Kitabı oxu: «Vogelgrippe»

Şrift:

Tino Hemmann

VOGELGRIPPE

Der Krimi

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2015

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

Epilog

Weitere Bücher

1

Ein schwülwarmer Sonntagmorgen. Verlassen und brach lag das Dorf Zellerau in Mecklenburg. Wie ausgestorben wirkte der Ort, keine Regung, nur ein böiger Windhauch trieb Müll-Fetzen durch die Straße. Die Sonne trat den erfolgversprechenden Versuch an, über den nebligen Horizont zu steigen und verkündigte drückende Tagestemperaturen. Wolken gab es nicht am Himmel.

Es war fünf Uhr morgens. Kevin schlich dahin, in der Hand zusammengerollt die gelbe Einkaufstüte, in der sich die vom Vortag noch etwas klamme Badehose befand, schaute sich immer wieder um, als hätte er Angst, jemand könnte ihn verfolgen. Wer aber mochte um diese Zeit munter sein? Der Junge trug lediglich T-Shirt und Bermudas. Seine Schultern litten unter einem leichten Sonnenbrand. Barfüßig, manchmal hüpfend, lief er am Straßenrand entlang und wich unbewusst Hundehäufchen aus.

»Mama wird mich schlagen«, flüsterte der blondgelockte, dürre Zwölfjährige zu sich selbst. »Wenn sie nicht schon die Polizei gerufen hat.«

Er hat sich am Vortag abgemeldet.

Mama hielt das neue Baby in den Armen, weil es nicht schlafen wollte. »Wohin gehst du?«, fragte sie. »Du sollst doch deinem Vater helfen!«

Alles – nur das nicht! Kevin kannte die Launen des Vaters gut. In Wirklichkeit war Papa nicht sein richtiger Vater. Er war der richtige Papa von Kevins vier Geschwistern, aber nicht der von Kevin.

»Ich bin gleich zurück«, sagte Kevin. »Matti wartet, wir wollen zum See, Mama. Nur mal ganz kurz.«

»Das ist typisch. Der Herr Faulenzer geht baden und dein Vater schuftet. Das ist typisch.«

»Ich habe Ferien, Mama«, rechtfertigte sich der Junge. »In einer Stunde bin ich zurück. Versprochen.«

»Dass du mir bloß keinen toten Vogel anfasst!«

Kevin verleierte die Augen. »Mama, am See liegen keine toten Vögel rum.«

»Man kann nicht vorsichtig genug sein, wer weiß, was mit der Vogelgrippe noch auf uns zukommt. – Wenn da einer liegt, dann wird er nicht berührt, hast du verstanden, Kevin?« Die Mutter gab ihrem Sohn einen sanften Kuss auf die Stirn.

»Ja, Mama. Aber da sind bestimmt keine.« Kevin wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn.

Am See kamen Kevin und sein Freund Matti nicht an. »Bleibst du zum Abendessen, Kevin? – Wir wollen grillen«, hatte Matti gefragt.

»Ich weiß nicht … – Gehen wir nicht zum See?«

»Keine Lust«, murrte Matti. »Wir können im Pool baden, wenn du willst.«

Baden im Pool war cool. Es gab ein Sprungbrett und immer etwas zum Trinken. Am See war mehr Platz für Fußball, aber notfalls ging das auch in Mattis Garten.

»Okay, wenn du meinst … – Ja, ich bleibe.«

Nach dem Abendessen zeigte Matti dem Freund das neue Zelt. Es stand am Waldrand, weitab vom Haus seiner Eltern.

»He, willst du mit hier schlafen? Los, Kevin, wir haben Ferien!«, rief der dunkelblonde, kurzhaarige und zehnjährige Junge.

Kevin überlegte einen Moment. »Okay, Matti. Schlimmer kann’s nicht werden. Mama ist so oder so stinksauer auf mich.«

Sie rauften im Spaß miteinander und irrten verschwitzt durch den dunklen Wald. Sie genossen ihre Freiheit.

Irgendwann erwachte Kevin im Zelt, ein Bein von Matti lag über ihm.

Leise kroch er hinaus und machte sich aus dem Staub.

Kevin lief am Rand der breiten Straße. Sie zog sich durch den gesamten Ort. Die meisten Autos, die diese Bundesstraße nutzten, nahmen die vierunddreißig Häuser nicht wirklich wahr. Sie bremsten nur, wenn ein Blitzer am Straßenrand stand, denn der sprach sich schnell herum.

Jockey, der Hund vom alten Kramer, kam schwanzwedelnd angelaufen. Eine erbärmliche Kreatur, klein, schwarz, verlaust und selten bei seinem Herrn.

»Hey, Jockey, was machst du so früh hier draußen?« Kevin kniete sich auf den Boden und kraulte dem Hund das Fell. Jockey ließ sich sofort auf den Rücken fallen. »Na, du Schmusemaus.« Der Junge lachte und streichelte den Bauch des Hundes.

Kevin sah erschrocken auf. Ein bekanntes Geräusch näherte sich. Ein roter Kombi fuhr in den Ort, zog eine Staubwolke hinter sich her. ›Wahrscheinlich ein Frühaufsteher, der am Wochenende zur Schicht muss‹, dachte Kevin. Im gleichen Moment bekam es Jockey mit der Angst zu tun. Er rappelte sich auf und lief zur Straßenmitte, wo er wie angewurzelt stehen blieb und in die Richtung sah, aus der das Fahrzeug rasch näher kam.

»Jockey!«, schrie Kevin. »Komm her, du blöder Hund!« Der rote Kombi wuchs rasch. »Jockey, verdammt!«, Kevins Stimme überschlug sich. »Los, komm endlich her!« Wütend stampfte der Junge auf den Boden. Der Hund rührte sich jedoch nicht vom Fleck. Bedrohlich wuchsen die Dimensionen des Autos. »Jockey!«, brüllte der Junge erneut, ließ die gelbe Plastiktüte fallen und rannte los.

Im gleichen Moment lief der Hund von der Straße. Kevin stolperte, strauchelte und fiel auf den Asphalt. Hektisch atmend lag er auf dem Boden und hörte das Quietschen der Bremsen. Eine Tür öffnete sich, ein Schatten tauchte über Kevin auf, da war noch ein Stechen in seinem Kopf …

Finsternis umgab ihn.

2

»Hallo?« Kevin bewegte einen Arm. Die Augen hatte der Junge geöffnet. »Hallo?« Flüsternd die Frage. Es war dunkel, als wäre wieder Nacht. Kevin fühlte mit der flachen Hand um sich. Er lag in einem Bett. Es war schmal und das Kopfende ragte nach oben. ›Das Auto!‹, durchfuhr es den Jungen, ›Ich bin in einem Krankenhaus!‹– »Ich wurde überfahren!« Kevins Hand glitt über die eigene Haut. Da waren keine Wunden. Er setzte sich auf das Bett, die Füße berührten einen kalten Boden. »Hallo!«, rief er lauter. »Mir tut nichts weh! – Hallo!?« Kevin kratzte sich den Kopf, drehte mit einem Finger neue Locken in die Haare. Dann stand er auf.

Dieses verdammte Zimmer hatte kein Fenster. Und der Boden war eisig. Der Junge streckte die Arme aus und setzte einen Fuß vor den anderen. Wie blind bewegte er sich. Drei Schritte, dann berührte seine Hand eine glatte, kalte Wand. Vorsichtig ließ Kevin die Handfläche über die Wand gleiten, bis er die Zimmerecke erreicht hatte. Wieder folgte die Hand einer Wand, sieben Schritte, bis zur nächsten Ecke. Kevin fror und zitterte erbärmlich. Erneut lief er sieben Schritte und fühlte die dritte Zimmerecke. Nacheinander rieb er die Fußsohlen an der Wade des jeweils anderen Beines. Noch immer berührte seine Handfläche jene Zimmerwand. Und noch einmal ging Kevin sieben Schritte.

»Das waren jetzt vier Ecken«, flüsterte er und zupfte nervös an den dünnen Bermudas. Die Arme vor sich nach unten gestreckt, suchte er das Bett, fühlte ein eisernes Rohr und kroch auf die Matratze. Das Bett stand mitten im Raum. Auf dem Bett lag die dünne Decke, in der ein wenig von Kevins Körperwärme steckte. Eilig kroch der Junge unter diese Decke, krümmte sich zusammen, die Arme eng am Körper. Er zitterte.

Keine Tür – kein Fenster.

Kevin rieb sich die Oberarme. Das war kein Krankenhaus.

Als der Junge erneut die Augen öffnete, blendete ihn Licht. Diesen Geruch glaubte Kevin zu kennen! Öl. Brennendes Öl. Und wieder diese Kälte. Minuten vergingen. Noch immer lag Kevin zusammengekrümmt unter der Decke, blickte durch einen schmalen Spalt in den Raum. Er beobachtete die winzige Flamme, die ihn geblendet hatte.

»Wo bin ich?«, flüsterte er, kaum dass seine Stimme zu hören war. »Wo bin ich hier?« Kevin erwartete keine Antwort. Etwas mehr lüftete er die Decke und schob den schmerzenden Kopf hervor. Die Ölfunzel stand auf dem Boden. Nur die Funzel. Wo war er nur? Mit einem Ruck drehte sich Kevin auf den Rücken und schrie auf. Er zog die Decke wieder über den Kopf. Trotzdem nahmen seine Sinne das Bild wahr: Ein runzliges, altes Gesicht, zerzauste Haare, eine Warze auf der Nase.

Kevins Zittern nahm zu, doch für den Moment spürte er die Kälte nicht. Zögernd zog der Junge die Decke von den Augen. Er spürte einen unfeinen Atem.

»Das fragst du?«, meinte das runzlige Gesicht mit der Stimme einer alten Frau. Die Lippen bewegten sich mit ihren Worten.

Kevin setzte sich mit einem Ruck ins Bett. »Wo bin ich?«, fragte er wieder. »Wer sind Sie?«

Die Alte trug ein hässliches Kleid und saß auf einem hölzernen Schemel. Der Junge erkannte, dass der Raum tatsächlich keine Tür hatte. Er glaubte, den Schatten einer Treppe zu erkennen.

»Wie ist dein Name, Junge?«, fragte die alte Frau barsch und näherte sich mit ihrem hässlichen Gesicht dem Kopf des Kindes.

Kevin wich zurück und spürte die eisigen Stahlrohre des Bettes im Rücken. »Kevin.«

»Kevin, also …« Die Alte kam immer näher. Sie verströmte einen ekelhaften Geruch. »Woran kannst du dich erinnern, Balg?« Sie flüsterte und ihre Zähne knirschten.

Der Junge sah schwarze Zahnstumpen. »Ich erinnere mich …, ich …« Kevin konnte sich gut erinnern. »Da kam ein Auto und … und Jockey war auf der Straße … Und … und …«

Die grauen Lippen der Alten berührten Kevins Wange.

»Wer ist Jockey?«

»Der Hund vom Herrn Kramer.«

»Was meinst du, was ist dann passiert?«

Wieder sah der Junge den bedrohlichen Schatten, hörte das erbärmliche Kreischen der Bremsen. »Ich … ich weiß es nicht!«, entfuhr es ihm laut. Sie sollte weggehen!

»Was denkst du, was ist geschehen?« Nun berührte sie sein Ohr.

Den Jungen fröstelte. Auf seinen Armen bildete sich eine Gänsehaut. Tränen traten in die Augen. »Ich weiß es nicht.«

»Du weißt es nicht? – Soll ich dir verraten, was dann passiert ist? – Soll ich es dir verraten?« Ihre Warzennase schnüffelte an Kevins Ohr. »Was hast du auf der Straße gemacht? – So früh am Morgen? Was hast du getan?«

Kevin schloss die Augen, um die Alte nicht zu sehen. Er schwieg. Doch er fühlte, dass sie an ihm roch, spürte angeekelt ihre Berührungen. Er sah ihr schreckliches Gesicht, ohne die eigenen Augen zu öffnen. Er roch ihre Ausdünstungen. »Es ist so kalt«, flüsterte Kevin flehend.

»Komm her, dann wärm ich dich!«

Kevin riss die Augen auf. Sie hatte derb an seine Schultern gegriffen – mit ihren alten, harten Fingern! Er riss sich aus ihrem Halt, sprang vom Bett und flüchtete in die dunkle Zimmerecke, in der er die Treppe vermutete, stürzte über einen Balken und wälzte sich auf dem Boden.

Die Alte erhob sich eilig, ging um das Bett herum, stand sofort zwischen Kevin und der Treppe. Sie hob die Funzel hoch und hielt sie vor das eigene Gesicht.

Kevin lag auf dem Lehmboden, spürte die Kälte im Rücken. »Geh weg! Verschwinde!«

»Du musst nicht mit mir reden. Du musst dich nicht von mir wärmen lassen. Du musst nicht essen, was ich dir bringe. Du musst nicht trinken, was ich dir gebe.« Sie drehte an einem Rädchen der Öllampe, der Raum versank in der Dunkelheit. »Du wirst schon sehen, was du davon hast!« Ihre Stimme kam aus dem Nichts.

Kevin glitt auf dem Boden rückwärts, hockte in der Ecke, die kalte Wand im Rücken, zitterte und weinte. Seine Füße schienen zu erfrieren.

Ein Knirschen war zu hören. Ein Krachen folgte.

Minuten waren vergangen. Der Junge wusste, dass die Alte verschwunden war. Auf allen Vieren kroch er zum Bett, stieß mit dem Kopf an den Hocker, auf dem die Alte gesessen hatte. Er hörte ein blechernes Geräusch. Während die eine Hand den Kopf rieb, fühlte die andere nach dem Hocker. Die Sitzfläche ließ sich hochklappen. Kevin kniete vor dem Hocker, hatte ihn aufgeklappt und fühlte unter der Sitzfläche eine Schüssel. Sie war leer. Der Junge kroch zurück in das Bett und tastete nach der Decke. Die Decke war verschwunden! Gemeinheit! Warum nur war die Frau so gemein?

Das Zittern nahm zu. Kevin rieb an Armen und Beinen, bis er dazu keine Kraft mehr hatte. Wärmer wurde ihm nicht. Erneut krümmte er sich zusammen. Das Bett bestand aus Eisengestell und Matratze.

»Ich bin nicht tot!«, schrie Kevin plötzlich. »Ich bin nicht tot!«

Dann weinte er bitterlich, bis er in einen Halbschlaf fiel. Kraftlos und frierend.

Glücklich lief Kevin die Straße entlang. Die Sonne hatte bereits den Horizont überwunden, wärmte den Rücken des Kindes. Er hatte Jockey gerettet! – Die meisten im Dorf würden sich nicht bei Kevin bedanken. Im Gegenteil. Jockey war nirgendwo gern gesehen. Ständig heulte er in den Nächten den Mond an oder kläffte am Tag Autos und Leuten hinterher.

Leise schlich der Junge ins Haus. Kein Vergleich zu Mattis riesiger Hütte. Kevins Eltern konnten sich solch ein Haus nicht leisten.

Wenn Kevin lautlos in das Kinderzimmer gelangen würde, das er sich mit drei Geschwistern teilen musste, dann könnte er so tun, als hätte er die ganze Nacht in seinem Bett gelegen. Barfüßig stahl er sich an der Küchentür vorbei.

»Kevin?«

Nichts da mit unauffällig. Mama saß mit dem Baby am Küchentisch.

»Guten Morgen, Mama«, flüsterte Kevin furchtsam und schob sich durch die Tür.

»Komm her, du Teufel!« Jetzt würde es eine schreckliche Moralpredigt setzen. Das Baby, in Mamas Armen, schlief. Sie zog Kevin an sich heran, griff nach seinem Hals und küsste ihm auf die Wange. »Alter Halunke.«

Dem Jungen fiel ein Stein vom Herzen. »Du bist mir nicht böse, Mama?«

»Ich habe gestern Abend mit Mattis Mutter telefoniert. Du hättest mir verraten können, dass ihr zelten wollt. Und ich freue mich, dass du gleich zurückgekommen bist, obwohl es noch so früh am Morgen ist. – Was ist, deckst du den Tisch?«

Kevin umarmte die Mutter, darauf bedacht, das Baby nicht zu wecken.

Mama. Kevin fühlte ihre Wärme. Sie hielt ihren Jungen fest an sich gedrückt, rieb dessen kalte Schultern.

Was war das nur für ein schrecklicher Traum? Und woher kam der beißende Geruch? Die braunen Augen des Kindes öffneten sich ein wenig.

Die Alte saß auf dem Bett und hielt Kevin fest umschlungen, Wange an Wange!

Kevin war nicht in der Lage, sich zu rühren. Er spürte die großen, weichen Brüste der Frau unter ihrem groben Kleid an seinem Körper, fühlte ihre Last. Sie stank so widerlich! »Lassen Sie mich sofort los!«, forderte der Junge. Seine Stimme klang heiser.

»Ich wusste, dass du zu mir kommst, wenn dir nur kalt genug ist.« Ihr fester Griff hielt den Jungen. »Du hast mich geküsst.« Ein hässliches Lachen ertönte.

Kevin durchfuhr ein Schaudern. »Ich dachte …«

»Was dachtest du?« Sie lachte noch immer. Sie wagte es zu lachen!

»Ich dachte … es wäre meine Mutti.«

Ganz plötzlich stieß die Alte Kevin von sich. »Undankbar bist du, Rotzbengel!«

Der Junge fiel rücklings auf das Bett, wäre auf der anderen Seite fast abgestürzt, konnte sich aber gerade noch halten.

»Ich habe dir meine Wärme gegeben. Und das ist nun der Dank! – Was hast du auf der Straße gemacht? – So früh am Morgen?«, wiederholte sie die Frage, die sie schon einmal gestellt hatte.

Kevin sah sich um. Vier Wände, der Boden, die Ölfunzel. Wo war der dunkle Schatten, der hinaufführte? Seine Beine waren weich, sie hielt ihn fest. »Wo bin ich? Warum machen Sie das mit mir? Warum sind Sie so gemein zu mir?«

»Wenn dir eine Frage gestellt wird, stell gefälligst keine Gegenfrage«, raunte die Alte.

»Wo bin ich? – Ich habe Ihnen nichts getan!«, flüsterte Kevin. Dann schrie er: »Hilfe! – Hilfe!« Doch er hörte nichts, als das krächzende Lachen der alten Frau.

Die ergriff Kevins T-Shirt und zog den Jungen mit einem Ruck an sich heran. »Antworte, los, sofort!« Gestank drang aus ihrem Mund.

»Ich wollte nach Hause, ich war bei Matti, wir haben im Garten gezeltet …«

»Warum so früh am Morgen?« Ihre hässlichen Augen wollten Kevin töten. »Kinder in deinem Alter schlafen lange.«

»Ich wollte nach Hause.« Wieder zitterte Kevin. »Wo bin ich?«

»Warum wolltest du so früh nach Hause?« Sie zog den Jungen an sich heran, er konnte ihren Blicken nicht ausweichen. »Warum so früh? – Sag die Wahrheit!« »Weil Mama …«

»Weil – was?«

»Ich durfte nicht über Nacht wegbleiben.«

»Aha! – Du warst allein auf der Straße, nicht wahr? – Weil alle anderen geschlafen haben. Deshalb bist du niemandem begegnet.«

Kevin liefen wieder Tränen über die Wangen. »Ja! Es war ganz früh am Morgen! – Wo bin ich?«

»Bist du jemandem begegnet?«, fragte sie fordernd.

Kevin sah der Alten in die Augen. Das, was bei anderen weiß war, hatte sich bei dieser Frau rotbraun gefärbt.

»Wenn Ihnen eine Frage gestellt wird, dürfen Sie keine Gegenfrage stellen«, entfuhr es Kevin. »Ich bin niemandem begegnet.«

Die Alte drehte das T-Shirt auf Kevins Brust mit ihrer Faust zusammen, dass dem Jungen die Luft wegblieb. Dann schlug sie Kevin mehrmals ins Gesicht. »So hast du dir den Himmel nicht vorgestellt. Nicht wahr, Junge?« Wieder stieß sie Kevin unsanft von sich. Dieses Mal konnte er sich nicht mehr halten, fiel auf der anderen Seite des Bettes herunter und schlug mit dem Kopf gegen den Schemel. Kevin lag weinend auf dem glatten, eisigen Boden. Es wurde dunkel.

Die Alte war verschwunden. Sein Kopf schmerzte. Die linke Wange glühte. Kevin griff sich ins Genick und spürte etwas Warmes. Blut!

»Tote bluten nicht«, flüsterten seine Lippen.

Den Himmel?

Bilder rasten durch Kevins Gehirn. Das rote Auto, der Schatten eines Mannes – ja, eines Mannes!, die kreischenden Bremsen. Räder? Waren es Räder, die ihn zerquetschten?

Er zog sich am Stuhl nach oben, fühlte mit der Hand nach dem Bett. – Da war sie wieder! Eine Decke! Es war eine Wolldecke, unter die Kevin kroch. Die Decke roch nach Zigaretten und nach der Alten. – Egal, nur die Wärme zählte. Im Himmel sind Engel, Wolken und Flugzeuge! Das hier war nicht der Himmel, unmöglich.

»Aber wenn …« Kevin schaute Löcher in die Dunkelheit. »Aber wenn sich alle geirrt haben? – Was, wenn die Toten in solche kalten Zimmer gesperrt werden?« Sein Kopf brummte schmerzvoll. »Die Hölle?« – Kevin hatte davon gehört. »Hölle und Feuer gehörten zueinander. In der Hölle ist Feuer. In der Hölle ist Feuer.« Der Junge kratzte sich am Bein. »Ich muss mal.«

Zeit verging.

»Ich muss mal«, flüsterte er wieder. »Ganz dringend.«

Noch mehr Zeit strich dahin. Kevin kletterte vom Bett, klappte den Stuhl auf, setzte sich auf die Schüssel und erleichterte sich. Ein blechernes Geräusch erklang, als der Strahl gegen die Emaille schlug. Der Junge erhob sich, klappte eilig den Stuhl zu und legte sich zurück auf das Bett. Ein paar Minuten später erhob er sich erneut, erfühlte die Umrisse des Stuhles, trug ihn in eine entfernte Ecke des schwarzen Raumes und kletterte wieder ins Bett. Er verschwand unter der Decke. »Es kann nicht sein«, flüsterte Kevin nach langer Zeit, drehte sich auf die Seite und schloss die Augen.

»Wach auf!« Der Schreck fuhr dem Jungen durch die Glieder. Die Alte stand neben dem Bett. Sie gönnte dem Jungen kein Licht, in der Ölfunzel auf dem Boden zuckte nur eine winzige Flamme. Sie hielt einen Becher in der Hand. Kevins Zunge fuhr über die trockenen Lippen. Er hatte Durst und Hunger und streckte flehend seinen Arm aus.

»Sag bitte, wenn du etwas willst!«, forderte die Alte barsch.

»Bitte«, flüsterte der Junge mit sterbender Stimme.

»Es geht doch. – Trink es aus, ich nehme den Becher wieder mit.«

Kevin griff nach dem Plastikbecher und trank hastig. Das Zeug war geschmacklich undefinierbar, es war kalt und schmeckte bitter. Im Unterbewusstsein nahm er wahr, dass die Alte Gummihandschuhe trug. »Warum haben Sie mich eingesperrt?«

»Gib den Becher her und leg dich wieder hin!«

Kevin war kraftlos, ließ sich auf das Bett fallen, während die Alte das kleine Flämmchen löschte und verschwand. Der Junge hörte ein leises Schaben, als wenn Holz an Beton reiben würde. Immerhin hatte sie ihn dieses Mal nicht berührt. »Sie würde niemals einem Toten dieses Zeug geben …« Kevin flüsterte die Worte. Müdigkeit übermannte ihn.

Kevin träumte. Ein Weltraumfahrer kam die Treppe hinab, kniete sich neben sein Bett. Hinter dem Visier des Helms waren keine Augen zu sehen. Ein Lichtstrahl, der aus dem Helm drang, blendete den Jungen. Eine Hand, die in einem weißen Handschuh steckte, hielt Kevin fest. Der Kosmonaut öffnete einen silbernen Koffer. Kevin spürte unerträgliche Schmerzen. Das Licht und der Weltraumfahrer verschwanden wieder. Es wurde dunkel.

Kevin lag wie in Trance. Sein linker Oberarm brannte, als hätte jemand hineingestochen.

Gedanken schwirrten durch den Kopf.

Eine Spritze?

Momente lang versuchte er sich wach zu halten. Alles drehte sich. Die Augen fielen von allein zu. Die Düsterkeit war nicht zu durchdringen. Kein Lichtschein, kein Sonnenstrahl, nur Kälte und Schwärze umgaben den Jungen. Ermattung. Schwindelgefühle. Und die Schmerzen im Arm.

Stunden waren vergangen, ein Zeitgefühl besaß Kevin nicht mehr. Er befand sich im Halbschlaf, bis ihm ein Klirren in den Ohren lag, das seine Sinne weckte.

War die Alte wieder zurück? Kevin lag zusammengekrümmt im Bett. Es dauerte Minuten, bis ihm die Gedanken sagten, dass es die eigenen Zähne waren, die das Geräusch verursachten. Er fror und zitterte am ganzen Leib. Schmerzen breiteten sich in seinem Körper aus. Instinktiv suchte der Junge nach der Decke. Kevin schob sich selbst vom Bett, die Füße berührten den Fußboden, er wollte sich erheben, doch die Beine knickten weg. Der Junge verlor das Gleichgewicht und fiel. Auf dem Boden spürte er die schreckliche Kälte heftiger, nahm im Unterbewusstsein wahr, dass er inzwischen unbekleidet war.

Kevin streckte einen Arm aus, ergriff das Stahlrohr des Bettes, wollte sich hinaufziehen, doch die Kräfte verließen ihn. Er jammerte. Ein leises Schluchzen erklang. Es drehte sich ihm stärker, bis er die Sinne verlor und ohnmächtig neben dem Bett lag.

»Weg da! Jetzt spring ich!«, rief Matti.

Kevin sah zu seinem Freund hinauf, der auf dem Sprungbrett stand und sich die Nase zuhielt. Hinter Matti leuchtete die tief stehende Sonne. Wasser spritzte, Matti wirbelte im Bassin herum, direkt neben Kevin, beide mit rot unterlaufenen Augen.

»Wollt ihr das Grillen übernehmen?« Mattis Vater stand am Beckenrand. »Dann kommt raus und trocknet euch ab!«

Eilig stiegen die beiden Jungen die kleine Leiter hinauf und rannten zum Grill. Die folgende halbe Stunde gehörte den Bratwürsten und Steaks, heimlich tranken beide aus der Bierflasche, die Mattis Vater zum Löschen bereitgestellt hatte und kicherten.

Kevin lief durch den Duft der gegrillten Würste das Wasser im Mund zusammen. Matti bemerkte dies. Der Freund nahm eine Bratwurst vom Grill. »Hu, ist die heiß!«, rief er und brach die Wurst in zwei Hälften. Eine davon gab er Kevin, der sie von einer Hand in die andere gleiten ließ und die Finger anpustete.

Nach dem Abendessen zeigte Matti dem Freund das neue Zelt. Es stand am Waldrand, weitab vom Haus, aber noch auf dem Grundstück der Eltern.

Kevin war begeistert. »He, willst du hier schlafen? Los, Kevin, es sind Ferien!«, forderte Matti.

Kevin überlegte einen Moment. »Okay, Matti. Schlimmer kann’s nicht werden. Mama ist so oder so stinksauer auf mich!« Obwohl ihm nicht wohl bei der Sache war.

Währenddessen telefonierte Mattis Mutter mit der von Kevin. Beide kamen überein, dass Kevin bei seinem Freund übernachten durfte. »Ich bin froh, dass Kevin endlich einen Freund gefunden hat. Viele Kinder gibt es hier ja nicht«, sagte Kevins Mutter.

Ihr Sohn schlich mit seinem Freund durch den angrenzenden Wald. Es war dunkel und die Geräusche, die der Wald von sich gab, machten die Nachtwanderung zu einem besonderen Erlebnis. Kevin ging vorweg durch das dichte Unterholz. Er drehte sich um, wollte auf seinen Gefährten warten.

»Matti?« Kevin lauschte. »Matti? – Wo bist du?« Keine Spur von Matti. Bestimmt wollte der Kevin erschrecken!

»Matti! – Ich seh’ dich!«, rief Kevin, obwohl er Matti nicht sah. Ganz in der Nähe, war ein lautes Knacksen zu hören.

»Matti, bist du das?« Kevin zitterte. Er bekam keine Antwort. Wieder ein Knirschen.

»Matti? – Sag was!« Kevin drehte sich einmal um die eigene Achse, Dornen stachen in seine Wade.

Plötzlich ein Schatten über ihm. Der Weltraumfahrer!

Ein Schlag traf den Kopf des Jungen, er stürzte bewusstlos ins Unterholz.

Erschrocken rappelte sich Kevin auf. Er saß im Keller auf dem Lehmboden. Er fror und doch war er nass geschwitzt. Er schlug mit den Armen um sich und wollte die Dunkelheit vertreiben.

Doch die war stärker und blieb.

3

»Guten Morgen. Ich will Kevin abholen.«

»Guten Morgen, Herr Franke. Die Jungs schlafen noch im Zelt. – Wie spät ist es denn?«

»Zehn durch. – Wo steht das Zelt? Ich weck die beiden Rabauken.« Kevins Vater warf einen Blick auf das große Grundstück und entdeckte das Zweimannzelt am Waldrand.

»Er kann mit bei uns Frühstücken!«, rief Mattis Mutter dem hochgewachsenen Mann hinterher. »Oder?«

»Ja, ja, Frau Semmer, dann müssen wir aber los, ich will ihn mit nach Stadtklaven nehmen, ich habe heut ein Fußballspiel. Wenn Matti Lust hat, kann er auch mitkommen.«

»Bei der Hitze?« Mattis Mutter warf einen kontrollierenden Blick auf den Terrassentisch. Kurz darauf brachte sie ein weiteres Gedeck. Währenddessen lief Kevins Vater um den Pool herum, trat zögernd auf die braune Wiese und ging zu dem kleinen Zelt, in dem tatsächlich noch Ruhe herrschte. Das Zelt stand mitten in der Sonne. Es musste erbärmlich warm und stickig darin sein. Thomas Franke zog vorsichtig den Reißverschluss auf. Warme Luft kam ihm entgegen.

Matti öffnete gähnend die Augen. »Muss ich schon aufstehen?«

»Ja, Matti. Guten Morgen. – Wo ist denn Kevin?«

Der Junge sah sich im Zelt um. Dann zuckte er mit den Schultern. »Vielleicht Pinkeln?«

Franke schaute zum Waldrand. »Kevin?«, rief er einmal, dann ein weiteres Mal. »Kevin!« Vergeblich wartete er auf eine Antwort. »Wann hast du Kevin das letzte Mal gesehen?«

Matti kroch vorsichtig aus dem Zelt und streckte sich. Er trug nur die Badehose. »Wir haben uns hingelegt und Gruselgeschichten erzählt. – Dann bin ich eingeschlafen. Und heute Nacht, als ich Pinkeln war, hat Kevin hier gelegen. Für quer.«

»Das gibt’s doch nicht …« Ein paar Schritte ging Franke zum Wald. Dann legte er die Hände als Trichter vor den Mund und rief erneut: »Kevin! – Komm bitte, wir haben keine Zeit zum Verstecken spielen!«

Ein paar Vögel flatterten davon.

Mattis Mutter kam näher, rieb ihrem Sohn die Schultern. »Guten Morgen. – Was ist denn los?«

Matti sah zu seiner Mutter hinauf. »Ich glaube, Kevin ist weg.«

»Weg?«

»Vielleicht ist der sture Kerl nach Hause gegangen.« Franke holte sein Handy aus der Hosentasche, Kurzwahl. »Hallo, Miriam? – Ist Kevin bei dir? – Nein, es ist nichts, wer weiß, wo er steckt. Vielleicht am See, ein Morgenbad nehmen.«

Minuten später suchten Frau Semmer und ihr Mann mit Matti im Wald, während Franke zum See fuhr und dort nach Kevin Ausschau hielt.

Gegen Mittag wusste der ganze Ort vom Verschwinden des blondgelockten Kindes. Nach und nach entlud sich die Angst. Die Erwachsenen machten sich keine gegenseitigen Vorwürfe, um die Situation nicht anzuheizen. Doch jedem kamen Zeitungsberichte in den Sinn, nach denen Kinder verschwunden waren und ermordet wiedergefunden wurden.

Vierzehn Uhr zwanzig kam ein Streifenwagen in den Ort, zwei Beamte nahmen alle relevanten Daten auf und befuhren anschließend jeden befahrbaren Weg der Umgebung.

Am späten Nachmittag versuchte eine Hundestaffel der Polizei die Spuren aufzunehmen, die an der Hauptstraße endeten. An eben dieser Stelle hatte Jockey jaulend gesessen, bis ihn die Angst vor den Polizeihunden vertrieb. Er hatte gejault, viele Stunden lang.

Am Abend fanden sich Semmers und Frankes zusammen. Matti saß am Beckenrand des Pools und sah schrecklich leidend aus. Er hatte viel geweint, denn er gab sich die Schuld am Verschwinden des Freundes. Zu viele Fragen hatte man ihm gestellt. Die Telefone der Familien Franke und Semmer klingelten ununterbrochen, Presse, Rundfunk, Fernsehen – alle Medien hatten vom Verschwinden des Zwölfjährigen erfahren. Eine Polizistin bewachte im Haus der Frankes das Telefon, ein Aufzeichnungsgerät wurde angeschlossen. Auch am Gartentor standen Polizisten, ebenso am Haus der Familie Semmer.

»Matti, komm mal bitte her.« Mattis Vater winkte.

Der Junge erhob sich widerwillig, ging zu seiner Mutter, die ihn an sich drückte und seinen Arm streichelte. Thomas Franke sah Matti einen Moment an. Sah auf dessen zitternde Hände.

»Hat Kevin dir nicht erzählt, was er vorhat?«, fragte Thomas. Er stellte die Frage zum zehnten Mal.

Matti schüttelte seinen Kopf. »Nein, hat er nicht. – Kevin hat nichts vorgehabt.«

Franke kratzte sich am Kinn und nickte. Alle drehten sich um. Auf dem Plattenweg, zwischen den beiden Kiefern, standen mehrere Männer.

Fast lautlos hatten sie sich genähert. »Guten Abend«, meinte ein Herr, der einen langen Sommermantel trug.

»Kriminalhauptkommissar Feldmüller. Ich bin der Einsatzeiter der Einheit, die nach Kevin Franke suchen wird.«

Frau Semmer erhob sich. »Moment, ich hole ein paar Stühle.«

»Machen Sie sich keine Umstände …« Der Kommissar lächelte freundlich.

Kurz darauf brachte Mattis Mutter vier Gartenstühle und baute sie auf der Terrasse auf. »Bitte, setzen Sie sich doch.« Sie selbst nahm ebenfalls wieder Platz.

Matti stand am Rand, niemand sah, dass Tränen über seine Wangen liefen.

Zunächst stellten sich die Anwesenden vor, dann klärte der Kommissar über das weitere Vorgehen auf.

»Unser Team besteht aus fünfundzwanzig Mann. Die anderen einundzwanzig sind bereits im Einsatz. Sie fahren zu den Stellen an denen sich jugendliche Ausreißer häufig aufhalten. Wartehäuschen, Bushaltestellen, Bahnhöfe, Jugendtreffs. Eine Gruppe ist unten am See, zwei Mann befragen derzeit die Bewohner des Dorfes. Wir benötigen ein gut reproduzierbares Foto von Kevin. – Das wäre erst mal alles.«

Einer der Männer stellte eine Frage, die Mattis Hände noch kräftiger zittern ließ. »Wer hat den Jungen zuletzt gesehen?«

Viele Augen richteten sich auf Matti, dessen Schuldgefühle wuchsen.

Feldmüller erhob sich, ging zu dem Jungen. »Wie heißt du?«, fragte er.

»Matti Semmer.«

»Willst du uns helfen, deinen Freund zu finden?«

Der Zehnjährige nickte.

»Wann hast du ihn zuletzt gesehen?«

»Als wir eingeschlafen sind.«

»Und wann war das?«

Matti zuckte mit den Schultern. »Spät in der Nacht. Sehr spät.«

»Und als du aufgewacht bist, da war er weg?«

»Ja.«

Auch der Kommissar fuhr über Mattis kalten Arm, dann durch die kurzen Haare. »Besser, du gehst jetzt ins Bett. – Wir werden deinen Freund finden. – Versprochen.«

Matti lief zu seiner Mutter und fiel ihr um den Hals. Die trug den Jungen ins Haus, als wäre er ein Kleinkind.

Später erhielt die Polizei das Bild, auf dem Kevin lächelte. Frau Franke hatte die Fotos machen lassen, weil Kevin einen neuen Busausweis für den Schulbus beantragen musste.

Das Foto vom großen, zwölfjährigen Sohn der Frankes entstand vier Tage vor seinem Verschwinden.

4

Kevin ging es schlecht. Er hatte das Gefühl, sich jeden Moment übergeben zu müssen, doch sein Magen war leer. Überall fühlte er Schmerzen, der Körper war innerlich eine einzige große Wunde. Kraftlos kroch der Junge über den Lehmboden. Er fühlte die Nacktheit, die Hilflosigkeit und die Kälte.

»Kann mir niemand helfen?«, fragte seine Stimme, die kaum noch menschlich klang. Einen Meter kroch er, dann erfühlten seine Finger etwas Weiches. – Die Decke!

Kevin zog sie zu sich und wickelte sich ein, so gut es ging. Dann kroch er weiter. Ein Knurren war zu hören, als wäre ein Hund in der Nähe. Es dauerte bis Kevin begriff, dass sein eigener Magen die Töne von sich gab.

Mit dem Kopf stieß er gegen einen Balken. Die Hände fühlten in die Dunkelheit, bis sie die Treppe berührten. Ganz langsam kroch Kevin Stufe um Stufe hinauf, bis der Kopf erneut gegen etwas stieß. Er hob einen Arm, schwer atmend, fühlte Bretter über sich, glaubte einen Schimmer von Licht zu erkennen.

Kevins Faust schlug gegen die Bretter. Erst zaghaft, dann immer stärker. Der Junge versuchte zu schreien, doch die Stimme klang heiser und leise.

»Hilfe! Helfen Sie mir!«

Kurz darauf war nur noch das Wimmern zu hören. Kevin steckte ganz und gar in der Decke, heulte und weinte kraftlos.

Ein derbes Knirschen drang an seine Ohren, blendendes Licht traf den Zwölfjährigen. Kevin fühlte einen Stoß, fiel rückwärts die Treppe hinunter und schrie schmerzerfüllt auf.

»Da hast du Brot und Wasser!«, hörte Kevin die Stimme der Alten krächzen. »Such es dir!« Ein Krachen ertönte.

Dunkelheit. Nur der Atem des Kindes war zu hören. Hektisch und schnell. Kevin griff an seinen Arm, auf den er gefallen war, als er im Sturz nach einem Halt suchte.

Brot? Wasser? Der Gefangene fühlte mit der linken Hand den Boden ab, kroch wie wild über den Beton. Endlich fand er einen harten Kanten Brot, nicht sonderlich groß und daneben ein Plastikflasche. Der Junge nahm beides, kroch zu dem Bett, zog sich hinauf und begann an dem Brot zu knabbern. Es schmeckte alt und scheußlich. – Egal! Nur essen! Kevin erfühlte, dass die Flasche einen Schraubverschluss hatte, wahrscheinlich eine große Colaflasche war. Das Wasser roch alt und abgestanden. Außerdem gab es einen bitteren, medizinischen Beigeschmack. Trotzdem trank er hastig und mit großen Zügen. Kevin klaubte die letzten Brotkrümel vom Bett und ließ sie im Mund verschwinden. Er stellte die Flasche ans Kopfende auf den Boden und legte sich hin, immer darauf bedacht, dass nichts von ihm unter der Decke hervorschaute.

Kevin Franke zitterte. Seine Gedanken durchdrangen die Wände. War draußen Tag oder Nacht? Warum hielt man ihn hier gefangen? Suchte jemand nach ihm? Wer war die hässlich dicke Frau? Warum tat ihm alles so weh? Das Gehirn des Jungen arbeitete, ohne Antworten zu erhalten. Immer wieder ließ ihm ein stechender Schmerz im rechten Unterarm die Tränen in die Augen schießen.

Kevin glaubte, die Umrisse der hinaufführenden Treppe in der Dunkelheit zu erkennen.

Wieder wurde ihm schlecht und schwindlig. Schwerfällig waren seine Bewegungen, bis Kevin erneut in eine Ohnmacht fiel.

Kevin und Matti trugen Badehosen. Es war unglaublich schwül.

»Wenn ihr Gewitterwolken seht«, sagte Mattis Mutter, »dann kommt ihr so schnell es nur geht nach Hause!«

»Ja, Mutti«, antwortete Matti.

Und Kevin grinste. »Klar, Frau Semmer. Oder wir verstecken uns unter einer riesengroßen Eiche, damit wir nicht nass werden, wenn wir aus dem Wasser kommen.«

Mattis Mutter zog Kevin zum Spaß am Ohr. »Du bist ein richtiger Frechdachs, Kevin.«

Sie rannten bis zum See, in der Erwartung des kühlen Wassers. Kevin trug den Lederfußball, mit dem sie am Strand Fußball spielen wollten. Auf dem Feldweg, der zu jenem unbekannten Strand führte, an dem selten Fremde zu sehen waren, stand ein Auto.

»Mist, es ist schon jemand hier«, raunte Matti und schlich um den Kombi. »Hoffentlich sind das nicht die blöden Typen aus Stadtklaven. Dann gibt es wieder sinnlos Zoff.«

»Nee, Matti. Die wären nicht mit dem Auto da.«

Die Jungen liefen zum Wasser. Plötzlich erschraken sie. Ein Mann kam ihnen entgegen. Sein bis zum Bauch geöffnetes Hemd war voller Schweiß. Er trug einen Spaten.

»Tach«, sagten die Kinder, weil sich im Dorf schließlich alle grüßten.

Der Mann sprach kein Wort. Er blieb für einen Moment stehen, beobachtete die Kinder und stützte sich auf den Spatenstiel.

Eilig liefen die Jungen an ihm vorbei. Kurz darauf hörten sie den Motor des Autos aufheulen. Umständlich wendete der Kombi auf dem Feldweg und brauste davon, sodass eine große Staubwolke über den See schwebte.

»Was war das denn für ein Typ?«, fragte Matti und tauchte einen Fuß in das klare Wasser. »Man, ist das kalt.«

»Vielleicht ein Angler der Regenwürmer ausgegraben hat?« Kevin warf den Ball ins Wasser.

»Ohne Eimer und ohne Angel?« Matti tippte mit seinem Finger gegen die Stirn. Dann rannte er in den See, dass das Wasser aufspritzte. »Wer zuerst den Ball hat!« Kevin stürzte hinterher.

5

»Bist du fertig, Holger?« Maria Hinrich steckte sich zwei Klemmen in die Haare und betrachtete sich erneut im Spiegel.

»Seit einer Stunde etwa, mein Schatz. Können wir jetzt frühstücken? Hab ich einen Kohldampf …«

Eine Woche Urlaub gönnte sich der Kriminaloberkommissar mit seiner Frau. Bereits zum achten Mal war das Leipziger Pärchen im »Seeblick« abgestiegen. Hier, in der mecklenburgischen Prärie, wie Hinrich sich gern ausdrückte, fand er zu sich selbst zurück. Der überschaubar eingerichtete Gasthof besaß das Flair längst vergangener DDR-Tage, Hinrich schien sich sicher, dass man in den letzten zwanzig Jahren an der Einrichtung nichts geändert hatte. Am Tag unternahm der Neunundfünfzigjährige ausgedehnte Spaziergänge durch die Nadelwälder, über Felder und entlang der Seen.

»Schönheit muss gepflegt werden«, brummte die Frau und griff nach der Hand ihres Mannes.

Der gab ihr einen Kuss auf die Lippen. »Für mich wirst du immer die schönste sein. Auch ohne Haarklemmen und Puder.« Hinrich schloss das Zimmer ab, gemeinsam gingen sie die Treppe hinunter ins Gasthaus.

»Guten Morgen. – Was ist denn heut hier los? Da ist doch was passiert, oder?« Erstaunt beobachtete Hinrich, dass der Raum bis auf den letzten Platz gefüllt war. Der Kommissar erkannte wenigstens zehn Polizeiuniformen.

Sogleich ging er zu Ulla Kern, der Eigentümerin und Wirtin des Gasthauses »Seeblick«.

Die wirkte sichtlich nervös. »Nein, nein. Kleinen Moment, Herr Hinrich … – Stört es Sie, wenn andere mit am Tisch sitzen?«

Hinrich nahm die Frau zur Seite. »Ganz ruhig, liebe Frau Kern. Das stört uns nicht. Außerdem will ich wissen, was passiert ist. Hier sind mehr Leute, als das Dorf Einwohner hat.«

Die Kern, über deren Lippe sich ein flauschiger Damenbart gebildet hatte, flüsterte geheimnisvoll: »Kevin, der große Junge von den Frankes, der ist verschwunden. Na, die haben ja noch vier Kinder, aber …«

»Warten Sie mal, Frau Kern. – Das ist der Junge mit den blonden Locken, oder? So groß ist der aber auch noch nicht. – Verschwunden meinen Sie? Einfach so? Seit wann denn?«

»Seit gestern Morgen. Hat wohl mit dem kleinen Matti bei Semmers im Garten gezeltet. Und am Morgen war er weg.« Gewohnheitsgemäß holte Hinrich einen kleinen Zettelblock und den Bleistift aus der Hosentasche und machte sich kurze Notizen.

Währenddessen hatte die Wirtin zwei weitere Stühle an einen Tisch gestellt. »Rückt mal zusammen!«

Hinrich beugte sich zum Ohr seiner Frau. »Erzähl keinem, was ich bin. Verstanden?«

»Das beschäftigt dich … Wir sind im Urlaub, Holger.« Ein leichter Vorwurf klang in der Frauenstimme mit.

»Lass mich mal machen, Mäuschen. Ich hör mich nur so um.«

Beide setzten sich an den Tisch, an dem bereits zwei junge Männer ihren Kaffee tranken.

»Morgen«, meinte Hinrich laut.

»Morgen«, murmelten die beiden Beamten.

Während Hinrich sein Brötchen schmierte und mit Salamischeiben belegte, blickte er auf einen der beiden Männer, der recht jung wirkte. »Sie gehören wohl zum Einsatzteam? Wie viele Leute sind denn im Einsatz?«

»Fünfundzwanzig. – Stört Sie das Rauchen?«

»Nee, nee, rauchen Sie ruhig weiter. – Polizeidirektion Schwerin? – Und, gibt’s schon eine heiße Spur? Wie heißen Sie denn?«

»Sorry, ich vergaß, mein Name ist Martin Wallner. Und mein Kollege hier, das ist der Anwärter Michael Sörbig. – Nein, keine heiße Spur. Nicht die kleinste.«

»Angenehm, Hinrich. – Und das ist meine Ehefrau. Wir machen ein paar Tage Urlaub hier. Und nun diese Aufregung. Man hört ja oft, dass Kinder von zu Hause weglaufen …«

»Weglaufen?« Sörbig, der selbst noch kindlich wirkte, blickte auf. Er holte ein Bild aus der Jackentasche und legte es Hinrich neben die Kaffeetasse. »Das ist Kevin Franke, der Junge, der gesucht wird. Sieht der wie weglaufen aus?«

Hinrich nahm den Abzug zur Hand. Der blonde Junge lächelte ihn an. »Nicht direkt. – Ich kenne ihn. Wir haben ihn mal nach dem Weg gefragt. Das war unten am See. Kevin hat uns zum Fußballspielen aufgefordert. Fünf Minuten habe ich durchgehalten. Er war da mit seinem Freund, einem Jungen mit kurzen, dunklen Haaren. – Kann ich das Bild behalten? Nur für den Fall, dass …«

»Aber sicher. – Sein Freund heißt Matti. Matti Semmer. Das ist der Junge, der Kevin zuletzt gesehen hat. – Hier im Ort gibt es nur sechs Kinder. Und fünf davon heißen Franke.«

»Sie sind wohl von hier?« Hinrich goss sich Kaffee nach.

»Ja. Ich habe neben den Frankes gewohnt. Bis meine Eltern nach Schwerin gezogen sind. Das war vor zwei Jahren. Die haben den Umzug wegen mir gemacht.«

»Dann kennen Sie natürlich auch Kevin?«

»Besser, als manch anderer. Kevin war ziemlich oft bei uns. Wissen Sie, ich hatte einen eigenen Computer und er nicht.« Michael Sörbig lächelte. »Außerdem hat sich Kevin oft verkrümelt, weil er seinem Vater helfen musste. Der hat eine Werkstatt und repariert alles Mögliche, vor allem landwirtschaftliche Maschinen. Kevin ist sieben Jahre jünger als ich. Und als er acht war, hat sein Vater schon davon gesprochen, dass Kevin mal die Werkstatt übernehmen soll. Kevin will aber Kapitän werden. Bei mir hat er immer nur ein Spiel gespielt: Die Simulation einer Schiffsbrücke, auf der Kevin Kapitän sein durfte. Er beherrschte das Spiel viel besser als ich.«

»Vielleicht hat der Junge Probleme mit seinem Vater?« Hinrichs Frau mischte sich in das Gespräch ein.

Sörbig zuckte mit den Schultern. »Glaube ich nicht. – Sie waren zwar nicht immer die besten Freunde. Wissen Sie, die Miriam, das ist Kevins Mutter, die lebte mit Kevin allein. Das war noch so … als ich neun war. Ja, neun oder zehn. Dann hat sie Thomas kennen gelernt, ihren Mann. Er ist nicht Kevins richtiger Vater. Aber ich glaube, sie haben es Kevin nie gesagt. Die anderen vier Kinder, die sind von Thomas. Das letzte Mädchen wurde erst geboren, als ich nicht mehr hier wohnte. – Aber direkt Probleme mit Thomas …? Er hat seinen Großen ziemlich hart rangenommen. Aber deswegen weglaufen? Nein, das glaube ich nicht. Meine Mutter hat sich immer gefragt, wie die das machen. Fünf Kinder, und sie leben in einer Eintracht …«

»Wir müssen jetzt los«, unterbrach Martin Wallner.

»Was haben Sie denn vor?«

»Das werden wir gleich erfahren. Hauptkommissar Feldmüller, der den Einsatz leitet, lässt derzeit in alle Richtungen suchen. Favorisiert wird jedoch die Annahme, dass Kevin am Morgen das Grundstück der Familie Semmer verlassen hat, weil er Angst bekam, es könnte zu Hause Ärger geben. Er wusste nicht, dass seine Mutter mit Frau Semmer gesprochen hatte. Also ist es wahrscheinlich, dass auf dem kurzen Heimweg etwas passiert ist.«

»Was soll da passiert sein?« Frau Hinrich schüttelte ihren Kopf. »Ist es nicht eher denkbar, dass sich der Junge aus Angst versteckt hat?«

Sörbig schüttelte seinen Kopf. »Das mag man vielleicht annehmen, aus meiner Sicht ist es aber nicht so. Kevin steht zu den Fehlern, die er begangen hat. Er ist ehrlich und liebt seine Mutter über alles. Er liebt seine ganze Familie.«

Die beiden jungen Männer erhoben sich und grüßten freundlich.

»Und, was machen wir heute?« Die Frau des Kommissars wedelte Brötchenkrümel von ihrem Schoß.

»Die Augen und Ohren offen halten.«

Die Wirtin setzte sich an den Tisch. »So ein Stress«, sagte sie. »In Ihrer Stadt fällt es bestimmt nicht auf, wenn jemand verschwindet. Aber, wenn von unseren zweiundvierzig Hanseln eins fehlt, dann ist das schon bedeutungsvoll.«

Hinrich lächelte. »Nee, ganz so ist das nicht. Auch in der Stadt gibt es einen Aufruhr. Gerade bei verschwundenen Kindern. Es passiert nur häufiger als hier.« Hinrich beugte sich ein wenig zu der Wirtin. »Verraten Sie mir, wer hier im Ort als erster aufsteht. Wer von ihren zweiundvierzig Hanseln ist zuerst munter?«

»Na Sie wollen ja Sachen wissen, Herr Hinrich. – Der Kramer, der ist zuerst auf der Straße. Am Morgen sucht er seinen Hund Jockey, zum Frühstück trinkt er das erste Bier, spätestens mittags ist er besoffen und schläft ein. Darum ist er in der Nacht der erste, der wieder munter wird. – Das ist schon immer so. Außerdem ist er Frühaufsteher. Der war lang genug LPG-Vorsitzender.«

Hinrich trank seinen Kaffee aus. »Haben Sie uns wieder einen Verpflegungsbeutel gemacht, Frau Kern?«

»Aber natürlich, Herr Hinrich, warten Sie einen Moment.«

»Warum hast du es plötzlich so eilig?«, fragte die Frau des Kommissars.

»Ich will diesem Herrn Kramer einen Besuch abstatten. Bevor er besoffen ist.«

»Denkst du daran, dass wir Urlaub haben?«

»Mäuschen, glaubst du wirklich, ich kann mich erholen, wenn ich nicht sicher bin, dass ich alles getan habe, was ich tun konnte, um dem Kind zu helfen?«

»Ach, Holger, du bist und bleibst unverbesserlich.«

»Bitte! Es geht um ein Kind.«

6

Matti Semmer kroch in das Zelt, in dem tropische Temperaturen herrschten. Es war zehn Uhr und die Sonne sorgte wieder für unerträgliche Hitze.

Der Junge legte sich auf die Iso-Matte. Tränen standen in seinen Augen. Kevin fehlte ihm. Er war sein bester Freund und meist das einzige Kind, das sich mit ihm beschäftigte. Nur selten hatten die beiden Streit miteinander.

Am Morgen waren viele Leute vor dem Haus. Matti sah sie von seinem Kinderzimmerfenster aus. Auf den unbefestigten Straßenrändern der Dorfstraße standen unzählige Autos. Ständig versuchten Fremde, mit Vater oder Mutter zu sprechen. Sie wollten Berichte für die Zeitung oder für das Fernsehen. Einige hatten Matti heimlich fotografiert.

Warum war Kevin nur verschwunden?

Vorsichtig steckte Matti den Kopf aus dem Zelt. Stimmen waren zu hören. Als er nach oben schaute, blickte er in unbekannte Gesichter. Fremde Leute schauten Matti an.

»Guten Morgen«, flüsterte der Junge und wischte sich die Tränen von den Wangen. Einige der Erwachsenen nickten. Alle hatten Uniformen an.

»Okay!«, rief ein Mann. »Von hier aus verteilen wir uns. Es wird in Linie gesucht. Schaut hinter jeden Strauch, unter jede Wurzel. Alles, was nicht in den Wald gehört, wird mitgenommen und ausgewertet. Auf mein Signal sammeln wir uns hier am Ausgangsort. Wird etwas Ungewöhnliches gefunden, will ich sofort informiert werden. – Und Abmarsch!«

Matti beobachtete, dass sich die Leute daran machten, den Wald abzusuchen. Langsam entfernten sie sich von seinem Zelt.

Nur der Mann, der gerade gesprochen hatte, setzte sich ins Gras, gleich neben Matti, der noch halb im Zelt steckte, und zündete sich in aller Ruhe eine Zigarette an.

»Guten Morgen«, meinte er nach einem Weilchen und blies Qualm aus seinem Mund.

Matti kroch aus dem Zelt und setzte sich neben den Mann. »Sind Sie von der Armee?«, fragte er und sah den Mann kontrollierend an.

»Ja. Die Leute hier sind alle vom Bund. Sie helfen mir. – Wie heißt du?«

»Matti Semmer.«

»Und Kevin Franke ist dein Freund?«

»Mein bester Freund. – Werden Sie ihn finden? – Ich will, dass Kevin wieder hier ist!«

»Das wollen wir alle, Matti. Und wir wollen, dass er gesund und munter ist. Verstehst du?«

»Hm. – Meinen Sie, Kevin kann was passiert sein?«

Der Mann rauchte stumm weiter.

Matti sah ihn lange an. Dann erhob sich der Junge und ging zum Haus zurück. Niemand kümmerte sich um ihn, deshalb lief Matti auf die Straße und sah sich um. Noch mehr Autos hatten sich versammelt, am Ortseingang standen Armeelaster. Matti schlich dahin, träumte, wäre fast gegen einen älteren, kräftigen Mann gestoßen, neben dem eine Frau lief.

»Na, junger Mann.«

Matti schaute hinauf. »Guten Morgen«, sagte der Junge.

Jockey kam angelaufen und kroch durch die Beine des Jungen. »Jockey, lass das. – Haben Sie die Abkürzung gefunden?«

Der Mann lächelte. »Ihr habt es uns richtig gut erklärt. – Du bist ein kluger Kopf, Matti. Erinnerst du dich an meinen Namen? Ich bin Holger Hinrich. – Wir haben gehört, was mit Kevin passiert ist.«

Matti nickte. »Sie suchen jetzt den Wald ab«, flüsterte er. »Die von der Armee.«

»Und …«, der Mann ging in die Hocke, »meinst du, dass sie deinen Freund dort finden? – Ich habe gerade mit Michael Sörbig gesprochen. Kennst du den?«

»Natürlich kenn ich den Michael. – Ist er zurück?«

»Er will helfen, deinen Kevin zu finden.«

Matti schaute sich um. »Ich glaube nicht, dass Kevin sich im Wald versteckt. Niemals einen ganzen Tag und eine ganze Nacht.«

»Was denkst du dann, Matti?«

»Dass er nach Hause gegangen ist, am Sonntag, ganz zeitig. Kevin hatte Angst, weil seine Mutti nicht wusste, dass er bei mir geschlafen hat. Die wusste das aber doch. Von meiner Mutti.«

»Sag mal, hat Kevin denn was mitgehabt? Einen Rucksack oder so?« Kriminaloberkommissar Hinrich griff nach einer Hand des Jungen, spürte, dass sie ganz kalt war.

Matti schüttelte den Kopf. Aber er dachte nach. Dann berichtigte er sich selbst. »Doch. Kevin hatte eine gelbe Tüte für die Badehose. Die lag nicht mehr im Zelt. Er hat sie gestern Abend in mein Zelt geworfen. Das weiß ich genau. Dann sind wir in den Wald gegangen. Das war gruselig.«

Der Kommissar holte seinen Notizblock heraus, machte kurze Notizen. »Weißt du, Matti, das bleibt aber unser großes Geheimnis, es darf niemand wissen, denn so erfahre ich vielleicht Dinge, die manche Leute der Polizei nicht erzählen wollen: Ich bin aus Leipzig und arbeite bei der Kriminalpolizei. Ich habe schon viele Kinder wieder gefunden.« Hinrich zeigte dem Jungen seine Polizeimarke.

Matti sah den Mann mit großen Augen an.

»Und manchmal waren es ganz kleine, unwichtige Dinge, die uns auf die richtige Spur geführt haben.« »So wie die gelbe Tüte?«

»Wie die gelbe Tüte. – Was meinst du, kann es sein, dass jemand Kevin was Böses antun will? Du kennst Kevin viel besser als ich. Gibt es jemanden, der Kevin eins auswischen will?« Hinrich rieb die Hand des Jungen.

Matti zuckte mit den Schultern. »Ich glaube nicht.«

»So, so. Du glaubst es nicht. – Hör zu, Matti, wenn dir etwas einfällt, dass es jemanden geben könnte, der was mit der Sache zu tun haben könnte, irgendetwas, was dir nicht ganz geheuer vorkommt, auch die kleinsten Dinge, sag es mir einfach. – Okay?«

»Hm, okay.« Matti lächelte.

»Holger …« Hinrichs Frau war es nicht wohl zumute, denn zwei Männer näherten sich.

»Guten Tag«, sagte der eine. »Was wollen Sie von dem Jungen? Sind Sie von der Presse?«

Hinrich begab sich wieder in die Senkrechte. »Seh’ ich so aus? – Angenehm, Holger Hinrich, derzeit Urlauber von Beruf. – Und das ist meine Frau.«

»Was wollte dieser Mann von dir?« Kommissar Feldmüller schaute Matti fragend an.

»Er … er hat mich nach dem Weg gefragt.«

»Nach dem Weg? – Du solltest besser zu Hause sein, Matti. – Und lass dich nicht mit fremden Männern ein.« Feldmüllers Stimme klang fordernd und belehrend.

Matti drehte sich um. »Sie sind doch auch ein Fremder«, rief er und lief zurück zu seinem Elternhaus.

»Wir wohnen im Seeblick, Matti.« Hinrich winkte dem Jungen hinterher. – »Einen Superumgang haben Sie mit Kindern.« Vorwurfsvoll richtete sich Hinrichs Stimme an Feldmüller. »Haben Sie eine Ahnung, was der Junge gerade durchmacht?«

Der Schweriner sah den Leipziger kontrollierend an. »Was mischen Sie sich ein? Es bringt mir nichts, wenn wir am Ende des Tages nach zwei Kindern suchen, Herr Hinrich. – Was wollten Sie von dem Jungen? – Ich leite hier die Ermittlungen, nicht Sie. Ich bin nämlich von der Kripo.«

»Ach …« Hinrich biss sich auf die Zunge. »… sind Sie das wirklich? Haben Sie auch einen Namen?«

»Feldmüller. – Und nun verschwinden Sie besser.«

Hinrich grinste. Jockey, der Hund, der einen heruntergekommenen Eindruck machte, hatte sich auf Hinrichs Schuh gelegt und kratzte sich am Hals. »Sie sehen ja, ich kann gerade nicht weg hier. – Sagen wir … Ich bin Hobbykriminalist. Ich weiß, Kommissare wie Sie, die mögen das nicht hören. Doch häufig sind die Untersuchungsmethoden der Kripo etwas eingefahren. – Haben Sie schon nach der gelben Plastiktüte gesucht?«

»Was für eine Plastiktüte? – Verarschen Sie mich?«

»Das liegt mir fern, Herr Feldmüller. Es geht um das Leben eines Kindes. Glauben Sie mir, in solchen Fällen verbietet sich mir jede Art von Verarschung. – Es sollte Kevins Badehose in der gelben Tüte sein. – Und warum wurden die Straßenränder nicht abgesperrt? – Nehmen Sie an, Kevin wollte nach Hause, dann musste er genau hier lang laufen. Doch da, wo seine Spuren eventuell sein könnten, stehen die Fahrzeuge der Polizei und der Medienvertreter.«

Feldmüller lief rot an. Ohne ein weiteres Wort machte er kehrt und wandte sich dem »Seeblick« zu, in dem die nächste Lagebesprechung stattfinden sollte. Anschließend stand eine Pressekonferenz auf dem Plan. Unzählige Medienvertreter lungerten vor dem Gasthaus herum, selbst die Öffentlich-Rechtlichen Sender waren vor Ort.

Der zweite Mann, Stellvertreter Boger, folgte ihm, nachdem er einen prüfenden Blick auf den eigenen Mercedes geworfen hatte. Das S-Klasse-Schiff passte nicht so recht zum Straßenrand von Zellerau.

Hinrich schaute den Männern nach, dann umgriff er die Schultern seiner Frau. »Der hat ja noch Eierschalen hinter den Ohren. – Kein Glücksgriff für diesen Fall.«

»Komm Holger, du hast auch so angefangen. – Was hat denn nur der Hund?« Hinrichs Frau schaute zu Jockey, der heulend zwischen den geparkten Fahrzeugen herumkroch.

Hinrich lief zu Jockey und kraulte ihn hinter den Ohren. »Ich glaube fast, der könnte uns viel erzählen.« Der Kommissar kniete auf dem Boden und schaute unter einen dunklen Audi. »Wenn das mal nicht …«

Am rechten Hinterrad des Fahrzeuges war eine gelbe Tüte zu sehen, eingeklemmt zwischen Reifen und Sandboden. Sofort erhob sich Hinrich, warf einen Blick auf das Nummernschild.

Dann lief er, ohne weitere Worte zurück zum Gasthaus und platzte in den Gastraum. Feldmüller wollte gerade die Lagebesprechung eröffnen.

»Herr Kriminalhauptkommissar, erlauben Sie mir, eine Frage zu stellen?« Hinrichs Stimme klang außerordentlich arrogant.

Die Anwesenden betrachteten den Leipziger erwartungsvoll. Martin Wallner, der am Rand stand, lächelte.

Feldmüller erhob sich ruckartig. »Wenn Sie weiterhin unsere Arbeit behindern, organisiere ich persönlich, dass Sie den Rest Ihres Urlaubes im Thüringer Wald verbringen, Herr Hinrich. Oder noch weit dahinter.«

Hinrich ging durch die Reihen, baute sich vor Feldmüller auf, Aug in Aug. »Soll ich wirklich raus gehen?«, flüsterte er. »Die Presseleute wären begeistert, wenn ich ihnen mitteile, wie leichtfertig Sie mit den wenigen Spuren umgehen. So werden Sie den Jungen niemals finden, Herr Kriminalhauptkommissar.« Hinrich trat zwei Schritte zurück. Mit lauter Stimme fuhr er fort: »Wem gehört der schwarze Audi mit dem Kennzeichen Otto Viktor Paula Strich Anton Sieben Sieben Sieben?«

Feldmüller lief dunkelrot an. »Was soll das?«

Hinrichs Gesicht verzog sich zu einem bösen Grinsen. »Nein, das gibt’s doch nicht! Ist es Ihr Fahrzeug? – Gratulation. Wahrscheinlich haben Sie die einzigen Spuren vernichtet, die Ihnen weiterhelfen könnten. – Folgen Sie mir einfach.« Mit den letzten Worten machte Hinrich kehrt und verließ den Gastraum.

Der Einsatzleiter warf einige Blicke in die Runde. Augen waren auf ihn gerichtet. Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dann folgte er Hinrich. »Ich bin gleich wieder da! – Sie warten hier!«

Keiner wagte es, dem Kommissar zu folgen, als der hinaustrat, sich einen Schweißfilm von der Stirn wischte und mit kurzen, raschen Schritten zu seinem Audi lief.

Hinrich stand auf dem Asphalt der Straße, ein paar Meter entfernt wartete seine Frau.

»Bewegen Sie Ihr Auto auf die Straße und machen Sie die Warnblinkanlage an. Lassen Sie anschließend fünfzig Meter des Straßenrandes sperren, damit hier nicht noch mehr Menschen durchtrampeln.« Die Stimme des Leipziger Kommissars hatte ihren beruflichen Befehlsklang angenommen.

Mit der Fernbedienung öffnete Feldmüller sein Fahrzeug, trat an die Tür. »Hinrich, wenn Sie mich verarschen, dann werde ich …«

»Nun machen Sie schon«, forderte der Leipziger.

Feldmüller stieg ein, startete den Wagen und rangierte auf den Asphalt der Bundesstraße.

Hinrich, der auf der Straße stand, rückte keinen Zentimeter zur Seite, obwohl die Stoßstange des Audis seine Hosenbeine streifte.

Wenige Sekunden später stand Feldmüller neben Hinrich. »Und?«

Hinrichs Zeigefinger deutete in den Dreck. »Wenn mich nicht alles täuscht, stand ihr Fahrzeug auf der gelben Plastiktüte, in der sich die Badehose von Kevin Franke befindet, Herr Kriminalhauptkommissar. Eben die Tüte, von der Sie während Ihres Einsatzes nichts erfahren haben, weil Sie den kleinen Matti nicht danach fragten.«

Feldmüller sah Hinrich einen Moment lang an. »Kann es sein, dass Sie für einen Unbeteiligten etwas zuviel wissen? – Haben Sie für den Sonntagmorgen ein Alibi, Herr Hinrich?« Während Feldmüller redete, hatte er eine Packung Gummihandschuhe aus der Gesäßtasche gezogen. Er nahm die Handschuhe aus der Folie und zog sie umständlich an.

Hinrich lächelte erneut. »Mein Alibi steht dort.« Er zeigte auf seine Ehefrau. »Reicht das?«

Feldmüller sah ernst auf, hob mit spitzen Fingern die Tüte auf, öffnete sie.

Neugierig warf Hinrich einen Blick hinein. »Sieht aus, wie eine zusammengeknüllte Kinderbadehose. Oder?«

Wieder blickte Feldmüller den Leipziger lange an. Dann nahm er die Badehose aus der Tüte. »Ja, sieht so aus. – Passen Sie auf, dass niemand diese Stelle betritt. Ich bin gleich zurück.«

Hinrich nickte. Während sich Feldmüller im Laufschritt zum Gasthaus bewegte, öffnete er den Kofferraum des Audis, den Feldmüller nicht verriegelt hatte. »Kommst du mal?«, rief der Leipziger Kommissar seine Frau. »Komm her, Maria und mach dich nützlich.«

Hinrich nahm eine Rolle Absperrband aus dem Kofferraum und warf anschließend die Klappe zu. Dann lief er einige Meter die Straße hinunter, knotete das Band an einem Zaun fest, rollte es auf, und lief zum Audi. Er legte das Band provozierend um das Fahrzeug und wickelte es um den straßenseitigen Außenspiegel. Sodann gab er die Rolle seiner Frau in die Hand. »Geh schön weit runter. Bis zu dem Halteverbotschild. Und dann zum Zaun.«

Kurze Zeit später war ein großer Bereich des Weges abgesperrt. Als die Frau des Kommissars zurück war, meinte der: »Sag ihm, mir ging es durch den Bauch. Oder lass dir sonst was einfallen. Ich bin gleich zurück.«

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand eine ältere Dame an einem Zaun und beobachtete aufmerksam das Treiben auf der Straße. Ein Mann, mit einer von riesigen Objektiven gekrönten Kamera am Hals, näherte sich.

Hinrich beobachtete dies alles. »Sie können fotografieren, aber betreten Sie keinesfalls den abgesperrten Raum. – Verstanden?«

Der junge Journalist nickte und begann den Randstreifen und Feldmüllers Audi zu fotografieren.

Hinrich ließ mehrere Fahrzeuge durch, dann lief er auf die andere Straßenseite zu jener älteren Dame. »Hinrich, guten Tag.« Nach dieser Vorstellung kam der Leipziger sofort zur Sache. »Sagen Sie mal, stimmt das, dass der alte Kramer immer der erste ist, der am Morgen auf der Straße erscheint?«

Die Frau nickte. »Eine Schande ist das, der arme Junge. – Ja, ja, der Kramer ist noch vor dem Zeitungsmann draußen und lange vor den Hähnen wach. Treibt sich immer nachts rum und sucht seinen Köter. – Was die nur mit dem Kind gemacht haben? Eine Schande ist das, die Eltern müssen aber auch aufpassen, ständig sieht man die Kinder allein … – Meinen Sie etwa, der alte Kramer hätte was damit zu tun?«

»Unterstehen Sie sich! Er war als erster wach, vielleicht hat er was gesehen. – Sie wissen wohl, was mit dem Jungen passiert ist?«, unterbrach Hinrich den Redeschwall der Frau.

»Irgend so ein Kinderschänder wird ihn mitgenommen haben. Die Welt ist schließlich voll von denen, jeden Tag kann man in der Zeitung lesen, was los ist, die schießen in Schulen mit Pistolen, dann die Rechten überall, ständig werden alte Leute überfallen, nein, nein, und die Polizei tut nichts, aber die Gesetze sind viel zu harmlos, die haben doch keine Angst mehr, die …«

»Wo wohnt denn der Kramer?«

»Der Kramer? – Von dem werden Sie nichts erfahren, der Schnaps hat doch seinen Verstand zerfressen, das ist nicht die Mühe wert, der Kramer bekommt nichts mit, der lebt in einer anderen Welt, seit sie ihm die LPG weggenommen haben. Wissen Sie, der war LPG-Vorsitzender, über dreißig Jahre, und dann haben Sie ihn rausgeschmissen, seitdem ist er so, nein aus dem bekommen Sie kein vernünftiges Wort heraus …«

»Verraten Sie mir trotzdem, wo er wohnt?«

»Aber sicher. Das vierte Haus, auf unserer Straßenseite, aber nicht das große Wohnhaus, nein, der lebt im ehemaligen Stall, die Günthers haben ihn ein bisschen ausgebaut. Geld wird der Kramer wahrscheinlich nicht bezahlen, aber manchmal hilft er auf dem Hof oder bei der Ernte, na, das kann er ja ganz gut …«

Während die Frau noch sprach, entfernte sich Hinrich bereits. »Danke, liebe Frau …«

Vom Gasthaus her näherten sich verschiedene Personen, darunter Kommissar Feldmüller. Eine Minute später hielt mitten auf der Straße ein Polizeibus, der die Technik der Spurensicherung brachte.

7

Kevin öffnete erschrocken die Augen. Noch immer umgab ihn die abscheuliche Dunkelheit. Sein Magen spielte verrückt, er atmete schwer, dem Jungen ging es schlecht. Es dauerte längere Zeit, bis er auf dem Bett saß, eingehüllt in die Decke, die nach der Alten roch. Allmählich kehrte seine Besinnung zurück. Die Treppe! Es gab eine Treppe. Kevin kletterte aus dem Bett, barfüßig berührte er den Boden, der sich noch immer anfühlte, als bestände er aus Eis. Der Junge stützte sich mit dem rechten Arm ab, wollte sich erheben. Stechende Schmerzen durchfuhren ihn. Kevin rieb den Arm. Schon einmal hatte er einen solchen Schmerz empfunden, damals war er noch sehr klein, war beim Kirschenpflücken von einem Ast gerutscht. Ein wenig blieb in seinem Gedächtnis die Erinnerung an den Gips, auf den er mit Buntstiften Bilder gemalt hatte. Kevin schlich zur Holztreppe, kniete sich auf die erste Stufe, die Decke über dem Rücken. Stufe für Stufe erklomm er, bis er den Widerstand der Klappe erfühlte, durch die die Alte in den Kellerraum gekommen war. Kevin lauschte. Es schien ihm, als würde Licht durch die Ritzen zwischen den Brettern scheinen. Oben war es ruhig. Lange Zeit verharrte der Junge. Vorsichtig drückte er mit dem linken Arm gegen die Bretter. Die Luke ließ sich nicht öffnen. Kevin atmete tief ein und aus, versuchte klare Gedanken zu fassen.

Er untersuchte die Treppe. Das Brett der vierten Stufe von oben war locker. Doch entfernen konnte Kevin es nicht. Mit den Fingern fühlte er es ab. Auf einer Seite war es nicht mehr richtig befestigt. So hatte es ein wenig Spiel. Kevin rutschte Stufe um Stufe hinunter und ging zum Bett. Er setzte sich darauf und dachte nach. Wenig später erhob er sich erneut, lief zu seinem Toilettenstuhl, klappte ihn auf, nahm die Schüssel heraus und stellte sie auf den Boden. Nun warf der Junge die Decke von seinem Rücken, hob den Stuhl an und trug ihn zur Treppe. Es war anstrengend, bis er mit dem Stuhl oben angekommen war. Die Treppe hatte kein Geländer. Nur an den Seiten waren Bretter, von denen die Stufen gehalten wurden. Kevin schob ein Stuhlbein unter die vierte Stufe und versuchte das Brett mit der Hebelkraft des Stuhles zu lockern. Er drückte aus Leibeskräften, achtete darauf, nicht von der Treppe zu fallen. Sein größtes Problem war der schmerzende Arm. Fest biss der Junge die Zähne zusammen. Minuten später war er kraftlos. Der Stuhl entglitt seinen Händen und rutschte Stufe um Stufe die Treppe hinunter. Kevin hielt erschrocken inne und lauschte. Es blieb ruhig. Die vierte Stufe hatte nun noch mehr Spiel. Der Junge setzte sich darüber und trat mit der Ferse gegen das Brett. Die Schmerzen in seinem Körper wurden sofort unerträglich. Mehr passierte nicht. Auf den Knien rutschte Kevin stöhnend Stufe um Stufe nach unten, fiel kraftlos auf das Bett, eingewickelt in die Decke. Die Ferse schmerzte nun auch noch. Kevin atmete schwer. Nach einer langen Pause erhob sich der Junge, holte den Stuhl, stellte die Schüssel wieder hinein, schwappte mit dem eigenen Urin, der über seine Füße lief. Er kletterte zurück ins Bett, es drehte sich ihm, fast wie damals, als er heimlich eine Flasche Bier getrunken hatte.

Kevin hörte das Lachen der Mutter, als ihn der Vater ins Bett trug. Der Junge hatte schlafend auf dem Fußboden in der Werkstatt des Vaters gelegen.

»Wir alle haben das probiert.«

Kevin hüpfte durch das seichte Wasser.

»Was ist, wollen wir morgen Angeln gehen?« Matti besaß zwei gute Angelruten.

»Ich muss erst meine Eltern fragen.« Kevin ging davon aus, dass der Vater es verbieten würde.

Doch später, daheim beim Abendessen, war Kevins Verwunderung groß.

»Wir müssen aber spätestens vier Uhr aufstehen«, sagte er. Mama hatte den Vater lange angesehen. Doch der schwieg. »Kevin, kommst du dann mal in die Werkstatt? Du musst mir helfen«, meinte er endlich.

Der Junge holte tief Luft, protestierte jedoch nicht. Zunächst half er, seine kleinen Geschwister ins Bett zu bringen. Kevin kümmerte sich meist um die beiden vier- und fünfjährigen Schwestern, während die Mutter Henry, den zweijährigen Bruder und anschließend das Baby versorgte.

Nachdem Kevin den Schwestern eine Gutenachtgeschichte vorgelesen hatte, ging er in das zweite Kinderzimmer, das er sich mit seinem kleinen Bruder teilte.

»Mama, ich geh jetzt zu Vati. Es wird ja nicht lange dauern.«

»Das wird es bestimmt nicht.« Die Mutter lächelte.

Als Kevin in die Werkstatt kam, glaubte er seinen Augen nicht. Auf der Werkbank lagen zwei Angelruten. Nicht so neu, wie die von Matti, aber völlig in Ordnung.

Der Vater strahlte, als Kevin die kürzere Rute in die Hand nahm und die Sehne auf der Rolle prüfte.

»Früher, als ich so alt war wie du jetzt, und auch später noch, da habe ich leidenschaftlich gern geangelt«, sagte der Vater und stellte Kevin eine Flasche Brause hin. Er öffnete sich eine Bierflasche. »Weißt du, Kevin, als ich zehn war, sagte mein Vater, dass ich mit ihm Angeln gehen darf. Das war ein großes Erlebnis. Mitten in der Nacht sind wir raus, haben Würmer ausgegraben und sind mit einem Kahn auf den See hinausgefahren. Wir haben viel geredet. Mein Vater sagte, Angeln, das ist nur was für Männer. Frauen haben dafür keine Geduld.«

Kevin nippte an der Brauseflasche.

Der Vater legte eine Hand auf die Schulter des Sohnes. »Und manchmal, wenn sie angebissen haben, sind wir am Morgen am Strand geblieben, haben ein kleines Feuer gemacht und die Fische gegrillt. Wir saßen da und beobachteten die aufgehende Sonne.« Der Vater machte eine Pause, trank sein Bier. »Es war schön. – Was ist, nimmst du mich mit, wenn du mit Matti Angeln gehst?«

Kevin lächelte und kuschelte sich an den Vater. Kurz darauf rief er Mattis Eltern an.

Nachts, gegen drei, wurde Kevin geweckt und war sofort hellwach.

»Komm, Kevin, es geht los«, flüsterte der Vater, damit Henry nicht geweckt wurde. Sie legten sich die Angelruten über die Schultern und marschierten zu Mattis Haus. Anschließend ging es zum See. Da kein Boot zur Verfügung stand, nutzten sie den alten Bootssteg, der wacklig war, aber weit in den See reichte. Es war kalt und dunkel. In der Nähe des Steges gruben sie Würmer aus. Bald trieben die Schwimmer ruhig auf der glatten Seeoberfläche, auf der sich das Mondlicht spiegelte. Ausgerechnet Kevin fing den ersten Fisch! Nicht sonderlich groß, aber eben der erste.

Am Morgen sammelten die Jungs trockenes Holz und kurz darauf flackerte am Strand ein Lagerfeuer. Kevin lag glücklich und müde im Sand, sein Kopf auf dem Bauch des Vaters. Mit glänzenden Augen beobachtete er die aufgehende Sonne. In jener Nacht, in der Kevin zehn Jahre wurde, lernte er seinen Vater kennen, obwohl sie schon acht Jahre zusammengelebt hatten.

Pulsuz fraqment bitdi.

7,60 ₼

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
22 dekabr 2023
Həcm:
180 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9783867039611
Müəllif hüququ sahibi:
Автор
Yükləmə formatı:

Oxşar kitablar