zu spät!« Ihr weißes, verlegenes Lächeln war schmerzhaft und komisch zugleich. Tränen traten ihr in die Augen. Bei diesen seltenen, unnatürlichen Schaustellungen der Zutunlichkeit lachten die Kinder nur unterdrückt. Es war ihnen unbehaglich zumut. Oft baten sie: »Ach, laß sie in Ruh', Papa!«
Eugen stand im fünften Lebensjahr, als er zum erstenmal einer solchen Szene beiwohnte. Es war ihm peinlich, er schämte sich, er spürte einen Klumpen in der Kehle, renkte den Hals wie ein Erstickender und lächelte verzweifelt, ganz so, wie er später tat, wenn er auf dem Theater arme Narren oder ekelhafte Szenen sah. In der Tat, ohne ein würgendes beklemmendes Gefühl der Demütigung konnte er nie mitansehen, wenn seine Eltern zutunlich miteinander waren. Zärtlichkeit zwischen ihnen kam ihm wie eine grausame Mache vor.
Die Zeit brachte den machtvollen, keimkräftigen Besitzinstinkt in Eliza zum Wiedererwachen. Der heimliche Krieg gegen Gants Natur fing wieder an. Die Kinder wuchsen heran. Eugen hatte in Henry Tarkinton und Max Isaacs Spielgefährten gefunden. Das Weib in Eliza war am Erlöschen.
Der alte Zank um Grundsteuern ging von neuem los. Ziel um Ziel kam Gant, den Zettel des Einnehmers in der Hand, tobend nach Haus:
»Bei Gott, Weib, wohin soll das führen? Ich sehe schon, wie es endigt. In einem Jahr wandern wir ins Armenhaus. Ich gehe bankrott. Diese verdammten Schwindler werden mir den letzten Cent aus der Tasche nehmen, meine Sachen kommen unter den Hammer. Wir alle werden Bettelsüppchen essen, ehe noch dieser furchtbare, dieser entsetzliche, dieser höllisch-verruchte Winter herum ist.«
Sie schürzte nachdenklich die Lippe und prüfte den Steuerzettel, während er ihr mit qualvoll gespanntem Gesicht zusah.
»Ja, das sieht mir schlecht aus, das muß ich sagen«, bemerkte sie dann. »Jammerschade, daß Du vorigen Sommer nicht meinem Rate gefolgt bist, denn dann hätten wir den dummen Owenbyplatz gegen die zwei Häuser an Carterstreet eingetauscht und würden jetzt vierzig Dollar Mieteinkommen im Monat beziehen …«
»Nie wieder will ich auch nur einen Fußbreit Bauland besitzen«, stöhnte er wild. »Ich hab mich mein Leben lang für Grundsteuern geschunden und bin power geblieben, und wenn ich sterb, dann komme ich auf den Armenacker.« Er verfiel in philosophisches Brüten, berief die Eitelkeit aller Menschenmühen, sprach von derselben Erde, »die schließlich arm und reich deckt«, verweilte bei der Tatsache, daß wir nichts mit ins Grab nehmen können … und pflegte dann schließlich ein paar Strophen aus Grays Kirchhofselegie zu zitieren, diesem Konversationslexikon artikulierter Melancholie:
»… erwarten all die letzte schwere Stunde.
Des Ruhmes Pfad, er führt nur bis zum Grab.«
Eliza aber hielt grimmig fest an dem, was sie besaß.
Gant, trotz seines Hasses auf Bodenbesitz, war stolz darauf, daß er ein eigenes Haus hatte, und liebte jeden Gegenstand, mit dem er werken und wirken konnte, und alle Dinge, die ihm Behagen verschafften. Unbegrenzter Wohlstand hätte gut zu ihm gepaßt. Er hätte gern große Gelder in der Bank und in der Tasche gehabt, wäre gern großzügig gereist, freigebig aufgetreten. Er hatte stets eine ganz ansehnliche Summe in der Tasche. Zweimal war er im Rausch bestohlen worden. Wenn er betrunken heimkam, dann verteilte er oft seine Banknoten unter die Kinder, gab jedem zehn, zwanzig, fünfzig Dollar und nötigte sie: »Nehmt nur; nehmt! Gott verdammt das ganze Geld.« Aber am nächsten Tag war er unverfroren genug, es zurückzuverlangen. Helene sammelte es bei den oft nicht sehr willfährigen Jungen ein. Am nächsten Tag gab sie es ihm zurück. Sie war nun fünfzehn oder sechzehn, fast zwei Meter hoch aufgeschossen, hager, grobknochig, mit großen Händen und Füßen. In ihrem offnen, großzügigen Gesicht lauerte die hysterische Sucht nach ständiger Aufregung.
Das Band zwischen Vater und Tochter knüpfte sich täglich fester. Sie war nervös, heftig, reizbar und schimpfte gern, ganz wie er. Sie betete ihn an. Er spürte ihre Ergebenheit und erwiderte sie. Das kränkte Eliza sehr. Wenn er betrunken war, wütete er gegen Eliza und lobte Helene maßlos. Eliza, tief verletzt, merkte, daß er im Rausch seine wahre Gesinnung offenbarte. Sie mußte ihm aus dem Weg gehn und sich in ihr Zimmer einschließen, während die Tochter ihn mit Erfolg bändigte.
Zwischen Eliza und Helene blieben Reibungen nicht aus. Es kam zu scharfen, schroffen Worten. Es war ihnen schwer, unter einem Dach zu wohnen; das Haus war zu eng für sie beide. Ganz abgesehen von der uneingestandenen Nebenbuhlerschaft um Gants Gunst, konnte das Mädchen die Fühlweise und Äußerungsart der Mutter kaum ertragen. Elizas langsame, lippenschürzende Rede, die Tongebung ihrer Stimme, ihre Milde und Langmut, die tiefe, gefüge Stille ihres Wesens versetzten Helene oftmals in Wut.
Sie aßen ungeheuerlich. Eugen fing an, ein Augenmerk auf die Jahreszeiten und die Gerichte zu haben. Im Herbst kellerten sie große, frostige Äpfel ein. Gant kam früher heim und brachte ganze Schweine vom Metzger, die er, eine lange Arbeitsschürze vorgebunden, mit seinen mageren, behaarten Armen in Fässern einpökelte. Die Speisekammerdecke hing voll von geräucherten Schinken. Große Gemäße mit Mehl standen am Boden. Die Bretter der tiefen Gestelle bogen sich von Eingemachtem in Gläsern: Kirschen, Pfirsiche, Pflaumen, Erdbeeren, Quitten, Birnen. Alles, was Gant anfaßte, gedieh. Im Frühjahr schon standen seine Gartenbeete schön. Krauser Kopfsalat, dicke rote Radieschen, schwere Tomaten trug ihm die schwarze, mulmige Erde. Der Kirschbaum hing voll. Süße aufgesprungene Pflaumen trommelten ins Gras. Der Apfelbaum war überladen. Die Erde war fruchtbar für ihn wie ein mächtiges Weib.
Im Frühling kamen die kühlen tauigen Vormittage, voll von hurtigem Wind und betäubender Bluht. Eugen spürte in sehnsüchtig-verwirrtem Einsamsein zum erstenmal, wie das Wachstum der Erde der steigenden Jahreszeit entgegenschwillt.
Wenn sie morgens aufstanden, roch das Haus nach vielen köstlichen Frühstücksspeisen. Mittags kamen Braten, Gemüse, Salate, saftiges Obst auf den Tisch, Abends gab es Beefsteak, Schweinskoteletten, Pfannkuchen, Fisch, junge Hühner. Zum Erntedankfest Ende November, und zu Weihnachten wurden jedesmal vier Truthühner gekauft und wochenlang vorher noch gemästet. Eugen, der sie mehrmals am Tag mit Mais fütterte, konnte es nicht ertragen, beim Schlachten zugegen zu sein. Ihr erregtes Gullern echote dann schon in ihm. Wochen im voraus fing Eliza an zu backen. Die ganze Arbeitskraft der Familie drehte sich um den großen Ritus des Fests. Kurz vor den Feiertagen kamen dann noch in großen Büchsen und Schachteln die Süßigkeiten aus dem Feinkostladen ins Haus. Zur Freude an den Hausmacherspeisen gesellte sich die Magie fremden Leckerzeugs: glasierte Datteln, getrocknete Feigen, runzlige Rosinen; Mandeln, Maronen und Paranüsse; Zuckerwerk und Pralinen; Orangen und Mandarinen aus Florida.
Das Tranchiermesser klang auf dem Wetzstahl, wenn Gant sich zu Braten und Geflügel niedersetzte. Die Teller wurden gereicht, er legte selber vor. Eugen saß auf einem hohen Stühlchen neben dem Hausherrn. Er aß, bis sein kleiner, geschwollener Bauch wie das Fell auf einer Pauke gespannt war. Sein aufmerksamer Erzeuger gickste ihn mit dem großen Finger in den Magen, und erst, wenn keine Delle mehr entstand, erlaubte er ihm, aufzuhören.
»Da ist noch 'ne schlappe Stelle!« dröhnte er und legte dem Söhnchen nochmals tüchtig vor. Daß die Kinder diese Behandlung überstanden, war ein Zeichen für ihre trefflichen Mägen und für Elizas gute Küche.
Gant aß gierig und unvorsichtig. Fisch hatte er leidenschaftlich gern. Dabei schluckte er jedesmal Gräten. Das kam Hunderte von Malen vor, aber immer wieder sah er mit verzweifeltem Geheul auf, während ihm ein halbes Dutzend Hände auf den Rücken klopfte. Schließlich bekam er Luft und sagte noch ganz außer Atem: »Diesmal war ich aber wirklich am Ersticken!«
Eliza war verärgert. »Um Gottes willen! So gib doch mal endlich auf Gräten acht. Wenn Du so schnell ißt, bleibt Dir natürlich was im Hals stecken.«
Die Kinder setzten sich erleichtert wieder auf ihre Plätze.
Gant hatte die deutsche Liebe zum Überfluß. Immer wieder erzählte er von den vollen Scheuern, der geschöpflichen Fülle des Lebens auf der Farm seiner Mutter in Pennsylvanien.
Auf seiner Reise nach Kalifornien, in New Orleans, bezauberten ihn die Masse und die Billigkeit tropischer Früchte. Ein Straßenhändler bot ihm einen Riesenstock Bananen für fünfundzwanzig Cent an. Gant kaufte ihn auf der Stelle. Später, als er im Zug über den Kontinent fuhr, fragte er sich verzweifelt, was er mit den Bananen anfangen solle.
VII
Jene Fahrt nach Kalifornien war Gants letzte große Reise. Er fuhr, als er sechsundfünfzig war, zwei Jahre nach Elizas Rückkehr aus St. Louis. In seinem mächtigen Körper spukten bereits Alter und Tod. Unausgesprochen, unbestimmt wußte er, daß er in der Falle des bürgerlichen Lebens gefangen saß, daß sein Wandertrieb schließlich Elizas furchtbarem Willen, etwas von der Erde zu besitzen, unterliegen würde. Zum letztenmal flackerte jener alte Hunger in ihm auf, von dem seine grauen Augen einst dunkler geworden waren, der den Knaben in neues Land, dem Lächeln eines Engels aus Stein, entgegengeführt hatte.
Nach einer Wanderschaft von 15000 Kilometern kehrte er in das öde, kahle, unfruchtbare Gefängnis der Berge zurück. Es war ein grauer Tag gegen Ende des Winters. Wie oft war er in den mehr als 8000 Nächten seines Lebens mit Eliza zwischen 1 Uhr nachts und 5 Uhr früh in nüchternem, zurechnungsfähigem Zustand wach gewesen? Im ganzen nicht mehr als neunzehnmal.
Einmal, als Leslie, Elizas erstes Kind, geboren wurde. Einmal, als sie 26 Monate später an Kindercholera starb. Einmal als Totenwache für seinen Schwiegervater, den alten Major Tom Pentland. Einmal bei Lukas' Geburt. Einmal im Zug nach St. Louis, kurz vor Grovers Tod. Einmal als der alte »Onkel« Thaddäus Evans, ein ihm ergebner Neger, im Theater starb. Einmal im März 1897, bei der Leiche eines Nachbars, des alten Majors Isaacs. Dreimal hintereinander, im Juli 1897, als Eliza, völlig ausgezehrt vom Typhus, fast gestorben wäre. Einmal im April 1903, als Lukas todkrank mit Typhus lag. Einmal als Totenwache für seinen Schwager Greely Pentland, 26 Jahre alt, skrofulös und schwindsüchtig, Witzbold und Nägelschnipsler, Scheckfälscher im kleinen, Gefängnisvogel auf sechs Wochen. Dreimal hintereinander, vom 11. bis 14. Januar 1905, vom Rheumatismus in der rechten Seite, als Teilhaber, seiner eignen Kümmernis und in der Rolle des Anklägers seiner selbst und seines Gottes. Einmal im Februar 1896 als Totenwache bei der Leiche des elfjährigen Nachbarsohns Sandy Duncan. Einmal im September 1895 im Stadtgefängnis, voll Scham und voll Reue. Einmal, am 17. Juni 1896, in einem Zimmer von Keeleys Trinkerheilstätte in Piedmont. – – – Und schließlich am 7. März 1906 im Zug zwischen Knoxville (Tennessee) und Altamont, am Ende einer siebenwöchigen Reise nach Kalifornien.
Und wie erschien die Heimaterde Gant, dem Weitgewanderten?
Graues Licht kroch, zerlöste sich überm Felsenstrom, der Rauch der Lokomotive strich wie kalter Atem. Die Berge waren groß, aber näher, sehr viel näher, als er ihrer gedachte. Und Altamont lag klein und grau und verwittert und öd und nichtssagend und winterlich in diesen Bergen. Er stieg vorsichtig aus; er kam sich wie Gulliver vor, der den Fuß in die Spielzeugstadt setzt. Alles war niedrig, nahgerückt und zusammengedrückt. Er erkannte die Häuser, die Hotels, die Läden wieder.
Klein, klein, klein, dachte er. Ich hätte es nie geglaubt. Sogar die Berge. Bald werde ich sechzig.
Sein übernächtiges, dünnbäckiges Gesicht wurde traurig und bang. Ein leerer Straßenbahnwagen stand an der Endhaltestelle. Er stieg ein, nahm Platz, stierte dumpf und altklug den strohgepolsterten, Sitz an. Der Wagenführer, noch Tabakrauch in der Kehle, stieg ein, schob die Tür zu, gähnte.
»Wo sind Sie gewesen, Mister Gant?«
»Kalifornien«, sprach Gant.
»Dacht mir's schon., daß Sie wegwären, als ich Sie wochenlang nicht sah.«
Es roch warm, nach Elektrizität, heißgelaufnem Stahl.
…Aber tot! Zwei Monate tot! Und wieder hierher zurück. In dieses furchtbare, dieses entsetzliche, dieses verruchte Klima. Tot, tot! Ach, Land des Lebens, Blütenland Kalifornien! Wie grün die klare See war. Und die vielen Fische. Der Vergnügungsdampfer mit dem Glasboden nach der Insel Santa Catalina. O Westen! Wie bin ich hierhergekommen? Baltimore, Sidney … der Dampfer mit dem Glasboden, durch den ich ins Meer hineinsah. Die beiden hübschen Schicksen. Wo sind sie nun, wo? Die eine, die den Rock hob, als sie die Treppe hinunterging …
»Jim Bowles ist gestorben, während Sie wegwaren«, sagte der Wagenführer.
»Was??« dröhnte Gant. Er schlug betrübt die Augen nieder.
»Woran?« fragte er.
»Lungenentzündung«, sagte der Wagenführer. »Vier Tage krank, dann war's alle.«
»Ein Mann in den besten Jahren, groß und stark«, sagte Gant, »Ich traf ihn am Tag vor meiner Abreise«, log er, fest überzeugt, daß es wahr wäre. »Er sah aus, als ob er im Leben keinen Tag krank gewesen wäre.«
»Freitag kam er mit einer Erkältung heim«, sagte der Wagenführer. »Dienstag lag er tot.«
Die Schienen brummten. Gant wischte mit dicken Handschuhfingern eine Lichtung in den Frostbeschlag der Fensterscheibe. Eine Trambahn erschien auf dem Gleis und bog kreischend mit einem Ruck in die Weiche aus.
»Jaja«, sagte der Wagenführer und schob die Tür auf. »Man weiß nie, wer als nächster drankommt. Heute rot, morgen tot. Manchmal kommen die Großen und Starken zuerst dran.«
Er stieß die Schiebtür wieder zu. schaltete Strom ein. Der Wagen fuhr los wie ein aufgezogenes Spielzeug.
… In den besten Jahren …, dachte Gant … Weg ist er. So wird mir's auch eines Tags gehen. Nein, lieber die andern zuerst. Meine Mutter ist sechsundachtzig. Frißt wie ein Drescher, schreibt mir Augusta. Muß ihr zwanzig Dollar schicken. Weg ist er. In der kalten Erde. Erfroren. Da hält er sich bis zum Frühling. Verweicht, verwittert, verwest. Wer wohl den Auftrag gekriegt hat? Sicher einer von den Einheimischen, James Brock oder Saul Gudger. Schnappen mir das Brot vom Mund weg. Wär 'ne schöne Sache geworden. Marmor aus Georgia. Auf einem Sandsteinsockel. Vierzig Dollar.
»Ein lieber Freund ging fort von uns,
Von dieser Erde Leid und Not.
Doch Treu und Glauben leiten uns,
Er lebt, er ist nicht tot.«
Vier Cent der Buchstabe. Verdammt wenig für die Arbeit. Niemand haut bessere Lettern. Hätte Schriftsteller werden sollen. Wollte immer auch zeichnen. Nein, ich werde nicht an Lungenentzündung eingehn. Bei mir fängt's weiter unten an. Whisky frißt Löcher in die Gedärme. Krebs? Das Bild in Dr. Cardiacs Wartezimmer. Vielleicht schneiden sie mich erst. Dr. McGuire, der verdammte Metzger. Er soll alles fertigbringen. Dem Hominymann hätte er 'ne Nase aus einem Stück Schienbein gemacht. Ob's wahr ist? Wer weiß. Vielleicht bringen sie's mal soweit. Na, da bin ich sicher längst futsch.
»Der alte Herr Hecht hat ein Loch im Bauch,
Das schöpft er aus mit 'nem Becher …«
Krebs vielleicht. Nein, der Bulle ist zu stark. Bald kommt der Frühling. Bald stirbst Du. Nicht stark genug. Lauter Blut in ihrem Hirn. Volle, füllige Fontänen aus Bullenmilch. Jupiter und –?? wie heißt sie schnell? …
Er sah durchs Fenster. Im Vorübergleiten streifte sein Blick Pisgah und die westlichen Berge. Die Gipfel reckten sich in die aufgehende Sonne … Es ist weiträumiger dort. Das Auge hat Blickfeld. Weit in den sonnendunstigen Westen. Den Osten zur Heimat, den Westen zum Wunschziel.
Gegen Osten reichten die Berge, schützender Wall, an den Ring der Stadt. Eine dicke Rauchsäule stieg aus Judge Buck Seviers weißgeschindelter Villa am Hang auf. Dünne Rauchfähnchen flatterten von den Hütten der Neger drunten in der Schlucht … Frühstück! Gebacknes Hirn! Speck und Eier! Aufstehn, ihr Bankerte aus dem Gebirg! Ob sie noch immer in drei alte, dreckige Nachtjacken eingewickelt schläft? In der niegelüfteten, muffig-kalten Bude? Schmutzig gelbes Licht durch die Fensterblenden. Die rauhen Hände der Hausfrau mit widerlich süßem Glyzerin eingeschmiert? Klebrige Flaschen, Haarnadeln, die Stücke Bindfaden herum? Kein Mensch kann dort reinkommen. Sie sollte sich schämen …
Ein Zeitungsträger, Nummer 7, beendete gerade seine Route an der Ecke von Vine Street, als die Tram dort stoppte. Geschickt faltete der Junge die frischgedruckte Zeitung, bog sie flach ein und schleuderte sie auf die Schwelle von Shielos Juwelierladen. Plopp! Dann ging er, der Übermüdete, die Pisgah Avenue hinunter, der Erleichterte, in die Zeit, in das zwanzigste Jahrhundert hinein. Er spürte den Gespensterkuß des entledigten Gewichts auf seiner rechten Schulter, die vom Druck der schweren Zeitungstasche noch herabhing.
… Schätze ihn auf vierzehn … dachte Gant … Ja, als ich vierzehn war! Das war Frühling 1864. Im Lager von Harrisburg. Mit Maultieren. 39 Dollar die Woche und freie Station. Krieg im Land. Die Männer stanken ärger als die Maultiere. Wir schliefen in Baracken, drei Betten übereinander. Ich im obersten, Gil unter mir im zweiten Stock. »Schieb mir Deine Schweißquanten nicht ins Maul«, schrie er, wenn ich aufstand. Mutter hatte uns hingeschickt. »Seid groß und stark genug zur Arbeit«, sagte sie. Ja, der Bürgerkrieg. Die Südstaaten. Männer kamen ins Lager. Gefangne. Ohne Schuh. Hatten hohe Zylinder auf, gestohlne, natürlich. Widerlich die Verbandstation. »Gib mir zu trinken, Kamerad.« Gestank von Eiter und Blut. Die abgesägten Arme und Beine. Ob's da unten noch so üppig ist? Die Scheuern größer als die Häuser? Die schöne Belle Boyd, viermal verurteilt, erschossen zu werden. Stahl ihm den Aufmarschplan aus der Tasche, als er mit ihr tanzte. Sicher ein Luder. Hm? Wie wir futterten. Alle waren wir starke Esser. Gut, daß ich damals das Vieh im Busch versteckte. Schweinsnieren mit heißem Knusperbrot. Muß ich mir mal machen lassen. Die ganze Sau oder nichts. War immer ein guter Fürsorger, verdammt noch 'mal, und für mich tut kein Mensch was …
Die Tram fuhr noch immer bergan, die dreckig braungraue Skyland Avenue hinauf.
… ja, das da, Amerikas Schweiz, Land des Himmels, Skyland. Jesus mein Gott! Oh, Pasadena! Der alte Borman sagte mir, er würde eines Tags nach Geld stinken. Bleib hier, Gant! hat er gesagt. Hier werden Vermögen gemacht … Ist Straßenbauuntemehmer. Hat die Staatsstraße nach Pasadena gebaut. Für mich ist's nun zu spät. Ob er in sie verknallt war? Nein, zu alt. Macht nichts. Oh, einen Frühling, um mich reinzuwaschen! Einmal noch sauber sein wie ein Säugling! Donnerwetter, diese Nacht damals in New. Orleans, als Jim Corbett den John L. Sullivan knockout schlug. Die ganze Stadt voll von Taschendieben. Wegen des Boxwettkampfs. Der Einbrecher, der meine Uhr und meine Kleider nahm. Ich rannte ihm nach. Über fünf Straßen. Im Nachthemd. Zwei Uhr nachts war's. Da ließ er den Raub fallen. Die Uhr obenauf. Die Polizei wie immer eine halbe Stunde zu spät. Nette Geschichte, sollte sie mal aufschreiben. Die Weiber dort kommen raus auf die Straße, laden einen ins Haus ein. Französinnen, Kreolinnen. Nimm Dir den Schinken, sagen sie stolz. Sie putzen sich am Fenster und machen Kußmäuler, wenn sie einen sehn. Wer denen wohl Grabsteine setzt? Sie werden über der Erde bestattet. Das Grundwasser ist nur 'nen halben Meter unterm Boden. Italien, Carrara, Rom. Kreolen sind spanisch-französischer Abstammung. Ob sie auch Negerblut haben? Muß mal Cardiac fragen …
Die Trambahn stoppte kurz vor der Wagenhalle, neben dem Bau des Elektrizitätswerks … Gott ja, das Grundstück hätt ich haben können. Wurde mir für tausend Dollar angeboten, am dritten Tag, als ich hierher kam. Wäre heut Millionär, wenn …
Die Tram fuhr am Tusgegee-Hotel vorbei zum Stadtplatz hinauf. Gant sah durch die Fenster. Schwere Männer saßen in der Bar … Wie Fische im Aquarium … In der Hotelhalle wischte ein Negerboy die Klubsessel mit einem grauen Staubtuch … Verschlafen … Der feiste Nachtportier schlief, aufs Sofa im Büro ausgestreckt.
Die Tram kam auf den Stadtplatz, holperte über das Netzwerk der Schienenlinien, hielt auf der Nordseite. Gant schürfte den Frostbeschlag vom Fenster. Starrte hinaus. Im fahlen Frühlicht erschien ihm der Platz ungewöhnlich klein, eng, gemein. Er wurde grün im Gesicht vor Angst, es fror ihn ums Herz, daß dieser Platz, die einzig feste Mitte seines Daseins, so zusammengeschrumpft war. Alles war entsetzlich konkret, wie im Traum. An der Südostecke sah er seine Werkstatt, die großen Lettern über der Backsteinfront:
W. O. Gant Marmorlager.
Grabsteinkunst
Friedhofseinrichtungen
Ein Neger stieg ein. In den hinteren Teil des Wagens, der für seine Rasse reserviert ist. Er ließ sich auf den Sitz fallen und fing sofort an, langsam durch seine bibbernden Puddinglippen zu schnarchen.
Big Bill Messler, die Weste halb aufgeknöpft über dem schweren runden Bauch, kam langsam die Freitreppe vorm Rathaus herunter. Der Springbrunnen auf der Ostseite des Platzes spielte nur zur halben Strahlhöhe. Eisblaues Wasser plätscherte in das von einem Eisgürtel umgebne Becken.
Es hielten viele Trambahnen am Platz. Die Wagenführer standen zusammen, stampften, rauchten, sprachen. In der Feuerwehrhalle brannte Licht. Ein Marktwagen fuhr über den Platz. Der alte Gaul bog vorsichtig in die gepflasterte Gasse, die bergabführend den Marktplatz mit dem Stadtplatz verband. Die Stadt regte sich, rüstete sich für den Tag.
Die Tram fuhr wieder. Sie glitt die Academy Street hinunter, bog am Rand des Negerviertels ab, fuhr durch die Ivy Street, bog in eine schmutzige lange Straße ein. Armselige Hütten standen auf der einen Seite. Auf der anderen Seite war ein Hain von herrlichen alten Eichen. Dort hinter den Stämmen stand verlassen und verfiel der mit Stuckornamenten verzierte Bau, der einst Professor Bormans Höhere Töchterschule hieß. Der frühere Besitzer baute jetzt Straßen in Pasadena, stank bald nach Geld.
Die Tram hielt an der Ecke, fuhr wieder bergan, die gewundne Woodson Street hinauf, hielt vor dem öden Bau eines fallierten Hotels. Dann kam Gants Haltestelle.
Gant schob seine schwere Reisetasche mit dem Knie vor sich her, stellte sie einen Augenblick hin, ehe er das Stück bergab zu seinem Haus ging. Die Straße war ungepflastert, die lehmige Erde war in Klumpen gefroren. Der Weg war abschüssiger, kürzer, näher als Gant gedacht hatte. Nur die Bäume sahen groß aus. Gant sah, wie Duncan in Hemdsärmeln die Morgenzeitung von seiner Veranda hereinholte … Werde ihn später sprechen. Jetzt dauert's zu lang … Ganz wie er erwartet hatte, stieg eine dicke Rauchsäule aus dem Schornstein des Schotten, aber sein Schornstein rauchte nicht.
Er ging die paar Schritte bergab, öffnete leis das eigne Gittertor, schlich ums Haus. Die kahlen Rebstöcke wanden sich an den Spalieren, zäh, sehnig, wie gedrehte Taue. Er ließ sich durch, die Seitentür ein, ging ins Wohnzimmer. Es roch scharf nach kaltem Leder. Ein bißchen spärliche, längst erkaltete Asche lag im offnen Kamin. Er stellte seine Reisetasche ab und ging in die Küche. Eliza, in einem seiner abgelegten Röcke und wollnen Handschuhen ohne Finger, stocherte in den Schlacken eines armseligen, schwindsüchtigen Herdfeuers herum.
»Hallo, da bin ich wieder!« sprach Gant.
»Um Himmels willen!« rief sie, ganz wie er erwartet hatte. Sie war verlegen, wußte nicht, was sie mit ihren Händen anfangen sollte. Er legte seine Rechte einen Augenblick täppisch auf ihre Schulter. Dann nahm er die Petroleumkanne, goß Öl auf das Holz. Die Flamme bleckte hoch aus dem Herd.
»Um Gottes willen, Du steckst uns das Haus an!« zeterte Eliza.
Er aber griff eine Handvoll Reisig, nahm die Petroleumkanne, stürmte wütend ins Wohnzimmer.
Als die Flammen knisternd und knackend aus dem ölgetränkten Reisig aufschossen, als er spürte, wie die Luft im feuererfüllten Kamin zitterte, kam seine Freude wieder. Er brachte die Weite der Mojave-Wüste mit … die lange gelbe alluviale Schlange des Colorado River, der Geröll von einem ganzen Kontinent mitführt … den Reichtum und Geruch beladner Schiffe im Hafen von Frisko … die großen Namen Louisiana, Texas, Arizona, Colorado, Kalifornien … die machtvollen Baumstrünke der Riesensequoia, unter deren Wurzeltunnel ein Wagen hindurchfahren kann … Wasserstürze, Geiser, kochende Schlammtümpel aus dem Yellowstone Park … mächtige Gebirgslandschaften, großes Meer, irisierende Himmel.
Eliza, noch ganz aufgeregt, fand allmählich die Sprache wieder. Sie war ihm ins Wohnzimmer gefolgt. Sie hielt die halb-behandschuhten, verbrauchten Hände der Hausfrau vor den Magen, während sie sprach:
»Gestern abend noch hab ich zu Steve gesagt, es sollte mich nicht wundern, wenn Vater jetzt jede Minute reinkäme.« Sie verzog das Gesicht, denn die Fabrikation der Legende strengte an. »Ich hatte so ein Gefühl, ich weiß nicht, wie man das nennt, komisch ist ja so was schon, wenn man drüber nachdenkt. Vor ein paar Tagen war ich bei Garretts im Laden, Du weißt ja, das Lebensmittelgeschäft, um ein paar Sachen für den Haushalt zu bestellen, etwas Vanilleextrakt, Soda und ein Pfund Kaffee, da kam Aleck Garter zu mir und sagte: »Eliza«, sagte er, »wenn Mister Gant zurückkommt, werde ich, glaube ich, einen Auftrag für ihn haben.« »Aber wieso, Aleck«, sagte ich zu ihm, »ich erwarte ihn kaum vor dem ersten April«. Na und also, wer kann das wissen wieso, ich war kaum wieder draußen aus dem Laden, ich nehme, an, ich muß an etwas ganz andres gedacht haben, denn ich entsinne mich genau, daß mir Emma Aldrich auf der Straße begegnete und mich ansprach … na, ich dachte gar nicht daran, mich mit ihr auf einen Schwatz einzulassen, ich wartete eigentlich nur drauf, daß sie weiterginge, und antwortete ihr gar nicht auf ihr Zeug, so sagte ich denn plötzlich, ja, ganz laut sagte ich, ja, ihr zu Gefallen rief ich aus: »Emma«, – es ist mir ja ganz überraschend gekommen, so wahr, wie ich hier stehe, ich war meiner Sache ganz sicher, also »Emma«, rief ich aus, »weißt Du, Mister Gant ist auf der Heimreise begriffen«, ja, ganz genau so –«
Jesus und Gott! dachte Gant. Es geht wieder los.
Elizas Gedächtnis bewegte sich im Seebecken des Geschehens wie ein riesenhafter Polyp, der zwar blind, aber vollkommen zum Tasten ausgerüstet, seinen Weg über Meereshöhlen, Rillen und Bodengebirge fühlt. Ihr gierig saugendes Gedächtnis hatte Anhaltspunkte an allen Dingen, die sie je gedacht, gefühlt, getan hatte. Sie war eine echte Pentland: Die Ereignisse rutschten aus der Leere für einen Nu in ihren Erlebnisrahmen und wurden dort für immer festgehalten.
Gant legte mittlerweile Kohlen und Holz aufs Feuer und murmelte vor sich hin. Er ordnete im Kopf seine Rhetorik: deutlich gegliedert, proportioniert und interpunktiert: ansteigende Sequenzen, ausgewogene Sätze, Höhepunkte.
…Ja, staubige Baumwollballen in langen Schuppen neben den Schienensträngen der Frachtbahnhöfe, verladebereit. Duftende Föhrenwälder der südlichen Ebnen, vom goldbraunen Feenlicht gesättigt, das zwischen hohen, geraden, glatten Stämmen steht. Ein Frauenbein beim Einsteigen in eine Kutsche, unter einem elegant gehobenen Rock in der Canal Street, vermutlich das einer Französin oder Kreolin. Die Beugung eines vollen weißen Frauenarms, der nach einer Fensterblende griff. Die olivenfarbnen Gesichter, die durch die Scheiben blickten. Die Gattin eines Arztes aus Georgia, die im Zimmer über ihm schlief, beim Ausgang. Das unauslöschbare, von Fischen überfüllte Übermaß des Stillen Ozeans; ungezäunt, blau, langsam, katzenhaft träg, an die Ufer schwappend. Und der Strom, der alles austrinkt, der Colorado River, die gelbe, langsam schürfende, den Kontinent entwässernde Schlange. Sein Leben war wie dieser Strom, reich mit Geröll, mit Fortgeführtem, mit Sedimentablagerung, unerschöpflich vom Leben gefüllt, daß es noch reicher würde. Und dieses Leben würde er nun im Hafen dieses Hauses ausströmen lassen. Diese Mündungsbucht würde genügen. Der Rebstock wand sich dreimal ums Haus, die Erde wucherte mächtig mit Blüte und Frucht, das Feuer brannte wild.
»Was gibt's zum Frühstück?« fragte er.
»Na«, sagte sie und schürzte die Lippe. »Möchtest Du ein paar Eier haben?«
»Ja«, sagte er, »mit ein paar Scheiben knusprig gebräunten Specks und mehreren Bratwürstchen.«
Er schritt durchs Speisezimmer und über die Diele.
»Steve! Ben! Lukas! Ihr verdammten Gauner!« gellte er. »Aufstehn!«
Beinah gleichzeitig stampften ihre Füße auf den Boden. »Papa ist zurück!« schrien sie.
Mister Duncan sah zu, wie die Butter in das frischbackne, warme Frühstücksbrötchen einsickerte. Er blickte auf, schräg durch die Gardine. Da sah er aus Gants Schornstein dicken, schweren wolkigen Rauch aufsteigen.
»Er ist wieder da«, sagte er befriedigt.
Als er den Rauch sah, im gleichen Augenblick, sagte Tarkinton, der Farbenhändler:
»W. O. ist zurück.«
So kehrte er heim, der ins Land gen Westen geschweift war, Gant, der Weitgewanderte.
VIII
Eugen tummelte sich nun auf den endlosen Wiesen des sexuellen Erlebens. Seine sinnliche Wahrnahme war vollkommen. Im Augenblick, wenn ihn etwas beeindruckte, dann verhaftete sich auch die ganze Umwelt samt dem Hintergrund in ihm mit Farbe, Wärme, Geruch, Laut und Geschmack. So brachte ihm später der Duft besonnten Löwenzahns warme Grashänge im Frühling, einen ganz bestimmten Tag, einen Platz auf der Wiese, das Rascheln jungen Erlenlaubs ins Gedächtnis zurück. Oder: so oft er an Gullivers Reisen dachte, erwachte er wieder zum Erlebnis des hellen, windigen Märztags, an dem er das Buch zum erstenmal las: das Kaminfeuer knisterte, Mandarinen dufteten nach dünner Exotik, der Schnee draußen tropfte und gluckerte unter lauen Windstößen, die Erde roch stark im Tauwetter, es war gut, in große, frostige Winteräpfel hineinzubeißen.
Über die Grenzen des Heims hatte er sich hinausgewagt. Er war noch nicht ganz sechs, als er aus eignem Antrieb zur Schule ging. Eliza hatte es ihm abgeschlagen; aber sein um ein Jahr älterer Spielgefährte Max Isaacs war schulpflichtig, und Eugens Herz zog sich zusammen bei dem Gedanken, daß er nun wieder allein sein solle. Eliza war nicht umzustimmen; sie spürte, daß das Schulleben langsam und endgültig die Bande, die ihren Jüngsten an sie fesselten. lösen würde. Aber als sie dann eines frischen Septembermorgens beobachtete, wie er schlau aus dem Tor schlüpfte und zur nächsten Straßenecke rannte, wo der andre kleine Junge auf ihn wartete, unternahm sie nichts, um ihn zurückzubringen. Etwas Gespanntes in ihr riß; sie sah ihn verstohlen zurückblicken und weinte. Sie weinte seinetwegen. In der Stunde nach der Geburt hatte sie in seinen dunklen Augen die grandios tiefe, ewig brütende, unendliche Einsamkeit gesehen. Sie wußte, daß ein Fremdling aus der Nacht ihres Schoßes gekommen war, einer, der einsam vor sich und der Welt in den verlornen Beziehungen zur Ewigkeit leben würde. O verloren!
In eigne Wachstumsschmerzen verstrickt, hatten Eugens Geschwister wenig Zeit für ihn. Lukas, der Nächstjüngste, war fast sechs Jahre älter. Gelegentlich quälten sie ihn mit jener kleinlichen Grausamkeit, mit der ältere Kinder jüngeren zusetzen. Es reizte sie, wenn er, aus tiefen Träumen gerissen, in wahnwitzigem Jähzorn ein Tranchiermesser ergriff und sie verfolgte oder in blinder Wut mit der Stirn gegen die Wand stieß.
Sie hielten ihn für nicht ganz richtig, für überzwerch, für »quer«. Die Jungen predigten die klebrige Feigheit der Kinderherde. Wenn ihre Quälereien aufkamen, dann behaupteten sie, sie wollten »einen rechten Kerl« aus Eugen machen. Eugen empfand wachsende Zuneigung für Ben, der behutsam im Haus herumstelzte, störrisch redete, die Brauen zusammenzog, das Geheimnis des Lebens wahrte. Auch Ben war ein Fremdling. Ein tiefer Instinkt zog ihn zu dem kleinen Bruder. Viel von seinem bescheidnen Lohn als Zeitungsträger gab er aus, um Geschenke für Eugen zu kaufen oder ihm sonst eine Freude zu machen. Er ermahnte den Kleinen mürrisch, puffte ihn zuweilen, aber vor den anderen verteidigte und schützte er ihn.
Da er den Jungen stundenlang beim Schein des Kaminfeuers über Bilderbüchern brüten sah, zog Gant den billigen Schluß, daß Eugen Bücher gern mochte … und baute darauf die vage Illusion, er wolle einen Juristen aus ihm machen und ihn in die Politik schicken. Da würde er dann Gouverneur, Senator und schließlich Präsident der USA werden. Immer wieder erzählte er ihm die plumpe amerikanische Legende von den Knaben vom Land, die große Männer im Staat wurden, weil sie eben Knaben vom Land, arme und fleißige Farmerbuben waren. Eliza jedoch dachte, Eugen würde einmal Gelehrter, Wissenschaftler, Professor werden. Sie glaubte, sie selbst hätte die Neigung zum Lesen in wohlweislicher Absicht in Eugens Gemüt gestiftet, eine fixe Idee, die Gant reichlich verdroß.
»Den ganzen Sommer, als ich ihn trug, habe ich jede freie Minute gelesen«, behauptete sie, und mit dem behaglich-selbstvertrauenden Lächeln, das sie stets aufsetzte, wenn sie von den Pentlands sprach, bemerkte sie dazu: »Ich will Dir was sagen, es ist leicht möglich, daß alles in der dritten Generation herauskommt.«
»Verdamm' die dritte Generation!« schnauzte Gant wütend.
»Na, nun aber hör mal«, sagte sie gedankenvoll und streckte den Zeigefinger zur Bekräftigung aus, »da muß ich Dir dann doch sagen, daß alle Welt dachte, aus seinem Großvater wäre ein großer Gelehrter geworden, wenn –«
»Barmherziger Heiland!« brüllte Gant los. Er sprang auf, schritt hämisch lachend im Zimmer auf und ab. »Ich hab's ja im voraus gewußt! Sicher« – er leckte aufgeregt seinen Daumen –, »wenn da überhaupt ein Verdienst zu erkennen ist, dann ist es bestimmt nicht meines. Lieber würdest Du verrecken, als so was zugeben. Lieber prahlst Du mit diesem elenden alten Gespenst von Deinem Vater, diesem Kerl, der in seinem ganzen Leben nie eine anständige Tagesarbeit geschafft hat.«
»Na, das würde ich dann doch nicht von ihm behaupten; jedenfalls, wissen kannst Du es nicht«, fing Eliza wieder an und schürzte schnell die Lippe.
»Jesus mein Gott! Welch eine Travestie!« schrie Gant ungebärdig. »Ärgere Furien hat selbst die Hölle nicht als ein gekränktes Weib!« Er wiederholte es mehrmals und lachte dabei bitter und gezwungen.
In der Dunkelheit seiner Seele befangen, wie ein fremder Gast in einer lärmenden Schenke, brütete Eugen beim Schein des Kaminfeuers über Büchern. Luftige Phantasiegebilde bauten sich in ihm auf. In Strömen bunter Bilder badete seine Seele. Er durchstöberte die Büchergestelle und fand Schätze. Er fand »Mit Stanley in Afrika«, reich vom Geheimnis des Dschungels, von kriegerischem Erlebnis, schwarzer Schlacht, sausendem Speer, dem schlangenknotigen Wurzeldickicht der Urwälder, den Dörfern aus Strohhütten, Gold, Elfenbein. Er fand Stoddards »Lektüren«, in dem die meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Europas und Asiens abgebildet waren. Er fand »Das Buch der Wunder«, in dem die Großtaten des technischen Zeitalters in bezaubernden Zeichnungen standen: – Santos Dumont in seinem Ballon; flüssige Luft, die aus seinem Kessel ausgegossen wird; sämtliche Kriegsflotten der Erde, die nach der Berechnung von Sir William Crookes durch 30 Gramm Radium 60 Zentimeter über den Meeresspiegel gehoben würden; Darstellungen vom Bau des Eiffelturms und des New Yorker Bügeleisenbaus, das Automobil, das mit einem Stock gelenkt wird; das Unterseebot. – Nach dem Erdbeben von San Franzisko erschien ein Kolportageschinken über die Katastrophe: auf der billigen, giftgrünen Einbanddecke sackten Türme zusammen, taumelten Glockenstühle in der Luft, rutschten vielstöckige Häuser in den aufgähnenden, flammenzüngelnden Rachen der Erde. Ein andres Werk dieser Art hieß »Paläste voll Sünde« oder »Der Teufel in der guten Gesellschaft«. Es war angeblich von einem frommen Millionär verfaßt, der sein Vermögen darangegeben hatte, unter der Schminke die Krätze auf der Haut der Hochgestellten zu entblößen; reizvolle Bilder zeigten den Verfasser, wie er, den Zylinder auf, eine Straße hinunterging, in der viele großartige Paläste voll Sünde standen.
Aus dieser Galerie abgerißner Bilder baute seine brütende Phantasie die Welt. Die verlornen, dunkeln Engel aus Dorés Milton schwebten in die weiträumige Höhle der Hölle, die unter dieser Erde von aufstrebenden und zusammensackenden Türmen, von Maschinenwundern und eisengepanzerten, traumverwobnen Ritterromanzen lag. Und wenn er daran dachte, daß er einmal hinausziehen würde in diese schöne epische Welt, in der am weitesten von daheim das bunte Leben am hellsten strahlte, dann errötete er; so sehr stieg ihm das Blut zu Kopf.
Er wußte bereits, wie Kirchenglocken klingen, die sonntagsabends fernher übers Land läuten. Er hatte die Nachtsymphonie mit ihren Abermillionen Geräuschen belauscht. Er kannte den schrillen schwächerwerdenden Pfiff der Lokomotive in einem fernen Tal und den leisen Rumpeldonner des Zugs auf den Schienen. Er ahnte im verführerischen Nu die unendliche Weite und Tiefe der goldnen Welt mit ihren zahllosen, heimischen, ineinander verwobnen Gerüchen und Sinnesräuschen.
Er erinnerte sich an das »Ostindische Teehaus« auf der Weltausstellung; das Sandelholz, die Turbane und Gewänder, die kühlen Räume und den Duft des schwarzen Tees. – Er kannte den Geruch von Kellern; von Wassermelonen, die in Heu gebettet auf einen Farmwagen verladen werden; den Geruch von Pfirsichen, in Lattenverschläge gepackt; den Geruch von bittersüßen Orangenschalen vor einem Kohlenfeuer. Er kannte den Geruch von seines Vaters Zimmer, gemischt aus Leder, Tabak, Wolle, Schweiß und Männlichkeit … den beizenden von Holzfeuerrauch und von brennendem Laub an Oktoberabenden … den trägen der Erde im Spätherbst und den süßen des Jelänger-Jelieber in Sommernächten … den köstlichen von Speck-und-Eiern in der Pfanne zusammen mit dem von kochendem Kaffee. Er kannte den Geruch von einem Backofen im Wind, von buttergeschmälztem grünem Bohnengemüse aus einer Küche, von blauen Trauben in langen Weidenkiepen, von einer ungelüfteten Bodenkammer aus trocknem Tannenholz, in der eingekampferte Teppiche und stockfleckige Schmöker aufbewahrt werden.
Ja! und er kannte den Geruch von Tünche und Firnis, von neuem Leder im Sattlerladen, von Honig, Kaffeesäcken, Pickels, Käsen, Pfeffer und Werweißwasnoch im Krämergeschäft … den Geruch von Sägmehl, Hobelspänen und aufgeschichteten Bohlen, von alter Eiche und Walnuß, von Harz …
Ja! und den Geruch von Pfirsichen beim Einkochen und von Butter- und-Zimt auf heißem Jam … und den Geruch des trägen Flusses und von am Stock verfaulenden überreifen Tomaten … den Duft der Kirschblüte … den scharfen Geruch von Unkraut und Algen und Brackwasser und Torf bei einem Sumpftümpel … den Geruch der Erde nach langem Regen … den Geruch kochender Quitten und den des welkenden Lilienbeets … den ausgezeichneten Geruch der Südstaaten, sauber und bang, wie der einer großen Frau.
Ja! und den Geruch einer Margeritenwiese am Morgen … von schmelzendem Gußeisen in der Esse … von rauchenden Misthaufen und warmen Pferdeställen … den Geruch der Metzgerei nach starkem Hammel, feister Leber, gewürzter Wurst, rotem Rindfleisch … den Geruch zerriebener Pfefferminzblätter und den von einem nassen Fliederbusch; von Magnolien unterm Vollmond; von Lorbeer und Hundsholz … den Geruch von alten, verkrusteten Bruyèrepfeifen, von Virginiatabak, von Bourbon-Rye-Whisky in einem eichenen Faß … den Geruch von Karbol, den Geruch von einem treuen Haushund, von Schweinebraten, von Vanille in einem Kuchenteig … den Geruch von Farnkraut bei einer Quelle.
Ja! und den Geruch einer Eisenhandlung, hauptsächlich den reinlichen Geruch von Nägeln … den Geruch von Chemikalien zum Entwickeln aus der Dunkelkammer des Photographen … den junglebigen Geruch von Farben und Terpentin … von Buchweizenteig und schwarzem Sorghum … den Geruch von einem Neger zusammen mit dem von einem Gaul … den Geruch des dichten Unterholzes auf den Bergen der Südstaaten … von Austern in einem Schaff … von ausgeweideten Fischen auf Eis … von einer heißen Negerköchin … von Petroleum und Linoleum; von Sarsaparilla und Guaven, von herbstlich reifen Persimonen.
Ja! und den Geruch von Regen und Wind, des scharfen Donners, des kalten Sternlichts, des sprödhalmigen, gefrornen Grases; den Geruch von Nebel und wolkenverhängter Wintersonne; den Geruch der Saatzeit, der Blühzeit, des mürben, fallschweren Herbstes.
Und maßlos gelüstig gemacht durch diese Erfahrungen, fing er nun an in der Schule, in der Geographiestunde, die gemischten Gerüche und Düfte des Erdreichs zu ahnen. In jedem Fäßchen, das auf der Straße abgeladen wurde, roch er einen Schatz aus goldnem Rum, süßem Portwein, schwerem Burgunder. Er genoß den Dschungelwald der Tropen, den üppigen Duft von Plantagen … den Salz- Fisch- und Teerdunst der Häfen … Er reiste in eine weite Welt, die bezauberte ohne zu verwirren.
Nun waren die unzähligen Inseln des Archipels miteinander verbunden worden; festen Fußes stand Eugen auf dem unbekannten, wartenden Kontinent.
Er lernte sofort lesen; sein gutes Bildgedächtnis hielt den Umriß des gedruckten Worts scharf und genau fest. Aber es dauerte Wochen, bis er schreiben oder wenigstens Buchstaben nachziehen konnte. Schaumfetzen und Traumtrümmer der verlornen Welt schwammen immer noch durch sein klares Schultagsmorgengemüt. Obschon er sonst dem Lehrgang genau folgen konnte, blieb er ins alte Unwissen verbannt, sobald es ans Buchstabenmachen ging. Die Kinder zogen ihre unbeholfnen Alphabete unter einer Reihe von Modellbuchstaben, aber alles, was Eugen fertigbrachte, war ein Durcheinander schwanker, zittriger Speere, die er mit unendlicher Begeisterung andächtig wiederholte, unfähig einzusehen, wieso das keine Buchstaben wären.
»Ich habe schreiben gelernt«, dachte er.
Eines Tages guckte Max Isaacs plötzlich von seiner Übung herüber auf Eugens Blatt und sah die unebnen Zackenlinien.
»Das is' nich' geschrieb'n«, sagte er.
Er klemmte seinen Bleistift in die schmutzige, warzige Hand und schrieb die Vorbilder einmal in Eugens Heft ab.
Die lebendige Linie, die schöne, sich entwickelnde Struktur, die Eugen aus dem Bleistift seines Kameraden fließen sah, zerschnitt den Knoten, den keinerlei Unterweisung zu zerschneiden vermocht hatte. Er nahm den Bleistift, ohne weiteres, und schrieb die Buchstaben in schönerer, feinerer Ausführung, als es sein Freund vorgemacht hatte, auf die nächste Zeile. Er machte sich, einen unterdrückten Schrei in der Kehle, an die folgende Seite und schrieb ohne zu zögern das Vorbild ab. Und so tat er auf der nächsten und übernächsten. Mit dem hellen Staunen, mit dem Kinder ein Mirakel anerkennen, sahen sie einander an.
»Das is' jetz' geschrieb'n«, sagte Max.
Sie bewahrten das Geheimnis unter sich und sprachen nie davon. Eugen dachte später oft über diesen Vorfall nach. Er erlebte dann wieder das Aufspringen der Tore, das Eindringen der Flut, die Flucht. Ja, ganz genau so war es eines Tages geschehen.
Da er noch knirpsenhaft nah an der Erdkruste lebte, gewahrte er manche Dinge, die er geheimhielt, wohlwissend, daß man ihn auslachen würde, wenn er darüber berichte. Eines Samstags im Frühjahr gingen er und Max Isaacs die Central Avenue hinunter. Sie blieben vor einer Grube stehen. Arbeiter flickten ein gebrochenes Wasserrohr. Die aufgeworfenen Erdwälle waren höher als ihre Köpfe. Dahinter war eine weite Kluft, ein Fenster ins Erdinnere, durch das man in einen dunklen Stollengang sehen konnte. Als die beiden Buben hinunterblickten, packten sie plötzlich einander am Arm. Da unten glitt eine ungeheure Schlange. Sie sahen den flachen Kopf, den langen Schuppenleib, der im Umfang dicker als ein Manneskörper war. Der Kopf war schnell verschwunden, der Leib des Ungeheuers aber glitt endlos weiter in die tiefe, tiefe Erde hinein und verschwand schließlich, ohne daß die ahnungslosen Arbeiter überhaupt etwas merkten. Die Buben, vor Schreck zitternd, gingen fort. Dann und auch später sprachen sie nur im Flüsterton von dem Erlebnis. Aber sie erzählten keinem Menschen davon.
Eugen fand sich leicht in den geregelten Gang des Schullebens. Genau wie seine Brüder schlang er frühmorgens sein Frühstück hinunter, schluckte heißen Kaffee, packte, wenn das letzte Klingelzeichen der Schulglocke ertönte, ein fettfleckiges Papierbündel mit belegten Broten und rannte aus dem Haus. Das Herz hämmerte ihm zum Hals vor Aufregung; er machte schlapp, wenn der Ton der Schelle matter wurde.
Ben, stirnrunzelnd und hämisch, stemmte ihm eine Hand ins Kreuz und schob ihn bergan. Ganz außer Atem kam er ins Klassenzimmer und sang noch die letzte Strophe des Morgenlieds mit, das die in vier Gruppen eingeteilte Klasse als Kanon sang:
»… fröhlichsein, fröhlichsein,
Leben ist ein Traum …«
Manchmal, besonders an kalten Herbstmorgen, sangen sie auch: »erwacht ihr Herrn und Damen froh …« oder den Wettstreit zwischen Südwind und Westwind, im Frühling auch das lustige Müllerlied.
Lesen fiel ihm leicht; er buchstabierte zuverlässig; im Rechnen war er gut. Aber er haßte die Zeichenstunde, obschon ihn Buntstiftschachteln und Malkasten entzückten. Manchmal machte die Klasse Waldspaziergänge; sie kamen mit hochroten Ahornblättern, Tannenzapfen, braunem Eichenlaub zurück; das sollte gemalt werden. Im Frühling war es ein kleiner Kirschblütenzweig oder eine Tulpe. Eugen blieb stets befangen vor der rundlichen Klassenlehrerin, die den Unterricht erteilte. Er hatte Angst, irgend etwas zu tun, was in ihren Augen gemein oder unanständig wäre.
Die Klasse war unruhig und trieb Unfug. Die Jungen schäkerten mit den Mädchen, schrieben ihnen unzüchtige Zettel, erfanden Quälereien für sie. Die Wildlinge und Faulpelze benutzten jede Gelegenheit, auf die Toilette zu gehen: »Fräulein, bitte, darf ich mal raus?« Eugen brachte es nicht fertig, um so etwas zu bitten. Er schämte sich vor ihr. Einmal wurde ihm furchtbar schlecht; er wurde fast ohnmächtig vor Übelkeit … erbrach sich schließlich in die hohlen Hände.
Vor den Pausen fürchtete er sich, denn er haßte das Durcheinander und die Balgerei auf dem Schulhof. Sein Stolz erlaubte ihm nicht, einfach im Klassenzimmer zu bleiben oder sich stillschweigend zu drücken. Eliza hatte sein Haar lang wachsen lassen und wickelte es jeden Morgen um die Finger zu dicken Lord-Fauntleroy-Locken. Die Qualen und Demütigungen, die er wegen dieser Locken ausstand, konnte oder wollte sie nicht verstehn. Umsonst flehte Eugen, sie möge ihm das Haar schneiden lassen. Sie bewahrte die Locken von Ben, Grover und Lukas in kleinen Schachtein auf. Sie weinte manchmal, wenn sie Eugens Haar anschaute. Für sie waren diese Locken Merkzeichen dafür, daß Eugen noch ein Baby sei, Gedenkzeichen auch ihrer eigenen Herzenstrauer. Sie brachte es nicht über sich, sie zu opfern. Sogar als sich eine blühende Kolonie von Harry Tarkintons Läusen in dem dichten Gelock ansiedelte, ließ sie es nicht scheren, sondern behandelte die Kopfhaut zweimal täglich mit einem feinzinkigen Kamm.
Eugen zitterte und wand sich bei der Prozedur. Er flehte leidenschaftlich. Aber sie summte vor sich hin und sagte: »Aber was? Du bist doch gar kein großer Junge. Du bist doch mein Nesthäkchen.« Plötzlich verstand Eugen die nachgiebige Unbeugsamkeit ihres Wesens, die Ursache von Gants Wut. Er schrie auf, hilflos vor wahnwitzigem Zorn.
In der Schule war er ein gehetztes kleines Tier. Die Klasse in ihrem Herdeninstinkt hatte den Fremdling schnell herausgefunden. Sie trieben ihn zur Verzweiflung, sie jagten ihn unerbittlich. Wenn die große Mittagspause kam, packte Eugen sein fettfleckiges Papierbündel und rannte, vom heulenden Rudel verfolgt, über den Spielplatz. Die Führer der Bande, zwei oder drei ältere Lausbuben, die wegen Dummheit sitzen geblieben waren, drängten sich an Eugen mit der Aufforderung: »Gelt, Du kennst mich! Du kennst mich!« Sie keilten ihn in eine Ecke, rissen ihm Stück für Stück die belegten Brote aus der Hand, rauften sich mißgünstig um die Beute. Manchmal gelang es Eugen, ein halbes Brot aus den Händen der Räuber zu reißen und es schnell zu verschlingen. Wenn die Brote alle waren, lief das Pack davon.
An die große Phantastik der Weihnachten glaubte er noch. Abend um Abend im Spätherbst und Vorwinter kritzelte er Wunschzettel an den Nikolaus, schrieb fleißig immer wieder die Liste der Geschenke auf, die sein Herz am meisten begehrte. Dann warf er den Zettel in das auflodernde Kaminfeuer. Die Flamme faßte das Papier und wehte den verkohlten Rest zum Rauchfang hinauf. Gant rannte ans Fenster, deutete auf den wolkigen Nordhimmel und sagte:
»Siehst Du? Dort fliegt er, Dein Wunschzettel.«
Eugen sah. Er sah, wie der herrliche Botenwind seine Bittschrift nordwärts davontrug nach Weihnachtsland und ins lustige Reich der Schnee-Elfen; er sah die kleinen Dächer und Giebel der Spielzeugdörfer; er hörte das Lachen der Zwerge, süß und hell, wie ein Hämmerchen auf einem kleinen silbernen Amboß klingt; er hörte das Wiehern des himmlischen Rentiers, das den Schlitten des Nikolaus zieht. Gant sah und hörte dasselbe.
Zum Fest, wurde er mit buntem Spielzeugtand überschüttet. Von Grund seines Herzens haßte er die Leute, die für »nützliche« Geschenke sind. Gant kaufte ihm Karren, Schlitten, Pferde, Trompeten, Hörner. Das Schönste war ein kleiner Feuerwehrwagen, der das Wunder und später die Plage der gesamten Nachbarschaft wurde. Monatelang lebte er in der schulfreien Zeit im Keller mit Max Isaacs und Harry Tarkintott; sie hatten die Leitern auf dem Wagen so mit Draht festgemacht, daß sie im Handumdrehen angelegt werden konnten. Sie taten, als dösten sie auf Wache, ganz wie es die tapfere Feuerwehr tut. Plötzlich sprangen sie auf, wenn einer von ihnen die Alarmglocke »Klengelengeleng« nachmachte. Wie besessen stürzte Eugen zum Fahrerbock, stürzten Harry und Max auf die Seitenbänke. Sie rasten zum Keller hinaus, galoppierten vor ein Nachbarhaus, legten Leitern an, öffneten Fenster, erzwangen Eintritt, schrien, löschten eingebildete Zimmerbrände und fuhren dann wieder ab, ohne sich um das Gekeif der heimgesuchten Hausfrau zu scheren.
Monatelang gingen sie ganz in diesem Spiel auf. Ihr Vorbild war die städtische Feuerwehr, besonders aber der Schweizer Jannadeau, der Leutnant bei der Truppe war. Sie hatten gesehen, wie er, sobald der Alarm ertönte, eine gerade auseinander genommene Uhr auf dem Glastisch liegen ließ, aus seinem Juwelierladen neben Gants Werkstatt stürzte, über den Stadtplatz stürmte und wie ein Verrückter rennend den großen Löschwagen gerade noch erreichte, als dieser zur Halle herausfuhr. Die Feuerwehr gab waghalsige Schaustellung vor der gaffenden Bürgerschaft; sie führten tollkühne Kunststücke an den Leitern aus. Ein Mann hielt einen zweiten an den Armen in der Schwebe, und Jannadeau wagte den halsbrecherischen Sprung nach den Armen des Schwebenden und hing sich an dessen Händen ein. Den Leuten lief es eiskalt den Buckel hinunter.
Wenn nachts Alarmschellen durch den heulenden Wind tönten, fuhr der Dämon in Eugens Herz. Er träumte sich in Herrschaft, in fliegende Herrlichkeit über Feuersbrunst, Dunkelheit, Sturm und alle Mächte, über eine Welt höllischer Widersacher; er bestand wilde Abenteuer der Einsamkeit, Begegnungen mit Feinden im Gewitter, warf Blicke durch regengepeitschte, sturmerschütterte Fenster auf Frauen.
Ja, auf ein Reich von Frauen, die schönleuchtend, mit angehaltnem Atem im Bette lagen. Über Welten hinweg, zwischen zitternden Säulen aus Duftrausch kam er zu ihnen. Das Geheimnis des weiblichen Körpers, rätselhaft dunkel und groß, hatte es ihm angetan. Bald auch fand er Unterweisung für seine Neugier bei den ungekämmten Gören von Doubleday, die die Herzen der kleineren, zarteren Jungen mit Furcht und Verwunderung erfüllten. Doubleday war das verseuchte Stadtviertel, in dem das ortsansässige Pack der stumpfen Gebirgsrasse hauste, rohes Volk, das nachts auf den Gassen herumlungerte und gegen andre Banden mit Steinen Krieg führte, so daß es in der Nacht von Allerheiligen blutige Köpfe und zerbrochne Schädel gab.
Eugens Mitschüler Otto Krause war der Sohn deutscher Einwandrer. Er war ein struppiger, käsenasiger Bursch mit schmalen, dünnen Brauen, sehr schnell auf den hageren Beinen; er war ewig heiser und hatte ein idiotisches Lachen. Dieser Otto Krause zeigte ihm die Gärten der Lust.
Ein Mädchen namens Bessie Barnes war schwarzhaarig, hochgewachsen, mit einer kecken aufreizenden Figur … Sie diente als Modell. Bessie war dreizehn, Otto war vierzehn. Eugen war acht. Alle drei gingen sie in die drittunterste Volksschulklasse. Otto saß neben Eugen.
Otto schrieb und zeichnete Schweinereien auf Zettel und reichte sie über den Gang zwischen den Bankstaffeln der Bessie hinüber. Die Nymphe machte eine unzüchtige Miene, hob elegant die Hinterbacke und gab sich einen verächtlichen Klaps auf den Schenkel, eine Gebärde, die Otto für eine Zusage hielt und gekitzelt mit einem heiseren Kichern beantwortete.
Die Bessie ging dem Eugen im Kopf herum.
Während des Unterrichts vergnügten sich Otto und Eugen heimlich damit, Unanständigkeiten in ihre Geographiebücher zu zeichnen. Die dargestellten Ureinwohner der Tropen versahen sie mit Hängebrüsten und mächtigen Geschlechtsteilen. Auf kleine Zettel schrieben sie kurze schweinische Reimereien über die Lehrerin und den Rektor. Miss Groody, die Lehrerin, war eine magere alte Jungfer mit rotem Gesicht und grellen Augen. Otto dichtete von ihr:
»Die alte Miss Groody
Hat gute Toody.«
Eugens Poesie galt der Person des Rektors. Dieser war ein fetter, weichlicher, geckenhafter junger Mann namens Armstrong. Er trug stets eine Nelke im Knopfloch, deren Duft er, wenn er einen Buben verwichst hatte, mit geblähter Nase und niedergeschlagenen Lidern einsog. Im Ansturm der ersten, reinen und reichen Schaffensfreude verfaßte Eugen Dutzende von Reimen, die Armstrong und dessen Eltern schmähten und den jungen Mann unkeuscher Beziehungen zu Miss Groody bezichtigten.
Eugen war besessen. Er verbrachte den ganzen Tag damit, diese Themen in liederlichen Reimen zu variieren. Und gewann es nicht über sich, diese Kunstwerke zu zerstören. Er verwahrte die zerknitterten Zettel in seinem Gefach unter der Bank. Eines Tages in der Erdkundestunde wurde er von der Lehrerin ertappt. Seine Knochen wurden wie Gummi, als sie ihn grell anfunkelte und den Zettel mit seiner Kritzelei, im Buch versteckt, entdeckte. Während der Pause untersuchte sie sein Gefach unter der Bank, las die vielen Sequenzen und befahl ihm mit vielsagender Ruhe, sich nach der Schule beim Rektor zu melden.
»Was wird's da geben?« wisperte er mit trockner Stimme zu Otto Krause.
»Haue, Haue!« sagte Otto und lachte heiser.
Die Klasse höhnte ihn schadenfroh. Sie rieben sich den Allerwertesten vor seinen Augen und schnitten weinerliche Grimassen dazu.
Eugen wurde übel; nicht aus Furcht vor den Schmerzen, sondern aus Ekel vor der Demütigung. Er empfand Bewunderung und Neid vor der seelischen Unempfindlichkeit seiner Klassenkameraden, die eine Tracht Prügel einfach hinnahmen, laut heulten, um die Schläge zu mildern, und zehn Minuten später die ganze Sache vergessen hatten. Er wußte, daß er es nie verwinden könne, wenn ihn der feiste junge Mann mit der Nelke im Knopfloch verhauen würde. Um drei Uhr meldete er sich auf dem Rektorzimmer, kreideweiß im Gesicht.
Armstrong, schlitzäugig und dünnlippig, hielt den Stock in der Hand, als Eugen eintrat. Er ließ den Stock durch die Luft sausen. Hinter ihm auf dem Schreibtisch lagen, ein säuberlich geordneter Stoß, die Zettel mit dem gereimten Schimpf.
»Hast Du das Zeug da geschrieben?« fragte Armstrong und machte seine Augen klein wie Punkte, um Eugen Angst einzujagen.
»Ja«, gestand Eugen.
Armstrong ließ abermals den Stock durch die Luft sausen. Er hatte Daisy mehrere Male zu Hause besucht und an Gants reichgedecktem Tisch gegessen. Er erinnerte sich dessen genau.
»Habe ich Dir je etwas zuleid getan. Söhnchen, daß du mich so verunglimpfst?« knirschte die gekränkte Großmut.
»N – n – nichts«, stotterte Eugen.
»Willst Du es je wieder tun?« tönte die schneidende Strenge.
»N – n – nein, Herr Rektor«, antwortete der Sünder mit versagender Stimme.
»Gut! Dann will ich Dir's hingehn lassen«, sprach Gott in seiner Größe. »Du kannst gehen.«
Eugen fand seine Beine erst wieder, als er draußen auf dem Spielplatz war.
Aber oh! der herrliche Herbst! Die Lieder, die sie sangen! Lieder von der Ernte und vom verfärbten Wald, und »Heut ist halber Feiertag …« und »Droben in der Luft so hoch der Drache …« und das Schnellzugsliedchen: »Stationen sausen im Flug vorbei wie ein Pfiff …« Oh, diese mürben Tage! Die Tore des Verlangens taten sich auf; Nebel verspannen die Sonne; das welke Laub fiel raschelnd durch die Luft auf den Boden.
»… Und jede dieser kleinen Schneeflocken ist anders in der Form als alle anderen.«
»Wirklich, Miss Pratt? Jede?«
»Ja, jede Schneeflocke ist anders als alle anderen, die es je geschneit hat. Die Natur wiederholt sich nie.«
»Oh!«
Bens Bart wurde flück; er rasierte sich bereits. Er tollte stundenlang mit Eugen, drückte ihn aufs Ledersofa und kratzte die zarte Wange des Kleinen mit den dünnen spitzen Kinnstoppeln. Eugen quietschte.
»Ha! Wenn Du das erst mal kannst, bist Du'n Mann«, sagte Ben. Und er sang mit seiner dünnen summenden Gespensterstimme:
»Peck peck peck! pocht der Specht an die Schulhaustür,
Peck peck peck! und sein Schnabel ward wund,
Nun schnelle an der Schelle auf dem Schulhaus gewetzt,
Peck peck peck! ward der Schnabel gesund.«
Sie lachten, Eugen mit schaukelnden Kehllauten, Ben mit fast lautlosem Kichern. Er hatte wäßrige graue Augen und eine gelbe, finnige Haut. Sein Kopf mit der hohen knochigen Stirn war wohlgeformt. Sein Haar war kraus, ahornbraun. Unterhalb der ständig zusammengerückten Brauen war sein Gesicht klein und lief spitz zu. Sein ungewöhnlich sensitiver Mund lächelte kurz, flackernd, mit eingezogenen Lippen. Wie ein Lichtschein über eine Klinge läuft, so huschte das Lächeln über Bens Mund. Ben gab stets einen Puff, wenn er eigentlich streicheln wollte; er war sehr zärtlich und sehr stolz.
IX
Ja, und die Zeit, wenn Proserpina wiederkehrt, wenn der Zeres totes Herz aufs neue entbrennt, wenn aller Wald von zartem Dunste schwimmt und winzige Vögel durch ausgelaubtes Gezweig singender Bäume flitzen, wenn der schwammige Teer auf die Straßen gefahren wird und die Buben, die Taschen klümprig mit Kreiseln und achatnen Murmeln, kleine heiße Teerbälle auf der Zunge rollen … ja, dann grollt der berstende Donner nachts, dann fällt der millionenfüßige Regen; morgens sieht man, Wolkenfetzen am stürmischen Himmel … und wenn der Junge aus dem Gebirg, der Handlanger, seinen Leuten, die einen Zaun setzen, den Wasserkrug bringt, dann hört er den Wind durchs Gras schlängeln und drunten im Tal den langhinseufzenden Pfiff und das matte Geläut einer Schelle … die großen blauen Berge scheinen ihm näher, dichter, herangerückt, denn er hat ein wortloses Gelöbnis vernommen: der Frühling, ein scharfes Messer drang in sein Herz.
Und das Leben wirft den rostroten, verwitterten Schutzpelz ab, und die Erde sprießt auf mit zarter, unerschöpflicher Gewalt, und der Becher des Menschenherzens fließt über von sagenhaftem Erwarten, stummen Versprechungen, unerklärlicher Sehnsucht. Irgend etwas schnürt dem Menschen die Kehle, irgend etwas blendet ihm den Blick, und ein mutiger Hörnerklang tönt leise durchs Erdreich.
Die kleinen langzöpfigen Mädchen trotten pflichtschuldig den Schulweg – aber die jungen Götter säumen. Sie hören die Schalmei, die Flöte, das Getrampel der Bockshufe im moosigen Wald. Sie schwanken, sie lauschen, sie sind am gespanntesten, wenn sie müßig zu warten scheinen; schließlich gehen sie verwirrt weiter zu dem einzigen Heim, das sie kennen. Aber die Erde ist voll von uraltem Rumor, und sie können den Weg nicht finden. Alle Götter haben den Weg verloren, alle.
Was sie gegen die Barbaren hatten, hüteten sie. Eugen, Max und Harry regierten über die kleine Nachbarschaft. Sie führten Krieg gegen die Neger und die Juden, an denen sie ihren Spaß hatten, und gegen die verhaßte, verachtete Brut aus der Pigtail Alley.
Sie hockten in der Dämmerung auf der Mauer, bei der flackernden Gaslaterne an der Straßenecke, und spähten aus. Sie lagen in Gants Garten im dichten Gebüsch versteckt und lauerten auf verliebte Negerpärchen, die dort vorbeigingen. Sie hatten einen langen, ausgestopften Strumpf an einer Strippe; das Ding sah wie eine Schlange aus. Das Stammeln, Gurgeln, Quieken der Erschreckten, das Lachen der Buben gellte im Dunkel. Dem schwarzen Lieferjungen des Grünzeughändlers, der auf dem Fahrrad elegant im Freilauf den Berg hinuntersauste, schmissen sie Steine nach.
Nein, sie haßten sie nicht, die Neger. Clowns sind eben schwarz in den Südstaaten. Sie hatten gelernt, wie man mit diesem Volk umgehen muß. Puffe sie in Güte, verfluche sie freundlich, gib ihnen mächtig zu futtern. Menschen behandeln einen treuen, schwanzwedelnden Hund gut, aber muß dieser Hund gewohnheitsmäßig auf zwei Beinen herumlaufen? Sie wußten: von einem Nigger nimmt man nichts an. Man läßt sich nicht auf Argumente mit ihm ein. Die einzige Antwort auf die Einwände des Schwarzen ist ein Knüppel auf den Kopf und ein Schädelbruch. Bloß, daß es unmöglich ist, einen Niggerschädel zu brechen.
Die Juden spuckten sie lustig an. Ersäuf den Juden, verhau den Nigger.
Die Jungen paßten auf Juden, folgten ihnen bis ans Haus und schrien: »Gänseschmalz! Gänseschmalz!« Sie glaubten unbedingt, daß Semiten in der Hauptsache von Gänseschmalz leben. Oder sie riefen: »Wischamadei! Wischamadei!«, blind davon überzeugt, daß dieses entstellte, vielleicht falsch überlieferte, vielleicht freierfundne Schimpfwort die tiefste, unaussprechlichste Beschimpfung für jüdische Ohren sei.
Eugen war nicht für Pogrome; bei Max aber war es Leidenschaft. Ihre Nachstellung galt vor allem dem kleinen Isaak Lipinski. Sie überfielen ihn bei jeder Gelegenheit, jagten ihn über Straßen und Wege, über Zäune und durch Gärten, durch Scheuern und Ställe bis in sein Elternhaus. Der kleine Kerl mit dem pfiffigen Gesicht war flink und gewandt. Immer entkam er. Er grinste mit jiddischer Verachtung und Überlegenheit, deutete mit dem Daumen auf sie, forderte sie zwinkernd zur Wiederverfolgung heraus.
Manchmal in der Dämmerung schlichen sie vor ein jüdisches Haus. Sie kauerten unterm Fenster, eng aneinandergedrückt. und lauschten kichernd auf den hysterischen Zank, von dem beinah allabendlich die vier Wände der Hebräer bebten.
Johlend liefen sie einst hinter zwei streitenden Juden, einem Alten und seinem Schwiegersohn, her. Die beiden griffen ständig an und kniffen ständig aus, drangen abwechselnd aufeinander ein und wichen im letzten Augenblick voreinander zurück. Die Buben barsten fast vor Lachen.
Der blasse Louis Greenberg, kürzlich von der Universität heimgekehrt, trank Blausäure. Der Vater des Selbstmörders, ein orthodoxer Alter, wurde gerufen. Eugen, Max und Harry standen neugierig vor dem Klagehaus. Der Alte kam. Er trug einen schwarzgrünen speckigen Kaftan und einen verbeulten steifen Hut. Er gestikulierte wild und jammerte: »o yoi, o yoi, o yoi, o yoi … oyoiyoipoipoi …« und rannte ins Haus. Die Rangen lachten sich halbkrank über ihn.
Die flachshaarigen Kinder aus der Pigtail Alley aber haßten sie mit einem humorlosen, tödlichen Haß. Pigtail Alley war eine kotige Gasse am untern Ende der Woodson Street, am Rande eines veralgten Sumpfs. Dort hauste in elenden, weißgetünchten Holzhütten verkommenes Volk, arme Weiße. Knochige, schnupfnasige Weiber und wüste, dumpfe Männer, denen der Kautabakspeichel über die brutalen Kinnbacken lief, lungerten in der Sonne vor den stinkenden Hütten herum. Die Kinder waren fast alle weißblond. Abends roch es nach halbfaulem Fleisch, das in ranzigem Fett gebraten wird. Flackernde Ölfunzeln brannten in den trüben Hausungen. Man hörte das scharfe Gekeif der Weiber und das besoffne Gebrüll der Männer, Geschrei und Flüche, Flüche und Geschrei.
Einst zur Kirschenzeit hatte Lukas, der Hauptmann, seinen Trupp Zeitungsträger, Judenbuben und Christensöhne, zum Pflücken in Gants Garten gebracht. Die ganze Bande turnte im Geäst und brach die hellroten Herzkirschen in kleine Körbchen; ein Viertel des Gepflückten sollte den Arbeitenden gehören. Ein weißblonder Bub aus den Elendshäusern erschien mit unschlüssigem, traurigem Gesicht im Garten.
Lukas war fünfzehn. »Immer rauf auf den Baum, Söhnchen!« befahl er herzhaft. »Da! Nimm Dir ein Körbchen und los!«
Eugen wiegte sich begeistert und lebensfroh im höchsten Wipfel des Baums. Der Bub kam wie eine Katze den beharzten Stamm heraufgeklettert, schwang sich ins Geäst und pflückte mit unglaublicher Geschwindigkeit sein Körbchen voll. Er ließ sich gewandt auf den Boden herunter und leerte es in den großen Sammelkorb. Er war schon wieder halb den Stamm hinaufgeklettert, als seine Mutter, ein hageres, knochiges Weib, im Garten erschien.
»Haij, Reese«, schrillte sie. »Was suchstu'enda?« und hieb ihm mit einer Gerte über die braunen Waden. Der Junge heulte.
»Mach, daß 't hejmkummst«, befahl sie und schlug ihn wieder.
Keifend trieb sie ihn mit Rutenschlägen vor sich hin. Der Bub sprang hoch vor Schmerz und schrie auf. Wenn er stehen bleiben wollte, schlug sie noch härter zu.
Die Buben auf den Bäumen kicherten schadenfroh. Aber Eugen, der das verhärmte, verhärtete Gesicht der Frau, das zornige Mitleid in ihren grellen Augen gesehen hatte, spürte einen Stich im Herzen. Es war, als ob ein Geschwür in ihm risse.
»Der arme Kerl, er hat seine Kirschen hiergelassen«, sagte er zu Lukas.
Die Buben johlten hinter Loney Shytle her, die nach Lumpen stank, einen riesenhaften Federhut auf dem trüben Fransenhaar trug, faustgroße Löcher in den Fersen ihrer schmutzigen weißen Strümpfe hatte. Sie war der Grund blutschänderischer Eifersucht zwischen ihrem Vater und ihrem Bruder; am Hals hatte sie eine große Narbe von einer Wunde, die ihr ihre Mutter einst mit dem Rasiermesser beigebracht hatte; sie hatte den steifen, spreizbeinigen Hoppelgang der Geschlechtskranken.
Eines Tages hatten sie einen Buben aus der Alley umzingelt. Furchtsam zog sich der arme Kerl in eine stinkende Mauerecke zurück. Willie Isaacs, ein jüngerer Bruder von Max, verhöhnte ihn, hämisch lachend:
»Deine Mutter nimmt Wäsche ins Haus; sie wäscht für 'nen dreckigen ollen Nigger!«
Das Opfer des Hohns zuckte im Gesicht. Willie bog sich vor Lachen über den trefflichen Einfall. Harry Tarkinton brüllte vor Vergnügen. Eugen wandte sich unentschieden weg, renkte krampfhaft den Hals, hob den einen Fuß scharf vom Boden wie jemand, der sich vor Schmerz windet:
»Das ist gelogen!« schrie er seinen erstaunten Gefährten ins Gesicht. »Das ist gelogen!«
Harry Tarkintons Eltern waren aus England eingewandert. Er war drei oder vier Jahre älter als Eugen, ein untersetzter, täppischer Junge mit stumpfem Gesicht und einer von chronischem Katarrh verschwollnen Nase. Immer roch er nach den Farben und Ölen, mit denen sein Vater handelte. Er war der Zerstörer der Visionen, der Anstifter zur Anstößigkeit. Eines schönen Abends lagen sie und schwatzten im hohen kühlen Gras. Die Sonne ging unter. Da zertrümmerte Harry auf immer den holden Zauber, der Weihnachten heißt. Dafür bot er Eugen den Ölfarbengestank, die Abortluft, die stumpfe, schweißige, phantasielose Passion des Vulgären. Eugen konnte ihm nicht folgen; in diesen Regionen roch es ihm zu schlecht.
An einem öden Nachmittag stöberten die zwei im Dachstock des Gantschen Hauses. Sie fanden eine Flasche, halbvoll mit einem Haarwuchsmittel.
»Hast du schon Haar unten am Bauch?« forschte Harry.
Eugen war verlegen, machte Ausflüchte, gestand. Sie knöpften sich die Hosenlätze auf und schmierten sich mit öligen Händen die Bäuche ein. Tagelang warteten sie verzückt auf das Goldne Vlies.
»Haar da unten macht 'nen Mann aus Dir«, behauptete Harry.
In diesem Frühling ging Eugen oft in die Werkstatt seines Vaters am Stadtplatz. Alles dort gefiel ihm: Die helle Sonne auf dem Pflaster. Der Blick aufs Gebirg. Das wehende Gesprüh des Springbrunnens. Die redseligen Feuerwehrmänner. Die Kutscher und Fuhrleute, die sich träg vor Gants Backsteinschuppen herumtrieben, mit den Peitschen um die Wette knallten, miteinander häkelten. Jannadeau hinter den niegewaschnen Scheiben, der, die Uhrmacherlupe eingeklemmt, geschickt etwas im Räderwerk einer Uhr richtete. Der moosige, feuchte Geruch des ganzen Baus.
Im ersten Raum war Gants Lager: der Boden hatte sich vom Gewicht der Steine gesenkt. Da standen polierte Platten aus Georgia-Marmor, unbehaune Blöcke aus Vermont-Granit, bescheidne, mit einer Urne oder einem liegenden Lamm gezierte Grabmale, und – große, fliegenverdreckte verstaubte Engel aus Carrara in Italien, die Gant für schweres Geld erstanden hatte und nie verkaufte. Sie waren seine Freude, sein Stolz.
Durch eine Holzwand abgeteilt war ein anderer Raum, die Werkstatt mit dem Abort in der Ecke und dem Waschbecken. Der Steinstaub lag fingerdick auf den groben Holzböcken, den mit Meißeln, Bohrern, Hämmern vollbesteckten Werkzeugregalen, dem kleinen, zerbeulten gußeisernen Ofen. Sandsteinsockel standen herum. Brennholz und Kohle lagen in losen Haufen aufgeschüttet am Boden. Am Fenster stand ein Schleifstein mit einem Pedal; Eugen spielte stundenlang damit; das zunehmende Sausen des Rades begeisterte ihn.
Ein dritter, kleinerer Raum diente Gant als Büro. Staub von zwanzig Jahren, zusammengebündelte Stöße von schmutzigen Papieren auf dem altmodischen Schreibtisch; ein Ledersofa, ein zweiter Schreibtisch, auf dem geschichtet kleine rechteckige Täfelchen, die Stein- und Politurmuster, lagen. Durch die trüben Scheiben des niegeöffneten Fensters blickte man auf Will Pentlands Bürohaus und Holzlager hinaus und sah eine Ecke des Marktplatzes, der, nur durch einen kurzen Straßenblock abgeschnürt, auf dem Hang neben dem Stadtplatz lag.
Gewöhnlich fand Eugen seinen Vater im Gespräch mit Jannadeau in der Juwelierwerkstatt; Gant stützte sich schwer auf den zerbrechlichen Glastisch. Oder die beiden Männer unterhielten sich über den Zaun, der Jannadeaus Ecke von dem Grundstück ausgrenzte. Sie sprachen über Politik, Krieg, Tod und Hungersnot. Gant Schimpfte auf die Demokraten und schob ihnen die Schuld am schlechten Wetter und an den hohen Steuern in die Schuhe. Er pries Teddy Roosevelts sämtliche Aussprüche, Handlungen und Prinzipien. Der urteilsfähige, besonnene Schweizer entgegnete mit statistischen Einwänden. Sein einziges Nachschlagewerk war ein drei Jahre altes Exemplar von »The World Almanac«, vollständig abgegriffen und mit Fingerspuren beschmutzt. Er schlug nach und bemerkte etwa so: »Aha! Ganz wie ich mir dachte! Die Munizipalsteuer in Milwaukee während der demokratischen Verwaltung 1905 war 2,25 Dollar auf Hundert, also niedriger als sie seit Jahren war.« Er disputierte mit Eifer und bohrte dabei mit seinen stumpfen schwarzen Fingernägeln in der Nase. Sein breites gelbes Gesicht legte sich in fettige Falten, wenn er über Gants Unvernunft lachte.
Gant aber war nie abzubringen, nie zu überzeugen: »Ich prophezeie es, Jannadeau«, dröhnte er, »wenn die Demokraten bei der Wahl gewinnen, dann kommt es zu Bankkrächen, wir müssen Suppenküchen, für die Armen einrichten, und wir beide werden vor Hunger verreckt sein, ehe noch der nächste Winter herum ist.«
Dann wieder fand Eugen seinen Vater in der Werkstatt, über den Bock gebeugt, wie er mit dem gelenken Meißel und dem Holzhammer eine Inschrift in Stein schnitt. Gant trug nie Arbeitskleider, sondern behielt den wohlgebürsteten schwarzen Straßenanzug an. Er hatte den Rock abgelegt und einen langen, gestreiften Schurz vorgebunden. Wenn Eugen ihm bei der Arbeit zusah, spürte er immer, daß sein Vater kein gewöhnlicher Handwerker, sondern ein Meister sei, der für ein paar Minuten gerade letzte Hand an ein Kunstwerk legt.
Keiner tut es ihm gleich, dachte Eugen und stellte sich vor, wie seines Vaters Werk in überwucherten Friedhöfen ihn und die Zeiten überdauern würde. Er empfand Mitleid mit Krämern, Brauern, Kleidermachern, mit Farbenhändlern wie Harrys, Installateuren wie Max' Vater, deren Arbeit verwitterte, verrostete, verfiel, verdarb, verging. Er bedauerte alle Männer, die dahinscheiden, ohne ihre Namen in Felsen gesprengt, ihre Merkzeichen in Klippen gehauen zu haben. Er forschte im Geist nach einem Material, in dem ein Zeichen, ein Mal, ein Emblem unvergänglich, unvergeßlich, auf ewig unzerstörbar sei.
Dann wieder fand Eugen seinen Vater, wie er, die Hände auf dem Rücken, mit zornigen Schritten auf und ab ging und drohend vor sich hin murmelte. Eugen verhielt sich dann still und wartete. Nachdem der Alte achtzig- oder neunzigmal die Bahn zwischen den Steinklötzen gemessen hatte, stürmte er jählings zur Tür und ließ unter Wutgeheul eine Jeremiade auf die Fuhrleute los, die vor seiner Schwelle herumlungerten und ihn geärgert hatten.
»Ihr Niedrigsten unter den Niedrigen! Ihr Schlimmsten unter den Schlimmen! Lausige, verbummelte Taugenichtse Ihr!!! Ihr habt mir den Hunger ins Haus gebracht! Ihr habt mir das bißchen Kundschaft, das mich ins Brot gestellt härte, von der Türe verscheucht! Ich hasse Euch! Meilenweit stinkt Ihr mich an! Ihr verfluchtes, entartetes, hoffnungsloses Gezücht, Ihr würdet die Pfennige stehlen, mit denen man die Lider der Toten beschwert, auf daß ihre Augen nicht zum Himmel starren, so wie Ihr mich bestohlen habt, furchtbare, entsetzliche, blutdürstige Bankerte aus dem Gebirg, die Ihr seid!«
Er rannte brummend in die Werkstatt zurück, erschien aber einen Augenblick später wieder in der Tür mit gewaltsam beherrschtem Gesicht und verkündigte:
»Ich warne Euch ein für allemal: wenn ich Euch wieder hier auf der Schwelle meiner Werkstatt treffe, dann lasse ich Euch ins Gefängnis werfen!«
Die Kutscher und Fuhrleute, gutmütige Neger, machten Gesichter wie Hammel und gingen, mit ihren Peitschen spielend, zu ihren Wagen. »Der Alte ist aber heut aufgebracht, Gottogott. Was er nur hat?«
Keine Stunde verging, und sie saßen wieder wie Schmeißfliegen auf den Stufen vor Gants Tür. Gant kam heraus, um auszugehen. Sie grüßten ihn freundlich, denn sie mochten ihn gern.
»'n Tag, Mister Gant.«
»Guten Tag, Jungens«, sagte er herzhaft, als wäre nichts vorgefallen, und schritt eilig davon.
Wenn Eugen eintrat und Gant beschäftigt fand, grüßte der Alte nur kurz: »'Tag, Söhnchen!« und meißelte an der Inschrift weiter. Bald aber schliff er die Lettern mit Wasser und Bimsstein ab, zog den Schurz aus, legte den Rock an und sagte zu dem erwartungsvoll herumstehenden Jungen: »Komm mal mit, mich deucht, Du hast Durst!«
Sie gingen über den Stadtplatz in die kühle, tiefe Drogerie, standen vor der onyxglänzenden Sodafontäne unter den surrenden elektrischen Fächern und tranken eisgekühlte, kohlensaure Getränke … Limonaden, so kalt, daß Eugen Kopfweh davon bekam, oder schäumende Eiskremsoda, die ihm mehrmals mit scharfem köstlichem Kitzel in der Nase aufstieß.
Eugen verließ dann, um 25 Cent reicher, seinen Erzeuger und brachte den Rest des Nachmittags in der Bibliothek am Stadtplatz zu. Er las nun schnell und leicht. Mit wahrem Heißhunger fiel er über romantische Abenteuerbücher her. Zu Haus verschlang er ganze Stöße von Fünf-Cent-Romanen, die Lukas auf seinem Bücherschaff gesammelt hatte und nie las. Er war ganz verwoben in die wöchentlichen Abenteuer von »Jung-Wild-West«, phantasierte abends im Bett von tugendsam-heldenhaften Beziehungen mit der schönen Arietta, verfolgte Nick Carters Bahnen durch das Labyrinth weltstädtischer Verbrecherviertel, genoß den Triumphzug der Athleten Frank Merriwell und Fred Fearnot und schwelgte im Ruhm nichtendenwollender Siege der Freiheitskämpfer von 1779 über die britische Armee der verhaßten Rotfräcke.
In den ersten Jahren seiner Lesewut interessierte ihn vor allem materieller Erfolg. Aus der Liebesgeschichte machte er sich nicht viel. Die sündenreinen Frauengestalten der Knabenbücher, mit Sägmehl gefüllte Stoffpuppen, die tanzende Augen, langes Haar und tugendhafte Meinungen haben, genügten ihm vollständig. Sie waren der Lohn der Tapferkeit, der Preis, der im letzten Augenblick durch Degenstoß oder Schuß den Händen des Bösewichts entrissen und dann zusammen mit einem erklecklichen Einkommen genossen wird. Aus der Stadtbibliothek verschlang er Jugendschriften zu Dutzenden, »Mut und Glück«, »Schwimm oder geh unter«, »Schneid«, »Jakobs Mündel«, »Der Knabe aus dem Armenhaus«, und wie sie alle hießen. Er weidete sich in Gedanken an den schweren Summen, die den Helden dieser Werke stets zuteil werden, ein Motiv in der Knabenlektüre übrigens, das noch nicht genügend erkannt ist; – … Eine Eisenbahnschiene ist los, man signalisiert dem Zug, dem Lebensretter winkt reicher Lohn … Eine banknotengespickte Brieftasche wird gefunden und dem Eigentümer zugestellt … Der Wert wertlos geglaubter Aktien wird aufgedeckt … Ein reicher Gönner taucht zufällig auf und hilft dem armen Erfinder … – alle diese Arten zu Vermögen zu kommen, verhafteten sich in Eugen zu Wunschbildern.
Mit dergleichen Geldsachen befaßte er sich bis ins kleinste. Ungeheuer wichtig war es, den Wert jenes Besitztums zu wissen, das der schurkische Vormund an sich gebracht hatte! Eugen rechnete sich die Jahres-, Monats-, Tagesrente des Kapitals aus, stellte sich vor, was er sich dafür kaufen würde. In seinen eignen Ansprüchen war er keineswegs bescheiden. Unter einer Viertelmillion Dollar, dachte er, könne er kaum anständig auskommen. Das Einkommen von 100 000 Dollar, zu 6 Prozent verzinst, hielt er für kärglich. Wenn lumpige 20 000 Dollar als Lohn der Tugend erwähnt wurden, war er enttäuscht und erbittert.
Er gründete einen Lesezirkel mit zwei Schulkameraden, borgte und lieh Bücher von und an Max Isaacs und an den Metzgersohn »Nosey« Schmidt, der die ganze Abenteurerserie »The Rover Boys« besaß. Er plünderte Gants Büchergestell und las Übersetzungen der Ilias und der Odyssee zur gleichen Zeit und aus denselben Gründen wie »Diamond Dick«, »Buffalo Bill« und die langweilig-biedern Schinken von Alger. Dann, als mit den Jahren das Tasten nach erotischen Reizbildern deutlicher wurde, suchte er leidenschaftlich in romantischen Legenden nach jenen heißblütigen Frauen, deren Atem wie Honig ist, deren sanfter Aufblick wie Feuer ins Herz des Helden fährt.
Auf dieser Nachsuche fand er sich unentrinnbar verstrickt in das groteske Muster jener puritanischen Romanschreiberei, die die dionysische Glücksal den züchtigen Jüngern John Calvins zuerkennt, die gleichzeitig Wollust stöhnt und Gebete aufsagt, die brennende Altäre vor dem Pflaumenbaum errichtet, die die heidnische Hetäre mit der heilig-gemachten Hausfrau überbietet.
Aha! dachte er, da kann ich meine Torte aufessen und sie doch noch haben – aber eine Hochzeitstorte muß es sein. Ganz ergeben begehrte er, ein guter Christenmann zu werden; er würde die Akkolade seiner Liebe nur einer Jungfrau schenken; er würde unbedingt nur ein reines Weib ehelichen, dies würde ja der Lust keinen Abbruch tun – im Gegenteil! – er sah es ja aus den Büchern, daß die guten Christinnen körperlich bei weitem die anziehendsten Frauen sind.
Er hatte da unwissentlich eine Wahrheit herausgefunden, die den meisten Wollustsuchern erst sehr viel später nach mannigfacher Plagerei klar, wird: nämlich, daß die ganz streng konventionalisierten Lebensumstände dem Daseinsgenuß am günstigsten sind. Er bezeigte eine leidenschaftliche Anhänglichkeit für die Gesetze der Gemeinde; all die gefilterten Ablagerungen des sonntäglichen Kindergottesdienstes bei den Presbyterianern wirkten sich aus.
Er versetzte sich in tausend Romanfiguren; er lebte im Fleisch und Blut seiner Lieblingshelden und trug ihre Standarten aus der Welt der Bücher hinaus auf den grauen Plan des Alltags. So schaute er sich selbst als den streitbaren jungen Lizentiaten, der gegen die himmelschreienden Zustände in den Elendsvierteln Krieg führt, bei den begüterten Gemeindevorständen aber keinen Anklang findet, bis ihm in letzter Stunde die Tochter des Millionärs, dem die Mietskasernen gehören, zu Hilfe kommt, so daß er schließlich den Sieg für Gott, die Armen und für sich erringt.
… Sie standen schweigend im dunklen Schiff der St.-Thomas-Kirche. Oben auf der Empore glitten die zarten Finger des alten Michael leise über die Tastatur der Orgel. Die letzten Strahlen der sinkenden Sonne schienen durch die westlichen Fenster und fielen einen Augenblick wie ein goldner segnender Schein auf Mainwarings abgespanntes Gesicht.
»Ich gehe nun fort«, sagte er fest.
»Sie gehen fort?« flüsterte sie. »Wohin?«
Die Orgeltöne schwollen an.
»Dorthin«, er deutete kurz nach Westen, »als Missionar die Heiden bekehren.«
»Wirklich!« Ihre Stimme bebte. »Und Sie gehen allein?«
Er lächelte traurig. Die Sonne war untergegangen. Das Zwielicht in der Kirche verbarg ihr, daß seine Augen feucht geworden waren.
»Ja, allein«, sagte er. »Ist nicht ein Größerer vor neunzehnhundert. Jahren auch allein ausgegangen?«
»Allein, ach, allein!« seufzte sie.
»Aber ehe ich gehe«, sagte er nach einer Weile mit einer Stimme, deren innere Erregung er vergebens zu unterdrücken sich bemühte, »… da möchte ich Ihnen gestehen, Grace …« Er hielt inne und suchte die Herrschaft über seine Gefühle zu gewinnen.
»Ja … was?« hauchte sie.
»… daß ich Sie nie vergessen werde, solange ich lebe, nie.« Er wandte sich zum Weggehn.
»Nein, nein! Nicht allein!« Sie hielt ihn weinend zurück.
»Was soll das heißen?« fragte er heiser.
»O Du einfältiger Mann, Du geliebter, blinder, törichter Junge! Hast Du es denn nicht bemerkt? Die ganze Zeit über nicht bemerkt, von dem Tage an, als ich Dich in der Mietskaserne in der Murphy Street predigen hörte!?«
Er preßte sie in einer heftigen Umarmung an sich. Ihr schlanker Leib gab dem Druck seiner Arme nach, als er sich über sie beugte. Sie legte ihre vollen runden Arme um seine breiten Schultern, schmiegte sie um seinen Hals. Sie zog sein dunkles Haupt zu sich herab, während er sie mit hungrigen Küssen auf die geschlossenen Lider, auf den duftenden Nacken, auf den geöffneten Blumenkelch ihrer jungen frischen Lippen küßte.
»Nein«, flüsterte sie, »nicht allein, sondern auf ewig zusammen!«
»Auf ewig!« antwortete er feierlich, »so wahr mir Gott helfe.«
Die Orgeltöne schwollen zu einem Triumphgesang an und fluteten durch das geräumige Dunkel der Kirche. Und während der alte Michael sein ganzes Herz in die Musik legte, rollten ihm Tränen unaufhaltsam über die abgezehrten Wangen. Er lächelte glücklich unter diesen Tränen, als er mit seinen greisen Augen die uralte Sage von Jugend und Liebe wahrgeworden sah, und murmelte:
»Ich bin die Auferstehung und das Leben, das Alpha und das Omega, ein Ende und ein Beginn …«
Eugen wandte das Gesicht ins Licht, das durch die Fenster des Lesesaals fiel. Seine Augen waren feucht; er blinzelte heftig, schluckte schwer, schneuzte sich scharf die Nase. Ach ja! Ach ja!
… Die Wilden merkten, daß sie nun nichts mehr zu fürchten hatten. Rasend vor Wut über die erlittnen Verluste bereiteten sie den Angriff vor. Taomi, ihr Häuptling, in gräßlicher Kriegsbemalung, führte einen wilden Tanz auf. Dann kommandierte er mit schriller Stimme den Stamm zum Sturm auf die Klippe.
Glendenning stieß eine leise Verwünschung aus, als er zum letztenmal die leeren Patronengürtel untersuchte. Dann lud er die letzten zwei Schuß in seinen Colt.
»Die sind wohl für uns?« fragte sie ruhig.
Er nickte.
»Das Ende also?« flüsterte sie leis, aber ohne eine Spur von Angst.
Er nickte abermals und sah sie fest an.
»Ja, jetzt heißt's sterben, Veronika«, sagte er, »und so kann ich es nun sagen.«
»Ja, Bruce«, antwortete sie sanft.
Er war beglückt, denn dies war das erstemal, daß sie ihn beim Vornamen nannte.
»Ich liebe Dich, Veronika«, sagte er, »ich habe Dich von dem Augenblick an geliebt, als ich Dich fast leblos am Strande fand, in all den Nächten geliebt, die ich draußen vor dem Zelt lag, in dem Du ruhig atmend schliefst, und am meisten lieb ich Dich jetzt, in dieser Stunde des Todes, wo ich von der Pflicht, über meine Liebe zu schweigen, entbunden bin.«
»Liebster, ach Liebster! Warum hast Du geschwiegen?« flüsterte sie mit tränenüberströmtem Gesicht. »Ich habe Dich auf den ersten Blick geliebt.«
Sie neigte sich zu ihm mit halbgeöffnetem, bebendem Mund, ihr Atem ging in kurzen Stößen, und während seine nackten Arme sie fest umfaßten, trafen sich ihre Lippen in einem langen Augenblick der Seligkeit, in einer jähen Ekstase, in der all die eingesperrte Sehnsucht ihres ganzen Lebens Erlösung und Erfüllung fand.
Ein lauter Knall aus einiger Entfernung erschütterte die Luft. Glendenning sah schnell auf und rieb sich erstaunt die Augen. Drunten in den kleinen Hafen der Insel war ein Kanonenboot eingefahren. Da lag es mit der gepanzerten Breitseite, gerade fuhren eine Flamme und Rauch aus einer Geschützmündung heraus. Eine 15-cm-Granate schlug dreißig Meter vor den Wilden ein.
Mit gellendem Geschrei, gemischt von Angst und unterdrückter Furcht, wichen die Angreifer zurück und flohen zu ihren Kanoes am Strand. Ein Boot, mit lustigen blauen Jungen bemannt, wurde vom Schiff herabgelassen und ruderte auf die Küste zu.
»Gerettet! Wir sind gerettet!« rief Glendenning. Er sprang auf und signalisierte dem Boot. Plötzlich hielt er inne.
»O verdammt, verdammt noch mal«, murmelte er bitter.
»Was ist denn, Bruce?« fragte sie.
»Ein Kriegsschiff ist gerade in den Hafen eingefahren. Wir sind gerettet, Miss Mullins, gerettet!« Und er lachte bitter.
»Aber Bruce, Liebster; was ist denn mit Dir? Freust Du Dich nicht? Warum benimmst Du Dich so seltsam? Nun können wir doch unser ganzes Leben zusammen haben!«
»Zusammen?« sagte er mit hartem Lachen. »Ach nein, Miss Mullins. Ich kenne meinen Stand. Glauben Sie etwa, daß der große Multimillionär John T. Mullins seine Tochter dem Vagabunden Bruce Glendenning zur Frau gibt? Nicht im Leben! So was kommt nicht vor! Es ist nun alles aus zwischen uns. Es heißt Lebwohl sagen.« Er verzog die Miene. »Ich hoffe, bald von Ihrer Heirat mit einem Herzog oder Lord zu hören. Also, leben Sie wohl, Miss Mullins. Viel Glück! Wir müssen nun jedes seiner eignen Wege wieder gehen.« Er wandte sich weg.
»Du närrischer Junge! Du lieber, böser, törichter Kerl!« Sie fiel ihm um den Hals, schmiegte sich zärtlich an ihn und redete sanft auf ihn ein. »Hast Du denn tatsächlich geglaubt, ich ließe Dich je wieder von mir gehn?«
»Veronika!« keuchte er. »Meinst Du das wirklich?«
Sie wollte ihm in die Augen sehen, konnte aber nicht, denn sie war über und über errötet. Er riß sie verzückt an sich, und zum zweitenmal, diesmal aber mit der Aussicht auf ein langes und glückliches Leben, fanden sich ihre Lippen in süßem Vergessen …
O mir! O mir! Eugens Herz war voll Freude, und schwer vom Kummer war es, daß die schöne Geschichte schon aus war. Er zog seine verklumpte Rotzfahne aus der Tasche und blies den Inhalt seines glorreich-sentimentalen Gemüts mit einem sieghaften Trompetenstoß hinein. O mir! O mir! Guter alter Bruce-Eugen!
In der hehren Innenwelt, in die ihn seine Phantasie hob, war aller Makel des Lebens getilgt. Er lebte edel und heldenhaft unter liebenden, tugendsamen Geschöpfen. Er sah sich selber in erhabnen Begegnungen mit seiner Schulkameradin Bessie Barnes, ihre reinen Augen waren von Tränen trüb, ihr süßer Mund bebte vor Verlangen. Er spürte den starken Händedruck ihres Bruders Honest Jack, dessen treuherzige Aufrichtigkeit, die tiefe, ewige Verbundenheit ihrer wackren Männerherzen, wenn sie einander stumm anblickten und jener schweigsam bestandnen Gefahren gedachten, die Freunde aus ihnen gemacht hatten.
Eugen begehrte die beiden Dinge, die alle Männer begehren. Er wollte geliebt werden und wollte berühmt sein. Der Ruhm war chamäleonhaft, aber der Triumph lag immer daheim bei den Leuten von Altamont. Das Bergstädtchen hatte eine ungeheure Autorität für ihn. Mit dem Egoismus des Kindes hielt er seine Vaterstadt für den dynamischen Mittelpunkt der Erde und des Lebens. Er sah sich als Napoleon Schlachten gewinnen, als Industriekapitän ganze Wirtschaftszweige beherrschen, als Rechtsanwalt Gerichtshöfe mit dem Zauber seiner Beredsamkeit bannen … aber stets sah er sich von seinen Triumphen nach Altamont heimkehren, den Lorbeer der Welt auf der bescheidnen Braue.
Die Welt jenseits der dunstumwobenen Bergketten war ein phantastisches Feenland aus Hall und Strahlung, mit Fruchtgärten von Genien bewacht, weindunklen Meeren, schläfrigen Traumstädten … ein Land, aus dem er kühn mit goldnem Raub ins wahre Herz des Lebens, nach Altamont, zurückkehrte.
Er spürte den köstlichen Kitzel der Verführung und hielt dennoch unter den lockendsten Versuchungen treu an seiner Ehre fest. Da war die schöne, gepflegte Gattin des reichen Mannes, die der brutale Gatte vor aller Öffentlichkeit beleidigt, die der brave Bruce-Eugen ritterlich verteidigt hatte. Nun schmolz sie vor ihm hin mit der reinen Glut ihres einsamen Frauenherzens, erzählte ihm ihr trauervolles Leben. Sie saßen an der reichgedeckten, weinbesetzten, kerzenerleuchteten intimen Tafel des Hauses. Nun streckte sie sehnsüchtig die Arme nach ihm aus und wollte ihm um den Hals fallen … er aber löste sich keusch aus der Umarmung. Da war die blonde Prinzessin aus dem fabelhaften Balkan, die Kaiserin der Spielzeugdörfer und der Puppenhusaren. In einer großen Szene an der Landesgrenze lehnte er edelmütig ihren opferwilligen Thronverzicht zu seinen Gunsten ab und trank ein ewiges Lebewohl von ihren Lippen. Aber er heiratete sie dann doch und machte sie zur Bürgerin seines freien Vaterlandes, später nämlich, als eine Revolution in ihrer Heimat ihren Stand dem seinen gleichgemacht hatte.
Aber wenn er sich in alte Mythen vertiefte, in die Welt, wo kein Makel die Willkür und freie Taten trifft, dann gab er sich auf goldnen Wiesen und in grünleuchtenden Hainen ganz in heidnischer Liebe hin. Oh! und König sein und eine breithüftige Jüdin auf dem Dach ihres Hauses baden sehn und sie besitzen! Oh! feudaler Baron sein, auf einer Burg mit Zinnen und Zinken, und das alte Herrenrecht mit den schönsten der untertänigen Weiber und Buhldirnen ausüben, beim flackernden Lichtschein große Scheite im Kamin, während der Sturm wild um die Mauern braust!
Öfter auch, wenn die Gewalt seiner Wünsche den Moralpanzer zersprengte, erging er sich in kupplerischen Schulbubenvorstellungen und träumte sich in eine Romanze mit einer hübschen Lehrerin. Seine Klassenlehrerin im vierten Schuljahr war eine junge, unerfahrene, aber wohlgebaute Person mit karottenfarbnem Haar und einem vollen, sorglosen Lachen.
Eugen träumte, er sei bereits zum Alter der Reife erwachsen. Ein starker, heldenhaft glänzender Bursch war aus ihm geworden, wahrhaftig, der einzig saubere Bursch unter den krummzähnigen, wuschelhaarigen, verlausten Schülern einer hinterwäldlerischen Dorfschulklasse. Und als der mürbe Herbst kam, nahm ihr Interesse an ihm zu. Sie ließ ihn wegen völlig imaginärer Vergehen nachsitzen, hieß ihn verwirrt irgendeine Strafaufgabe machen. Ihre Augen ruhten mit stetem Sehnsuchtsblick auf ihm, wenn sie dachte er merke es nicht.
Er stellte sich so, als käme er mit der Aufgabe nicht zurecht. Hilfsbereit kam sie und saß neben ihm auf der Bank. Er spürte den Duft und die Wärme ihres üppigen weißen Arms, den süßen leisen Druck ihrer Schenkel; eine Strähne ihres karottenfarbnen Haars streifte sein Gesicht. Sie erklärte ihm umschweifig die Schwierigkeit der Aufgabe, führte ihm die Finger mit ihrer warmen, ein ganz klein wenig feuchten Hand, wenn er tat, als könnte er etwas – einen Ort auf der Karte etwa – nicht finden. Sie tadelte ihn mit lieber leiser Stimme:
»Warum bist Du nur so ein böser Junge?« … oder zärtlicher noch: »Willst Du Dich denn in Zukunft nicht bessern?«
Hierauf würde er mit simulierter jungenhaft-unartikulierter Blödigkeit versichern: »Wirklich, Miss Edith; ich habe es gewiß nicht bös gemeint.«
Später, wenn die Sonne am Untergehen war, würden sie dann zusammen aus dem Klassenzimmer weggehn. Er schlüpfte achtlos in seinen Mantel, sie schalt ihn und rief ihn zu sich, glättete ihm den Kragen, zupfte ihm die Krawatte zurecht, ordnete sein wirres Haar, sagte:
»Du bist ein schöner Bursch, Eugen. Ich wette, die Mädchen sind sehr hinter Dir her.«
Er würde jüngferlich erröten, und sie würde, neugierig gemacht, in ihn eindringen:
»Na, sag es mir schon, wer Dein Schatz ist!«
»Aber ich hab ja keinen, wirklich nicht, Miss Edith.«
»Aha! Ich verstehe. Du machst Dir eben nichts aus diesen albernen Dingern«, würde sie ihm nun zureden. »Du bist zu stolz für solche Tändeleien. Du bist älter als Deine Jahre und brauchst das Verständnis, das nur eine reife Frau geben kann.«
Und dann würden sie im goldnen Abendlicht am Saum der Föhrenwälder entlanggehn, den schmalen Pfad, der von herbstbraunem Ahornlaub verweht wäre, über die Felder, an den Beeten mit den reifen runden Kürbissen vorbei.
Sie würde allein mit ihrer tauben, hochbetagten Mutter wohnen, allein in einem kleinen, gartenumzognen Häuschen, ein wenig abseits der Straße.
Sie würden querfeld aufs Haus zukommen. So würde es notwendig sein, über einen jener niedren Steinzäune, die als Flurgrenze dienen, zu steigen. Er wurde zuerst überklettern und ihr dann behilflich sein, und dabei eifrig die graziös geschwungne Wade ihres absichtlich zur Schau gestellten, seidenbestrumpften Frauenbeins besehen.
Da die Tage nun kürzer würden, würden sie von der Dunkelheit überrascht werden. Sie würde so tun, als fürchte sie sich, wenn sie den Wald entlang gingen, ihn geängstigt an sich pressen, von merkwürdigen, eingebildeten Geräuschen erschreckt sich an ihn klammern. Schließlich eines Abends würde es beim Zaunübertritt zur Entscheidung, kommen. Sie würde sagen, sie könne in der Dunkelheit nicht allein herunterspringen, und er würde sie in seinen Armen um die Knie packen und sie herunterheben. Da würde sie flüstern:
»Wie stark Du bist, Eugen!«
Dann würde er sie nicht loslassen. Seine Hände würden von ihren Kniekehlen an aufwärtsrutschen, während er sie niedersetzte, Sie würde ihn leidenschaftlich küssen, ihn an sich pressen, ihn streicheln Und schließlich unter dem rauhreifbedeckten Persimonenbaum sich ganz seinen unbezähmbaren Knabenwünschen hingeben.
»Der Junge liest Bücher hundertweis!« prahlte Gant, im ganzen Städtchen. »Die Bibliothek hat er schon ausgelesen.«
»Bei Gott, Sie müssen einen Advokaten aus ihm machen, er hat wahrhaftig das Zeug dazu.« Major Lidell hatte eine hohe Stimme. Er spuckte akkurat in den Rinnstein, strich sich seinen tabakfleckigen weißen Spitzbart. Er war ein Veteran aus dem Bürgerkrieg.
X
Aber diese Freizügigkeit, dieses Einsamsein mit Büchern, dieses Träumen, diese uneingeschränkte Zeit für Phantasien sollte nicht dauern. Gant und Eliza waren beide beredte Fürsprecher der wirtschaftlichen Unabhängigkeit. Die Söhne waren bereits sehr früh zum Geldverdienen angehalten worden.
»Da lernt ein Junge Selbständigkeit«, sprach Gant und hatte das Gefühl, als hätte er dies irgendwo schon einmal gehört.
»Es schadet ihnen gewiß nichts«, meinte Eliza. »Wenn sie, jetzt nicht arbeiten lernen, dann werden sie später im Leben nie etwas leisten. Außerdem verdienen sie so ihr Taschengeld.« Dies letztere war zweifellos ein Grund von allerhöchster Wichtigkeit.
Also hatten die Söhne des Hauses von Kind auf nach den Schulstunden und in den Ferien gearbeitet. Unglückseligerweise unterzogen sich weder Gant noch Eliza der Mühe nachzuforschen, was für Arbeit ihre Söhne taten. Sie waren der zufriedenstellenden, behagenerzeugenden Meinung, daß jegliche Arbeit, die Geld einbringt, ehrlich, ratsam und charakterbildend sei.
Zu dieser Zeit hatte sich der störrische, wortkarge, einsame Ben bereits mehr und mehr in sich selber zurückgezogen. Er kam und ging wie ein Phantom; wie eines Phantoms wurde seiner in dem radauerfüllten Haus gedacht. Allmorgendlich um drei Uhr, wenn sein spröder, unterernährter Körper der Segnung tiefsten Schlafes bedurft hätte, stand er auf, stahl sich beim schwindenden Sternenlicht aus dem Haus und ging zu der surrenden Presse und dem geliebten Geruch der Druckerschwärze, um seine Route als Zeitungsträger anzutreten. Ohne daß es Gant und Eliza recht bemerkt hatten, war er nach dem achten Lehrjahr stillschweigend von der Schule weggeblieben und hatte weitere Verpflichtungen bei dem Zeitungsverlag übernommen. Er lebte selbstgenügsam in bitterm Stolz von seinem Verdienst. Er schlief zu Hause, aß auch öfters eine Mahlzeit dort. Spät am Abend kam er heim. Er hatte den hagern, vornübergebeugten, hastig-hektischen Gang, die pathetisch-lebenshungrige Art seines Vaters. Seine schmalen langen Schultern waren früh vom Gewicht der schweren Zeitungstasche abfallend geworden.
In sich verriegelt trug er die Fehler und Tragik aller Gants. Er ging allein in der Dunkelheit, und der Tod und die dunklen Engel schwebten über ihm, und niemand wurde je seiner richtig gewahr. Um drei Uhr dreißig morgens, die vollgestopfte Zeitungstasche neben sich, saß er mit anderen Zeitungsbuben in einer Frühstücksbar, eine Tasse Kaffee in der einen, die Zigarette in der andern Hand. Und lachte leise, fast lautlos mit seinem beweglichen, ungemein sensitiven Mund und den von heruntergezognen Brauen beschirmten grauen Augen.
Zu Flause verbrachte er ruhig versponnene Stunden mit Eugen. Er spielte mit ihm, puffte ihn auch von Zeit zu Zeit mit seiner harten weißen Hand. Zwischen ihnen bestand eine geheime Gemeinsamkeit, in die niemand in der Familie Zutritt und Einsicht hatte. Von seinem bescheidnen Lohn kaufte er dem Kleinen teure Geschenke zu den Festen und bei besondern Gelegenheiten. Es rührte ihn, daß er dem Brüderchen wie ein Mäzen, wie ein Nabob erschien. Über das, was er verdiente, überhaupt über sein ganzes Leben außer dem Hause bewahrte er ein eifersüchtiges Stillschweigen, als wäre es ein Geheimnis.
Er wurde gereizt und störrisch, wenn Eliza danach forschte. »Das sind meine eignen Angelegenheiten! Bei Gott, verlange ich etwa etwas von Euch?«
Eine tiefsitzende Zuneigung für alle brütete in ihm. Nie vergaß er einen Geburtstag, stets legte er ein kleines, nicht allzu teures, mit erlesenem Geschmack ausgesuchtes Geschenk unauffällig bereit, Wenn sie – wie es ihre Art war – es übertrieben lobten und in redselige Dankesergüsse ausbrachen, schnickte er den Kopf zur Seite, lachte leise und gereizt und sagte – so als spräche er zu einem unsichtbaren Lauscher –:
»Um Gottes willen, nun hör Dir das an, bitte!«
Mag sein, daß der dunkle Engel weinte, wenn Ben, wohlgebügelt und gebürstet, mit sauberem Kragen, die Füße leicht einwärts setzend, unter den Morgensternen durch die Straßen hastete oder mit gerunzelter Stirn, im Haus herumstöberte. Das ist wohl möglich, denn Ben war ein Fremdling. Wenn er im Hanse umherging, fand er immer einen Zugang zum Leben, eine geheime, unentdeckte Tür, einen Stein, ein Blatt, – irgend etwas, das ihn ins Licht und die Kameradschaft der Menschen einließ. Sein Heimsinn war angeborne Leidenschaft. In dem Betrieb und Durcheinander des Haushalts. wirkte seine störrische, selbstbehaltne Stille wohltätig auf die Nerven wie ein Opiat. Mit stillschweigender Autorität und äußerst geschickten Händen machte er allerlei Ausbesserungsarbeiten, leimte an schadhaften Möbeln, flickte durchgebrannten Leitungsdraht, brachte versagende Kontakte in Schuß.
»Der Junge ist ein geborener Elektrotechniker«, sagte Gant. »Ich habe gute Lust, ihn auf eine Schule zu schicken.« Er malte ein romantisches Bild vom Wohlleben des Mister Charles Lidell, des tüchtigen Sohns des Majors, der mit seinen elektrischen Künsten Tausende verdiene und seinen alten Vater erhielt. Er wurde bitter und vorwurfsvoll und ließ sich über sein eignes Verdienst und die Nichtsnutzigkeit seiner Söhne ausführlich vernehmen.
»Andre Söhne sorgen für ihre alten Väter, aber meine? Meine nicht! O Gott, das wird ein harter Tag werden, wenn ich mich einmal nicht mehr selber ernähren kann. Tarkinton hat mir neulich erzählt, daß ihm Rafe, seit er sechzehn ist, fünf Dollar die Woche für das Essen bezahlt. Wäre es möglich, daß einer meiner Söhne so etwas täte? Nein! Ausgeschlossen! Da müßte erst die ganze heiße Hölle einfrieren, und selbst dann täten sie es nicht.«
Daraufhin schilderte er die Härte seiner eignen Jugend, hinausgestoßen – so sagte er – um sein Brot zu verdienen in einem Alter, das je nach seinem Grimm zwischen sechs und elf Jahren schwankte, und verglich sein damaliges Leben mit dem Luxus, in dem seine Söhne schwelgten.
»Keiner von Euch hat je etwas für mich getan!« heulte er. »Aber Alles und Jedes ist für Euch getan worden. Und was für Dank krieg ich von Euch? Habt Ihr überhaupt je daran gedacht, daß der Alte in seinem kalten Laden da oben am Stadtplatz schuftet und schwitzt, damit Ihr Obdach und zu essen habt? Nein! Undankbarer seid Ihr als die wilden Tiere des Walds!« – Ein reumütiger Bissen blieb in Eugens Kehle stecken.
Eugen wurde in die Ethik des Erfolgs eingeweiht. Nicht genug, daß ein Mensch arbeitet – obschon man grundsätzlich arbeiten soll –, viel wichtiger ist, daß man Geld macht, und zwar viel Geld, wenn man »ein großer Erfolg sein« will; aber immerhin mindestens so viel, um sich selbst durchzubringen. Dies war für Gant und Eliza die Grundlage aller Bewertung. Vom Soundso zum Beispiel hätten sie sagen können: »Er ist den Schuß Pulver nicht wert« …, und zu dieser Schätzung hätte dann Eliza, nicht aber Gant, bestimmt hinzugesetzt: »Er hat nicht einen Stutzen Vermögen auf seinem Namen stehn« … und das war gewiß der Gipfel der Infamie.
Eugen wurde nun früh um sechs Uhr dreißig von seinem Vater aus den Federn gejagt. Er ging in den Garten, in den frischen süßen Frühlingsmorgen hinunter, wo er, von Gant unterstützt, zarten Salat, Radieschen, Erdbeeren, Pflaumen, Kirschen, Frühäpfel in kleine Körbchen erntete. Die Körbchen wurden in eine Kiepe verstaut, und Eugen ging in die Nachbarschaft hausieren. Er wurde seine Ware, zu 5 und 10 Cent das Körbchen, leicht vergnüglich los an den Türen von Häusern, in denen es köstlich nach Morgengerichten duftete. Munter kam er mit der leeren Kiepe zum Frühstück heim. Er mochte die Arbeit. Er liebte die taubehauchte Morgenerde, die so gute Dinge hervorbrachte, um seine Taschen romantischerweise mit klingender Münze zu füllen.
Das Geld, das er einnahm, durfte er behalten, Eliza bestand leider darauf, daß er es nicht verplempern, sondern sich ein Bankkonto anlegen solle …, so daß er später damit ein Geschäft anfangen oder ein Los Land dafür kaufen könne. Sie gab ihm eine Sparbüchse, in die er mit unwillfährigen Fingern den größten Teil seiner Einnahmen plumpsen ließ. Es gab ihm eine trübselige Befriedigung, wenn er das Ding von Zeit zu Zeit schüttelte und dabei hungrig an die Köstlichkeiten dachte, die er sich für den klinkernden Schatz im Bauchgewölbe leisten könne. Natürlich gab es ein Schlüsselchen zu der Sparbüchse, aber das behielt Eliza in Verwahrung.
Monate vergingen. Eugens rundlich-stämmiger Kinderkörper reckte und streckte sich gemäß der geheimen Chemie der Wachstumsvorgänge. Er wurde zerbrechlich, dünn, bleich. Er war für sein Alter ungewöhnlich aufgeschossen. Eliza fing an zu meinen, er sei jetzt groß genug, »um ein wenig was zu schaffen«.
Von Donnerstag bis Samstag wurde er nun auf die Straße geschickt, um die Saturday Evening Post zu verkaufen. Lukas hatte die Agentur am Ort. Eugen haßte diese Arbeit mit einem bösen, schwärenden Haß. Krank vor Entsetzen sah er allwöchentlich den Donnerstag nahen.
Lukas war seit seinem zwölften Jahr Inhaber der Agentur. Er genoß im Städtchen den Ruf eines glänzenden Verkäufers. Er setzte seine ganze berstende Energie für diese wahnwitzige, extrovertierte Sache ein; trat mit breitem Grinsen, patziger Betulichkeit, zappeligwitziger Zunge auf. Er lebte vollkommen im Augenblick, hielt nichts in sich geheim, hütete nichts. Er hatte ein instinktives Grauen vor der Einsamkeit.
Er begehrte vor allem die Hochachtung und das Wohlwollen der Leute. Daß ihn die Familie lieben und schätzen solle, war ihm verzweifelt wichtig. Lautes Lob, Herz auf der Hand und auf der Zunge, freizügige Schaustellung von Gefühl … das war wie Luft, Speise und Trank für ihn. Er war es, der unbedingt an der Sodafontäne freihalten mußte, der Eliza verpackte Eiskrem, Gant Zigarren mitbrachte. Und da Gant die Großmut des Sohns vor aller Welt rühmte, nahm das Bedürfnis darnach in Lukas ständig zu. Er richtete ein Standbild von sich selber auf; es hieß: Der Gute Kerl; der Witzige, Unselbstische, von Allen Verlachte, von Allen Geliebte Bursche; der Großherzige Selbstlose LUKAS. Und das war auch ganz die Meinung, die die Leute von ihm hatten.
In den folgenden Jahren geschah es öfter, daß Lukas eine Münze in Eugens leere Tasche warf. Aber, so groß auch Eugens Geldverlegenheit sein mochte, es kam immer zu einer peinlichen, verlegenen Protestszene. Eugen spürte genau den Hunger nach Erkenntlichkeit, der Lukas antrieb. Er hatte das Gefühl, als verschachere er seine freie Meinung an eine krankhafte Geltungsgier.
Bens Großzügigkeit dagegen beschämte ihn nie. Die einfachste Intuition hatte ihm längst gesagt, daß dieser Bruder ihn vielleicht aus Ärger puffen oder wegen der Belästigung verwünschen würde, aber daß er sich eher vor Scham verkriechen würde, als vor sich selber mit seiner Offenhändigkeit dickzutun. Nachträgliche Erwähnung einer verschenkten Sache, einer geleisteten Hilfe war unvereinbar mit seiner Fühlweise. Hierin war Eugen ganz wie Ben; der bloße Gedanke an ein gemachtes Geschenk, samt den selbstgefälligen Rückschlüssen des Gebers, war ihm ekelhaft.
So kam es, daß der brütende Geist des noch nicht Zehnjährigen sich in das verwickelte Problem von Augenschein und Wahrheit verstrickte. Eugen fand weder Wort noch Antwort vor dem Rätsel, das ihn verdutzt und wütend machte. Er sah, daß das, was den Stempel der Tugend trug, ihm Abscheu erweckte, daß das, was für edel galt, ihm niedrig und widerlich vorkam. Mit acht Jahren schon biß sich sein Verstand mit dem quälenden Paradox des Ichsüchtig-Selbstlosen herum, jener Niedrigkeit, die als Vornehmheit auftritt, jener Schäbigkeit, die großmütig tut. Er war außerstande, die tiefen Quellen des menschlichen Wunschwollens, das durch tugendhaftes Gehaben auf die öffentliche Anerkennung abzielt, aufzudecken. Und so machte ihn die Überzeugung der eignen Mangelhaftigkeit elend.
Rücksichtslose Ehrlichkeit beherrschte ihn ganz, wo immer sein Herz und sein Haupt wirklich beteiligt waren. So kam es, daß er einmal anläßlich der Beerdigung eines entfernten Verwandten oder Familienfreundes, den er nie besonders gern gemocht hatte, sich bitter schämte, weil seine Miene während der Grabrede des Geistlichen nichtempfundnen Kummer geheuchelt hatte. Folglich gebärdete er sich unfeierlich, schlug die Beine übereinander, sah gelangweilt zur Decke, lächelte zum Fenster hinaus, bis er es erreicht hatte, daß die Leute ihn mißbilligend ansahen. Dies gab ihm eine tiefe Befriedigung; er hatte an Achtung verloren, wußte aber, daß er sein wahres Ich zum Ausdruck gebracht hatte.
Lukas jedoch gedieh prächtig bei diesem albernen Mummenschanz. Jedem So-Tun von Zuneigung, Kummer, Mitleid, Wohlwollen, Bescheidenheit verlieh er gewichtigen Nachdruck. Er unterstrich dick, trug schwer auf, und das blöde Auge der Welt hielt die Schaustellung für echt. In ihm war nichts, das ihn zügelte, er lebte restlos nach außen. Er hatte den Heißhunger des Herdentriebs, die gierige Leidenschaft, sich einzusetzen.
In der Familie genügte ein grobes Anhängeschild zur Bezeichnung der Unterschiede. Ben hieß einfach »der Stille«, Lukas ging und stand als der »Selbstlose oder Großherzige«, Eugen wurde »der Gelehrte« getauft. Das diente. Lukas der Großherzige hatte in seinem Leben nie die Sammlung aufgebracht, eine Stunde zu lesen oder nachzudenken. Lukas der Selbstlose hatte jene Gebärde der Zappeligen an sich, als wolle er sich ein Bein mit dem andern durchsägen. Lukas der Großherzige war ein Stammler und Stotterer. Lukas der Selbstlose hatte die Gewohnheit, nach dem Wort, das ihm auf der Zunge lag und nicht herauskommen wollte, zu pfeifen. Großherzig und selbstlos, wie dieser Lukas war, war er über die an Abstraktionen verlorne Brüterei Eugens aufgebracht.
»Vorwärts, Du Tagträumer!« stotterte er ironisch. »Wir m-m-müssen auf die Straße. Wer zuerst kommt, m-m-mahlt zuerst! W-w-w-wer am frühesten aufsteht, der schöpft den R-r-rahm ab! Der Vo-vo-vogel, der da-da-da ist, der erwischt den Wurm!«
Obschon »Tagträumer« ein völlig meinungsloses Steinchen aus dem Mosaik der großherzigen Redeweise war, erschrak Eugen; er hatte Angst, seine sorgsam gehütete Geheimwelt sei entdeckt, der Lächerlichkeit preisgegeben. Der ältere Bruder verwand es nie, daß seine Leistungen in der Schule höchst erbärmlich gewesen waren. So hatte er sich leicht davon überzeugt, daß jener Hang zum Denken und Brüten, den er in der geheimnisvollen Macht der Sprache über Eugen erspürte, nur eine besondere Form von Faulheit sei. Die einzigen Formen der Arbeit, die er anerkannte, waren anstrengende Betulichkeit und schweißtreibendes Zungengeklapper. Außerdem hielt er Eugens Neigung zur Innerlichkeit für Nachgiebigkeit, Selbstsucht, Pflichtversäumnis gegen den Geist der Familie. Er war fest entschlossen, den Thron der Tüchtigkeit mit niemand zu teilen.
Stumpfsinnig, aber eindeutig wurde zu Eugens Kenntnis gebracht, daß so mancher andre Junge in seinem Alter nicht nur sich selber versorge, sondern auch noch seine gebrechlichen Eltern in Luxus erhielte, nämlich dank seiner Einkünfte als Bankpräsident, Kongreßmitglied oder Oberingenieur. Tatsächlich, es gab keine Anspielung, keine Übertreibung, mit der Gant ihn verschont hätte. Er hatte längst herausgefunden, daß in seinem Jüngsten ein Instrument mit Millionen Noten bebte, zitterte und schwang. Es tat ihm wohl, das Kind zu quälen. So sagte er, etwa bei Tisch, während er Eugen eine mächtige Portion vorlegte:
»Ich will Dir was sagen, es gibt wenige Jungen, die haben, was Du hast. Was aber wird aus Dir werden, wenn Dein alter Vater gestorben und verdorben ist? Hm?« Er wurde sentimental und malte ein gräßliches Bild, wie er bald – ja bald! – in der Erde liegen und verwesen würde. »Ja, dann wirst Du an den Alten denken, mein Jungchen! Man entbehrt das Wasser erst, wenn der Brunnen leer ist.« Mit offenbarem Vergnügen beobachtete er dann, wie Eugens Kehle konvulsivisch zuckte, wie der Junge die Tränen wegzublinzeln versuchte, wie sein Gesicht blaß und starr wurde vor Qual.
»Aber, aber!« begehrte Eliza auf, obschon auch sie das Schauspiel ergötzte. »Du solltest dem Kind wahrhaftig nicht so stark zusetzen.«
Bei solcher Gelegenheit brachte Gant mit trauriger Stimme gern den »lütten Jimmy« aufs Tapet. Das war ein kleiner Junge ohne Beine: er wohnte in der Nähe des Vergnügungsparks am Fluß: Gant hatte ihn Eugen öfter gezeigt. Gant hatte um den bedauernswerten Krüppel eine pathetische Fabel von Armut und Waisenschaft gewoben; sie wurde verzweifelte Wirklichkeit für Eugen. Als er sechs Jahre alt war, hatte ihm Gant unvorsichtigerweise einen Pony zu Weihnachten versprochen. Das Fest kam näher. Gant fing an, rührende Geschichten vom »lütten Jimmy« zu erzählen, um Eugen klar zu machen, daß er es tausendmal-tausendmal besser hätte als dieser arme Kerl. Nach einem mächtigen inneren Kampf hatte Eugen, von Gant gedrängt, in einer gekritzelten Botschaft an den Herrn Nikolaus von Elfland zugunsten des »lütten Jimmy« auf den Pony verzichtet. Eugen vergaß es nie. Selbst als er längst erwachsen war, fiel ihm die Sache wieder ein, dann freilich dachte er ohne Groll und Gehässigkeit daran, aber mit einem scharfen Schmerz über den blinden Mißbrauch, die bedenkenlose Unehrlichkeit, die blöde Meineidigkeit, den gemeinen, lähmenden Betrug.
Lukas plapperte wie ein Papagei die Reden des Alten nach, aber ernst und witzlos, ganz ohne Gants Humor und Schikane, aber mit derselben Sentimentalität. Er lebte in einer Jahrmarktbude mit plumpen bunten Symbolen; sie hießen: »Vater«, »Mutter«, »Heim«, »Familie«, »Großherzigkeit«, »Ehre«, »Selbstlosigkeit«. Sie waren aus Zucker und Zuckerdicksaft gemacht, von einem tränenden Zuckersirup übergossen.
»Wenigstens ein Junge, der was taugt«, sagten die Nachbarn.
»Entzückender Kerl«, sagten die Damen, die von seinem Gestotter, seiner Gutmütigkeit, seiner aufmerksamen Ergebenheit begeistert waren.
» Der Bursche ist dahinter her! Er wird es zu was bringen«, sagten alle Männer im Städtchen.
Und just als der Bursche, der lächelnd »dahinter her ist«, der »es« lächelnd »zu etwas bringen wird«, wollte Lukas erkannt sein. Wie Evangelien las er die Rundschreiben, die die Curtis Publishing Company an ihre Agenten sandte. Er beherzigte die Ratschläge und gewöhnte sich die Posen an, die das gute Geschäft fördern sollten, die einzige richtige Methode der »Annäherung«, die stillschweigend-überzeugende Art, die Wochenschrift aus der Tasche zu ziehen und die lebhafte, leseappetitanregende Anpreisung des Inhalts. Die Zirkulare sagten nämlich, daß »der gute Verkäufer seine Ware in- und auswendig kennt«. Lukas vermied jedoch die inwendige Kenntnis und ersetzte sie mit frechempfundenem Geschwätz. Im übrigen hielt er sich genau an Axiome wie »Der gute Verkäufer nimmt nie ein Nein zur Antwort«. »Der gute Verkäufer gibt nie einen prospektiven Käufer frei«, »Der gute Verkäufer stellt sich stets auf die Psychologie des Kunden ein.« In wörtlicher Befolgung solcher Weisheit, durch seine bodenlose Dreistigkeit unterstützt, gab Lukas eine der denkbar tollsten Schaustellungen für den Verkauf von gedruckter Ware.
Er ging neben einem arglosen Straßengänger her, nahm Gleichschritt auf, entfaltete die Zeitung und hielt sie dem »prospektiven Abnehmer« unter die Nase. Dazu ließ er mit irrsinniger Geschwindigkeit ein wüstes Redegeprassel los, das von gestotterten Clownspäßen und Schmeicheleien wimmelte.
»Jawoll der Herr, jawoll der Herr!! Die Saturday Evening Post, letzte Nummer! Fünf Cent, nur ein Nickel! Auflage zwei Mi-mi-mi-millionen, der Herr! 86 Seiten voll Di-di-di-dichtung und Wahrheit, ganz zu schweigen vom Anzeigenteil. We-we-wenn Sie n-n-nicht lesen können, dann sind für Sie die B-b-bilder allein schon das Geld wert. Auf Seite 13 haben wir diesmal einen feinen Artikel von Isaac F. Markusson, dem berühmten Reiseschriftsteller. Auf Seite vie-vie-vierzig eine Kurzgeschichte von Irvin S. Cobb, dem größten l-l-l-l-l-l-lebenden Humoristen. Eine rassige Geschichte aus dem Leben der Preisboxer von Jack L-l-london. Wenn Sie das alles als Buch kauften, dann würde es Sie gut und gern a-a-a-a-anderthalb Do-do-do-dollar kosten!«
Lukas ging nicht von den Fersen, er gellte, grinste, tanzte, versuchte seinen Mann in die Ecke zu treiben, benahm sich wie ein schweifwedelnd-zudringlicher Hund. Es gab einen Auflauf. Die Leute schmunzelten. Mit zitternder Hand rückte der »prospektive Abnehmer« den Nickel heraus, der ihn von der Belästigung loskaufte.
Außer den Gelegenheitsopfern seiner Tüchtigkeit hatte Lukas noch viele Abnehmer unter den Einwohnern des Städtchens.
Prall vor Begrüßungsfreude, glorreich vor Glattzüngigkeit kam er stramm und strahlend den Bürgersteig entlang gependelt … Er verlieh den bekannten Mitbürgern in seiner vollen, stammelnden Tenorstimme neue Titel:
»Wie geht's, Herr Captain? Wie steht's, Herr Major? Hier gibt's Lesefutter für 'ne ganze Woche! Frisch von der Presse! Und was machen die werten Angehörigen, Herr Colonel?«
»Na, hm. Und wie geht's Dir, Sohn?«
»Ausgezeichnet, Herr General! Könnte nicht besser sein mit dem Be-be-finden. Glatt und glitschig wie 'ner Hand auf 'nem jungen Hundebauch!«
Die Mitbürger, Spießer aus den Südstaaten mit roten Genießergesichtern, lachten ihr volles prustendes Lachen. Sie kauften, weil er sie amüsiert hatte.
Er, der erdhafteste in der Familie, war voll von heftig-deftiger Vulgarität, hatte eine triebhaft-üppige, rabelais'sche Saftigkeit, äußerte sich spontan in gargantuanischen Bildern. Trotz Elizas Zeter und Mordio pißte er allnächtlich ins Bett. Das war gewissermaßen der letzte, abschließende Pinselstrich zum Bildnis seiner stotternden, pfeifenden, patzigen, sprudelnden, komischen Personalität. Er war Lukas der Einzige, Lukas der Unvergleichliche. Er war, trotz seiner zappelig-geschwätzigen Nervosität, ein gewinnender, liebenswerter Kerl. Der bodenlose Brunnen des Gefühls war tatsächlich in ihm. Er begehrte überschwengliches Lob für seine Guttaten, aber seine Menschenliebe und seine Zärtlichkeit waren tief und echt.
Jeden Donnerstag nachmittag versammelten sich die Zeitungsbuben grinsend in Gants staubigem Schuppen. Lukas, der Agent, hielt eine belehrende Ansprache, ehe er die Knirpse zu ihrer Pflicht entließ:
»Na, habt Ihr, Euch überlegt was Ihr den Leuten erzählen wollt? Ihr könnt Euch doch nicht auf die Ärsche setzen und warten, bis der Kunde zu Euch kommt!« Er wandte sich an einen kleinen, erschreckten Buben. »Wie machst Du Dich ran an den Mann? Na, los! los! Gott verda-da-da-dammt, stell Dich nicht so blöd hin und g-g-glotz mich an!« Idiotisch ausgelassen lachte er auf. »Jetzt guckt Euch mal den Trottel an, Ihr Buben!«
Gant stand in einiger Entfernung mit Jannadeau und beobachtete schmunzelnd den Vorfall.
»Schon wieder gut, mein Christoph Columbus!« wandte sich Lukas nun gutmütig an den Buben. »Also was sagst Du den Leuten, mein Lieber?«
Der Junge räusperte sich verlegen. Er mimte matt: »Saturday Evening Post gefällig, Mister?«
»Owei, owei!« Lukas erklärte zartfühlend. »Glaubst Du wirklich, daß Du so eine Zeitung verkaufst? Ei, wo hast Du denn Deinen Verstand? Ramme Deinen Mann an! Klemme Dich auf! Häng Dich bei ihm ein! Und nimm nie ein Nein zur Antwort! Vor allen Di-di-dingen frage nicht, ob 'ne Zeitung gefällig ist! Tauch vor Deinem Mann auf und sag: ›Hier der Herr, noch warm, von der Presse!!‹ Jesus Christus!« gellte er plötzlich und blinzelte kopfwackelnd nach der Turmuhr auf dem Amtsgericht. »Wir sollten schon 'ne Stunde unterwegs sein. Vorwärts los! Drückt Euch nicht rum! Hier sind die Zeitungen. Wieviel kriegst Du, kleines Jiddchen?«
Er hatte mehrere Juden eingestellt; sie verehrten ihn, und er liebte ihre warme, füllige, humorige Art.
»Zwanzig.«
»Zwanzig!?« gellte Lukas. »Bummelant! Hier sind f-f-fünfzig. G-g-g-geh! Die wirst Du glatt los bis heut abend …«
Gant trat in die Werkstatt. »Jaja, Papa«, sagte Lukas zu ihm und deutete auf die Juden. »Das sieht aus wie die Flucht aus Ägypten, nicht wahr?«
»Los jetzt!« befahl er dann. Er hieb einem kleinen Jungen, der sich nach seinem Zeitungsstoß auf dem Boden gebückt hatte, auf den Allerwertesten.
»Streck mir den Arsch nicht in die Fresse!«
Die Buben quietschten.
»Also ran an den Mann! Laßt mir keinen auskommen!«
Aufgeregt lachend, schickte er die Jungen auf die Straße.
In diese Beschäftigungsart, in diese Ausbeutungsmethode wurde Eugen nun eingeweiht. Er haßte die Arbeit mit einem unüberwindlichen, Haß. Am widerlichsten war ihm dies, daß er sich den Leuten zur Belästigung machen mußte, um seine Ware loszuschlagen. Er kam sich erniedrigt vor. Aber er führte die Sache durch, eine seltsame, leidenschaftliche, lockenköpfige Kreatur, die eilfertig hinter erstaunten Passanten herwetzte und aus einem verdunkelten, lebenshungrigen Träumergesicht einen Hurrikan von Worten hervorstieß. Die Leute, von der merkwürdigen Beredsamkeit des Jungen fasziniert, kauften.
Manchmal nahm ihn ein schmerbäuchiger Richter, ein Bankier oder ein Anwalt mit in sein Heim, hieß ihn sich dort vor der Familie produzieren und entließ ihn mit einem Geschenk von 25 Cent. »Was meinst Du dazu? Ein geborener Redner, nicht?«
Wenn er seine ersten Verkäufe in der Stadt getätigt hatte, machte er die Runde ums Weichbild und klopfte die Sanatorien für Lungenkranke in den Wäldern der umliegenden Hügel ab. Dort verkaufte er leicht und schnell, »wie warme Bemmchen« pflegte Lukas zu sagen, – an bleiche unrasierte Juden mit sensitiven Gesichtern, an Ärzte und Krankenschwestern, an Schwerkranke, die ihre verrotteten Lungen in Becher spuckten, an nett aussehende junge Damen, die nur von Zeit zu Zeit ein wenig husteten und, wenn sie ihm das Geld gaben, die heiße weiche Hand einen Augenblick auf seiner ruhen ließen.
In einer Heilstätte im Bergwald lockten ihn eines Tags zwei junge New Yorker Juden in ein Krankenzimmer, sperrten die Tür ab und warfen ihn aufs Bett. Einer zückte ein Taschenmesser und erklärte, er würde den Jungen nun kastrieren. Jahre später fiel es Eugen bei, daß diese beiden, von der entsetzlichen Langeweile des Hospitallebens zu diesem Streich getriebenen Jünglinge den Überfall sicher tagelang geplant und sich schon im voraus wollüstig an seinem Entsetzen geweidet hatten. Allerdings, sie hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Eugen schrie wie ein Wahnsinniger, wehrte sich wie ein Tiger; die beiden waren viel zu schwach, ihn niederzuhalten. Eine Krankenschwester befreite ihn. Die beiden Schwindsüchtigen blieben zitternd vor Erschöpfung und angstverwirrt im Zimmer. Eugen erbrach; die Berührung mit den Körpern der Kranken war ihm widerlich und die ausgestandne Furcht zu viel für seinen Magen.
Aber die vielen netten Nickel- und Silberstücke klimperten angenehm in der Tasche. Er stand erschöpft auf müden Beinen vor der blanken Sodafontäne und barg sein Gesicht in eisgekühlten Tränken. Manchmal, wenn auch mit sehr schlechtem Gewissen, stahl er sich auf eine Stunde der Verzauberung und goldner Vergessenheit in die Bibliothek. Der wachsame Lukas entdeckte ihn und trieb ihn hinaus.
»Wach auf, sag ich Dir, Du lebst nicht im Märchenland. Los! Sei dahinter her!«
Eugens Gesicht taugte nicht zur Maske. Es war wie ein dunkler Tümpel, auf dessen stillem Spiegel jede Regung sichtbar wird. Daß er sich der Arbeit schämte und sie haßte, war, obschon er es zu verbergen suchte, offenbar. Er wurde des »falschen Stolzes« geziehen, ihm wurde vorgehalten, er habe »Furcht, ein wenig ehrliche Arbeit zu schaffen«, er wurde daran gemahnt, daß ihn seine großherzigen Eltern mit reichen Segnungen überhäuften.
In seiner Verzweiflung wandte er sich an Ben. Manchmal trafen sich die Brüder in der Stadt. Eugen war heiß von der Hetze, müd, schmutzig; die gefüllte Segeltuchtasche zog ihm die Schulter schief. Ben sah ihn finster an, schalt ihn wegen seines ungekämmten Haares, nahm ihn in einen Lunch-room und gab ihm was zu essen: rahmige Milch, einen dampfenden Teller geschmelzter Bohnen, dicken zweischichtigen Apfelkuchen.
Ben und Eugen waren von Natur Aristokraten. Eugen fing gerade an, seinen sozialen Status oder besser: seinen nicht vorhandnen sozialen Status zu empfinden. Ben empfand ihn seit Jahren. Das Empfinden hätte sich bei beiden recht einfach im Wunsch nach eleganter Damengesellschaft äußern können: keiner aber wagte, dies zuzugeben. Eugen brachte es nicht einmal fertig, sein soziales Minderwertigkeitsgefühl offen einzugestehen. Die Behauptung, daß der Umgang mit Leuten von Welt und Lebensart dem Verkehr mit den spießigen Nachbarn vorzuziehen sei, wäre im Hause Gant als falscher Stolz und als undemokratisch gebrandmarkt worden. Man hätte ihn – »Mister Vanderbilt« oder »Prince of Wales« genannt.
Ben jedoch ließ sich durch kein Geschwätz einschüchtern. Er durchschaute die Heuchelei. Sein Hohn war bitter. Hinter seinen grauen Augen war etwas Sonderbares. Unbestechliches, Unzweideutiges; das machte ihnen angst. Außerdem hatte er jene Form der Freiheit errungen, die sie unbedingt anerkannten, nämlich wirtschaftliche Unabhängigkeit. Auf demokratische Prätensionen antwortete er mit einem fast lautlosen, verächtlichen Lachen, schnickte den Kopf seitwärts in die Höhe und sprach zu dem dunkeln, satirischen Engel, dem er all seinen Spott anvertraute:
»Um Gottes willen, nun hör Dir das an, bitte!«
Eines Tages stand er gerade rauchend vorm Kaminfeuer, als Eugen dreckig und speckig, die schwere Zeitungstasche umgehängt, sich auf die Straße trollen wollte.
»Geh mal her, kleiner Drecksack!« befahl er. »Wann hast Du eigentlich Deine Pfoten das letztemal gewaschen?« Finster blickte er den Kleinen an, hob die Hand, als ob er ihm eine auswischen wollte, endete aber damit, daß er statt dessen mit seinen geschickten knochigen Fingern Eugens Halsbinde zurechtknüpfte.
»Um Gottes willen, Mama«, brach er plötzlich gereizt los, »kannst Du ihm nicht mal ein sauberes Hemd geben? Alle vier oder fünf Wochen sollte er doch wenigstens eins haben!«
»Was soll das heißen?« Elizas Kopf schnellte komisch vom Stopfkorb auf. »Er hat erst vorigen Dienstag eins gekriegt.«
»Kleiner Lump!« knurrte er und sah Eugen an. Sein Blick war wild vor Schmerz. »Mama! Um Gottes willen, warum schickst Du ihn nicht zum Barbier, daß er ihm diese lausigen Locken abschneidet? Ich zahl's gern, wenn's Dir zu teuer ist!«
Sie war verletzt, schürzte die Lippe und stopfte verbissen weiter. Eugen sah Ben dumpf-dankbar an und ging. Ben blieb vorm Feuer stehen und rauchte lange Lungenzüge.
»Was hast Du eigentlich mit Deinem Jüngsten vor, Mama?« fragte er nach einer Weile mit harter, ruhiger Stimme.
»Was soll das heißen?!«
»Hältst Du's wirklich für richtig, wenn er unterm Gassengesindel verkommt?«
»Was soll das heißen?! Ich versteh überhaupt nicht, was Du damit sagen willst«, behauptete sie ungeduldig, »Es ist keine Schande, wenn ein Junge ein wenig ehrliche Arbeit leistet, kein Mensch glaubt das.«
Ben wandte sich an seinen dunklen Engel: »Um Gottes willen, nun hör Dir das an, bitte!«
Eliza schürzte die Lippe.
Sie schwiegen eine Weile, dann sagte Eliza:
»Hochmut kommt vor dem Fall.«
»Ich kann nicht einsehn, wieso das uns was ausmacht. Tiefer fallen können wir ja nicht.«
»Ich halte mich für so gut wie andre Leute«, behauptete sie mit Würde. »Ich trage meinen Kopf hoch vor jedermann, mit dem ich zusammenkomme.«
»Ach Du mein Gott!« sagte er zu seinem Engel. Und dann zu Eliza: »Du kommst eben mit niemand zusammen. Ich bemerke nicht, daß Deine feinen Herren Brüder und ihre Frauen mit Dir verkehren.«
Das tat weh, denn es war wahr. Sie schürzte schnell die Lippe.
»Nein, Mama«, sagte er nach einer Pause. »Du und der Alte, Ihr habt Euch einen Dreck drum geschert, was wir Kinder taten, solang Ihr 'nen Nickel dabei sparen konntet.«
»Was soll das heißen?! Ich versteh überhaupt nicht, was Du damit sagen willst«, antwortete sie. »Du tust, als ob wir reiche Leute wären! Aber armen Teufeln bleibt halt nichts andres übrig, als sich nach der Decke zu strecken.«
»Ach Du mein Gott!« Ben lachte bitter. »Du und der Alte, Ihr tut so, als ob Ihr betteln gehn müßtet, dabei habt Ihr 'nen ganzen Strumpf voll Geld.«
»Was soll das heißen?!« fragte sie geärgert.
»Nein«, sagte er nach einer Weile launisch. Er liebte es, Feststellungen mit einem Nein zu beginnen. »In dieser Stadt leben Leute, die haben nicht den fünften Teil von dem, was Ihr habt. Und sie leben doppelt so anständig wie wir. Wir andern Kinder haben ja nie was gehabt von Euch, aber ich seh nicht gern mit an, daß aus dem Kleinen ein Stromer wird.«
Eine lange Stille trat ein. Eliza, dem Weinen nah, schürzte die Lippe, schwieg, stopfte.
»Ich hätte nie gedacht«, sagte sie dann gekränkt, »daß einer meiner Söhne je so zu mir sprechen würde. Hüte Dich!« – sie drohte mit dem Finger – »der Tag der Abrechnung kommt. Du kannst Dich drauf verlassen. Dann wird es Dir dreimal zurückgezahlt werden, daß Du so unnatürlich« – hier sank ihre Stimme zu tränenersticktem Gewisper – »so unnatürlich an mir gehandelt hast.« Sie flennte.
»Ach Du mein Gott!« Ben reckte sein bittres, hageres, graues, knolliges Gesicht zu dem dunklen lauschenden Engel. »Nun hör Dir das an, bitte!«
XI
Eliza sah Altamont nicht als lebendiges, plastisch-perspektivisches Bild; sie sah es als Muster auf einem ungeheuern Blaupausplan. Sie kannte die Geschichte jedes nennenswerten Grundstücks; sie wußte wer es von wem für wieviel gekauft hatte; sie wußte, wem es 1891 gehörte, sie wußte, ob und für wieviel es nun auf dem Markt zu haben war. Sie kannte die Verkehrsstatistik, sie wußte, an welcher Ecke die meisten Leute täglich oder stündlich vorübergingen. Sie spürte die Wachstumsschmerzen der jahraus, jahrein größer werdenden Stadt. Sie wußte die Richtung der zukünftigen Ausdehnung richtig einzuschätzen. Sie verstand sich auf Entfernungen. Sie erkannte auf den ersten Blick, wo die Zufahrt zu einem wichtigen Knotenpunkt einen dummen Umweg machte, zog im Geist eine gerade Linie quer durch Grundstücke, Gärten und Häuser und erklärte:
»Hier wird eines Tages der Durchbruch kommen.«
Ihr Verständnis für den Handel mit Immobilien war klar und roh; es betraf das Praktische und verstrickte sich nie in Technikalitäten und Probleme. Es war außerordentlich wegen seiner Unmittelbarkeit. Ihr Instinkt war: dort zu kaufen, wo die Leute hinziehen würden, und zwar, solange die Lose billig waren; Sackgassen zu meiden; die Finger von allen abseitigen Spekulationen zu lassen; ihr Geld in Objekte zu stecken, die in der Richtung der Hauptverkehrsadern lagen.
So kam es, daß sie Dixieland erwog. Es lag fünf Minuten vom Stadtplatz an einer leicht abschüssigen Straße, an der kleine Einfamilienheime des Mittelstands und ein paar Boardinghouses standen.
Dixieland war ein dreistöckiger, vielgiebliger, schmutzig-gelbgestrichener, billig gebauter Holzkasten ohne klaren Grundriß. Es hatte achtzehn oder zwanzig Räume. Es hatte einen kleinen, sauberen grünen Vorgarten; an der Straße stand eine Reihe junger Ahornbäume mit tiefhängenden Kronen. Der Hintergarten reichte sechzig Meter den Berghang hinunter. Die Straßenfront war ungefähr vierzig Meter breit. Eliza richtete das Auge auf den Stadtplatz und sagte:
»Hier wird eines Tages der Durchbruch kommen.«
Das Haus war nicht unterkellert. Die Seite gegen den Hang zu und die hintere Veranda standen auf Säulen von nassem, verwitterndem Backstein. Im Winter heulte der Wind höllisch unter der Bodenverschalung. Es gab eine unzulängliche Heißluftheizung. Wenn eingeschürt wurde, strömte diese Vorrichtung eine trockne enervierende Hitze ins Erdgeschoß und puffte ein gasartiges kühles Etwas in die oberen Räume.
Der Platz stand zum Verkauf. Sein Besitzer war ein Gentleman in mittleren Jahren mit einem Pferdekopf, der Reverend Wellington Hodge. Er war unter günstigsten Auspizien als Methodistenprediger nach Altamont gekommen. Aber als er begann, neben Jehovah, dem Herrn der Heerscharen, auch John Barleycorn, dem Geist im Whisky, inbrünstig zu dienen, fing seine Trübsal an. Seine Karriere als Evangelist kam zu einem jähen Abschluß in einer Winternacht, als die Straßen unterm Schneefall verstummten. Wellington, lediglich mit seinem wollnen Unterzeug bekleidet, machte um zwei Uhr nachts einen wilden Ausbruch aus Dixieland. Ein kühner Wettlauf führte den Streiter Christi atemlos aber siegreich vors Portal des Hauptpostamts, wo er das Reich Gottes und die Austreibung aller Teufel verkündigte. Dann hatte er, von seiner Frau unterstützt, ein Boardinghouse aufgemacht, sich schlecht und recht durchgeschlagen. Nun war er verbraucht, entehrt, der Stadt Altamont müde.
Dixieland war für ihn ein Ort des Entsetzens. Er war überzeugt, daß der böse Einfluß dieses Hauses an seinem Verderb mitschuldig sei. Er war ein empfindlicher Mensch; überall, wo er sich im Hause erging, erschienen ihm Gespenster. Da war die Gesimsecke der langen Veranda, wo ein zahlender Gast sich eines schönen Tags zur Stunde des Sonnenaufgangs aufgeknüpft hatte … dort war die Ecke in der Halle, wo die schwindsüchtige Schöne mit einer Lungenblutung zusammengebrochen war … oben war die Stube, wo der Greis sich mit dem Rasiermesser die Gurgel durchschnitt. Wellington Hodge hatte Heimweh nach dem Land, wo es gute Rennpferde, windgewelltes Gras und guten Whisky gibt – nach Kentucky. Er wollte Dixieland verkaufen.
Immer gedankenvoller schürzte Eliza die Lippe, immer öfter wählte sie den Weg durch die Spring Street.
»Dieses Besitztum wird eines Tages schweres Geld einbringen«, bemerkte sie zu Gant.
Gant klagte nicht. Er muckte nicht einmal auf. Es war ihm klar geworden, daß es vergeblich ist, gegen eine unbezähmbare, eine unerbittliche Leidenschaft aufzubegehren.
»Möchtest Du's kaufen?« fragte er.
Sie schürzte die Lippe.
»Es ist ein sehr guter Kauf«, sagte sie.
»Es wird Dich im Leben nicht gereuen«, sagte Dick Gudger, der Immobilienmakler.
»Es ist ihr Haus«, sagte Gant müde. »Mache den Kaufvertrag auf ihren Namen aus.«
Sie sah ihn an.
»Ich will meine Ruh vor Häusern und Grundstücken haben«, erklärte Gant. »Man hat 'ne verdammte Last damit, und am Ende kriegt der Steuereinnehmer doch alles.«
Eliza schürzte die Lippe und nickte.
Sie kaufte Dixieland für 7500 Dollar. Sie hatte Bargeld genug für die Anzahlung von 1500 Dollar. Der Rest war in jährlichen Raten von 1500 Dollar fällig. Es war ihr klar, daß sie dieses Geld aus dem Haus herauswirtschaften müsse.
Im Frühherbst, als die Ahorne noch vollbelaubt und grün standen, als die Schwalben sich im Schornstein zum Zug sammelten, zog Eliza mit Radau und Aufregung in Dixieland ein. Die Familie war äußerst neugierig auf das Unternehmen, aber niemand machte sich eine klare Vorstellung von der Bedeutung des Vorfalls. Gant und Eliza sprachen sich nicht offen aus. Sie spürten und wußten dumpf, daß ihr gemeinsames Leben nun zu einem Abschluß käme, daß ihre Wege sich scheiden würden. Sie sprachen von Plänen, nannten Dixieland eine »gute Kapitalsanlage«, ergingen sich in Ausflüchten. Eliza kreiste bereits um ihre neue Daseinsmitte, ihr Leben wandte sich ganz der Befriedigung der Besitzleidenschaft zu.
Sie hätte unmöglich den Sinn ihres Unternehmens erklären oder rechtfertigen können, aber sie war überzeugt, daß derselbe blinde Drang, der sie nach St. Louis in Tod und Elend getrieben hatte, sie nun auf die rechte Bahn gewiesen habe. Sie war auf dem Geleis.
So wirr, ungenau und oberflächlich die beiden Gatten auch den Bruch ihrer Lebensgemeinschaft, die Auflösung ihres lärmerfüllten gemeinsamen Hausstands behandelten, als die Stunde der Trennung schlug, fanden sich die Elemente stillschweigend und ohne Zaudern zusammen.
Eliza nahm Eugen mit nach Dixieland. Er schlief noch nachts bei ihr im Bett. Er war das letzte Band, das sie mit ihrem schwierigen Dasein als Frau und Mutter verknüpfte. Sie handelte wie ein Schwimmer, der sich in eine dunkle, verzweifelte See hinauswagen will und der eignen Kraft und dem Schicksal nicht ganz vertrauend sich eine Sicherheitsleine anlegt.
Ohne daß viel Worte darüber verloren wurden, als wäre es von altersher so bestimmt, blieb Helene bei Gant.
Daisy sollte in Bälde heiraten. Ein hochgewachsener, glattrasierter Mann hatte sie mit leidenschaftlicher Werbung belagert. Er war Versicherungsagent von Beruf, trug Gamaschen und 15 cm hohe blendendweiße, gestärkte Stehkragen, sprach mit einer öligen, dunkel klöhnenden Stimme, räusperte sich von Zeit zu Zeit ohne Grund leise und hieß Mister McKissem, Daisy argwöhnte insgeheim, daß er wahnsinnig wäre. Sie nahm allen Mut zusammen und gab ihm einen Korb.
Der Freier, dem sie sich anverlobte, war ein junger Mann aus Süd-Carolina, der in einer ziemlich ungeklärten Geschäftsbeziehung zum Krämereigroßhandel stand. Er trug einen Scheitel in der Mitte, vom Bürzel bis in die niedre Stirn herunter, hatte eine weiche, gedehnte, liebenswürdige Stimme; seine Manieren waren herzhaft, sein Auftreten bestimmt, seine Gewohnheiten großzügig. Anläßlich seiner Besuche brachte er Gant Zigarren und den Buben große Schachteln »Assorted Candies« mit. Alle Welt hielt ihn für einen vielversprechenden jungen Mann.
Was die übrigen Kinder anbetrifft – nun, da waren nur noch Ben und Lukas, und sie schwammen sich selbst überlassen im Limbo, Steve hatte seit seinem achtzehnten Jahr meist fern der Heimat gelebt. Er brachte sich als Vagabund auf der Landstraße, als Gelegenheitsarbeiter in New Orleans, Jacksonville, Memphis durch. Dann und wann fälschte er einen kleinen Scheck auf den Namen seines Erzeugers. Nach längerer Zeit gab er dann gelegentlich Gastrollen im Schoß seiner betrübten Familie. Statt einer Anmeldung pflegten er – oder irgend ein Kamerad, der sich zu diesem Behufe den Doktortitel beilegte – heimzutelegraphieren, daß er schwer krank sei, ja, daß er im Sterben läge und in einem Sarg geschickt werden würde, falls es die Eitern nicht vorzögen, ihm noch bei Lebzeiten Reisegeld zu schicken.
So kam es, daß Eugen, noch ehe er acht Jahre alt war, unter ein andres Dach zog und für immer der lärmerfüllten, unseligen, warmen Daseinsmitte des Heims in der Woodson Street verlustig ging. Er wußte nie ganz genau, wo er von Tag zu Tag Mahlzeit und Obdach suchen solle, obschon er völlig sicher war, daß ihm beides gewährt werden würde. Er aß, wo er gerade seinen Hut an den Nagel gehängt hatte, entweder am Tisch seines Vaters oder bei Eliza in der Pension. Gelegentlich, wenn auch sehr selten, schlief er mit Lukas zusammen im alten Haus in einer abgeschrägten, weißgetünchten Hinterkammer, in der es schmökrig nach in Kisten verpackten Büchern und süß nach Garten roch. Dort standen zwei Betten; der ungewohnte Alleinbesitz einer ganzen Matratze beglückte ihn. Er sehnte die Tage herbei, wenn ihm dieses männliche Recht auf immer zuerkannt sein würde. Aber Eliza gab ihn nur selten eine Nacht frei; er war ihr wie ins Fleisch genietet.
Während des geschäftigen Tags vergaß sie seiner. Abends aber hing sie am Telephon, verlangte, er solle zu ihr kommen, machte Helene Vorwürfe, daß sie ihn dort zurückhalte. Eliza führte einen erbitterten heimlichen Krieg um ihn mit der Tochter. Der Betrieb in Dixieland nahm sie untertags oft restlos in Anspruch; plötzlich fiel ihr ein, daß Eugen zu keiner Mahlzeit zugegen gewesen war. Ärgerlich fordernd war sie am Fernsprecher.
»Wirklich, Mama«, antwortete Helene dann gereizt, »er ist Dein Kind, nicht meines. Aber hungrig herumlaufen lassen kann ich ihn freilich nicht.«
»Was soll das heißen? Was soll das heißen? Er ist hier weggelaufen, als das Mittagessen gerade aufgetragen wurde. Ich habe hier eine gute Mahlzeit für ihn auf dem Tisch, hm, ich sage Dir, eine gute Mahlzeit.«.
Helene legte die Hand auf die Muschel, schnitt dem Kleinen, der katzenhaft grinsend dabeistand, eine Grimasse und ahmte Elizas Pentlandsche Sprechweise nach: »Hm, wieso? Willst Du sofort gehorchen, Kind! Ja, das ist gute Suppe, sehr gute Suppe.«
Eugen bog sich vor unterdrücktem Lachen.
Dann sprach sie wieder in den Apparat: »Also, Mama, das ist ganz und gar Deine Angelegenheit. Wenn Eugen nicht da oben bleiben will, kann ich es nicht ändern.«
Wenn der Ausreißer dann in Dixieland erschien, forschte ihn Eliza aus, tadelte ihn scharf, berief seinen Stolz:
»Was soll das heißen, daß Du so ohne weiteres zu Deinem Vater ins Haus läufst. Ich wäre mir zu gut dafür.« Sie machte eine bitter gekränkte Schnute. »Helene will nicht das geringste von Dir wissen. Du fällst ihr nur zur Last. An Deiner Stelle würde ich mich schämen, sch-ä-m-e-n würde ich mich.«
Aber die Zaubermacht und die Eigenheit, der gute Männergeruch und die heimisch-eindringliche, behaglich-behäbige Gemütlichkeit, die Fülle und die Wärme von Gants baumumstandnem, rebenumranktem Haus lockten ihn immer wieder von Dixieland fort, dieser großen kalten Gruft, die ihm besonders im Winter unannehmbar war, weil Eliza mit Kohlen sehr sparte.
Gant hatte Dixieland »Die Scheuer« getauft. Morgens, nachdem er schwer gefrühstückt hatte, machte er den Umweg über die Spring Street nach seiner Werkstatt. Er komponierte nun seine Tirade unterwegs. Er schritt durch die große kalte Diele von Dixieland und erschien in der Küche, wo Eliza mit zwei oder drei Negerinnen das Frühstück für die hungrigen Pensionsgäste richtete, die zur Beschwichtigung ihrer knurrenden Mägen energisch in den Schaukelstühlen auf den Veranden auf- und abwippten. Unvermittelt ließ Gant seine Tirade los; allen Einwänden, Vorwürfen, Beschimpfungen, die er gelegentlich des Kaufs und der Übersiedlung unterdrückt hätte, ließ er nun freien Lauf.
»Weib! Du, die Du mein Haus verlassen, die Du mich zum Gegenstand des Gelächters gemacht, die Du Deine Kinder ins Elend gestoßen hast, Teuflin, die Du bist! Es gibt nichts, das Du nicht tun würdest, um mich auf meine alten Tage zu demütigen, zu erniedrigen, zu quälen. Geflohen bist Du von mir, auf daß ich allein sterbe. O Gott! Ein bittrer Tag war es für mich und meine Kinder, als Du zum erstenmal Deine heißhungrigen Augen auf diese entsetzliche, diese furchtbare, diese verruchte, diese mörderische Scheuer warfst. Es gibt keine Schändlichkeit, vor der Du zurückschreckst, wenn die Aussicht besteht, einen Nickel dabei zu verdienen. Du bist so tief gesunken, daß nicht einmal Deine leiblichen Brüder etwas mit Dir zu tun haben wollen. Weder Mensch noch Biest ist so sehr gefallen!«
Am Herd, in der Speisekammer, im Eßzimmer standen die plattfüßigen trägen Negerinnen und kicherten:
»Das is' nen Mann, jo, der kann red'n.«
Eliza kam schlecht mit den Schwarzen aus. Wie alle Leute aus der Gegend begegnete sie Negern mit Abneigung und Mißtrauen. Zudem war sie keine Dienstboten gewöhnt und verstand nicht, sie zu behandeln. Sie keifte, zankte, nörgelte den ganzen Tag, hatte Angst bestohlen zu werden, Angst, daß die Mädchen die Zeit, für die sie sie bezahlte, vertrödelten, quengelte, schalt, nannte sie dumm, faul, gefräßig und zog ihnen, wo sie nur konnte, eine Kleinigkeit am Lohn ab.
So kam es, daß sie oft morgens ohne Dienstboten dastand. Die Negerinnen waren nach Feierabend brummend nach Haus gegangen; es fiel ihnen nicht ein, am nächsten Morgen wieder zu erscheinen. Die Kleinlichkeit und Zanksucht der Herrin von Dixieland war im ganzen Negerviertel verrufen; es wurde immer schwerer, Mädchen zu finden, die für Eliza arbeiten wollten. Wenn sie frühmorgens ohne Hilfe dastand, rief sie vollkommen bestürzt Helene an, jammerte ihr die Ohren voll und bat um Beistand:
»Tatsächlich, Kind, ich weiß nicht, was ich anfangen soll. Ich könnte diesen nichtsnutzigen Niggerweibern den Hals umdrehen. Da steh ich. ganz allein und das Haus voll Gäste.«
»Aber, Mama, wie beim Himmel fängst Du's nur an, daß Dir die Nigger davonlaufen? Bringst Du's nicht fertig, sie im Haus zu halten? Bei andern Menschen bleiben sie doch jahrelang!«
Aber so aufgebracht sie auch war, sie verließ Gants Haus und kam und half ihrer Mutter und sorgte dafür, daß im Betrieb nichts fehlte. Die Pensionsgäste mochten sie sehr; sie sagten, sie sei »Ein feiner Kerl«. Jedermann dachte und sagte so. Sie gewann alle Welt durch ihr rückhaltloses, weiträumiges, dominierendes Wesen. Eine brennende Lebenslust zehrte an ihrer schwachen Gesundheit; das machte sie hysterisch und brachte sie oft zum Kollaps. Sie war fast zwei Meter lang, hatte große Hände und Füße, hagere, gerade Beine und ein knochiges, zügiges Gesicht mit einem langen, vollen Kinn, das ein wenig herabhing, so daß man die goldspurigen Zahnreihen sah. Trotz der Hagerkeit wirkte das Gesicht nicht hart oder grob; es wirkte herzhaft, ergeben, seelenvoll, feinfühlig, verletzt, bitter, hysterisch: manchmal war es strahlend und schön.
Ihrer Charakteranlage nach konnte sie zwangsläufig nicht anders, sie mußte sich für andre rackern und plagen. Sie begehrte schaumschlägerisches Lob dafür. Unbedingt lebensnotwendig war ihr die Empfindung, daß ihre Mühen nicht genug geschätzt und anerkannt würden. Hart und hysterisch sprach sie über Elizas Unerkenntlichkeit:
»Da braucht nur eine Kleinigkeit nicht zu stimmen, und schon hängt sie am Fernsprecher und flennt. Ich hab's doch weiß Gott nicht nötig, daß ich zu ihr ins Haus geh und wie ein Nigger schaff, damit ihre billigen Kostgänger versorgt sind. Nicht wahr, das siehst Du ein?«
»Ja«, pflichtete Eugen, ihr demütiger Zuhörer, bei.
»Aber lieber würde sie verrecken, als das zugeben. Hat sie deswegen auch nur Dankeschön zu mir gesagt?« Hier lachte sie, und ihr guter Humor gewann einen Augenblick die Oberhand über die Hysterie. »Hat sie deswegen auch nur einmal Scher-Dich-zum-Teufel zu mir gesagt?«
»Nein«, quietschte Eugen und bekam Lachkrämpfe.
Sie mimte Eliza. »Hm! Wieso! Willst Du sofort gehorchen, Kind!« sagte sie, von der Burleske selber entzückt.
Eugen knöpfte sich Hemdkragen und Hosenbund auf und wälzte sich am Boden vor Lachen.
»Hör auf, Helene, hör auf! Ich lach mich ja tot.«
»Hm, wieso, Kind! Willst Du sofort gehorchen!« mimte sie grinsend weiter, als wolle sie, daß er sich totlachen solle.
Nichtsdestoweniger, ob Eliza Dienstboten hatte oder nicht, täglich erschien Helene in Dixieland, um bei dem Mittagessen zu helfen. Und wenn Gant und die Buben in der Pension anstatt zu Hause zu Nacht aßen, kam sie sogar zweimal. Sie kam, weil die Gier zu dienen sie verzehrte, weil ihr Bedürfnis, mehr zu geben, als sie zurückempfing, Befriedigung brauchte, und schließlich weil – trotz ihres Gantschen Hohns auf die »Scheuer« und auf die »billigen Kostgänger« – das Geschäft, das Tellergeklapper, die Fütterung, die Tischgespräche sie anregten und begeisterten.
Ganz wie Gant, ganz wie ihr Bruder Lukas brauchte sie Ausdehnungsmöglichkeit, Aufregung und Betrieb, um zu leben. Sie wollte beherrschen, unterhalten, etwas gelten, wollte Mittelpunkt der Gesellschaft sein. Kleine Aufforderung genügte, und sie sang für die »billigen Kostgänger«. Sie hatte einen ziemlich großen, schwingenden, etwas harten Sopran und hämmerte mit schwerem, sehr genauem Anschlag auf das klapprige Pianoforte im Boardinghouse ein. Sie konnte klassische, kitschige und komische Lieder. Eugen erinnerte sich an weiche, kühle Sommernächte, die Versammlung der Hausgäste und an: »Ich frag mich, wen ihr Mund nun küßt …«, das Gant immer wieder bestellte, an: »Lieb mich, und die Welt ist mein …«, an: »Erst wenn der glutheiße Wüstensand kalt wird …«, an »Lieb' Altchen, das Rotkehlchen über Dir singt …«, an »Das End' des vollkommen glückseligen Tags« und schließlich an »Alexanders Ragtime Band«, das auch Lukas einmal, zur Qual der Hausgenossen, sechs Wochen lang einstudiert und unter donnerndem Beifall auf dem Sängerwettstreit der Schüler zum besten gegeben hatte.
Später dann saß man in der kühlen Dunkelheit auf der großen Veranda. Gant wippte heftig im Schaukelstuhl, redete mächtig. Seine große Stimme schallte in die stille Nachbarschaft. Er trug mit strömender Redegewalt seine Lösung der Staatsprobleme vor, ließ seine vorurteilsvollen, aber kühnen Meinungen zu Tagesfragen und den Neuigkeiten der Stunde erdröhnen:
»… Und was haben wir getan, Gentlemen? In offner Seeschlacht, die nicht länger als zwanzig Minuten dauerte, haben wir ihre Kriegsflotte ins Meer versenkt, – unter Gewehr- und Schrapnellfeuer erstürmten Teddy und seine Rauhreiter den Hügel bei Santiago –, der Krieg, wie Sie wohl wissen, war in ein paar Monaten gar. Ohne jeden bereicherungssüchtigen Hintergedanken waren wir in den Kampf gezogen; wir gingen in diesen Krieg, weil eine große Nation die Unterjochung eines kleinen Nachbarvolks nicht länger dulden durfte –, und dann haben wir mit einem Hochsinn, der des größten Volks unter der Sonne wohl würdig ist, dem geschlagnen Feinde zwanzig Millionen Dollar gezahlt. Herrgott!! War das nicht eine glorreiche Geste?! Glauben Sie, glauben Sie im Ernst, irgendeine andere Nation hätte das fertiggebracht?«
»Nein«, sagten die Hausgäste mit Nachdruck. Nicht immer zwar teilten sie seine politischen Ansichten … – Teddy Roosevelt war der fehllose Nachfahr der Cäsar, Napoleon, Lincoln – aber sie merkten sehr wohl, daß Gant »ein Kopf« war, daß er es als Politiker weit gebracht haben würde.
In dieses auserwählte Gebirg kam der große Schwall der brandenden, drängenden Welt wie küssende Wellen, die zuerst leise ans Gestad schaukeln, zurücklaufen und dann noch einmal stärker anschwappen.
Zu den Elementareinsichten, die Elizas primitives Denken ausmachten, gehörte die, daß Leute, die in dürrer Wüste darben, nach Oasen Ausschau halten, daß Durstige trinken wollen, daß Leute, die in der drückenden Luft der Ebnen ersticken, das Gebirg aufsuchen, um Erleichterung, Erholung, Heilung, neuen Lebensauftrieb zu finden. Ihr Urteil hatte jene treffliche Zielsicherheit ins Schwarze, die in Eugens Vaterland heutzutage – nachdem die Pflaumen gepflückt sind – unter dem Namen »Vision« geht.
Straßen, an denen sie Grundstücke besaß. Straßen, die vor zehn Jahren noch lehmige Fahrwege waren, wurden nun gepflastert. Die Besitzer der angrenzenden Häuser und Bauplätze mußten die Kosten in Raten tragen. Diese »Pflasterassesments« trieben Gant in helle Raserei: er verfluchte den Tag und das Land seiner Geburt, tobte über die Umtriebe der Satansbrut. Eugen aber folgte vergnügt den fahrbaren zweirädrigen Kesseln, in denen Teer kochte, bestaunte die große Dampfwalze, ein Ungeheuer, das in Alpträumen zermalmend über ihn hinging; beobachtete, wie die Arbeiter den Steinschotter im Straßenbett mit gelbem Sand auffüllten, wie sie die weiche Asphaltdecke mit rosakörnigem Siebsand bestreuten. Es versetzte ihn in Ekstase, zu sehen, wie die schwarze, duftende, ausgewälgerte Teerzunge flacher werdend sich aufrollte.
Von Zeit zu Zeit schnaufte ein hochgebauter Cadillac an Dixieland vorbei bergan. Eugen sandte ein Stoßgebet zum Himmel, wenn der pustende Motor zu versagen drohte. Er wünschte Erfolg! Der das Auto steuerte, war Jim Sawyer, ein junges Blut. Er kam, um Miss Cutler, die Schöne aus Pittsburg, abzuholen. Er öffnete den Schlag in den roten, fetten, gepolsterten Bauch des Gefährts. Die beiden stiegen ein.
Manchmal, wenn Eliza in der Früh ohne Dienstboten dastand, wurde er auf Nachsuche ins Negerviertel geschickt. Er trieb planlos durch das rachitische, fötidstinkende Labyrinth baufälliger Bretterbuden, lernte in Elendskellern und Verschlagen, in schmutzigen Küchen, in luftdicht versiegelten, warmmuffigen Stuben die Schwarzen kennen, die wilde, tierhafte Anmut ihrer räkelnden Leiber, ihr lippiges kindhaftes Lachen, ihren Körpergeruch nach Tropendschungel mit dem Geruch von Speiseabfällen, Kot, kochender Wäsche, brutzelndem Fett gemischt.
– Ob man vielleicht Arbeit suche? – Wer ihn schicke? – Seine Mutter, Mistress Eliza Gant.
Stillschweigen. Alsdann der Bescheid, weiter oben an der Straße bei »Missus Cawpening« wohne ein Mädchen, das suche Arbeit. Er möge dort fragen.
Eliza paßte mit Falkenaugen auf, daß sie nicht bestohlen wurde. Eines Tags schob sie in Begleitung eines Detektivs ins Negerviertel und durchsuchte die Bude eines Mädchens, das aus ihrem Dienst davongelaufen war. Sie fand, was sie vermißt hatte: Bettzeug, Handtücher, Löffel. Das schwarze Geschöpf bekam zwei Jahre Zuchthaus.
Eliza liebte den Apparat des Gesetzes, den Geruch und die Spannung einer Gerichtsverhandlung. Wenn es nur irgend anging, klagte sie. Es machte ihr Spaß, Leute vor den Kadi zu zerren; es machte ihr Spaß, angeklagt zu werden. Sie verlor nie einen Prozeß.
Wenn ihre Hausgäste nicht zahlten, beschlagnahmte sie triumphierend die Koffer. Besondren Spaß machte es ihr, einen Ausreißer in letzter Minute zu erwischen. Sie erschien in Begleitung gehorsamer Konstabler am Bahnhof, von der gellenden Gassenbrut umringt.
Eugen schämte sich wegen Dixieland. Und wiederum getraute er sich nicht, seine Scham offen einzugestehn. Genau wie in seiner Arbeit als Zeitungsjunge, kam er sich auch hier gezeichnet, ins Netz verstrickt, in der Falle gefangen vor. Er fand sein Leben im Boardinghouse seiner Mutter unanständig. Er liebte die Würde des Heims, den privaten Charakter des Wohnens. Er haßte es, daß die Tür zu den Vierwänden, die ihn vor den Mitmenschen schirmen sollten, gegen Entgelt offen stand. Er verstand kaum, spürte aber deutlich die Vergeudung und Wirrsal, die blinde Grausamkeit im Leben seiner Angehörigen. Sein Geist war auf die Folter gespannt. Er ward täglich tiefer überzeugt, daß ihr Leben, gemessen an seinem Wunschbild eines einfachen ruhigen Behagens, nicht hoffnungsloser verkrampft und verstümmelt, entstellt und verkehrt hätte sein können, wenn sie sich absichtlich bemüht hätten, es zu zerrütten und zu verzerren. Er erstickte vor unterdrücktem Zorn … und dachte an Elizas träge Sprechweise, die endlosen Reminiszenzen, die ständig geschürzte Lippe, die ihn weiß vor Wut, ja fast wahnsinnig machte.
Er hatte längst durchschaut, daß ihre Armut, das Drohen mit der Bettelsuppe, die düstern Anspielungen auf das Begräbnis auf dem Armenweg in die blinde Mythologie der Geldsucht gehörten. Ärger über ihre Habgier gloste in ihm wie ein versteckter Brand. In Dixieland gab es überhaupt keinen Winkel, der der Familie heilig war, kein Gelaß, das sie für sich allein bewohnten, keinen Stuhl, wo man vor der Zudringlichkeit der Hausgäste sicher war.
Wenn sich das Haus füllte, zogen sie – Stufe um Stufe sich mit dem Schäbigeren begnügend – von einem Zimmer ins andre. Er spürte, daß ihnen das schaden, daß es sie grob, unempfindlich machen würde. Schon damals glaubte er leidenschaftlich an gutes Essen, anständiges Wohnen, selbstverständliche Bequemlichkeit. Er spürte, daß ein zivilisierter Mensch bei diesen Dingen den Anfang machen müsse. Er wußte, daß der Niedergang des Geistes, wo auch immer er in der Geschichte eintrat, nicht auf gute Küche und zuverlässige Wasserleitung zurückzuführen sei.
Im Hochsommer, wenn das Haus vollbesetzt war, mußte er oft warten, bis die Gäste gespeist hatten, ehe sich ein Plätzchen zum Essen für ihn fand. Mißmutig ging er unter der hochgepfropften Hinterveranda auf und ab oder zog sich grollend in eines der muffigen fensterlosen Bodengelasse zurück, die Eliza gelegentlich an Negerinnen vermietete, wenn diese keine Schlafstatt außer dem Hause hatten.
Er lernte den kleinlichen Kastengeist des Dorfs kennen.
Seit Jahren war er gewohnt, am Sonntag gebadet, gebürstet, frische Wäsche am gesalbten Leib, durch die angenehm belebten Straßen zum presbyterianischen Kindergottesdienst zu gehen. Er war bereits der Obhut der frommen Jungfrauen entwachsen, die seinen naiven Glauben im Katechismus, in der Güte Gottes und den Grundrissen der Himmelsarchitektur unterwiesen hatten. Das Fünfcentstück, das er früher nur ungern im Gedanken an Ingwerbräu und Plätzchen abgeliefert hatte, gab er nun leichten Herzens hin, denn er hatte genug Geld für die Sodafontäne.
Hochgemut kam er zur Sonntagsschule, um vor dem Altar zu dienen. Die Sonntagsschüler versammelten sich im Gemeindesaal. Der Superintendent, ein hagerer Schotte mit gelblicher Haut und einem angegrauten Bart, Dentist von Beruf, hielt die Ansprache. Er las die Bibelstelle oder das Gleichnis, das an dem betreffenden Sonntag durchgenommen wurde, kommentierte mit cäsarischer Trockenheit und Übersicht, gab den Dienst dann an den ersten Helfer ab, einen glattrasierten, bebrillten Herrn mit hohem, weißem Stehkragen und einem Woodrow-Wilson-Gesicht, der ebenfalls gebürtiger Schotte war. Der Helfer lächelte die Kindergemeinde mit kalter Liebenswürdigkeit an. Er führte sie Vers um Vers durch den Gesang. Eine feiste Jungfrau behämmerte das Klavier, das wie Espenlaub unter den Schlägen erzitterte.
Eugen liebte den Klang der kristallhellen, von den markigen Tönen der Helfer und Helferinnen unterstützten Kinderstimmen. Wenn die Kollekte für die Innere Mission war, sangen sie stets:
»Wirf eine Rettungsleine aus,
Jemand ertrinkt auf See …«
Ein andres Lied war:
»Wollen wir uns am Strom versammeln,
Am Jordan, dem schönen Strom …«
Das hatte er sehr gern. Ganz besonders liebte er das edle Ungestüm von »Vorwärts, Christi Streiter! …«
Neben dem Gemeindesaal lagen die kleinen Klassenzimmer der Sonntagsschule. Sobald der Choral verklungen war, zogen sich die Gruppen dorthin zurück. Eugen ging nun in eine Klasse, in der nur Knaben waren. Sein Lehrer war ein bleicher junger Mann, dünn and gebeugt, der von Beruf Sekretär des »Christlichen Vereins Junger Männer« war. Er war schwindsüchtig. Die andern Jungen bewunderten ihn, weil er sich früher als Baseball- und Basketballspieler rühmlich ausgezeichnet hatte. Er sprach mit einer trauervollen, zuckrigen, winselnden Stimme. Er war von einer bedrückenden Christushaftigkeit. Er sprach vertraulich zu den Knaben über die Bibelstelle oder das Gleichnis des Sonntags, prägte ihnen mahnend ein, was sie daraus fürs tägliche Leben an Gehorsam und Liebe zu Eltern und Freunden, an Pflichttreue und Ritterlichkeit und Nächstenliebe lernen könnten. Und er wiederholte stets, wenn die Jungen je in Zweifel über die Richtigkeit ihres Wandels kämen, dann brauchten sie sich nur zu fragen, was unser Herr Jesus Christus dazu sagen würde. Er sprach sehr oft von Jesus, es klang melancholisch und enttäuscht. Eugen verspürte dann immer eine leichte Übelkeit; es war ihm, als ob ihn etwas mit einer weichen, behaarten, nassen Zunge abschlecke.
Er war nervös und zurückhaltend. Die anderen Jungen kannten einander sehr gut. Ihre Elternhäuser standen an der Montgomery Avenue oder dort in der Nachbarschaft, im vornehmsten und modernsten Viertel der Stadt. Manchmal sagte einer schmunzelnd zu ihm: »'ne Saturday Evening Post gefällig, Mister?«
Da er während der Woche mit seinen Sonntagsschulkameraden nicht in die geringste Berührung kam, hatte er irrtümliche, plump übertriebene Vorstellungen von deren gesellschaftlichem Vorrang. Tatsächlich gab es nur wenige ortsansässige alte Familien wie die Pentlands. Altamont hatte sich rapid aus einem windigen Nest, aus einem auf den Hügeln verstreuten Dorf zur Stadt entwickelt. Das Kastensystem war willkürlich, die Klitterung der Gesellschaft in Klassen war – wie in allen Kurorten – äußerst flüssig und wandelbar. Es hing von Geld, Ehrgeiz und Anmaßung ab.
Tarkintons und Isaacs waren, wie die meisten Nachbarn, mit Ausnahme der Schotten, Baptisten. Gesellschaftlich standen die Baptisten auf der untersten Stufe der Achtung. Sie galten für vulgär. Ihr Prediger war ein runder Mann mit weißer Weste und rotem Gesicht. Allsonntäglich erzielte er große rhetorische Effekte, brüllte wie ein Löwe, girrte wie ein Täubchen und schmückte seine Ausführungen mit intimen Anspielungen auf seine Gattin. Diese Anspielungen erregten das Lachen der Gemeinde, wurden aber von den feineren Christen der andren Sekten für unzüchtig gehalten.
Die hochkirchlichen Episcopalianer standen am höchsten auf der Leiter. Die Presbyterianer waren weniger modisch und smart, wurden aber allgemein als hochanständig anerkannt. Die Methodisten hielten die Mitte zwischen den Vulgären und den Feinen, zwischen Plattheit und hohem Dekorum.
Diese presbyterianische, steifleinene und wohlgebürstete Sonntagsvormittagswelt mit ihrer nüchternen Hochanständigkeit, ihrer vornehmen Zurückhaltung, mit ihrer Suggestion von ruhigem Wohlstand, unbestrittner gesellschaftlicher Stellung, ritueller Ordentlichkeit, gewählter Aufmachung bewegte Eugen tief wegen ihrer Stille. Er spürte stets, daß er nicht dazu gehöre. Aus dem Wirrwarr seines Alltags tauchte er dort für ein paar Stunden auf, sah zu und ging dann – schließlich auf Jahre – als ein Fremdling weg. Was blieb, war Sinn und Verständnis für den echten Schmerz, das wahre Mysterium, die heilige Sinnenschönheit aller Religion, etwas Tieferes und Schöneres als jene erhabne Anständigkeit.
XII
Im Winter und im stumpf hinsterbenden Spätherbst haßte er Dixieland am meisten; die trüben, vom Fliegendreck verschmutzten elektrischen Lampen; die lausige Sucherei nach einer warmen Ecke im Haus; Eliza, die in einen alten Sweater, ein schmutziges wollnes Halstuch, einen abgelegten Männerrock eingewickelt, umherging, ihre von Kälte aufgesprungnen Hände mit Glyzerin eingeschmiert hatte. Die Wände, naßkalt und schwammig, atmeten Kränke und Tod aus. Eine Frau starb am Typhus; der Gatte kam aufgeregt in die Diele, hob die Hände und ließ sie fallen, als gehörten sie ihm nicht mehr. Das Paar war aus Ohio.
Droben, auf einer Schlafaltane, hustete ein abgezehrter Jude in die unaufhörliche Dunkelheit.
Helene war wütend: »Um Gottes willen, Mama, warum nimmst Du solche. Leute ins Haus? Siehst Du nicht, daß er die galoppierende Schwindsucht hat?«
»Hm, was soll das heißen? Wieso denn?« sagte Eliza und schürzte die Lippe. »Er sagte, es wäre ein Bronchialkatarrh. Ich fragte ihn und er lachte ganz vergnügt und laut und sagte: ›Aber Mistress Gant‹, sagte er …« und nun folgte eine endlose Erzählung, die vom Hundertsten ins Tausendste ging. Helene kochte vor Wut. Eliza pflegte mit grundsätzlicher Blindheit alles zu verteidigen, was Geld einbrachte.
Der Jude war ein gütiger Mensch. Er hustete leis in seine weiße Hand. Er aß sein Brot als »Weckschnitten« zubereitet; die Scheiben, in Ei getränkt, wurden in Butter in der Pfanne gebraten. Eugen entwickelte einen scharfen Appetit für diese unbekannte Speise; unschuldig taufte er sie »Judenbrot« und konnte nicht genug davon bekommen. Lichtenfels lachte leise, hustete. Seine Frau lachte dunkel und voll. Eugen erledigte allerlei Besorgungen für ihn und bekam wöchentlich ein Geldstück dafür. Der Kranke hatte ein Konfektionsgeschäft in New Jersey. Im Frühling mußte er in eine Heilstätte, wo er später starb.
Im Winter hatte Eliza nur wenige Hausgäste. Es waren im Grund immer dieselben Gesichter, dieselben Persönlichkeiten. Schon allein durch die ständige Wiederholung des Typs wirkten sie mittelmäßig. Sie versammelten sich fröstelnd im Wohnzimmer, saßen stundenlang um das Kohlenfeuer im offnen Kamin, räkelten sich im Schaukelstuhl, machten blöde Gesichter, redeten mit öden Mienen ödes Zeug, langweilten sich über sich selbst, die Welt und Dixieland sicher so sehr, wie Eugen sich über sie langweilte.
Im Sommer gefiel es ihm besser. Da kamen träge Frauen aus dem heißen reichen Süden der Staaten, Mädchen aus New Orleans mit schwarzem Haar und weißer Haut, weizenblonde aus Georgia, lüsterne aus Süd-Carolina, die die gedehnte Sprechweise der Neger hatten. Da kam vom Mississippi die Lässigkeit der Malariakranken, die einen Stich ins Gelbe aber ganz blendend weiße Schneidezähne hatten. Ein Gast aus Süd-Carolina mit einem roten Gesicht, nikotinfleckigen Fingerspitzen, nahm Eugen täglich zu den Baseballspielen mit. Ein andrer, Pflanzer vom Mississippi, lang, dürr, gelb im Gesicht, malariakrank, wanderte durch duftige Gebirgstäler mit ihm. Nachts hörte er volles Frauenlachen von den dunklen Veranden, zärtlich und grausam zugleich; dazu die gurrenden Kehllaute der Männer. Er beobachtete die verstohlene Buhlerei; dunkles Getu um Mitternacht hinter verschlossenen Türen; völlig unschuldige Mienen am Morgen. Mit blutigem Schnabel hackte das Gelüst ihm ins Herz; die eifersüchtige Tugend machte ihn moralisch; er war entrüstet, weil diese Welt ihm verwehrt war.
Morgens ging er in Gants Haus, trieb sich herum, besuchte Helene, spielte im Garten mit einem Nachbarsohn, Buster Isaacs, einem Vetter von Max, einem pausbäckigen, munteren kleinen Kerl … Helene kochte »Fudge«, eine Art Karamellen aus Zucker, Schokolade und Rahm. Der Duft der Leckerei rief sie ins Haus. Sie schickte ihn in ein kleines jüdisches Lädchen unten an der Straße nach Delikatessen. Dann saßen sie mitten am Vormittag und tafelten: Essiggürkchen, Pickels, Tomatenscheiben mit dicker Mayonnaise, amberfarbnen perkolierten Kaffee, Feigenbisquits, helle kleine »Ladyfinger«-Trauben, heißen seimigen dickgebutterten, mit Walnußsplittern bestreuten Fudge, Sandwiches mit zartem Schinken und Gurken, eisgekühlte, milde »aufstößerische« Getränke.
Eugens Vertrauen in Helenes Gantschen Reichtum kannte keine Grenzen, solche Fülle konnte nur aus dem Unerschöpflichen quillen. Hennen gackelten in die Morgensonne aus den Hintergärten der Nachbarschaft; der Eismann, ein herrlich gebauter Neger, kam; Eugen stand dabei, wenn er die langen Eisstangen durchsägte, und fing das kalte Gesplitter auf. Helene rief ins Wohnzimmer; sie saß am Klavier, spielte, sang, lehrte ihn Lieder: »Wilhelm Teil«, »Mein Herz bei Deiner Stimme süßem Klang …«, »Das Lied ohne Worte«, »Holde Aida«, »Die verlorne Saite«. Ihre lange muskulöse Kehle spannte sich, wenn der hohe Sopran aufschwang.
Ihre Freude an ihm war unersättlich. Sie verwöhnte ihn mit Leckerbissen. Manchmal warf sie ihn persönlich unerwartet aufs Sofa, hielt ihn mit der einen Hand fest, während sie ihn mit der andern kitzelte oder auf die Wangen patschte.
Wenn sie aber nervös überreizt war, dann packte sie ihn oft scharf an. Dann haßte sie ihn, sein traumverlornes, dunkles, brütendes Gesicht, Die wilde Lebenslust biß und juckte sie. Genau wie Lukas, genau wie Gant, suchte sie ständig nach Aufregung. Menschen, die sich in sich selbst zurückziehen konnten, waren ihr im Grunde verhaßt. So wurde sie oft wütend, wenn sie ihn ins Träumen versunken oder in ein Buch vertieft fand. Sie riß ihm das Buch aus der Hand, machte eine Schnute und Stielaugen, goß Gift und Galle schimpfend über ihn aus:
»Elender kleiner Blödel, Du schreckhafter kleiner Schaute mit Deiner verschlafenen Pentland-Visage! Die Leut' lachen über Dich, Du verkaufter Knirps. Ein querköpfiger kleiner Pentland bist Du, Du stinkst nach der Sippe, Papa hat es selber gesagt, daß Du ganz wie der üble Vetter Greely bist. Überhaupt, ich zieh' Dir jetzt Mädchenkleider an und laß Dich so herumlaufen!«
Manchmal war die schwelende Wut so groß, daß sie ihn auf den Boden warf und ihn trat.
Die Mißhandlungen verletzten ihn nicht so tief wie die zügellose Gehässigkeit ihrer Zunge. Sie war wahnsinnig geschickt im Erfinden von Kränkungen. Eugen, starr vor Entsetzen, stürzte aus dem Elfenhimmel in die Hölle. Plötzlich war sein freigebiger Engel in eine schlangenhaarige Furie verwandelt. Sein Glaube an Liebe und Güte war verloren, er bellte wie ein toller Hund, bockte auf, schlug sich den Kopf an die Wand, wünschte, daß er zerbräche, daß sein Ich aus dem zerbochnen blutigen Gefängnis des Körpers entfliehen könne.
Seine Verzweiflung tat Helene gut. Das war, was sie wollte. Sie hatte ihre Wut an ihm ausgelassen, nun war sie erlöst, befreit, gereinigt. Nun konnte sie, in langsamer Zutunlichkeit gegen ihn, sich wieder sammeln. Sie hob den Widerstrebenden auf. drückte ihn an sich, pflanzte Küsse auf sein erhitztes, irres Gesicht, streichelte und schmeichelte, redete ihm zärtlich zu:
»Eia, eia! Es war ja nur Spaß! Hat er wirklich geglaubt«, – sie redete ihn dann stets in der dritten Person an – »es war Ernst? Nein, nein! Ei, er ist ja stark wie ein junges Bullchen, ein richtiger kleiner Riese ist er, ich hab Angst gehabt, die Mauer würde einbrechen! Ja, ja …« – und nun mimte sie Eliza, um ihn zum Lachen zu bringen – »hm, wieso! Was soll das heißen? Willst Du sofort gehorchen, Kind! Das ist gute Suppe, sehr gute Suppe ist das …« Und er lachte gegen seinen Willen, unter Seufzern, denn diese Versöhnungen waren ihm noch qualvoller als der Schimpf.
Später, wenn er sich ein wenig beruhigt hatte, schickte sie ihn ins Lädchen und ließ ihn Pickels, Törtchen, etwas Gutes zu trinken holen. Er ging mit rotgeweinten Augen, Tränenspuren auf den Wangen, blieb plötzlich auf der Straße stehen und fragte sich verzweifelt, brennend vor Scham, warum, wieso, weswegen dieses Unheil über ihn hereingebrochen sei.
Unablässig haßte Helene alles, was sie langweilte, und jegliche Respektabilität. Trotzdem war sie im Grund eine ausgesprochen konventionelle Person. Das gelegentlich Vulgäre an ihr war nur Ausdruck ihrer Vitalität. Sie war unschuldig wie ein Kind; selbst die einfachsten Bosheiten verstand sie nicht. Sie hatte mehrere Verehrer; einfache, gradsinnige, ländliche Burschen, die schwer soffen. Einer, ein hagerer, alkoholischer Stadtgeometer mit hochrotem Gesicht, der aus Altamont stammte, betete sie an. Ein anderer, ein lachender blonder Hüne, kam von den Kohlenfeldern von Tennessee. Wieder ein andrer, ein junger Mann aus Süd-Carolina, stammte aus demselben Städtchen wie Daisys Verlobter.
Diese Burschen – Hugh Parker, Jim Phelps, Joe Cathcart – waren ihr treu ergeben. Sie liebten die unermüdliche, dominierende Energie an ihr, ihre eindringliche Sprachfertigkeit ihre große Aufrichtigkeit, ihre tiefe Güte. Sie spielte und sang für sie, setzte ihre ganze Persönlichkeit ein, um sie zu unterhalten. Sie brachten ihr Schachteln Konfekt und kleine Geschenke, waren eifersüchtig aufeinander, aber einig in der Behauptung, sie sei »Ein feiner Kerl«.
Auch Whisky pflegten sie ihr mitzubringen. Sie hatte sich das Trinken ein bißchen angewöhnt. Ein Schlückchen regte ihr fiebriges Wesen stark an, elektrisierte ihr Blut, erfrischte sie, gab ihrer Energie etwas Hektisches, Ruckweises. Sie nippte an der Flasche, trank nie viel auf einmal, war oft leicht angeheitert, nie aber richtig beschwipst oder gar betrunken.
Sie machte kein Hehl aus der Sache: »Ich trink 'nen Whisky, wenn's einen gibt«, sagte sie.
Lebenslustige junge Halbweltweiber mochte sie fast immer gern. Das Verzehrende, Gefährliche, der Humor und die Freizügigkeit des eleganten Lebens zogen sie magnetisch an. Der Kurort wimmelte im Sommer von Liebesabenteuerinnen, die der strengen Sonntagszüchtigkeit der Dörfer, der sonntäglichen Lust sturer Gatten entflohen waren. Helene mochte Leute, die, wie sie sagte, »dann und wann 'nen Whisky brauchen«.
Sie befreundete sich mit Mary Thomas, einer jungen, flotten, hochbeinigen Kokotte aus Kentucky; sie war Maniküre in einem der großen Hotels in Altamont.
»Mich interessieren zwei Sachen«, sagte Mary, »am Gockel der Du-Weißt-Doch und an der Henne die Wie-Heißt-Schon.« Sie hatte ein lautes, ansteckendes Lachen. Sie wohnte in Dixieland, hatte ganz oben ein kleines Zimmer mit einer Schlafaltane. Eugen hatte ihr einmal Zigaretten geholt; sie stand in einem dünnen durchsichtigen Unterrock gegen das Licht, ihre langen wollüstigen Beine zeichneten sich stark ab.
Mary schenkte Helene Kleider, Hüte, Seidenstrümpfe. Manchmal tranken sie zusammen. Mit humoriger Gefühlsduseligkeit verteidigte Helene die Freundin.
»Na, sie macht wenigstens kein Hehl daraus. Es liegt ihr nichts dran, ob's die Leut' wissen.«
Oder: »Sie ist nicht schlimmer als die keuschen Susannen. Aber ehrlicher ist sie, das steht fest.«
Oder, durch eine versteckte Anspielung aufgebracht: »Was wissen Sie denn tatsächlich von ihr? Nehmen Sie sich vor den Leuten in acht mit diesem Gerede, sonst fallen Sie mal schwer dabei rein.«
Trotzdem vermied sie es, sich öffentlich mit Mary zu zeigen. Ja, ungereimterweise machte sie gelegentlich ihretwegen Eliza Vorwürfe:
»Wie kommst Du nur dazu, Mama, solche Weiber ins Haus zu nehmen? Die ganze Stadt weiß doch, wie sie's treibt. Dein Haus ist bald so verrufen wie ein regelrechtes Schnepfennest, das kannst Du mir glauben.«
Eliza, geärgert, schürzte die Lippe:
»Wieso? Das geht mich doch gar nichts an? Ich gebe nicht darauf acht. Ich trage meinen Kopf hoch und kann jedermann ins Auge sehn. Aber ich verkehre wenigstens nicht mit solchen Leuten.«
Ihre alten Schulfreundinnen – die fleißige Teeny Duncan, die stillvergnügte, ernsthafte Gertrude Brown, die Lehrerstochter Genevieve Pratt mit dem einfachen, gutmütigen Gesicht – hatte Helene längst aus den Augen verloren. Ihre Gefährtinnen waren nun lebhafter, vulgärer, jünger: Grace Deshaye, Tochter eines Installateurs, eine stramme, feiste Blondine; Pearl Hines, Tochter eines frommen Baptisten und Sattlers, breit und schwer gebaut mit breitem und schwerem Gesicht und einer mächtigen Singstimme für Ragtimes. Am besten aber stand sie mit Nan Gudger.
Nan Gudger war schlank, munter, äußerst lebhaft. Ihre Taille war so eng, daß ein Mann sie mit beiden Händen umspannen konnte. In der Vertrauensstellung der Buchhalterin einer großen Handelsfirma war sie unfehlbar genau. Von ihrem Gehalt unterstützte sie großzügig ihre Familie. Ihre Mutter hatte einen großen Kropf; Eugen konnte die Alte nicht ansehen, ohne daß er eine Gänsehaut bekam. Ihre Schwester Carry war auf beiden Beinen gelähmt; spindeldürr, mit übertrieben breiten Schultern, humpelte sie auf Krücken im Hause herum. Die beiden Brüder, kräftige Lümmel, 18 und 20 Jahre alt, Nichtstuer von Ruf, hatten immer Messerwunden oder blaue Beulen im Gesicht, Merkzeichen jener männlichen Kämpfe, die in Kneipen und Hurenhäusern ausgefochten werden.
Die Familie bewohnte ein zweistöckiges baufälliges Holzhaus an der Clingman Street. Die Frauen arbeiteten fleißig, um die jungen Männer zu ernähren. Eugen kam oft mit Helene ins Haus. Helene fand das vulgäre, humorvolle, aufgeregte Leben der Gudgers anziehend. Die unverblümten, saftigen Redensarten Carrys machten ihr besonders Spaß.
Am Ersten jedes Monats gaben Nan und Carry ihren Brüdern Taschengeld und dazu eine besondere Summe für einen Besuch im Bordell.
»Oh, das ist doch nicht möglich, Carry, tut Ihr das wirklich?« fragte eifrig-ungläubig Helene.
»Aber sicher, mein Honig!« bestätigte Carry. »Sie brauchen das für die Gesundheit.«
»Nein, wirklich nicht! Es ist Spaß«, lachte Helene.
»Ach du lieber Gott, weißt Du Kindskopf denn das nicht einmal?« Carry spuckte ins Feuer. »Das tut den Bengeln gut. Sonst werden sie krank.«
Eugen war im Bilde. Er rutschte auf dem Boden vor Lachen. Er verstand den Humor der Lage. Zwei Frauen gaben im abergläubischen Interesse der Wohlfahrt und der Gesundheit Geld her … zwei junge nikotinstinkende haarige Lauserte gingen dafür huren.
»Was gibt's denn da zu lachen, Du Gelbschnabel!« sagte Carry und stach ihn mit der Krücke in die Rippen. »Du bist ja noch nicht trocken hinter den Ohren.«
Carry hatte die leidenschaftliche Wildheit der Leute aus dem Gebirg. Verkrüppelt wie sie war, atmete sie die hitzige Lust ihrer Brüder ein. Stumpfe, rohe, unwissende, gutmütige, mörderische Menschen. Nan aber war untadlig, hatte feine Manieren, trat anständig auf. Sie hatte dicke, schwulstige Lippen wie ein Neger, ein herzhaftes tropisches Lachen. Sie ersetzte die hinfälligen Möbel des Hauses mit neuer standardisierter Ware; hochpolierten Tischen und Stühlen, die aus den Fabriken in Grand Rapids in Michigan kamen. Im Wohnzimmer stand ein neues Büchergestell; es war immer abgeschlossen; hinter den Glasscheiben träumten ungelesen die Klassiker in der Harvardausgabe und ein billiges Konversationslexikon.
Als Mistress Selborne zum erstenmal aus dem heißen Süden nach Dixieland kam, war sie erst dreiundzwanzig, sah aber älter aus. Alles an ihr war Reife. Sie war eine hochgewachsene üppige Blondine, wohlgepflegt und elegant. Sie hatte müßig-träge Bewegungen und einen sinnlich-wogenden Gang. Ihr Lachen war zärtlich und voll Verführung. Ihre Stimme klang sinnlich beschwingend, voll, weich, verlockend, angenehm. Ihr dunkles, reiches, melodisches Lachen sprudelte von mitternächtlicher Heimlichkeit. Sie stammte aus einer altvornehmen, aber verarmten Familie aus Süd-Carolina. Mit sechzehn Jahren hatte sie geheiratet. Ihr schwerfälliger Gatte saß stillschweigend an ihrer unvergleichlichen Tafel, aß schnell, murmelte bestenfalls ein paar Worte, wenn es nicht anders ging, und verzog sich dann wieder ins Büro, wo es nach Pferden und Sattelleder roch. Er war Besitzer eines Mietstalls. Sie hatte zwei Kinder von ihm, beides Mädchen. Verstohlen – unnötigerweise verstohlen – bewegte sie sich in der leisen verleumderischen Luft des Industrienests, beging vorsichtig Ehebruch mit dem Besitzer einer Baumwollspinnerei, einem Bankier, einem Holzgroßhändler. Mit ihrem zärtlichen, blonden Lächeln schritt sie behutsam an dem schlauen Lächeln der Bürger vorbei, wohl wissend, daß ihr Ruf ihr längst den Boden unter den Füßen entzogen hatte, daß ihr Name bei Kaufleuten und Angestellten mit einem eindeutigen Grinsen und Zwinkern genannt wurde. In Gesellschaft bezeigten ihr die Herren eine noch ausgesuchtere Höflichkeit, als sie sonst in den Südstaaten Damen gegenüber üblich ist, aber hinter der öligen Verbindlichkeit der Masken glänzten die Augen ihr Einladungen zu.
Als Eugen sie zum erstenmal sah und sich ihrer bewußt wurde, spürte er sofort, daß diese Frau nie mit Männern erwischt, immer aber von Männern erkannt werden würde. Er liebte sie verzweifelt. Sie war das lebende Symbol seiner Sehnsucht: die riesenhafte, mythische Gestalt der Liebenden und Mutter, alterslos und ewig herbstlich, die Immer-Wartende, die Weizenhaarige, die Großbrüstige, die Blondgliedrige, die in den Feldern der Ernte geht … Ceres und Helena war sie, reife, unerschöpfliche, verjüngende Kraft, die dunkle Amme, die allen Trübsinn, alle Entzauberung einlullt … Der Frühling, das scharfe Messer, hatte Eugen durchbohrt. Mädchen lachten im Dunkel. Die heftigen Erwartungen der Jugend drängten. Unlöschbar brannte das Verlangen in ihm. Etwas entschied ihn stets für ältere Frauen.
Als Mistress Selborne zum erstenmal nach Dixieland kam, zählte ihre älteste Tochter sieben Jahre; die jüngste war fünf. Jede Woche empfing sie einen kleinen Scheck von ihrem Gatten und einen ansehnlichen von dem Holzgroßhändler. Sie hatte eine schwarze Dienerin mitgebracht. Sie war großzügig und offenhändig zu der Negerin und zu den Töchtern. Dieses Verschwenden aus selbstverständlicher Fülle faszinierte Helene, zog sie zu der älteren Frau.
Und nachts horchte Eugen auf die süße leise Stimme dieser Frau. Er vernahm die Sinneslockung ihres sprudelnden Lachens, wenn sie auf der dunklen Veranda mit irgendeinem Handlungsreisenden oder einem Kaufmann aus der Stadt saß. Das Blut gerann ihm vor eifersüchtiger Sittlichkeit; er war bitter gekränkt, dachte an ihre kleinen schlafenden Töchter; eine leidenschaftliche Brüderlichkeit für den betrognen Gatten wallte in ihm auf. Er träumte sich in die Rolle des sühnenden Helden, rettete sie in einer Stunde großer Gefahr, machte sie reumütig mit ernsten Vorwürfen, nahm als ein Reiner die Liebe an, die sie ihm bot.
Morgens dann, wenn sie vorüberging, sog er den Saatduft ihres frischgebadeten Leibes ein, spähte verzweifelt in das zärtlich-sinnliche Gesicht; versuchte sich vorzustellen, wie dieses Gesicht, das alles sagte und nichts verriet, im Dunkeln aussehe.
Steve kehrte nach einjähriger Wanderschaft aus New Orleans zurück. Der alte Aufschneider. Dieselbe Weinerlichkeit.
»Ha, ich hab's nicht nötig zu arbeiten«, prahlte er. »Ich bin gescheit und laß andere für mich schuften.« Diese trotzige Bemerkung bezog sich auf seinen Ruf als »Wechselfälscher«. Obschon er nie die Courage gehabt hatte, jemand andern als seinen Vater – und auch diesen nur um den Betrag kleiner Schecks – zu schädigen, hielt er sich für einen großen Schwindler.
Er war jetzt Anfang der Zwanzig, mittelgroß, mit knolligem Gesicht und grauer Haut; er hatte eine angenehme leichte Tenorstimme. Eugen war entsetzt, sooft sein ältester Bruder heimkehrte. Er ekelte sich vor ihm. Die Schwachen und Wehrlosen, also vor allem Eugen und Eliza, hatten am meisten unter Steve zu leiden. Mehr als die Roheit, die Versoffenheit, haßte Eugen das Feige und Verstohlne an ihm, mehr als die Gewalttätigkeit die schlabberigen Versöhnungsszenen.
Immer wieder versuchte Gant, seinen Ältesten ins Brot zu stellen. So schickte er ihn eines Tags auf einen ländlichen Friedhof, um dort ein kleines Grabmonument aufzubauen. Eugen mußte als Handlanger mit. Steve schaffte eine Stunde lang in der brennenden Sonne. Er wurde zusehends mißmutiger. Die Hitze war drückend, das geile Unkraut roch scharf, Steve hatte überhaupt eine unüberwindliche Abneigung gegen Arbeit. Eugen wartete gespannt auf den Ausbruch, der kommen mußte.
»Was stehst Du da rum«, heulte der große Bruder auf und schlug den Kleinen mit einem schweren Schraubenschlüssel aufs Schienbein. Eugen taumelte vor Schmerz zu Boden. Augenblicklich war Steve wie verwandelt, nicht aus Reue, sondern aus Angst, er könne den Kleinen so schwer verletzt haben, daß die Mißhandlung aufkäme.
»Du hast Dir doch nicht wehgetan, Brüderchen, sag schnell, daß Du Dir nicht wehgetan hast«, fing er mit zitternder Stimme an und tätschelte Eugen mit seinen unreinen gelben Händen. Und dann folgte eine der weinerlichen Versöhnungsszenen, die Eugen so entsetzlich waren. Steve flennte, blies Eugen seinen faulen Atem ins Gesicht, bettelte, flehte ihn an, zu Hause nichts von der Roheit zu sagen. Eugen erbrach sich heftig, der ranzige Körpergeruch Steves, sein klebriger, ungesunder Schweiß, der Nikotingestank der braungefleckten Hände machten ihm übel.
Aber die Art, wie Steve den Kopf trug, etwas in seinem herausfordernden Schlenkergang beschworen das Gespenst seiner zerstörten Jungenhaftigkeit. Manchen Frauen gefiel er. Er hatte Glück, insofern er es fertigbrachte, daß Mistress Selborne während ihres ersten Sommers in Dixieland seine Geliebte wurde. Nachts flatterte ihr volles beschwingtes Lachen von der Veranda ins Dunkel, sie streifte mit Steve durch die Straßen, sie gingen zum Vergnügungspark in Riverside und über die grellen Lichter des Rummelplatzes hinaus auf den dunkeln, sandigen Pfaden am Fluß.
Als sie sich dann mehr und mehr mit Helene befreundete und den Abscheu der Familie vor Steve gewahr wurde, als sie einzusehen begann, wie sehr sie ihrem Ruf geschadet hatte durch die Beziehung mit diesem Prahlhans, der ihren Namen in allen Kneipen ausquatschte, um sich seiner Eroberung zu rühmen, ließ sie ihn mit stillschweigender, zärtlicher Unabänderlichkeit fallen. Wenn sie nun, Sommer um Sommer, wiederkam, begegnete sie ihm kühl mit einem unschuldigen, unwissenden Lächeln, überhörte seine unzüchtigen Anspielungen und seine plumpen Drohungen, die bittern Offenbarungen, die er hinter ihrem Rücken machte. Ihre Zuneigung zu Helene war echt; sie wußte jedoch gut, daß sie strategischen Nutzen aus der Freundschaft zog. Helene machte sie mit gutaussehenden jungen Männern bekannt, gab ihr zu Ehren in Gants Haus oder in Dixieland Einladungen und Tanzpartien, half ihr in allen Intrigen, sorgte dafür, daß sich die Dinge im Privaten, in der Stille, im Dunkel abspielen konnten. Gereizt verteidigte sie die Freundin, als die üble Nachrede begann.
»Was wissen Sie über ihr Tun und Lassen? Überhaupt nichts. Ich rate Ihnen, nehmen Sie sich mit diesem Gerede in acht. Alles mißgünstiger Klatsch. Außerdem hat sie einen Gatten, der sie in Schutz nehmen wird. Eines Tags jagt der Ihnen 'ne Kugel durch den Kopf und dann …«
Oder etwas vorsichtiger: »Na also, ich schere mich nicht um das Geschwätz. Mir gefällt sie sehr, ich mag sie. Sie ist eine süße Person. Und letzten Endes, was weiß man denn für sicher? Nichts. Was kann man ihr nachweisen? Nicht das geringste!«
Im Winter machte Helene nur kurze Besuche bei Mistress Selborne. Begeistert kam sie aus Süd-Carolina zurück, schwärmte von ihrem Empfang, den Partien, die die Freundin ihr zu Ehren gegeben hatte, dem Essen, der großartigen Gastfreundschaft. Mistress Selborne lebte in derselben Stadt wie Joe Gambell, Daisys Verlobter. Der kleine Angestellte erging sich in vielsagenden Anspielungen über die Dame, ihr gegenüber aber benahm er sich höchst unterwürfig, verwirrt und sehr ergeben. Nach seiner Verheiratung nahm er ohne Einwand die Geschenke, Kleider und Lebensmittel an, die sie ihm ins Haus schickte.
Daisy heiratete im Sommer, nachdem Eliza Dixieland erworben hatte. Die Hochzeit war im Juni. Sie fand im großen Speisesaal der Pension in großem Stile statt. Gant und seine zwei Ältesten standen belämmert und grinsend in ihren ungewohnten Smokinganzügen herum. Die Pentlands, eine Sippe, die stets an Hochzeiten und Begräbnissen teilnimmt, schickten Geschenke und kamen. Will und Pett schenkten ein schweres Tranchierbesteck.
»Ich hoffe doch, daß Ihr immer was zum Zerlegen auf dem Tisch haben werdet«, sagte Will, tranchierte einen Braten in der Luft und zwinkerte Joe Gambell zu.
Eugen erinnerte sich an Wochen irrsinniger Vorbereitungen; unendliche Kleideranproben, an Daisy, die vor Hysterie ihre Fingernägel anstarrte, bis sie blau wurden. Schließlich kam der Glanz der letzten beiden Tage. Die Geschenke liefen ein, das Haus war ungemein festlich mit Teppichen und Blumen. Der Speisesaal war voll von Menschen, der presbyterianische Geistliche predigte eine geraume Weile, der große Moment war da: die Musik blies einen Tusch und der kleine Angestellte im Kramwarenvertrieb bekam die Braut. Dann wieder Verwirrung, Glückwünsche, Hysterie. Daisy lag schluchzend in den Armen einer entfernten Kusine, Berti Pentland, die mit ihrem Gatten, dem Inhaber einer Lebensmittelfirma mit vielen Filialen, aus einer Stadt in Süd-Carolina zur Feier gekommen war. Diese beiden hatten viele Geschenke gebracht und als etwas Besondres eine Riesenwassermelone. Beths Freude wurde nachträglich verdorben; sie fand heraus, daß sie das Kleid, an dem sie Wochen im voraus gearbeitet hatte, in der Aufregung verkehrt herum angezogen hatte.
Daisy verschwand nun fast ganz aus Eugens Leben. Er sah sie in den folgenden Jahren auf kurzen, immer seltner werdenden Besuchen. Der kleine Angestellte im Kramwarenvertrieb hatte sich zu der einzigen gewagten Gebärde seines ganzen Lebens aufgerafft. Er verließ seine baumwollstaubige Vaterstadt, verzichtete auf die langen trägen Geschäftsstunden im Krämereivertrieb, auf den gemütlichen Tratsch mit Baumwollfarmern und Stadtleuten, den er von Kind auf so gern hatte. Er nahm eine Anstellung als Handlungsreisender in der Lebensmittelproduktenbranche an. Sein Standort war die Stadt Augusta im Staate Georgia. Sein Arbeitsgebiet erstreckte sich weit in den Süden bis an die mexikanische Grenze. Diese Entwurzelung aus angestammtem Nährboden, dies Abenteuer in Neuland, diese Bereitschaft, es wirtschaftlich und gesellschaftlich vorwärts zu bringen, war Joe Gambells Hochzeitsgeschenk für Daisy … ein sehr kühnes Unterfangen, das allerdings schon von Anfang an gefährdet war durch Selbstmißtrauen und abergläubische Angst vor neuer Umgebung.
»Eine Stadt wie Henderson gibt es auf der Welt nicht noch mal«, behauptete er stumpf von jener aus rotem Backstein, Unwissenheit, Verleumdungssucht und Staub bestehenden Zuflucht, in deren Strahlungskreis er herangewachsen war.
Trotzdem verließ er Henderson und ging nach Augusta, wo er mit Daisy sein neues Leben in einem Lodging House begann. Sie war ein schlankes, leicht errötendes Mädchen, das gewissenhaft und akademisch schön, mit einem reißerischen Anschlag, aber völlig phantasielos Klavier spielte. Eugen konnte sich nie gut an sie entsinnen.
Im Frühherbst des Hochzeitsjahres unternahm Gant eine Reise nach Augusta und nahm Eugen mit. Die beiden waren höchst aufgeregt und gespannt. Auf dem verschlafnen Umsteigebahnhof Spartanburg mußten sie lange warten; dann rollten sie in den abgenutzten Wagen der Nebenlinie, die nach Augusta führt, durch die ausgetrocknete Gegend. Pinienwälder lagen am Fuß der Berge. Alles und jedes in der Landschaft tranken sie mit durstigen Augen ein. Gants Wanderseligkeit war mächtig erwacht. Für Eugen war das Reisen etwas Neues; die Fahrt nach St. Louis war ihm längst zur blassen Unwirklichkeit geworden. Eine Vision, ein herrliches vorgefaßtes Bild des üppigen Südens, brannte in ihm seltsamer noch als das Phantasieheimweh nach dem unbekannten hohen Norden, nach dessen strengen Wintern, Stürmen und Dunkelheiten er sich oft mit jener Leidenschaft sehnte, die vielleicht nur der Südländer kennt. Echten Winter gab es in Altamont nicht; der Schnee trieb ins Gebirg, blieb ein paar Tage liegen, und man mußte die Gelegenheit zum Eislaufen und Schlittenfahren beim Schopf packen, ehe es dazu zu spät war.
So kam es denn, daß Eugen die Stadt Augusta nicht in den Farbtönen der schnöden Wirklichkeit sah, sondern wie einer, dem sich ein Fenster ins Feenland auftut, wie einer, der ein Leben im Gefängnis gelebt hat und freigelassen die Erde und das Leben im rosenen Sonnenaufgangslicht erblickt, wie einer, der im fabulösen Bilderreich von Büchern gelebt hat, eine Reise tut und die Fortsetzung und Wahrwerdung dieser Fabelwelt erlebt. Mit frischen, klaren Kinderaugen sah er eine traumhafte Verzauberung.
Sie blieben zwei Wochen. Im Gedächtnis bewahrte er vor allem die braunen Hochwasserspuren an den Häusern, denn die Stadt hatte kürzlich eine Überschwemmung überstanden, und die Flut war bis über die Erdgeschosse gestiegen. Dann: die breite Hauptstraße; eine würzig duftende Drogerie mit einer leuchtenden Sodafontäne war dort. Dann: die Hügel und Felder um Aiken in Süd-Carolina, wo er umsonst nach John D. Rockefeller suchte, einem legendären Prinzen, der dem Hörensagen nach dort Sport trieb, und wo er sich wunderte, daß zwei Staaten ohne sichtbare Zeichen oder natürliche Trennungslinien aneinandergrenzen können. Schließlich die Engreniermaschine, wo er zusah, wie riesenhafte, unförmige Baumwollballen säuberlich in halb so große Würfel zusammengepreßt wurden.
Einmal hatten ihn ein paar Kinder auf der Straße wegen seiner langen Locken verhöhnt; in einem Wutausbruch hatte er sie maßlos und glorreich beschimpft. Einmal hatte er sich über seine Schwester geärgert Und war in seinem Jähzorn kurzerhand davongerannt. Er lief stundenlang einer Landstraße am Flußufer und durch Baumwollfelder nach, ins Abenteuer hinein. Gant holte ihn auf einem geliehenen Wagen ein.
Sie gingen ins Theater; es war eines der ersten Stücke, die er sah, ein biblischer Stoff: die Geschichte von Saul und Jonathan. Von Szene zu Szene flüsterte er Gant die Ereignisse, die da eintreten würden, ins Ohr, eine Vorsichtsmaßnahme, die den Alten höchlich belustigte, denn er erzählte monatelang davon.
Kurz ehe sie nach Hause abreisten, gab Joe Gambell in einem Anfall von Mißlaune seine Stellung auf und kündigte seine bevorstehende Rückkehr nach Henderson an. Sein Abenteuer hatte genau drei Monate gedauert.
XIII
In den folgenden Jahren, bis er elf oder zwölf Jahre alt war und nicht mehr auf eine Kinderfahrkarte mitgenommen werden konnte, reiste Eugen mit Eliza in den reichen, geheimnisvollen Süden. Eliza wurde während ihres ersten Winters in Dixieland von schwerem Rheumatismus befallen; ihr Körper war aufgedunsen, der Doktor diagnostizierte ein Nierenleiden. So begann sie – auf der Suche nach Gesundheit und unklar auch auf der Suche nach Reichtum – ausgedehnte, wenn auch keineswegs großzügige Reisen nach Florida und Arkansas zu machen.
Sie äußerte sich stets sehr hoffnungsvoll über die Möglichkeit, in einem tropischen Winterkurort ein zweites Boardinghouse aufzumachen und so im Sommer ihr Haus in Altamont, im Winter das im warmen Süden zu führen. Im Winter vermietete sie nun Dixieland auf ein paar Monate, manchmal auch auf ein Jahr, obschon sie alsdann keineswegs daran dachte, sich die einträgliche Kursaison im Sommer entgehen zu lassen. Sie vermietete, mehr oder weniger absichtlich, an unerfahrene Frauen, die sich abenteuernd im Geschäft der Pensionsinhaberin versuchten, für ein oder zwei Monate im voraus bezahlten, aber weder Mittel noch Ausdauer hatten, ein Unternehmen wie Dixieland außerhalb der Kurzeit länger zu halten. Wenn Eliza dann von ihrer Reise zurückkehrte, war entweder ein fälliger Termin nicht erledigt oder irgendein andrer Punkt im Kontrakt nicht eingehalten worden. Sie rückte triumphierend in die Schlacht, erzwang den Eintritt in die Burg mit Hilfe von Polizisten, Detektiven, mit Befugnissen, Vollmachten, Vorladungen und all der anderen schweren Artillerie juristischer Kriegführung und riß rachsüchtig ihr Vermögen wieder an sich.
Ihre Reiseziele lagen stets im Süden. Den Norden hielt sie, obschon sie ihn öfters zu erkunden drohte, für verdächtig. Nicht etwa, daß sie wegen des verjährten Bürgerkriegs gegen Land und Leute dort eine feindselige Gesinnung hegte, aber sie empfand Furcht, Mißtrauen, Fremdheit: der echte Yankee, der Mensch aus den Nordoststaaten der Union, war ein Ausländer für sie. So reiste sie also in den Süden, in jenen Süden, der wie die dunkle Helena in Eugens Blut brannte, und sie nahm ihn stets mit. Er schlief noch immer in ihrem Bett.
Eugens Gefühl für den Süden galt nicht so sehr dem Historischen. Es war vielmehr Kern und Sehnsucht seiner romantischen Natur. In ihm war jene grenzenlose und unerklärliche Trunkenheit, jener Magnetismus des Blutes, der manche Menschen ins Herz der Hitze und darüber hinaus in die smaragdene Kälte des Südpols treibt, so wie es dem Romantiker Coleridge in dem unvergleichlichen »Rime of the Ancient Mariner« ging, einem Gedicht, über das nichts geht. Diese Sehnsucht nach dem Süden wurde fraglos gesteigert durch das, was er gelesen und geträumt hatte. Dazu kam, daß der Geschichtsunterricht in der Schule eine Gloriole um die Gegend wob: da hörte er von dem »guten alten Süden« in jenen »guten alten Zeiten«, wo Leute noch in sogenannten »Herrenhäusern« wohnten, wo die Sklaverei eine von dauerndem Banjogestrumm und Schiebetänzen begleitete Wohlfahrtseinrichtung war, wo alle weißen Frauen rein, adlig und schön und alle weißen Männer kühne, todverachtende Kavaliere waren. Jahre später, als Eugen längst mit Widerwillen an diesen billigen Schwindel dachte, tat er immer noch so, als sei er dem Süden fanatisch ergeben, und entschuldigte die Tatsache, daß er in den Nordstaaten wohnte, mit Gründen der Notwendigkeit. Schließlich fiel ihm bei, daß er der Gegend und den Leuten dort nichts schuldig sei, daß er die ganze leidige Mythe zum Teufel wünschen könne – und das tat er denn auch.
Nun aber reichte sein Leben an ein fabelhaftes, einsames Wunder, in die Verzauberung, die nur durch Elizas geizige Gewohnheiten, ihren Mangel an Großartigkeit in einer großartigen Welt, unterbrochen wurde. Sie nahmen Mahlzeiten von mürben Brötchen und Butter und Milch in trüben Restaurants; im Speisewagen packten sie mitgebrachte Butterbrote aus einer Schuhschachtel, sobald Eliza nach einem langwierigen Studium der Karte schließlich Kaffee bestellt hatte. Beinah überall, wo sie abstiegen, gab es Schwierigkeiten wegen des Preises und Streit wegen der Rechnung. Wenn der Fahrkartenkontrolleur kam, hieß sie ihn sich zusammenzu»hutzeln«, damit seine Berechtigung auf eine halbe Fahrkarte nicht angezweifelt würde, denn Eugen war ein hochaufgeschoßner Junge.
Auf die Herbstfahrt mit Gant nach Augusta folgte eine Winterreise mit Eliza nach Florida. Sie gingen zuerst nach Tampa, dann ein paar Tage später nach Saint Petersburg. Er watete durch den tiefen losen Sand der Straßen, saß und fischte mit munteren alten Männern am Ende des langen Piers, verschlang eine ganze Menge von 10-Cent-Räuber-Schinken, die er in einer Kiste in den möblierten Zimmern, die Eliza in einem Privathaus gemietet hatte, fand. Sie reisten ganz plötzlich ab. Es gab Krach mit dem alten Kavalier, der ihnen die Zimmer vermietet hatte und sich nun um sein Haupteinkommen für die Saison geprellt sah. Sie fuhren eiligst nach Süd-Carolina, auf eine hysterische Depesche Daisys hin, die ihrer Mama ein »Komme bitte sofort« gedrahtet hatte. Sie kamen in der trüben Kleinstadt an, es war spät im März, man blieb mit den Schuhen im lehmigen Gassenkot stecken, es regnete unausgesetzt. Daisys erstes Kind, ein Junge, war am Tage zuvor geboren worden. Eliza hielt die Unterbrechung ihrer Erholung für überflüssig und unnütz, war verärgert; zwei oder drei Tage nach der Ankunft zerstritt sie sich mit der Tochter und fuhr heim nach Altamont. Bei ihrer Abreise erklärte sie – Daisy applaudierte den Vorsatz mit Ironie –, sie würde nie wieder zu Daisy zu Besuch kommen. Aber sie hielt nicht Wort.
Im nächsten Winter fuhren sie um die Fastnacht nach New Orleans. Eugen erinnerte sich an die großen Zisternen, die im Garten hinter dem Haus seiner Tante Mary voll mit Regenwässer standen; an das Schnarchen der Tante, von dem nachts die Fenster schepperten; und an den Mardi Gras. Der große Karnevalszug kam durch die Canal Street mit geschmückten, hochaufgestockten Narrenkutschen; die Schönen lächelten; Gruppen in grotesken und phantastischen Masken marschierten lärmend vorbei. Und wieder sah Eugen Schiffe vor Anker; die hohen Kiele ragten über die Hafenmauer am Ende der Canal Street. Auf dem Friedhof waren die Grabhügel über der Erde angelegt, weil – wie Gants Neffe Olly erklärte – »das Grundwasser für die Leichen nicht gut ist«.
Und er erinnerte sich an die Gerüche auf dem alten französischen Markt, an den Duft des starken Kaffees, den er dort trank, und an die völlig ungewohnte Sonntagsheiterkeit der Stadt: offne Theater, Gehämmer und Gesäge aus den Werkstätten, Menschen in lustiger Stimmung auf der Straße. Er besuchte die Boyles, Stammgäste in Dixieland, die im alten französischen Viertel wohnten. Er schlief mit Frank Boyle in einem dunklen, von Kerzen matterleuchteten Saal. Die Boyles hatten als Köchin eine steinalte Negerin, die nur Französisch konnte; morgens kam sie vom Markt mit einem großen Korb voll Gemüsen, Südfrüchten, Geflügel, Fleisch. Sie bereitete fremde Gerichte von ungekannter Köstlichkeit: schweren Gumbo, garnierte Beefsteaks, Geflügel in würzigen Tunken.
Und er blickte auf die ungeheure gelbe Schlange des Mississippi. Er träumte von den langen Ufern dieses »Vaters der Ströme«, von den unzähligen, tropisch umwucherten Flüssen, die ihn speisen, von dem merkwürdigen Leben auf den Plantagen und in den Zuckerrohrbrüchen, von Uferlandschaften im Mondlicht. Er sah Neger im Dunkel auf den Deichen tanzen, sah die langsamen Lichter der goldverstuckten Flußdampfer, Frauen an Deck mit schwarzen Haaren und duftender Haut; er hörte das geisterhafte Echo der Musik klingen unter den tief ins Wasser hängenden phantomischen Uferbäumen.
Sie waren erst kürze Zeit von dieser Reise zurück, als Eugen eines Nachts, als er im Hause seines Vaters schlief, durch furchtbare Schreie Gants geweckt wurde. Gant hatte seit Tagen maßlos gesoffen. Eugen hatte ihn selbst am Abend mit Jannadeaus und eines Negerkutschers Hilfe heimgebracht. Nach der üblichen Bändigung des wahnsinnig Betrunknen, dem Suppeessen und dem Entkleiden erschien Doktor McGuire, gab Gant eine Spritze in den sehnigen Arm, ließ Schlafpulver zurück und ging. Helene war völlig erschöpft; auch Gant war am Ende seiner Kräfte. Ein schmerzhafter Rheumatismus fiel ihn an, die Anfälle wiederholten sich zweimal in der Nacht.
Nun erwachte er in der Dunkelheit, schrie vor Entsetzen, vor wahnsinnigen, niegekannten Schmerzen. Seine ganze rechte Körperhälfte war gelähmt. Abwechselnd flehte er Gott an und verfluchte ihn. Es bestand die Gefahr, daß die rheumatische Entzündung sich aufs Herz schlüge. Tagelang betreuten Arzt und Pflegerin den Kranken, der sich vor Schmerz bog, krümmte, wand. Als er soweit hergestellt war, daß er reisen konnte, fuhr er unter Helenes Obhut nach Hot Springs. Wie eine Wilde trieb die Tochter alle andere Hilfe von der Seite des Kranken, sie wich nicht von ihm, schenkte ihm jeden Augenblick ihrer Zeit. Sie blieben sechs Wochen weg. Ab und zu kamen Postkarten und Briefe, berichtend von einem Leben in Hotels, Mineralbädern, Krankheit, Lähmungserscheinungen, von dem Sport, den vornehme Reiche dort im Kurort trieben. Als Gant zurückkam, konnte er wieder gehn, aber seine rechte Hand, steif und krumm nun, war für dauernd gelähmt. Er konnte die Finger nie mehr schließen. Sein Auftreten war ernüchtert und zahm; Angst, ein gewisses Entsetzen glomm in seinen Augen.
Die Zusammengehörigkeit von Vater und Tochter aber war endgültig besiegelt. Vor Gant lag, er ahnte es selbst, eine Straße der Schmerzen, die in den Tod führte. Aber jeden Schritt dieses Weges, den er gebrochen, von seinen großen Kräften verlassen, ging, ging sie mit ihm und knüpfte so das Band, das sie zusammenhielt, über das Leben, über den Tod, über alles Gedenken hinaus, fest.
»Ich wäre gestorben, wenn ich sie nicht hätte«, behauptete er immer wieder von Helene und prahlte unaufhörlich mit ihrer Ergebenheit und Treue, mit den Kosten der Kur, den Hotels, von dem Reichtum und den feinen Leuten, die sie zusammen gesehen hatten.
Und während die Legende von Helenes Ergebenheit von Tag zu Tag wuchs, während Gants Abhängigkeit von ihr zunahm und stets laut verkündigt wurde, schürzte Eliza immer gedankenvoller die Lippe, weinte manchmal in das brutzelnde Fett der Bratpfanne, lächelte dann wieder unter der breitangesetzten roten Nase, ein zuckendes, bittres, furchtbar gekränktes Lächeln.
»Ich werd's ihnen zeigen«, flennte sie, »ich werd's ihnen zeigen«, und kratzte sich gedankenvoll einen hochroten juckenden Flecken auf dem linken Handrücken, ein Ekzem, das in diesem Jahr dort ausgeschlagen war.
Im folgenden Winter ging auch sie nach Hot Springs. Sie unterbrachen auf zwei Tage in Memphis, wo Steve gerade in einer Farbenhandlung arbeitete. Er ging mit Eugen in der Stadt spazieren, schlüpfte ab und zu in eine Bar an der Straßenecke, um »'nen Augenblick 'nen Bekannten zu sprechen«. Der Bekannte hatte die Eigenschaft – so schien es Eugen –, Steves Gang noch schlenkriger und herausfordernder zu machen.
Eugen fuhr verschlafen auf, als der Zug über den Fluß nach Arkansas hinüberfuhr. Dann sah er verschwommen armselige Häuser auf den dunklen, malariaverseuchten Feldern.
In Hot Springs schickte ihn Eliza gleich in die Schule. Mit einem kühnen Satz sprang er in die bestürzende neue Welt. Seine Leistungen waren glänzend und erwarben ihm die Gunst der jungen Klassenlehrerin, aber die feindselige Bande der Mitschüler ließ den Fremdling bitter büßen. Eh noch ein Monat vergangen war, hatte er schwer für seine Unkenntnis ihrer Gebräuche gezahlt.
Eliza kochte sich täglich in den Bädern aus. Manchmal begleitete er sie. Trunken von Unabhängigkeit verließ er sie und schritt in die Männerabteilung. Er entkleidete sich, ging in den mit Liegegelegenheiten ausgestatteten Heißluftraum, schloß sich in der Dampfzelle ein, wo er in der Schweißlache, die sich zu seinen Füßen bildete, sich aufzulösen glaubte. Mit zitternden Knien kam er wieder heraus und ließ sich von einem mächtigen grinsenden Negermasseur rollen und kneten. Später lag er glorreich, ein Mann unter Männern, im Nachschwitzraum. Sie unterhielten sich von Liege zu Liege oder trugen ihre prallen Bäuche auf und ab, die Lenden keusch mit einem Badetuch gegürtet. Da waren malariakranke Männer von Mississippi; Alkoholiker mit schweren Augensäcken, Spieler mit puterroten Gesichtern; zusammengebrochne Boxer. Dampf und Männerschweiß; Eugen roch das gern zusammen.
Eliza sorgte dafür, daß er nicht müßig gehe. Sie schickte ihn mit der Saturday Evening Post auf die Straßen. »Es schadet Dir nichts, wenn Du nach der Schule ein bißchen leichte Arbeit tust«, sagte sie zu ihm, als er mit der vollgestopften Tasche abschob.
»Trag den Kopf hoch, Junge!« rief sie ihm nach. »Geh gerade, daß die Leute denken, daß Du wer bist!«
Sie hatte ihm einen Stoß gedruckter Karten mitgegeben, auf denen stand:
Verbringen Sie den Sommer in
Dixiland
im schönen Altamont
der Perle der amerikanischen Schweiz
Zivile Preise. Für Touristen. Für Dauergäste
Man wende sich an die Besitzerin
Eliza M. Gant
»Wenn wir leben wollen. Junge, dann müssen wir ein wenig Kundschaft zusammentrommeln, und Du mußt mir helfen«, bemerkte sie mit jener lippenschürzenden, mundverzognen Scherzhaftigkeit, die ihm so entsetzlich wehtat, weil er spürte, daß sie die augenscheinliche Maske einer noch augenscheinlicheren Unaufrichtigkeit war.
Das Herz krampfte sich ihm zusammen, als er schließlich einsah, daß er sich wie ein zahmer, abgehärteter Dickhäuter in Elizas Welt ausnahm. Er »trug den Kopf hoch«, er bemühte sich, den Eindruck zu schinden, daß er »wer« wäre, überreichte die Empfehlungskarte und schilderte auf Befragen die Freuden des Lebens in Altamont und die Annehmlichkeit der Unterkunft in Dixieland. Er ergriff jede Gelegenheit, um »Kundschaft zusammenzutrommeln«. Er haßte Berufsjargon; Eliza, die ihn seit langem angenommen hatte, drückte sich mit Vorliebe darin aus. Sie schmatzte mit den Lippen, wenn sie »Dauergäste« oder »Kundschaft zusammentrommeln« aussprach. Genau wie Gant war auch Eugen im stillen entsetzt, daß man für Geld das Brot auf seinem Tisch, den Schutz seiner Vierwände an den Gast, den Fremden, den unbekannten Freund aus der Welt, an den Siechen, den Lebensmüden, den Einsamen, den Zerbrochenen, den Schuft, die Hure, den Narren verkaufen könne.
Sein Blick war an die fernen blauen Berge der Ozarks verloren. Er ging die gebirgige Central Avenue hinauf, zu beiden Seiten ragten Berge. Berge, die für ihn die Grenze der Bezauberung, die nahe Pforte in ein zeitloses, unaufhörliches Feenland waren. Er trank vom Wasser der kochenden Brunnen in der Hoffnung, sich von allem Makel reinzuwaschen. Ein Traum, den er sein Leben lang träumen sollte, der Traum vom Jungbrunnen fing in ihm an. Er badete bis zum Hals im heilsamen Schlamm, der jeden Tropfen verderbten Bluts aus den Adern ziehen und dem Menschen wieder das Gewebe eines vollkommenen, reinen Geschöpfes verleihen soll.
Und stundenlang starrte er in die Eingangshallen der großen modischen Hotels, starrte er auf die Beine der Damen auf den Veranden, beobachtete er die Großen des Landes bei ihrer Erholung. Er bedachte – und das Herz klopfte ihm vor Staunen und Wundern –, daß er Gestalten aus Gesellschaftsromanen vor sich habe, die hier statt auf dem Papier in Fleisch und Blut ihr göttergleiches Leben führten. Er empfand die tiefste Ehrfurcht vor der großen Welt jener Bücher, besonders der englischen: Da liebten die feinen Leute, aber im Gegensatz zu den gewöhnlichen Sterblichen liebten sie elegant; ihre Redeweise war subtil, exquisit, delikat; selbst in ihren Leidenschaften bezeigten sie nie grobe Gelüste oder heftigen Hunger; sie waren völlig außerstand niedrig zu denken, fleischliche Gier zu empfinden. Wenn Eugen die schönen Schenkel einer vorbeireitenden Dame sah, dann wunderte er sich, ob sie wohl der gute Geruch des Pferds, der warme wogende Rücken des Tiers begeistern und beschwingen könne; er fragte sich, wie so eine Dame lieben würde. Die dickaufgetragne Eleganz ihres Gehabens in den Romanen beeindruckte ihn sehr; er glaubte, daß in jener Welt Frauen mit Glacehandschuhen und schlagfertigen feinsinnigen Geistreicheleien verführt würden. Solche Gedanken erfüllten ihn mit Scham über seine eigne Niedrigkeit. Er stellte sich vor, daß die feinen Leute jenseits der Naturgesetze liebten, daß sie die Wollust der Tiere und der gemeinen Menschen schon bei der elektrisierenden Fingerberührung, dem zuckenden Aufblick der Augen, bei ein paar erregenden Worten empfänden.
Und wenn diese Leute ihm ins traumverlorne Gesicht sahen – dies Gesicht, das nun, nachdem die Locken gefallen waren, noch fremder war als zuvor –, da kauften sie von ihm und zahlten das Vielfache des Preises mit der lässigen Bußfertigkeit von Verschwendern.
In den Fenstern der Restaurants schwammen große Fische in Glaskästen; Aale rollten sich schlangenhaft, weißbäuchige, große Forellen drehten sich, ließen sich sinken. Eugen träumte von unbekannten üppigen Mählern an den Tischen dieser Gaststätten.
Manchmal kamen Männer mit fischbeladnen Wagen von dem großen Fluß herüber. Da fragte er sich, ob er wohl je diesen Fluß, den Missouri, sehen würde. Was hier nah und unerkundet in der Gegend lag, erfüllte ihn mit Sehnsucht.
Und später wieder! Da reiste er mit Eliza die sandige Küste von Florida entlang, erging sich auf den schmalen Wegen in Saint Augustine, rannte auf dem betonharten Strand von Daytona. In Palm Beach wetzte er einmal über die grünen Rasenplätze vor den Hotels, um Kokosnüsse zu kaufen, die Eliza als Souvenirs nach Altamont mitnehmen wollte; er erstand einen Sack voll, lud ihn sich auf die Schultern und schleppte die Last durch die nicht endenwollenden Gartenrestaurants der »Royal Poinciana« und »Breakers«, Gegenstand des Zorns, des Skandals, des Amüsements für Sklaven und Prinzen. Er streifte auf den breiten, palmschattigen Wegen, die die Halbinseln queren, um am Badestrand die sinnlich gelösten seidigen Frauenbeine und die hageren gebräunten Körper der Männer zu sehen –, und die breitanbrandenden, sich, überstürzenden Wogen, das endlose smaragdgrüne Meer, das aus Muscheln, die sein Vater besaß, in sein Gemüt gerauscht, in seinem Herzen gedröhnt hatte, das er aber bisher nie gesehen hatte. Durch die huschenden Sonnenkringel unter den Palmen, auf den weichen Spazierwegen ließen sich Prinzessinnen und Lords von Negern in Rollstühlen fahren; in den vergitterten Bar-rooms, in denen große Fächer summten, saßen Herren und tranken aus beschlagnen, hochstieligen Kristallgläsern.
Und später wieder! Sie reisten nach Jacksonville und lebten dort ein paar Wochen in der Nähe von Pett und Greeley. Ein kleiner buckliger Mann, der die Harvard-Universität besucht hatte, gab ihm Unterricht. Er aß mit seinem Lehrer in einem Büfettrestaurant; der Lehrer trank Bier und aß Brezeln dazu. Als sie abreisten, weigerte sich Eliza, die bescheidne Summe zu bezahlen, die der Mann für seine Lehrtätigkeit verlangte. Der Bucklige zuckte die Achseln und nahm, was sie ihm anbot. Eugen verrenkte den Hals und hob scharf den Fuß vom Boden, wie jemand, der sich vor plötzlichem Schmerz windet.
So sah er, der aus dem verketteten, vom Himmel gegürteten Gebirg kam, er, dessen Meister die Berge waren, zuerst den fabulösen Süden. Bilder von vorüberwehenden Felsen, Wäldern, Hügeln blieben ihm für immer im Herzen. An die dunkle Landschaft draußen verloren lag er nächtelang auf der Liege im Pullmanwagen und sah, wie das schattende, schemenhafte Land vorüberflog; schlief schließlich ein und erwachte plötzlich, um die kühlen Seen von Florida im Tagesgrauen zu sehn, die dalagen, als hätten sie von Ewigkeit her auf diese Begegnung gewartet. Oder er hörte, als der Zug in den noch dunklen Morgenstunden in Savannah einlief, die ruhigen Stimmen von Männern, die sich auf dem Bahnsteig unterhielten, und die matten Echos der Halle. Oder er sah in der blassen Stunde vor Tagesanbruch gespenstische Wälder, tiefgefurchte Feldwege, eine Kuh, einen Buben, einen Menschen, der in der Tür einer Hütte döste. Er erlebte in diesem einzigen Augenblick der Zeit, was sich alles Leben zu zeugen gemüht hatte, damit es im Fenster des fahrenden Zugs erscheine und vorüber sei.
Der Gemeinschaft aller Dinge auf Erden entsann er sich mit einer sonderlichen Vertrautheit. Er träumte von den stillen Wegen, den monderhellten Wäldern, und er dachte, eines Tags würde er zu Fuß hinkommen und sie dort unverändert, mit all dem Wunder des Wiedererkennens, finden. Sie existierten für ihn von Anfang an und auf immer.
Eugen war fast zwölf Jahre alt.
Zweiter Teil
XIV
Der Pflaumenbaum wiegt sich steif im Winterwind. Seine kleinen Zweige, schwarz und spröde, sind zu tausendmaltausend Eisspeeren gefroren. Wenn's aber lenzt, wird er wieder jung werden. Schwer und geschmeidig wird er sich unter der Last von Blüte und Frucht biegen. Pflaumen werden reifen. Wenn der Wind in den Obsthag fährt, werden die Pflaumen, verzweifelt von den dünnen Stielchen gerüttelt, geborsten auf die mulmige, warmfeuchte Erde fallen. Die Luft wird voll sein vom Laut fallender Pflaumen, die Nacht wird voll sein vom Laut fallender Pflaumen, und ein ganzer Baum voller Vögel wird singen. Ja, von Keimlauten, Blühlauten, vollen, warmkehligen, pflaumenfallenden Vogellauten wird die Luft erfüllt sein.
Die harte Bergscholle ist aufgetaut und locker geworden; weicher, reicher Regen fällt; zarthalmiges, frisches Gras, wie ein dünner Flaum aufgesproßt, bedeckt strichweise das Land.
Meines Bruders Ben Gesicht – dachte Eugen – ist wie aus einem Stück leicht angegilbtem Elfenbein geschnitzt. Seine hohe, weiße Stirn ist kühn und knollig, weil er die Brauen herunterzieht wie ein alter Mann. Sein Mund ist wie ein Messer, sein Lächeln wie ein Lichtschein auf einer Klinge. Sein Gesicht ist wie eine Klinge und wie ein Messer und wie ein flackernder Lichtschein; es ist zärtlich und heftig, es blickt immer so schön finster drein, wenn er Dinge, die er sich einprägen will, anguckt oder sie mit seinen harten weißen Fingern anfaßt. Ganz gesammelt und scharf zieht er die Luft durch die lange spitze Nase. So kommt's, daß Frauen, die ihn ansehn, eine aufwallende Zärtlichkeit für ein spitzes, knolliges, stets finster dreinblickendes Gesicht empfinden. Sein Haar glänzt wie das Haar eines kleinen Jungen, es ist kraus und spröd wie Endiviensalat.
In die aprilnen Vortagstraßen geht Ben. Die Nacht ist hell, von kühlen, zarten Sternen besät. Ben schleicht sich leis aus dem Haus. Sein helles Gesicht steht dunkel unter den Obstbäumen; ein Geruch von Nikotin und Schuhleder kommt zu den jungen Blüten. Ben setzt die Füße einwärts beim Gehen. Sein Tritt hallt wie Musik durch die leeren Straßen. Im Springbrunnen am Stadtplatz schwappt träge das Wasser. Alle Feuerwehrmänner schlafen; aber Big Bill Merrick, der brave Nachtschutzmann mit dem Schweinskopf, lehnt an der Theke in der Frühstücksbar, trinkt Kaffee und ißt Mince-Pie. Der gute, warme Geruch der Druckerschwärze weht in Wolken auf die Straße. Ein Zug, der in den Frühlings-Süden fährt, pfeift lang.
Die Zeitungsträger gehen ins Dunkel, an den kühlen Obstgärten vorbei. Negerinnen dehnen erwachend ihre kupfernen Glieder in den dunklen Verschlagen. Reinlich murmelt der Bach in der Schlucht.
Ein Neuer, Nummer 6, hörte, wie die Buben von Foxie sprachen.
»Wer ist Foxie?« fragte Nummer 6.
»Ein Aufpasser! Gib acht, daß er Dich nicht erwischt, der Bastard!«
»Vorige Woche hat er mich dreimal ertappt, jedesmal im griechischen Lunch-Room. Nicht mal essen können sie einen lassen!«
Nummer 3 dachte an Freitag – er hatte die Route im Negerviertel.
»Wieviele, Nummer 3?«
»162.«
»Wieviele Totenköpfe hast Du darunter?« fragte Mister Randall zynisch. »Hebst Du je das Geld dort ab?« fügte er hinzu, während er im Buch nachschlug.
»Er läßt sich in Poon-Tang bezahlen«, sagte Foxie grinsend. »Eine Woche freie Zustellung für die Dosis.«
»Was willst Du denn überhaupt?« bockte Nummer 3 streitsüchtig auf. »Seit sechs Jahren machst Du Stunk wegen dieser Leute.«
»Mach mit den Niggern, was Du willst«, sagte Mister Randall. »Aber das Geld für die Zeitung muß her.« Randall wandte sich an Ben. »Hör mal, Ben, nächsten Samstag gehst Du mit ihm auf die Route.«
Ben lachte still, zynisch.
»Ach, Du mein Gott!« sagte er. »Ich soll also diesem kleinen Gauner mal auf die Pfoten schauen. Na, ich kann Dir's von vornherein verraten, Randall, er beschummelt Dich seit einem halben Jahr.«
»Schon gut!« sagte Randall verärgert. »Das sollst Du jetzt endgültig klarstellen.«
»Bei Gott«, sagte Ben verächtlich, »dieses Früchtchen hat Nigger auf der Liste, die seit fünf Jahren tot sind. Das hast Du davon, daß Du jeden hergelaufenen kleinen Gauner anstellst.«
»Nummer 3«, sagte Randall, »wenn Du die Sache nicht in Ordnung bringst, dann gebe ich die Route einem andern Buben.«
»Zum Teufel«, maulte Nummer 3, »tun Sie's doch! Mir ist's schnuppe!«
»Um Gottes willen, nun hör Dir das an, bitte«, wandte sich Ben leis lachend an seinen Engel und deutete mit einer Kopfbewegung auf Nummer 3.
»Ja, hör Dir das Ding an, das sag ich auch«, begehrte Nummer 3 rauflustig auf.
»Schon gut, Kleiner, lauf und trag Deine Zeitungen aus, eh Dir was wehtut«, sagte Ben und sah den Buben finster an. »Du Gauner«, bemerkte er angewidert, »ich hab 'nen kleinen Bruder zu Haus, der taugt mehr als sechse von Deiner Sorte.«
Der Frühling lag wie ein Duftschleier auf der Erde. Die Nacht war wie eine kühle Schale, mit fliederfarbnem Dunkel, mit jungem Gartengeruch gefüllt.
Gant schlief schwer. Er schnarchte, daß die Fenster schepperten. Und mit kurzen Explosionsdonnern schickte sich die Kleinbahn Nummer 36 an, die Saluda Avenue hinaufzufahren. Die Lokomotive bockte, die Räder sausten, ohne die Spur zu fassen. Der Maschinist Tom Cline starrte mit ernstem Gesicht hinunter in den milchigen Nebelbrodem der Schlucht und wartete ab. Die Lokomotive lief an, blieb stehen, faßte die Fahrspur und pflügte langsam, wie ein in den Harnisch gesträngtes Maultier, bergan. Zufrieden lehnte sich Tom Cline hinaus und schaute. Das Sternenlicht glomm matt auf den Schienen. Er aß ein dickes, mit kaltem Braten belegtes Butterbrot; er zerriß es mit seinen großen, rußigen Fingern. Ein Geruch von Lorbeer und Hundsholz kam durch die Kühle. Die Anhängewagen klapperten auf dem Geleis. Der Weichensteller, trübe gebadet im gelben Licht seiner gefährlich am Steilhang lehnenden Hütte, stand stur am Stellblock.
Tom, nachdenklich kauend, stierte durch seine Schutzbrille lange auf den Weichensteller herab. Er hatte noch nie ein Wort mit ihm gesprochen. Dann wandte er sich ab, nahm stillschweigend die mit kaltem Kaffee halbgefüllte Flasche, die ihm sein Heizer reichte, und schwenkte sich die Gurgel mit großen Schlucken.
Das Haus Valley Street Nummer 18 ist eine rotgestrichne, gelbschleimige Holzhütte mit einer baufälligen Veranda vor der Tür. Nummer 3 warf die frischgedruckte, zu einem rechteckigen Block gefaltete Zeitung flach gegen die Tür. Das Bündel schlug wie ein Holzscheit auf, das morsche Bretterwerk knarrte. In der Stube regte sich May Corpening, sie reckte ihre kupferfarbnen Beine in der fötiden Bettwärme und murmelte etwas, als wäre sie betäubt.
Harry Tugman zündete eine Zigarette, Marke Camel, an und zog den Rauch tief in die mächtige, von Druckerschwärze gefleckte Lunge, während er zusah, wie die große Presse langsam stoppte. Seine Arme waren nackt, er hatte Muskeln wie Maschinenkolben. Er ließ sich faul in einen knarrenden Korbsessel fallen und überflog das warme scharfriechende Blatt. Tabakrauch kräuselte langsam aus seinen Naslöchern. Er warf die Zeitung weg.
»Teufel, was für ein Umbruch!« sagte er.
Ben kam die Treppe herunter, mißlaunisch, die Brauen finster gerückt, und latschte durch den Druckersaal zum Eisschrank.
»Um Gottes willen«, rief er dem Mann, der den Umbruch machte, gereizt zu, »hast Du denn nie was anderes in diesem alten Eisschrank außer Wurzelbier und Sauermilch, Mac!«
»Herrgott, was verlangst Du eigentlich?« sagte Mac.
»Na, ab und zu möchte man mal 'ne Flasche Coca Cola vorfinden. Der alte Mister Candler in Atlanta stellt dieses Gesöff nämlich immer noch her«, sagte Ben bissig.
Harry Tugman warf die Zigarette weg.
»Diese Nachricht ist hier noch nicht eingelaufen, Ben«, sagte er. »Du mußt warten, bis die Leute die Aufregung des Bürgerkriegs überstanden haben. Hopp!« rief er und sprang plötzlich auf, »gehn wir 'rüber in den ›Fettlöffel‹!«
Er ging ans Waschbecken und hielt seinen großen Kopf unter den Hahn. Erfrischend lief ihm das Wasser über den breiten Nacken, das weißblaue, übernächtig-fahle, hungrig zähe Gesicht. Er wusch sich die Hände, daß der Schaum schlabberte; seine Armmuskeln spielten wie Schlangen. Er sang in seinem dröhnenden Quartettbariton:
»Gib acht, gib acht, gib acht,
Manch tapfres Herz liegt in der Tiefe und ruht.
Gib acht, gib acht, gib acht.«
Es war vollkommen still geworden im warmen Druckersaal. Die Büros im ersten Stock schliefen, in gelbgraues Licht gebadet, wie übermüdete Männer. Die Zeitungsträger waren auf ihren Routen. Es schien, als ob der ganze Bau langsam und schwerfällig atme. Der Himmel war mattperlgrau am Horizont.
Sonderbar, scharf, bruchstückweise erwachte das Leben im fliederfarbenen Dunkel. Klapp-klapp-klapp hallte es gemächlich auf der Straße. Mistress Goulderbilts Milchgaul Nummer 6, eine stattliche bräune Stute, zog den kremfarbnen, glasklinkernden, mit extrasahniger, teurer Flaschenmilch vollbeladnen Molkereiwagen. Der Fahrer, der gesund nach frischem Schweiß und Milch roch, eine Haut wie Milch und Blut hatte, war ein junger Farmerbursch. Zwölf Kilometer war er von Biltburn her über die sternhellen betauten Felder und durch die Wälder zur Stadt gefahren.
Im Pisgah-Hotel, gegenüber dem Bahnhof, klinkte die letzte Tür leis ins Schloß. Miss Berenice Redmond gab dem Nachtportier acht Eindollarnoten und ging endgültig zu Bett mit dem Ersuchen, vor ein Uhr nicht gestört zu werden. Eine rangierende Lokomotive rasselte lärmend auf den Geleisen. Über die Biltburn-Straßenkreuzung ging Tom Cline, mit gleichmäßig-müdem Atem vor sich hinpfeifend. Nummer 3 hatte bereits 142 Zeitungen zugestellt, er hatte nur noch die hölzernen Stufen zur Eagle Crescent Bank zu ersteigen und dort die acht Häuser zu bedienen. Befangen blickte er über das planlose Auf und Ab des hügligen Negerviertels hinweg nach dem Bergrand im Osten. Die Sterne im perlgrauen Himmel sahen wie ertrunken aus. Nicht mehr viel Zeit übrig, dachte Nummer 3. Er hatte ein fahles Gesicht, Hängebacken mit dichtem, blondem Bartflaum, ein langes, volles, fliehendes Kinn. Er leckte sich die volle aufgesprungne Unterlippe der Länge nach ab.
Ein Siebensitzer-Hudson, vier Zylinder, Modell 1910, schoß mit lautem Motorgeknatter vom Bürgersteig vor dem Bahnhof los, schlingerte über den ebnen Platz am Fuß der South End Avenue – wo Neger zu pennen und Feuerwehrleute zu üben pflegten – und sauste mit 80-km-Geschwindigkeit auf die Stadt zu. Der Bahnhof erwachte; in den leeren Schuppen hallte es, helle Hammerschläge auf Waggonräder, metallisches Absatzklappern auf den Fliesen. Verschlafen, mit träg-sehnsüchtigen Bewegungen goß ein Negerweib Wasser auf die Fliesen des Wartesaals und zog den Fußboden dann mit einem grauen Putzlumpen auf.
Es war 5 Uhr 30. Ben hatte das Haus um 3 Uhr 25 verlassen. In 40 Minuten würde Gant aufwachen, sich ankleiden, sein Morgenfeuer schüren.
»Ben«, sagte Harry Tugman, als sie aus dem Zeitungsbau heraustraten, »wenn Jimmy Dean mir nochmal in den Druckersaal kommt und Scherereien macht, dann kann er sich jemand anders suchen, der ihm sein Lauseblättchen druckt. Teufel noch eins! Ich krieg jeden Tag 'ne Stelle an 'ner großen Zeitung.«
»Ist er heut nacht heruntergekommen?« fragte Ben.
»Ja … und schnell wieder raufgegangen«, sagte Harry Tugman.
»Ich sagte ihm, er solle sein Schwänzchen nach oben tragen.«
»Was hat er gewollt?« erkundigte sich Ben.
»Er sagte: › bin Chefredakteur, ich!‹ – ›Und wenn Sie des Präsidenten Schneuzfetzen sind‹, sagte ich, ›dann ist es mir genau so sauwurscht. Wenn Ihnen was dran liegt, daß heut 'ne Zeitung gedruckt wird, dann scheren Sie sich aus dem Druckersaal!‹ Und glaub mir, da hat er sich schleunigst verzogen.«
In der kühlen, perlblauen Dunkelheit bogen die beiden ums Postamt an der Ecke und steuerten schräg über die. Straße auf den .»Uneeda Lunch Nr. 3« zu. Dieses Restaurant, genannt »der Fettlöffel«, war ein kleines Bohnenpeißel, vier Meter Straßenfront, zwischen einen Optikerladen und einen griechischen Schuhputzersalon eingeklemmt.
Drinnen saß Dr. Hugo McGuire auf einem hohen Barstuhl, einen Teller brauner, nierenförmiger Bohnen vor sich, die er geduldig eine nach der andern mit der Gabel anspießte. Ein scharfer Geruch von Whisky hing um ihn. In den feisten, gewandten Metzgerhänden hielt er unbeholfen die Gabel. Sein Gesicht mit dem schweren Unterkiefer hatte große braune Bartstoppelflecken. Er drehte sich auf dem Barstuhl um und stierte eulenhaft, als die beiden eintraten. Schließlich gelang es ihm, den schwanken Blickstrahl seiner geröteten Stielaugen auf Ben zu richten.
»Hallo, mein Junge«, bellte er gutmütig. »Was kann ich für Dich tun?«
»Um Gottes willen«, sagte Ben geringschätzig lachend mit einem Kopfschnick zu Harry Tugman, »nun hör Dir das an, bitte!«
Sie hatten kaum am unteren Ende Platz genommen, als der Leichenbestatter Horse Hines in der Tür erschien. Obschon Horse Hines beileibe kein magerer Mann war, sah er dennoch wie ein Skelett in schwarzem Gehrock aus. Wie ein Pferdemaul klaffte in dem weißen, steifen Gesicht ein langer, grobschlitziger Mund; sein starres, geschäftlich-verbindendes Lächeln entblößte große, gelbe Pferdezähne.
»Gentlemen, Gentlemen«, sagte er ohne ersichtlichen Grund und rieb sich die langen Hände, als wäre Frostwetter. Das Fleisch an seinen Fingern rasselte hohl, als klängen alte Knochen aneinander.
Dr. Coker, Tuberkulosespezialist, genannt der »Lungenhai«, der mit unablässigem, sardonischem Interesse McGuires Bohnenjagd verfolgt hatte, nahm nun die lange Zigarre aus dem satanischen Gesicht, hielt sie zwischen den fleckigen Fingern und tippte seinen Zechkumpan auf die Schulter.
»Komm, Hugo, gehn wir!« sagte er ruhig. Er deutete feixend auf den Leichenbestatter. »Es macht 'nen üblen Eindruck, wenn wir mit dem da zusammen gesehn werden.«
»'Morgen, Ben«, sagte Horse Hines und setzte sich weiter unten an die Schankbar. »Zu Hause alles in Ordnung?« erkundigte er sich leis.
Ben warf ihm einen düstern Seitenblick zu, wandte sich mit einem schnellen, bittern Lippenflackern zum Barkellner.
»Herr Doktor«, fragte Harry Tugman mit dem servilen Respekt des Laien vor dem Medizinmann, »was verlangen Sie eigentlich für 'ne Operation?«
»Operation? Was?« bellte McGuire zurück. Es war ihm gerade geglückt, eine Bohne aufzuspießen.
»Blinddarm rausnehmen«, sagte Harry Tugman, denn ihm fiel sonst nichts ein.
»300 Dollar, wenn's in den Bauch 'reingeht«, sagte McGuire. Er verschluckte sich und hustete.
»Gib acht, Hugo«, warnte Coker mit seinem gelben Teufelsgrinsen, »sonst ersäufst Du in Deinen eignen Absonderungen wie die alte Lady Sladen.«
»Was?« rief Harry Tugman. »Ist Mistress Sladen gestorben?« Er dachte eifersüchtig an die versäumte Reportage.
»Ja, gestern abend spät«, antwortete Coker.
»Guter Gott, tut mir leid«, sagte Harry Tugman erleichtert.
»Ich habe gerade die alte Dame aufgebahrt«, berichtete Horse Hines zartfühlend. »Ein Haufen Haut und Knochen!« Er seufzte mitleidig. Seine hartgesottenen Augen wurden feucht.
Ben wandte ihm das Gesicht zu. Er sah aus, als sei ihm speiübel.
»Joe«, sagte Horse Hines zum Kellner, »gib mir 'nen Kumpen von der Einbalsamierungsflüssigkeit da!« Er deutete mit dem langen Pferdekinn auf die Kaffeeurne.
»Um Gottes willen!« murmelte Ben angewidert. Dann platzte er heraus. »Verdammt, waschen Sie sich eigentlich die Hände, ehe Sie herkommen?«
Ben war zwanzig; niemand dachte daran, daß er so jung war.
»Möchtest Du nicht ein Stück kalten Schweinebraten, mein Junge?« fragte Coker mit seinem gelben Teufelsgrinsen.
Ben fauchte im Rachen, er preßte die Hand auf den Magen.
»Was hast Du denn, Ben?« lachte Harry Tugman und schlug ihm auf den Rücken.
Ben kletterte vom Stuhl, nahm seinen Kaffeekumpen und den Teller mit dem braunen Stück Mince-Pie und setzte sich auf die andere Seite von Harry Tugman. Alle lachten. Mit finsterem Seitenblick musterte Ben den Doktor McGuire.
»Bei Gott, Tug«, sagte er zu Harry Tugman, »da sitzen wir wahrhaftig mitten unter ihnen.«
»Nun hör Dir mal den Kerl an!« sägte McGuire zu Coker.
»Nicht aus der Art geschlagen, was? Ich war bei seiner Geburt zugezogen, ich hab ihn durch den Typhus gebracht, hab seinem Alten über siebenhundert Räusche weggeholfen und bin für meine Mühen auf achtzehn verschiedne Weisen Sohn-einer-Hündin geschimpft worden. Aber wenn nur eins in der Familie 'n bißchen Bauchweh hat«, fügte er stolz hinzu, »dann sollst Du mal sehn, wie sie zu mir gelaufen kommen. Stimmt's, Ben?« fragte er mit einem Kopfschnicken.
»Ach, nun hör Dir das an, bitte«, lachte Ben gereizt und barg sein spitzes Gesicht in seinem Kaffeekumpen. In seiner Bitterkeit war Leben, Duft, Zärtlichkeit, Schönes; die Männer blickten ihn mit gutmütig-betrunknen Augen an, sahen seine graue, entrüstete Miene, das einsame, dämonische Flackern seines Lächelns.
»Ja, und noch was«, fing McGuire wieder an, »wenn sie je was zu schneiden haben in der Familie, dann kannst Du sicher sein, daß sie mich dann holen.« Er drehte sich gewichtig auf seinem Barstuhl um. »Stimmt's, Ben?« fragte er.
»Wenn Sie an mir was zu schneiden haben«, bemerkte Ben, »dann werd' ich verdammt Sorge trägen, daß Sie gerade auf den Beinen stehn können, eh Sie mir mit dem Messer zu Leib rücken.«
»Komm jetzt, Hugo«, sagte Coker und faßte McGuire unter den Achseln. »Hör endlich auf, diese verfluchten Bohnen auf dem Teller rumzujagen. Krabble oder meinetwegen falle von diesem Stuhl runter!«
McGuire, in Säuferträumen verloren, starrte sinnlos auf den Bohnenteller und seufzte.
»Verdammt noch mal, Hugo, komm jetzt!« sagte Coker und stand auf. »In fünfundvierzig Minuten mußt Du operieren.«
»Wer ist das Opfer?« fragte Ben. »Ich möcht' Blumen schicken.«
»… wir alle? über kurz oder lang«, brummelte McGuire dumpf mit gedunsenen Lippen. »… Heute rot, morgen tot. Macht nichts … nein, macht ganz und gar nichts.«
»Um Himmels willen!« wandte sich Ben gereizt an Coker, »wollen Sie ihn wirklich in diesem Zustand operieren lassen? Warum schießen Sie die Patienten nicht lieber tot?«
Coker pflückte die Zigarre aus dem langen, feixenden malariagelben Gesicht.
»Ach was! Junge, der wird ja gerade erst warm!«
Mattschillerndes Licht schwamm am Saum der fliederfarbnen Nacht. Die Grenzen von Hell und Dunkel schwankten. Der Morgen ergoß sich schnell wie eine perlgraue Flut über Felder und Hänge.
Am Rand des Bürgersteigs hielt nun Dr. Tefferson Spaugh in seinem Buick-Sportmodell und stieg aus. Er zog die Handschuhe aus und staubte sich damit die Seidenaufschläge seines Smokings ab. Sein Gesicht, whiskygerötet, mit den hochsitzenden Backenknochen, war eigentlich hübsch. Sein Mund war gradlippig, grausam, sinnlich. Eine ererbte Aura von Schweiß und Maisfeld hing duftlos aber telepathisch um ihn. Er war ein akademisch zurechtgebügelter, mit Kluballüren aufgeputzter Gebirgsfarmer. Vier Jahre auf der Universität von Pennsylvanien verändern einen Menschen.
Er steckte die Handschuhe achtlos in die Rocktasche, trat ein. McGuire, schwerfällig wie ein Bär vom Barstuhl schlüpfend, glotzte ihn stier an. Dann machte er eine herausfordernde, runde Gebärde mit seinen feisten Händen.
»Na, da schaut Euch das an«, sagte er. »Weiß einer, was das ist?«
»Es ist Percy«, sagte Coker. »Du kennst doch Percy van der Gould, nicht wahr?«
»Ich hab die ganze Nacht bei den Hilliards durchgetanzt«, erklärte Spaugh elegant. »Verflucht, meine neuen Lackpumps haben mir die Füße ruiniert!« Er setzte sich auf einen Barstuhl und stellte stutzerhaft seine großen Bauernfüße, die unanständig breit und eckig in den Tanzschuhen wirkten, zur Schau.
McGuire wandte sich ungläubig an Coker: »Was hat er getan?«
»Er hat die ganze Nacht bei den Hilliards getanzt«, erklärte Coker in affektiert-ironischem Ton.
McGuire hielt sich keusch die Hand vor das bartstoppelige Gesicht.
»Drück mich aus, ich bin ein Träubchen!« rief er. »Bei den Hilliards hättest Du getanzt, Du verdammter Gebirgsbankert?! Bind uns doch keinen Bären auf! Du bist auf einem Poon-Tang-Picknick im Negerviertel gewesen!«
Gelächter aus Bullenaugen dröhnte ins perlmutterne Frühlicht.
»Lackpumps!« sagte McGuire. »Drücken ihn an den Füßen. Bei Gott, Coker, als er vor zehn Jahren zum erstenmal in die Stadt kam, da wußte er nicht, was Klosettpapier ist. Man mußte ihn zu Boden schmeißen, um ihm Schuh anzuziehen.«
Ben lachte dünn zu seinem Engel auf.
»Paar Scheiben gebutterten Toast, nicht zu braun, bitte«, bestellte Spaugh delikat beim Barkellner.
»Schweinskutteln mit Sorghum, wolltest Du sagen, Bastard! Oder Pökelfleisch mit Polenta! Wie Du's in Deiner Jugend gefressen hast«, rief McGuire.
»Wir sind zu roh für so 'nen feinen Herrn«, bemerkte Coker. »Nachdem er sich in den beßren Familien besoffen hat, ist er ein sehr begehrter Gesellschafter geworden. Sein Ruf ist so groß, daß er zur offiziellen Hebamme für alle schwangren Jungfrauen befördert wurde.«
»Ja«, sagte McGuire, »er ist der Freund aller Jungfrauen. Er hilft ihnen aus der Klemme. Er hilft ihnen nicht nur raus, er hilft ihnen auch wieder rein.«
»Ist doch wohl nichts dabei, oder doch?« fragte Spaugh, »solang die Sache unter uns bleibt, was?«
Gelächter schaukelte in den zärtlichen Tag.
»Der Ton hier wird mir zu rauh«, sagte Horse Hines neckisch und stand auf.
»Schütteln Sie wenigstens Coker die Hand, eh Sie weggehn, Horse«, mahnte McGuire. »Er ist der beste Geschäftsfreund, den Sie haben. Sie sollten ihm Prozente zahlen.«
Das Licht, das nun eindrang, war weich und unirdisch wie das Licht, das den Meeresboden bei Santa Catalina füllt, wo die großen Fische schwimmen.
Plattfüßig, von Nierenschmerzen den Rücken gebeugt, den Uniformrock offen, kam der patrouillierende Schutzmann Leslie Roberts durch das submarine Perlenleuchten geschlapst. Er blieb stehen und blickte, den Gummiknüttel leise auf dem Rücken dengelnd, mit seinem hohlen, leberkranken Gesicht durch die offne Tür.
»Da kommt Dein Patient«, sagte Coker zu McGuire, »der hartleibige Hüter der Ordnung.«
Laut, mit großer Herzlichkeit, grüßten alle:
»Wie geht's, Les?«
»So leidlich, leidlich«, sagte der Polizist trübselig wie sein tierabhängender Schnurrbart. Er schlapste knieschnacklig weiter, den Rinnstein entlang.
»Somit guten Morgen, Gentlemen«, sagte Horse Hines und wollte gehn.
»Halt! Vergessen Sie nicht, was ich Ihnen sagte, Horse! Seien Sie nett gegen Ihren besten Geschäftsfreund!« McGuire deutete mit dem Daumen auf Coker.
Der Leichenbestatter war gekränkt.
»Ich vergesse es nie«, sagte er ernst. »Wir beide stehen in ehrenvollen Berufen. In der Stunde des Todes, wenn das sturmgerüttelte Schiff in den Hafen der Ruhe einläuft, dann sind wir die Vertrauensmänner des Allmächtigen.«
»Ei, Horse! Das nenn ich Beredsamkeit!« rief Coker.
»Alle die heiligen Riten, das Zudrücken der Augen, das Falten der Hände und das Ausrecken der Glieder, die Herrichtung des leblosen Gehäuses, das die abgeschiedne Seele zurückläßt, bedeuten einen erhabnen Auftrag. Wir, die Lebenden, sind es, die Balsam in das gebrochne, kummervolle Herz der Hinterbliebnen gießen, die die Witwe in ihrem Schmerz trösten, die die Tränen der Waisen trocknen, wir sind es, die Lebenden, die dafür sorgen, daß …«
»… diese Staaten vom Volk für das Volk durch das Volk regiert werden«, schloß McGuire ab.
»Sie haben recht, Horse«, sagte Coker. »Ich bin tief gerührt. Und was mehr ist, wir tun das alles nämlich umsonst. Ich berechne keinen Cent für die Tröstung der Witwe.«
»He, aber wie war das doch mit der Einbalsamierung der kummergebrochnen Herzen?« fragte McGuire.
»Ich sagte Balsam gießen, nicht einbalsamieren«, bemerkte Horse Hines kalt.
»Sagen Sie mal, Horse«, fragte Harry Tugman, der mit großem Interesse zugehört hatte, »haben Sie nicht diese Rede letzten Sommer auf der Tagung der Leichenbestatter gehalten?«
»Was damals wahr war, ist es auch heute«, sagte Horse Hines bitter und ging weg.
Gerade nun stoppte Dr. Ravenel seinen Hudson vor dem Postamt auf der anderen Straßenseite und kam schnell herüber, seine Handschuhe unterwegs ausziehend. Er war barhaupt; sein dünnes, aristokratisches Silberhaar war ein wenig wirr vom Wind. Seine grauen Chirurgenaugen blickten scharf durch dicke Brillengläser. Er hatte ein famoses, ruhiges, tiefgesammeltes Gesicht, glattrasiert, aschgrau, hager, in dem ab und zu die Lichter eines ernsthaften Humors spielten.
»O Jesus!« sagte Coker, »da kommt der Herr Lehrer!«
»Morgen, Hugo«, sagte Ravenel, als er eintrat, »Du bereitest Dich, scheint mir, auf die Lungenheilstätte vor, was?«
»Ei, schau her, wer da kommt!« brüllte McGuire gastfröhlich. »Dick mit dem todsichern Chirurgenblick, der literarisch gebildete Knochensäger, der Besitzer der feinsten Gallensteinsammlung der Welt! Wann bist Du zurückgekommen, mein Sohn?«
»Gerade rechtzeitig, wie mir scheint«, sagte Ravenel, die Zigarette blitzsauber zwischen den langen Chirurgenfingern. Er sah auf die Uhr. »Ich glaube, Du hast in einer halben Stunde 'ne kleine Verabredung in Ravenels Klinik, Hugo. Stimmt's?«
»Bei Gott! Dick«, grölte McGuire, »Du bist doch immer im Recht! Sag mal, was hast Du den Leuten auf dem Chirurgentag erzählt?«
Ravenels Zuneigung war eine Blume, die hinter der Mauer wächst.
»Ich hab erzählt, der beste Chirurg in Amerika, wenn er nüchtern ist, sei ein lausiger Säufer namens McGuire, der nie aus dem Rausch raus kommt.«
»Halt! Halt! Halt!« rief McGuire und hob protestierend die feiste Rechte. »Ich erhebe Einspruch, Dick. Das war gutgemeint, mein Sohn, aber Du hast geirrt. Du wolltest sagen, ›der beste Chirurg, wenn er nicht nüchtern ist‹. Stimmt's?«
»Haben Sie ein Referat dort gehalten?« wandte sich Coker an Ravenel.
»Ja«, sagte Ravenel, »ich las meine Abhandlung über Carcinome an der Leber.«
»Wie wär's mit einem Bericht über Pyorrhoea an den Zehennägeln?« schrie McGuire. »Da könntest Du Dich mal drüber äußern.«
Harry Tugman, ohne zu wissen worüber, lachte hell auf. McGuire rülpste laut in die Stille, döste einen Augenblick vor sich hin. Er kam wieder zu sich und legte gewichtig los.
»Literatur! Alles Literatur, Dick! Das hat schon manchen guten Chirurgen ruiniert. Du liest zuviel, Dick. Und Cassius dort hat einen hagern Hungerblick. Du weißt zuviel, Dick. Der Buchstabe tötet den Geist, kannst Du mir glauben. Hast Du jemals bemerkt, daß ich was rausnehme und es nicht wieder einsetze? Jedenfalls, ich laß den Leuten was zum Funktionieren übrig. Ich bin kein Gelehrter, die Vorzüge Deiner Bildung habe ich nicht genossen, Dick. Ich bin ein Menschenmetzger, ein Zimmermann, ein Mechaniker, ein Installateur. Ich bin ein ungeschliffener Diamant, Dick. Ein einfacher Praktiker. Ich schneid dem Patienten das Getriebe raus, spuck 'mal drauf, kratz' die Dreckränder ab und setz' das Zeug dann wieder ein. Ich bin sparsam, Dick. Ich schneid' alles, was ich nicht brauchen kann, raus und brauche alles, was ich rausgeschnitten habe. Wer hat dem Papst 'nen Schwanzwirbel aus 'nem Fingerknöchel gemacht? Wer hat die Dogge zum Heulen gebracht? Ha, hast Du's ja, deswegen sieht der Gouverneur so jung aus. Natürlich, wir sind mit zweckloser Maschinerie angefüllt! Tüchtigkeit! Ökonomie! Leistung! Hast Du die Heinzelmännchen im Haus? Nein? Dann geh und kauf Dir Putzpulver, Marke Goldstaubzwilling! Frag nur den Ben da, der kennt sich aus.«
»Ach Du mein Gott«, lachte Ben dünn, »nun hör Dir das an, bitte.«
Zwei Häuser weiter aufwärts, dem Postamt gerade gegenüber, zog der Sizilianer Pietro Mascari den Rolladen vor seinem Geschäft rasselnd in die Höhe. Eine Tram, spielzeuggrün, zum Frühjahr frisch angestrichen, fuhr zum Stadtplatz hinauf.
»Dick!« sagte McGuire, etwas ernüchtert, »tu mir 'nen Gefallen und übernimm die Operation.«
Ravenel schüttelte den Kopf.
»Ich werde dabeistehn«, sagte er, »aber – nüchtern oder nicht – Du mußt schneiden.«
»Du sollst 'ner Frau 'nen Tumor wegschneiden, was?« fragte Coker.
»Nein«, sagte Ravenel, »er soll vom Tumor die Frau wegschneiden.«
»Ich wette, das Ding ist fuffzig Pfund schwer«, bemerkte McGuire mit plötzlich erwecktem Sachinteresse.
Ravenel zuckte fast unmerklich zusammen. Ein frischer, kühler Luftzug fuhr in den Raum. McGuire zog die breiten Schultern hoch, als wäre ihm ein Eimer kaltes Wasser übergeschüttet worden. Er schien aufzuwachen.
»Ich möcht ein Bad nehmen«, sagte er zu Ravenel. »Und rasieren muß ich mich.« Er rieb sich das bartstopplige Kinn.
»Mein Zimmer drüben im Hotel steht zu Deiner Verfügung, Hugo«, sagte Spaugh. Er musterte Ravenel mit bewundernden Blicken.
»Ich benutze das Bad in der Klinik«, entschied McGuire.
»Allerhöchste Zeit«, sagte Ravenel scharf. »Machen wir, daß wir fortkommen.«
»Hast Du gesehn, wie Pelly in Baltimore am John-Hopkins-Institute diese Operation ausführte?« fragte McGuire.
»Ja«, sagte Ravenel. »Er betete erst sehr lange, um seinen Ellenbogen Kraft zu geben. Der Patient starb.«
»Verflixte Beterei«, sagte McGuire. »Bei dieser Frau da hilft so was ohnehin nicht. Gestern abend hat sie mich ein gemeines, stinkversoffnes Schnapsluder geheißen. Wenn sie noch in dieser Laune ist, dann kommt sie durch.«
»Die Weiber hier aus den Bergen vertragen allerhand, bis sie verrecken«, bemerkte Spaugh weise.
McGuire wandte sich an Coker: »Kommst Du mit?«
»Danke, nein! Ich geh pennen. Das alte Mädchen brauchte höllisch lang zum Abkratzen. Ich glaubte schon, sie käme nicht zu End damit.«
Sie brachen auf. McGuire schien nun wieder ziemlich betrunken.
»Ben«, sagte er, »erzähl Deinem Alten, daß ich ihm die Knochen im Leib kaputt schlag', wenn er nicht dafür sorgt, daß Helene mehr Ruhe hat. Er hält sich nüchtern, was?«
»Wie soll ich das wissen, McGuire«, antwortete Ben gereizt. »Glauben Sie, ich hätte sonst nichts zu tun, als mich um Ihre Säuferpatienten zu scheren.«
»Helene is' 'n großartig's Mädchen, mein Junge«, sagte McGuire gefühlvoll. »Eine unter einer Million!«
»Hugo!! Zum Teufel! Komm jetzt!« rief Ravenel.
Die vier Ärzte traten hinaus ins perlmutterne Licht. Wiedergeboren, frischgewaschen, rein aus dem fliederfarbnen Dunkel enttaucht, lag die Stadt da. Jung im Frühling die Welt.
McGuire schob über die Straße zu Ravenels Auto und plumpste schwer ins Lederpolster. Jeff Spaugh fuhr mit spuckendem Motor und einer kavaliermäßigen Handbewegung ab.
Harry Tugmans Blicke folgten bewundernd McGuires vierschrötiger Gestalt.
»Ich wette«, sagte er großsprecherisch, »daß es mit dieser verdammten Operation schief geht.«
»Bewahre!« sagte der ergebne Barkellner. »Ganz und gar nicht! Wenn er nicht mindestens ein Viertel Whisky im Leib hat, kann er nicht arbeiten. Aber gießen Sie ihm ein paar tüchtige Drinks hinter die Binde, und er schneidet Ihnen den Kopf ab und setzt ihn wieder kunstgerecht an, ehe Sie's gewahr werden.«
Als Jeff Spaugh davonratterte, bemerkte Harry Tugman neidisch: »Schau Dir den Bastard an, Ben! Mister Vanderbilt, was? Bildet sich wer weiß was ein, der klobige Stier! Glaubst Du wirklich, daß er bei den Hilliards auf dem Ball war?«
»Woher soll ich das wissen?« sagte Ben gereizt. »Geht es mich was an?«
»Na, es wird ja morgen unter Gesellschaftsnachrichten in unserm Blättchen stehn«, sagte Harry Tugman. Er improvisierte eine zotige Reportage über einen Ball in guter Gesellschaft. Der Barkellner platzte laut heraus. Ben lachte lautlos, gähnte. Müde, gelangweilt, angewidert. »Ach Du mein Gott!«
Die ersten, reinen jungfräulichen Sonnenstrahlen fielen auf die Straße. In diesem Augenblick erwachte Gant.
Angenehm, der durch die gelben Fensterblenden gedämpfte Golddämmer. Das helle, flötende, zirpende, zwitschernde Vogelleben im Garten. Er blieb ein Weilchen auf dem Rücken liegen, gähnte abgrundtief, kraulte sich mit der Rechten die dichtbehaarte Brust.
Das erregende Gluckergackeln der Hennen. Komm und hol's Ei! Die ganze Nacht hindurch für Dich, Herr und Meister. Wie Stimmen üppiger, sich unter Sträuben wollüstig hingebender Jüdinnen. Tu's, tu's nicht! Brich ein Ei in sie!
Ausgeschlafen, ausgereckt, wach, den warmen Schwall des Federbetts auf den hagern Beinen, horchte er auf das einladende Gahlern der Hennen.
Aus warmem Sand, das Gefieder schüttelnd, taumelten sie in die Höhe. Für mich. Für mich auch die Erde mit der Rebe. Die feuchte neue Erde, wie angeschnittener Schweinebraten vom Pflug zerlegt, wie Wasser in der Kielspur eines Schiffs zerteilt. Und die sauber mit dem Spaten umgegrabne, gerollte, schwammige Erde des Deckrasens. Und die vorsichtig mit der Hacke gelockerte Erde um die Wurzeln des Kirschbaums. Die Erde empfängt meinen Samen. Für mich die großen Salathäupter, aufgeschwemmt, vollsaftig, wie schwere Weiber. Und der Weinstock, zäh und verknorpelt im Holz. Im August wird er schwere Trauben tragen. Wie der Saft da hineinkommt? Wie Milch in die Brüste, wie Blut durch Adern. So werden sie prall und üppig.
Die ganze Nacht Blütenfall. Bald gibt's helle Herzkirschen. Ende Mai Frühapfel. Isaacs' Juniäpfel hängen halb in meinen Garten herüber. Grüne Apfelschnitzen in Speck gebraten, herrlich!
Mit scharfem, gewetztem Durst dachte er ans Frühstück. Er warf das Oberbett glatt zurück, schwang den Leib in Sitzstellung auf den Bettrand, setzte seine etwas schwindsüchtigen Füße auf den Boden. Vorsichtig stand er auf, ging zu dem lederüberzogenen Armstuhl und zog ein paar reine, weiße Socken an. Dann streifte er das Nachthemd über den Kopf und betrachtete einen Augenblick im Spiegel über der Kommode die große, knochige Gestalt, die langen, sehnigen Arme, die hagere, haarige Brust. Der Bauch hing schlaff. Dann fuhr er flink mit den fahlen schlotternden Waden in die Trikothemdhose, weitete das elastische Gewebe durch eine Dehnung des Brustkastens, knöpfte die lange Knopfreihe zu. Dann stieg er in die plastisch-weiträumige, schwere Tuchhose, zog die weichledernen Zugstiefel an. Während er sich die Strippe der Hosenträger über die Schultern legte, ging er in die Küche. In drei Minuten hatte er mit Petroleum und Kienspänen ein lustiges Feuer im Herde brennen. Regsam, lebendig, frisch, so nahm er an der Wachheit des Frühlingsmorgens teil.
Hinter einer schmalen Bresche im Bergwall liegt in einem fruchtbaren, taureichen Tälchen das Gut Lunns Cove. Dort war in dem von Walnußmöbeln gedämpften Dämmer seines Schlafgemachs Judge Webster Tayloe erwacht, der prominente, äußerst wohlhabende, vornehme Mann. Er war Syndikus großer Handelsfirmen, lebte aber von Geschäften zurückgezogen, gab nur noch gelegentlich Konsultation. Er trat ans Fenster und blickte durch die schwarzen Gläser der Brille, die sein langes, subtiles, hochmütiges Gesicht noch aristokratischer machte, auf sein Besitztum hinaus. Einer der schwarzen Knechte kam mit einem Eimer Milch von der Weide; ein anderer wetzte seine Sense, so daß das Blatt in der Sonne blitzte; ein dritter zog langsam, seinen verständigeren Arbeitsgefährten, das Pferd, ermahnend, ein leichtes Gefährt aus dem Wagenschuppen.
Wohlgefällig betrachtete der Gutsherr seinen jungen Sohn, den Mulatten, der mit katzenhaften, träg-geschwinden Bewegungen über den Rasen kam. Der graziöse, elegante Gang des Knaben! Der schlanke, wohlproportionierte, kräftige Leib! Die feinknochigen Glieder! Der wohlgeformte, intelligente Kopf! Die zehrend schwarzen Augen in dem sensitiven, ovalen Gesicht! Der schöne Kupfer-Oliven-Ton der Haut! Der Junge war wie ein Spanier von Hochadel. Quod potui perfeci. Dank solcher Fusion vielleicht sind Menschen imstand, Menschen zu lieben.
Im Flußschilf die Schalmeien! Der Tempel der Musen! Der heilige Hain! Das soll wieder kommen. Warum nicht? Ganz wie in diesem Tal. Auch ich hab in Arkadien gelebt.
Er nahm einen Augenblick die Gläser ab und untersuchte sein linkes Auge. Er litt an einer Lidlähmung. Es sah ans, als hätte er den bösen Blick, besonders da auf der Wange direkt unterm Auge eine häßliche, harlekineske Warze saß. Er setzte die schwarzen Gläser wieder auf. Es war, als ob er eine Halblarve trüge, und es gab seinem subtilen, sinnlichen, unruhig-intelligenten Gesicht einen Zug mysteriöser Unerforschlichkeit.
Sein schwarzer Kammerdiener erschien und meldete, das Bad sei fertig. Er streifte das lange, feingewebte Nachthemd von seinem gepflegten Leib und stieg entschlossen in das lauwarme Wasser. Zehn Minuten lang ließ er sich mit dem Schwamm abwaschen, mit der Bürste schruppen, auf dem Massiertisch von den kräftigen Händen des Negers durchkneten. Dann zog er frische Wäsche und frischgebügelte schwarze Beinkleider an. Nachlässig band er eine schmale schwarze Schleife unter den breiten Umlegkragen und knöpfte um seine hohe gerade Gestalt den Gehrock, dessen Schöße bis zu den Knien reichten. Er nahm eine Zigarette aus dem Kasten auf dem Tisch und zündete sie an.
In der Fahrbahn schlenkernd, durch die Büsche blitzend, kam mit blechernem Geklapper ein Ford die gewundne Straße vom Bergsattel herunter. Zwei Männer saßen darin. Das Gesicht des Gutsherrn wurde hart. Es entspannte sich erst, als das Auto in einer Staubwolke an dem Außengatter seines Besitztums vorbeigefahren war. Ungenau sah er die roten Schweinsgesichter der Gebirgler; seine Phantasie ergänzte das Bild mit schweißstinkenden Arbeitskleidern aus Rippelsamt. Und in der Stadt wohnten die Vettern dieser Burschen. Häuser aus Backstein und Stuck, die weißen Ekzeme der Vorstadt. Confederierte Half-Breeds aller Länder.
In mein Tal nun mit Rasenmähern! Englischen Rasen vor den Häusern! Er drückte seine Zigarette in der Aschenschale aus. Am Fenster stehend überflog er im Geist die Zahl der Pferde, Esel, Rinder, Schweine, Hühner, die aufgespeicherte Fülle der großen Scheunen, den feisten Ertrag der Felder und Baumstücke. Ein schwarzer Knecht kam aufs Haus zu, in der einen Hand einen Korb mit Eiern, in der anderen einen mit Butter. Auf jedem Butterwecken war das Gutszeichen, eine Weizengarbe, gepreßt, jeder Wecken war lose in reines, weißes Leinen gewickelt. Der Gutsherr lächelte grimmig; im Belagerungsfall würde er sich lange halten können.
In Dixieland lag Eliza tief im Schlaf in einer kleinen dunklen Kammer, deren Fenster nur über die Küchenveranda Licht empfing. Das Gelaß war wie eine Wildnis mit dem Schlingkraut von Kordeln und Schnüren verhängt; Stöße von alten Zeitungen und Zeitschriften waren in die Ecken geschichtet; die Bretter der Gestelle waren mit klebrigen, etikettierten, halbleeren Arzneiflaschen und Salbentöpfen vollgestellt. Es roch nach Menthol, Lorbeeröl, süßem Glyzerin, Schnupfensalbe.
Die schwarze Zugeherin kam an, ging ums Haus, stieg träg die steile Hintertreppe neben der hochgepfropften Küchenveranda hinauf. Sie klopfte.
»Wer ist da?« rief Eliza scharf. Sie war sofort wach, stand auf, kam zur Tür. Sie trug ein Nachthemd aus grauem Flanell über einer dicken wollnen, von Ben abgelegten Unterjacke. Wie ein seltenes Meermoos unter Wasser baumelte die Halsstrippe am Nachthemd. Sie öffnete die Tür.
Im ersten Stock, in dem kleinen Vorderzimmer mit der Schlafaltane, schlief Miss Billie Edwards, die kühne, herrische Löwenbändigerin des Wanderzirkus »Johnny L. Jones Combined Shows«, der zur Zeit auf dem Platz am Hügel hinter der Plum-Street-Schule Vorstellungen gab. Nebenan in dem großen luftigen Eckzimmer lag in tiefem, alkoholischem Schlummer Mistress Marie Pert, 41 Jahre alt, Gattin eines meist abwesenden Handlungsreisenden der Drogeriebranche. Auf dem Kaminsims standen in Silberrahmen zwei Photos, eine von ihrer abwesenden 18jährigen Tochter Louise, die andre von Benjamin Gant. Ben lag vor dem Haus im Gras, die Ellenbogen aufgestützt, und trug einen breitkrempigen Strohhut, der sein Gesicht bis zum Mund beschattete. Außerdem waren in ihren Zimmern: – Mister Conway Richards, der die Candy-Wheel-Konzession beim Wanderzirkus hatte, – Miss Lilv Mangum, 26 Jahre alt, approbierte Krankenschwester, – Mister William H. Paskett, 53 Jahre alt, aus Hattiesburg im Staate Mississippi, Baumwollpflanzer, Bankier und Großhändler, malariakrank – samt seiner Gemahlin –. Und in dem großen Zimmer im Obergeschoß Miss Annie Mitchel, 19 Jahre alt, aus Valdosta im Staat Georgia, – Miss Thelma Cheshire, 21 Jahre alt, aus Florence in Süd-Carolina, – und Mistress Rosa Lewin, 28 Jahre alt, aus Chicago, Illinois, –: alle drei Mitglieder der Girltruppe »Molasses Evans and his Broadway Beauties«, die eine Agentur in Piedmont aus Atlanta (Georgia) nach Altamont gebracht hatte.
»Ei Kinder! Der Herzog von Gorgonzola und der Graf Limburger kommen zur Vorstellung! Die müssen amüsiert werden!«
»Kannst Du Dich drauf verlassen!«
»Gebt auf den Kleinen mit dem großen Geldbeutel acht!«
»Kannst Du Gift drauf nehmen, Hurra!«
»Wir sind die Girls, wir haben Spaß,
Mit Reizen nicht geizend, denn wir haben so was,
Wir sind fesch, wir sind nett,
Vergnügt und adrett,
Und wir singen und ta-ta-tanzen …«
Hinter einem mit Plakaten verpappten Bretterzaun an der Upper Valley Street, gegenüber dem Gebäude des Christlichen Vereins Junger Männer für Farbige, im überfüllten Geschäfts- und Vergnügungszentrum von Altamonts Negerviertel, da lag Moses Andrews, 26 Jahre alt, Neger, und schlief den letzten, großen Schlaf der Weißen und Schwarzen. Seine Taschen waren nun leer. Am Abend waren sie noch voll gewesen, voll von dem Geld, das der Pfandverleiher Saul Stein dem Moses für einige Gegenstände gegeben hatte, die dieser im Haus des Rechtsanwalts Mister George Rollins gestohlen hatte, nämlich: eine Golduhr, 18 Karat, Marke Waltham, mit schwerer Goldkette; den Diamant-Verlobungsring der Mistress Rollins; drei Paar feine Seidenflorstrümpfe und zwei Herrenunterhosen. Eine halbleere Flasche Whisky, Marke »Cloverleaf Bonde Kentucky Rye«, mit der sich Moses hinter den Bretterzaun zurückgezogen hatte, lag unberührt in der entspannten Hand. Die breite schwarze Gurgel klaffte, von Ohr zu Ohr geschlitzt. Jefferson Flack, Moses' verhaßter und hassender Nebenbuhler, 28 Jahre alt, Neger, hatte mit dem Rasiermesser saubere Arbeit gemacht. Er lag nun friedlich, unverdächtigt, unverfolgt bei Molly Fiske, ihrer gemeinsamen Geliebten, in deren Appartement an der East Pine Street. Moses war im Mondschein ermordet worden.
Eine halbverhungerte Katze strich lautlos den Bretterzaun entlang. Als die Glocke vom Amtsgericht sechs harte Schläge dröhnte, trappten acht Negerarbeiter vorbei, die Hosenböden ihrer Arbeitsanzüge steif von verhärtetem Zement. Jeder trug sein Mittagessen in einem zinnernen Träger. Die acht Mann marschierten in geschloßner Keilformation, wie ein sechzehnbeiniges Tier.
Mittlerweile vollzogen sich gleichzeitig folgende Ereignisse in der Nachbarschaft: –
Dr. H. M. McRae, 58 Jahre alt, aus Schottland gebürtig, Pfarrer der First Presbyterian Church, wusch seinen flechsigen Leib, kleidete sich an mit Stärkhemd und schwarzem Tuchanzug, rasierte sein hageres, sauberes, nicht alterndes Gesicht und verließ das Schlafzimmer seiner Wohnung in der Cumberland Avenue, um sein Frühstück, bestehend aus Haferbrei, trocknem Toast und gekochter Milch, einzunehmen. Sein Herz war rein, sein Sinn aufrecht, sein Glaube und sein Leben waren wie ein mit Bimsstein blankgescheuerter Tisch. Er betete ohne Anmaßung, er betete dreißig Minuten lang, er betete für das Heil aller Menschen und für den Erfolg aller guten Unternehmungen. Er war eine weiße, unauslöschliche Flamme, die von Liebe über den Tod hinaus leuchtet. Was er sprach, klang von steter Inbrunst, wie Stahl auf Stahl.
Im Dampfbad von Dr. Frank Engels Sanatorium an der Liberty Street sank Mr. J. H. Brown, der reiche Sportsmann und Verleger des »Altamont Citizen«, in traumlosen Schlaf. Er war fünf Minuten im Dampf und zehn Minuten in der Badewanne gewesen und hatte sich eine halbe Stunde lang im Trockenraum der fachmännischen Osteopathie des beliebten »Colonel Andrews« (so hieß Dr. Engels trefflicher Negermasseur) von den Sohlen seiner gichtischen Füße bis zu dem ädrigen Seidenglanz seines leicht blauroten Gesichts unterzogen.
Schräg gegenüber, im »Altamont City Club«, Ecke der Liberty Street und der Federal Avenue, sammelte ein verschlafner Neger in weißer Dienerjacke die verstreuten Spielmarken auf dem Tisch ein und verstaute sie säulenweis sortiert in Schachteln. Zu der Pokerpartie, die vor nicht ganz einer Stunde beendet wurde, hatten unter anderen Mister Henry Pentland junior und der vorerwähnte Mister J. H. Brown gehört.
Beim Verlassen der Frühstücksstube sprach Harry Tugman zu Ben: »Herrje, ich dachte, mir platzt 'ne Ader, als ich las, daß sie den Alten dort im Klosett aufgestöbert haben! Nachdem er andauernd in seiner blöden Zeitung druckte, die Stadt müsse von Lasterhöhlen gesäubert werden.«
Ben meinte: »Mich sollte es nicht wundern, wenn Judge Sevier eine Haussuchung bei ihm abhielte.«
Harry Tugman wurde ungeduldig: »Aber gewiß, das muß er doch! Übrigens, ich wette, daß ›Queen Elizabeth‹, die Puffmutter, hinter der Sache steckt. Sie weiß und erfährt alles und läßt sich so 'ne Konkurrenz nicht bieten. Der Alte hat schon seit 'ner Woche den Mund nicht aufgemacht, kaum daß er sich traut, den Kopf aus dem Büro zu strecken.«
In der Klosterschule der Heiligen Katharina an der Sankt Clements Road ging Schwester Theresa, die Mutter-Vorsteherin, behutsam durch den Schlafsaal und ließ neben jedem Bett die Fensterblende in die Höhe. Der Duft der Apfel- und Kirschblüte wehte sanft und kühl herein über die Reihe der schlafenden Rosenfräulein. Der Atem flog leis von den tauigen, halboffnen Mündern; rosiges Licht fiel auf die kissengestützten Armbeugen, die schmalen jungen Hüften, die krausen Nelkenknospen der Brüste. Am äußersten Ende des Saals lag ein dickes Mädchen, alle viere von sich gestreckt und schnarchte laut durch die bibbernden Lippen.
Erst in einer Stunde wird geweckt.
Von einem der kleinen weißen Tischchen zwischen den Bettstellen nahm Schwester Theresa ein Buch, das unvorsichtigerweise am Abend dort liegen geblieben war. Sie schlug es auf und las den Titel: The Common Law by Robert W Chambers. Unter dem grauen Bartanflug, über das ganze, große und grobknochige Gesicht huschte ein stilles, inniges Lächeln. Schnell nahm sie einen Bleistift in die knochige, erdfleckige Hand und kritzelte mit ihrer zackigen, männlichen Handschrift aufs Vorsatzblatt: »Schund, mein Kind! Lies es, damit Du es selbst merkst.«
Dann ging sie still, vollfüßigen Schritts ins Erdgeschoß hinunter, wo sie in ihrem Arbeitszimmer von Schwester Louise (Französisch), Schwester Berenice (Geschichte) und Schwester Mary (Alte Sprachen) zur Morgenbesprechung erwartet wurde. Als die Lehrerinnen gegangen waren, setzte sie sich an den Schreibtisch und arbeitete eine Stunde am Manuskript jenes Buches, das, bescheidnerweise als »Leitfaden für Höhere Schulen« bezeichnet, später ihren Namen überall, wo die edle Architektur der Prosa gewürdigt wird, berühmt gemacht hat: der großen »Biology«.
Es gongte im Schlafsaal, sie hörte das hohe, helle Lachen der jungen Mädchen. Sie erhob sich und sah durchs Fenster. Eine junge Nonne, Schwester Agnes, den Arm voll Pflaumenblüten, kam durch den Garten.
Drunten im Baumversteck, auf der Sohle des Biltburn-Tals, donnerte ein Zug auf den Schienen mit einem langgezognen, schrillen Pfiff.
Die Marktstände im Untergeschoß des Stadthauses wurden aufgemacht. Metzger in gestreiften Schürzen schwangen Hackbeile auf kaltes Frischfleisch, schmissen dicke Koteletts auf marmoriertes Fettpapier, schoben rascheingeschlagne Bündel den wartenden schwarzen Lieferjungen zu.
Der rassenbewußte Neger J. H. Jackson stand in seiner viereckigen Gemüseauslage. Seine zwei ernsten Söhne und seine bebrillte geschäftsmäßige Tochter halfen bedienen. Auf den Brettergestellen lagen, noch nach Morgenerde riechend, große krause Endivien, dicke Rettiche, noch Humusklümpchen an den zarten Wurzeln, quirlstielige junge Zwiebeln, frisch aus dem Beet gezupft, Spätsellerie und Frühkartoffeln, dünnrindige Citrusfrüchte aus Florida.
Am Stand nebenan verkaufte Sorrell Fische und Austern. Mit dem Schöpflöffel holte er aus der Tiefe einer in Eis gepackten Emailkanne Ladungen von Austern heraus und leerte sie in dicke Pappschachteln. Auf Eisbrocken gebettet, die ausgeweideten Bäuche weit geschlitzt, lagen Karpfen, Alsen, Forellen, Barsche.
Mister Michael Walter Creech, Metzgermeister, hatte sein Frühstück – Kalbsleber, Speck-und-Eier, heiße Biskuits und Kaffee – beendet. Er gab einem aus der Reihe der schwarzen Lieferjungen ein Zeichen. Die ganze Reihe sprang vorwärts wie eine Meute. Mit gehobnem Hackbeil und einem Fluch jagte er sie zurück. Der Glückliche, den er begünstigt hatte, kam nun und nahm das Auftragbrett mit den üppigen Überresten der Mahlzeit und einer halbvollen Kanne Kaffee. Da er gerade auf Lieferfahrt wegmußte, stellte er das Brett auf das Sägmehl am Ende der Schlächterbank, spuckte Speise und Trank ausgiebigst an, um sie vor dem Heißhunger seiner Kameraden zu bewahren, und fuhr laut und triumphierend lachend auf dem Fahrrad davon. Mister Creech blickte seine Nigger finster an.
Die Stadt hatte Mister Creechs afrikanisches Blut – ein Achtel seitens seiner väterlichen Großmutter »Yellow Jenny«, der Mulattin – so weit vergessen, daß sie bereit war, ihm einen politischen Posten einzuräumen. Aber Mister Creech selber vergaß es eben nie. Er schoß seinem Bruder Jay einen bittern Seitenblick zu. Jay, glückselig unwissend, daß des Hasses Ätzgift selbst eines Bruders Herz verzehren könne, stand vor seinem muldigen Holzblock, hackte begeistert Speerrippchen aus und sang dazu in seinem vollen Tenor das Lied vom »kleinen grauen Vaterhaus im Westen«:
»… wo blaue Augen blinken,
wenn sie den meinen winken …«
Giftig blickte Mister Creech auf Jays gelbe Backen, auf das fettige Muskelgeschlabber der gelblichen Kehle, das versengte, krallige Haar. Bei Gott, dachte er in seiner Herzensnot, man könnte ihn für einen Mexikaner halten.
Jays goldene Stimme erreichte ihren Glanzpunkt. Mit delikater Zurückhaltung ging sie bei der letzten Note in ein hohes süßes Falsett über. Er hielt den Ton länger als zwanzig Sekunden. Alle Metzger ringsum hielten mit der Arbeit inne. Manche von ihnen, große stattliche Männer mit erwachsnen Kindern, wischten sich geschwind eine Träne aus dem Augenwinkel.
Die gesamte Zuhörerschaft ist restlos begeistert. Keine Seele rührt sich. Nicht einmal ein Hund oder ein Pferd wagt sich zu rühren. Als der letzte holde Ton in ein sommerfadenfeines Tremolo zerschmolz, trat jene tiefe Grabesstille, nein!, jene tiefe, tiefe Todesstille tritt ein, die den höchsten Triumph, den ein Künstler hienieden erreichen kann, darstellt. Irgendwo in der Menge seufzt eine Frau auf und sinkt ohnmächtig um. Unverzüglich tragen zwei gerade anwesende Boys Scouts sie davon und leisten ihr auf der Damentoilette erste Hilfe: der eine zündet ein muntres Feuerchen aus Fichtenreisig an, indem er zwei Feuersteine aneinanderschlägt; der andre aber macht aus einem zusammengeknüpften Taschentuch eine Aderpresse. Nun jedoch bricht ein Höllenlärm los. Damen reißen sich die Ringe von den Fingern, die Perlenketten vom Hals, reißen sich Chrysanthemen, Hyazinthen, Tulpen und Gänseblümchen von den kostbaren Büsten, während hochmodisch gekleidete Herren aus den Logen und Rängen ein Dauerbombardement von Tomaten, Salathäuptern, Eiern, Kartoffeln, Ochsentalg, Schweinsknöcheln, Fischköpfen, Seemuscheln, Koteletts und Würstchen unterhalten.
Zwischen den Marktständen wandelten, spähäugig und spürnasig, die Boardinghouse-Keepers von Altamont hin und her. Ob dick oder dünn, ob jung oder alt, die Lippen dieser Damen waren kampfbereit. Der Wille, billig einzukaufen und um alles zu feilschen, stand in ihren Mienen. Sie beäugten die Fische, sie betasteten die Gemüse, die petzten die Kohlköpfe, wogen die Zwiebelbündel in der Hand, öffneten Salathäupter. Man muß die Augen offen halten, oder die Leute ziehen einem die Haut ab. Und auf die faulen, nichtsnutzigen Niggerköchinnen ist gar kein Verlaß; die schmeißen mehr weg, als sie kochen. Mit harten Blicken sahen diese Damen einander ins Gesicht: Mistress Barett vom »Großvenor« der Mistress Neville vom »Glenview«, Mistress Ambler vom »Colonial« der Miss Mamie Featherstone vom »Ravencrest«, Mistress Ledbetter vom »Belvedere« – –
»Ach, Mistress Coleman, ich höre, daß Sie volles Haus haben?« sagte sie fragend.
»Ja, die ganze Zeit schon«, bestätigte Mistress Coleman. »Alles Dauergäste. Mit Touristen gebe ich mich gar nicht ab«, fügte sie hochmütig hinzu.
»Ach, mit Lungenkranken, die sich für gesund ausgeben«, entgegnete Mistress Ledbetter bissig, »könnte ich jederzeit volles Haus haben. Ich nehme sie einfach nicht. Erst neulich sagte ich …« – –
Mistress Michalove vom »Oakwood« der Mistress Jarvis vom »Waverley«, Mistress Cowan vom »Ridgemont« der – –
Unsre Stadt ist glänzend darauf eingerichtet, den Ansprüchen des großen, ständig wachsenden Anstroms der Touristen, die die Gebirgsmetropolis besonders in den Hochsommermonaten besuchen, gerecht zu werden. Außer den Namen von acht großen Luxushotels allerersten Ranges und Rufes enthält das Verzeichnis der Handelskammer vom Jahre 1911 die Anschriften von 250 Privathotels, Boardinghouses und Sanatorien, die sämtlich den Bedürfnissen der Reisenden, die aus Geschäftsgründen oder vergnügungshalber oder auf der Suche nach Gesundheit kommen, zu genügen bestrebt sind.
Haltet das Passagiergut am Bahnhof an!!
Der Zeitungsträger Nummer 3 war mit seiner Route fertig. Leise schlich er über die gelbschleimige Veranda des Hauses an der Valley Street, leise ratterte er an der Tür, leise öffnete er und schlich durch die schwarze, miasmatische Luft zu dem Bett, in dem May Corpening lag. Sie war wie betäubt, sie murmelte etwas. Als er sie berührte, wandte sie sich ihm zu, schloß ihn in ihre üppigen, nackten, kupferglänzenden Arme und zog ihn zu sich.
Nun stapfte, den leeren zinnernen Essenträger schwingend, Tom Cline, der rußige Maschinist, die Treppe zu seiner Wohnung in Bartlett Street hinauf.
Nun kehrte Ben in Begleitung Harry Tugmans ins Zeitungsbüro zurück.
Und nun erwachte plötzlich im Gartenzimmer von Gants Haus in der Woodson Street – auf den lauten Weckruf seines Vaters – Eugen. Er wandte sein Gesicht voll auf, eine Augenblicksvision von rosenbehauchtem Blauhimmel und zarten Blüten, die langsam zu Boden schneiten.
XV
Die Berge waren seine Meister. Sie schlossen sein Dasein ein. Sie waren der Becher der Wirklichkeit. Sie standen über Kampf und Tod erhaben als das eine Absolute inmitten des ewigen Wandels. Alte Gesichter glommen in Eugens Gedächtnis, die Blicke suchten ihn heim. Er entsann sich an Swains Kuh, St. Louis, den Tod, an sich selber in der Wiege. Er verfolgte das Gespenst seiner selbst, er versuchte auf einen Augenblick das Leben, an dem er teilgehabt hatte, zurückzugewinnen. Er verstand das Wachstum, den Wandel nicht. Er stand in der Wohnstube und starrte ein Kinderbildnis von sich an; er wandte sich ab: ihm graute vor seinem Unvermögen, sein Ich auch nur eine Sekunde lang zu fassen, zu greifen, zu halten.
Die körperlosen Schemen des gelebten Lebens erschienen mit gräßlicher Genauigkeit, wahnsinnig nah wie Visionen. Etwas, das sich vor fünf Jahren zugetragen hatte, erstand, wie durch eine Handbewegung heraufbeschworen, und im gleichen Augenblick hörte er auf, an sein eignes Sein zu glauben. Er wartete darauf, daß jemand ihn aufwecken würde; so hörte er abends Gants große Stimme aus dem Garten und ging zu Bett. Aber was ihm zuvor wiedererstanden war, blieb.
Er lauschte auf das spukhafte Ticken seines Lebens. Seine wilde, mächtig brennende Hellsichtigkeit (Anlage durch Elizas schottisches Blut vererbt) reichte Jahre zurück, saugte die Schatten auf und sammelte die Lichtspuren. Da erschienen ein kleiner Bahnhof im Frühlicht … eine Landstraße in der Dämmerung schnurgerade durch einen Tannenforst … die rußige Lampe in einer Hütte … ein Hirtenjunge, der hinter springenden Kälbern herlief … eine wirrhaarige Schlampe in einem Türrahmen … mehlbestaubte Neger, die Säcke aus einem Güterwagen ausluden … der Chauffeur, der den Autobus durch die Weltausstellung in St. Louis fuhr … im Tagesgrauen ein kühllippiger See.
Wie geflochtner elektrischer Leitungsdraht wand sich sein Leben zurück in den braunen Schummer der Vergangenheit. Er, Eugen, war es, der Form und Bewegung in die millionenfachen Erlebnisse brachte, die der Zufall, der Gewinn oder Verlust eines Augenblicks, der ungeheure, ziellose Impuls des Unberechenbaren in die Gluthitze seines Ichs warf. Er, Eugen, war es, der die Auslese traf: die weißen Stecknadelköpfe des Erlebten leuchteten lebhaft, und alles Drum und Dran wurde dann um so gespenstischer. Viele von den Bildern, die in ihm gespensterten, hatte er aus vorbeisausender Landschaft durch das Zugfenster aufgefangen.
Was ihn entsetzte, war die furchtbare Kombination zwischen Feststehendem und Wandelbarem, war der qualvolle, ewig dünkende Augenblick, in dem – wenn man am Leben mit großer Geschwindigkeit vorbeifährt – der Beobachter und das Beobachtete in der Zeitlichkeit erfroren zu sein scheinen. Da gab es diesen Moment des Hängens im Zeitlosen, in dem das Land sich nicht bewegte, der Zug sich nicht bewegte, die Schlampe in der Tür sich nicht bewegte, er selbst sich nicht bewegte. Es war, als ob Gott den Taktstock scharf über das unendliche Orchester der Meere gehoben hätte und so die ewige Bewegung in der zeitlosen Architektur des Absoluten hangend innehielte. Es war wie jene verlangsamten Filmaufnahmen, die einen Schwimmer beim Kopfsprung, ein Pferd beim Nehmen einer Hürde festhalten; – mitten in der Luft ist die Bewegung plötzlich versteinert, eine Handlung, die sich unerbittlich zu Ende vollziehen muß, ist aufgefangen. Dort freilich wird dann die Bewegung vollends ausgeführt, der Schwimmer schießt ins Wasserbecken, das Pferd setzt auf die andre Seite des Hindernisses. Aber die Bilder, die in Eugen brannten, existierten ohne Anfang und Ende, ohne das wesentliche Eingefügtsein in den Zeitablauf. Ohne jeden Übergang, ins Zeitlose festgebannt verschwand die Schlampe in der Tür.
Eugens Empfindung der Unwirklichkeit wurde durch Zeit und Bewegung erzeugt. Er stellte sich nämlich vor, die Schlampe ginge, nachdem der Zug vorübergesaust war, in die Hütte und nähme einen Kessel vom Herd. Und sofort verging das Bild in Schatten, alles wurde gespenstisch. Der Junge, der hinter den Kälbern herlief, wo war er später, wo jetzt?
Ich bin – dachte er – ein Teil von allem, was ich erlebt habe, was mich erlebt hat. Und das Erlebte hat kein Sein, außer dem, das ich ihm gewährte. Es wurde verwandelt und vermischte sich mit dem, was ich damals war, und ist jetzt wieder etwas anderes geworden, denn nun ist es mit dem verschmolzen, was ich nun bin. Dieses Was-ich-nun-bin aber ist wieder nur eine Anhäufung dessen, was ich zu werden im Begriff war. Warum hier, warum da? Warum dann, warum Jetzt?
Zwei Formen der Ichsucht waren lebendig in ihm; die innerlich brütende Elizas und die ausdehnungsbeseßne Gants. Ihr Zusammentreffen machte ihn zu einem fanatischen Zeloten der Religion des Geschicks. Über Mißbrauch, Vergeudung, Qual, Tragödie, Tod und Wirrsal erhaben lief die unentwegbare Notwendigkeit in ihren Bahnen: kein Sperling fiel vom Dach, ohne daß sein Aufprallen etwas in seinem Leben gezeugt hätte, und das einsame Licht, das auf die öden, entlegenen Morgenmeere fiel, erweckte meermäßige Verwandlungen: die Fische schwammen aus der Tiefe herauf.
Der Same unsres Verfalls wird in der Wüste blühen; am Fels wächst das Heilkraut, und unsre Leben werden von einer Schlampe aus Georgia heimgesucht, weil ein Beutelabschneider in Georgia ungehenkt blieb. Das Geschick bewirkt es, daß wir allen anderen ein Gespenst, daß wir selber unsre einzige Wirklichkeit sind. Das Geschick bewirkt es, daß wir die riesenhafte Angel der Welt; daß wir ein Sandkorn sind; daß wir der Stein sind, der zur Lawine wird, der Kiesel, dessen konzentrische Wellenringe über den ganzen Meeresspiegel hinweg weiter und weiter werden.
Eugen glaubte also, des Lebens Mittelpunkt zu sein. Er glaubte, die Berge umschlössen das Herz der Welt; er glaubte, daß aus dem Chaos der Zufälligkeiten das unvermeidliche Ereignis im unerbittlichen Augenblick käme, um als Summand zur Summe seines Daseins zu treten.
Gegen die jenseitigen Bergflanken aber schwappte die Welt wie ein verschattetes Meer, in dem die großen Fische seiner Phantasie schwammen. Unendliche Abwechslung war in diesen unbesuchten Regionen, aber Zweck und Ordnung dünkten Eugen dort gewiß. Kein Abenteuer würde dort umsonst sein; Mut würde mit Schönheit, Begabung mit Erfolg, jedes Verdienst nach seiner Richtigkeit und Wichtigkeit belohnt werden. Gefahr und Mühsal zwar würden dort sein, nicht aber Vergeudung und Wirrnis. Kein blindes hilfloses Tasten. Denn das versammelte Schicksal würde im erkornen Augenblick herabfallen, wie eine Pflaume vom Baum fällt. Bezauberung und Unordnung schließen einander aus.
Frühling war unterwegs im Garten der ganzen Welt. Jenseits der Bergmauer faltete sich das Land auf zu neuen Gebirgen, zu goldenen Städten, reichen Matten, tiefen Forsten, zum Meer. Auf immer und immer.
Jenseits der Berge lagen die Minen Salomos, die Spielzeugrepubliken Südamerikas, die kleinen klingenden Springbrunnen in den Höfen … jenseits waren die mondhellen Dächer von Bagdad, die schmiedeeisernen Fenstergitter in Samarkand, die Kamele Bythiniens, die spanischen Ranchhäuser … jenseits war J. B. Montgomery, der den Zug einfach auf offner Strecke halten ließ und mit seiner wunderschönen Tochter aus seinem privaten Salonwagen in den weiten wilden Westen ausstieg … jenseits waren das vermögenspendende Kasino von Monte Carlo und das blaue, ewige Mittelmeer, die Mutter der Reiche. Und augenblicklicher Reichtum tickte sich auf Morsestreifen: es erschien der erste Stock des Eiffelturms mit dem Restaurant, wo Franzosen saßen und sich die Schnurrbärte mit der Zigarette anzündeten … es erschien eine Farm in Devon: da gab's weißen Rahm und braunes Ale und Winterabende voll Scherz und Schabernack vor dem großen, offnen Feuerplatz … es erschienen die hängenden Gärten von Babel, Bankette im Sonnenuntergang mit den Königinnen, und – – langsam glitt die Barke auf dem Nil! – – die weißen, üppigen Leiber der Ägypterinnen, auf mondbeglänzten Balustraden kauernd, und der Hufdonner der Rennwagen, der großen Könige hallte, und Schätze in Grabgrüften wurden um Mitternacht gesucht … und das weinselige, an Schlössern reiche Land an der Loire erschien … und kalikogewärmte Beine im Heu …
Auf einem Feld in Thrakien lag die schöne Helena, sonnscheckig ihr liebreicher Leib.
Mittlerweile war es mit den Geschäften rechtschaffen gut gegangen. Eliza hatte zwar in den ersten Jahren infolge ihres Krankseins weniger aus Dixieland herausgeschlagen, als sie gerechnet hatte, aber nun war sie saniert. Die letzte Rate war abgezahlt, das Haus gehörte ihr. Der Besitz wurde auf 12 000 Dollar geschätzt. Ferner hatte sie 8500 Dollar gut von einer Lebensversicherung, die in zwei Jahren ablaufen würde.
In Dixieland hatte sie ausgedehnte bauliche Änderungen ausgeführt. Im Erdgeschoß hatte sie die Veranden erweitert; ein Frühstückszimmer und für sich ein kleines Privatgelaß eingerichtet; in den Obergeschossen hatte sie an zwei neuen Korridoren fünf neue Gastzimmer mit Schlafaltanen und je ein Badezimmer und eine Toilette angebaut. Diese An- und Umbauten waren im allerbilligsten Material ausgeführt; sie verloren nie den Geruch von frischem Holz, Firnis und Stuck; aber das Ganze hatte sie nur 3000 Dollar gekostet. Im Jahre 1911 trug sie eine Reineinnahme von 2000 Dollar auf die Bank; sie hatte dort stets ein Guthaben von fast 5000 Dollar stehen.
Gemeinsam mit Gant besaß Eliza das Geschäftshaus am Stadtplatz: es hatte zehn Meter Straßenfront; sein Wert wurde auf 20 000 Dollar veranschlagt; es warf ein monatliches Mieteinkommen von 65 Dollar ab: 20 Dollar von Jannadeau, 25 Dollar von der McLean Company im Kellergeschoß, 20 Dollar von der J. N. Gillepie Company, Druckereibetrieb, die den ersten Stock gemietet hatte.
Außerdem besaßen die Gatten: – Drei Baugrundstücke an der Merrion Avenue, für 2000 Dollar das Stück oder gemeinsam für 5500 Dollar käuflich; – Gants Haus in der Woodson Street, auf 5000 Dollar geschätzt; – eine Farm im Bergwald, rund 50 Hektar Land mit großen Obstbaumstücken und ein paar Äckern, für 110 Dollar im Jahr verpachtet, von den Eigentümern auf 5500 Dollar angeschlagen; – zwei kleinere Häuser, eines in Carter Street, das andre an Duncan Street, für je 25 Dollar im Monat an Eisenbahner vermietet, Wert 5 500 Dollar die beiden; – achtzehn Hektar Land an der wichtigen Reynoldsviller Landstraße zwischen Altamont und Biltburn, 10 000 Dollar wert; – drei Häuser im Negerviertel, an Lower Valley Street, an Beaumont Crescent und an Short Oak. Gesamtwert 3100 Dollar, Mieteinkommen 37 Dollar im Monat; – drei Baugrundstücke am Berghang außerhalb West-Altamont, oberhalb der Hauptverkehrsstraße, je 500 Dollar wert; – und ein Haus an Lower Hatton Avenue, unvermietet und Gegenstand Gantscher Anathema, 4500 Dollar wert.
Außerdem besaß Gant zehn Stück Aktien in der neugegründeten Fidelity Bank, die bereits 200 im Kurs standen, also 2000 Dollar darstellten; und in drei Banken, der Fidelity, der Merchants und der Battery Hills Bank, hatte er ein Konto von je 1000 Dollar, macht zusammen 3000 Dollar. Sein Lager an Steinen, Monumenten und fliegenverdreckten Marmorengeln stellte, obschon es zu diesem Preis nicht loszuschlagen war, eine Kapitalanlage von 2700 Dollar dar.
Das Vermögen der beiden Gatten belief sich also auf rund 100 000 Dollar. Das war der Stand zu Anfang des Jahres 1912, das heißt, ehe die Industrie in den Südstaaten sich intensiv und rapide entwickelte, ehe infolgedessen die Einwohnerzahl von Altamont sich verdreifachte und die Bodenpreise ums Vielfache stiegen. Der Hauptsache nach stak das Geld in soliden, von Eliza ausgesuchten Immobilien; es warf 200 Dollar Miete im Monat ab. Dazu kam, was Gant mit seinem Grabsteingeschäft und Eliza mit der Pension verdienten. Ihr gemeinsames Jahreseinkommen lag zwischen 8000 und 10 000 Dollar. Gant pflegte zwar oft, wenn er nicht gerade auf den Besitz an Liegenschaften geladen war, sein Geschäft zum Teufel zu wünschen; er behauptete dann, daß er mit seinen Grabsteinen kaum das tägliche Brot verdiene; tatsächlich aber verdiente er sehr gut; er hatte gewöhnlich ein bis zwei Aufträge von Farmersleuten aus der Umgebung; seine Brieftasche war stets gespickt; er trug 150 bis 200 Dollar in Fünf- und Zehndollarnoten bei sich und ließ Eugen die Scheine öfters zählen, denn das Entzücken des Sohnes über solchen Überfluß machte ihm Spaß.
Bei ihren Anlagen hatte Eliza ein- oder zweimal Geld verloren: eine romantische Strähne hatte dann über die Gerissenheit und Umsicht in ihr gesiegt. Sie steckte 1200 Dollar in eine Ödlandkolonisation in Missouri, ein völlig utopisches Unternehmen. Sie bekam nichts für ihr Geld. Aber der Unternehmer schickte ihr wöchentlich seine Zeitung und mehrere Prospekte, aus denen zu ersehen war, wie schön die Dinge dort aussehen würden, wenn die Pläne gediehen wären. Und außerdem schickte er ihr einmal eine Terrakottaplastik; dieses dreißig Zentimeter hohe Kunstwerk stellte den Großen Bruder mit seinen Schwestern Jenny und der daumenlutschenden Kate dar. Gant riß wilde Witze über die Gruppe, man solle Eliza das Ding an die Nase hängen. Ben rümpfte die Nase und bemerkte spöttisch, das solle man lieber nicht tun, die drei Kinderchen aus Terrakotta seien ja 1200 Dollar wert.
Eliza war bereit, auf eigne Faust Geschäfte zu machen, denn Gant war für weitere Grundstückkäufe nicht zu haben. Mit hungrigen Blicken sah sie verschiedne süße Pflaumen in andere Hände fallen. Dabei war es vorauszusehen, daß Land bald unerschwinglich teuer werden würde. Und sie wollte dabei sein, wenn man die Torte verteilte.
Schräg über die Straße von Dixieland lag das Brunswick, ein gutgebautes Rotsandsteinhaus mit zwanzig Zimmern. Gant hatte vor zwei Jahrzehnten die Marmorverzierungen an der Fassade selbst ausgeführt; Will Pentland hatte die Hartholzböden und die Eichenbalken geliefert. Das Brunswick war ein häßliches, vielgiebliges Ding im Geschmack der Gründerjahre. Ein reicher Mann aus den Nordstaaten hatte es als Hochzeitsgeschenk für seine lungenkranke Tochter, die nach kurzer Ehe starb, bauen lassen.
»Das bestgebaute Haus in der ganzen Stadt«, erklärte Gant.
Aber er lehnte es stracks ab, das Brunswick gemeinsam mit Eliza zu kaufen. Sie sah es blutenden Herzens in die Hände des reichen Altwarenhändlers S. Greenberg übergehen. Greenberg teilte den großen Hintergarten, der bis zur Yancey Street reichte, in fünf kleine Lose, die er binnen eines Jahres als Baugrundstücke zu 1000 Dollar das Los verkauft hatte. Und das Haus stand für 20 000 Dollar im Verkauf. Eliza quengelte: »Wir könnten unser Kapital dreimal zurückhaben!« Sie hatte nie genug Geld flüssig. So fing sie an zu sparen und wartete ab.
Will Pentlands Vermögen wurde damals auf 500 000 bis 700 000 Dollar geschätzt. Es stak hauptsächlich in Lagerhäusern und Geschäftsbauten im Bahnhofsviertel. Manchmal behaupteten Leute in Altamont – besonders die jungen Herren, die in den Drogerien herumhockten und sich ein Vergnügen daraus machten, den Wohlstand der ortsansässigen Plutokratie ziffernmäßig festzulegen –, Will Pentland sei Millionär. Millionär sein, war damals eine Auszeichnung; es gab nur 6-8000 Millionäre in den USA. Aber Will Pentland war keiner. Er hatte wirklich nur eine halbe Million.
Aber Mister Goulderbilt, der war Millionär. Er ließ sich in seinem großen Packard zur Stadt fahren, dann jedoch stieg er aus und benutzte den Bürgersteig, ganz wie ein gewöhnlicher Sterblicher.
Eines Tages – Goulderbilt trat gerade in eine Bank ein – zeigte ihn Gant seinem Sohne Eugen.
»Das ist er! Siehst Du ihn?« flüsterte Gant.
Eugen nickte mechanisch. Er hatte die Sprache verloren. Mister Goulderbilt war ein kleines, behendes Männchen. Schwarzes Haar, schwarzer Schnurrbart, schwarzer Anzug. Kleine Hände und Füße.
»Er hat fünfzig Millionen«, sagte Gant. »Man sieht's ihm nicht an, nicht wahr?«
Eugen träumte davon, daß diese Geldprinzen fürstlich auftreten sollten, Sie müßten – so wünschte er – in wappengezierten Kutschen mit glänzend livriertem, berittnem Geleit durch die Straßen fahren. Sie müßten glitzernde Ringe an den Händen, hermelinbesetzte Gewänder tragen. Ihre Frauen müßten in juwelenstarrenden Diademen und mit Perlenketten geschmückt dasitzen. Sie müßten in alabasternen Säulenpalästen wohnen, in großen Sälen an ungeheuren, schimmernden Tafeln speisen: Leckerbissen vom Fleisch schwangerer Säue, Pilze in Öl, kalvierten Salm, delikat zubereitetes Wildbret, Karpfenzungen, Fischlippen als scharfes Ragout, Haselmäuse, Salanganennester … ja! mit goldnen Bestecken, mit Löffeln aus Bernstein, Karfunkel und Topas essen, aus achatnen Bechern trinken, sich aus alten, silbergetriebnen, mit Diamanten, Rubinen und Smaragden besetzten Schalen im Feuer von Amethysten, Beryllen und Saphiren bedienen lassen … kurz alles haben, alles tun, was Epikur Mammon begehrte.
Eugen traf nur einen Millionär, dessen öffentliches Auftreten ihn befriedigte. Und dieser Mann war leider verrückt. Er hieß Simon.
Als Eugen Simon kennenlernte, war dieser fast fünfzig Jahre alt; er war stark, stämmig, mittelgroß, mit einem braunen; hagern, glattrasierten Gesicht und schattenhohlen, oft von Fingernägeln zerkratzten Wangen. Sein langer schmaler, trauriger Mund war fein und sensitiv; er lächelte ein dämonisches Lächeln, das das ganze Gesicht überflackerte. Simon hatte volles, glattes, stark angegrautes Haar, von den Schläfen straff zurückgestrichen. Er trug locker sitzende, gutgeschnittne Kleider: dunklen Rock zu weiten grauen Flanellhosen, gestreifte Seidenhemden mit dazugehörigen Kragen, lose, volle Krawatten. Seine Westen hatten ein rotbraunes Schachbrettmuster. Simon war eine sehr distinguierte Erscheinung.
Er zog mit seinen beiden Wärtern nach Dixieland, als Schwierigkeiten in verschiednen Hotels ihn gezwungen hatten, nach privater Unterkunft zu suchen. Er mietete zwei Zimmer mit einer Schlafaltane, zahlte glänzend dafür.
»Ei was«, sagte Eliza zu Helene, »ich glaub gar nicht, daß da was nicht stimmt. Er benimmt sich so ruhig und hat überhaupt die besten Manieren von der Welt.«
In diesem Augenblick gellte ein durchdringender Schrei durchs ganze Haus. Dem folgte ein langes, teuflisches Gelächter. Eugen hüpfte, vor Vergnügen quietschend, in der Diele auf und ab. Ben, die Braue finster gerückt, fuhr mit dem Arm aus, als wollte er den kleinen Bruder puffen. Statt dessen aber schnickte er den Kopf seitwärts gegen Eliza und bemerkte mit einem leisen, verächtlichen Lachen:
»Ich versteh weiß Gott nicht, Mama, warum Du solche Leute ins Haus nimmst. Ich dächte, du hättest genug an Deiner eignen Familie.«
Helene legte wütend los. »Um Gottes willen, Mama! …«
Da trat Gant aus der Dämmerung ein. Er trug ein Bündel vom Fleischer auf den Tisch und murmelte rhetorisch vor sich hin. Wieder gellte das Lachen von oben. Gant hob verdutzt den Kopf. Lukas, der aufmerksam am Fuß der Treppe gelauscht hatte, platzte blökend heraus. Helene, geärgert und gleichzeitig amüsiert, ging auf Gant zu und pokte ihn mit dem Finger in die Rippen.
»Höh!« fragte er erstaunt, »was ist denn los?«
»Miss Eliza hat 'nen Verrückten droben«, kicherte sie.
»Jesus, mein Gott!« schrie Gant verzweifelt. Er leckte schnell seinen großen Daumen und blickte flehentlich zu seinem, Schöpfer empor. Dann ließ er wie ein Verzweifelter die Arme fallen, ging hastig auf und ab und schimpfte laut. Eliza stand stumm da, sah eines nach dem anderen an, rollte die Lippen. Ihr weißes Gesicht war gekränkt und bitter.
Wieder gellte das wilde, hämische Gelächter von droben. Gant hielt inne, fing Helenes Blick auf, grinste unvermittelt und unwollend wie ein Schaf.
»Gnad uns Gott«, kicherte er, »demnächst wird sie Barnums Mißgeburten als Gäste hierhaben.«
In diesem Augenblick erschien Simon. In bester Haltung, distinguiert und ernst, kam er mit seinem Geleit, dem Mister Gilroy und dem Mister Flannagan, die Treppe herunter. Die beiden Wärter waren rot im Gesicht und atmeten schwer wie nach einer großen Anstrengung. Simon jedoch war gelassen wie immer in seiner tadellosen, gepflegten Urbanität.
»Guten Abend«, grüßte er verbindlich, »ich hoffe, ich habe Sie nicht warten lassen.« Sein Blick fiel auf Eugen.
»Komm mal her, mein Junge«, sagte er sehr gütig.
»Keine Bange«, bemerkte Mister Gilroy aufmunternd, »er tut keiner Fliege was.«
Eugen trat herzu.
»Und wie heißt Du, mein Junge?« fragte Simon mit seinem schönen Satanslächeln.
»Eugen.«
»Ein schöner Name«, sagte Simon. »Bemüh Dich stets, seiner würdig zu sein.«
Mit großartig-nachlässiger Gebärde griff er in die Rocktasche und holte vor den Augen des erstaunten Knaben eine Handvoll blinkender Fünf- und Zehn-Centstücke heraus.
»Sei immer gut zu den Vögeln«, sagte Simon und leerte den Schatz in Eugens Hände.
Die Gants sahen Mister Gilroy fragend an.
»Das? Schon gut!« bemerkte Mister Gilroy vergnügt. »Er entbehrt es nicht. Er hat noch 'ne ganze Menge in der Tasche.«
»Er ist Multi-milli-onär«, bemerkte Mister Flannagan stolz. »Wir geben ihm jeden Morgen vier bis fünf Dollar in Kleingeld zum Verschenken.«
Simons Blick war zum erstenmal auf Gant gefallen.
»Geben Sie auf den Stingaree acht!« rief er. »Und denken Sie an Maine.«
»Ich will Euch was sägen«, erklärte Eliza. »Er ist gar nicht so verrückt, wie Ihr Euch einbildet.«
»Stimmt«, sagte Mister Gilroy zu dem schmunzelnden Gant. »Der Stingaree ist ein Fisch; er kommt an den Küsten von Florida vor.«
»Vergessen Sie die Vögel nicht, meine Freunde«, sagte Simon und ging von seinem Geleit gefolgt hinaus. »Seien Sie immer gut zu den Vögeln!«
Sie gewannen ihn sehr lieb. Irgendwie paßte er in ihr Leben. Keinem von ihnen wurde in Anwesenheit von Wahnsinn unbehaglich. Ins Dunkel der Frühlingsnächte hinaus barst plötzlich sein satanisches Lachen; Eugen lauschte erregt auf und schlief wieder ein, außerstande, das Lächeln der dunkel blühenden Bosheit, die von losem Kleingeld klinkernden Taschen zu vergessen.
Nacht. Das Sirren unzähliger kleiner Insektenflügel. Ich hört' den Uferlaut der Binnenmeere.
– Und die Luft wird von warmkehligen, pflaumenfallenden Vogellauten voll sein. Eugen war fast zwölf. Seine Kindheit war herum. Und als dieser Frühling sich vollendete, spürte er zum erstenmal das ganze volle Entzücken der Einsamkeit. Im dünnen Nachthemd stand er am Gartenfenster im Hinterzimmer von Gants Haus, trank die süße Luft tief ein, war glücklich, im Dunkel allein zu sein, hörte den langgezognen, klagenden Pfiff der westwärts fahrenden Züge.
Der Kerker des Ichs hatte sich ganz um ihn geschlossen; er lebte ganz in den Mauern seiner Phantasie. Er hatte nun gelernt, mechanisch vor der Welt ein annehmbares Abbild seiner selbst zur Schau zu tragen; das schützte vor Zudringlichkeit. In den Schulpausen war ihm die Qual des Verfolgtwerdens und der Flucht erspart. Er ging in die Oberklasse der Volksschule; er gehörte zu den großen Buben. Sein Haar war, als er neun Jahre war, geschnitten worden; nach einer erbitterten Belagerung hatte die starrsinnige Eliza nachgegeben; so hatte er auch um seiner langen Locken willen nicht mehr zu leiden. Aber er war wie Unkraut in die Höhe geschossen; er überragte Eliza bereits um vier oder sechs Zentimeter. Seine großen Knochen waren dünn und fragil; es war kein Fleisch daran. Seine ungemein langen, sehr dünnen und geraden Beine wirkten komisch; er ging wie eine Schere; er hatte einen weiten, springenden Schritt.
Auf den schmächtigen, unterentwickelten Hals gesetzt, unter dem großen breitstirnigen Kopf mit dem dichten Lockenhaar, das vom hellen Ahornbraun der Kindheit in ein tiefes Braunschwarz nachgedunkelt war, saß ein Gesicht, ein so kleines, delikat modelliertes Gesicht, daß es nicht zu dem Körper zu gehören schien. Die Fremdheit und Entrücktheit des Ausdrucks wurde durch eine leidenschaftliche, dunkelbrütende Versonnenheit noch gesteigert. Splitter eines Gedankens, Schatten einer Regung flogen über dies Gesicht wie Lichtreflexe über einen dunklen Teich. Der Mund war sinnlich voll, ungemein beweglich; die tiefeingekerbte Unterlippe war herausgestülpt. Dieses traumverzückte Gesicht trug gewöhnlich den Ausdruck einer fast doofen Nachdenklichkeit. Öfter als er lachte, lächelte Eugen. Er lächelte inwendig über irgendeinen phantastischen Einfall oder über irgend etwas, das im Gedächtnis auftauchend ihm jetzt zum erstenmal komisch vorkam. Wenn er lächelte, öffnete er die Lippen nicht; ein verzwicktes Flackern huschte über den Mund. Seine dichten, hochbogigen Brauen waren über der Stirn, zusammengewachsen.
Diesen Frühling war er einsamer als je, Elizas Umzug nach Dixieland vor drei oder vier Jahren, die Auflösung des festen Haushalts in der Woodson Street, hatte seine Freundschaften mit Harry Tarkinton, Max Isaacs und anderen Nachbarsöhnen unterbrochen. Er verkehrte nun fast kaum noch mit ihnen, nur gelegentlich nahm er die Beziehungen für eine Weile wieder auf. Er hatte keine ständigen Gespielen mehr, sondern nur noch eine Kette loser Beziehungen zu Kindern, deren Eltern für eine Zeit in Dixieland wohnten, mit Tim O'Doyle, dessen Mutter das Brunswick leitete, mit Kindern da oder dort, die ihn flüchtig interessierten.
Aber bald ödeten sie ihn furchtbar an. Ihm grauste vor der stumpfsinnigen Häßlichkeit ihres Wesens, ihres Denkens, ihrer Vergnügungen. Ihm war, als wate er in fauligem Sumpfwasser. Dumpfe Menschen entsetzten ihn. Es machte ihn wütend und ärgerte ihn, daß sie in einer Luft gedeihen konnten, die ihn niederdrückte. Aus diesem Grund konnte er seine Kusine Pett Pentland mit ihren verrosteten alten Tanten nicht leiden. Seine eigene Lebenslangeweile verdroß ihn nie so sehr wie die Langweiligkeit andrer Leute.
Die ganze Landschaft – sinnfällige Umwelt seines Daseins – lag nun im Sonnenglanz und in den Wolkenschatten vorurteilsvoller Zu- und Abneigungen, die in ihm unter Gott weiß was für unausfindlichen Wahlverwandtschaften entstanden waren. Eine Straße war für ihn »gute« Straße, ganz im Glanz lebensfülliger, hochherziger Fröhlichkeit gebadet …, während eine andre ihm unerklärlicherweise als »schlechte« Straße, als bedrückend, furchtbar, hoffnungslos erschien.
Vielleicht war es das kalte, fahlrote Licht eines Vorabends im Winter, das hämisch frühlingsverheißend über einem Spielplatz verglomm, während in den Häusern ringsum blakende Petroleumlampen angezündet wurden, Männer in das dumpfwarme Gefängnis der Heime traten, schmutziges Kindergesindel in den Stuben Abendbrot aß und zu Bett ging …, vielleicht waren diese Dinge daran schuld, daß er den Platz fortan haßte, obschon er die Umstände und Empfindungen, unter denen ihm der Platz häßlich vorgekommen war, längst vergessen hatte.
Oder; – er kehrte von einem Waldspaziergang an einem schwermütigen Herbstabend über die Cove Street und die Valley Street heim; er war durchgefroren und schmutzig; er hatte sich einen leichten Schnupfen geholt … und fortan haßte er die beiden Straßen hartnäckig und hatte eine abergläubische Angst vor den Leuten, die dort wohnten.
Er hatte eine ganz ungewöhnliche Liebe für hartes, grelles, weißglühendes Licht. Er haßte dumpfe, trübe, weiche, gedämpfte, verschattete Lampen und Lichter. Nachts wünschte er in mit Bogenlampen scharf und durchdringend erleuchteten Räumen zu sein. Und dann das Dunkel.
Obschon er sich leidenschaftlich für Sport interessierte, war Eugen ein schlechter Mitspieler. Als ihm Max Isaacs, der Freund, längst nichts mehr bedeutete, nahm er an Max Isaacs, dem Baseballspieler, noch lebhaftesten Anteil. Max spielte meist Außenpositionen. Wenn ihm zugeschlagen wurde, schnellte er leicht über das ihm zugeteilte Feld, sprang wie ein Panther und fing den Ball mit müheloser Gewandtheit. Max war ein erstklassiger Ballschläger; ruhig-gespannt stand er vor dem Einschenk und traf den Ball voll mit knappem Armschwung und scharfem Schulterruck. Vergeblich versuchte Eugen, die Kraft und Genauigkeit dieses Zuschlags, der den Ball in weitem Bogen sausend über das Feld trieb, nachzuahmen. Es gelang nicht; er hackte plump und blind zu und schlug einen armseligen Aufdotzer in die Base. Im Feld war er ebensowenig zu brauchen. Er lernte es nie, in der Mannschaft zu spielen, ein Glied des organisch-bewegten, telepathisch-vereinten Ganzen zu sein. Er war übererregt, nervös und patzte, sobald er in der Gruppe spielte. Aber er verbrachte Stunden mit einem anderen Buben – oder nach dem Mittagessen mit Ben – beim Fangball zu zweit. Dies Spiel freute ihn; er war äußerst geschickt und schnell. Ben, durch einen behenden Rückwurf überrascht, stieß wilde Flüche aus und schmiß den Ball wütend zurück. Es freute Eugen, wenn der Ball in niederer Kurve ansausend in den lederbesetzten Fanghandschuh klatschte.
Im Frühjahr und im Sommer ging er, sooft er sich's leisten konnte oder eingeladen war, zu den Baseballspielen der Distriktsliga. Er war ein fanatischer Parteigänger des Stadtklubs und seiner besten Spieler; er träumte sich ständig in die Rolle des Sporthelden, der das Spiel für seine Seite rettet. Praktisch jedoch war es ihm unmöglich, sich der Zucht und den schweren Übungen zu unterwerfen und Niederlagen und Versagen hinzunehmen, wie es einem guten Sportsmann ziemt. Er wollte stets gewinnen, stets den General spielen, stets der heroische Träger des Siegs sein. Und dann wollte er geliebt werden. Siegen und geliebt werden. In schwärmerischen Phantasien sah er sich stets als Sieger und Geliebten.
Jedoch in Augenblicken klarer Einsicht, in denen ihm das ganze Elend des Lebens mit seinen Niederlagen aufging, erkannte er seine schlaksige, absurde Gestalt, sein unpraktisches, in Träume und Brüten verlornes Antlitz, das ihm viel zu sehr wie eine dunkle, fremde Blume vorkam, um Zuneigung bei Kameraden und Verwandten zu erwecken, eher aber deren Hohn herauszufordern schien. Wehen Herzens entsann er sich der zahllosen Demütigungen, die er zu Haus und in der Schule erlitten hatte … ihm war dann, als seien die Hörner des Siegs im Wald verschallt und die Trommeln und Gongs des Triumphs in der Stille verzittert. Die Adler waren fortgeflogen. Vor seiner Vernunft kam er sich vor wie ein Wahnsinniger, der sich für Cäsar hielt. Er verrenkte den Hals, wandte den Kopf ungelenk zur Seite und schlug die Hand vors Gesicht.
XVI
Der Frühling wurde groß. Gegen Mittag schläferte die Sonne. Warme Windstöße flogen um die Giebel. Junges Gras wellte, Gänseblümchen zwinkerten.
Eugen preßte die hohen Knie gegen die unbequeme Bodenleiste der Sitzbank. In seinen Wachträumen war Heimweh. Zwei Reihen weiter räkelte sich die üppige Bessie Barnes und zeigte ihre langen, seidenbestrumpften Beine. Tu mir das Tor der Freuden auf! Hinter ihr saß ein Mädchen namens Ruth, milchweiße Haut, braunes, in der Mitte gescheiteltes Haar, die Augen dunkel und sanft wie ihr Name. Eugen erwog ein zügelloses Leben mit Bessie und dann, nach vorhergegangner Bekehrung, eine reine Ehe mit Ruth.
Eines Tages, nach der Zwölfuhrpause, wurden die drei Oberklassen von den Lehrern aufgestellt und in die Aula geführt. Die Schüler waren aufgeregt und flüsterten leis miteinander. Zu dieser Zeit waren sie noch nie in die Aula geführt worden. Es kam öfters vor, daß mitten im Unterricht die Schellen schrillten; dann sprangen die Klassen schnell auf, formierten Zweierreihen und marschierten aus dem Schulhaus. Das hieß Feueralarm und machte Spaß. Einmal war der Bau in vier Minuten leer.
Aber das nun war etwas Neues. Sie marschierten in die Aula, nahmen klassenweise Platz. Die Tür zum Rektorzimmer zur Linken – wo die kleinen Buben Prügel bekamen – ging auf. Der Rektor kam heraus, trat schnell aufs Katheder und fing an zu reden.
Dieser Rektor war neu. Der junge Armstrong, der so delikat an der Blume gerochen, Daisy besucht und Eugen einmal beinahe wegen schmutziger Reimereien verhauen hatte, war versetzt. Der neue Rektor war älter, achtunddreißig etwa. Er war groß und stark, fast zwei Meter hoch. Er stammte aus einer kinderreichen Farmerfamilie in Tennessee. Sein Vater war arm, hatte aber seinen Kindern zu einer guten Erziehung verholfen. Das alles wußte Eugen bereits, denn der Rektor sprach jeden Morgen zu der versammelten Schule. Er sagte dann, er hätte es nie so gut gehabt wie die Schüler. Mit einem gewissen Stolz stellte er sich ihnen als Vorbild hin. Mit spaßigem Ernst mahnte er die kleinen Buben, »nicht wie das dumpfe Vieh auf der Trift, sondern wie Helden im Kampf zu stehen«. Das war ein poetisches Zitat, nämlich Longfellow.
Der Rektor hatte schwere, stämmige Schultern und dicke, ungelenke Arme mit wulstigen Bauernmuskeln. Eugen hatte ihn einmal im Schulgarten mit der Hacke arbeiten sehen, damals, als jedes Kind eine Pflanze zum Einsetzen bekommen hatte. Diese Muskeln hatte der Rektor auf der Farm bekommen. Die Jungen sagten, daß es bei ihm sehr harte Hiebe setze. Er hatte einen plumpen, vollfüßigen Schleichgang, der äußerst komisch und ungeschickt wirkte. Aber er konnte einen Jungen »tappen«, ehe der es recht gewahr ward. Otto Krause nannte ihn den »Kriecherchristus«. Eugen war ein wenig schokiert darüber. Aber die Buben waren eine rohe Bande, der Spitzname blieb.
Der Rektor hatte ein wächsern weißes Gesicht, flache Wangen, ähnlich wie die Pentlands, eine bläulich-bleiche Nase, einen dünnlippigen, leichtgeschwungnen Mund. Sein grobes, dichtes, schwarzes Haar ließ er nie zu lang wachsen. Er hatte kurze, breite, kräftige Hände; sie waren sehr trocken und immer mit Kreide beschmiert. Wenn Eugen an ihm vorüberging, fing er stets den Geruch von Kreide und Schulhaus auf. Vor solcher Autorität wurde ihm kalt ums Herz: Da war der Mann, der schlagen konnte, ohne daß man zurückschlagen durfte, das war etwas wie die Blitze schleudernde Hand Gottes. Phantastische Qual: Eugen stellte sich vor, daß er Widerstand leisten und zurückschlagen würde … Dann sah er sich vorsichtig um, ob der Gewaltige nicht etwa seine verruchten Gedanken erraten habe.
Der Rektor hieß Leonard. Jeden Morgen, nach einem Gebet von zehn Minuten, hielt er eine längere Ansprache an die Schüler. Er hatte eine hohe, laute Stimme. Manchmal vergaß er sich und verfiel in eine komische, bäurisch-rauhe, langgedehnte Sprechweise. Es geschah oft, daß er den Faden verlor und mitten im Satz zu träumen anfing. Dann starrte er mit halboffnem Mund vor sich hin, lachte plötzlich ein leeres, karges, verständnisloses Lachen und kehrte, die Gedanken immer noch unterwegs, zur Sache zurück.
Jeden Morgen, zwanzig Minuten lang, ließ er ein planloses, langweilig-pompöses Gerede auf die Kinder los. Die Lehrer gähnten vorsichtig in die Hände, die Kinder kritzelten etwas vor sich hin oder schrieben einander Zettelchen. Der Rektor sprach von »höherem Leben« und von den »Dingen des Geistes«. Er versicherte, die Schüler seien »Männer und Frauen des morgigen Tags«, »die Hoffnung der Welt«. Woraufhin er Longfellow zitierte.
Ein rechtschaffner, dumpf-ehrlicher Mann, dieser Leonard. Es war ein gut Stück erdhafter Roheit an ihm. Abgesehen von seiner Leidenschaft für die Schulmeisterei ging ihm nichts über eine Farm. Er hatte ein großes, baufälliges Haus vor der Stadt gepachtet; es stand auf einem Hügel in einem Hain alter, stattlicher Eichen. Dort hauste er mit einer Frau und seinen zwei Kindern. Er hielt eine Kuh, denn ohne Kuh konnte er nicht leben. Frühmorgens und abends molk er sie mit eigner Hand.
Leonard war ein harthändiger Herr. Er duldete keinen Widerspruch. Wenn ein Junge frech war, packte er ihn beim Kragen und schleppte den Zappelnden schweratmend ins Rektorzimmer, wo er dem Gefangnen mit scharfen Meerrohrhieben eine strenge Lehre erteilte.
Heute nun hatte er die Schüler versammelt, um einen kleinen Aufsatz schreiben zu lassen. Mit leeren Gesichtern dösten die Kinder vor sich hin, als er ihnen aufs Geratewohl auseinandersetzte, was sie schreiben sollten. Schließlich verkündigte er, daß er einen Preis ausgesetzt habe. Er würde aus eigner Tasche demjenigen, der die beste Arbeit abliefre, fünf Dollar geben. Sofort war das Interesse geweckt.
Der Aufsatz war über ein französisches Bild, das »Das Lied der Lerche« hieß. Auf dem Bild war ein Bauernmädchen dargestellt. Es war barfuß; in der Hand hielt es eine Sichel. Das Morgenlicht lag auf den Feldern. Das Mädchen hob das Gesicht gen Himmel und lauschte den Trillern des Vogels. Die Kinder sollten schreiben, was das Gesicht des Mädchens ausdrücke. Sie sollten schreiben, was ihnen das Bild bedeute. Es war im Lesebuch reproduziert; zudem hing es nun groß und in Buntdruck zur Besichtigung an der Wand. Gelbe Papierbogen wurden verteilt. Die Kinder stierten, kauten an ihren Bleistiften. Es wurde still im Saal, man hörte das feine Gekratz der Schreibenden.
Der warme Wind flog um die Giebel. Draußen, leise sausend, wellte das Gras.
Engen schrieb:
»– Das Mädchen lauscht dem Lied der Lerche. Es weiß, das bedeutet, der Frühling ist da. Das Mädchen ist ungefähr siebzehn oder achtzehn. Seine Leute sind arm; es ist nie woanders gewesen. Im Winter trägt es Holzpantinen. Das Mädchen spitzt den Mund ein wenig, als ob es pfeifen wolle. Aber es pfeift nicht, damit der Vogel nicht merkt, daß es ihn beobachtet. Seine Leute kommen hinter ihm her; sie steigen auf dem. Feldweg den Hügel hinan, darum sehen wir sie nicht. Das Mädchen hat einen Vater, eine Mutter und zwei Brüder. Alle haben sie ihr Lebtag gearbeitet. Das Mädchen ist das jüngste Kind in der Familie. Es hegt den Wunsch, woandershin zu reisen und die Welt zu sehen. Manchmal hört es einen Zug pfeifen, der nach Paris geht. Es ist noch nie Eisenbahn gefahren. Es möchte gern mal nach Paris. Es möchte schöne Kleider haben und reisen. Vielleicht möchte es in Amerika, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, ein neues Leben anfangen. Das Mädchen hat es nicht gut gehabt; seine Angehörigen verstehen es nicht. Wenn sie jetzt sähen, wie es der Lerche lauscht, würden sie es verspotten. Das Mädchen hat nie die Vorteile einer guten Schulbildung genossen. Seine Leute sind zu arm dazu. Wenn ihm aber diese Gelegenheit gegeben wäre, dann würde es sie mehr nützen, als manche andere Kinder tun, denen diese Vorteile geboten werden, denn am Gesicht sieht man, daß das Mädchen klug und verständig ist.«
Das war Anfang Mai. In vierzehn Tagen sollten die Abschlußprüfungen sein. Eugen freute sich sehr darauf. Er hatte das Pauken, das Überfliegen des Lehrstoffs gern; es machte ihm Spaß, seine aufgespeicherten Kenntnisse zu Papier zu bringen; die hochgespannte, nervöse Atmosphäre im Prüfungssaal regte ihn an. Und dann würden die trägen, heißen Ferienmonate kommen. Ach, wenn er dann hier sein könnte, mit dem großen Gipsabdruck der Minerva allein, oder mit Bessie Barnes oder mit Miss –, mit Miss –
»Den Jungen müssen wir kriegen«, sagte Margaret Leonard und reichte ihrem Gatten Eugens Aufsatz. Sie wollten eine Privatschule für Knaben aufmachen; aus diesem Grunde hatte der Rektor den Aufsatz schreiben lassen.
Leonard tat so, als läse er eine halbe Seite, starrte geistesabwesend in die Ewigkeit und kratzte sich am Kinn, wobei er sein Gesicht kreidestaubig machte. Dann, als er ihren Blick auffing, lachte er ein kurzes, blödes Lachen und bemerkte: »Wie? Den kleinen Nichtsnutz? Ach was? Glaubst Du wirklich …?« Er beugte sich vornüber, mit eingezognem Atem lachend und klatschte sich auf die Knie, wo er Kreidespuren zurückließ. Er brachte einen fetten Schmalzlaut hervor und sagte schließlich: »Barmherziger Heiland!«
.»Hier, vorwärts, sieh Dir das an und mach keine Flausen!« sagte sie und lächelte zärtlich amüsiert über ihn. »Faß Dich und geh und besuch die Eltern dieses Jungen!« Sie liebte ihren Gatten sehr; er liebte sie.
Ein paar Tage später versammelte Leonard die Oberklassen abermals in der Aula. Er hielt eine wirre Rede, in der er den Schülern kundtat, daß einer unter ihnen den Preis gewonnen hätte; den Namen des Preisträgers verschwieg er; schließlich las er nach längeren, selbstgenießerischen Umschweifen Eugens Aufsatz vor, nannte den Namen und rief ihn vor.
Kreidegesicht nahm Kreidehand. Das Herz des Jungen raste an die Rippen. Er schmeckte Ruhm. Die stolzen Homer erschallten.
Geduldig belagerte Leonard Eliza und Gant. Gant wich aus, war und blieb unverbindlich, wies ihn schließlich an Eliza. »Sie müssen mit der Mutter reden!« Privatim äußerte er sich sehr aufgebracht über den Antrag und hielt laute Reden über die Verdienste der Volksschule als einer Brutstatt rechtschaffnen Staatsbürgersinns. Die Familie rümpfte die Nase: »Privatschule?! Mister Vanderbilt, was?! Dem Bürschlein große Rosinen in den Kopf setzen, so daß sein Lebtag nichts aus ihm wird!«
Woraufhin Eliza nachdenklich wurde. Eine gediegne Strähne Snobismus war in ihr. Mister Vanderbilt?! Ei warum nicht?! War sie etwa etwas Geringeres? Keineswegs! Sie würde es schon beweisen.
»Haben Sie schon Kunden zusammengetrommelt? Wessen Söhne werden in Ihre Schule kommen?« fragte sie.
Leonard nannte ein paar modische und reiche Leute, die ihm ihre Söhne schicken würden: – Dr. Kitchener, der Ohren-, Rachen-, Nasen- und Augensoezialist; Mister Arthur; der Syndikus einer Großfirma; Bischof Raper von der episkopalischen Diözese.
Eliza wurde noch nachdenklicher: Sie dachte an Pett, Will Pentlands Frau. Hatte die es vielleicht nötig, so dickzutun?
»Wie hoch ist das Schulgeld?« fragte sie.
Hundert Dollar im Jahr, erklärte er. Sie schürzte die Lippe statt einer Antwort. Sie lächelte neckisch und sah Eugen an.
»Hm, das ist ein ganzer Haufen Geld«, sagte sie schließlich. »Wissen Sie«, – ihr Lächeln wurde wehleidig – »wie die armen Nigger so sagen, wir sind ein poweres Volk.«
Eugen zuckte zusammen.
»Na, was ist denn, Junge?« sagte Eliza scherzhaft zu ihm, »glaubst Du, daß Du das Geld wert bist?«
Mister Leonard legte seine weiße, trockne Hand gönnerisch auf Eugens Schulter und fuhr ihm, überall Kreidespuren zurücklassend, den Rücken hinunter. Dann packte er den Jungen fest bei den schmalen Handgelenken.
»Dieser Bursche ist es wert«, versicherte er und schüttelte ihn langsam hin und her.
Eugen lächelte peinlich verlegen. Eliza schürzte wieder die Lippe. Sie spürte eine starke, seelische Verwandtschaft mit Leonard. Sie beide gehörten zu der Sorte, die sich zu allem Zeit läßt. Sie lächelte schlau, rieb sich die gerötete Nase.
»Ja, sagen Sie mal«, legte sie los, »ich war mal selber Schullehrerin, das wissen Sie wohl gar nicht, was? Aber dafür bekam ich längst nicht so viel Geld, wie Sie da verlangen. Ich war herzlich froh, wenn ich 'nen Freitisch und zwanzig Dollar im Monat bekam.«
»Ei was? Wirklich. Mistress Gant?« entgegnete Mister Leonard höchst interessiert. »Na also!« Er lachte leer und schüttelte Eugen heftiger, wobei er ihn so hart anpackte, daß er ihm fast die Adern abschnürte.
Eliza begann wieder:
»Jaja, ich erinner' mich noch ganz genau … da war mein Vater, es war lange vor Deiner Geburt …« – bemerkte sie zu Eugen, – »denn Deinen Papa hatte ich damals noch mit keinem Auge gesehn, und wie die Kerle so sagen. Du warst damals weiter nichts, wie ein schmutziges Spüllümpchen, das im Himmel zum Trocknen aufgehängt ist … jaja, damals hätte ich jedem ins Gesicht gelacht, der mir was vom Heiraten vorgeschwätzt hätte. Also, was ich sagen wollte …« – hier schüttelte sie traurig den Kopf und verzog den Mund vor Wehmut – »wir waren damals sehr, sehr arm, kann ich nur sagen, ich hab erst neulich wieder dran gedacht, wie oft wir damals nicht wußten, wo die nächste Mahlzeit herkommen sollte. Also wie gesagt …« – sie wandte sich immer noch an Eugen – »Dein Großvater kam eines Abends heim und fragte mich: ›Also rat mal, wen ich heut getroffen habe?‹ Ich erinnere mich so genau, als stünde er leibhaftig vor mir im Zimmer. Na also, mir schwante so was, wissen Sie …« – hier wandte sie sich an Leonard mit einem fragenwollenden Lächeln – »… so Ahnungen sind schon merkwürdig, wenn man später darüber nachdenkt. Also, ich hatte gerade meiner Tante Jane beim Tischdecken geholfen; sie wohnte in Yancey County und war damals bei uns zu Besuch … es war gerade ein Jahr, daß ich fast an doppelseitiger Lungenentzündung gestorben wäre, und mein Vater hatte mir einen großen Sack Äpfel mit heimgebracht. Da rief ich aus: ›Ei Papa! Da hast Du mir ja Äpfel mitgebracht.‹ er aber sah so sonderbarlich aus und sagte einfach: ›Ich habe gute Nachricht für Dich, Eliza. Und nun rate mal, wen ich heut getroffen habe!‹ ›Aber ich habe nicht die geringste Idee, wen!‹ antwortete ich, und da sagte er: ›Der alte Professor Trueman war es. Er ist in der Stadt auf mich zugekommen und sagte: ›Hör mal, ich hab 'ne Stelle für die Eliza. Wenn sie will, kann sie den Winter über in Beaverdam Schule halten.‹ ›Ach was‹, sagte mein Vater, ›sie hat ja nie im Leben einen Tag Schule gehalten‹, aber der alte Professor Trueman lachte einfach laut heraus und sagte: ›I bewahre, das macht nichts, die Eliza kann alles, was sie will …‹ jaja … so ist es denn zustand gekommen …«
Mit höchst besorgter Miene hielt sie inne. Ihre Gedanken wanderten auf den überwucherten Wegen der vergangnen Jahre.
»Also, hallo, mein Junge«, sagte Mister Leonard unsicher, gab Eugen, einen Stoß und lachte selbstgenüßlich vor sich hin.
Eliza schürzte langsam die Lippe.
»Schön!« entschied sie, »ich werde Ihnen den Jungen auf ein Jahr schicken.«
Dies war ihre Art, Geschäfte zu erledigen. Die Flut stieg in Sargasso.
So: auf den haarfeinen Spuren von Millionen kleiner Impulse wirkte das Schicksal auf Eugens Leben ein.
Mister Leonard hatte ein großes, altmodisches, leicht baufälliges Haus vor der Stadt gepachtet. Es war vor dem Bürgerkrieg gebaut und stand breitaufgesetzt in einem Hain großer Eichen auf einem Hügel. Die Fronten gingen nach Westen und Süden, gegen Biltburn hin und gegen das Südende der Stadt mit dem Bahnhofsviertel und den Mietskasernen, in denen Neger wohnten.
Eines Tages, früh im September, nahm er Eugen mit hinaus. Sie sprachen gewichtig von Politik, als sie die Hatton Avenue herunterschritten. Sie gingen durch die Stadt und die gewundne Straße hügelan zum Hause hinauf. Wehmütige Vorherbstmusik rauschte in den alten Bäumen, als sie in das große Grundstück eintraten.
In der geräumigen Wohndiele sah Eugen zum erstenmal Rektor Leonards Frau. Sie hatte eine Schürze vorgebunden und trug einen Besen in der Hand. Eugens erster Eindruck war überraschend. Margaret Leonard war ein ungemein zartes, schier zerbrechliches Wesen.
Sie war damals vierunddreißig. Sie hatte zwei Kinder, einen sechsjährigen Sohn und eine zweijährige Tochter. Als sie vor ihm stand, die lange, feine Hand um den Besenstiel gelegt, bemerkte Eugen, daß die Spitze ihres rechten Zeigefingers flach war, so, als sei sie mit einem Hammer unheilbar plattgeschlagen worden. Jahre später erst erfuhr er, daß Tuberkulöse zuweilen solche Finger haben.
Sie war mittelgroß, etwa 1,6o Meter. Als Eugens Verlegenheit abflaute, merkte er, daß sie höchstens siebzig oder achtzig Pfund wiegen könne. Von den Kindern hatte er reden hören; nun fielen sie ihm ein. Zwangsläufig, mit kaltem Entsetzen dachte er an Leonards schweren, weißen Muskelwulst. Die Vorstellung der geschlechtlichen Beziehungen zwischen den beiden drängte sich ihm jählings auf: furchtsam und ungläubig wehrte er den Gedanken ab.
Sie trug ein Kleid aus steifem, grauem Gingham, das keineswegs lose oder füllig um ihre abgezehrte Gestalt fiel, sondern ihren Körper so verhüllte, als wäre er ein drapierter Stock.
Während Eugen noch in diesen qualvollen Eindrücken befangen war, hörte er ihre Stimme. Beschämt blickte er auf und sah ihr ins Gesicht. Es war das stillste und gleichermaßen leidenschaftlichste Gesicht, das er je gesehen hatte. Unter der aschfahlen, dünnen Haut zeichneten sich die zarten Linien der Gesichts- und Schädelknochen klar ab. Die merkwürdige Gespanntheit, die die Gesichter Sterbender haben, war gerade überwunden. Dieser Mensch hatte soweit zurückgefunden, daß das Leben ihm die Waagschale von Krankheit und Genesung im Gleichgewicht hielt. Alles, was sie tat, müßte diese Frau erwägen und bemessen.
Eine sehr gerade Nase und ein langes, feingeschnittenes Kinn gaben dem schmalen Gesicht einen Anflug weltkluger Entschiedenheit. Um winzige Grübchen in der schlaffen Wangenhaut und um die Mundwinkel zuckten von Augenblick zu Augenblick ein paar zerrißne Nervenbündel, was aber die aus einer tiefen, inneren Stille gespeiste Schönheit des Ausdrucks nicht störte. Dieses Gesicht spiegelte einen dauernden nervösen Kampf wider und darüber hinaus den Sieg einer steten, stillen Energie über alle Unruhe. Eugen hatte immer das Gefühl, als hielte Margaret Leonard eine Hand aufs Herz gekrampft, um all die widerspenstig gespannten Drähte ihres Wesens gewaltsam zusammenzufassen. Er spürte, wenn sie einmal die Hand wegnähme, würde sie zerbrechen, würde die große Welle ihrer Tapferkeit verebben. Buchstäblich, körperlich empfand er das so. Sie erschien ihm wie ein ruhmbedeckter, sagenhaft ruhiger Feldherr, der, tödlich verwundet, die zerrißne Schlagader mit einem Griff abpressend, seinen Tod um eine Stunde hinhält und die Schlacht weiter lenkt.
Ihr Haar war grob, ziemlich dicht, mattbraun, leicht angegraut; sie trug es in der Mitte gescheitelt und hinten zu einem Knoten zusammengeknüpft. Alles an ihr war äußerst reinlich, wie ein makellos gescheuerter Küchentisch. Sie nahm seine Hand, und er spürte die nervöse Lebenskraft ihrer Finger und bemerkte, wie sauber und gebürstet diese von Arbeit etwas abgenutzten Hände waren. Wenn er jetzt ihrer Abgezehrtheit überhaupt noch gewahr war, erschien sie ihm als Purifikation. Er fühlte sich nicht mit Krankheit in Verbindung gebracht, sondern mit der größten Gesundheit, die er je gekannt hatte. Ihr Wesen durchdrang ihn wie hohe Musik. Sein Herz hob sich.
»Das ist der Mister Eugen Gant«, stellte Rektor Leonard vor und streichelte ihn mit der Hand über den Rücken.
»Schön!« sagte sie, mit einer leisen Stimme, in der es von fernen Drähten summte. »Es freut mich, Dich kennenzulernen.« In ihrer Stimme vernahm er das ruhige Sichwundern, wie er es bei Leuten, die etwas Übernatürliches, etwas Merkwürdiges aus dem Jenseits berichteten, gehört hatte: eine Note des schlichten Hinnehmens. Und plötzlich wußte er, daß dieser Frau alles Leben ewig fremd scheinen müsse, daß sie unmittelbar in die Schönheit, das Mysterium und die Tragödie der Menschenherzen hineinsah, und er spürte, daß er ihr schön erschien.
Ihr Antlitz verdunkelte sich von der seltsamen, leidenschaftlichen Lebenskraft, die keine Zeichen hat und körperlos wie das Ursein in ihr war. Das Braun ihrer Augen wurde schwarz, so, als sei ein Vogel durch ihren Blick geflogen und hätte den Schatten seiner Flügel darin zurückgelassen. Sie sah Eugens kleines, müdes, traumverlornes Gesicht, sah die brennenden Augen, sah das Gestell aus Haut und Knochen, die geraden, mageren Schenkel und die etwas einwärts gedrehten Füße, sah die Schmutzspuren auf den Knien seiner Strümpfe, die dünnen Arme, die ungelenk aus den Ärmeln der billigen, schlechtsitzenden Jacke hervorkamen, sah die schmalen, armseligen, abfallenden Schultern, sah das dichte Wirrhaar, – sie sah alles, und sie lachte nicht.
Er hob ihr sein Gesicht entgegen wie ein Gefangner, der in die Freiheit blickt, wie ein lang im Finstern eingekerkerter Mensch, der sich nun im großen Teich des Tages badet, wie ein Blinder, der plötzlich Kern und Wesen unwandelbarer Helle in die Augen empfängt. Sein ganzer Körper trank das Licht ihres Wesens ein, wie ein Ausgestoßener in der Wüste den Regen trinkt. Er schloß die Augen und ließ das Licht über sich hingehen. Und als er wieder aufblickte, sah er, daß ihre Augen feucht glänzten.
Dann fing sie an zu lachen. »Ei schau!« sagte sie zu ihrem Gatten, »er ist fast so groß wie Du! Stell Dich mal hierher, Junge, ich muß Euch mal aneinander messen.« Mit gewandten Händen stellte sie beide Rücken an Rücken auf. Leonard war sechs oder acht Zentimeter größer als Eugen. Er lachte weinerlich.
»Was? Der Taugenichts!« rief er. »Der nichtige Wicht!«
»Wie alt bist Du, Eugen?« fragte sie.
»Im nächsten Monat werde ich zwölf.«
»So? Das soll mal einer verstehn!« sagte sie verwundert. Dann fuhr sie fort: »Ich will Dir eines sagen, wir müssen sehen, daß Du etwas Fleisch an die Knochen kriegst. So darfst Du nicht herumlaufen, das gefällt mir nicht.«
Sie schüttelte den Kopf.
Diese Bemerkung war ihm unbehaglich. Er war ein wenig gekränkt. Es machte ihn stets schlau und verlegen, wenn jemand sagte, er sei »delikat«; es verletzte seinen Stolz.
Sie nahm ihn mit in den großen Raum zur Linken, der als Wohnzimmer und Bibliothek eingerichtet war. Sie beobachtete, wie seine Mienen sich aufhellten, als er die fünfzehnhundert oder zweitausend Bücher, die dort auf verschiedenen Gestellen standen, erblickte. Linkisch nahm er in einem Korbsessel am Tisch Platz und wartete, bis sie zurückkam. Sie brachte ihm Dickmilch (die er noch nie gegessen hatte) in einem Glas und einen Teller belegte Brote dazu.
Als er gegessen hatte, zog sie einen Stuhl neben seinen und setzte sich. Sie hatte Leonard weggeschickt, er solle irgend etwas in der Scheuer erledigen. Man hörte, wie er draußen befehlshaberisch sein Vieh rief.
»Sag mir mal, Junge, was Du gelesen hast«, fragte sie.
Er gab einen geschickten Überblick über die Wüsteneien von Gedrucktem, die er durchwandert hatte. Er verweilte absichtlich bei jenen Lieblingsbüchern, von denen er spürte, daß sie ihren Beifall hätten. Und da er alles, Gutes und Schlechtes, aus der Stadtbibliothek verschlungen hatte, konnte er mit seiner Belesenheit Eindruck auf sie machen. Manchmal hielt sie ihn an und fragte etwas über ein Buch; dann erzählte er den Inhalt, großzügig, mit ein paar grellen Details, so daß sie völlig zufrieden war. Sie war aufgeregt, sie brannte darauf, diesen Heißhunger nach Kenntnis, Erfahrung und Weisheit zu stillen. Und Eugen spürte plötzlich die Lust des Gehorsams. Das ungestüme, dumpfe Tappen, das blinde Jagen, die verzweifelte, rastlose Gier, das würde nun aufhören. Er würde geleitet, angewiesen, geführt werden. Der Seeweg nach Indien durch die schmalen Meeresstraßen, den er nie gefunden hatte, würde nun auf der Karte für ihn vorgezeichnet werden. Ehe er wegging, gab sie ihm einen dicken Band von neunhundert Seiten, illustriert, mit lebhaften Darstellungen von Liebesbegegnungen und Kampfszenen, aus dem Zeitalter, das er am meisten liebte.
Um Mitternacht noch war er tief versunken in den Schicksalen des Mannes, der den Bären erschlug und die Windmühle niederbrannte, der die Geißel der Banditen war … tief versunken in der Landstraßen- und Tavernenwelt des Mittelalters … begeistert von dem tapferen, schönen Gerard, dem Samen des Genius, dem Vater des Erasmus. Eugen hielt Charles Reades »The Cloister and the Hearth« für die schönste Geschichte, die er je gelesen hatte.
Die Altamont Fitting School war das größte Abenteuer im Leben der Leonards. All den verspäteten Erfolg, von dem er als junger Mann geträumt hatte, gedachte Leonard nun einzuheimsen. Für ihn bedeutete die Schule Unabhängigkeit, Herrschaft, Macht und – so hoffte er – auch Wohlstand. Für Margaret war das Leben Selbstzweck, war die Lust am Menschenbilden der Arbeit hoher Lohn. Lehren war ihre lyrische Musik, ihr Leben, die Welt, in der sie Gutes und Schönes stiften und aufbauen konnte. Lehren war der Herr, der dem Geist Leben gibt, während er den Leib zerbricht.
Die kleinen Buschmotten der Menschenvergötzung taumelten ins Vulkanfeuer des Bewußtseins und verbrannten. Eugens Götter und Helden wurden alle von der mitleidslosen Sense der Jahre dahingerafft. Welche Hoffnung hatte sich denn im Leben erfüllt? Was hatte dem grausamen Wachstum widerstanden? Warum war das Gold so trüb geworden? Sein ganzes Leben lang – so schien es – fing Eugen mit leidenschaftlichen Beziehungen zu Menschen an und endete vor Bildern. Das Leben, an das er sich zu lehnen gedachte, entwich, und er hielt ein Standbild umarmt. Aber siegreich und wirklich inmitten des von Schatten heimgesuchten Herzens blieb jene Frau lebendig, die seine blinden Augen zuerst mit dem Licht berührt hatte, die seiner verhängten, unbehausten Seele ein Heim gab. Sie blieb.
O Tod-im-Leben, der uns die Menschen in Steine verwandelt! O Wandel, der gleichmachend über unsre Götter dahingeht! Wenn einer von ihnen noch unter der Asche der verzehrenden Jahre lebt, soll nicht der Staub geweckt werden, soll nicht der tote Glaube wieder entbrennen, sollen wir nicht Gott wieder schauen wie einst auf den Bergen des Morgens? Wer geht mit uns auf die Berge?
XVII
Eugen verbrachte seine nächsten vier Lebensjahre in Leonards Schule. Er kannte die entsetzliche Öde in Dixieland …, er sah den dunklen Schmerzensgang, den Gant mit seinen großen Gliedern bergab ging …, er ermaß bereits, daß er in seinem Eigenleben auf ewig eingesperrt sei …, und so erschienen ihm diese vier Jahre wie ein Aufenthalt im Hain, wo goldne Äpfel reifen.
Was Leonard selbst ihm gab, war sehr wenig: – ein trockner Kriegszug durch die Riesenwüsten lateinischer Prosa; – zuerst eine ruppige, steifgerittne Attacke auf die Grammatik, die ihn unnötigerweise furchtsam machte und bestürzte, ihn auf Jahre hinaus in absurde Vorurteile gegen die Gesetze der Sprachform trieb und ihm eine ungesunde Abneigung gegen die Syntax eingab; – dann ein Jahr lang die karge, knappe Genauigkeit des Cäsar, die großartige Struktur und Schärfe seines Stils, die Sicherheit seines Satzbaus, ein Studium, das das dumpfe Einteilen in Tagespensen, das mickrige Zerlegen der Sätze in Bestandteile, das rohe Klischee pedantischer Übersetzerei, tödlich machte. Die herrlich-dunkle Lebendigkeit des »Gallischen Kriegs«, die ein großer Lehrer mit ein paar Zügen in den Bericht des großen Realisten hätte bringen können …, sie fehlte. Statt dessen gab es methodische Routine und Gedächtnisarbeit: – Cogitata. Neutrum Pluralis des Partizips als Substantiv verwandt. Quo statt Ut zur Anzeigung der Absicht gebraucht, wenn Komparativ folgt. März letzten Jahres fehlten drei Tage am Pensum. Achtzig Zeilen für morgen durchgehn.
Sie saßen ein mühseliges Zeitalter über diesem langweiligen Hund Cicero. De Senectute. De Amicitia. Virgil wurde umgangen, weil John Dorsey Leonard ein schlechter Seemann war und sich in virgilanischer Navigation nicht auskannte. Er haßte Forschungsfahrten, mißtraute dem Reisen. Und die großen Namen des Ovid, des Herrn der Bodengeister, des bacchischen Flötenspielers der »Amores« und des Lucretius, der vom Rhythmus der Gezeiten klingt, auch sie wurden umgangen. Nox est perpetua.
»Höh!« kam es langgezogen aus Leonards Kehle. Er lachte leer. Vom Kinn bis zu den Knien war er mit Kreide beschmiert. Stefan Reinhart, genannt »Pap«, beugte sich vorsichtig vor und stieß Eugen mit dem spitzen Bleistift in die Weichen. Eugen knurrte; es tat weh.
»Ihr wollt wissen warum?« sagte Mister Leonard und rieb sich das Kinn. »Es ist eben ein ganz andres Latein.«
»Wieso anders?« fragte Tom Davies hartnäckig. »Schwerer als Cicero?«
»Na«, entschied Mister Leonard unschlüssig, »eben anders. Jedenfalls noch ein bißchen zu hoch für euch.«
– est perpetua. Una dormienda. Luna dies et nox.
»Sind lateinische Gedichte schwer zu lesen?« erkundigte sich Eugen.
»Na …« Mister Leonard schüttelte den Kopf. »Leicht jedenfalls nicht Horaz zum Beispiel …«, fing er vorsichtig an.
»Er hat Oden und Epoden geschrieben«, sagte Tom Davies. »Was ist eigentlich 'ne Epode, Mister Leonard?«
»Wieso? Eine Epode ist eine Gedichtform«, verkündete Mister Leonard nachdenklich.
»Ei, der Teufel!« flüsterte Pap Reinhart rauh in Eugens Ohr. »Das wußte ich, ehe mein Alter Schulgeld berappte.«
Leonard lächelte üppig, rieb sich das Kinn und machte es noch kreidiger. Er wollte zur Lektion des Tages zurückkehren.
»Also hier waren wir stehen geblieben.«
»Bitte, wer war Catull?« begehrte Eugen heftig zu wissen. Wie ein Speer sauste der Name durch sein Hirn.
»Ei, ein Dichter!« antwortete Leonard, gedankenlos, schnell, aufgeschreckt. Schon tat ihm die Auskunft leid.
»Was für Gedichte hat er denn geschrieben?« fragte Eugen.
Keine Antwort.
»Ähnlich wie Horaz?«
»Eigentlich nicht«, sagte Leonard nachdenklich. »Er schrieb anders als Horaz.«
»Wie denn? Worüber denn?« wollte Tom Davies wissen.
»Wie Deine Großmutter, wenn sie Bauchgrimmen hat«, flüsterte Pap Reinhart.
»Er schrieb über Dinge, die damals von allgemeinem Interesse waren«, sagte Mister Leonard leichthin.
»Über Liebschaften, nicht wahr?« sagte Eugen mit bebender Stimme.
Tom Davies sah ihn erstaunt an. »Geh fort!« rief er und fing an zu lachen.
»Ja, er schrieb Liebesgedichte«, behauptete Eugen leidenschaftlich. »Er war in eine Dame namens Lesbia verliebt. Frag Mister Leonard, wenn Du's mir nicht glaubst.«
Sie sahen den Lehrer an.
»Na – ja – nein – das weiß ich selber nicht so genau«, sagte der verwirrte Mister Leonard abweisend. »Woher weißt Du denn das, Eugen?«
»Ich hab's in einem Buch gelesen«, sagte Eugen. Er fragte sich selbst, wo. Wie ein sausender Speer der Name.
– dessen Zunge wie eine Schlangenzunge gespalten war, dessen Sprache wie eine Lanze der Leidenschaft und Ekstase flog. –
Odi et amo; quare id faciam …
»Nicht alle seine Gedichte«, sagte Mister Leonard, »nur einige.«
… fortasse requiris. Nescio, sed fieri sentio et excrucior.
»Wer war sie denn?« fragte Tom Davies.
»Das war damals so Brauch«, sagte Mister Leonard nachlässig. »Wie mit Dante und Beatrice. Es war die Form, in der Dichter ihre Komplimente abstatteten.«
Die Schlange flüsterte. Etwas Wildes schoß Eugen ins Blut. Die Gewänder des Gehorsams, der Untertänigkeit, der schicklichen Achtung vor dem Lehrer fielen von ihm ab.
»Sie war die Frau eines anderen«, behauptete er laut.
Entsetzliche Stille.
»Na! Aber schau her! Wer hat Dir denn das gesagt, Junge?« Mister Leonard war bestürzt. Er betrachtete diese Heirat als eine wilde, möglicherweise gefährliche Mythe. »Wer hat Dir das gesagt, Junge?!«
»Ei, was war sie denn wirklich?« fragte Tom Davies spitz.
»Nein, das stimmt nicht ganz, daß sie eines anderen Frau war«, brummte Mister Leonard.
»Sie war ein schlechtes Frauenzimmer«, sagte Eugen. Und dann fügte er verzweifelt hinzu: »Sie war 'ne kleine Schneppe.«
Pap Reinhart zog scharf den Atem ein.
»Was?! Was?! Was?!« rief Mister Leonard schrill als er wieder Worte fand. Er kochte vor Wut. Er sprang auf. »Was hast Du da gesagt, Eugen?«
Aber dann dachte er an Margaret. Wie gelähmt sah er dem Jungen in das bleiche, verstörte Gesicht. Das war zuweit gegangen. Er setzte sich wieder. Er war erschüttert.
– dessen unzüchtigster Schrei noch von Leidenschaft befeuert war, dessen musikalischster Vers aus dem Schmutz der Gosse blüht. –
Nulla potest mulier tantum se dicerse amatam. Vere, quantum a me Lesbia amata mea est.
»Du solltest vorsichtiger mit Deinen Reden sein, Eugen«, warnte Mister Leonard freundschaftlich.
»Aber vorwärts jetzt«, rief er plötzlich aus und nahm sein Buch. »So kommen wir mit der Arbeit nicht weiter. Also los!« Er spuckte in seine intellektuellen Hände. »Ich weiß, was Ihr vorhabt, Ihr Racker! Ihr möchtet die ganze Lehrstunde mit dieser Fragerei vertrödeln.«
Tom Davies lachte laut.
»Also los, Tom!« befahl Leonard scharf. »Du fängst an. Seite 43. Sechster Absatz. Zeile 15.«
In diesem Augenblick schellte es, und Tom Davies' Lachen schallte durchs Klassenzimmer.
Nichtsdestoweniger: auf den begangnen Pfaden des Lehrbrauchs gab John Dorsey Leonard verläßlichen Unterricht. Es wäre ihm vielleicht schwer gefallen, eine Seite Latein, Vers oder Prosa, mit der er nicht seit Jahren vertraut war, zu zergliedern. Im Griechischen haperte es noch mehr; aber immerhin hätte er einen zweiten Aorist oder einen Optativ, der ihm schon einmal begegnet war, im Dunkeln wiedererkannt. Zum Abschluß gab es nämlich zwei Jahre Griechisch; sie lasen die Anabasis.
»Wozu lernen wir das Zeug eigentlich?« bemerkte der diskussionslustige Tom Davies.
Hier stand Mister Leonard mit sicheren Füßen auf der dauernden, wohlgegründeten Erde. Den Wert der Klassiker kannte er.
»Es lehrt den Menschen, die höheren Dinge zu schätzen. Es legt den Grund zu einer liberalen Erziehung. Es trainiert den Verstand.«
»Und was nutzt ihm das, wenn's nachher ans Geldverdienen geht?« fragte Pap Reinhart. »Deshalb kann man doch nicht mehr Mais auf seinem Grundstück bauen!«
»Nanu! So sicher ist das nicht!« protestierte Mister Leonard lachend. »Ich glaube meinerseits, daß es dazu hilft.«
Der gutmütige, frühreife Pap sah ihn komisch an. Er hatte einen langen dürren Hals, auf dem er seinen Hahnenkopf merkwürdig drehen und wenden konnte … Er saß voller argloser Späße, hatte eine barsche Stimme und kaute ständig Tabak, Sein Vater war ein wohlhabender Mann; er wohnte auf seiner großen Farm in einem Tal in der Nachbarschaft. In der Stadt besaß er eine Molkerei und einen Eisenhammer. Einfache Leute, die sich nicht dick taten, die Reinharts. Deutscher Abkunft.
»Leuchtet mir nicht ein, Mister Leonard«, sagte Pap Reinhart. »Soll man etwa mit den Farmarbeitern Latein reden?«
»Gibibus mirus Mistgablus«, sagte Tom Davies lachend. Mister Leonard lachte geistesabwesend mit; die Redensart stammte von ihm.
»Es trainiert den Verstand darauf, mit Problemen aller Art fertig zu werden«, erklärte er.
»Ihrer Meinung nach also«, stellte Tom Davies fest, »müßte ein Mann, der griechisch gelernt hat, einen besseren Klempner abgeben als einer, der es nicht kann.«
»Ja, durchaus«, sagte Mister Leonard und nickte entschieden mit dem Kopf. »Du weißt ja, ich glaube es ganz bestimmt.« Dann fiel er mit einem schlabberigen Kichern in das dröhnende Gelächter seiner Schüler ein.
Er stand hier mit festen Füßen auf hartgetretnem Grund. Die Schüler verlockten ihn zu langen Debatten, während er seinen Mittagsimbiß aß. Verführerisch, mit liebenswürdiger Vernunft und erschöpfender Genauigkeit, bewies er ihnen die Beziehungen zwischen Griechisch und dem Grünwarenhandel. Der große Wind aus Athen hatte ihn nie gestreift. Von der delikaten, sinnlichen Intelligenz der Hellenen, ihrer femininen Grazie, der konstruktiven Macht und Subtilität ihres Denkens, der Unstabilität ihres Charakters, von der Struktur, dem Maß und der Vollkommenheit ihrer Formen, davon sagte er nichts.
Auf einer amerikanischen Universität hatte er einen Blick auf die große Ausdrucksform der architektonischsten aller Sprachen erhascht. Er spürte die plastische Vollkommenheit eines Wortes wie γυναιχός, aber seine Meinungen rochen nach Kreide und Studierfunzel. Griechisch war gut, weil es alt, klassisch und akademisch war. Das Wesen war ihm fremd wie Lesbos. Er war einfach das Schallrohr einer Formel, deren Richtigkeit er für sicher hielt. Er hatte keinen echten Glauben.
Καί χατά γήν χαί χατά δάλατταν
Den Unterricht in Mathematik und Geschichte erteilte John Dorsey Leonards Schwester, Miss Amy. Sie war eine mächtige Person, 1,90 Meter groß, 160 Pfund schwer. Sie hatte dichtes, öliges, schwarzes Strähnenhaar und pechschwarze Augen, was ihrem Gesicht ein sehr sinnliches Aussehen verlieh. Ihre starken Unterarme waren mit leichten Daunen behaart. Sie war nicht fett, aber sehr einkorsettiert; die schweren Schultern und die mächtigen Arme zeichneten sich unter dem kühlen Weiß ihrer Blusen ab. Bei heißem Wetter schwitzte sie stark; unter den Achseln bildeten sich breite Schweißplacken an ihrer Bluse. Im Winter wärmte sie sich am Feuer. Sie hatte den aufregenden Duft von Kreide und den starken, guten Geruch eines gesunden Tiers. Eines Winterabends ging Eugen über die windbefegte Rückveranda und blickte in ihr Zimmer, als ihre kleine Nichte gerade zur Tür heraus kam. Miss Amy saß vor einem großen, flackernden Kohlenfeuer, das im offnen Kamin brannte. Sie hatte gerade gebadet und zog ihre Strümpfe an. Fasziniert starrte Eugen die von der Hitze geröteten Schultern und den großen, tierhaften, dampfenden Leib an.
Sie liebte Feuer und Wärme. Am liebsten saß sie, schläfrig und dennoch wach, am Ofen, die Beine beim Sitzen gespreizt, und saugte Hitze ein. Ihre Erdhaftigkeit war noch ausgesprochener, noch sinnlicher als die ihres Bruders. Wärme streichelte sie, regte sie langsam an. Träge, mit gleichgültiger Liebenswürdigkeit lächelte sie alle Jungen an. Niemals empfing sie Männerbesuch und war doch wie ein Teich durstig nach Lippen. Sie suchte keine Männer. Träge warm, katzenhaft lächelte sie alle Welt an.
Sie war eine gute Mathematiklehrerin. Ihr Zahlensinn war angeboren. Träge gab sie die Aufgabe, träge rechnete sie die Lösung vor und lächelte mit gutmütiger Geringschätzung. Hinter ihr stöhnte Durand Jarvis leidenschaftlich in Eugens Ohr, krümmte sich in erotischer Verzücktheit, krampfte sich an das Pult.
Die Schwester Sheba traf gegen Ende des zweiten Schuljahrs ein, begleitet von ihrem schwindsüchtigen Gatten, Mister Lattimer, einem wandelnden Leichnam mit Blutspuren an den Lippen, 73 Jahre alt. Die Leonards sagten, er wäre 49, die Krankheit habe ihn zum Greis gemacht. Lattimer war über zwei Meter groß, wächsern und ausgemergelt, mit langen, geraden Schnurrbartspitzen; er sah wie ein Mandarin aus. Er malte: Bilder in impressionistischen Farbklumpen: – Schafe auf struppiger Bergtrift; Fischerboote am Pier mit einem roten Wirrwarr von Backsteinhäusern im Hintergrund; die alte Stadt Gloucester; Seestücke mit merkwürdigen, vorspringenden Uferfelsen; Volkstypen vom Cape Cod; Seebären mit jener stillbrütenden Leere im Gesicht, die anzeigt, daß ein Mensch mit dem Meer vermählt ist.
Das brachte den Geruch von Salz und Tang, von Teer und trocknenden Fischen mit. Wie wohl das Meer in der Frühlingsmorgenfrühe aussieht? Die kalten Möwen schlafen auf dem Wind. Rosig aber der Himmel.
Die Schüler sahen den wächsernen Mandarin dreimal den Weg vorm Haus auf und ab spazieren. Es war Frühling; Südwind sang in den hohen Bäumen. Mister Lattimer schwankte an einem Stock, den er mit blauer, schwindsüchtiger Hand vor sich hinsetzte. Seine Augen waren blaßblau, wie die Augen eines Ertrunknen.
Er hatte zwei Kinder von Sheba: Mädchen, exotische, zarte Blüten, schwarz und milchweiß; seltsam und lieblich wie der Frühling selbst. Die Buben beschäftigten sich neugierig mit ihnen.
»Er taugt, scheint's, doch noch mehr, als er aussieht«, bemerkte Tom Davies. »Die Kleinen sind erst zwei und drei Jahre alt.«
»Er ist überhaupt nicht so alt, wie er aussieht«, behauptete Eugen. »Es kommt, weil er so krank ist. Er ist neunundvierzig.«
»Woher willst Du das wissen?« fragte Tom Davies.
»Miss Amy hat es mir gesagt«, gestand Eugen unschuldig.
Pap Reinhart verrenkte komisch den Kopf und schob den Kautabakpriem mit der Zungenspitze in die andere Backe. »Neuhundvierzig!« sagte er. »Du bist nicht bei Trost. Laß Dich mal auf Deinen Geisteszustand untersuchen, Junge. Der Mann ist so alt wie Gott.«
»Aber sie hat es doch gesägt!« bestand Eugen störrisch.
»Natürlich behauptet sie das«, erwiderte Pap Reinhart. »Glaubst Du, sie werden's Dir auf die Nase binden? Wo sie hier ihre Privatschule haben!«
»Junge, Junge, bist Du doof!« warf Jack Chandler ein, der sich bisher überhaupt nicht um die Sache bekümmert hatte.
»Hölle und Schwefel!« sagte Julius Arthur, »siehst Du denn nichts ein? Du bist ihr Liebling. Und sie wissen genau, daß Du alles für bare Münze nimmst, was sie Dir vorerzählen.«
Pap Reinhart sah Eugen forschend an und schüttelte den Kopf. »Hier ist eine Kur ausgeschlossen.« Die Mitschüler lachten über Eugens Gutgläubigkeit.
»Na, wenn er schon so steinalt ist«, fing Eugen wieder an, »dann sagt mir doch, warum die Madame Sheba ihn geheiratet hat.«
»Einfach weil sie keinen andern kriegen konnte«, entschied Pap Reinhart ungeduldig.
»Glaubt ihr, daß sie ihn zu ernähren hat?« fragte Tom Davies ungeduldig. Stillschweigend wunderten sie sich.
Eugen war bestürzt. Da sah er die zwei lieblichen Töchterchen wie Blütenblätter von den schweren Brüsten ihrer Mutter fallen, da sah er den wächsernen Kunstmaler seine letzten Schritte dem Tod entgegen wanken, da hörte er Shebas laute Stimme, wenn sie in saftiger Burleske ihre Meinungen zum besten gab … und er stand vor einem unlöslichen Rätsel: der Tod hatte Leben gezeugt, aus der groben Erde waren Blüten entsprungen.
Sein Glaube war ein Ding für sich; er hatte mit seinen Überzeugungen nichts zu tun. Er hatte schmerzliche Enttäuschungen genug erlebt, um bittre Verdachte zu hegen und der Welt zu mißtrauen. Unwissend hatte er sich hier eine Mythologie aufgebaut, der er um so heftiger anhing, je klarer er sich über ihre Unwahrheit war. Bruchstückweise und unklar fing er an zu erkennen, daß Menschen – das heißt schöpferische Menschen – nicht für reale Wahrheiten leben, sondern die Tatbestände verfälschen. Manchmal war sein junges, unersättliches Hirn jeder Herrschaft entraten: ein gräßlicher Vögel hackte ihm mit dem Schnabel ins Herz, riß ihm mit den Fängen in den Eingeweiden. Und dieser Vogeldämon umflog ihn, stieß zu, hackte drein und zerriß … dann flog er davon, kam wieder, siegreich und böse … und das, was Eugen als Wunder erlebt hatte, war nackt, gemein und niedrig geworden.
Eugen sah ein, hoffnungsvoll, daß er dennoch nie umlernen könne. Immer blieb ja der Schimmer, das Gold. Seine Zunge war bitter, weil sein Herz so viel glaubte.
Sein wacher, mitleidloser Verstand lag auf der Lauer wie eine geringelte Schlange: sie bemerkte jede Gebärde, erfaßte jeden schnellen Blick über seinen Kopf hinweg, durchschaute das billige Gewebe jeder Täuschung. Aber Leute wie die Leonards existierten für ihn jenseits des menschlichen Irrens. Er hatte für Margaret ein Fenster seines Herzens aufgetan, und nun wandelten sie gemeinsam im heiligen Hain der Dichtung. Aber all seine dunklen Wünsche, die Sehnsucht nach schönen Gestalten und all die Misere seines Familienlebens verbarg er bange vor ihr. Er hatte Angst, sie könne davon hören. Verzweifelt fragte er sich oft, wieviele von seinen Mitschülern darum wußten. Alles was Margaret zu den gemeinen Tatsachen des Lebens hätte herabziehen können, schien ihm unwahr, war ihm entsetzlich wie ein Alp.
Daß sie beinah an Schwindsucht gestorben war, daß die laute und geschwätzige Sheba an einen brüchigen Greis verheiratet war, der mit ihr zwei Kinder gezeugt hatte und nun starb, daß die ganze Leonardsippe treulich zusammenhaltend ihre offenen Wunden geheimhielt und vor den scharfen Augen und den rasselnden Zungen der Schuljungen eine Scheidewand aus durchsichtigem Betrug und schalen Ausflüchten errichtete, das lähmte ihn, gab ihm ein Gefühl der Unwirklichkeit.
Eugen glaubte an den Ruhm und das Gold.
Er wohnte nun hauptsächlich in Dixieland. Seit sie ihn zu den Leonards geschickt hatte, fühlte er sich stärker mit Eliza verbünden. Gant, Helene und Lukas waren darüber aufgebracht, daß er die Privatschule besuchte. Die Geschwister grollten; es war Neid dabei. Die Mißgunst hatte ihren Stachel:
»Du hast ihn ganz verdorben, seit Du ihn auf die Privatschule geschickt hast.« Oder: »Er darf sich unmöglich die Finger schmutzig machen, nachdem er in so eine feine Schule geht.«
Eliza trieb ihn unermüdlich zur Arbeit an. Oft erwähnte sie, wie schwer es ihr bei ihrer Armut falle, das Schulgeld aufzubringen … er müsse hinter der Arbeit her sein und ihr in seiner Freizeit helfen … im Sommer solle er zum Bahnhof gehen und unter den ankommenden Touristen Kunden zusammentrommeln.
»Zum Donnerwetter, was ist denn los mit Dir?« spottete Lukas. »Schämst Du Dich etwa, ein bißchen ehrliche Arbeit zu scha-schaffen?«
Pension Dixieland! Drei Schritt vom Stadtplatz! Besitzerin: Mistress Eliza Gant! Hierher, meine Herrschaften! Jawoll, Herr Kap'tän, aller Komfort der Neuzeit, ganz wie in einem modernen Gefängnis. Und Kuchen und Biskuits im Haus gebacken, ganz wie's bei Muttern hätte sein sollen, aber nicht war!
Geschäftstüchtiger Bursche das!
Zum Schluß des ersten Schuljahrs sagte Eliza zu John Dorsey Leonard, daß sie das Schulgeld nicht länger zahlen könne. Er besprach sich mit Margaret, kam wieder und willigte ein, den Jungen um den halben Preis zu behalten.
»Er kann Ihnen helfen, neue Kundschaft zusammenzutrommeln«, sagte Eliza.
»Ja«, pflichtete Leonard bei, »das ist das Richtige.«
Ben hatte sich ein Paar neue Schuhe gekauft. Sie waren hellbraun. Er hatte sechs Dollar dafür bezahlt. Er kaufte stets gute Sachen. Aber diese Schuhe verbrannten ihm die Fußsohlen. Er kam heim, die Stirn wütend geballt, hupfte in sein Zimmer und zog die Schuhe aus.
»Gott verdammt noch einmal!« gellte er und schmiß die Schuhe an die Wand. Eliza erschien in der Tür.
»Du wirst es nie zu was bringen, Junge, wenn Du das Geld in dieser Weise zum Fenster hinauswirfst.« Sie schüttelte den Kopf und zog eine Schnute.
»Um Gottes willen!« fauchte er. »Nun hör Dir das an, bitte! Habe ich je Geld von Euch verlangt?« Er war wütend.
Sie nahm die Schuhe und gab sie Eugen.
»Es wäre schade um die teuren Schuhe«, sagte sie. »Probier sie mal, Junge.«
Eugen zwängte sie an. Seine Füße waren bereits größer als Bens. Er tat ein paar vorsichtige, schmerzliche Schritte.
»Na, gehn sie?« fragte Eliza.
»Vielleicht«, sagte er. »Sie sind sehr eng.«
Er liebte den guten Schnitt, das starkriechende, körnige Leder. Er hatte nie so gute Schuhe gehabt.
Ben kam in die Küche.
»Dummes Vieh!« sagte er zu Eugen. »Du hast ja Hufe wie ein Maulesel!« Stirnrunzelnd kniete er hin und tastete das gespannte Oberleder über den Zehen ab. Eugen zuckte zusammen vor Schmerz.
»Um Gottes willen, Mama«, schrie Ben. »Zwing dem Kleinen doch nicht diese Schuhe auf, sie sind zu eng. Ich will ihm ein Paar neue kaufen, wenn Du zu knauserig bist, das Geld dran zu hängen.«
»Ach was! Was soll denn mit diesen Schuhen los sein?« sagte Eliza. Sie fühlte mit den Fingern Eugens Fuß ab. »Alle neuen Schuhe drücken; sie müssen erst ausgetreten werden.«
Aber nach sechs Wochen mußte Eugen auf die Schuhe verzichten. Das harte Leder gab nicht nach; seine Füße schmerzten täglich mehr. Er hinkte herum, Schritt für Schritt, wie ein Gepeinigter, dem die Beine in Holzstöcke gepreßt sind. Seine Füße waren lahm und leblos, die Zehenballen wund. Eines Tages packte ihn Ben, warf ihn wütend zu Boden und zog ihm die Schuhe aus. Es dauerte Tage, bis Eugen wieder bequem gehen konnte. Die Zehen, die ihm von Kind auf gerade und lang gewachsen waren, waren verklumpt, die Knochen verkrüppelt, die Nägel abgestorben.
»Ewig schad um die guten Schuhe!« seufzte Eliza.
Aber sie hatte merkwürdige Anfälle von Freigebigkeit. Eugen verstand das nicht.
Aus dem Westen kam ein Mädchen nach Altamont. Sie sagte, sie wäre aus Sevier, einer Stadt im Gebirg. Sie war groß und braun und hatte das schwarze Haar, die schwarzen Augen der Cherokee-Indianer.
»Paßt mal auf«, sagte Gant, »die Person hat sicher Cherokesenblut in den Adern.«
Sie nahm ein Zimmer. Tagelang wiegte sie sich im Schaukelstuhl vorm Kamin des Wohnzimmers. Sie war scheu, furchtsam, ein bißchen muffig. Sie benahm sich ländlich-umständlich. Sie sprach nie, wenn sie nicht angesprochen wurde.
Manchmal war sie krank und blieb im Bett liegen. Eliza brachte ihr dann Essen und war äußerst gütig zu ihr.
Tag um Tag schaukelte das Mädchen, den ganzen stürmischen Vorherbst hindurch. Eugen konnte den Rhythmus ihrer Füße hören, die den Schaukelstuhl unablässig in Gang hielten. Sie nannte sich Mistress Morgan.
Eines Tages, als Eugen gerade Kohle auf das Feuer legte, vor dem sie saß, kam Eliza ins Zimmer. Mistress Morgan schaukelte unverdrossen weiter. Eliza stand eine Weile vorm Feuer, schürzte nachdenklich die Lippe, faltete still die Hände überm Bauch. Sie sah durchs Fenster auf den wolkenstürmenden Himmel, auf die windbefegte, kahle Straße hinaus.
»Sieht aus«, sagte sie, »als käm' ein harter Winter für die Armen.«
»Ja, Madam«, sagte Mistress Morgan muffig und schaukelte weiter.
Eliza schwieg eine Weile.
»Wo ist eigentlich Ihr Mann?« fragte sie dann.
»In Sevier«, sagte Mistress Morgan. »Er ist bei der Eisenbahn angestellt.«
»Ei was!« sagte Eliza. Schnell, komisch. »Ein Eisenbahner, sagen Sie?« fragte sie scharf.
»Ja, Madam.«
»Na, das sieht mir sonderbar aus, daß er nicht mal herkommen kann, um nach Ihnen zu sehen«, stellte Eliza mit einer ungeheuer anklägerischen Ruhe fest. »Ein Kerl, der sich so benimmt, kommt mir recht wie ein Lump vor.«
Mistress Morgan sagte nichts. Ihre pechschwarzen Augen glitzerten im Feuerschein.
»Haben Sie Geld?« fragte Eliza.
»Nein, Madam.«
Eliza stand gediegen da, wärmte sich, schürzte die Lippe.
»Wann erwarten Sie Ihr Baby?« fragte sie unvermittelt.
Mistress Morgan blieb eine Weile stumm und schaukelte weiter.
»Diesen Monat noch, glaub ich«, antwortete sie dann.
Woche um Woche war sie dicker um den Leib geworden.
Eliza bückte sich und hob den Rock. Bis zum Knie zeigte sie ihr Bein: Baumwollstrümpfe, dicke Flanellunterhosen hineingestopft.
»Pfui!« rief sie keusch aus, als sie bemerkte, daß Eugen hinstarrte. »Dreh Dich um, Junge!« befahl sie. Sie kicherte und rieb sich die Nase. Das Mattgrün zusammengefalteter Dollarnoten glomm durch den Strumpf. Sie zog den Pack Scheine heraus.
»Na, Ich nehme an, daß Sie da ein bißchen Geld nötig haben«, sagte Eliza, schälte zwei Zehndollarscheine aus dem Pack und reichte sie Mistress Morgan.
»Danke, Madam«, sagte Mistress Morgan und nahm das Geld.
»Sie können hier im Haus bleiben, bis Sie wieder arbeitsfähig sind«, sagte Eliza. »Ich kenne einen guten Arzt.«
»Um Himmels willen, Mama«, schnob Helene, »wie in aller Welt kriegst Du solche Leute ins Haus?«
»Barmherziger Gott!« heulte Gant, »was für Gezeug Du hier aufnimmst! Blinde, Lahme, Verrückte, Bastarde!«
Nichtsdestoweniger, wenn er Mistress Morgan traf, machte er ihr eine tiefe Verbeugung und grüßte aufs liebenswürdigste: »Wie geht's, Madam?«
Nachher sagte er zu Helene:
»Ich will Dir was sagen, sie ist ein feines Weibstück!«
»Hahaha!« lachte Helene in ironischem Falsett und gab ihm einen Rippenstoß: »Gelt, da möchtest Du mal dran, was?«
»Das walte Gott«, gestand er aufgelaunt, leckte den Daumen und grinste Eliza verschmitzt an. »Ei, sie hat da vorn so ein Paar Pippinchen!«
Eliza lächelte bitter ins brutzelnde Fett.
»Hm!« sagte sie verächtlich. »Mir ist's gleich, mit wievielen er herumzieht. Alte Narren sind die schlimmsten. Aber gib acht, daß Du's nicht zu scharf treibst; das ist ein Spiel, das zu Zweien gespielt wird.«
»Hahahaha!« lachte Helene dünn. »Nun ist sie wütend.«. Helene lud Mistress Morgan oft in Gants Haus und kochte großartig für sie. Sie brachte ihr Konfitüren und parfümierte Seifen aus der Stadt mit.
Bei der Geburt wurde McGuire zugezogen. Eugen saß im Erdgeschoß und hörte, was im Zimmer oben vorging: ruhige Geschäftigkeit, das leise Stöhnen der Gebärenden; schließlich ein hoher, schriller Schrei. Eliza hatte ständig Kessel mit siedendem Wasser auf dem Gasherd. Von Zeit zu Zeit eilte sie mit einem dampfenden Kessel in den ersten Stock; gleich darauf kam sie langsam die Treppe wieder herunter; sie blieb auf jeder Stufe stehen und horchte.
Helene rumorte mit den Kesseln in der Küche herum und tobte aufgebracht gegen unbekannte Verleumder: »Nach allem! Was wissen wir denn eigentlich Genaues über sie?« sagte sie herausfordernd. »Niemand kann behaupten, daß sie nicht verheiratet ist! Womöglich hat sie wirklich 'nen Gatten. Die Leute sollen sich in acht nehmen, niemand hat ein Recht, solche Sachen herumzutratschen!«
Frostig-klare Nacht. Nicht sehr kalt. Eugen stand neben Ben auf der Veranda. Über dem schwarzen Umriß der östlichen Berge wölbte sich tief die Schale des Himmels mit den fernen, glitzernden Sternen. Die Lichter in den Nachbarhäusern waren von einer juwelenhaften Helle. Ben rauchte. Im ersten Stock schrie das Neugeborene. Eugen kicherte. Ben hob den Arm, wie um zuzuschlagen, ließ die Hand sinken, lächelte. Im »Judenschloß«, einer großen Villa auf dem Hügel, zitterten die Lichter. Stimmen kamen, frostfern, durch die Nacht.
Tiefer Schoß, dunkle Blume. Das Verborgne, die geheime Frucht, vom schweren indianischen Blute genährt. Schoßnacht, brütende Dunkelheit: heimlich blüht es ins Leben.
Mistress Morgan reiste ab, als ihr Kind zwei Wochen alt war. Es war ein kleines, braunhäutiges Bübchen mit einem gnomenhaften schwarzen Haarschopf und sehr schwarzen, glänzenden Augen. Ganz wie ein kleiner Indianer.
Zum Abschied schenkte Eliza der Mutter zwanzig Dollar.
»Wo gehen Sie hin?« fragte sie.
»Ich hab Leute in Sevier«, sagte Mistress Morgan.
Sie ging die Straße hinauf. Sie trug einen billigen Handkoffer, imitierte Krokodilhaut. Das Baby an ihrer Schulter wackelte mit dem Kopf und sah munter zurück mit den glänzenden, pechschwarzen Augen. Eliza winkte ihm mit der Hand nach, sie lächelte mit wehem Mund. Dann wandte sie sich ins Haus, schnuffelte. Ihre Augen waren feucht.
Eugen wunderte sich, warum die Mutter nach Dixieland gekommen war.
Eliza war gut zu einem kleinen, schnurrbärtigen Mann. Er hatte eine Frau und eine neunjährige Tochter. Er war Ober in einem Hotel, zur Zeit ohne Anstellung. Er wohnte in Dixieland, bis er über hundert Dollar schuldete. Er spaltete das Holz zum Feueranmachen säuberlich auf, schleppte Kohlen, tat notwendige Ausbesserungsarbeiten als Zimmermann und Anstreicher.
Eliza mochte ihn gern. Er war ganz das, was sie »stubenrein«, was sie »einen guten Familienvater« nannte. Häusliche Männer gefielen ihr stets. Und der kleine Mann war sehr gütig, sehr zahm. Eugen konnte ihn gut leiden, weil er vorzüglichen Kaffee kochte. Eliza machte ihm keinerlei Scherereien wegen dem Geld. Schließlich fand er Anstellung mit Unterkunft in einem Hotel. Er zahlte Eliza jeden Taler, den er schuldete.
Eugen blieb gewöhnlich über Mittag in der Schule und kam um drei oder vier Uhr nachmittags – manchmal freilich wurde es Abend – nach Hause. Eliza war ärgerlich über sein Ausbleiben; sie setzte ihm das verbrutzelte Essen, das sie in der Herdkachel warmgestellt hatte, vor: fettäugige Gemüsesuppe aus Kohl, Bohnen und Tomaten, Braten oder Huhn, einen Teller kalte Limabohnen, Krautsalat, Biskuits und Kaffee.
Die Schule war ihm Lebensmittelpunkt, und Margaret Leonard war seine geistige Mutter geworden. Er liebte es sehr, nachmittags dortzubleiben, wenn der Schwärm der Schüler sich verzogen hatte. Da konnte er frei im alten Haus herumstreifen oder unter den großen alten Bäumen wandeln. Der Hügel war herrlich einsam. Der Wind wehte, Eicheln prasselten zu Boden. Welkes Laub wurde zusammengerecht und verbrannt.
Er schmökerte, verlor sich heißhungrig in ein Buch, bis ihn Margaret entdeckte und an die frische Luft hinausjagte. Er ging dann zu dem geebneten Basketball-Spielplatz, der am Eingang des Grundstücks neben Bischof Rapers Garten lag. Hier trieb er im Abendrot Sport, rannte, spielte mit einem Kameraden Ball, freute sich an seiner zunehmenden Geschwindigkeit und Gewandtheit, an der Sicherheit, mit der er den Ball in den Korb schoß.
Margaret Leonard wachte mit beinah krankhaftem Eifer über seiner Gesundheit. Ständig mahnte und warnte sie ihn in diesem Sinn. »Komm mal her, Eugen«, pflegte sie zu rufen. »Ich muß Dich 'ne Minute sprechen.«
Etwas verängstigt und sehr nervös setzte er sich zu ihr.
»Wieviel Stunden schläfst Du?« fragte sie.
Hoffnungsvoll log er. Neun Stunden. Das würde wohl so richtig sein.
»Schlafe zehn Stunden, Junge«, befahl sie ihm. »Schau her, Du kannst es Dir einfach nicht leisten, mit Deiner Gesundheit Raubbau zu treiben. Das rächt sich bitter und läßt sich nie wieder gutmachen. Guter Gott! Ich weiß wahrhaftig, wovon ich da spreche. Ich habe den Preis bezahlen müssen, kann ich Dir sagen. Wirklich, Eugen, in einer Welt wie der unseren ist jemand, der nicht gesund ist, so gut wie verloren.«
»Aber mir fehlt doch gar nichts«, begehrte er verzweifelt auf.
»Du bist nicht gut bei Kräften, Eugen. Du hast kein Fleisch auf den Knochen. Und die Ringe unter Deinen Augen machen mir Sorge. Lebst Du regelmäßig?«
Er lebte nicht regelmäßig; er haßte Regelmäßigkeit. Er war viel zu sehr an die Aufregungen und Dauerkrisen in seiner Familie gewöhnt. Ein ruhiges, geordnetes Heimleben hatte er nie gekannt. Vor der Regelmäßigkeit fürchtete er sich. Sie bedeutete Langeweile und Öde für ihn. Und außerdem liebte er die Mitternachtsstunde.
Aber nun versprach er gehorsam, eine strenge Tageseinteilung einzuhalten: regelmäßig zu essen, zu schlafen, zu arbeiten, Leibesübungen zu treiben.
In der Mannschaft zu spielen hatte er immer noch nicht gelernt. Er fürchtete die anderen, konnte sie nicht leiden, mißtraute ihnen. Und beneidete sie um ihre robuste Kraft. Aber da er Margarets Augen auf sich ruhen wußte, stürzte er sich mit zusammengebißnen Zähnen in das wilde Rudel der Spielenden. Mit zerschlagnen Gliedern, Scham im Herzen, kam er täglich vom Tummelplatz zurück. John Dorsey Leonards Schlagworte – vom »fairen Spiel«, von »jener Art, Gewinn und Verlust lächelnd zu tragen«, vom »echten Sportgeist« – plapperte er treulich wie ein Papagei nach, ohne Glauben und Verständnis. Diese Phrasen waren der ganzen Schule geläufig; sie wurden immer wieder zu aller Bewußtsein gebracht. Manchmal, wenn Eugen sie aus dem Munde eines Mitschülers vernahm, packte ihn eine heiße Scham. Er verrenkte krampfhaft den Hals und hob nervös den Fuß vom Boden.
Und zudem bemerkte er – aberundabermals beschämt –, daß diese Schulbuben, die sich so ruppig, so selbstbewußt, so aggressiv-robust gebärdeten, trotz allen Lippendiensts vom fairen Spiel und vom echten Sportgeist weit entfernt waren. Allerwege war der Schwächere rechtmäßig dem Stärkeren ausgeliefert. Selbst Leonard, wenn ihn ein Schüler etwa beim Disputieren übertraf, machte vom Recht des Stärkeren Gebrauch, um die Richtigkeit seiner Sache darzutun. Solche Schauspiele waren widerlich und empörend. Eugen beobachtete sie wie gebannt; es wurde ihm übel dabei.
Leonard war durchaus kein schlechter Kerl; im Gegenteil, er war ein Mann von beträchtlichem Charakter, besaß Güte, war ehrlich bestrebt. Er liebte seine Angehörigen; er stand mutig gegen die Bigotterie. In der Methodistengemeinde saß er im Gemeinderat; er mußte schließlich zurücktreten, weil seine Meinungen, über die Darwinsche Theorie zu ausgesprochen waren: ein Beispiel für das traurige Los der Liberalgesinnten im Dorf: ein fortschrittlicher Denker unter Methodisten, ein Fackelträger am hellen Mittag, das war er. Ein Fürsprecher für die Duldung von Ideen, die ein halbes Jahrhundert lang anerkannt sind. Seine Lehrpflicht trachtete er in Wahrheit zu erfüllen. Aber er war ein Kind der Erde, nicht des Geists. Seine harthändige Heftigkeit hatte die unbewußte Brutalität der Natur. Obschon er sein Interesse in geistigen Dingen immer wieder zur Geltung brachte, sein Interesse an der Scholle war viel größer. Seit seinem Abgang von der Universität hatte er keine nennenswerten Studien mehr getrieben. Er faßte langsam auf; die sensitive Intuition Margarets fehlte ihm völlig. Aber sie liebte ihn mit so leidenschaftlicher Treue, daß sie alle seine Handlungen vor der Welt guthieß. Eugen hatte selbst sogar gehört, wie sie mit schrillbebender Stimme ausschrie, Leonard solle einen Schüler, der ihm frech entgegnet hatte, »ohrfeigen, daß ihm der Kopf wegfliegt«. Eugen wurde es speiübel, als er sie in diesem Zustand sah. Aber er wußte bereits, wie weit Liebe einen Menschen verändern kann. Leonard hielt sein eignes Tun und Lassen für weise und gut. Er war in einer Tradition erzogen, wo strikter Gehorsam vor dem Meister selbstverständlich war. Sein Vater, ein Patriarch auf einer Farm in Tennessee, der sonntags Laienprediger war, hatte jede Rebellion im Hause mit der Reitpeitsche und strengen Gebeten zu unterdrücken gewußt. Von ihm hatte John Dorsey gelernt, wie vorteilhaft es ist, Gott zu sein. Er war der Meinung, daß kleine Buben, die aufbegehrten, Prügel brauchten.
Natürlich trug Leonard klugerweise Sorge, jene Schüler, die aus wohlhabenden und vornehmen Häusern kamen, ebensowenig wie seine eignen Sprößlinge, körperlich zu züchtigen. Im Bewußtsein ihrer Immunität gaben sich diese jungen Burschen alle erdenkliche Mühe, unverschämt und ungehorsam zu sein. Justin Raper, der Sohn des Bischofs, ein dürrer, langer Bengel von dreizehn Jahren, schwarzhaarig, mit einem trüben, pickeligen Gesicht, tippte dreißig Durchschläge von einer Schmutzballade
»Madam, Ihre Tochter sieht piekfein aus!
Schlappuhn!«
und vertrieb sie zu fünf Cent das Stück unter den Mitschülern.
Außerdem ertappte Leonard diesen Jüngling eines Frühlingsnachmittags im hohen Gras unter den blühenden Hundsholzsträuchern auf der Ostseite des Hügels – und zwar ertappte er ihn im Geschlechtsverkehr mit Miss Hazel Bradley, der Tochter eines Kleinkrämers in der Biltburn Avenue, einem Mädchen, dessen übler Ruf stadtbekannt war. Leonard überlegte sich die Sache; er ging nicht zum Papa Bischof, sondern zum Vater Kleinkrämer.
»Jaja«, sagte Mister Bradley und zwirbelte seinen langen Schnurrbart, »da werden Sie wohl eine Warnungstafel ›Betreten verboten‹ aufstellen müssen.«
Die Zielscheibe für allen Mißbrauch und Unfug, sowohl für Leonard als auch für die Schüler, war der Sohn eines Juden, Edward Michalove. Sein Vater war Juwelier, ein dunkelhaariger, sehr liebenswerter und gepflegter Mann mit guten Manieren und langen, weißen, delikaten Händen. In seinem Schaufenster lagen antike Broschen, mit Gemmen besetzte Spangen, alte, ziselierte Uhren. Der Junge hatte zwei Schwestern, große, sehr schöne Frauen. Die Mutter war tot. Niemand in der Familie sah jüdisch aus. Etwas Dunkles, Weiches floß um ihre Erscheinungen.
Edward war zwölf, ein hochgewachsener, schlanker Knabe mit bernsteinfarbner Haut und der kleinlichen Weibischkeit einer alten Jungfer. Er hatte Angst vor den anderen Jungen. Seine spitze, giftige Altjüngferlichkeit trat in der Notwehr deutlicher zutage. Wenn er gehänselt, bedroht, gequält wurde, brach er in ein unangenehmes, schrilles Lachen oder in hysterische Tränen aus. Sein merkwürdiger, kurzschrittiger Trippelgang, eine komische Handbewegung, so als wolle er den Saum langer Röcke vom Erdboden abheben, und seine leicht belegte Fistelstimme mit dem weibisch-wollüstigen Unterton … das lenkte das schwere Geschütz des allgemeinen Mißfallens auf ihn.
Sie nannten ihn »das Fräulein«. Sie rempelten und rüpelten ihn an, bis er in einen Zustand der Dauerhysterie geriet, so daß er sich wie ein fauchendes Kätzchen benahm und die schmalen Krallenhände mit den langen Fingernägeln vor sich hinhielt, um zu kratzen, wenn sie auf ihn losgingen. Lehrer und Schüler machten etwas Verächtliches aus ihm, um dann den zu hassen, den sie aus ihm gemacht hatten.
Eines Tages war ihm Arrest aufgebrummt worden. Er schluchzte. Plötzlich sprang er auf und lief zur Tür hinaus. Er wollte aus der Schule weglaufen. Leonard, schwerschnaubend, setzte ihm nach, erwischte ihn beim Kragen und schleifte den Heulenden ins Klassenzimmer zurück.
»Setz Dich«, brüllte er und warf den Knaben gegen eine Sitzbank, daß es krachte. Plötzlich gewann die Angst, er könnte den Jungen zum Krüppel machen, die Oberhand über seine sinnlose Wut. »Steh auf!« brüllte er und riß den Jungen hoch.
»Du grüner Lümmel«, schnaufte er, »Du dreister, nichtiger Schmachtfetzen! Jetzt wollen wir mal sehen, wer sich hier aufzuspielen hat.«
»Lassen Sie die Hände von mir!« schrie Edward im Entsetzen aus physischer Übelkeit. »Ich sag's meinem Vater, alter Leonard, daß er herkommt und Sie mit Tritten in den fetten Hintern über den Schulhof jagt, das können Sie mir glauben!«
Eugen machte die Augen zu. Es war ihm eiskalt ums Herz. Er glaubte nicht mitansehn zu können, wie dem Jungen jetzt das Lebenslicht ausgeblasen würde. Aber als er die Augen wieder auftat, stand Edward, tiefrot und schluchzend, noch genau dort, wo er zuvor gestanden hatte. Nichts war geschehn.
Eugen wartete, daß Gottes Strafe über den unseligen Lästerer hereinbrechen würde. Aus der Versteinerung in Leonards Gesicht, aus den erfrornen Mienen der Schwester Amy war zu schließen, daß sie ebenfalls darauf warteten.
Edward lebte. Weiter geschah nichts – nichts.
Jahre später noch dachte Eugen an diesen jungen Juden zurück. Er dachte an ihn mit der alten heißen Scham, dem stechenden Schmerz, mit dem sich ein Mensch an eine feige, ehrlose Tat, die nie zu sühnen ist, erinnert. Nicht nur deshalb, weil er an der Verfolgung des Knaben teilgenommen hatte! Er war von Herzen froh gewesen, daß noch ein Schwächerer als er da war, jemand, auf den die Schlauchspritze der Lächerlichkeit abgelenkt werden konnte. Jahre später war ihm klar, daß auf den schmalen Schultern des jüdischen Knaben die Bürde lag, die andernfalls er hätte tragen müssen, daß dies überladne Herz von einer Qual verzerrt wurde, die sonst seine Qual hätte sein können.
Mister Leonards »Männer von Morgen« taten ihr Bestes. Der Sinn für Gerechtigkeit und körperliche Ehre war ihnen zwar unbekannt, aber sie bekannten sich desto lauter zum Buchstaben. Jeder von ihnen hatte Angst, erwischt zu werden. Jeder, so gut er es vermochte, baute eine Schanze aus Hochstapelei und Anmaßung vor sich auf. Ritterlichkeit, Mut und Ehre, die großen Männertugenden, verrotteten auf dem Müllhaufen. Die große Sippe der »Go-Getter« und »He-Men«, der sich brüstenden Raffer und der prahlenden Kraftmeier, jener lautdröhnenden und heftigdrohenden Gesellen mit den schäbigen Herzen, war im Anmarsch.
Und Eugen, dessen wirkliches Wesen nun ganz in der Schlüsselfestung seiner Phantasie eingeschlossen war, trug seinen Leib täglich zu neuen Niederlagen auf den Tummelplatz, ahmte, so gut er konnte, die Redeweisen und Allüren seiner Mitschüler nach, nahm tätig oder im Geist an den Attacken auf den Schwächeren teil und wurde dafür manchmal dadurch belohnt, daß er Margaret sagen hörte, er sei ein »Junge, der den rechten Geist in sich hat«. Das sagte sie nämlich sehr oft.
Gant und Eliza hatte er's zu danken, daß er glücklicherweise ein dominant maskuliner Typus war. Er kostete nur selten die Süßigkeit des Siegs; Furcht jedoch kannte er gut. Die Tyrannei der Kraftmeierei erschien ihm später noch so abschreckend, daß er dann – ein junger Mann anfangs zwanzig, als sein großes Knochengerüst schließlich mächtig im Fleisch stand – die Hochstapler und Dicktuer, die Prahlhänse und Großdroher, in Erinnerung des Erlittnen einfach von seinem Pfad stieß, sie zurückwarf, wahnwitzig und wild in ihre erschrocknen Gesichter blickte und sie verfluchte.
Den Juden vergaß er nie. Er dachte immer mit Scham an ihn zurück. Es dauerte viele Jahre, bis er verstand, daß diese sensitive und weibische Person, mit der er durch das furchtbare geheime Band seiner eignen Unehre verbunden war, nichts Perverses, nichts Unnatürliches, nichts Entartetes an sich hatte. Edward war gleichviel Weib wie Mann. Das war alles. Und für den Androgynen ist kein Platz unter den Boy Scouts – er muß zum Parnassus gehn.
XVIII
In den Jahren, die auf Elizas Auszug nach Dixieland folgten, hatten die unerbittlichen chemischen Prozesse der Affinität tiefe Änderungen in den Beziehungen der Gants untereinander bewirkt. Eugen war aus Helenes Obhut ganz in Bens Hände geglitten. Die Trennung war unvermeidlich. Die große Zuneigung, die Helene dem Kind bezeigt hatte, entsprang keiner körperlichen oder geistigen Wahlverwandtschaft. Sie war lediglich Ausdruck ihres großen Muttertriebs, etwas, das wie ein Katarakt von Zärtlichkeit und Grausamkeit aus ihr auf widerstandsloses, junges, plastisches Leben stürzte.
Die Zeit war vorbei, daß sie ihn hätscheln und tätscheln, ihn streicheln und ihm schmeicheln, ihn liebkosen und mit ihm tosen, ihn an sich pressen und aufs Bett werfen, ihn mit Küssen bedecken und ihn ins rosige Fleisch beißen konnte. Es lockte kein süßer, rundlicher Kinderkörper mehr … und somit hatte Eugen seine Anziehung für sie verloren. Er war hochaufgeschossen wie Unkraut, seine Glieder waren lang und schlaksig, er hatte große Füße, knochige Schultern, und sein Kopf war viel zu schwer für den schmächtigen Hals, auf dem er saß. Außerdem verschloß er sich Jahr um Jahr tiefer in sein geheimes Leben. Etwas Wildfremdes blühte in seinem Gesicht. Wenn sie ihn anredete, waren seine Augen voll vom Schatten großer Schiffe und versunkner Städte.
Und dieses geheime Leben in ihm, das sie nicht begriff, an dem sie nicht teilhaben konnte, machte sie wütend auf ihn. Ihre großen Hände mit den roten Knöcheln mußten das Leben anpacken, es puffen und streicheln, es lieben und versklaven können. Sie brauchte das. Ihre Tugenden – die Lust am Dienen, Geben, Pflegen, Amüsieren – entsprangen aus ihrer Sucht, alles Tastbare zu beherrschen.
Sie selber war unbeherrschbar. Sie lehnte alles ab, was sich nicht von ihr beherrschen ließ. Eugen in seiner Einsamkeit hätte ihr gern seinen Geist in die Sklaverei verkauft, wenn er dafür ihre Liebe, die er sich so seltsam verscherzt hatte, hätte eintauschen können. Aber er war außerstand, ihr die blühenden Ekstasen, die unmitteilbaren Phantasien, in denen er beheimatet war, zu offenbaren. Sie haßte alles Geheimnishafte. Das Mysteriöse, das Klug-Verriegelte, das Leben im Jenseitigen mit seinen unlotbaren Tiefen versetzten sie in hellen Zorn.
Von jähen Gehässigkeitsanfällen verzerrt, karikierte sie seine Mundbewegungen, seine Art den Kopf hängen zu lassen, seinen hüpfenden Känguruhgang.
»Du Schreckgespenst, Du widerlicher, kleiner Bastard! Kein Tropfen vom Blut Deines Vaters fließt in Deinen Adern. Du bist überhaupt kein Gant, Du verquerter Kerl. Du bist ganz wie der üble Greeley Pentland!«
Das behauptete sie immer wieder. Sie war eine fanatische Parteigängerin. In abergläubischer Hysterie hatte sie bereits die Familie in zwei feindliche Lager geteilt, die Gants und die Pentlands. Zu den Pentlands zählte sie Steve, Daisy und Eugen. Diese drei waren ihrer Ansicht nach kalt und selbstsüchtig. Mit freudiger Befriedigung brachte sie die ältere Schwester und den kleinen Bruder mit dem kriminellen Taugenichts Steve unter einen Hut.
Mit Lukas war Helene nun untrünnig verbunden. Das war unvermeidlich. Sie beide waren »Gants«, das heißt freigebig, fein und ehrenhaft.
Die Geschwisterliebe zwischen Helene und Lukas war episch. Sie liebten aneinander die ständige Betriebssucht, den grenzenlosen Drang zur Selbstentäußerung, das verzweifelte Bedürfnis zu dienen, zu geben, zu gelten. Sie gingen einander oft sehr auf die Nerven, aber ihre Liebe war so geschmiedet, daß sie nicht Schaden nehmen konnte. Sie sangen Preislieder aufeinander.
»Ich werde ihn schon kritisieren, wenn mir's Spaß macht«, sagte sie rauflustig. »Mir steht es zu. Aber sonst soll mal einer wagen, etwas an ihm auszusetzen! Er ist ein feiner, großzügiger Kerl. Der beste von den Jungen, das ist bombensicher.«
Ben allein schien zu keiner Gruppe zu gehören. Er bewegte sich wie ein Schemen, stand völlig außerhalb dieser leidenschaftlich-vollblütigen Parteigängerei. Aber Helene erkannte ihn als »freigebig« an. Demzufolge war er für sie »ein Gant«.
Außer der heftigen Abneigung gegen die Pentlands hatten Helene und Lukas auch Gants Anlage zur gesellschaftlichen Heuchelei geerbt. Vor allen Dingen galt es ihnen, der Welt ein gutes Gesicht zu zeigen, beliebt zu sein, viele Freunde zu haben. Überströmend sagten sie Dank, überschwenglich ergingen sie sich im Lob, widerlichsüß war ihre Schmeichelei. Sie trugen die Schlagsahne dick auf. Ihre Gereiztheiten, ihre Mißlaunen, ihre Verstimmungen sparten sie für Schaustellungen zu Hause auf. Und wenn sie jemand von Will oder Jim Pentlands Familie trafen, dann benahmen sie sich nicht nur sehr freundlich, sondern auch ein wenig unterwürfig. Geld machte Eindruck auf sie.
In der Familie war damals ständig etwas los. Steve hatte ein oder zwei Jahre vorher eine Kleinstädterin aus dem Süden des Staates Indiana geheiratet. Sie war siebenunddreißig, also zwölf Jahre älter als er, eine vierschrötige, schwerfällige Deutsche mit einer großen Nase in dem geduldig-häßlichen Gesicht. Sie war eines Sommers mit einer Jugendfreundin, einer ewigen alten Jungfer, nach Dixieland gekommen. Kurz vor der Abreise hatte sie sich von Steve verführen lassen. Im folgenden Winter war dann ihr Vater, ein kleiner Zigarrenfabrikant, gestorben. Er hinterließ ihr neuntausend Dollar in bar, sein Heim und einen Viertelanteil an dem Geschäft, das seine beiden Söhne weiterführten.
Sie hieß Margarete Lutz.
Im Frühjahr kam sie wieder nach Dixieland. An einem schläfrigen Nachmittag, als sonst niemand im Hause war, fand Eugen die beiden in der Woodson Street. Sie machten sich auf Gants Bett breit. Ganz still, Gesicht an Gesicht, die Hüften umschlungen, lagen sie da. Steves gelber Geruch war im Zimmer. Angeekelt starrte Eugen die beiden an. Er fing an, vor Wut zu zittern. Der Frühling war lau und lieblich, eine leichte Brise strich, mit Blütenduft und Teergeruch beladen. Er hatte sich so darauf gefreut, allein im kühlen Haus zu sitzen und den ganzen Nachmittag zu lesen. Aus dem Wein war Essig geworden.
Alles, was Steve anrührte, war befleckt. Eugen haßte ihn, weil er stank, weil alles, was er anrührte, stank, weil er überall Angst, Scham und Ekel hintrug, weil seine Küsse noch fauliger waren als seine Flüche, seine Flennerei noch schweinischer als seine Drohungen.
Er sah, wie, vom stinkenden Atem seines Bruders behaucht, die Haarsträhnen der Frau leise wehten.
»Was tut Ihr hier auf Papas Bett?« schrie er.
Steve machte ein dummes Gesicht, fuhr in die Höhe und packte ihn am Arm. Die Frau, spreizbeinig, wie betäubt vor sich hinstarrend, richtete sich träge auf.
»Du willst uns wohl verpetzen, was?« spuckte Steve verachtungsvoll heraus. »Zur Mama laufen und ihr's erzählen, was, Kleiner?«
Er preßte Eugens Arm fester. Eugen riß sich los.
Steve machte einen Satz, packte Eugen von hinten und blies ihm seinen faulen Atem ins Gesicht.
»Willst Du uns verraten oder nicht, Brüderchen?«
Es wurde Eugen übel.
»Laß mich los!« murmelte er. »Ich sag nichts.«
Bald darauf heirateten Steve und Margarete. Eugen schämte sich seines Bruders, wenn er ihn morgens nach dem Frühstück mit Margarete die Verandatreppe herunterkommen sah. Steve trat großsprecherisch auf, lächelte herablassend, erging sich in Anspielungen auf ein großes Vermögen. Das Gerücht raunte von einer Viertelmillion.
»Leg es in Fettpolstern an«, sagte Harry Tugman und schlug Steve auf die Schulter. »Ich hab ja immer behauptet, daß Du's zu was bringst.«
Eliza lächelte über den großen Mann Steve. Ihr stolz-wehes, traurig-wohlgefälliges Lächeln. Der Erstgeborne.
»Jawohl«, behauptete er von sich. »Der Steve hat ausgesorgt. Er wohnt jetzt in der Wohlstandsgasse. Nun kommen die Menschenkenner, die es vorausgesagt haben, nicht wahr? Nun setzen sie das große Lächeln auf, nun strecken sie die Hand mit Freut-mich-sehr hin, wenn er die Straße entlang geweht kommt, nicht wahr? Jaja, erst haben sie mich madig gemacht, und jetzt rühmen sie mich, ja, ja.«
»Ich will Euch was sagen«, bemerkte Eliza, »er ist nicht auf den Kopf gefallen. Er ist so hell wie der Nächstbeste.«
Heller noch, dachte sie. Stolzlächelnd.
Steve kaufte sich neue Anzüge, gelbe Schuhe, gestreifte Seidenhemden, einen breitkrempigen Strohhut mit blau weißrotem Band. Er schwang die Schultern in großem Bogen, wenn er dahinschritt, schnippte nonchalant mit den Fingern, lächelte großmütig-herablassend die Leute an, die ihn grüßten. Helene ärgerte und amüsierte sich abwechselnd darüber; sie lachte über sein absurdes Truthahngehaben. Aber Margarete Lutz schloß sie sofort ins Herz. Sie nannte sie »mein Honig«. Vor lauter Warmherzigkeit wurden ihr die Augen feucht, wenn sie der Deutschen in das geduldige, scheue, etwas verängstigte Gesicht sah. Sie umarmte und hätschelte sie.
»Mach Dir keine Gedanken, mein Honig«, sagte sie. »Wenn er Dich nicht anständig behandelt, dann laß es uns wissen. Wir werden ihn schon ins Geleis bringen.«
»Steve ist ein guter Junge«, sagte Margarete, »wenn er nur nicht trinkt. Solang er nüchtern ist, ist er tadellos.« Sie brach in Tränen aus.
»Jaja, der Fluch des Alkohols«, sagte Eliza und schüttelte trübselig den Kopf. »Der hat mehr Heime zerstört als irgend sonst ein Fluch.«
Später bemerkte Helene zu Eliza: »Na, Schönheitspreise wird sie wohl nicht gewinnen, soviel ist sicher.«
»Kannst Du Gift drauf nehmen«, bestätigte Eliza. »… Was sich der Steve bloß bei dieser Heirat denkt … ich meine, wie er sich die Ehe vorstellt. Sie ist mindestens zehn Jahre älter als er«, fuhr sie fort.
Helene wurde sofort scharf. »Na, ich würde sagen, daß er sehr gut mit ihr fährt. Tu doch nicht so, als ob Dein Herr Sohn ein Tugendpreis wäre! Die ganze Stadt weiß, was für ein Früchtchen er ist.« Sie lachte ironisch. »Guter Gott, Steve schneidet glänzend ab mit ihr, sie ist ein anständiger Kerl.«
»Nun«, sagte Eliza entschieden, »hoffen wir, daß es nun besser mit ihm wird. Und daß er sein neues Leben gut anfängt. Er hat mir versprochen, daß er sich alle Müh geben will.«
»Ja, hoffen wir!« sagte Helene hart. »Hoffen wir! Hoffen wir! Es ist wahrhaftig höchste Zeit.«
Ihre Abneigung gegen Steve war angeboren und eingefleischt. Für sie zählte er zu den Pentlands. Tatsächlich aber war Steve ganz in Gants Art geschlagen. All seine Schwächen waren die seines Vaters. Aber die Sauberkeit, die zähe, feste Fiber, das Format und die gefühlvolle Reumut des Alten hatte er nicht mitabbekommen. In ihrem Herzen wußte Helene das ganz genau; es verschärfte ihre Abneigung. Gant lehnte diesen Sohn entschieden ab, und sie nahm an dieser Ablehnung leidenschaftlich Anteil. Aber ihr Gefühl war – wie alle ihre Gefühle – durch freundschaftliches Mitleid, durch Duldsamkeit gebrochen.
»Wie denkst Du Dir eigentlich Dein Leben, Steve, nachdem Du selbst jetzt eine Familie gründest?« fragte sie.
»Stevie hat ausgesorgt«, sagte er wohlgefällig lächelnd, »nun sollen andere sich Gedanken machen.« Er hob die gelbe Hand zum Mund und tat einen Lungenzug aus der angefeuchteten Zigarette.
»Guter Gott! Steve!« fuhr sie ihn gereizt an. »Reiß Dich doch zusammen! Gib Dir Müh, ein Mann zu sein. Margarete ist eine anständige Frau. Du wirst doch nicht erwarten, daß sie Dich aushält.«
»Was geht das Dich an, blutiger Heiland!« knurrte Steve. »Hab ich Dich etwa um Rat gefragt? Ihr seid alle gegen mich. Keins von Euch hat ein gutes Wort für mich gehabt, als es mir mies ging, und jetzt muckt ihr auf, weil ich im Fett schwimme.«
Er lebte seit Jahren im Glauben, unschuldig verfolgt zu sein. Sein Versagen zu Haus schrieb er der Mißgunst, dem Übelwollen und der Untreue seiner Angehörigen zu; sein Versagen unterwegs erklärte er mit der Tücke und dem Neid einer feindlichen Macht, die er »Die Welt« nannte.
»Nein«, sagte er und sog wieder an seiner Zigarette, »mach Du Dir mal keine Gedanken um den Stevie. Er hat das von Dir nicht nötig.«
Er zog eine Rolle Banknoten aus der Tasche und zeigte ihr ein paar Zwanziger.
»Wo ich das herhabe, da gibt's noch 'nen ganzen Haufen. Und noch was will ich Dir sagen: den kleinen Stevie wird man bald zu den Großen zählen, wenn das Einkommen versteuert wird. Ich hab da ein paar Geschäfte in der Abwicklung, das wird den armen Schluckern hier in Altamont zeigen, wo sie hingehören. Verstehst Du?« fragte er.
Ben hatte während dieses Gesprächs auf dem Klavierstuhl gesessen und finster die Tastatur angestarrt. Er summte leis eine Melodie vor sich hin und versuchte, sie mit einem Finger nachzuklimpern. Nun schnickte er den Kopf zur Seite. Ein abfälliges Lächeln flackerte über seinen Mund.
»Ich habe gehört, daß Mister Vanderbilt bereits auf unsern Nabob eifersüchtig ist«, sagte er zu Helene.
Helene kicherte ironisch.
»Du bildest Dir wohl ein, Du hättest die Weisheit mit dem Schöpflöffel gefressen, was?« raunzte Steve plump. »Na, man merkt nichts davon, daß es dich vorwärts bringt.«
Ben sah ihn stirnrunzelnd an. Ohne es zu wissen, rümpfte er die Nase.
»Na, hoffentlich werden Sie Ihre alten Freunde nicht vergessen, Mister Rockefeller«, sagte er mit ominöser Liebenswürdigkeit. »Ich möchte gern Vizepräsident in Ihrer Company werden, falls die Stelle noch frei ist.«
Dann wandte er sich wieder zum Klavier und klimperte seine Melodie.
»Schon gut! Lach nur, wenn's Dir Spaß macht!« protzte Steve. »Aber hör mal: hast Du etwa schon bemerkt, daß der kleine Steve als Schreiber für fünfzehn Dollar die Woche in einem Zeitungsbüro arbeitet? Oder …«, fügte er hinzu, »daß er in Amüsiertheatern auftritt und singt?«
Helenes grobknochiges Gesicht wurde rot vor Wut. Sie hatte angefangen, gemeinsam mit der Sattlerstochter Pearl Hines in Vaudevilles und Kinos zu singen.
»Besser wär's, wenn Du Dich nicht so mausig machtest, Steve«, fuhr sie wütend los. »Such Dir erst mal Arbeit! Hör erst mal mit Deiner Nichtstuerei auf! So einer wie Du, der sich Tag und Nacht in den Kneipen herumtreibt und das Geld seiner Frau versäuft, der hat es gerade nötig, das Maul aufzureißen!«
»Aber um Gottes willen, Helene!« rief Ben gereizt und drehte sich wieder um. »Hör ihm doch nicht zu! Merkst Du's denn nicht, daß er nicht richtig im Kopf ist?«
Im Laufe des Sommers fing Steve an, wieder schwer zu trinken. Sein verfaultes, seit Jahren vernachlässigtes Gebiß fing gleichzeitig an zu schmerzen. Wild vor Zahnweh und von billigem Whisky war er überzeugt, daß Eliza und Margarete an seinem Jammer schuld seien. Er stellte ihnen nach und brüllte ihnen die Ohren voll, wenn er sie allein traf. Er beschimpfte sie in der gemeinsten Weise und behauptete, daß sie seinen Organismus vergiftet hätten.
Gegen zwei oder drei Uhr nachts erwachte er vor Zahnweh, lief flennend im Haus herum und bettelte um Hilfe. Eliza schickte ihn zu Spargh ins Hotel oder zu McGuire in die Privatwohnung. Die Doktoren, halbwach und mürrisch, spritzten ihm Morphium in den Oberarm. Das half; er konnte schlafen.
Einmal kam er kurz vorm Nachtessen heim nach Dixieland, die Hände auf die schmerzhaften Kinnbacken gepreßt. Eliza stand vor der heißen Pfanne am glühenden Herd. Er verfluchte sie, weil sie ihn geboren habe, verfluchte sie, weil sie ihn habe zahnen lassen, verfluchte sie, weil sie des Wohlwollens, der Mutterliebe, der Menschengüte bar sei.
Sie beherrschte sich mühsam.
»Mach, daß Du hier rauskommst!« befahl sie, weiß im Gesicht. »Du weißt nicht, was Du sprichst. Der verdammte Alkohol macht Dich so gemein.«
Sie fing an zu weinen, wischte sich mit der Hand über die Nase. »Ich hätte nie gedacht, daß einer meiner Söhne so zu mir reden würde«, stellte sie fest. Mit alt-mächtiger Gebärde streckte sie den Zeigefinger aus. »Ich mach das nicht länger mit!« behauptete sie streng. »Wenn Du nicht sofort schaust, daß Du hier fortkommst, rufe ich Nummer 38 an und laß Dich abführen.«
38 war das Polizeirevier. Das erweckte unangenehme Erinnerungen. Schon zweimal hatte Steve im Rausch im Stadtgefängnis gesessen. Er raste noch ärger als zuvor, schrie ihr gemeine Worte ins Gesicht, hob die Hand, um sie zu schlagen. In diesem Augenblick trat Lukas ein, er war unterwegs nach der Woodson Street.
Die Abneigung zwischen Lukas und dem Ältesten war tief und tödlich. Seit Jahren schon. Zitternd und zornentbrannt kam der Großherzige seiner Mutter zu Hilfe.
»Enta-a-a-a-arteter elender M-mensch!« stotterte er, unbewußt in Gantsche Rhetorik verfallend. »Mit der Reitpeitsche sollte man Dich zü-zü-züchtigen!«
Er war neunzehn, ein gutgebauter, muskulöser Bursch, aber viel zu empfindlich für die Tabus der Bruderliebe, um überhaupt zu argwöhnen, daß Steve ihn anfallen würde. Steve fiel in der gemeinsten Weise über ihn her, traf ihn mit den Fäusten ins Gesicht, trieb den Schnaufenden, Halbblinden aus der Küche. Unrecht ewig auf dem Thron!
Eugen, von Angst gepackt, von Wut besessen, hörte aus dem Wohnzimmer die Stimme Bens, der ein Lied summte und Klavier dazu klimperte.
»Ben!!« schrie er, tanzte wild und ergriff einen Hammer.
Dem Lukas schoß das Blut aus der Nase.
Ben kam mit einem Satz herein, lautlos wie eine Katze.
»Ran mit Dir, Du Bastard! Jetzt kommst Du dran!« heulte Steve siegesbefeuert und warf sich in pathetische Boxerstellung. »Keine Aussicht für Dich, Jungchen«, prahlte er, »ich schlag Dir den Kopf in Stücke, armes Schwein.«
Ben sah ihn ruhig an, furchte die Braue, tanzte um ihn herum und schnickte die Fäuste im Stil der Polizeiboxer. Jählings packte ihn eine rasende Wut. Der Stille sprang den Amateurfaustkämpfer an und legte ihn mit einem einzigen Hieb glatt zu Boden. Steves Kopf schlug auf den Fußboden auf. Das tat gut! Eugen, wahnwitzig vor Freude, hüpfte und schrie, während Ben fauchend über Steve herfiel und ihn verdrosch. Ben war herrlich gründlich, wenn er mal loslegte.
»Hurra für Ben! Hurra für Ben!« jauchzte Eugen, irrlachend.
Eliza, die laut »Hilfe« und »Polizei« gerufen hatte, gelang es schließlich mit Lukas' Beistand, Ben von seinem halbohnmächtigen Opfer wegzureißen. Sie weinte bitterlich. Lukas, seine blutige Nase vergessend, untröstlich darüber, daß hier ein Bruder den andern verprügelt hatte, half Steve auf die Beine und bürstete ihn ab.
Sie schämten sich alle entsetzlich, sie konnten einer dem andern nicht ins Auge sehn. Ben war schlohweiß im Gesicht, er zitterte am ganzen Körper. Als er Steves verschwiemelte Augen einen Augenblick erhaschte, räusperte er sich trocken, ging zum Spülstein und trank ein Glas Wasser.
Eliza greinte: »Ein Haus, das mit sich selber uneins ist, kann nicht bestehen.«
Helene kam aus der Stadt; sie brachte warmes Brot und Gebäck mit.
»Was ist los?« fragte sie, obschon sie auf den ersten Blick erkannte, was vorgefallen war.
»Ich weiß nicht«, sagte Eliza kopfschüttelnd mit zuckender Miene. »Gottes Zorn muß über uns hereingebrochen sein. Mein ganzes Leben habe ich nichts wie Elend auszustehen. Und alles, was ich mir wünsche, ist ein bißchen Frieden.« Sie weinte leise, aus glanzlosen, verschwommenen Augen. Sie wischte sich mit dem Handrücken die Tränen ab.
»Na, vergiß es!« sagte Helene ruhig. Ihre Stimme war gleichgültig, trübselig, kummervoll. »Wie geht's jetzt, Steve?« fragte sie.
»Ich mach weiß Gott keinem Menschen Schwierigkeiten, Helene«, wimmerte er kläglich. Seine Stimme klang düster. »Nein, dem Steve hat man nie was gegönnt. Meine eignen Brüder sind über mich hergefallen, krank wie ich bin, und haben mich verhauen. Gut! Ich werde weggehen und es zu vergessen suchen. Ich trage nicht nach. Nein, so einer bin ich nicht.« Er drehte sich herum und streckte Ben die Hand hin. »Gib mir die Hand, Brüderchen. Hier! Du hast mich geschlagen, aber ich will Dir's vergeben und vergessen.«
»O Du mein Gott!« sagte Ben und preßte die Hand auf den Magen. Ihm wurde schwach. Er beugte sich über den Spülstein und trank schnell noch ein Glas Wasser.
»Nein, nein, ich trage wirklich nicht nach«, fing Steve wieder an. »So einer bin ich nicht …« Er hätte unendlich in dieser Tonart weitergewimmert, aber die entschiedne Helene verstand es, dem Ausbruch seiner Zimperlichkeit einen Riegel vorzuschieben.
»Gut! Schluß! Hör Jetzt damit auf!« befahl sie. Und zu den anderen sagte sie: »Vergeßt die Sache, das Leben ist ohnehin zu kurz.«
In der Tat, das Leben war ohnehin zu kurz. Nach solchen Explosionen kam für sie alle eine Stunde der Stille, in der sie sich einander betrübt und ruhig erkannten. Sie waren wie Männer, die, verzweifelt einer Fata Morgana nachjagend, plötzlich stillstehen, sich umblicken und ihre Fußspuren unendlich weit zurück in der Wüste verlaufen sehen. Oder vielleicht wie Leute, die irrsinnig gewesen sind und dem Irrsinn auch wieder verfallen werden und sich eines Morgens still und vernünftig, mit traurigen, ungetrübten Augen im Spiegel anschauen.
Ihre Gesichter waren traurig. Großes Alter war in ihnen. Sie wußten plötzlich um den weiten Weg, den sie gekommen waren, spürten die Menge Leben, die sie gelebt hatten. Ein Augenblick des Zusammenhalts, ein Augenblick tragischer Zuneigung und Einigkeit kam, der sie zu einem Kranz kleiner, spitzer Flämmchen gegen den Nihilismus, gegen das Sinnlose des Daseins zusammenzwang.
Margarete kam verängstigt herein, die Augen rotgeweint, das breite, deutsche Gesicht blaß und von Tränen verschmiert. Eine Gruppe Pensionsgäste flüsterte aufgeregt in der Diele.
»Die werde ich alle verlieren«, quengelte Eliza. »Das letztemal haben drei Leute gekündigt. Über zwanzig Dollar die Woche weniger, wo das Geld jetzt so rar ist. Ach Gott, ich weiß wahrhaftig nicht, wie das noch mit uns enden soll.«
»Heiliger Himmel!« herrschte Helene sie an, »hör doch einmal mit Deinen Kostgängern auf!«
Steve sank dumpf auf einen Stuhl vor dem langen, unaufgeräumten Küchentisch. Von Zeit zu Zeit murmelte er etwas Schlabberiges vor sich hin. Lukas stand mit geschwollenem Gesicht beschämt und gekränkt neben ihm, wartete ihm auf, brachte ihm ein Glas Wasser.
»Gib ihm doch 'ne Tasse Kaffee, Mama«, verlangte Helene gereizt. »Um Gottes willen! Soviel kannst Du wirklich für ihn tun.«
»Ja, aber ja! Gleich!« stammelte Eliza. Sie eilte unbeholfen zum Gasherd und zündete den Brenner an. »Ich hab nur nicht dran gedacht, ja, gleich, in einer Minute.«
Margarete saß auf einem Stuhl am anderen Ende des Küchentischs, das Gesicht in die Hand gestützt und weinte. Ihre Tränen zogen kleine Bäche durch die dicke Decke von Puder und Rouge, die sie auf ihre grobe Haut zu legen pflegte.
»Komm, sei wieder lustig, mein Honig!« mahnte Helene und fing an zu lachen. »Es wird bald wieder Weihnachten.« Sie tätschelte tröstend den breiten Rücken der Deutschen.
Ben ging auf die Küchenveranda hinaus. Es war eine kühle, sternklare Augustnacht. Er zündete eine Zigarette an; seine weiße Hand zitterte, als er das Streichholz hielt. Von sommerlichen Veranden wehten schwache Geräusche her, Frauengelächter, ein paar Takte Tanzmusik. Eugen stellte sich neben ihn und sah ihn mit freudigtrauriger Bewunderung an. Halb ängstlich, halb übermütig pokte er ihn in die Rippe.
Ben fauchte leis, hob die Hand zum Schlag, ließ sie sinken. Schnell flackerte ein Lichtschein über seinem Mund. Er rauchte.
Steve zog mit seiner Deutschen nach Indiana. Zuerst kamen Nachrichten von Fett und Fülle, von Wohlleben und Pelzmänteln (mit Photographien!) – später von Streitigkeiten mit ihren ehrlichen Brüdern, von Scheidungsplänen, Versöhnung und Wiederaufleben. Steve gravitierte zwischen den beiden Polen seines Unterhalts, Margarete und Eliza. Jeden Sommer erschien er in Altamont und ergab sich eine Zeitlang dem Alkohol und Rauschgiften. Sein Aufenthalt endete regelmäßig mit Familienkrach, Gefängnis und Sanatorium.
»Die Hölle reißt ihren Rachen auf«, heulte Gant, »wenn dieser Elende heimkommt. Ein Fluch und eine Sorge, so liegt er auf uns. Der Niedrigste unter den Niedrigen, der Gemeinste unter den Gemeinen, das ist er. Weib! Du hast ein Ungeheuer geboren! Der Kerl wird nicht ruhen, bis er mich unter die Erde gebracht hat, dieser verdammungswürdige; dieser grausame, dieser entsetzliche Schurke!«
Eliza aber schrieb ihrem Ältesten regelmäßig; von Zeit zu Zeit legte sie Geldscheine in die Briefe ein. Sie hoffte unendlich für ihn, hoffte gegen alle Natur, gegen alle Vernunft, gegen, die gesamte Struktur des Daseins. Freilich wagte sie nicht, ihn offen zu verteidigen und zuzugeben, daß er den Platz im Kern ihres Herzens innehabe. Aber sie zeigte jeden Brief, in dem er von Erfolgen prahlte oder von seiner allmonatlichen Auferstehung im Geiste berichtete. Sie las den albernen, mit geflügelten Worten gespickten Schwulst der versammelten Familie vor, die, meist ziemlich ungerührt,, zuhörte. Sie hielt Steves Stilblüten für Beweise seiner überlegnen Intelligenz; sie war stolz auf seine geschwollne, schnörkelige Handschrift; es gefiel ihr, daß er die geflügelten Worte in Anführungsstriche setzte.
Liebe Mama:
Deinen werten vom 11. lfd. Ms. zur Hand und beeile ich mich Dir zu schreiben, wie froh ich bin zu vernehmen, daß du wieder »im Land der Lebendigen« weilst, denn ich hatte schon begonnen, mir Gedanken darüber zu machen, daß es »so lange Zeit braucht zwischen zwei Labsalen«. – »Ich will Euch was sagen«, bemerkte Eliza hochmütig, »der Junge ist nicht auf den Kopf gefallen.« Helene, mit einem halb drolligen, halb verärgerten Lächeln um den großen Mund, sah Lukas an, schnitt eine Fratze und himmelte mit den Außen. Gant, den Kopf ein wenig verrenkt, war ganz Ohr. – Seit meinem letzten Schreiben haben sich Dinge günstig für mich entwickelt. Liebe Mama: Es hat den Anschein, als ob »der verlorne Sohn« eines Tages im eignen Auto heimkehren könnte . – »Höh! Was war das?« fragte Gant, worauf Eliza die Stelle nochmals las. Er leckte den Daumen und grinste wohlgefällig vor sich hin. »Wa-wa-was ist los?« stotterte Lukas. »Hat er die Ei-ei-ei-eisenbahn gekauft?« Helene lachte heiser. »Ich bin aus Glaubnixdorf«, bemerkte sie. – Der gute Anfang, Mama, ist mir schwer gefallen: jedoch war alles gegen mich und alles, was der kleine Stevie begehrte in diesem »Tränental«, war eine gute Gelegenheit sich zu beweisen. – Helene lachte in ironischem Falsett. »Alles, was der kleine Stevie begehrte«, sagte Lukas, rot vor Ärger, »wa-wa-war die ganze Welt für sich und ein pa-pa-paar Go-go-goldbergwerke o-o-o-obendrein.« – Nachdem ich mich nun endgültig auf die Beine gebracht habe, gedenke ich der Welt zu zeigen, daß ich diejenigen, welche mir in meiner »Stunde der Not« beigestanden haben, nicht vergessen habe, und der beste Freund, welchen ein Mann hat, das ist seine Mutter. – »Wo ist die Schaufel?« fragte Ben ruhig und rümpfte die Nase.
»Der Junge schreibt einen guten Stil«, lobte Gant. »Verdammt will ich sein, wenn er nicht der Gescheiteste von der ganzen Bände ist, wenn er sich Mühe gibt.«
»Ja«, entgegnete Lukas, »er ist so gescheit, daß Du jeden Bären glaubst, den er Dir aufbindet. Aber das Kind, das durch dick und dünn mit Di-di-dir gegangen ist, dem zo-zollst Du k-k-keine A-a-a-anerkennurig.« Er warf einen bezeichnenden Blick auf Helene, »'ne verda-da-dammte Schande!«
»Red' nicht davon«, heischte Helene mürrisch.
»Ja, ja …«, bemerkte Eliza gedankenvoll. Sie hielt den Brief in den gefalteten Händen und starrte, die Lippe geschürzt, glückselig träumend ins Leere, »… vielleicht ist er wirklich ein andrer Mensch geworden. Man kann nie wissen.«
»Hoffentlich! Hoffentlich!« sagte Helene verdrießlich, »aber erst wollen wir Beweise sehn.«
Nachher sagte sie mit hysterischer Stimme zu Lukas: »Da siehst Du's wieder, nicht wahr? Werde ich überhaupt einer Anerkennung gewürdigt? Ich: kann mich zu Tod rackern für die Alten, aber krieg: ich auch mir ein Scher-Dich-zum-Teufel dafür? Was?«
In diesen Jahren ging Helene mit der Sattlerstochter Pearl Hines in den Süden auf Tournee. Sie sangen im Beiprogramm der Kleinstadtkintöppe; wurden durch einen Agenten in Atlanta gebucht.
Die dralle Pearl Hines mit dem Vollmondgesicht und den Niggerlippen war immer guter Dinge. Sie sang Ragtime und Niggersongs mit natürlicher Leidenschaft, schwenkte die Hüften und bubberte mit den Brüsten dazu.
»Ei, da kommt mein Da-daddy, ja,
O Pop! O Pop! O-o Pop!«
Sie verdienten manchmal ganze hundert Dollar die Woche. Sie traten in Städten auf wie: Waycross in Georgia, Greenville in Süd-Carolina, Hattisburg im Staat Mississippi, Baton Rouge in Louisiana.
Sie trugen den großen Panzer der Unschuld. Sie waren lebenslustige, aber anständige Mädchen. Manchmal leisteten sich Lebemänner einen leisen, verletzenden Verstoß, weil sie an den Ruf glaubten, den fahrendes Volk bei den Kleinstädtern genießt. Aber im allgemeinen wurden die beiden wie Ladies behandelt.
Für Helene und Pearl waren diese Tourneen eine vielversprechende Sache. Die Begeisterung, die ihr Gesang bei den biedern, nach Schweiß und Scholle duftenden Bürgern und Farmern auslöste, machte sie gierig auf größeren Erfolg. Sie hielten sich für Berufssoubretten, lasen die Fachzeitschriften und sahen sich schon als eine mit Lichtreklamen angekündigte, mit schwerem Geld bezahlte, auf lange Zeit in den Großstadtvaudevilles engagierte »große Nummer«.
Pearl hatte den populären Teil des Programms, Helene den Opernteil auszufüllen. Im Licht eines roten Scheinwerfers, vor respektvoll verstummten Zuhörern, sang sie besseren Kitsch: Tostis »Goodbye«, »das End des glückselig vollkommnen Tags«, »das Rosenbauer«. Sie hatte eine große, volle Stimme mit einem metallischen Timbre. Ihre musikalische Ausbildung hatte sie von ihrer Tante Luise erhalten. Die Tante Luise, eine üppige Blondine, hatte nach ihrer Scheidung von Elmer Pentland noch ein paar Jahre in Altamont gelebt. Sie gab Musikstunden und genoß ihre dahinschwindende Blüte mit jungen Männern. Sie gehörte zu der Sorte reifer, temperamentvoller, gefährlicher Frauen, für die Helene schwärmte. Als des spitzzüngigen, spießigen Geredes über ihren Lebenswandel zu viel wurde, zog sie mit ihrer kleinen Tochter nach New York.
Aber sie hatte gesagt: »Helene, eine Stimme wie Deine sollte für die große Oper ausgebildet werden.«
Helene vergaß das nie. Sie träumte von Paris, Mailand und Wien, von den grellen Schlaglichtern einer Opernkarriere, der blühenden Musik, den im Diamantenfeuer blitzenden Logen, dem frenetisch tosenden Beifall. Sie glaubte sich zum Opernstar vorbestimmt. Und als nun die Nummer Gant und Hines – Programmname: »The Dixie Melody Twins« – im Zickzack durch die Südstaaten reiste, hielt sie die Erfüllung dieser heftigen, hellen, formlosen Wünsche für nähergerückt.
Sie schrieb oft nach Hause, gewöhnlich an Gant. Ihre Briefe pochten vom großen Pulsschlag des Daseins. Die Anregung neuer Städte und füllig erfaßten Lebens sprach aus ihnen. Überall lernten sie »nette Leute« kennen – und tatsächlich überall waren gute Frauen und Mütter und brave junge Männer von Helene und Pearl begeistert. Helene war ein ungeheuer anständiger Mensch; ihre reinliche allüberzeugende Vitalität zog gute Leute an und stieß schlechtes Gesindel ab.
Sie hatte eine Reihe junger Männer unter ihrer Herrschaft – rechtschaffne, sonnverbrannte, tüchtig trinkende, scheue Kerle. Kaum einer von ihnen wagte es je, sie zu küssen.
Eugen wunderte sich sehr über diese belämmerten Löwen. Unter Männern waren sie jähzornig, wüst, verwegen und streitsüchtig; vor Helene benahmen sie sich schüchtern und linkisch. Noch immer war der alkoholische Stadtgeometer in Raufhändel mit gerichtlichen Nachspielen verwickelt. Ein andrer Liebhaber – von Beruf Eisenbahndetektiv –, der im Suff Negerschädel zu zertrümmern pflegte, hatte schon mehrere Männer erschossen und fand schließlich bei einer Revolverschießerei in Tennessee den Tod.
Helene fand überall Freundschaft und Schutz. Pearls glückhafte Sinnlichkeit aber verleitete gelegentlich die Dorfgalane zu Fehlschlüssen. Mit unschuldigem Gusto sang sie:
»Nun soll ein süßer, alter Papa kommen
Und, ach, so lieb mit mir tun …«
und unangenehme Typen mit angekauten Zigarren näherten sich, luden zu Kornwhisky ein und gebrauchten vertrauliche Anreden, wenn sie schließlich ein Hotelzimmer oder ein Auto zum trauten Stelldichein vorschlugen. Wenn das vorkam, war Pearl höchst betreten und schwieg. Sie wandte sich an Helene. Und Helene, den großen Mund gespannt, die Augen funkelnd, wies dann zurecht:
»Ich versteh nicht, was Sie da meinen. Mir scheint, Sie haben sich in uns geirrt.«
Sie verabsäumte nie, betroffen gestammelte Entschuldigungen zu erzwingen.
Sie war rührend unschuldig. Sie war konstitutionell außerstand, »das Schlimmste« von jemand zu glauben. Es schien ihr vollkommen ausgeschlossen, daß ihre smarten jungen Freundinnen jemals, wie sie sich ausdrückte, »mit Männern wirklich losgingen«. Sie liebte Klatsch und klatschte selbst gern, aber von der ganzen verworrenen Schweinigelei des ländlichen Lebens hatte sie kaum eine Vorstellung. Vertrauensvoll und daseinsfroh wandelte sie mit Pearl Hines auf der dünnen Lavakruste um den Krater des Vulkans und merkte weiter nichts, als daß das Leben dort nach Freiheit, Abwechslung und Abenteuer riecht.
Aber mit der Partnerschaft war es bald Schluß. Pearl Hines hatte klipp und klar bestimmte Lebensabsichten. Sie wollte heiraten, und zwar ehe sie fünfundzwanzig wurde. Helene jedoch wußte nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte. Für sie bedeuteten die Tourneen eine Art Selbstbefreiung. Ihr blinder Hunger nach Schönheit, Betrieb und Abwechslung trieb sie auf den Weg. Sie suchte ein Ziel.
Zwei oder drei Jahre lang bestritten Pearl und Helene ihren Unterhalt durch diese Tourneen. Sie reisten im Herbst. Im Frühjahr kamen sie wieder nach Altamont und hatten genug Geld verdient, um bis zur nächsten Saison durchzuhalten.
Bedächtig erwog Pearl während dieser Zeit mehrere Heiratsanträge, die ihr von jungen Männern gemacht wurden. Sie hatte die herzlichste Zuneigung eines Berufsbaseballspielers; er war Manager der Altamont-Mannschaft und spielte zweite Base. Er war ein zähes, schönes, junges Tier. Mitten im Spiel pflegte er wütend den dickwattierten Fanghandschuh hinzuschmeißen und streitsüchtig auf den Schiedsrichter loszurennen. Seine harte Selbstsicherheit, seine schnelle, nasale Sprechweise, sein hagerer, sonnverbrannter Körper gefielen Pearl.
Aber sie war nicht verliebt. Sie gehörte zu denen, die sich nie verlieben. Zudem wußte sie, wie weit die Einkünfte eines Ballspielers aus dem Hinterwald reichen. So heiratete sie schließlich einen schwerfälligen jungen Mann aus Jersey-City, der ein großes, gutgehendes Speditionsgeschäft besaß.
So fand die Partnerschaft der »Dixie Melody Twins« ein Ende. Helene träumte weiter von den Opernhäusern der Großstädte.
Sie entbehrte Lukas sehr. Ohne ihn kam sie sich unvollständig, unbeschirmt vor. Lukas studierte seit zwei Jahren auf dem Polytechnikum in Atlanta, im Staate Georgia. Er nahm den Kursus für Elektrotechniker. Dieser Entschluß war in ihm schon vor Jahren durch Gants Lobreden auf den schwerverdienenden Elektroingenieur Lidell erzeugt worden. Lukas versagte vollkommen. Er war viel zu undiszipliniert zum Studium. Sein Zielstreben wurde von tausend kleinen Impulsen durchbrochen. Sein Gehirn stotterte genau so wie seine Zunge. Wenn er eine Logarithmentafel aufschlug, wiederholte er blödsinnig oft die Nummer der Seite, die er suchte, und wiegelte dazu den Fuß auf dem Ballen der Ferse, so daß sein ganzer Körper vibrierte …
Sein großes verwertbares Talent war die Kunst des Verkaufens. Er besaß im höchsten Grade die Eigenschaft, die man in Amerika beim Theater und in der Geschäftswelt als »Persönlichkeit« bezeichnet. Er hatte einen natürlichen Instinkt dafür, wie man eine Ware losschlägt, und seine wilde zappelige Energie, seine erdhafte Vulgarität halfen ihm bei den Leuten. Er war nie um eine quicke, treffsichere Antwort verlegen. Seine Überredungskraft war hypnotisch; er hätte ein Vermögen damit verdienen können. Er war imstande, den Leuten die Knöpfe von der Jacke wegzuschwätzen. Zum Studieren jedoch war er zu zerstreut. Der Kalkulus und die technischen Wissenschaften hingen zu hoch für ihn. Er war kein Elektroingenieur, er war elektrische Energie.
Er hatte einen ungeheuren, grellen, prächtigen Humor. Leute, die ihn nicht kannten, waren bereits zum Kichern aufgelegt, wenn sie seiner ansichtig wurden; sie brüllten vor Lachen, wenn er den Mund auftat. Seine körperliche Schönheit war erstaunlich. Sein Kopf war wie das Haupt eines wilden Engels. Lockenstrudel leuchtenden Goldhaars umrahmten sein Gesicht. Seine Züge waren regelmäßig, männlich, heiter und offen, vom fremden Licht idiotischer Begeisterung erhellt. Selbst wenn er irritiert stotterte, wenn seine Mienen von Nervosität ganz verwirrt waren, stets war sein breiter Mund zum Lachen bereit. Und sein Lachen schallte erdhaft, hell, übermütig, albern. Es war ein geschöpflich-dämonischer Überschwang in ihm, ein unbändiges Verstehen, etwas, das nicht aus dem Hirn stammt. Der Dämon dieses Lachens kam über ihn, besaß ihn, schaltete rücksichtslos mit ihm, selbst in unerwarteten Momenten, wenn er sich alle Mühe gab, die gute Meinung, die die Leute von ihm hegten, die öffentliche Achtung und Beliebtheit, das ihm gern gespendete Lob, nach dem er lechzte, zu erhalten.
Eines Tages erklärte ihm eine alte, kirchlich gesinnte Dame liebevollen Ernstes die Dogmen des Presbyterianismus. Lukas hörte ihr aufmerksam und respektvoll zu. Von Zeit zu Zeit murmelte er ein Wort der Zustimmung. Plötzlich packte ihn der Lachteufel: es kullerte übermütig in ihm, er platzte herzhaft-überschwenglich heraus und wieherte der alten Darrte ins Gesicht. Als sie ihn, von dem verrückten Gelächter erschreckt, erstaunt anblickte, verfiel er in ein schallendes »Wha-Wha-Wha«, lachte noch wilder, unsinniger, unvernünftiger, gurgelte Rachenlaute heraus und stocherte sie mit den Fingern in die Rippen.
Eliza, die gelegentlich die allvernichtende Wirkung dieses Lachens spürte, klopfte ihm auf die Hände, wenn er sie neckte, schürzte pikiert die Lippe und erklärte schließlich, von immer neuen Wha-Whas zornig entrüstet: »Wahrhaftig und Gott, Junge, Du benimmst Dich wie ein richtiggehender Idiot. An Deiner Stelle würde ich mich schämen, ja, schämen würde ich mich.« Sie schüttelte mitleidig den Kopf über ihn. Aber was sie auch tat, es stachelte ihn zu immer wilderem Gelächter auf.
Diese Eigenschaft war ungewöhnlich. Lukas besaß etwas, das viel wertvoller ist als Intelligenz … Es war ihm gegeben, das Leben als Burleske zu sehen. Sein zertrümmerndes, idiotisches Wha-Wha-Wha war seine eigentliche Antwort auf die falschen Vorspiegelungen, die Intrigen, die Heucheleien der Welt. Aber er besaß seinen Dämon nicht; sein Dämon besaß ihn, zeitweise. Hätte der Dämon ihn ganz und dauernd besessen, dann wäre er ein erstaunlich aufrichtiger und klarer Mensch gewesen. Aber wenn er nachdachte, dachte er wie ein Kind, heuchlerisch und sentimental, ganz in den unaufrichtigen Vorgeblichkeiten von Kindern befangen.
Sein Gesicht war wie eine Kirche, in der Schönheit und Humor getraut werden. Das Fremde und das Bekannte waren ein und dasselbe für ihn. Leute, die ihn ansahen, waren überrascht; sie sahen da etwas, von dem sie nie ein Wort gehört hatten, das ihnen jedoch von jeher bekannt war.
Helene und Pearl kamen auf ihren Fahrten ein- oder zweimal in der Saison nach Atlanta und besuchten ihn. Im Frühling waren sie zur Gastopernwoche da. Lukas hatte für den ersten Abend Anstellung als Statist – als Speerträger in der »Aïda« – gefunden. Den Rest der Woche passierte er den Theaterportier als »Lukia Gantio, ein Mitglied der Truppe«.
Die großen Füße in Schnürsandalen, die nackten Beine dichtbehaart, eine Korkzieherlocke unterm Blechhelm hervorquellend, so latschte er an jenem Aïda-Abend in seinem Kostüm herum. Er stand komisch auf seinen Speer gestützt, sein Gesicht leuchtete vor Übermut. Caruso, der seinen Auftritt erwartete, musterte ihn von Zeit zu Zeit mit einem breiten Lazzarone-Lächeln.
»Höh, wer seind Sie, wos?« fragte Caruso und musterte ihn vom Scheitel zu Sohle.
»Wa-wa-was?« sagte er, »kennen Sie Ihre eignen Soldaten nicht, wenn sie vor Ihnen stehn?«
»Ein Teufel von ein Soldat seind Sie«, sagte Caruso.
»Wha! Wha! Wha!« blökte Lukas. Mit Anstrengung hielt er seine Hände, die so gern in Rippen stocherten, zurück.
Seine Sommerferien verbrachte er in Altamont. Er fand Anstellung bei einer Firma, die einen großen Trakt Baugelände in Lose aufgeteilt hatte und die Parzellen meistbietend versteigerte. Lukas stand inmitten der Interessenten auf dem Besichtigungsautobus, feuerte, die Hand an den Mund gelegt, die Leute zum Bieten an. Eindringlich, inständig, zumunternd erschallte seine Stimme … Diese Beschäftigung berauschte ihn geradezu.
Der Wagen hielt vor einem abgesteckten Baugrundstück:
»Immer ran, meine Herren, das ist Los Nummer 17 der schönen, aufblühenden Villenvorstadt Heimwald. Wir liefern den Wald, Sie stellen das Heim hinein. Dieses hübsche Baugrundstück, meine Herren, ist sechzig Meter tief, da haben Sie genug Platz für einen Garten und ein Hinterhäuschen. Ziehen Sie Ihre Maiskolben auf eigner Scholle im schönen Heimwald! Sie haben hier vierzig Meter Straßenfront, an einer großartigen, neuen, makadamisierten Straße.«
»Höh! Wo ist die Straße?« rief jemand.
»Auf dem Blaupausplan natürlich, Herr Oberst. Da besitzen Sie sie blau auf weiß, sozusagen. Also meine Herren, eine nie wiederkehrende Gelegenheit bietet sich da. Sie tritt Sie in den Hosenboden. Sind Sie vorausschauende, klug die Zukunft erwägende Männer? Bedenken Sie, was Ford und Edison, was Napoleon und Cäsar an Ihrer Stelle täten! Gehorchen Sie dem Impuls! Hier können Sie nicht verlieren. Die Stadt wächst in dieser Richtung! Legen Sie mal die Hand ans Ohr, dann werden Sie sofort hören, wie sie hierherwächst. Gelt! Ja, Sie hören es! Auf diesen Hügel da wird das neue Amtsgerichtsgebäude hinkommen; ein ganz klein wenig unterhalb von hier werden Bäcker und Leichenbestatter in funkelnagelneuen Backsteinhäusern ihre schönen Läden eröffnen. Also: Zum Ersten! Zum Zweiten … Wer bietet?!«
Wenn keine Versteigerungen stattfanden, stand Lukas auf dem Bahnsteig und überschüttete ankommende Touristen mit beredsamen Einladungen nach Dixieland. Er ragte dominierend über das ganze reklametüchtige Babel der Hotelportiers, der Boardinghouse-Ehemänner und der schwarzen Gepäckträger.
»Ich geb' Dir einen Dollar für jeden Kunden, den Du mir hertrommelst«, sprach Eliza.
»Ach laß doch, nicht der Rede wert!« Lukas, der Bescheidne. Lukas, der Großmütige.
»Er wäre imstand, das Hemd, das er auf dem Leib trägt, zu verschenken«, bemerkte Gant.
Ein feiner Junge, ein guter Sohn. Auf der Veranda saß Eliza, erruhte sich von der Plackerei des heißen Tages in der nächtlichen Kühle und aß Eiskrem, die er ihr aus der Stadt mitgebracht hatte.
Er war dahinterher. Er hausierte mit patentierten Waschbrettern, mit gesetzlich geschützten Kartoffelschälern, mit Wanzenpulver. Den Negern hängte er Haaröl auf, das unter Garantie krulliges Gelock in glattes Gesträhn verwandeln sollte. Er verkaufte ihnen einen religiösen Öldruck: – schwarze und weiße Engel, dunkelschimmernde und hellhäutige Cherubim segelten im Gleitflug um einen unparteiischen und gekreuzigten Heiland; die Unterschrift hieß: Gott liebt sie beide. Sie gingen wie warme Wecken.
Außerdem war er Chauffeur. Er fuhr Gants Wagen, einen Ford, Fünfsitzer, Modell 1913. Der Alte hatte ihn in einer irren, inspirierten Stunde gekauft, sprach die halbe Zeit von ihm. Dieser Gegenstand des Zorns und der Prahlsucht erfüllte Gant mit Schrecken; er verdammte seine rasche Handlungsweise. Man muß wissen, das war, ehe noch jedermann einen Wagen hatte. Die Betriebskosten, die Reparaturrechnungen versetzten ihn schier in Wahnsinn. Er rannte im Zimmer auf und ab, fluchte und flennte, weinte und betete.
»Keine Minute Frieden ist mir gegönnt, seit ich den Karren kaufte! Ein verdammniswürdiges, ein blutsaugendes Ungeheuer ist er! Nicht genug, daß er mir das Lebensmark abgezapft hat, er wird mich auch noch auf den Armenfriedhof bringen. Es ist furchtbar, es ist entsetzlich, es ist grausam, auf seine alten Tage so heimgesucht zu werden. Oh, du barmherziger Gott!« – mit zornrollenden Augen sah er den beschämten Lukas an. »Wie hoch ist die Rechnung, Sohn? Was?«
»Reg Dich doch nicht so auf, Papa«, sagte Lukas beschwichtigend und trat von einem Fuß auf den andern. »Es sind nur 8 Dollar und 92 Cent.«
»Jesus, Du mein Gott!« schrie Gant. »Ich bin ruiniert!« Er seufzte, schnuffelte, schritt wieder auf und ab wie ein Tier im Käfig.
Angenehm aber war's, in die Dämmerung oder in die kühlen Sommernächte hinaus zu fahren. Da hatte man Eliza an seiner Seite oder eine seiner Töchter. Man rauchte ein gutes Kraut von einem Glimmstengel, man streckte den langen Leib auf dem gepolsterten Rücksitz aus, man rollte durch die duftige Landschaft, durch die langen, dunklen Straßen der Stadt.
Lukas war ein nervöser, zerstreuter, wilder Fahrer. Seine Zappeligkeit übertrug sich auf die Blechkutsche. Er fluchte am Steuerrad, bremste plötzlich und brach in ein wütendes Tuh-Tuh-Tuh aus, wenn der Wagen daraufhin stoppte. Wenn ein anderes Auto entgegen kam, gab Gant vom Rücksitz her lauten Alarm; fluchend und flehend mahnte er den Sohn zur Vorsicht.
Wenn es spät wurde und die Straßen verstummten, dann kam der Teufel über den Chauffeur Lukas. Er fuhr eine lange Hügelallee hinunter, brach plötzlich in ein irrsinniges Gelächter aus, hing sich übers Steuerrad, gab Vollgas, und sein idiotisches Wha-Wha-Wha schallte in die Nacht als Antwort auf Gants Verwünschungen und Gebete. Und bergab mit mörderischer Geschwindigkeit sauste das Gefährt. Lukas brüllte vor Lust, wenn sie an der blinden Gefahr der Straßenkreuzungen vorüberschossen.
»Gottverdammter Schuft! Halt! Halt!« gellte Gant. »Ich laß Dich ins Gefängnis werfen, Du Bankert!«
»Wha! Wha!« Das Lachen überschlug sich in ein irres Falsett.
Daisy, die gerade auf ein paar Wochen zur Sommerfrische da war, ward eiskalt vor Entsetzen. Sie preßte das Jüngste ihres alljährigen Nachwuchses an die Brust und stöhnte melodramatisch:
»Ich bitte Dich, um meiner Familie willen, um meiner armen, mutterlosen Kinder willen – –«
»Wha! Wha! Wha!«
»Ausgeburt der Hölle!« schrie Gant und fing an zu weinen. »Grausames, verbrecherisches Ungeheuer! Unser Hirn wird an einem Baumstamm hängen …«
… Mit einer schnellen Wendung flitzten sie vor einem Auto vorbei, das aus einer Seitenstraße kam und mit kreischenden Bremsen in letzter Sekunde gestoppt hatte.
»Verdammter Schuft!« heulte Gant, beugte sich nach vorn und packte Lukas mit seinen großen Händen an der Gurgel. Lukas ließ den Wagen noch ein Stück mit irrsinniger Geschwindigkeit dahinsputen. Mit einem Schreckensgeplärr fiel Gant in seinen Sitz zurück.
An Sonntagen machten sie Touren. Oft fuhren sie die 33 Kilometer nach Reynoldsville. Es war ein häßlicher Kurort. Der Gestank der ankommenden und abfahrenden Automobile, hing schwer über der breiten Hauptstraße. Da kamen und gingen Leute aus verschiedenen Staaten. Von Süden herauf, aus Süd-Carolina und Georgia kamen Baumwollfarmer und kleine Kaufleute mit ihren Familien in verbeulten, mit rotem Lehmsandstaub bedeckten Wagen. Sie aßen ein schweres Mittagessen – Brathuhn mit Mais und grünen Bohnen – in einem der Hotelrestaurants … saßen dann eine Stunde in einer Drogerie über kühlen, kohlensauren Getränken und Eiskrem mit Gelee und Nußsplittern … guckten die glücklichen Sommerfrischler und die reifen Jungfrauen in ihren kühlen, leichten Kleidern an … fuhren dann ein bißchen in der Stadt herum … und kehrten schließlich wieder heim in die Staubwindwolken und die Knallhitze der südlichen Ebne. Neuland.
Jungfrauen aus dem Süden, fließend die weichen, reifen Kurven ihrer Körper, langgezogen und träg ihre Aussprache, … von ihnen waren die Sommerveranden erfüllt.
Dieser Lukas war ein Goldkerl. Ein Liebling war er. Ein großherziger, freimütiger Bursche. Entzückend, geradezu hinreißend war er. Frauen hatten ihn gern, sie lachten ihn an, sie zupften ihn an den goldnen Locken. Mit sentimentaler Zärtlichkeit liebte er Kinder, nämlich Mädchen von vierzehn, fünfzehn Jahren. Er hegte hochromantische Empfindungen für Delia, Mistress Selbornes älteste Tochter. Er brachte ihr Geschenke, war abwechselnd zärtlich und gereizt mit ihr. Eines Nachts auf der Terrasse vor Gants Haus – der Augustmond schien und die reifenden Trauben dufteten – streichelte er Delia, während Helene im Wohnzimmer sang.
Er streichelte sie leise, er lehnte seinen Kopf über sie, er sagte, er möchte ihn so gern an ihre »B-b-b-brüste« betten. Eugen beobachtete die beiden mit bitterem, giftgeschwollnem Herzen. Er wollte das Mädchen für sich haben, sie war dumm, aber sie hatte den wissenden Körper, das schwebende Lächeln ihrer Mutter. Mehr als Delia freilich begehrte er Mistress Seiborne; er phantasierte noch leidenschaftlich über sie; aber ihr Wesen war ja in Delia wieder Fleisch geworden. Infolgedessen benahm er sich stolz, ablehnend, kalt und albern vor den beiden. Sie konnten ihn nicht leiden.
Neidisch, mit angenagtem Herzen, bewachte er Lukas, wenn er Mistress Selborne den Hof machte. Lukas benahm sich so außergewöhnlich ergeben vor ihr, daß selbst Helene verdrossen und manchmal sogar eifersüchtig wurde. Und jede Nacht, sei es in Gants Haus oder in Dixieland, hörte Eugen ihr üppig quellendes Lachen voll von Zärtlichkeit, Hingabe, Geheimnis. Manchmal hockte er in Elizas Haus auf der Treppe und wartete, bis sie um ein oder zwei Uhr nachts heimkam. Wenn sie ihn im Dunkeln anstieß, schrie er leis erschreckt auf. Im ruppigsten Ton brachte er seine Entschuldigung vor und ging dann mit heftig pochendem Herzen und brennendem Gesicht zu Bett.
»Ach ja«, dachte er dann in seiner grünen Moralität von seinem Bruder Lukas, dem Gerngesehenen, »… da setzt sie Dich auf den Thron der Zuneigung, Du Riesenhanswurst, und dabei prellt sie Dich doch. Da tust Du dick und kaufst Eiskrem, und was hast Du davon? Wie muß Dir zumut sein, wenn Du erfährst, wann und wie sie heimkommt? Da ist sie mit irgendeinem finsteren Scheich bis eins oder zwei im Auto gewesen! Erst gibst Du Dein ganzes Geld für sie aus, und dann buhlt sie bis spät in der Nacht mit irgendeinem x-beliebigen Mannsbild herum. Ja! Geh Du nur und. bette Deinen Kopf an ihre B-b-b-brüste! Sie ist nicht besser als – – aber was weißt Du von Linsen und Bohnen, Du elender Hanswurst? Ja, das ist wahr!! Willst Du vielleicht etwas? Komm nur mit in den Hintergarten, Du Dicktuer! Da werd ich's Dir schon weisen … da! … So! und so!! …und so!! …« Wild stieß er mit den Fäusten zu. Er boxte den Phantom-Lukas zu Boden und sich selber in die Erschöpfung.
Als Lukas aufs Polytechnikum zog, besaß er ein paar hundert Dollar, die er sich als Agent der Saturday Evening Post erspart hatte. Er nahm sehr wenig Geld von Gant an. Er lebte als Werkstudent, arbeitete als Kellner, warb unter den Studenten für ein Boardinghouse und war Agent der Schneiderfirma, die die »Kippy Kampus Klothes« herstellte. Gant prahlte mit dieser Tüchtigkeit. Die Männer im Städtchen verschoben den Priem im Mund, spuckten und sagten:
»Der Junge wird's zu was bringen!«
Lukas arbeitete so hart und schwer, wie nur ein Selfmademan für seine Ausbildung arbeiten kann. Er brachte jedes Opfer. Nur studieren – studieren tat er nicht.
Auf der Hohen Schule war er ungeheuer, ungemein, außerordentlich beliebt. Seine Mitstudenten beteten ihn geradezu an. Zweimal nach Fußballwettspielen, in denen die Mannschaft des Polytechnikums die Mannschaft der Universität von Georgia schlug, bestieg er einen Leichenwagen und hielt eine ulkige Grabrede auf die geschlagene Universität.
Aber trotz all dieser Bemühungen saß er zu Ende des dritten Studienjahres immer noch im Anfangskurs, und es bestand alle Aussicht, daß er ewig »Sophomore« bleiben würde.
Er schrieb Gant einen netten Brief, in dem er das Polytechnikum der Ungerechtigkeit und Geldgier bezichtigte. Dann reiste er nach Pittsburg und fand dort Arbeit bei der Westinghouse Electric Company. Dreimal in der Woche besuchte er einen Abendkursus im Carnegie Institute of Technology. Er schloß Freundschaften.
Der Krieg war ausgebrochen. Nach einem Aufenthalt von fünfzehn Monaten verließ er Pittsburg und zog nach Dayton, wo er in einer Kesselfabrik, die sich auf die Herstellung von Kriegsmaterial umgestellt hatte, Arbeit fand.
Von Zeit zu Zeit, im Sommer auf ein paar Wochen, zu Weihnachten auf ein paar Tage kehrte er als Urlauber in den Schoß seiner Familie zurück. Stets brachte er Gant einen Handkoffer voll Bier und Whisky mit. Ja, dieser Lukas war gut gegen seinen Vater.
XIX
Eines Nachmittags im Frühsommer lehnte Gant am Geländer der Veranda vor seiner Werkstatt und unterhielt sich mit Jannadeau. Er wurde bald fünfundsechzig; sein großer Körper war zusammengeschrumpft; er ging ein wenig vornübergebeugt. Er sprach nun oft vom Greisenalter; in seinen Tiraden flennte er über seine steife, rechte Hand. In Selbstmitleid aufgeweicht, bezeichnete er sich als den »armen alten Krüppel, der für sie alle sorgen muß«.
Die Lässigkeit des Alters bekroch ihn. Morgens stand er eine Stunde später auf. Er kam zwar pünktlich in seine Werkstatt, aber dort lag er dann stundenlang auf dem braunen, abgenutzten Ledersofa seines Büros oder schwatzte mit Jannadeau oder mit dem alten Schweinigel Lidell oder mit Cardiac oder mit Fagg Sluder, der sein Vermögen zinsträchtig in zwei großen Geschäftshäusern am Stadtplatz angelegt hatte und die wirtschaftliche Hauptstütze des städtischen Baseballklubs war.
Negerarbeiter trampten heim, die Gesichter unheimlich weiß von Zementstaub. Die Kutscher und Fuhrleute verzogen sich allmählich. Ein schlampiger Polizist trödelte, sich in den Zähnen stochernd, die Rathaustreppe herunter. Aus hohen vergitterten Fenstern auf der Marktseite des Platzes drang von Zeit zu Zeit das Geheul einer besoffnen Negerin. Das Leben summte langsam wie eine Schmeißfliege.
Im Westen war Abendrot. Eine kühle, erfrischende Brise kam von den Bergen. Des Abends Hoffnung und Ekstase lagen in der Luft. Langsam pulsierend stieg der dicke Strahl des Springbrunnens, fiel in sich selbst zurück; das Wasser schwappte träge im Becken. Ein Wagen ratterte hell übers Pflaster. Neben dem Feuerwehrschuppen zog der Kleinkrämer Bradley das zeltne Schirmdach vor seinem Schaufenster in die Höhe; das Gewinde knirschte.
An der anderen Ecke des Stadtplatzes trippelten die jungen Jungfrauen aus dem Ostviertel plappernd und gahlernd nach Hause. Sie erschienen um vier Uhr auf dem Bummel, wandelten die Avenue ein paarmal auf und ab, kauften irgendeine Kleinigkeit, um den Ausgang zu rechtfertigen, und gingen schließlich in die große Drogerie. Das war ihr Klub, ihre Brasserie, das Forum der Geschlechter. Mit selbstsicheren Mienen lösten sich Jünglinge aus ihren Gruppen und schlenkerten mal rüber zu den Tischchen vor der Sodafontäne auf einen kleinen Schwatz mit »ihrer« Lady. Südhimmelblaue Augen blickten keck in lachend graue; hübsche Grübchen wurden tiefer; der süßeste kleine Popo »in dear old Dixie« glitt glatt über poliertes Holz.
Gant pflegte nun glückselige Stunden im Klatsch mit geilen Lustgreisen zu verbringen. Zotiges, krächzendes Gemecker explodierte wie Kracher auf dem Platz. Am Abend brachte er die neuesten Nachrichten aus der Gosse heim, leckte schlaugrinsend den Daumen und fragte Helene um Bescheid:
»Na, ich sag's ja, sie ist nicht anders wie 'ne regelrechte kleine Schneppe, was?«
»Hahaha«, lachte sie, »gelt, das möchtest Du gern wissen?«
Sein Alter trug ihm Früchte; der Ehrensold für treuen Dienst am Leben wurde ihm entrichtet. Wenn Helene nun abends Freundinnen ins Haus brachte, ließ sie ihn neckisch lachend die Mädchen umarmen. »Na, los, Papa, segne das süße Herzchen! … Du komm her und gib dem Alten 'nen Schmatz!« Er pflanzte stachelige Schnurrbartküsse auf weiße Kehlen, weiche Wangen, volle Lippen; zärtlich betastete er feste, junge Arme; er streichelte die Mädchen mit der guten linken Hand, wiegte sie ein bißchen hin und her. Sie giggelten vor Vergnügen, weil sein Schnurrbart »so ki-ki-kitzelte«.
»O-oh Mister Gant! Hahahaha!«
»Dein Vater ist so ein netter Mann«, sagten sie. »Er hat so 'ne liebenswürdige Art.«
Helene, die diese Umarmungen mit Argusaugen überwachte, lachte heiser-erregt: »Jajaja, Alterchen, das macht Spaß, nicht wahr? Schad, daß es mit Techtelmechteln für Dich aus ist!«
Gant unterhielt sich mit Jannadeau. Aber seine unsteten Augen wanderten über die Ostecke des Stadtplatzes. Die stattlichen Matronen von Altamont, vom Markt kommend, gingen vorm Haus vorüber. Manche lächelten ihm zu, wenn sie ihn erblickten, und er verbeugte sich tief. So'ne liebenswürdige Art.
»Der König von England«, bemerkte er, »ist lediglich eine Dekorationsfigur. Er hat nicht annähernd die Macht, die der Präsident der Vereinigten Staaten hat.«
»Seine Machtbefugnisse sind streng begrenzt«, grunzte Jannadeau, »aber nur durch Herkommen, nicht durch Statut. Tatsächlich gehört er immer noch zu den Monarchen, die sehr viel zu sagen haben.«
Mit schwarzen Pfoten tüftelte er in einem Uhrwerk herum.
Die unsteten Augen hefteten sich aufmerksam auf eine elegante, vornehme Erscheinung. »Queen« Elizabeth, die Bekannte, die Besitzerin des Freudenhauses in Eagle Crescent, ging draußen vorbei. Sie lächelte verbindlich. Ihre klaren Augen verweilten ein wenig auf den glatten Marmorplatten, den Lämmern, den Cherubim. Gant verbeugte sich tief.
»Guten Abend, Madam«, sagte er.
Sie ging weiter. Einen Augenblick später kam sie entschlossen zurück und stieg die breite Freitreppe zur Veranda hinauf. Gants Puls ging schneller, als er sie kommen sah. Zwölf Jahre.
»Wie geht's, Madam?« erkundigte er sich galant. »Wahrhaftig, Elizabeth, gerade hab ich zu Jannadeau gesagt, daß keine Frau im Städtchen sich besser anzieht als Sie.«
»Nett von Ihnen, Mister Gant«, sagte sie in ihrer kühlen, ruhigen Stimme.
Sie grüßte Jannadeau mit einer liebenswürdigen Kopfneigung. Er schlenkerte sein mächtiges Haupt mit der zerklüfteten Stirn gegen sie und murmelte einen verbindlichen Gruß.
»Wirklich, Elizabeth«, sagte Gant, »Sie haben sich in den letzten fünfzehn Jahren kein bißchen verändert. Keinen Tag sind Sie älter geworden.«
Erfreut stand sie da im Bewußtsein ihrer achtunddreißig Jahre.
»Ach ja«, sagte sie lachend, »das sagen Sie so, um mir einen Spaß damit zu machen. Ein Hühnchen bin ich nicht mehr.«
Sie hatte eine helle, reine, angenehm sommersprossige Haut; rotblondes Haar; einen dünnlippigen, witzigen Mund. Ihre Figur war knapp und kräftig; nicht mehr jung. Ihr Auftreten war energisch, distinguiert, elegant.
»Wie geht's den Mädchen, Elizabeth«, erkundigte er sich gutmütig.
Ihre Miene wurde traurig. Sie zog die Handschuhe aus.
»Deswegen kam ich hierher«, sagte sie. »Eine von ihnen ist vorige Woche gestorben.«
»Ich weiß«, sagte Gant. »Es tat mir so leid, als ich es hörte.«
»Sie war die beste von meinen Mädchen«, erklärte Elizabeth. »Alles in der Welt hätte ich für sie getan. Wir haben ja auch wirklich alles versucht«, fügte sie hinzu. »In dieser Beziehung brauche ich mir keine Vorwürfe zu machen. Ich hatte die ganze Zeit über einen Arzt und zwei Krankenschwestern im Haus.«
Sie öffnete ihre schwarzlederne Handtasche, ließ ihre Handschuhe hineinfallen und nahm ein blaugerändertes Taschentuch heraus. Sie fing an zu weinen.
»Hu-huh-huh-huh«, sagte Gant ergriffen und schüttelte den Kopf. »Zu schlimm, zu schlimm, wirklich. Kommen Sie mit in mein Büro.«
Sie gingen durch den Lagerraum und nahmen Platz. Elizabeth trocknete ihre Augen.
»Wie hieß sie denn?« fragte er.
»Wir riefen sie Lily. Ihr Name war Lillian Reed.«
»Ach! Da hab ich sie ja gekannt!« rief er aus. »Vor nicht ganz zwei Wochen hab ich noch mit ihr gesprochen.«
»Ja. Es ist schnell mit ihr gegangen«, sagte Elizabeth. »Magenblutungen, wissen Sie. Niemand ahnte, daß sie krank war, bis vorigen Mittwoch. Und Freitag war sie tot.« Sie weinte wieder.
»T-t-t-t«, gluckte Gant bedauernd. »Zu schlimm, wirklich, zu schlimm. Sie war so ein bildhübsches Kind.«
»Ich hätt sie nicht lieber haben können, wenn sie meine eigne Tochter gewesen wäre«, sagte Elizabeth.
»Wie alt war sie denn?« fragte er.
»Zweiundzwanzig«, sagte sie, wieder weinend.
»Schade, schade«, sagte er. »So jung ins Grab. Hatte sie Angehörige?«
»Niemanden, der 'nen Finger für sie rührte«, sagte Elizabeth. »Ihre Mutter starb, als sie dreizehn war. Sie stammte hier aus der Gegend, aus Beetree Fork. Und ihr Vater ist ein gemeiner alter Kerl«, fügte sie indigniert hinzu. »Er hat nie was für sie noch für sonst jemanden getan. Nicht mal zur Beerdigung ist er gekommen.«
»Furchtbar traurig das alles«, sagte er. »Und wenn man bedenkt, daß das ganze Leben noch vor ihr lag …« Er schüttelte den Kopf. Einen Augenblick lang empfand er den Triumph, den alle Menschen empfinden, wenn sie hören, daß jemand gestorben ist. Und ein Schauder überlief ihn. Er hatte Angst. Vierundsechzig.
»Und so ein feiner Kerl war sie.« Elizabeth weinte leiser. »Und so eine glänzende Zukunft. Ihr waren beßre Gelegenheiten geboten als mir, und« – sie sagte das in aller Bescheidenheit – »Sie wissen ja, daß ich's zu was gebracht habe.«
»Aber sicher! Sie sind reich, Elizabeth«, bestätigte er eindringlich. »Verdammt will ich sein, wenn ich Sie nicht für 'ne reiche Frau halte. Die Liegenschaften allein, die Sie hier in der Stadt besitzen, stellen ein Vermögen dar.«
»Nun, reich würde ich nicht sagen«, wandte sie ein. »Aber ich habe genug zum Leben, ohne daß ich 'nen Finger krumm mache, und deshalb werde ich von jetzt an die Hände in den Schoß legen.«
Sie sah ihn mit einem scheuen, selbstgefälligen Lächeln an und strich sich mit der kleinen, energischen Hand eine Haarlocke zurück. Er musterte sie aufmerksam. Mit Vergnügen glitt sein Blick an ihr hinunter. Ihre firmen, unkorsettierten Hüften zeichneten sich unter dem gutgeschnittnen Schneiderkleid ab. Sie hatte die Beine übereinander geschlagen. Ihre graziösen Füße staken in zierlichen, hellbraunen Straßenschuhen. Sie war fest, kräftig, gepflegt, elegant; sie duftete leicht nach Fliederparfüm. Er sah ihr in die klaren, lichtgrauen Augen. Er sah, daß sie durchaus eine große Lady war.
»Bei Gott, Elizabeth«, sagte er. »Sind Sie eine gutaussehende Frau!«
»Ich hab's gut gehabt im Leben, und außerdem habe ich auf mich achtgegeben«, erklärte sie.
Sie hatten einander stets von Grund auf begriffen und verstanden, vom ersten Tag ihrer Bekanntschaft an. Zwischen ihnen gab es keine Entschuldigungen, keine Fragen, keine Antworten. Die Gewichtigkeit der Welt fiel von ihnen ab. Durch die Stille hörten sie das Geplätscher des Springbrunnens und helles Greisengemecker vom Stadtplatz. Er nahm ein Musterbuch vom Schreibtisch und blätterte; es zeigte bescheidne Grabmale aus Georgia-Marmor und Vermont-Granit.
»Nein«, sagte sie ungeduldig, »an so was dachte ich nicht. Ich weiß, was ich will.«
Er sah erstaunt auf. »Und das wäre?«
»Den Engel draußen am Eingang.«
Er war betroffen. Er wollte nicht. Er biß sich die Lippen. Kein Mensch wußte, wie er an dem Engel hing. Vor den Leuten nannte er ihn seinen »Weißen Elefanten« und verwünschte den Tag, an dem er ihn gekauft bitte. Sechs Jahre nun stand der Engel auf der Veranda, Wind und Wetter hatten ihm zugesetzt, er war verschmutzt. Aber er war aus Carrara in Italien gekommen. Und hielt eine steinerne Lilie in der Hand. Und die andre Hand hatte er segnend hochgehoben. Und die ganze Gestalt schwebte plump auf dem Zehenballen des einen schwindsüchtigen Fußes. Und das doofe, weiße Gesicht lächelte sanft in einer versteinten Blödigkeit.
Wenn ihn gerade die Wut packte, dann schimpfte Gant oft furchtbar über den Engel: »Du hast mich ins Elend gestürzt, ruiniert hast Du mich, Du bist der Fluch, der auf meinem schwindenden Leben lastet. Und nun willst Du mich erdrücken, entsetzlicher Quälgeist, Du schreckhaftes, Du grausames, Du unnatürliches Ungeheuer!«
Dann wieder, wenn er besoffen war, fiel er vor dem Engel auf die Knie, nannte ihn Cynthia und flehte ihn um Liebe, um Vergebung, um seinen Segen an. Und Gelächter schallte vom Stadtplatz.
»Wie steht's damit?« fragte Elizabeth. »Wollen Sie ihn nicht verkaufen?«
»Er wird Sie eine schöne Stange Geld kosten«, sagte Gant ausweichend.
»Das macht nichts«, sagte sie bestimmt. »Ich hab's ja. Wieviel ist's?«
Er schwieg. Er dachte an den Platz, den der Engel einnahm. Es gab nichts, diesen Platz wieder auszufüllen, das wußte er. Wenn dieser Engel ging, würde ein erloschner Krater in seinem Herzen sein.
»Also gut!« entschied er. »Sie können ihn für den Preis haben, den er mich gekostet hat. Vierhundertzwanzig Dollar.«
Sie nahm einen dicken Pack Banknoten aus ihrer Handtasche, zählte die Summe ab. Er schob das Geld zurück.
»Nein«, erklärte er. »Zahlen Sie mich, wenn ich die Arbeit geschafft habe und das Monument aufgestellt ist. Sie wünschen doch 'ne Inschrift, nicht wahr?«
»Ja. Hier ist der volle Name, Alter, Geburtsort und so weiter«, sagte sie und reichte ihm einen bekritzelten Briefumschlag. »Ich möchte auch einen Vers dazu, etwas, das auf ein frühverstorbenes Mädchen paßt.«
»Gewiß«, pflichtete er bei.
Er las ihr aus seinem abgegriffenen Heft ein paar Vierzeiler vor. Er fand einen, der ihr gefiel:
»Sie ging dahin in ihrer Schönheit Blüte,
Gott rief sie jung von uns, die wir sie sehr geliebt.
Wir glauben und vertraun, daß seine Lieb und Güte,
Die größer ist als unsre, sie im Himmel treu umgibt.«
Sie standen auf. Ihre elegante Gestalt reichte ihm bis zur Schulter. Während sie ihre Lederhandschuhe zuknöpfte, sah sie sich in dem kühlen, muffigen Büro um. Das abgenutzte Ledersofa nahm eine ganze Wandfläche ein; die Umrisse seines Körpers waren auf das Polster eingedrückt. Sie sah auf zu ihm. Sein Gesicht war ernst, traurig. Sie erinnerten sich.
»Lang, lang ist's her, Elizabeth«, sagte er.
Sie schritten langsam durch den von Marmormalen flankierten Gang. Vor der Tür, als Schildwache, stand der Engel und starrte herunter ins Leere. Jannadeau zog sein großes Haupt tiefer ein in die Schultern, wie eine Schildkröte. Sie gingen über die Veranda.
Das bleiche Phantom des Monds stand bereits am klaren Abendhimmel. Ein kleiner Zeitungsjunge, die große Leinwandtasche leer, schlenkerte rüstig vorbei; seine sommersprossige Nase blähte sich hungrig dem vorausgenossenen Duft des Abendessens entgegen. Schon war er um die Ecke. Und nun, einen Augenblick lang, als sie vor den Stufen der Freitreppe standen, schien das ganze Leben zum Bilde gefroren. Die Feuerwehrleute und Fagg Sluder, der drüben im Sportklub saß, hatten Gant gesehen, hatten gewispert. Und nun starrten sie herüber. Der Polizist, ans Terrassengeländer vor dem Polizeiamt gelehnt, starrte herüber. Der Farmer auf dem kleinen Rasenring um den Springbrunnen, der sich gerade vornübergebeugt und aus den hohlen Händen getrunken hatte, hob den Kopf wieder mit tropfendem Kinn und starrte herüber. Am Fenster des Steuereinnehmerbüros im ersten Stock des Stadthauses stand hemdsärmelig der feiste, stämmige Yancey und starrte herüber. Und in diesem einzigen Nu hörte der Springbrunnen auf zu plätschern, alles Leben war wie in einer photographischen Positur angehalten, und Gant spürte, daß er allein war und langsam durch die sinnlose, fliehende, starrende Leere, durch die Welt des Augenscheins dem Tod entgegenglitt.
Wo nun? Wo später? Wo dann?
XX
In jenen Jahren, in denen seine Lieblingskinder Lukas und Helene die meiste Zeit weg waren, führte Gant ein zersplittertes Heimleben; er hauste halb bei sich in der Woodson Street, halb bei Eliza in der Pension. Zwar haßte und fürchtete er das Alleinsein, aber er war ein Gewohnheitsmensch und dachte überhaupt nicht daran, seine behagliche Bleibe aufzugeben und statt dessen mit der kahlen Winterlichkeit von Dixieland vorliebzunehmen. Eliza wollte ihn gar nicht dort haben. Sie war durchaus dafür, daß er zu Tisch kam, aber daß er über Nacht blieb – was häufig vorkam, wenn Helene weg war – und seine Tiraden, die nun immer länger wurden, gingen ihr mehr als je auf die Nerven.
»Du hast doch Dein eigenes Heim«, quengelte sie. »Warum bleibst Du nicht dort, statt hier herumzulungern und mir Scherereien zu machen?«
»Schmeißt ihn nur raus, schmeißt ihn nur raus!« stöhnte er bitter gekränkt. »Schleift seine Knochen über das Pflaster! Er ist ja nur ein Bettler, um den sich kein Mensch schert. O Gott, o Gott! Der alte Ackergaul ist zu nichts mehr nütze, seine Tage sind gezählt: gebt ihm einen Tritt und schickt ihn zum Schinder! Der alte Krüppel kann nichts mehr zum Futtern heimbringen, also: auf den Schutthaufen mit ihm! Entartete, widernatürliche Ungeheuer, die Ihr seid!«
Trotzdem hielt er sich in Dixieland auf, so lange jemand da war, der ihm zuhörte. Für die kleine Gruppe der Wintergäste brachte er den wundervollen Geschmack des großen Daseins mit. Im Schaukelstuhl vorm Kaminfeuer räkelte er sich und erzählte immer wieder aus dem Legendenhort seines eignen Lebens. Sie saßen herum und hörten ihm hungrig zu. Da griff er vor ihren verzauberten Augen einen romantischen Vorfall heraus, verschönerte und dramatisierte ihn, baute ihn auf, verwob ihn mit historischen Zusammenhängen. Eine ganze Mythologie entstand.
Der General Fithugh Lee, der in den Tagen des Bürgerkriegs hoch zu Roß vor dem Farmerbuben gehalten und einen Trunk Wasser verlangt hatte … dieser General trank jetzt aus der eichenen Schöpfkelle des Ziehbrunnens und schüttete den Rest zur Seite: er erkundigte sich alsdann bei dem Buben bis ins kleinste über die Straßen und Anmarschwege nach Gettysburg, fragte ihn, ob er feindliche Detachements gesehen habe, schrieb sich den Namen des Jungen in ein kleines Notizbuch und sagte, als er weiterritt, zu seinem Stab: »Der Junge da wird's zu was bringen. Ein Volk, das solche Jungen hervorbringt, ist unbesiegbar.«
Friedliche Indianer, die er, als er nach einem alten Fort unterwegs auf einem Esel durch die Wüste von Neu-Mexiko ritt, freundlich gegrüßt hatte … diese Indianer verfolgten ihn nun in voller Karriere, wollten ihn skalpieren, spornten ihre schaumbedeckten Rosse und stießen ein wildes Schlachtgeheul aus; durch die verdutzten Dörfer der Rothäute ging die Jagd, bis er bei zwei Cowboys, die urplötzlich auftauchten, Schutz und Beistand fand.
Jener Dieb, der in tiefster Nacht in New Orleans in sein Zimmer eingedrungen war und seine Kleider gestohlen hatte … mit diesem Dieb kämpfte er nun, ringend wälzten sie sich am Boden, und dann verfolgte er ihn im Nachthemd siebzehn (nicht mehr fünf!) Straßenblöcke entlang, die Canal Street hinunter.
Allwöchentlich ging er ein paarmal ins Kino und nahm Eugen mit. Er saß vornübergebeugt, völlig absorbiert da, und stets sah er sich das ganze Programm zweimal an. Um halb elf oder elf Uhr traten sie auf das kalte, hallende Straßenpflaster heraus, in eine gleichsam kahlgefrorne Welt, in die tote Stadt der geschlossnen Läden, der leblosen Schaufensterauslagen, der wächsernen Modelle, die durch die Scheiben der Hut- und Kleiderläden heiter in die frostige Stille lächelten.
Der Springbrunnen auf dem Stadtplatz spielte zur niedrigsten Strahlhöhe. Träge plätscherte das kalte Wasser ins eisberingte Becken. Ach, im Sommer, da spielt die Fontäne hoch, eine blaue Sprühfahne weht übern Platz! Jetzt haben sie sie heruntergestellt – ja, ja, mit dem Brünnchen am eignen Leib geht's ja nicht anders. Kein Wind blies.
Die Augen auf den asphaltnen Bürgersteig gerichtet, schritt Gant aus. Er murmelte vor sich hin, komponierte eine Inhaltsangabe des Films. Der kalte Stahl neuer Nähmaschinen glitzerte durch die Schaufensterscheiben von Singers Nähmaschinengeschäft. Der Singerbau in New York ist das höchste Haus der Welt. Das steppende Geräusch von Elizas Nähmaschine. Eh Du Dich versiehst, hast Du die Nadel durch den Fingernagel. Vor Schmerz zog Gant die Luft durch die Zähne.
Sie gingen am Sluder-Building an der Ecke des Stadtplatzes vorbei. Fagg Sluder kriegt siebenhundert Dollar im Monat Miete dafür. »TRINKT COCA-COLA« sagte ein Plakat neben einem Schaufenster im Erdgeschoß. Manche behaupten, daß Candler die Formel von einem alten Weib aus dem Gebirg gestohlen hat. Nun hat er fünfzig Millionen. In der großen Drogerie, bei Woods, ist das Gesöff übrigens besser. Gant trank neuerdings Coca-Cola gern; vier oder fünf Glas täglich.
Der David Stern hatte seine alte Holzbude hier an der Ecke, zwanzig Jahr' lang, dann kaufte Fagg Sluder das Grundstück. Früher hat es zu Pastons Gut gehört. Ich hätt's für ein paar Heller haben können; dann schwämm' ich jetzt im Geld. David Stern zog dann in die North Main Street. Stinkt jetzt nach Geld, der Jud. Vermögen in Wiener Würstchen gemacht. Dreizehn Kinder. Sie kriegt alle Jahr eins. Nun ist sie so breit, wie sie lang ist. Werden alle fett, diese Judenweiber. Die Kinder arbeiten alle. Zahlen den Alten ihren Unterhalt. Haushaltungsbeitrag. Meine nicht! Da kannst Du Dich drauf verlassen! Da sieht man, wieso die Juden reich werden.
Dieser reine Blick! dachte Eugen. Ach, dieser reine Blick, den sie alle haben. Am Schluß, wenn er sie küßt, die langen Wimpern über den feuchten Augen. Die süßen, wollustbebenden Lippen. Wenn er sie an sich reißt, wenn er sich über ihren hingebungsvollen Leib beugt und hungrige Küsse auf ihren Mund küßt. Der Fremde, ja, der Fremde.
Eugen dachte an den Fremden. Stahlgraue Augen. Beherrschtes Gesicht. Eine Achtelsekunde schneller schußfertig mit den Pistolen als sonst jemand in Wild-West. Mit beiden Pistolen! Die Linke so sicher wie die Rechte! Er klatschte sich auf die Schenkel und schoß mit dem mörderisch ausgestreckten Zeigefinger Mülleimer und Laternenpfähle um.
Kam da ein Frühlingstag mit vieler Blüte. Und dann Dunkelheit. Das Bild einer zu Boden getrampelten Lilie. Das bedeutete, daß er sie verführt hat. Das ist Kunst! Er hat ihr ein Kind gemacht. Jetzt darfst Du mich nicht verlassen. Warum? Ja weil –. Scheu schlug sie die Augen nieder, sie errötete. Er starrte sie fragend an. Dann entdeckte sein forschender Blick (o gut so!) das Babykleidchen, an dem sie genäht hatte. Es tagte. Wirklich, Grace? Errötend, halb lachend, halb seufzend fiel sie ihm um den Hals.
Die Geschichte von dem kleinen Tanzmädchen. Jim Faro, der Falschspieler. Gefährlich lächelnd. Unzüchtig. Die lange, nasse Zigarre im Mundwinkel. Er mischte die Karten, sah sich um. Der Geierblick. Mord im Herzen und drei falsche Asse im Ärmelaufschlag. Aber den kalten, stahlgrauen Augen des Fremden entgeht nichts. Sein Colt-Revolver bellte eine Sechstelsekunde früher als die Pistole des Falschspielers. Jim Faro hustete und glitt langsam vom Stuhl. Erledigt. Und der Sheriff rief aus: »Bei Gott, Fremder, ich wußte nicht, daß der Mann lebt, der schneller mit dem Schießprügel spricht als Jim Faro. Wie heißt Er?« – »In der Familienbibel zu Haus, Partner«, sagte der Fremde, »steht Eugen Gant. Aber hierzuland nennen mich die Leute den Dixie Ghost.« – Den Leuten verschlug es den Atem. »Bei Gott!« wisperten sie, »er ist der Dixie Ghost!«
»Wie kann ich Ihm danken?« rief das Mädchen. »Er hat mich von einem Schicksal errettet, das schlimmer als der Tod ist!«
Und ER, der Dixie Ghost, der dem Tod so oft ohne mit der Wimper zu zucken ins Auge gesehen hatte, konnte nun einem Etwas, das ihn aus den großen, braunen Augen ansah, nicht mit dem Blick begegnen. Er nahm den Sombrero ab und drehte ihn verlegen in der Hand.
»Nicht der Rede wert, Madam«, sagte er verlegen. »Jederzeit froh, einer Dame behilflich gewesen zu sein.«
Mittlerweile hatten die beiden Barkellner ein Tischtuch auf den toten Jim Faro gedeckt, die Leiche ins Hinterzimmer geschleppt und waren auf ihre Plätze hinterm Schanktisch zurückgekehrt. Die Gäste standen in kleinen erregten Gruppen umher. Im Nu saß der Klavierspieler an dem alten Klapperkasten und spielte 'nen Walzer.
»Tanzt Er mal mit mir, Mister Dixie Ghost?« Zwei weiße Zahnreihen blitzten, zwei Grübchen spielten in lächelnden Wangen.
Im Wild-West jener Tage waren die Leidenschaften primitiv, jäh kam die Rache, schnell ging das Leben wieder seinen gewohnten Gang.
Seine Gedanken drehten sich ums Geheimnis der Liebe. Rein, aber leidenschaftlich. Der Augenschein spricht gegen sie, das ist wahr. Der stinkende Atem der Verleumdung … Sie arbeitete als Tanzmädchen in diesem verrufnen Lokal. Aber ihr Herz war rein. Was könnte man sonst auf der Welt gegen sie sagen. Er hielt Totschlag für ein sauberes, angenehmes Geschäft. Fröhlich, mit Kinderaugen, betrachtete er seine toten Feinde. Männer im Film sterben eines heftigen, aber reinlichen Todes. Päng! Päng! Lebt wohl, Freunde, mit mir ist's aus! Ein sauberes, kleines Loch durch den Kopf oder das Herz. Kein Blut. Er war unschuldig geblieben. Ob vielleicht doch die Eingeweide austreten, das Hirn herumspritzt? Kinnschuß, und das Gesicht sieht wie ein Klumpen Johannisbeergelee aus …
Sie bogen in die lange Academy Street ein. Im Hirn brannten ihm Ketten von Bildern, scharf wie Gemmen, wandelbar wie Chamäleons. Sein Leben war der Schatten eines Schattens, ein Spielen in einem Spiel. Er wurde der Star, der den Helden spielt. Der Lord der Lichtspiele, der Liebhaber der schönsten Kinokönigin. Er war der Dixie Ghost und war der Mann, der den Dixie Ghost spielte.
Er war alle die Helden, die er bewunderte, und an Schönheit, Adel und echtem Mannestum übertraf er die verächtlichen Gesellen, die immer siegten und ewig von schönen Frauen geliebt wurden. Er selber war erkoren und ward geliebt von einem Schwärm weltberühmter Schönheiten – von vampirischen Weibsteufeln sowohl wie von reinen, süßen Engeln –, die sich, die schweren Blondinen voran, um seine Gunst bewarben und teilweise ihn sogar mit moralisch zweideutigen Schlichen und Listen zu gewinnen trachteten. Aus unaufhörlichen Großaufnahmen sahen ihre Augen ihn an. Er feierte Feste an ihren dargebotnen Lippen. Und wenn der Konflikt vorüber, der Totschlag geheiligt, die Tugend gekrönt war, dann schritt er mit seiner Sirene in den willkommnen Glanz einer ständig untergehenden Sonne.
Er verrenkte den Hals und sah Gant von der Seite an. Sie gingen an einem neugebauten Lichtspielpalast vorüber. Das Haus war verdunkelt, die Vorstellung aus. Gant sah nach der Uhr. Elf Uhr zwölf Minuten. Gegenüber der Baptistenkirche, vor dem Geschäft des Bestatters Gorham, fuhr ein Leichenwagen vor. Das matte Licht einer Ampel schien durch die Farne. Wer mag da wohl gestorben sein? dachte Gant. Die schwerkranke, achtzigjährige Miss Annie Patton? Oder irgendein spitznäsiges, lungensüchtiges Jüdchen aus New York? Einer muß immer dran glauben. Die letzte, schwere Stunde. Ach Gott!
An der Baptistenkirche bogen sie in die Spring Street ein. Wirklich, wie ausgestorben, diese Stadt, dachte Eugen. Wenn doch mal ein Zauberer mit einem Fingerschnick das ganze Leben auf der Welt anhalten würde, einen Nu lang, der hundert Jahre dauert!? Schlafverstrickt alle Menschen, lauter Dornröschen! Wenn Du aufwachst / weck mich früh, ach / weck mich früh / oh Mutter mein!
Er versuchte, sich Leben und Bewegung hinter den starren Häusermauern vorzustellen. Es ging nicht, Ein Haus verrät nichts; drinnen kann gemordet werden, und das Gesicht des Hauses bleibt still. Er dachte, Troja müsse so still sein wie diese Straßen, seit dem Tage, an dem Hektor fiel. Aber Troja ward ja verbrannt … Oh, alte Städte finden, nicht als Ruinen, sondern ganz so, wie sie damals waren … dieser Gedanke beseligte ihn. Atlantis, die Ville d'Ys, alte, ins Meer versunkne Städte. Große, leere Straßen, unverschüttete, in denen das einsame Echo seiner Tritte hallte; weite Arkaden, die er durchschritt; das Atrium, in das er eindrang; der Klang seiner Schuhe auf den Fliesen des Tempels.
Oder – so phantasierte er wollüstig – mit einer Gruppe schöner Frauen als einziger am Leben bleiben in einer Stadt, deren übrige Bevölkerung vor einer Seuche, einem Erdbeben, einem Vulkanausbruch oder irgend sonst einer Gefahr, die ihn nicht betraf, geflüchtet war … Er rollte die Zunge im Mund, so schmeckte ihm diese Vorstellung … sybaritisch bummelte er durch die Feinkostläden und labte sich an leckeren Dingen: kleine Fische aus Frankreich und Sardinien importiert, Kaviar aus Rußland, schwarzen Räucherschinken aus England, reife Oliven, Pfirsiche in Branntwein, feines Likörkonfekt. Er sah sich in die Keller hinuntersteigen, schweren Burgunder zechen, erdgekühlten Flaschen Pol Roger an der Wand die vergoldeten Hälse brechen, seinen Mittagsdurst am Spund eines großen Fasses Münchner Dunkles stillen. Wenn seine Wäsche angeschmutzt wäre, dann würde er sich mit neuem seidnem Unterzeug und den feinsten Hemden bedienen; jeden Tag würde er einen andern Hut aufsetzen und einen neuen Anzug anziehen, so oft es ihm paßte.
Und jeden Tag würde er in einem andern Haus wohnen, jede Nacht in einem andern Bett schlafen; schließlich würde er sich die luxuriöseste Wohnstatt zum Daueraufenthalt erkiesen und dort die reichsten Schätze aus allen Bibliotheken der Stadt zusammentragen. Und zu guter Letzt: wenn er eine der Frauen begehrte, die mit ihm in der Stadt geblieben waren und deren ganzes Denken und Trachten sich nun um seine Person drehte, dann würde er sie zu sich befehlen, indem er die Nummer, die er ihr verliehen hatte, in Glockenschlägen vom Amtsgerichtsturm verkündigte.
Er verlangte nach opulenter Einsamkeit. Seine dunklen Visionen entzündeten sich an Königreichen auf dem Meeresgrund, an windumknatterten Burgzinnen, an Elfenländern tief im Herzen der Erde. Er tappte und tastete nach der Märchenwelt, zu der es keine Eingangstür gibt, die sich unter irgendeinem Stein, einem Halm auftut. Wo kein Vogel singt.
Ein wenig praktischer erträumte er große, unterirdische Hausungen für sich, tiefe Berggrotten. Säle im braunen Erdreich, in denen mit bienenhaftem Fleiß aller Luxus zusammengetragen war … Durch kühle, versteckte Zisternen würde Luft kommen; von einem Auslug in der Bergflanke würde er auf eine gewundne Landstraße und auf Reisige, die nach ihm fahndeten, ausspähen; er würde ihr Fußgetrappel über sich hören. Aus unterirdischen Teichen würde er fette Fische fangen; sein mächtiger Keller würde große Fässer voll mit altem Wein halten; er würde die ganze Welt ihrer Schätze, einschließlich der schönsten Weiber, berauben können und nie, nie erwischt werden.
Salomos Goldminen. Sie. Proserpina. Ali Baba. Orpheus und Eurydike. Nackt kam ich aus meiner Mutter Schoß. Nackt will ich zurückkehren. Der Mutterbauch der Erde umschließe mich! Nackt, ein tapfrer, kleiner Kerl von einem Mann, von der großen, braunen Wamme umschlossen.
Sie kamen in die Nähe von Elizas Haus. Eugen bemerkte plötzlich, daß sie sehr viel schneller gingen. Er mußte fast traben, um mit Gant, der linkisch schiebend neben ihm ging, Schritt zu halten.
Gant stöhnte leis, mit langgezognem, bebendem Atem. Er hielt eine Hand auf die schmerzende Stelle gekrampft. Eugen brach in ein idiotisches Lachen aus. Gant sah ihn gequält und vorwurfsvoll an.
»Au-u-u! Barmherziger Gott!« winselte er. »Das tut weh.«
Unvermittelt spürte Eugen echtes Mitleid mit ihm. Zum erstenmal sah er, daß der große Gant alt geworden war. Das hagere Gesicht war vergilbt und eingefallen. Die dünnen Lippen waren schlaff. Die Chemie des Verfalls hatte ihre Spuren hinterlassen.
Nein, hier gab es kein Zurück mehr. Eugen sah ein, daß Gant langsam dahinsiechte. Die Widerstandskraft war gebrochen. Der große Rahmen war wackelig und splitterte, wie ein an Land verschlagnes Schiff. Gant war krank. Alt.
Er litt an einer Krankheit, die bei Männern, die achtlos ihren Lüsten gefrönt haben, im Alter sehr häufig auftritt: Vergrößerung der prostatischen Drüse. Diese Krankheit ist nur ganz selten tödlich; sie gehört zu den Geißeln des Alters; sie ist häßlich und unbequem. Im allgemeinen wird sie durch chirurgische Eingriffe erfolgreich behandelt. Die Operation ist nicht allzu gefährlich. Aber Gant hatte Angst vor dem Messer. Allen, die ihm vom Messer abrieten, lieh er ein williges Ohr.
Er war ein unphilosophischer Mensch. Er hatte keine Distanz zum Leben. Er konnte nicht gleichsam unbeteiligt das Absterben der Sinne, das Abflauen der Begierden, den Eintritt der körperlichen Impotenz mitansehen. Hungrig und geil, mit heißem Atem und gierig hervorquellenden Augen gab er jeder Verlockung nach. Die angenehme Ironie, mit der ein philosophischer Geist jener Torheiten spottet, die er nicht länger zu genießen imstand ist, war ihm nicht gegeben.
Resignation – das kannte er nicht In ihm brannte die brennendste aller Lüste, die Wollust der Erinnerung, jener heißhungrige Wille, der das Gestorbne gewaltsam wieder zu erwecken versucht. Es war so weit gekommen, daß er gierig über die Zeitung herfiel, bloß um nachzusehen, wer gestorben wäre. Wenn Freunde oder Bekannte das Zeitliche gesegnet hatten, dann schüttelte er trübselig-heuchlerisch den Kopf und sagte: »Einer nach dem andern kratzt ab, o Gott, der nächste werde ich sein.« Natürlich glaubte er das nicht. Der Tod wartete immer noch auf die andern, nicht auf ihn.
Er alterte rapide. Vor ihren Augen fing er an, eines langsamen Todes zu sterben, unfähig und hinfällig zu werden. Es war entsetzlich, weil Unmäßigkeit im Fressen und Saufen, wüste Ausschweifungen so sehr zu seinem Leben gehört hatten. Es war unglaubhaft und furchtbar zugleich, diesen Riesenkörper hinsiechen zu sehen. Sie fingen an, den Fortschritt der Krankheit mit jenem Horror zu verfolgen, mit dem man die Bewegungen eines Hundes, der sich ein Bein gebrochen hat, verfolgt. Dieser Horror ist größer als das Entsetzen, das einen packt, wenn man einen Menschen mit gebrochnen Beinen sieht. Ein Mensch kann letzten Endes ohne Beine auskommen. Ein Hund steckt ganz in seiner Haut.
Ein seniler Eigensinn mäßigte nun seinen wilden Bombast. Er fluchte und winselte abwechselnd. Mitten in der Nacht stand er auf, gepeinigt und erschreckt, und lästerte einen Augenblick seinen Gott, nur um ihn im nächsten Augenblick jammernd um Vergebung anzuflehen. Hinter all dem Getu stand der tatsächliche, unbestreitbare körperliche Schmerz.
»Au-u-u! Ich verfluche den Tag, an dem das grimmige, blutdürstige Ungeheuer da, droben mich ins Leben geschickt hat. A-u-u! Au-u-u! O Jesus, vergib mir! Erbarm Dich, mein Gott! Ich weiß, daß ich schlecht war. Hab Mitleid mit mir! Au-u-u! Gib mir noch eine Gelegenheit zum Leben.«
Eugen kochte oft vor Zorn über dieses Getue. Ihn ärgerte, daß Gant, der seinen Kuchen gegessen hatte, sich nun über Bauchweh beklagte und obendrein noch mehr Kuchen haben wollte. Er erkannte nicht ohne Bitterkeit, daß sein Vater alles, was ihm das Leben je geboten hatte, gierig verschlungen habe, daß der Alte seinen Lüsten ausgiebiger gefrönt habe und in seinen Forderungen an andere rücksichtsloser gewesen sei als die meisten Männer. Er fand, diese wilden Anschuldigungen und das feige Geläbber vor einem Gott, um den sich Gant und Eliza, wenn es ihnen gut ging, nie kümmerten, erbärmlich und gemein. Die ständige Beschäftigung der beiden mit dem Tod andrer Leute … ihre Art, einen Akt Gottes im Sterben einer achtzigjährigen Schwerkranken, die ihnen bekannt war, zu erkennen, während Feuersbrünste, Hungersnot und Gemetzel in einer etwas entlegeneren Ecke der Erde sie nichts anging, … ihren Aberglauben an alles, was lokal und unwichtig war … ihre dumpfe Überzeugung, daß sie selber vor den göttlichen Gesetzen und der natürlichen Ordnung immun seien … – das alles erfüllte ihn mit heller Wut.
Elizas Gesundheit war glänzend. Sie war Mitte der Fünfzig; die Anfälligkeiten der mittleren Lebensjahre hatte sie siegreich überwunden. Sie war stärker, schwerer, widerstandsfähiger als je. In ihrem Betrieb in Dixieland bewältigte sie täglich ein Pensum an Plackerei, das einen starken Neger umgelegt hätte. Sie kam fast nie vor zwei Uhr nachts ins Bett und war jeden Morgen vor sieben wieder auf den Beinen.
Höchst ungern gestand sie vor anderen ihre Gesundheit ein. Die geringste Unpäßlichkeit bauschte sie auf. Gants Klagen begegnete sie stets mit einem entsprechenden Leiden ihrerseits. Wenn Helene ihr vorwarf, daß sie den Kranken vernachlässige, oder wenn die Bemühungen der Tochter um Gant ihre Eifersucht anstachelten, dann lächelte sie ein weißes, bitter gekränktes Lächeln und erging sich in dunklen Anspielungen:
»Es kann sehr wohl so kommen, daß er nicht als erster von uns zweien die Augen auf immer zumacht … mir hat da neulich so was geschwant, kann ich Dir nur sagen, ganz unheimlich war das … wirklich, nimm Dich in acht, so sehr lange wird es wohl nicht mehr dauern mit mir …« Ihre Augen schwammen vor Selbstmitleid, es zuckte um ihren verkrampften Mund, sie weinte über ihr eignes Leichenbegängnis.
»Himmeldonnerwetter!« platzte Helene wütend heraus. »Dir fehlt nichts! Aber Papa ist ein schwerkranker Mann. Siehst Du denn das nicht?«
Sie sah es nicht.
»I wo!« sagte sie, »das ist gar nicht so schlimm. McGuire sagte mir, daß unter drei Männern über fünfzig zwei dieses Leiden haben.«
Gants Körper kochte Gift und Galle über Elizas zunehmende Gesundheit. Es machte ihn rasend, sie so fest und firm dastehen zu sehen. Er gab seiner Hinfälligkeit in allen Stücken nach, war tyrannisch in seinem Bedürfnis nach Aufwartung, wurde eifersüchtig auf jeden Dienst, der nicht ihm erwiesen wurde. Elizas Gleichgültigkeit seinem Leiden gegenüber erweckte einen krampfhaften Hunger nach Mitleid und Tränen in ihm. Manchmal schrie er wie ein Irrer vor aufgespeicherter Wut; manchmal besoff er sich bis zur Bewußtlosigkeit. Oft auch versuchte er sie zu erschrecken, indem er sich totstellte. Einmal spielte er den toten Mann so erfolgreich, daß Ben tatsächlich getäuscht wurde. Er beugte sich über den Körper, der starr in der Diele lag, und erbleichte.
»Ich kann seinen Herzschlag nicht mehr hören, Mama«, sagte Ben mit nervös zuckendem Mund.
»Aha!« sagte sie. Und nun wählte sie ihre Worte mit absichtlicher Umständlichkeit. »Der Krug ist also einmal zu oft zum Brunnen gegangen. Ich wußte, daß es früher oder später so kommen mußte.«
Aus dem Schlitz seines nicht ganz geschlossenen Lids schoß er ihr einen mörderischen Blick zu. Bedachtsam, die Hände vor dem Bauch gefaltet, musterte sie ihn. Ihr ruhiges, urteilsfähiges Auge bemerkte, wie sein verstohlener Atem leise ging.
»Nimm ihm das Geld ab, Sohn, und alle Papiere, die er bei sich trägt«, befahl sie. »Ich werde den Leichenbestatter anrufen.«
Mit einem Wutgeheul erwachte der Tote.
»Ich dacht' mit schon, daß ich Dich ins Leben zurückbringen könnte«, bemerkte sie behäbig.
Gant stand auf.
»Du Höllenhündin«, gellte er. »Mein Herzblut würdest Du trinken, Du mitleidloses, unbarmherziges, blutgieriges Ungeheuer!«
»Eines Tages«, erklärte Eliza, »wirst Du einmal zu oft Haltet-den-Dieb geschrien haben.«
Dreimal wöchentlich ging Gant zu Cardiac in Behandlung. Der dürre Doktor war alt geworden. Hinter der trocknen Zurückhaltung, hinter der forschen Autorität seiner Manieren offenbarte sich ein lüsterner, zotiger Greis. Er hatte ein angenehmes Vermögen und scherte sich nicht um seine immer kleiner werdende Praxis. Aber er war noch immer ein glänzender Bakteriologe und verbrachte Stunden über blühenden Bazillenkulturen. Verseuchte Prostituierte suchten seine zuverlässige Behandlung auf.
Er riet Gant vom Seziermesser ab, da man das Leiden mittels Katheterbehandlung genügsam lindern könne. Die beiden wurden dicke Freunde. Cardiac widmete Gant ganze Vormittage. Wenn der Masseur seine Arbeit beendet hatte, lag der Patient wollüstig auf dem Massiertisch, und der Arzt unterhielt ihn stundenlang mit den vertraulichen Berufsgeheimnissen leichtlebiger Weiber, erzählte ihm obszöne Geschichten, zeigte ihm seine reichhaltige Sammlung pseudo-wissenschaftlicher Pornographien.
XXI
Während der ersten Jahre seines Krankseins war Gant zwar nicht sehr rüstig, aber seine Lebenskraft war keineswegs ernstlich erschüttert. Die ärztliche Behandlung verschaffte ihm anfangs recht ruhige Wochen; er hielt sich dann fast für genesen. Immer aber kam es wieder vor, daß er über Nacht in einen winselnden, kindischen Greis verwandelt war. Dann machte er vollkommen schlapp und blieb tagelang im Bett. Diese heftigen Anfälle des Leidens folgten gewöhnlich auf eine wüste Sauferei.
Der öffentliche Ausschank von Alkohol war längst nicht mehr statthaft; Kneipen und »Saloons« waren seit langem geschlossen. Die Stadt Altamont war eine der ersten, in der die Frage »Trocken oder Naß« durch lokale Abstimmung entschieden wurde.
Gant hatte fromm für Reinheit gestimmt. Eugen erinnerte sich gut an den Wahltag; das lag nun schon Jahre zurück. Stolz schritt er an der Seite seines Vaters, als Gant zum Wahllokal ging. Die kampfbereiten »Trocknen« waren übereingekommen, ihre tathafte Gesinnung zum Tragen einer kleinen weißen Schleife im Knopfloch kundzutun. »Weiß« wegen »Reinheit«. Die Gegenkämpfer, die »Nassen«, trugen Rot.
Von heftigen Posaunenstößen in den protestantischen Kirchen angekündigt, tagte der Tag der Sühne für die Armee zäher, wohlgedrillter Sinaleo-Streiter. Jene »Nassen«, die die Vorhutgefechte im Heim und das schwere Geschützfeuer von der Kanzel siegreich überstanden hatten – – ihre Zahl (ei! ei!) war gering – –, gingen kühn, das Leuchten der ihnen abgesprochenen Mannesehre im Gesicht, in den Tod; eine wackre Schar, die in verzweifeltem Getümmel, vom Mob auf allen Seiten umringt, fällt.
Sie wußten nicht, wie herrlich ihre Sache war. Sie wußten nur, daß sie dem Willen einer von Pastoren verhetzten Gemeinde, der vernichtendsten Gewalt in ihrem kleinen Daseinskreis, trotzen müßten. Niemand hatte ihnen gesagt, daß sie für Freiheit stünden. Und so standen sie ruppig und eigensinnig, den starken, braunen Geruch ihrer Schande um die Nase, für den Dämon Alkohol, diesen Götzen mit dem Hopfen-und-Malz-Maul, den blutgeäderten Augen, der roten Nase, diesen bitterbösen Sittenverderber, der das schöne Geld aus den losen Beuteln lockt. Sie traten an, Weinlaub im Haar, einen guten Whiskynebel im Atem, ein tapfres Lächeln um den entschlossnen Mund.
Als sie zur Urne schritten und wie umzingelte Ritter nach Waffenbrüdern Umschau hielten, da standen wie Jägerinnen mit gespannten Bogensehnen die Damen aus den Kirchenvorständen der Stadt, umgeben von den gierigen Kohorten der Sonntagsschüler, auf dem Plan. Diese Zöglinge des Kindergottesdiensts – in weiße Engelsgewänder gekleidet, kleine Sternenbanner in den kleinen Händen – waren gierig wie eine Meute, das Ihre zu tun.
»Da kommt einer«, sagten die Damen. »Los! Kinder!« Und die Pygmäen berannten ihren Gulliver, kreischend, heißhungrig, monströs, wie es nur mit Schlagworten verhetzte Kinder sein können. Sie umringten das Opfer in einem wilden Elfentanz und piepsten ein schrilles Lied:
»Wir sind einer liebenden Mutter Schatz
Männer und Frauen von morgen.
Wollt Ihr um des Augenblicks leere Lust
Uns stürzen in währende Sorgen?
O gedenkt doch der Schwestern, der Eh'fraun, der Mütter
Des Säuglings im Elend: gedenkt ihrer wohl!
Denkt nicht an Euch selber! Denkt an die Betroffnen!
Wählt gegen den Dämon Alkohol.«
Ein Schauder überlief Eugen. Mit keuschem Stolz blickte er zu Gants weißer Schleife empor. Sie gingen, an unglücklichen, vom Wogenprall der Unschuld umbrandeten Alkoholikern vorbei, die mörderisch auf »einer liebenden Mutter Schatz« herniederlächelten.
Wenn die Rangen mein wären, würde ich ihnen den kleinen Popo versohlen, dachten sie für sich.
Das Wahllokal war ein Lagerschuppen aus Wellblech. Am Eingang empfing Gant die eifrigen Glückwünsche der Damen von der First Baptist Church, unter anderen seiner Schwägerin Pett Pentland, Wills Gattin, die mit schwer-gepudertem Gesicht über den hohen Fischbeinkragen hinweg lächelte und elegant mit den langen Röcken ihres grauen Seidenkleids rauschte, Sie hatte Gant sehr gern.
»Wo steckt Will?« fragte er.
»Gibt den Whiskyfabrikanten zu verdienen, anstatt sein Scherflein zu Gottes Werk beizusteuern«, sagte Pett mit echt-christlicher Bitterkeit. »Wir beide wissen ja, was es mit diesem querköpfigen Pentlandcharakter auf sich hat«, fügte sie vielsagend hinzu.
Er nickte und sah unter sich: »Ja, ja, Pett, wir haben unser Teil zu tragen.«
Ein Geruch von getrockneten Wurzeln und Sassafras kam aus dem Schuppen und stieg ihm in die Nase.
»Wenn es darauf ankommt, für eine gute Sache Zeugnis abzulegen«, erklärte Pett Pentland einigen Damen, »dann kann man stets auf Will Oliver Gant rechnen.«
Gants Feldherrnblick streifte die Bergketten von Pisgah.
»Alkohol ist ein Fluch«, bekannte er. »Alkohol hat unzählige Millionen Menschen ins Elend gestürzt.«
»Amen, Amen«, flötete, ihre breiten Hüften schwingend, eine von den Damen, nämlich Gants Nachbarin, Mistress Tarkinton.
»Alkohol hat Krankheit, Armut und Leid über Hunderttausende von Heimstätten gebracht. Alkohol hat das Herz von Ehefrauen und Müttern gebrochen, Alkohol hat armen, unschuldigen Kindlein das Brot vom Munde gestohlen.«
»Amen, Amen!«
»Alkohol hat …« begann er wiederum, da erblickte er zu seinem Unbehagen das breite, rote Gesicht Tim O' Doyles und das backenbärtige Antlitz des Majors Ambrose Nethersole. Diese zwei prominenten Stadtväter standen nicht zwei Meter weit weg und hörten aufmerksam zu.
»Fahr fort!« feuerte ihn Nethersole mit seinem Unkenbaß an. »Aber gib acht, daß Dir der Whisky nicht aufstößt!«
»Bei Gott!« erklärte Tim O'Doyle und wischte sich den Kautabakspeichel aus dem Mundwinkel, »ich hab ihn so besoffen gesehn, daß er das Fenster für die Tür hielt. Wenn er kommt, stellen sie einen Extrakellner ein, um die Flaschen aufzukorken. Er gibt den Schankhaltern Trinkgelder, daß sie morgens eine Stunde früher aufmachen.«
»Hören Sie nicht hin, meine Damen, ich bitte Sie«, sagte Gant feindselig. »Sie sind die Niedrigsten unter den Niedrigen, sie gehören zur whiskybesudelten Hefe der Menschheit, zu denen, die des Namens Mensch nicht mehr würdig sind, so tief ist die Entwicklungsstufe, auf die sie zurückgesunken sind.«
Mit einer tiefen Verbeugung zog er den Schlapphut und trat in den Schuppen.
»Bei Gott«, sagte Ambrose Nethersole beifällig, »das Reden hat er wenigstens nicht verlernt.«
Es dauerte keine sieben Wochen, da jammerte Gant schon bitterlich über seinen ungestillten Durst. Mehrere Jahre lang ließ er sich das zulässige Quantum für Heimkonsum – neun Liter Whisky im Monat – aus Baltimore kommen. Und was das übrige anlangt … es waren die Tage der »Blinden Tiger«. Die Stadt war gespickt mit diesen illegalen Schankstätten, wo es hauptsächlich schlechten Roggenwhisky und den scharfdestillierten Maisbranntwein der Farmer, den »Mondschein«, gab. Gant, der Dahinsiechende, war und blieb ein Säufer.
Ein schmales Rinnsal Lust sickerte noch trag und trübe durch das ausgetrocknete Bachbett seiner Lebensgier und verlor sich armselig in trockner, zielloser Unzucht. Hübschen, jungen Sommerwitwen in Dixieland schenkte er Geld, Unterwäsche und Seidenstrümpfe, welch letztere er den Damen persönlich in seinem staubigen, kleinen Büro anzog. Unentwegbar zärtlich lächelnd streckte Mistress Selborne das üppige Bein aus und ließ ihn die grünen, blumenbestickten Strumpfbänder, die er ihr schenkte, über Wade und Knie streifen. Mit dem verschmitzten Lächeln des Nachgenießers leckte er seinen Daumen, als er es erzählte.
Helene war weg, und Gant vermietete das Obergeschoß des Hauses in der Woodson Street an eine Strohwitwe. Sie war neunundvierzig, hatte hochfrisiertes, hennagefärbtes Haar, ein bleiernschlaffes, tiefgefurchtes Gesicht, das sie stark schminkte. Sie hatte dicke, speckfleckige Arme, einen hochkorsettierten Busen, architektonisch auswuchtende Hüften.
»Sieht mir aus, als wär da was zu machen«, bemerkte Gant hoffnungsvoll.
Sie hatte einen vierzehnjährigen Sohn, einen Jungen mit olivenfarbnem, rundem Gesicht, einem weißen Körper und dünnen Beinen, der sich ständig die Fingernägel abbiß. Er hatte schwarzes Haar, sehr dunkle Augen, ein traurig-verstohlenes Wesen. Er war eingeweiht; zur gegebnen Stunde wußte er aus dem Haus zu verschwinden.
Gant kam nun früher heim als sonst. Die Witwe räkelte sich auf der Terrasse im Schaukelstuhl. Er verbeugte sich tief, nannte sie »Madam«. Keusch wie ein Kätzchen unterhielt sie sich mit ihm. Sie machte ihm Augen. Sie war so frei, im Wohnzimmer, wo er nun schlief, aus- und einzugehen. Eines Abends trat sie bei ihm ein … Sie kam gerade aus dem Bad, roch nach teurer Seife und trug einen hochroten Kimono.
Ein hübsches Weibsbild noch, dachte er.
Er erhob sich aus dem Schaukelstuhl, legte seine Abendzeitung, das republikanische Parteiblatt, weg, nahm die stahlgeränderte Brille von der großzinkigen Nase.
Sie trat näher. Mit einem lustigen Seitenblick auf ihn schlug sie den Kimono auf und zeigte Gant ihre dünnen, seidenbestrumpften Beine und die klobigen Hüften, die in blauen, gefältelten Seidenhöschen staken.
»Hübsch, was?« zwitscherte sie. Dunkel herausfordernd. Als er einen Schritt vorwärts tat, schlüpfte sie weg. Eine Schwergewichtsmänade, die die bacchantischen Verfolger lockt. Er hatte auch ihre Brüste gesehn:
»Ei! Und ein Paar Pippinchen!« rief er aus. Vom nächsten Morgen ab kochte sie ihm Frühstück. Eliza beobachtete die beiden von Dixieland aus mit bitteren Blicken. Er hatte kein Talent für Heimlichkeiten. Seine Morgen- und Abendbesuche in der Pension waren nicht mehr so lang, seine Tiraden nicht mehr so scharfzüngig.
»Bilde Dir ja nicht ein«, sagte Eliza, »daß ich nicht weiß, was bei Dir im Hause vorgeht.«
Er machte ein Schafsgesicht, grinste, leckte den Daumen. Sie versuchte zu reden, konnte nicht, bewegte lediglich die Lippen. Sie wandte sich wieder zum Herd, spießte ein Beefsteak in der Pfanne an und flappte es auf die ungebratne Seite. Sie lächelte rachsüchtig in den aufsteigenden blauen Dunst. Er stocherte sie mit plumpem Finger in die Weichen. Halb aufgebracht, halb amüsiert, zeterte sie los und entzog sich ihm:
»Weg da! Ich kann Dich nicht um mich herum ausstehen! Es ist zu spät für solche Späße!« Sie lachte ihn höhnisch an: »Gelt, jetzt möchtest Du, daß es nicht vorbei wäre. Jetzt möchtest Du noch können?« Sie bewegte wieder die Lippen, ohne ein Wort hervorzubringen. Schließlich sagte sie: »Ich würde mich schämen. Schämen würde ich mich. Hinter Deinem Rücken lacht sich die ganze Stadt ins Fäustchen über Dich.«
»Das lügst Du, Weib! Das lügst Du«, donnerte er großartig. Der hammerschleudernde Thor.
Er wurde seiner neuen Liebsten bald müde. Die Entleerungen machten ihn trübselig und furchtsam. Eine Zeitlang beschenkte er die Witwe mit kleinen Summen und vergaß, die Miete von ihr zu verlangen. Seine stürmischen Schelttiraden galten jetzt ihr. Er schritt stundenlang zwischen den Grabsteinen in seiner Werkstatt auf und ab und murmelte Drohungen vor sich hin. Er hatte längst herausgefunden, daß er die alte Freiheit seines Hauses eingebüßt und sich eine tyrannische Hexe aufgeladen hatte.
Eines Abends kam er schwer betrunken nach Haus, jagte sie aus ihrer Stube. Sie war schon entkleidet und abgeschminkt, hatte ihr künstliches Gebiß abgelegt. Sie erwischte noch schnell ihren Frisiermantel auf der Flucht. Er verfolgte sie, trieb sie in den Garten unter den großen Kirschbaum. Sie rannten um den Stamm herum, er heulte, stürzte täppisch auf sie los. Sie zitterte vor Angst, warf hastig scheue Blicke in die lauschende Nachbarschaft; sie fand Zeit, den zerknitterten Frisiermantel anzuziehen, so daß wenigstens das unzüchtige Bibbern ihrer Brüste verborgen war. Sie schrie um Hilfe. Niemand kam.
»Du Hündin!« gellte er. »Ich bring Dich um! Du hast mein Herzblut getrunken, Du hast mich an den Rand des Abgrunds gebracht, und nun weidest Du Dich an meinem Elend und lauschst mit teuflischem Entzücken auf das Rasseln des Todes in meiner Kehle, blutdürstiges, unnatürliches, furchtbares Ungeheuer, Du!«
Geschickt hatte sie den Baumstamm als Deckung gegen ihn benutzt. Als ihn nun die Flut der Flüche einen Augenblick ablenkte, floh sie furchtbesessen auf die Straße und suchte Zuflucht in einem Nachbarhaus. In Mistress Tarkintons Armen fand sie Aufnahme. Sie schluchzte hysterisch, die Tränen zogen Bäche über ihr armes, abgeschminktes Gesicht. Die beiden lauschten hinüber in Gants Haus. Sie hörten seine betrunknen Fußtritte, hörten, wie er mit lautem Krach Stühle in Trümmer schlug. Sie hörten seinen wüsten Fluch, als er umfiel.
»Er wird sich töten«, rief sie. »Er weiß ja nicht, was er tut … Guter Gott!« flennte sie, »nie im Leben hat ein Mann so schreckliche Dinge zu mir gesagt.«
Sie hörten, wie Gant abermals hinfiel. Dann wurde es still drüben im Haus. Sie erhob sich ängstlich.
»Er ist kein böser Mensch«, flüsterte sie.
Im Frühsommer, als Helene heimgekehrt war, wurde Eugen eines Morgens durch schlürfende Schritte und aufgeregte Reden geweckt. Der Lärm kam von der Spielhütte her. Die Spielhütte, ein Beispiel Gantscher Extravaganz, war ein kleines Einzimmerhäuschen aus Holz; sie stand im Garten, unmittelbar hinterm Haus. Gant hatte sie vor Jahren, als die Kinder noch klein waren, gebaut. Nun wurde sie nie mehr benutzt; sie war eine köstliche Zuflucht; in der kühlen, muffigen Luft dort roch es gut nach altem Tannenholz und Schmökern.
Seit ein paar Wochen aber wohnte die kupferhäutige Annie dort. Annie war hübsch und mollig, fünfunddreißig Jahre alt. Sie war mit ihrer Herrin, Mistress Selborne, aus Süd-Carolina heraufgekommen; sie hoffte in dem Kurort eine Stelle für den Sommer zu finden. Sie war eine gute Köchin. Helene – stolz wie sie war – hatte Annie für fünf Dollar die Woche in Dienst genommen.
Gant war an diesem Morgen früher als sonst erwacht, hatte gedankenvoll an die Decke gestarrt, hatte sich angezogen und war zu Annie in die Spielhütte geschlichen. Das laute Protestgezeter der Negerin hatte Helene geweckt. Die Tochter, von Ahnungen erfüllt, war sofort herunter gekommen. In der Waschküche fand sie Gant; er ging händeringend auf und ab. In der Spielhütte fand sie Annie, sie quengelte laut vor sich hin und packte geräuschvoll ihre Siebensachen zusammen.
»Ich sein ein' verheirat' Frau; ich kann kein' Minut' nicht mehr hier bleiben; ich sein ein' verheirat' Frau.«
Helene packte Gant wütend an und schüttelte ihn.
»Du verdorbner alter Kerl!« schrie sie, »was unterstehst Du Dich!«
»Barmherziger Gott!« greinte er und stampfte mit dem Fuß auf wie ein eigensinniges Kind. »Muß das noch auf meine alten Tage über mich kommen?!« Er ging wieder auf und ab und heulte: »Hu-hu-hu-hu! O Jesus, es ist entsetzlich, es ist furchtbar, es ist grausam, daß Du mich so heimsuchst!« Seine Verachtung für die Vernunft war parnassisch: er bezichtigte Gott, daß er ihn bloßgestellt habe, er weinte, weil er ertappt worden war.
Helene eilte zu Annie und versuchte, die Empörte mit großen Gebärden und gutem Zureden zu beschwichtigen.
»Komm doch, Annie, vergiß den Vorfall. Ich gebe Dir einen Dollar mehr die Woche, wenn Du bleibst.«
»Nein, Madam«, erklärte Annie dickköpfig. »Ich kann kein' Minut' nicht mehr hier bleiben. Ich sein in Angst vor der Mann.«
Gant hielt in seinem Auf- und Abgehen inne und lauschte gespannt nach der Spielhütte. Sooft Annie ihre bündige Absage wiederholte, stöhnte er aus der Tiefe seines Herzens auf und begann von neuem mit seiner Klage.
Lukas erschien. Er war barfuß, gebärdete sich zappelig, trat von einem Fuß auf den andern. Er ging hinaus und guckte. Als er die starrsinnige, Hochachtung heischende Miene der Negerin sah, platzte er mit großem Wha-Wha-Wha heraus. Helene erschien vor Gant. Sie hatte sich einen Korb geholt. Nun war sie gründlich verärgert.
»Sie wird es in der ganzen Stadt herumtratschen«, verkündigte sie aufgebracht.
Gant verfiel in langatmiges Stöhnen. Eugen, den der Auftritt zunächst bestürzt hatte, wälzte sich quietschend vor Lachen am Boden. Ben erschien stirnrunzelnd in der Tür und fing an, kurz und verächtlich zu kichern.
»Und natürlich wird sie Mistress Selborne die ganze Geschichte brühwarm erzählen, da kannst Du Gift drauf nehmen«, fuhr Helene fort.
»O Du mein Gott!« flennte Gant, »warum hast Du mir dies auferlegt!«
»Ach, scher Dich zum Teufel mit Deiner Flennerei«, knurrte Helene. Ihr Zorn schlug plötzlich um; sie spürte die Komik der Situation. Sie war erschöpft; sie lächelte ein verwegnes Lächeln.
Eugen heulte vor Lachen, erstickte fast, bekam den Schluckauf.
»Idiot!« fauchte Ben, hob scharf die Hand – ein Lächeln flackerte über seinen Mund – er wandte sich ab.
In diesem Augenblick erschien Annie in der Tür: die tiefgekränkte Hochehrbarkeit in Person.
Lukas sah allen Ernstes erst auf seinen Vater, dann auf die Negerin. Er wurde zappelig, trat von einem Fuß auf den andern.
»Ich sein' ein verheirat' Frau«, sagte Annie. »Ich sein so kein Sach' nicht gewöhnt. Ich will mein' Lohn!«
Lukas explodierte. »Wha-Wha-Wha!« Er stocherte Annie in die gutgepolsterten Rippen. Sie zog ärgerlich vor sich hinbrummend ab.
Und nun lachten die Kinder alle, ein hilfloses, wildes, wahnsinniges Lachen. Und Gant, der Sterbenskranke, schritt auf und ab zwischen ihnen, klagte laut über den erbarmungslosen Gott, stachelte sie vorsichtig zum Lachen, zum Wiederlachen, zum Immerwiederlachen an. Ein schlaues Grinsen spielte um seinen wehleidigen Mund.
Ein Luftzug aus der Küche fuhr in Elizas Kammer.
Eliza rieb sich im Schlaf die Augen, lächelte. Ihre verbrauchten Hände tasteten suchend im Bett. Als sie den Platz neben sich leer fand, erwachte sie. Sie erinnerte sich.
Mein Jüngster, mein Ältester, letzte bittre Frucht meines Leibes, Du Dunkler, so fern, so einsam, wo bist Du? Sie erinnerte sich an sein Gesicht. Todessohn, Teilhaber meiner Gefahr, letzte Prägung aus meinem Fleisch, Du, der Du in mich eingerollt warst, den ich in meinem Schoß wärmte. Fort? Von mir abgeschnitten? Wann? Wo?
Die Küchentür ging. Ein Lieferjunge schmiß das Wurstpaket auf den Tisch. Eine Negerin schürte das Feuer im Herd. Nun war Eliza wach.
Ben tat es in aller Ruhe, aber ohne die geringste Verstohlenheit. Er gestand nichts, er bestritt nichts. Die Sitzschaukel auf der Veranda knirschte leis, sein dünnes Lachen stieß leis in die Dunkelheit. Mistress Pert lachte liebenswürdig, behaglich. Sie war dreiundvierzig, eine stattliche Frau mit guten Manieren, die ziemlich viel trank. Wenn sie betrunken war, wurde ihre Stimme leis, dunkel und faserig; sie lachte dann mild und ungewiß und ging mit der bedächtigen Schwere der Alkoholiker. Sie war gut angezogen, stand gut im Fleisch, sah aber nicht sinnlich aus. Sie hatte angenehme Gesichtszüge; ihr weiches Haar war braun wie altes Eichenholz. Ihre Augen waren blau und ein wenig verschwommen. Sie lachte mit einem glückselig kullernden Gluckern. Sie war allgemein beliebt in der Familie; Helene nannte sie Fatty.
Pulsuz fraqment bitdi.