Kitabı oxu: «Veyron Swift und der Orden der Medusa»
Tobias Fischer
Veyron Swift und der Orden der Medusa
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Kapitel: Eine neue Klientin
2. Kapitel: Iulias Geschichte
3. Kapitel: Flucht aus London
4. Kapitel: Ankunft in Fabrillian
5. Kapitel: Durch Fels und Nacht
6. Kapitel: Die Jäger
7. Kapitel: Loca Inferna
8. Kapitel: Die Stadt des Lichts
9. Kapitel: Verraten und verkauft
10. Kapitel: Treffen mit Consilian
11. Kapitel: Der Augustus
12. Kapitel: Ein netter, kleiner Abend
13. Kapitel: Nächtliche Ereignisse
14. Kapitel: Verschwörung im Dunkeln
15. Kapitel: Perseus und Medusa
16. Kapitel: Anlage B
17. Kapitel: Hexen und Ratten
18. Kapitel: Die letzten Tricks
19. Kapitel: Die Rückkehr der Prinzen
20. Kapitel: Vollendung der Pläne
21. Kapitel: Ein paar lose Enden
22. Kapitel: Der Weg zurück
Impressum neobooks
1. Kapitel: Eine neue Klientin
Tom Packard bezeichnete sich dieser Tage als der glücklichste Junge ganz Londons. Er hatte eine Freundin, in die er total verliebt war. Was gab es wohl Wichtigeres und Schöneres im Leben eines Fünfzehnjährigen? Ihm fiel die Antwort leicht: nichts. Er hatte nur noch Blicke und Gedanken für Vanessa Sutton.
Große blaue Augen, langes blondes Haar, gertenschlank und genau die richtige Größe, um sie perfekt zu küssen. Sie schmeckte wunderbar, der absolute Wahnsinn!
»Ich bin schon ganz gespannt, deinen Onkel kennenzulernen«, säuselte Vanessa gerade. Sie schlurfte ein paar Schritte vor ihm auf dem Gehsteig her, die Hände in die Hosentaschen gestopft. Tom sah ihr voller Begeisterung zu. War sie nicht wunder-wunderschön, so richtig cool? Oh ja, auf dem ganzen Planeten gab es kein schöneres Mädchen.
Tom war im Lauf des letzten Jahres um einiges gewachsen, und konnte jetzt die meisten seiner Mitschüler von oben betrachten. Er war stolz, dass sich Vanessa ausgerechnet ihn als neuen Freund ausgesucht hatte. Das begehrteste Mädchen der Schule wollte nur mit ihm gehen, einem rotblonden, sommersprossenübersäten Teenager.
»Er ist nicht mein Onkel, eigentlich ist er gar nicht mit mir verwandt. Er ist mein Pate, das ist was ganz anderes«, erklärte er ihr lachend, zum wohl einhundertsten Mal. Vanessa vergaß eben schnell, aber das machte ihm nichts aus – sie sollte es ruhig wieder vergessen – so konnte er es ihr erneut erklären.
»Ist doch egal. Wie bist du überhaupt zu ihm gekommen? Ich hab gehört, er soll ein rechter Spinner sein, dein Onkel«, meinte sie, schwang sich um einen Laternenpfahl und wartete dann, bis er zu ihr aufgeschlossen hatte.
»Naja, es war nach dem Tod meiner Eltern und nachdem mich Priscilla – meine Tante – hat sitzen lassen. Sie ist einfach abgehauen, stell dir das vor! Meine Mutter hatte Veyron im Testament zu meinem Vormund bestimmt. Seitdem kümmert er sich um mich. Das war …«
Er sah sich um. Die meisten Bäume hatten schon gar kein Laub mehr, Straßen und Bürgersteig waren voll mit roten, gelben und braunen Blättern, die bei jedem Schritt raschelten. Die Sonne sandte ihr warmes, goldenes Licht auf die Erde. Oktober, es war Mitte Oktober. Das wurde ihm jetzt wieder bewusst.
»Seit letzten Sommer. Wow, das ist jetzt über ein Jahr. Kam mir gar nicht so lang vor«, stellte er fest.
Vanessa lachte. Es war das entzückendste Lachen der ganzen Welt. Tom strahlte von einem Ohr zum anderen.
»Mann, du bist ja ganz schön durch den Wind, Tommy«, sagte sie, schwang wieder um den Laternenpfahl und hakte sich unter seinen Arm. Gemeinsam schlenderten sie die Wisteria Road hinauf. Die Nachbarn, die in ihren Gärten Hecken schnitten, oder den Rasen mähten, beachteten sie nicht weiter.
»Mit Veyron ist es nicht immer einfach«, gestand Tom. Mehr konnte er nicht sagen, denn die Wahrheit war zu unglaublich, um Vanessa darin einzuweihen.
Veyron Swift arbeitete als Berater und Detektiv. Allerdings jagte er keine Ehebrecher, Trickbetrüger oder Heiratsschwindler, sondern er half seinen Klienten bei übernatürlichen Angelegenheiten. Veyron Swift kämpfte gegen freche Kobolde, blutdurstige Vampire und hin und wieder auch gegen rüpelhafte Trolle. Sogar dunkle Magier waren vor Toms Paten nicht gefeit. Das war nicht irgendeine Spinnerei, Tom hatte es selbst schon miterlebt.
Vanessa konnte er davon jedoch nichts erzählen – niemals. Nicht bevor sie es mit eigenen Augen gesehen hatte. Sie würde ihn ansonsten für einen Verrückten halten und nie wieder ein Wort mit ihm reden. Nein, Tom durfte ihre junge, wundervolle Beziehung nicht leichtfertig zerstören. Er musste sehr vorsichtig sein, wie er Vanessa seinem Patenonkel vorstellen sollte.
Veyron wusste nichts von Toms Freundin, er nahm überhaupt nur sehr wenig Anteil an Toms Privatleben. Das war zwar irgendwie locker und cool, aber andererseits auch störend. Manchmal kam sich Tom sehr einsam vor.
Natürlich waren da noch Veyrons ganze Animositäten, über die sich Tom inzwischen schon gar nicht mehr weiter beschwerte. Weder über die Tatsache, dass mitten in der Nacht plötzlich die Musik anging und dröhnend laut Paganini oder Mozart durch die ganze Nachbarschaft hallten, noch darüber, dass Veyron so gefühlskalt und unmenschlich war wie eine Maschine. Tatsächlich betrachtete sein Pate Gefühle, gleich welcher Art, als gefährliche Ablenkung für die Leistungsfähigkeit seines Gehirns – und die war beachtlich. Veyron nahm Dinge wahr, die andere niemals sahen, oder erst nach Stunden oder Tagen. Selbst die allerkleinsten Kleinigkeiten entgingen seinen Adleraugen nicht. Kein Mensch der Welt konnte schneller und präziser analysieren.
Anstatt seine besonderen Talente allerdings irgendwie nützlich zu verwenden, sei es um Kriminelle dingfest zu machen, oder wenigstens Reichtümer zu scheffeln (Geld konnte man dieser Tage immer gut gebrauchen), verschwendete Veyron seine Fähigkeit allein für seine eigenen, kauzigen Zwecke.
Der Gedanke an das, was unweigerlich auf ihn zukommen musste, dämpfte Toms Glücksgefühle schlagartig.
»Hör zu, Vanessa. Ich sollte dich vor Veyron warnen. Du hast schon recht, er ist ein wenig seltsam. Ich mach mir wirklich Sorgen um ihn«, gestand er.
Vanessa lächelte ihn mitfühlend an.
»Ja, ich kenn das. Meine Mutter tickt auch ständig wegen irgendeiner Kleinigkeit aus, und mein Dad ist ein echter Spinner, der seltsame Sachen in seiner Garage zusammenbaut«, flötete sie und brachte Tom damit wieder zum Lachen.
»Nein, nein. Mit Veyron ist das anders. Er hat einen einzigartigen Job, weißt du. Aber seit seinem letzten Fall…«
»Ist er Detektiv? Cool.«
»Eher so eine Art Berater. Sein letzter Fall war nicht der Hit, das hat ihm schwer zugesetzt. Das ganze Jahr über war er auf der Suche nach einem Neuen. Er nimmt nur ganz ausgewählte Fälle an, musst du wissen. Doch Fehlanzeige, alles Flops. Er ist praktisch schon seit Monaten arbeitslos.«
Er kam sich unendlich schlau vor, wie elegant er das umschrieben hatte. Wie sollte er ihr auch sagen, dass sich seit ihrem letzten großen Abenteuer nicht ein einziger Vampir, kein einziger Troll, ja nicht einmal ein Kobold hatte blicken lassen. Zwar wurde Veyron immer wieder von Leuten angerufen, die glaubten, Geister im Haus zu haben oder andere übernatürliche Heimsuchungen. Doch jedes Mal hatte sich die Angelegenheit bloß als die krankhafte Einbildung seiner Klienten herausgestellt. Veyron war deswegen richtig frustriert. In dieser Laune war er nahezu unerträglich für seine Mitmenschen.
»Besonders schlimm ist es in den letzten zwei Wochen geworden. Er hat die Rollläden in seinem Zimmer nicht mehr hochgezogen, lässt sich Frühstück, Mittagessen und Abendessen hinauf bringen. Ich hab ihn nur einmal gesehen – ungewaschen. Er stinkt, um es kurz zu sagen, er stinkt entsetzlich. Ich glaub, es ist keine gute Idee, dass wir heute da hingehen. Vielleicht sollten wir…«, fuhr er fort, nur um von Vanessas Zeigefinger unterbrochen zu werden, der seine Lippen berührte. Sie schenkte ihm ein herausforderndes Lächeln und wickelte verführerisch eine lange, blonde Locke um ihren Zeigefinger.
»Ach, komm schon, Tommy. Ich will unbedingt sehen, wie du so lebst. So schlimm kann dein Onkel schon nicht sein, bestimmt nicht schlimmer als meine Alten. Weißt du was? Wir sagen ihm kurz Hallo und verziehen uns dann auf dein Zimmer. Wenn er wirklich so stinkt, wie du sagst, machen wir ein Foto und stellen es bei Facebook rein. Das wird echt cool.«
Tom seufzte. Dieser zuckersüßen Stimme konnte er nichts abschlagen, selbst wenn sich alles in seinem Inneren dagegen sträubte. Geh nicht dahin! Geh mit ihr ins Kino, in den nächsten Park, von mir aus zu Fuß bis nach Kenia, aber nicht zu Veyron Swift, warnte ihn sein Verstand im Stillen, doch der Rausch, den Vanessa in seinem Inneren auslöste, ließ ihn alle Warnungen in den Wind schlagen.
Was könnte Veyron schon dagegen haben, wenn ich meine Freundin anschleppe? Außerdem geht es ihn sowieso nichts an, entschied er.
»Okay, lass uns gehen. Aber eines muss ich dir noch sagen: Er ist nicht mein Onkel, er ist überhaupt nicht mit mir verwandt. Er ist nur mein Pate«, sagte er zum ungezählten Male.
Es dauerte nicht lange, dann standen sie in der 111 Wisteria Road, Toms Zuhause, der Festung von Veyron Swift.
Das große Backsteingebäude stand auf erhöhtem Grund, zum Gehsteig durch eine kleine Mauer abgegrenzt. Einige Stufen führten zur Haustür hinauf, von wo man einen guten Einblick in den weitflächigen Garten hatte, der mit Hunderten Sträuchern und einigen großen Bäumen überwuchert war, die sich dicht ans Haus drängten.
Tom sperrte auf und sie traten ein. Es war absolut ruhig im Flur, aus keinem der angrenzenden Räume kam ein Geräusch. Tom warf einen Blick in die Küche. Die Reste eines Frühstücks standen auf dem kleinen Tisch, eine zerfledderte Zeitung lag am Boden.
Wie es aussah, hatte Veyron tatsächlich sein Zimmer verlassen. Vielleicht war er sogar ausgegangen, denn so still war es selten im Haus. Meistens hörte man ihn in seinem Zimmer auf- und abschreiten, manchmal auch eine Rugbynuss gegen die Wände werfen – stundenlang.
Jetzt war es still, totenstill. Tom trat zurück in den Flur, warf einen Blick die Treppe hinauf. Dort oben waren Veyrons Schlafzimmer, das Bad und auch sein kleiner Arbeitsraum. Die Tür stand sperrangelweit offen, von seinem Paten war nicht das Geringste zu sehen. Dafür aber die vielen unordentlich über den Boden verstreuten Büchertürme, Zeitungsausschnitte, Landkarten und allerhand nutzloser Krimskrams.
»Was macht dein Onkel gleich wieder von Beruf«, fragte Vanessa verunsichert.
Tom spürte, wie ihm die Farbe ins Gesicht schoss. In der Schule hatte er erzählt, Veyron arbeite als Privatdetektiv, denn die Wahrheit konnte er ja unmöglich preisgeben. Außerdem war es ja nicht vollkommen gelogen. Er hatte eben nur ein kleines Detail weggelassen. Doch dass Vanessa jetzt die ganze Unordnung zu Gesicht bekam (da waren doch tatsächlich mehrere angebissene und vertrocknete Apfelstücke zwischen dem ganzen Papierwust zu sehen), das war echt peinlich.
»Er deckt die Wahrheit auf, Miss Sutton«, antwortete eine dunkle, strenge Stimme hinter ihnen. Tom blieb vor Schreck fast das Herz stehen. Ihrem Gesicht nach zu urteilen, erging es Vanessa ähnlich.
Veyron Swift, fast zwei Meter groß, von schlaksiger Gestalt, mit einem strengen, kantigen Gesicht, dünnen Lippen und einer schmalen Raubvogelnase, stand in einem weiten, weinroten Morgenmantel hinter ihnen. Seine baren Füße steckten in grässlichen senfgelben Filzschlappen. Von einem hing bereits die Sohle herunter. Die schwarzen Haare ein einziges Chaos, aber zumindest war er rasiert. Er roch jedoch derart penetrant nach altem Schweiß, dass Vanessa unmittelbar zurückwich und Tom einen verzweifelten Blick zuwarf. Wie peinlich das war! Veyron blamierte ihn gerade bis auf die Knochen.
Unsicher lächelnd hob Vanessa die Hand und winkte. »Hi, ich bin Vanessa, Tommys Freundin. Wow, Sie sind also sein Onkel? Wo sind Sie so plötzlich hergekommen? Ich hab gar nichts mitbekommen.«
Veyron zwang sich sichtlich zu einem Lächeln. Es hielt etwa drei Sekunden, danach wurde seine Miene wieder ernst.
»Ich fürchte, Sie sind nicht Toms Freundin«, sagte er bestimmt. »Halt, ich muss mich korrigieren. Besser sollte ich sagen: Sie sind nicht nur Toms Freundin. In dieser Eigenschaft kommen Sie ganz nach Ihrem Vater. Nein, nicht Joshua Sutton, sondern Ihrem leiblichen Vater, dem Automechaniker aus der 78a Tallham Road, Carl Groves. Immer eine Freundin an der Hand, manchmal auch mehrere – je nachdem, wie viel er im Monat durch das Fälschen von Tachometern verdient. Ein Lächeln hier, eine Geste dort, ein Kompliment da, ein naiver Augenaufschlag und ein verheißungsvolles Schürzen der Lippen. Gratulation, die Verführung liegt Ihnen im Blut, Miss Sutton.
Leider weiß Tom gar nicht, wie erfolgreich Sie damit sind. Gleich drei Jungs zur selben Zeit, und alle sind Ihnen hörig. Da ist einmal Tom Packard, frisch verliebt und gegenüber dem Offensichtlichen so blind wie ein Maulwurf. Natürlich will ich Stevie Rodgers nicht vergessen, der Rugby-Meister aus der Parallelklasse und Bob Saunders. Der ist ein Jahr älter als Sie und macht derzeit eine Mechanikerausbildung bei Groves. Ein leichtes Opfer. Stevie Rodgers dagegen ist so eingebildet und eitel, dass er nicht einmal auf die Idee käme, Sie würden ein doppeltes – Verzeihung – dreifaches Spiel mit ihm treiben.«
Tom blieb die Luft weg, Vanessa ebenfalls. Er konnte sehen, wie ihr Kopf abwechselnd leichenblass und anschließend wieder knallrot wurde.
»Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr! Woher wissen Sie das?«, keuchte sie und wich zurück. Veyron behielt sie mit seinen stechenden, eisblauen Augen jedoch im Visier.
»Ich weiß alles, Miss Sutton, ich weiß einfach alles«, gab er zurück und wirbelte auf den Absätzen herum. Mit schnellen Schritten verschwand er im Wohnzimmer. Tom wollte es nicht glauben, er konnte das alles nicht fassen. Ungläubig starrte er Vanessa an, hoffte auf ein Wort von ihr, das Veyrons gemeine Anschuldigungen widerlegte. Stattdessen brachte sie nur einen gellenden Schrei hervor, stürzte zur Haustür und war verschwunden.
Tom blieb noch eine Weile an Ort und Stelle stehen, unfähig sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Hitze stieg in ihm hoch, kochend heiß wie Lava. Er stürmte zur Haustür, riss sie auf und sprang die Stufen hinunter zur Straße. Er sah Vanessa, die heulend an der nächsten Straßenlaterne stand, die Hände vors Gesicht geschlagen. Verzweiflung würgte ihn, aber er näherte sich.
»Stimmt das? Vanessa, bitte sag mir, dass das nicht stimmt«, jammerte er. Das durfte doch alles nicht wahr sein. Seine große Liebe, eine elende Lügnerin? Veyron musste sich einfach irren.
Vanessa blickte auf, Tränen rannen ihr über die Wangen.
»Hau ab!«, giftete sie ihn an. »Scher dich zurück zu deinem psychopathischen Onkel! Er ist der Teufel! Ja genau, der Teufel ist er! Lass mich bloß in Ruhe! Ihr seid beide absolute Spinner!«
Bevor er noch etwas sagen konnte, rannte sie davon. Die Nachbarn in den Gärten sahen ihr hinterher und schüttelten missbilligend den Kopf, bevor sie sich wieder um ihre Hecken und Rosensträucher kümmerten.
Toms Verzweiflung wurde zu kalter Wut.
»Ja, lauf nur! Lauf zu Stevie oder zu Bob Saunders oder zu sonst wem! Du hast ja offenbar genug Lover bei denen du dich ausheulen kannst, du dämliche Zicke! Ich will dich hier nie wieder sehen«, brüllte er ihr hinterher. Er gab dem Laternenmast einen so heftigen Tritt, dass ihm der ganze Fuß schmerzte. Grollend stampfte er zurück ins Haus und schmiss die Tür zu. Zugleich war ihm zum Heulen zumute. Was hatte er getan? Und wer war schuld an der ganzen Misere? Veyron Swift! Er hatte gerade seine Freundin verscheucht und seine große Liebe zerstört!
Wutentbrannt stürmte Tom ins Wohnzimmer und fand seinen Paten entspannt im großen Ohrensessel lümmeln, die Beine ausgestreckt und die Arme zufrieden hinter dem Kopf verschränkt. Veyron grinste von einem Ohr zum anderen und schien seine abscheuliche Boshaftigkeit auch noch genüsslich auszukosten.
»Was haben Sie da getan? Sie haben Vanessa verjagt! Nie wieder wird sie ein Wort mit mir reden! Sie Unmensch, Sie sind doch echt irre! Warum zum Teufel haben Sie das getan?«
Tom hielt sich nicht mehr zurück. Eine ganze Menge übelster Schimpfwörter lagen ihm auf der Zunge, nur im allerletzten Moment beherrschte er sich, sie loszulassen. Er mochte es selbst nicht, wenn er ausfallend wurde.
Veyron grinste noch immer, sagte nichts, saß nur mit geschlossenen Augen da. Es verging ein Moment ehe er antwortete und seine Züge wieder ernsthaft wurden.
»Eigentlich solltest du mir dankbar sein, ich habe dich aus einer misslichen Lage befreit. Du warst diesem Mädchen hoffnungslos verfallen, das konnte ich nicht länger zulassen. Nachdem ich herausgefunden hatte, wie es um ihre moralische Gesinnung steht, musste ich diese Beziehung beenden. Das war nicht weiter schwer, wenn man sich einmal mit Carl Groves beschäftigt und herausfindet wie vielen Leuten er unnötige Ersatzteile andreht. Oder all die Tachometer, die er manipuliert hat. Ganz zu schweigen von all den Frauen, die er zu Müttern machte. Der Mann ist ein gewissenloser Verführer. Seine Tochter hat dieses Talent von ihm geerbt, ebenso wie seine braune, leicht ins Gelbe gehende Augenfarbe, recht einzigartig in dieser Gegend. Dazu hat sie seine Wangenknochen und die Nase mitbekommen. Ich brauche keinen DNS-Test, um dir zu sagen, dass sie Carl Groves Tochter ist. Sie weiß es auch, ebenso wie ihre Mutter. Rücksichtslos lassen die beiden den armen Joshua Sutton im Unklaren. Ein armer, aber glücklicher Mann, der Frau und Tochter abgöttisch liebt. Darum bleibt er auch besser unwissend.
Woher weiß ich nun von Vanessa Suttons ausschweifendem Liebesleben? Ruf dir ihren Hals in Erinnerung. Da waren einige deutliche hypobare Sugillationen zu erkennen. Ich weiß, du nimmst an, du wärst der Verursacher, aber dem ist nicht so.«
Tom sackte die Kinnlade runter. »Hypo…wie? Von was zum Henker reden Sie da?«
»Von Knutschflecken, Tom, von Knutschflecken«, seufzte Veyron. »Sie hat sie mit Schminke unsichtbar zu machen versucht, doch meinen Augen entgeht nichts. Da waren zwei Flecken unterhalb des rechten Ohrs. Ihr Winkel deutet darauf hin, dass der Küssende fünfeinhalb Zentimeter größer gewesen sein muss, als du. Ein anderer Fleck am linken Halsansatz, kaum von ihrem Pullover verdeckt, verrät uns einen Liebhaber, der etwa vier Zentimeter kleiner ist als sie und außerdem breitere Lippen besitzt als du. Die Tatsache, dass Vanessa viel Zeit in der Werkstatt ihres leiblichen Vaters verbringt, aber nur wenig Zeit mit Daddy Groves, dass sie sich heimlich mit der Clique von Rodgers trifft, wenn sie nicht gerade mit dir durch die Straßen turtelt, lässt keine anderen Schlüsse zu: Der kleine Bob Saunders küsst sie in der Garage ihres Vaters, der hoch aufgeschossene Stevie dagegen in den Sträuchern des Parks. Nur sie konnten die jeweiligen Sugillationen verursachen, ihre Körpergrößen ergeben perfekte Übereinstimmungen.«
Tom dachte kurz über alles nach und kam zu einer erschreckenden Schlussfolgerung.
»Sie haben sie ausspioniert? Nicht zu fassen! Sie haben Vanessa ausspioniert! Geht’s Ihnen noch gut? Warum tun Sie so was, Mann?«, rief er voller Abscheu. Veyron war ja noch schlimmer als sonst, ein richtiges Ekel.
»Deine Mutter hat mich zu deinem Schutzbefohlenem ernannt. Ich habe vor, diese Aufgabe mit bestem Wissen und Gewissen und all meinem Können auszufüllen. Darum spioniere ich deine Freunde aus, wenn ich es für nötig halte. Ich kenne jeden deiner Mitschüler, alle deine Lehrer, ich weiß alles über deren Familien, Freunde und über ihre Haustiere und Lieblingshobbys. Das ist Teil meiner Verantwortung.«
»Pah! Sie sind ein echter Psycho! Wissen Sie was? Ich hau ab, mir reicht‘s! Noch heute Abend verschwinde ich, für immer!«
»Schon wieder leere Drohungen? Hatten wir das nicht schon zur Genüge?«
»Diesmal mach ich ernst!«
Veyron blickte Tom nachdenklich an, legte die Fingerspitzen aneinander und dachte über irgendetwas nach. Tom ballte die Fäuste, sein ganzer Körper bebte vor Zorn. Es gab so viel, das er Veyron an den Kopf werfen wollte. Jede Menge Beleidigungen und am liebsten auch ein paar der losen Gegenstände im Fernsehregal.
Gerade wollte er etwas sagen, als das Klingeln der Haustür ihn aus der Zornesstarre riss. Vielleicht war es Vanessa, die kam um sich zu entschuldigen?
Ohne auf Veyrons Reaktion zu warten, stürmte er zur Haustür und riss sie auf. Seine Aufregung schlug sofort in Enttäuschung und schließlich Überraschung um. Mehrere Leute standen vor der Tür: ein hagerer Priester mit schlohweißem Scheitel, ein rundlicher, gemütlich dreinschauender Inspektor von der Polizei und zwei uniformierte Constables. Unten auf der Straße standen zwei Dienstfahrzeuge. Tom seufzte enttäuscht. Vanessa hatte ihre Chance vertan. Was jetzt kommen würde, war Arbeit für Veyron – vielleicht auch ein wenig Ärger. Insgeheim hoffte er vor allem auf Letzteres.
Der Inspektor hob seine Dienstmarke und stellte sich als John Moore vor.
»Dürfen wir hereinkommen?«
Tom bedeutete den Herren einzutreten, doch nur der Inspektor und der Priester kamen ins Haus. Die Constables blieben draußen. Tom warf ihnen einen neugierigen Blick zu. Er erkannte, dass noch jemand in einem der Autos saß. Wegen der abgedunkelten Scheiben konnte er jedoch nicht mehr erkennen. Er schloss die Tür und brachte die beiden ins Wohnzimmer, wo Veyron Swift schon auf sie wartete. Er lümmelte immer noch im Sessel, hatte die Fingerspitzen aneinander gepresst und die Augen geschlossen.
»Kommen Sie herein, Gentlemen. Ich habe Sie bereits erwartet. Unser Telefonat heute Morgen verhieß ja eine spannende Geschichte. Also bitte, setzen Sie sich und schildern Sie mir Ihr Problem ohne Zögern, oder Zurückhaltung. Zeit ist kostbar und ich will so wenig wie möglich davon verlieren. Lassen Sie kein Detail aus, alles ist wichtig, selbst die allerkleinste Kleinigkeit«, begrüßte er seine Gäste, indem er auf die gegenüberliegende Couch deutete.
Die Federn quietschten, als die beiden Männer in die plüschigen Polster einsanken. Sie legten offenbar Wert darauf, möglichst großen Abstand zu Veyron zu wahren. Zumindest schlussfolgerte Tom das aus dem Zucken ihrer Nasenflügel.
»Ich bin Inspektor Moore, das ist Pater Thomas Felton, wir kommen in einer sehr… nun, in einer vielleicht etwas seltsamen… eigentlich ist es mir schon fast peinlich, aber mein Kollege, Bill Gregson… er meinte, ich solle mich an Sie wenden. Er kennt Sie recht gut… hat ja schon ein paar Mal mit Ihnen zusammengearbeitet und deshalb …«, stammelte der Inspektor herum. Er machte einen verlegenen, fast schon beschämten Eindruck. In Pater Feltons Gesicht konnte man ähnliche Empfindungen lesen. Tom spürte förmlich, wie unangenehm ihnen das alles war. Schließlich traf ihn der Blick aus den kleinen runden Augen des Inspektors.
»Vielleicht sollte der Junge lieber rausgehen«, meinte Moore.
Veyron riss die Augen auf und lehnte das mit kraftvoller und entschiedener Stimme ab.
»Tom Packard ist mein persönlicher Assistent. Sie können vor ihm so frei reden wie vor mir, sofern Sie überhaupt dazu in der Lage sind, Mr. Moore. Falls ja, würde ich es sehr begrüßen, wenn Sie mir endlich erzählen, was Sie hierher geführt hat.«
Moore atmete kurz tief durch, und warf einen forschenden Blick durch die altmodische Wohnzimmereinrichtung, dann begann er, von Neuem zu erzählen.
»Also, Gregson und ich, wir sind alte Freunde. Wir haben uns auf einem Fortbildungskurs kennengelernt. Ich hatte mal mit der Überlegung gespielt, zum CID zu wechseln, aber es dann doch sein lassen. Die harten Sachen, die sind nichts für mich. Ständig Mord und überall Leichen. Mir reichen die kleinen Einbrüche, die Ehedramen und die verwahrlosten Kinder zur Genüge. Aber dieser eine Fall, nun, der lässt mich einfach nicht mehr los. So etwas Ergreifendes und zugleich Bedrückendes habe ich noch nie erlebt. Ich meine, ich bin vollkommen hilflos. Wir, das heißt der Pater und ich, wir wissen uns einfach keinen Rat mehr. Natürlich wäre eine Nervenklinik eine Möglichkeit, aber das würde mir das Herz zerreißen. Dieses arme Mädchen, vermutlich von irgendeiner Anstalt geflohen. Jetzt weiß sie nicht mehr, wie sie zurückkehren soll. Sie hat überhaupt keine Ahnung wo sie ist, oder woher sie kam. Sie wartet unten im Wagen. Pater Felton kümmert sich um sie, darum habe ich ihn mitgebracht.«
Veyron schnaubte ungehalten und brachte Moore mit einer Geste zum Schweigen.
»Hören Sie mit diesem zusammenhangslosen Gequatsche auf, Moore! Erstatten Sie mir einen präzisen Bericht, bitte ohne Sentimentalitäten, wie Sie es gegenüber Ihrem Chefinspektor auch täten.«
Tom biss sich auf die Lippe. Es war Moore anzusehen, dass er die Zurechtweisungen Veyrons nicht mehr lange hinnehmen würde.
»Wie Sie meinen«, entgegnete der Inspektor, jetzt schon deutlich unfreundlicher im Ton. Pater Felton rutschte verlegen von einer Gesäßhälfte auf die andere.
»Vor zwei Wochen wurde eine junge Frau ins örtliche Krankenhaus gebracht. Es war draußen auf der Smalton Road, bei Congleton, wo diese durch ein Waldstück führt. Die junge Frau, sie nennt sich Julia - vermutlich osteuropäisch, so wie sie ihren Namen ausspricht – Iulia – ist aus diesem Wald aufgetaucht und einfach auf die Straße gerannt. Das war mitten in der Nacht, so gegen elf Uhr. Unglücklicher Weise war zum gleichen Zeitpunkt Roger Wetherlay mit seinem Auto unterwegs. Er hat sie noch rechtzeitig gesehen und eine Vollbremsung hingelegt, aber sie dennoch erwischt und sich eine Beule im Kotflügel eingefangen. Sie hat kurz nach dem Zusammenstoß das Bewusstsein verloren. Nachdem Wetherlay sofort den Rettungsdienst und die Polizei alarmiert hatte, wurde die junge Frau ins örtliche Krankenhaus gebracht und behandelt. Zum Glück nur ein paar Prellungen, nichts Ernstes«, berichtete Moore, nicht zur Gänze Veyrons Bitte entsprechend. Er wischte sich mit einem Taschentuch die schweißglänzende Stirn ab und fuhr dann fort.
»Wetherlay war vorbildlich langsam unterwegs, hat in allen Belangen richtig reagiert und die Unfallstelle ist aufgrund des dichten Strauchbewuchses am Straßenrand auch sehr unübersichtlich. Zudem war er sehr rührig und ehrlich betroffen. Es gibt für mich keinen Grund, gegen den armen Mann Anzeige zu erstatten.«
Veyron zuckte nur mit den Schultern. »Das ist alles ziemlich uninteressant und belanglos«, sagte er. »Warum sind Sie nun eigentlich hier? Der Weg von Congleton nach London ist ja kein Katzensprung und die Preise im Starrington Panorama Hotel sind nicht gerade billig.«
Moore schnappte überrascht nach Luft. »Wie können Sie wissen, dass wir dort unsere Zimmer haben?«, fragte er.
Veyron gestattete sich für einen Sekundenbruchteil ein triumphierendes Lächeln. »Ihr Taschentuch ist mit dem Logo der Starrington Panorama-Kette bedruckt. Da Sie durchgehend schwitzen – selbst jetzt – liegt es auf der Hand, dass Sie einen enormen Taschentuschverschleiß haben. Folglich kann das aktuelle Tuch nur aus dem Starrington Panorama London kommen, da es nirgendwo zwischen London und Edinburgh ein anderes Starrington Panorama gibt. Sie haben Ihren letzten Urlaub, der erst kurz zurückliegt, allerdings nicht in Schottland verbracht, sondern im Süden, Spanien oder Portugal würde ich sagen. Das erkenne ich an der Bräunung Ihrer Haut, besonders stark im Gesicht und im Nacken. Folglich bleibt nur das Hotel in London übrig.«
Moore warf einen fast schon schockierten Blick auf das Taschentuch und steckte es rasch in die Hosentasche. Er brauchte einen Moment, um den Faden wieder aufzunehmen.
»Das ist ja erstaunlich, nein wirklich. Echt erstaunlich. Nun ja, der Fall ist eigentlich dieser: Die junge Frau redet nur wirres Zeug. Sie fantasiert die ganze Zeit. Offenbar liegt dem ein schweres Trauma zugrunde. Darum hat das Krankenhaus Pater Felton hinzugezogen. Er arbeitet dort als Seelsorger.«
Nun ergriff der weißhaarige Pater das Wort.
»Auch ich konnte der jungen Frau nicht weiterhelfen. Wir wissen nicht, woher sie kommt. Sie ist furchtbar aufgeregt, hat fast vor allem Angst, selbst vor Straßenlaternen oder Fahrrädern. Sie hat sich vor den Ärzten auf den Boden geworfen, als wären sie der leibhaftige Messias. Auf der Straße hält sie sich die Ohren zu, im Krankenhausgebäude versteckt sie sich unter dem Bett, wenn ein Flugzeug über uns hinwegfliegt. Ich fürchte, sie hat den Verstand verloren. Uns wird wohl nichts anderes übrigbleiben, als sie in eine Anstalt zu bringen, wo man ihr helfen …«
»Kein einziges Irrenhaus in Großbritannien vermisst eine Frau, auf die ihre Beschreibung passt, es liegt nirgendwo eine Vermisstenanzeige vor, sie taucht auf keiner Fahndungsliste auf«, schaltete sich Moore wieder ein und würgte damit die Worte des Paters ab, der ihn daraufhin mit einem vorwurfsvollen Blick strafte.
»Deswegen hatte ich mit Gregson telefoniert. Sie wissen ja, die meisten Irren kommen aus Berlin oder Paris. Vielleicht war sie Opfer einer Entführung, ein Mädchenhandel vielleicht. Gregson weiß über solche Dinge eigentlich immer Bescheid. Ihr in London seid näher am Puls der Welt als wir oben in Congleton. Natürlich wollte Gregson mehr über den Fall erfahren, also schilderte ich ihm alles und …«
Nun gab der Pater das Kompliment zurück und fiel dem Inspektor ins Wort.
»Es gibt ein paar auffällige Wörter, welche unsere arme Miss ständig wiederholt: Simanui und Maresia. Sie sagt das immer wieder. Sie kommt aus Maresia und muss zu den Simanui«, versuchte er sein altes Thema wieder aufzugreifen.
Moore räusperte sich und musterte den Geistlichen scharf.
»Ist ja gut, Pater«, raunte er ungehalten. Er wandte sich wieder Veyron zu, der nicht nun nicht länger gelangweilt im Sessel lümmelte, sondern aufrecht und voller Anspannung dasaß. Tom erkannte, dass Veyrons Gehirn gerade zu Höchstleistungen warmlief.
»Als Gregson das hörte, schlug er vor, dass ich mich mit Ihnen treffen soll. Sie könnten mir weiterhelfen. Also, wie sehen Sie die Lage? Glauben Sie, Sie können dieses Mysterium aufklären?«, endete Moore und warf dem Monster-Ermittler einen ratlosen Blick zu.
Veyron legte die Fingerspitzen aneinander und schloss kurz die Augen. Blitzartig sprang er aus dem Sessel und begann hastig im Wohnzimmer auf und ab zu gehen.
»Zwei Wochen! Da haben Sie tatsächlich ganze zwei Wochen vertrödelt, ehe Sie zu mir kamen? Du liebe Zeit, nur selten habe ich solche Nachlässigkeit erlebt«, hielt er den beiden Herren in strengem Tonfall vor.
»Ich nehme an, die Lady befindet sich in Ihrer Begleitung? Lassen Sie sie bitte hereinrufen. Ich muss mich mit ihr unterhalten. Dann werde ich Ihnen sagen, woher sie kommt und wer sie ist.«
Moore zückte ein Funkgerät und gab den beiden Constables Anweisungen durch. Nur kurze Zeit später klingelte es erneut an der Haustür. Tom eilte los. Sein Zorn auf Veyron war für den Moment verraucht. Die Aussicht, wieder in ein spannendes Abenteuer gezogen zu werden, ließ ihn vor Aufregung und Freude fast in die Luft springen. Er eilte den Flur hinunter, öffnete die Haustür und ließ die beiden Constables eintreten. In ihrer Begleitung befand sich eine junge Frau, vielleicht Anfang zwanzig, relativ schlank und wie Tom fand, auch recht hübsch. Sie hatte eine auffallend helle Haut trotz ihrer südländischen Herkunft. Zumindest ließen ihn das ihre dunklen Augen und das ebenso dunkle Haar vermuten. Sie trug es in einer altmodisch wirkenden Frisur aus winzigen Locken, am Hinterkopf zu einem Knoten gebunden. Ihr Blick wirkte jedoch sehr verstört. Sie zuckte zusammen, als die Constables sie ins Haus schoben. Tom hatte sofort Mitleid mit ihr und begann, sich zu fragen, was für schreckliche Erlebnisse die arme Frau plagten. Hoffentlich konnte Veyron ihr helfen.
Er führte die Polizisten und die Frau ins Wohnzimmer und bedeutete ihnen, auf der Couch Platz zu nehmen. Aber die Constables bevorzugten es zu stehen. Sie nahmen Positionen am Fenster und an der Tür ein. Fürchteten sie etwa, die junge Frau könnte fliehen? Tom verstand dieses Misstrauen nicht. Ratlos, was sie tun sollte und was man mit ihr vorhatte, setzte sich die Frau auf das Sofa. Sie erschrak, als ein paar alte Federn in der Sitzauflage quietschten.
Veyron Swift wirbelte zu ihr herum, als hätte ihn eine Wespe gestochen und musterte sie einen Moment eingehend. Dann wandte er sich an Pater Felton und Inspektor Moore.
»Was haben Sie in den vergangenen zwei Wochen mit der jungen Miss gemacht«, fragte er. Seine Stimme klang kalt und emotionslos, nur auf Wissen aus und enthielt keinerlei Anschuldigung.
»Nach dem Unfall blieb sie zunächst ein paar Tage im Krankenhaus, in der geschlossenen Abteilung und unter Bewachung. Ein paar Mal hat sie versucht zu fliehen, kam aber nicht weit. Draußen auf der Straße ist sie sofort wieder umgekehrt und ins Krankenhaus zurückgerannt. Der Verkehr machte ihr noch größere Angst, als Spritzen und Bandagen. Man hat sie mit Beruhigungsmitteln versorgt und ich habe zwei erfahrene Constables abgestellt, falls sie wieder zu fliehen versuchte. Ich werde sie einweisen lassen müssen, wenn wir nicht bald mehr über sie erfahren«, erklärte Moore.
»Sie behauptet, eine Art Prinzessin zu sein, die Tochter eines Cäsars, eine Nobilissima. Ich fürchte, um ihren Verstand ist es geschehen, vielleicht wegen des Unfalls. So was soll es doch durchaus geben«, mischte sich Felton wieder ein.
Veyron brachte beide Männer mit einem Handzeichen zum Schweigen.
»Vielen Dank für Ihre Ausführungen, Gentlemen«, sagte er. »Ihre Annahmen sind zutreffend – von Ihrem Standpunkt aus. Natürlich standen Ihnen nicht die Informationen zur Verfügung, über die ich verfüge. Anderenfalls hätten Sie beide Ihren Fehler sofort begriffen und erst gar nicht der Suggestion Inspektor Gregsons bedurft, um den Weg zu mir zu finden. Nun lassen Sie mich die Identität unseres Schützlings lüften.«
Er trat vor Iulia und verbeugte sich knapp. »Ich würde gerne einen Blick auf Eure Füße und Hände werfen, wenn Ihr es gestattet. Habt keine Angst, diese Untersuchung dient nur zu Demonstrationszwecken.«
Die junge Frau rümpfte die Nase, weil Veyron so nahe vor ihr stand, aber sie nickte dennoch.
»Ita«, sagte sie.
»Das ist Latein und heißt ja«, glaubte Felton kundtun zu müssen. »Ich hatte ganz vergessen zu erwähnen, dass sie lateinisch spricht, wenn sie schimpft oder betet, was sie oft tut. Sie bittet immer wieder Jupiter und Minerva um Beistand, vollkommen lächerlich. Ansonsten spricht sie ein sehr gutes Englisch, wenngleich mit einem Akzent, vielleicht südländischer Herkunft.«
Veyron bückte sich, nahm ihr rechtes Bein in seine Hände, schob die Hose zurück und schnüffelte an der glatten Haut auf. Er wiederholte das an ihren Händen und Unterarmen. Jeder konnte es hören. Tom war das oberpeinlich, wie auch allen anderen Anwesenden. Veyron trat zurück, erhob sich wieder und bedankte sich mit einem ehrfurchtsvollen Nicken bei der jungen Frau. Mit einem triumphierenden Lächeln wandte er sich wieder seinen anderen Gästen zu.
»Ganz eindeutig. Die junge Frau ist eine echte Prinzessin«, schlussfolgerte er.
Moore und Felton sprangen zugleich auf und protestierten.
»Das ist lächerlich! Woher wollen Sie so was wissen?«
Veyron seufzte. Er setzte sich wieder in seinen alten Ohrensessel und warf den beiden Gentlemen vorwurfsvolle Blicke zu. Etwas beschämt ob ihres Ausbruchs, setzten sie sich wieder.
»Sie übersehen die Fakten, Inspektor, Sie ebenso, mein lieber Pater. Zunächst einmal sind da ihre Hände. Perfekt manikürte Fingernägel, die Handflächen weich, keine Narben, fast keine Hornhaut, keine Schwielen. Diese Hände tun nicht viel, es sind keine Arbeiterhände. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass unsere Klientin seit ihrer Jugend noch nie viel arbeiten musste. Außerdem hat sie zahlreiche helle Stellen an den Fingern, die auf das Tragen von Ringen hindeuten, großen und teuren Ringen. Sie stammt also aus bestem Hause, wurde seit jeher mit Schmuck verwöhnt, den sie gewohnt ist, ständig zu tragen. Wo ist der Schmuck abgeblieben?«
»Sie trug keinen Schmuck, als sie gefunden wurde«, ergänzte Moore.
Veyron nickte.
»Also hat sie ihn abgenommen, um ihre Identität zu verschleiern. Anhand des Schmucks hätte man sie ansonsten zu leicht identifizieren können. Das deutet nicht nur auf Kostbarkeiten hin, sondern auch auf Siegel- und Zeremonienringe. Sie muss also eine Person von herausragender Stellung sein – da wo sie herkommt, versteht sich.
Nun zu ihren Füßen. Dasselbe wie an den Händen. Sehr weiche Sohlen, kaum Hornhaut, manikürte Zehennägel. Ihre Füße tragen für gewöhnlich weiche Schuhe und Sandalen, keine engen Stiefel, auch keine Turnschuhe. Ihre Beine sind schlank, die Muskulatur weich. Sie betreibt also nur wenig Sport und überhaupt bewegt sie sich nicht allzu viel. Sie ist Reiterin; seit Kindheitstagen. Das verrät mir die O-Formung ihrer Beine, aber keine Sport- oder Jagdreiterin, wegen der etwas schwachen Muskulatur. Also benutzt sie ihr Pferd nur gelegentlich als Reisemittel, um von A nach B zu kommen. Diesen Luxus können sich nur Personen in gehobener Stellung leisten.
Zuletzt noch eine Analyse ihrer Haut. Sie ist sehr weich und sauber. Obwohl das meiste inzwischen abgewaschen wurde, konnte ich noch leichte Spuren von Honig und verschiedenen Duftölen ausmachen, die bei uns absolut unüblich sind. Auch das ein eigentlich unübersehbarer Hinweis darauf, dass Lady Iulia aus allerbestem Hause kommt. Sie ist eine Prinzessin, normalerweise von einer ganzen Schar Diener umschwärmt, die ihr alle Lasten abnehmen.
Ach ja, ich hatte Maresia vergessen. Nun, dieses Land können Sie gar nicht kennen, Pater. Es ist auf keiner Landkarte zu finden und auch in keinem Lexikon. Das Imperium Maresium liegt nämlich in Elderwelt.«
Moore und Felton sahen sich ratlos an. Ihren Mienen nach zu urteilen, waren sie sich darüber einig, dass Veyron sie zum Narren hielt. Moore sprach es auch aus.
Veyron zischte ungehalten und drückte mit den Fingern seine Augenlider zu.
»Halten Sie Inspektor Gregson für einen Idioten?«, fragte er Moore unwirsch.
»Natürlich nicht! Bill ist ein guter Mann. Der weiß, was er tut.«
»Halten Sie sich selbst für einen Idioten?«
»Jetzt werden Sie aber unverschämt!«
»Ja oder nein?«, Veyrons Strenge duldete kein Widerwort.
»Nein, natürlich nicht«, grummelte Moore.
»Wenn also Gregson kein Idiot ist und Sie auch nicht, wieso denken Sie dann, er hätte Sie zu einem Idioten geschickt?«
Moore schnappte nach Luft, doch er wusste nichts, was er darauf antworten könnte. Veyron sprang zornig aus seinem Sessel und marschierte mit forschem Schritt durchs Wohnzimmer.
»Gentlemen, ich muss Sie bitten, mir vollkommen zu vertrauen. Elderwelt ist ein Reich, das für die Augen der Menschen unsichtbar ist. Dennoch existiert es und ist keine Fantasie. Ich bin selbst schon dort gewesen und Tom ebenso. Wenn Sie immer noch Zweifel haben, rufen Sie Inspektor Gregson an und fragen sie ihn. Er wird es bestätigen.«
Moore und Felton waren ganz kleinlaut geworden. Tom empfand eine gewisse Genugtuung, denn natürlich sprach sein Pate die Wahrheit.
Veyron hatte sich inzwischen wieder Iulia zugewandt und überließ die beiden Gentlemen ihren eigenen Gedanken.
»Prinzessin, entschuldigt, dass ich mich erst jetzt vorstelle. Ich bin Veyron Swift, Berater für ungewöhnliche Fälle. Ich bin ein Freund der Elbenkönigin Girian und ebenso des Zaubererordens der Simanui. Ihr müsst mir erzählen, was Euch hierher gebracht hat und warum Ihr die Simanui so verzweifelt sucht.«
Veyron setzte sich wieder in seinen Sessel.
Prinzessin Iulia, offenbar überglücklich, dass ihr endlich jemand Glauben schenkte, begann vor Freude fast zu weinen. Mit einem Schlag wich alle Verzweiflung aus ihrem Gesicht. Sie fiel auf die Knie und dankte den Göttern, dass ihre Gebete endlich erhört wurden. Die Polizisten und der Priester sahen sich nur überrascht an. Veyron lächelte vielsagend, Tom dagegen vor Erleichterung. Es brauchte ein paar Augenblicke, ehe Iulia sich wieder fasste, hinsetzte und mit ihrer Geschichte begann.
2. Kapitel: Iulias Geschichte
»Das Unglück verfolgt mich. Ich weiß gar nicht, wo es seinen Ursprung nahm. Schon immer hatte die kaiserliche Familie viele Gründe zum Trauern, doch so schlimm wie in den letzten vier Jahren war es nie zuvor. Ich fürchte um all meine Verwandten. Der Tod bedroht sie.
Wie Ihr vielleicht wisst, bin ich Iulia Livia, Tochter des Honorius Livius Caesar. Dort, wo ich herkomme nennt man mich nur Iulia, daher bitte ich Euch, es ebenfalls zu tun. Ich bin die Enkeltochter des Tirvinius Caesar Augustus. Er ist Kaiser des Imperium Maresium. Wir Maresier sind Abkömmlinge des legendären Römischen Reiches. Unsere Vorfahren gelangten in der Zeit Kaiser Neros nach Elderwelt, und bis heute hat sich die römische Lebensart in unserem Reich erhalten. Doch es war erst der vergöttlichte Illaurian, der unsere Stadt, Gloria Maresia, nach dem Vorbild Roms umbauen ließ und viele vergessene Sitten wiederbelebte. Mein Großvater ist sein Nachfolger als Augustus. Seither teil sich die kaiserliche Familie in zwei Zweige: die Aurelier, die ihre Abstammung direkt auf Illaurian zurückführen, und die Livier, die dem Haus meines Großvaters entspringen.«
Veyron hielt die Augen geschlossen, doch sein Gesicht verriet die tiefe Konzentration, in die er versunken war.
»Ich verstehe, dass Ihr sehr stolz auf Euren großen und edlen Stammbaum seid, Prinzessin. Bitte konzentriert Euch dennoch lediglich auf jene Elemente, die für das Problem, welches Euch plagt, von Bedeutung sind«, sagte er.
Die maresische Prinzessin nickte gehorsam.
»Wie Ihr wünscht. Der oberste der Aurelier war Talarius, der Neffe meines Großvaters und verheiratet mit Marcia Pelena, der Enkeltochter des vergöttlichten Illaurian. Den beiden wurden viele Kinder geschenkt: drei Töchter und drei Söhne, deren Ältester Nero Caesar ist.
Talarius und mein Vater Honorius verstanden sich prächtig. Sie waren wie Brüder, Talarius ein begabter Feldherr, mein Vater dagegen ein geschickter Redner. Keiner neidete dem anderen seinen Erfolg. So kamen sie auf die Idee, ihre ältesten Kinder miteinander zu vermählen, um die Verbindung der beiden kaiserlichen Familienzweige zu stärken. Wir waren erst vierzehn und kannten uns seit Kindheitstagen. Der junge Nero wurde mein Gemahl. Das liegt jetzt acht Jahre zurück.
Es hätte eine glückselige Zeit werden können, doch nur kurz nach unserer Hochzeit verstarb Talarius, von einem alten Neider feige vergiftet. Es war eine abscheuliche Tat; die Empörung im ganzen Imperium war immens. Talarius galt als ein Volksheld, der die wilden Barbaren aus Turanon im Norden erfolgreich bekämpft hatte. Umso entsetzlicher waren daher die Umstände seines Ablebens.«
Die Prinzessin machte eine kurze Pause und befeuchtete mit der Zunge ihre Lippen.
Tom eilte sofort in die Küche und holte ihr ein Glas Wasser. Ohne jeden Dank nahm sie es entgegen, schaute ihn dabei nicht einmal an. So was Unhöfliches hatte Tom bisher kaum erlebt. Er schüttelte den Kopf.
Iulia schien ihren Fehler zu bemerken.
»Verzeiht mir, junger Herr. Ich bin die Sklaven im Palast gewohnt, die einem alles reichen. Bitte nehmt meine Entschuldigung an«, sagte sie.
Veyron räusperte sich laut.
»Zurück zum Tod des Helden Talarius«, raunte er ungeduldig.
Iulia nickte und fuhr fort. »Um diese Zeit geschah es, dass wie aus dem Nichts Marcus Corvinus Consilianus auftauchte, ein junger Soldat der Prätorianergarde. Zunächst fiel er niemandem groß auf. Seine Herkunft war unbedeutend, der Sohn eines einfachen Eques, eines Mitglieds des Ritteradels. Doch es begab sich etwas, das ihn bis in die Spitze des Reiches beförderte. Durch einen seltsamen Zufall rettete er Großvater Tirvinius das Leben, als dieser während einer Reise in den Hinterhalt einer Räuberbande geriet. Aus Dank beförderte ihn Tirvinius in den Rang eines Gardepräfekten. Consilian gehörte fortan zum engsten Beraterkreis des Kaisers. Ich habe nie erlebt, dass einer seiner Ratschläge schlecht oder unklug gewesen wäre. Tirvinius begann immer öfter auf ihn zu hören und Consilians Einfluss wuchs beständig weiter.
Was für politisches Talent! Sogar der Senat, ansonsten der Streitsucht anheimgefallen, schenkte Consilian sein Vertrauen, so klug und weise wusste er Reden zu halten. Er war tüchtig, hatte mit Erlaubnis des Kaisers die gesamte Reichsverwaltung reformiert und sie effizienter gemacht. Die Einführung des kaiserlichen Verwaltungsamtes geht allein auf Consilian zurück.
Einem einzigen Mann war Consilian nichtsdestotrotz ein Dorn im Auge: meinem Vater. Honorius fühlte sich zurückgesetzt und es störte ihn sehr, dass ein einfaches Mitglied des Ritterstandes größeren Einfluss am Hofe genoss als der leibliche Erbe des Augustus.«
Veyron hob interessiert die Augenbrauen, als er all das hörte.
»Aha, ein zweiter Seian«, erkannte er.
Iulia schüttelte aufgebracht den Kopf.
»Ihr könnt Consilian nicht mit dieser Gestalt unserer Ahnen vergleichen. Seianus war ein vom Ehrgeiz angetriebener Verräter und Mörder, aber Consilian ist bescheiden, weise und gütig. Er hat noch nie irgendetwas für sich verlangt. Das Amt als Präfekt der Garde wurde ihm vom Kaiser verliehen, ohne dass er sich darum beworben hätte. Consilian arbeitet allein zum Wohl des Reiches«, verteidigte Iulia den Mann.
Veyron nickte. »Ich verstehe«, behauptete er. Ein spitzbübisches Lächeln huschte über seine dünnen Lippen.
»Ich nehme an, Euer Vater ist schließlich ebenfalls durch ein Unglück ums Leben gekommen?«
Iulia rang erschrocken nach Luft, ihr Gesicht wurde blass. Tom glaubte, die vielen, widerstreitenden Gefühle der jungen Frau deutlich zu erkennen.
»Woher wisst Ihr das?«, schnappte sie.
Veyron zuckte nur mit den Schultern.
»Lediglich eine Vermutung, Prinzessin. Des Weiteren vermute ich, dass der Tod Eures Vaters bis heute noch nicht aufgeklärt wurde.«
»Bei Juno, genauso ist es geschehen. Aber das war noch längst nicht alles.« Ein Hauch von Furcht schwang in ihrer Stimme mit.
»Es ist jetzt fünf Jahre her, dass mein Vater starb. Erneut war die Trauer groß im ganzen Reich. Großvater Tirvinius traf der Tod seines einzigen leiblichen Kindes besonders schwer. Er hat sich auf eine einsame Insel zurückgezogen und seither keinen Fuß mehr in die Hauptstadt gesetzt. Doch das Leben ging weiter. Mein junger Gemahl, Nero Caesar, war der Nächste in der Thronfolge. Das Volk feierte seine Adoption durch den Augustus.«
Veyron schmunzelte, als er das hörte. Er rieb sich die Hände und bedachte Iulia mit einem wissenden Blick. Tom hätte wetten können, dass Veyron längst in der Lage war, das weitere Geschehen genau vorauszusagen.
»Consilians Einfluss beim Kaiser wurde nach dem Tod Eures Vaters noch größer. Das Verhältnis zwischen dem Augustus und seinen neuen Erben verschlechterte sich deshalb«, sagte er.
Iulia nickte, den Kopf beschämt zur Seite gedreht.
»So war es. Ihr könnt Gedanken lesen, Meister«, rief sie.
Veyron lächelte in sich hinein. Mit einem Wink seiner Hand, forderte er Iulia auf, fortzufahren. Die Prinzessin leistete dem gehorsam Folge.
»Marcia Pelena war nun die Herrin des Hauses der Aurelier, überaus stolz darauf, vom direkten Blute Illaurians abzustammen. Sie ist streng, gebieterisch und in Philosophie zeigt sie sich ebenso bewandert wie in Politik. Sie diskutiert mit Senatoren und Philosophen, beherrscht mehrere Sprachen fließend und ist eine ausdauernde Sportlerin. Sie kann sogar mit Schwert und Speer umgehen. Manchmal benimmt sie sich wie eine Amazone, führte sogar einmal eine Legion in die Schlacht. Für eine maresische Fürstin ziemt sich ein solches Verhalten jedoch nicht.
Dieser Stolz nahm weiter zu, nachdem Talarius verstorben war. Ihr gefiel der wachsende Einfluss Consilians nicht, und sie fürchtete, Tirvinius könnte ihn ihren drei Söhnen vorziehen. Daher sprach sie bei zahlreichen Gelegenheiten gegen Consilian und hetzte ihre Söhne gegen den wichtigsten Ratgeber des Augustus auf.
Consilian begegnete diesen Anschuldigungen mit Gleichmut. Bei keiner einzigen Gelegenheit verteidigte er sich, sondern überließ allein dem Senat oder seinem Herrn die Entscheidung. Beispielhaft, wie es jeder Beamte sein sollte, erfüllte er seine Pflicht als Verwalter des Reichs, befolgte loyal die Gesetze und Anweisungen des Augustus. Ich sagte ja schon, einen vorbildlicheren und selbstloseren Politiker hat das Imperium noch nicht erlebt. Natürlich erntete er dafür Hass, ebenso mein Großvater.
Nero begann, böse Reden gegen Consilian zu halten. Vor dem Senat stellte er die Entscheidung meines Großvaters infrage. Das war eine Erniedrigung des Kaisers, und das in aller Öffentlichkeit. Ich war entsetzt, denn selbst mir gegenüber wollte sich Nero nicht zusammen reißen. Er nannte meinen Großvater einen Narren, der auf beiden Augen blind sei. Consilian, den bravsten aller Bürger und tüchtigsten aller Politiker, hieß er einen Verräter und Mörder. Ich war fassungslos, Meister Swift, schlichtweg fassungslos.«
Veyron kniff die Augen kurz zusammen. Iulia atmete mehrmals tief durch, rang um Fassung. Die vergangenen Ereignisse nahmen sie immer noch mit. Tom fürchtete, sie könnte jeden Moment ohnmächtig zusammenbrechen.
»Also habt Ihr Euch jemanden anvertraut«, erkannte Veyron. Tom konnte aus dem Gesicht seines Paten ablesen, dass dieser schon viel weiter dachte. Veyron wusste bereits, was geschehen war noch ehe die Prinzessin davon berichtete.
»Was hätte ich tun sollen? Was Nero da tat, war Hochverrat. Er meinte sogar, dass es klug wäre, mit aller Gewalt gegen Consilian vorzugehen. Er hoffte, er könne den Senat gegen diesen Mann aufbringen. Ich hatte keine Wahl, ich musste jemanden davon erzählen. Ein Blutbad stand zu befürchten und ich wusste nicht, was in meinen Mann gefahren war. Nero war immer so ein netter und guter Mensch gewesen, mit dem Herz eines Künstlers und dem Verstand eines Philosophen. Für Politik oder das Militär hatte er sich nie viel interessiert. Doch jetzt schien er mir wie ausgewechselt, ein Intrigant und Usurpator!
Also erzählte ich meiner Mutter davon, und sie wiederum vertraute sich Consilian an. An ihn konnte sie sich stets wenden, seit mein Vater verstorben war, auch davor zog sie ihn schon des Öfteren ins Vertrauen. Er ist ein meisterhafter Zuhörer, voller Verständnis und weiser Ratschläge. Nie hat er dafür einen Gefallen erbeten, ein wahrer Ritter, wenn Ihr versteht was ich meine.«
»Consilian hat – als Ehrenmann – natürlich keine Anklage erhoben, sondern die Entscheidung dem Augustus und dem Senat überlassen«, schlussfolgerte Veyron. Iulia bestätigte das.
»Ich sehe, Ihr beginnt, Consilian zu begreifen. Was für ein anständiger Mensch er doch ist. Es wäre sein gutes Recht gewesen, vor dem Senat Anklage gegen diese Verleumdungen zu erheben; vom Verrat am Augustus ganz zu schweigen.
Mein Großvater war nicht so nachsichtig. Er erhob Anklage und fällte auch das Urteil. Verbannung aus der Hauptstadt und Kerker auf Loca Inferna, der schrecklichsten Insel im ganzen Reich. Ich versichere Euch, das wollte ich nicht. Zwei Jahre ist das jetzt her, solange ist der arme Nero schon in jenem schrecklichen Gefängnis eingekerkert. Was habe ich nur getan? Was ist, wenn er dort stirbt noch bevor ihm vergeben wurde? Es heißt, sie lassen ihre Gefangenen dort verhungern. Ich weiß nicht, ob ich mir das jemals verzeihen kann.«
Iulia wirkte regelrecht verzweifelt, biss sich in die Fingernägel. Sie zitterte am ganzen Körper.
Veyron blieb natürlich davon gänzlich ungerührt.
»Die Ehe mit Nero wurde natürlich umgehend geschieden.«
Iulia nickte stumm. Es brauchte einen Moment, ehe sie wieder Worte fand.
»Er wurde aus der Thronfolge ausgeschlossen und verstoßen. Sein jüngerer Bruder, Claudius Caesar, empörte sich gegen den Ratschluss des Augustus und erhob Anklage gegen Consilian, den er als gemeinen Verschwörer bezeichnete. Das erregte ebenfalls den Zorn des Augustus. Mein Großvater ließ nun auch den Claudius verhaften und in den Stadtkerker sperren. Dort sollte er bleiben, bis er wieder zu Verstand käme. Dieses Urteil erschien mir zu hart, viel zu hart. Zusammen mit ihren ältesten Söhnen wurde dann auch noch Marcia Pelena verbannt und ins Exil geschickt. Mein Großvater war ihres stolzen Gehabes schon lange überdrüssig. Sie war einfach zu ehrgeizig und ihr Einfluss auf ihre Söhne verderblich gewesen.
Mir tut es vor allem um Nero leid. Ich verstehe immer noch nicht, wie er sich zu solch einem abscheulichen Verhalten hinreißen lassen konnte.«
Tom fand die ganze Erzählung dramatisch und traurig. Er mochte sich gar nicht ausmalen, welche Qualen die beiden jungen Prinzen in den schrecklichen Verliesen litten. Veyron allerdings schmunzelte. Tom fand das nicht nur absolut unpassend, sondern obendrein geschmacklos. Veyron sollte sich ruhig was schämen.
»Ich nehme jedoch nicht an, dass Prinz Neros sonderbares Verhalten der Grund dafür ist, dass Ihr die gefährliche Reise von Maresia nach Fernwelt unternommen habt, um dort die Simanui zu finden«, meinte Veyron schließlich.
Iulia verneinte das. »Es war gar nicht meine Absicht gewesen, überhaupt nach Fernwelt zu gelangen. Schuld daran ist die alte Ennia, meine Großmutter mütterlicherseits«, erklärte sie.
»Eines Abends verlangte sie nach mir. Sie ließ mir bestellen, sie hätte dringende Angelegenheiten mit mir zu besprechen und wollte nicht, dass meine Mutter oder Consilian von unserem Treffen erfuhren. Ich fand dieses geheimnisvolle Getue albern, aber Ennia war eine Nichte des vergöttlichten Illaurian, ich schuldete ihr also Gehorsam, selbst ihren Schrullen gegenüber. Sie ist nicht mehr die Jüngste, wenn Ihr versteht worauf ich hinaus will.
›Ah, Iulia, gut, dass du kommst. Wir haben wichtige Dinge zu bereden, die keinerlei Aufschub dulden. Zulange habe ich geschwiegen, doch jetzt, wo die Familie der Aurelier darnieder liegt, muss ich mein Schweigen brechen‹, begrüßte sie mich. Mir fiel auf, dass sie in ihren Räumen alle Vorhänge zugezogen und die Fenster geschlossen hatte. Niemand sollte uns sehen. Sie hatte sogar alle Sklaven nach draußen geschickt, wir waren vollkommen allein.
›Sicher hast du bereits von den neuen Morden unter dem Senatorenadel gehört?‹, fragte sie mich. Ich hatte durchaus davon gehört; jeder in Gloria Maresia wusste davon. Fünf Senatoren waren in den letzten Wochen auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen. Die Vigiles, die Stadtpolizei, sprach von Todesfällen, aber nicht von Morden. Das sagte ich ihr auch, aber Ennia lächelte nur hämisch und winkte ab.
›Es sind Morde, das versichere ich dir. Ich habe mit dem Präfekten Lucius Antoninus gesprochen. Weißt du, wie die Senatoren ums Leben gekommen sind, Marcus Blasius, Gaius Gilbadius und die anderen drei? Sie wurden versteinert!‹
Natürlich wusste ich das bereits. Aber mir wollte beim besten Willen niemand einfallen, der in der Lage war, einen Menschen zu versteinern. Würde ein Mörder nicht jemanden einfach erstechen oder erdrosseln? Dann holte Ennia plötzlich eine kleine Figur unter ihrer Tunika hervor. Es war ein kleines, kunstvoll gestaltetes Gorgonenhaupt, gemacht aus weißem Marmor, mit vergoldeten Schlangenhaaren.
›Der Orden der Medusa, so nennen sie sich. Es ist eine professionelle Mörderbande. Schon seit Jahren schlagen sie immer wieder vereinzelt zu und hinterlassen bei jedem ihrer Opfer ein solches Gorgonenhaupt. Schon lange haben sie unsere Familie im Auge. Wir sind alle in Gefahr, Iulia, Aurelier wie Livier. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der Orden der Medusa erneut zuschlägt und einen von uns erwischt‹, erklärte meine Großmutter. Sie klang ganz gefasst, überhaupt nicht aufgeregt oder verängstigt. Da wusste ich, dass sie es absolut ernst meinte.
›Aber wer steckt dahinter‹, fragte ich.
Ennia lachte kurz auf, offenbar amüsiert ob meiner Ratlosigkeit.
›Eine uralte und böse Macht, mein Kind. Uralt und den Menschen feindlich gesonnen. Allein Medusa ist in der Lage Menschen in Statuen zu verwandeln. Sie will Rache an uns nehmen, an jedem Menschen. Mit dieser Gefahr können wir nicht fertig werden, nicht mit Medusa, der Gorgonenkönigin. Wir brauchen die Simanui. Jemand von uns muss sie um Beistand bitten. Ich aber bin zu alt dafür. Die Strapazen einer solchen Reise würde ich nicht überleben‹, sagte sie.
Ich schlug vor, sie solle doch einfach Boten aussenden, aber sie war sofort dagegen.
›Niemand außerhalb der Familie darf auf diese Reise gehen. Du musst das tun, Iulia. Ich kann weder deine Mutter noch deinen Onkel Livius schicken. Er ist ein Trottel, der viel zu viel herumschwätzt. Auch den jungen Gaius Aurelius, oder eine seiner Schwestern, wage ich nicht einzuweihen. Ich fürchte, dass sofort Verdacht auf sie fallen wird. Sie sind von aurelischem Blut und stehen unter Beobachtung. Deiner Mutter kann ich auch nicht mehr vertrauen, Consilian hat ihr Herz erobert.‹
Ich wurde sofort wütend, weil selbst Ennia in diese verächtliche Haltung gegenüber Maresias fähigstem Mann verfiel. Sofort verteidigte ich den Prokurator, aber Ennia wurde zornig. Der Ernst in ihrer Stimme ließ mich sofort wieder verstummen.
›Consilian ist nicht vertrauenswürdig! Ich verdächtige ihn, und das mit gutem Grund. Woher, denkst du, habe ich dieses Gorgonenhaupt? Glaubst du, es lag einfach vor meiner Haustür herum, oder ich habe es auf dem Markt gekauft? Nein, ich habe es aus Consilians Villa! Dort lag es, auf einem Tisch, einfach so!‹ Sie schrie beinahe und schüttelte ihre kleinen Fäuste.
Ich war zu erstaunt und schockiert, um etwas zu erwidern.
›Vielleicht hat der Orden der Medusa auch Consilian im Visier‹, versuchte ich eine andere Erklärung zu finden, denn dies erschien mir viel wahrscheinlicher als Ennias Paranoia. Sie litt selbst nach sieben Jahren noch immer unter dem vorzeitigen Tod ihres geliebten Sohnes Talarius. Auch die Verhaftungen von Pelena, Nero und Claudius hatten sie schwer mitgenommen. In jeder Ecke vermutete sie Verrat gegen das Haus der Aurelier. Ihr Zorn richtete sich dabei auf den armen Consilian.
Ich dagegen wusste, dass die erst kürzlich ermordeten Senatoren allesamt Freunde und Unterstützer Consilians waren. So war es für mich nur logisch, dass der Orden nach Consilians Leben trachtete. Aber mit Ennia brauchte ich das nicht zu erörtern.
›Ich gehe zu den Simanui, ich werde die alten Zaubermeister um Hilfe ersuchen, ganz so, wie du es wünschst‹, tat ich meinen Entschluss kund. Wenn Medusa und ihre Leute es schafften, selbst in Consilians Villa einzudringen und dort ihre Warnungen zu hinterlassen, dann war tatsächlich ganz Maresia in höchster Gefahr.
Ennia fiel mir sofort um den Hals, küsste mich auf die Stirn und begann, vor Freude zu weinen. Ich half ihr auf die nächste Liege. Sie beruhigte sich wieder.
›Du wirst mit nur wenigen Getreuen reisen können, deine Sklavinnen müssen zuhause bleiben. Du wirst erklären, dass du nach Neavenna reist, um dich ein paar Tage zu erholen. Ich gebe dir mein schnellstes Pferd und zwei treue Sklaven mit, die mir schon seit Jahrzehnten ohne jeden Tadel dienen. Lass eine deiner Freundinnen mit deiner Kutsche nach Neavenna fahren. Ich bin sicher, du findest eine, der du vertrauen kannst. Vielleicht weihst du sie besser gar nicht erst ein, sondern machst ihr diese Luxusreise einfach zum Geschenk. Danach begibst du dich nach Osten. über die Grünen Hügel hinweg, bis in das Hochland. Von dort zum Mons Coronus, dem höchsten Berg Maresias. Es ist eine Reise von drei Tagen, wenn du keine langen Pausen machst. Meine Sklaven kennen den Weg. Meide alle Herbergen, reise mit nur wenig Gepäck. Kleide dich einfach, du darfst kein Aufsehen erregen .Deinen Schmuck lass zurück, auch die Siegelringe. Meine Sklaven werden Proviant für eure Reise dabei haben.‹
Ich erkannte, dass sie alles bereits geplant und vorbereitet hatte. Darum willigte ich in ihre Anweisungen ein. Eigentlich mag ich keine Abenteuer und ihre Maßnahmen erschienen mir übertrieben verrückt. Doch die Aussicht, den Simanui zu begegnen, machte mich dennoch neugierig. Nur wenige Maresier hatten bislang die Ehre, diese edlen Zauberer zu sehen oder gar mit ihnen zu sprechen.
›Wie gelange ich zu den Simanui? Es heißt, sie leben auf einer fernen Insel im Meer, nicht im Norden‹, warf ich ein. Ennia nickte eifrig und erklärte, dass es in den Wäldern auf dem Mons Coronus ein Tor gäbe, durch das man sofort im Land der Simanui landen würde.
›Vor langer Zeit wurde es von einem uralten Zaubervolk geschaffen, den Illauri. Noch niemand aus Maresia ist jemals dort hindurch gegangen, aber ich habe lange Zeit Nachforschungen angestellt und bin überzeugt, dass dies der richtige Weg zu den Simanui ist. Meister Daring kam jedenfalls immer vom Mons Coronus herunter, wenn er unser Reich besuchte, auch wenn das jetzt siebzehn Jahre zurückliegt.‹
Ich war noch immer skeptisch, aber einverstanden. Es war ja nur eine Reise von drei Tagen. Zudem lag unser Ziel innerhalb sicherer Grenzen, was sollte da schon passieren?«
Während sich Veyron alle Details durch den Kopf gehen ließ, nippte Iulia ein weiteres Mal am Wasserglas. Felton und Moore saßen wie zwei brave Schuljungen auf der gegenüberliegenden Couch, während Tom neben der Prinzessin Platz genommen hatte und ihr gebannt zuhörte.
Die Pause dauerte Veyron offenbar zu lange. Darum machte er eine ungeduldige Geste mit der Hand.
Iulia fuhr fort.
»Zwei Tage später brachen wir auf, mitten in der Nacht und nur zu dritt: die Sklaven Titus und Ursus und ich selbst. Die Stadt ließen wir rasch hinter uns. Titus schlug den geraden Weg nach Norden ein. Zunächst folgten wir dem Lauf der Via Imperia, der großen Hauptstraße, doch sobald die Stadtmauern Gloria Maresias außer Sicht gerieten, wichen wir von der Straße ab und ritten querfeldein in Richtung Osten. Niemand schien uns bemerkt zu haben. Zur gleichen Zeit verließ meine Freundin Lucretia Bassia in meiner persönlichen Kutsche die Hauptstadt. Alle Welt sollte glauben, ich wäre es, die nach Neavenna reiste.
Wir schliefen nur wenig, und Titus gab den Rhythmus vor: alle drei Stunden eine Stunde Schlaf. Die beiden Sklaven waren hart im Nehmen, ihnen schien das zu reichen. Ich dagegen schlief mehrmals auf dem Pferd ein. Nicht nur einmal wäre ich beinahe aus dem Sattel gefallen.
Auch am darauffolgenden Morgen blieben wir auf unserer Reise unerkannt. Das lange Reiten war ich nicht gewohnt und mein Gesäß schmerzte bereits. Darum marschierten wir viele Stunden neben den Pferden. Erst später setzten wir unseren Ritt fort. Wir kamen auf diese Weise gut voran und schafften annähernd achtzig Meilen an unserem ersten Tag.
In der nächsten Nacht entdeckte Titus einen Reiter, der uns folgte. Gegen das Licht des Mondes konnten wir seine schlanke Statur erkennen. Es war eine Frau, daran bestand kein Zweifel, vielleicht nur eine Reisende wie wir. Als wir anhielten, um die Reiterin nach ihrem Weg zu fragen, stoppte sie ebenfalls und blieb in sicherer Entfernung. Titus kam dies sofort verdächtig vor, auch Ursus war vorsichtig. Wir beschlossen, diese Nacht durchzureiten und erst bei Tagesanbruch ein Lager aufzuschlagen. Wer war die Unbekannte, warum blieb sie auf Abstand? Fürchtete sie uns, oder sollten wir uns besser vor ihr fürchten?
Mit den ersten Sonnenstrahlen verschwand unsere Verfolgerin plötzlich. Wir gönnten uns etwas Ruhe, glaubten sie abgehängt zu haben. Mittags war sie jedoch wieder da, immer in Sichtweite, doch weit genug entfernt, um nicht mehr von ihr erkennen zu können. Sie trug einen weiten schwarzen Kapuzenmantel, darunter ein schwarzes, ledernes Gewand. Ihr Gesicht war durch einen dunklen Schleier verborgen. Das beflügelte unsere Ängste noch mehr. War es etwa die schreckliche Gorgone? Der ganze Plan Ennias war dahin, alle Heimlichkeit umsonst. Jetzt gab es nur noch eines: Wir mussten den Mons Coronus so schnell als möglich erreichen.«
Iulia legte eine weitere kurze Pause ein und rieb sich die Oberarme, als würde es sie frieren.
Veyron hörte ihr konzentriert und mit geschlossenen Augen zu. Tom konnte jedoch erkennen, wie sie hinter den Lidern hin und her sprangen und die rasenden Gedanken seines Paten verrieten.
»Bitte erzählt Eure Geschichte weiter, Hoheit«, forderte Veyron Iulia auf.
Die Prinzessin blinzelte erschrocken, als hätte er sie aus einem Traum geweckt.
»Verzeiht, Meister Swift. Aber mich erfüllt diese Verfolgerin noch immer mit Schaudern. Nun gut … Inzwischen hatten wir weitere zweihundert Meilen zurückgelegt, die Grünen Hügel lagen direkt vor uns. Es ist eine Kette von Hügeln, keiner sonderlich hoch, aber es sind annähernd fünfhundert, die sich, einem grünen Meer gleich, wie Wellen aneinanderreihen. Dahinter beginnen die ruhigen Gegenden Maresias, wo es kaum Städte gibt, dafür aber viel Ackerbau und Viehzucht. Selbst hier durchzieht die Via Imperia das Reich und riesige Aquädukte leiten Wasser in die wichtigsten Städte des Imperiums. Hinter diesen einfachen Ländereien liegt das Hochland. Dank unserer Verfolgerin wurden wir immer schneller, selbst die kurzen Schlafpausen ließen wir bald aus.
Als wir in der zweiten Nacht ein Lager aufschlugen, verzichteten wir auf ein Feuer und aßen unseren Proviant roh. Das hatte ich noch nie zuvor getan und ich hoffe, ich muss es auch niemals wieder. Eine Reise dieser Art ist nur etwas für Legionäre, aber nichts für jemanden aus dem Senatsadel – und für Frauen erst recht nicht. Mehr als einmal bedauerte ich jetzt, auf Ennias verrückten Plan eingegangen zu sein. Allein die Angst, unserer Verfolgerin in die Arme zu laufen, hielt mich von einer Umkehr ab.
Es war Titus, der schließlich den Plan ersann, unsere Verfolgerin anzugreifen. Er wollte unbedingt herausfinden, wer sie war und warum sie uns verfolgte. Von uns dreien glaubte er am wenigsten, dass es sich tatsächlich um die Medusa handelte, sondern er hielt sie für eine Dirne, die uns im Auftrag Consilians hinterher spionierte. Ursus war ganz seiner Meinung. Ich hatte deshalb keine andere Wahl, als den beiden Sklaven nachzugeben. Was hätte ich auch tun sollen? Meinen Widerworten wollten die beiden nicht Folge leisten. Sie beriefen sich auf Ennias Befehle, nur ihr allein schuldeten sie Gehorsam.
Also stellten wir unserer Verfolgerin eine Falle. Ich ritt allein mit den drei Pferden weiter, während sich Ursus und Titus im Unterholz versteckten, mit Zweigen und Laub getarnt. Wie erwartet zeigte sich unsere Gegnerin in sicherer Entfernung – und tatsächlich: Sie schluckte den Köder! Ursus und Titus warteten, bis sie auf ihrer Höhe vorbeiritt, dann sprangen die beiden aus ihrem Versteck und fielen über sie her. Ursus, ein Riese von einem Mann, packte ihr Pferd am Zaumzeug und hielt es fest, während Titus die Frau aus dem Sattel zerrte. Ich wendete und ritt so schnell ich konnte, um unsere Verfolgerin zu verhören, ehe die beiden Sklaven sie erschlugen.
Meine Sorgen verwandelten sich bald in schreckliche Furcht, denn unsere Verfolgerin war nicht einfach eine billige Dirne, die auf Geld und Abenteuer aus war. Sie war so stark wie Ursus und schneller als Titus. Mit bloßer Hand schmetterte sie die beiden zu Boden. Ich hielt im Galopp auf sie zu und wollte sie niederreiten. Doch die Fremde wirbelte blitzschnell herum und hob ihre Arme. Zwei schwarze Schlangen schossen aus ihren Ärmeln, giftige Vipern mit glühenden Augen. Die Pferde bäumten sich auf, wieherten voller Panik, ich konnte mich gerade noch festhalten. Fast wären die Gäule durchgegangen, aber Titus war sofort wieder auf den Beinen, fing die Leinen ein und beruhigte die Tiere. Ursus zog sein Schwert und erschlug die Vipern. Unsere Verfolgerin dagegen entkam in die Finsternis.
Nun hatten wir Gewissheit: niemand anderes als Medusa selbst war uns auf den Fersen. Wer sonst könnte Vipern nach einem schleudern? Ursus und Titus hatten sogar noch Glück, dass die Gorgone sie nicht versteinerte, sondern den Rückzug bevorzugte.
Titus war unglücklich wegen des Zeitverlusts, darum ritten wir den ganzen nächsten Tag so schnell wie es die Gesundheit unserer Pferde zuließ. Wir schafften an die hundert Meilen bis zum Sonnenuntergang und erreichten das Hochland, dort, wo nur noch vereinzelt Menschen lebten. Der Mons Coronus türmte sich vor uns auf.
Es wurde bereits finsterste Nacht, als wir die Hänge hinauftrabten. Der Weg schlängelte sich an der Seite des Berges hoch, überwuchert mit Gras und kleinen Sträuchern. Aber da wir eine sternenklare Nacht und obendrein Vollmond hatten, konnten wir genug erkennen und den Aufstieg wagen. Doch nun suchte uns das Unglück endgültig heim.
Auf einmal hörten wir lautes Heulen in der Ferne, wie Wolfsgeheul, nur dunkler und bösartiger. Es kam von unten aus dem Tal. Was wir zu sehen bekamen, ließ uns das Blut in den Adern gefrieren.
Acht gewaltige Bestien hielten von Norden her auf uns zu, jedes der Monster größer als ein Pferd. Es waren Fenriswölfe, schreckliche Ungeheuer. Ich kannte sie aus den alten Geschichten, die sich in den Tagen des Dunklen Meisters zugetragen hatten. Sie haben lange Schnauzen voller Reißzähne, runde, kleine Ohren und einen dicken, fleischigen Schwanz. Es heißt, dass die Barbaren im hohen Norden diese Kreaturen noch heute fürchten. Die Pferde bäumten sich auf. Wir bekamen ihre Angst zu spüren. Darum schlugen wir ihnen die Fersen in die Flanken und jagten weiter den Berg hinauf. Der dichte Wald weiter oben war der einzige Schutz vor diesen Bestien, auf den wir hoffen konnten.
Die Fenrisse kamen jedoch nicht allein, sondern trugen Reiter, jeder drei von ihnen. Einmal blickte ich mich um und erkannte, was sie waren: Schrate! Diese krummbeinigen, schiefgesichtigen Unholde mit ihrer krank aussehenden Haut, den fettigen Haaren und Rüstungen aus Stahl, Leder und Fell. Die geheimnisvolle Reiterin war verschwunden – von ihr war weit und breit nichts mehr zu sehen. Vielleicht hatte auch sie vor den angreifenden Fenrissen Reißaus genommen, oder sie hatte die Schrate überhaupt erst alarmiert und auf unsere Fährte geführt.
Die Fenrisse mochten nicht so schnell wie ein Pferd sein, aber sie waren ausdauernder und unsere Tiere waren ob der langen Reise erschöpft. Sie begannen bereits zu stolpern. Die Ungeheuer holten immer weiter auf. Da wendete Ursus plötzlich sein Pferd und stürmte den Schraten mit Gebrüll entgegen.
Titus fluchte und folgte ihm.
›In den Wald, Prinzessin, in den Wald! Findet das Tor der Simanui‹, rief er mir noch zu.
Ich erkannte, dass mir die beiden Zeit verschaffen wollten. Also ritt ich so schnell ich konnte, denn die Angst hatte mich bis tief in die Knochen erfüllt. Noch nie in meinem Leben habe ich mich sosehr gefürchtet. Hinter mir vernahm ich das Kampfgeschrei meiner beiden Begleiter, ihre entsetzten Ausrufe, das mörderische Knurren und Bellen der Fenrisse und das begeisterte, mordgierige Gejohle der Schrate. Die Schlacht war kurz, Reiter samt Pferden wurden vermutlich niedergemacht, erschlagen und zerfetzt. Ich sah sie niemals wieder. Jetzt waren die Schrate hinter mir her.
Mein Tier wurde immer müder, verlor rasch an Geschwindigkeit. Die Fenriswölfe holten auf. Ich trieb mein Pferd weiter an, zwang es die Flanke des Berges hinauf, bis der Wald endlich dichter wurde. Doch so leicht wollten die Schrate nicht aufgeben. Einige waren mit Pfeil und Bogen bewaffnet und schossen wütend hinter mir her. Zum Glück waren sie keine begnadeten Schützen, aber ein einziger glücklicher Treffer würde reichen, um mir den Tod zu bringen. Und tatsächlich: ein Pfeil erwischte mein Ross. Es bäumte sich vor Schmerz auf, verlor das Gleichgewicht, stürzte und warf mich aus dem Sattel. Schnell war mein verwundetes Tier wieder auf den Beinen, stürmte davon und ließ mich zurück. Mein Knöchel war verstaucht, aber die Angst vermag alle Schmerzen zu verdrängen. So humpelte ich in den Wald. Äste peitschten mir entgegen, Wurzeln ließen mich immer wieder stolpern. Es war so dunkel, dass ich nichts mehr sehen konnte. Nur als schwarze Schatten nahm ich Bäume und Strauchwerk wahr. Hinter mir brüllten und lachten die Schrate, die Fenrisse bellten und fauchten. Zweige brachen laut knackend, als die Ungeheuer ins Unterholz vordrangen.«
Iulia zitterte am ganzen Körper.
Inspektor Moore fühlte sich genötigt, aufzustehen und sein Jackett um ihre Schultern zu legen. Sie schenkte dem Polizisten ein dankbares Lächeln. Tom war entrüstet, dass Veyron einfach nur dasaß und nichts weiter für das Wohlbefinden der armen Frau tat.
»Bitte keine Unterbrechungen, Prinzessin. Erzählt den Rest Eures Abenteuers«, sagte er so kalt und herzlos, als wäre er nur eine Maschine.
»Der Wald wurde immer dichter, ständig verfing sich mein Haar im Geäst, und Dornen zerfetzten meine Tunika. Die Schrate hatten ihre Bestien zurückgelassen, jagten jetzt zu Fuß hinter mir her. Sie machten dabei einen furchtbaren Lärm, fluchten derb und drohten mir mit allerhand Grausamkeiten, wenn ich nicht sofort aus meinem Versteck herauskäme.
Meine Kräfte gingen zu Ende, ich brauchte eine Pause. Meine Beine zitterten, mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich gelangte schließlich auf ein flaches Plateau, das an der Westflanke des Berges lag. In der Mitte stand ein großer, steinerner Bogen, weder gemauert noch gemeißelt, sondern von Wind und Regenwasser in seine erstaunliche Form geschliffen, von oben bis unten verwittert. Drumherum war der Wald immer noch sehr dicht. Die Chancen standen nicht schlecht, dass die Schrate mich hier gar nicht fanden. Wo sollte ich auch sonst hin? Ich konnte mich ja kaum mehr auf den Beinen halten. Also schleppte ich mich zum Torbogen und stieg hindurch, wollte mich hinter den Felsen verstecken, nur für einen kurzen Moment.
Dann geschah etwas Seltsames: genau in diesem Moment veränderte sich die Landschaft. Ich war noch immer in einem dunklen Wald, doch der Berg war verschwunden, das Land ringsum flach. Hinter mir stand der steinerne Torbogen, alles andere schien mir jedoch fremd. Selbst von den Schraten konnte ich nichts mehr hören. Diese Unholde sind allerdings für ihre Gerissenheit bekannt. Vielleicht lauerten sie mir in der Nähe auf.
Die unerwartete Wendung der Ereignisse verlieh mir jedenfalls neue Kräfte. Ich kämpfte mich weiter durchs Unterholz, bis der Wald lichter wurde und ich mehr von der Landschaft erkennen konnte. Tatsächlich befand ich mich jetzt in einem flachen Tal, doch es war nicht das Land, welches den Mons Coronus umgab.
Ich war nicht länger in Maresia. Allmählich wurde mir bewusst, dass ich es geschafft hatte. Der Felsbogen musste das Tor der Simanui sein! Ohne Ziel oder Orientierung marschierte ich weiter. Nirgendwo fand ich ein Anzeichen, dass ich auch tatsächlich bei den Simanui gelandet war. Die Nachforschungen der alten Ennia hatten sich als trügerisch erwiesen. Doch schon im nächsten Moment verwarf ich diese Zweifel wieder.
Ich stieß auf eine sonderbare Straße, schwarz und glatt, überhaupt nicht wie die gepflasterten Straßen des Imperiums. Wie aus dem Nichts tauchten plötzlich aus der Finsternis zwei Lichter auf, wie die Augen eines Drachen. Ich war vor Angst wie versteinert. War ich einem weiteren Ungeheuer in die Falle getappt? Am Ende vielleicht sogar Medusa persönlich? Tatsächlich schoss die Bestie genau auf mich zu und machte dabei einen furchtbaren Lärm. Ich vermochte nichts anderes zu tun, als die Hände vor die Augen zu halten und die Götter anzuflehen, dass es nur schnell vorbei sein möge.«
Sie stutzte und hob verwundert den Kopf.
»An alles, was danach geschah, kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich erwachte in diesem seltsamen, hellen Raum. Offenbar gehörte er zu einem Krankenhaus wie mir der freundliche Pater Felton versichert hat. Fernwelt ist bei uns in Elderwelt nur ein Mythos, gefüllt mit den tollsten Wundern. Die Wahrheit ist jedoch vielfach erstaunlicher und erschreckender, als ich je zu träumen wagte«, schloss sie ihre Erzählung.
Veyron öffnete die Augen. Mit einem plötzlichen Anfall von Hyperaktivität schnellte er aus seinem Ohrensessel hoch und marschierte mit hastigen Schritten im Wohnzimmer auf und ab.
»Ah ja, jetzt verstehe ich endlich die Zusammenhänge«, meinte er mit einer Begeisterung, die niemand sonst nachvollziehen konnte. Er lachte kurz auf, drehte sich zu seinen Klienten um und klatschte laut in die Hände.
»Hervorragend! Ich muss mich bei Euch bedanken, Prinzessin. Eure Geschichte erhellt einige meiner eigenen Rätsel der letzten Zeit. Ja, ich denke ich kann Euch helfen. Ich werde versuchen, Euch mit den Simanui in Kontakt zu bringen. Jedenfalls müssen wir Euch so schnell wie möglich wieder zurück nach Elderwelt bringen. Eure Mutter und die alte Ennia werden sich große Sorgen machen. Vorübergehend möchte ich Euch jedoch wieder der Obhut der beiden Gentlemen hier anvertrauen. Ich werde derweil Eure Rückkehr arrangieren und Inspektor Moore Bescheid geben, wohin er Euch bringen soll, wenn alles bereit ist«, erklärte Veyron, jetzt wieder sachlich und gelassen.
Die Prinzessin erhob sich, knickste vor Veyron und küsste seine Hand. Tom fand das erstaunlich, offenbar war das ein Dankbarkeitsritual in Maresia. Sie wandte sich an Inspektor Moore und Pater Felton. Letzterer war der Schnellere, sprang auf und reichte ihr die Hand. In Begleitung der beiden Constables führte er sie nach draußen.
Moore blieb sitzen und schüttelte den Kopf.
»Was für eine verrückte Story. Die Lady hat ja eine blühende Phantasie«, brummte er.
Veyron war anderer Meinung.
»Angesichts der Tatsache, dass sie mit jedem Wort die Wahrheit sagte, bleibt nur der Schluss übrig, dass Sie vielleicht doch ein Idiot sind, wenn Sie derartigen Unsinn von sich geben, Moore. Jetzt hören Sie mir mal gut zu! Sie sind für den Schutz dieser jungen Dame verantwortlich. Sie werden mit ihr nicht in dieses Hotel zurückkehren, sondern sie bringen sie auf die nächste Polizeiwache. Rufen Sie Gregson an und sagen Sie ihm, dass Sie von Veyron Swift geschickt werden und eine sichere Unterkunft brauchen. In genau drei Tagen brechen Sie zusammen mit der Prinzessin zu einem Ort namens Wisperton auf. Niemand außer Gregson oder Pater Felton darf Sie begleiten.
Ich wollte es vor der jungen Dame nicht erwähnen, aber sie ist auch in unserer Welt nicht sicher. Ich fürchte, sie ist da in eine Sache hineingeraten, an der weitaus größere und gefährlichere Mächte beteiligt sind, als sie sich vorstellt. Ihre Gegner haben auch hier, mitten in London, ihre willfährigen Handlager. Ich sage es ganz deutlich: Prinzessin Iulia schwebt in Lebensgefahr.«
Veyron beugte sich zu Moores Ohr und flüsterte ihm etwas zu. Seine dunkle Stimme klang so finster und drängend, dass Tom ein mulmiges Gefühl bekam.
Moore nickte, sein Blick wild entschlossen. Was immer ihm Veyron auch zugeflüstert hatte, offenbar nahm er ihn jetzt endlich ernst.
»Ich werde alles genau befolgen, Mr. Swift. Ich dachte mir schon, dass da was nicht stimmt. Ich hoffe nur, Sie bringen rechtzeitig Licht ins Dunkel. Aber vergessen Sie nicht: Das ist eine Angelegenheit der Polizei. Wenn Sie einen Hinweis haben, dann müssen Sie …«
Veyron unterbrach ihn mit einer wegwerfenden Handbewegung.
»Sie brauchen mich nicht zu belehren, Moore! Ich kenne die Gesetze! Keine Sorge, Ihre Kollegen bekommen noch genug zu tun. Ich verlange nur eines: Befolgen Sie präzise meine Anweisungen. Der Erfolg wird für sich sprechen.«
Moore nickte, verabschiedete sich von Tom und Veyron.
»Ich versichere Ihnen, Ihrer Prinzessin wird nichts geschehen«, sagte er zuletzt und verschwand durch die Haustür.
Tom hatte plötzlich ein ganz mieses Gefühl. In was für eine Sache waren sie denn nun schon wieder reingeraten?
3. Kapitel: Flucht aus London
Die Haustür war kaum ins Schloss gefallen, als Veyron Swift regelrecht in hektischer Aktivität explodierte. Er sprang mit einem gewaltigen Satz über die Couch, nahm sich ein Buch aus dem nächsten Regal und blätterte es durch. Dabei huschte er mit rasenden Schritten von einem Ende des Wohnzimmers zum Anderen. Plötzlich stieß er einen lauten Jubelschrei aus und warf Tom das Buch zu.
»Ein perfektes Match, Tom! Absolut perfekt! Wir haben einen neuen Fall, mein Lieber. Endlich ist sie um, die Zeit der Lethargie und Langeweile.«
Tom fing das Buch überrascht auf, blickte auf den Einband. Tacitus – Annalen, klassische Literatur. Englisch/Latein. Eindeutig nicht sein Fall.
»Ich versteh nicht, was das mit diesem alten Wälzer zu tun hat«, gestand er mit einem Schulterzucken und legte das Buch auf den Tisch. Veyron machte eine flehende Geste zur Zimmerdecke.
»Weißt du denn gar nichts von der Welt? Tacitus ist der Schlüssel! Seine Geschichte über die frühen Cäsaren. Tiberius, Claudius und Nero. Wir haben ein perfektes Match. Jemand in Elderwelt benutzt Tacitus als Anleitung um die hiesige Cäsarenfamilie auszulöschen, verstehst du das denn nicht?«
»Nein.«
Veyron drückte sich mit einem Seufzen die Augenlider mit den Fingern zu, seine übliche Geste, wenn er sich über die scheinbare Begriffsstutzigkeit seiner Gesprächspartner ärgerte.
»Vergiss es wieder, glaub mir einfach, dass es genauso ist. Wir sind wieder im Spiel und haben einen neuen Fall! Das wird die herbe Enttäuschung unseres letzten Abenteuers aufwiegen«, sagte er.
Tom erinnerte sich sofort wieder an diese Tommerberry-Sache, ein richtiger Flop. Die Leiche eines Buchhändlers war spurlos verschwunden, vor den Augen der Polizei. Veyron konnte jedoch blitzschnell die Wahrheit herausfinden: Der alte Tommerberry hatte seinen Tod lediglich fingiert. Nicht Magisches, keine Zauberei, keine Unwesen. Veyron war so demoralisiert gewesen, dass er sich tagelang in seinem Arbeitszimmer eingeschlossen und nichts anderes getan hatte, als aus dem Fenster zu starren.
Nun schien diese depressive Phase endlich ein Ende zu haben. Lebendig wie eh und je, jagte Veyron hinauf in sein kleines Arbeitszimmer, begann in seinen Akten und Papierstapeln zu wühlen. Tom folgte ihm, denn er wollte natürlich wissen, was sein Pate als nächstes plante.
Über der Eingangstür hing das einzige Mitbringsel ihres ersten Besuchs in Elderwelt: das Daring-Schwert, festgehalten von ein paar krummen Nägeln. Tom staunte jedes Mal, wenn er die elegante Waffe sah. Es war ein Rapier, mit einem sehr kunstvoll gestalten Korb, die lange, schmale Klinge mit einem Muster aus blauen Juwelen beschlagen. Tom erinnerte sich noch genau, wie ihnen dieses Schwert einige Male wertvolle Dienste geleistet hatte. Es war eine Zauberwaffe, mit vielen erstaunlichen Fähigkeiten. Es konnte sich in Nichts auflösen, wenn man es nicht brauchte und rief man den Geist an, der in dieser Waffe steckte, so erschien sie ebenso wie aus dem Nichts. Zudem war sie federleicht und scharf wie geschliffene Diamanten. Er seufzte, als er daran dachte.
»Werden wir Elderwelt wieder besuchen? Ich würde gerne dorthin zurückkehren«, sagte er.
Veyron hielt inne. Er sah Tom für einen Moment streng an, nur um letztlich den Kopf zu schütteln.
»Im Moment wird das nicht notwendig sein. Meine Mission besteht eigentlich nur darin, diese Prinzessin heil nach Elderwelt zurückzuschicken, dafür muss ich nicht extra dorthin reisen. Iulia Livia ist ein Störfaktor und eine Schwachstelle, die ich abstellen muss, um mich dann dem wahren Problem ungestört widmen zu können«, erklärte er.
»Ein Störfaktor, eine Schwachstelle? Geht’s noch? Diese Frau hat ihr Leben riskiert um hierher zu kommen und Sie wollen sie einfach loswerden?«
Tom war entrüstet, stemmte sich die Fäuste in die Hüften. Beindrucken konnte er Veyron damit allerdings nicht.
»Kurz gesagt: ja. Das eigentliche Problem ist ganz ein anderes. Ich bin an einer gefährlichen Sache dran. Zunächst hielt ich sie für trivial, aber nun weiß ich, dass dem nicht so ist. Medusa-Morde, Tom! Versteinerte Mordopfer, das hat man nicht alle Tage. Auf so einen Fall warte ich schon seit neun Jahren.«
»Das ist ja wieder einmal typisch! Sie interessieren sich lieber für versteinerte Leichen, als für Menschen, die in Not geraten sind!«
Veyron schaute Tom voller Verständnislosigkeit an.
»Was sonst sollte mich an diesem Fall interessieren?«
»Die betroffenen Menschen zum Beispiel? Die arme Iulia, die von Fenrissen verfolgt wurde? Oder was ist mit den beiden Brüdern, die in diesem Gefängnis verhungern müssen? Aber Ihnen sind die Belange Ihrer Mitmenschen vollkommen egal. Ich erinnere Sie an Weihnachten, wo wir oben in Schottland im Schnee standen und irgendwelchen Trollen nachgespürt haben, Trolle die es gar nicht gab!«
Veyron verdrehte die Augen und winkte ab. »Das war in der Tat ein vollkommener Reinfall. Wenigstens haben wir was gelernt: Vertraue niemals deiner Urteilskraft wenn du verzweifelt einen Fall suchst.«
»Meinen Geburtstag haben Sie auch vergessen!«
Veyron zeigte sich nun regelrecht erstaunt, als er diesen Vorwurf an den Kopf geschleudert bekam. Er blinzelte überrascht und betrachtete Tom voller Skepsis.
»Wann hättest du Geburtstag gehabt?«
»Am Dritten Januar!«
Veyron zuckte mit den Schultern. »Na, so wichtig kann der nicht gewesen sein. Ansonsten hätte mich sicher jemand daran erinnert.«
Jetzt platzte Tom endgültig der Kragen. Er spürte wie sein Gesicht blutrot anlief, er musste die Fäuste ballen, um nicht einfach auf diesen Mann loszugehen.
»Nicht wichtig? Ich bin fünfzehn geworden! Und wissen Sie was? Sechzehn werde ich auch noch, aber bestimmt nicht in diesem Haus! Ich hau ab! Jetzt sofort! Sie sind ein Unmensch, hier bleib ich keine weitere Nacht!«
Er stampfte die Treppen hinauf in sein Dachbodenzimmer. Es war groß und geräumig. Das einzige, riesige Fenster bot einen Überblick über die halbe Nachbarschaft. Schnell stopfte er ein paar Sachen in seinen Rucksack und eilte wieder nach unten. Ohne sich zu verabschieden, nahm er den direktesten Weg zur Haustür. Veyron war weit und breit nicht zu sehen. Dafür erklang das angenehme Rauschen der Dusche. Sein Pate tat einfach so, als wäre alles ganz normal! Toms Wut steigerte sich noch weiter. Er ließ die Tür extra laut ins Schloss fallen, sprang die Stufen zum Gartentor hinunter und stürmte hinaus auf die Straße.
Sein Zorn war immer noch heiß, als er die Wisteria Road entlang eilte. Erst acht Straßenlaternen später gelang es ihm, sich halbwegs zu beruhigen.
Dieser elende, herzlose, grausame Mistkerl! Warum musste ich ausgerechnet bei ihm landen? Konnten meine Eltern nicht einen netteren Menschen als Paten aussuchen? Warum um alles in der Welt ausgerechnet er? ging es ihm durch den Kopf. Er war wild entschlossen diesmal nicht so schnell nachhause zurückzukehren, jedenfalls nicht mehr diese Woche. Nur: wo sollte er bis dahin unterkommen? Tom hatte ein paar Freunde an der Schule, aber deren Eltern würden es sicher nicht erlauben, dass er bei denen länger als eine Nacht untertauchte. Er konnte ja schlecht jeden Tag aufs Neue umziehen. Jane wäre dann noch eine Möglichkeit.
Jane Willkins war Polizistin, sie hatte sich um ihn gekümmert, nachdem ihn seine Tante damals allein zurückgelassen hatte. Jane war eine echte Freundin und das Beste: sie konnte Veyron auch nicht besonders gut leiden. Zu ihr war Veyron auch jedes Mal recht gemein, wenn sie miteinander zu tun hatten. Darum also zu Jane.
Tom ging bis zur nächsten Bushaltestelle und wartete. Dabei fiel ihm ein Mann auf, der ganz in der Nähe an einem Laternenpfahl lehnte und telefonierte. Immer wieder schaute der Herr zu ihm herüber. Als Tom den Blick erwiderte, drehte sich der Mann um und sprach leise in sein Telefon. Das kam ihm seltsam vor, ein unangenehmes Gefühl beschlich ihn. Mit diesem Kerl war irgendetwas nicht in Ordnung, das sagte ihm seine Intuition.
»Sei nicht albern«, ermahnte er sich, »was sollte irgendwer von dir wollen, Tom Packard? Wahrscheinlich ist es einfach nur ein Spinner.« Trotzdem wollte er die Augen offenhalten.
Mit einem typisch knallroten Londoner Stadtbus ging es zur nächsten Underground-Station. Einige Haltestellen später war er endlich in Ealing. Den komischen Kerl hatte er im Bus nicht abschütteln können und auch in der Tube nicht. Er stieg sogar in den nächsten Bus ein, der Tom in die Reigate Street brachte. Wurde er tatsächlich verfolgt? Das Verhalten dieses Mannes kam ihm jedenfalls sehr verdächtig vor. Die Geschichte der Prinzessin kam ihm wieder in den Sinn, wie sie tagelang von Medusa verfolgt wurde. Erging es ihm hier ähnlich? Hatten Iulias Feinde sie etwa auch bis nach London verfolgt? Vielleicht war es aber auch irgendein verrückter Stalker. Als sein neuer Schatten diesmal jedoch nicht ausstieg sondern weiterfuhr, verflüchtigten sich Toms Sorgen wieder.
»Offenbar werde ich langsam paranoid. Es leben acht Millionen Menschen in der Stadt und der Typ war ja nicht der Einzige, der mit dem gleichen Bus und der Tube gefahren ist«, sagte er sich.
Jane Willkins Wohnung lag im vierten Stock von 270b Reigate Street, einem schmucklosen Wohnturm aus den Siebzigern. Dort lebte sie mit ihrem aktuellen Freund, Alex Finchley. Tom kannte ihn nicht besonders gut, denn er arbeitete sehr viel, war nur wenig zu Hause. Die Wahrscheinlichkeit lag daher hoch, dass er Jane allein antraf. Sie würde bestimmt nichts dagegen haben, wenn er übers Wochenende bei ihr blieb.
Er trat zur Eingangstür, klingelte. Es verging ungewöhnlich viel Zeit, ehe sich Janes helle Stimme an der Sprechanlage meldete.
»Ja?«
»Ich bin’s, Tom. Kann ich reinkommen?«
»Tom! Warum … ach, egal. Komm rauf.«
Die Haustür summte und Tom drückte sie auf. Das Treppenhaus war stockfinster, nur zögerlich sprangen die Bewegungsmelder an, eine Lampe nach der anderen begann zu glühen. Es roch nach Putzmittel und altem Schimmel.
Tom nahm den Lift, eine Klaustrophobie hervorrufende, enge Kabine mit billiger Holzimitat-Vertäfelung. Sie ruckelte fürchterlich und er war heilfroh, als er endlich oben ankam.
Jane stand in der offenen Wohnungstür, nur in einen Bademantel gewickelt. Ihre dunklen Haare waren noch feucht und sie hatte sie hochgesteckt. Offenbar kam sie gerade aus der Dusche.
Ein atemberaubender Anblick, wie es Tom durch den Kopf schoss. Jane war von bewundernswerter Schönheit, obwohl sie ziemlich genau doppelt so alt war wie er. Ihre großen, dunklen Augen musterten ihn skeptisch.
»Was machst du denn hier? Es wird gleich dunkel, solltest du nicht längst zu Hause sein?«, begrüßte sie ihn und bat ihn, in die Wohnung zu kommen.
»Ich hab Stress mit Veyron«, lautete seine knappe Antwort. Er schlüpfte an ihr vorbei, ging ins Wohnzimmer und ließ sich auf die alte Couch fallen. Sie war so durchgesessen, dass er hart auf dem Gestell aufschlug. Den kurzen Schmerz ignorierte er, verfluchte das alte Ding jedoch heimlich.
»Ist Alex nicht da?«
»Er musste übers Wochenende auf ein Seminar, rüber auf den Kontinent. Mainz, glaube ich. Du weißt ja, er arbeitet fürs Fernsehen.«
»Als Kabeltechniker. Ist er auf einem Kabelkongress?«, warf Tom sofort ein.
Jane presste die Lippen zusammen, ihr Blick verriet ihm, dass es um ihre Beziehung nicht zum Besten stand.
»Tut mir leid, ich wollte nicht fies sein«, entschuldigte er sich sofort.
Jane winkte ab und ließ ihn wissen, dass er sich in der Küche was zum Trinken holen konnte. Sie wollte sich nur noch schnell was anziehen und schon verschwand sie im Schlafzimmer.
Wenig später kam sie zurück, in Jeans und weißer Bluse und setzte sich zu ihm. Natürlich hatte er sich nichts zum Trinken geholt, sondern die ganze Zeit einfach nur die Decke angestarrt. Sie war total vergilbt.
»Du musst wirklich mit dem Rauchen aufhören. Wir müssen das Zimmer ja schon wieder streichen«, meinte er seufzend. Erst im Frühjahr hatte er bei der Renovierung geholfen.
Jane lachte und schüttelte den Kopf. »Danke, aber ich glaub, ich würde im Moment ohne Zigaretten sterben. Sie helfen mir, mich zu beruhigen, wenn ich mich aufregen muss – und das muss ich oft. Nicht nur wegen Alex, sondern auch im Job. Irgendwie wird mir momentan alles ein bisschen zu viel. Also, was ist schon wieder zwischen euch vorgefallen? Ich dachte, dir gefällt’s bei ihm.«
»Naja, schon. Wir kommen eigentlich prima aus, aber seit einiger Zeit ist er richtig durchgeknallt. Er sperrt sich laufend in sein Zimmer ein, oder stellt irgendwelche verrückten Sachen an. Er hat Fliegen gezüchtet, weißt du? Ganze Fliegenschwärme, aus purer Langeweile. Stubenfliegen, Schmeißfliegen, und diese richtig großen, ekligen Fleischfliegen. Er war davon besessen das Summen der verschiedenen Arten voneinander unterscheiden zu können. Mrs. Fuller und ich haben ganze zwei Wochen gebraucht, diese Plage wieder loszuwerden.
Dann hat er angefangen sich nicht mehr zu waschen. Mann, er riecht wie ein Stinktier! Jetzt hat er auch noch meine Freundin bloßgestellt. Die wird nie wieder ein Wort mit mir reden! Er ist so gehässig wie nie zuvor, ein richtiger Arsch, ich hasse ihn!«
»Und, wer ist die Glückliche?«
Tom wurde ein wenig rot vor Scham. Vielleicht hätte er das besser nicht erzählen sollen. Als er Jane damals kennenlernte, war er ein klein wenig in sie verliebt gewesen. Inzwischen war er zwar über diese Phase hinweg, aber irgendwie war es ihm unangenehm, mit ihr über solche Sachen zu reden.
»Vanessa Sutton – aber das ist schon wieder aus. Sie war ein echtes Miststück. Stell dir vor: sie ist zur gleichen Zeit noch mit zwei anderen Jungs gegangen.«
Jane lachte. »Wow, das ging aber schnell. Woher willst du das wissen?«
»Veyron hat’s herausgefunden. Er spioniert mir hinterher. Ich sagte dir ja, dass er vollkommen durchgeknallt ist. Ich halt’s einfach nicht mehr aus. Dich stört’s doch nicht, wenn ich ein paar Nächte hierbleibe, oder? Nur übers Wochenende? Vielleicht kommt er ja dann zur Besinnung.«
Jane wollte gerade etwas erwidern, als es plötzlich an der Wohnungstür klopfte. Die beiden sahen sich verdutzt an. Warum klingelte der Jemand nicht? Jane stand auf, ging zur Tür, öffnete sie jedoch nicht.
»Wer ist da? Wozu gibt es Klingeln?«
»Tut mir leid, aber draußen ist es stockfinster, ich kann den Knopf nicht finden. Sie können ruhig aufmachen, Willkins. Ich bin’s, Swift.«
Jane öffnete die Tür. Tatsächlich: Draußen stand Veyron Swift, gewaschen und rasiert und anstelle des obligatorischen Morgenmantels trug er jetzt ein blaues Hemd und eine teure Stoffhose. Er winkte Tom, der sofort aufsprang.
Was wollte der denn hier?
»Ich muss mich bei dir entschuldigen, Tom. Ich weiß, dass ich nicht immer sehr einfühlsam bin. Also habe ich beschlossen, dass wir deinen Geburtstag nachholen. Etwas spät vielleicht, aber besser als nie. Wir fahren morgen nach der Schule nach Elderwelt, als nachträgliches Geschenk sozusagen«, verkündete Veyron, als er eintrat.
Willkins schloss sofort die Tür, damit keine neugierigen Ohren draußen auf dem Flur etwas davon mitbekamen.
Tom kämpfte mit sich. Eigentlich wollte er Veyron sagen wie egal ihm das war – allein um ihn zu ärgern. Aber eine neue Reise nach Elderwelt? Das war schon seit über einem Jahr sein sehnlichster Wunsch.
»Naja, wenn’s unbedingt sein muss«, brummte er, seine wahre Begeisterung niederkämpfend. Er wollte Veyron unbedingt ärgern, aber sein Pate zeigte nur seinen üblichen, stoischen Gesichtsausdruck. Ganz klar: er hatte Tom schon längst durchschaut.
Willkins trat energisch zwischen die beiden.
»Moment!«, protestierte sie, »Sie können nicht einfach so mit Tom in diese seltsame Zauberwelt aufbrechen. Er hat am Montag wieder Schule, es sind keine Ferien!«
Veyron warf ihr einen amüsanten Blick zu.
»Natürlich kann ich das, Willkins. Wir bleiben auch nicht lange, keinesfalls länger als einen Monat. Die Schule wird das schon verkraften«, konterte er mit einem amüsierten Lächeln auf den Lippen.
Jane fand das alles andere als lustig. »Sie bringen Tom nur wieder in Schwierigkeiten. Ich werde das nicht noch einmal zulassen, Swift! Das letzte Mal wärt ihr beide fast draufgegangen!«
»Wir bringen nur schnell eine Prinzessin nach Elderwelt zurück, das ist alles. Oder, Veyron?«, warf Tom ein.
Jane schenkte ihm einen zornigen Blick. Sie schaute wieder zu Veyron. Sein süffisantes, herablassendes Lächeln auf den schmalen Lippen forderte sie frech heraus. Tom spürte, dass es jeden Moment zu einer fürchterlichen Auseinandersetzung kommen würde, nicht lautstark, aber verbal verletzend. Jane konnte ziemlich derb werden, wenn sie wütend war – und Veyron grausam direkt.
»Vielleicht kann Jane mitkommen? Dann könnte sie dafür sorgen, dass wir schnell wieder zurückkehren. Ein kurzer, schneller Ausflug, nur übers Wochenende. Jane, du bist doch sowieso noch im Urlaub. Was meinst du?«
Jane war vollkommen sprachlos. Noch bevor sie ein Wort sagen konnte – die Ablehnung stand ihr ins Gesicht geschrieben – gab Veyron ganz unverhofft sein Einverständnis.
»Wenn du das unbedingt willst, darf Willkins uns natürlich begleiten. Es ist dein Geburtstagsgeschenk. Sagen Sie mir, Willkins, haben Sie England eigentlich jemals verlassen?«
Jane musste erneut tief durchatmen, um ruhig zu bleiben.
»Ich muss Ihnen ganz sicher nicht erzählen, wohin ich schon überall in den Urlaub gefahren bin. Ich glaube, ich hab schon mehr von der Welt gesehen als Sie«, zischte sie.
Veyron schmunzelte amüsiert in sich hinein. Sie weitete überrascht die Augen, als sie seine vermeintlichen Absichten zu durchschauen glaubte.
»Ach so ist das«, meinte sie verärgert. »Sie wollen mich provozieren! Sie meinen, ich würde mich nicht trauen. Da haben Sie sich aber geschnitten. Also gut, ich bin dabei! Wann wollen Sie losstarten?«
Veyron hob in einer kleinwenig überraschten Geste die Augenbrauen. Tom war ganz stolz auf Jane, weil sie es zum ersten Mal geschafft hatte, das sein Pate wirklich sprachlos dastand. Lange hielt dieser Zustand jedoch nicht an. Veyron war sofort wieder bei der Sache.
»Morgen Mittag, sobald Tom von der Schule nach Hause kommt. Packen Sie schon einmal Ihren Rucksack. Ich empfehle auf jeden Fall festes Schuhwerk und eine sehr warme Jacke, wenn’s geht wasserdicht. Ich muss zuvor noch ein paar Kleinigkeiten erledigen, wir sehen uns also morgen. Halten Sie sich bereit, seien Sie auf alles gefasst. Möglicherweise werden wir sehr rasch aufbrechen müssen«, erklärte er.
Jane war einverstanden, Stimme und Gestik voller Trotz. Veyron ignorierte ihr Gebaren einfach, verabschiedete sich mit halbwegs freundlichen Worten und verschwand wieder in das finstere Treppenhaus. Jane warf die Tür zu. Mit der Faust hieb sie gegen das Türblatt.
»Warum muss er mich andauernd provozieren? Er ist ein richtiges Aas, dein Patenonkel«, schimpfte sie.
Tom zuckte mit den Schultern. »Manchmal schon. Ich bin sicher, dass er dich eigentlich recht gern mag. Er kann es nur nicht so zeigen«, versuchte er Veyron in Schutz nehmen. Jetzt, wo er ihn endlich wieder nach Elderwelt mitnehmen würde, wollte er Veyron das unmögliche Verhalten der letzten Wochen nachsehen. Jane war jedoch anderer Meinung.
»Nein, der einzige Mensch, der Platz in seinem Herzen hat, ist er selbst – und vielleicht du noch. Mich kann er nicht ausstehen, das kannst du mir glauben. Ich hoffe nur, wir bringen uns nicht gegenseitig um.«
Tom sagte darauf lieber nichts. Er hoffte, seinen Paten in dieser Sache besser zu kennen als Jane, anderenfalls würde das kein sonderlich angenehmer Ausflug werden.
Eine halbe Stunde später trat Veyron Swift durch den Eingang von Galvin at Windows, dem sagenhaften Restaurant im 28. Stockwerk des Londoner Hilton Hotels an der Park Lane. Hier oben, von wo man einen fantastischen 360 Grad Blick über ganz London hatte, würde sich ein weiteres Puzzlestück finden, das mit seinem aktuellen Fall in Zusammenhang stand.
Tom wusste nichts davon, er ahnte es nicht einmal. Veyron hatte den Jungen für cleverer gehalten, aber vielleicht war es auch besser so. Immerhin war er erst fünfzehn Jahre alt und für Geschäfte dieser Art eindeutig zu jung. Sicherlich würde er mit Panik reagieren. Das war etwas, das Veyron überhaupt nicht brauchen konnte.
Er setzte kaum den Fuß durch die Eingangstür, als auch schon ein Kellner seinen Weg kreuzte und freundlich fragte, wie ihm weiterzuhelfen sei. Veyron hatte sein bestes Hemd angezogen, dunkelblau, nur ganz selten getragen, dazu seine feinste Hose und den teuersten Satz Schuhe, den er auftreiben konnte. Geschniegelte Geschäftsessen waren nicht seine Art. Er bevorzugte es, seine Klienten – und auch seine Feinde – in der Wisteria Road zu empfangen. In diesem Fall wollte er jedoch eine Ausnahme machen. Sein jetziger Gegenspieler war ihm in den letzten zwei Wochen nahe genug gekommen.
»Ich werde erwartet, Veyron Swift«, ließ er den Kellner wissen. Der nickte sofort und deutete nach hinten zu den Fenstern. Von dort hatte man einen großartigen Blick auf das gewaltige, blau beleuchtete London Eye und auf die dahinter liegende Waterloo Station.
Veyron bedankte sich mit einem Nicken und setzte sich in Bewegung, wurde aber plötzlich von einem Gast angerempelt – nur ganz kurz. Der Mann entschuldigte sich sofort. Veyron aber spürte, wie blitzschnelle Finger seine Hosentaschen abtasteten, seine Brust streiften und sogar sein Hinterteil. Im Nu war die Begegnung vorbei. Ohne sich umzusehen setzte er den Weg fort.
Selbstverständlich ist mein Gesprächspartner nicht allein gekommen, dachte er mit einem Schmunzeln. Er hat ein paar Helfer mitgebracht und natürlich wurde ich professionell gefilzt. Alles andere wäre auch eine Enttäuschung gewesen.
Am besagten Tisch saß ein Mann, gut zehn Jahre älter als Veyron, das schwarze Haar mit reichlich Gel nach hinten geschleckt, die Gesichtszüge ausdruckslos und ohne markante Eigenheiten. Charles Fellows. Bisher hatte Veyron nur indirekt mit ihm zu tun gehabt, kannte ihn nur von Beschreibungen. Das, was er von diesem Mann jedoch wusste, ließ Abscheu in ihm aufkeimen.
Fellows brachte reiche Finanziers und mittellose Terrororganisationen zusammen, organisierte Waffenschmuggel, plante Überfälle und Anschläge, Entführungen und Erpressungen. Einen skrupelloseren Menschen gab es wahrscheinlich nirgendwo auf der ganzen Welt. Jetzt saß er vor ihm, gekleidet in einem maßgeschneiderten Anzug, viele tausend Pfund wert, und bedachte ihn mit einem kalten Lächeln. Veyron setzte sich.
»Ihre Männer sind sehr gründlich. Haben Sie Angst, ich bringe eine Waffe mit, oder ein Abhörgerät? Sie kennen offenbar meine Methoden nicht«, begrüßte er Fellows mit dem freundlichsten Lächeln, zu dem er imstande war.
Fellows erwiderte die Geste beiläufig. »Reine Routine, Mr. Swift. Keine Sorge, meine Männer haben diesen Ort untersucht und infiltriert, seit ich ihn in meiner Email als Treffpunkt angab.«
Ein Kellner kam, servierte jedem eine Tasse Kaffee, dazu Gebäck. Fellows nickte dem Mann bestätigend zu, kühl, fast maschinell. Veyron achtete genau auf die Reaktion des Kellners. Sie fiel ebenso kühl aus. Noch einer von Fellows Männern? Sehr wahrscheinlich, Fellows überließ sicher nichts dem Zufall.
»Französischer Kaffee, der beste der Welt. Ich hoffe, Sie sind damit einverstanden?«, fragte Fellows und klang dabei so gelassen, als wäre dies hier nur ein gemütliches Plauderstündchen.
»Eine vortreffliche Wahl. Sie arbeiten hochprofessionell, das war mir von Anfang an klar. Ihre Söldner beobachten mein Haus jetzt schon seit zwei Wochen, recht unauffällig, getarnt als Handwerker, welche die 120 Wisteria Road renovieren, ein leerstehendes Haus. Perfekte Tarnung, aber nicht, wenn man es mit Veyron Swift zu tun hat«, sagte Veyron. Er schnappte sich die beiden Zuckerpäckchen am Tassenrand.
Fellows gestattete sich ein geschäftsmäßiges Lächeln in seinem weichen, nichtssagenden Gesicht.
»Alle Achtung, nicht schlecht für einen Provinzdetektiv aus Harrow. Ist das der Anlass, warum Sie gerade jetzt um dieses Treffen baten? Ich nehme an, Sie wissen sehr wohl, warum Sie in mein Zielvisier geraten sind?«
»Selbstverständlich. Es geht um Prinzessin Iulia aus Maresia und Ihre sichere Heimkehr nach Elderwelt. Schauen Sie nicht so verblüfft drein, Sie wissen ganz genau was ich meine«, erwiderte Veyron und riss die Zuckerpäckchen auf. Ungeschickt ließ er eines fallen. Der ganze Zucker verteilte sich über die Tischdecke. Veyron entschuldigte sich und wischte das Malheur weg. Seine Hände zitterten, er räusperte sich und ballte kurz die Faust. Ein flüchtiger Moment der Konzentration, ein langes Ausatmen. Das Zittern hörte auf. Er schenkte Fellows ein verlegenes Lächeln, riss anschließend das zweite Zuckerpäckchen auf und schüttete es in seine Tasse.
Fellows quittierte die Nervosität seines Gegenspielers mit eisiger Genugtuung.
»Mein Auftraggeber macht sich große Sorgen um die Prinzessin. Ehrlich gesagt, ich verstehe das Warum nicht so ganz. Eigentlich ist es in meinen Augen eine Lappalie. Aber Geschäft ist Geschäft«, meinte er.
Veyron rieb sich die Hände und nickte zustimmend.
»Nur, das diesmal Ihr Auftraggeber nicht den Namen H.G.W. Morgan benutzt, oder sollte ich besser sagen: Lord Nemesis? Gehe ich recht in der Annahme, dass Ihr Klient den Namen Consilian trägt? Also, was genau erwartet Mr. Consilian nun von mir?«
Das herablassende Lächeln auf Fellows Lippen verschwand augenblicklich. Sein eh schon recht blasses Antlitz wurde noch um eine Stufe bleicher. Wortlos starrte er Veyron einige Sekunden an, dann schien er seine Fassung zurückgewonnen zu haben.
»Auf der ganzen Welt gibt es niemanden, der davon weiß«, raunte er, unterschwelligen Zorn in der Stimme, und auch einen Hauch von Furcht.
Veyron gestattete sich ein kurzes Triumphgefühl.
»Ich schon, Mr. Fellows, ich schon. Also, zurück zu Ihrem Klienten, den ehrenwerten Mr. Consilian.«
Fellows atmete tief durch, der Spaß war ihm vergangen.
»Mein Klient erwartet, dass Sie sich vollkommen aus der weiteren Entwicklung der Ereignisse heraushalten – ganz besonders die Prinzessin betreffend. Die Geschehnisse in Gloria Maresia sind nicht Ihre Sache, so soll ich es Ihnen ausrichten. Ach ja, ich soll zudem sicherstellen, dass Sie unter gar keinen Umständen Ihr sonst übliches Chaos anrichten. Die Sicherheit eines ganzen Imperiums steht auf dem Spiel.«
»Sie meinten wohl, die Sicherheit einer ganzen Welt. Ich fürchte, es ist zu spät. Ich habe der Prinzessin bereits zugesagt, mich ihres kleinen Problems anzunehmen.«
Fellows rührte einen Moment lang mit dem Löffel den Kaffee um.
»Sie haben nicht den Hauch einer Ahnung, mit wem Sie sich hier anlegen, Mr. Swift«, warnte er, nun um einen deutlich bedrohlicheren Tonfall bemüht.
Veyron schüttelte mit einer Geste der Enttäuschung den Kopf. »Ich fürchte, Sie sind derjenige, der nicht die geringste Ahnung hat, mit wem er sich anlegt.«
Er maß den Blick mit Fellows. Sein Gesicht nahm einen Schein von Belustigung an, als er über Veyrons Worte nachdachte. In der Tat: Mit jemand seines Kalibers hatte es Fellows in seiner ganzen Karriere wohl noch nie zu tun. Veyron konnte erkennen, dass sie beide zu vollkommen gegensätzlichen Einschätzungen bezüglich seiner Fähigkeiten gelangt waren. Für Fellows war Veyron nichts weiter, als ein Spinner; ein wenig größenwahnsinnig und unberechenbar vielleicht, aber im Grunde nur ein harmloser Wicht.
»Mich interessiert nur die Summe, die man mir auf den Tisch legt. Alle meine Klienten bezahlen gut, Morgan ebenso wie jetzt Consilian. Vielleicht werfen Sie einmal einen Blick auf das hier«, sagte er und legte einige Fotos von Tom auf den Tisch; aufgenommen auf dem Schulweg.
»Mein Klient meinte bereits, dass Sie sich nicht so leicht einschüchtern lassen. Aber Sie sollten immer daran denken, dass es bei Zuwiderhandlung nicht zuerst Sie erwischen wird, sondern Ihre Freunde, Ihre Nachbarn. Einfach jeden, nur nicht Sie.«
Er drohte mit einem derartig kaltschnäuzigen Ton, dass Veyron sich ernsthaft zu fragen begann wie viel von Fellows Menschlichkeit noch übrig war.
»Ich weiß nicht, ob Sie wirklich richtig ticken, Mr. Swift, aber vielleicht sollten Sie anfangen es herauszufinden. Wie viel bedeutet Ihnen Toms Sicherheit, wie viel empfinden Sie für Ihre Freunde bei der Polizei, zum Beispiel diese nette Miss Willkins? Sie hat Probleme mit ihrem Freund, wussten Sie das? Vielleicht sollte ich sie von dieser Qual befreien, was meinen Sie? Oder Ihre rührige Nachbarin, wie war doch wieder ihr Name … Sarah Fuller, nicht wahr? Glauben Sie, es würde ihr gefallen, mit zwei gebrochenen Beinen im Krankenhaus aufzuwachen«, fragte er im gemütlichsten Plauderton, freche Lachfältchen um die Augen.
Veyron sagte dazu gar nichts, nickte nur, griff nach vorne und nahm Fellows Kaffeetasse in Hand. Demonstrativ trank einen er einen Schluck daraus. Sein Gegenspieler war ob dieses Misstrauens ehrlich amüsiert. Er lachte verhalten, nahm seinerseits Veyrons Tasse und nahm einen kräftigen Schluck. Dann stellte er die Tasse wieder ab und zuckte mit den Schultern.
»Kein Gift, sehen Sie? Machen Sie sich nicht in die Hosen, Swift. Ich habe nicht vor, Sie auszuschalten – zumindest jetzt noch nicht«, versicherte er. »Wie lautet also jetzt Ihre Entscheidung?«
Unbewegt saß Veyron da, ebenso berechnend wie Fellows. Alle möglichen Szenarien geisterten durch seinen Verstand, Pläne und Schachzüge, die er allesamt wieder verwarf. Es gab kein Zurück mehr, die Schlachtlinien waren gezogen. Das Spiel hatte begonnen, jetzt war Veyron am Zug.
»Bei einer finanziellen Entschädigung könnte ich mir ein Stillsitzen durchaus vorstellen. Geben Sie mir vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit«, sagte er, sichtlich bedrückt ob der chancenlosen Alternativen.
Fellows schien endlich zufrieden. Er hob noch einmal Veyrons Tasse an, der die Geste unwillig erwiderte. Sie stießen an, jeder nahm noch einen kräftigen Schluck.
»Goodbye, Mr. Swift. Ich denke, wir sehen uns bald wieder«, meinte Fellows. Er stand auf und schickte sich zum Gehen.
»Nein, werden wir nicht«, erwiderte Veyron finster. Das entlockte seinem Gegner ein weiteres, amüsiertes Lächeln. Veyron wartete, bis Fellows verschwunden war, dann bezahlte er die Rechnung. Fellows würde zuschlagen, genau wie befürchtet. Er würde ihm keine vierundzwanzig Stunden lassen.
Der Schulgong konnte gar nicht früh genug kommen. Endlich Freitagmittag, endlich Wochenende, endlich zurück nach Elderwelt. Blitzschnell hatte Tom seine Sachen zusammengepackt. Rasch verabschiedete er sich noch von seinen Freunden, dann flitzte er auch schon hinaus auf die Straße.
Er stopfte sich die kleinen Kopfhörer seines Smartphones in die Ohren und aktivierte die Musikdateien, so wie jeden Tag. Gangnam Style, zurzeit sein absoluter Favorit. Der Nachhauseweg führte die Straße runter, vorbei an ein paar gepflegten Gärten und alten Backsteingebäuden, bis zur nächsten Bushaltestelle. Von dort schnurstracks in die Wisteria Road, alles in allem etwa zwanzig Minuten – zwanzig Minuten, die ihn noch von Elderwelt trennten.
Er bog gerade um die Ecke in die High Street, als er für einen Moment nicht aufpasste und mit drei anderen Jugendlichen zusammenprallte. Sie waren ungefähr ein bis zwei Jahre älter als er, einer von ihnen auch bedeutend größer.
»Hey, hast du Penner keine Augen im Kopf?«, herrschte ihn der Große an und stieß ihn grob in den alten Maschendrahtzaun gegenüber. Tom zuckte vor Schmerz zusammen und wich zurück.
»Hast ja ein nettes Telefon. So eins will ich auch«, meinte der Große. Seine beiden Kumpels lachten. Sie begannen Tom einzukreisen. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er sich in ernsten Schwierigkeiten befand. Vor ihm standen drei schulbekannte Schläger – und er hatte nicht aufgepasst. Weglaufen war jedoch schon lange nicht mehr sein Vorgehen, nicht mehr seit seinem Elderwelt-Besuch. Dort hatte er sich mit schlimmeren Kreaturen geprügelt, als es diese drei je sein könnten. Er ballte die Fäuste, bereit seine Haut teuer zu verkaufen.
Plötzlich übertönte Veyrons Stimme den Gangam Style in den Ohrstöpseln.
»Greif nach hinten in deinen Rucksack«, wies er ihn streng an.
Toms Gedanken schwirrten wirr herum. Wie um alles in der Welt kam Veyron in seine Musikdateien? Was sollte er mit seinem Rucksack?
»Nun greif schon nach hinten, oder die drei nehmen dich auseinander«, drängte die Stimme. Tom befolgte die Anweisung instinktiv. Tatsächlich spürte er plötzlich einen kühlen, runden Griff. Etwas steckte in seinem Rucksack, unsichtbar, aber zweifellos vorhanden. Er erkannte diesen Griff, spürte, wie er unter seinen Fingern wärmer wurde. Er fühlte den verschnörkelten, metallenen Schutzkorb drum herum. Das Daring-Schwert, das Zauberschwert aus Elderwelt!
»He, Kleiner, ich rede mit dir«, grölte der Große wütend. »Hörst du mir nicht zu? Rück dein Telefon raus! Ich will’s haben!«
»Das da kannst du haben!«, gab Tom zurück und zog den Griff aus seinem Rucksack. Vor den Augen der verblüfften Schläger wuchs eine fast ein Meter lange, funkelnde Schwertklinge aus dem Griff, beschlagen mit blauen Juwelen.
»Scheiße! Nichts wie weg! Der Typ ist ja krank!«, schrien die drei Banditen um die Wette und rannten davon. Tom wollte nachsetzen und ihnen die Hosen aufschlitzen, besann sich aber sofort wieder. Erstaunt starrte er das Zauberschwert an. Wie um alles in der Welt, war es überhaupt in seinen Rucksack gekommen?
»Gut gemacht, die bist du los. Aber jetzt ist Eile angesagt. Steck das Schwert weg und sieh dich um. Etwa zwanzig Meter entfernt siehst du ein schwarzes Auto, einen brandneuen Jaguar. Der folgt dir schon, seit du das Schulgebäude verlassen hast. Siehst du ihn?«, dröhnte Veyrons Stimme in seinen Ohren.
Tom steckte das Schwert in den Gürtel. Ohne Vorwarnung löste es sich in Nichts auf. Für einen Moment war er verblüfft, doch das war Teil jenes Zaubers, der auf dieser Waffe lag. Er drehte sich um und entdeckte die besagte Limousine.
»Siehst du die beiden Fahrer?«, fragte Veyrons Stimme.
»Ja, zwei Anzugträger, sehen wichtig aus. Was ist mit denen?«
»Sie sind hier um dich zu entführen. Eventuell sogar um dich zu foltern, im schlimmsten Fall um dich zu töten. Lauf um dein Leben! Lauf, lauf, lauf!«
Toms Herz schlug bis zum Hals. So schnell er konnte, warf er sich herum und rannte. Hinter ihm wurde ein Motor gestartet, er hörte ihn aufbrüllen. Sie waren wirklich hinter ihm her!
»Verfluchter Mist, verfluchter Mist, verfluchter Mist.«
Er rannte noch schneller, immer noch die Häuserzeile entlang. Wo sollte er hin? Zur Bushaltestelle, oder zurück zur Schule?
»Stopp! Da ist ein Fahrrad an dem Haus da drüben, silbergrau mit rotem Lenker. Siehst du es? Schnapp es dir«, gab ihm Veyron neue Anweisungen.
Tom entdeckte das Fahrrad, ein altes Mountainbike. »Das ist Diebstahl«, schnappte er keuchend.
»Unfug! Das Rad habe ich dort abstellen lassen. Los jetzt, tritt in die Pedale! Du überquerst die Straße und fährst in die entgegengesetzte Richtung.«
Tom packte besagtes Fahrrad, schwang sich auf den Sattel und tat wie Veyron ihm geheißen. Ohne nachzudenken oder hinzuschauen, jagte er quer über die Straße, wurde vom Kühlergrill seiner Verfolger nur knapp verfehlt. So schnell er konnte, radelte er die Straße zurück, wieder in Richtung Schule.
»Bieg links ab, dann die Waldron Road runter, bis zur nächsten Kreuzung.«
Tom musste eine Vollbremsung hinlegen, um die Kurve noch zu schaffen, seine Verfolger fuhren hinter ihm geradeaus weiter. Er hörte Reifen quietschen. Schon sauste er die Straße entlang, vorbei an eng geparkten Autos und Motorrollern. Obwohl er selbstmörderisch schnell war, trat er weiter mit aller Kraft in die Pedale. Er hörte wie sein Atem vor Anstrengung rasselte. Seine Kidnapper waren wieder dicht hinter ihm.
»Auf den Bürgersteig, Tom, schnell!«, dröhnte Veyrons Anweisung in den Ohrstöpseln.
Tom riss das Fahrrad zur Seite, mit einem Satz war er auf dem Bürgersteig, raste weiter die Straße entlang – vorbei an den direkt angrenzenden Hausfassaden und empörten Einwohnern, die im letzten Moment zur Seite sprangen.
»Gleich kommt ein großes Tor, es steht offen. Dort siehst du Mr. Puttner, ein älterer Mann mit Glatze. Fahr dort hinein und auf der anderen Seite wieder raus. Wenn du ihn siehst, winke ihm mal kurz.«
Tom glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Er radelte hier um sein Leben und Veyron war zu Späßen aufgelegt? Ohne dem alten Mann, der dort tatsächlich stand, zu winken, schoss er in die große Hofeinfahrt. Im Nu befand er sich auf der anderen Seite des Grundstücks, wo ein weiteres, kleines Tor wieder auf die Straße führte. Auch dieses stand offen. Seine Verfolger schien er abgehängt zu haben.
»Du hättest ihm wirklich winken sollen. Das war sehr unhöflich von dir«, beschwerte sich Veyrons Stimme. Tom stieß einen lauten Fluch aus.
»Schön, dann eben nicht. Du bist jetzt in der Crown Street, fahr sie rauf bis zum Kreisverkehr, wo sie mit der Weststreet zusammentrifft. Sie sind wieder hinter dir! Gib Gas!«
Tom warf einen Blick zurück. Schon tauchte der schwarze Jaguar in seinem Blickfeld auf und beschleunigte. Tom stieg in die Pedale, spürte wie sich all seine Muskeln zu verkrampfen begannen. Er fürchtete schon, er würde jeden Moment zusammenbrechen. Aber die Furcht um sein Leben, verlieh ihm schier übermenschliche Kräfte. Wie eine Rakete jagte er die Straße entlang, selbst ein Rennradprofi wäre beeindruckt gewesen.
Tom achtete gar nicht auf die Menschen, die ihm auf dem Bürgersteig hinterher starrten. Er ignorierte auch die alte Lady, die vor ihm mit ihrem Rollator am Straßenrand stand. Es war ein altes, krummes Hausmütterchen mit Kopftuch und selbstgestrickter Jacke. Gerade wollte sie die Straße überqueren. Erschrocken sprang sie mit einem gellenden Aufschrei zurück – in letzter Sekunde. Tom wäre fast mit ihr zusammengeprallt.
»Ihr jungen Rowdies!«, hörte er sie wütend schimpfen. Tom wollte sie gerade verfluchen und drehte leicht den Kopf nach hinten. Die Alte schob ihren Rollator auf die Straße. Er hielt die Luft an. Der schwarze Jaguar kam mit brüllendem Motor herangeschossen. Reifen quietschten, ein gellender Aufschrei folgte.
Der Aufprall war entsetzlich, ein Knall wie bei einer Explosion. Der Rollator, oder besser gesagt, seine Einzelteile, flogen in alle Richtungen davon. Der Jaguar kam zwanzig Meter weiter zum Stehen, der linke Scheinwerfer kaputt, der Kotflügel eingedrückt, die Windschutzscheibe gesprungen. Von der alten Lady war nichts mehr zu sehen.
»Mein Gott, sie haben sie umgebracht! Sie haben sie einfach über den Haufen gefahren«, schrie Tom schockiert.
Dies wurde wohl gerade auch den beiden Fahrern bewusst. Er sah sie fluchend und wild gestikulierend streiten. Dann öffnete der Fahrer die Tür, um auszusteigen. Tom glaubte zu sehen, wie er unter sein schwarzes Sakko griff – zweifellos um dort eine Pistole herauszuziehen.
Auf einmal stand die alte Lady in der Tür, in der Hand eine Spraydose. Noch ehe der verblüffte Fahrer reagieren konnte, verpasste sie ihm eine Ladung Reizgas mitten ins Gesicht. Das schmerzerfüllte Gebrüll des Mannes ließ Tom regelrecht zusammenfahren. Der Typ krallte sich mit beiden Händen ins Gesicht, warf sich heulend hin und her, stürzte aus dem Fahrzeug. Der Beifahrer zog fluchend seine Waffe, doch die Lady war schon wieder verschwunden.
Tom wollte sich die Augen reiben, er verstand nicht, was da überhaupt geschah. Plötzlich war die alte Schachtel wieder da, diesmal auf der anderen Seite des Wagens. Sie riss die Tür auf, packte den Waffenarm des Beifahrers, drehte ihn mit einem schaurigen Knacken herum, entwand dem Mann die Waffe. Sie zog den brüllenden Mistkerl aus dem Wagen und hieb ihm den Kopf heftig gegen das Wagendach. Ohne weiteren Widerstand brach der Mann zusammen. Wie aus dem Nichts hielt die Lady plötzlich zwei Handschellen in der Hand, fesselte dem Mann die Arme an seine Beinknöchel; überkreuz. Danach huschte sie blitzschnell um das Auto herum und verfuhr mit dem Boden liegenden, vor Schmerz heulenden Fahrer genauso. Sie zog den Mann hoch und stieß ihn hinüber zu seinem bewusstlosen Kameraden.
Tom hörte bereits Polizeisirenen und das prägnante Heulen eines Krankenwagen. Die alte Lady, die gerade zwei gemeingefährliche Verbrecher ausgeschaltet hatte, kümmerte das nicht weiter. Sie setzte sich hinter das Steuer des Jaguars, machte die Türen zu und fuhr los. War das zu fassen? Die Alte klaute gerade das Auto der Schurken!
»Ich glaub, ich bin im falschen Film«, japste Tom fassungslos.
Der Wagen hielt neben ihm, die Lady öffnete die Beifahrertür.
»Einsteigen, junger Mann, sonst gibt’s den Hosenboden voll!«, krächzte sie ihn herrisch an. Tom fielen fast die Augen aus dem Kopf.
Unter dem albernen, violetten Lidschatten und dem knallroten Lippenstift, weiß geschminkt, übersät mit Altersflecken und der zottligen grauen Perücke, hätte er sie fast gar nicht erkannt.
Die wehrhafte Dame war niemand anderes als sein Patenonkel, Veyron Swift!
Tom sprang sofort ins Auto, schnallte sich an und Veyron fuhr los.
»Was ist da eben passiert? Was soll das alles? Warum sind Sie als Großmutter verkleidet«, fragte Tom. »Was wollten diese Typen überhaupt von mir?«
»Von dir? Gar nichts. Sie wollten etwas von mir. Wegen Prinzessin Iulia. Ich sagte ja bereits, dass sich die junge Dame in Gefahr befindet. Ich fürchte, wir wurden in diese Sache gegen unseren Willen hineingezogen. Aber ich habe alles genauestes geplant«, erklärte Veyron. Tom schaute durch die Heckscheibe hinaus. Zahlreiche Passanten hatten sich nun um die ausgeschalteten Kidnapper versammelt, Polizei und Krankenwagen waren auch schon da. Veyron bog in eine Seitenstraße ab.
»Gregsons Männer. Zum ersten Mal pünktlich. Der Mann macht sich noch«, sagte er und beschleunigte.
»Wo wollen Sie überhaupt hin?«, wollte Tom wissen.
»Nach Elderwelt. Aber jetzt müssen wir erst einmal Willkins abholen. Die Sache ist noch nicht gänzlich ausgestanden, Tom.«
Zwanzig Minuten später hielten sie vor 270b Reigate Street. Tom und Veyron stiegen aus und klingelten. Willkins ließ die beiden ein. Mit dem Lift fuhren sie hoch in den vierten Stock, wo Jane sie bereits erwartete. Sie trug wieder nur Jeans und Bluse, an den Füßen Turnschuhe. Neben ihr stand ein mächtig bepackter Rucksack, an dem ein Paar Bergschuhe und eine dicke Jacke baumelten. Jane fiel die Kinnlade nach unten, als sie Veyron in seinem Großmutter-Aufzug erkannte. Sie begann zu lachen, wundervoll hell und befreit.
»Wollen Sie kleine Kinder erschrecken? Halloween ist doch erst in drei Wochen«, kicherte sie.
Veyron zog sich die staubige Perücke vom Kopf, warf sie ihr entgegen. Sie fing sie auf und musste nur noch lauter lachen. Ohne darauf einzugehen, packte er den Rucksack und schleppte ihn zum Aufzug.
»Sie sind albern, Willkins! Dabei sind Sie gar keine siebzehn mehr. Los jetzt, kommen Sie schon in den Lift, wir haben keine Zeit zu verlieren«, rief er ihr zu.
Ratlos schenkte sie Tom einen fragenden Blick, doch der konnte nur mit den Schultern zucken.
»Wir haben es eilig, ein paar Typen sind hinter uns her«, klärte er sie auf.
Jane schloss sofort die Tür und sperrte ab.
»Ich hoffe, ich hab‘ nichts abzuschalten vergessen. Wenn meine Bude abfackelt, zieh ich bei euch beiden ein. Dann müsst ihr mich monatelang aushalten«, beschwerte sie sich und stieg zusammen mit Tom in den Lift.
Unten auf der Straße schlug Jane sofort den Weg zu ihrem alten, feuerroten VW Golf ein, doch Veyron packte sie am Handgelenk, zog sie zu dem schwarzen Jaguar. Ohne weitere Worte warf er ihren Rucksack in den Kofferraum.
»Warum nehmen wir nicht meinen Wagen? Wo haben Sie überhaupt dieses Auto her? Sie besitzen doch gar keines.«
Veyron machte ihr die Beifahrertür auf und ließ sie einsteigen. Tom musste auf der Rückbank Platz nehmen, was ihm gar nicht passte (für gewöhnlich saß er lieber vorne). Veyron stieg ein und startete den Motor.
»Ihr Wagen ist verwanzt«, sagte er mit finsterem Ernst.
Jane schaute ihn skeptisch an. »Woher wissen Sie das? Was ist denn überhaupt los?«
Veyron deutete auf die andere Straßenseite, wo ein schmutziger Van mit verwaschener, blauer Firmenaufschrift stand.
»Ist Ihnen der Vauxhall gegenüber noch nicht aufgefallen? Der parkt seit gestern Nacht da, seit Tom bei Ihnen übernachtet hat. Drinnen sitzen zwei Männer, die den Auftrag haben, ihn zu entführen. Ich bin sicher, die würden nicht zögern, Sie zu töten. Das sind Profis, Söldner und Berufskiller. Gerade eben versuchen sie mit ihrem Auftraggeber Kontakt aufzunehmen, da unser unerwartetes Auftauchen, noch dazu in diesem Wagen, nicht zu ihrem Plan gehört.«
Jane machte große Augen. Sie beobachtete den Lieferwagen jetzt mit professionellem Interesse. Die Polizistin in ihr war geweckt.
»Okay. Was haben Sie vor?«
»Ganz einfach: Ich warte.«
»Warten? Worauf?«
Er deutete auf die Straße, wo sich ein alter Sportwagen näherte, aus dem lauter Rap zu hören war. Drinnen saßen vier Jugendliche, mit dicken Muskeln bepackt, überall tätowiert und Sonnenbrillen auf den Nasen.
»Darauf. Pünktlich wie bestellt.«
Die vier Jungs parkten ihren Wagen direkt neben dem Van.
Endlich fuhr Veyron los. So schnell es der Motor des verbeulten Jaguars zuließ, raste er die Straße hinunter, dann bog er in Richtung Innenstadt ab. Tom und Jane beobachteten den Sportwagen durch die Heckscheibe. Er blockierte immer noch den Weg des Lieferwagens. Zwei Männer stiegen aus und beschwerten sich, doch die Jugendlichen im Sportwagen weigerten sich wegzufahren.
»Simon Woods und seine Jungs. Üble Burschen, aber sie schuldeten mir wegen des Trolls von Woking, der drei aus ihrer Gang aufgefressen hat, noch einen Gefallen«, erklärte Veyron mit einem amüsierten Lächeln.
Jane wirkte alles andere als begeistert.
»Sie lassen sich mit diesen Typen ein? Das sind Gangster, Veyron. Typen von der allerschlimmsten Sorte.«
»Irrtum, Willkins. Diese Jungs und ihre Familien werden in Ghettos angesiedelt, erhalten keine vernünftige Bildung und keine ordentlichen Jobs. Man lässt sie einfach links liegen, nur um dann noch kräftig auf sie draufzuhauen, wenn mal was schiefläuft. Niemand ist da, um diesen Menschen einen Weg in die Zukunft zu zeigen. Es ist unsere Gesellschaft, die von der allerschlimmsten Sorte ist«, konterte er mit ungewöhnlich scharfem Ton.
Jane war sofort wieder still und blickte verlegen aus dem Fenster. Tom wagte auch nichts zu sagen. Irgendwie saß er hier zwischen den Stühlen.
»Wo geht‘s jetzt eigentlich hin? Wir können ja nicht ewig mit einem gestohlenen Wagen rumfahren«, wechselte er das Thema.
Jane wäre am liebsten durch die Decke gegangen. »Was? Der Wagen ist gestohlen? Swift, Sie haben den Verstand verloren!«
»Ganz im Gegenteil. Ich habe dieses Fahrzeug Toms Fast-Entführern entwendet. Die sitzen jetzt bei Gregson auf dem Revier und werden sich ausschweigen. Niemand wird uns verfolgen, also bleiben Sie ganz entspannt. Ich fahre auch bloß bis King’s Cross, dort steigen wir in den Zug nach Milton Keynes um. Karten habe ich bereits gekauft.«
»Warum mit dem Zug?«
»Wegen möglicher Verfolger. Da Zugfahren heutzutage fast anachronistisch ist, werden unsere Gegner es am wenigsten erwarten. Bis die wissen, wo wir hin sind, genießen wir bereits die Freuden Elderwelts.«
Veyron versprach nicht zu viel. Er ließ den verbeulten Jaguar einfach am Straßenrand stehen und sie marschierten in den riesigen Bahnhof. Freitagmittag gingen sie im Getümmel Londons komplett unter. Dennoch wanderten Toms Blicke überall hin. Jede Person, die ihm irgendwie seltsam vorkam, beobachtete er genau. Erst als sie in den Zug eingestiegen waren, wurde er etwas ruhiger.
Veyron besetzte ein Abteil und warf Janes Rucksack auf die Gepäckablage. Er selbst hatte nur eine alte, karierte Reisetasche aus Filz dabei, die perfekt zu dem altmodischen Rock und der albernen selbstgestrickten Jacke passte. Danach verschwand er auf der nächsten Toilette. Jane, wachsam aber aufgeregt, blieb in der Tür des Abteils stehen und spähte in alle Richtungen. Sie bedauerte es mehrmals, dass sie ihre Dienstwaffe nicht eingepackt hatte
»Ich hab das Gefühl, die werden wir noch brauchen. Mein Gott, worauf habe ich mich da nur eingelassen?«, murmelte sie und klopfte mit den Fingern nervös gegen den metallenen Türrahmen.
Nach einer Viertelstunde kehrte Veyron zurück, jetzt wieder ganz er selbst, das schwarze Haar zerzaust, ein breites, schelmisches Grinsen in seinem hageren, falkenhaften Gesicht. Anstatt des modrigen Großmutteraufzugs trug er jetzt Hemd, Hose und eine Anzugweste.
Er könnte glatt als seriöser Geschäftsmann durchgehen, dachte Tom. Aber nur, wenn man ihn nicht besser kennt!
»Setzen Sie sich endlich, Willkins. Unsere Verfolger sind wir los und wir werden wohl auch nicht weiter von ihnen behelligt werden«, sagte Veyron und schob die junge Polizistin ins Abteil. Eher widerwillig ließ sie sich in einen der Sitze fallen, während Veyron sich entspannt hinlümmelte und die Beine übereinander schlug.
»Der ganze Ärger begann vor ziemlich genau zwei Wochen. Ich bekam Emails mit wenig freundlichem Inhalt. Ganz offen wurde mir gedroht. Zunächst nur per Text, später folgten dann Fotos von Tom, aufgenommen auf der Straße, vor der Schule und auch vor Ihrer Wohnung. Sofort war mir klar, dass es jemand ziemlich ernst meinte«, erklärte er.
Jane schüttelte erschrocken den Kopf.
»Sie hätten uns informieren sollen. Die Polizei besteht nicht nur aus Idioten, wissen Sie? Inspektor Gregson hätte sicher was unternehmen können«, meinte sie.
»Sehr pflichtbewusst, Constable, sehr pflichtbewusst. Aber leider blieb mir dieser Weg versperrt. Ich bekam auch Fotos von Ihnen, von Gregson und von jedem anderem aus dem Revier. Ein falscher Schritt von mir und Sie hätten auf eine Kollegenbeerdigung gehen können – eventuell auch auf Ihre eigene. Das musste ich verhindern. Zurück zu meinem neuen Feind. Seine Textnachrichten ließen erkennen, dass ich mich um jeden Preis aus gewissen Angelegenheiten heraushalten sollte. Mir war nur nicht klar, aus welchen. Seit dem Tommerberry-Desaster, oder den Schneetroll-Flop in Schottland, hatte ich eigentlich gar nichts mehr zu tun. An meinem Fliegenprojekt – das von Tom und Mrs. Fuller massiv sabotiert wurde, nur um das noch anzumerken – konnte mein Feind ja wohl kaum Anstoß genommen haben.
Also bat ich meinen unbekannten Gegner um eine Unterredung. Ich antwortete einfach auf seine Emails. Mir war natürlich klar, dass die Absender gefälscht waren, aber ebenso rechnete ich damit, dass mein Feind eine Möglichkeit besaß, um meine Antworten zu erhalten.
Schließlich wurden mir Adresse und ein Termin genannt, mit sehr präziser Uhrzeit. Das verriet meinen Feind als meisterhaften Planer und obendrein vielbeschäftigt, außergewöhnlich wohlhabend und sehr gut bezahlt. Mein Gegner hoffte wohl, mich damit überraschen zu können.
Es wäre ihm wohl auch gelungen, wäre ich nur irgendein Hinterhofdetektiv, ein Amateur, der sich auf das Verlegen von Abhöranlagen versteht und untreuen Ehemännern hinterher spioniert. Mir war natürlich sehr schnell aufgefallen, dass in den letzten zwei Wochen etwas nicht stimmte. Ich kenne jeden Bewohner der Wisteria Road, weiß wie ihre Hunde heißen und welche Autos sie fahren. Da fällt ein Umzugstransporter natürlich sofort auf; wohlwissend, dass niemand in der Straße weder ein- noch auszog. 111 Wisteria Road wurde professionell beschattet. Aber ich hatte nicht vor, mich ungestraft beobachten zu lassen. Ich musste herausfinden, was hier gespielt wurde und welche Geschütze mein Feind noch gegen mich auffahren könnte. Dazu war es erst einmal notwendig, das Haus zu verlassen, heimlich und ungesehen«, erklärte er. Veyron ging davon aus, dass seine beiden Begleiter sich den Rest der Geschichte nun selbst zusammenreimen konnten. Als er jedoch die erwartungsvollen Gesichter von Jane und Tom registrierte, begriff er seinen Irrtum und fuhr fort.
»Da habe ich Mrs. Hardfist erfunden, eine alleinstehende, sehr alte und gebrechliche Frau, die jeden Morgen mit ihrem Rollator einen kleinen Spaziergang in die Stadt macht. Zugegeben, einen sehr ausgedehnten Spaziergang, der sie nicht nur zu Toms Schule, sondern auch zu Ihnen, Willkins, und zu Inspektor Gregson führte.«
Veyrons Grinsen wuchs in die Breite, als er sich für seine eigene Genialität bewunderte. Tom fand dieses selbstverliebte Gehabe fast unerträglich, aber er musste zugeben, dass die Ergebnisse eindeutig für seinen Paten sprachen.
»Sie müssen wissen, dass 111 Wisteria Road einen zweiten Keller besitzt. Ich habe ihn vor neun Jahren ausheben lassen, als ich mit meiner Arbeit als Berater für unnatürliche Ereignisse und mythische Wesen begann. Sollte mich einmal eine Horde Kobolde angreifen, bräuchte ich einen schnellen Fluchtweg. Von diesem Keller führen mehrere Tunnels in die Keller der ganzen Nachbarschaft, auch unter der Straße hindurch. Auf diese Weise konnte ich jeden Morgen unerkannt 111 Wisteria Road verlassen.«
Tom musste vor Begeisterung lachen.
»Ist ja irre. Cool«, meinte er.
Jane fand das dagegen weniger lustig. Sie schüttelte nur entgeistert den Kopf.
»Sie haben doch einen totalen Dachschaden! Was Sie da gemacht haben, ist im höchsten Maße illegal. Wissen wenigstens Ihre Nachbarn von diesen Tunnels?«
Veyron sah sie an, als habe sie den Verstand verloren.
»Natürlich nicht«, entrüstete er sich. »Ansonsten wäre der Sinn und Zweck dieser Tunnel ja vollkommen umsonst. Warum glauben Sie wohl, nennt man sie Geheimtunnel? Weil sie geheim sind, ebenso die Türen. Noch keiner der Nachbarn hat sie entdeckt. Ich kenne selbstverständlich die morgendlichen Angewohnheiten meiner Nachbarn und weiß, wann ich gefahrlos welchen Tunnel benutzen kann. 114 Wisteria Road wird zum Beispiel in der Tat von einer alten Lady bewohnt, doch die liegt seit vier Wochen im Krankenhaus und kommt erst übermorgen wieder zurück. Dieser Umstand kam meiner kleinen Täuschungsnummer natürlich zu Gute. Zurück zu meinen weiteren Maßnahmen:
Jetzt stand dieser Termin in jenem besagten Restaurant in Londons Innenstadt an. Wen traf ich dort? Charles Fellows, einer der meistgesuchtesten Verbrecher der Welt«, erklärte Veyron weiter. Er erzählte den beiden von dem Treffen und wiederholte jedes Wort, das gesprochen wurde, erwähnte jede Geste, jedes falsche Lächeln oder Aufblitzen der Augen. Er ließ kein einziges Detail aus. Wenn sie gefragt hätten, er hätte ihnen sogar sagen können wie oft die Warnlichter am London Eye in jener Nacht geblinkt hatten.
Tom war beeindruckt wie ruhig und vorwitzig sein Pate in dieser Situation geblieben war. Jane dagegen schien im höchsten Maße aufgeregt und eingeschüchtert. Sie spielte nervös mit ihren Fingern und warf pausenlos wachsame Blicke hinaus auf den engen Gang.
»Sie sind verrückt! Einer der gefährlichsten Männer der Welt erpresst Sie, setzt Killer und Entführer auf uns andere an – und was tun Sie? Anstatt sich bei der Polizei zu melden, spielen Sie mit diesem Fellows auch noch Spielchen! Ist Ihnen klar, in welche Gefahr Sie Tom da gebracht haben? Ihre Nachbarn, den Inspektor und mich – eigentlich jedermann?«
Veyron schloss die Augen und seufzte laut.
»Willkins, Sie müssen sich wirklich entspannen. Machen Sie sich keine Sorgen, die Gefahr ist fürs Erste gebannt.«
»Das ich nicht lache!«
»Sie kennen den Rest der Geschichte nicht. Ich habe Ihnen noch nichts von Mrs. Hardfists Wirken berichtet. Dazu komme ich gleich, doch zuerst will ich Ihnen erklären wie es mir gelang, Ihren und Toms Kopf aus der Schlinge zu ziehen.
Ich sagte schon, dass ich bereits vor dem Treffen über Fellows verschiedene Handlanger im Bilde war. Nun musste ich jedoch Gegenmaßnahmen ergreifen. Sie würden staunen, Willkins, wer mir noch den einen oder anderen Gefallen schuldet oder mir bereitwillig Unterstützung anbietet. Menschen, über die Sie die Nase rümpfen oder Sie belächeln. Meine unsichtbaren Freunde, so nenne ich sie, die Bettler, die Obdachlosen, die Graffiti-Sprayer oder die heimatlosen Ghetto-Kids.
Noch während ich auf dem Weg zum Treffen mit Fellows war, wurde bereits sein Untergang eingeleitet. Meine unsichtbaren Freunde kontaktierten Woods, gaben ihm meine Anweisungen weiter. Auf diese Weise wurde Toms Fluchtfahrrad bereitgestellt. Auch die drei Schläger lauerten ihm rechtzeitig auf, um einen Zugriff von Fellows Leuten zu verhindern und Verwirrung zu stiften. Ort und Zeit waren präzise geplant, ebenso das Auftauchen von Woods Leuten vor Ihrem Wohnhaus, Willkins. Auch Mr. Puttner war zur rechten Zeit da, um Tom die Tore seines Grundstücks zu öffnen. Ich hatte die ganze Verfolgungsjagd vorausberechnet, die Geschwindigkeiten des Fahrrads und des Verfolgungsfahrzeugs so genau wie möglich bestimmt. Alle Mechanismen haben funktioniert, keiner meiner vier Ausweichpläne musste eingeleitet werden.
Die einzigen kleinen Zutaten, die ich noch hinzufügen musste, war die Manipulation von Toms Smartphone und eine Webcam in seinem Rucksackverschluss, damit ich beobachten konnte, was hinter ihm geschah. Natürlich noch das Daring-Schwert für Notfälle. Ich selbst hielt mich, als Mrs. Hardfist verkleidet, den ganzen Morgen schon bereit. Den Rest der Geschichte kennen Sie ja.«
Tom lachte laut auf, als er all das hörte. Er klatschte in die Hände.
»Phantastisch, echt cool. Das ist ja der Wahnsinn.«
Nur Jane blieb noch immer skeptisch, wenngleich sie sich ein anerkennendes Lächeln nicht ganz verkneifen konnte.
»Eine meisterhaft inszenierte Flucht, das stimmt. Aber das Hauptproblem löst sie natürlich nicht. Fellows ist immer noch dort draußen. Wenn es stimmt, was Sie über diesen Kerl sagen, sind seine Killer jetzt hinter uns her«, meinte sie.
Veyron stieß einen höhnischen Lacher aus, wurde aber gleich wieder ernst.
»Ich bezweifle sehr stark, das Mr. Fellows dazu überhaupt in der Lage sein wird«, erwiderte er.
Jane und Tom blickten ihn staunend an, was Veyron listig lächeln ließ.
»Ich sollte vielleicht endlich von Mrs. Hardfists Meisterstück erzählen. Was für eine tüchtige alte Lady! Nachdem ich Fellows kontaktiert hatte und Adresse und Uhrzeit unseres Treffpunkts übermittelt bekam, bemühte ich Mrs. Hardfist für einen kleinen Ausflug in die City. Ich hatte ein paar Stunden Zeit. Zweifellos würden Fellows Agenten bereits in jenem Restaurant warten, falls ich vorher mal vorbeischaue. Fellows ist kein Dummkopf. Mit einem Besuch von Mrs. Hardfist rechnet jedoch nicht einmal er. Eine krumme, übelriechende alte Schachtel, der man nicht zu nahe kommen will. Die watschelt in das Hilton, hinein in den Aufzug und rauf ins Restaurant, von jedermann ungläubig angestarrt. Sie marschiert von Kundschaft zu Kundschaft, murmelt, geifert, schnappt sich ein paar Zuckerpäckchen und steckt sie in die Taschen. Ein freundlicher Kellner kommt zu ihr und komplimentiert sie hinaus. Mrs. Hardfist beschimpft ihn als Rüpel und steigt in den nächsten Bus. Jedermann lacht über diesen Vorfall, auch Fellows Handlanger.
Zu Hause verwandelt sie sich dann zurück in Veyron Swift, der nun die Zuckerpäckchen nimmt und manipuliert. Er mischt dem Zucker ein Betäubungsmittel bei. Und zwar jenes, welches der gute, alte Mr. Tommerberry entwickelt hat.
Das war der einzig lohnenswerte Aspekt an diesem Reinfall: Ein neuartiges Sedativ, das ein temporäres Koma hervorruft – Tommerberrys bemitleidenswerter Versuch, den eigenen Tod zu fingieren. Ein versuchter Versicherungsbetrug, wie langweilig. Für uns alle jetzt jedoch ein Glücksfall. Ich nehme also die präparierten Zuckerpäckchen mit zu meinem Treffen mit Fellows. In einem Moment vorgespielter Nervosität und Ungeschicklichkeit, tausche ich die echten durch die falschen aus, schütte sie in meinen Kaffee, trinke dann jedoch aus Fellows Tasse. Dieser nun aus der meinen und tappt so in meine Falle. Tommerberrys Sedativ braucht ein paar Stunden, bis es zu wirken beginnt. Fellows kehrt in seine Absteige zurück und schläft ein; vor dem Fernseher, beim Pokern oder wo auch immer. Das Sedativ ruft einen komatösen Zustand hervor, Fellows Handlanger können ihn nicht mehr aufwecken. Zweifellos lassen sie ihn in ihrer Panik im Stich und fliehen. Wenn er wieder zu sich kommt – etwa heute Abend – steht er vor den Trümmern seiner Organisation. Er wird untertauchen müssen, denn Gregson und sogar der MI-5 sind ihm auf den Fersen. Vielleicht gelingt ihm die Flucht, aber ich bezweifle es. Das, meine liebe Willkins, ist dann das Ende der Geschichte und zweifellos auch das Ende von Mr. Charles Fellows.«
Seinen Triumph auskostend, verschränkte er die Arme hinter dem Kopf und schloss die Augen.
Von Jane war für den Rest der Fahrt nach Milton Keynes kein einziges kritisches Wort mehr zu hören. Misstrauisch blieb sie dennoch, als wollte sie nicht so ganz glauben, dass es Veyron wirklich gelungen war, innerhalb von Stunden jenen Mann restlos zu besiegen, den die ganze Ermittlerelite der Welt bislang vergebens zu verhaften versucht hatte.
Auch Tom war nicht ganz wohl in seiner Haut. In Kürze würden sie nach Elderwelt zurückkehren. Dieser unheimliche Consilian würde dort auf sie warten. Um ihm das Handwerk zu legen, würde es sicher mehr brauchen, als ein paar billige Tricks.
4. Kapitel: Ankunft in Fabrillian
Von Milton Keynes führte der Weg über die Landstraße nach Wisperton, einem kleinen Ort, der mitten in der Wildnis lag. Von Osten, Westen und Norden von Wald umgeben, grenzten zahlreiche Äcker und Pferdeweiden im Süden an die Ortsgrenzen. Insgesamt vierundzwanzig alte Häuser säumten die ebenso alte Straße, die wohl zum letzten Mal irgendwann in den Sechzigern ausgebessert wurde. Unzählige Schlaglöcher und der fast vollständig verblasste Mittelstreifen, machten jede Autofahrt hier zum Abenteuer. Es gab ein einziges Hotel, mit zusammengezählt sechs Fremdenzimmern im ersten Stock, die meisten nicht belegt. Das Erdgeschoss wurde von einem altmodischen, aber gemütlichen Pub ausgefüllt.
Sie erreichten Wisperton erst nach Einbruch der Dunkelheit und wären da nicht ein paar alte Straßenlaternen und die hell erleuchteten Fenster des Pub gewesen, sie wären glatt durchgefahren. Tom erinnerte sich noch gut an diesen Ort. Nichts hatte sich seit ihrem letzten Besuch geändert. Im letzten Jahr endete hier sein erstes großes Abenteuer, nun sollte das Zweite beginnen.
»Als würde die Zeit in diesem Ort stehenbleiben. Nur das es jetzt Herbst ist, kalt und neblig. Letztes Mal war es Spätsommer und angenehm warm. Ob das irgendetwas zu bedeuten hat«, fragte er sich.
Veyron hatte in Milton Keynes einen Mietwagen organisiert, eine alte Rostlaube, die auf scheinbar magische Weise zusammengehalten wurde. Mehrmals hatte das Vehikel den Eindruck erweckt, als wolle es am liebsten sofort auseinanderfallen. Hier draußen in Wisperton, fiel der Schrotthaufen zwischen all den anderen betagten Automobilen jedoch kaum auf. Er parkte den Wagen auf der anderen Straßenseite, sie stiegen aus und holten ihr Gepäck aus dem Kofferraum. Der Parkplatz des Hotels war mit Fahrzeugen aller Art überfüllt. Limousinen, Traktoren und Motorräder, da ganze Dorf schien anwesend zu sein.
»Von hier aus sollen wir nach Elderwelt gelangen«, fragte Jane zweifelnd. Sie warf mit verschränkten Armen einen missmutigen Blick in das alte Pub. Durch die kleinen Fenster konnte man sehen, dass drinnen ein reges Treiben herrschte.
»Nicht direkt, aber ich hoffe, hier einen Führer zu treffen, der uns dorthin bringt. Ich versichere Ihnen, dass wir hier Elderwelt näher sind, als sonst irgendwo in England«, gab Veyron zurück. Ohne weiteres Zögern betrat er das Pub, gefolgt von Tom und der äußerst skeptisch dreinschauenden Jane.
Die Gaststube war brechend voll. Dutzende von Leuten saßen oder standen um die kleinen Tische. Sie unterhielten sich angeregt, die einen über das, die anderen über jenes. Für Tom war es ein einziges Stimmengewirr, das in seinen Ohren summte. Veyron setzte sich an einen freien Tisch und bat Jane und Tom, ebenfalls Platz zu nehmen.
Ein junger Keller, höchstens zwanzig, das lange, dunkelbraune Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, erschien lautlos neben ihnen und bat um die Bestellung.
»Für Tom eine Coke und für Willkins ein Bier, für mich ein Mineralwasser, bitte. Oder könnt Ihr mir etwas Besseres empfehlen, Meister Faeringel?«, sagte Veyron, ohne den jugendlichen Kellner dabei anzusehen.
Tom hob erstaunt den Blick, als er den ungewöhnlichen Namen des Kellners vernahm. Er hatte ihn schon einmal gehört – drüben in Elderwelt. Der Kellner lächelte verschmitzt.
»Normalerweise vermag mich kein Mensch in dieser Tarnung zu erkennen. Ihr müsst wahrhaftig die Fähigkeiten eines Zauberers besitzen, Meister Swift«, erwiderte er.
In Veyrons Gesicht blitzte ein Lächeln auf, nur um sofort wieder in seinen üblichen, scheinbar desinteressierten Ausdruck zurückzukehren.
»Nur geschulte Augen, ausgezeichnete Ohren und ein superbes Erinnerungsvermögen. Ihr könnt Eure Ohren tarnen, vielleicht auch noch gewisse Merkmale in Eurem Gesicht und Eurer Gestalt, aber Eure Bewegungen nicht, und auch kaum die Stimme. Ihr habt meine Nachricht erhalten?«
Der Kellner, Faeringel, nickte stumm.
»Die Königin wurde über Euer Anliegen in Kenntnis gesetzt. Sie ist einverstanden, dass Ihr auf die andere Seite gehen dürft. Ich werde Euch zum Durchgang führen. Die junge Dame kommt wohl ebenfalls mit, oder ist sie nur eine momentane Gesellschaft?«
Veyron lachte kurz, vermutlich weil Jane plötzlich so verdattert dreinschaute. Tom konnte es nicht sagen, er war immer noch damit beschäftigt, das Gesicht des Kellners mit jenem in Einklang zu bringen, das er erst letztes Jahr kennengelernt hatte. Es wollte ihm nicht gelingen. Faeringel sah doch ganz anders aus. Wie um alles in der Welt konnte das denn sein? Er zuckte mit den Schultern und fand sich einfach damit ab.
»Das ist Jane Willkins, eine Polizistin; und mit unseren Angelegenheiten gewissermaßen vertraut. Ist das mit nur einem Erlaubnisstein machbar?«, sagte Veyron.
Faeringel musterte Jane mit einem schnellen Blick, dann nickte er.
»Es wird immer nur ein einziger Erlaubnisstein benötigt. Ihr habt ihn doch hoffentlich dabei?«
»Tom, zeig Meister Faeringel doch den kleinen Kieselstein, den dir die Königin bei unserem letzten Abenteuer geschenkt hat.«
Tom griff in die Hosentasche, holte seinen Geldbeutel heraus und klappte ihn auf. Er fischte einen kleinen, eisblauen Kiesel heraus. Schon lange hatte er nicht mehr an dieses ungewöhnliche Geschenk gedacht, doch jetzt, wo er es zwischen den Fingern drehte, erinnerte sich wieder an alles. Faeringel schien jedenfalls zufrieden.
»Sehr gut«, sagte er. »Wir marschieren morgen bei Sonnenaufgang los. Eure Nachricht erzählte noch etwas von einer zweiten Gruppe, die nach Elderwelt kommen möchte?«
»Ja, in der Tat. Übermorgen werden drei weitere Leute in Wisperton auftauchen, darunter eine Prinzessin aus Maresia, Iulia Livia. Sie ist durch einen anderen Durchgang in unsere Welt gelangt. Es ist von allergrößter Wichtigkeit, dass sie heil nach Elderwelt zurückkehrt. Ihre Begleiter, ein rundlicher Inspektor und ein ältlicher Priester, könnt Ihr nachhause schicken, mit Grüßen von mir und dem Versprechen, mich so bald wie möglich zu melden. Lässt sich das bewerkstelligen?«
»Natürlich. Ich habe noch einige meiner Leute in der Gegend. Die werden Eure Freunde in Empfang nehmen und die Prinzessin zur Königin geleiten. Allerdings gefällt es mir nicht, jemanden aus Maresia nach Fabrillian zu bringen. Ihr kennt meine Vorbehalte gegen dieses eroberungssüchtige Menschenvolk.«
»Wenn ich es für notwendig halte, dann ist es auch so. Ihr kennt meine Methoden.«
»Deswegen hat es die Königin ja auch gestattet, Meister Swift. Ich habe dem Wirt gesagt, dass Ihr über Nacht bleibt. Ein Dreibettzimmer ist reserviert. Wir sehen uns dann morgen vor Sonnenaufgang.«
Faeringel drehte sich um und nahm am Nachbartisch die Bestellung auf. Er achtete nicht mehr weiter auf seine vorherige Kundschaft.
Jane erholte sich erst nach einem Schluck Bier allmählich von ihrer Verwirrung.
»Wer war der junge Mann? Woher kennen Sie ihn? Was sollte dieses ganze Gerede von Erlaubnissteinen und dieser geheimnisvollen Königin«, fragte sie misstrauisch.
»Das war Faeringel, Oberster Jäger am Hof von Königin Girian, der großen Regentin von Fabrillian, dem letzten Reich der Elben Elderwelts«, antwortete Veyron.
Jane staunte nicht schlecht. Sie versuchte den jungen Mann erneut zu erspähen, aber Faeringel war spurlos verschwunden.
»Das war ein Elb? Er sah gar nicht wie ein einer aus«, meinte sie.
Veyron lachte kurz. »Elben besitzen die Fähigkeit, ihr Äußeres ohne viel Aufwand und mit einem Hauch von Magie vor den Augen der Menschen zu verbergen. Wenn sie sich unter uns Menschen aufhalten, tarnen sie sich als junges Volk; hübsch, aber unauffällig. Man vergisst sie meistens sofort wieder. Elben sind in ihrer Erscheinung dem Menschen sowieso sehr ähnlich. Daher ist es für sie nicht schwierig, sich zu tarnen. Manchmal erscheinen sie aber auch wie geisterhafte Gestalten, fast transparent, wenn das Sonnenlicht auf sie fällt. Man fragt sich dann, ob man wirklich etwas gesehen hat, oder ob man nur Opfer seiner Einbildung wurde.«
Jane nippte wieder an ihrem Glas und ließ sich in ihren Stuhl sacken.
»Jetzt bin ich echt neugierig auf Elderwelt. Ein Besuch scheint sich zu lohnen, vorausgesetzt, dort sehen alle Männer so gut aus wie Ihr junger Freund«, meinte sie. Ein neckisches Lächeln umspielte ihre Lippen.
Veyron stöhnte genervt, was Jane jedoch nur zum Lachen brachte, auch Tom konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Jane nahm Veyron auf den Arm, was ihm recht geschah, nach all den Gemeinheiten, die er sonst immer so von sich gab.
»Sie sind schon wieder albern, Willkins«, äffte Tom seinen Paten nach. Jane und er brachen in weiteres Gelächter aus, während Veyron regungslos sitzen blieb und die beiden mit verständnislosen Blicken abstrafte.
Nachdem sie ausgetrunken und eine kleine Mahlzeit verspeist hatten, gingen sie auf das Zimmer, das Faeringel für sie reserviert hatte. Tom war erstaunt wie gut vernetzt die Elben in diesem kleinen Ort waren. Der Raum erwies sich als recht klein und hatte dringend eine Renovierung nötig. Die Tapeten lösten sich an den Rändern, vergilbte Farbe splitterte von den Fensterrahmen. Zumindest waren die Betten bequem, jeder hatte sein eigenes. Jane wählte natürlich das, das am weitesten von Veyron entfernt war. Nach der heutigen Aufregung schliefen sie alle drei rasch ein.
Veyrons Handywecker sprengte sie um Punkt fünf Uhr mit Reel 2 Real’s I like to move it auf voller Lautstärke aus den Federn. Waschen und anziehen, gefolgt von einem kurzen Frühstück. Anschließend alles zusammenpacken und raus in die Finsternis. Jane und Tom hatten ihre Rucksäcke geschultert, während Veyron lediglich seine altmodische, rot karierte Reisetasche mitnahm.
Um 6:30 Uhr trafen sie sich mit Faeringel vor dem Hotel, es war noch immer dunkel, nur ganz dezent ließ sich im Osten ein Sonnenaufgang erahnen. Das ganze Dorf lag im dichten Nebel, so dass Tom lediglich zwei andere Häuser ausmachen konnte. Nirgendwo brannte Licht, alles schien noch zu schlafen. Ein Eindruck der täuschen konnte. Tom hoffte, dass ihnen nicht irgendwo Fellows Söldner auflauerten.
Faeringel setzte sich ohne weiteres Wort in Bewegung, die anderen folgten ihm. Sie gingen eine Zeit lang die Straße entlang, die sie immer tiefer in den Nebel führte. Nach einigen Kilometern bog Faeringel schließlich einfach in die Felder ab. Ohne die geringste Ahnung, wo sie jetzt hingingen, folgten ihm Tom, Veyron und Jane.
Nach einer Weile wandte sich Jane an Veyron. Die Neugier stand ihr ins Gesicht geschrieben.
»Ich weiß, Sie haben es mir schon ein paar Mal erklärt, aber ich verstehe das mit Elderwelt und diesen Durchgängen immer noch nicht«, gestand sie.
Tom war überrascht, dass sein Pate diesmal gar nicht die Augen verdrehte oder entnervt aufstöhnte wie es sonst seine Art war. Ganz geduldig versuchte er es ihr zu erklären.
»Vor vielen Jahrtausenden gab es einen mächtigen Zaubererorden, die Illauri. Als die Welt vor über dreitausend Jahren in großer Gefahr war, schufen sie einen unsichtbaren Schutzschild, der die Länder der magischen Wesen von der Welt der Menschen trennte. Elderwelt und die unsrige liegen nebeneinander, nur können wir es nicht sehen oder mit all unserer modernen Technologie aufspüren. Für uns existiert Elderwelt nicht, andersherum hält man in Elderwelt unsere Welt ebenfalls für einen Mythos. Die Menschen dort nennen sie Fernwelt und nur die Weisen wissen um ihre Existenz. Um die Verbindung zwischen den Welten nicht gänzlich abzubrechen, errichteten die Illauri eine Anzahl von Durchgängen, meist in Form von Torbögen, um von einer Welt zur anderen zu gelangen. Ich weiß selbst nicht genau wie diese Durchgänge funktionieren. Sie können zum Beispiel hier in England hineingehen und kommen auf der anderen Seite irgendwo in der Wüste heraus. Man durchschreitet also nicht nur diese unsichtbare Trennwand, sondern legt zugleich oft auch viele tausend Meilen zurück. Es ist Zauberkunst von allerhöchster Macht.«
Jane dachte still darüber nach. Schließlich deutete sie mit einem Nicken auf ihren jugendlichen Führer.
»Und die Elben bewachen diese Durchgänge? Oder was sonst sucht ein Elb in unserer Welt«, fragte sie Veyron leise.
Es war jedoch Faeringel, der ihr antwortete. Er ging viele Meter voraus, war nur als Schemen im dichten Nebel zu erkennen. Offenkundig besaß er ein sehr empfindliches Gehör.
»Der Durchgang in der Nähe von Wisperton führt direkt in unsere Hauptstadt, Lady Jane. Schon immer haben wir auf diesen einen Durchgang geachtet. Auf Befehl der Königin kümmern wir uns auch um Wisperton und seine Bewohner. Ihr Wohl ist unser Wohl, dabei wissen die Menschen von unserer Existenz nichts. In Wisperton findet Ihr jedoch noch immer ein paar alte Geschichten, die über unser Wirken berichten. Man hält sie heutzutage für Kindermärchen und mittelalterliche Mythen. Die Talarin erinnern sich dagegen noch genau an die alten Tage.«
Jane biss sich verlegen auf die Lippe, aber Veyron schenkte ihr ein mitfühlendes Lächeln. Tom, der das Schlusslicht ihrer kleinen Gruppe bildete, schloss rasch zu ihr auf.
»Mach dir keine Gedanken, ich war auch völlig planlos, als ich das alles kennenlernte. Es gibt noch viele andere Durchgänge, manche bewacht, andere nicht. Ich kann‘s schon gar nicht mehr erwarten, endlich wieder nach Fabrillian zu kommen. Es wird dir gefallen, es ist wie Urlaub«, sagte er. Seine Begeisterung wuchs stetig an, drängte ihn zu mehr Eile. Am liebsten wäre er einfach losgerannt - wenn er nur wüsste, wohin in diesem ganzen Nebel.
Als sie auf den alten Eisenbahndamm stießen, an den Tom sich noch gut erinnern konnte, war es bereits deutlich heller. Heute schien die Sonne allerdings besondere Probleme zu haben, den Nebel zu durchdringen. Er begann sich zu fragen, ob da nicht eventuell irgendeine Magie im Spiel war. Der Damm ragte wie eine hohe Wand vor ihnen auf, über und über mit Gras überwuchert. Züge fuhren hier schon lange keine mehr. Die Schienen hatte man schon vor Jahrzehnten demontiert.
Ohne Mühen sprang Faeringel hinauf. Die anderen konnten nur staunen und ihm hinterher kletterten. Er machte keine Anstalten auf sie zu warten und so mussten sie laufen, um ihn wieder einzuholen. Der Damm führte geradewegs in einen dichten Wald. Der Nebel verwandelte die teilweise schon gänzlich entlaubten Bäume und Sträucher in bizarre, schwarzhäutige Gestalten. Mit ihren Dornen und Ästen wollten sie den Wanderern scheinbar den Weg versperren. Mit aller Vorsicht folgten sie Faeringel in das dichte Unterholz. Nicht nur einmal blieben sie mit ihren Jacken und Rucksäcken im Geäst hängen.
Nach einer gefühlten Ewigkeit tauchte vor ihnen ein Eisenbahntunnel auf, der einem schwarzen Rachen gleich, durch einen felsigen Hügel führte. Hier drängte sich der Wald besonders dicht, links und rechts vom Dammweg war keinerlei Durchkommen mehr. Faeringel blieb vor dem schwarzen Tunnel endlich stehen und wartete, bis die seiner Meinung nach unbeholfenen, lärmenden Menschen zu ihm aufgeschlossen hatten.
»Hole nun den Erlaubnisstein hervor, Tom«, forderte er den Jungen auf.
Tom griff in seine Hosentasche und fingerte den kleinen blauen Kiesel heraus. Er zeigte ihn Faeringel, der zufrieden nickte. Ohne ein weiteres Wort trat er in den Tunnel und wurde von der Schwärze verschluckt. Veyron schickte sich an, ihm zu folgen und auch Tom wollte losmarschieren, doch Jane verharrte wie versteinert vor dem Eingang. Die beiden warfen ihr überraschte Blicke zu. Tom konnte sehen, dass sie Angst hatte. Sie zitterte förmlich.
»Die Welt wird nie mehr die Gleiche sein, wenn ich da hineingehe, oder?«, fragte sie halblaut.
Tom hatte keine Ahnung was er darauf erwidern sollte. Er verstand ja nicht einmal, wie sie das überhaupt meinte. Veyron schien jedoch zu verstehen. Er lächelte, diesmal ehrlich mitfühlend.
»Die Welt ist niemals die, für die wir sie halten. Mit jeder neuen Erfahrung verändert sie sich, mit jeder Reise die wir tun, bekommt sie ein neues Gesicht. Ich weiß, Sie fürchten um Ihr Weltbild, Ihren Glauben und alles, was Sie für richtig halten. Haben Sie keine Furcht, Willkins. Das Einzige, was passieren kann ist, dass Sie an Wissen und Weisheit gewinnen. Das ist niemals eine verkehrte Sache.«
Jane dachte einen Moment darüber nach. Eher widerstrebend gab sie ihr Zögern auf. Sie trat zwischen die beiden und gemeinsam schritten sie hinein in die Finsternis.
Die Rückkehr nach Fabrillian hatte sich Tom ganz anders vorgestellt. Sie marschierten eine Zeitlang durch den schwarzen Tunnel und schlagartig, ohne jede Vorwarnung, wich die Dunkelheit hellem Sonnenlicht. Äste und Blätter klatschten ihm ins Gesicht.
Er schlug um sich, traf Jane am Ohr, die empört seinen Namen rief und ihn anrempelte. Faeringel musste lachen, als er die drei Menschen in den Schlingen von Efeu und Wein zappeln sah. Ein kurzer Augenblick verging, bis sich Tom wieder beruhigen konnte. Nun sah er, dass sie tatsächlich in Fabrillian angekommen waren, dem Reich der Elben Elderwelts, den Talarin, wie sie sich selbst nannten.
Sie befanden sich auf einer großen Terrasse, umgeben von einem Ring Statuen der großen Künstler und Denker des Elbenvolkes. Kletterpflanzen rankten sich an ihnen hoch, verdeckten einige vollständig. Tom, Jane und Veyron traten zwischen zwei großen Statuen hervor, auf deren Schultern sich ein alter, steinerner Torbogen stützte.
Das war er, der magische Durchgang, auf den ersten Blick recht unscheinbar und doch sehr viel älter als alles Übrige auf der Terrasse. Im Süden endete sie an einer steinernen Brüstung, dahinter fiel eine Steilwand dreihundert Meter in die Tiefe. Ganz in der Nähe erklang das Donnern eines Wasserfalls. Jenseits der Statuen erweiterte sich das ganze Areal in einen riesigen Baumgarten. Überall trug das Laub herbstliche Farben, goldgelb und rotbraun. Der allerorts anzutreffende Blutahorn machte seinem Namen alle Ehre. Die Blätter schimmerten leuchtendrot, wenn das Sonnenlicht auf sie fiel.
Im Norden stand der Palast der Königin. Zwischen den beiden Seitenflügeln ragte der riesige Hauptbau mit seiner in allen Farben des Regenbogens schillernden, gläsernen Kuppel auf. Von den Seitenflügeln wucherten üppige Sträucher über die Dachränder und hingen bis in die oberste der drei Fensterreihen.
Tom fühlte all die angenehmen Erinnerungen an seine Tage im Palast wiederkehren. Seine Spaziergänge mit dem jungen und weisen Elbenmädchen Imri, die herrliche Unterkunft im Gästepalast oder das vorzügliche Essen. Auch an den wohlschmeckenden, goldenen Genesungstrank erinnerte er sich wieder, an die Musiker auf den Straßen der Hauptstadt und die vielen anderen kleinen, elbischen Wunder.
Jane konnte dagegen nur staunen. Ein »Ich-glaub-ich-träume« nach dem anderen verließ unentwegt ihre Lippen.
Faeringel trat wieder zu den drei Besuchern. Tom fiel auf wie sehr er sich plötzlich verändert hatte. Er war nun nicht mehr länger ein schmächtiger Bursche, sondern mindestens einen Kopf größer, mit breiten Schultern, einem strengen Gesicht und eisblauen Augen. Jetzt war er wieder jener elbische Jäger, den Tom bereits im vergangenen Jahr kennengelernt hatte. Jane bemerkte die Veränderung ebenfalls und stutzte für einen Moment. Ihre Blicke blieben an Faeringels leicht zugespitzten Ohren hängen. Sie musste nach Luft schnappen.
»Es ist wahr. Elben gibt es wirklich, das mit dem Zaubertrick stimmt also«, keuchte sie.
Faeringel schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln, Veyron jedoch nur einen verständnislosen Blick.
»Selbstverständlich stimmt das. Hatten Sie etwa angenommen, ich würde Sie auf den Arm nehmen? Willkins, alles was ich Ihnen jemals über Elderwelt und seine Bewohner gesagt habe, war stets zu Einhundertprozent die Wahrheit.«
»Seid etwas nachsichtiger mit Lady Jane, Meister Swift. Ihr seid mit vielen Dingen vertraut, die für die meisten Menschen an Wunder grenzen«, griff Faeringel nun mit strenger Stimme ein. Ganz zu Toms Erstaunen, erwiderte Veyron darauf gar nichts.
Der große Elb reichte Jane eine Hand, die sie dankbar lächelnd annahm.
»Nun kommt! Die Königin ist momentan noch mit ihrem Gefolge unterwegs, aber bis zum Abend wird sie eintreffen. Sie hat befohlen, dass für Euch Zimmer bereitgestellt werden. Ihre Diener werden Euch zum Gästepalast führen. Wenn Ihr Hunger verspürt, so scheut Euch nicht, die Dienerschaft davon in Kenntnis zu setzen. Die Königin wollte zu Ehren Eurer Rückkehr ein Bankett ausrichten. Es ist also für alles gesorgt«, erklärte Faeringel und führte Jane den Weg zum Palast entlang.
Tom bemerkte ein misstrauisches Zucken der Augenbrauen seines Paten. Er musste grinsen. Würde er Veyron nicht besser kennen, hätte er das fast für eine leicht eifersüchtige Reaktion gehalten.
Jane war ganz und gar verblüfft, dass die Besucher Fabrillians in einem eigenen Palast untergebracht wurden. Sie bereute es nicht eine Sekunde, sich auf dieses Abenteuer eingelassen zu haben. Es fehlte an nichts. Der Ausblick auf die Hauptstadt Fabrillians, Fanienna, war atemberaubend. Die rot gepflasterten Straßen führten kreuz und quer durch einen riesigen Wald. Zwischen den in allen Herbstfarben schillernden Baumkronen ragten die Dächer der Häuser auf, die mit der Farbe des Laubs zu verschmelzen schienen. Sämtliche Straßen und Wege führten um Bäume herum, zierliche Brücken aus weißem Holz wölbten sich über dicke Wurzeln und die vielen kleinen Bäche.
Sobald sie ihr Gepäck in den Schränken der Zimmer (jeder hatte ein eigenes) verstaut hatten, bestand Jane auf einem Rundgang durch die Stadt. Faeringel bot sich ihnen sofort als Führer an, was Jane noch mehr zu begeistern schien.
Auf den Straßen trafen sie viele Elben, die sie alle freundlich grüßten. Manche erkundigten sich bei Tom und Veyron sogar danach wie es ihnen im vergangenen Jahr ergangen war. Auch Jane wurde allerhand gefragt, wo sie herkam, was sie beruflich machte und überhaupt wie es ihr so ging. Als sie es den neugierigen Talarin erklärte, war sie wiederum überrascht zu erfahren, dass in Fabrillian so etwas wie eine Polizei gar nicht gab.
Abends wurden die drei Besucher in den Palast der Königin gebracht. Als sie das Foyer durch die gläsernen Torflügel betraten, blieb Jane für einen Moment vor Ehrfurcht stehen. Fast der ganze Kuppelbau wurde von zwei riesigen Bäumen ausgefüllt, in deren Kronen goldene Lampen schimmerten. Der marmorne Boden war knöchelhoch mit rotgoldenem Herbstlaub bedeckt. Niemand machte sich die Mühe es aufzufegen. Jeder Schritt raschelte laut, doch den Elben schien es zu gefallen. Zwischen den gewaltigen, silbern schimmernden Baumstämmen führte eine Treppe hoch in die Korridore des Palastes, Statuen aus weißem Marmor säumten die hallenartigen Gänge. Die Decken waren mit beeindruckenden Fresken bemalt. Sie zeigten die verschiedensten Ereignisse Elderwelts.
»Die ganze Geschichte der Talarin steht dort oben«, erklärte Faeringel, dem die interessierten Blicke Janes und Toms auffielen. »Angefangen von der langen Wanderung über das Ewige Eis, dem Exodus aus Altwelt und den glücklichen Tagen in Carundel. Seht nur, da vorne wird vom Bau Faniennas berichtet, da hinten von der Entstehung des Bruchs, der großen Klippe, die unser Land in zwei Hälften trennt.«
Jane seufzte. »Das ist echt wunderschön. Diese Farben, so kräftig, fast als würden sie aus eigener Kraft leuchten. Schaut euch nur die ausdrucksstarken Gesichter an. Fast könnte man meinen, man blickt durch ein Fenster in die Vergangenheit. Ich wünschte, wir hätten die Zeit, alles zu fotografieren.«
Neben ihr gab Veyron einen höhnischen Laut von sich.
»Lesen Sie lieber ein Buch über die Geschichte Fabrillians. Bilder anzuschauen, mehrt Ihr Wissen nur marginal«, entgegnete er so kaltherzig wie eh und je.
»Ich glaub es einfach nicht! Sie haben echt keinen Sinn für Schönheit und Kunst, für Sie besteht die Welt nur aus Fakten und Zahlen. Wissen Sie was? Sie sind und bleiben einfach ein Ekel«, ärgerte sie sich.
Tom musste ihr dabei vollkommen zustimmen. Ihm kam es fast so vor, als gäbe sich sein Patenonkel im Moment ganz besonders große Mühe, nicht gemocht zu werden.
Sie wurden in einen großen Speisesaal geführt, wo Königin Girian und ihr ganzer Hofstaat bereits auf sie warteten. Eine schönere und edlere Frau hatte Jane noch nie erblickt, hochgewachsen und schlank, ein ebenmäßiges Gesicht mit heller Haut und eisblaue, durchdringende Augen. Ihr dunkles Haar fiel lockig über ihren Rücken und das ozeanblaue Kleid, das sie trug. Ein silbernes Diadem krönte ihr Haupt, mit einem weißen Edelstein auf der Stirn, der von innen heraus glühte.
Alle drei Besucher verneigten sich höflich, was die versammelten Elben einigermaßen zu belustigen schien. Jane fand das leise Gekicher sonderbar. War das etwa ein Fehler gewesen?
Veyron neben ihr lächelte verschmitzt und zwinkerte Tom zu, der gebannt auf den leuchtenden Edelstein in Girians Diadem starrte.
»Ist es das, was ich denke«, fragte er flüsternd.
»Zweifellos. Ein Splitter des Biuthnin-Steins, des Juwel des Lebens. Unsere listige, wunderschöne Königin. Was für eine beeindruckende Demonstration«, murmelte Veyron begeistert zurück.
Jane verstand nicht, was die beiden meinten, doch die Königin schien es zu hören. Ein vorwitziges Lächeln flog über ihre kirschroten Lippen.
»Besucher aus Fernwelt: willkommen in meinem Haus in Fanienna, Hauptstadt Fabrillians, dem Reich des Volkes der Talarin. So setzt euch nun zu uns an den Tisch, wir alle fühlen uns sehr geehrt. Ich hoffe Ihr bringt reichlich Hunger mit, denn meine Köche wären sehr enttäuscht wenn etwas übrig bliebe«, rief ihnen Girian mit huldvoller Geste zu. Eine ordentliche Portion Humor schwang in ihren letzten Worten mit.
Die ganze edle Gesellschaft erhob sich fast zugleich von den Stühlen. Jane trat verunsichert von einem Fuß auf den anderen, Tom dagegen war zutiefst bewegt. Das war nicht einfach nur eine bloße Höflichkeit von Seiten der Talarin, sondern ehrlicher, tiefer Respekt. Dieser Moment schien eine schiere Ewigkeit zu dauern, ehe die Elben sie mit Lachen und Zurufen an den Tisch baten.
»Nun lasst uns nicht länger rumstehen, für euch Menschen ist das Leben eh schon kurz genug. Setzt euch und greift zu. Wir haben Hunger und sind des Wartens leid«, riefen einige der Jüngeren. »Hätten wir eine Schar Zwerge hier, wäre schon längst alles weg. Also los, sonst bleiben für euch nur noch die Krümel«, bekräftigten ein paar andere.
Tom, Jane und Veyron wurden in die Mitte genommen. Sofort tischten die Diener allerhand auf. Gebratenes Geflügel, das Fleisch hauchzart und die Haut knusprig und würzig, dazu Gemüse in allen Variationen, knackig und schmackhaft. Und Soßen gab es, die allerfeinsten und köstlichsten, die Tom je gekostet hatte. Zuletzt setzten sich die Diener und Küchenjungen ebenfalls an die Tafel. Das Schlusslicht bildete der Koch, ein hochgewachsener Elb mit zufriedenen, runden Bäckchen.
»Eigentlich hatte ich das alles für mich allein gekocht, aber die Königin bestand darauf, es mit ein paar hungrigen Seelen zu teilen«, ließ er Tom scherzhaft wissen.
Den ganzen Abend wurde viel gelacht und allerhand Geschichten erzählt. Zwar konnte Jane nicht mit den Abenteuern von Tom und Veyron mithalten, aber auch aus dem Streifenalltag eines Constables der Londoner Polizei gab es allerhand Anekdoten zu erzählen. In den Talarin fand sie begeisterte Zuhörer. Später gesellten sich noch ein paar Straßenmusiker zur fröhlichen Runde, junge Elben die von zu Hause auszogen, um auf den Straßen Faniennas zu musizieren und sich ein paar Goldmünzen zu verdienen.
»Wir haben gehört, es gibt hier heute Nacht ein Dach über den Kopf, und was zu essen«, riefen sie beim Eintreten. Königin Girian winkte die Jugendlichen näher.
»Aber nur, wenn ihr für uns aufspielt. Anderenfalls müsst ihr euch nach einer anderen freundlichen Königin umschauen«, entgegnete sie lachend.
Das ließen sich die jungen Elben nicht zweimal sagen. Mit Geige, Flöte, Harfe und Kontrabass legten sie sich sofort ins Zeug. Sie spielten schnell, mit einem flotten Rhythmus. Vor allem die jüngeren Elben fühlten sich spontan zum Tanzen aufgefordert. Auch Jane und Tom ließen sich nicht lange bitten, während Veyron bei einigen der älteren aber weiseren Elben sitzenblieb (denen man das Alter natürlich nicht ansah). Sie unterhielten sich lieber über irgendwelche langweiligen Sachen.
Jane fand die ganze, ungezwungene Art der Elben inmitten eines königlichen Palastes so befremdlich wie auch einladend. Wo gab es das, dass heimatlose Straßenmusiker ohne Einladung in einen Palast sparzierten, Musik spielten oder sich Küchenpersonal mit Edelmännern an einen Tisch setzte? Aber ihr gefiel es. Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sie sich frei und sorglos – und vollkommen glücklich.
Es war längst schon dunkel, als die Königin die Tafel für beendet erklärte.
»Morgen erwarten uns ernstere Angelegenheiten. Meister Veyron befindet sich inmitten eines neuen Abenteuers, mit ungewissem Ausgang. Prinzessin Iulia aus Maresia hat seine Hilfe erbeten, um mit den Simanui in Kontakt zu treten. Ich habe den Orden angerufen und der Oberste der Simanui, der Großmeister Taracil, wird persönlich hierherkommen, um sich das Ersuchen der Prinzessin anzuhören. Nun wünsche ich allen eine gute Nacht. Schlaft ruhig und ohne Sorge. Mögen euch die Träume die Kraft verleihen, die ihr benötigt. Ihr steht erst am Beginn eures Abenteuers«, verkündete die Königin, ihre wundervoll melodiöse Stimme voller Ernst, aber auch voller Zuversicht. Sie erhob sich. Begleitet von vier Dienerinnen verließ sie den Speisesaal, während hinter ihr mit dem Zusammenräumen begonnen wurde.
Faeringel brachte die drei Besucher zurück zum Gästepalast. Er verabschiedete sich, als sie die Stufen zum Eingangstor erreicht hatten.
»Ich muss zurück nach Wisperton, um Eure Prinzessin in Empfang zu nehmen, Meister Swift. Schlaft gut, und Ihr besonders, Lady Jane. Morgen sehen wir uns alle wieder.«
Jane blickte dem hochgewachsenen, gutaussehenden elbischen Jäger hinterher, bis er von der Nacht vollkommen verschluckt wurde. Eher widerwillig drehte die sich zu den anderen um, aber nur allein Veyron wartete noch auf sie. Tom war bereits nach drinnen verschwunden. Sie schenkte Veyron ein dankbares Lächeln und schlang sich die Arme um die Schultern. Die spätherbstlichen Nächte waren frisch, auch hier in Fabrillian.
»Ich muss Ihnen echt danken«, seufzte sie mit einem breiten Lächeln, das noch einmal breiter wurde, als sie seinen verdutzten Gesichtsausdruck bemerkte. »Das ist der wundervollste Urlaub, den ich jemals hatte. Danke, Veyron. Vielen, vielen, lieben Dank.«
Sie glaubte, dass er für einen Moment leicht rot im Gesicht wurde – aber eben nur für einen Moment.
»Werden Sie nicht sentimental, Willkins. Das war sehr wahrscheinlich unsere letzte sorglose Nacht hier in Elderwelt. Ab Morgen haben wir es mit Consilian und seinen Machenschaften zu tun.«
Sie verabschiedeten sich und jeder ging auf sein Zimmer. Veyron schlief gleich ein, doch Willkins konnte noch lange kein Auge zu tun.
Gleich nachdem die ersten Sonnenstrahlen im Osten aufflammten, weckte Veyron Tom. Verschlafen rieb der sich die Augen und blickte zu seinem Paten auf. Veyron war schon komplett angezogen, gewaschen und rasiert.
»Was ist denn? Oh Mann, die Sonne ist ja noch nicht mal voll aufgegangen. Können Sie mich nicht einmal ausschlafen lassen?«, beschwerte er sich.
Veyron warf ihm ein Knäuel Kleidung zu. »Aufstehen, waschen und anziehen. Großmeister Taracil ist eingetroffen, ebenso Faeringel mit Prinzessin Iulia. Die Königin hat das Treffen in einer Viertelstunde anberaumt, um uns etwas Zeit zu geben. Taracil scheint es sehr eilig zu haben, diese Sache hinter sich zu bringen.«
»Was ist mit Jane? Ist sie schon wach? Wir müssen sie wecken.«
Veyron schüttelte den Kopf. »Nein, wir lassen sie schlafen. Sie hat gestern Abend wohl ein paar Gläser Elbenwein zu viel erwischt. Sie schläft wie ein Murmeltier. Es wird reichen, wenn wir ihr später alles berichten.«
Im Nu war Tom auf den Beinen, verschwand im Badezimmer, machte sich frisch und schlüpfte in seine Kleider. Sofort eilte er wieder nach draußen, wo Veyron ungeduldig wartete. Gemeinsam verließen sie den Gästepalast und marschierten ohne Umwege zum vereinbarten Treffpunkt.
Das Treffen fand auf der Klippenterrasse statt. Inmitten des Statuenrings hatten die Elben vier Sessel aufgestellt. Girian, die jetzt ein silbern schimmerndes Kleid und einen dunkelblauen Umhangmantel trug, erwartete sie bereits, ebenso Faeringel mit Prinzessin Iulia. Jeans und Bluse aus Fernwelt hatte sie nun gegen eine ihr sehr viel gewohntere Kleidung getauscht. Sie trug eine zitronengelbe Wolltunika, eine sogenannte Stola, und darüber eine violette Palla, den Damenmantel des Imperiums, dessen Saum mit Pelz besetzt war und den Iulia kunstvoll über den Kopf drapiert hatte, so dass Stirn und Haaransatz frei blieben. Ein silberner Gürtel band die Stola an der Hüfte zusammen und die Füße schützten schneeweiße Lederslipper. Tom wusste nicht, wo die Elben so edle und dem gesellschaftlichen Stand der Prinzessin angemessene, maresische Kleidung aufgetrieben hatten, aber Girian bewies stets aufs Neue, dass sie auf jede Art von Besuch bestens vorbereitet war. Vielleicht hatten die elbischen Schneiderinnen es auch binnen kurzer Zeit einfach angefertigt. Die Gewänder passten der jungen Prinzessin nämlich wie angegossen.
Neben der schönen Elbenkönigin stand ein älterer, kahlköpfiger Mann, unter dem Kinn ein langer, spitzzulaufender, weißer Bart, unterbrochen von einigen schwarzen Strähnen. Er trug eine dunkelblaue Tunika, darüber einen schneeweißen Kapuzenmantel, am Kragen von einer imposanten, goldenen Brosche zusammengehalten. Ein breiter, goldener Gürtel, mit Edelsteinen besetzt, saß um seine Hüfte. Eine schneeweiße Schwertscheide hing auf der rechten Seite daran, festgemacht mit silbernen Kettchen. Der Griff der langen Waffe war mit Gold beschlagen und veranschaulichte den hohen Status des alten Mannes. Seine hochgewachsene Gestalt, die breiten Schultern und der strenge Blick unter den schwarzen Augenbrauen, ließen einen sofort respektvoll zusammenzucken.
Taracil, der Großmeister des Zaubererordens der Simanui.
»Habt Dank für Euer Kommen«, begrüßte Girian alle Anwesenden und bat sie Platz zu nehmen. Veyron und Tom setzten sich links und rechts neben die Prinzessin. So hatte es ihm Veyron erklärt, um deutlich zu machen, auf welcher Seite sie standen. Auch Girian ließ sich in einen Sessel gleiten, nur Taracil blieb stehen.
»Das also ist Veyron Swift aus Harrow in Fernwelt. Ich habe schon einiges von Euren Abenteuern vernommen. Der Fall mit den Kobolden in Notting Hill, der Troll in Woking und Euer Kampf gegen Vampire von Surrey. Euch ist Elderwelt demnach nicht fremd. Doch weder seid Ihr ein Simanui noch besitzt Ihr die Gabe der Simarell«, sagte Taracil. Er musterte die Besucher mit durchbohrenden Blicken.
Tom glaubte eine Spur von Abfälligkeit in den dunklen Augen des Zauberers zu erkennen. Er mochte Taracil nicht, ohne genau zu wissen warum.
»Vielleicht wollen wir uns jetzt anhören, was Prinzessin Iulia zu berichten hat«, schlug Girian mit diplomatischer Freundlichkeit vor.
Taracil grunzte nur verächtlich.
»Ich kenne die Geschichte der Nobilissima bereits. Vielleicht erinnert Ihr Euch, dass es zu den Fähigkeiten der Simanui gehört, Gedanken zu erspüren. Ich weiß von den Versteinerungen in Gloria Maresia und dem Aberglauben, die Gorgone Medusa stecke dahinter. Aber ich sage Euch Folgendes: Medusa wurde getötet, der Held Perseus hat ihr den Kopf abgeschlagen, vor weit über dreitausend Jahren! Wir Simanui wissen über solche Dinge bestens Bescheid. Es besteht wahrlich kein Anlass zur Sorge, dieses Monster könnte zurückgekehrt sein, um Rache an der Menschheit zu nehmen. Die Medusa ist tot, ihr kopfloser Leichnam schon längst verrottet. Selbst ihre beiden furchtbaren Schwestern wurden schon seit tausend Jahren nicht mehr gesehen. Die Gorgonen sind Vergangenheit«, ließ er die Anwesenden mit gebieterischer, dunkler Stimme wissen. Mit strengen Blicken wandte er sich an Iulia.
»Die Furcht Eurer Großmutter, Servilia Ennia, ist unbegründet. Der Glaube, die Gorgone suche die kaiserliche Familie heim, ist haltloser Unsinn, ein Aberglaube, weiter nichts! Ich vermag nicht zu begreifen wie gebildete Frauen, aus allerbestem Haus und höchster Abstammung, nur auf so abstruse Ideen kommen.«
Tom wollte aufspringen und protestieren. Ein scharfer Blick von Veyron verbot es ihm jedoch.
»Vielleicht habt Ihr recht, Großmeister Taracil. Sicherlich könnt Ihr mir – in Eurer Allwissenheit – erklären, wie es dann zu diesen Versteinerungsmorden gekommen ist, und warum Schrate und Fenriswölfe die Prinzessin bis fast nach Fernwelt verfolgten. Bestimmt habt Ihr auch eine Antwort darauf wie Consilian in den Besitz eines Gorgonenabbildes kommt, dass dem Orden der Medusa zugeschrieben wird. Wie kann es sein, dass binnen weniger Jahre alle aussichtsreichen Erben auf den Kaiserthron unglücklich versterben oder in den Kerker wandern«, erhob nun Veyron die Stimme. Er klang sachlich und ruhig, doch das hinterlistige Lächeln in seinen Mundwinkeln triefte vor Sarkasmus.
Taracil fühlte sich offenkundig herausgefordert, denn sofort verfinsterten sich seine Augen.
»Ich bin es nicht gewohnt, mich rechtfertigen zu müssen, junger Mann! Aber Eure Leistungen im Nemesis-Fall sprechen für sich. Ihr habt dem Orden der Simanui da eine kleine Peinlichkeit erspart. Darum, und nur allein darum, will ich Euch Eure unbedachten Äußerungen nicht krummnehmen und sogar auf Eure Fragen antworten.
Es gibt eintausend und mehr Methoden eine Versteinerung herbei zu führen. Aber da Ihr kein Simanui seid und die Wissenschaft der Simarell unmöglich studieren könnt, wisst Ihr das womöglich nicht. Ihr wisst dagegen sicherlich, dass die Schrate ein Volk von Räubern und Plünderern sind. Die Grenzen nach Darchorad und anderen Verstecken dieses Volkes, werden nur unzureichend bewacht. Ganze Banden der Schrate ziehen plündernd und brandschatzend durch Allerherrenländer – selbst durch die dünn besiedelten und wenig bewachten Gegenden des Imperium Maresium. Drei einsame Reiter auf verstohlenen Pfaden sind genau die Art von Opfer, denen die Schrate auflauern.
Was Consilian und den Orden der Medusa betrifft, so kümmert es mich schlichtweg nicht. Der Orden der Medusa scheint mir nur ein Zusammenschluss gemeiner Auftragsmörder zu sein, die sich eines alten Zaubers bedienen, den sie irgendwo aufgeschnappt haben. Consilian könnte mit dem Orden der Medusa unter einer Decke stecken. Aber vielleicht wurde ihm dieses besagte Gorgonensymbol auch nur als Warnung geschickt, oder er hat es als Beweisgegenstand seiner Ermittler erhalten. Warum fragt Ihr ihn nicht einfach selbst, anstatt den Orden der Simanui damit zu behelligen? Wir sind die Wächter des Friedens, nicht die Polizei der Welt! Die internen Scherereien eines Volkes gehen uns nichts an, erst recht nicht eine Familienfehde. Zudem solltet Ihr bedenken, dass bislang nur Freunde und Unterstützer Consilians, Opfer des Ordens der Medusa wurden. Wie wahrscheinlich ist es daher, dass er mit diesem Orden unter einer Decke steckt? Ich sehe hier nichts anderes am Werk, als familiäre Streitigkeiten in der kaiserlichen Familie. Das ist wahrlich keine Aufgabe für die Simanui.
Vielleicht wollt Ihr Euch darum kümmern, Meister Veyron Swift? Der Orden der Simanui wird es jedenfalls bestimmt nicht tun!«
Veyron und Taracil starrten sich an, keiner von beiden war geneigt, nachzugeben. Tom konnte die Anspannung förmlich fühlen, die in der Luft lag. Iulia schaute nur in den Boden, das Gesicht voller Scham und Ärger. Tom vermochte nicht zu sagen, auf was oder wen sie zornig war. Sicherlich gefiel es ihr nicht, dass ihr gefährliches Abenteuer als vollkommen sinnloses Unterfangen abqualifiziert wurde.
»Ich schlage eine andere Theorie vor, Meister Taracil. Consilian betreibt ein dunkles Geschäft im Herzen Maresias. Er steckt mit dem Orden der Medusa unter einer Decke, er hat Iulia und ihre Begleiter von einer Spionin verfolgen lassen und ihr die Schrate auf den Hals gehetzt, um eine Einmischung der Simanui zu verhindern. Es sind dunkle Mächte am Werk, Großmeister, vielleicht sogar im Namen des Dunklen Meisters. Ich kenne einen anderen Simanui, der an Eurer Stelle jetzt durchaus sehr besorgt wäre«, konterte Veyron nach einer Weile.
Er klang noch immer ganz gelassen, aber Tom kannte seinen Paten inzwischen gut genug um zu wissen, wie sehr es in dessen Innerem tobte. Wenn Veyron etwas richtig verärgerte, dann war es Ignoranz.
»Ihr braucht mich nicht über die Mitglieder meines eigenen Ordens zu belehren, Swift! Weder Meister Nagamoto noch irgendein anderer Simanui, trifft in dieser Sache die Entscheidung, sondern allein ich! Was den Dunklen Meister angeht: Der wurde vor eintausend Jahren vernichtet. Seine Macht ist gebrochen, die Schrate seither ohne einen Anführer. Seine Zauberbücher sind zerstört, seine Anhänger und Nacheiferer allesamt erschlagen. Nur allein die Erinnerung an ihn, ist hier und da noch lebendig, sowie zahlreiche Aberglauben«, erwiderte Taracil genervt. Seine dunklen Augen trafen dabei Iulia, die nun noch intensiver irgendetwas auf dem Boden suchte. Ihre Finger hatten sich die Lehnen des Sessels gekrallt.
»Schön, dann ist es beschlossene Sache. Wenn Ihr mir nicht helfen wollt, Großmeister, dann muss ich allein nach Maresia gehen und dort nach dem Rechten sehen. Ich versichere Euch, ich werde die Machenschaften des Ordens der Medusa aufdecken. Die Wahrheit wird ans Licht kommen … und danach werde ich Eure Entschuldigung entgegennehmen«, entschied Veyron. Er lehnte sich in den Sessel zurück, presste die Fingerspitzen aneinander und versank für einen Moment in seine unergründliche Gedankenwelt.
Taracil dagegen bekam ein hochrotes Gesicht. Tom konnte sich bildhaft vorstellen, wie der alte Zauberer jeden Moment grelle Blitze aus den Fingern schießen würde, um den unverfrorenen Fernweltler zu bestrafen.
»Es ist ein Fehler, sich über mich lustig zu machen, Swift! Es steht nicht in meiner Macht, Euch am Weg nach Maresia zu hindern oder an dem, was Ihr dort zu tun gedenkt. Aber ich warne Euch! Ganz gleich wie es für Euch ausgeht: rechnet zu keiner Zeit mit der Unterstützung oder Hilfe der Simanui! Wir halten uns aus diesen Angelegenheiten heraus«, polterte Taracil. Im Nu hatte er seine Fassung zurückgewonnen und ließ sich die Verärgerung nicht mehr länger anmerken.
Veyron brauchte einen Moment, ehe er aus seiner Gedankenversunkenheit aufwachte. Er lächelte geschäftsmäßig.
»Niemand macht sich über Euch lustig, Großmeister. Ich danke Euch auf jeden Fall für die kostbare Zeit, die Ihr uns gewidmet habt. Ich hätte allerdings noch eine letzte Bitte.«
Taracil atmete tief durch, sichtlich darum bemüht, nicht die Augen zu verdrehen.
»Ich höre.«
»Prinzessin Iulia muss wieder nach Maresia zurückkehren. Es ist sicher auch im Interesse der Simanui, sie wohlbehütet dort abzuliefern. Soweit ich informiert bin, herrscht seit dem Amtsantritt von Kaiser Tirvinius kein allzu gutes Verhältnis zwischen dem Orden und dem Imperium. Möglicherweise ist diese kleine Gefälligkeit dazu geeignet, dieses Verhältnis wieder zu verbessern.«
Taracil lachte finster. Er funkelte Veyron zornig an.
»Ich nehme an, Euer Freund im Orden, von dem ich übrigens nicht viel halte, hat Euch über diese Angelegenheit informiert. Nagamoto Tatsuya war schon seit jeher viel zu sehr darauf bedacht, den eigenen Neigungen nachzugeben, anstatt die Interessen des Ordens im Fokus zu behalten, genau wie sein Meister und Ausbilder, Lewis Daring. Aber ich muss Euer Anliegen ablehnen, denn es war keine höhere Macht, welche die Nobilissima nach Fernwelt brachte, sondern ihre eigenen Kräfte und ihre eigene törichte Entschlossenheit, dieses nutzlose Unterfangen zu wagen. Von daher überlasse ich es gerne Euch, diese Aufgabe zu übernehmen, da Ihr Euch eh auf den Weg nach Maresia begebt. Wir Simanui halten uns aus maresischen Angelegenheiten heraus, aus allen!«
Nun sprang Tom doch noch auf, den Kopf rot vor Zorn.
»Das ist auch besser so, denn bei uns wir ihr nichts passieren und wir wissen, wie wir uns einer Prinzessin in Not gegenüber zu verhalten haben! Nirgendwo ist sie sicherer als in der Obhut von Veyron Swift! Wir haben das Daring-Schwert, wir haben ganz ohne Simanui gegen Schrate, Trolle und dunkle Hexenmeister gekämpft«, rief er.
Taracil wandte sich mit einem Ausdruck der Verblüffung an Tom. Die kalten Augen des Zauberers schienen ihn förmlich zu durchleuchten. Trotzdem wollte Tom nicht klein beigeben, sondern ballte trotzig die Fäuste. Er hatte keine Furcht vor diesem Widerling.
»Tom Packard! Setz dich wieder hin und sei still«, schimpfte Veyron, nun erstmals richtig wütend. Tom verstand gar nicht, was er falsch gemacht hatte, aber die Strenge im Gesicht seines Paten ließ ihn ohne weiteres Widerwort gehorchen. Taracil verzog das Gesicht zu einem verächtlichen Lächeln. Verärgert starrte Tom in den Boden. Veyron hatte ihn ausgerechnet vor Taracil, diesem schmierigen, arroganten und gemeinen Angeber, bloßgestellt.
»Ich nehme an, dieses Gespräch ist damit beendet«, stellte der alte Simanui einen Moment später fest. Er wandte sich an die Königin und verkündete seinen baldigen Aufbruch. Ohne Glückwünsche, oder ein Wort der Verabschiedung, wirbelte er herum und stolzierte in Richtung Palast davon.
Niemand wagte ein Wort zu sprechen, solange sich der Großmeister in Sicht- und Hörweite befand. Sobald er jedoch den Palast betreten hatte und die Torflügel hinter ihm zufielen, klatschte Veyron in die Hände. Er sprang vom Sessel auf.
»Na schön, dann muss es eben ohne die Simanui funktionieren«, rief er, dabei seine offenbar in aller Stille bereits ausformulierten Pläne meinend. Er wirbelte zu Iulia herum. Die junge Prinzessin wagte erst jetzt wieder vom Boden aufzublicken.
»Verzeiht, Meister Swift, aber ich bin eine Närrin! Ich hätte zu Hause bleiben sollen, in Gloria Maresia, im kaiserlichen Palast. Dieses ganze Wagnis war eine einzige Dummheit. Meister Taracil hat recht: Ennia bildet sich da was ein, und meine Begleiter sind sinnlos gestorben. Wie konnten wir nur so dumm sein, ins Niemandsland zu reiten, wo die Schrate jedem Reisenden auflauern?«, schluchzte sie.
Tom bemerkte, wie ihr Tränen über die Wangen liefen. Veyrons Gesicht war für niemanden zu deuten, so unbewegt und unmenschlich kühl blieb er. Er schien die Tränen und die Verzweiflung der Prinzessin nicht einmal zu bemerken.
»Ich fürchte, meine Autorität kann es nicht mit der eines Großmeisters der Simanui aufnehmen. Nichtsdestotrotz gibt es den Orden der Medusa und die versteinerten Mordopfer. Das klingt auf jeden Fall nach einer lohnenden, kleinen Ablenkung für mich. Ich werde nach Gloria Maresia gehen, Prinzessin Iulia. Vielleicht mache ich noch einen kleinen Umweg nach Loca Inferna und sehe dort einmal nach dem Rechten.«
Iulia blickte überrascht auf. Sie wischte sich – wenig königlich – die Tränen mit dem Ärmel aus dem Gesicht. Ihre Augen begannen kurz zu leuchten, als sie neue Hoffnung schöpfte.
»Das würdet Ihr tatsächlich für mich tun? Oh, der arme Nero. Ich hoffe, es ist ihm dort nicht allzu schlecht ergangen. Loca Inferna gilt als eines der schlimmsten Gefängnisse im ganzen Reich. Wen man dorthin schickt, den schickt man zum Sterben hin. Ach, das ist alles meine Schuld. Von Anfang an habe ich alles immer nur schlimmer gemacht.«
Sie schlug die Hände vors Gesicht. Tom schluckte schwer, er hatte Mitleid mit der jungen Prinzessin. Königin Girian erhob sich, kniete sich vor Iulia hin, nahm deren Hände in die Ihren.
»Verzweifelt nicht, Iulia. Im Angesicht dunkler Machenschaften mögen uns viele unserer Entscheidungen im Nachhinein als wenig weise reuen. Eure Fehler erscheinen mir jedoch als die Geringsten in diesem Drama. Ich bin sicher, Veyron Swift und Tom Packard werden eine Lösung für Eure Sorgen finden, Ihr müsst ihnen nur vertrauen. Ich kenne keine Menschen, denen ich bereitwilliger mein Schicksal und selbst mein Leben anvertrauen würde«, sagte sie aufmunternd und voller Anerkennung. Tom fühlte sich unglaublich gerührt, vor Verlegenheit lief er knallrot an. Veyrons Augenbrauen zuckten ein wenig. Ein kurzes, dankbares Lächeln huschte über seine dünnen Lippen.
»Ich werde aufbrechen, sobald Taracil den Palast verlassen hat. Ich nehme an, Ihr könnt uns Proviant und Ausrüstung für ein paar Reisetage zusammenstellen«, fragte er.
Girian nickte mit einem gütigen Lächeln. Sie half Iulia beim Aufstehen. Die Prinzessin schniefte noch ein wenig, hatte sich aber wieder weitgehend gefangen.
»Noch mehr als das, Meister Veyron. Ich werde Euch einen Führer mit auf den Weg geben. Faeringel wird vielleicht nicht ganz erfreut darüber sein, denn er verlässt die Grenzen unseres Landes nur ungern. Es gibt jedoch niemanden in den Reihen meiner Jäger, der erfahrener ist. Des Öfteren schickte ich ihn schon nach Gloria Maresia, und auch in andere menschliche Lande. Auf ihn könnt Ihr Euch verlassen, ganz egal in welche Schwierigkeiten Ihr geratet.«
Tom war nicht sicher, ob er Girians Meinung im Moment teilen wollte. Er dachte immer noch daran, wie Veyron ihn angefaucht hatte – vollkommen grundlos, wie er fand. Und das Schlimmste: Veyron hielt es nicht einmal für notwendig, sich dafür zu entschuldigen, oder seinen Ausbruch wenigstens zu erklären. Er tat einfach so, als wäre nichts gewesen, während Tom an nichts anderes denken konnte. Lag es daran, dass Veyron nicht in der Lage gewesen war, Taracil umzustimmen? Er wusste wie sehr es seinen Paten verärgerte, wenn sich andere partout nicht überzeugen lassen wollten. Ein Glück, dass Iulia und Faeringel sie auf dieser Reise begleiten würden. Wenigstens wären Jane und er Veyrons Launen dann nicht allein ausgesetzt.
5. Kapitel: Durch Fels und Nacht
Nach dem Treffen mit dem Großmeister der Simanui, kehrte Tom zum Gästepalast zurück, Veyron blieb dagegen bei der Königin, um mit ihr die Vorbereitungen für die Reise zu besprechen.
Wie sich herausstellte, schlief Jane noch. Tom wartete eine Weile, ehe er nach den elbischen Dienern schickte, um der jungen Polizistin ein Frühstück servieren zu lassen. Danach ging er in die Stadt und versuchte seinen Ärger über Veyrons Verhalten, durch zielloses Umherschweifen loszuwerden.
Erst am Nachmittag kehrte er zurück. Jane und Veyron warteten bereits auf ihn. Sie war erst gegen Mittag aufgewacht und hatte danach ein ausgiebiges Bad genossen. Jetzt, wo die drei wieder beisammen waren, verkündete Veyron, dass sie Fabrillian morgen früh verlassen würden.
»Schade«, seufzte Jane. »Ich hätte es hier sicher noch ein paar Tage ausgehalten, vielleicht sogar ein paar Wochen – oder Monate. Aber Sie haben sicher recht. Wir gehören in unsere Welt. Dort wird man uns sicher schon vermissen.«
Veyron schüttelte verneinend den Kopf. »Irrtum, Willkins. Wir kehren nicht in unsere Welt zurück, wir gehen nach Gloria Maresia und legen Consilian und seinem Orden der Medusa das Handwerk.«
Jane kämpfte einen Moment sichtlich mit der Überraschung und verschränkte ablehnend die Arme vor der Brust.
»Moment! Tom muss wieder in die Schule, das können Sie nicht machen. Wir hatten ein Wochenende vereinbart, und das ist jetzt um.«
»Wir hatten gar nichts vereinbart. Tom machte zwar den Vorschlag für einen Wochenendausflug, aber ich sagte dazu gar nichts«, entgegnete er mit unerbittlicher Schärfe in der Stimme. »Leben sind in Gefahr, Willkins. Da werde ich nicht einfach stillhalten und zusehen, wie das Unrecht um sich greift. Zudem besteht kein Grund zur Sorge. Vor unserer Abreise, habe ich Inspektor Gregson über alles informiert und ihn gebeten, bei Richter Stevenson einen Antrag für ein Zeugenschutzprogramm einzureichen. Offiziell sind wir aus Sicherheitsgründen untergetaucht, mit Wissen und Genehmigung der Behörden. Das bedeutet: keine Schule für Tom und ein verlängerter Urlaub für Sie.«
Jane war sprachlos, auch Tom wusste nicht, was er sagen sollte. Die Worte „keine Schule“ lösten jedoch sofort Begeisterung in ihm aus. Er gab einen verhaltenen Jubelschrei von sich und rief dabei ein kurzes Lächeln auf Veyrons Lippen. Jane wirbelte wutentbrannt herum und stapfte auf die andere Seite des geräumigen Gästezimmers. Sie blickte aus den Fenstern auf den Palastgarten hinunter.
»Es stimmt, Sie sagten ja von Anfang an, Sie würden ein paar Wochen ausbleiben. Sie haben mich hereingelegt! Sie wussten wie Sie mich provozieren konnten, damit ich mitkomme. Von wegen „sagen Sie mir, Willkins, haben Sie England eigentlich jemals verlassen?“. Ihr ganzes arrogantes Gehabe, alles nur Schauspielerei, stimmt’s? Und jetzt haben Sie mich hier in der Falle«, warf sie ihm vor. Bereits im nächsten Augenblick war ihr Zorn jedoch schon wieder verraucht. Sie seufzte.
»Also gut. Menschenleben stehen auf dem Spiel. Wir sind die einzigen, die sie retten können, nehme ich an. Das ist ja mein Job als Polizistin, nicht wahr? Meine Berufung. Okay, wann geht es los?«, fuhr sie einen Moment später fort, die Stimme voller Resignation. Es kostete sie sichtlich einige Überwindung, sich ausgerechnet Veyron Swift geschlagen zu geben.
Abends speisten sie noch einmal am Tisch Girians. Diesmal war die Runde sehr klein, bestand nur aus der ewig jungen Elbenkönigin, Faeringel, Iulia und den drei Besuchern aus der Menschenwelt. Sie besprachen die Reiseroute, und wie lange sie unterwegs sein würden. Die Prinzessin fragte vorsichtig nach, ob sie nicht eine Kutsche nehmen könnten oder ob es wenigstens Sklaven gäbe, die ihr beim Tragen halfen. Girian lachte darüber nur amüsiert. Beschämt blickte die junge Maresierin in eine andere Richtung.
Jane gefiel dieses königliche Gehabe der Prinzessin gar nicht. Kaum waren sie wieder allein, ließ sie Veyron und Tom wissen, wie wenig ihr die Idee gefiel, diese Iulia mitzunehmen.
»Die wird uns mit ihrer Jammerei noch die Ohren vollheulen. Wahrscheinlich macht sie sich jetzt schon Sorgen um Ihre Fingernägel«, brummte sie.
Veyron warf ihr einen schelmischen Blick zu.
»Unwahrscheinlich. Ihre Fingernägel sind genauso sorgfältig gestutzt wie die Ihren – und dabei nicht einmal lackiert«, erwiderte er im beiläufigen Ton. Jane funkelte ihn zornig an, doch Veyron lachte darüber und verabschiedete sich. Sie mussten früh raus. Es wäre besser, sie gingen jetzt alle zu Bett, wie er meinte.
Am nächsten Morgen brachen sie auf, von den Elben mit vielen freundlichen Worten verabschiedet. Alle hatten sie dicke Winterjacken an, Veyron seinen weiten, schwarzen Ausgehmantel und Iulia einen Umhang aus Fuchsfell. Während alle anderen Rucksäcke tragen sollten, nahm Veyron nichts anderes mit, als seine altmodische, karierte Reisetasche.
»Was haben Sie denn da drin, dass Sie sich selbst jetzt nicht von dem Teil trennen wollen«, fragte Jane neugierig.
»Ein paar nützliche Kleinigkeiten, Willkins, die sich für den Lauf der Operation vielleicht als unverzichtbar herausstellen werden«, antwortete er und tätschelte liebevoll den faserigen Filz der Tasche.
Jane schüttelte verständnislos den Kopf, während Tom nur mit den Schultern zuckte. Er kannte seinen Paten und wusste, das Veyron niemals etwas ohne tiefere Absicht tat.
Faeringel hatte sich einen großen Lederbeutel um die rechte Schulter gehängt, dazu noch einen langen Bogen und einen Köcher voller Pfeile. Prinzessin Iulia stand ratlos vor dem großen Rucksack, den ihr Girians Zofen gepackt hatten.
»Muss ich den auf dem ganzen Weg nach Gloria Maresia tragen«, fragte sie unsicher. Fast flehentlich warf sie einen Blick auf die Königin, die als Antwort darauf, nur ein vielsagendes Lächeln zeigte. Faeringel trat zu Iulia und schulterte den Rucksack ohne weiteren Kommentar. Anschließend verbeugte er sich knapp vor seiner Herrin.
»Wir brechen nun auf. Lebt wohl, Tiarne. Ich werde euch über alle Geschehnisse auf dem Laufenden halten«, verkündete er.
Girian verbeugte sich ihrerseits, ebenso all ihre Zofen.
»Kehrt heil zurück und möge Euch Erfolg beschieden sein. Lebt wohl allesamt!«, verabschiedete sie sich. Faeringel drehte sich um und marschierte los, gefolgt von Veyron. Tom verbeugte sich vor der Königin und eilte den beiden hinterher. Iulia tat es Tom gleich, bedankte sich für die Gastfreundschaft der Talarin, dann schloss sie zu den anderen auf. Jane schaute ihr dabei missbilligend zu. Zuletzt wandte auch sie sich noch einmal an die Königin. Girian erwiderte ihren Blick unerwartet ernst.
»Lebt wohl, Lady Jane. Gebt Acht: Dinge werden geschehen, die Euch fordern werden. Wählt darum alle Entscheidungen mit Bedacht und zeigt Vertrauen, auch wenn Euch das schwerfallen mag. Diese Reise wird Euch verändern, Ihr werdet nicht mehr dieselbe sein, wenn Ihr zurückkehrt.«
Jane war ein wenig überrumpelt. Sie nickte nur und beeilte sich, die anderen einzuholen. Der Blick der Königin gefiel ihr gar nicht, es kam ihr so vor, als hätten diese eisblauen Augen ihren Körper durchdrungen und binnen eines Augenblicks ihre ganze Seele erforscht. Offenbar hatte Girian dort etwas gefunden, dass sie besorgte. Jane hatte keine Ahnung, was es sein konnte. Das bereitete ihr ein wenig Angst. Was war, wenn sie im entscheidenden Moment die falsche Entscheidung traf?
Sie folgten dem Verlauf des Bruchs, jener gewaltigen Klippe, die Fabrillian von Ost nach West durchzog und in eine nördliche und eine südliche Landeshälfte teilte. Sie hatten ein phantastisches Panorama zu beiden Seiten. Im Norden lagen die Hügel, mit ihren glitzernden Seen und Flüssen, dahinter die Wälder an den Hängen der Berge, rot und golden schimmernd. Im Süden konnten sie bis an die weißen Strände sehen und auf das Nebelmeer, das in der Ferne in weißem Dunst verschwand.
Faeringel und Veyron gingen voraus. Sie legten ein ordentliches Tempo vor, bei dem Tom, Iulia und Jane Mühe hatten, mitzuhalten. Manchmal mussten sie laufen, um zu den beiden wieder aufschließen.
»Das ist ein Witz«, schnaufte Jane verärgert. »Mir geht die Luft aus, während Swift weiterrennt, als wäre es nur Morgensport. Ich muss mit dem Rauchen aufhören.«
Janes Laune blieb für den Rest des Tages im Keller. Sie fing immer öfter an, über das ganze Abenteuer zu murren. Zudem bedachte sie Iulia laufend mit misslaunigen Blicken, wenn die Prinzessin um Pausen bat oder stehenblieb und die Landschaft Fabrillians bewunderte.
Sie marschierten zwei weitere Tage am Bruch entlang, bis die Landschaft schließlich deutlich anstieg. Sie näherten sich dem gewaltigen Gebirge, das Fabrillian fast vollständig umschloss und von der Außenwelt abschottete. Das Himmelmauergebirge wurde es genannt, Minir Afirmur auf der Sprache der Talarin. Giganten wie der Mount Everest reihten sich hier zu Dutzenden aneinander. Viele waren so hoch, dass ihre Gipfel die Wolken wie Speerspitzen durchstießen. Es hieß, diese Berge seinen unpassierbar. Steilwand neben Steilwand, wie die unvorstellbar gewaltigen Zähne einer Gottheit.
»Seht nur wie winzig und unbedeutend wir sind«, sagte Veyron auf einmal. Er blieb stehen und deutete auf die gewaltigen, im Sonnenlicht glitzernden Gletscherwände. »Die Himmelmauerberge werden noch da sein, wenn wir längst tot und all unsere Abenteuer vergessen sind. Unser ganzes Planen, Tun und Wirken bedeutet für diese Berge nichts. Wären sie lebendig, sie würden uns auslachen, weil wir Menschlein uns so wichtig nehmen und wahrhaftig glauben, wir könnten den Weg der Welt bestimmen. Dabei können wir nur demütig aufschauen und uns daran erinnern, dass es Mächte auf der Erde gibt, die sich allen Plänen und allem Tun entziehen, Mächte, die weit über uns stehen.«
So melancholisch und nachdenklich hatte Tom seinen Paten schon lange nicht mehr erlebt. Tatsächlich blieb Veyron fast eine gefühlte Ewigkeit an Ort und Stelle stehen. Er tat nichts anderes, als das gewaltige Panorama zu bewundern. Die Luft war kalt und klar, der Blick reichte über ganz Fabrillian hinweg, von West nach Ost, nach Norden und Süden. Über ihnen zogen einige weiße Wolken gemächlich über den blauen Himmel. Erst als Tom Veyron auf die Schulter klopfte und ihn so aus seiner Starre weckte, ging der Marsch weiter.
Iulia wurde derweil immer langsamer, ihr Kopf wandte sich von einer Richtung zur anderen. Sie bestaunte die Himmelmauerberge und die Aussicht auf Fabrillian. Jane folgte ihr, da sie sichergehen wollte, dass ihnen die junge Frau nicht irgendwo verloren ging. Immerhin war sie ja der Grund für diese irrsinnige Expedition.
»Wie schön es hier ist. Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so nah an so großen Bergen. Seht nur, ich kann die Gletscher sehen, mit ihren glitzernden Ebenen und den tiefblauen Spalten, die sie wie die Falten einer uralten Frau durchziehen. So alt und so mächtig, so schön und edel. Aber ich werde froh sein, wenn ich wieder in meiner Heimat bin und dieses Abenteuer ein Ende hat«, sagte die Prinzessin.
Jane schnaubte verächtlich. »Ach, jetzt plötzlich? Warum haben Sie sich dann überhaupt auf dieses Abenteuer eingelassen?«
»Ich dachte, ich könnte etwas Gutes bewirken. Ich weiß, es war ein Fehler. Ich hätte zu Hause bleiben sollen und tun, was von mir erwartet wird. Ich bin eine kaiserliche Prinzessin, Enkeltochter des Augustus von Maresia. Ich bin nicht für Abenteuer geschaffen, Abenteuer sind nur etwas für Männer.«
Jane lachte auf, als sie das hörte. Meinte diese Iulia das tatsächlich ernst?
»Jetzt erzählen Sie mir bloß noch, dass Ihr Platz am heimischen Herd ist, dass es Ihre Aufgabe ist, Ihren Mann glücklich zu machen und seine Kinder großzuziehen«, verhöhnte Jane die maresische Prinzessin.
»Nein, das nicht. Mein Mann – mein ehemaliger Gatte – sitzt im Kerker auf Loca Inferna. Aber eines Tages werde ich von Neuem verheiratet, mit dem nächsten Erben des Kaiserthrones. Ich werde die Kaisergattin sein, die Augusta. Ich werde über eine Vielzahl von Sklaven und Sklavinnen gebieten, Feste und Empfänge vorbereiten. Ich werde zu entscheiden haben, wann und was bei den Mahlzeiten aufgetischt wird. Ich werde mich um die Ausbildung meiner Kinder kümmern, Lehrer und Philosophen auswählen um meine Söhne zu unterrichten und meine Töchter in der Hauswirtschaft anleiten. Sie müssen zu guten Ehefrauen erzogen werden, Lesen und Schreiben lernen, vielleicht noch Kunst und Philosophie, meine Söhne Rhetorik und Politik. Falls sie begabt sind, auch musischen Unterricht. Für all diese Dinge wurde ich erzogen, das ist es, was man von einer künftigen Augusta erwartet«, erklärte Iulia mit einem dermaßen erschreckenden Selbstverständnis, dass es Jane ein wenig fröstelte. Sie zog die dicke Daunenjacke enger um ihren schlanken Körper.
»Das verstehe ich nicht. Warum lassen Sie sich überhaupt verheiraten? Können Sie denn nicht wählen wie Sie Ihr Leben gestalten? Was ist mit Liebe? Warum heiraten Sie nicht jemanden, den sie lieben?«
Iulia warf Jane einen überraschten Blick zu.
»Das spielt keine Rolle. Ich werde den Mann heiraten, den mein Großvater für mich aussucht – einen Senator vielleicht, auf jeden Fall jemanden von allerhöchstem Adel. Eventuell sogar Consilian, falls der Augustus sich entscheidet, ihn zu adoptieren und zum Erben des Throns zu ernennen.«
Jane lachte verhalten und schüttelte den Kopf.
»Ich könnte das nicht«, sagte sie. »Sie leben praktisch in Gefangenschaft und lassen sich Ihr ganzes Leben von anderen Männern diktieren, oder von Ihrer Mutter, oder von sonst irgendjemand. Wo bleiben Sie bei der ganzen Sache? Was ist mit Ihren Wünschen, Ihren Träumen, Ihren Sehnsüchten? Ich könnte niemals so leben, ich lasse mir kein Schicksal aufzwingen. Ich entscheide selbst. Ich bin Polizistin geworden, obwohl mein Vater mich lieber irgendwo im Büro einer Bank gesehen hätte. Ich bin frei und treffe meine eigenen Entscheidungen.«
Iulia maß sie mit einem fast vorwurfsvollen Blick.
»Fernwelt ist ein sonderbarer Ort, mit sonderbaren Gebräuchen. Ich traf dort keine Frau, die einer Matrone Maresias entspräche. Fast alle Frauen Eurer Welt tragen Hosen, manche arbeiten sogar als Ärztinnen und wagen es, den Männern Anordnungen zu erteilen wie sonst nur den Sklaven. Es ist ein seltsames Leben, in der keine maresischen Konventionen gelten. Mir hat dies Angst bereitet.
Ich weiß, Ihr seid mit den Sitten Maresias nicht einverstanden, ich sehe es Euch an. Alles was ich sage, stört Euch, alles was ich tue, ruft ein Kopfschütteln hervor. Ihr seid so ganz anders, als ich es bin. Ich weiß, das sollte es nicht, aber Ihr fasziniert mich, Jane Willkins. Ihr seid wie eine Löwin, wild und ungezwungen. Ihr ordnet Euch niemanden unter, Ihr lasst Euch nichts gefallen, niemand kann Euch den Mund verbieten. Ihr seid wirklich frei, da sind keine hohen Erwartungen, die Euch fesseln. Darf ich Euch darum etwas fragen?«
Jane bejahte das. Natürlich konnte die Prinzessin sie alles fragen, solange es nicht zulange dauerte, um zu antworten. Sie wollte dieses Gespräch so schnell wie möglich hinter sich bringen. Die drei Jungs waren schon wieder weit voraus, Iulia und sie sollten nicht noch weiter zurückfallen.
»Seid Ihr glücklich?«
Jane überlegte. Sie war sofort versucht mit „Ja“ zu antworten, aber der intensive, erwartungsvolle Blick der Prinzessin ließ sie stutzen. Sie hatte sich diese Frage schon öfter selbst gestellt, im Stillen – vor allem in letzter Zeit. War sie glücklich?
»Willkins, Prinzessin Iulia! Wir haben es einigermaßen eilig, wenn ihr beide also bitte aufschließen würdet«, riss sie Veyrons Stimme aus den Gedanken.
Jane verdrehte verärgert die Augen und stapfte weiter, Iulia die Antwort schuldig bleibend. Die Prinzessin folgte ihr enttäuscht.
Faeringel erklärte ihnen, dass noch kein Mensch die Himmelmauerberge überschritten hatte, auch die meisten Elben nicht. Es gab jedoch ein paar geheime Pfade, über die man von einer Seite zur anderen gelangen konnte.
»Im Nordwesten führt die Regenbogengrotte unter dem Gebirge hindurch. Doch müssten wir zweihundert Meilen in den Norden marschieren und wären viele Tage unterwegs. Aber auch hier, im Südwesten, gibt es einen uralten Pfad, mitten durch einen Berg hindurch, nicht mehr als ein schmaler Spalt. Als vor dreitausend Jahren der Bruch entstand, der unser Land in zwei Hälften riss, da brach auch einer der Felsgiganten mitten auseinander und schuf diesen Weg. Keine vier Mann können dort nebeneinander gehen, darum ist er von außen nahezu unsichtbar. Wir Talarin nennen ihn „die Schlucht der Nacht“, denn nur einmal am Tag scheint das Licht der Sonne hinein, ansonsten ist es meist stockdunkel, wegen des Schattens des Berges. Aber wenn wir auf die andere Seite wollen, ist das der schnellste Weg.«
Der Aufstieg zum Eingang der Schlucht brauchte fast den ganzen Tag und vor sich hatten sie nun einen schwarzen Schlund, der mitten durch das Felsgestein führte. Links und rechts ragten senkrecht und glatt die Wände des gespaltenen Berges kilometerweit auf, in der Sprache der Talarin Min Carach genannt. Das Ende des Spalts lag irgendwo oben in den Wolken. Tom schauderte, auch Jane zeigte wenig Begeisterung, da hineinzugehen. Wie üblich schienen solche Ängste Veyron Swift und Faeringel gänzlich unbekannt. Sie traten durch den Eingang und nach ein paar Metern verschwanden sie in der Finsternis.
»Es ist ja nur ein Spalt im Fels«, meinte Tom mit einem Schulterzucken. Erneut folgten seine Blicke dem steil aufragenden Min Carach. »Was soll da schon passieren?«
Er trat vor, Jane und Iulia folgten ihm. Der Eindruck vollkommener Finsternis täuschte, sobald man tiefer in die Spalte vordrang. Es herrschte ein Zwielicht, dass immerhin eine Sicht auf wenige Meter ermöglichte. Wenn Tom nach oben schaute, fand er nur dunkelgrauen Fels, soweit das Auge reichte. Vom Himmel war gar nichts zu sehen, dennoch schien das wenige Licht irgendwo von ganz weit oben herunterzufallen.
Wie Faeringel gesagt hatte, erwies sich der Weg als sehr schmal. Sie kamen nur im Gänsemarsch vorwärts. Der Boden war glatt, nur wenige Felsbrocken bildeten kleine Hindernisse, an denen sie sich vorbeiquetschten mussten.
Mit Fortschreiten des Tages wurde es immer dunkler und bald konnten sie mit dem bloßen Auge fast nichts mehr erkennen. Aus seinem Lederbeutel holte Faeringel nun ein paar kleine Lampen hervor, in denen silberne Kristalle, anstelle von Kerzen leuchteten. Er gab jedem eine, anschließend setzten sie den Weg fort. Die Elbenlampen waren leicht und angenehm warm. Als Tom einmal das Glas der Lampen berührte, verbrannte er sich gar nicht. Ein weiteres kleines Wunderwerk aus dem sagenhaften Land Fabrillian.
Es wurde rasch immer dunkler, das Grau der Felswände verwandelte sich in Schwarz. Mit jedem Augenblick schienen die Wände näherzukommen, als wollten sie die fünf Wanderer zerquetschen. Jeder Atemzug wurde zur Anstrengung, zu einem Schnauben und Keuchen, dass von den glatten Felswänden vielfach reflektiert wurde. Es klang, als wurden hunderte, nein – tausende fremder Wesen um sie herum leise atmen. Einige schienen sie sogar anzustarren, glitzernde Punkte in vollkommener Dunkelheit – wie Augen.
»Alles nur Einbildung«, sagte sich Tom. Hinter ihm drängten sich die beiden Frauen enger zusammen, sagten jedoch nichts. Tom wurde langsamer, darum versucht, dass Jane und Iulia möglichst dicht bei ihm blieben. Die Furcht, die sie alle gepackt hatte, war deutlich zu spüren. Ein innerer Instinkt riet ihnen, umzudrehen und davonzulaufen. Tom blickte nach vorne zu Faeringel und Veyron. Ob auch sie diese drängende Angst verspürten? Hörten sie das fremde Atmen, sahen sie die vielen glitzernden Augen?
Plötzlich glaubte Tom Bewegungen in den Felsen auszumachen. Zunächst vermochte er nicht zu sagen, was es war. Er wurde noch langsamer, engte die Augen zu Schlitzen zusammen, um das Ganze besser erkennen zu können. Da waren eindeutig Bewegungen zu sehen, ein Huschen in der Nacht, ein Kratzen am Fels, tapsende Schritte.
Und überall diese Augen.
Irgendetwas saß in den kleinen Spalten und Ritzen, bewegte sich hinter Felsbrocken und Steinen. Er leuchtete von links nach rechts, aber jedes Mal, wenn der helle Schein seiner Lampe auf etwas fiel, war nichts zu sehen. Er konnte jedoch deutlich erkennen, wie dunkle Schatten davoneilten, wenn sich das Licht näherte.
»Einbildung, Thomas Packard, alles nur Einbildung«, murmelte er, um sich selbst Mut zu machen. Von Faeringel und Veyron war nur noch der Schein ihrer Lampen zu erkennen. Sie mussten weit voraus sein.
»Was ist los? Geh endlich weiter«, flüsterte Jane hinter ihm und schubste ihn vorsichtig vorwärts.
Ja, weitergehen. Wir müssen einfach nur weitergehen.
Mit mulmigem Gefühl setzte er einen Fuß vor den anderen, genau darauf achtend, wohin. Jane war dicht hinter ihm.
»Hast du es auch gesehen«, fragte er.
Jane brummte leise. »Bewegungen an den Wänden, Schatten hinter den Felsen. Ich kann es ganz deutlich sehen, Tom. Wir sind hier nicht allein.«
Iulia schnaufte laut, Tom glaubte ein Zittern in ihrer Stimme zu hören, als sie sprach:
»Ich sehe es ebenfalls. Da! Gerade war da etwas hinter diesem Felsbrocken. Es verfolgt uns, ich weiß es. Lasst uns an die Götter beten, dass es nicht die Medusa ist.«
Faeringel und Veyron marschierten einfach weiter. Sie unterhielten sich über die verschiedensten Dinge, ihre Stimmen wurden von dem anhaltenden Echo verzerrt und ihre Worte für jeden Zuhörer unverständlich. Von den unheimlichen Schatten schienen sie nichts bemerkt zu haben.
Iulia, Jane und Tom fielen dagegen immer weiter zurück.. Sie machten keinen Schritt, ohne nicht vorher alles genau ausgeleuchtet zu haben. Iulia murmelte auf Latein irgendwelche Reime. Die einzigen Worte, die Tom verstand, waren immer wieder „Iuppiter“, „Iuno“ und „Orcus“. Gebete, dachte er. Ich bezweifele, dass sie uns helfen werden.
Auf einmal stießen sie auf einen großen Felsbrocken, der mitten auf dem Weg lag. Tom war sicher, dass er vor einen Moment noch nicht da gelegen hatte. Irgendwie sah dieses Ding auch gar nicht richtig nach einem Felsen aus. Tom streckte die Faust mit der Lampe weit nach vorn, versuchte dieses Etwas genau anzuleuchten. Jane mahnte flüsternd zur Vorsicht, Iulia wimmerte voller Furcht. Tom kam vorsichtig näher. Das Ding war lebendig, keine Frage. Er konnte erkennen, wie Muskeln zitterten und er glaubte Füße und Klauen zu erkennen, doch keinen Kopf. Irgendein großes Tuch aus schwarzem Leder verhüllte den Großteil des Körpers des Wesens.
»Hallo? Wer bist du? Ich bin Tom, ich will dir nichts tun«, rief er die schattenhafte Kreatur an. Janes Atem blies ihm stoßweise in den Nacken, ihr Zittern war deutlich zu spüren.
Mit vorgestreckter Lampe trat er auf die Gestalt zu, das Herz schlug ihm fast bis zum Hals. Das Wesen vor ihm rührte sich, zog das ledrige Tuch noch fester um den Körper, als würde es das helle Licht der Lampe blenden. Tom war verdutzt, senkte die Hand ein wenig, nur um herauszufinden, was die Kreatur als nächstes machen würde.
Sie griff an!
Mit einem entsetzlichen Kreischen sprang das Wesen vor, spannte gewaltige Fledermausflügel auf. Mit vorgestreckten Klauen stürzte es sich auf Tom. Schimmernde Katzenaugen funkelten ihn an, ein furchtbares, entstelltes, aber menschenähnliches Gesicht kam ihm entgegen, die Eckzähne entsetzlich verlängert und im Schein der Lampe blitzend.
Tom ließ sich zurückfallen. Er schrie voller Panik, schlug mit der Lampe zu. Ein Vampir! Ein Vampir griff sie an, mitten im Reich der Elben. Tom stürzte zu Boden, schlug hart auf, hob sofort die Lampe, um seinen Angreifer sehen zu können. Doch da war nichts, der Vampir war verschwunden. Dafür hörte er nun Jane gellend aufschreien. Sofort sprang er auf und wirbelte zu ihr herum.
»An den Wänden, Tom! Schau nur! Die Wände bewegen sich«, schrie sie und prallte mit ihm zusammen. Fast wären sie beide gestürzt, aber Tom konnte die Balance wahren und hielt Jane fest. Iulia fiel auf die Knie, breitete die Hände zum Himmel aus und schrie in panischer Angst zu ihren Göttern. Tom verstand kein einziges Wort, im Schein der Lampen konnte er jedoch ihr von Panik verzerrtes Gesicht sehen und die Tränen, die über ihre zitternden Wangen liefen.
Er leuchtete die Felswand hinauf. Tatsächlich! Kreaturen kamen an den Steilwänden heruntergeklettert, tausende davon. Er konnte riesige Spinnen sehen, schwarz wie die Nacht und groß wie Fernsehsessel. Hundertfüßer mit langen Giftzähnen krochen zwischen den Felsen herum – und anderes insektenhaftes Getier, riesige Ameisen und Heuschrecken. Es wurde gezirpt, gequietscht und leuchtendes Gift troff von überall herab. Tom packte Jane am Arm, schob sie tiefer in die Schlucht hinein, während er mit der anderen Hand die Prinzessin an der Schulter packte und versuchte, sie mit sich zu ziehen. Sie mussten zu Faeringel und Veyron, um mit ihnen Rücken an Rücken zu kämpfen.
Ganz zu seinem Schrecken sah er plötzlich koboldhafte Schrate die Wände herunterkommen. Er hörte sie krächzen, geifern und kichern. Alle waren sie schwarz und grau wie die Felsen. Sie schienen sogar aus Stein gemacht zu sein. Gierig streckten sie ihre langen Arme nach den drei Menschen aus. Durch die Luft segelten Vampire, sprangen von einer Wand zur anderen und wollten ihnen den Weg abschneiden. Ihr raubtierhaftes Fauchen erfüllte die ganze Schlucht. Sie waren in eine Falle geraten!
Im nächsten Moment waren Faeringel und Veyron zur Stelle.
»Zurück, ihr Teufel!«, brüllte der Elbenjäger mit mächtiger Stimme. Er hob seine Lampe, ein blendend heller Lichtschien fiel auf die zahllosen Unwesen, ließ sie zusammenzucken und die Flucht ergreifen.
»Cilio uir Darchoroni! El Gil er Talarin uir cluifo rui!«, rief er auf Talarinarin, der Sprache der Elben Fabrillians. Zurück ihr Anhänger der Finsternis! Das Licht der Talarin wird euch treffen!
Im Nu huschten all die grauenhaften Wesen zurück in die Dunkelheit. Vampire, Schrate, Spinnen – nichts und niemand wagte Widerstand zu leisten.
Es verging keine halbe Minute und die Schlucht war so ruhig und friedlich, als wäre nie etwas gewesen. Tom, Iulia und Jane schnauften wie drei alte Dampfkessel, sie zitterten am ganzen Körper.
»Was … was war das«, keuchte Jane.
Faeringel trat an sie heran, berührte sie an der Schulter und reichte ihr einen kleinen Trinkbeutel.
»Die Schatten der Nacht, die Geister all jener armseligen Kreaturen, die der Dunkle Meister vor tausend Jahren in diese Schlucht hetzte, um unser Reich anzugreifen. Er wollte die ganze Welt erobern und Fabrillian war das letzte Bollwerk der Freiheit. Als er keinen Weg fand, um seine Armeen über das Gebirge zu bringen, ließ er die Himmelmauerberge jahrelang belagern. Schließlich entdeckten seine Truppen diesen Pfad und wagten sich hinein. Aber hier können keine vier Männer nebeneinander stehen, wenn sie Schild und Speer tragen. Kämpfen ist gar zur Gänze unmöglich. Sie fielen wo sie standen, tausende von Schraten und ihre Kommandanten, die Vampire. Auch allerhand anderes übles Getier, das der Dunkle Meister für seinen Krieg züchtete, wurde von den Kriegern Fabrillians und den Simanui erschlagen. Wenn auch ihre Leiber längst verrottet und beseitigt sind, so blieben ihre Seelen dennoch hier gefangen.
Seit tausend Jahren treiben diese Geister nun schon ihr Unwesen, wenn es Nacht wird. Sie fürchten das Licht, dabei wäre das ihre Erlösung. Sie müssten nur dem Licht folgen und ihre Seelen wären frei und fänden Frieden. Ach, es sind traurige Gestalten. Obwohl sie vor tausend Jahren unsere Feinde waren, so erbarmen uns Talarin heute diese Seelen. Sie ernähren sich von der Furcht anderer, deshalb haben sie euch angegriffen. Sie vermögen euch keinen körperlichen Schaden zuzufügen, doch in den Wahnsinn könnten sie euch treiben. Darum habt keine Furcht, haltet euch einfach an das Licht«, erklärte Faeringel.
Jane nahm einen kräftigen Schluck aus dem angebotenen Beutel. Augenblicklich hörte sie zu zittern auf. Sie atmete tief durch, ihre Gesichtszüge entspannten sich. Sie bedankte sich bei Faeringel, der anerkennend nickte. Er reichte den Trinkbeutel an Iulia, die ihn zitternd in ihre verkrampften Finger nahm und gierig trank.
»Ich schlage vor, mir machen hier Rast«, sagte Veyron schließlich, der dem Ganzen ohne jede Regung zugesehen hatte. Er ließ sich nicht anmerken, ob ihm diese unheimliche Begegnung ebenfalls Angst eingejagt hatte, oder ob er Tom, Iulia und Jane heimlich auslachte.
»Es gibt hier doch auch am Tage kaum Licht, wonach sollen diese Schreckgespenster sich denn richten«, fragte Tom, der sich immer noch unwohl fühlte. Auch er wollte einen Schluck Elbentrank.
Faeringel, der seine Gedanken zu erraten schien, reichte ihm den Trinkbeutel. Er deutete nach oben und Tom folgte dem Fingerzeig. Viele Kilometer über ihnen konnte er einen schmalen Streifen Nachthimmel ausmachen. Sterne glitzerten dort, unheimlich viele davon.
»Das Licht der Sterne weist den Weg. Schon immer bewunderten die Talarin es, so wie alle Elbenvölker. Doch die Diener der Finsternis fürchten Sternenlicht genau wie Mondschein, fast so sehr wie Sonnenlicht. Selbst heute noch. Sind es nicht armselige Kreaturen, die alles Schöne fürchten?«
Faeringel machte aus einem Bündel Reisig und ein paar Holzscheiten ein kleines Lagerfeuer. Die fünf Lampen stellten sie um ihre Schlafplätze auf. Veyron und der elbische Jäger schliefen rasch ein, doch Iulia, Jane und auch Tom wagten es lange nicht. Unablässig suchten ihre Augen die Wände des Min Carach ab. Heute Nacht traute sich jedoch keine der finsteren Gestalten noch einmal aus seinem Versteck.
Als Faeringel sie weckte, war es noch immer stockdunkel. Der hochgewachsene Elb versicherte ihnen allerdings, dass ein neuer Tag angebrochen wäre. Also packten sie ihre Decken in die Rucksäcke, machten sich ein kleines Frühstück und setzten den Weg schließlich fort. Faeringel und Veyron gingen wieder voran, Tom und Jane folgten ihnen. Iulia beeilte sich, diesmal nicht das Schlusslicht zu sein. Sie schwenkten ihre Lampen von einer Richtung in die andere, immer auf der Suche nach unheimlichen Schatten, die sich bewegten. Hier und da glaubten sie, die felsengleichen Geister von Schraten und Vampiren zu erkennen, hin und wieder auch eine Spinne oder irgendetwas anderes Kriechendes. Sobald der helle Schein der Lampen auf sie fiel, waren die Geister sofort verschwunden. Lange wagte keiner von ihnen zu sprechen.
Pulsuz fraqment bitdi.