Kitabı oxu: «Kognitive Psychologie»

Der Autor
Prof. Dr. Tilo Strobach ist seit 2015 Professor für Allgemeine Psychologie an der Medical School Hamburg. Zuvor lehrte er unter anderem an der Humboldt-Universität zu Berlin, Ludwig-Maximilians-Universität München, FernUniversität Hagen und Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Die Forschungsschwerpunkte von Tilo Strobach liegen in den Bereichen exekutive Funktionen, kognitives Training und kognitive Plastizität.
Prof. Dr. Julia Karbach ist seit 2017 Professorin für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie an der Universität Koblenz-Landau. Sie hat in diesem Buch das Kapitel 9 »Kognitives Altern« verfasst.
Prof. Dr. Robert Gaschler ist seit 2015 Professor für Allgemeine Psychologie an der FernUniversität Hagen. Er hat in diesem Buch das Kapitel 8 »Komplexe Kognition« verfasst.
Tilo Strobach
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1. Auflage 2020
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© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-032661-3
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-032662-0
epub: ISBN 978-3-17-032663-7
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Inhaltsverzeichnis
1 1 Einleitung
2 1.1 Beziehung zu anderen Forschungsdisziplinen
3 1.2 Methoden und Theorienbildung in der Kognitiven Psychologie
4 1.3 Potential der Kognitiven Psychologie im Alltag
5 1.4 Geschichte der Kognitiven Psychologie
6 1.5 Aufbau des Buches
7 2 Wahrnehmung
8 2.1 Neurophysiologische Perspektive auf visuelle Wahrnehmung
9 2.2 Beschreibende Perspektive auf visuelle Wahrnehmung
10 2.3 Erklärende Perspektive auf visuelle Wahrnehmung
11 3 Aufmerksamkeit: Einführung und selektive Aufmerksamkeit
12 3.1 Selektive Aufmerksamkeit
13 3.2 Selektive visuelle Aufmerksamkeit
14 4 Aufmerksamkeit: Geteilte Aufmerksamkeit und Automatisierung
15 4.1 Geteilte Aufmerksamkeit
16 4.2 Automatisierung
17 5 Gedächtnis: Einführung und kurzfristige Gedächtnisspeicherung
18 5.1 Gedächtnistests
19 5.2 Sensorischer Speicher
20 5.3 Kurzzeitgedächtnis
21 5.4 Arbeitsgedächtnis
22 6 Gedächtnis: Langfristige Gedächtnisspeicherung
23 6.1 Dissoziation zwischen Kurz- und Langzeitgedächtnis
24 6.2 Strukturorientierte Perspektive auf das Langzeitgedächtnis
25 6.3 Prozessorientierte Perspektive auf das deklarative Langzeitgedächtnis
26 7 Exekutive Funktionen
27 7.1 Modelle exekutiver Funktionen mit einheitlicher Struktur
28 7.2 Modelle exekutiver Funktionen mit modularen Strukturen
29 7.3 Modelle exekutiver Funktionen mit Integration von einheitlichen und modularen Strukturen
30 8 Komplexe Kognition
31 Robert Gaschler, FernUniversität Hagen
32 8.1 Bausteine der Kognition: Assoziationen, Repräsentationen und Kontrolle
33 8.2 Denken
34 8.3 Problemlösen
35 8.4 Urteilen und Entscheiden unter Risiko und Unsicherheit
36 8.5 Verkettung von Kognition und Emotion
37 9 Kognitives Altern
38 Julia Karbach, Universität Koblenz-Landau
39 9.1 Einführung
40 9.2 Determinanten kognitiven Alterns
41 9.3 Kognitives Altern in ausgewählten Funktionsbereichen
42 9.4 Kognitive Reserve
43 9.5 Modelle erfolgreichen (kognitiven) Alterns
44 10 Kognitives Training
45 10.1 Training der visuellen Wahrnehmung und Aufmerksamkeit
46 10.2 Training des Arbeitsgedächtnisses
47 10.3 Training der exekutiven Funktionen
48 Literaturverzeichnis
49 Stichwortverzeichnis
1 Einleitung
Wie denkt der Mensch? Wie kann er etwas im Gedächtnis behalten? Wie funktioniert dieses Behalten kurzfristig und langfristig? Oder: Wie funktioniert die Wahrnehmung des Menschen? Wie werden in dieser Wahrnehmung Objekte in der Umwelt erkannt? Wie wird die Aufmerksamkeit auf diese Objekte in der Umwelt gerichtet, damit sie auch wahrgenommen werden? Welche Eigenschaften hat diese Aufmerksamkeit? Wie verändern sich diese Eigenschaften durch Alterungsprozesse oder Training? Diese und unzählige weitere spannende Fragen sind Gegenstand der Forschung in der Kognitiven Psychologie. Und dieses Buch wird versuchen, auf die wichtigsten kognitionspsychologischen Fragen eine Antwort zu geben.
Zwar geben uns die oben stehenden Fragen einen Hinweis darauf, was diese Strömung der Psychologie beinhaltet. Klarer definiert wird Kognitive Psychologie allerdings wie folgt: Die Kognitive Psychologie befasst sich mit Aussagen zu grundlegenden mentalen Erlebnis- und Verhaltensprozessen. Diese Prozesse sind also zuständig für die Aufnahme von Informationen, für deren Veränderung und Abspeicherung sowie für potentielles Verhalten und potentielle Reaktionen entsprechend der aufgenommenen Informationen. Bevor wir uns diesen Prozessen und ihren Eigenschaften zuwenden, wollen wir einige generelle Aspekte der Kognitiven Psychologie klären. In welcher Beziehung steht sie zu anderen Forschungsdisziplinen? Welche Methoden werden in der Kognitiven Psychologie verwendet? Welche Theorien werden im Kontext der Kognitiven Psychologie formuliert? Welches Verhältnis haben diese Theorien zu eher anwendungsorientierten Perspektiven? Und welche historischen Vorgänger und Entwicklungen führten zur Kognitiven Psychologie?
1.1 Beziehung zu anderen Forschungsdisziplinen
Die grundlegende mentale Funktionsweise, die die Kognitive Psychologie zu ergründen versucht, ist immanent wichtig für das Verständnis von Erlebnis- und Verhaltensweisen, mit denen sich andere, eher anwendungsbezogene psychologische Teildisziplinen beschäftigen. Verständnis über die grundlegende Funktionsweise mentaler Prozesse sollte bestehen, um anwendungsbezogene Probleme und Situationen zu erforschen. Zum Beispiel: Warum treten bestimmte Aufmerksamkeitsstörungen nach bestimmten Hirnverletzungen auf (Neuropsychologie)? Wie werden Denkstörungen charakterisiert (Klinische Psychologie)? Wie verhalten sich Menschen einzeln und in Gruppen (Sozialpsychologie)? Wie unterliegen mentale Prozesse altersbedingten Veränderungen (Entwicklungspsychologie)? Im deutschsprachigen universitären Fächerkanon und seiner Modulstruktur gehört die Beschäftigung mit der grundlegenden kognitiven Funktionsweise mentaler Prozesse zur Lehre und Forschung der Allgemeinen Psychologie (Prinz, Müsseler & Rieger, 2017). Deshalb überrascht es nicht, dass die Allgemeine Psychologie ein relativ großes Lehrgebiet und bereits zu Beginn Gegenstand des Studiums ist.
Die Kognitive Psychologie besitzt allerdings nicht nur innerhalb der psychologischen Teildisziplinen eine herausragende Stellung, sondern sie ist auch für viele Sozialwissenschaften grundlegend und bietet Erkenntnisse, auf denen diese Wissenschaften aufbauen können (Anderson, 2013). In der Pädagogik können in Verbindung mit grundlegenden Erkenntnissen der Kognitiven Psychologie neue Lehrmethoden entwickelt werden, die es ermöglichen, Lehrstoff effizienter zu vermitteln. Die Arbeitsökonomie kann von der Kognitiven Psychologie profitieren, indem komplexe Arbeitsumgebungen mit einem hohen Aufwand an mentaler Informationsverarbeitung effizienter gestaltet werden. Diese Effizienz kann helfen, Fehler im Umgang mit der Umgebung zu vermeiden. Und nicht zuletzt kann die Kognitive Psychologie bezogen auf die Wirtschaftswissenschaften menschliches Entscheidungsverhalten beschreiben und helfen, Abweichungen zwischen menschlichen und rein betriebswirtschaftlichen Entscheidungen zu erklären.
Die Kognitive Psychologie bietet diese Erklärungsansätze in den Sozialwissenschaften allerdings nicht exklusiv und isoliert an, kognitive Prinzipien werden auch von Disziplinen außerhalb der Psychologie vertreten. Ein Zusammenschluss dieser Disziplinen und der damit verbundenen Interdisziplinarität sind die Kognitionswissenschaften: Dazu gehören neben der Psychologie die Computerwissenschaften, die Philosophie, die Neurowissenschaften, die Linguistik und die Anthropologie. Wissenschaftler dieser Disziplinen beziehen sich in ihren Ansätzen auf die kognitive Grundfrage, d. h. auf das Erkennen von mentalen Erlebnis- und Verhaltensprozessen, und wenden diese Grundfrage in ihrem jeweiligen Themengebiet an. Diese interdisziplinäre Basis kann vergleichbare Entwicklungen in unterschiedlichen Disziplinen zur Folge haben. Erstes Beispiel: Es gibt Ansätze, menschliche Kognition im Kontext der Kognitiven Psychologie zu beschreiben und in den Computerwissenschaften mithilfe von Computermodellen zu simulieren und nachzustellen. Dabei werden Modelle programmiert und getestet, die menschliche Prozesse abbilden. Ziel dieser Unternehmungen ist es, den Aufbau und die Struktur menschlicher Kognition zu erklären.
Zweites Beispiel: Auch der Vergleich des Aufbaus von Computersystemen mit der menschlichen Kognition zeigt eine parallele Entwicklung in Teildisziplinen. Dieser Aufbau ist in gewissem Grad der Abstraktion äquivalent und wird deshalb als Computer-Mind-Analogie bezeichnet bezeichnet (
Abb. 1.1). Beide Systeme besitzen Eingabe- und Ausgabeschnittstellen. In Computersystemen kann das beispielsweise die Tastatur beziehungsweise der Monitor sein. Im menschlichen kognitiven System kann es zum Vergleich die visuelleWahrnehmung über die Augen beziehungsweise die manuellen Reaktionen sein. Beide Systeme haben mit der Festplatte und dem Langzeitgedächtnis Komponenten zur langfristigen Abspeicherung von Informationen. Wir werden in Kapitel 3 (selektive Aufmerksamkeit, (
Kap. 3) und Kapitel 5 (kurzfristige Gedächtniskomponenten,
Kap. 5) sehen, dass menschliche Kognition keine unbegrenzte Menge von Informationen aufnehmen und verarbeiten kann, sondern dass einige kognitive Komponenten in ihrer Verarbeitungskapazität begrenzt sind. Ähnliche Begrenzungen finden sich auch im Arbeitsspeicher (d. h. RAM) von Computersystemen. Die Entwicklung möglichst großer Arbeitsspeicher ist deshalb oft ein Verkaufsargument für diese Systeme. Im Gegensatz dazu sind potentielle Entwicklungen im Kontext kognitiver Komponenten natürlich kein Kriterium. Wir werden zwar sehen, dass kognitives Training die Begrenzung in der Verarbeitungskapazität teilweise reduzieren kann, die Begrenzung an sich aber grundsätzlich bestehen bleibt und robust ist. Somit kann es neben Parallelen in den Vorstellungen kognitiver Ansätze in verschiedenen Disziplinen (wie den Computerwissenschaften und der Psychologie) auch entscheidende Unterschiede in den Eigenschaften dieser Vorstellungen geben.

Abb. 1.1: Computer-Mind-Analogie: Vereinfachter Aufbau (A) eines Computersystems und (B) eines menschlichen kognitiven Systems
1.2 Methoden und Theorienbildung in der Kognitiven Psychologie
Das ambitionierte Ziel kognitionspsychologischer Forschung ist es, Erleben und Verhalten nicht nur zu beschreiben, sondern Theorien über zugrundeliegende mentale Prozesse zu entwickeln und damit Erleben und Verhalten zu erklären. Kognitive Theorienbildung und Methoden werden wegen ihrer engen Verbindung im Folgenden gemeinsam behandelt.
1.2.1 Das Experiment
Wie kann man detaillierte Aussagen zu kognitionspsychologischen Theorien treffen? Diese Frage ist besonders wichtig, da kognitive Prozesse nicht einfach von außerhalb des Menschen beobachtbar und zugänglich sind. In der Konsequenz stehen nur die Methoden Beobachtung und Experiment für die kognitive Forschung zur Verfügung. Die Beobachtung ist vor allem dann sinnvoll, wenn man das psychologische Geschehen in seiner Komplexität und seiner naturwüchsigen Dynamik untersuchen möchte. Das Experiment ist dagegen zu bevorzugen, wenn man die Kausalität von kognitiven Mechanismen im Einzelnen erforschen will. Dazu werden Bedingungen geschaffen, unter denen die Wirksamkeit einzelner Faktoren selektiv betrachtet werden kann; diese gezielte Selektion von Faktoren ist mit der Beobachtung nicht möglich. Das Experiment ist deshalb die Forschungsmethode für die Kognitive Psychologie. Im Rahmen dieser Methode werden oft künstlich vereinfachte Aufgaben unter verschiedenen Bedingungen hergestellt, die im Labor untersuchbar und für eine Fragestellung relevant sind. Diese Aufgaben haben das Ziel, den Einfluss bestimmter Faktoren auf kognitive Prozesse sinnvoll zu erforschen. Die verschiedenen Bedingungen stellen die unabhängigen Variablen dar. Abhängig von diesen Variablen sind neben subjektiven Daten (z. B. die Empfindung der Helligkeit eines Lichts oder der emotionale Zustand einer Person unter verschiedenen Bedingungen) auch Verhaltens- und neurophysiologische Daten (z. B. die Geschwindigkeit und Fehleranfälligkeit bei Entscheidungen zwischen Alternativen oder die Aktivität in bestimmten Gehirnarealen), das sind die abhängigen Variablen.
Schauen wir uns ein typisches Experiment der Kognitiven Psychologie im Detail an: In diesem Experiment mit lexikalischer Entscheidungsaufgabe (
Kap. 6.2.3) sitzen Versuchspersonen vor einem Computerbildschirm. Ihnen werden, über viele Durchgänge hinweg, präzise und softwaregesteuert gängige deutsche Wörter (z. B. Juli) oder sinnlose Buchstabenketten (z. B. Jusa) präsentiert. Die Aufgabe der Versuchspersonen ist es, so schnell und fehlerfrei wie möglich per Tastendruck für die Zielreize zu entscheiden, ob es sich um ein gängiges Wort oder um eine sinnlose Buchstabenkette (d. h. ein Nicht-Wort) handelt. Vor jedem Zielreiz wird für einen sehr kurzen Moment (z. B. 100 ms) ein anderes Wort an derselben Position auf dem Computerbildschirm präsentiert, dieses Wort wird als Prime bezeichnet. Die entscheidende Manipulation in diesem Experiment ist es nun, dass diese Primes entweder in einer deutlichen inhaltlichen (semantischen) Beziehung oder in keiner inhaltlichen Beziehung zu den gängigen deutschen Wörtern stehen. Die Variable »inhaltliche Beziehung« mit ihren Ausprägungen mit und ohne inhaltliche Beziehung ist die unabhängige Variable. Ein Beispiel: Den Zielreizen Juli oder Jusa könnte der Prime Juni oder Wald vorangehen. Führt man das Experiment durch und analysiert die Reaktionszeiten (abhängige Variable), so stellt man fest, dass die Versuchspersonen auf die gängigen Wörter etwas schneller reagieren, wenn diesen Wörtern ein Prime mit einer inhaltlichen Beziehung vorangeht, im Vergleich zu den Reaktionen in Durchgängen mit Primes ohne inhaltliche Beziehung zum gängigen Wort (Meyer & Schvaneveldt, 1971).
Dieser Befund wird in der Regel als Nachweis dafür interpretiert, dass das semantische Gedächtnis im Langzeitgedächtnis Begriffe nicht isoliert repräsentiert, sondern dass diese Repräsentationen sprachähnlich und hinsichtlich ihrer Semantik miteinander vernetzt sind. Wird in einem Experiment mit lexikalischer Entscheidungsaufgabe der Prime Juni präsentiert, wird die Repräsentation dieses Begriffs aktiviert. Diese Aktivierung breitet sich nachfolgend über die Repräsentation des Prime-Begriffs hinaus auf Repräsentationen umliegender Begriffe mit einer inhaltlichen Beziehung aus, wie z. B. auf Juli. Durch diese Aktivierung ist der Begriff Juli leichter zugänglich und kann effizienter als ein Wort erkannt werden. Wenn ein Prime ohne inhaltliche Beziehung präsentiert wird (z. B. Wald), dann wird der nachfolgende Begriff Juli im Vergleich dazu schwerer zugänglich und kann weniger effizient als ein Wort kategorisiert werden (mehr zum semantischen Gedächtnis
Kap. 6.2.3).
Werfen wir noch einen Blick auf die relevante abhängige Variable des obigen Experiments. In diesem Experiment werden vornehmlich die Reaktionszeiten analysiert. Genauer gesagt, es erfolgt eine Analyse von Reaktionszeiteffekten als Differenzen zwischen Reaktionszeiten unterschiedlicher Bedingungen (Reaktion auf gängige Wörter mit [1] Primes mit inhaltlicher Beziehung und [2] Primes ohne inhaltliche Beziehung). In diesem Experiment werden außerdem computergesteuert relativ einfach Fehlerraten im Kategorisieren von Zielreizen in Wort oder Nicht-Wort mit aufgenommen, diese Fehlerdaten bzw. Fehlereffekte können dann ebenfalls analysiert werden. Eine andere Version des Experiments könnte folgendermaßen aussehen: Den Versuchspersonen wird ein Prime-Wort (z. B. Juni) vorgegeben. Sie werden instruiert, das erste Wort zu nennen, das ihnen als Assoziation aus dem Gedächtnis einfällt. Plausibel ist, dass unter diesen Umständen relativ häufig das Wort Juli genannt wird. In dieser Version mit semantischem Priming werden dann weniger Reaktionszeiten und Fehlerdaten analysiert, sondern das Augenmerk wird auf die Nennung von Wörtern aus dem Gedächtnis gelegt (ähnlich wie eine Gedächtnisleistung). Reaktionszeiten, Fehlerdaten oder Gedächtnisleistung zählen zu den eher verhaltensbezogenen Variablen, da sie anhand von äußerem Verhalten leicht zu beobachten und aufzunehmen sind.
Ein Nachteil vieler verhaltensbezogener Daten ist, dass es in jedem Versuchsdurchgang nur einen Datenpunkt gibt (z. B. eine Reaktionszeit). Der Datenpunkt lässt keine direkten Schlüsse darüber zu, wie er sich generiert. Das bedeutet, dass entlang einer Zeitachse keine Aussagen darüber getroffen werden können, wodurch beispielsweise Reaktionszeiteffekte entstehen. Es bleibt offen, ob diese Effekte eher auf einer sehr frühen Verarbeitungsstufe (z. B. bei Wahrnehmungsprozessen zur Aufnahme von Informationen) oder einer relativ späten Verarbeitungsstufe entstehen (z. B. bei Prozessen zum Abruf aus dem Gedächtnis). Eine mögliche Methode zur Differenzierung zwischen frühen und späten Effekten ist die Methode zur Messung von Elektroenzophalogrammen (EEG). Über viele Experimentaldurchgänge hinweg wird dabei die hirnelektrische Aktivität durch auf der Kopfhaut platzierten Elektroden gemessen. Durch Mittelung dieser Aktivitäten über alle Durchgänge entstehen typische Verläufe der hirnelektrischen Aktivität. Am Beispiel der Aufgabe mit semantischem Priming zeigt sich etwa 400 ms nach Präsentation des Zielwortes eine höhere negative Aktivierung, wenn zuvor ein Prime mit inhaltlicher Beziehung präsentiert wurde im Vergleich zu Durchgängen mit Primes ohne diese Beziehung (Grossi, 2006). Dieser zeitliche Verlauf kann Auskunft darüber geben, auf welcher Stufe der Verarbeitung ein Prime mit inhaltlicher Beziehung wirkt und wie sein Effekt erklärt werden kann. Auch zeigen die Positionen der Elektroden über der Kopfhaut an, in welchen Gehirnstrukturen dieser Effekt lokalisiert sein könnte. Eine noch genauere Lokalisation dieser Effekte lässt die Methode der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) zu.
EEG und fMRT sind typische Methoden der Kognitiven Neuropsychologie. Vereinfacht gesagt hat die Kognitive Neuropsychologie das Ziel, kognitive Funktionen im Gehirn zu lokalisieren und damit zur kognitiven Theorienbildung beizutragen. Allerdings ist dieses Buch, mit einigen wenigen Ausnahmen (z. B. in der Wahrnehmungspsychologie in Kapitel 2.1), eher auf die Kognitive Psychologie und auf verhaltensbezogene Daten ausgerichtet. Deshalb wird hier nicht näher auf die Kognitive Neuropsychologie und auf neurokognitive Methoden eingegangen. Vielmehr wird auf das einführende Lehrbuch von Solso, MacLin und MacLin (2008) verwiesen.
1.2.2 Kognitionspsychologische Theorien
Welchen Beitrag können empirische Befunde aus Experimenten (z. B. mit lexikalischer Entscheidungsaufgabe) für Theorien liefern? Dazu werden die Theorien in verschiedene Kategorien unterteilt (Wentura & Frings, 2013): Theorien kleiner Reichweite, Theorien mittlerer Reichweite und Theorien großer Reichweite.
Theorien kleiner Reichweite sind paradigmenorientierte Theorien, welche die Effekte und Ergebnisse einzelner Experimente erklären können. Im Fall der lexikalischen Entscheidungsaufgabe können sie Ergebnisse semantischen Primings im Kontext dieser Aufgabe erklären; Wörter nach Primes mit einer inhaltlichen Beziehung sind durch eine höhere Aktivität leichter zugänglich und werden deshalb schneller als Wörter erkannt. Man könnte den Effekt des schnelleren Erkennens von Wörtern nach Primes mit einer inhaltlichen Beziehung auch anders erklären. Forschung zu diesen Alternativerklärungen führt mitunter zu Theorien (Wie ist der Primingeffekt zu erklären?), die sehr viel stärker auf die Erklärung des beobachteten Effekts fokussieren als auf die übergeordnete Frage (Wie ist das semantische Gedächtnis aufgebaut und welche Eigenschaften besitzt es?). In einer Alternativerklärung der Ergebnisse der lexikalischen Entscheidungsaufgabe wird Juli schneller nach Juni als nach Wald erkannt, da Juni und Juli sich nicht nur inhaltlich ähnlich sind, sondern auch optisch (d. h. in ihrer oberflächlichen Beschaffenheit und den verwendeten Buchstaben). Das legt eher eine wahrnehmungspsychologische Erklärung nahe und erklärt keine Eigenschaften des semantischen Gedächtnisses. Bei der Forschung zu paradigmenorientierten Theorien müssen nun Situationen geschaffen werden, in denen Primes mit und ohne inhaltliche Beziehung zum Zielwort in gleichem Ausmaß eine oberflächliche Ähnlichkeit zum Zielwort haben. Im Fall von Juli könnten nun die Primes Monat und Morast dazu dienen, die Alternativerklärung zu untersuchen. Es ist zu erwarten, dass Juli auch schneller erkannt wird, wenn das oberflächlich unähnliche Wort Monat als Prime präsentiert wird im Vergleich zum Morast. Dadurch können wahrnehmungspsychologische Effekte als alleinige Ursache für semantische Primingeffekte ausgeschlossen werden.
Ein bedeutsamer Teil der in Fachzeitschriften veröffentlichten Theorien haben die Überprüfung paradigmenorientierter Theorien zum Ziel. Vielleicht entsteht bei Außenstehenden der Eindruck, dass diese Art der Psychologieforschung durch marginale Änderungen im Versuchsaufbau lediglich Experimentaleffekte untersucht, die es ohne kognitionspsychologische Forschung nicht geben würde. Diese Kritik wäre dann berechtigt, wenn die gesamte kognitionspsychologische Forschungsarbeit diesem Ziel folgen würde. Das ist zum Glück nicht der Fall. Neben Theorien zu übergreifenden Fragen richtet sich nur ein Teil der Forschung auf paradigmenorientierte Theorien. Diese Forschung hat definitiv ihre Berechtigung, da sie akribisch überprüft, ob sich bestimmte Annahmen, die häufig implizit bei der Etablierung eines Paradigmas getroffen wurden, halten lassen. Erst dadurch kann festgestellt werden, ob übergreifende Theorien eine Existenzberechtigung haben.
Theorien mittlerer Reichweite haben uns bereits im Kontext der lexikalischen Entscheidungsaufgabe und der Eigenschaften von Begriffsrepräsentationen im semantischen Gedächtnis beschäftigt: Begriffsrepräsentationen im semantischen Gedächtnis sind nicht isoliert, sondern miteinander vernetzt. Diese funktionsorientierten Theorien treffen also generelle Aussagen zu relativ gut umschlossenen und abgegrenzten kognitiven Komponenten oder Phänomenen (z. B. das semantische Gedächtnis). Im Kontext von Theorien mittlerer Reichweite wird deshalb auch vieles ausgespart. Ausgespart werden beispielsweise die zugrundeliegenden Wahrnehmungsprozesse, mit denen Wörter aufgenommen werden, oder die Entstehung dieser Vernetzung der Repräsentationen. Gute Theorien mittlerer Reichweite führen zu testbaren Hypothesen. Eine Annahme der vernetzten Repräsentation von Begriffen im semantischen Gedächtnis ist zum Beispiel, dass Begriffe mit einer unmittelbaren Beziehung zu einer höheren Verfügbarkeit von Zielwörtern führt (z. B. Juni → Juli), als Begriffe, die lediglich indirekt miteinander verbunden sind (z. B. Sommeranfang (→ Juni) → Juli). Häufig beinhalten Theorien mittlerer Reichweite eine Strukturierung eines bestimmten Bereichs in einzelne Teilbereiche. Ein typisches Beispiel ist das Arbeitsgedächtnismodell von Baddeley (1992, im Detail
Kap. 5.4.1) oder das Gesichtserkennungsmodell von Bruce und Young (1986,
Abb. 1.2; A). Zur Illustration dieser Strukturierungen werden oft Fließdiagramme verwendet, wobei die Kästchen meist Teilbereiche sind und die Pfeile Verarbeitungsschritte repräsentieren. Diese Illustrationen sind oft ein didaktisches Mittel, um Aussagen besser zu erläutern, und sie führen mitnichten zur Vereinfachung solcher Theorien.
Theorien großer Reichweite gleichen kognitiven Architekturen, die das Gesamtbild des kognitiven Systems abbilden und Aussagen zu jedem Phänomenbereich machen. Nur wenige Forscher haben sich dieser Art von Theorien angenommen. Deshalb ist ihre Zahl viel geringer als die Zahl der Theorien kleiner und mittlerer Reichweite. Bekannte Theorien großer Reichweite sind die adaptive control of thought (ACT)- Theorie von John R. Anderson (Anderson et al., 2004) oder die Modelle mit parallel distributed processing (PDP) von Rumelhart und McClelland (McClelland, Rumelhart & Hinton, 1986). Sie treffen Aussagen zu allen wesentlichen kognitionspsychologischen Bereichen (Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Entscheidung etc.). In diesen kognitiven Architekturen wird eine Grundstruktur von Modulen beziehungswiese neuronalen Netzwerken (
Abb. 1.2; B) mit entsprechenden Eigenschaften angenommen, die ausreichen soll, möglichst alle Arten von kognitiven Prozessen zu modellieren.

Abb. 1.2: (A) Darstellung einer Theorie mittlerer Reichweite zur Gesichtserkennung (nach Bruce & Young, 1986). (B) Darstellung einer Theorie großer Reichweite: PDP-Modell mit neuronalem Netzwerk zur Gesichtserkennung (nach Burton & Bruce, 1992)
1.3 Potential der Kognitiven Psychologie im Alltag
Die Untersuchung von grundlegenden kognitiven Funktionen hat das Potential der praktischen Umsetzbarkeit vieler Erkenntnisse in einem realweltlichen Kontext. Betrachten wir das Beispiel, wie im schulischen oder universitären Kontext die Lern- beziehungsweise Studienergebnisse verbessert werden können. Mittlerweile existiert eine große Anzahl experimentalpsychologischer Untersuchungen zur Überprüfung der Wirksamkeit verschiedener Lernmethoden. Diese Untersuchungen berücksichtigen kognitionspsychologische Lern- und Gedächtnistheorien (Überblick in Dunlosky, Rawson, Marsh, Nathan & Willingham, 2013), aus denen sich klare Empfehlungen für die Praxis ableiten lassen. Sie stehen mitunter in Diskrepanz zu üblicherweise verwendeten Techniken, wie dem Markieren von Schlüsselbegriffen, auf die beim erneuten Lesen fokussiert wird. Ein Beispiel: Die Lernmethode SQ3R (Becker-Carus & Wendt, 2017; Johns & McNamara, 1980; Tadlock, 1978) basiert auf solchen grundlegenden kognitiven Erkenntnissen. Beim Durcharbeiten von Texten steht SQ3R für Survey (erstes Erfassen des Inhalts), Questions (welche Fragen soll der Text beantworten), Read (Lesen des Textes), Recall (Erinnern an die wichtigsten Aspekte des Textes) und Review (Bewertung des Inhalts im Kontext anderer Texte und dem zuvor gelernten Material). Unbestritten ist diese Methode zeitaufwändig, allerdings ermöglicht sie ein besseres Verständnis sowie Erinnern der Textinhalte. Später werden wir sehen, dass die Methode auf Erkenntnissen der kognitiven Gedächtnispsychologie basiert. Auch die Erkenntnisse über die Organisation von Konzepten im semantischen Gedächtnis aus den Ergebnissen des semantischen Primings in der lexikalischen Entscheidungsaufgabe (
Kap. 1.2.1) geben Empfehlungen für den Lernkontext. Das Visualisieren von Themengebieten anhand von Mindmaps ist äquivalent zur Visualisierung von Begriffen und ihren semantischen Beziehungen innerhalb eines Netzwerkes.
Grundlegende Aussagen zu psychologischen Prozessen können nur durch das Herstellen solcher Bedingungen getroffen werden, unter denen der infrage stehende Prozess in möglichst reiner Form isoliert wird und damit frei von Störfaktoren untersucht werden kann. Mit dieser Forderung verlagert sich der Ort der Untersuchung vom realweltlichen Leben in das Labor. Damit wird den zu untersuchten Prozessen der natürliche Kontext genommen, d. h. sie werden dekontextualisiert (Prinz et al., 2017). Auch wenn diese Dekontextualisierung fortwährender Kritik ausgesetzt ist, ist sie für die Ergründung grundlegender kognitiver Prozesse alternativlos. Die praktische Umsetzung von Erkenntnissen über grundlegende Prozesse ist nicht die Kernkompetenz der Kognitiven Psychologie und bleibt anderen psychologischen Teildisziplinen überlassen (z. B. der Arbeits- und Organisationspsychologie, der Klinischen Psychologie oder der Pädagogischen Psychologie).
1.4 Geschichte der Kognitiven Psychologie
Die Psychologie im Allgemeinen, aber auch die Kognitive Psychologie im Speziellen, so wie wir sie heute kennen, ist als Naturwissenschaft noch relativ jung; Disziplinen wie Biologie, Physik oder Chemie können im Vergleich dazu auf eine lange naturwissenschaftliche Geschichte zurückblicken. Das ist erstaunlich, da sich das Interesse für Fragen der menschlichen Psyche bis zu den griechischen Philosophen wie Platon zurückverfolgen lässt. Bereits diese antiken Philosophen nahmen die wissenschaftliche Induktion vorweg, die noch heute ein wesentlicher Bestandteil der kognitionspsychologischen Theorienbildung ist. Die Idee ist, dass die Beobachtung von Alltagsgegenständen und -ereignissen zu Idealisierungen und Generalisierungen als Basis der kognitiven Theorien dienen; diese Theorien können dann zur Erklärung der Beobachtung und zur Modellierung des Alltags herangezogen werden (Cottingham, 1987). Eine Erklärung für die relativ lange philosophische Auseinandersetzung und späte naturwissenschaftliche Entstehung der Kognitiven Psychologie und der Psychologie generell könnte auch sein, dass es bis in das 19. Jahrhundert undenkbar war, psychische Prozesse des Menschen einer naturwissenschaftlichen Analyse zu unterziehen. Ein Grund für diese Einstellung könnte die egozentrische, mystische und teilweise verworrene Einstellung gegenüber dem Menschen und seinem Verstand gewesen sein, die sich erst damals langsam auflöste (Anderson, 2013). Die britischen Empiristen um Francis Bacon (1561 – 1626) und John Locke (1632 – 1704) haben mit ihren Ideen zu dieser Auflösung beigetragen.
Die naturwissenschaftlich orientierte Kognitive Psychologie begann sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu etablieren. Die ersten Schritte in dieser Entstehung ging Herrmann Ebbinghaus (1885) mit seinen Untersuchungen zum Gedächtnis; inspiriert wurde er von Gustav Theodor Fechner (1860) und Hermann von Helmholtz (1885/1962). Ebbinghaus legte in seinen Untersuchungen Listen mit zu lernenden Silben vor. Nach Ende der Lernphase untersuchte er in der Ersparnismethode die eingesparte Zeit zum Wiedererlernen der Silben nach unterschiedlich langen Pausen, das sind die sogenannten Behaltensphasen (Details dazu
Kap. 5.1). Zwar war Ebbinghaus meist selbst die einzige Versuchsperson, deshalb kann die Gültigkeit seiner Aussagen infrage gestellt werden. Allerdings ist er der erste, der kognitive Phänomene (z. B. das Gedächtnis) systematischen Testungen unterzog.
Ein zweiter Schritt in der Entstehung der Kognitiven Psychologie ist ihre Institutionalisierung. 1879 eröffnete Wilhelm Wundt das erste psychologische Experimentallabor an der Universität Leipzig. Wundt und seine Schüler wählten zur Untersuchung des Erlebens und Verhaltens die Methode der Introspektion. Bei dieser Methode berichten geschulte Beobachter unter sorgfältig kontrollierten Bedingungen über ihre eigenen »Bewusstseinsinhalte«. Die Berichte erfolgten unter der Annahme, dass mentale Prozesse der Selbstbeobachtung zugänglich sind. Diese Annahme geht auf die britischen Empiristen zurück. Wundt und seine Kollegen waren sich sicher, dass es durch intensive Selbstbeobachtung gelingt, die elementare Erfahrung zu bestimmen, aus der sich Erleben und Verhalten zusammensetzt. Die Theorie des menschlichen Erlebens und Verhaltens müsste deshalb lediglich die Inhalte introspektiver Erfahrungsberichte erklären. Auch ohne besondere Schulung kann simuliert werden, wie ein Introspektionsexperiment ablief. Den Versuchspersonen wurde ein Wort präsentiert (z. B. Buch) und ihre Aufgabe war es, in einer bestimmten Zeit frei zu assoziieren, d. h. alles zu sagen, was ihnen zum Wort einfiel (Mayer & Orth, 1901). Im Anschluss berichteten die Versuchspersonen über ihre Bewusstseinserfahrungen vom Moment der Wortpräsentation bis zum Wiedergeben ihrer Assoziationen. Es zeigt sich allerdings in diesem und in anderen Experimenten mit der Methode der Introspektion, dass viele Berichte von eher unbeschreibbaren Erfahrungen handelten. Was Wissenschaftler als Prozesse des Erlebens und Verhaltens annahmen, unterschied sich also stark von dem, was die Versuchspersonen berichteten. Erklärungen und Hinweise bezüglich der Theorien, die den Versuchspersonen im Vorfeld der Untersuchung gegeben wurden, haben in ihren Berichten dazu geführt, dass sie beschrieben, was von ihnen entsprechend erwartet wurde. Und diese Erwartungen unterschieden sich zwischen verschiedenen Forschern und verschiedenen Laboren.
Ein weiteres Problem der Introspektion war, dass die Prozesse als Reaktion auf eine Reizpräsentation sehr einfach sein können. Sie können deshalb extrem schnell ablaufen und kurzlebig sein und somit nicht auf einem Niveau ablaufen, das für den bewussten Zugriff durch Introspektion zugänglich ist. Nehmen wir als illustratives Beispiel ein Experiment, in dem ein Licht präsentiert wird und die Versuchspersonen möglichst schnell eine Taste betätigen müssen, wenn sie dieses Licht detektieren. In jungen Erwachsenen werden in Computerexperimenten dieser Art Reaktionszeiten von etwa 200 ms gemessen. Die ersten etwa 100 ms werden für die sensorische Übertragung des durch den visuellen Lichtreiz ausgelösten Signals von der Retina in die verschiedenen Gehirnareale benötigt. Die verbleibende Zeit wird für die Aktivierung eines motorischen Programms benötigt, d. h. für die Übertragung dieses Programms zu den Effektoren (z. B. den Fingern) und für die Ausführung des Programms. Die meisten sensorischen und motorischen Übertragungsprozesse in diesem Experiment ermöglichen keinen bewussten Zugriff, der eine Introspektion erlaubt. Diese Argumente lösten eine Debatte um die Gültigkeit der Befunde mit der Methode der Introspektion aus und führten zu einer Ablösung dieser Methode.
Dann, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, entwickelte sich die Psychologie vornehmlich in den USA (sowie durch den russischen Forscher Ivan P. Pawlow) ziemlich »kognitionslos«. Die Strömung des Behaviorismus reagierte auf die Nachteile der Introspektionsmethode und die Schwierigkeiten im Zugriff auf mentale Prozesse, indem sie diese Prozesse als Gegenstand der psychologischen Forschung ausklammerte (Watson, 1913). Nach Ansicht des Behaviorismus sollte sich Psychologie ausschließlich mit von außen beobachtbaren objektiven Daten befassen, ohne dabei schlecht zu erfassende und zu definierende Konzepte, wie Gedächtnis oder Aufmerksamkeit, zu verwenden. Diese Phase wird deshalb als cognitive winter bezeichnet. Tiere ersetzten in den Laboren den Menschen als Gegenstand der Untersuchungen und die Forschung wurde in dieser Zeit vornehmlich auf die Bereiche Lernen und Motivation ausgerichtet. Diese Bereiche sind eher behavioristisch als kognitiv geprägt. In diesem Buch wird auf diese Bereiche deshalb nur begrenzt eingegangen. Neben der auf wenige Bereiche sehr eingegrenzten Forschungstätigkeit und dem Ignorieren des für die Psychologie Wesentlichen, nämlich die mentalen Prozesse des Erlebens und Verhaltens, ist theoretisch nur wenig vom Behaviorismus bezüglich der Kognitiven Psychologie übriggeblieben; auch das strikte »anti-kognitive« Vorgehen als Reaktion auf die Introspektion ist nicht mehr vollständig nachvollziehbar (Anderson, 2013). Was bis heute vom Behaviorismus erhalten ist, ist vielleicht seine methodische Vorgehensweise mit systematischen und strikten Verfahren und Prinzipien bei experimentellen Untersuchungen, die prinzipiell in kognitionspsychologischer Forschung angewendet wird.
Allerdings herrschte der cognitive winter in Europa nicht flächendeckend, sondern mancherorts war Kognitive Psychologie ein reges Forschungsthema: Der Russe Alexander Luria untersuchte Störungen im Verständnis und der Produktion von Sprache (Aphasien), in der Schweiz formulierte Jean Piaget seine generelle Theorie der kognitiven Entwicklung (z. B. die Entwicklung des Mengen- oder Zahlbegriffs im Kindesalter), in Deutschland beschäftigte sich die Gestaltpsychologie mit Wahrnehmung (
Kap. 2.2.2) sowie Problemlösung und speziell die Würzburger Schule untersuchte kognitive Prozesse, die dem Denken zugrunde liegen. Leider sind viele der letztgenannten Forschungsaktivitäten durch den Nationalsozialismus verloren gegangen, was beweist, dass Entwicklungen in der Kognitiven Psychologie nicht allein durch wissenschaftliche Kriterien bestimmt werden.
Die Kognitive Psychologie in ihrer heutigen Form begann sich zu Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu entwickeln. Drei Faktoren sind für diese neuere Entwicklung verantwortlich:
1. Vor allem während des Zweiten Weltkrieges war es notwendig, Erleben und Verhalten im Umgang mit technisch komplexen Systemen zu erklären und vorherzusagen. Man war bestrebt, Piloten und Flugzeuge effizienter einsetzen zu können und Flugzeugabstürze durch menschliche Fehler zu vermeiden. In diesem Fokus entstanden beispielsweise Informationsverarbeitungstheorien der Aufmerksamkeit durch Donald Broadbent (
Kap. 3.1.2). Solche Informationsverarbeitungstheorien haben das Ziel, kognitive Prozesse in eine Reihe von Einzelschritten zu zerlegen und sie damit zu analysieren; der Behaviorismus bot für derartige praxisbezogene Fragen keine Hilfe an. Dieser Ansatz der Informationsverarbeitungstheorien wurde nach dem Krieg von kognitionspsychologischen Laboren übernommen und ist bis heute vorherrschend in der Kognitiven Psychologie.
2. Die Auseinandersetzung mit »kognitiven« Themen bestimmte die Entwicklung der Kognitiven Psychologie. Das bedeutet unter anderem, dass die Anwendung von Fortschritten in den Computerwissenschaften um Allen Newell und Herbert Simon (Newell & Simon, 1972) auf Künstliche Intelligenz dazu geführt hat, die Entwicklung dieser Intelligenz voranzubringen. Fortschritte in der Computertechnik ermöglichen es, menschliche Kognition zu simulieren (
Kap. 1.1). Die heutige Laborforschung und das Erstellen systematischer Untersuchungsbedingungen mit den daraus resultierenden Ergebnissen sind nicht ohne diese Technik denkbar (
Kap. 10). Des Weiteren führte die Linguistik und die kognitive Sprachwissenschaft um Noam Chomsky (Chomsky, 1959) die Erforschung der Sprache als Thema in die Kognitive Psychologie ein. Chomsky erkannte, dass komplexe Phänomene, wie Sprachverständnis und -produktion, nicht durch behavioristische Ansätze zu erklären waren.
3. Die neuere Entwicklung der Kognitiven Psychologie ist institutionell. Dieser Faktor lässt sich konkret an das Jahr 1956 und speziell an zwei Konferenzen sowie verschiedenen Publikationen festmachen (Gobet, Chassy & Bilalic, 2011). Die zwei Konferenzen »Symposium of Information Theory« am Massachusetts Institute of Technology und »Dartmouth Conference« beschäftigten sich mit klassischen kognitiven Themen wie Aufmerksamkeit und Gedächtnis. Im Verlauf dieser Konferenzen wurde klar, dass der Behaviorismus für diese wie auch andere kognitive Themen keine ausreichenden Erklärungsansätze bot. Außerdem wurden im Jahr 1956 zwei der wohl einflussreichsten frühen kognitiven Publikationen veröffentlicht. Bruner, Goodnow und Austin (1956) haben systematisch die Entstehung von Konzepten im Gedächtnis untersucht. Schon die Verwendung von Begriffen wie Konzepte und Gedächtnis war im Behaviorismus nicht zulässig. George Miller (1956) unternahm außerdem den Versuch, die Kapazität des Kurzzeitgedächtnisses und eine Einheit für die Messung dieser Kapazität zu bestimmen (
Kap. 5.3).
Heute hat sich die Kognitive Psychologie zu einer sehr dynamischen, aktiven und internationalen Disziplin entwickelt. Ihre unterschiedlichen Fokusse haben sich durch verschiedene Konferenzen und Fachjournale (z. B. Memory & Cognition; Attention, Perception, & Psychophysics) institutionalisiert. Die Kognitive Psychologie ist heute vor allem durch den spezifischen kognitiven Bereich gekennzeichnet, der untersucht wird (z. B. Wahrnehmungspsychologie, Aufmerksamkeitspsychologie).
1.5 Aufbau des Buches
Kognitive Psychologie befasst sich mit möglichst allgemeingültigen Aussagen zu mentalen Erlebnis- und Verhaltensprozessen. Diese Prozesse sind zuständig für die Aufnahme von Informationen, für deren Veränderung und Abspeicherung sowie für potentielles Verhalten und potentielle Reaktionen entsprechend den aufgenommenen Informationen. Kognitive Psychologie umfasst also Themen wie Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Verhaltenssteuerung, die in einem Verhaltensbogen strukturiert werden können, der von der Aufnahme bis zur Ausgabe von Informationen reicht. Und dieser prototypischen Struktur eines Verhaltensbogens folgt auch die Reihenfolge kognitionspsychologischer Themen in diesem Buch: Wahrnehmung (
Kap. 2), selektive Aufmerksamkeit (
Kap. 3), geteilte Aufmerksamkeit (
Kap. 4), kurzfristige Gedächtniskomponenten (
Kap. 5), langfristige Gedächtniskomponenten (
Kap. 6), Handlungssteuerung durch exekutive Funktionen (
Kap. 7) und komplexe kognitive Phänomene wie Problemlösen und Entscheiden (
Kap. 8). Für die Autorenschaft von Kapitel 8 möchte ich mich an dieser Stelle ausdrücklich bei Robert Gaschler bedanken. Diese Einteilung zeigt, dass ein wesentlicher Fokus des Buches auf weniger komplexe Prozesse gelegt wird, also eine Entwicklung hin zur ursprünglichen Auseinandersetzung mit der Kognitiven Psychologie, so wie sie bei Ulrich Neissers (1967) »Cognitive Psychology« zu finden ist.
Neben der Einteilung der Kapitel hinsichtlich inhaltlicher Themen (Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis …) entlang dem Verhaltensbogen werden in diesem Buch auch das kognitive Altern (
Kap. 9) und das kognitive Training (
Kap. 10) behandelt. In beiden Kapiteln werden verschiedene inhaltliche Themen aus einer spezifischen Perspektive betrachtet. Die Perspektive des kognitiven Alterns betrachtet kognitive Veränderungen als Ergebnis von Alterungsprozessen. Für die Autorenschaft von Kapitel 9 möchte ich mich hier ausdrücklich bei Julia Karbach bedanken. Die Perspektive des kognitiven Trainings zeigt, wie sich Kognition als Ergebnis von Übung und Training plastisch verändern kann. Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass einige Themen in diesem Buch nicht behandelt werden, z. B. Sprache (z. B. Langenmayr, 1997) sowie Emotion und Motivation (z. B. Brandstätter, Schüler, Puca & Lozo, 2013). Für diese Themen muss auf entsprechende Lehrbücher verwiesen werden.
Durch alle Kapitel dieses Buchs wird uns die fiktive Figur von Herrn F. begleiten. Genauer gesagt werden wir die fiktive Situation von Herrn F. beim Besuch eines Fußballspiels in einem Stadion zu Beginn jedes Kapitels beschreiben. Auch wenn diese Situation im Fußballstadion anfänglich trivial erscheinen mag, können wir durch sie verschiedene Phänomene der Kognitiven Psychologie einführen und relevante Fragen in den jeweiligen Themengebieten formulieren.
2 Wahrnehmung
Herr F. betritt wie bei jedem Heimspiel seiner Lieblingsfußballmannschaft das Stadion. Die hellen Flutlichter und Werbedisplays im Stadion blenden ihn. Unschwer ist an den Fahnen, Schals, Trikots und Gesängen zu erkennen, dass Herr F. das Stadion und den Block mit den Fans seiner Lieblingsmannschaft erreicht. In einem Block auf der gegenüberliegenden Stadiontribüne sind die Fans der Gästemannschaft zu erkennen. Schon am Eingang des Stadions hat Herr F. einige Bekannte getroffen und im Fanblock seiner Mannschaft kommen weitere bekannte Gesichter dazu.
An dieser kurzen Beschreibung vom Betreten des Stadions unseres Protagonisten können einige interessante Fragen abgeleitet werden, die wir in diesem Kapitel beantworten werden:
• Welche physiologischen Prozesse kennzeichnen unsere visuelle Wahrnehmung, die dazu führen, dass Herr F. beim Betreten des Stadions geblendet wird?
• Wie werden Farben durch das physiologische System verarbeitet und repräsentiert? Immerhin kann Herr F. die verschiedenen Farben der Fans, sowohl der eigenen als auch der gegnerischen Mannschaft, unterscheiden.
• Allerdings sind es nicht nur die Farben der Mannschaften, sondern auch die Ordnung, mit der sich die Fans im Stadion und in den Blöcken gruppieren und welche die Fangruppen voneinander unterscheidbar macht. Dazu kann Herr F. verschiedene Objekte, wie Schals, Fahnen oder Trikots wahrnehmen, erkennen und benennen. Wie aber werden solche Objekte wahrgenommen und erkannt?
• Daran angeschlossen ist die Frage: Wie ist es möglich, bekannte Gesichter zu erkennen und zu identifizieren? In der Forschung wurden große Anstrengungen unternommen, gerade die Besonderheiten der Gesichtserkennung darzustellen.
Der Hauptteil des Kapitels wird sich mit der visuellen Wahrnehmung auseinandersetzen; an der kurzen Beschreibung haben wir deren Bedeutung beim Stadionbesuch gesehen. Aber wir beschäftigen uns in gesonderten Textboxen auch mit der auditiven Sinnesmodalität. Für detaillierte Ausführungen zu anderen Sinnesmodalitäten, wie dem Tast-, Geruchs- und Geschmackssinn, muss auf andere Stellen verwiesen werden (Goldstein, 2015).
Die hier dargestellten Sinnesmodalitäten und ihre Wahrnehmungseigenschaften werden aus drei Perspektiven behandelt: die neurophysiologische Perspektive, die beschreibende Perspektive und die erklärende Perspektive. Die neurophysiologische Perspektive beschreibt die essentielle Frage nach der Beziehung zwischen physikalischer Energie eines Reizes und seiner Reizdimensionen (z. B. Helligkeit und Farbigkeit von Licht, Lautstärke von Tönen) sowie den Erregungsprozessen der Sinnesorgane und des Nervensystems. Die beschreibende Perspektive definiert sich vornehmlich über die Gestaltpsychologie und die stark methodisch orientierte Psychophysik mit der Fragestellung: Welche Beziehung besteht zwischen einfachen physikalischen Dimensionen von Wahrnehmungsreizen und dem Wahrnehmungseindruck? Die Antwort lautet: Durch diese Beziehung wird vor allem eine Relation zwischen den objektiven physikalischen Eigenschaften und den subjektiven Empfindungen hergestellt. Allerdings sehen die neurophysiologische und die beschreibende Perspektive die kausale Rolle der Wahrnehmung insbesondere in den Reizeigenschaften.
In der erklärenden Perspektive werden außerdem kognitive Prozesse formuliert, die die Wahrnehmung zusätzlich zu den Reizeigenschaften kausal beeinflussen. Dadurch wird beispielsweise der Fakt berücksichtigt, dass nicht nur Reize in das Wahrnehmungssystem aufgenommen werden, sondern dass deren Wahrnehmung durch die im Gedächtnis repräsentierte Informationen beeinflusst werden. Im Fall unseres Stadionbesuchs nimmt Herr F. nicht nur Gesichter wahr, sondern er erkennt die Gesichter auch als bekannt und ruft eventuell dazugehörige Informationen, wie den Namen der Person, ab. Dieser Fall zeigt, dass Reizinformationen nicht nur einfach in unser Wahrnehmungssystem aufgenommen werden, sondern dass diese Informationen zusätzlich durch das Wahrnehmungssystem bearbeitet werden. Diese Bearbeitung bestimmt ebenfalls unseren subjektiven Erlebniseindruck.
Aus diesem Ansatz können wir die folgenden grundlegenden Fragen ableiten: Wieweit können wir unserem subjektiven Erlebniseindruck überhaupt glauben? Wieweit stellt dieser Eindruck ein Abbild der objektiven und physikalischen Umwelt dar? Drastisch aufgenommen wurde diese Frage in der Matrix-Filmreihe (»The Matrix« [1999], »Matrix Reloaded« [2003] und »Matrix Revolution« [2003]) mit Keanu Reeves und Laurence Fishburne in den Hauptrollen. Es ist die zentrale Idee dieser Filmreihe, dass die Computer die Kontrolle über den menschlichen Geist und den Verstand übernehmen. Die Fähigkeit dieser Übernahme erlaubt es den Computern, Menschen eine beliebige virtuelle Realität wahrzunehmen zu lassen und die geistige Freiheit zu simulieren. Menschen sind also lediglich Gefangene in einer computergenerierten Umwelt. Auf einer gewissen Abstraktionsebene greifen die Matrix-Filme damit eine Reihe von Fragen auf, die (vielleicht nicht ganz so drastisch, aber annähernd) so auch in der erklärenden kognitiven Wahrnehmungspsychologie gestellt werden: Wieweit sind unsere subjektiven Wahrnehmungseindrücke eine eins-zu-eins-Abbildung unserer äußeren Umwelt? Was von unseren Eindrücken existiert überhaupt in unserer objektiven Umwelt? Wie können wir wissen, was in dieser Umwelt vorhanden oder nicht vorhanden ist? Übertragen auf die Wahrnehmungspsychologie werden wir uns also damit beschäftigen, wie Reizinformationen systematisch durch kognitive Prozesse und deren Mechanismen moduliert werden und somit unsere subjektive Wahrnehmung beeinflussen.
2.1 Neurophysiologische Perspektive auf visuelle Wahrnehmung
In diesem Kapitel werden wir eine neurophysiologische Perspektive auf die visuelle Wahrnehmung einnehmen. Das bedeutet, wir werden den Weg der visuellen Informationsverarbeitung durch das neurophysiologische System von den Photorezeptoren auf der Retina (Netzhaut der Augen) über die neuronale Weiterleitung bis zur Repräsentation im Kortex (Gehirn) verfolgen. Entsprechend diesem Weg ist die Struktur dieses Kapitels angelegt.
2.1.1 Anatomie und Neurophysiologie des Auges
Der Vorgang der visuellen Wahrnehmung beginnt mit der Verarbeitung von Licht in Form von elektromagnetischen Wellen in einem Spektrum von etwa 400 bis 700 Nanometern (nm). Elektromagnetische Wellen im Bereich kürzerer Wellen (z. B. Gamma-Strahlen, Röntgenstrahlen) oder längerer Wellen (z. B. Infrarot-Strahlen, Mikrowellen) können durch das visuelle System nicht verarbeitet werden und sind deshalb nicht sichtbar. Die elektromagnetischen Wellen im sichtbaren Spektrum gelangen durch den Einfall von Licht zunächst über Hornhaut (Cornea), Pupille und Linse in das Auge. Die rückwärtige Schicht des Auges wird von den Photorezeptoren gebildet, die das einfallende Licht in elektrische Potentiale umwandeln (Fototransduktion). Diese Potentiale werden über die vor den Photorezeptoren angelegten Bipolarzellen und über die Axone (Nervenzellenfortsätze zur Weiterleitung von Nervenimpulsen) der Ganglienzellen und über den Sehnerv zum visuellen Kortex geleitet. Jedoch entsprechen die Signale an dieser Stelle der Weiterleitung nicht mehr den ursprünglichen Informationen des im Auge einfallenden Lichts. Zum einen wird Licht durch Brechung in der Linse seitenverkehrt und kopfüber in das Auge und die Retina projiziert, zum anderen fällt Licht nicht ungehindert auf die Photorezeptoren. Das Licht muss zunächst durch die Schicht von Bipolar- und Ganglienzellen hindurch, bevor es von diesen Rezeptoren aufgenommen werden kann (mit Ausnahme der Fovea, s. u.).
Die Rezeptoren auf der Retina unterteilen sich in zwei Typen, die Zapfen und die Stäbchen. Die Zapfen und Stäbchen unterscheiden sich in ihrer Anzahl und Verteilung auf der Retina sowie ihrer Funktion (
Abb. 2.1). Auf der Netzhaut jeden Auges befinden sich ca. fünf bis sieben Millionen Zapfen und ca. 120 Millionen Stäbchen. Zapfen befinden sich in hoher Konzentration an dem Ort der Netzhaut, auf den durch den Blick fixierte Reize in unserer Umwelt projiziert werden. Dieser Ort ist im Auge gegenüber Hornhaut, Pupille und Linse lokalisiert und wird als Fovea bezeichnet. Durch die hohe Dichte von Zapfen ist die Fovea der Ort mit der höchsten Auflösung und dem schärfsten Sehen. Außerhalb der Fovea kommen Zapfen nur noch in sehr geringer Konzentration vor, stattdessen befinden sich dort Stäbchen. Dieser Rezeptortyp ist relativ gleichmäßig über die Peripherie der Retina verteilt (mit nur leichtem Konzentrationsabfall bei zunehmender Entfernung zur Fovea). Neben der Fovea stellt der Blinde Fleck ebenfalls einen Ort mit einer Besonderheit dar. An diesem Ort werden die Axone der Ganglienzellen aus dem Auge zur Weiterverarbeitung über die Sehnerven zum Kortex geleitet und lassen für Rezeptoren keinen Platz. Deshalb befinden sich im Blinden Fleck weder Zapfen noch Stäbchen, in diesem Bereich der Retina werden daher keine visuellen Informationen aufgenommen.
Eine entscheidende Rolle bei der Aufnahme von Licht und bei der Fototransduktion spielen die Sehpigmente, das sind eingelagerte Sehfarbstoffe in den Stäbchen und Zapfen. Alle Stäbchen enthalten denselben Sehfarbstoff Rhodopsin. Zapfen lassen sich dagegen in drei Typen unterteilen, deren Sehfarbstoffe unterschiedliche Absorptionsmaxima aufweisen. Das bedeutet, dass sie unterschiedliche maximale Sensitivitäten (Empfindlichkeiten) besitzen und somit unterschiedlich empfindlich auf Licht verschiedener Wellenlängen reagieren: Es gibt Zapfentypen mit maximaler Sensitivität für relativ kurzwelliges Licht (~ 420 nm, vergleichbar mit dem Eindruck von blauem Licht), mittelwelliges Licht (~ 530 nm, vergleichbar mit dem Eindruck von grünem Licht) und langwelliges Licht (~ 560 nm, vergleichbar mit dem Eindruck von rotem Licht). Diese drei Zapfentypen und ihr Zusammenwirken ermöglichen normale Farbsichtigkeit und, bezogen auf den Stadionbesuch in unserem Eingangsbeispiel, eine

Abb. 2.1: Verteilung von Zapfen und Stäbchen auf nasalen, fovealen (0-Punkt auf der x-Achse) und temporalen Anteilen der Retina. Im Blinden Fleck sind keine Zapfen und Stäbchen zu finden (aus Kiesel & Spada, 2017, S. 43, Abb. 2-4).
Informationsquelle, um die Fans der beiden Fußballmannschaften zu unterscheiden.
Zapfen sind im Vergleich zu Stäbchen weniger helligkeitsempfindlich und deshalb besonders für die visuelle Wahrnehmung bei Tageslicht verantwortlich. Daher ist es nicht verwunderlich, dass nachtaktive Tiere nur zu einem sehr geringen Anteil Zapfen besitzen. Im Gegensatz zum Sehen bei Tageslicht vermitteln Stäbchen unsere visuelle Wahrnehmung in der Dämmerung und Dunkelheit, da sie bereits auf geringe Lichtintensitäten reagieren. Da Stäbchen aber keine unterschiedlichen Sehfarbstoffe besitzen, ist Sehen in der Dunkelheit vornehmlich farblos. Die unterschiedlichen Helligkeitssensitivitäten von Zapfen und Stäbchen zeigen auch unterschiedliche Konsequenzen bei Übergängen von hellen zu dunklen Umgebungen sowie Übergängen von dunklen zu hellen Umgebungen. Die erstgenannten Übergänge werden als Dunkeladaptation bezeichnet. Zu Beginn dieser Adaptation gibt es Schwierigkeiten, überhaupt irgendetwas zu erkennen. Nach einigen Minuten verbessert sich das Sehen allerdings deutlich. Untersuchungen zeigen, dass sich Zapfen und Stäbchen dabei in unterschiedlichem Ausmaß und unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Sensitivität anpassen. Die Zapfen adaptieren relativ schnell, aber diese Adaptation geschieht nur in einem geringen Ausmaß. Stäbchen dagegen passen ihre Sensitivität zwar relativ langsam, aber in einem höheren Ausmaß an. Diese unterschiedlichen Adaptationseigenschaften von Zapfen und Stäbchen ermöglichen ein Sehen in der Dunkelheit, das zunächst durch Zapfen dominiert wird und ab dem Zeitpunkt des nach dem Physiologen Arnt Kohlrausch (1884–1969) benannten Kohlrausch-Knicks farbloses Stäbchensehen ist. Die Übergänge von dunklen zu hellen Umgebungen entsprechen Herrn F.’s Austreten aus den Stadiongängen in das Stadion mit seinen grellen Flutlichtern und Werbedisplays. Dieser Übergang geschieht grundsätzlich schneller als die Dunkeladaptation und ist an seinem Ende vom Zapfensehen und somit vom Farbsehen dominiert.
2.1.2 Die Sehbahnen und das Corpus geniculatum laterale
Den Übergang zwischen der Retina im Auge und der weiterführenden Verarbeitung zu den Sehnerven bilden Axone der insgesamt etwa 1 Million Ganglienzellen. Der Vergleich der großen Anzahl der fünf bis sieben Millionen Zapfen und 120 Millionen Stäbchen mit der relativ geringeren Anzahl der Ganglienzellen macht deutlich, dass nicht jeder Photorezeptor exklusiv auf eine Ganglienzelle verschaltet wird. Es kommt oft zur Verschaltung einer großen Menge von Rezeptorzellen auf eine Ganglienzelle. Das Verhältnis der verschalteten Menge von Photorezeptoren auf Ganglienzellen wird als Konvergenz bezeichnet. So kennzeichnet sich niedrige Konvergenz durch die Verschaltung einer geringen Anzahl von Photorezeptoren auf eine Ganglienzelle. Diese niedrige Konvergenz ist typisch für die Verschaltung mit Zapfen, sie ermöglicht durch ihr erhöhtes Vorkommen in der Fovea eine hohe räumliche Auflösung und ein scharfes Sehen an diesem Ort der Retina. Hohe Konvergenz hingegen kennzeichnet eine Verschaltung einer großen Menge von Photorezeptoren (z. T. einige Hundert Rezeptoren) auf eine Ganglienzelle und ist besonders bei Stäbchen zu finden. Diese Art der Konvergenz ist verantwortlich dafür, dass das Stäbchensehen und damit das Sehen in der Peripherie der Retina weniger hochauflösend ist.
Neben den unterschiedlichen Konvergenzen ist die Forschung daran interessiert, die rezeptiven Felder der Ganglienzellen zu identifizieren. Rezeptive Felder einer Zelle beschreiben den Bereich der Retina, dessen Stimulation zu einer Veränderung der Entladungsfrequenz der Zelle führt (Biederman, 1987; Wendt, 2014). Typischerweise haben rezeptive Felder der Ganglienzellen ein kreisförmiges Zentrum mit einer ebenfalls kreisförmigen Peripherie. Zentrum und Peripherie wirken dabei antagonistisch: Ganglienzellen reagieren in gegensätzlicher Weise auf Lichtstimulation des Zentrums und der Peripherie. Diese Antagonismen zeigen sich auf zwei unterschiedliche Arten: Wie in Abbildung 2.2 dargestellt, erhöhen On-Zentrum-Zellen ihre Entladungsfrequenz, wenn das Zentrum des rezeptiven Felds stimuliert wird; eine Stimulation der Peripherie führt dagegen zu einer Reduktion der Entladungsfrequenz. Im Gegensatz zu den On-Zentrum-Zellen reduzieren Off-Zentrum-Zellen die Entladungsfrequenz, wenn ihr Zentrum stimuliert wird, und sie erhöhen diese Frequenz, wenn die Peripherie stimuliert wird (
Abb. 2.2). Die Entladungsfrequenz einer Ganglienzelle gibt vornehmlich darüber Aufschluss, ob ein Hell-Dunkel-Kontrast zwischen Zentrum und Peripherie besteht. Die Aktivität gegenüber dem Ruhezustand ändert sich dann am deutlichsten, wenn rezeptive Felder auf Grenzbereiche zwischen Flächen (z. B. zwischen Figuren) fallen, da hier eine ungleichmäßige Stimulation von Zentrum und Peripherie vorhanden ist. Im Gegensatz dazu sind Ganglienzellen, die einheitliche Flächen (z. B. einen Hintergrund) repräsentieren, nur wenig aktiv, da ihr gesamtes rezeptives Feld gleichmäßig stark (oder schwach) stimuliert wird.
Nach dem Austritt der Ganglienzellen über die Sehbahnen aus dem Auge gibt es eine Aufteilung dieser Zellen in zwei Richtungen. In Abbildung 2.3 ist zu erkennen, dass Reize in demselben Gesichtsfeld auf unterschiedliche Bereiche im linken und rechten Auge projizieren (
Abb. 2.3). Reize im linken Gesichtsfeld (d. h. links von einem Fixationspunkt) projizieren im linken Auge auf die nasenwärts (nasal) gelegenen Retinabereiche, im rechten Auge auf die äußeren (temporalen) Retinabereiche. Im Gegensatz dazu projizieren Reize im rechten Gesichtsfeld im linken Auge auf die temporalen und im rechten Auge auf die nasalen Retinabereiche. Anteile der Sehnerven der temporalen Retinabereiche verbleiben bei der Weiterverarbeitung in derselben Gehirnhälfte und Anteile der Sehnerven der nasalen Retinabereiche kreuzen auf Höhe der Sehnervkreuzung (Chiasma opticum) in die gegenüberliegende Hirnhälfte. Der Verlauf der Sehbahnen bewirkt vor allem die Weiterleitung der Reizinformationen aus dem rechten Gesichtsfeld in die linke Gehirnhälfte und aus dem linken Gesichtsfeld in die rechte Gehirnhälfte.

Abb. 2.2: (A) On-Zentrum-Zellen und (B) Off-Zentrum-Zellen und ihre Entladungsfrequenzen bei (1) zentraler Stimulation bzw. (2) peripherer Stimulation

Abb. 2.3: Verlauf der Sehbahnen und Projektionen visueller Reize in gegenüberliegende Hirnhälften und in Hirnhälften, die auf derselben Seite wie das aufnehmende Auge liegen (in Anlehnung an Maffei & Fiorentini, 1997, S. 21).
Im weiteren Verlauf enden die Sehnerven im Corpus geniculatum laterale (CGL), einem Teil des Thalamus. Das CGL ist in sechs Schichten mit Verbindungen zu beiden Augen gegliedert, wobei jede einzelne Schicht nur Informationen aus einem Auge erhält. Innerhalb der Schichten gibt es eine retinotope Anordnung: Zellen, die auf Reizung benachbarter Retinabereiche reagieren, liegen auch im CGL nah beieinander und geben so die räumlichen Verhältnisse auf der Retina wider. Außerdem gibt es bei der Repräsentation der Retinabereiche im CGL einen Größenfaktor: Besonders sensitive Bereiche werden in ausgedehnteren Arealen im CGL repräsentiert als Bereiche mit geringerer Sensitivität. So führen foveale Reize zu ausgedehnteren Aktivierungen als Reize, die in der Peripherie der Retina aufgenommen werden. Die besondere Funktion des CGL scheint die Filterung und Selektion eingehender Informationen zu sein. Für diese Annahme spricht, dass die Intensität der Nervenimpulse auf ihrem Weg vom Auge zum visuellen Kortex auf Höhe des CGL deutlich reduziert wird. Außerdem gibt es zahlreiche rückwärtsgerichtete Verbindungen von visuellen Kortexregionen zum CGL, die die Aktivität des CGL stark beeinflussen und potentiell irrelevante Informationen und deren Aktivierungen durch Selektion vor der Weiterverarbeitung filtern.
2.1.3 Der primäre visuelle Kortex und höhere kortikale visuelle Verarbeitung
Die Weiterverarbeitung der visuellen Informationen erfolgt per Weiterleitung der Axone der Zellen des CGL in den primären visuellen Kortex, der im Hinterhauptlappen lokalisiert ist. Der primäre visuelle Kortex besteht aus ca. 200 Millionen Zellen (im Vergleich zu ca. 1 Millionen Ganglienzellen aus dem Auge und ca. 1.5 Millionen Zellen des CGL). Diese Zellen sind unterschiedlich: Es gibt einfache Zellen, komplexe Zellen und hyperkomplexe Zellen.
Einfache Zellen weisen eher längliche rezeptive Felder auf und reagieren (durch ihren Zentrum-Peripherie-Antagonismus) mit besonders hoher Entladungsfrequenz auf die Hell-Dunkel-Kontraste, die eine ganz bestimmte Orientierung haben. Die Entladung nimmt ab, je stärker die Orientierung des Kontrasts von der Zelle präferierten Orientierung abweicht.
Auch komplexe Zellen reagieren präferiert auf Kontraste mit bestimmten Orientierungen. Präferiert werden bewegte Reize in eine bestimmte Richtung. Anders als einfache Zellen ist die Entladungsfrequenz komplexer Zellen unabhängig von bestimmten Bereichen, auf die innerhalb des rezeptiven Feldes projiziert wird. Die rezeptiven Felder komplexer Zellen sind größer als die Felder einfacher Zellen.
Das Verhältnis zu den hyperkomplexen Zellen ist noch größer. Auch sie reagieren bevorzugt auf sich bewegende Kontraste in einer bestimmten Richtung und Orientierung. Aber die Entladungsfrequenz wird reduziert, wenn die Kontraste eine bestimmte Ausdehnung überschreiten.
Für alle einfachen, komplexen und hyperkomplexen Zellen gilt, dass sie bevorzugt auf Stimulationen von nur einem Auge reagieren.
Zwei Eigenschaften des CGL lassen sich auch im primären visuellen Kortex finden: der kortikale Vergrößerungsfaktor und die retinotope Anordnung (
Abb. 2.4). Reizinformationen aus dem Bereich der Fovea nehmen im primären visuellen Kortex einen weitaus größeren Raum ein als Reizinformationen, die aus peripheren Retinabereichen mit vergleichbarer Größe stammen. Die unterschiedlichen Größenverhältnisse zwischen fovealen und peripheren Repräsentationen sind folglich assoziiert mit den unterschiedlichen Auflösungsfähigkeiten der entsprechenden Netzhautverhältnisse. Des Weiteren werden benachbarte Bereiche auf der Retina und ähnliche Orientierungen in benachbarten Arealen und Zellen im primären visuellen Kortex verarbeitet, das ist ein Ausdruck der retinotopen Anordnung im primären visuellen Kortex.
Ab dem primären visuellen Kortex gibt es verschiedene Verarbeitungsströme in andere Kortexareale zur weiteren Verarbeitung visueller Informationen. Vom primären visuellen Kortex ausgehend ist der Informationsfluss nicht nur vorwärtsgerichtet, sondern auch komplex wechselseitig und rückwärtsgerichtet. Ein Beispiel für rückwärtsgerichtete Verarbeitung haben wir schon bei der Verbindung zwischen CGL und dem primären visuellen Kortex gesehen. Ein zusätzliches Merkmal der Weiterverarbeitung von visuellen Informationen, die vom Auge zum primären visuellen Kortex und den anschließenden Kortexarealen erfolgt, ist die Spezialisierung. Für die Weiterverarbeitung ab dem primären visuellen Kortex bedeutet das, dass einzelne Reizdimensionen spezialisiert in bestimmten Kortexarealen verarbeitet werden. So konnte gezeigt werden, dass Ausfälle bestimmter Kortexareale (sogenannte Läsionen) zum Ausfall der Verarbeitung bestimmter Reizmerkmale führt. Beispielsweise können Läsionen in bestimmten Orten des Hinterhauptlappens zum Verlust der Farbwahrnehmung führen. Bildgebende neuropsychologische Verfahren bestätigen diese Beobachtung.

Abb. 2.4: Kortikaler Vergrößerungsfaktor und retinotope Repräsentation im primären visuellen Kortex. Retinale Areale mit größerer Auflösung und fovealer Lage werden in relativ größeren kortikalen Arealen verarbeitet. Außerdem findet die Verarbeitung benachbarter Areale auf der Retina in benachbarten Kortexarealen statt (aus Spada, 2017, S. 38, Abb. 2.10).
Zum Beispiel zeigt das Betrachten farbiger Felder im Vergleich zum Betrachten von Feldern mit unterschiedlichen Grautönen eine besonders hohe Aktivierung in einem Kortexareal im primären visuellen Kortex, das als V4 bezeichnet wird (Zeki, 1993). Entsprechend findet man besonders hohe Aktivierungen im Areal V5 beim Betrachten sich bewegender Felder im Vergleich zum Betrachten statischer Felder.
Die Spezialisierung im Verlauf der Verarbeitung von visueller Information zeigt eine extreme Ausprägung in Fällen, in denen bestimmte Kortexareale nicht nur spezifisch für bestimmte Reizdimensionen sind, sondern sogar spezifisch für bestimmte Objektklassen und einzelne Objekte. Eine Objektklasse mit hoher Expertise bei vielen Menschen sind Gesichter. Die visuelle Wahrnehmung von Gesichtern hat eine spezifische neuronale Verarbeitung. Beim Betrachten von Gesichtern zeigen sich dabei im Vergleich zu Objekten aus der Klasse Häuser, Stühle oder Schuhe eine stärkere Aktivierung mit einem besonderen Muster im ventralen Temporalkortex (dem sogenannten Gyrus fusiformis oder face area; Haxby et al., 2001). Die wohl extremste Form der Spezialisierung bei der visuellen Informationsverarbeitung sind einzelne Neuronen, die spezifisch auf Gesichter von nur bestimmten Personen reagieren. Genauer gesagt gibt es Beispiele von einzelnen Neuronen im medialen Temporallappen, die selektiv auf Gesichter berühmter Persönlichkeiten (z. B. Jennifer Aniston, Halle Berry) reagieren (Quiroga, Reddy, Kreiman, Koch & Fried, 2005). Die selektive Reaktion dieser Neuronen bleibt sogar aus, wenn diese Persönlichkeiten mit Gesichtern anderer Persönlichkeiten (z. B. Jennifer Aniston zusammen mit Expartner Brad Pitt) gezeigt werden.
Die zum Teil extreme Spezialisierung in der visuellen Verarbeitung führt uns aber zu folgenden Fragen: Wenn einzelne Merkmale (z. B. Farbe, Bewegung, Orientierung) in verschiedenen Kortexarealen repräsentiert und spezialisiert verarbeitet werden, wie wird sichergestellt, dass verschiedene Merkmale desselben Objekts als zusammengehörig erkannt werden? Und welcher Mechanismus ermöglicht eine korrekte Integration und Bindung dieser Merkmale? Konkret: Wie wird ein vornehmlich weißes Objekt mit zwei vertikal orientierten Kanten und einer horizontal orientierten Kante als Fußballtor erkannt? Eine mögliche Erklärung dieses sogenannten Bindungsproblems wäre, dass die Zugehörigkeit verschiedener visueller Reizmerkmale zum selben Objekt in der Gleichförmigkeit der Entladungsmuster in den beteiligten Kortexarealen kodiert wird (Engel, König, Kreiter, Schillen & Singer, 1992). Alle Zellen in Kortexarealen, die Merkmale desselben Objekts repräsentieren, weisen zum selben Zeitpunkt Entladungen im höheren Ausmaß auf als die Zellen, die Merkmale verschiedener Objekte repräsentieren.
Auf einer sehr globalen Betrachtungsebene finden sich bei der visuellen Informationsverarbeitung Hinweise für eine Weiterverarbeitung in zwei getrennten neuronalen Verarbeitungssystemen. Vereinfacht dargestellt verlaufen diese Verarbeitungsströme ausgehend vom primären visuellen Kortex zum Temporallappen (ventrale Route) und zum Parietallappen (dorsale Route). Nach dieser Modellvorstellung erfolgt die Erkennung von Objekten über den ventralen Pfad; aufgrund dieser Eigenschaft wird diese Route als Was-Pfad bezeichnet (Mishkin, Ungerleider & Macko, 1983). Der dorsale Pfad dagegen hat die Aufgabe, solche Merkmale zur Verfügung zu stellen, die mit der gezielten Interaktion mit diesem Objekt benötigt werden (z. B. Position und Bewegungsrichtung im Raum). Deshalb wird dieser Pfad als Wie-Pfad bezeichnet (Milner & Goodale, 2006).
Physiologie des auditiven Wahrnehmungssystems
Ähnlich wie im visuellen System erfolgt im auditiven System eine Transduktion von bestimmten Eingangsinformationen; im Fall der auditiven Wahrnehmung von auditiven Informationen im physiologischen auditiven System. Genauer gesagt erfolgt die Aufnahme von Schallwellen über das Außenohr, Mittelohr und Innenohr. Der zum Außenohr gehörende Gehörgang wirkt dabei modulierend und verstärkend auf den einströmenden Schall. Die Verstärkung gilt vor allem für den mittleren Bereich (ca. 3000 Hz) des vom Menschen hörbaren Frequenzbereichs (ca. 20 Hz bis ca. 16000 Hz) und kann die hohe auditive Sensitivität in diesem Bereich erklären, in dem u. a. Sprachsignale übermittelt werden. Das Außenohr wird abgeschlossen durch das Trommelfell, eine dünne Membran, die durch Schallwellen in Bewegung gesetzt wird. Diese Bewegungen setzen im Mittelohr wiederum die Gehörknöchelchen Hammer, Ambos und Steigbügel in Bewegung, die wiederum als Abschluss des Mittelohrs eine weitere Membran, das ovale Fenster, in Schwingung bringen. Das ovale Fenster überträgt die Schwingungen auf eine Flüssigkeit in der Cochlea, einer schneckenförmigen Struktur im Innenohr. Die Druckschwankungen, ausgelöst durch die Schwingungen in der Cochlea-Flüssigkeit, versetzen die Basilarmembran in Bewegung, dadurch verschiebt sich die Basilarmembran im Verhältnis zu einer benachbarten Tektorialmembran. Es kommt dabei zur Verbiegung der Zilien, der kleinen Härchen zwischen Basilar- und Tektorialmembran. Das Verbiegen der Zilien verursacht ein Erregungspotential, das schließlich zur Erregung der Neurone des Hörnervs führt.
Äquivalent zur retinotopen Organisation von visuellen Informationen im visuellen System (d. h. Zellen im CGL und visuellen Kortex, die auf Reizung benachbarter Retinabereiche reagieren, liegen nah beieinander und geben so die räumlichen Verhältnisse auf der Retina wider) folgt die Aktivierung der Schnecke einer tonotopen Organisation: Frequenzen, die nah beieinander liegen, werden in benachbarten Bereichen der Schnecke verarbeitet. Dabei werden tiefere Frequenzen eher am flexiblen Ende der Schnecke, dem so genannten Apex, und hohe Frequenzen eher an der Basis der Schnecke verarbeitet; dieses Phänomen kann illustriert werden an den flexiblen Klaviersaiten für tiefe Töne und den straff gespannten Klaviersaiten für hohe Töne. Die Schallintensität wird durch die Höhe der Entladungsfrequenz in den Hörnerven kodiert: Hohe Intensitäten werden demnach mit hohen Entladungsfrequenzen und niedrige Intensitäten mit niedrigen Entladungsfrequenzen kodiert. Die Hörnerven werden in den Hörbahnen auf ihrem Weg zum auditiven Kortex in der Sylvi’schen Fissur im Temporallappen und angrenzend an Parietal- und Frontallappen, ähnlich den Sehbahnen im visuellen System, zwischen der linken und rechten Hemisphäre verschaltet. Im auditiven Kortex bleibt die tonotope Organisation der Hörnerven teilweise erhalten. Ähnlich dem visuellen System ist auch im auditiven System ein Vergrößerungsfaktor zu beobachten: Kortikale Repräsentationen im mittleren Frequenzbereich von ca. 250 Hz bis 4000 Hz nehmen einen überproportional großen Raum ein.
2.2 Beschreibende Perspektive auf visuelle Wahrnehmung
In der vorangegangenen physiologischen Perspektive auf die Wahrnehmung steht der Zusammenhang zwischen den physikalischen Reizen und dem Verhalten von neuronalen Zellen sowie dem Nervensystem im Mittelpunkt, in der beschreibenden Perspektive wird dagegen der Zusammenhang zwischen den physikalischen Reizen und dem subjektiven Wahrnehmungseindruck verfolgt. Dieser Zusammenhang wurde sowohl in der Psychophysik als auch in der Gestaltpsychologie beschrieben. Allerdings gehen die beiden Ansätze nicht speziell auf die zugrundeliegenden theoretischen und kognitiven Prozesse ein, die diese Zusammenhänge erklären können.
2.2.1 Psychophysik
In der Psychophysik wird der Zusammenhang zwischen physikalischen Reizen und subjektiven Wahrnehmungseindrücken in Form von Transformationsprozessen beschrieben. Genauer untersucht die klassische Psychophysik nach Gustav Theodor Fechner (1860) den Zusammenhang zwischen physikalischen Größen einer Reizdimension und der psychisch empfundenen Größe und Intensität dieser Dimension. Vor allem zu Beginn der Psychophysik stand der Zusammenhang zwischen einfachen physikalischen Dimensionen, wie Helligkeit, Farbe oder Größe eines Reizes, mit der empfundenen Helligkeit, Farbe oder Größe des Reizes im Vordergrund. Vor der Darstellung dieses Zusammenhangs geht es zunächst um zwei andere, grundlegende Fragen der Psychophysik:
1. Ab welcher minimalen Größe wird ein Reiz wahrgenommen (d. h. die Ebenmerklichkeit, ab der ein Reiz detektiert werden kann)?
2. Welcher minimale physikalische Unterschied führt zur psychischen Unterscheidbarkeit von zwei Ausprägungen auf einer Reizdimension (d. h. die Ebenmerklichkeit, ab der ein Reizunterschied detektiert werden kann)?
Die Antworten auf beide Fragen führen zur Bestimmung von sogenannten Schwellenwerten: Die Ebenmerklichkeit eines Reizes ergibt die Absolutschwelle und die Ebenmerklichkeit eines Reizunterschieds ergibt die Unterschiedsschwelle. Zur Bestimmung dieser Schwellen wurden drei Methoden entwickelt, die hier am Beispiel der Absolutschwelle beschrieben werden, sie können aber ohne weiteres auch auf die Bestimmung von Unterschiedsschwellen übertragen werden. Versuchspersonen werden in der Grenzmethode Reize verschiedener Stärke kontinuierlich in aufsteigender oder absteigender Folge präsentiert. Die aufsteigenden Folgen starten dabei typischerweise mit unterschwelligen Reizen, während die absteigenden Folgen mit überschwelligen Reizen starten. Sobald Versuchspersonen einen Reiz detektieren (bei aufsteigenden Folgen) oder nicht mehr detektieren (bei absteigenden Folgen), wird die Reizstärke des gerade nicht mehr entdeckten beziehungsweise des gerade noch entdeckten Reizes festgehalten. Aufsteigende und absteigende Folgen werden mehrfach und abwechselnd durchgeführt. Die festgehaltenen Reizstärken aller Durchgänge werden abschließend gemittelt und somit der für die Bestimmung der Absolutschwelle kritische Wert ermittelt.
Um aussagekräftige Ergebnisse zu erhalten, werden in der Konstanzmethode im Unterschied zur Grenzmethode mehrere feste Reize in zufälliger Reihenfolge dargeboten; idealerweise sollten dabei etwa die Hälfte der Reize unter und die andere Hälfte der Reize über einer vermuteten Absolutschwelle liegen. Da alle Reize mehrmals dargeboten werden, erhält man für alle Reizstärken eine relative Detektionswahrscheinlichkeit. Diese Wahrscheinlichkeit nimmt von der kleinsten bis zur größten Reizstärke zu. Die Absolutschwelle ist dann die Reizstärke, bei der die Detektionswahrscheinlichkeit bei 50 % liegt.
Werden bei der Grenz- und Konstanzmethode die Reizstärken vom Experimentator vorgegeben, stellen die Versuchspersonen bei der Herstellungsmethode ihre Reizstärken selbst her. Dabei geht es um die Herstellung jenes Reizes, der gerade noch (oder gerade nicht mehr) detektierbar ist. Um einen aussagekräftigen Schwellenwert aus einem Mittelwert zu erhalten, werden in mehreren Durchgängen die Reizstärken festgehalten, bei dem die Reize noch detektierbar oder nicht mehr detektierbar sind.
Fechner nutzte Absolut- und Unterschiedsschwellen, um eine Transformationsgleichung zwischen physikalischen und psychischen Skalen vorzuschlagen. Der physikalische Wert der Absolutschwelle wird dabei als die Ebenmerklichkeit eines Reizes definiert und markiert, in der vorgeschlagenen Transformationsskala das untere Ende der Skala. Die Ebenmerklichkeit eines Reizes wird auf der psychischen Skala mit dem Nullpunkt gleichgesetzt. Die Unterschiedsschwelle, definiert als die Ebenmerklichkeit eines Empfindungsunterschieds zwischen zwei Reizen, bestimmt die Intervalle auf der physikalischen Skala. Heinrich Weber hat aber festgestellt, dass Unterschiedsschwellen nicht identisch für alle Ausgangsgrößen einer Reizdimension sind, vielmehr ist das Verhältnis zwischen der Ausgangsgröße und dem ebenmerklichen Unterschied konstant. Diese Konstante (k) bedeutet nichts anderes, als dass der Unterschied proportional mit der Ausgangsgröße ansteigt. Die Konstante variiert lediglich mit der gemessenen Reizdimension. Unter Einbeziehung der Konstante nach Weber hat Fechner die Empfindungsstärke in Form einer logarithmischen Funktion abgetragen, die als Weber-Fechner’sches Gesetz bezeichnet wird.
In späteren Studien stellte Stevens (1957) fest, dass das Weber-Fechner’sche Gesetz nur zwischen bestimmten Grenzbereichen der Reizstärken gültig ist. Beispielsweise ist die Weber’sche Konstante in der Nähe der Absolutschwelle oder der Schmerzgrenze höher als in einem mittleren Bereich. Um diesen Einwand gegen das Weber-Fechner’sche Gesetz nachzukommen, stellte Stevens den Zusammenhang zwischen psychischem Empfindungen und physikalischer Stärke als Potenzfunktion dar. Validiert wurde diese Potenzfunktion mithilfe einer Variante des Konstanzverfahrens – der Methode der direkten Größenschätzung. Bei dieser Variante des Konstanzverfahrens weisen Experimentatoren einem Standardreiz einen numerischen Ausgangswert zu (z. B. 100). Die Aufgabe der Versuchspersonen besteht nun darin, aufgrund des Ausgangswertes einen physikalischen Vergleichswert subjektiv einzuschätzen. Wird der Vergleichswert beispielsweise subjektiv als halb so intensiv empfunden, ist der Wert 50 zu vergeben. Die so erreichten Werte lassen sich mit Potenzfunktionen beschreiben und spezifizieren den Zusammenhang zwischen subjektiven psychischen Empfindungen und objektiven physikalischen Skalen im Kontext der Psychophysik.
2.2.2 Gestaltpsychologie
Die Gestaltpsychologie begründet sich als Gegenströmung zur Elementarpsychologie, zu der auch die Psychophysik (
Kap. 2.2.1) gezählt werden kann. Die Elementarpsychologie geht von der Annahme aus, dass sich Wahrnehmung in kleinste elementare Empfindungen zerlegen lässt. Allerdings besteht Wahrnehmung in unserer realweltlichen Umwelt vielmehr aus dem Zusammenspiel und der Wechselwirkung von verschiedenen elementaren Einzelempfindungen. Diese Ansicht von Wahrnehmung lässt sich treffend mit der Annahme ausdrücken, dass Wahrnehmung mehr als die Summe seiner einzelnen Teile ist. Diese Annahme betont, dass einzelne Empfindungen in verschiedener Weise miteinander interagieren können, deshalb beschreibt die Gestaltpsychologie vor allem die Rolle von Ganzheiten (d. h. Gestalten) in der Wahrnehmung. Ein Verständnis der Gestalten (und damit ein Verständnis von komplexen Reizkonfigurationen in unserer realweltlichen Umwelt) ist durch die bloße Analyse der Einzelempfindungen nicht zu erreichen. Ein populäres Beispiel für Gestalten ist das Phänomen der Scheinbewegung (Wertheimer, 1912): Werden zwei stationäre Lichtpunkte alternierend ein- und ausgeschaltet, dann entsteht der Eindruck einer Bewegung. Diese Bewegungsempfindung basiert offensichtlich nicht auf Empfindungen von Einzelteilen, da es kein Reiz gibt, der sich zwischen den stationären räumlichen Reizpositionen bewegt. Vielmehr wird eine Bewegungsempfindung hinzugefügt, ohne dass es in den einzelnen Teilen eine äquivalente Entsprechung gibt. Ein ähnliches Phänomen ist das der Scheinkontur, es hat ebenfalls keine Entsprechung in den Einzelempfindungen. In Abbildung 2.8 nehmen wir ein sogenanntes Kanisza-Viereck wahr, obwohl die Reizanordnung kein Viereck enthält – ein Befund, der sogar eine neuropsychologische Entsprechung als Aktivierung im Hinterhauptlappen hat (Maertens & Pollmann, 2005;
Abb. 2.5). In einem Extrembeispiel können alle Einzelempfindungen ausgewechselt werden, ohne dass die Ganzheit ihre Gestalt verliert: Werden alle Töne einer Melodie transponiert (d. h. alle Töne einer Melodie werden um denselben Abstand erhöht oder erniedrigt), ist die Melodie trotz der Veränderung noch mühelos zu erkennen.

Abb. 2.5: Beispiel einer Scheinkontur: Man sieht ein (Kanisza-)Viereck, das in den Einzelempfindungen keine Entsprechung hat.
Die Gestaltpsychologie beschränkt sich nicht nur auf die Kritik der Elementarpsychologie, sondern die verschiedenen gestaltpsychologischen Richtungen und Schulen (z. B. Frankfurter Schule um Max Wertheimer oder die Berliner Schule um Kurt Koffka, Kurt Lewin und Wolfgang Köhler) gingen den Gesetzen nach, wie Wahrnehmung organisiert ist. Das zentrale Gesetz der Gestaltpsychologie ist die Wahrnehmungsorganisation nach dem Prägnanzprinzip. Demnach setzt sich von mehreren Möglichkeiten der Wahrnehmungsorganisation stets die Ordnung durch, welche die einfachste, einheitlichste, stabilste oder auch »beste« Gestalt ergibt (deshalb auch als »Prinzip der guten Gestalt« bezeichnet). Obwohl sehr vage formuliert, ergeben sich aus diesem Prinzip eine Reihe von Gesetzen, die spezifische Realisierungen des Prägnanzprinzips sind. Obwohl es Unterschiede in diesen spezifischen Realisierungen und ihrer Komplexität über die verschiedenen gestaltpsychologischen Richtungen und Schulen hinweg gibt, entstand in der Vergangenheit dennoch ein relativ einheitlicher Kanon von Gestaltgesetzen. Die populärsten sollen im Folgenden genannt werden.
Das Gesetzt der Nähe besagt, dass Objekte zueinander gruppiert werden, die nahe beieinander sind und sich von anderen Objekten separieren lassen (
Abb. 2.6; A). Ein Beispiel dafür sind nahe beieinander befindliche Vögel, die zu einem Vogelschwarm gruppiert und geordnet werden. Das Gesetz der Ähnlichkeit besagt, dass äußerlich ähnliche Objekte zueinander gruppiert werden. Zum Beispiel werden die Objekte in Abbildung 2.6 B eher in Spalten als in Zeilen gruppiert, da sich die Objekte innerhalb der Spalten ähnlicher sind als innerhalb der Zeilen. In unserem Eingangsbeispiel, dem Stadionbesuch, wird eine realweltliche Anwendung des Gesetzes der Ähnlichkeit demonstriert: Herr F. erkennt die Gruppe der Fans des gegnerischen Teams anhand ähnlicher Farben, Formen und Symbole auf Schals und Trikots. Das Gesetz der Geschlossenheit besagt, dass die Wahrnehmung dazu tendiert, unvollständige Objekte zu ergänzen. Obwohl es in Abbildung 2.6 C nur Anordnungen einzelner elementarer Formen (z. B. rechte Winkel, unvollständige Halbkreise) gibt, werden diese Formen zu einem Viereck oder einem Kreis ergänzt. Das Gesetz der Symmetrie besagt, dass diejenigen Objekte gruppiert werden, die um eine symmetrische Achse oder ein Zentrum organisiert werden können (
Abb. 2.6 D). Das Gesetz der Fortsetzung (auch Gesetz der Kontinuität) besagt, dass die Wahrnehmung dazu tendiert, Objekte zu einem fortlaufenden Muster zu vervollständigen. Abbildung 2.6 E zeigt ein Beispiel: Obwohl die dünnen Linien hinter dem breiten zentralen Balken nicht zueinander passen (d. h. die Fortsetzungen der Linien hinter dem Balken sind leicht seitlich versetzt), werden sie dennoch als zusammengehörig wahrgenommen. Abschließend besagt das Gesetz zur Figur-Grund-Trennung, dass die globale Gesamtstruktur auf die lokale Verteilung der Figuren und des Hintergrunds einwirkt. Die Wahrnehmung produziert also, dass sich bestimmte Flächen zu einer Figur oder einem Objekt und andere Flächen zu einem Hintergrund gruppieren. Abbildung 2.6 F zeigt ein entsprechendes Beispiel mit Figuren (Fläche 1 und 2) und Hintergrund (Fläche 3). Faktoren, die die Zuweisung einer Fläche zu Figuren begünstigen, sind eine geschlossene Kontur (z. B. die Flächen 1 und 2), eine kleine Fläche (z. B. die Flächen 1 und 2), Symmetrie (z. B. Fläche 2) oder Parallelität (z. B. Fläche 2). Bei der Zuweisung von Flächen zu Figuren können also mehrere Faktoren gleichzeitig wirken.
Insgesamt hat die Gestaltpsychologie sehr bedeutsame und gut nachvollziehbare Gestaltgesetze formuliert und beschrieben, die unsere Wahrnehmung organisieren. Allerdings bietet sie kaum eine Erklärung für die Existenz und Anwendung dieser Gesetze an. Man hat es versäumt, Kriterien zu determinieren, wann und unter welchen Bedingungen eine gute Gestalt vorliegt und ein spezifisches Gesetz angewendet wird. Beispielsweise haben wir gesagt, dass Fans einer Fußballmannschaft in ihrem Stadionblock anhand ihrer Ähnlichkeit erkannt werden. Allerdings

Abb. 2.6: Konkrete Realisierungen von Gestaltgesetzen nach dem Prägnanzprinzip. (A) Gesetz der Nähe, (B) Gesetz der Ähnlichkeit, (C) Gesetz der Geschlossenheit, (D) Gesetz der Symmetrie, (E) Gesetz der Fortsetzung, (F) Figur-Grund-Trennung
spielt natürlich auch das Gesetz der Nähe eine Rolle, da die Fans nahe beieinander lokalisiert sind. Es bleibt hier also unklar, welches Gesetz zu welchen Anteilen angewendet wird und es ist lediglich eine nachfolgende subjektive Analyse des Wahrnehmungsvorganges möglich. Der Vorwurf scheint also zumindest teilweise berechtigt zu sein, dass die Gestaltpsychologie eher beschreibend agiert und weniger die zugrundeliegenden kognitiven Mechanismen und somit die visuelle Wahrnehmung erklärt.
Auditive Szenenanalyse: Raumwahrnehmung und Gestaltgesetze in der auditiven Wahrnehmung
Das obige Beispiel der Transformation von Melodien um einen konstanten Tonwert und des konstanten Erkennens dieser Melodien zeigt, dass Elemente der Gestaltpsychologie auch auf die auditive Wahrnehmung zutreffen. Genauer gesagt erkennt man auch in der sogenannten auditiven Szenenanalyse, dass Raumwahrnehmung möglich ist und Gestaltgesetze angewendet werden. Ein Beispiel für auditive Szenenanalyse: Wir können aus einer Live-Band oder einem live spielenden Orchester die einzelnen Instrumente auditiv trennen (z. B. können Schlagzeug, Bass und Gitarre beziehungsweise Geigen und Kontrabass voneinander unterschieden werden). Es ist auch möglich, aus einer Gruppe von verschiedenen gleichzeitigen Sprachsignalen einen bestimmten Sprecher zu segregieren (z. B. kann auf einer Cocktail-Party problemlos mit einem Gegenüber kommuniziert werden, obwohl im selben Raum viele andere Gespräche geführt werden und Musik läuft).
Die Fähigkeit zur auditiven Raumwahrnehmung ist erstaunlich, da auditive Reize zunächst keine räumliche Information enthalten, während visuelle Rauminformationen im Gegensatz dazu direkt aus der Verortung des Reizes auf der Retina erschlossen werden können. Allerdings findet in der auditiven Wahrnehmung, ähnlich zur visuellen Information, ein Vergleich zwischen dem linken und rechten Sinnesorgan (in der auditiven Wahrnehmung zwischen dem linken und rechten Ohr) statt. Aus diesem Vergleich können zwei Informationsarten zur räumlichen Repräsentation herangezogen werden: Die interaurale Zeitdifferenz beschreibt das Phänomen, dass der sich von einem Punkt ausbreitende Schall und die dazu gehörige Zeitdifferenz, mit der der Schall das linke und rechte Ohr erreicht, abhängig von der horizontalen Lage (dem sogenannten Azimut) der Schallquelle ist. Geht eine Schallquelle von einem Punkt aus, der gleich weit von den Ohren entfernt ist (z. B. mittig vor oder hinter einer Person), erreicht der Schall beide Ohren zum selben Zeitpunkt. Je weiter seitlich sich die Schallquelle befindet, desto ausgeprägter ist die Zeitdifferenz, mit der die Schallwellen an beiden Ohren eintreffen (maximal 0,6 bis 0,8 ms). Der interaurale Pegelunterschied ist eine zusätzliche Informationsart aus dem Vergleich des Signals in beiden Ohren. Durch eine Behinderung der Ausbreitung von Schallwellen am von der Schallquelle abgewandten Ohr (z. B. eine Behinderung durch die Kopfform) kommt es zu einer verminderten Lautstärke in diesem Ohr. Diese Lautstärkeunterschiede werden neben der interauralen Zeitdifferenz ebenfalls als Information zur räumlichen Verortung von Schallquellen auf der horizontalen Ebene herangezogen.
Die Schallwellen werden des Weiteren vor dem Erreichen des Trommelfells an den Ohrmuscheln im Außenohr und im Gehörgang reflektiert. Diese Reflektion ist abhängig vom Einfallswinkel, der zum einen aus der Vertikalebene, zum zweiten aus dem Azimut und zum dritten aus der individuellen kopfbezogenen Transferfunktion bestimmt wird. Diese Funktion ergibt sich aus der individuellen Form und Größe von Ohr und Gehörgang und führt zu einer individuellen Änderung des Frequenzspektrums durch eine räumliche Verlagerung der Schallquelle. Die individuelle Erfahrung hinsichtlich dieser systematischen Änderung stellt eine zusätzliche Informationsquelle für die auditive Raumwahrnehmung dar.
Vornehmlich an der Szenenanalyse kann verdeutlicht werden, wie der einkommende Schall so strukturiert wird, dass Zahl und Art der Schallquellen bestimmt werden können. Die wesentlichen Operationen sind dabei das Trennen von Schallanteilen aus verschiedenen Schallquellen und das Verbinden von Anteilen aus miteinander verbundenen Quellen. Ähnlich wie mit Gestaltgesetzen in der visuellen Domäne mit meist statischen Bildern gibt es auch in der auditiven Domäne Anteile, deren Verbindung durch Gestaltgesetze beschrieben werden können, hier allerdings eher dynamisch über die Zeit hinweg. Dabei geht man davon aus, dass maximal vier auditive Ströme gleichzeitig voneinander differenziert werden können (eine Beschränkung ähnlich der generellen Kapazitätsbeschränkungen im kognitiven System und im Arbeitsgedächtnis; Cowan, 2001). Es helfen Informationen aus Tonhöhe (z. B. eine tiefe männliche Sprechstimme oder eine hohe weibliche Sprechstimme), Klangfarbe (z. B. Klavier und Geige) und Ort der Schallquelle bei der Szenenanalyse (die Detektion des Ortes wurde im Kontext der auditiven Raumwahrnehmung beschrieben). Des Weiteren hilft der unterschiedliche Beginn von Tönen bei der Analyse dynamischer Szenen. Schon eine Asynchronie von zehn ms zwischen den Tonbeginnen reicht aus, um den Eindruck entstehen zu lassen, dass zwei Schallanteile von verschiedenen Quellen stammen. Außerdem gibt es in der auditiven Domäne das Prinzip der Nähe und der Ähnlichkeit (äquivalent zur visuellen Domäne). Dabei werden zeitlich nahe aufeinander folgende sowie ähnliche Töne (z. B. kleine Frequenzabstände) als zusammengehörig strukturiert und derselben Quelle in einer Szenerie zugeordnet (van Noorden, 1975).
2.3 Erklärende Perspektive auf visuelle Wahrnehmung
Der folgende Abschnitt stellt Theorien und Modelle vor, die kognitive Prozesse formulieren und damit die grundlegenden Mechanismen in der visuellen Wahrnehmung verdeutlichen. Im Unterschied zur beschreibenden Perspektive aus den vorangegangenen Abschnitten geben diese grundlegenden Mechanismen kausale Erklärungen dafür, wie visuelle Informationen über verschiedene Stufen hinweg kognitiv verarbeitet werden.
Wir werden uns grundlegende Mechanismen der kognitiven Informationsverarbeitung in der visuellen Wahrnehmung vor allem im Kontext der Erkennung dreidimensionaler komplexer Objekte anschauen. Genauer werden wir David Marrs Algorithmischen Ansatz, Irving Biedermans Recognition-by-components-Theorie sowie die Theorien zur Erkennung von Gesichtern betrachten. Die Gesamtheit dieser Theorien versucht zu erklären, wie aus einem komplexen, dreidimensionalen physischen Objekt über ansichtsvariierende, zweidimensionale Abbilder auf der Retina eine ansichtsunabhängige, formstabile Repräsentation dieser Objekte bei der Erkennung in unserem visuellen Wahrnehmungssystem entsteht (die letztgenannte Art der Repräsentation erlaubt eine Beschreibung und Erkennung eines Objekts unabhängig vom Blickwinkel zwischen Betrachter und Objekt).
2.3.1 Marrs algorithmischer Ansatz
Ein genereller Erklärungsversuch auf die Frage nach der Entstehung ansichtsunabhängiger, visueller Repräsentationen aufgrund der Wahrnehmung komplexer, dreidimensionaler Objekte ist die Annahme, dass zunächst ein dreidimensionales, ansichtsunabhängiges Modell des Objekts konstruiert wird. Dieses Modell wird dann mit Gedächtnisrepräsentationen verglichen, die ebenfalls in ansichtsunabhängiger Form abgelegt sind. Die entscheidende Frage ist allerdings: Wie entstehen dreidimensionale, ansichtsunabhängige Objektmodelle?
David Marrs theoretischer Ansatz zur Objekterkennung ist eingebunden in seinen algorithmischen Ansatz (Marr, 1982). In diesem Ansatz beginnt die Objekterkennung mit dem Erstellen einer zweidimensionalen Repräsentation des retinalen Bildes durch Merkmalsextraktion in einer so genannten Primärskizze. In dieser Skizze werden Hell-Dunkel-Verteilungen und Konturen von Objekten (d. h. Figuren) repräsentiert. Diese Konturen werden verwendet, um Kanten und Oberflächen und somit Grenzen zwischen den Objekten und dem Hintergrund abzuleiten. Das Gruppieren von Konturen findet nach den Prinzipien statt, die wir bereits im Kontext der Gestaltpsychologie gesehen haben. Aus der Primärskizze wird dann in einem weiteren Schritt eine Repräsentation entwickelt, in der die Objekte in einer Szene durch Hinzufügen von Tiefeninformationen mit ihren Orientierungen und Entfernungen vom Betrachter aus kodiert sind. Diese Repräsentation wird als 2 ½-D-Skizze bezeichnet und ist eine ansichtsabhängige Repräsentation einer betrachteten Szenerie. Repräsentationen der betrachteten Szenerie würden sich auf dieser Stufe der Verarbeitung jedes Mal ändern, wenn sich die räumlichen Positionen von Objekt und Betrachter zueinander verändern. Erst die sogenannte 3D-Modell-Repräsentation, die aus der 2 ½-D-Skizze erstellt wird, erlaubt eine ansichtsunabhängige Repräsentation eines betrachteten Objekts. In dieser Repräsentation werden Objekte als strukturelle Liste elementarer, dreidimensionaler Komponenten repräsentiert, in der die räumliche Anordnung der Einzelkomponenten zueinander spezifiziert ist. Diese elementaren Teilkomponenten kennzeichnen sich dadurch, dass ihre Hauptachse ansichtsunabhängig und somit von verschiedenen Blickwinkeln relativ leicht zu bestimmen ist.
Abbildung 2.7 zeigt den Versuch, den Informationsfluss der visuellen Wahrnehmung im Kontext von Marrs algorithmischem Ansatz schematisch zu illustrieren (
Abb. 2.7). Die Wahrnehmung beginnt mit dem Extrahieren von Lichtenergie aus der Umgebung auf der Retina. Aus den extrahierten visuellen »Rohinformationen« im Retina-Abbild werden wiederum einzelne Merkmale extrahiert und eine Primärskizze erstellt. Diese Merkmale werden mit Tiefeninformationen kombiniert. Aus dieser Kombination kann ein Betrachter die Lage und Orientierung von Objekten im Raum und somit die 2 ½-D-Skizze erstellen. Mit der Erstellung von ansichtsunabhängigen Teilkomponenten ergibt sich ein 3D-Modell. Schließlich wird dieses 3D-Modell mit Gedächtnisrepräsentationen abgeglichen, das führt zum Erkennen von Objekten. Das Ergebnis dieser Stufe ist uns in der Wahrnehmung zugänglich. Dieses Schema der Objekterkennung macht deutlich, dass eine umfassende Informationsverarbeitung notwendig ist, bevor uns wahrgenommene Objekte zugänglich sind.
Wir haben gesehen, dass dem Erkennen von komplexen dreidimensionalen Objekten eine umfassende Informationsverarbeitung mit verschiedenen Verarbeitungsstufen vorausgeht. Charakteristisch für diese Verarbeitung ist, dass Objekte nicht als Ganzes erkannt werden, sondern auf einer bestimmten Stufe der Verarbeitung in Teilkomponenten zerlegt werden (z. B. wird die 3D-Modell-Repräsentation in Teilkomponenten zerlegt). Diese Zerlegung in Teilkomponenten ist bereits bei Modellen zum Erkennen von einfachen, zweidimensionalen Objekten, wie Zahlen, Symbolen oder Buchstaben zu finden. Nach dem Modell der Merkmalsanalyse werden Objekte als Kombination elementarer Merkmale angesehen. Im Fall des Alphabets können Buchstaben aus horizontalen, vertikalen, schrägen und gekrümmten Linien kombiniert werden.

Abb. 2.7: Informationsfluss von der Aufnahme visueller Informationen im Retinaabbild bis zur Erkennung komplexer dreidimensionaler Objekte nach Marr und Nishihara (1978)
Zum Beispiel kann man den Großbuchstaben A aus zwei schrägen Linien (/ \) und einer horizontalen Linie (-) kombinieren. Befunde aus Verhaltensexperimenten zeigen, dass Merkmale als Komponenten bei der Mustererkennung fungieren. So werden zum Beispiel in einer Studie von Kinney, Marsetta und Showman (1966) systematische Falscherkennungen sichtbar, wenn der Buchstabe G erkannt werden soll: Wird dieser Buchstabe nur sehr kurzfristig dargeboten, klassifizieren Probanden den Buchstaben G häufig falsch. Von diesen Falschklassifikationen wurden 72,4 % als C und 20,7 % als O kategorisiert. Das zeigt, dass ein überwiegender, systematischer Teil der Falscherkennungen sehr ähnliche Buchstaben mit ähnlichen Merkmalen war. Ein solches Ergebnismuster ist zu erwarten, wenn der Erkennungsprozess von Objekten nach der Merkmalsanalyse verläuft. Es ist keine zuverlässige Unterscheidung bei Buchstaben mit ähnlichen Merkmalen möglich, wenn bei kurzen Darbietungen nicht alle Merkmale extrahiert werden können.
2.3.2 Biedermans Recognition-by-components-Theorie
Die Merkmalsanalyse und auch die zuvor ausgeführte Objekterkennung bei Marr unterspezifiziert allerdings, wie Merkmale und Teilkomponenten beschaffen sind und welche Menge und Identität diese Elemente haben. Eine Weiterentwicklung besonders in der Erkennung komplexer dreidimensionaler Objekte findet man in der Recognition-by-components- Theorie von Biederman (Biederman, 1987). Dieser Ansatz geht von einer begrenzten Menge elementarer geometrischer Komponenten (sogenannte Geons) aus. Durch diese Geons lassen sich zumindest grobe Formen bekannter Objekte zusammensetzen. In Abbildung 2.8 ist eine Auswahl von Geons und Beispiele ihrer offensichtlichen Kombinationen in erkennbaren Objekten illustriert (
Abb. 2.8). Im Kontext der Recognition-by-components-Theorie wird angenommen, dass sowohl die Repräsentation eines aktuell wahrgenommenen Objekts als auch die dazugehörige Gedächtnisrepräsentation aus strukturellen Beschreibungen der jeweiligen räumlichen Anordnungen der relevanten Geons bestehen. Es ist von essentieller Bedeutung, dass Geons sogenannte »nicht zufällige« Merkmale aufweisen, durch die sie ansichtsunabhängig erkennbar sind. Abgesehen von ganz extremen Ansichten weisen zweidimensionale Projektionen von Geons immer charakteristische Merkmale auf.

Abb. 2.8: Geons und ihre Kombinationen zu bekannten Objekten
Eine zentrale Vorhersage von Biedermans Theorie (Biederman, 1987) ist, dass die Objekterkennung maßgeblich davon abhängt, ob Geons, aus denen Objekte bestehen, erkennbar sind. Diese Erkennbarkeit hängt wiederum von der Verfügbarkeit der nicht zufälligen Merkmale der Geons ab. Biederman untersuchte diese Vorhersage anhand von Objekten, wie sie in Abbildung 2.9 illustriert sind (
Abb. 2.9). Die entscheidenden Versuchsbedingungen bestanden darin, dass einerseits Strichzeichnungen so gestalten wurden, dass eine Rekonstruktion von Geons weiterhin möglich ist (recoverable; mittlere Spalte (b) in Abbildung 2.9), andererseits Strichzeichnungen so gestaltet wurden, dass eine Rekonstruktion von Geons erschwert möglich ist (non-recoverable; rechte Spalte (c) in Abbildung 2.9). Die letztgenannten Strichzeichnungen wurden in einer Art erstellt, dass Merkmale von Geons gelöscht wurden, die die kritischen, nicht zufälligen Merkmale dieser Geons darstellen. Die Ergebnisse zeigen: Besonders bei längeren Intervallen konnten Versuchspersonen die Objekte mit recoverable Geons nahezu perfekt erkennen, dagegen war die Erkennung deutlich beeinträchtigt, wenn Geons non-recoverable waren. Der Autor schlussfolgerte daraus, dass Versuchspersonen nicht in der Lage sind, Geons zu erkennen, wenn kritische Teile dieser Komponenten fehlen, und dass durch das erschwerte Erkennen der Geons auch die Erkennung von ganzen, zusammengesetzten Objekten erschwert ist.

Abb. 2.9: Schematische Darstellung von Reizmaterial, wie es für Experimente zur Erkennung unvollständiger Objekte benutzt wurde (mittlere (b) und rechte (c) Spalte). Die linke Spalte (a) zeigt die vollständigen Strichzeichnungen (aus Biederman, 1987, S. 135, Abb. 16).
Obwohl die Recognition-by-components-Theorie sehr gut belegbare Aussagen zur Bedeutsamkeit von Geons in der Erkennung von komplexen Objekten trifft, liefert die Literatur zumindest Einschränkungen hinsichtlich der Ansichtsunabhängigkeit der Erkennung von Objekten. Im Kontext von Biedermans Theorie wird angenommen, dass Objekte nur unterschiedlich schwer zu erkennen sind, wenn die verwendete Ansicht mit einer schlechteren Erkennbarkeit der Geons einhergeht. Allerdings gibt es Befunde, die zeigen, dass bekannte Objekte schwieriger zu erkennen sind, wenn sie in einer ungewöhnlichen Perspektive dargestellt sind, ohne dass die Geon-Erkennung erschwert ist. Empirische Evidenz für diese Annahme geben Studien, in denen Versuchspersonen systematisch nur bestimmte Ansichten eines Objekts als typische (sogenannte kanonische) Ansichten wählen (Palmer, Rosch & Chase, 1981). Außerdem sind Reaktionszeiten in Benennungsaufgaben niedriger, je ähnlicher die dargebotene Ansicht eines Objekts der kanonischen Ansicht ist (Palmer et al., 1981). Solche Befunde können durch Theorien erklärt werden, nach denen die Objekterkennung nicht nur ansichtsunabhängig erfolgt, sondern teilweise auf ansichtsabhängigen Repräsentationen beruht oder die Objekterkennung einen Vergleich zwischen Objektansicht und Objektrepräsentation verwendet, der bei stärkerer Abweichung zwischen Ansicht und Repräsentation zeitaufwändiger und fehlerbehafteter ist (Tarr & Bülthoff, 1998).
2.3.3 Gesichtserkennung
In Marrs Algorithmischem Ansatz, in der Merkmalsanalyse und in Biedermans Recognition-by-components-Theorie werden die Komponenten, Einzelmerkmale oder Geons bei der Objekterkennung hervorgehoben. Diese Ansätze lassen aber offen, ob die Bedeutsamkeit dieser Elemente in gleichem Maße für alle Objekte in der Erkennung gelten, ob sich diese Bedeutsamkeit mit Erfahrung verändern kann und welche alternativen Informationen bei der Objekterkennung herangezogen werden könnten.
Eine besondere Klasse von Objekten im Bereich der Objekterkennung sind menschliche Gesichter. Auf einer beschreibenden Ebene kann die besondere Stellung von Gesichtern gezeigt werden, wenn man folgende Eigenschaften der Gesichtserkennung betrachtet: Es ist relativ zuverlässig, dass aus Gesichtern eine große Menge von Personeninformationen gezogen werden können, wie Geschlecht, Alter, ethnische Zugehörigkeit, emotionaler Zustand und gesundheitlicher Status (Bruce & Young, 1986; Calder, Rhodes, Johnson & Haxby, 2011). Außerdem kann eine relativ große Anzahl von Gesichtern identifiziert werden, trotz einer hohen strukturellen Ähnlichkeit zwischen den verschiedenen Gesichtern (d. h. alle Gesichter kombinieren die Elemente Auge, Nase, Mund etc. in gleicher räumlicher Weise). Die Frage bleibt aber offen, ob Gesichter auf besondere Weise wahrgenommen und erkannt werden. Das Phänomen der Prosopagnosie ist ein erster Befund, der für eine Besonderheit von Gesichtern in der Objekterkennung spricht (Damasio, Damasio, & Van Hoesen, 1982; McNeil & Warrington, 1993). Prosopagnosie tritt durch bestimmte Hirnschädigungen auf und geht mit dem selektiven Verlust der Fähigkeit der Gesichtserkennung und genauer der Gesichtsidentifikation einher. Das Erkennen anderer Objektklassen ist weitgehend ungestört. Des Weiteren zeigt sich bei verschiedenen Aufgaben in bildgebenden Verfahren in Personen ohne Prosopagnosie, dass eine erhöhte Aktivität und ein spezifisches Aktivierungsmuster im Gyrus fusiformis (
Kap. 2.1.3) im inferioren Temporallappen beim Erkennen von Gesichtern im Vergleich zu anderen Objektklassen (z. B. Häuser) zu finden ist (Haxby et al., 2001).
Eine weitere Besonderheit der Gesichtserkennung deutete sich bereits in den ersten experimentellen Studien an. Die Identifikation von Gesichtern ist besonders in einer aufrechten Orientierung genau. Diese Genauigkeit wird allerdings deutlich reduziert, wenn Gesichter in einer weniger typischen, invertierten Orientierung (»auf dem Kopf stehend«) präsentiert werden. Diese Reduktion (d. h. Inversionseffekt) kann man in dieser Ausprägung nicht in anderen Objektklassen finden (Yin, 1969). Um zu untersuchen, welche Arten von Informationen beim Erkennen von aufrechten Gesichtern von Bedeutung sind und der Verlust welcher Informationsart bei Inversion eines Gesichts zum Inversionseffekt und damit zur schwierigeren Erkennung von Gesichtern führt, wurden neben Einzelkomponenten (
Abb. 2.10; A) vor allem die Bedeutsamkeit von konfiguralen Informationen untersucht (
Abb. 2.10; B). Einzelkomponenten in Gesichtern sind beispielsweise Auge, Nase und Mund und die konfiguralen Informationen repräsentieren die räumlichen Relationen zwischen diesen Einzelkomponenten (z. B. liegen die Augen oberhalb der Nase; Abstand zwischen den Augen; Maurer, Le Grand, & Mondloch, 2002). Die Identifikation von Gesichtern in aufrechter und invertierter Orientierung wurde anhand von Gesichtern untersucht, die entweder auf Basis der Farbe, der Einzelkomponenten oder der Konfigurationen (d. h. Auge-Mund-Abstand) erkannt werden konnten (Leder & Bruce, 2000). Die Leistung in der Identifikation zeigte kaum einen Inversionseffekt, wenn die Identifikation aufgrund der Farbe von Einzelkomponenten möglich war, somit scheinen Informationen aus Gesichtskomponenten unabhängig von ihrer Orientierung zu sein. Allerdings wurde die Identifikation in der invertierten im Vergleich zur aufrechten Bedingung beeinträchtigt, wenn die Identifikation von Gesichtern aufgrund der konfiguralen Information möglich war. Dieser Inversionseffekt demonstriert, dass konfigurale Informationen essentiell für die Erkennung von Gesichtern in ihrer typischen aufrechten Orientierung sind. In der invertierten Bedingung sind diese Informationen nicht mehr erkennbar und damit sind die Gesichter schlechter zu identifizieren. Aus dieser Beeinträchtigung in der Verarbeitung konfiguraler Informationen ist somit auch die Bedeutsamkeit des Inversionseffekts in Gesichtern im Vergleich zu anderen Objektklassen zu erklären (Yin, 1969).

Abb. 2.10: Illustrationen von Informationen in Gesichtern. (A) Beispiel für Informationen aus Einzelkomponenten, (B) Beispiel für konfigurale Informationen, (C) holistische Informationen ohne klare Details
Neben konfiguralen Informationen in Gesichtern wird in der Literatur die Bedeutsamkeit von holistischen Informationen für die Erkennung von Gesichtern diskutiert. Ein holistischer Verarbeitungsmodus ermöglicht das Erkennen bestimmter Objekte als undifferenzierte Ganzheit (vergleichbar mit der Gestaltpsychologie,
Kap. 2.2.2). Damit werden die Objekte nicht durch Analyse der Komponenten in diesem Verarbeitungsmodus erkannt, wie das in Marrs Algorithmischem Ansatz oder Biedermans Recognition-by-components-Theorie der Fall ist. Vorstellbar wird holistisches Erkennen beim Identifizieren von Gesichtern aus großen Entfernungen, aus denen Einzelkomponenten weniger scharf erkannt werden können. Das Erkennen beruht hier eher auf der Gesamtheit der erkannten Informationen. Illustriert wird das holistische Erkennen in Abbildung 2.10 C, in der eher ganzheitliche Informationen anstatt Einzelkomponenten erkennbar sind (
Abb. 2.10; C). Hinweise darauf, dass die Erkennung von Gesichtern in besonders holistischer Weise erfolgt, stammen aus verschiedenen Untersuchungsparadigmen. Zum Beispiel haben Versuchspersonen in einer Studie von Tanaka und Farah (1993) Darstellungen von Gesichtern und Häusern gelernt (z. B. »Das ist das Gesicht von Larry.«, »Das ist das Haus von Joe.«). In einem anschließenden Test wurde ihnen dann entweder die zuvor gelernten Reize zum Erkennen präsentiert (z. B. »Ist das das Gesicht von Larry?«, »Ist das das Haus von Joe?«) oder es wurden isolierte Komponenten der gelernten Reize präsentiert (z. B. »Ist das die Nase von Larry?«, »Ist das die Tür von Joes Haus?«). Im Vergleich mit der Leistung der gelernten Reize zeigte sich eine Beeinträchtigung des Erkennens der Einzelkomponenten lediglich bei den Gesichtern, aber nicht bei den Häusern. Dieses Ergebnis zeigt die besondere Abhängigkeit des Erkennens einzelner Gesichtskomponenten von der holistischen Ganzheit des Gesichts.
Wir haben nun gesehen, dass das Erkennen von Gesichtern nicht nur auf Basis von Einzelkomponenten, sondern auch durch Verarbeitung von konfiguralen und holistischen Informationen erfolgt. Außerdem zeigen sich im Gyrus fusiformis besondere neuronale Aktivitätsstärken und -muster bei der Gesichtserkennung. Ausführlich diskutiert wurde allerdings die Frage, wie spezifisch sind diese Besonderheiten für Gesichter beziehungsweise lassen sich diese Besonderheiten auch in anderen Objektklassen wiederfinden. Als ein gemeinsames entscheidendes Kriterium über verschiedene Objektklassen hinweg wurde eine ausgesprochene Expertise für die betrachtenden Personen diskutiert. Beispielsweise zeigte sich eine vergleichbare Aktivitätserhöhung im Gyrus fusiformis auch bei Experten für Autos, Vögel oder Schachpositionen, wenn ihnen entsprechende Reize präsentiert werden (Bilalić, 2016; Gauthier, Skudlarski, Gore & Anderson, 2000). Konsistent mit diesen Befunden zeigt sich, dass mit extensivem Training beim Erkennen von Fantasiefiguren (sogenannten Greebles) eine stärkere Aktivierung des Gyrus fusiformis als beim Erkennen von Gesichtern erreicht werden kann (Gauthier, Tarr, Anderson, Skudlarski & Gore, 1999). Des Weiteren zeigt sich ein ähnlicher Inversionseffekt beim Erkennen von Gesichtern von Menschen und Hunden bei Hundeexperten (Diamond & Carey, 1986). Ein Inversionseffekt dieser Art tritt bei Personen ohne »Hunde«-Expertise ausschließlich bei menschlicher Gesichtserkennung, aber nicht bei Gesichtserkennung von Hunden auf. Zusammenfassend sind die Phänomene im Bereich der Gesichtserkennung (z. B. Inversionseffekt, Aktivität im Gyrus fusiformis) also nicht auf die spezifischen Objekte beziehungsweise Gesichter zurückzuführen, sondern sie sind generalisierbar auf Objektklassen, in den Personen eine außergewöhnliche Erfahrung und Leistung (d. h. Expertise) besitzen.
Schon im Bereich der neuronalen Verschaltung auf frühen Ebenen der visuellen Verarbeitung haben wir gesehen, dass es wechselseitige neuronale Verbindungen zwischen Strukturen gibt, die im Laufe der visuellen Verarbeitung früher rekrutiert werden und es gibt Strukturen, die später rekrutiert werden (beschrieben wurden bereits die wechselseitigen Verbindungen zwischen den Neuronen auf den Sehbahnen und dem primären visuellen Kortex). Allerdings sind solche wechselseitigen Verbindungen nicht nur auf relativ frühen und basalen Ebenen der Verarbeitung zu finden, sondern es gibt auch im Kontext der Objekterkennung Beispiele von wechselseitigen Verbindungen zwischen unterschiedlichen neuronalen Strukturen und kognitiven Komponenten. Evidenz für diese Wechselseitigkeit zeigt sich in sogenannten Adaptationseffekten der visuellen Objektwahrnehmung auf Gedächtnisrepräsentationen dieser Objekte. Ein früher Befund solcher Adaptationseffekte zeigt, dass (1) das Betrachten einer horizontalen (Adaptations-)Ellipse zum subjektiven Eindruck einer vertikalen Ellipse führt, wenn nachfolgend ein (Test-)Kreis präsentiert wird. (2) Das Betrachten einer linksorientierten (Adaptations-)Linie führt dagegen zum subjektiven Eindruck einer rechtsorientierten Linie, wenn nachfolgend eine vertikale (Test-)Linie präsentiert wird (
Abb. 2.11; Köhler & Wallach, 1944). Allerdings gibt es neuere Befunde, die solche Adaptationseffekte von einfachen auf komplexere Formen übertragen konnten:
1. Betrachten Versuchspersonen bekannte Gesichter mit stark reduzierten Auge-Mund-Abständen, dann werden nachfolgend nicht veränderte Gesichter als Gesichter mit erweiterten Auge-Mund-Abständen eingeschätzt (
Abb. 2.11; der umgekehrte Fall nach Adaptation mit stark erweiterten Auge-Mund-Abständen ist analog).
2. Betrachten Versuchspersonen ältere Gesichter, dann werden nachfolgend neutrale Gesichter als jüngere Gesichter eingeschätzt (auch hier ist ebenfalls der umgekehrte Fall nach Adaptation mit jüngeren Gesichtern möglich; Strobach & Carbon, 2013; Webster & MacLeod, 2011).
Obwohl in allen Fällen von Adaptationseffekten in einfachen und komplexen Objekten der Adaptationseffekt im Testbild nicht dasselbe Ausmaß erreicht wie im Adaptationsbild, zeigen solche Effekte, dass Wahrnehmungen nicht nur von Objektrepräsentationen beeinflusst werden. Diese Befunde zeigen auch, dass sich Objektrepräsentationen flexibel an veränderte Wahrnehmungseindrücke in der sich dynamisch verändernden Umwelt adaptieren können.

Abb. 2.11: Illustrationen von Adaptationsbildern, Testbildern und den resultierenden Adaptationseffekten am Beispiel der Form und Orientierung einfacher Objekte (erste Zeile) und konfiguralen Informationen in komplexen Objekten (d. h. bekannten Gesichtern; zweite Zeile)
Zusammenfassung und Ausblick
Sensorische Informationen werden über ein komplexes physiologisches System wahrgenommen. Für die visuelle und auditive Wahrnehmungsdomäne wurden in diesem Kapitel die unterschiedlichen Verarbeitungsschritte von einer wahrnehmungsnahen Verarbeitung mit der Verarbeitung einzelner Objektelemente (z. B. Farbe von visuellen Objekten oder Tonhöhe in auditiven Objekten) zur Verarbeitung in komplexen Zusammenhängen (z. B. die Verarbeitung von komplexen Objekten wie Gesichter) nachgezeichnet. Neben dieser physiologischen Perspektive auf Wahrnehmung wurden die Psychophysik und die Gestaltpsychologie in der beschreibenden Perspektive behandelt. Vor allem im Kontext der physiologischen Perspektive gibt es zukünftig ein hohes Potential, die erklärenden Mechanismen und Beiträge der physiologischen Verarbeitung zu spezifizieren. Diese Erklärungen wurden von kognitiven Theorien zur Objekterkennung, z. B. Marrs algorithmischer Ansatz, Biedermans Recognition-by-components-Theorie und den Theorien zur Gesichtserkennung im Kontext der erklärenden Perspektive demonstriert. Allerdings bieten auch diese Theorien zukünftige Potentiale ihrer Spezifizierung und ihrer Integration in physiologische Perspektiven. Des Weiteren wird sich sehr wahrscheinlich der Trend zu einer Integration von Betrachtungen einer Wahrnehmung in Kombination mit motorischen Handlungen fortsetzen (Kunde, 2017).
3 Aufmerksamkeit: Einführung und selektive Aufmerksamkeit
Herr F. schaut in den ersten Minuten gebannt auf das Fußballspiel und verfolgt genau die Passkombinationen der Heimmannschaft. Die Mannschaft spielt den Ball gekonnt immer wieder nach vorn an den Reihen des Gegners vorbei. Herr F. ist in der Lage, dem Spiel aufmerksam zu folgen, obwohl im Stadion sicher viele andere interessante Dinge zu sehen und zu hören sind: Die Zuschauer in der Reihe vor Herrn F. unterhalten sich angeregt, der Zuschauer neben Herr F. schwenkt unaufhörlich eine große Fahne und feuert die Spieler an und andere Fangruppen zeigen ihre einstudierten Choreografien und Fangesänge. Das alles nimmt Herr F. lediglich als undifferenzierte Seh- und Geräuschkulisse wahr. Plötzlich ein Pfiff des Schiedsrichters. Das Spiel wird unterbrochen und der Schiedsrichter läuft an die Seitenlinie zu einem am Boden liegenden Spieler der Heimmannschaft. Obwohl der Ort des Geschehens nahe an der Zuschauertribüne vor Herrn F. und damit für ihn gut sichtbar ist, hat Herr F. nicht gesehen, was geschehen ist. Gespannt schauen er und die anderen Zuschauer auf die Reaktion des Schiedsrichters: Er zeigt einem Gegenspieler die Rote Karte. Doch was war eigentlich passiert? Nur wenige der umstehenden Zuschauer haben gesehen, dass es eine Tätlichkeit und damit zu Recht die Rote Karte gab. Nachdem sich die Aufregung etwas gelegt hat, holt Herr F. wie gewohnt und ohne erkennbaren äußeren Anlass sein Smartphone aus der Tasche. Er sieht, dass er trotz Vibrationsalarm einen Anruf verpasst hat. Sein Rückruf kann aber warten und das Smartphone verschwindet wieder in der Tasche.
Wir beschäftigen uns in diesem Kapitel mit dem Thema Aufmerksamkeit. Bevor wir zu einer Erklärung dieser Domäne und seiner Phänomene kommen, wollen wir aus der Beschreibung des Stadionbesuchs und des Fußballspiels relevante Fragen zur Aufmerksamkeit ableiten:
• Wie ist es Herrn F. möglich, seine Aufmerksamkeit, trotz der Überfülle an externen Reizen und sensorischen Stimuli im Stadion, selektiv auf das Spiel zu fokussieren?
• Wie konnte es passieren, dass Herr F. die gut sichtbare Tätlichkeit im Spiel verpasst hat?
• Wie konnte Herr F. während des Beobachtens des Fußballspiels den Anruf verpassen und damit einen Fehler bei einer zweiten simultanen Aufgabe, die Registrierung von potentiellen Signalen des Smartphones, machen?
• Und warum hat Herr F. routinemäßig auf sein Smartphone geschaut?
Diese Fragen bestimmen die Struktur der folgenden Kapitel. In diesem Kapitel beschäftigen wir uns allgemein mit dem Thema Aufmerksamkeit und speziell damit, wie Aufmerksamkeit selektiv auf bestimmte Reize und Informationen ausgerichtet sein kann. Im darauffolgenden Kapitel (
Kap. 4) werden wir zu klären versuchen, welche Charakteristika Aufmerksamkeit hat, wenn mehr als eine Aufgabe gleichzeitig ausgeführt werden muss und damit die Aufmerksamkeit geteilt ist. Danach werden wir uns solche Situationen anschauen, bei denen durch Routinen, Erfahrung, Übung und Automatisierung keine Aufmerksamkeit mehr benötigt wird.
3.1 Selektive Aufmerksamkeit
Ständig wirkt eine Vielzahl visueller und auditiver Reize (
Kap. 2) und Reize anderer Modalitäten auf unsere Sinnesorgane und unser Wahrnehmungssystem ein. Allerdings wird selektiv nur ein kleiner Ausschnitt dieser Reizmenge bewusst als bedeutungsrelevante Information und für eine Weiterverarbeitung zur Verfügung gestellt. Diese Weiterverarbeitung ermöglicht es beispielsweise, die inhaltliche Bedeutung von Reizen zu analysieren und damit potentielle (Handlungs-)Interaktionen mit unserer Umwelt zu initiieren. Bezogen auf unser Beispiel erlaubt die selektive Aufmerksamkeit, dass Herr F. dem Fußballspiel und den Passkombinationen der Heimmannschaft so fokussiert folgen kann.
In einer so eindrucksvollen wie auch bekannten Laborsituation zeigten Simon und Chabris (1999) ihren Versuchspersonen ein Video, auf dem nichts anderes zu sehen war als zwei Basketballteams mit je drei Spielern. Die Mannschaften waren durch weiße bzw. schwarze T-Shirts zu erkennen und spielten vor einem neutralen Hintergrund. Während sich die Mannschaft mit den weißen T-Shirts unter die Mannschaft mit den schwarzen T-Shirts mischt und sich dabei ständig den Ball zuspielt, sollten Versuchspersonen die Ballpässe der erstgenannten Mannschaft zählen. Am Ende des Videos wurden die Versuchspersonen nach der Anzahl der Pässe gefragt. Die meisten Versuchspersonen gaben mit 14 Pässen die richtige Anzahl an. Anschließend wurden die Versuchspersonen gefragt, ob sie auch einen Gorilla gesehen hätten, der von rechts nach links durch das Bild gegangen sei. Tatsächlich verpassten etwa 50 % der Versuchspersonen den Gorilla, sie haben ihn nicht bemerkt. Sie verpassten den Gorilla sogar dann, wenn sich ihr Blick für etwa eine Sekunde auf den Gorilla richtete (Memmert, 2006). Die eindrucksvolle Demonstration des »Gorilla«-Videos wird in der kognitiven Psychologie inattentional blindness genannt und kann etwa mit Blindheit bei Unaufmerksamkeit übersetzt werden. (Das erwähnte »Gorilla«-Video, andere »Gorilla«-Videos und verschiedene Videos zur inattentional blindness sind unter http://www.theinvisiblegorilla.com/videos.html#studyvids zu finden). Inattentional blindness zeigt, dass die selektive Aufmerksamkeit es erlaubt, aus der Gesamtmenge der eingehenden Informationen die relevante Teilmenge zu selektieren; beispielsweise wird die Menge von Informationen selektiert, die für das Zählen der Basketball-Pässe notwendig sind. Diese Teilmenge von Informationen wird mit den im Gedächtnis gespeicherten Informationen verknüpft, um dann ein effizientes und störungsfreies Handeln zu ermöglichen. Allerdings führt inattentional blindness auch zu einer zeitweisen Unfähigkeit, Informationen außerhalb der relevanten Teilmenge zu verarbeiten.
Die Unfähigkeit zur effizienten Selektion von irrelevanten Informationen wird neben dem Phänomen der inattentional blindness auch im Phänomen change blindness (Wechselblindheit) eindrucksvoll gezeigt: Wenn Versuchspersonen beispielsweise den Unterschied zwischen zwei sehr detailreichen Bilder erkennen müssen, benötigen sie viele Wechsel zwischen den Bildern, um erst dann die oft deutlichen Unterschiede zu erkennen (Rensink, O'Regan & Clark, 1997). Essentiell für dieses Phänomen ist, dass die Wahrnehmung durch kurze Blinks (z. B. ein grauer Bildschirm) unterbrochen und somit eine ständige Neuausrichtung der Aufmerksamkeit benötigt wird. Die praktische Anwendung von change blindness ist beispielsweise aus Suchbildern in Zeitungen bekannt, bei denen eine Reihe von Unterschieden gefunden werden müssen.
Prinzipiell bringen diese Demonstrationen keine ganz neuen Erkenntnisse, denn William James machte bereits 1890 folgende Aussage über Aufmerksamkeit (James, 1890): »It is the taking possession of the mind, in clear and vivid form, of one out of several possible objects or trains of thought. Focalisation, concentration of consciousness are of its essence. It implies withdrawal from some things in order to deal effectively with other« (S. 403 f). Und auch mehr als ein Jahrhundert später wird die Fähigkeit der selektiven Aufmerksamkeit betont, bestimmte sensorische Reize mit der Intention auszuwählen, bestimmte Informationen der Steuerung von Denken und Handlungen zugänglich zu machen: »Research on attention is concerned with selective processing of incoming sensory information. To some extent, our awareness of the world depends on what we choose to attend, not merely on the stimulation entering our senses« (Driver, 2001, S. 53). Innovativ wäre allerdings auch noch heute die Aussage: »Everyone knows what attention is« (James, 1890, S. 403). Dabei bleibt offen, wie das kognitive Verarbeitungssystem das Problem löst, die richtigen Informationen zur richtigen Zeit vom richtigen Objekt und der richtigen Objekteigenschaft auszuwählen und für eine effiziente Koordination von Handlungen bereit zu stellen (Neumann, 1987; Styles, 2006). Um diese Fragen beantworten zu können, werden wir uns jeweils die wichtigsten experimentellen Paradigmen und deren Befunde dazu anschauen. Anschließend werden die theoretischen Ansätze zur Erklärung dieser Befunde dargestellt.
3.1.1 Aufmerksamkeitsfilter und ihre Theorien
In der Literatur gibt es verschiedene Theorien, die beschreiben, durch welche Mechanismen, Informationen beziehungsweise Verarbeitungsstufen relevante Informationen selektiert und irrelevante Informationen herausgefiltert werden. Dabei unterscheiden sich die Theorien besonders in den Annahmen darüber, welche Informationen relevant für das Filtern der Aufmerksamkeit sind und auf welcher Verarbeitungsstufe dieser Aufmerksamkeitsfilter somit ansetzt. Wir werden diese Theorien in der Reihenfolge betrachten, mit der sie den Ort der Filterung im Verarbeitungsstrom ansetzen: Wir beginnen mit Theorien, die eher einen frühen Aufmerksamkeitsfilter setzen, und fahren dann mit Theorien fort, die eher einen späten Filter setzen. Abschließend werden wir uns Möglichkeiten eines Kompromisses in dieser theoretischen »früh versus spät«-Kontroverse anschauen.
3.1.2 Filtertheorie der frühen Selektion
Donald Broadbent integrierte Befundmuster aus verschiedenen Paradigmen der selektiven Aufmerksamkeit in einer Filtertheorie der frühen Selektion. Als erste Annäherung kann diese Theorie Aufmerksamkeitsselektion und -filterung durch einen frühen, wahrnehmungsnahen Filter erklären. Das wohl bekannteste Paradigma zum Nachweis dieser frühen Selektion ist das Paradigma des dichotischen Hörens (Cherry, 1953). Dieses Paradigma – vor allem zur Untersuchung auditiver selektiver Aufmerksamkeit – sah wie folgt aus: Dem linken und dem rechten Ohr einer Versuchsperson wird per Kopfhörer gleichzeitig je eine Nachricht (z. B. ein gesprochener Text) präsentiert. Die Instruktion in diesem Paradigma ist zunächst, eine Nachricht (z. B. die Nachricht auf dem linken Ohr) zu beachten. Um dieses Beachten zu gewährleisten, sollten die Versuchspersonen diese Nachricht »beschatten«, d. h. laut nachsprechen. Dieses Nachsprechen wird von den Versuchspersonen subjektiv als relativ einfach eingeschätzt; ähnlich einfach kann Herr F., trotz der umliegenden Seh- und Geräuschkulisse, ohne Probleme dem Fußballspiel folgen oder können Personen auf Cocktail-Partys einem Gesprächspartner folgen, obwohl laute Musik und andere Gespräche stören könnten. Die beschattete Nachricht kann außerdem fehlerfrei nachgesprochen werden, obwohl sie monoton und ohne emotionale und grammatikalische Betonung dargeboten wird. Die Versuchspersonen können gewöhnlich den Inhalt der Nachricht auf dem beschatteten Ohr wiedergeben. Im Paradigma des dichotischen Hörens war nun am Ende des Experiments von großem Interesse, welche Anteile die Versuchspersonen von der nicht beschatteten Nachricht wiedergeben können. Im Ergebnis sind Versuchspersonen prinzipiell in der Lage, oberflächliche Informationen der Nachricht wiederzugeben: Zum Beispiel können sie zuverlässig sagen, ob die vorgespielten Informationen ein gesprochener Text ist, ob ein Wechsel des Geschlechts der Stimme von der eines Mannes zu der einer Frau erfolgt oder ob es einen Wechsel von einem gesprochenen Text zu einem 400-Hertz-Ton gibt. Allerdings können keine zuverlässigen Angaben zu eher inhaltlichen Informationen einer gesprochenen Nachricht gegeben werden. So bemerken Versuchspersonen in der Regel nicht, wenn ein englischer Sprecher eine Nachricht in verschiedenen Sprachen (z. B. Englisch und Deutsch) spricht oder wenn die gesprochenen Texte vorwärts und rückwärts präsentiert werden.
Ein weiteres Set von Befunden im Kontext der Filtertheorie der frühen Selektion kommt von Broadbend (1954) selbst. Im Paradigma des dichotischen Hörens wurden Versuchspersonen kontrolliert simultan auf dem linken Ohr und dem rechten Ohr Sequenzen von Ziffernpaaren präsentiert (z. B. linkes Ohr: 2, 6, 4; rechtes Ohr: 5, 1, 9). Die Versuchspersonen hatten die Aufgabe, nach Beendigung der Präsentation die Ziffern möglichst vollständig wiederzugeben. Wenn die Versuchspersonen die Ziffern über das linke und rechte Ohr paarweise wiedergeben sollten (d. h. 2-5, 6-1, 4-9), war die Anzahl der Fehler höher als im Vergleich zur »ohrenweisen« Wiedergabe der Ziffern (d. h. 2-6-4, 5-1-9). Wenn die Versuchspersonen keine Vorgabe zum Wiedergeben der Zahlen bekamen und in einer freien Reihenfolge wiedergeben konnten, wurde eine ohrenweise gegenüber einer paarweisen Wiedergabe bevorzugt. Insgesamt zeigt diese Reihe von Broadbend’s Befunden, dass Versuchspersonen fehlerhafter und seltener zwischen verschiedenen Quellen von sensorischen Eingangsinformationen (d. h. den Ohren) wechseln und dass diese sensorischen Quellen effektive Hinweise für die Selektion von Aufmerksamkeit liefern.
Neben dem dichotischen Hörparadigma zur Untersuchung der auditiven selektiven Aufmerksamkeit sind Befunde aus Untersuchungen zum sogenannten Paradigma der psychologischen Refraktärperiode (PRP) konsistent mit der Filtertheorie der frühen Selektion (Vince, 1948; Welford, 1952; 1967; siehe auch zu geteilter Aufmerksamkeit
Kap. 4 und exekutiven Funktionen
Kap. 7). In diesem Paradigma müssen Versuchspersonen auf zwei Stimuli (S1 und S2) reagieren, die kurz nacheinander dargeboten werden (
Abb. 3.1 A). Zum Beispiel kann in Aufgabe 1 ein hoher oder tiefer Ton (S1) präsentiert werden, auf den mit dem linken Mittel- oder Zeigerfinger reagiert werden muss. Der Stimulus von Aufgabe (S2) wird nach einem zeitlich variablen Intervall (einer sogenannten Stimulus Onset Asynchrony, SOA) nach S1 präsentiert. S2 ist beispielsweise ein großes oder kleines Quadrat, auf das mit dem rechten Zeige- bzw. Mittelfinger reagiert werden soll. Versuchspersonen werden instruiert, auf beide Aufgaben schnell und fehlerfrei zu reagieren und dabei Priorität auf die Reaktion auf S1 zu legen. Die Reaktionszeit auf S1 wird typischerweise als unabhängig vom SOA angesehen. Das wichtigste Befundmuster des PRP-Paradigmas ist aber die Abhängigkeit der Reaktionszeit auf S2 vom SOA: Je kürzer das SOA ist (und je mehr sich die Verarbeitungsströme auf den ersten und den zweiten Stimulus zeitlich überlappen), desto länger ist die Reaktionszeit; idealerweise sind dabei die Veränderungen im SOA und der Reaktionszeit identisch. Das bedeutet, dass die Verkürzung im SOA um 1 ms zu einer Verlängerung der Reaktionszeit um 1 ms führt (
Abb. 3.1; B). Diese Reaktionszeitverlängerung mit Verkürzung im SOA wird als PRP-Effekt bezeichnet. Dieser Effekt wird durch eine kapazitätslimitierte Stufe (d. h. bottleneck oder Flaschenhalsstufe) im Verarbeitungssystem erklärt: Die Verarbeitung des ersten Reizes muss abgeschlossen sein, bevor die Verarbeitung des zweiten Reizes beginnen kann. Da zwar beide Reize registriert und wahrgenommen werden, sie aber anschließend nur seriell weiterverarbeitet werden, betrachtet man den PRP-Effekt als Evidenz für die Verarbeitung nach einem »Alles-oder-Nichts-Prinzip«. Dieses Prinzip der menschlichen Informationsverarbeitung ist konsistent mit der Annahme einer frühen Filterung und Selektion von Reizen für die Aufmerksamkeit. Die Weiterverarbeitung des zweiten Stimulus kann erst nach Beendigung der Verarbeitung des ersten Stimulus (wieder-)einsetzen.

Abb. 3.1: (A) Darstellung einer Aufgabe 1 und einer Aufgabe 2 im Kontext des Paradigmas der Psychologischen Refraktärperiode (PRP). (B) Exemplarische Reaktionszeiten in Aufgabe 1 und Aufgabe 2 (inklusive PRP-Effekt). RZ = Reaktionszeit, RZ 1 = Reaktionszeit in Aufgabe 1, RZ 2 = Reaktionszeit in Aufgabe 2, SOA = Stimulus Onset Asynchrony
Was sind nun die wesentlichen Eigenschaften der Filtertheorie der frühen Selektion und wie lassen sich die oben beschriebenen Befunde damit erklären? Nach der Filtertheorie der frühen Selektion (
Abb. 3.2 A) gelangen verschiedene Eingangsreize gleichzeitig und parallel über das Wahrnehmungssystem in einen sensorischen Speicher (
Kap. 5). Nur einer der eingehenden Reize, z. B. eine Nachricht, passiert auf Basis seiner physikalischen Merkmale (z. B. der Reizort in Richtung des linken Ohrs) den Aufmerksamkeitsfilter. Dieser Reiz wird weiterverarbeitet, beispielsweise hinsichtlich seiner Bedeutung oder einer möglichen Interaktion mit der Umwelt. Die anderen eingehenden Reize passieren nicht den Aufmerksamkeitsfilter, sondern werden von diesem Filter blockiert und nur kurzfristig weiter im sensorischen Speicher gehalten. Wenn keine nachfolgende Rückorientierung zu diesen gehaltenen Informationen durch die Aufmerksamkeit erfolgt, zerfallen diese Informationen und die dazugehörigen Gedächtnisspuren im sensorischen Speicher. Broadbent (1958) nimmt an, dass dieser frühe Filter der Aufmerksamkeit anhand physikalischer Eigenschaft notwendig ist, um ein kapazitätslimitiertes, strikt seriell ablaufendes Verarbeitungssystem jenseits des Filters vor Überlastung zu schützen. Jenseits des Filters findet die gründliche, bewusste und inhaltliche Verarbeitung von nur einem Reiz statt. Zusammengefasst hat die Filtertheorie der frühen Selektion also folgende Grundannahmen:
• Der Ort der Filterung von eingehenden Reizen befindet sich relativ früh im Verarbeitungsstrom, deshalb wird die Theorie auch Filtertheorie der frühen Selektion bezeichnet.
• Die Selektion erfolgt eher aufgrund oberflächlicher, physikalischer Eigenschaften (z. B. Ohr, Reizort, Stimmfrequenz eines Sprechers).
• Die Weiterverarbeitung erfolgt nach dem »Alles-oder-Nichts-Prinzip«: Eingehende Reize werden entweder selektiert oder bleiben im Filter »hängen« und stehen so für keine oder nur eine spätere Weiterverarbeitung zur Verfügung.
• Eine inhaltliche, handlungsrelevante Weiterverarbeitung von Reizen in einem zentral-kognitiven Verarbeitungsschritt (z. B. zum Verstehen der Bedeutung einer Nachricht) ist kapazitätslimitiert und damit seriell. Wegen des seriellen Charakters ist die Filtertheorie der frühen Selektion ein sogenanntes Ein-Kanal-Modell, da auf der zentralen Stufe nur ein Kanal der Weiterverarbeitung zur Verfügung steht.
3.1.3 Attenuationtheorie und Filtertheorie der späten Selektion
Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass die extremen Annahmen der Filtertheorie der frühen Selektion nicht aufrechterhalten werden können. Man stelle sich vor, ein anderer Zuschauer würde mit Herrn F. spontan ein Gespräch während des Spiels beginnen. Allerdings entsprechen die physikalischen Eigenschaften seiner Nachrichten nicht den »Einstellungen« des Aufmerksamkeitsfilters von Herrn F. Dieser Filter ist auf visuelle Reize an einem Ort direkt vor ihm (d. h. das Fußballspiel) ausgerichtet. Auditive Reize aus einer seitlichen Richtung würden abgeblockt und herausgefiltert werden. Außerdem könnten bestimmte, überlebenswichtige Nachrichten oder Reizwörter (z. B. Hilferufe, Feueralarm, der eigene Name) bei einer frühen Aufmerksamkeitsselektion nicht durch den Filter gelangen und weiterverarbeitet werden. Neben diesen anekdotischen Überlegungen existiert eine Reihe von empirischen Befunden, die inkonsistent mit den Annahmen der Filtertheorie der frühen Selektion sind und damit zu einer Revision dieser Theorie geführt haben.
Die erste Revision ist die Attenuationtheorie von Anne Treisman (1960;
Abb. 3.2 B). Diese Theorie nimmt an, dass eingehende Reize nicht nach einem »Alles-oder-Nichts-Prinzip« hinsichtlich ihrer physikalischen Eigenschaften gefiltert werden, sondern dass die Weiterleitung von nicht beachteten Informationen lediglich abgeschwächt oder gedämpft (engl. attenuate) erfolgt. Es wird hier also ein »Mehr-oder-Weniger-Prinzip« angenommen, d. h. der Aufmerksamkeitsfilter erhöht den Input von beachteten Informationen (Informationen mit bestimmten physikalischen Eigenschaften) durch ein Herabsetzen ihrer Aktivationsschwelle. Für nicht beachtete Informationen wird diese Schwelle erhöht. Somit können immerhin auch nicht beachtete Reize durch den Aufmerksamkeitsfilter gelangen, die eine besonders hohe Aktivation besitzen; solch eine hohe Aktivation kann beispielsweise durch den eigenen Namen ausgelöst werden. Diese Annahmen setzen voraus, dass unter bestimmten Umständen auch nicht beachtete Informationen inhaltlich und damit verhaltensrelevant verarbeitet werden können. Empirische Evidenz für diese Annahmen stammt aus Studien, die einen Durchbruch von nicht beachteten Informationen durch den Aufmerksamkeitsfilter zeigen konnten. Beispielsweise berichtet Moray (1959) aus einem Experiment mit dem Paradigma des dichotischen Hörens, dass Instruktionen auf dem nicht-beschatteten Ohr während des Beschattens aufgenommen werden konnten, wenn sie durch den Namen der Versuchsperson angekündigt wurden.
Die Filtertheorie der frühen Selektion (Broadbent, 1958) und die Attenuationtheorie (Treisman, 1960) verwenden beide eine frühe Selektion und Filterung von Reizen, da beide grundsätzlich eine Auswahl von relevanten Reizen aufgrund der oberflächlichen, physikalischen Eigenschaften annehmen; der entscheidende Unterschied zwischen diesen Theorien ist das »Alles-oder-nichts-Prinzip« bzw. das »Mehr-oder-weniger-Prinzip« der Filterung.
Im Gegensatz zu einer frühen Selektion haben Deutsch und Deutsch (1963) ein anderes Extrem in der Lokalisation eines Aufmerksamkeitsfilters vorgeschlagen. Nach deren Filtertheorie der späten Selektion erfolgt die Selektion im Verlauf des Verarbeitungsstromes erst kurz vor der Ebene der Ausgabekomponenten (d. h. der Reaktionen) des kognitiven Systems (
Abb. 3.2 C). Diese späte Aufmerksamkeitsselektion bedeutet, dass alle eingehenden Informationen (egal ob später beachtet oder nicht) zunächst auf einer Wahrnehmungsstufe verarbeitet werden, um dann vollständig einer zentralen Verarbeitungsstufe zur Abspeicherung im Gedächtnis, zur Erschließung von Bedeutung oder zur Determination einer motorischen Reaktion zugeführt zu werden. Die Frage lautet aber: Nach welchem Mechanismus werden nun relevante Reize ausgewählt? Nach der Filtertheorie der späten Selektion erfolgt eine Weiterverarbeitung dann nur für jene Reize, die für eine aktuelle Aufgabe oder Situation inhaltlich am relevantesten sind. Diese Art der Selektion setzt einen effizienten Prozess der Gewichtung aller Eingangsreize nach ihrer inhaltlichen Relevanz voraus. An diesem Punkt wird schnell sichtbar, dass ein seriell arbeitender Gewichtungsprozess nicht in der Lage ist, in kurzer Zeit die vielen erforderlichen Vergleiche hinsichtlich ihrer Relevanz zu ziehen. Alternativ zu einer seriellen Gewichtung schlagen Deutsch und Deutsch vor, dass die zentrale inhaltliche Analyse der Reize parallel erfolgt. Das bedeutet, dass von allen Reizen nur derjenige weiterverarbeitet wird, der über alle Reize hinweg die höchste Relevanz besitzt.
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