Kitabı oxu: «Veyron Swift und das Juwel des Feuers»

Şrift:

Tobias Fischer

Veyron Swift und das Juwel des Feuers

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Kapitel: Tom Packard

2. Kapitel: Professor Daring

3. Kapitel: Mr. Nagamoto

4. Kapitel: Der Flug der Supersonic

5. Kapitel: Das Auge im Himmel

6. Kapitel: Nach der Katastrophe

7. Kapitel: Vom Regen in die Traufe

8. Kapitel: Alte Mauern

9. Kapitel: Wölfe und Schafe

10. Kapitel: Die Weiße Königin

11. Kapitel: Rast und Genesung

12. Kapitel: Vollmondstunde

13. Kapitel: Die Silberschwan

14. Kapitel: Auf der verrückten Insel

15. Kapitel: Eine Diebin in der Nacht

16. Kapitel: Veyrons großer Irrtum

17. Kapitel: Nemesis

18. Kapitel: Einige Nachwirkungen

19. Kapitel: Wieder zurück

Impressum neobooks

1. Kapitel: Tom Packard

»Wie um alles in der Welt bin ich nur hierhergekommen, wie um alles in der Welt konnte mir das passieren?«, fragte sich Tom Packard. Er saß im örtlichen Polizeirevier und wartete auf sein Verhängnis, das an diesem 14. Juli des Jahres 2011 zweifellos Jugendheim bedeuten würde. Sie steckten ihn bestimmt in ein Heim, ausgerechnet ihn!

Tom war gerade einmal vierzehn Jahre alt und ein Durchschnitts-Teenager, weder zu groß noch zu klein, weder zu dick noch zu dünn. Lediglich seine rotblonden Strubbelhaare und seine grünen Augen hoben ihn ein wenig aus der Masse.

Der Raum war ziemlich klein, mit jedem Augenblick schienen die vergilbten Wände näherzukommen. Es gab nur ein einziges Fenster, einen alten Schreibtisch und zwei schwarze Bürostühle. Immerhin war es kein Vernehmungszimmer – das war schon einmal ein gutes Zeichen –, sondern ein Warteraum. Die Polizisten hatten ihn für den Moment allein gelassen, um ihm etwas zum Trinken zu holen. Kaum waren sie fort gewesen, hatte er heimlich die Tür geöffnet. Nur einen Spalt weit, weil er wissen wollte, was draußen vor sich ging. Immerhin steckte er in einer ernsten Lage. Niemand schien es zu bemerken, und so vernahm er die Stimmen der Beamten relativ deutlich.

Sie sprachen über den Tod seiner Eltern.

Es stimmte, er war jetzt eine Waise. Vor einem halben Jahr waren seine Mom und sein Dad bei einem Verkehrsunfall gestorben. Er saß damals in der Schule, als die Polizisten kamen und ihn aus der Klasse holten. Da er ansonsten in England keine lebenden Verwandten hatte (er wusste nur von einem entfernten Onkel in Australien), musste er zu Priscilla Evans ziehen, der Stiefschwester seiner Mutter. Priscilla war bloß zehn Jahre älter als er und mit der Betreuung eines Heranwachsenden vollkommen überfordert. Zumindest waren sich die Polizisten draußen auf dem Flur dessen sicher.

»Einer solchen Person kann man doch kein Kind anvertrauen! Ständig wechselnde Jobs, ein mickriges Einkommen, jede Menge Schulden! So haben es mir jedenfalls die Zeugen erzählt«, hörte er gerade einen der Polizisten sagen.

Genau deswegen war er hier gelandet! Priscilla war verschwunden, einfach abgehauen. Sie hatte ihn allein gelassen.

Von Kümmern konnte man gar nicht reden, stattdessen ging sie ihm weitmöglich aus dem Weg. Früher einmal, da hatte er sie nett gefunden, als die Welt noch in Ordnung gewesen war und sie hin und wieder zu Besuch kam. Doch der Tod seiner Eltern änderte alles. Es hatte schon mit dem Tag begonnen, als man ihn zu ihr schickte. Mit seiner Trauer ließ sie ihn allein, nicht ein einziges Mal fand sie ein tröstendes Wort. Er sah mehr von ihrem Rücken als ihrem Gesicht – und wenn er sie einmal ansprach, kam sie mit Ausflüchten. Sie hätte jetzt keine Zeit zum Reden und müsse gleich weg – oder irgendetwas dergleichen. Den ganzen Haushalt halste sie ihm auf. Waschen, Kochen, Putzen, Einkaufen. Priscilla kümmerte sich in all der Zeit um nichts!

Sie wohnte in einer schäbigen, engen Wohnung im achten Stock eines Hochhauses in Londons Stadtteil Ealing. Der Boden knarzte bei jedem Schritt, die Wände waren inzwischen grau und hätten dringend einen frischen Anstrich benötigt. Durch die alten Fenster blies der Wind, selbst wenn sie geschlossen waren. Im Bad roch es nach Schimmel, in seinem Zimmer nach Moder.

Kein Wunder also, dass sie als sein Vormund schließlich sein Erbe veräußerte. Darunter das Haus seiner Eltern und alles andere, was sich irgendwie zu Geld machen ließ. Priscilla hatte damit irgendwelche Schulden bezahlt, Tom wusste es nicht genau. Am Ende blieb jedenfalls nichts mehr übrig. Vor sieben Wochen war sie dann auf einmal verschwunden; einfach abgehauen. Sie hatte alles mitgenommen, was sich in zwei Koffer quetschen ließ. Als Tom von der Schule nach Hause kam, fand er die Wohnung weitgehend geräumt vor.

Natürlich hatte Priscilla ihm keine Nachricht hinterlassen, und auch die kommenden drei Tage hörte er nichts von ihr. Zunächst machte sich Tom Sorgen, doch allmählich verwandelte sich dieses Gefühl in Wut und Bestürzung. In der Schule hatte er sich nichts anmerken lassen und geglaubt, seine Sache recht gut zu machen. Als jedoch sein eh schon mageres Taschengeld zuneige ging und die Nahrungsmittel knapp wurden, flog seine Tarnung schließlich auf. Lehrer stellten unbequeme Fragen, Mitschüler bedachten ihn mit skeptischen Blicken, weil er dünner und dünner wurde und immer mehr Veranstaltungen und Ausflügen fernblieb.

»Ja, es ist fast ein Wunder, dass er nicht auf die schiefe Bahn geraten ist«, hörte er gerade eine Polizistin sagen. Sie hatte eine sanfte, helle Stimme, die in Toms Ohren sehr angenehm klang. Ein Kollege grunzte verächtlich. Beide schienen gleich hinter der Tür zu stehen.

»Laut Mrs. Pennywise, seiner Lehrerin, ist er immer wieder im Unterricht eingeschlafen. Und auch beim Sport hat er schlappgemacht. Na, wenn das keine Zeichen einer Unterernährung sind! Da kann man fast von Glück reden, dass er schließlich beim Fußballspielen zusammengebrochen ist«, schimpfte er.

Tom war sich dagegen nicht sicher, ob er das wirklich Glück nennen sollte. Jetzt saß er hier auf dem Revier fest, und obwohl man ihn großzügig mit Keksen und Limonade versorgte, konnte er nichts anderes tun, als auf sein Schicksal zu warten. Das Letzte, was er wollte, war, wegen Priscilla in ein Heim zu müssen, oder zu Pflegeeltern, die er gar nicht kannte.

Die junge Polizistin brachte ihm einen Augenblick später ein neues Glas Limonade ins Zimmer. Er blickte sie erwartungsvoll an. Sie war kaum größer als er, dunkelhaarig, mit einem hübschen Gesicht und großen, braunen Augen. Jane Willkins war ihr Name, aber sie bot ihm sofort an, sie einfach Jane zu nennen.

Sie schloss die Tür und schien in diesem Moment etwas zu bemerken. »Die Tür war ja gar nicht zu. Hast du uns etwa belauscht?«, fragte sie, ihre sanfte Stimme klang nur neugierig, nicht vorwurfsvoll.

Tom beantwortete das Ganze mit einem Schulterzucken. »Was Neues von Priscilla?«, fragte er, um das Thema zu wechseln, und hielt sich an den Armlehnen des Bürostuhls fest. Ihm war schwindlig, weil er während seiner Überlegungen damit Karussell gespielt hatte.

Jane stellte die Limonade auf den kleinen Schreibtisch und schüttelte den Kopf. »Noch nicht. Aber wir stehen ja auch erst am Anfang unserer Ermittlungen«, sagte sie und lächelte ihm aufmunternd zu.

Tom ignorierte es. »Sie wird nie wieder zurückkehren«, erwiderte er.

Jane lächelte noch immer, wenngleich ihm auffiel, dass ihr seine Antwort einen kleinen Stich versetzt hatte. »Der Inspektor hat noch nicht aufgegeben. Wir finden sie bestimmt.«

»Nein. Sie hat sich abgesetzt! Wieso hätte sie sonst die ganze Wohnung ausräumen und ihr Telefon wegwerfen sollen? Sie ist einfach abgehauen! Sie hasst mich, sie hat mich schon immer gehasst!«, schrie er. Sein Kummer hatte lange genug Zeit gehabt, sich in Wut zu verwandeln, und diese Wut verlangte jetzt nach einem Ventil. Er ballte die Fäuste, bebte vor Zorn. Am liebsten wollte er toben und alles hier zertrümmern.

Jane Willkins blieb ungerührt, doch ihr Lächeln verschwand. »Wir werden sie finden«, versicherte sie ihm, klang dabei jedoch mehr ausweichend als ehrlich.

Tom schüttelte energisch den Kopf. »Nein, werdet ihr nicht! Sie hat sieben Wochen Vorsprung und ist inzwischen längst in den Vereinigten Staaten oder in Südamerika. Da wollte sie immer schon hin! Ihr ganzes Schlafzimmer war voll mit Fotos von dort! Der Teufel soll sie holen! Ich hasse sie! Ich HASSE sie!« Er kämpfte schnaufend seinen Zorn nieder. Beschämt wandte er sich von der Beamtin ab.

Jane setzte sich auf den zweiten Stuhl und blickte ihn geduldig an. Für eine Weile sagte sie nichts, sondern saß einfach nur still da. »Dir fehlen deine Eltern sicher sehr, nicht wahr?«, fragte sie halblaut.

Tom nickte stumm. Dann fragte er etwas anderes, das ihn schwer beschäftigte: »Wo schlafe ich heute Nacht?«

»Ich weiß es nicht, Tom. Inspektor Gregson hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit du schnell irgendwo unterkommst. Hast du keine anderen Verwandten, oder wenigstens einen Paten?«

»Nein, keine Ahnung. Ich kenn nur Priscilla. Aber ich geh auf keinen Fall zu irgendeiner blöden Familie mit ihren noch blöderen Kindern. Ich komme allein besser zurecht.«

»Du bist noch zu jung, um allein zu bleiben. Du brauchst jemanden, der sich um dich kümmert«, meinte Jane ernst.

Tom schnaubte. »Ja. Klar«, gab er zurück, bemüht, es nicht allzu unfreundlich klingen zu lassen, aber er konnte es nicht ganz vermeiden. Ebenso wenig die Tränen, die danach aus ihm hervorbrachen. Jane nahm ihn in die Arme – das erste Mal in sechs Monaten, dass ihn jemand umarmte und ihm Trost spendete.

»Wenn Inspektor Gregson niemanden findet, kommst du mit zu mir. Mein Freund wird sicher nichts dagegen haben, wenn du ein paar Tage bei uns bleibst«, meinte sie mit einem aufmunternden Lächeln.

Erleichterung und Freude mischten sich in seine Angst und den Kummer. In Jane Willkins hatte er so etwas wie eine Freundin gefunden, jemanden, dem er offenbar nicht vollkommen egal war. Von Tante Priscilla wollte er auf jeden Fall nie wieder etwas hören.

Es war natürlich klar, dass Inspektor Gregson niemanden aufspürte, bei dem Tom übernachten konnte, doch der Inspektor war nett genug, ihn nicht sofort in ein Heim bringen zu lassen.

»Der Junge hatte es in den vergangenen Monaten schwer genug. Wenn Sie wollen, Willkins, können Sie ihn für ein bis zwei Tage bei sich aufnehmen. Aber dann müssen wir wieder den Vorschriften folgen«, entschied der Inspektor, ein großer Mann mittleren Alters. Mit seinen breiten Schultern, dem kurzen Hals und dem runden Gesicht, das von strengen, dunklen Augen beherrscht wurde, war er eine richtige Autorität, der man nicht zu widersprechen wagte. Sein Wort war Gesetz. So kam Tom fürs Erste bei Jane unter.

Sie wohnte in einer kleinen Wohnung zur Miete, zusammen mit ihrem Freund, Michael Boran. Er war ebenfalls bei der Polizei, ein hünenhafter Kerl mit kantigem Kinn. Gegen ihn nahm sich Jane fast wie eine Zwergin aus, und auch Tom kam sich winzig vor. Mit Michael konnte er allerdings nicht viel anfangen; er war recht wortkarg, und oft blieb er nicht lange im Haus. Wenn doch, hockte er nur vor dem Fernseher und guckte Fußball – die Leidenschaft für diesen Sport war im Übrigen das Einzige, das er mit Tom teilte. Er konnte gar nicht verstehen, warum eine so liebe Person wie Jane so viel Energie und Zeit in einen solchen Blödmann investierte. Eigentlich passen sie gar nicht zusammen, dachte er, wenn er die beiden Arm in Arm auf der Couch sitzen sah.

Aus den »paar Tagen« bei Jane wurde schließlich eine ganze Woche. Sie fuhr ihn jeden Morgen in die Schule, und an ihrem freien Tag gingen sie ins Kino, danach in die Eisdiele. Tom wünschte, er könnte noch etwas länger bei ihr bleiben, war sich jedoch bewusst, dass diese kurze Zeit des Glücks bald enden würde.

Um seine Befürchtungen zu unterstreichen, kam Jane am letzten Tag der Woche mit einer Frau nach Hause. Sie besaß ein strenges Gesicht und eine große Brille, die sie um Jahre älter wirken ließ, als sie wohl war.

»Tom, das ist Mrs. Hartworth vom Jugendamt. Inspektor Gregson hat sie hinzugezogen, um weitere Verwandte von dir aufzuspüren«, stellte Jane die Dame vor.

Tom, mit den Händen in der Tasche, war auf das Schlimmste gefasst. Bestimmt hatten sie seinen Onkel in Australien aufgetan. »Hallo«, grüßte er und senkte mürrisch den Blick. »Ich geh nicht nach Australien! Auf keinen Fall!«

Jane schenkte ihm einen vorwurfsvollen Blick. Mrs. Hartworth lachte nur und hob beruhigend die Hände. »Es wird nicht ganz so schlimm, Tom. Ich habe mir das Testament deiner Eltern noch einmal genau durchgelesen. Deine Mutter hat für dich einen Vormund bestimmt, sollte ihr etwas zustoßen. Der hat bislang seine Verantwortung zurückgewiesen, deswegen wurdest du vorläufig zu deiner Tante geschickt. Inspektor Gregson ist es jedoch gelungen, deinen Paten davon zu überzeugen, dich aufzunehmen«, erklärte sie.

Tom zuckte teilnahmslos mit den Schultern. Ihm sagte das alles gar nichts, und das ließ er die beiden Frauen auch wissen.

»Ach, Tom. Sieh dir die Sache doch erst einmal an. Ich weiß, es ist nicht die beste Lösung, und wenn es nach mir ginge, dürftest du gerne hierbleiben. Aber es ist nun mal so, dass dein Pate jetzt die Verantwortung für dich hat. Du kannst mich weiterhin besuchen, wenn du das willst. Es wird alles nicht so schlimm«, meinte Jane und brachte ein verkrampftes Lächeln zustande.

Tom erkannte, dass in ihr einige Kämpfe tobten. Sie war nicht ganz ehrlich zu ihm, das spürte er sofort. »Okay, wer ist mein Pate?«, fragte er und verschränkte die Arme. Sie sollten ruhig wissen, wie wenig ihm diese Idee gefiel.

Mrs. Hartworth antwortete ihm. »Sein Name ist Veyron Swift.«

Am 22. Juli begannen die großen Ferien, und mit ihnen ein neuer Abschnitt in Toms Leben. Sein Zeugnis war in Ordnung (zumindest hätte es schlechter ausfallen können), und er durfte in die nächste Klasse aufrücken. Jetzt hieß es erst einmal: Sechs Wochen Freiheit! Jane holte ihn mit dem Auto von der Schule ab. Dreißig Minuten später erreichten sie ihr Ziel.

Swift wohnte in einem roten Backsteinhaus in Londons Stadtteil Harrow, nicht besonders auffällig oder schön, aber es war immerhin ein großes Haus mit einem noch größeren Garten. Die Bäume und Sträucher darin wucherten fast bis an den Rand der Dachrinne und verbargen das Gebäude vor neugierigen Blicken der Nachbarn. Das ganze Grundstück lag erhöht und war zur Straße hin durch eine Mauer abgegrenzt. Nirgendwo gab es eine Garage. Als sie ausgestiegen waren und die alten, schiefen Stufen zum Eingang hochstapften, hielt Jane noch einmal an. Sie wirkte auf einmal verunsichert, als wüsste sie nicht recht, ob sie das Richtige tat.

Tom wurde neugierig. Er fragte sie, was denn los sei. Jane bemühte sich um ein Lächeln, aber es verging ihr rasch wieder. »Es geht um Swift. Ich kenne ihn«, antwortete sie so ernst und finster, wie er es von ihr gar nicht kannte.

Tom sah sie erstaunt an. »Du kennst Veyron Swift? Woher? Warum hast du das nicht gleich erwähnt? Warum musst du mich vor ihm warnen? Was ist er denn für ein Typ?«

Jane brauchte einen Moment, um über all diese Fragen nachzudenken. »Swift arbeitet für die Polizei, besser gesagt für den Inspektor. Er selbst ist aber kein Polizist, Gott sei Dank. Er ist seltsam, echt seltsam. Manchmal ist er supernett, aber oft auch ekelhaft, besserwisserisch und … ach, ich weiß auch nicht. Ich sollte dir eigentlich keine Angst machen, sorry. Aber Swift ist vollkommen unberechenbar. Das wirst du gleich selbst erleben.«

»Ich hab keine Angst, ich bin nur neugierig«, versicherte ihr Tom trotzig. Sie sollte sich keine Sorgen machen – auch wenn ihm jetzt wirklich nicht mehr ganz wohl bei der Sache war. Jane schenkte ihm ein anerkennendes Lächeln.

Auf ihr Läuten hin öffnete ihnen eine ältere, leicht untersetzte Frau. Sie stellte sich als Sarah Fuller vor. Sie wohne gleich nebenan und arbeite gelegentlich für Mr. Swift als Haushälterin, plauderte sie drauflos und lächelte dabei, dass ihre Apfelbäckchen glänzten. Mrs. Fuller schien eine sehr freundliche Person zu sein, ständig ein Lachen auf den Lippen. Sie sprach so ungeheuer schnell, dass Tom Mühe hatte, ihr weiter als bis zur Begrüßung zu folgen.

»Nur herein in die gute Stube, mein Junge. Sie auch, Miss Willkins. Er will Sie beide sehen. Sitzt oben in seinem Arbeitszimmer. Wo auch sonst; er lebt ja förmlich dort. Nur schade, dass sein Bett nicht hineinpasst, er würde vermutlich sofort dorthin umziehen. Die ganze letzte Nacht war er auf, und um drei Uhr morgens hat er die Stereoanlage auf volle Lautstärke gedreht und die halbe Nachbarschaft geweckt. Angeblich, weil er bei Musik besser nachdenken kann. Naja, Sie kennen ja seine Flausen, Miss Willkins. Wenigstens hat er schon lange keine Experimente mehr durchgeführt und all diese furchtbaren Dinge ins Haus geschleppt – Sie wissen, was ich meine. Und dann seine nächtlichen Ausflüge! Was macht er da eigentlich? Ja, ja. Ich weiß, ich weiß. Ich soll Sie das ja nicht fragen, aber als gute Nachbarin macht man sich doch Sorgen. Eigentlich weiß ich gar nicht, warum ich mich dazu habe bequatschen lassen, ihm Haus und Hof zu hüten. Aber er zahlt gut, und wenn er nicht gerade seine Launen hat, kann er unglaublich charmant sein. Das wissen Sie ja selbst, Miss Willkins.« All dies stieß Mrs. Fuller hervor, während sie Tom und Jane durchs Haus führte.

Vom Eingang ging es gleich in ein breites Treppenhaus, das von oben bis unten mit einer furchtbar altmodischen, ockergelben Tapete mit braunem Karomuster beklebt war. Sie deutete die steile Treppe hinauf.

»Sie wissen ja, die erste Tür direkt geradeaus. Und das Anklopfen nicht vergessen. Vielleicht hat er ja wieder diese Wurfmesser bei sich. Ich muss wieder in die Küche. Heute Abend ist der Geburtstag meiner Schwester, und es gibt Braten. Er hat nichts dagegen, dass ich dafür seinen Ofen benutze. Drüben in meinem backe ich ja schon einen großen Kuchen. Aber so ist er eben. Man kann alles von ihm haben. Vermutlich würde er das ganze Haus an jeden beliebigen Menschen vermieten, wenn hier nicht jemand aufpassen würde. Es interessiert ihn einfach nicht. Weiß Gott, wer sich hier alles herumtriebe, wenn ich nicht jede Nacht abschließen würde.«

Mrs. Fuller verschwand in der Küche, und Jane wandte sich nach oben, stieg mit schweren, unwilligen Schritten die Stufen hinauf. Tom folgte ihr, erfüllt von einer unheimlichen Neugier auf diesen sonderbaren, verrückten Mann.

Die Tür zum Arbeitszimmer stand halb offen, und Tom konnte einen ersten Blick auf den Menschen werfen, mit dem sein Schicksal fortan verknüpft sein sollte.

Das Zimmer im ersten Stock war ein kleiner Raum, in dem nur ein einzelner Schreibtisch unter einem kleinen, verstaubten Fenster stand. Dafür türmten sich an den scheußlich karierten Wänden Tausende von Büchern, die jemand einfach kreuz und quer aufeinandergestapelt hatte. Aus vielen lugten herausgerissene Seiten heraus. Überall auf dem Boden lagen Landkarten und aufgeschlagene Bücher verstreut. Man musste richtig aufpassen, nicht darüber zu stolpern. Die Wände waren mit Fotos, Bildern, Skizzen und noch mehr Karten sowie Auszügen aus uralten Büchern beklebt; alles lediglich mit Tesafilm festgemacht. Am Schreibtisch saß dessen Eigentümer, welcher der Tür den Rücken zugedreht hatte. Er war groß und hager; ein Schopf zerzausten, schwarzen Haares hing ihm bis in den Nacken. Hemd und Hose waren eintönig dunkel, wirkten dafür aber maßgeschneidert, aus teurem, hochwertigem Stoff.

Vorsichtig klopfte Jane an.

»Kommen Sie rein, Willkins. Und weil Sie sich das sicher bereits fragen: Es war Inspektor Gregson, der mich in diese Sache hineingeschwatzt hat. Er hat von mir verlangt, mich des Jungen anzunehmen. Er meinte, es wäre gut für mich, und überhaupt würde ich ihm noch den einen oder anderen Gefallen schulden«, sagte der Mann, ohne sich dabei umzudrehen.

Tom erschrak, auch Jane sah er ein wenig zusammenzucken. Ihr Blick wirkte gequält, als sie die Tür weiter aufschob.

Der Mann am Schreibtisch hielt es immer noch nicht für notwendig, sich zu ihnen umzudrehen. »Willkommen in 111 Wisteria Road, Mr. Packard«, sprach er weiter.

Tom war ein wenig verblüfft, wandte sich an Jane, die aber nur den Kopf schüttelte.

Veyron Swift schien das zu bemerken, oder vielleicht erriet er es auch einfach nur. »Sie brauchen gar nicht den Kopf zu schütteln, Willkins. Ich tue nur selten etwas, ohne nicht genau darauf vorbereitet zu sein. Ich habe Ihre Karriere ein wenig verfolgt, Mr. Packard. Ihre Eltern kamen bei einem Autounfall ums Leben, und danach hat sich Ihre Tante Priscilla Evans um Sie gekümmert. Allerdings sind Sie dort nicht sonderlich glücklich geworden. Ihre Tante hat Sie verlassen und allein zurückgelassen, obendrein mittellos. Sie hat Sie nur deshalb aufgenommen, um an Ihr Erbe zu kommen, und ist ins Ausland geflohen, nach Südamerika. Brasilien möglicherweise, doch sehr viel wahrscheinlicher nach Venezuela – wegen mangelnder Auslieferungsabkommen mit Großbritannien. Keine Sorge, glücklich wird sie dort nicht werden. Wir beiden wissen: Sie ist nicht der sesshafte Typ, und ihre unstrukturierte Lebensweise kostet mehr Geld, als sie besitzt oder mit ihrer Qualifikation jemals verdienen kann. Aber das brauchen wir nicht weiter zu erörtern. So oder so, sie wird einen bitteren Preis für ihre Schandtat bezahlen.« Mr. Swift hatte sich immer noch nicht zu ihm umgedreht.

Tom konnte nur staunen und blickte zu Jane, die mit den Schultern zuckte.

»Ich hab nichts verraten, Tom. So macht er das immer. Er hält sich für Sherlock Holmes.«

»Irrtum, Willkins. Sherlock Holmes war ein Meisterdetektiv, der anhand genauer Beobachtungen Verbrechen aufklärte, die Wissenschaft der Deduktion, wie er das nannte«, korrigierte Swift sie augenblicklich. »Ein scharfes Auge und ein schneller Verstand sind in der Tat Voraussetzung, wenn man eine Vielzahl an Informationen zusammenträgt und auswertet. Das meiste über Mr. Packard haben mir seine Lehrer und Inspektor Gregson verraten. Die Motive und die Spur von Miss Evans herauszufinden, war ein wenig komplizierter, aber weit von der Unlösbarkeit entfernt. Sie hat genug Freundinnen in England zurückgelassen, die sehr geschwätzig sind, und auch das Internet ist recht hilfreich. Unser guter Holmes hätte ebenso leichtes Spiel gehabt wie ich. Listig eingefädelt und sorgfältig geplant wäre es ihm – genau wie mir – gelungen, die richtigen Antworten zu erhalten. Allerdings würde Mr. Holmes mein tatsächliches Tätigkeitsgebiet kaum als seriös einschätzen und darüber wohl nur lächeln – so wie Sie mich meistens nur belächeln, Willkins. Sie und Ihre fantasielosen Kollegen.«

Jetzt endlich drehte er sich zu ihnen um. Tom blickte in ein schmales Gesicht mit stechenden, eisblauen Augen, die unter dunklen Brauen lagen. Sein Mund war zu einer schmalen Linie zusammengepresst, was ihm, zusammen mit der scharfen Nase, einen raubvogelhaften Ausdruck verlieh und sofort klarmachte, dass mit Veyron Swift nicht zu spaßen war. Sein Alter ließ sich schwer einschätzen, Tom hielt ihn für etwa Mitte dreißig.

»Ich bin jedoch sicher, Ihr Lächeln wird nicht mehr lange anhalten, wenn ich Ihnen sage, dass Ihre Verlobung gestern geplatzt ist und Sie und Michael sich trennen werden, was eigentlich nicht besonders schade ist, da Sie beide sowieso nie ein besonders hübsches Paar abgegeben haben. Der Streit, den Sie letzte Nacht hatten, war erbittert und für Sie besonders schmerzhaft. Es sind ein paar unverzeihliche Beleidigungen gefallen. Da ich weiß, dass Sie ziemlich derb sein können, wenn Sie emotional werden, ist der Graben zwischen Ihnen jetzt unüberwindbar. Heute Morgen haben Sie jedenfalls den Entschluss gefasst, sich von Michael zu trennen. Das ist auf jeden Fall die richtige Entscheidung, wo doch seine Spielsucht schlimmer geworden ist und er überhaupt keine Anstalten zeigt, sich deswegen behandeln zu lassen.« Die Worte ratterte der unglaubliche Mensch schnell wie ein Maschinengewehr zwischen den schmalen Lippen hervor.

Tom schaute zu Jane, die mit jedem weiterem Wort von Swift blasser wurde und zu zittern begann. Sie ballte die Fäuste. Tom befürchtete, dass sie entweder vor Wut explodieren oder davonrennen würde. Keines von beiden geschah. Sie und Swift maßen ihre Blicke.

»Sie sind ein echtes Arschloch«, zischte Jane und wandte sich an Tom. »Das hatte ich gemeint.«

Swift erhob sich und kam zu ihnen. »Ich sage nur die Wahrheit – oder das, was ich als Wahrheit erkennen kann, soweit mir die notwendigen Informationen zur Verfügung stehen. Dass Sie und Michael verlobt waren, erkannte ich an dem Ring, den Sie vor einem halben Jahr von ihm geschenkt bekamen. Nicht besonders schön und aus billigem Material gefertigt, eben ganz Michaels Wesensart entsprechend. Jetzt tragen Sie ihn nicht mehr, haben es aber vor Kurzem noch getan, was mir die helle Stelle an Ihrem Finger verrät. Warum sollten Sie ihn so plötzlich ablegen? Entweder, weil Sie ihn verloren haben, oder aber, weil Sie und Michael sich trennten. Welche Möglichkeit könnte nun also zutreffen? Sehr unwahrscheinlich ist es, dass eine so ordnungsliebende Frau wie Sie einen solchen Ring verlieren könnte. Also haben Sie ihn bewusst abgenommen und nicht mehr angesteckt. Doch warum? Allein eine Trennung von Michael kommt dafür infrage. Eine Trennung im Zorn. Was kann der Anlass gewesen sein? Eigentlich nur Michaels Spielsucht. Seine Hände zucken unentwegt, ebenso sein Kopf. Typische Krankheitssymptome von Spielautomatensucht. Des Weiteren weiß ich von Sergeant Palmer, dass Michael gerne mal eine Spielhölle besucht. Und den Streit, den Sie gestern hatten, lese ich aus Ihrem Gesicht. Sie haben viel geweint, und Ihre Augen sind deshalb noch immer leicht verquollen. Ihre Stimme ist etwas heiser, was den aufmerksamen Hörer auf sehr viel Geschrei und Gebrüll hinweist. Da Sie noch immer unter den Auswirkungen leiden – Ihre Schritte sind schwer, und Ihr aggressives Anklopfen hat mir Ihre getrübte, misslaunige Stimmung verraten –, muss der Streit demnach lang und intensiv gewesen sein. Vermutlich ging er erst in den frühen Morgenstunden zu Ende.

Schauen Sie nicht so verärgert drein, Willkins. Sie sollten es doch inzwischen wissen: Ich vergesse nichts, was ich einmal gesehen, gehört oder gelesen habe. Darf ich Ihnen einen Rat geben? Jagen Sie Michael zum Teufel und suchen Sie sich einen neuen Freund, jemanden mit etwas mehr Grips, jemanden, der Sie wirklich zu schätzen weiß.« Während dieser schnell hervorgestoßenen Ansprache marschierte Swift mit hastigen Schritten in seinem Arbeitszimmer auf und ab.

Tom war vollkommen perplex. »Das hatte ich gar nicht mitbekommen«, raunte er Jane halblaut zu.

»Wir waren nicht zu Hause«, gab sie zurück und winkte verärgert ab. Anschließend wandte sie sich wieder an Veyron. »Zutreffend wie immer, Swift. Der Inspektor sagt es Ihnen ständig: Sie hätten Polizist werden sollen.« Sie presste die Worte heraus, ihre Verärgerung nur mühsam im Zaum haltend. »Ich bin aber nicht hier, um mir von Ihnen Beziehungstipps zu holen! Davon verstehen Sie nämlich überhaupt nichts! Es geht hier allein um Tom und was Sie mit ihm anstellen werden. Sie sind jetzt sein Vormund, sein Patenonkel. Sie hätten sich schon längst um den Jungen kümmern müssen.«

Swift drehte sich zu Tom um und musterte ihn mit einem derart scharfen, prüfenden Blick, dass Tom ihm kaum standhalten konnte. Es war, als würden ihn diese eisblauen Augen durchleuchten wie Röntgenstrahlen, als würden sie in seinen Gedanken lesen wie in einem Buch. Aber er hatte ja nichts zu verbergen; Mr. Swift wusste anscheinend bereits alles über ihn.

»Ich erwähnte bereits, dass ich Inspektor Gregson einen Gefallen schuldete, und er dachte, es würde mir guttun«, gab Swift zurück. Er blickte Tom erneut streng an. »Also dann, Mr. Packard … Bevor Sie hier einziehen, gibt es noch ein paar Regeln, mit denen Sie klarkommen müssen. Erstens: Wenn Sie etwas zum Frühstück haben wollen, müssen Sie sich selbst was machen oder bei Mrs Fuller anrufen. Sie wird rüberkommen und Ihnen etwas herrichten. Auf mich brauchen Sie nicht zu warten. Entweder bin ich schon lange fertig, oder aber ich habe zu tun und keine Zeit für etwas so Nebensächliches wie Frühstück, Mittagessen oder Abendbrot. Ich esse nämlich nur dann etwas, wenn es unbedingt vonnöten ist.

Genauso handhabe ich es mit dem Aufstehen. Ich stehe auf, wann und wenn ich es für richtig und vor allem für notwendig erachte. Das als Zweites. Drittens: Falls ich beschäftigt bin, kann es passieren, dass ich spontan das Haus verlasse und erst zurückkomme, wenn meine Arbeiten abgeschlossen sind. Das kann sich über Tage erstrecken. Machen Sie sich in diesem Fall bitte niemals Sorgen. Viertens: Wenn ich nachdenke …«

»… drehen Sie die Musik laut auf, sogar mitten in der Nacht, und wecken alle Nachbarn. Und fünftens: Ich muss immer anklopfen, wenn ich in einen Raum komme. Sie sind meistens in Gedanken versunken und könnten erschrecken wie ein Baby und dann sonst wie reagieren. Ich weiß Bescheid«, unterbrach ihn Tom in unfreundlichem Ton. Er mochte es nicht, dass sein neuer Patenonkel Jane so blöd angequatscht hatte. »Auch ich vergesse nichts, was ich einmal gesehen oder gehört habe, Mr. Swift.«

Veyron hob interessiert die Augenbrauen. Er musterte Tom von Neuem mit seinem strengen Blick. Dann begann er zu lachen und klatschte in die Hände. »Was für drolliges Kerlchen. Ja, Sie gefallen mir, Mr. Packard. Also gut. Sie können ihn hierlassen und jetzt nach Hause fahren, Willkins. Sie werden hier nicht mehr gebraucht. Danke für Ihren Besuch«, sagte er und wedelte mit der Linken in Richtung Tür.

Jane schnaubte verärgert. Mit einem trotzigen Verschränken der Arme ignorierte sie seinen ungehobelten Rausschmiss. »Ich fahre nirgendwohin! Nicht, solange ich nicht sicher bin, dass Sie Tom gut behandeln werden.«

»Was genau machen Sie denn eigentlich so?«, ging Tom dazwischen, um einen erneuten Austausch an Gemeinheiten zwischen den beiden Erwachsenen zu verhindern. Er machte einen Schritt in das Arbeitszimmer und versuchte, irgendeinen Hinweis in dem Chaos zu finden. »Sind Sie Übersetzer?«

Swift blickte ihn an, und Tom konnte erkennen, wie er darüber nachdachte, ob er ihm alles erzählen oder doch besser verschweigen sollte. Veyron Swift entschied sich für den Mittelweg. »Wie Willkins Ihnen sicher schon sagte – denn das tut sie immer –: Ich helfe der Polizei, gewisse Dinge aufzuklären. Aber das jetzt genauer mit Ihnen zu erörtern, würde zu viel Zeit beanspruchen.«

»Also sind Sie doch so eine Art Sherlock Holmes. Sie sind Privatdetektiv, der hinzugerufen wird, wenn die Polizei nicht weiterkommt.«

»Nein, ganz entschieden nein. Ich bin weder Privatdetektiv noch Berater für Kriminalistik. Ich beschäftige mich mit … nun, das werden Sie schon noch sehen; hoffe ich zumindest. Man weiß nie, wann ein neuer Fall auftaucht, der in mein Fachgebiet fällt. Manchmal passiert monatelang gar nichts, und mir bleibt nichts anderes zu tun, als mich zu langweilen«, meinte Swift. Seine letzten Worte klangen fast ein wenig resigniert. Er setzte sich wieder hinter den kleinen Schreibtisch.

»Nennen Sie mich doch einfach Tom. Das spart Zeit, und von der haben Sie ja nicht genug, wie Sie sagen«, frotzelte Tom frech.

Swift drehte sich um, warf ihm einen prüfenden Blick zu und begann, breit und spitzbübisch zu grinsen. Tom hätte diesem ernsten, falkenhaften Gesicht eine solche Regung gar nicht zugetraut. »Einverstanden. Du darfst mich Veyron nennen, solange du nicht vergisst, dass dies hier mein Haus ist und alles meinen Regeln folgt. Jetzt entschuldige mich, ich habe noch zu tun.« Mit diesen Worten wandte sich Swift wieder dem Schreibtisch zu und begann, einige mit farbigen Substanzen gefüllte Reagenzgläschen zu sortieren. Er beachtete seine Besucher gar nicht mehr weiter. Jane drehte sich nach einer Weile unschlüssigen Wartens um und verließ kommentarlos den Raum.

Tom brachte noch ein halblautes »Bye« über die Lippen, bevor er ihr nach unten folgte. Aus den Augenwinkeln konnte er noch erkennen, wie Veyron Swift verwirrt den Kopf hob, als hätte ihn diesmal wirklich etwas überrascht.

Jane verabschiedete sich vor der Haustür und wünschte Tom alles Gute. Sie versprach, schon bald wieder nach ihm zu sehen. Anschließend fasste sie ihn noch einmal eindringlich an den Schultern. »Versprich mir eines: Egal, wie schlimm es wird, lauf auf gar keinen Fall weg. Wenn es Probleme gibt, ruf mich an oder komm zu mir.«

Tom versicherte ihr, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauche. Er würde mit Veyron schon irgendwie klarkommen, immerhin war er ja schon vierzehn Jahre alt und kein kleines Baby mehr. Und Veyron mochte Michael genauso wenig wie er selbst, was ihn gleich sympathischer machte. Das sagte Tom ihr natürlich nicht.

»Pass auf! Veyron Swift ist ein aufgeblasener, arroganter Wichtigtuer. Es macht ihm Spaß, die Schwächen anderer Leute auszuforschen und sie ihnen in den unpassendsten Gelegenheiten um die Ohren zu hauen. Ihm wird schnell langweilig, darum lässt er sich ständig auf irgendwelche verrückten Abenteuer ein, und mit dem Gesetz nimmt er es auch nicht so genau. Inspektor Gregson mag darüber hinwegsehen, weil er ihm hin und wieder aus der Patsche hilft.«

Sie war immer noch wütend, und Tom konnte sehen, wie sie um Beherrschung rang. »Zumindest scheint es nicht langweilig zu werden«, meinte er mit einem Schulterzucken und einem heiteren Lächeln. Die beabsichtigte Wirkung auf Jane ging jedoch daneben.

Sie seufzte und sagte, dass er keine Ahnung hätte. Dann wünschte sie ihm viel Glück, drehte sich um, stieg ins Auto und fuhr davon.

Tom ging zurück ins Haus. Mrs. Fuller zeigte ihm sein Zimmer. Es lag im Dachgeschoss und glich einer kleinen Wohnung. Die Westwand war ein einziges, großes Fenster und bot einen guten Überblick über die ganze Nachbarschaft. Sein Bett stand unter den dicken, dunklen Holzbohlen der Dachschräge, die Kommode stand auf der anderen Seite. Hier würde es sich aushalten lassen.

Den Rest des Tages bekam er Swift nicht mehr zu Gesicht. Darum ging er nach unten in die Küche und versuchte, Mrs. Fuller über Veyron auszufragen. Die hilfreiche Nachbarin, zuvor noch die reinste Klatschtante, zeigte sich jetzt unerwartet verschwiegen. Sie ließ Tom nur wissen, dass Veyron ihr einmal aus einer besonderen Notlage geholfen hatte. Sonst verlor sie kein weiteres Wort über seinen Beruf, oder was er so den ganzen Tag machte, abgesehen von seinen »Flausen«, wie sie das nannte. Als Mrs. Fuller schließlich nach Hause ging, nicht ohne das Versprechen, pünktlich zum Abendessen etwas rüberzubringen, war Tom allein in dem großen Haus. Er ging wieder hinauf zu Veyrons Arbeitszimmer, fand die Tür allerdings abgeschlossen vor. Veyron reagierte weder auf sein Klopfen noch auf die Anfrage, ob er hereindürfe. Nach dem Abendessen zog sich Tom in sein Zimmer zurück, nahm ein Buch zur Hand und blätterte gelangweilt vor und zurück, bis er schließlich einschlief. Er hoffte, dass die kommenden Tage besser und auch aufregender werden würden.

Am nächsten Morgen war Tom für seine Verhältnisse früh auf. Wenn er in einem fremden Bett schlief, brauchte er immer ein paar Tage zur Eingewöhnung. Er ging hinunter ins Erdgeschoss, wo er Veyron in der Küche beim Frühstück antraf.

»Guten Morgen, Veyron.«

»Ah ja, Tom. Guten Morgen.«

»Darf ich Sie was fragen?«

»Wenn es unbedingt sein muss.«

»Warum sind Sie mein Pate? Kannten Sie meine Eltern überhaupt?«

Tom sah, wie ein kurzes Zucken durch Veyron ging. Sein Patenonkel lehnte sich in den Küchenstuhl zurück, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und schwieg einen Augenblick. »Ja, ich kannte sie. Wir waren Nachbarn, deine Mutter und ich. Sie hieß noch Evans, als ich sie zuletzt sah. Das war vor über vierzehn Jahren. Schließlich begann ich mit meinen Studien und bin fortgezogen«, erklärte er langsam, als müsste er genau abwägen, was er preisgab.

Tom wurde neugierig. »Kannten Sie meine Mutter gut?«

Veyron schwieg erneut, diesmal länger. »Flüchtig«, brummte er, drehte sich kurz um und warf einen Blick auf die Uhr.

Tom spürte, wie unangenehm Veyron dieses Thema war, aber er musste einfach weiterfragen. »Wie konnten Sie dann mein Pate werden, wenn Sie meine Eltern kaum kannten? Ich habe sie jedenfalls nie von Ihnen reden hören. Warum haben Sie sich nie gemeldet? Ich versteh das alles nicht.«

»Es gibt eine Menge Dinge auf der Welt, die du nicht verstehst. Ich zitiere Matthäus: Beati pauperes spiritu. Selig sind die Armen im Geiste. So, jetzt muss ich weg. Ein Klient wartet draußen in Potters Bar auf mich. Erwarte meine Rückkehr nicht vor heute Nacht. Du kannst fernsehen, wenn du willst – oder lies irgendein Buch. Im Wohnzimmer gibt es genug davon.« Seine Stimme war jetzt wieder schnell und bestimmend geworden. Mit einem Satz war er auf den Beinen, huschte nach draußen, klopfte Tom im Vorbeigehen auf die Schulter, und schon war er zur Haustür hinaus.

Das blieb für die kommenden Tage ihr längstes Gespräch. Tom bekam Veyron danach kaum mehr zu Gesicht. Genau wie angekündigt war er entweder schon außer Haus, wenn Tom aufwachte, oder aber er verließ sein Studierzimmer nicht; außer wenn er mal auf die Toilette musste.

Nachdem auf diese Weise eine ganze Woche verstrichen war, fragte sich Tom, ob ihm Veyron seit ihrem kurzen Gespräch absichtlich aus dem Weg ging. Hatte er irgendeinen wunden Punkt berührt, als sie über seine Eltern sprachen? Das erinnerte ihn wieder voller Schmerz daran, wie es war, ausgeschlossen und gemieden zu werden.

Irgendwie, dachte er mit einer gehörigen Portion Resignation, kommt es mir so vor, als wird das hier genauso trostlos wie bei Priscilla. Ich werde abhauen, wenn es noch schlimmer wird.

Jane kam am Wochenende kurz zu Besuch, nur um nach dem Rechten zu sehen, wie sie sagte. Er erzählte ihr davon, dass Veyron sich kaum blicken ließ und ihm aus dem Weg ging.

Sie seufzte, als sie das hörte. »Das hatte ich befürchtet. Ich werde mit dem Inspektor sprechen. Wenn einer es schafft, Swift ins Gewissen zu reden, dann er«, versprach sie.

Tom wagte zu hoffen. Jane hatte ihn bisher nicht hängen lassen, und Inspektor Gregson war eine Respektsperson.

Am nächsten Tag fiel Veyrons Verhalten allerdings auch nicht anders aus. Er schien Tom vollkommen vergessen zu haben. So verging auch die zweite Woche bei seinem Patenonkel. Es blieb bei flüchtigen Begegnungen oder kurz angebundenen Gesprächen.

»Die Zeit läuft mir davon, und ganz bestimmt will ich es nicht noch mal mit einem Menschen zu tun haben, auf den ich mich nicht verlassen kann«, sagte sich Tom. »Gleich morgen stelle ich ihn zur Rede. Dann lass ich keine Ausreden mehr gelten. Entweder sagt er mir, was ihn an mir stört, oder das war’s. Dann hau ich ab!«

Der nächste Tag begann genauso trist und langweilig wie alle übrigen. Veyron war bereits fort, als Tom aufstand und hinunter in die Küche ging. Mrs. Fuller war ebenfalls schon wieder gegangen. Sie hatte das Frühstück für ihn in der Mikrowelle warm gestellt. Tom schnaubte. Der Entschluss, einfach wegzulaufen, wurde immer konkreter. Wenigstens hatte sie ihm eine Nachricht auf dem Tisch hinterlegt. Als er den kleinen Zettel in die Hand nahm, stellte er jedoch fest, dass er von Veyron stammte.

Besuche einige Klienten. Bin zuerst bei Mr. Falthingham auf seinem Pferdegestüt irgendwo hinter Potters Bar, danach bei Mrs. Ellingson in Aldershot und bei Pete Tweed auf dem Schrottplatz. Ort weiß ich nicht, musst du googeln. Telefon ist dabei. Sofort anrufen, falls Gregson sich meldet, oder Dr. Strangley oder Willkins. Keinesfalls zurückrufen, wenn irgendjemand anderes sich meldet. Falls Mr. Kellerham aufkreuzt, bitte ihn zu warten. Mach ihm einen Tee, Earl Gray, 83 Grad heiß, viereinhalb Minuten ziehen lassen. Komme erst heute Abend wieder. Frühstück steht in der Mikrowelle. Mrs. Fuller hat die Grippe erwischt.

Grüße, V.S.

Tom setzte sich und kratzte sich verwundert am Kopf. Jetzt war er wirklich mal überrascht. Veyron, der ihn seit zwei Wochen mehr oder wenig komplett ignorierte, hatte ihm ein Frühstück zubereitet und eine Nachricht hinterlassen? Naja, vielleicht war der Kerl ja doch nicht so übel. Tom beschloss, vorerst nicht abzuhauen, sondern abzuwarten, was Veyron zu berichten wusste, wenn er zurückkehrte.

Er ging ins kunterbunt eingerichtete Wohnzimmer, dessen Wände mit einer mintgrünen Tapete beklebt und mit Regalen vollgestellt waren, deren Böden sich unter der Last der vielen Bücher durchbogen. Die Möbel bildeten ein Sammelsurium aus Plüsch und altem Leder. Kein Stück passte zum anderen, weder farblich noch vom Stil her. Tom schaltete den Fernseher ein und zappte durch die Programme. Er hoffte inständig, dass Mr. Kellerham sich nicht blicken ließ, denn er hatte keine Ahnung, wie man Tee zubereitete, geschweige denn, wie er ihn auf genau 83 Grad erhitzen sollte.

Es war bereits Nacht, als es an der Haustür klingelte. Tom schrak aus dem großen, ledernen Ohrensessel hoch. Er war doch tatsächlich eingeschlafen. Es klingelte wieder, doch nichts regte sich im Haus. Also war Veyron immer noch nicht zurück. Es würde Tom nicht einmal wundern, wenn es Veyron selbst wäre, der da klingelte. Gut möglich, dass er den Schlüssel einfach vergessen hatte – so überstürzt, wie er oft aufbrach. Oder war es vielleicht Mr. Kellerham? Tom schaltete den Fernseher aus und ging zur Tür. »Wer ist da«, fragte er mit gespielt tiefer Stimme in die Sprechanlage, um möglichst autoritär zu wirken.

»Ich bin’s, Jane«, hörte er eine vertraute Stimme.

Tom war erleichtert, das Teemachen blieb ihm fürs Erste erspart. Er öffnete die Tür. Jane trug ihre Uniform, ihr Besuch war also hochoffiziell.

»Ist Veyron da? Gregson schickt mich«, sagte sie und lugte in den Flur hinein.

Tom schüttelte den Kopf. »Nein, ich bin allein. Veyron ist irgendwo unterwegs, um ein paar Klienten zu besuchen. Aber er hat sein Telefon dabei«, antwortete er.

Plötzlich vernahm er von oben die tiefe Stimme seines Paten. »Irrtum, er ist bereits wieder zurück. Einbrecher hätten bei deinem Schlaf leichtes Spiel, mein lieber Tom.« Veyron stürmte die Treppe nach unten, sprang zur Garderobe und schlüpfte blitzschnell in seinen dunklen Mantel.

»Warum machen Sie nicht auf, wenn’s klingelt?«, fragte Tom säuerlich. Er mochte es gar nicht, wenn sich jemand über ihn lustig machte.

Veyron zuckte lediglich mit den Schultern. »Du warst bereits im Erdgeschoss und damit näher an der Tür. Das gab mir die Zeit, mich umzuziehen. Hallo, Willkins. Zu so später Stunde – im Auftrag von Gregson? Zweifellos Mord. Wohin fahren wir?«

»Pathologie. Gregson will, dass Sie sich eine Leiche ansehen. Papiere sind bereits ausgestellt«, sagte Jane und warf einen unsicheren Blick zu Tom. Sie war sich wohl nicht sicher, ob er das alles hören sollte.

»Da will ich mit«, rief Tom aufgeregt. Schon lange hatte er sich gefragt, auf welche Art Veyron für den Inspektor arbeitete. Nie wäre er darauf gekommen, dass es mit Leichen zu tun haben könnte.

Jane schüttelte energisch den Kopf. »Nein, das geht nicht. Du bleibst hier. Das ist nichts für dich.«

»Warum nicht? Gefährlich wird es höchstwahrscheinlich nicht werden. Für gewöhnlich bleiben Leichen einfach nur regungslos liegen«, konterte Swift in bestgelaunter Stimmung. Er warf Tom einen scharfen, abschätzenden Blick zu. »Dir war es doch hier bisher recht langweilig, nicht wahr? Also los, zieh dir was über, und anschließend geht es mit Schwung weiter.«

»Das können Sie nicht machen, Swift! Tom ist erst vierzehn! Er ist ein Kind!«

»Mit vierzehn waren manche Burschen früher bereits Kriegsveteranen. Er kommt mit, oder ich bleibe auch hier. Und Sie können Gregson erklären, warum und wieso es schon wieder zu Verzögerungen kommt. Sie wissen ja, wie ihm das gefällt, wenn er mich persönlich holen muss – obwohl Sie das erledigen sollten.«

Jane warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Es war unschwer zu erkennen, dass sie ihm am liebsten in den Hintern treten wollte. »Was soll das, Swift?«

»Was soll was? Sie müssen schon präziser sein, Willkins, ansonsten weiß niemand, worauf Sie eigentlich hinauswollen.«

»Wieso wollen Sie Tom da hineinziehen? Er ist noch nicht bereit für so etwas. Er hat keine Ausbildung. Es ist nicht gut, ihn zu Verbrechen und Leichen mitzunehmen.«

»Beschweren Sie sich bei Gregson. Er wollte, dass ich mich um den Jungen kümmere. Jetzt bekommt er also die Gelegenheit, was zu lernen. Betrachten Sie es als einen Ferienjob. Also auf geht’s Tom. Du bist fertig? Gut! Fahren Sie uns zur Pathologie, Constable Willkins.«

Jane schüttelte noch einmal den Kopf, ging ihnen aber widerspruchslos voraus zum Polizeiwagen, und dann ging es los. Tom konnte seine Aufregung kaum verbergen. Endlich würde er Einblick in das große Geheimnis von Veyron Swift erhalten, endlich würde er alles erfahren. Und es hatte obendrein noch mit Leichen und Mord zu tun! Da würden die anderen Jungs in der Schule nicht mithalten können, ganz gleich, was sie in den Ferien erlebt hatten.

Die Fahrt zum Universitätskrankenhaus, wo sich die Pathologie befand, verlief schweigend. Wenn der Verkehr es zuließ, beobachtete Jane ihre beiden Passagiere ungehalten durch den Rückspiegel. Tom saß unruhig neben Veyron, rutschte vor Aufregung hin und her und spielte mit den Fingern. Schließlich hielt er es nicht mehr aus. »Okay, um was geht es eigentlich? Wer wurde ermordet?«

»Eine junge Frau. Sarah Burrows, eine Studentin«, antwortete Jane.

Veyron beachtete sie beide gar nicht, sein Blick ging die ganze Zeit aus dem Fenster, an dem die Lichter der Stadt schnell vorbeizogen. Kurze Lichtblitze in der Dunkelheit, seinen stillen Gedanken vermutlich nicht unähnlich.

»Willst du uns nicht mehr erzählen? Was ist passiert? Gibt’s schon einen Verdächtigen«, fragte Tom neugierig.

Jane schüttelte den Kopf. »Das geht nicht. Er will es nicht«, sagte sie und nickte in Veyrons Richtung.

Tom schaute seinen Patenonkel verdutzt an. »Was? Sie fahren zu einem Tatort und wollen nicht genauer informiert werden? Was für eine Art Detektiv sind Sie denn eigentlich?«

Veyrons Kopf ruckte herum. »Erstens: Wir fahren nicht zu einem Tatort, sondern besuchen die Pathologie. Zweitens: Dass ich Detektiv bin, ist allein deine Vermutung. Ich sagte bereits, dass ich nicht im kriminalistischen Sektor tätig bin. Ich interessiere mich nicht für die Abgründe des menschlichen Daseins, sondern für ganz andere Aspekte. Nun zu deiner ersten Frage: Ich will deshalb nicht vorab informiert werden, um mir selbst ein Bild von der Lage zu machen, vollkommen unbeeinflusst und unabhängig. Das Gehirn des Menschen ist ein furchtbar fauler Apparat, Tom. Es will sich alles immer so einfach wie möglich machen. Sobald ich eine Theorie zu einer Sachlage von jemandem vernommen habe, sucht mein Gehirn nach Spuren, um das Gehörte zu bestätigen – oder es zu widerlegen. Es will sich die Mühe sparen, alles neu zu untersuchen und zu erforschen. Das macht die unabhängige Suche nach Informationen jedoch fast unmöglich. Es ist überhaupt ein großer Fehler des Ermittlungswesens, zuerst Zeugen zu befragen, anstatt zunächst den Ort des Geschehens – sei es Tatort oder Unfallort – genauestens zu untersuchen. Befragt man erst die Zeugen, hat man bereits ein Bild im Kopf. Bei der nachfolgenden Untersuchung werden daher wichtige Informationen bewusst oder unbewusst übersehen. Verstehst du das?«

»Hm, jaa … ich glaub schon. Aber eines will ich nicht so ganz kapieren: Warum fahren wir überhaupt dahin, wenn Sie nicht an Kriminalistik interessiert sind?«

»Wir fahren dahin, weil ich wissen will, ob das Opfer ganz banal ermordet wurde, oder ob der Mord auf eine, nun, sagen wir mal, unnatürliche Art und Weise bewerkstelligt wurde.«

Nun musste Tom lachen. »Wie kann man denn auf unnatürliche Weise ermordet werden? Mord ist Mord. Oder nicht?«

Veyron schenkte ihm einen enttäuschten Blick. »Aus juristischer Sicht gibt es keinen Unterschied, das stimmt«, erwiderte er seufzend. »Aber es macht sehr wohl einen Unterschied, ob der Täter ein gemeiner Straßenräuber oder aber ein Vampir ist, findest du nicht?«

Für einen Moment wusste Tom darauf nichts zu antworten. Er starrte Veyron nur aus großen Augen an, während sein Gehirn zu entscheiden versuchte, ob er auf den Arm genommen wurde, oder ob Veyron verrückt war. »Ein Vampir? Hier? Mitten in London? Sie verarschen mich!«

Veyron zuckte nur mit den Schultern. Tom sah zu Jane, die jedoch gar nichts dazu sagte. Mit starrem Blick konzentrierte sie sich auf die Straße und tat so, als hätte sie nichts gehört. Irgendwie war es beängstigend, dass sie Veyron nicht wegen seiner blöden Gruselgeschichte zurechtwies. Sie war doch sonst nicht auf den Mund gefallen.

Sie waren kaum im Krankenhaus angekommen, als sie auch schon von einem Dr. Strangley begrüßt wurden, den Veyron offenbar schon länger kannte.

»Wieder einmal ein Prachtexemplar für dich, Veyron. So etwas habe ich noch nie gesehen, das wird dir gefallen. Enthauptet, aber keine der klassischen Methoden und darum so rätselhaft. Der CID steht vor einem Rätsel – wie immer. Die beiden Gerichtsmediziner haben mir bestätigt, dass sie so was noch nie zuvor gesehen haben. Aber für das ungewöhnliche Zeug bist du zuständig«, rief Strangley voller Begeisterung.

Tom erschauerte. »Eine echte, wirkliche Enthauptung? Ist ja irre«, platzte es aus ihm heraus. Er war inzwischen so aufgeregt, dass er am liebsten wie verrückt herumgesprungen wäre.

Strangley brachte Veyron, Jane und Tom hinunter in die pathologische Abteilung. Sie eilten einen schmalen Korridor entlang, dessen Ende Tom im Zwielicht der spärlichen Beleuchtung nicht ausmachen konnte. Fast jede dritte Lampe war ausgefallen oder flackerte. Die Wände waren mit zitronengelben Fliesen gekachelt, einige davon fehlten. Der Boden bestand aus graublauem Linoleum, das sich an den Ecken bereits löste. Tom war sofort klar, dass sie sich in einem sehr alten und nur selten benutzten Teil der Pathologie aufhielten. Die ganze Abteilung hätte dringend eine Sanierung nötig. Das Halbdunkel der Räume verlieh der ganzen Situation zusätzliche Spannung. Tom erwartete fast, dass aus irgendeiner Ecke ein Zombie hervorsprang und sie angriff.

Sie erreichten das Labor, einen tristen, rechteckigen Raum mit weißen Wänden, in dessen Mitte ein einzelner Tisch stand. Obwohl die Leiche zugedeckt war, konnte Tom ausmachen, dass sie keinen Kopf mehr besaß. Der stand auf einem Beistelltisch daneben, zum Glück ebenfalls abgedeckt, aber die Form unter dem weißen Leichentuch war unverkennbar. Tom konnte sogar genau erkennen, wo sich die Nase befand. Er bekam augenblicklich eine Gänsehaut, seine Aufregung schlug in Furcht um. Jane blieb an der Tür stehen, während Strangley und Veyron hineingingen. Tom zögerte einen Moment. Er blickte zu Jane. Sie schüttelte den Kopf, als wollte sie nicht, dass er sich das antat. Andererseits war dieses Wechselspiel von Neugier und Furcht unfassbar aufregend und reizvoll. Es war Tom unmöglich, diesem Drang zu widerstehen. Er musste da hinein und sich das Ganze ansehen – selbst wenn er sich danach sehr wahrscheinlich übergeben würde. Er schlüpfte an Jane vorbei und blieb in sicherer Entfernung zur Leiche stehen.

Strangley schlug das weiße Laken zurück. Veyron bückte sich und betrachtete den blutverschmierten Halsstumpf. Schlagartig wurde Tom schlecht. Er musste sich wegdrehen, damit sein Mageninhalt nicht nach oben stieg.

Veyron hatte dagegen nur Augen für die Leiche, hüpfte aufgeregt um sie herum und untersuchte alle möglichen Stellen ihres Körpers. »Personalien«, verlangte er so gefühlskalt wie ein Roboter.

»Sarah Burrows, Studentin in Oxford. Sie hat für einen Professor Lewis Daring gearbeitet, der dort Geschichte, Vorgeschichte, Kunst und Germanistik unterrichtete. Daring ist inzwischen im Ruhestand, aber Burrows arbeitete nebenberuflich als seine Sekretärin«, klärte Jane die Anwesenden auf.

Veyron fischte sein Smartphone aus der Manteltasche und schoss eine Vielzahl von Fotos. Das Gleiche wiederholte er bei dem abgerissenen Kopf. Tom kniff die Augen zu, um nicht weiter hinzuschauen. Als er wieder blinzelte, zoomte Veyron die Fotos so weit heran, bis er jedes noch so kleine Detail genauestens erkennen konnte. Wie eine Salzsäule stand er vor dem Seziertisch, starrte auf die Fotos, blätterte vor und zurück und wieder in die Gegenrichtung. Dann fing er an, hastig auf und ab zu gehen, und murmelte leise vor sich hin. Immer wieder blieb er stehen, um sich das eine oder andere Foto genauer anzusehen. »Ohne jeden Zweifel: Wir haben einen Fall!«, rief er nach einer Weile begeistert aus.

Strangley deckte die Leiche wieder ab, zu Toms immenser Erleichterung.

»Okay. Lass hören, Veyron«, bat Strangley neugierig.

Veyron Swift gestattete sich ein kurzes Lächeln, dann schloss er die Augen, legte die Fingerspitzen aneinander und begann zu erklären: »Fürs Erste liegst du richtig, Bert. Das Opfer wurde enthauptet. Aber nicht mit einem Schwert, einer Axt oder eine Säge. Der Kopf wurde abgebissen. Ich weiß, ich weiß, es sind keine Bissspuren zu sehen; zumindest keine herkömmlichen. Betrachte das aufgerissene Fleisch im Nackenbereich und die zerquetschten Wirbel. Die Krafteinwirkung erfolgte von zwei Seiten gleichzeitig. Sämtliche Halswirbel bis hinauf zum Hinterkopf fehlen. Der Schädelknochen ist zertrümmert. Es war nur ein einziger Biss, wie von einer gewaltigen, gewellten und mit Zähnen versehenen Schere. Man kann die Abdrücke gut an den übrigen Wirbelknochen und an den Furchen im Fleisch erkennen. Warum also ein Biss und kein Werkzeug? Sieh dir die Zahnabdrücke an. Sie sind ungleichmäßig und unterschiedlich groß. Ein Werkzeug besäße vollkommen parallele Zähne, aber ein natürlich gewachsener Beißapparat nicht. Ganz klar: Das ist das Werk einer Bestie. Die Tat erfolgte von hinten, mit einer Neigung von fünfundvierzig Grad zur Brust hin. Demnach muss der Täter von oben zugeschlagen haben, und das mit einer Kraft, die kein Mensch der Welt – nicht einmal ein Vampir – aufbringen könnte.«

Tom wurde ein wenig rot im Gesicht. Jetzt fühlte er sich noch mehr veralbert. Veyron machte diese spitze Bemerkung sicher nur, um ihn zu ärgern!

Swift wandte sich blitzartig an Jane. »Ich brauche alle wichtigen Informationen vom Tatort. Sofort«, forderte er sie ungeduldig auf.

»221e Webster Gardens, West Ealing. Zweispurige Straße, Bürgersteige links und rechts neben den Parkstreifen, alle paar Meter Straßenlaternen. Reihenhäuser auf beiden Seiten, eine schöne, friedliche Ecke. Keine Rettungsleitern oder Balkone. Die Anwohner haben jedoch in der Mordnacht einen ungewöhnlichen Lärm gehört, als wenn jemand mit einem Helikopter durch die Straßen flöge. Einige behaupten auch, tatsächlich einen dunklen Schatten gesehen zu haben, der jedoch rasend schnell wieder verschwand. Keine Fußspuren auf dem Asphalt, keine direkten Augenzeugen. Ein paar Leute haben Burrows gesehen und bezeugen, dass sie allein unterwegs war. Andere Passanten wurden zur Tatzeit nicht beobachtet. Es gibt keine Hinweise auf fremde Fahrzeuge oder andere Hinterlassenschaften, die ein Mörder zurückgelassen haben könnte. Keine Tatwaffe, keine Blutspuren – außer denen von Miss Burrows, keine Haar- oder Hautreste. Die Sache mit dem Helikopter klärt der CID zur Stunde noch ab. Aber es gab wohl zu dieser Zeit keine genehmigten Flugbewegungen in der Gegend«, ratterte Jane die Fakten runter.

Tom erkannte, dass ihr die Vorstellung, eine riesige Bestie könnte das hier getan haben, durchaus Angst einflößte. Er aber hielt Veyrons Theorie für nichts anderes als einen albernen Scherz. Oder war da doch was dran? Niemand lachte, alle wirkten sie todernst. Konnte es wirklich sein? War eine gewaltige Bestie der Mörder von Sarah Burrows?

Veyron schloss die Augen und begann wieder, auf und ab zu gehen. Er drückte sich Zeige- und Mittelfinger gegen die Schläfen und versank in tiefe Konzentration. Tom wurde immer aufgeregter. Am liebsten hätte er Veyron gepackt und angeschrien, ihm endlich zu sagen, was hier gespielt wurde.

»Der Fall ist klar. Sarah Burrows wurde auf dem Nachhauseweg überrascht und binnen eines Augenblicks getötet. Im Schein der Straßenlaternen und wegen der vielen Anwohner in einer eher mittelständisch geprägten Straße fühlte sie sich sicher. Nie und nimmer rechnete sie mit einem Angriff aus der Luft. Den Angriff von oben verrät uns der Bisswinkel. Ihr Mörder muss plötzlich aufgetaucht und schnell gewesen sein. Das Monster hat sie von hinten gepackt, in die Luft gehoben, ihr den Kopf abgebissen und danach ihre Leiche einfach fallen lassen«, schlussfolgerte er.

Jane sah ihn erstaunt an. »Woher wollen Sie das wissen? Ich habe gar nicht erzählt, dass wir die Leiche zwanzig Meter von den Fußspuren entfernt gefunden haben, den Kopf sogar noch ein paar Meter weiter«, wandte sie ein.

Veyron drückte sich kurz mit den Fingern die Augen zu und atmete tief durch. »Hämatome an Beinen, Lenden und Brust, gebrochene Knochen und Stauchungen, überall Schürfwunden und diese sehr interessanten, tiefen Kratzer an Schulter und Rücken – immer paarweise. Ohne jeden Zweifel stammen sie von sichelförmig gebogenen Krallen. Sie wurde gepackt, hochgehoben und anschließend fallen gelassen. Die Verletzungen sind typisch für Stürze aus großer Höhe. Wurde Miss Burrows etwas gestohlen? Nein? Aha. Dann war es kein Raubmord. Das ist was Neues, Willkins. Das hier ist gefährlicher als alles, mit dem wir es bisher zu tun hatten. Vielleicht ein Drache«, erklärte Veyron im Tempo einer automatischen Waffe.

Tom glaubte, nicht recht zu hören. Wollte sich sein Pate immer noch über ihn lustig machen? »Was labern Sie für Zeug? Vampire und Drachen! Was soll das? Ist das irgendeine neue Geheimsprache? Ich find das überhaupt nicht lustig«, grollte er wütend.

Jane schenkte ihm einen mitfühlenden Blick, Strangley verkniff sich ein Lachen, und Veyron bedachte den Jungen mit einer gehörigen Portion Unverständnis.

»Das ist es, was Swift macht«, sagte Jane. »Er jagt Monster.«

Veyron schüttelte unwillig den Kopf. »Ich jage keine Monster, ich spüre sie auf. Das Ausschalten oder Töten überlasse ich meistens anderen. Außer in Notwehr, so wie bei den Vampiren von Surrey. Da hatte ich keine andere Wahl, als die Vorhänge in ihrem Versteck runterzureißen und das Sonnenlicht hereinzulassen. Die drei Joneses wurden dadurch getötet. Schade eigentlich, ich hätte gerne noch erfahren, wie sie zu Vampiren werden konnten. So was ist heutzutage absolut nicht mehr üblich.«

»Ihr verarscht mich doch alle, oder?«, rief Tom dazwischen. Er wurde immer zorniger darüber, dass mit ihm ein solch falsches Spiel getrieben wurde. Sie alle machten sich einen Spaß daraus, ihn an der Nase herumzuführen, sogar Jane.

Veyron schenkte ihm ein väterliches Lächeln. »Dein Zorn ist verständlich. So geht es jedem, der das erste Mal Kontakt mit Wesen aus Elderwelt hat«, sagte er. Er ging zu Tom, nahm ihn an der Schulter und führte ihn zum Ausgang. »Wir fahren wieder nach Hause, Willkins. Für heute habe ich genug gesehen. Sie können nun für Gregson einen Bericht verfassen. Warnen Sie ihn und seine Leute, sie sollen in Zukunft besser nach oben schauen. Bert, du kannst Miss Burrows für die Bestattung freigeben. Schreib als Todesursache Verkehrsunfall mit Fahrerflucht hinein. Es besteht kein Anlass, die Angehörigen unnötig zu beunruhigen.«

Die ganze Fahrt über zurück in die 111 Wisteria Road brütete Tom vor sich hin und versuchte herauszufinden, was er angestellt hatte, damit sie ihn alle derart auf den Arm nahmen.

Veyron telefonierte derweil mit Inspektor Gregson, der nicht erst auf einen Bericht warten wollte. »Es ist genau wie bei den geschlachteten Pferden von Mr. Falthingham. Große, scherenartige Kiefer durchtrennen mit nur einem Biss Fleisch, Muskeln und Knochen. Der Kopf dieser Bestie muss riesig sein, vermutlich sesselgroß, sehr wahrscheinlich insektenähnlich, keinesfalls ein Drache. Nein, vergessen Sie die Drachen-Theorie sofort wieder! Die Bissspuren waren zu glatt, und die V-Form der Verletzungen ist bezeichnend. Nein, von solchen Bestien habe auch ich noch nie gehört … Keine Ahnung, wo sich ein solches Monster verstecken könnte. Ohne fremde Hilfe ist es eigentlich vollkommen unmöglich … Ja, Ihnen auch eine gute Nacht.« Veyron legte auf und wandte sich an Tom, der ihn immer noch mit einer Mischung aus Unglauben und Misstrauen ansah. »Es liegt doch auf der Hand, dass es ein Rieseninsekt gewesen sein muss. Kein anderes Tier auf der Erde besitzt scherenartige Mundwerkzeuge«, bekräftigte Veyron, offenkundig seinerseits verärgert, weil man seiner Theorie keinen Glauben schenken wollte.

Tom schüttelte nur den Kopf. »Es gibt keine Vampire, keine Drachen und erst recht keine Rieseninsekten«, erwiderte er, darauf hoffend, dass Veyron diese gemeine Scharade endlich beendete und lachend zugab, Tom nur ein wenig auf den Arm genommen zu haben.

»Mein lieber Tom, ich versichere dir noch einmal, dass wir hier keine Scherze machen. Inspektor Gregson besitzt keinerlei Humor, von dem ich wüsste. Die Sache ist auch viel zu ernst, um dich damit aufzuziehen. Ich muss jetzt noch ein paar lose Fäden verbinden, um mir ein besseres Bild von den Bewegungen dieser Bestie zu machen. Ich bin sicher, dass ich ihren Aufenthaltsort eingrenzen kann. Wird interessant sein zu sehen, was es ist, vorausgesetzt, Gregson kann das Tier fangen.

Morgen müssen wir uns mit Professor Daring und anderen Personen unterhalten, die regelmäßig Kontakt mit Miss Burrows hatten. Ich befürchte, dass sich die arme Frau mit dunklen Mächten eingelassen hat – oder aber jemand anderes steckt dahinter, und es könnten noch mehr Menschen zu Schaden kommen«, sagte Veyron finster.

Mit diesen Worten konnte er Toms Gemüt allerdings kein bisschen aufhellen. Kopfschüttelnd wandte er sich ab und blickte für den Rest der Fahrt teilnahmslos aus dem Fenster. »Sie sind doch bloß ein Spinner«, grummelte er leise, doch laut genug, damit Veyron es hörte.

Der zuckte jedoch nur kurz amüsiert mit den Augenbrauen und beließ es dabei.

Wieder zu Hause ging Tom sofort ins Bett. Er nahm sich felsenfest vor, am nächsten Tag abzuhauen; egal wohin. Nur weg von diesem Irren.

2. Kapitel: Professor Daring

Am nächsten Morgen wachte Tom auf und hoffte, dass sich das nächtliche Abenteuer in der Pathologie nur als Traum entpuppte. Immerhin: Er konnte sich gar nicht mehr so genau daran erinnern, wie er überhaupt ins Bett gekommen war. Bedeutete das, dass er die Ereignisse von letzter Nacht wirklich nur geträumt hatte?

Er stand auf, machte sich frisch, zog sich an und ging hinunter in die Küche. Mrs. Fuller hatte um diese Zeit meistens schon das Frühstück hergerichtet – oder wegen ihrer Erkrankung wohl diesmal Veyron. Der Gedanke an dessen Scharade in der Pathologie ließ sofort wieder die Wut in Tom hochkochen. Er war immer noch sauer auf Veyron. Nur ungern wollte er ihm heute über den Weg laufen. Doch genau wie befürchtet saß sein Pate noch am Tisch und studierte eine Zeitung. Veyron hatte wirklich eine Menge Zeitungen abonniert, an die vierzig verschiedene. Er stapelte sie jeden Morgen auf dem Küchentisch und schuf so eine kleine Barriere zwischen sich und Tom. Tom hatte den Küchentisch noch nicht ganz erreicht, als Veyron die erste Zeitung auch schon achtlos zu Boden fallen ließ und die oberste vom Stapel griff. Er blätterte bis zu den Tratsch- und Kuriositäten-Spalten – etwas anderes interessierte ihn nicht – und las ein paar Sekunden. Mit einem ärgerlichen Zischen warf er auch diese Zeitung zu Boden. Sofort nahm er die Nächste zur Hand. Dieses sonderbare Gebaren wunderte Tom inzwischen nicht mehr, wo er letzte Nacht selbst erlebt hatte, wie verrückt Veyron Swift tatsächlich war.

Übellaunig brummelte Tom: »Morgen«, bevor er sich an den Tisch setzte. Er nahm sich einen fast vollständig verkohlten Toast und beschmierte ihn mit Zitronenmarmelade.

Veyron sagte gar nichts, blätterte kommentarlos in der Zeitung und ignorierte ihn. Tom bekam ein schlechtes Gewissen. Vielleicht hätte er ihn gestern Nacht doch keinen Spinner heißen sollen – auch wenn’s der Wahrheit entsprach. »Das, was ich gestern Nacht gesagt hab, tut mir leid«, murmelte er. Veyron schwieg ihn weiter an, in die Zeitung vertieft. Toms schlechtes Gewissen wurde immer größer. »Es tut mir wirklich leid. Aber ich war so furchtbar wütend, weil Sie und Jane mich auf den Arm genommen haben.« Er begann zu lächeln. »Aber es war schon cool, da unten in dem alten Labor. Ein richtiges Abenteuer.«

Veyron sagte immer noch nichts. Er warf die Zeitung auf den Boden und holte sein Smartphone aus der Hosentasche. Was tat er da? Offenbar studierte er den Wetterbericht. Toms schlechtes Gewissen schlug allmählich in Zorn um. Er begann zu verstehen, wieso Jane solche Schwierigkeiten mit diesem Menschen hatte. Der Kerl ist das reinste Aas, dachte er verärgert. Ganz klar: Noch heute Nacht würde er seine Sachen packen und abhauen. Zunächst zu Jane. Vielleicht brauchte sie nach der Trennung von Michael ein wenig Gesellschaft.

»Hast du schon von diesem Wetterphänomen über dem Atlantik gehört? Blitze am Himmel ohne Gewitterwolken. Einige Piloten haben davon berichtet, aber die Satelliten melden nichts Ungewöhnliches. Kurios, nicht wahr? Und so treffend, da die erste Beobachtung in den gleichen Zeitraum fällt wie die Schlachtung von Mr. Falthinghams Pferden. Ich müsste mich schon gewaltig irren, wenn zwischen diesem Wetterphänomen und unserem Pferde fressenden und Köpfe abbeißenden Ungeheuer kein Zusammenhang besteht. Was meinst du dazu?«, fragte Veyron plötzlich, ohne Tom dabei anzuschauen.

Aus Zorn wurde schlagartig Verwirrung. Etwas verdattert gestand Tom, dass er sich nicht sonderlich für Nachrichten interessierte, schon gar nicht fürs Wetter.

Veyron schnaubte verächtlich. »Pubertäre Ignoranz! Zum Glück war ich in deinem Alter nicht so. Du musst die Augen aufmachen, Tom! Wir sind umgeben von einer plötzlichen Häufung unnatürlicher Vorkommnisse, die alle in den gleichen Zeitraum fallen. Ich versuche gerade, eine Theorie zu entwickeln, die einen Zusammenhang zwischen all diesen Ereignissen herstellt.«

Tom rutschte nervös auf dem Stuhl hin und her. Okay, Blitze ohne Gewitter mochten vielleicht sonderbar sein. Ihm wollte auch keine mögliche Erklärung dazu einfallen, aber er war immerhin erst vierzehn und kein studierter Wissenschaftler.

»Glauben Sie wirklich, dass es da draußen noch eine andere Welt gibt? Dass Vampire, Drachen und was weiß ich noch alles für Wesen, echt existieren?«, fragte er vorsichtig.

Veyron legte das Smartphone beiseite und schaute Tom eindringlich an. »Ich glaube es nicht, ich weiß es. Ich sehe ein, dass unser kleiner Ausflug letzte Nacht wohl ein wenig zu viel für dein Fassungsvermögen war. Darum will ich dir die Geschichte von Anfang an erzählen: Alles begann vor acht Jahren. Ich studierte gerade im zweiten Semester Psychologie, als ich einen sehr interessanten jungen Mann kennenlernte. Er war ebenfalls Student und zufällig an der gleichen Universität in Oxford wie ich. Sein Name war Floyd Ramer. Du hast vielleicht schon von ihm gehört.«

Tom brauchte nicht lange nachzudenken. »Sie meinen doch nicht etwa den Floyd Ramer, den Milliardär? Es hieß, er wäre spurlos verschwunden, vor etwa sieben oder acht Jahren. Daran kann ich mich noch erinnern. Das war damals an der Schule und auch zu Hause das Thema. So was vergisst man nicht.«

»Genau den meine ich. Ramer war so sagenhaft wohlhabend, dass er zu den vermögendsten Leuten der Welt zählte, wahrscheinlich war er sogar der reichste Mensch überhaupt. Es gab zumindest nichts, was er sich nicht für Geld kaufen konnte. Das zeigte er uns Kommilitonen damals auch. Die Mädchen liebten ihn beziehungsweise sein Geld. Jeden Abend Party, jeden Abend in einem anderen Palast. Damit meine ich echte Paläste, keine Nobelhotels, sondern richtige Schlösser und Burgen im Besitz von Fürsten und Königen. Jeden Morgen mit dem Lamborghini zur Uni, stets mit neuen Designerklamotten, Manschettenknöpfen aus purem Gold und Armbanduhren aus Diamant und Platin. Er war ein Angeber in einer Größenordnung, wie es ihn auf der Welt kein zweites Mal gegeben hat oder jemals wieder geben wird.

Heute glauben viele, dass er seinen Reichtum nur deshalb so demonstrativ nach außen trug, weil er in Wahrheit depressiv war. Nach seinem spurlosen Verschwinden vor acht Jahren gab sich die Polizei schließlich damit zufrieden, dass er vermutlich Selbstmord begangen hatte. Seine Leiche wurde nie gefunden.

Sein Verschwinden machte mich neugierig, denn ich kannte Ramer und war mit den Theorien der ganzen Armee von Polizeipsychologen nicht einverstanden, die sich plötzlich aus allen Teilen der Welt zu Wort meldeten. Ramer hatte niemals irgendwelche Antidepressiva genommen und zeigte auch sonst keine Symptome von Depression. Keine plötzlichen Stimmungsschwankungen, kein Überforderungsgefühl, keine Melancholie und vor allem: keinerlei Selbstzweifel. Nein, depressiv war Floyd Ramer auf gar keinen Fall. Aber gelangweilt. Ich würde sogar sagen, dass er der gelangweilteste Mensch war, der je auf Erden lebte. Ich verbrachte einige Zeit mit ihm – außerhalb der Partys, da wir uns beide sehr für griechische Mythologie interessierten. Wir besuchten gemeinsam verschiedene Kurse, und in den Pausen führten wir sehr erhellende Diskussionen. Ich erinnere mich gut daran, dass er dem Alltag nicht viel abgewinnen konnte. Er fand so ziemlich alles langweilig: Politik, Wissenschaft, Gesellschaftsleben. Alles war für ihn so furchtbar normal.

›Wie langweilig die Menschheit ist, Veyron. So einfach, so gewöhnlich, so durchschnittlich. Es stimmt, was meine Mutter immer sagt: Seit die Menschen allein über die Erde herrschen, ist es trist und still geworden. Und je länger sie das tun, umso langweiliger wird die Welt. Es gibt nicht einmal mehr richtige Könige, nur noch ein paar verarmte Monarchen von Volkes Gnaden, besser gesagt von des Finanzministers Gnaden. Er bestimmt die Höhe der Apanage anstelle des Königs. Wo sind sie hin, die absoluten Regenten mit ihren Prunkbauten für die Ewigkeit? Verschwunden, weggefegt und entsorgt. Stattdessen herrschen jetzt die Nullen im Parlament. Alles nur Phrasendrescher. Kein Wunder, dass die Menschen da alle eingeschläfert werden. Langweilig, langweilig, langweilig. Ich wünschte, ich könnte endlich an diesen anderen Ort gehen, wo noch was los ist, wo man als König noch was zählt‹, das sagte er. Und er wiederholte es oft, bei allen möglichen Gelegenheiten. Ich glaube, das Einzige auf der Welt, das Floyd Ramer nicht langweilig fand, war Party feiern. Eines Tages war er plötzlich verschwunden.«

»Ein seltsamer Vogel. Der Typ hatte ja echt einen Schatten«, meinte Tom. Schnell nahm er sich noch einen Toast, bevor er kalt wurde.

Veyron schenkte ihm ein zustimmendes Lächeln. »Stimmt. Er war ein seltsamer Vogel, verrückt, aber nicht geistesgestört. Da muss man einen Unterschied machen. Sein Verschwinden ließ mich jedenfalls eigene Nachforschungen anstellen. Mir ging dieser Satz: ›Ich wünschte, ich könnte endlich an diesen anderen Ort gehen‹ nicht mehr aus dem Kopf. Ich war davon überzeugt, dass er nicht das Jenseits meinte, wie von den Psychologen angenommen. Dazu musst du wissen, dass Floyd Ramer kein frommer Mensch war. Er glaubte nicht, dass Gott oder ein Jenseits existierten, hielt diese Einstellung vielmehr für antiquiert und für einen modernen Menschen nicht mehr zeitgemäß. Somit war er der gleichen Meinung wie ich, dass der Tod endgültig ist. Als ob man einem Radio den Stecker zieht. Daher kam eine Jenseitssehnsucht als Grund seines Verschwindens nicht infrage. Ich war sicher, dass er tatsächlich einen realen, anderen Ort meinte, zu dem er zu gelangen hoffte – materiell, nicht spirituell.

Daher nahm ich mit der Polizei Kontakt auf und überzeugte Inspektor Gregson davon, dass ich mir Privataufzeichnungen Ramers genauer durchsehen durfte – hinter dem Rücken des Nachlassverwalters, welcher von der Ramer-Stiftung bezahlt wurde und von Anfang an sehr abweisend und überhaupt nicht kooperativ war. Ich suchte in den Aufzeichnungen nicht nach Hinweisen auf Depressionen, wie es die Psychologen taten – womit wir wieder beim Thema des faulen Gehirns wären –, sondern nach Hinweisen auf diesen anderen Ort. Und es gab sie zuhauf. In Briefen an seinen Vater erwähnte er mehrmals das Wort ›Elderwelt‹ oder ›andere Seite der Welt‹. Er gab diesem anderen Ort verschiedene Namen. Aber noch interessanter war der Hinweis an einer Stelle, dass er gern wieder dorthin zurückkehren würde. Er erbat sich von seinem Vater die Erlaubnis, noch einmal durch den Durchgang zu gehen, bevor er studieren musste. Sein Vater verweigerte es ihm mit der Begründung, dass die Zeit noch nicht reif für ihn wäre, an jenen ›anderen Ort‹ zurückzukehren. Also war Ramer schon dort gewesen. Dieser andere Ort, diese ›Elderwelt‹, musste demnach wirklich existieren. Und der Weg dorthin führte durch einen Durchgang.

Ich suchte lange vergeblich nach diesem Durchgang, denn leider gaben Ramers Aufzeichnungen nicht preis, wie dieser Durchgang beschaffen war oder funktionierte.«

Tom überlegte kurz. »Also glauben Sie, dass Ramer durch einen Durchgang nach Elderwelt gereist ist und dort glücklich und zufrieden lebt?«

Veyron zuckte mit den Schultern. »Da könnte ich nur spekulieren, und ich spekuliere nicht gern, ohne handfeste Fakten in der Hand zu halten. Ich habe jedoch keinen Zweifel, dass Ramer Elderwelt lebend und sicher erreicht hat. Viel faszinierender fand ich allerdings die anderen Teile von Ramers Aufzeichnungen. Er beschrieb Elderwelt nie, aber er zog in einer Korrespondenz einen Vergleich mit einem erfundenen Reich, das John Rashton in seinen Fantasy-Romanen beschrieben hat.

Ramer schrieb: ›Eigentlich müsste der alte Rashton es besser gewusst haben. Seine Darstellung dieser anderen Welt ist viel zu romantisch und zu stark idealisiert. Ich frage mich, ob er sie wirklich so wahrgenommen hat, als er dort war.‹

Von da an war ich überzeugt, auf der richtigen Spur zu sein. Also kaufte ich alles, was Rashton jemals geschrieben hatte, auch sämtliche Werke über die Werke Rashtons. Bitte hol mir doch rasch eines der Bücher, Tom.«

Tom, inzwischen völlig im Bann von Veyrons Bericht, schnippte mit den Fingern, sprang auf und eilte hinüber ins Wohnzimmer. Es war nicht schwer, die Werke Rashtons zu finden, denn Veyron hatte alle Bücher alphabetisch geordnet. Er nahm das dickste Buch heraus, ein altes Exemplar, aus dem viele lose Seiten hingen. Zahlreiche zusätzliche Zettel steckten darin. Es war so dick, dass es jemand mit einem Ledergürtel verschnürt hatte, um alles zusammenzuhalten. Er kehrte mit seiner Beute in die Küche zurück und legte das zerfledderte Werk auf den Stapel Zeitungen.

»Die Stein-des-Feuers-Trilogie. Teil eins: ›Die Weiße Königin‹. Teil zwei: ›Der Schatz der Zwerge‹. Teil drei: ›Krieg in Elfenland‹«, las Tom vom Einband ab. »Ich hatte mal damit angefangen, bin aber nie weiter als bis Seite 100 gekommen.«

Veyron seufzte enttäuscht. »Dann hast du was verpasst. Die Sprache Rashtons ist wunderschön zu lesen. Ich glaube nicht, dass heute jemand in England lebt, der unsere Sprache noch so kunstvoll benutzen kann. Aber ich studierte seine Bücher nicht deswegen, sondern durchsuchte sie nach brauchbaren Daten über Elderwelt. Ich saugte jedes kleine Fitzelchen Information in mich auf. Leider wurde das Buch dabei schwer in Mitleidenschaft gezogen, wie du sehen kannst. Es ist mir aber auch heute noch eine Quelle bei Nachforschungen über fremde Wesen aus Elderwelt.«

Tom setzte sich wieder hin und konnte sich einer gewissen Ehrfurcht gegenüber diesem alten, zerfledderten Wälzer nicht erwehren. »Okay, Rashton war Ihr Wegweiser, aber Sie hatten ja immer noch keine Beweise für die Existenz Elderwelts oder einen Hinweis darauf, wie man dorthin gelangen kann«, sagte er.

Veyron nickte eifrig. Er nahm einen hastigen Schluck Kaffee, bevor er weitersprach. »Mir blieb keine andere Wahl, als meine Theorien praktisch zu überprüfen. Rashton war leider das Ende der Informationskette. Allein Ramers Bemerkungen haben mich auf diese Spur geführt, welche die Werke jedes anderen Fantasy-Autors ausschloss. Allein mit Büchern kam ich nicht weiter. Also annoncierte ich auf meiner Website, bot meine Dienste als Berater für Geisterheimsuchungen und andere unerklärliche Fälle an. Lange Zeit passierte gar nichts, doch schließlich kamen meine ersten Klienten. Ich hörte mir ihre Geschichten an und glich die gewonnenen Informationen auf Übereinstimmungen mit Rashtons Werken ab. Du musst wissen, dass Rashton Orte und Wesen sehr detailliert beschrieben hat. Sogar Stammbäume von Herrscherlinien, Landkarten und kulturhistorische Essays über die in seinen Romanen vorkommenden Geschöpfe verfasste er.

Neunzig Prozent meiner Klienten schickte ich wieder nach Hause. Ihre Geschichten waren nichts weiter als Einbildungen und Spinnereien. Denen konnte ich nicht helfen, das konnten nur Therapeuten. Lediglich ein einziger Fall erwies sich als interessant: Mr. Pete Tweed, der Inhaber eines Schrottplatzes, beklagte sich, dass er seit gut einer Woche von Kobolden heimgesucht würde. Sie klauten alle funktionstüchtigen Apparate und richteten dabei ein heilloses Chaos an. Tweeds Beschreibung der Kobolde deckte sich mit denen Rashtons. Sogar das Verhalten und die Beschreibung der Kobold-Sprache waren mit der Rashtons identisch.

Also legte ich mich auf die Lauer, genau darauf achtend, von den sensiblen Kobold-Sinnen nicht aufgespürt zu werden. Sie können im Dunkeln hervorragend sehen, noch besser riechen und auch ausgezeichnet hören. Die ersten Versuche erwiesen sich als Fehlschläge. Sie hatten mich offenbar ausgemacht und die Flucht ergriffen. Doch ich wurde vorsichtiger. Schließlich war ich imstande, die Kerle mit eigenen Augen zu beobachten.

Kobolde zählen zur Familie der Schrate, allesamt boshafte, menschenartige Kreaturen, denen auch die Orks angehören. Sie sind kurz gewachsen, krummbeinig, mit hässlichen Gesichtern und fahlen Augen. Als ich sie einmal gestellt hatte, konnte ich allerdings gegen diese Geschöpfe nicht viel ausrichten. Ich musste tatenlos zusehen, wie sie eine Menge Schrott zusammenrafften und spurlos mit ihrer Beute verschwanden – vermutlich zurück zu einem geheimen Durchgang nach Elderwelt, jenem Ort, den Rashton einst mit so schönen Worten beschrieben hat und zu dem Floyd Ramer gegangen war.

Dieses Erlebnis ließ mich weitere Spuren ungewöhnlicher Wesen suchen. Ich stieß vor drei Jahren auf die Vampire von Surrey, drei Brüder, die einige abscheuliche Morde begangen haben. Inspektor Gregson hielt mich für einen Verrückten, als ich ihm meine Theorie vortrug, genau wie Willkins und die anderen vom Revier. Inzwischen tun sie das nicht mehr. Wahrscheinlich wegen der Vampire und ihres unschönen Abgangs im Sonnenlicht. Hmm. Vielleicht doch eher wegen des Trolls, den ich vor zwei Jahren aufspürte? Er hatte die Nachbarschaft von Woking terrorisiert und dort mit Vorliebe Bäume ausgerissen und Scheiben eingeschlagen, ganz zu schweigen von den drei Opfern, die er aufgefressen hat. Oder wegen der Kobolde, die in Notting Hill Autos anzündeten – wahrscheinlich dieselbe Bande, die schon Tweeds Schrottplatz geplündert hatte. Dieses Abenteuer endete in einer üblen Schießerei, es floss eine Menge Koboldblut. Es ist übrigens schwarz, falls dich mal jemand danach fragen sollte.«

Tom starrte Veyron an. Er suchte nach einem Anzeichen, dass er erneut veralbert wurde, oder dass Veyron irgendwie anderweitig verrückt war. Jane hatte gestern Nacht jedoch nicht gelacht, ebenso wenig Dr. Strangley. Einen dermaßen Verrückten würde die Polizei sicherlich nicht frei herumlaufen lassen. Also blieb nur ein einziger Schluss übrig: Alles, was Veyron Swift gesagt hatte, musste die Wahrheit sein. Toms Aufregung kehrte zurück. Für einen Moment suchte er nach den richtigen Worten. »Wow. Cool«, war alles, was er herausbrachte.

Das rang Veyron ein Lächeln ab. »Ja, das war damals auch meine erste Reaktion«, meinte er. Sein Lächeln wurde noch breiter, nicht wegen der Anerkennung, die er von Tom erfuhr, sondern wegen der Textnachricht, die soeben auf seinem Smartphone erschien. Ich hab was Interessantes für Sie. Dury Manor, Library Street, Brentford. Gregson.

Er zeigte die Nachricht Tom, der vor Aufregung die Tischkante umkrallte. Etwas Tee schwappte über den Tassenrand, weil er dabei die Tischdecke verzog.

»Bist du also für ein weiteres Abenteuer bereit, Tom?«, fragte Veyron.

Tom sprang sofort vom Stuhl, so heftig, dass Teller und Tassen beinahe fliegen lernten. »Jederzeit, Sir!«

Sie riefen ein Taxi, ein klassisches Black Cab, da Veyron kein Auto besaß, und im Nu befanden sie sich auf dem Weg nach Brentford. Ihr Ziel war ein großes Anwesen mit einem sehr üppigen, gepflegten Garten voller uralter Bäume. Mittendrin stand Dury Manor, ein sakral anmutendes Gutsherrenhaus aus rotem Backstein, alt und verwittert.

Am Eingang wurden sie von Jane empfangen, die sie sofort hineinführte. Das Innere des Hauses war auf sehr altmodische Weise eingerichtet, aber Tom fand es dennoch recht gemütlich. Überall große Plüschmöbel und Ohrensessel, orientalische Teppichböden und Holz getäfelte Wände. Von den Decken hingen eiserne Kronleuchter. Nirgendwo ein Schimmer der Moderne. Wer auch immer hier wohnte, er mochte die heutige Welt nicht und schwelgte in der Vergangenheit des frühen 20. Jahrhunderts, als England noch ein Empire war. An den Wänden hingen Gemälde verschiedener – wahrscheinlich bedeutender – Personen, die Tom jedoch alle nicht kannte.

Veyron ging voraus, führte Tom durch die Absperrungen der Polizei, und sie gelangten zu Gregson, der im Wohnzimmer schon auf sie wartete. Der Inspektor, der sein silbergraues Haar in militärisch strenger Bürstenfrisur trug, kaute auf einem Kugelschreiber herum, während seine wachen Augen den Tatort abtasteten.

»Ah, Gregson, der beste Mann vom CID. Was haben Sie für mich?«, fragte Veyron mit einer Selbstverständlichkeit, als würde er die Ermittlungen leiten und nicht der Inspektor.

»Sieht nach Mord aus. Kommen Sie rein, Veyron. Der arme Kerl liegt noch im Arbeitszimmer«, erwiderte Gregson.

Sie verließen das Wohnzimmer durch eine Seitentür und betraten das Arbeitszimmer, das in Toms Augen wie ein zweites Wohnzimmer aussah (auch hier wieder bequeme Plüschmöbel), nur dass zusätzlich noch ein kleiner Schreibtisch in der Mitte des Raumes stand. Dahinter lag ein älterer Mann zusammengekrümmt auf dem Boden. Das gutmütige, runde Gesicht des Toten, das von schneeweißem Haar umrahmt wurde, machte Tom betroffen. Er wirkte, als sei er nett gewesen, etwa so, wie er sich immer seinen Großvater vorgestellt hatte. Der wohlgenährte Leib des Mannes steckte in einem altmodischen Tweed-Anzug. Eine weinrote Weste spannte sich über einem weißen Hemd. Seine Gesichtszüge waren nicht schmerzverzerrt, sondern wirkten auf seltsame Art und Weise friedlich. Nichts hätte auf einen Mord hingedeutet, befände sich nicht auf Höhe seines Herzens ein faustgroßer, pechschwarzer Fleck.

»Professor Lewis Daring, 83 Jahre alt, ehemaliger Oxfordprofessor. Von vorne erstochen. Die Klinge ging durch die Brust, mitten durch sein Herz, und hinten wieder raus. Jane …« Gregson drehte sich zu der Polizistin um. Jetzt erst entdeckte er Tom, der wie gebannt vor der Leiche stand. Veyron hatte sich inzwischen gebückt und untersuchte den Toten von allen Seiten. Gregson schüttelte verärgert den Kopf. »Veyron, das geht zu weit! Sie können keine Kinder an einen Tatort mitnehmen! Warum besorgen Sie ihm keinen Ferienjob? Was macht er hier überhaupt?«, schimpfte er.

Tom biss sich auf die Lippe. Am liebsten hätte er sich irgendwo versteckt.

»Er hat einen Ferienjob, und zwar bei mir. Tom ist mein Assistent, und soeben assistiert er mir«, antwortete Veyron im beiläufigen Tonfall.

Gregson stellte das jedoch nicht zufrieden. »Bei Ihnen? Sie haben gar keinen echten Beruf, Sie werden nicht einmal bezahlt!«, konterte er zornig.

Veyron schenkte ihm einen genervten Blick. »Ich bin finanziell unabhängig, für Tom ist gesorgt, das wissen Sie genau. Was soll diese Zeitverschwendung? Hier wurde ein Mord begangen. Darauf sollten wir uns konzentrieren!«

Gregson atmete tief durch und fuhr sich mit der Hand über die gerunzelte Stirn. »Tom ist aber nicht finanziell unabhängig! Irgendwann wird er allein Geld verdienen und seinen Mann stehen müssen. Wie soll ihm das gelingen ohne eine Vorstellung davon, wie es im echten Leben läuft? Für einen Vierzehnjährigen ist das, was Sie hier machen, keine Alternative. Constable Willkins, bringen Sie den Jungen raus. Er hat hier nichts verloren!«

Jane drehte Tom an der Schulter herum und erklärte ihm halblaut, während sie ihn aus dem Raum dirigierte, dass Gregson recht hätte und es klüger wäre, draußen zu warten. Es sei überhaupt ein Fehler gewesen, hierherzukommen.

Veyron riss das Hemd des Professors auf und stieß einen jauchzenden Schrei der Begeisterung aus. Jane und Tom hielten inne, und auch Gregson schenkte ihm wieder seine ganze Aufmerksamkeit.

»Sehen Sie nur: kein Blut! Die Stichwunde ist sowohl an der Ein- wie auch der Austrittsstelle kauterisiert. Man riecht es, verbranntes Fleisch. Mit was auch immer der arme Mann durchbohrt wurde, es muss glühend heiß gewesen sein. Zeitpunkt des Todes dürfte zwischen ein und zwei Uhr morgens liegen, ausgehend vom momentanen Stadium der Totenstarre.«

Gregson bestätigte das. Der Gerichtsmediziner war zu demselben Schluss gelangt. Veyron tastete Darings Leiche von oben bis unten ab, fasste ihm in die Hosen- und Westentaschen. Er untersuchte die Taschenuhr des Professors, danach die Brille, die Daring vom Gesicht gerutscht war.

»Der Professor war körperlich in bester Verfassung, er hatte keine zittrigen Hände und besaß für sein Alter ein hervorragendes Augenlicht. An der Uhr finden sich keinerlei Kratzer von Fingernägeln, die Brillengläser sind nur hauchdünn. Hinzu kommen ausgeprägte Muskeln an Armen und Beinen. Ich fürchte, mein lieber Inspektor, wir sind hier keinem gewöhnlichen Mörder auf der Spur. Der Professor war ein starker, kerngesunder Mann, sicherlich kein wehrloses Opfer«, schlussfolgerte er.

Gregson stimmte brummend zu. »Deswegen habe ich Sie ja auch hergerufen. Daring wurde von einer langen, etwa fünf Zentimeter breiten Klinge durchbohrt, vermutlich ein Schwertstich, aber der Gerichtsmediziner hat so etwas noch nie gesehen.«

Veyron unterzog die Stichwunde einer intensiven Untersuchung. »Zweifelsohne eine zweischneidige Klinge, vermutlich über einen Meter lang. Wurde eine entsprechende Waffe im Haus gefunden? Ich würde es allerdings bezweifeln«, sagte er mit erstaunlicher Gelassenheit.

»Doch«, konterte Gregson, »wir wissen, dass sich ein Schwert im Besitz des Professors befand. Es hing oben in seinem Lesezimmer, ist allerdings verschwunden. Eine sehr sonderbare Waffe, wie ich sie noch nie gesehen habe. Es gibt ein Foto von Daring und seinem Vater, oben im Schlafzimmer. Darauf kann man das Schwert in seiner Halterung gut erkennen.« Er schnippte mit den Fingern.

Sofort eilte ein junger Sergeant los, nur um ein paar Augenblicke später mit besagtem Bild zurückzukehren. Unverzüglich reichte er es an Veyron, der es prüfend musterte.

Auf der Aufnahme toasteten zwei ältere Herren, ein etwas jüngerer Daring und sein schon recht betagter Vater, mit Champagnergläsern der Kamera zu. Hinter ihnen hing besagtes Schwert an der Wand. Es war eine wunderschöne, elegante Waffe, die Klinge lang und schmal, fast wie ein Rapier. Der Griff wurde von einem verschnörkelten Korb eingefangen. Das Auffälligste war jedoch ein Muster aus blauen Edelsteinen, welches der Schmied in die Klinge eingearbeitet hatte.

»Dieses Schwert ist der einzige fehlende Gegenstand im ganzen Haus. Das hat uns die Haushälterin des Professors bereits bestätigt. Wir gehen davon aus, dass es sich dabei um die Mordwaffe handelt und der Täter diese im Lauf der Flucht weggeworfen hat. Meine Leute suchen deshalb jetzt die nähere Umgebung ab. Ich bin sicher, wir werden sie spätestens morgen gefunden haben«, sagte Gregson.

Veyron winkte ab. »Das war nie und nimmer die Tatwaffe. Die Klinge ist nicht bereit genug für die Stichwunde des Professors. Sie sagten, das Schwert sei verschwunden?«

Er reichte das Bild an Tom, doch Jane riss es ihm sofort aus den Händen. »Fingerabdrücke!«, schimpfte sie. »Das ist als Beweis jetzt ruiniert!«

Gregson überging ihr Gezeter und nickte Veyron zu. »Im ganzen Haus unauffindbar. Glauben Sie, es war Raubmord? Orks vielleicht oder wieder Kobolde?«

»Nein, auf gar keinen Fall. Kobolde oder Orks hätten hier eine Verwüstung hinterlassen. Beachten Sie: keine Anzeichen von Folter oder anderer Gewalt, nirgendwo die Spur eines Kampfes. Keine zerbrochenen Möbel, Vasen oder Gläser. Was noch viel beängstigender ist: nirgendwo ein Ofen, in dem man eine Klinge zum Glühen hätte bringen können. Die Tatwaffe muss demnach ein magisches Schwert sein, das von allein zu glühen oder gar zu brennen anfängt. Ich denke, das hier ist etwas ganz Neues; es übersteigt alles, mit dem wir es in den letzten acht Jahren zu tun hatten«, schlussfolgerte Veyron. Er schnippte mit den Fingern und blickte in die Runde ratloser Polizistengesichter. »Zusatzfrage: Warum sollte jemand, der sich im Besitz eines Zauberschwerts befindet, sich die Mühe machen und hier einbrechen, nur um ein anderes Schwert zu stehlen? Das ergibt keinen rechten Sinn. Für das Verschwinden von Darings Schwert muss es also eine andere Erklärung geben. Unsere Probleme sind ein Flammenschwert und dessen Inhaber«, mahnte er.

Tom bekam es ein wenig mit der Angst zu tun. Der Gedanke, dass da irgendwo in London ein Unhold unterwegs war, der ein Zauberschwert bei sich trug, behagte ihm gar nicht.

Veyron untersuchte den Schreibtisch, öffnete die Schubladen und blätterte den Terminkalender und die Korrespondenz des Professors durch. Gregson sah ihm dabei nur neugierig zu, während Willkins ungehalten die Arme verschränkte. Tom machte es sich derweil auf einem nahen Plüschsofa gemütlich. Ihn hatten die Erwachsenen fürs Erste vergessen. Zum Glück! So konnte er nun in Ruhe alles beobachten.

»Sarah Burrows, unsere Geköpfte von letzter Nacht, war Darings Sekretärin. Dass alle beide durch außernatürliche Kräfte ums Leben kamen, ist besorgniserregend. Es muss eine Verbindung geben. Die kann nur Folgende sein: Der Professor war im Besitz von Informationen, die für den Mörder eine Gefahr bedeuteten. Informationen, die der Professor an jemanden weitergeben wollte. Darum musste Miss Burrows sterben. Sie war für die Korrespondenz des Professors zuständig, vereinbarte Termine und erledigte allen geschäftlichen Schreibkram. Für unseren Täter war es nur logisch, anzunehmen, dass sie diese brisanten Nachrichten auch nach Darings Tod an Darings Kontakte weitergeben würde. Daring besitzt keinen Computer, nirgendwo im ganzen Haus. Und wenn man sich hier so umsieht, wusste er mit moderner Elektronik wohl auch nichts anzufangen. Er tippte noch immer – vollkommen anachronistisch – auf einer Schreibmaschine. Also war er auch bei der Übermittlung von Nachrichten auf die althergebrachten Methoden angewiesen.

Unser Täter wusste das. Deshalb tötete er Miss Burrows in der Hoffnung, die brisante Nachricht abzufangen. Das arme Mädchen war jedoch gar nicht in ihrem Besitz. Also war als Nächstes Daring an der Reihe. Offenbar war er für den Mörder die größere Gefahr, weswegen er nicht wieder seine Riesenbestie einsetzte, sondern diesmal selbst Hand anlegte. Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, wen der Professor eigentlich warnen wollte – und weswegen. Eventuell können wir das nächste potenzielle Opfer unseres Freundes mit dem Flammenschwert – ich nenne ihn jetzt mal Joe – identifizieren und warnen«, schlussfolgerte Veyron blitzschnell. Er schloss die Schubladen wieder und sah sich weiter um.

Gregson und Jane schenkten sich ratlose Blicke. Tom schaute neugierig zu, wie Veyron mit nervös herumzuckenden Händen den Schreibtisch durchsuchte, als wären seine Finger Fühler, die – Sensoren gleich – in der Lage waren, von allein das Gesuchte aufzuspüren.

»Woher wissen Sie, dass er jemanden warnen wollte? Vielleicht hat Flammenschwert-Joe die Quelle der Gefahr mit dem Mord an Daring bereits zum Schweigen gebracht«, meinte Gregson.

Veyron schüttelte nur den Kopf. Nacheinander deutete er auf das Arbeitszimmer, die Wände, die Vitrinen, die Plüschmöbel und zuletzt auf den toten Professor. »Schauen Sie sich um: Nichts ist zerstört, nichts aufgebrochen und durchwühlt. Alles wurde feinsäuberlich so belassen wie vor dem Mord. Ich stelle mir das Ganze so vor: Joe verschafft sich Zugang zum Haus. Wahrscheinlich weiß der Professor bereits, dass er kommen wird, hat es aus dem grausamen Tod seiner Sekretärin geschlossen. Joe fürchtet die Stärke des Professors, darum muss er diese Tat selbst ausführen. Niemand sonst hätte Aussicht auf Erfolg und in engen Räumen kann er seine Bestie ja schlecht einsetzen. Doch der Professor ist gewarnt und erwartet seinen Feind im Arbeitszimmer. Er sitzt hinter dem Schreibtisch, begrüßt Joe, als dieser hereinkommt, und informiert ihn, dass es zu spät ist. Die brisante Information wurde bereits weitergegeben. Joe packt die Wut, denn seine Machenschaften drohen zu scheitern. Er ist ein böswilliger Kerl, der – wie seine Kreatur – zu schrecklicher Gewalt neigt. Die arme Miss Burrows könnte das sicher bestätigen, säße ihr der Kopf noch auf den Schultern. Joe zieht sein Schwert, sticht es dem Professor durchs Herz. Daring hat den Tod jedoch erwartet; er leistet keine Gegenwehr. Wahrscheinlich weiß er, dass er Joe nicht gewachsen ist. Er ist allerdings zuversichtlich, dass jemand anderes Joe zur Strecke bringen wird – mit der Information, die er rechtzeitig weiterleiten konnte.

Joe dagegen erkennt, dass er einen Fehler begangen hat, einen entscheidenden Fehler. Die Zeit läuft ihm davon. Er ahnt, wen der Professor benachrichtigt hat. Es kann nur ein ausgesprochen kleiner Zirkel von Leuten sein, von Joe längst ausgespäht und beobachtet. Er bricht auf, verlässt unverzüglich das Haus des Professors, ohne die Akten zu durchwühlen oder weitere Zerstörung anzurichten. Er muss schnell handeln, seine Pläne sind in Gefahr.«

Alle waren still, als Veyron seine Ausführungen beendete. Gregson rieb sich gestresst die Augen. »Selbst wenn Sie mit Ihren Annahmen recht haben, fehlt uns noch immer jegliche Spur zum Täter. Darings Mörder hat nirgendwo Finger- oder Fußabdrücke hinterlassen. Wir können nicht einmal seine nächsten potenziellen Opfer warnen. Wem Daring diese brisanten Informationen gegeben haben könnte, wissen wir nicht«, meinte er ein wenig vorwurfsvoll.

Veyron ließ sich davon jedoch kaum in seiner Begeisterung für den Fall bremsen. Er nahm einfach eines der Notizbücher des Professors zur Hand und schlug es auf.

Gregson stöhnte aufgebracht. »Sie sollen doch am Tatort nichts verändern! Und schon gar nichts anfassen!«

Veyron zuckte in gleichgültiger Geste mit den Schultern. »Ein unwichtiger Einwand, mein lieber Gregson. Viel wichtiger ist dagegen ein Blick in den Terminkalender. Der verrät uns nämlich einiges. Professor Daring traf sich in den letzten zwei Wochen nur mit sehr wenigen Leuten, zumeist ehemaligen Professorenkollegen oder Vertretern von Universitäten. Allerdings taucht in diesem Terminkalender immer wieder ein Name auf, der mir regelrecht ins Auge sticht: Nagamoto Tatsuya. Daring rief ihn in den letzten zwei Wochen öfter an. Das ist zweifellos unser Mann«, meinte er lapidar und klappte den Terminkalender des Professors wieder zu.

»Sie wissen jetzt, wer oder was der Mörder ist. Er ist nicht von dieser Welt, also werden Sie ihn kaum in London ausfindig machen. Geschweige denn, dass Ihre lächerlichen Schusswaffen für ihn eine Gefahr sein würden. Der Kerl rennt mit einem Flammenschwert herum, und er besitzt die Kontrolle über ein Monster, das einem den Kopf abbeißt. Wenn ich mich nicht irre, befindet sich Flammenschwert-Joe in diesem Moment auf dem Weg in die Vereinigten Staaten von Amerika. Dort ist nämlich der Sitz der Energreen Corporation.«

»Einen Moment!«, protestierte Jane. »Was hat die Energreen Corporation damit zu tun? Woher wollen Sie überhaupt wissen, dass Nagamoto Darings Kontakt ist? Es könnte auch jeder andere aus dem Kalender sein.«

Veyron seufzte enttäuscht und drückte sich für einen Moment mit Daumen und Zeigefinger die Augenlider zu. »Willkins, Willkins, Willkins … Da fällt mir spontan Tolkien ein: Am besten, Sie gehen wieder ins Bett, Ihr Verstand schläft nämlich noch! Nagamoto Tatsuya, oder Tatsuya Nagamoto – wenn Ihnen die europäische Schreibung seines Namens geläufiger sein sollte – ist der stellvertretende Vorsitzende eines Energiekonzerns, der Energreen Corporation. Die verkaufen Strom aus Solar-, Wind- und Wasserkraft. Ich habe davon in der Zeitung gelesen, weil Energreen eine feindliche Übernahme durch einen Hedge Fonds droht, Borgin & Bronx, wenn ich mich recht erinnere. Nagamoto ist also nicht gerade der typische Gesprächspartner für einen alten Bücherwurm wie Daring, der sich vornehmlich für Kunst, germanische und keltische Mythen und gutes Essen interessiert. Haben Sie etwa noch keinen Blick auf die Bücher geworfen, die hier überall in den Vitrinen stehen? Mit Energiewirtschaft hatte Daring wirklich nichts am Hut. Warum also taucht in seinen Aufzeichnungen ständig ein Energiemanager auf? Ganz klar: Weil Nagamoto Darings Vertrauter ist. Damit ist er unser Mann! Vergessen Sie außerdem diese Blitzerscheinungen am Himmel nicht.«

Jane und Gregson schauten sich verblüfft an, und dann zu Tom, der jedoch in ratloser Geste mit den Schultern zuckte. Veyron atmete tief durch und verdrehte entnervt die Augen. Vermutlich konnte er nicht fassen, wie sechs Augen und drei Gehirne gleichzeitig so wenig begriffen. Er zückte sein Smartphone und tippte wie verrückt darauf herum, während er in ungeduldigem Tonfall und mit rasender Geschwindigkeit sprach. »Diese seltsamen, gewitterfreien Blitze, die seit vierzehn Tagen unregelmäßig von verschiedenen Piloten beobachtet wurden. Seit ihrem ersten Auftauchen über dem Atlantik telefonierte Daring ständig mit Nagamoto. Sie konferierten darüber. Im Terminkalender steht es eindeutig. Nagamoto. Wegen Blitzerscheinungen. Steht da überall. Haben Sie das übersehen? Ist Nagamoto Meteorologe? Nein, er verkauft Solarstrom und hat Betriebswirtschaft studiert. Das verrät mir seine Vita auf der Energreen-Homepage. Vielleicht sollten Sie besser alle wieder ins Bett gehen.«

Gregson hob beruhigend die Hände. Er ging zu Veyron und klopfte ihm anerkennend auf den Rücken. »Schon gut, schon gut. Sie haben gewonnen. Gute Arbeit, wirklich. Also, Nagamoto ist unser Mann. Was haben Sie jetzt vor?«

Als Antwort darauf eilte Veyron nach draußen, packte im Vorbeigehen Tom und zog ihn hinter sich her. »Ich fliege nach New York – und zwar auf der Stelle. Tom kommt mit mir. Sie können derweil nach einem riesigen, insektenähnlichen Wesen Ausschau halten. Fragen Sie die Bauern in Londons Norden. Da haben einige gewiss was Ungewöhnliches gesehen oder gehört. Wahrscheinlich haben die gedacht, sie seien verrückt. Lassen Sie Ihre Leute mit schweren Waffen ausrüsten, das Ding ist riesig und sehr gefährlich. Damit meine ich nicht einen dummen Troll. Widerstehen Sie außerdem der Versuchung, vorschnell mit Nagamoto Kontakt aufzunehmen. Wir wissen nicht, ob seine Leitung abgehört wird. Jedes Wort von Ihnen könnte unserem Gegner einen Vorteil verschaffen und Nagamoto gefährden. Ich werde ihn selbst aufsuchen und Sie dann auf dem Laufenden halten. Derweil können Sie die anderen Kontakte aus seinem Terminkalender abklappern – auch wenn das wahrscheinlich nichts bringen wird. Aber Vorschriften sind Vorschriften. Also dann, weiter geht’s mit Schwung!«

Kurz darauf saßen Tom und Veyron wieder in einem Black Cab und fuhren in Richtung Flughafen. Tom beklagte, dass er keinerlei Gepäck dabeihatte, noch nicht einmal was zum Anziehen. Für Veyron war dies das geringste Problem. Sie würden sich am Flughafen das Nötigste für den Überflug besorgen und sich Ersatzkleidung in New York kaufen. Tom war einverstanden, bis ihm in den Sinn kam, dass er überhaupt kein Geld besaß.

Veyron winkte jedoch ab. »Keine Sorge, ich bezahle alles. Hauptsache, wir kommen baldmöglichst nach New York. Wir könnten jetzt wirklich ein sehr schnelles Flugzeug gebrauchen. Zu dumm, dass es davon kaum welche gibt. Flammenschwert-Joe hat mindestens fünf Stunden Vorsprung. Garantiert hat er die erste Maschine genommen und den Atlantik inzwischen zur Hälfte überquert. Wir werden ihn nicht mehr einholen. Mit etwas Glück ist Nagamoto vorgewarnt und wird Vorsichtsmaßnahmen treffen«, sagte er, lehnte sich zurück und verfiel wieder in sein stilles Grübeln.

Wer konnte erahnen, welche Gedanken durch sein Gehirn schossen, wie viele Theorien und Möglichkeitsvarianten er gleichzeitig ersann, überprüfte und wieder verwarf? Zumindest ist es in seinem Kopf nicht langweilig, dachte Tom mit einer Mischung aus Respekt und Ehrfurcht. Er hatte England noch nie in seinem Leben verlassen, und morgen wäre er mit einem Mal in New York. Das kam alles ein bisschen plötzlich und erschien ihm sehr abenteuerlich.

Veyron erriet seine Gedanken (vermutlich las er sie einfach Toms besorgtem Gesichtsausdruck ab). Er lächelte beruhigend. »Wir sind rechtzeitig bis Schulanfang wieder zurück, das versichere ich dir. Falls es dennoch Verspätungen gibt, werde ich Willkins benachrichtigen.«

Tom grinste vor Begeisterung von einem Ohr zum anderen. »Eigentlich sind Sie gar nicht so übel, wenn man Sie mal ein bisschen näher kennt«, meinte er.

Veyron seufzte. »Lass das nicht Willkins wissen. Du könntest dich da bei ihr glatt unbeliebt machen. Ich versuche lediglich, effizient zu sein, Tom. Effizienz bedeutet in vielen Fällen Geschwindigkeit. Und deshalb kann ich es mir nicht leisten, auf die Gefühle anderer Menschen großartig Rücksicht zu nehmen. Darauf zu achten, wer durch welches Wort wann und wie beleidigt wird, ist Zeitverschwendung und bringt uns alle in der Sache nicht voran. Wie du siehst, drängt die Zeit, wenn Leben in Gefahr sind. Ich hoffe, Willkins wird das eines Tages verstehen, und du ebenfalls. Deshalb nehme ich dich auf dieses Abenteuer mit. Ich bin davon überzeugt, dass ich mich auf dich verlassen kann, wenn’s darauf ankommt.«

Tom glühte vor Verlegenheit und wusste gar nicht, was er jetzt sagen sollte.

Veyron gestattete sich ein kleines, spitzbübisches Lächeln, griff in seine Manteltasche und kramte darin herum. »Hier, ein kleines Geschenk«, sagte er und hielt Tom einen weißen Briefumschlag hin. Das Kuvert zierten lediglich ein paar Worte am unteren rechten Eck. Mit kunstvollen, geschwungenen Buchstaben, per Hand geschrieben, stand dort eine Adresse.

»Was ist das?«

»Korrespondenz von Professor Daring.«

»An die Weiße Königin«, las Tom vor und blickte verdutzt zu Veyron. »Haben Sie das etwa vom Tatort mitgehen lassen?«, fragte er erschrocken.

Veyron blieb ihm die Antwort schuldig, aber die Wahrheit war ja offensichtlich. »Mach ihn auf, er ist nicht verschlossen.«

Tom öffnete den Umschlag und holte einen sauber zusammengelegten Briefbogen heraus. Er faltete ihn auseinander und glaubte, seinen Augen nicht zu trauen. Das Papier war vollkommen leer. »Ist ja komisch. Warum steckt Daring ein leeres Blatt ins Kuvert?«, fragte er und reichte das Papier an Veyron.

Der hielt es gegen die Scheibe und untersuchte es genau. »Sehr teures Papier, wie es in keinem normalen Büro verwendet wird. Darauf schreibt man keine Geschäftsbriefe; der Adressat muss also jemand Besonderes sein, jemand, den Daring tief verehrt hat. Allein schon die Qualität des Papiers ist Liebesbeweis genug.« Er drückte das Blatt an die Scheibe und ging mit seinen Augen ganz nah heran, kratzte mit dem Fingernagel über das Dokument. »Es wurde beschrieben. Mit Zaubertinte, würde ich spontan sagen. Ich kann feine Linien ausmachen, die wohl Buchstaben sind. Sehr wahrscheinlich eine geheime Botschaft für die Weiße Königin, wer immer das sein mag. Sicher der Deckname für Darings Geheimkontakt, eventuell Nagamoto oder jemand anderes. Wenn wir wieder zu Hause sind oder sonst irgendwo Zugang zu einem chemischen Labor haben, werden wir sie genau untersuchen und herausfinden, wie man diese Tinte wieder sichtbar macht«, sagte Veyron, faltete das Papier zusammen und reichte es zurück an Tom. »Das ist sehr wichtig, Tom. Bewahre den Brief gut auf, trage ihn immer bei dir. Sehr wahrscheinlich hängen Menschenleben davon ab, eventuell sogar noch weitaus mehr. Ich bin überzeugt, dass wir gerade dabei sind, eine riesige Verschwörung aufzudecken.«

Tom steckte den Brief zurück in den Umschlag und verwahrte ihn sicher in der Innentasche seiner Jacke. Gerade wollte er Veyron versichern, dass niemand außer dem Tod ihm diesen Brief abnehmen könnte, als sein Patenonkel auch schon wieder das Wort ergriff.

»Ich habe es Gregson nicht gesagt, aber ich konnte noch mehr Hinweise in der Korrespondenz des Professors finden. Sagt dir das Juwel des Feuers etwas?«

Tom schüttelte den Kopf. »Noch nie gehört. Klingt wertvoll. Wissen Sie mehr? Natürlich wissen Sie mehr, Sie wissen immer mehr.«

Veyron lachte kurz, lehnte sich zurück und dachte kurz nach. »Ich fürchte, ich kann mich nur auf das berufen, was Rashton dazu in seinen Büchern schrieb. Vor langer Zeit gab es in Elderwelt einmal sieben magische Juwelen. Sie wurden die Nuyenin-Steine genannt. Zwei Juwelen dienten dem Wissen und dem Leben, vier den Elementen, darunter das besagte Juwel des Feuers. Dann gab es noch einen Meisterstein, durch den die Kraft aller gebündelt werden konnte. Ihre Macht war verheerend. Armeen konnte man mit ihnen vernichten, Seen austrocknen und sogar Berge einstürzen lassen. Länder wurden verwüstet und ganze Völker ausgelöscht. Soweit die Überlieferungen vollständig sind, gab es keine schrecklichere Macht in Elderwelt«, erklärte Veyron schließlich.

Tom schnappte nach Luft und krallte sich in den Filz der Sitzbank. »Was ist mit den Juwelen geschehen?«, fragte er aufgeregt.

»Sie galten als verschollen – bis heute. Offenbar sind jetzt Spuren davon aufgetaucht. Zumindest war es dem Professor sehr wichtig, mehr darüber zu erfahren. Ich bin davon überzeugt, dass Flammenschwert-Joe hinter den gleichen Informationen her ist. Nach allem, was wir von diesem Schurken wissen, sollte uns der Gedanke nicht gefallen, dass er das Juwel des Feuers zuerst findet. Nein, das müssen wir auf jeden Fall verhindern.« Veyron tauchte wieder in die undurchschaubare Welt seiner Gedanken ab. Mit starren Augen blickte er aus dem Fenster und nahm seine Umwelt nicht mehr weiter wahr.

Eine Stunde später befanden sich bereits auf dem Weg nach New York.

3. Kapitel: Mr. Nagamoto

New York war dieser Tage kein besonders reizvoller Ort. Die Stadt versank in Regen; überall an den Straßenrändern bildeten sich kleine Bäche, die – mal schneller, mal langsamer – in die Kanalöffnungen flossen, Folgen eines Sturmtiefs, das sich seit Tagen über der Atlantikküste austobte und einfach nicht nachlassen wollte.

Nagamoto Tatsuya blickte nach draußen. Regen trommelte gegen die großen Aussichtsfenster seines Büros im dreizehnten Stock, und seine Stimmung glich dem Bleigrau des Himmels. Das Gewicht der Welt schien derzeit auf seinen Schultern zu lasten. Er musste sich der Versuche erwehren, das Unternehmen, für das er verantwortlich war, an Borgin & Bronx zu verlieren, ein ebenso reicher wie wegen seines Geschäftsgebarens gefürchteter Hedge Fonds. Hinzu kamen noch seine Gedanken, die unentwegt um Professor Lewis Daring kreisten. Die Sache mit dem Juwel des Feuers wollte ihm nicht mehr aus dem Kopf gehen. Am liebsten wäre er sofort nach London aufgebrochen, um die Suche dort fortzusetzen, wo er sie vor zwei Wochen abgebrochen hatte. Zuvor musste er jedoch diese Sache mit Borgin & Bronx hinter sich bringen. Die Beschäftigung mit dieser profanen Angelegenheit war ihm fast zuwider, denn im Verborgenen waren Dinge im Begriff zu geschehen, welche die ganze Welt für immer verändern würden. Die Zeit lief ihm davon! Stattdessen musste er sich mit einer Bande habgieriger Manager herumschlagen, denen jedes legale – und auch illegale – Mittel recht war, um ihre Hälse vollzustopfen.

Die treibende Kraft hinter Borgin & Bronx war dessen Hauptanteilseigner, ein Mann mit Namen H. G. W. Morgan, den angeblich noch niemand zu Gesicht bekommen hatte. Der Mann schien ein Phantom zu sein. Schon seit einer ganzen Weile versuchte Nagamoto mehr über diesen Morgan zu erfahren, doch wohin er sich auch wandte, er stieß immer nur auf Anwälte und Notare, die im Auftrag von Mr. Morgan handelten. Zumindest die Vorstände von Borgin & Bronx schienen ihn persönlich zu kennen, aber sie hüteten sich, auch nur ein Wort über ihn zu verlieren. Es war dieser Morgan, der dem Hedge Fonds seine Unternehmensphilosophie aufgezwungen hatte.

Borgin & Bronx kauften lukrative Unternehmen (meist mit Kapital, das sie sich für günstige Zinsen bei anderen Investmenthäusern liehen), übernahmen die Aktienmehrheit und setzten weitreichende Restrukturierungsmaßnahmen durch. Mitarbeiter wurden zu Tausenden entlassen, Standorte geschlossen. Aus dem Unternehmen wurde jeder Cent herausgequetscht, der sich irgendwie einsparen ließ. Der Gewinn wurde maximiert – bei sinkenden Ausgaben und bei durchaus kalkuliert sinkender Wirtschaftsfähigkeit. Das ging so lange (meistens drei bis fünf Jahre), bis Borgin & Bronx ihre Investition refinanziert und nebenbei Dividenden kassiert hatten. Dem Hedge Fonds ging es allein um die Rendite. Wenn alles aus einem Unternehmen rausgesaugt war, wurde es zerschlagen, und war diese »Restrukturierung« erst abgeschlossen, zogen sich Borgin & Bronx aus dem Unternehmen zurück. Die rentablen Anteile wurden gewinnbringend verkauft, während das Eigenkapital vorher aus den unrentablen Teilen abgezogen wurde. Der klägliche Rest des Unternehmens ging in die Insolvenz, zu der dann Borgin & Bronx nichts mehr beitragen mussten.

Eine Bande von Vampiren. Die saugen einem das letzte Blut aus, dachte Nagamoto. Er war vor fünfzig Jahren in Osaka geboren und erst seit zehn Jahren in den Vereinigten Staaten tätig. Englisch sprach er noch immer mit Akzent, doch das gefiel ihm. Er bemühte sich auch gar nicht, seine Aussprache zu verbessern. Auf diese Weise wurde er von vielen Gegnern unterschätzt – was sich bisher stets zu seinem Vorteil ausgewirkt hatte. Seine stattliche Erscheinung, sein kantiges Gesicht mit den dunklen, vor Entschlossenheit leuchtenden Augen und dem schmalen Oberlippenbart ließen ihn wie einen grimmigen Samurai wirken, das wusste er. Manche behaupteten ihm gegenüber sogar, ohne Schlips und Anzug, könnte man ihn sich ansonsten nur mit Rüstung und Schwert vorstellen. Seine stattliche Erscheinung und sein höfliches, aber bestimmendes Auftreten verliehen ihm eine Aura des Respekts und der Autorität, die er geschickt einzusetzen wusste. Es gab nicht viele, die sich nicht sofort erhoben, wenn er den Raum betrat. Noch weniger Menschen gab es, die es wagten, sich ihm offen entgegenzustellen.

Vampirfonds. Dieser Ausdruck war genau richtig für Borgin & Bronx und traf es seiner Meinung nach besser als jeder andere Begriff für solche Ausbeuter. Jetzt war ausgerechnet die Energreen Corporation in den Fokus dieser modernen Vampire geraten. Bislang hatte Nagamoto als Mitglied des Vorstandes den Aktionären und auch dem Aufsichtsrat einen Verkauf ausreden können. Aber Borgin & Bronx gaben sich nur selten mit einem »Nein« zufrieden. Wo ein Kaufangebot als Argument nicht genügte, da trumpften sie plötzlich mit zahlreichen Annehmlichkeiten für das Management auf. Extra-Anteilspakete zum Vorzugspreis, lukrative Folgeverträge für ein »Ja« zum Verkauf. Kostenlose Urlaubsreisen zu jedem Ziel der Welt, Bordellbesuche, Luxuslimousinen, Privatjets, Villen, Jachten – Borgin & Bronx zeigten sich sehr spendabel, wenn sie etwas unbedingt haben wollten – und das war derzeit die Energreen Corporation.

Energreen war vor zwanzig Jahren als Anbieter alternativer, ökologischer Energie an den Markt gegangen. Nagamoto arbeitete schon damals bei der Firma, zunächst in Japan, danach in Australien und später lange in Europa. Seit zehn Jahren war er Mitglied des Vorstands mit Büro in New York. Er liebte Energreen. Es war eine gute Sache, für die dieses Unternehmen stand, das selbst nach zwanzig Jahren seiner Gründerphilosophie treu blieb: die Welt von morgen zu verbessern. Nagamoto bezweifelte, dass es viele Unternehmen von der Größe Energreens gab, die so viel für die Allgemeinheit taten. So hatte Energreen vor Jahren schon riesige Flächen Urwald in Südamerika und Afrika gekauft und erhalten, Milliarden in die Renovierung von Armenvierteln investiert und schulische Weiterentwicklungsprojekte überall auf der Welt ins Leben gerufen. Das alles war nun in Gefahr.

Borgin & Bronx hatten eine ihrer Geheimwaffen geschickt: Jessica Reed. Nagamoto hatte es noch mit nie einer Gegnerin wie ihr zu tun gehabt. Selbst wenn er ihren Versuchen, ihn über den Tisch zu ziehen, durchaus standzuhalten vermochte, so war er sich nicht sicher, ob das den übrigen Vorstandskollegen ebenso gelingen würde.

Heute mag ich eine Schlacht schlagen und sogar siegen, doch entschieden wird dieser Krieg nicht hier, dachte er ein wenig resigniert.

Hinter ihm öffnete sich die Tür zum Vorzimmer. Seine Sekretärin kam herein, Mary Watson. Sie war eine ältere Dame mit einem freundlichen Gesicht und smaragdgrünen Augen, die von winzigen Fältchen umspielt wurden. Sie erweckten den Eindruck, als müsste sie ständig lachen. »Ihre Gäste sind jetzt eingetroffen. Miss Reed und ihr Assistent«, meldete sie.

Nagamoto kommentierte das mit einem Brummen. »Keine Neuigkeiten von Professor Daring?«, wollte er wissen.

Mrs. Watson schüttelte den Kopf. »Keine neuen Anrufe. Ich kann weder den Professor noch seine Assistentin erreichen. Haben Sie eine Ahnung, um was es bei der Sache überhaupt geht?«

Er wandte sich von den großen Fenstern ab und blickte seine Sekretärin an. Mrs. Watson arbeitete schon seit Gründung von Energreen hier. Wahrscheinlich gab es keine loyalere oder vertrauenswürdigere Person im ganzen Konzern. Dennoch: Nagamoto konnte ihr nicht die ganze Wahrheit sagen, lediglich eine vereinfachte Version, bei der er die Details wegließ. »Er wollte Nachforschungen anstellen und mich auf dem Laufenden halten«, sagte er. »Mein Flug heute steht doch? Ich muss so schnell wie möglich nach London.«

Mrs. Watson schluckte die spärliche Auskunft ohne weitere Nachfrage. Stattdessen wedelte sie mit einigen Papieren zwischen ihren Fingern. »Sie haben Glück: Ich konnte einen Sitzplatz im schnellsten Flugzeug der Welt für Sie ergattern. Wenn Sie das Gespräch mit Borgin & Bronx nicht zu lange hinauszögern, werden Sie diesen Flug noch rechtzeitig erwischen. Hier sind die Bordkarten«, verkündete sie stolz.

Nagamotos ansonsten stoisches, ernstes Gesicht verzog sich zu einem Lächeln. »Ich danke Ihnen, Mrs. Watson. Ich werde mich doppelt anstrengen, dass Energreen unsere Firma bleibt und nicht in die Klauen dieser Vampire fällt! Es wird garantiert nicht lange dauern.«

Sie schenkte ihm ein erleichtertes Nicken und verschwand wieder nach draußen. Nagamoto stellte sich vor den großen Spiegel in seinem Büro, zupfte Krawatte und Anzug zurecht und nahm eine aufrechte Haltung an. Er atmete zweimal tief durch, sammelte seine Konzentration.

»Du hast schon ganz andere Dinge gemeistert, Tatsuya«, sagte er zu seinem Spiegelbild. »Also dann, auf in die Schlacht!«

Jessica Reed war der Typ Frau, bei dem es fast unmöglich war, sie nicht dauernd anzustarren: hochgewachsen, gertenschlank, himmellange Beine und wohlgeformte Rundungen. Sie hatte ein hübsches, schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen, große blaue Augen, eine blonde Mähne, die ihr in Form langer Locken fast bis zum Gesäß reichte. Sie war die Personifizierung jedes Männertraums. Das wusste sie auch und setzte es gekonnt ein, um ihre Verhandlungspartner in die Richtung zu beeinflussen, die sie haben wollte.

Vor fünf Jahren war sie aus der Provinz nach New York gekommen, um dort Karriere zu machen. Bei Borgin & Bronx als Kundenberaterin eingestiegen, kletterte sie die Karriereleiter blitzartig nach oben. Ihren Vorgesetzten (ein perverses Schwein) hatte sie während der großen Bankenkrise bei dessen Boss wegen Unfähigkeit diskreditiert. Für ihn war sie nur der Typ Assistentin gewesen, den man zum Vorzeigen brauchte. Eine attraktive Trophäe, mit der man bei Kollegen angeben konnte, mehr nicht. Tja, heute hatte sie seinen Job. Auf diese Weise verdiente sie sich den Respekt ihrer männlichen Kollegen, die in ihr zunächst nur das Püppchen gesehen hatten. Die Chefetage erkannte schnell, dass sie ein großes Talent besaß, andere Leute zu verführen und zu manipulieren. Sie zeichnete sich nicht nur durch ihre Schönheit aus, sondern auch durch einen großen Ehrgeiz, weiterzukommen und ganz nach oben zu gelangen.

Diese Ambition, gepaart mit Hartnäckigkeit, einer gehörigen Portion Frechheit und Skrupellosigkeit, bescherte ihr schließlich den gewünschten Erfolg. Ihr war kein Trick zu frech oder zu schmutzig, um ihn nicht anzuwenden. Wenn das Ergebnis es verlangte, stieg sie auch ohne Scham mit ihren »Geschäftspartnern« ins Bett. Wichtig war ihr nur, was am Ende dabei herauskam. Das waren seit Jahren dicke Prämienzahlungen. Sie besaß eine eigene Villa, mehrere schnelle Autos (sie liebte hohe Geschwindigkeiten), einen Privatjet und einen eigenen Hubschrauber (sie war eine ganz passable Pilotin). Ein ganzer Trupp Hausangestellter wurde nur dafür bezahlt, ihre Wünsche zu erfüllen. Sie führte ein teures, ausschweifendes Leben und bereute es nicht eine Minute, diesen Weg eingeschlagen zu haben, anstatt das brave, anständige Mädel zu werden, das sich ihre Eltern erhofft hatten.

Sie lebte wie eine Königin, und genauso wurde sie auch von jedermann behandelt. Bei Borgin & Bronx wurde sie wegen ihres Talents und ihres Erfolgs hofiert, natürlich auch wegen ihres unverschämt guten Aussehens. Ihr schlug oftmals Neid entgegen, aber auch Bewunderung und Verehrung. Inzwischen besaß sie einen eigenen Assistenten, ein Würstchen, hingebungsvoll, treu ihrem Willen ergeben. Jessica tolerierte keinen Karrieretyp in ihrer Umgebung, der ihr vielleicht eines Tages gefährlich werden könnte und ihre Fehler (die sie zwangsläufig irgendwann machte) gnadenlos ausnutzen würde. Man fürchtete ihre Missgunst, obwohl sie noch keine dreißig Jahre alt war.

Der Konferenzraum von Energreen behagte ihr gar nicht. Anstatt eines spartanischen Raumes mit Tischen und Stühlen glich dieser hier einem Wohnzimmer. Die Wände waren in dunkelroter Farbe gehalten, überall hingen Gemälde japanischer Meister, die irgendwelche langweiligen Landschaften darstellten. Der Boden war mit einem weichen Teppichboden ausgelegt, und anstelle eines großen Konferenztisches gab es mehrere kleine, im Kreis angeordnete Sitzgruppen. Im hinteren Eck des Raumes blubberte eine Kaffeemaschine, auch ein Wasserbehälter war zu finden. Neben den Türen standen Grünpflanzen. Die Beleuchtung war gedimmt, um eine heimelige Atmosphäre zu schaffen. Angesichts der großen Regentropfen, die gegen die Aussichtsfenster prasselten, strahlte der Raum eine heimelige Behaglichkeit aus. Für Jessica war das jedoch sehr störend, denn das brachte sie in eine Stimmung, die sie gar nicht gebrauchen konnte. Über die vergangenen Jahre war sie eine Meisterin der Selbstbeherrschung geworden, wusste ihre Gefühle bewusst zu kontrollieren und konnte sogar auf Kommando weinen. Sie wollte sich jetzt nicht entspannen und ruhig werden, sondern aggressiv und knallhart sein.

»Hast du alle Unterlagen dabei? Was ist mit der Entwicklungsanalyse? Wehe, es fehlt etwas, Harry«, herrschte sie ihren Assistenten an, der zwei Meter weit weg saß. Jessica ärgerte sich, dass Nagamoto sie so lange warten ließ. Ein wichtiger Termin in London drängte, bei dem sie den anderen Vorstandsmitgliedern von Energreen Honig ums Maul schmieren musste.

Harry Wittersdraught öffnete den kleinen Aktenkoffer, kramte das Notebook heraus, klappte es auf und zeigte ihr die Tabellen, die er in der letzten Nacht angefertigt hatte. Der gute Harry war das genaue Gegenteil von Jessica: ein dünnes Männchen mit hängenden Schultern, leicht krummem Rücken und einem ausdruckslosen, blassen Gesicht. Er trug eine kreisrunde Brille, mit der er mehr nach Harry Potter denn nach Investmentbanker aussah. Sein Anzug saß schlecht; ständig nestelte er nervös an seinem Jackett herum. In ihren Augen war er eigentlich kein richtiger Mann, sondern eine willenlose Arbeitsdrohne. Widerstandslos ließ er sich ihren Kommandoton gefallen und erwies sich als ausgesprochen gewissenhaft und fleißig. Keinesfalls der Typ Mann, mit dem sie je eine Nacht verbracht hätte. Wahrscheinlich würde Harry sogar schreiend davonrennen, wenn sie sich vor ihm entkleidete – oder bewusstlos umfallen.

Diese boshaften Gedanken ließen ein kurzes Lächeln über ihre vollen, kirschroten Lippen zucken. Zum Glück bemerkte es Harry nicht, der für gewöhnlich so etwas sofort falsch verstand. Sie wusste, dass er gern in ihrer Nähe war. Vielleicht hegte er romantische Gefühle, aber er war ein zu großer Feigling, als dass er das jemals zugeben würde. Wahrscheinlich ertrug er ihre Gemeinheiten deshalb mit solchem Gleichmut. Ihr war es egal, solange er funktionierte.

»Alles da, Jessica. Das sind die Wachstumskurven; die manipulierten Kurven sind die hier. Aber sei vorsichtig: Nagamoto ist wild entschlossen, einer Übernahme keinesfalls zuzustimmen. Eigentlich können wir das Ganze sofort abblasen und zusehen, dass wir unseren Flieger noch erwischen«, sagte Harry. Seine Stimme war ebenso schwächlich wie seine Gestalt – leise, heiser und fast piepsig hell.

Jessica atmete scharf aus und sah ihn direkt an. Er hielt ihrem Blick nicht lange stand. »Habe ich dich nach deiner Meinung gefragt? Hier springt ein dicker Bonus für mich raus, wenn ich es schaffe, Nagamoto rumzukriegen. Den Flieger erwischen wir schon noch, der soll gefälligst warten«, blaffte sie.

Wittersdraught rutschte unruhig auf seinem Sessel hin und her. »Da gibt es ein kleines Problem«, meinte er halblaut und erntete ein zorniges Stirnrunzeln. »Ein Sturmtief über dem Atlantik, schon seit einer Woche. Es will einfach nicht weiterziehen. Auf jeden Fall wurden viele Flüge gestrichen. Fast kein Privatjet bekommt Starterlaubnis, auch der unsere nicht«, erklärte er.

Für einen kurzen Moment wurde sein Wesen von so etwas wie Stolz und Größe beseelt. Wenn er auch sonst unbeholfen und unterwürfig war, Wittersdraught war ein wahres Lexikon. Ihn konnte Jessica nach fast allem fragen, sein Wissensvorrat schien nahezu unbegrenzt. Zu ihrer Erleichterung machte er daraus nicht mehr.

»Sag bloß, das heißt, ich muss Linie fliegen? Harry, das geht gar nicht! Da stehe ich wie eine Idiotin gegenüber den anderen da. Niemand fliegt heute noch Linie, nur der Pöbel von der Straße«, protestierte sie, doch Harry schüttelte energisch den Kopf.

»Der Umweg, den unser Privatjet nehmen müsste, um dieses Unwetter zu umfliegen, wäre zu groß, um eine rechtzeitige Ankunft in London zu garantieren. Aber ich habe den schnellsten verfügbaren Linienflug gebucht, natürlich Erste Klasse. Glaub mir, du wirst es nicht bereuen. In Zukunft wirst du nur noch mit dieser Maschine fliegen wollen«, erwiderte er und grinste begeistert.

Jessica winkte genervt ab. Sie wollte jetzt keinen technischen Vortrag hören; sie musste einen sturen Manager über den Tisch ziehen. »Hauptsache, ich komme rechtzeitig nach London. Sieh lieber zu, dass bei der Präsentation kein Mist passiert. Die Zahlen sprechen für sich, damit werde ich ihn schon weich kochen. Wenn nicht … nun, vielleicht spricht er auf andere Methoden besser an«, sagte sie und öffnete den obersten Knopf ihrer Designerbluse.

Harry wurde sofort rot im Gesicht. Offenbar hatte er etwas Wichtiges im Aktenkoffer vergessen, so schnell, wie er dort hineinsah. Jessica konnte seine Gedanken erraten, spürte förmlich seine Qual, als er sich ausmalte, was sie mit Nagamoto vielleicht alles anstellen würde – aber niemals mit ihm.

»Sie können sich die Mühe sparen, Miss Reed. Ich bin in großer Eile und muss den nächsten Flug nach London erwischen«, tönte plötzlich eine tiefe Stimme durch den Konferenzraum.

Jessica schreckte hoch und fuhr herum. Nagamoto kam aus einem Nebenzimmer, nicht aus seinem Büro. Er hatte einen Umweg genommen, um von dort aufzutauchen, wo sie ihn nicht erwartete, um sie gleich wissen zu lassen, dass er hier der Boss war.

Das war er auch zweifellos. Die Luft schien sich zu verändern, als er den Raum betrat. Mit stolzen, zugleich erhabenen Schritten kam er auf sie beide zu, umkreiste die Sitzgruppe und setzte sich ihnen gegenüber. Er reichte zuerst ihr und anschließend Harry die Hand. Gemeinerweise drückte er bei Jessica sehr fest zu. Sie verzog jedoch keine Miene, gönnte ihm das Vergnügen nicht, ihm zu zeigen, dass es durchaus wehtat. Harry wagte nicht einmal, ihm in die Augen zu sehen. Er ergriff nur schwach seine Hand und zog sie sofort wieder zurück. Er ist und bleibt ein Würstchen, dachte sie angewidert.

»Sie haben mein Angebot noch gar nicht gehört«, entgegnete sie mit einem frechen Lächeln und schlug ihre Beine so übereinander, dass Nagamoto gar keine andere Wahl hatte, als hinzuschauen. Jessica trug einen engen Minirock aus schwarzem Leder, der perfekt zu ihrer nicht minder engen und vorteilhaft ausgeschnittenen Bluse passte. Doch Nagamoto ließ sich weder von den langen Beinen noch von ihrem tiefen Dekolleté aus dem Konzept bringen.

»Das Geld Ihres Hauses interessiert mich nicht, Miss Reed, ganz gleich, wie hoch Ihr Angebot sein mag. Ich bin für das Wohl meines Unternehmens verantwortlich, und ich wäre ein schlechter Beschützer, wenn ich es aus purer Gier Ihrem Haus überließe«, erwiderte er. Seine troff aus jeder Silbe.

Reed hatte jedoch sofort eine Antwort parat. »Borgin & Bronx wollen ins Energiegeschäft einsteigen. Und Energreen ist die perfekte Plattform: Erfahren, zukunftsorientiert, vielseitig. Ihr Unternehmen besitzt riesige Wachstumspotenziale, und wir verfügen über das Kapital für dieses Wachstum. Bedenken Sie nur die Höhe der Summe, die Borgin & Bronx bereit sind, in Ihr Unternehmen zu investieren.«

Nagamoto brauchte nicht lange zu überlegen. »Wir sind sehr gut aufgestellt, auch für schwierige Zeiten. Und Expansion und Wachstum sind nicht unsere primäre Firmenstrategien. Was mich interessiert, ist die Frage, was Sie meinem Unternehmen sonst noch zu bieten haben. Was wird mit den Beschäftigten geschehen, wenn Sie erst einmal die Aktienmehrheit halten? Entlassungen natürlich, die altbewährte und billigste Methode, da sich so am schnellsten Erträge erwirtschaften lassen. Nein danke, das widerspricht der Philosophie unseres Hauses.«

Seine Stimme war einfach zu gewaltig, um ihm frech ins Wort zu fallen. Jessica sammelte sich eine Sekunde. Der Mann war so abweisend wie ein Panzer. Auf ihre optischen Reize sprang er nicht an, wollte nicht einmal zuhören. Ehrlich gesagt war sie vollkommen ratlos, welche Strategie sie bei ihm noch anwenden konnte. Klar war nur, dass sie weder das zuckersüße, naive Mäuschen noch den liebeshungrigen Vamp zu geben brauchte (zwei Rollen, die sie sehr gut beherrschte). Also versuchte sie es in einem Anflug unüberlegter Verzweiflung mit freundlichen Drohungen. »Es herrschen ganz klar noch einige Diskrepanzen zwischen unseren Positionen. Aber ich bin zuversichtlich, dass die Aktionäre von Energreen die richtige Entscheidung fällen werden – selbst wenn Sie und ich uns heute noch nicht einigen sollten.«

Nagamoto begann zu lächeln. »Ich sehe, worauf Sie hinauswollen. Aber ich garantiere Ihnen: Es wird kein Geschäft zwischen uns geben, Miss Reed; ganz gleich, von welcher Art. Und ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, dass Ihr Haus keinen nennenswerten Stimmanteil meines Unternehmens in die Finger bekommt«, sagte er und erhob sich. »Leider warten noch andere Termine auf mich. Aber bleiben Sie ruhig noch sitzen und genießen Sie die Aussicht. Mrs. Watson wird Sie später nach unten bringen.«

Er schüttelte zum Abschied erneut Reeds Hand, dann die von Wittersdraught, der angelegentlich zu Boden starrte, um den strengen Blick seines Gegenübers nicht ertragen zu müssen.

Jessica schaute Nagamoto hinterher, ihren Zorn nur mühsam unter Kontrolle haltend. Noch nie hatte sie sich eine derartige Abfuhr eingefangen. Sie war es gewohnt zu bekommen, was sie sich in den Kopf setzte. Das war schon immer so gewesen – und jetzt das? Dafür würde jemand büßen müssen! Sie wusste auch schon genau, wer.

»Das ist deine Schuld, Harry! Du hast mich miserabel vorbereitet. Das war scheiße, absolute Scheiße«, zischte sie ihn an, obwohl sie am liebsten gebrüllt hätte. Immerhin besaß sie noch genug Selbstbeherrschung, um nicht in die Luft zu gehen. Am liebsten wollte sie diesen Idioten schlagen. Die armselige, zusammengekrümmte Figur, die er jetzt gerade machte, bekräftigte sie in diesem Wunsch nur noch.

»E-e-e-es tut mir leid«, stotterte er hilflos. »Aber nach allen Informationen, die über Nagamoto verfügbaren waren, schien dies die wirkungsvollste Strategie zu sein. Optische Ablenkung plus knallharte Fakten. Aber ich hatte dich gewarnt: Er ist ein harter Brocken. Ich hatte dir gesagt, dass wir heute nicht viel ausrichten werden.«

Jessica funkelte ihn an und schoss aus dem Sessel. Dabei nahm sie ihre Handtasche, warf sie sich über die Schulter und stolzierte auf ihren hochhackigen Stiefeln zum Ausgang. Harry packte das Notebook zusammen, steckte alles feinsäuberlich in den Aktenkoffer und schlich ihr hinterher.

Sie atmete einmal tief durch und drehte sich zu ihm um. »Okay, vergiss Nagamoto. Er ist nur ein Vorstandsmitglied. Was ist mit den anderen Energreen-Managern? Was sind das für Typen?«, fragte sie, von neuer Entschlossenheit erfüllt.

Harry schob sich die Brille höher auf die Nase. »Hauptsächlich ältere Männer, meist verheiratet. Sie wurden nach ihren Fähigkeiten ausgesucht und sind schon lange mit dem Unternehmen verbunden. Kein einziger internationaler Spitzenmanager ist darunter. Der Aufsichtsrat sucht all seine Manager nach strengen Kriterien sehr sorgfältig aus. Da haben schon einige wirklich erfolgreiche Leute versucht unterzukommen, doch selbst Bestnoten konnten die Anteilseigner nicht beeindrucken. Eine richtig eingeschworene, kleine Gemeinde, unmöglich, von außen reinzukommen. Vielleicht war es doch keine so gute Idee, diese Herausforderung anzunehmen, Jessica. Diesmal wirst du dir die Zähne ausbeißen. Ich fürchte sogar, dass sich das Ganze als Stolperstein erweisen wird. Mishkin hat dich aufs Kreuz gelegt. Soweit ich weiß, war es hauptsächlich die Idee diesen alten Tyrannen, bei Energreen einzusteigen. Du wirst Mishkin zu gefährlich, jetzt will er dich scheitern sehen. Du weißt ja, gleich nach ihm kommt die Vorstandsetage.«

Jessica funkelte ihren Assistenten wütend an. Nur selten hatte Harry je seine Meinung vertreten. Sie fühlte sich schwach, weil er es ausgerechnet jetzt tat, im Moment ihrer ersten Niederlage. Vielleicht war er doch nicht ganz so loyal und armselig, wie sie immer angenommen hatte? »Diesen Auftrag abzulehnen, wäre ganz sicher das Ende meiner Karriere gewesen, Harry. Das weißt du! Mishkin wird noch Augen machen. Der Mann mag alt sein, aber er weiß, was er will – und ich weiß es auch. Ich werde die Schwachstelle von Energreen finden. Irgendeiner dieser feinen Pinkel hat Geheimnisse, die wir aufdecken und gegen ihn verwenden können. Andere sind käuflich. Entweder durch Geld oder mit Sex. Wäre nicht das erste Mal, stimmt’s?

Aber Schluss jetzt damit. Sehen wir zu, dass wir diesen verdammten Flug noch erwischen. Ich hoffe nur, du hast für den Notfall einen zweiten Flug gebucht, sonst bist du gefeuert«, giftete sie.

Harry blickte beschämt zu Boden. Er hörte seine Chefin nicht gerne so reden, doch wenn sie wütend war, nahm Jessica kein Blatt vor den Mund. Sie konnte schrecklich vulgär und grausam sein. Harry musste diese Stimmungen hilflos ausbaden. Er brachte ein schüchternes Lächeln zustande. »Ja, sicher, klar. Du bist der Boss«, stammelte er.

Von diesen unterwürfigen Worten zufriedengestellt, wirbelte Jessica herum, verließ den Konferenzraum und Harry folgte ihr, brav wie immer. Draußen im Vorzimmer ließ sie im Vorbeigehen Nagamotos Sekretärin, Mrs. Watson, wissen, dass sie sich wieder bei ihr melden würden. Sie schnippte mit den Fingern, und Harry zückte eine Visitenkarte, die er der Sekretärin behutsam auf den Schreibtisch legte.

Mein Gott, dachte Jessica kurz davor, die Augen zu verdrehen, er ist doch so ein erbärmlicher Wicht.

Tom Packard konnte es einfach nicht fassen. Da kam er einmal im Leben nach New York, in diese fantastische Stadt, und es schüttete aus vollen Eimern. Wenigstens habe ich neue Klamotten, dachte er, als er die Kapuze seiner neuen, obercoolen Jacke über den Kopf zog. Er folgte Veyron zum nächsten Taxi. Während des Fluges hatten die beiden nicht viel miteinander gesprochen. Veyron war damit beschäftigt gewesen, irgendwelche Nachrichten zu lesen oder sich Notizen auf seinem Smartphone zu machen. Tom hatte die vielen Stunden Flug dagegen mit Videospielen totgeschlagen. Kaum waren sie gelandet, hatten sie sich über die Shops des Flughafens hergemacht, sich Ersatzkleidung, Waschzeug und ein paar Snacks besorgt. Veyron war in Spendierlaune gewesen. Tom hatte sich mehr oder weniger komplett neu einkleiden können – und zwar mit lauter teurem Zeug. Die Zeit bei meinem Patenonkel wird noch richtig großartig, wenn das so weitergeht, dachte er fröhlich. Veyron ist vielleicht ein Spinner, aber sein Geldbeutel sitzt echt locker.

Tom wollte am liebsten alles besichtigen, den Central Park, danach auf das Empire State Building, zur Brooklyn Bridge und zum Times Square. Veyron war jedoch zu seinem Leidwesen an keiner Sightseeingtour quer durch die Stadt interessiert. Er erläuterte Tom immer wieder die Notwendigkeit zur Disziplin. Nur so ließe sich höchste Effizienz erreichen. Sie waren schließlich nicht zum Vergnügen hierhergekommen, auf sie wartete Arbeit. Im Nu hatte Veyron die Adresse der Energreen Corporation ausfindig gemacht und rief ein Taxi.

Energreen erwies sich jedoch als Fehlschlag. Zuerst ließ man sie über eine halbe Stunde im Foyer warten, dann kam die Nachricht, das Mr. Nagamoto bedauerlicherweise heute niemanden mehr empfangen wurde. Auch der Dringlichkeitshinweis brachte sie nicht weiter. Veyron führte deshalb eine lautstarke Auseinandersetzung mit dem Sicherheitschef der Firmenzentrale. Der Mann ließ sich jedoch von keinem Argument beeindrucken und bestand darauf, dass sie nur mit einer schriftlichen Einladung hinauf in die Vorstandsetage durften. Dann komplimentierte er die beiden zum Ausgang. Veyron tat Tom fast ein bisschen leid. Natürlich konnten sie dem Sicherheitsmann nicht verraten, dass Nagamoto in großer Gefahr schwebte. Der Kerl hätte sie ansonsten als Verrückte oder potenzielle Attentäter gleich wieder hinausgeworfen.

»Da sieht man mal wieder, wie viele bornierte Idioten es auf Erden gibt. In der Tat: 99 % der Menschheit zählt zu diesem Schlag, einige mehr, einige weniger. Es ist überhaupt ein Wunder, dass wir das Mittelalter je hinter uns lassen konnten. Hast du dir diesen Wachmann angesehen, Tom? Ein fetter, schlampiger Typ. Hat die ganze Zeit nicht ein einziges Mal auf die Eingangstür gesehen. Seinen Hosenreißverschluss hat er nach dem letzten Toilettengang nicht mehr verschlossen, seine Schuhe waren abgetragen und ausgelatscht, sein Hemd nicht gebügelt. Auf dem Tisch lagen drei halb aufgegessene Pizzabrötchen. Diesen Typ interessiert nur das Fressen – und das trotz seines schlechten Magens. Darum muss er auch so oft auf die Toilette – dreimal während unseres Aufenthalts. Eine Nebenwirkung der Tabletten, die er schlucken muss. Energreen wird eines Tages wirkliche Probleme bekommen, wenn dieser Mann dort noch länger Wache schiebt«, schimpfte Veyron auf dem Weg nach draußen.

Tom war verblüfft, was Veyron während seiner Auseinandersetzung mit dem Sicherheitschef alles aufgefallen war und sagte ihm das auch. »Diesen Trick müssen Sie mir unbedingt mal beibringen. Damit könnte ich in der Schule echt groß angeben«, meinte er.

Veyron lächelte selbstgefällig. »In diesem Fall war es lediglich genaue Beobachtung. Ich bin sicher, meine Analyse würde noch weitaus detaillierter und präziser ausfallen, wenn ich seine Zeugnisse in die Finger bekäme und ihn einmal zu Hause besuchen dürfte. Aber diese ekelhaften Pizzabrötchen waren unübersehbar, und die Tabletten lagen in seiner Schreibtischschublade. Ich konnte sie sehen, als er sie kurz öffnete. Mir ist außerdem noch etwas Weiteres aufgefallen: Nagamoto ist nicht mehr im Haus.«

Jetzt war Tom noch um ein paar Grad verblüffter. »Woher wollen Sie das wissen? Dieser Kerl hat Nagamoto doch mit keinem Wort erwähnt.«

»Stimmt. Aber während man uns klarzumachen versuchte, dass wir keinesfalls ohne schriftliche Einladung bis zu Nagamoto vorgelassen würden, habe ich mit einem Ohr alle anderen Gespräche in der Lobby mitgehört. Interessant war nur das eine am hinteren Lift, der, für den man einen Schlüssel braucht. Der Liftboy hat mit einer Sekretärin gesprochen. Sie ließ ihn wissen, dass der Boss schon losgezogen sei. Mit ›der Boss‹ kann nur Nagamoto gemeint sein. Deswegen sind wir auch gegangen, anstatt uns noch länger mit Mr. Pizzabrötchen zu streiten. Ich werde diese Sekretärin abfangen. Von ihr erfahren wir sicher mehr«, sagte er mit finsterer Entschlossenheit.

Tom konnte nur staunen. »Sie haben alle Gespräche in der Lobby mitgehört? Wie geht das?«

Veyron seufzte enttäuscht. »Mit sehr viel Training. Ich habe alles in dieser Lobby wahrgenommen. Du solltest ebenfalls versuchen, deine Wahrnehmung entsprechend zu konditionieren, das ist sehr hilfreich. Jetzt aber los!«, erklärte er, während er die Stufen zur Straße hinunter nahm.

Tom folgte seinem Paten, so schnell er konnte. Sie eilten durch den noch immer strömenden Regen zu den wartenden Taxis. Tom hatte die Sorgen, dass Nagamotos Sekretärin vielleicht mit dem eigenen Auto da sein könnte, aber Veyron ließ ihn wissen, dass dieses Gebäude keine Tiefgarage besäße. Energreen versuchte, Umweltschutz zu leben. Jeder Mitarbeiter durfte nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit kommen – oder eben per Taxi.

»Sie wird hierher kommen, vertrau mir«, meinte er bestimmend.

Tatsächlich dauerte es keine zwei Minuten, bis die Sekretärin oben am Treppenabsatz auftauchte, einen Regenschirm aufspannte und hinunter zu den Taxis stakste. Veyron richtete es so ein, dass er es kurz vor ihr erreichte. Er tat so, als würde er sie jetzt erst bemerken.

»Oh, sorry Ma’am«, raunte er im allerhöflichsten Tonfall, trat rasch zur Seite und öffnete ihr die Tür. Sie bedankte sich freundlich.

»Ich nehme an, Mr. Nagamoto ist bereits wieder auf dem Weg nach London? Wir sind wegen wichtiger Nachrichten hier und hätten ihn gern getroffen«, sagte Veyron. Er versuchte dabei, so unschuldig wie möglich zu klingen.

Die Frau schaute ihn überrascht an und hielt inne. Sie musterte zuerst Veyron und dann Tom mit sichtlicher Skepsis. »Wer sind Sie? Gehört der Junge zu Ihnen?«

Veyron setzte ein entwaffnendes Lächeln auf. »Ich bin Veyron Swift, und das ist mein Assistent, Tom Packard. Wir sind im Auftrag von Professor Lewis Daring hier. Tom, zeig der Lady bitte den Brief des Professors.«

Tom war angesichts dieser Schwindelei ein wenig überrascht, kramte aber in der Jackentasche, holte das Schreiben des Professors heraus und reichte es der Sekretärin. Sie blickte den Briefumschlag mit seiner ungewöhnlichen Anschrift kurz an, schien aber zufrieden und gab ihn Tom zurück, der ihn sofort wieder in der Innentasche seiner Jacke in Sicherheit brachte. Weder er noch Veyron hatten einen Schirm.

»Ich bin Mary Watson, Mr. Nagamotos Sekretärin. Es tut mir leid, Mr. Swift, aber Sie haben ihn verpasst. Er ist vor einer Stunde zum Flughafen gefahren und zu Ihrem Professor nach London unterwegs. Er meinte, er könne nicht mehr länger warten«, erklärte sie und stieg ins Taxi.

Veyron beugte sich zu ihr hinunter. »Ich nehme nicht an, dass Sie uns seine Telefonnummer geben können?«, fragte er.

Mrs. Watson lächelte nur, was er sofort als unmissverständliches Nein interpretierte.

»Wenn Sie sich beeilen, können Sie ihn vielleicht noch vor dem Abflug erwischen«, meinte sie, bevor sie die Tür schloss.

Das Taxi fuhr los und überließ sie beide schutzlos dem Regen. Veyron blickte dem Fahrzeug noch einen Moment lang hinterher. Hinter ihm tapste Tom von einem Fuß auf den anderen. Wenn sie hier noch länger herumstanden, wäre er bald durchweicht bis auf die Haut.

»Eine clevere Frau, so eine Sekretärin lobe ich mir. Da sie uns nicht kannte, gab sie uns nur die Auskünfte, von denen sie glaubte, sie wären ungefährlich. Allerdings hat sie mir genau die Informationen gegeben, die ich brauche. Jetzt können wir Nagamoto noch einholen«, verkündete Veyron und klatschte triumphierend in die Hände. Er winkte dem nächsten Taxi, das sofort herankam.

Tom kletterte neben Veyron in den Fonds.

»Kennedy Airport«, ließ sein Pate den Fahrer wissen und sank in die Sitzbank.

Tom schaute ihn verwirrt an. »Zurück zum Flughafen? Aber wir wissen doch nicht einmal, mit welcher Linie Nagamoto nach London fliegen wird oder wann. Er könnte auch bereits im Flieger sitzen«, protestierte er.

Veyron hob die Hand und brachte ihn zum Schweigen. Er holte sein Smartphone aus der Tasche und tippte wieder wie ein Verrückter darauf herum. »Mrs. Watson sagte, Nagamoto konnte nicht mehr auf Professor Darings Antwort warten. Also hat er es eilig. Sehr wahrscheinlich ist ihm noch nicht bekannt, dass Daring sich gar nicht mehr am Leben befindet. Er will also schnell zu ihm, am besten sofort. Natürlich könnte er bereits in einem Linienflieger sitzen, doch es gibt eine Alternative: eine schnellere Maschine, die den Überflug in nur der Hälfte der Zeit schafft. Das wäre diese hier: die SCC-1001 Supersonic, das schnellste Flugzeug der Welt. Es gibt momentan nur zwei solcher Maschinen, beide fliegen unter dem Banner von Torben-Carrisson-Airways. Die Supersonic schafft die doppelte Geschwindigkeit eines normalen Passagierflugzeugs – und das bei nur einem Drittel mehr Treibstoffverbrauch«, erklärte Veyron. Er stieß einen triumphierenden Laut aus. Tom und der Fahrer drehten sich zu ihm um und starrten ihn erschrocken an. Veyron winkte ab, und der Fahrer konzentrierte sich wieder auf die Straße. »Und siehe da! TC-Airways hat gegenwärtig eine Supersonic auf dem Kennedy!«, rief er begeistert und zeigte Tom das Bild eines schnittigen, futuristisch anmutenden Flugzeugs, wie er es nie zuvor gesehen hatte. Veyron schaltete das Bild schnell wieder weg. Konzentriert tippte er auf dem Smartphone herum. »Mal sehen, ob sie ausgebucht sind. Natürlich, hätte mich auch gewundert. Die Supersonic ist allwettertauglich und wird sogar mit den schwersten Unwettern fertig. Ah … Das ist interessant. Das Simon-Weller-Orchester.«

Von denen hörte Tom jetzt zum allerersten Mal, und das sagte er auch. Besser, er hätte es nicht getan, denn es brachte ihm nur einen besonders enttäuschten Blick von Veyron ein.

»Simon Weller, der Stardirigent! Ein furchtbarer Choleriker. Er macht mit seinem Orchester gerade eine Welttournee. Paganini, Vivaldi, Puccini oder Rossini. Er spielt alle italienischen Meister, manchmal zwischendrin auch Mozart oder Händel. Ich habe gerade seine Homepage aufgerufen. Jetzt rate mal, mit welcher Maschine er fliegt? Ganz recht! Mit der Supersonic. Hier steht es: ›Das schnellste Orchester der Welt. Es spielt an einem Tag auf zwei Kontinenten.‹

Damit ist natürlich die Datumsgrenze gemeint. Nur die Supersonic ist schnell genug, um das zu ermöglichen. Wann ist der Abflug? Aha, in vier Stunden. Das dürfte reichen. Mal sehen … ein Riesen-Orchester, zweihundert Männer und Frauen, die abgefertigt werden müssen und nicht viel Zeit für Aufbruch und die Fahrt zum Airport haben. Sehr wahrscheinlich hat Weller ein Hotel in der Nähe des Flughafens gewählt. Wahrscheinlich haben seine Musiker noch nicht einmal gepackt. Jetzt pass gut auf, Tom. Sieh zu und lerne.«

Veyron wählte eine Nummer und schaltete das Smartphone auf Lautsprecher. Tom hatte nicht die blasseste Vorstellung von dem, was sein Pate bezweckte. Er hörte, wie auf der anderen Seite der Leitung abgenommen wurde.

»Torben-Carrisson-Airways, Reservierungsservice, was kann ich für Sie tun«, hallte ihnen die freundliche Stimme einer jungen Frau entgegen.

Veyron holte tief Luft, und mit einem Mal lief sein Kopf knallrot an, er zitterte am ganzen Körper und keuchte schwer. Tom erschrak, fürchtete sein Pate bekäme einen Anfall. Doch in diesem Moment dröhnte Veyrons Stimme ins Telefon, lauter und voluminöser als sonst. Eigentlich war es gar nicht mehr seine Stimme, sondern die einer vollkommen fremden Person.

»Ja, wo zum Teufel, bin ich denn jetzt gelandet? Ist hier TC-Airways? Spreche ich mit dem Vorstandsvorsitzenden? Ich verlange, sofort mit Mr. Carrisson zu sprechen!«, bellte Veyron. Die arme Frau auf der anderen Seite musste förmlich zu Tode erschrocken sein, so still, wie sie einen langen Moment war.

»Tut mir leid, Sir. Mit wem habe ich die Ehre?«

»Was? Sie kennen mich nicht? Ich bin es: Simon Weller! Ich kann nicht glauben, dass Sie noch nie von mir gehört haben!«

»Oh, Mr. Weller. Natürlich, Sir. Ist etwas nicht in Ordnung? Kann ich irgendetwas für Sie tun?«

»Krank bin ich, das ist nicht Ordnung! Ich bin krank, Grippe oder irgendwas Schlechtes im Essen. Ich werde den Koch verklagen, das ist los! Ich kann heute unmöglich fliegen. Auf keinen Fall! So kann ich unmöglich in London auftreten. Sie müssen Ihr Flugzeug am Boden halten, bis ich wieder auf den Beinen bin!«

»Es tut mir leid, Sir. Ich habe leider überhaupt keine Ahnung, von was Sie reden. Ist etwas mit unserem Service nicht in Ordnung?«

Tom hätte nicht geglaubt, dass Veyrons knallroter Kopf noch um eine Stufe dunkler werden könnte. Jetzt schien er förmlich zu explodieren. Adern traten an seinen verkrampften Händen hervor, das ganze Taxi schien zu vibrieren, so heftig zitterte sein Körper.

»Wollen Sie mich verarschen? Geben Sie mir sofort Ihren Vorgesetzten! Ich will Ihren Vorgesetzten sprechen! Auf der Stelle! Sie sind gefeuert, jawohl, das sind Sie! Sie sind gefeuert! Geben Sie mir auf der Stelle Ihren Vorgesetzten!«, brüllte er ins Telefon.

Tom machte sich instinktiv kleiner, auch der Fahrer duckte sich hinter sein Lenkrad. Es verging ein Moment der Stille, schließlich meldete sich eine neue Stimme, diesmal eine männliche.

»Hier spricht Maximilian Dickens, Mr. Weller. Ich hörte, Sie haben ein Problem mit unserem Service?«

»Und ob! Schmeißen Sie dieses unfähige Frauenzimmer sofort raus! Ich sage ihr, dass ich heute nicht fliegen kann, und sie macht sich lustig über mich! Ihr Flugzeug soll so lange warten! Es soll nicht starten, nicht abheben, nicht fliegen! Ist das so schwer zu verstehen?«

»Es tut mir leid, Mr. Weller, aber das ist unmöglich. Unsere Supersonic wird gerade betankt. Wir können den Start nicht mehr verschieben. Vielleicht können Sie mit einer anderen Maschine nachkommen, während Ihr Orchester …«

»Nein«, brüllte Veyron hysterisch. »Was interessiert das Publikum schon das Orchester! Es geht hier um mich, mich ganz allein! Wenn ich nicht fliegen kann, brauchen auch meine Leute nicht zu fliegen! Wenn Ihr verdammter Vogel nicht auf dem Boden bleiben kann, dann stornieren Sie unsere Tickets! Wir fliegen morgen mit der zweiten Maschine! Machen Sie, was ich Ihnen sage!«

»Sir … Das ist nicht so einfach …«

»Aha! Nicht so einfach, sagt er! Sagen Sie mal, wollen Sie auch einen neuen Job? Ich kann nämlich dafür sorgen, klar? Und jetzt stornieren Sie meine Tickets! Und zwar sofort! Ich lege nicht eher auf, bevor Sie das nicht erledigt haben!«

»Ich brauche noch Ihre Reservierungsnummer …«

»Ja, haben Sie denn den Verstand verloren? Wissen Sie, in welchem Zustand ich mich befinde? Glauben Sie, ich habe jetzt meine Nummer auswendig im Kopf? Sie Vollidiot! Was glauben Sie, wie viele Simon Wellers es gibt, die heute bei Ihnen mitfliegen? Muss ich rüberkommen und das selbst erledigen? Bewegen Sie endlich Ihren faulen Hintern und tun Sie was!«

Auf der anderen Seite wurde hastig in Computertasten gehämmert. Ein Augenblick verging, bis sich Mr. Dickens wieder meldete.

»In Ordnung. 200 Tickets für Sie und Ihre Leute, soeben storniert. Ich habe Ihnen einen Ersatzflug für morgen früh gebucht. Die Tickets kommen per E-Mail und sind jetzt für Sie abrufbar. Ich hoffe, Sie sind zufrieden?«

Veyron beruhigte sich wieder ein wenig. Er lächelte gutmütig wie ein Herrchen angesichts seines treuen Hundes. »Ja, ja. Das bin ich. Sie sind ein guter Mann und sehr freundlich. Ich werde Sie weiterempfehlen«, seufzte er und legte auf. Anschließend brach er in schallendes Gelächter aus. Er brauchte einige Augenblicke, um sich wieder zu beruhigen.

Tom starrte ihn entgeistert an. »Was war denn das?«

Veyron sagte nichts, er atmete zweimal tief durch, schloss die Augen und rang um Fassung.

»Eine hoffentlich perfekte Simon-Weller-Imitation«, raunte er, das Lachen nur mühsam unterdrückend.

»Wird man Ihnen da nicht draufkommen? Das wird einen Riesenärger geben«, meinte Tom verunsichert.

Veyron lächelte breit. »Nummernunterdrückung. Sicher werden die mir auf die Schliche kommen, aber nicht mehr rechtzeitig, um uns noch aufzuhalten. Weller wird die Polizei einschalten müssen. Bis dahin haben wir schon den halben Atlantik überquert.« Veyron tippte eine neue Nummer und hob das Telefon wieder ans Ohr.

Erneut meldete sich eine freundliche, junge Frauenstimme – nicht die gleiche wie zuvor.

»Torben-Carrisson-Airways, was kann ich für Sie tun? Sie sprechen mit Mandy Sikes.«

»Guten Tag, hier spricht Veyron Swift. Kundennummer vier-zwölf-neunzehn-einundachtzig. Ich brauche sofort zwei Tickets nach London. Ist noch was in der Supersonic frei?«

Die junge Frau tippte hörbar auf ihre Tastatur. Ihre Stimme klang vollkommen überrascht, als sie antwortete: »Äh … Ja. Soeben sind ein paar Sitzplätze frei geworden. Moment, ich überprüfe das … Kein Zweifel. Wie viele Plätze brauchen Sie?«

»Nur zwei. Einen für mich und einen für Mr. Thomas Eugene Packard, vierzehn Jahre alt«, sagte Veyron.

Tom klappte die Kinnlade nach unten. Für den Rest der Fahrt konnte er sich nur wundern, während Veyron in aller Seelenruhe ihren Flug buchte.

4. Kapitel: Der Flug der Supersonic

Alec McCray konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen, als er den Worten seines neuen Geschäftspartners lauschte. Dies schien der bedeutendste Tag in der Geschichte des Roten Sommers zu werden. Heute würde der Rote Sommer etwas tun, das ihm erstmalig Augen- und Ohrenmerk der ganzen Welt einbrächte.

Alec war nicht übermäßig groß, aber durchtrainiert, muskulös, in seiner ganzen Erscheinung ein Frauenheld. Obwohl ihn niemand dazu ernannt hatte, wurde er von allen als der Anführer des Roten Sommers angesehen (dabei war er noch nicht einmal eines der Gründungsmitglieder). Nun saß er mit abgetragener Jeans und Lederjacke Charles Fellows gegenüber und hörte sich an, was der aalglatte Geschäftsmann zu sagen hatte.

Roter Sommer wurde erst in jüngerer Zeit von den internationalen Behörden als Terrororganisation eingestuft. Dabei fing einst alles relativ harmlos an. Aus Protest gegen die Ausbeutung ihrer Völker hatten sich ein paar Studenten rund um den Globus zu einer Widerstandsorganisation vereint. Sie wollten den Großkapitalisten eine Lektion erteilen und steckten die Luxuskarossen einiger superreicher Bonzen in Brand – allesamt skrupellose Gangster mit Schlips und Aktenkoffer. Sie waren es, die Zehntausende Studenten überall auf der Welt als Praktikanten anheuerten, ihr Wissen und Können ausbeuteten und dafür kaum Geld bezahlten – falls überhaupt etwas. Am Ende standen Zehntausende junger Leute ohne Job auf der Straße. Raffgierige, skrupellose Manager waren für die Verarmung der Jugend auf der Welt verantwortlich. Diese Kreaturen (Alec wollte sie gar nicht als Menschen bezeichnen) zerstörten die Gesellschaft und häuften nebenbei Reichtümer an. Diesen Verbrechern, die mit ihrer grenzenlosen Gier so immens viel Unheil auf der Welt anrichteten, die mit ihrem Geld Politik und Justiz kontrollierten, sagte der Rote Sommer den Kampf an.

Die Antwort der Geschäftemacher hatte jedoch nicht lange auf sich warten lassen. Demonstrationen wurden – je nach Nation unterschiedlich – entweder mit Wasserwerfern, Knüppeln oder mit Schusswaffen aufgelöst. Es gab sogar Mordanschläge gegen vereinzelte Aktivisten, auch Mitglieder vom Roten Sommer befanden sich unter den Opfern. Also beschloss die Organisation, sich zu wehren. Eine kleine Gruppe, der loyalste Kern, beschaffte sich Waffen und schlug zurück.

Drei Manager in Südamerika, zwei in Afrika und einer in Osteuropa unterhielten sich seitdem mit den Würmern. Alec hatte diesen Weg von Anfang an vorgeschlagen: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Wenn sich der Staat nicht imstande sah, seine Bürger vor der Willkür der Kapitalisten zu beschützen, dann musste dies eben der Rote Sommer tun.

Es war jedoch ein Grundsatz der Organisation, dass der Rote Sommer niemals ohne vorherige Provokation zuschlug. Kam es zu einem Übergriff gegen Mitglieder, gegen Unterstützer oder Gleichgesinnte, wurde zurückgeschlagen, und zwar gnadenlos. Vergeltungsaktionen nannten sie so etwas innerhalb der Organisation. Manchmal ging das auch nicht ohne Kollateralschäden ab. Es war ja eine Art von Krieg, da gab es eben Opfer.

Alec bereute keine ihrer Taten. Diesen Kapital-Banditen, welche die ganze Welt für sich beanspruchten, war aus seiner Sicht eben nur mit tödlicher Gewalt beizukommen. Man musste sie angreifen und bloßstellen, bis die Wut des Volkes überkochte und alles Vertrauen in die Staatsmacht und ihre Strippenzieher verloren ging.

»Einen solch medienwirksamen Zwischenfall hat es seit dreißig Jahren nicht mehr gegeben«, rissen ihn Fellows Worte aus den Gedanken. »Ihre Leute sind für diese Sache hervorragend ausgebildet. Training in einem Terrorcamp, Planung und Durchführung von Attentaten, Nahkampf gegen Sicherheitskräfte. Das ist die beste Vorbereitung, die man heute bekommen kann. Sie besitzen das Wissen, die Mittel und die notwendige Skrupellosigkeit für eine solche Aktion. Mein Auftraggeber verfügt über das notwendige Kapital, um alles zu realisieren.«

Charles Fellows war der Typ Mensch, mit dem sich Alec unter anderen Umständen niemals eingelassen hätte: schmierig, skrupellos, aber nicht willens, sich dafür die Hände schmutzig zu machen. Dazu kam seine schlanke Statur, die schmalen Schultern, ein ausdrucksloses Gesicht, ein fliehendes Kinn, eine kleine Nase, die Haare geölt, der schwarze Anzug maßgeschneidert, sicherlich mehrere tausend Dollar teuer.

Alec zündete sich eine Zigarette an. Er saß zusammen mit seinen beiden Stellvertretern in einer riesigen, schwarzen Limousine auf dem Parkplatz des Kennedy Airports. Es regnete noch immer, wenngleich nicht mehr so stark wie noch heute Morgen.

»Und was hilft uns das, wenn wir alle dabei draufgehen?«, fragte Alecs rechte Hand, Tamara. Sie war noch keine dreißig, aber schon seit zehn Jahren Mitglied des Roten Sommers. Damit gehörte sie bereits zu den Veteranen. Sie hatte ein hübsches Gesicht mit dunkelbraunen Augen, umrahmt von schwarzem Haar, das sie im Nacken zusammengeknotet hatte. Ihre Figur war die einer Kriegerin, gestählt vom Tragen schwerer Waffen und den pausenlosen Nahkampftrainings – und doch ausgesprochen kurvenreich. Zumindest Fellows war sie alle paar Sekunden einen Blick wert.

Tamara war der Stolz des Roten Sommers, schneller und stärker als die meisten Kämpfer, die Alec in seinem Leben bisher kennengelernt hatte. Als ausgebildete Scharfschützin war sie eiskalt, ohne Mitleid. Tamara hatte noch nie ein Ziel verfehlt. Alec bewunderte sie für die Fähigkeit, in brenzligen Situationen stets einen kühlen Kopf zu bewahren. Er würde nie vergessen, wie sie diesem einen Bullen in Chile, ohne mit der Wimper zu zucken, ins Gesicht geschossen hatte. Er selbst neigte dagegen eher zum Ungestüm. In den Schießtrainings verbrauchte er stets mehr Munition als alle anderen Kämpfer des Roten Sommers. Alec liebte die Aufregung und den Kampf.

»Dieses Risiko bestand schon immer, Tamara. Zum Beispiel bei dem Überfall auf dieses chilenische Polizeirevier vor zwei Jahren«, erwiderte Fellows kalt.

Alec grunzte zustimmend. Er mochte Fellows nicht, er mochte niemanden mit einem Maßanzug. Aber der Mann war ein Analytiker und seine Aussagen zutreffend. Er hatte auch recht, wenn er sagte, dass Roter Sommer sein Geld brauchte. Keine Widerstandsgruppe überlebte lange ohne finanziellen Rückhalt. Hinter Roter Sommer standen keine milliardenschweren Fanatiker mit religiösen Motiven oder mächtige Staaten, sondern nur eine Gruppe meist mittelloser Studenten aus aller Herren Länder. Verglichen mit anderen Terrororganisationen war der Rote Sommer ein regelrechter Witz. Alec zählte keine dreihundert Kämpfer in ihren Reihen, nicht einmal fünfzig, sondern nur lächerliche fünfzehn; ihn selbst inbegriffen. Zehn nahmen an der geplanten Aktion teil, die übrigen fünf Mitglieder der Vereinigung kümmerten sich um die Verbindung zu anderen gleich gesinnten Studentengruppierungen. Sie gingen auf Werbetour oder überwachten die Aktivitäten im Internet. Es war ein Kampf von fünfzehn gegen den Rest der Welt.

»Tamara hat recht. Ein Polizeirevier anzugreifen, ist weit weniger riskant, als ein Flugzeug zu entführen. Bei einem Überfall gibt es immer einen Fluchtweg, aber ein Flugzeug ist eine Mausefalle«, mischte sich Alecs zweiter Mann, Said, in die Diskussion ein. Der gebürtige Ägypter war ein ehemaliger Söldner und besaß mehr Kampferfahrung als alle Mitglieder des Roten Sommers zusammen. Er war groß und von schlanker Gestalt, seine Muskeln trainiert und hart wie Eisen – ebenso wie sein Wesen. Eine lange, dunkelrote Narbe durchlief sein Gesicht von oben nach unten und schien den Kopf zu spalten. Wo und wie er sich diese Narbe einst zugezogen hatte, verriet er nicht.

»Genau da kommt der Einfluss meines Auftraggebers ins Spiel«, sagte Fellows. »Sie werden die Maschine um diese Uhrzeit übernehmen und exakt um diese Uhrzeit 37 Grad in Richtung Südosten drehen lassen. Der Treibstoff der Maschine sollte bis nach Ostafrika genügen. Dort werden Sie in Somalia landen und die Maschine bei Nacht verlassen. Das Bodenpersonal des Flughafens ist bestochen, Fluchtfahrzeuge stehen bereit. Die Sicherheitsbehörden des Flughafens sind ebenfalls auf der Gehaltsliste meines Auftraggebers. Ihr Entkommen ist damit gesichert.«

Fellows reichte den drei Terroristen sein Pad, auf dessen Bildschirm sie den ganzen Plan sehen konnten. Alec schaute gar nicht so genau hin, ihn interessierten die Hintergründe eines Plans nicht. Ehrlich gesagt war es ihm egal, ob sie entkamen oder nicht. Er hoffte sogar, dass es zu einer wilden Schießerei mit den Sicherheitskräften käme. Opfer nahm er bereitwillig in Kauf, notfalls auch das seines eigenen Lebens. Bei dieser Sache ging es für ihn allein um das Prestige. Diese Aktion bedeutete die Aufmerksamkeit der ganzen Welt, Alec und all seine Mitstreiter würden in die Annalen der Geschichte eingehen. Sie würden Vorbilder für neue Generationen von Kämpfern. Man würde sie als Helden verehren.

»Wir sind dabei«, entschied er, ohne die anderen lange um Rat zu fragen.

Said reichte Fellows das Pad zurück. »Sie sind sicher, dass Sie unsere Waffen an den Sicherheitskontrollen vorbeischleusen können?«, wollte er wissen.

Fellows setzte ein diabolisches Grinsen auf. »Nicht nur das. Ich kann Ihnen sogar die genaue Position nennen, wo die Frachtcontainer mit den Waffen stehen werden und durch welche Bodenluke Sie hinunter in den Frachtraum kommen!« Er holte einen kleinen USB-Stick aus der Tasche. »Da drauf ist der ganze Plan. Alles ist akribisch von meinen Mitarbeitern ausgearbeitet worden. Das Einzige, worum Sie sich noch kümmern müssen, ist die Ausführung.«

Alec nahm den Stick entgegen und steckte ihn in seine Lederjacke. Er zog lange an seiner Zigarette. »Sie finanzieren Freiheitskämpfer, Fellows. Wieso tun Sie das«, fragte er den Geschäftsmann.

Fellows Grinsen wurde noch breiter. »Natürlich für Geld. Ich bedaure, aber ich besitze nicht Ihren Idealismus. Mein Auftraggeber zeigt großes Interesse an Ihnen. Er hat all seine finanziellen Mittel eingesetzt, um Ihren Erfolg zu garantieren«, erklärte er kalt.

Alec musterte ihn einen Moment prüfend und überlegte, ob er nun beleidigt sein sollte. Hielt der Mann sie etwa für eine Bande naiver Dummköpfe? Wahrscheinlich, schätzte Alec. Fellows war skrupellos, ein schmieriger Typ mit glatten Gesichtszügen, die keinen seiner Gedanken verrieten. Obwohl er drei der gefährlichsten Menschen der Welt gegenübersaß, zeigte er keinerlei Furcht.

»Ihr Auftraggeber, was ist das für ein Typ? Auf welcher Seite steht er?«, wollte Said wissen. »Ich vertraue keinem Geldbeutel.«

»Mein Auftraggeber steht ausschließlich auf seiner Seite. Fragen Sie mich nicht nach seinen Motiven, die kenne ich nicht. Ich würde es auch nicht wagen, ihn danach zu fragen. Seien Sie froh, dass Sie nur mit mir verhandeln, nicht mit ihm. Das ist das Einzige, was ich Ihnen verraten kann. Ehrlich gesagt kenne ich noch nicht einmal seinen richtigen Namen. Vielleicht ist das auch besser so. Er wird niemals mit Ihnen in Kontakt treten oder sich zu erkennen geben. Dennoch können Sie auf seine Unterstützung vertrauen, wenn Sie Ihre Sache wie verlangt ausführen«, erwiderte Fellows. Ein leichter Schauder zuckte über sein aalglattes Gesicht, während er über seinen Auftraggeber sprach.

»Klingt unheimlich«, meinte Said sarkastisch.

Fellows lächelte, ein herzloses, sardonisches Zähneblecken. »Oh ja, das ist er. Ich wünsche Ihnen noch einen guten Tag.«

Die Wagentüren wurden von zwei Mitarbeitern geöffnet. Fellows schloss die Augen. Alec erkannte, dass es nichts mehr zu sagen gab. Er stieg zuerst aus, danach Said und zum Schluss Tamara. Sie bedachte Fellows mit einem scharfen, misstrauischen Blick. Der Terror-Vermittler erwiderte ihn nicht, sondern wartete geduldig, ohne einen Muskel zu rühren. Schließlich stieg sie aus. Hinter ihr wurde die Tür zugeschlagen.

Draußen im Regen stülpte Tamara die Kapuze ihres grauen Pullovers über den Kopf und schloss zu Alec und Said auf. Ihre Bewegungen waren die einer Katze, schnell und geschmeidig, Alec dagegen stapfte ein wenig statisch durch den Regen. Er stand stets unter Anspannung, als wüsste sein Körper nicht recht, wohin mit all der antrainierten Kraft. Sie gingen durch die Reihen der geparkten Autos und näherten sich langsam dem großen Terminal.

»Mir gefällt das nicht«, brummte sie finster. »Dieser Fellows ist ein Aas. Was er da von seinem Auftraggeber erzählt, klingt schlimmer als jeder Bonze, mit dem wir es bisher zu tun hatten.«

»Bei fünfunddreißig Millionen Dollar pro Nase hört man auf, Fragen zu stellen«, gab Alec lapidar zurück.

Tamara schien das zu verärgern. »Was ist mit unserer Sache, Alec? Sind wir also nun ebenfalls käuflich? Kann uns jetzt jeder Wahnsinnige für jeden beliebigen Anschlag buchen?«

Alec wirbelte zu ihr herum, packte sie an den Schultern. »Du verstehst es einfach nicht! Geld bedeutet Macht und Einfluss! Genau das ist es, was wir brauchen, wenn wir irgendwann Erfolg haben wollen. Dieser andauernde Kampf gegen Windmühlen muss aufhören. Wir müssen endlich etwas bewirken«, fauchte er.

Tamara wand sich nicht aus dem harten Griff, sondern erwiderte seinen Blick kalt. »Also verraten wir jetzt doch noch unsere Ideale. Du hast aufgegeben«, meinte sie mit Abscheu in der Stimme.

Alec ließ sie los. »Ich habe nicht aufgegeben! Wir befinden uns im Krieg mit Leuten, die uns himmelhoch überlegen sind. Wenn wir ihnen auf Augenhöhe begegnen wollen, müssen wir uns einige ihrer Methoden aneignen. Sieh es einfach als ein notwendiges Übel«, erwiderte er und ging weiter.

Tamara folgte ihm verärgert. Das war nicht der erste Disput zwischen ihnen, und es würde auch nicht der letzte sein. Er verriet ihr besser nicht, dass er bereits eine Villa im Hochland Boliviens gekauft hatte, ebenso einen neuen Ferrari. Alec liebte schnelle Autos. Wenn diese kleine Ironie der Preis für den Kampf gegen den Kapitalismus sein sollte … nun, so war es ein verdammt angenehmer Preis.

»Ruf jetzt die anderen. Sorg dafür, dass jeder auf seinem Posten ist und seine Aufgaben kennt. Said, du gehst als Erster in den Terminal und sondierst die Lage. Sorg dafür, dass sich alle zerstreuen und erst beim Einchecken zusammenfinden. Wir dürfen keine Aufmerksamkeit erregen. Noch werden wir von der Polizei weitgehend ignoriert. Aber das wird sich ändern, sobald wir einmal an die Öffentlichkeit gegangen sind«, befahl Alec.

Said gab ein zustimmendes Brummen von sich. Als sie das übernächste geparkte Auto passiert hatten, bog er in eine andere Richtung ab. Alec drehte sich zu Tamara um, die immer noch hinter ihm hermarschierte, die Fäuste tief in die Hosentaschen gestopft. »Zieh dich um und mach dich hübsch. Wir haben unsere Rollen zu spielen, bis wir an Bord sind. Wir wollen das schnellste Flugzeug der Welt entführen, und das machen wir mit Stil.«

Er lachte laut und ging weiter.

Tamara war dagegen gar nicht zum Scherzen zumute. Sie plagte das ungute Gefühl, dass dieser Höhepunkt der Karriere des Roten Sommers zugleich sein Schwanengesang würde. Wir werden alle sterben, und keine Menschenseele wird es kümmern. Ganz im Gegenteil: Eine Menge Leute werden heilfroh sein, dachte sie mit einiger Verbitterung. Sie fand es seltsam, dass sie sich plötzlich derartige Gedanken machte. Zweifel waren seit jeher ihre Weggefährten, doch jetzt kam etwas Neues hinzu: Kummer und Bedauern. Aber sie empfand Alec gegenüber eine zu große Loyalität, um zu kneifen. Sie ging dorthin, wo er hinging, selbst wenn es den Tod bedeutete.

Tom Packard stand am Aussichtsfenster des Terminals und blickte hinaus auf das Rollfeld. Dort stand sie, die SCC-1001 Supersonic, das schnellste Flugzeug der Welt – und nach Toms Auffassung zugleich auch das schönste.

Der Rumpf glich einer neunzig Meter langen und vier Meter dicken Rakete. Die Maschine besaß einen riesigen Delta-Flügel, der knapp hinter dem Cockpit ansetzte und sich allmählich zum Heck hin mit einem Schwung verbreiterte. An der Unterseite des Flügels waren die vier Triebwerke eingebaut. Auf spezielle Weise angepasst, wirkten sie, wie organisch gewachsen. Die ganze Maschine war in Perlmuttweiß lackiert, nur der riesige Heckflügel in Dunkelblau, wo das goldene Emblem von Torben-Carrisson-Airways prangte.

Tom sah zu, wie das Personal die Tankschläuche abkoppelte. Kleine Zugfahrzeuge manövrierten das riesige Flugzeug an die Fluggastbrücke heran.

Ich kann mich nicht beklagen, dachte er. Ich habe zwei Leichen gesehen, bin in die USA gereist, habe Veyron Swift in Aktion erlebt und durfte zum Schluss noch mit dem schnellsten und schönsten Flugzeug der Welt fliegen. Das ist ein wirkliches Abenteuer; auch wenn ich mit meinem Paten immer noch nicht so richtig warm werde. Ich bin mir nicht sicher, ob er mich leiden kann, oder ob er überhaupt Gefühle besitzt.

Er ging zurück in den Wartebereich des Flugsteigs, wo die Passagiere saßen und darauf warteten, einsteigen zu dürfen. Es waren gerade einmal einhundert Personen, nicht besonders viel. Immerhin konnte die Supersonic laut Angaben 308 Passagiere transportieren. Dass der Wartebereich nicht von Menschen überquoll, schien alle zu überraschen, am allermeisten die TC-Airways-Mitarbeiter. Draußen in der Empfangshalle standen 200 Orchestermitglieder, die sich über die Stornierung ihrer Tickets wunderten. Ein tobender Simon Weller, der hartnäckig bestritt, die Tickets storniert und umgebucht zu haben, versuchte vergeblich, telefonisch zum Vorstandsvorsitzenden von TC-Airways durchzukommen. Noch ahnte niemand, was Veyron Swift vor ein paar Stunden angerichtet hatte.

Tom setzte sich zu seinem Patenonkel, der in aller Seelenruhe eine Zeitung las. »Nicht viel los«, bemerkte Tom spitz.

Über Veyrons dünne Lippen zuckte ein flüchtiges Lächeln. »Rechts von dir, zwei Reihen weiter vorn«, sagte er, ohne von der Zeitung aufzublicken.

Tom schaute in die entsprechende Richtung. Er fand sieben junge Männer, deren Alter er nicht genau einschätzen konnte. Alle lümmelten mehr oder weniger teilnahmslos in ihren Sitzen, die Gesichter leichenblass, die Augen trüb. Einem troff sogar deutlich sichtbar Speichel aus dem Mund. Sie trugen schlampige Kleidung, falsch geknöpfte Hemden, abgetragene Jacken und total unterschiedliche Socken und Schuhpaare, die nicht zusammenpassten. »Was sind das für Kerle? Vampire vielleicht?«

»Am helllichten Tag? Gebrauche deinen Verstand, Tom! Nein, die Kerle gehören zu einer Punkrockband mit dem drolligen Namen Fiz-Fish-Ass. Sie kamen vor fünf Minuten von der Toilette, wo sie sich mit irgendeinem Zeug vollgedröhnt haben müssen. Zuvor waren sie aufgekratzt und laut, jetzt sind sie wie ausgewechselt. Ich frage mich, wie sie die Drogen bis hierher schmuggeln konnten? Wo hatten sie die versteckt? Sie haben kein Handgepäck, und die Drogenhunde bei der Eingangskontrolle haben nicht angeschlagen. Sehr wahrscheinlich ist es ein vollkommen neuer Stoff«, schlussfolgerte Veyron.

Tom schmunzelte. »Ich dachte, Sie interessieren sich nicht für Kriminalistik?«

Veyron blätterte die Zeitung um. »Nein, aber für Drogen und ihre Auswirkungen auf den menschlichen Verstand. Arme Teufel, diese sieben. John Fizzler und Ira Fisher, die beiden Bandgründer, der eine Leadsänger, der andere Gitarrist. Beide noch keine dreißig, und schon mit eineinhalb Beinen im Grab. Furchtbare Musiker, die nur Misstöne hervorbringen. Zurzeit jedoch recht populär; weil sie anders sind als der ganze Industrie-Pop, der in den Radiostationen rauf und runter gespielt wird. Jetzt sieh nach hinten, die letzte Reihe ganz außen, weit weg von den anderen Passagieren.«

Tom drehte sich um und versuchte, ganz beiläufig zu gucken. Dort saßen eine junge Frau und ein junger Mann nebeneinander. Nun, nicht direkt. Ein kleiner Aktenkoffer stand zwischen ihnen. Der Mann arbeitete pausenlos auf einem kleinen Notebook, die Frau zog gerade ihren Lippenstift nach. Sie war eine Schönheit, langes blondes Haar und ein Körper, dessen Anblick Verzückung auslöste. Tom starrte sie an, er konnte gar nicht anders. Sie entdeckte ihn, erwiderte seinen Blick mit einem kurzen, geschäftlichen Lächeln. Verlegen wandte sich Tom in eine andere Richtung. »Wer ist sie? Sie könnte ein Model sein, so wie sie aussieht«, flüsterte er ehrfurchtsvoll.

Veyron schmunzelte. »Unwahrscheinlich. Sieh dir ihre Kleidung an: strenge Linien, teurer Stoff, und ständig der Blick auf die Uhr. Sie ist ungeduldig, muss wahrscheinlich Termine wahrnehmen. Schau, wie fest sie ihr Telefon in der Hand hält, ein sehr teures Modell aus echtem Silber. Pass auf! Da, schon wieder! Ein neues SMS-Signal. Sie erhält laufend Nachrichten, sicherlich nicht von einem Verehrer oder einer Freundin, dafür interessieren sie die Nachrichten viel zu wenig. Neben ihr sitzt ihr Assistent, der Mann mit der Brille und dem krummen Rücken. Er arbeitet am Notebook, sie gibt ihm Anweisungen. Sie ist Geschäftsfrau, Bankerin sehr wahrscheinlich. Sie fliegt ansonsten mit dem Privatjet. Darum fühlt sie sich hier unwohl, das siehst du an der Art, wie sie sich umsieht und wie nervös sie auf ihrem Platz hin- und herrutscht. Noch etwas ist interessant an ihr, was auch für uns von Bedeutung ist. Fällt es dir auf?«

»Sie sieht aus wie ein Engel, hat sehr lange Beine, bezaubernde Augen und …«

»Sehr gut, zumindest erkennst du schon mal das Offensichtliche. Jetzt pass auf. Sie sieht ständig auf die andere Seite des Raumes. Wenn sie jedoch dorthin schaut, tut sie dies nicht besonders freundlich.«

Tom blickte in jene Richtung, in die Veyron unauffällig mit der linken Zeitungsseite wedelte. Dort entdeckte er einen japanischen Geschäftsmann, der still dasaß und gelangweilt in einem Magazin blätterte.

»Nagamoto«, raunte Tom, als er ihn erkannte.

»Ganz genau. Zwischen Nagamoto und ihr besteht eine Verbindung. Es passt ihr gar nicht, ihn hier wiederzusehen. Ich würde wetten, sie ist eine Vertreterin von Borgin & Bronx, diesem berüchtigten Hedge Fonds. Während du dich mit sinnfreien und nutzlosen Videospielen beschäftigt hast, habe ich unsere Atlantiküberquerung zur Wissensmehrung genutzt. Ich weiß jetzt so ziemlich alles über Nagamoto und Borgin & Bronx.«

Tom ließ diese neuerliche, vor Arroganz triefende Besserwisserei unkommentiert. Verärgert schaute er sich die anderen Passagiere an. »Glauben Sie, Flammenschwert-Joe ist auch hier?«

Veyron schlug die Seite seiner Zeitung um, dann gleich noch einmal und schließlich wieder zurück. Er blieb ihm die Antwort schuldig. Eine Durchsage, dass das Boarding für Flug TC-327 begann, ließ ihn nicht mehr zu Wort kommen. Die Leute standen auf, nahmen ihr Gepäck und reihten sich auf. Lediglich die sieben Punkrocker blieben zitternd auf ihren Plätzen sitzen, entweder, weil sie den Ruf nicht gehört hatten, oder weil ihre Körper nicht so wollten.

»Auf geht’s, Leute. Zeit zum Boarding«, rief Veyron, als er an ihnen vorbeikam.

Zögerlich setzte sich zumindest einer von ihnen, John Fizzler, in Bewegung. Wacklig erhob er sich und schleppte seine dünne, ausgemergelte Gestalt hinüber zur Warteschlange. »Danke, Mann. Geht uns gerade echt beschissen, weißt du«, keuchte er.

Veyron nickte lächelnd und reihte sich vier Leute vor Fizzler ein – so lange brauchte dieser, um die Warteschlange überhaupt zu erreichen. Fizzlers Kumpel folgten schließlich einer nach dem anderen. Veyron beobachtete sie genau, fand es offenbar faszinierend, wie sie ihre müden, kranken Körper durch die Halle schleiften, die einen torkelnd, die anderen wie in Zeitlupe.

»Ich muss meine Analyse korrigieren. Ein paar neue Informationen sind dazugekommen«, raunte er Tom zu.

Der beobachtete die Rocker gar nicht, sondern versuchte, die schöne Bankerin zu erspähen, die irgendwo ganz weit vorne stand.

»Zu ihrer Drogensucht und ihrem erbärmlichen Zustand kommt noch etwas hinzu: Angst, entsetzliche Angst. Auf der Toilette muss etwas geschehen sein, das sie in Todesangst versetzt hat. Vielleicht ist es auch eine Nebenwirkung der Drogen, möglicherweise eine Art Psychopharmakon«, fuhr Veyron fort.

Jetzt schenkte Tom den Rockern doch noch einen weiteren Blick – ungern, denn er wollte viel lieber die schöne Geschäftsfrau anschauen.

»Wer könnte die Macht besitzen, solches Zeug an den Drogenhunden vorbeizuschmuggeln und es diesen Leuten auf der Toilette zuzuspielen? Wenn ich raten dürfte, würde ich auf Flammenschwert-Joe tippen. Ich frage mich nur, was er damit bezwecken will. Was mag wohl sein Plan sein? Bestimmt nichts Gutes«, murmelte Veyron vor sich hin.

Jetzt war Tom aufgeregt. Dieser schreckliche Übeltäter war also hier, mitten unter ihnen? Vielleicht war er sogar einer der Passagiere, ein Dämon, getarnt in der Gestalt eines harmlosen Menschen. Tom musterte jeden Mann und jede Frau in der Warteschlange mit verstohlenen Blicken.

»Natürlich ist es reine Spekulation, beruhend auf einer vagen Vermutung, die wiederum der Annahme entspringt, dass unser dunkler Freund alles versuchen wird, um Nagamoto aufzuhalten und sich das Juwel des Feuers zu schnappen. Ich fürchte, mein Gehirn will sich wieder mal Arbeit sparen, am besten, du vergisst diese Theorie gleich wieder«, fuhr Veyron mit schnellen Worten fort.

Tom konnte es jedoch nicht wieder vergessen. Egal, was Veyron darüber dachte, für Tom machte das alles Sinn, und er wusste auch schon, wie Flammenschwert-Joe zuzuschlagen gedachte: Es würden die Rocker sein. Sie würden Nagamoto töten, und es sähe so aus, als wären die Drogen daran schuld.

Das Boarding verlief reibungslos. Die TC-Mitarbeiterinnen freuten sich, dass sie diesmal nicht so viele Passagiere abfertigen mussten wie sonst. Draußen im Empfangsbereich tobte Simon Weller noch immer, während sein Manager die Angelegenheit mit den Servicemitarbeitern von Torben-Carrisson-Airways regelte. Er akzeptierte die umgebuchten Plätze, wollte aber die Polizei einschalten, um diesen Hochstapler aufzuspüren, der ihnen den ganzen Ärger eingebrockt hatte. Niemand wusste natürlich, dass dieser gerade ins schnellste Flugzeug der Welt stieg und sich heimlich ins Fäustchen lachte. Tom dagegen rechnete nach wie vor damit, dass sie jeden Moment verhaftet wurden. Er ließ sich trotz Veyrons Versicherungen in dieser Meinung nicht umstimmen.

Die Supersonic war mit rund vier Metern Durchmesser recht schmal. Sie besaß darum in der Businessclass nur vier Sitze pro Reihe, getrennt von einem Mittelgang. Dafür waren die mit hellem Leder überzogenen Sitze größer und bequemer als in den meisten anderen Flugzeugen. Die Reisekabine war in warmen, gemütlichen Farben gehalten. Den Bereich zur First Class trennte eine große Glastür mit dunkelvioletten Vorhängen ab, welche die Luxusklasse vor neugierigen Blicken schützte. Tom konnte dem Faltplan der Maschine entnehmen, dass die First Class sogar nur aus vierzig Plätzen bestand. Eine weitere Glastür und die Fluggasttoiletten unterteilten die Businessclass nach etwa dreissig Sitzreihen in einen zweiten Bereich. Tom stellte fest, dass die Maschine nicht einmal bis zur Hälfte besetzt war. Gerade mal sechzig Passagiere verteilten sich hauptsächlich auf den vorderen Bereich der Businessclass. Jetzt erst wurden ihm die Auswirkungen von Veyrons Trick wirklich bewusst. Sie flogen vollkommen unterbesetzt!

Die Passagiere der First Class bestiegen das Flugzeug durch eine andere Fluggastbrücke. Hier verloren sie Nagamoto und auch die attraktive Bankerin aus den Augen. Tom fluchte leise, aber Veyron griff an seine Schulter und schüttelte den Kopf.

»Es ist alles genau so geplant, Tom. Natürlich wusste ich, dass Nagamoto First Class buchen würde. Ich habe jedoch nicht vor, mich ihm während des Fluges zu erkennen zu geben. Unser Freund Joe wird das sicher auch nicht tun. Wir verhalten uns still und beobachten. Vielleicht können wir FJ identifizieren, ehe wir in London landen«, erklärte er Tom, nachdem sie ihre Plätze auf der linken Flugzeugseite eingenommen hatten.

Tom saß am Fenster (darauf hatte er bestanden) und Veyron auf der Gangseite. Auf der anderen Seite des schmalen Ganges, setzte sich ein junger Mann, jünger als Veyron, und er schien sogar nur wenig älter als Tom. Kaum hatte er sich Platz genommen, zog er einen Tablet-PC aus seiner Tasche und tippte darauf herum. Tom sah sich den jungen Mann genauer an. Er schien südländischer Herkunft zu sein: Die Haut war sonnengebräunt, das Haar schwarz.

Plötzlich sah der junge Mann auf und zu Tom und Veyron hinüber, ein begeistertes Lächeln auf dem Gesicht. »Ist das nicht fantastisch? Wir fliegen mit der Supersonic! Bin mal gespannt, was meine Leser davon halten, wenn ich das blogge!«, rief er aufgekratzt.

»Was ist es denn für ein Blog?«, fragte Tom.

Der junge Mann zeigte ihm ganz stolz das Tablet. »LIMAstrike, ein politischer Blog, hauptsächlich für Studenten. Ich habe ihn ins Netz gestellt. Dimitri Illianovos, das bin ich«, erklärte er und reichte Tom die Hand. Blitzschnell zog er sie wieder zurück. »Entschuldige, aber ich muss meine Eindrücke aufschreiben. Das ist ja alles so aufregend«, sagte er und tippte wieder auf dem Tablet herum.

Vielleicht sollte ich auch einen Blog aufmachen und über meine Abenteuer mit Veyron schreiben, dachte Tom. Dann nahm etwas anderes seinen Blick gefangen, und er konnte nur noch in diese Richtung starren. Eine junge Frau eilte zu ihrem Sitzplatz. Eine echte Schönheit, wie Tom fand. Das pechschwarze Haar hatte sie im Nacken zusammengeknotet. Sie blieb kurz neben Tom stehen und winkte jemandem weiter hinten, ehe sie nach vorn in Richtung First Class eilte. Ihre Bewegungen waren die einer Katze, geschmeidig und anmutig. Mist, dachte er, ich bin erst vierzehn. Ich wünschte, ich wäre schon zwanzig, oder so.

Ihre Schönheit schien selbst Illianovos aufgefallen zu sein, zumindest schenkte er ihr einen flüchtigen Blick, grinste frech und starrte wieder auf sein Tablet.

Plötzlich zwickte Veyron Tom in den Oberschenkel. Das war das vereinbarte Zeichen für Gefahr im Verzug. Das Zwicken hatten sie schon auf dem Hinflug ausgemacht, falls einer von ihnen etwas Ungewöhnliches bemerken sollte.

»Autsch! Was ist jetzt?«, blaffte Tom überrascht. Er hatte gerade einen wunderschönen Traum ersonnen, der sich irgendwie um die Schwarzhaarige drehte, als Veyron ihn so grob in die Wirklichkeit zurückholte.

»Die Augen offen halten, Tom«, raunte sein Pate halblaut; eine gewisse Strenge schwang in seinen Worten mit.

»Mach ich ja«, murrte Tom.

Veyron war anderer Meinung. »Du lässt dich zu leicht von der Umgebung ablenken. Sie ist viel zu alt für dich, etwa um die dreißig, würde ich sagen. Sie wird sich garantiert nicht für einen pubertierenden Vierzehnjährigen begeistern.«

»Pah! Was verstehen Sie schon von Frauen? Vielleicht steht sie auf jüngere Männer.«

»Dazu musst du zuerst einmal ein Mann werden.«

Tom verschlug es für einen Moment die Sprache. Das war heute schon das zweite Mal, dass er einer fantastisch aussehenden Frau begegnete. Wie oft kam so viel Glück über einen? Veyron hatte dagegen nichts als Spott für ihn übrig. »Jane hat recht! Sie sind echt fies! Sind Sie eigentlich immer so? Ich weiß gar nicht, was Sie gegen mich haben.«

»Die Wahrheit ist selten nett. Jetzt halte die Augen offen.«

Tom wandte sich beleidigt ab. Auf einmal fand er dieses Abenteuer gar nicht mehr so aufregend. Er hatte nicht einmal eine Ahnung, was für eine Gefahr Veyron überhaupt entdeckt zu haben glaubte. Tom sah viel lieber in die Richtung, in der »Objekt Nr. 1« (so wollte er sie vorerst nennen) verschwunden war. Er fand sie in der vordersten Reihe, gleich vor den verhängten Glastüren der First Class. Sie sah sich kurz um, bevor sie sich setzte, ein suchender Blick, der Tom irgendwie verunsichert vorkam.

»Was sie wohl macht? Sie ist hübsch«, meinte er leise und eigentlich mehr zu sich selbst.

Veyron fühlte sich dennoch genötigt zu antworten. Leider, wie Tom fand. »Sie ist es gewohnt, Waffen zu tragen und abzufeuern. Zudem ist sie sehr versiert in Kampfsportarten und überhaupt körperlich sehr ausdauernd. Ich würde darauf tippen, dass sie Soldatin oder Elite-Polizistin ist. Vielleicht ist sie sogar Sky-Marshall oder Bodyguard, möglicherweise Söldnerin. Oder etwas Schlimmeres.«

Tom ballte die Fäuste. Er fragte sich langsam, ob Veyron aus Spaß ständig anderer Meinung war. Besaß sein Pate wirklich einen dermaßen großen Drang, andere ständig zu verbessern und ihnen seine Meinung aufzuzwingen? »Woher wollen Sie das wissen«, fragte er zornig.

Veyron seufzte enttäuscht. »Die Informationen lassen keinen anderen Schluss zu«, sagte er halblaut. »Da ist einmal die Art ihres Ganges. Er ist schnell und kraftvoll, präzise und diszipliniert gleichmäßig. Das deutet auf eine militärische oder paramilitärische Ausbildung hin. Zweitens: ihre Fingernägel; kurz und abgerundet, nicht geschnitten, nicht lackiert. Sie verrichtet mit den Händen praktische Arbeit und hält ihre Nägel deshalb kurz. Außerdem hat sie Schwielen auf den Handinnenflächen. Ich habe es gesehen, als sie vorhin jemandem gewinkt hat. Diese besondere Art Schwielen stammt vom häufigen Heben und Tragen schwerer, Gegenstände, Waffen und Munitionskoffer. Drittens: ihr Körperbau. Schlank, aber durchtrainiert. Ihre Schultern breit, die Oberarme stark, ebenso die Beine, die Statur muskulös, was alles auf sehr viel ausdauernden Sport und Krafttraining hindeutet. Jede Bewegung kontrolliert und geschmeidig, eindeutig das Ergebnis perfekter Körperbeherrschung, wie für Kampfsportmeister üblich. Viertens: ihr Blick. Schnell und fokussiert. Er hat das ganze Flugzeug binnen eines Augenblicks abgetastet und potenzielle Ziele von Nicht-Zielen unterschieden. Ich habe diesen Blick schon bei Scharfschützen der Polizei und beim Militär beobachtet. Du kannst mir vertrauen, sie ist eine Kriegerin.«

Tom bedachte Veyron mit einem beleidigten Blick. »Ich finde, sie ist trotzdem sehr hübsch.«

»Das ist irrelevant. Sieh hin«, hielt Veyron dagegen.

Als wollte das Schicksal ihm auch noch recht geben, tauchte in diesem Moment ein Mann neben Toms Objekt Nr. 1 auf und setzte sich zu ihr. Er war groß und muskulös und besaß etwas Wildes und Animalisches. Ein Kerl, mit dem man sich besser nicht anlegte – und gegen den Tom keinesfalls in Konkurrenz treten konnte. Er seufzte frustriert und ließ sich gegen die Lehne plumpsen. »Sie hat einen Freund. Na klar, Sie wussten das natürlich bereits die ganze Zeit«, warf er Veyron vor.

Doch sein Pate hörte ihm gar nicht zu, oder er ignorierte ihn einfach. Er hatte sich zurückgelehnt, die Fingerspitzen aneinandergelegt und war wieder schweigend in seine unergründliche Halbwelt aus Theorien, Fakten, Informationen und Analysen versunken, an der er keinen anderen Menschen teilhaben ließ.

Die Supersonic wurde von den Schleppfahrzeugen auf die Rollbahn gezogen. Die beiden Piloten starteten die vier riesigen Triebwerke, der Tower erteilte Startfreigabe. Mit einer ungeheuren Kraft schoss das raketenhafte Flugzeug vorwärts, raste über die Startbahn und erhob sich in die Luft. Immer schneller stieg die Maschine in den dunklen, gewittrigen Himmel auf. Der Regen peitschte gegen ihren weißen Rumpf und schüttelte ihn durch. Aber die Supersonic war für solches Wetter gebaut, nichts konnte sie aufhalten oder ihren Start erschweren. Die Kraft der gewaltigen Triebwerke schob sie immer höher, hinein in die Wolken und schließlich darüber hinweg, zurück in die Helligkeit. Endlich wurde der Flug ruhiger. Die Supersonic schwenkte auf ihren Kurs: Europa, die untergehende Sonne im Rücken, welche die Wolken in rötliche Farben tauchte und die Hülle der Supersonic scheinbar glühen ließ. Die Piloten beschleunigten noch weiter, und nach wenigen Augenblicken durchbrach die Supersonic die Schallmauer. Sie ließ den amerikanischen Kontinent weit hinter sich. Unter ihr waren jetzt nur noch die Wolken und die blauen Weiten des Atlantiks.

In der First Class entspannte sich Jessica Reed im riesigen Schalensessel. Es war kein Fehler gewesen, nicht mit dem Privatjet zu fliegen, das musste sie jetzt zugeben. Innerlich lobte sie Harry Wittersdraught für diese Entscheidung. Diese Sessel, die sich zudem elektrisch in eine Art Schalenpanzer zurückziehen konnten, waren weitaus bequemer als jene ihres eigenen Flugzeugs. Sie musste wohl ein paar Neuinvestitionen tätigen, wenn sie zurückkehrte. Zudem war es schon sehr beeindruckend, wenn sie auf dem kleinen LED-Bildschirm an der Rückenlehne des Vorsitzes MACH 1,8 lesen konnte. Sie liebte hohe Geschwindigkeiten. Derzeit gab es nichts Schnelleres am Himmel als die Supersonic – von Jagdflugzeugen einmal abgesehen. Vielleicht sollte sie sich eine ausrangierte Jagdmaschine kaufen, wenn sie aus Europa zurückkehrte.

Ihre Gedankenspiele wurden jäh von einem Schatten unterbrochen, der in ihr Gesichtsfeld trat. Es war die hagere, ausgemergelte Gestalt eines dieser zugekifften Punkrocker, die ebenfalls in der First Class saßen und das Einzige an diesem Flug darstellten, das extrem störte. Bisher waren die Burschen still und friedlich gewesen, aber nun pöbelten sie plötzlich lautstark herum.

»Hey, falls dir grade langweilig ist: Wir feiern da hinten eine kleine Privatparty, und Fisher meint, du wärst herzlichst eingeladen«, lallte der Rocker, Fizzler, wenn sie sich recht erinnerte. Sein rundes, leichenblasses Babygesicht mit den glasigen, grauen Augen und seine fettigen schwarzen Haare riefen sofort Ekelgefühle in ihr hervor.

»Muss ich dir erst dahin treten, wo’s wehtut, oder ziehst du von allein Leine?«, fragte sie in lapidarem Tonfall, ohne ihn richtig anzusehen.

Fizzler begann zu lachen. Zumindest hielt sie das spastische Keuchen, das er von sich gab, dafür. Er wandte sich seinen Kameraden zu, die alle um einen der großen Sitze herum auf dem Boden hockten. »Hey, Fisher! Die da ist großartig! Wow! Hey, weißt du was, Süße? Mit dir mach ich’s sofort«, lachte er.

Jessica hob ihre Augenbrauen, überlegte, ob sie ihm sofort eine scheuern oder doch lieber Pfefferspray benutzen sollte. Dieser Fizzler war ganz und gar abstoßend, überhaupt nicht ihr Typ, selbst wenn er der letzte Mann der Erde gewesen wäre. Zwei Flugbegleiterinnen kamen herein und baten die Punks, sich wieder zu setzen, doch die antworteten nur mit wüsten Beschimpfungen. Die armen Frauen drohten verzweifelt mit dem Captain und mit Flugverbot, doch die Punks lachten sie nur aus.

Sie drehte sich zu Harry Wittersdraught um. Der saß still in seinem Sessel und rührte keinen Muskel. Ein Grund mehr, ihn zu feuern, dachte Jessica wütend.

»Ihr setzt euch hin, und zwar sofort«, donnerte da eine tiefe, männliche Stimme durch die Kabine.

Das hustende Lachen Fizzlers erstarb ebenso wie das Grölen seiner bekifften Kumpels. Nagamoto Tatsuya stand mitten im Raum. Seine Blicke schienen Blitze zu verschießen. Fizzler wandte sich ihm zu, wollte etwas sagen, doch Nagamoto hob die Hand und brachte ihn augenblicklich zum Schweigen. »Hinsetzen!«, befahl er.

Auf einmal ging eine Veränderung in Fizzler vor. Er begann zu zittern wie Espenlaub, und seine Stimme nahm einen weinerlichen Tonfall an. »Klar, sofort, sofort. War nicht so gemeint. Wir wollten doch nur ein bisschen Spaß haben«, entschuldigte er sich und hastete zurück zu seinem Sessel. Auch die anderen Mitglieder von Fiz-Fish-Ass setzen sich, brav wie Schuljungen. Jessica war echt beeindruckt. Nagamoto kam zu ihr.

»Ist mit Ihnen alles in Ordnung?«, fragte er, die Stimme jetzt ruhig und freundlich.

»Danke, alles bestens. Fizzler war keine Bedrohung für mich«, erwiderte sie.

Nagamoto sah sie aus ernsten Augen eindringlich an. Er nickte nur. »Das heute Morgen war nichts Persönliches, Miss Reed. Ich vertrete nur die Interessen meiner Firma, so wie Sie zweifellos die Interessen Ihres Unternehmens«, sagte er.

Jessica lächelte, jedoch nicht aus Freundlichkeit, sondern aus einem plötzlichen Triumphgefühl heraus. Sie hatte seinen Schwachpunkt gefunden! Nagamoto, dieser edle Samurai in Hemd und Krawatte, besaß einen Beschützerinstinkt. Das war seine Schwäche, das war es, wie Jessica ihn umgänglicher machen konnte. Sie musste die Hilflos-Karte ausspielen. Nagamoto würde sich innerlich dazu verpflichtet fühlen, sie vor Schaden zu bewahren. Es war ein Zwang, er würde nicht anders können. Vielleicht konnte sie es sogar noch während des Fluges schaffen, ihn rumzukriegen.

»Ja, das tun doch alle, nicht wahr? Eigentlich verstehe ich Sie sehr gut, und vermutlich würde ich an Ihrer Stelle genauso handeln. Aber was soll ich tun? Ich wünschte, es wäre alles anders«, säuselte sie im allerfreundschaftlichsten Ton, den sie in ihrem Repertoire hatte. Sie konnte förmlich zusehen, wie Nagamotos harte Schale aufknackte.

Doch plötzlich verschloss sich sein Gesicht, das bisher freundlich gelächelt hatte, wieder. »Bleiben Sie ehrlich, das steht Ihnen besser«, brummte er und kehrte zu seinem Sessel zurück.

Jessica schloss verärgert die Augen. Konnte dieser Mann Gedanken lesen? Hatte sie irgendeinen Fehler gemacht? War sie vielleicht zu schnell vorgegangen? Sie lehnte sich aus dem Sitz und blickte zu Harry, der direkt hinter ihr saß. Ihr Assistent schob gerade seine Brille wieder auf die Nase und machte eine Geste mit seinen Händen. Immer mit der Ruhe, signalisierte er.

Sie lehnte sich wieder in den Sessel zurück. Sie war zu schnell gewesen, zu drängend, jetzt war sie sich sicher. Harry mochte zwar in fast allen Dingen ein Schlappschwanz sein, aber er besaß ein unheimliches Gespür für Menschen, darauf konnte sie sich verlassen. Also ruhiger, weniger geschäftstüchtig erscheinen. Sie würde ein paar Minuten vergehen lassen, anschließend zu Nagamoto gehen, sich entschuldigen, ihm für sein Eingreifen danken und abwarten, wie er darauf reagierte. Sie würde ihn knacken, noch bevor sie in Heathrow landeten.

»Das ist voll langweilig, man spürt ja gar nichts«, maulte Tom beim Blick auf die Geschwindigkeitsanzeige, die auf allen Monitoren leuchtete. Mach 1,8. Schneller als der Schall, und doch gab es keinerlei merkbaren Unterschied zum letzten Flug, als sie nur halb so schnell unterwegs gewesen waren.

Veyron interessierte sich natürlich nicht dafür, er hatte die Augen geschlossen, die Fingerspitzen aneinander gepresst und die Beine ausgestreckt. Tom war nicht sicher, ob sein Pate schlief oder nur meditierte. Ehrlich gesagt wurde er aus Veyron einfach nicht schlau. Auf der einen Seite war er furchtbar großzügig und erlaubte fast alles. Himmel, er hatte Tom zu einem Tatort mitgenommen und war mit ihm nach New York geflogen – gegen den Willen der Polizei! Auf der anderen Seite zeigte er sich jedoch so gehässig und gefühlskalt, wie man es nur sein konnte. Viele Freunde kann er nicht haben, dachte Tom, aber das geschieht ihm auch ganz recht, weil er immer so furchtbar angeben muss.

Plötzlich kann Unruhe im Flugzeug auf.

»Aus dem Weg, aus dem Weg! Ich muss auf die Toilette!«, ertönten laute Rufe aus dem hinteren Teil der Supersonic.

Einige Passagiere hoben die Köpfe, und auch Tom warf einen Blick über die Schulter. Ein riesiger Mann, ein wahrer Koloss aus Fleisch und Muskeln, schob sich durch die engen Sitzreihen nach vorne. Er stieß eine Flugbegleiterin grob zur Seite, als sie ihm ihre Hilfe anbot. Einige der Passagiere hießen ihn lautstark einen Idioten (da musste Tom ihnen recht geben), andere kicherten nur. Warum geht er denn nicht nach hinten? Da sind doch die Klos. Der Idiot rennt in die falsche Richtung, dachte Tom amüsiert, als der Riese eilte an seinem Sitzplatz vorüber kam.

Eine Reihe vor ihnen sprang plötzlich ein weiterer Mann auf. »Oh mein Gott! Meinem Kumpel ist schlecht! Er muss dringend auf die Toilette!«, rief er und folgte dem Riesen nach vorne.

Tom konnte nur staunen. Er wandte sich an Veyron, der tief durchatmete. »Genau wie befürchtet. Ich dachte schon beinahe, ich hätte mich geirrt, als so lange nichts passierte. Die Informationen ließen eigentlich keinen anderen Schluss zu«, seufzte er.

Tom sah ihn verwundert an. »Vielleicht erklären Sie’s auch einem Normalsterblichen?«

Veyron seufzte wieder. »Sind dir nicht die ganzen nervösen Leute aufgefallen, verteilt über die ganze Kabine? Alle zeigten recht ähnliche Verhaltensmuster: ein krampfhaftes Bemühen, nicht aufzufallen. Aber das hat sie letztlich verraten. Weiter hinten ist einer alten Lady ein Becher zu Boden gefallen, und alle in ihrer Nähe haben sich gebückt oder wenigstens hingesehen, bis auf unsere Verdächtigen. Sieh gut zu, mein lieber Tom: Unser Flugzeug wird gerade entführt.«

Tom spähte ungläubig nach vorne. Die beiden Männer drangen brüllend in die First Class ein. Ihnen folgten in geringem Abstand Toms Objekt Nr. 1 und ihr muskulöser Freund. Es war ein beinahe bizarres Schauspiel: Aus dem hinteren Teil des Flugzeugs kamen nun noch mehr Männer und Frauen angelaufen, alle mit wilden, entschlossenen Mienen. Das war wirklich kein Spaß. Um diese Tatsache zu unterstreichen, schlug der Riese mit einer seiner Pranken eine junge Flugbegleiterin nieder, deren Namensschild Tom vorhin direkt vor der Nase gehabt hatte, als sie ihm eine Cola serviert hatte: Mariah Kirkland. Blut spritzte aus ihrer Nase, während sie mit einem Keuchen zu Boden ging. Tom sprang auf, bereit, irgendetwas zu unternehmen. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Auch einige der anderen Passagiere waren aufgestanden, sahen sich ratlos um, andere stellten dumme Fragen. Doch niemand konnte sich zum Eingreifen bewegen, alle schauten nur tatenlos zu, wie es geschah. Veyron packte Tom und zog ihn zurück in den Sitz.

»Wir müssen was unternehmen!«, protestierte er, doch Veyron schüttelte den Kopf.

»Aussichtslos, jetzt etwas zu unternehmen. Es sind ganze zehn Mann. In dieser Phase der Entführung könnten wir sehr schnell erschossen werden. Deshalb müssen wir es geschehen lassen und beobachten. Entweder ist das Teil von Flammenschwerts Plan, oder aber er wird selbst etwas unternehmen müssen. In diesem Fall sind diese Entführer sicher nicht zu beneiden. Also ruhig bleiben, alles genau beobachten und im Stillen Pläne schmieden«, erklärte er so gelassen, als sähe er einen Krimi im Fernsehen und wäre gar nicht mittendrin im Geschehen.

Kurz darauf kehrten die Entführer aus der First Class zurück. »Alles sitzen bleiben! Keiner rührt sich! Keiner rührt sich!«

Einige von ihnen trugen Schnellfeuergewehre, andere nur Pistolen, aber alle hatten kugelsichere Weste angelegt. Die Passagiere wurden kleinlaut, nur hier und da gab es einen panischen Ausruf, den die Entführer mit gebellten Befehlen zum Verstummen brachten.

»Werden wir gerade entführt? Wir werden doch nicht gerade wirklich entführt! Das darf doch nicht wahr sein!«, hörte Tom Dimitri aufgebracht rufen. Schnell steckte der junge Blogger sein Tablet in die Tasche, als wäre es ein Schatz, den es zu behüten galt.

»Wo haben die nur die Waffen her? Es gibt doch überall Kontrollen«, jammerte Tom leise, die Ausweglosigkeit der Situation allmählich begreifend.

Veyron blieb noch immer ganz gelassen. »Versteckt im Gepäckraum. Ein deutlicher Hinweis auf die detaillierte Vorbereitung dieser Entführung, zudem ein eindeutiges Indiz, dass dahinter jemand mit sehr viel Geld steckt. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass das alles zu Flammenschwerts finsterem Plan gehört. Die Frage ist nur: Was will er damit bezwecken, und wie passen seine anderen Untaten da hinein?«

Alec schickte alle seine Kämpfer auf ihre Positionen. Der kahl geschorene Ban sollte zusammen mit Carlos und der blutjungen Xenia die hintere Hälfte der Businessclass übernehmen. Xenia war erst neunzehn, dies war ihr erster Einsatz. Aufgrund ihres Alters wirkte sie noch so unbedarft – mit ihrem glatten, jugendlichen Gesicht und der modischen Kurzhaarfrisur – und doch war sie der Sache von Roter Sommer so loyal verschrieben wie kaum jemand anderer. Ohne Zögern würde sie in den Tod gehen, wenn Alec es befahl. Er war stolz auf die junge Kriegerin, denn sie war der Grundstock einer neuen Generation von Gerechtigkeitskämpfern. Said schickte er zusammen mit dem Riesen Claude und Shannon in die vordere Hälfte der Businessclass, um dort die Passagiere in Schach zu halten. Die Irin war eine kaltblütige Killerin, deren Fanatismus aus ihren grünen Augen funkelte und das einzig Lebendige in ihrem eingefallenen, fahlen Gesicht zu sein schien. Diese drei hatten schon an vielen Roter-Sommer-Aktionen teilgenommen und besaßen die meiste Kampferfahrung.

Johan und Otto, der eine ein hochgewachsener Schwede, der andere ein schlaksiger, hakennasiger Deutscher, übernahmen die First Class. Alec und Tamara wollten derweil dem Cockpit einen Besuch abstatten. Bisher war alles ruhig verlaufen; die Passagiere machten keine Dummheiten. Sicherlich fragte der eine oder andere Scheißkerl nach der Bedeutung des Ganzen, doch ein Wink mit der Waffe brachte jedermann sofort zum Schweigen.

Alec fand die Cockpittür verriegelt vor. Die beiden Piloten hatten also mitbekommen, was geschehen war, und sich eingeschlossen. Er konnte nicht einmal seufzen, so sehr nervte ihn das. Er wusste genau, was die beiden da drin taten. Gerade eben stellten sie sicherlich den Transpondercode auf 7500 um, der alle Bodenstationen warnte, dass dieser Flug in die Hand von Entführern gefallen war. Wie furchtbar einfallslos!

Er schnippte mit den Fingern. Tamara eilte zurück in den Crewbereich, wo Otto drei Flugbegleiterinnen in Schach hielt. Eine saß mit blutverschmiertem Gesicht am Boden, die anderen beiden hielten sie in den Armen und versuchten, sie zu trösten. Tamara packte die Nächstbeste, zerrte sie hoch und schubste sie nach vorn zu Alec. Der schnappte die junge Frau, verdrehte ihr grob den rechten Arm und drückte ihr die Pistole hart in den Nacken. Er fragte sie in barschem Ton nach ihrem Namen.

»Sandy Stize«, wimmerte sie.

Alec hämmerte mit der Pistole gegen die Cockpittür. »Aufmachen! Machen Sie auf, oder ich puste Miss Sandy Stize das Gehirn aus dem Schädel! Ich zähle bis zehn! Eins, zwei, drei, vier, fünf …«

Die elektronische Verriegelung der Tür surrte, und sie öffnete sich. Mit einem zufriedenen Lächeln stieß Alec die arme Sandy Stize wieder in Tamaras Arme. Triumphierend langsam, den Moment genießend, stieg er ins Cockpit und trat zwischen die beiden finster dreinschauenden Piloten. »Geben Sie mir die nächste Bodenstation, mit der Sie Kontakt halten«, befahl er dem Captain, einem Mann namens Hotchkiss.

Der nahm seinen Kopfhörer ab und reichte ihn ohne Zögern und ohne eine Gefühlsregung an Alec.

Er presste sich eine der Muscheln ans Ohr. »Mit wem spreche ich jetzt?«

»London Heathrow Flugkontrolle«, antwortete ihm eine nüchterne Stimme.

»Klasse, genau die richtige Adresse«, sagte Alec. »Hier spricht ein Vertreter der Gerechtigkeitsliga des Roten Sommers. Torben-Carrisson-Airways Flug 327 befindet sich jetzt in unserer Gewalt!«

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